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»Leben und leben lassen« lautet das Motto des Arztes Benjamin Beer. Er ist ein Mann ohne Illusionen, aber voller Liebe zu den meisten seiner Mitmenschen. Ein Mann, der leben und genießen möchte und doch immer wieder in große dramatische Ereignisse hineingezogen wird, ein Abenteurer wider Willen – ein Held unserer Zeit.
Ein lebenskluger Roman, der die Balance zwischen Komik und Tragik wunderbar hält.

 

Als Benjamin Beer, gerade 21, aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrt, weiß er, was er werden will. Er ist hinter die feindlichen Linien geraten, hat einen Mann gerettet, ist selbst verwundet worden. Und er hat getötet. Benjamin Beer studiert Medizin.
Benny holt nach, was ihm der Krieg vorenthalten hat. Er stürzt sich ins Leben, liebt viele Frauen und heiratet die eine. Aber wieder muß er in den Krieg ziehen, Dr. Benjamin Beer wird als Arzt in Korea gebraucht. Er gerät in Gefangenschaft und verbringt zwei bittere, harte Jahre in einem Lager. Er hilft Leben retten und ist oft ohnmächtig gegenüber dem Tod.
Vom Krieg gezeichnet und doch voll ungebrochener Lebenslust, kehrt Benjamin Beer zurück zu Frau und Kindern. Eine neue »Front« erwartet ihn, der Dienst im Krankenhaus einer Kleinstadt, die eigene Praxis erfordern seinen ganzen Einsatz. Er ist tüchtig und beliebt, ohne sich anzupassen. Ein Mann, der aus dem vollen lebt, der sich dem Genuß hingibt, ohne sich um engstirnige Moralvorstellungen zu kümmern, und dabei doch seine Mitmenschen respektiert. Was er anfängt, gelingt ihm zumeist, und die Prüfungen des Schicksals besteht er ohne Selbstmitleid, voller Humor und menschlichem Verständnis: ein Mann, der auch in seinen Schwächen Stärke beweist.

Stephen Beckers Helden sind keine tollkühnen Draufgänger, sondern Männer, die aus dem Wissen um die Stärken und Schwächen der menschlichen Natur das Abenteuer suchen. Der Amerikaner Stephen Becker, 1927 geboren, hat nach seinem Studium in Harvard, Peking und Paris Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher geschrieben. Er lebt heute in den USA als Universitätsprofessor in Florida.

Stephen Becker

Leben und
leben lassen

Roman

Deutsch von
Ilse Strasmann

Marion von Schröder Verlag

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1973 unter dem Titel
»Dog Tags«
bei Random House, Inc., New York

Copyright ©1988 by Marion von Schröder Verlag, GmbH, Düsseldorf
Copyright ©1973 für die amerikanische Originalausgabe: »Dog Tags«
by Stephen Becker
ISBN 3–547–71243–2

Für Nan Swinburne

INHALTSeite
Erster Teil: In deiner Jugend 
Kapitel 19
Kapitel 228
Kapitel 343
Kapitel 456
Zweiter Teil: Pee-joe Die-foo 
Kapitel 579

Erster Teil
In deiner Jugend

9

1

Das Leben ist ein Rätsel, aber der Tod ist nicht die Lösung, und ein Soldat allein wandert in Furcht, weil niemand da ist, statt seiner zu sterben. Im April 1945 befand sich Benjamin Beer allein und verzagt in deutschem Flachland, und das Land war kahl, der Frühling selbst verhindert, gescheitert, der Himmel gefroren, der Wind eine Sichel. Furcht: Stille und Einsamkeit überwältigten ihn nach Monaten des Gemetzels und des Tumults; außerdem war er Jude, und dies war Deutschland, und er liebte Frauen, alle Frauen, von Herzen und wollte nicht sterben oder verstümmelt werden in einem räudigen Land. Er folgte einem Feldweg westwärts durch eine Wüste von gefrorenen Stoppelfeldern und schwor, daß er nie wieder töten würde, wenn er diesen Tag überlebte. Er wußte, daß er nicht der erste war, der solchen Schwur leistete, und daß er ihn brechen würde. Er hielt sich im Schutz der kleinen Gehölze, gegen den Wind und feindliche Blicke. Er lief an eisgeränderten Teichen entlang. Wo waren die Vögel? Die Kaninchen, Rinder, Hunde? Er zog hoch und spuckte aus.

Er war einundzwanzig Jahre alt und wünschte verzweifelt, zweiundzwanzig zu werden. Er war 1,84 m groß und stämmig, fast sechs Pud schwer, wie er den Russen zu erzählen gedachte, wenn es zur großen Begegnung kam; er hatte schwarzes Haar und lebhafte braune Augen. Da er jung und omnipotent war, betrachtete er sich selbst als Halbgott und hatte das Gefühl, er äße Berge von Fleisch und Fuder von Getreide täglich, tränke Tonnen und Fässer und schwitzte Wein und Honig; er trieb ausschweifend Unfug mit ausschweifendem Vergnügen und putzte sich melodisch die Nase, wie es sich für einen Fiedler gehörte. Wie gewisse legendäre Fiedler stellte er Fleischeslust über andere Kurzweil. Er verachtete mindere Beschäftigungen wie Fußball oder Tanzen als belanglos – Unterhaltungen für Schwärmer oder Schüchterne, nicht der Zeit eines ernsthaften Mannes wert. Im April 1945 hatte er seit vier Monaten 10keine Frau angerührt. Gewalt anwenden wollte er nicht, und einstweilen verschmähte er deutsche Lust. Als Anerkennung für diese männliche Enthaltsamkeit hoffte er jetzt, in diesem unheilbrütenden, rachsüchtigen deutschen Flachland verschont zu werden. Obwohl er nicht an Gerechtigkeit glaubte, nicht mal an Gott.

Beten war etwas anderes: eine nützliche Ablenkung, eine Erscheinungsform der Poesie. O Gott Abrahams und Isaaks. Die minderen Götter, die Nachahmer, mochten bei Reifenpannen, Tripper und Hundebiß nützlich sein, aber bei seinen gegenwärtigen Schwierigkeiten zog er es vor, sich direkt an Chefs zu wenden. O Gott Abrahams und Isaaks. O Gott Abrahams und Isaaks und Israels, ungezählte Ellen groß, der du Gesetze und Manna machst, o Gott meiner Väter, wach auf und klaub mich aus diesem Knäuel heraus! Gott schlummerte weiter. Benny sah ihn, riesig, rabbinisch, Schuppen, ein Hauch von Heringsgeruch.

Benny zog seinen wollenen Schal fester um sich und blinzelte in die Sonne. Der Feldweg lief mit einem zweiten zusammen; die Fahrspuren wurden tiefer und ausgefahrener, fast war es eine Straße, und Benny faßte ein bißchen Mut. Er schien in der Zeit zurückzulaufen, vielleicht direkt auf den Gott Abrahams und so weiter zu, aber die tieferen Fahrspuren, diese Beweise für Geschäftigkeit und Menschennähe, trösteten ihn doch. Hinter der nächsten Biegung würde ein Dorf liegen, ein Dorf aus dem 13. Jahrhundert oder vielleicht aus noch früherer Zeit; vielleicht war dies die Zeit der späten Römer und er im Land der Goten. Die Sonne blinzelte zurück, schon tief, ein närrisches gelbes Auge. Gleich würde er einem Pestkarren begegnen, voller Bauern, die der Schwarze Tod dahingerafft hatte. Ein Mönch würde ihn führen. »Ave.« – »Ave.« Das Zeichen des Kreuzes. Die Leichen gekrümmt. Man hatte Bennys Regiment Fotos gezeigt. Berge ausgezehrter Leichen, offene Münder, leere Augen. Der neue Schwarze Tod. Es war irgendwie nicht faßbar. Benny selbst weigerte sich zu begreifen; er wurde eisig dabei und wollte nicht darüber sprechen. Ein, zwei Tage genoß er traurige Berühmtheit. Die Männer seines Zuges erwiesen 11ihm Achtung, als wollten sie Abbitte tun, und schienen sich zu fragen, was für eine einzigartige Bedeutung die Bennys dieser Welt miteinander teilten, daß sie zu Asche und Schlacke verwandelt werden mußten. Aber wer in seinem Zug wurde durch diese Fotostunde gebildet, veredelt, erhöht? Nicht einer.

Der Anblick eines Dorfes rüttelte ihn auf. Seine Sinne waren eingefroren; er hatte jetzt kaum soviel Verstand, Beunruhigung zu fühlen. Er war stumm, taub, blind; Hände und Füße waren empfindungslos, die Nase so kalt, daß die Haare nicht mehr knisterten. Im Dorf lauter Steinmauern, wie ein halbverfallenes altes Kloster. Da war kein Geräusch, keine Bewegung, jetzt in der Dämmerung nicht einmal mehr das Spiel von Licht und Schatten, als hätte jene Pest den Ort ausgeweidet und verflucht. Als würde er gleich auf den hölzernen Türen aufgemalte Kreuze entdecken oder schwach den einstimmigen Gesang der davongekommenen Brüder hören. Einen blinden Aussätzigen mit Bettelschale sehen, und nackt vor der dunkelnden Nacht einen Galgen.

Er drang vor, wachsam, aber harmlos. Sein Gewehr hatte er umgehängt, seine Hände waren zu kalt; vor allem wußte er, daß das Dorf verlassen war. Nicht ein Mensch, nicht eine Ratte. Er stellte sich die Schenke vor: ein loderndes Feuer und ein fideler Gastwirt, ein amtlich registrierter Vandale, aber nur aus geschäftlichen Gründen natürlich, Sie verstehen, der Mensch muß leben; und ein Schankmädchen, eine muntere niederdeutsche Magd, mit vollen Brüsten und unnachgiebigen Schenkeln; in der Ecke ein trunkener Scholar, verdrossen, von trüben Genüssen verbogen, der Küchenlatein vor sich hin murmelt. Gott zum Gruße, Herr Student. Gott zum Gruße, Herr Wirt. Komm ans Feuer, Mädchen, und wärme einen Soldaten. Benny würde seinen Tornister in einer Ecke des behaglichen Raums abstellen, und sie würden ihm Brot und Käse und Bier hinstellen. Er würde seine Hände zwischen jenen Schenkeln wärmen.

Nein. Nicht ein Mensch, nicht eine Ratte, und er fühlte es; ein halbes Dutzend steinerner Häsuer an einer Straßenkreuzung, und er wußte, daß sie verlassen waren, wie er wußte, 12wenn ein Mensch tot war. Er hatte versucht, nicht zu töten, nicht zu hassen, aber er hatte beides getan, sogar mit einer gewissen Befriedigung, und er wußte immer, ganz sicher, ob ein Mann tot war oder nur verwundet: als gäbe es einen Geruch oder ein Glühen oder ein verschmitztes Zwinkern im toten Auge. Er fröstelte wieder in dem wölfischen Licht und wählte eine Tür und trat sie ein.

Er trat in ein Schlachthaus; die groben Haken hingen verrostet da, der hölzerne Fußboden war fleckig von Generationen von Blut, von Jahrhunderten der Schafe, Schweine, Ziegen, Rinder, Ketzer; in Hungersnöten auch Katzen und Hunde, vielleicht Babys, bestimmt Kaninchen. Benny fröstelte wieder. Die nächsten beiden Häuser waren Wohnhäuser, kahl, unmenschlich, an einer Wand ein geschnitztes Kruzifix, an einer anderen ein welliger Spiegel. Das vierte war seine Schenke, mit einem Tisch und Stühlen und ein paar breiten Bänken sowie einem tiefen offenen Kamin (das frisch geschlachtete Lamm am Spieß, spritzendes heißes Fett, würziger Rauch, der den Reisenden sagt, was auf dem Speisenplan steht). Ein Feuer könnte ihn verraten, aber Benny war ja vielleicht auch hinter den eigenen Linien, und jedenfalls war er nicht geneigt, zu frieren. Er setzte Gewehr und Tornister ab, zerbrach einen Stuhl, schnitzelte Anmachholz mit dem Bajonett zurecht, öffnete den schweren altertümlichen Ofenzug, kippte eine Ration aus der Wachspapierpackung, zündete das Wachspapier an und legte vorsichtig Späne auf. Er wärmte sich die Hände. Sie taten weh. Er nahm den Helm ab. Dann gähnte er. Er gähnte dreimal, übermäßig, quälend, und hockte sich auf einen Stuhl und blinzelte, ein mächtiges, schweres Blinzeln, das ihm Tränen in die müden, vom Wind brennenden Augen trieb, und saß schwer da wie ein Ochse. Nach einer Weile goß er Wasser aus seiner Feldflasche in den Becher, setzte den in die Flammen und nahm einen Teebeutel aus seinem Patronengurt.

Ein Teebeutel. Benny war ein Stadtjunge, aus der größten aller Städte, dem Herzen Manhattans, jawohl, vom Union Square, und er hatte auch Würfelzucker in seinem Patronengurt. »Von Zucker kriegt man Krebs«, hatte ihm mal ein Straßenkehrer 13anvertraut. Ein kleiner Kerl, ganz in Weiß, der sich auf seinen Besen stützte. Im Frühling 38, als ein Ausflug nach Atlantic City noch ein Abenteuer war. »Außerdem esse ich keine Proteine. Kein Fleisch. Nie.« Und dann mit einem sonnigen Lächeln: »Deshalb bin ich der für mein Gewicht stärkste Mann in New York, und ich furze nicht!« – »Das ist interssant«, hatte Benny, vierzehn, gesagt und sich davongemacht. Jetzt war er einundzwanzig und zog für sich die Großstadt vor, mochte aber auch das Land und verachtete nur Provinzialismus; er wußte, daß die zivilisierte Welt aus New York und ein paar europäischen Hauptstädten bestand, sah aber keinen Grund, weshalb die Leute nicht auch woanders wohnen sollten, wenn sie das gern wollten. Auf die Möglichkeit zu wählen kam es an. Benny liebte Menschen, Tiere, Pflanzen, den Anblick und die Geräusche des Lebens; als er erfuhr, daß die Chinesen mit Blumen sprächen, verstand er das. Er roch gern: Frauen, Schweiß, Auspuffgase, gebratene Zwiebeln, Vogelkäfige, seine eigenen Ausdünstungen, Zigarren, billige Parfüms, Löwen im Zoo, Schießpulver, Tee und Biskuitkuchen, und er fühlte gern: Frauen, rauhe Steinmauern an Sommertagen, das Lenkrad eines Jeeps, rauhe Borke, Schindeln, Katze, U-Bahn-Halteschlaufen, Hammerstiele, Waffenöl, grobe Wolle; er aß und trank alles gern (Schweinefleisch, jawohl! Muscheln, jawohl!), und er liebte viele Blumen, vor allem Butterblumen und Veilchen, und natürlich Frauen. Er fühlte zärtliche Zuneigung zu, wenn nicht körperliches Verlangen nach dem Weiblichen jeder Art, schmutzfarbenen Stärlingen und Gimpeln (jawohl, in Stadtparks in den Vierzigern!), getigerten Katzen und Stockenten und Seekühen und Füchsinnen. An ein Leopardenweibchen erinnerte er sich mit dem Stich echten Herzenskummers; er fragte sich, ob sie noch lebte und in ihrer Ecke der Bronx auf und ab liefe. Zwischen Sekretärinnen und Verkäuferinnen in der U-Bahn wurde ihm schwindelig. Er mochte ein paar Politiker (jawohl, in den Vierzigern!), und er glaubte, daß selbst Priester letzten Endes Vergebung erlangen könnten. Die Deutschen liebte er nicht, und er kämpfte in einem Krieg, an den er glaubte.

14

Mit der Wärme kam Zufriedenheit. Das Wasser kochte; Benny braute Tee, und der erste Schluck wirbelte ihn schwindelnd zurück zum Union Square. Er lachte laut und schmeckte Charlotte Russe: ein kleiner Laden an der 14. Straße, der nur Charlotte Russe verkaufte. Wo sonst gab es so was? Er sah Mädchen in milchigem Winterlicht an Kioske eilen, sah ihre köstlich unvollkommenen Gesichter, das eine Spur zu kleine Kinn, die eine Spur zu große Nase, Dampf ausatmende formlose Körper. Zu Hause wachte Benny bei Musik auf, indem er blind einen Knopf drehte und dann auf das Vorzeichen des Tages wartete. Einmal im Monat war es ein Quartett von Beethoven, und er wußte, an dem Tag würden die Mädchen hübsch sein. Oder das dritte Brandenburgische: Benny war ein Fiedler mit den Vorlieben eines Fiedlers. Mit fünf Jahren hatte er angefangen, oder war zum Anfangen veranlaßt worden, mit einer Halbgeige. Irgendwie brachte er es fertig, auch beim Straßen-Baseball zu glänzen. Er machte vieles gut. Er pflegte verletzte Hunde und Katzen und einmal einen Spatz mit gebrochenem Flügel. Er zwang (kraft seiner Persönlichkeit) widerspenstige Autos zum Leben und zur Bewegung. Er erfreute seinen Vater, was nicht allen jungen Männern angelegen war oder gelang, und selbst in beschwipstem Zustand legte Benny Wert auf höfliches Benehmen; Ausstrahlungen von Wien, Heidelberg, Leipzig, von seinem Vater, dem Schneider, 1,68 m, aufgenommen, der sich, von Gott im Stich gelassen, statt dessen an Trotzki und die Civiltà geklammert hatte (dieses Wort hatte er von einem Florentiner Knopflochmacher gelernt; er konnte es nicht genau definieren, nur umschreiben: Würde, Individualität, Selbstachtung, ohne die man auch keine Achtung für andere haben konnte). Und so betrug sich Benny immer (ausgenommen äußerste Augenblicke tierischer Wildheit, etwa wenn er tötete oder wenn er schweißtriefend mit einem der späteren Quartette rang) wie ein Prinz, und Jacob Beer war stolz auf ihn. »Was der Junge werden will, das wird er auch«, sagte Jacob schlicht. »Ein Rettungsschwimmer. Ein Tabakwarengroßhändler. Was auch immer. Aber ein Gentleman.« In jenen Tagen schien das von Bedeutung zu sein. »Und nicht wie eure Morgans und Rockefellers: 15Denkt euch das Gold weg, das denen aus allen Taschen rieselt, und was bleibt übrig? Etwas ohne Hirn, ohne Klasse. Benny ist nobel.« Trotzki hätte verzweifelt die Achseln gezuckt.

 

Benny der Inbegriff saß allein da, ein einsamer Verirrter aus einem verirrten Zug, und war sich deutlich bewußt, daß er in Mitteleuropa war und daß sehr wohl ein Kutscher mit Briefen an Herrn L. von B. an genau diesem Gasthaus gerastet und sich erfrischt haben konnte. Er schlürfte heißen Tee. Er betete um Strudel, aber es kam keiner. Das Feuer wurde stärker; er nahm den Schal ab. Jacob glaubte an Schals, und an einem Januarmorgen war nur wenig von Jacob sichtbar: zwischen Pelzmütze und Schal zwei scharfe Augen, eine scharfe Nase. Vierzig Jahre Schneidern, und Augen wie ein Adler. »Adleraugen«, sagte Jacob – ein Wort, das er mit der Klangfülle eines New Yorker jiddischen Akzents ausstattete -, »und weißt du, warum? Weil ich darauf achte, regelmäßig den Brennpunkt zu verändern. Immer wieder. Ich schau auf einen Stern. Oder Jersey. Schau nie in die Sonne. Ändere den Brennpunkt. Ebenso Nase und Zunge. Einmal die Woche italienisch essen. Und« – der Kobold in dem Alten – »eine anständige Zigarre, und Mäßigkeit im Verkehr. Jeder Mensch kann hundert werden.«

Da der Strudel ausblieb, betete Benny um eine gute Zigarre; es kam keine. Dennoch wiederbelebt ermannte er sich, wieder Soldat zu sein und die Umgebung zu prüfen, bevor er aß und schlief. Durch trübe Fenster erforschte er die Straße. Sie kam von Nordwesten ins Dorf und bog nach Osten ab. Das letzte Licht verblaßte. Es war so still, daß man, wie Jacob sagte, eine Stecknadel hätte fallen hören. Er wollte sich eben abwenden und sein Schicksal in den Schoß der Götter (oder Hitlers und Stalins und Roosevelts) legen, als er aus dem Augenwinkel etwas Weißes aufblitzen sah, und eine Woge panischer Angst verschlug ihm den Atem. Er stürzte zu seinem Gewehr, legte den Sicherungshebel um und kauerte wie ein Liebhaber im flackernden Licht des Feuers, erregt und großartig.

Der Mann, das Geschöpf, das bewegliche Ding, kam von 16Osten. Es kam ruckweise und taumelnd voran, wie eine Marionette. Verwirrt und tief beunruhigt, unvermittelt kurz vor dem Heulen und entrüstet, legte Benny den Sicherungshebel wieder um und lehnte sein Gewhr gegen die kalte Steinwand.

Das Geschöpf näherte sich in stolperndem Zickzack. Es trug einen Narrenanzug, längsgestreift. Es war kahlköpfig, barfuß und winzig – wie ein Kind des Alptraums. Es stolperte, sackte auf die Knie, schien einzuschlafen, fiel vornüber, lag. Ein Stern funkelte.

Benny ging nach draußen, spähte nach links und nach rechts und trat vor, um es zu holen. Er sah, daß es ein Mann war, und hob ihn auf. Er wog kaum mehr als sein Marschgepäck. Benny brachte den Mann nach drinnen und legte ihn vor dem Feuer ab. Der kahle Schädel glänzte gelblich wie altes Elfenbein. Gefrorener Schnodder verkrustete Nase und Lippen. Sanft wischte Benny ihn ab. Die Füße waren eisig. Benny horchte und entdeckte, daß das Herz schlug. Er zog seine Jacke aus und breitete sie über den Körper. Er wickelte die Füße in seinen Schal. Er zerbrach noch einen Stuhl und schürte das Feuer. Er rieb dem Mann die Handgelenke; wenn in Romanen Damen ohnmächtig wurden, rieb man ihnen immer die Handgelenke. Er knetete ihm den Körper wie ein Masseur. Ein gewissenhafterer Krieger würde eine Decke gehabt haben, aber Benny hatte nur Teebeutel und Zucker, was ihm jetzt leid tat. Er rieb wieder die Handgelenke und die Unterarme, und im Licht des Feuers sah er das Etikett auf der Anzugjacke: 57359.

Der Mann blieb am Leben. Benny hörte nach einer Weile mit dem Reiben auf und lehnte sich an die gemauerte Kaminwand. Er war hungrig, hatte aber nur die eine Ration. Vielleicht starb der Mann. Die Fotos: Die Überlebenden mit den gestreiften Käppis. Gejagte. Riesige Augen. Der Engel des Todes würde hereinkommen und sich hier zu Hause fühlen. Er würde eintreten wie ein Ritter, aber nur Knochen, ein munteres Lächeln auf seinem Totenschädel, und sich vor das Feuer stellen, hochnäsig, gelangweilt elegant, erschöpft, auf seine Hippe gestützt. »Hau ab!« sagte Benny. Der Engel nickte kühl und ging.

17

Die Natur forderte ihr Recht; Benny ging noch einmal nach draußen, diesmal, um das Dorf in Besitz zu nehmen. Nur ein schwacher Abglanz des Feuers folgte ihm. Das Dorf war ein böser Traum, und Benny war abgespannt. Er stand mit dem Rücken zum Wind und pißte auf Deutschland. Dampf stieg undeutlich auf, und zwei Bennys lächelten bedauernd, kläglich und komisch: Die eine Hälfte von ihm hieß Hansi, war des Lesens unkundig, schlug sein Wasser auf der Straße ab, liebte die niederdeutsche Magd, machte sich über den Soldaten lustig, bezahlte den Wirt, saß ungewaschen am eichenen Tisch und schlang Schweinefleisch hinunter; die andere Hälfte lag bewußtlos vor dem Kamin und würde vielleicht keinen neuen Morgen erleben.

Er knöpfte die Hose zu und kehrte zu dem kleinen Mann zurück, der sich nicht bewegt hatte, bis auf das bloße Heben und Senken der eingefallenen Brust. Er roch die Baracke des Mannes und sah ihn Abfall essen. Fette Wächter mit kleinen Augen und schmalen Lippen. Der Kommandant, eine Phantasiefigur aus dem Kino, der in teutonischem Englisch lärmte.

Also. Jetzt mußte er begreifen, zum Teil wenigstens. Die Lager waren nicht im fernen Atlantis, wo Beamte in Roben ernst darauf warteten, Unrecht wiedergutzumachen. Benny Beer hatte um Strudel und Zigarren gebetet und hatte diese Mumie geschickt bekommen. Benny Beer, der acht Kohlrouladen zu einer Mahlzeit essen konnte, der ein absolutes Gehör hatte, der Irene S. zwischen elf und eins viermal beglückt hatte und das auch noch unter einer Treppe, der ein Corporal war, bei Gott. Und nun das. Dieser winzige Sträfling. Ein Jude? Ein Politiker? Jagdschein? Wie sollte man das in diesem wahnsinnigen Land wissen!

Benny rieb dem Mann Hände und Füße und schlürfte Tee und dachte über Leben und Tod, Himmel und Hölle nach.

Später stöhnte der Mann, ein leichtes Ausatmen, wie bei einem Vogel, und leckte sich die Lippen und seufzte und schlief weiter. Benny schlief auch, aber nicht fest.

 

18

Als Benny aufwachte, bemühte sich der kleine Mann aufzustehen: er hockte auf allen vieren, angestrengt, schwankend, mit weit geöffneten Augen. Er fauchte vor Entsetzen und weinte.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Benny, gerührt, ohne sich zu rühren. »Kamerad. American. Amerikanisch.«

57359 formte mit den Lippen Worte, ohne einen Ton von sich zu geben. Benny stand auf, und der kleine Mann zog sich zusammen und zeigte seine morschen Zähne. Seine Ohren standen ab wie Flügel.

»Okay«, sagte Benny. »Frei. Frei. Du bist frei.« Der kleine Mann schnitt Gesichter wie eine Katze. »Da.« Benny zeigte auf den Kamin. »Feuer. Essen. Trinken.« Vorsichtig wandte der Mann den Kopf, schaute. Seine Augen waren ungeheuer, ägyptische Augen, Kaninchenaugen in einem Mausegesicht. Er schleifte ein Bein in Richtung Feuer, rutschte seitwärts ab, saß mit dem Gesicht zu den Flammen wie ein Baby, mit gespreizten Beinen, krummem Rücken, die Hände schlaff zwischen den Beinen.

Benny zeigte ihm die Ration, den Becher der Feldflasche. Er füllte den Becher wieder und setzte ihn in die Flammen. Er bot die Flasche an. Sie fiel dem Mann aus der Hand. Benny kniete sich neben ihn und hielt sie schräg. Der Mann preßte die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Benny lehnte sich zurück, bestürzt, fast ärgerlich. Die Kralle des kleinen Kerls wies auf den Helm, den Schal. Benny reichte sie ihm. Ein Flüstern: »Bitte.« 57359 stülpte sich den Helm komisch auf den kahlen Schädel und legte sich den Schal sorgfältig um die Schultern. Er schaute um sich wie ein Kind, dann sprach er. Er murmelte und murrte und wiegte sich und nickte. Er dankte Gott und nicht Benny. Benny sah weg.

Der kleine Kerl stieß ihn an. Benny reichte ihm die Feldflasche, und er trank gierig. Benny zog die Flasche weg und sagte wie ein Konzertmeister: »Langsam.« Er öffnete die Dose und schnitzelte ein Stück von dem Käsezylinder. Bissen für Bissen fütterte er seinen Schützling.

»Wasser.«

19

Benny gab ihm, zeigte aber auf den Becher: »Tea.«

»Tee.« 57359 versuchte zu lächeln, und Benny brach es das Herz.

Er holte Socken aus seinem Tornister und streifte sie über die winzigen Füße; er verfluchte sich, weil er nicht eher daran gedacht hatte. Er schnitzelte mehr Käse ab. Es waren Schinkenstückchen im Käse. Fleisch und Milch! Und nicht einfach Fleisch, sondern Schinken! Na ja. Der Messias würde einen Tag später kommen.

57359, die neugeborene Maus, schlürfte Tee und weinte, als taute er auf. Seine Tränen glänzten wie Quecksilber, quollen aus den riesigen Augen und flossen an der riesigen Nase entlang und tropften von dem runden kleinen Kinn. Benny war fasziniert; er summte Ermutigung, erinnerte sich an Umgangsformen: »Benny Beer«, sagte er. »Benjamin Beer. Ich bin Benjamin Beer.« Der Überlebende nickte, stammelte, schluckte, seufzte, schüttelte den Kopf, schürzte die Lippen, sah Benny in die Augen und zuckte die Achseln. Benny erkannte das Achselzucken: was macht schon ein kleiner Krieg, oder ein kleines Jahrhundert, oder ein kleiner Tod? Ein Goliath von Achselzucken. Ein Leviathan von Achselzucken.

Im Feuerschein leckte sich das Gespenst die Lippen nach vergessenen Krümeln ab. Seine gewaltigen braunen Augen glänzten, eine verrückte Bejahung des Lebens, des Appetits, der Hoffnung. Er widmete sich wieder dem Tee, schlürfte, kleckerte, quietschte vor Wonne. Er brachte einen donnernden Rülpser hervor.

Als die Sonne aufging, nahm Isaak Abraham auf, und sie machten sich auf den Weg über die Ebene.

 

»Wie geht's?« Wieder deutsch. Benny der Weltreisende.

»Gut.«

Big Ben lachte laut und marschierte mühsam voran. Ein milderer Morgen, und Frühling plötzlich doch möglich. In einer Stunde kamen sie zwei Meilen voran oder drei. Benny setzte seine Last ab, trabte auf der Stelle, massierte die eigenen angestrengten Muskeln. Seine Maus sackte auf der Straße zusammen. 20Benny holte den kleinen Mann hoch, drückte ihn an sich, massierte ihn, rieb ihn, klapste und schüttelte ihn; der kleine Mann wurde warm und lächelte.

Das einzelne Flugzeug kam direkt aus dem Westen, ganz niedrig, und Benny nahm an, es wäre ein Amerikaner. Vielleicht stimmte das. Als der Tieffliegerbeschuß einsetzte, fiel er auf seinen Freund, der schrie, krallte, kratzte, ihn würgte – mit welchen geheimen Kräften? Benny blieb die Luft weg, und die Erde kippte und wurde finster.

 

Später im Jahr wachte Benny auf und sah tanzende Lichterketten und roch Wodka. Er mühte sich heftig, doch nichts regte sich, und so kam er feierlich zu dem Schluß, daß er lebte und auf Erden war, aber alle vier Gliedmaßen verloren hätte. Mit diesem deprimierenden Gedanken schlief er wieder ein. Äonen später, Galaxien später, seufzte er, schluckte Watte, öffnete die Augen; eine Frau lehnte über ihm, und er umarmte sie. »Ah, non!« Sie kicherte. Er hatte sie mit einem Arm umarmt. Das weckte seine Neugier. »Liegen Sie still.« Eine ausländische Lady. Vielleicht war er im Ausland. Vielleicht war dies ein Überseedampfer. Benny war gespannt; in seiner Erregung blinzelte er heftig. »Na ja, also, guten Tag!« Eine weiße Jacke. Ein Schiffsoffizier oder ein Steward. Klar, ein Steward. »Bouillon«, sagte Benny. »Alles in Ordnung«, sagte der Steward. »Sie sind in Paris, und mit der Zeit werden Sie wieder ganz gesund werden.«

»Paris!« Halterungen an einer Wand, eine Reihe Lampen.

»Sie hatten schlimme …«

Benny hörte im Augenblick nichts mehr; er sah die Betten, Gesichter, Verbände, und blitzartig kam ihm die Erleuchtung: das Dorf, Jacob, 57359, Abend und Morgen. »Ach Gott! Jacob. Haben Sie es meinem Vater gesagt?«

»Ich bin sicher, daß er informiert worden ist. Es ist alles in Ordnung, mein Junge.«

Alles in Ordnung, mein Junge? »Und diese Kabel?«

»Intravenöse Ernährung. Wissen Sie, was das ist?«

21

Benny konzentrierte sich. »Bin ich verwundet?«

»Sechs Kugeln, von der Schulter bis zur Wade. Alle wieder draußen. Zerschmettertes Schulterblatt, und zerschmettertes Femur. Das ist Ihr Oberschenkelknochen. Und Sie haben literweise neues Blut in sich.«

»Blutgruppe Null.«

Leises Lachen. »Jetzt wissen wir das auch.«

»Lachen Sie nicht«, sagte Benny fest. »Wichtig. Auf den Hundemarken.«

»Aber leider haben wir Ihre Erkennungsmarken nicht gefunden.«

»Um den Hals hab ich sie. Drei zwo neun drei zwo fünf zwo sieben.«

»Ja. Ruhen Sie sich aus. Darüber reden wir später.«

Benny versuchte nachzudenken, runzelte die Stirn und biß die Zähne zusammen. »Meine Eier«, sagte er, »und mein Rückgrat, Sir?«

»Alles da. Alles vollkommen in Ordnung.«

Benny brach in Tränen aus und weinte sich in den Schlaf. Er wachte mitten in der Nacht auf, der Schlafsaal war still und dunkel, und ihm fiel alles sofort wieder ein. »Gott Abrahams und Isaaks«, sagte er zu der Dunkelheit, zu den Schatten seiner vergessenen Vorfahren, »ihr, die ihr nie wart, ich danke euch. Wenn ihr in Zukunft mal Hilfe braucht, scheut euch bitte nicht, mich darum zu bitten.«

»Um Himmels willen, halt die Klappe«, sagte jemand. »Wir wollen schlafen!«

 

Benny würde mit Sicherheit sechs Wochen im Bett bleiben müssen. »Ich brauche Bücher.« Der Arzt war jovial: alles und jedes. Später sogar Rotwein. Zeitungen. La Vie Parisienne. Der Arzt zwinkerte. Benny starrte ihn kühl an, und der Arzt wurde geschäftig.

Man brachte Benny Feldpostausgaben von vielen Büchern, und er las die Zierde abendländischer Literatur im Duodezformat mit Papierumschlag. Er las Griechen und Russen und Franzosen und Engländer. Die Armeeausgabe der Ilias! Er las 22auch französische Zeitungen, vier oder fünf täglich, meist von der politischen Linken, wobei eine der anderen Übles nachsagte, und dachte daran, daß Jacob das Spaß machen würde. Er bekämpfte eine undankbare Reizbarkeit und war ein vorbildlicher Patient, munter und ruhig, der nur glühte und stöhnte, wenn Schwestern vorbeikamen. Gegen das Durchliegen ließ er Massagen über sich ergehen; leise summend und mit geschlossenen Augen trieb er auf den Wellen östlicher Sinnlichkeit nirwanawärts. Madame Fribourg, Marie-Elisabeth, seine zaubermächtige Krankengymnastin, war schon älter und hatte eine haarige Warze, aber sie war alles, was er an Huri, Peri, Sukkubus hatte. Seine Sexualität drückte ihn; er war in wesentlicher Hinsicht gesund, wenn auch bettlägerig und gebrechlich. Eine Mademoiselle Nattier fing seine Blicke und später – o nein. Bennys Geschichte verdient Besseres als vorübergehende Launen.

Und doch, sie war, was Französinnen immer zu sein versprochen hatten: dunkel, zierlich gebaut (ein bißchen mager, dürftig), vollbusig, ihre Hinterbacken zuckten sehr hübsch, symmetrisch, rhythmisch, wenn sie ging. Allegro vivo e con amore. Sie roch nicht richtig, aber sie liebte ihn: anfangs, als er noch down und erledigt war, mit flüchtigen Berührungen der Gastfreundschaft; später, als er auf und aktiv war, mit Zut und Olala. Benny gab seiner Wonne mit blökenden Lauten Ausdruck. Seine Zimmergenossen wußten Bescheid, billigten das, beneideten ihn. Endlich der vereinte Triumph von Äskulap und Eros: aufstehen. Das Bein hielt. All das hinter Vorhängen, in Wäschekammern, zwischen Licht aus und Hahnenschrei. Sie übte ihr Englisch: »Am I ready to be occupied by the Americans?« – »O ja!« sagte Benny mit Inbrunst. »Oh yes!« Er erinnerte sich immer mit Vergnügen und Stolz an sie; noch Jahre später erregte sie ihn, obwohl sie nichts voneinander wußten und nur ihre Körper kannten. Obwohl? Vielleicht weil.

Captain Parsons hätte er dagegen gern vergessen. Der kam eines Tages mit zwei hinter ihm her tänzelnden Lieutenants anmarschiert, alle drei identisch, Serienproduktion; sie wirbelten ein paar Holzstühle in Richtung Benny und studierten sein 23Krankenblatt mit ernsthafter, ehrlicher, gesunder Bedrohlichkeit. Nachdem sie Namen, Rang, Felddienstnummer, Alter, Größe, Gewicht, Religionszugehörigkeit, Leiden, Urinproduktion und Darmaktivität kannten, fragte einer von ihnen: »Corporal Benjamin Beer?«

Sie waren Narren, aber sie waren sie, die ewigen, gesichtslosen Funktionäre, und Bennys erster Gedanke war, daß sie schlechte Nachrichten von Jacob brächten, aber er änderte seine Ansicht sofort, als ihm in einer Aufwallung von Freude klar wurde, daß sie ihm gleich einen Orden verleihen würden. »Ja. Das bin ich. Drei zwo neun drei zwo fünf zwo sieben.«

»Hm«, sagte der Captain. Die Lieutenants schienen dem zuzustimmen. »Mein Name ist Parsons«, fuhr der Captain fort, »und dies sind Pistol und Bardolph.« Das sagte er nicht wirklich, aber man kann wohl kaum von einem Mann erwarten, daß er die Namen von Leutnants behält, wenn der Krieg aus ist. »Wir müssen über eine Angelegenheit mit Ihnen sprechen, die ein bißchen heikel ist; bitte betrachten Sie Lieutenant Pistol als Ihren Beistand.«

»Meinen Beistand?«

»Ja. Wir sind Vertreter des Gesetzes.«

»Ach ja?«

»Also, aufgepaßt: Wir wollen …«

»Bleistifte klar«, sagte Benny. Sie blinzelten.

»Wir wollen versuchen«, sagte Parsons geduldig, »den Tag zu rekonstruieren, an dem Sie verwundet wurden. Oder die zwei Tage, muß ich wohl sagen. Übrigens können Sie auch einen unabhängigen Zeugen haben, aber es ist eigentlich nicht nötig. Es geht nur um Fragen, Sie stehen nicht unter Eid oder so was, und außerdem haben wir ja Pistol und Bardolph.«

»Nicht unter Eid«, sagte Benny nachdenklich. »Sie meinen also, es ist in Ordnung, wenn ich lüge.«

»Nein«, Parsons lachte unpassenderweise, »dazu wollte ich nicht raten. Ich wollte nur das Verfahren erklären.«

»Ich verstehe«, sagte Benny. »Ich brauche auch keinen Zeugen. Ich erzähle Ihnen einfach genau, was geschehen ist.«

Und das tat er. Ein Bauernhaus, eine Mühle und die kleine 24Brücke. »Sie steckten in dem Bauernhaus, viele. Also zogen wir uns über die kleine Brücke zurück, und die anderen marschierten schnellstens die Straße entlang, während ich an unserem Ende die Brücke sicherte. Aber die Deutschen rannten flußabwärts und gingen da rüber und besetzten die Straße zwischen mir und den anderen. Da habe ich mich leise in den Wald geschlichen und gemeint, ich könnte einen Bogen schlagen und später wieder zu den anderen stoßen. Und dann plötzlich war Europa leer. Ich konnte niemanden finden, auf keiner der Seiten.« Und er berichtete weiter: von dem Dorf, der Wirtschaft, 57359, der Wanderung am Morgen. Sie lauschten mit identisch gerunzelten Stirnen. »An mehr erinnere ich mich nicht. Was wurde aus dem kleinen Kerl?«

»Darüber habe ich keine Informationen. Ich ziehe nur Erkundigungen ein.«

»Ich möchte gern wissen, wo er steckt. Könnten Sie das bitte mit erwähnen? Corporal Beer wäre dankbar für jede Information über diesen kleinen Zivilisten, diesen Gefangenen aus irgendeinem Lager, Nummer fünf sieben drei fünf neun. Vielleicht könnten die beiden Lieutenants das auch notieren.« Sie nickten alle; Parsons kritzelte. »Das war alles«, sagte Benny. »Was passierte dann mit mir?«

»Man hat Ihnen Blut übertragen und Sie in ein Flugzeug geladen. Niemand wußte, wer Sie waren, oder auch nur, auf welche Seite Sie gehörten.«

Benny starrte ihn an.

»Sie lagen halbnackt am Straßenrand, und Sie hatten keine Hundemarken.«

»Und meine Waffe?«

»Keine Waffe da.«

»Verdammt!« Viel Stoff zum Nachdenken. »Und warum hat man mich hierhergeflogen?«

»Ich vermute, um Sie im Auge zu behalten«, sagte Parsons, »bis Ihre Identität geklärt wäre.«

»Teufel, Teufel«, sagte Benny. »Aber jetzt wissen Sie's. Sie haben meine Fingerabdrücke. Ich bin kein deutscher Spion oder ein flüchtender Gauleiter. Also was ist jetzt noch?«

25

»Woher kennen Sie ein Wort wie ›Gauleiter‹?«

Benny begriff, daß er sich in Gegenwart der Polizei befand, und war gehörig beeindruckt. Hilflos legte er den Kopf schief und sah die beiden Lieutenants nacheinander an. Pistol errötete, Bardolph war in Gedanken versunken. »Das stand alles in den Zeitungen«, sagte Benny. »Captain, ich kenne vielleicht vierzig Wörter Deutsch und ein paar hundert Jiddisch. Kennen Sie viele jiddische Wörter?«

Parsons schlug die Beine übereinander. »Nein, tut mir leid, nicht ein einziges.«

»Es ist eine ausdrucksvolle Sprache. Und Deutsch?«

»Ich habe rudimentäre Kenntnis der Umgangssprache.«

»Von vor dem Krieg?«

»Nein.« Parsons war irritiert.

»Und Italienisch? Haben Sie da gedient?«

»Nein.«

»Japanisch?«

»Nein. Warum fragen Sie das?«

»Um den Augenblick der Wahrheit hinauszuschieben«, sagte Benny. »Ich glaube nicht, daß er mir Spaß machen wird. Ich hoffe, der Arzt hat Ihnen von meinen Wutanfällen berichtet.«

»Wutanfälle?« Parsons kämpfte mit Unglauben.

Benny seufzte. »Ich habe Schmerzen. Warum sind Sie hier?«

»Ihr Zug«, sagte Parsons. »Er wurde ziemlich zusammengeschossen an dem Nachmittag, und da erhob sich die Frage nach einer möglichen Desertion.«

Benny brüllte wie ein Stier und schnob Feuer. »Schwester! Doktor!«

Parsons zeigte Bestürzung.

»Wo ist mein Purple Heart?« brüllte Benny. »Und wohin zum Teufel sollte einer desertieren? Sind Sie wahnsinnig? Wer ist gefallen? Sagen Sie mir das wenigstens!«

»Vier sind gefallen, zwei verwundet«, sagte Parsons. »Die Namen weiß ich nicht.«

Benny trauerte. Sie waren Strolche, picklige Lüstlinge, Judenhetzer, faule Hunde, aber sie waren sein Zug. Er hoffte, daß Haas nicht tot war. Einmal hatte er einen Jeep von Haas 26heruntergehoben; der arme Kerl hatte geschrien und geplärrt: Haas hatte nur ein paar Schrammen abgekriegt, und Benny hatte ein paar Stunden lang einen Leistenbruch simuliert, mit Fistelstimme und Taumeln.

»Sir«, sagte er, »Sie sind Offiziere, und ich bin nur ein dämlicher Corporal, aber jeder, der mich kennt, wird Ihnen sagen, daß ich nicht desertiere. So einfach ist das. Ich war immer ein braver Junge und hab getan, was von mir erwartet wurde, und nur ein Trottel würde sich absetzen, wo der Krieg so gut wie vorbei war. Außerdem: Wenn ein Mann im Einsatz so zerschossen wird, dürften doch Tatsachenvermutungen zu seinen Gunsten sprechen.«

»Das stimmt«, sagte Parsons. »Sie gebieten über einen ziemlich großen Wortschatz. Ich war der Beste in Rechtschreibung auf der High School.«

Benny starrte ihn wieder an.

»Tatsachenvermutungen.«

Nach einem Augenblick nickte Benny langsam. »Ich weiß noch eins.«

Parsons lächelte.

»Dinosaurier.«

Parsons nickte. »Nicht besonders schwierig.«

»Aber all die Wörter, die man daraus machen kann! Mit drei oder mehr Buchstaben.«

»Himmel, ja. Na, vielleicht später«, sagte Parsons energisch. »Wir wollten nur diese Aussage.«

»Sie haben sie«, knurrte Benny. »Mir macht das keine Freude, Captain. Das ist wie üble Nachrede.« Keiner der drei trug ein Frontkämpferabzeichen, sah Benny. Snob!

»So ähnlich ist das wohl. Es tut mir leid.«

Benny zuckte die Achseln. Sein Ärger war verflogen. Gangster und Scheißer hatte ein betrunkener Australier Politiker und dergleichen einmal genannt. Gangster und Scheißer, und dagegen konnte man nichts machen. Sie waren nicht nur ein Teil des Lebens, sie waren das Leben selbst, und die wenigen, die sich anständiger Gesinnung und echter Intelligenz rühmen konnten, wie er selbst, dachte Benny, waren die Mißgeburten.

27

Die drei überflogen ihre Notizen. »Es tut mir leid«, sagte Parsons liebenswürdig, »wirklich. Irgendwer hat da einen kleinen Mann im Ohr. Ich kann es Ihnen nicht verdenken, daß Sie … daß Sie so ein Gesicht machen.«

»Ich will nur mein Purple Heart«, sagte Benny. »Ich hab meinem Vater versprochen, daß ich mit einem Orden zurückkommen würde. Das ist sehr wichtig für uns: Wir sind seit Generationen Militärs.«

»Ich werde Ihnen bestimmt keine Hindernisse in den Weg legen«, sagte Parsons rauh, aber herzlich, und Benny erinnerte sich, daß jemand gesagt hatte: »Alles in Ordnung, mein Junge.« Er entdeckte einen Schimmer von Menschlichkeit bei Pistol, der ihn sofort unterdrückte.

»Dafür danke ich Ihnen«, sagte Benny, als er Parsons die Hand schüttelte, »wirklich. Sie waren sehr verständnisvoll.« Er schüttelte Bardolph die Hand. »Lieutenant.« Und Pistol, der ihm nicht in die Augen sah. Eine jüdische Großmutter? »Und jetzt muß ich schlafen«, sagte Benny. »Mein Bein tut weh.«

Er sollte eine ganze Weile nicht wieder von ihnen hören. Aber eine Woche später schmückte ein neuer Satz Hundemarken seine haarige Brust, und als er das Lazarett verließ, leistete ein Purple Heart seinem Frontkämpferband Gesellschaft. Das war nach einem Tag des Abschieds von Miss Nattier, wie sie von ihm genannt werden wollte. Er fragte sie, ob sie von dem Maler abstammte, aber sie hatte noch nie von dem Maler gehört. Sie klammerten sich aneinander, und sie sagte, sie würde ihn nie vergessen, was sicher stimmte; sie wußten, daß die Erinnerung süß und warm sein und die Begierde überdauern würde; und während der letzten Stunde ihres Dienstes standen sie in Harmonie und Unschuld am Fenster, während sich die Nacht auf die Schornsteinaufsätze niedersenkte wie ein Schwarm von Fledermäusen.

28

2

Zum Frühlingsende kam Benny Beer heim. Er kam in New York an, 1,85 m groß, 93 Kilo schwer, und ging zusammen mit 700 anderen von Bord auf einen leeren Kai, ohne Blumen, ohne Blaskapelle. Am späten Vormittag fuhr er mit der U-Bahn zum Union Square: Jacob Beer, Herrenschneider, Maßanfertigungen. Luftspiegelungen flimmerten über dem heißen Teer. Benny marschierte mit einem leichten Humpeln den Broadway hinauf, den Seesack heldenmäßig über eine Schulter geworfen. Frauen schauten. Benny strahlte und äugte. Verwirrend. Flaumige Unterarme. Lauernde Hinterteile. Benny sehnte sich. Die Sonne lag ihm im Genick wie eine Frauenhand. Sommerbrüste. Benny staunte, genoß, wurde schwach. Schenkel, Nester. Die Sonne prallte von kühlen steinernen Fensterbänken ab und überschattete Fugen. Tauben machten Schauflüge, flatterten Willkommen. Der Geruch von Fettgebackenem, von Auspuffgasen. Einkaufende Frauen, Ohrringe, Sandalen. Alte Männer, traurig, Stöcke. Benny wuchs. Die Frauen waren unvollkommen, und er liebte sie darum: eine Runzel in der Kniekehle, Kaninchenlächeln, kleine Augen, Gesichter, für die Büroarbeit gezüchtet wie Schafe für die Wolle, hochgebürstete Haare, steifgesprayt, zipfelnde Säume, rutschende Unterröcke, Andeutung von Bärtchen – na und? Und? Er wollte sie alle.

Dabei trödelte er, und lächelte nachsichtig über sein eigenes kindisches Benehmen. Ein Polizist grüßte locker, als er Bennys kleinen Regenbogen von Bändern sah; Benny nickte, humpelte und gestattete einem Abglanz von hohlem Horror, seine blanken braunen Augen zu verdüstern, und marschierte weiter, unangemessene Heiterkeit unterdrückend. Waren alle Frauen schön? Seit einer Stunde war er in diesem Land Gottes, und keine war seinem Blick entgangen. Kaum vom Kutter, schon der ihre! Er hatte überlebt. Er lebte wieder, Saft und Rute stiegen, Tod und Töten lagen hinter ihm. Zeit der Freude, des 29Schaffens! Laß die Wonne unendlich sein! Jede Rasse, Farbe, Konfession, Alter, Form oder sonstige Bedingung von Schönheit. Benny ist wieder da! Und trägt sein Geschlecht in einem zuchtlosen Winkel.

Und da war es: Der Eingang überraschte ihn. Das Schild: Jacob Beer. Das Vestibül war kühl, zeitlos, marmorn. Ein neuer Liftboy, vielleicht sechzehn, schon verkniffen und bleich, ein kleiner Dieb, Zigaretten-Teint, die Daily News klemmten hinter seinem Otis-Hebel. Benny wurde in den siebten Stock befördert und betrat den vertrauten Korridor, ging zu der vertrauten Tür und hinein, durch einen Vorraum aus Filzwandschirmen auf zwei Männer zu, die vor einem Triptychon von Spiegeln standen. Er ließ den Seesack fallen und umarmte den kleineren Mann, küßte ihn auf beide Backen und dann auf den Mund.

Jacob Beer heulte. Er ehrte seinen Sohn durch Heulen: stand in Gegenwart seines Kunden Krösus da und gab einen Wolkenbruch. Als er sprechen konnte – immer noch von Bennys Armen umschlossen wie eine Braut -, sagte er: »Mein Sohn. Entschuldigen Sie mich, Feldman. Mein Sohn Benjamin. Aus dem Krieg zurückgekehrt. Verwundet. Mein Sohn. Mein Sohn Benjamin.« Benny grinste ihn an und zauste ihm das Haar. Wie klein Jacob war. Drei Ellen und zwölf Zoll, an Gewicht kaum mehr als ein babylonisches Talent. An Jahren vier Dutzend und drei. An Sprachen Englisch, Jiddisch, Kindheits-Deutsch und -Polnisch und italienische Zahlen, letztere vom Feilschen mit Zuschneidern, Grobnähern und Knopflochmachern. (»Alle anderen in Ordnung, aber Gott bewahre mich vor Knopflochmachern. Spezialisten. Ein richtiger Knopflochmacher, dieser Victor Emanuel.«) In den früheren Jahren hatte es ebenso viele Italiener wie Juden in dem Gewerbe gegeben. Ein italienischer Jude aber war der höchste Trumpf. Die Beers rühmten sich einer Überlieferung: daß a. d. 1400 (wessen d., fragt Jacob düster) ein direkter männlicher Vorfahr Großrabbi von Padua gewesen war. Jacob machte wirklich etwas daraus. »Galleazo«, sagte er etwa, »du bist ein Knopflochmacher, der beste, keine Frage, aber wußtest du, daß im Jahr vierzehnhundert …«

30

Jacobs Tränen waren Tränen der Freude, aber dahinter lauerte Kummer, und Benny deutete ihn gleich: daß Bennys Mutter diesen Tag nicht erlebte. Sie hatte auch seinen Aufbruch nicht miterlebt, denn sie war an Krebs gestorben, als er zehn gewesen war, aber das tat nichts zur Sache. Ein Augenblick der Freude war ein Augenblick der Freude, es gab zwei, drei, fünf in einem glücklichen Leben, und es war schlimm genug, daß es sie so selten gab, auch ohne den Schmerz, daß man sich allein freuen mußte. Feldman zog sich zurück; er schüttelte Benny die Hand und verabschiedete sich barmherzig. Jacob nickte dankbar und winkte zum Abschied. Als er mit seinem Sohn allein war, heulte er noch ein bißchen weiter. Dann faßte er sich, zog sein Kammgarn-Jackett über, sprachlos noch, schüttelte den Kopf und schluckte, umarmte Benny abermals und fand seine Stimme wieder: »Wir gehen zum Lunch zu Pinsky. Wenn Karp dich sieht! Karp! Ha! Er hat alles falsch vorausgesagt. Er sagte, Leningrad würde fallen. Stalin würde ermordet werden. Trotzki käme zurück. Alevai, aber es geschieht nicht. Karp! Benny, Benny! Wie geht es dir? Tut es noch weh? Was sind das für Bänder? Ein Held? Bist du ein Held?« Sie hasteten zur Tür, wo Jacob sich umdrehte und sagte: »Gott sei gedankt. Gott sei gedankt!« und seinen Sohn abermals umarmte. Dann tanzte er wie verrückt, wirbelte herum, klatschte in die Hände. »Benny! Hab ich einen Flanell für dich! Und einen Vorkriegs-Harris-Tweed. Und bei Gott, Benny, ich kann einen Anzug zuschneiden! Seit vier Jahren hab ich keinen Anzug zugeschnitten! Im Krieg hab ich nur Feldman für Maßanfertigungen. Und Feldman trägt keinen Anzug, der trägt nur Futterale, Schlupfsäcke. Schau, eine Weste. Ich werde ihn mit Weste machen. Mit Aufschlägen. Ein Veteran sollte Weste tragen. Zeit für etwas Würde, etwas Gehobenes.«

Sie waren jetzt im Aufzug. »O'Brien«, sagte er, »dies ist mein Sohn Benjamin. Gesund und munter aus dem Krieg zurück, und zwar mit Orden.«

»O'Reilly«, sagte der Junge.

»Du hast bestimmt große Pläne«, sagte Jacob. »Nein, nein, nicht jetzt, du hast recht. Lunch, ein paar neue Sachen, dann 31kannst du mir eine Geschichten vom Krieg erzählen, und wahrscheinlich hattest du ein Mädchen, an das du immer geschrieben hast, was?« Er puffte Benny in die Rippen. Nur im Kino und bei Jacob Beer: Ellbogen in die Rippen, Zwinkern: »Was, Kumpel?«

 

Vom Eingang des Feinschmeckerrestaurants betrachteten sie die Ältesten Zions. »Alle Menschen sind Vettern zweiten Grades.«

»Dies sind die Großväter«, sagte Jacob. »Die richtigen Esser sind noch in Uniform. Und das ist auch gut, bei all der Rationierung. Pinsky vollbringt Wunder. Keine kleinen, wie Josua, sondern große, wie Hühnerleber mit Eigelb und Zwiebeln.«

Graue Köpfe, melierte, braune und kahle, gebeugt oder nickend, haarige Ohren, haarige Nasenlöcher, Tränensäcke. Magere Arme in kurzen Ärmeln. Benny hörte Jiddisch, Deutsch, Ungarisch und wurde auf einer Flut von Gerüchen in der Zeit zurückgeschwemmt, durch Pastrami und Corned beef, ein Strudelchen von Kischke und Hühnersuppe, eine kleine Welle Stör, und über den Fluten lag leichter Dunst von Bier und Tee. Er erinnerte sich an ein überheiztes, übergepolstertes Wohnzimmer in Brooklyn, eine Versammlung von Onkeln und Tanten, die lange Reden über eine verlorene Revolution hielten, an Tee in Gläsern, exotische Namen. Seit seiner Kindheit, so schien es ihm, hatte er an Lenin als an Iljitsch gedacht. Der Tag wird kommen! Wenn jeder einmal die Woche eine Schwarze kommen lassen kann! Wenn sich niemand mehr um Nahrung, Unterkunft, einen Wintermantel Sorgen zu machen braucht! Wieviel würde man dazu brauchen, zwei-, dreitausend im Jahr. Nichts. Maschinen.

Onkel Isaac: »Und ein Gebiß, das paßt!«

»Tante Rose: »Mehr Biskuitkuchen.«

Onkel Jeremiah mit dem seidig weißen Schnurrbart: »Auf dem Land. Mit Hühnern. Ihr werdet schon sehen.«

Alle: »Herzl!«

Jetzt wogte Pinsky auf sie zu, mit all seinen 90 Kilo, mit all seinen 172 cm Höhe. Menschenberg Pinsky. Benny hatte ihn 32als Renaissance-Spottbild in Erinnerung, als »Der Herbst«, mit einer Möhre als Nase, Rosinen als Augen, Äpfeln als Backen, Melone als Kinn, aber Pinsky in Fleisch und Blut übertraf seine Vorstellungskraft, Pinsky war ein Rebus, gurkennasig, eieräugig, rübenwangig, kartoffelbekinnt, kürbisbäuchig: Pinsky und sein Lebenswerk waren ein und dasselbe.

Neben Pinsky sah er 57359, Haut und Knochen, nur eine Sekunde, aber wie wirklich! Benny kniff verstört die Augen zu, als er und Pinsky sich umarmten. Pinsky, nichts als ein lebenslanger Freund, schluchzte einmal auf: »Du bist gesund!«

»Mir geht es gut.«

»Gott sei Dank. Du hast zugelegt bei dem Abfall, mit dem ihr da gefüttert werdet. Bohnen. Schweinefleisch!« Pinsky zitterte wie Aspik.

»Ich bin groß und hart.«

»Stark wie immer?«

»Stärker.«

»Das ist ziemlich stark. Wie geht's, Jake?«

»Benny ist wieder da. Wie soll es gehen?«

Pinskys weitaufgerissene Augen glänzten; er kicherte und zappelte. »Benny, ein Gürkchen!«

Benny ging, groß und breit unter den kleineren Alten; Benny riesig und fremdartig. Er griff sich einen Teller von der Theke und folgte seinem Gedächtnis und dann seiner Nase zum Gurkenfaß, dem mythischen, ewigen, nie leer werdenden Gurkenfaß; einer plötzlichen Eingebung folgend goß er eine Handvoll Marinade auf den mit Sägemehl bestreuten Fußboden: Noch einmal, danke dir, der du nicht bist. Und wenn Gott Essiggurken vorzog? Durch solche Fehler und Versäumnisse gingen Imperien zugrunde. Er fischte mit der hölzernen Zange und zog einen Mordsfang heraus: In diesem Augenblick wußte er, daß er unsterblich war; triumphierend trug er ihn vor sich her. Jacob saß, Pinsky flatterte über ihm. »Was du willst, Benny. Sag es nur. Was du in Fort Mammoth nicht bekommen hast.«

Sie bestellten. Benny wollte von allem etwas. »Da ist Kantrowitz«, sagte Jacob. Winken, Gesten, Lächeln. Auf jeder der karierten Tischdecken stand ein Glas Senf, eine kleine Gewürzgruppe, 33ein Fläschchen Essig. Kein Zucker. Zucker auf Verlangen. Kleine Tümpel von Geräuschen schimmerten und spritzten, plätscherten und rannen von Tisch zu Tisch; Wolle, Roosevelt, Auschwitz, Hosen von der Stange? Bei mir? Kalifornische Gewichte. Pinsky, ist das Honig? Echter Honig? Von Bienen? Ein Genie, dieser Pinsky, ein Genie. »Aha«, jubelte Jacob. »Karp, Karp, Karp! Setz dich!« Benny schüttelte Louis Karp die Hand, einem kleinen, kahlköpfigen dünnen Mann, der noch im lila Kunstseidenanzug unauffällig sein würde. Der strahlte. »Benny, Benny. Bist du gesund?« Gesund. »Endgültig zurück?«

»Endgültig. Tag, Mister Karp. Sie sehen gut aus.«

»Frag mich nicht«, stöhnte Karp. »Ich weiß ja, daß es erst schlimmer werden muß, ehe es besser wird, aber immer?«

»Das ist Trotzki«, sagte Jacob schadenfroh.

Karp zuckte die Achseln. »Du wirst ja wissen, wo dich der Schuh drückt.« Er legte den Kopf schief. »Benny. Du wirst etwas zum Anziehen brauchen.« Karp vertrat Ffolliott-Anzugstoffe. Er setzte sich und schnupperte am Senf. »Frisch.«

Jacob stieß den klassischen Laut der Verachtung aus. »Anzüge kriegt er von mir. Von dir Overalls.«

Karp gluckste. »Mit deinen italienischen Knopflöchern. Machst du ihm einen Ballonanzug?«

Jacob lächelte Benny an und tippte sich an die Schläfe.

»Was ist ein Ballonanzug?« fragte Benny.

»Du würdest es nicht glauben«, sagte Jacob. »Weite Hosenbeine und Ärmel, aber an den Gelenken eng. So was Verrücktes hast du noch nie gesehen.«

»Vielen Dank, nein.«

Pinsky kam, hochbeladen, und hinter ihm Leon, ebenfalls hochbeladen, und sie überhäuften den Tisch mit Hering, Stör, Felchen, Gefilte Fisch, Roggenbrot und Meerrettich. Mit Kohlsalat und Bier. Mit Sardellen und Sardinen. Mit Möhren und Petersilie. »Aufhören«, sagte Jacob. »Ist das eine Hochzeit?«

Pinsky saugte nachdenklich an seinem grünen Daumen. »Okay, Benny? Zum Anfang?«

Okay, nickte Benny, mit feuchten Augen; die Stimme versagte 34ihm. Pinsky sah seine Bedrängnis und war entzückt. Er und Leon zogen sich diskret zurück. Profis.

Die drei begannen schweigend, mit einem starken Gefühl von Feierlichkeit. Sie hoben Gabeln voll Fisch in wortloser Begrüßungsgeste; der Meerrettich wurde weitergereicht, beschnuppert, ernst probiert. Zum Salzfisch trank Benny einen kräftigen Schluck Bier; Leon brachte neues und sagte zum tausendsten Mal: »Süßes für die Süßen.« Zum tausendsten Mal quittierte Jacob den Scherz mit einem trockenen, müden, würdevollen Lächeln. Leon war ein Flüchtling, ein Ungar, und konnte in sieben Sprachen nachdenklich sein.

»Und was wirst du jetzt machen?« Auf Karps Kinn Treibgut.

»Laß ihn«, sagte Jacob. »Er kommt gerade erst vom Schiff.«

Karp forschte gedankenvoll im linken Nasenloch. »Er sollte sich bald entscheiden. Sie werden jetzt in großen und ungestümen Mengen heimkommen, und da sollte er schon eine günstige Ausgangsposition haben.«

Jacob grunzte. »Hör gar nicht hin.«

»Ich hab schon darüber nachgedacht«, sagte Benny. »Ich hatte genug Zeit im Lazarett.«

»Und?« Jacob blinzelte verschmitzt. »Du wirst Baseballspieler? Bei dem Körperbau. Ein Fänger!«

Karp stöhnte. »Oder der starke Mann im Zirkus mit den Hanteln.«

»Na, was soll er denn werden mit den Muskeln?« fragte Jacob. »Ein Jurist?«

»Es könnte schlimmer kommen«, meinte Karp. »Schau dir Brandeis an.«

»Ich schau schon«, sagte Jacob. »Das einzige, was es in diesem Land zuviel gibt, sind Juristen. In zehn Jahren werden sie übergeschwappt sein und im Meer schwimmen wie Zitronen.«

Die saure Gurke war Vollkommenheit. Benny biß staunend hinein, mit der köstlichen Ergebung dessen, der weiß, daß er nie arm oder krank sein wird, daß er zu einem langen und ungetrübten Leben ausersehen worden ist. Der Salomo der sauren Gurken. Was macht ihr als erstes, wenn ihr heimkommt? hatten sie einander gefragt, und wenn die nächstliegende, 35obligatorische Unanständigkeit ausgejohlt worden war, waren sie als echte Amerikaner zu Mutterns Apfelkuchen, Popcorn, Eisbechern übergegangen. Bennys Schicksal waren saure Gurken.

»Er wird sich entscheiden, wenn er soweit ist. Erstmal muß er schlafen und Comics lesen.«

»So komisch sind die gar nicht.« Karp stand mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.

»Wo willst du hin?«

»Zur Toilette.« Karp stöhnte, ein geplagter Mensch, verborgene Steine und Krämpfe. »Ahasver, der wandernde Jude, suchte ein Klo.« Er schlurfte davon.

»Ein netter Mann«, sagte Jacob. »Die Schurken von der Gewerkschaft haben ihn mal zusammengeschlagen.«

»Ich weiß.« Benny und Jacob beharrten höflich auf gegensätzlichen Ansichten über Gewerkschaften. »Wie geht es seiner Frau?«

»Gut, gut. Sie spielt den ganzen Tag Mah-Jongg. Also. Du hast es geschafft. Hast für diesmal den Engel des Todes betrogen.«

»Einmal bin ich ihm begegnet.« Benny sah 57359 krumm bei Pinsky hocken und Halwa kauen. Jacob wurde ernst und respektvoll; Benny lachte. »Komm, sei nicht albern. Die schlimmste Zeit war im Krankenhaus.«

»Hattest du solche Schmerzen?« Wieder dieser Ton von Ewigkeit: Es gibt kein Leben ohne Schmerzen. Schmerz ist das sicherste Zeichen.

»Nein. Die Bettpfanne. Ich lag in Gips.«

»Würdelos.« Sie dachten beide an Hannah, kahlköpfig und delirierend. »Na, jetzt bist du zu Hause.«

»Ich bin zu Hause.« Benny zögerte. »Ich glaube, ich möchte Arzt werden.«

»Benny!« Jacob neigte sich zu ihm, mit erhobener Gabel. »Benny! Arzt! Natürlich!«

Benny stieß ihn in die Rippen und sagte: »Du weißt schon, Kumpel, die Schwestern.«

 

36

An manchen Abenden redeten sie, an manchen Abenden streifte Benny durch die Stadt. Es waren faule Tage: Das Prinzchen stand spät auf, aß gut, las Nachrichten aus Stadt und Land und rückte in kleinen Etappen in Richtung auf den Poloplatz vor, um die Posse eines vom Krieg beeinträchtigten Baseballspiels zu sehen. Oder ging durch die Wall Street, zur Brooklyn Bridge, durch den Central Park. Sein Bein wurde wieder stark, das Humpeln verschwand. Die Narben verblaßten. Die alten Freunde waren längst fort, aber er fand ein Mädchen, schwarze Haare, Schmollmund, die er alle paar Tage mit Steaks, Kino und Roggenwhiskey traktierte, wofür sie sich zu weiteren Dingen bereit erklärte. Sie wollte Sängerin werden. Benny billigte das. Ihre Stimme war mittelmäßig, aber sie hatte eine gute Figur. »Ich würde gern Latein lernen«, sagte sie, und Benny verschluckte sich fast. »Warum?« – »Damit ich lateinamerikanische Lieder singen kann.« Benny erzählte Jacob das, und der wies ihn zurecht: »Du solltest deinem Vater im Zeitalter der Ungeheuerlichkeiten keine Lügengeschichten erzählen!« – »Hab ich dich je angelogen?« fragte Benny, und Jacob sagte: »Du meinst das also ernst? Tatsächlich?« Benny nickte, und Jacob grinste in ruchlosem Triumph: »Schicksen!« Aber Benny liebte sie – wie sonst sollte er das nennen? Die Wärme, die ihn durchströmte, wenn er in sie drang, war die Hitze prähistorischer Sümpfe, uralter Sonnen, der Ursuppe. »Beweg dich nicht«, flüsterte sie, »nicht bewegen, solange wir können«, und minutenlang kochten sie auf kleiner Flamme am Rande des Wahnsinns, des weiten, heißen Nichts, glitten durch Träume und dampfende Landschaften und verließen die Zeit. Dann bewegte er sich, oder sie, und sie spannten sich und barsten und flogen durch das Universum.

 

Ein heißer Abend Anfang August; Vater und Sohn gingen einen Orangensaft trinken. Jacob trug ein blaues Sporthemd, Benny ein T-Shirt von Vassar, das er durch Tausch erworben hatte. Sie standen am Kiosk. »Wir standen am Stand und tranken den Trank«, deklamierte Jacob, und während sie das taten, schob sich ein Gerücht auf sie zu. Sie spürten ein Ereignis. Autos 37hielten. Fenster wurden geöffnet. Rufe. »Was ist los?« fragte der Verkäufer. »Ich weiß nicht«, antwortete Benny. »Brennt es?« – »Ich mach mal das Radio an«, sagte der Verkäufer.

So hörte Benny von Hiroshima. Inmitten des Jubels stand er da mit Jacob. »Eine ganze Stadt!« sagte Jacob. »Was ist das, diese Atombombe? Weißt du das?«

»Ich hab so eine Vorstellung. Wie tausend Tonnen gewöhnlicher Bomben, sagte der Mann. Einstein hat was damit zu tun.«

»Dann ist das in Ordnung«, sagte Jacob.

»Es verändert die Welt.«

»Zum Schlechteren?«

»Jede Veränderung ist zum Schlechteren«, sagte Benny, und sie lachten.

»Dann ist der Krieg vorbei.«

»So muß es sein.«

»Das Leben fängt von vorn an.«

»Das Leben fängt von vorn an.«

Bennys Sängerin fand das großartig, das geschähe ihnen recht. »Sieh dir doch an, was sie mit den Juden gemacht haben«, sagte sie. Als ihr Mann entlassen wurde, hörte Benny auf, sich mit ihr zu treffen. Inzwischen besuchte er die letzte Klasse im College. Er und Jacob aßen am Abend Rinderbrust und Meerrettich; Winterwinde schlugen an ihre Wände, und sie fröstelten geistig und moralisch, als sie auf die kalten Lichter der Hauptstadt der Welt hinaussahen. »Ich war zwölf«, sagte Jacob, »und nicht groß, natürlich nicht, noch kürzer als jetzt, wog vierzig Kilo. Sie gaben mir Briefe für Onkel X und Onkel Y, und so überschritt ich die Grenze vom russischen Polen nach Deutschland – was damals noch ein Zufluchtsort war, verstehst du, ein Ort des Lichtes und der Freiheit – und fuhr mit dem Schiff nach England. Ich aß wie ein Schwein, wie ein echtes Schwein, und achtete nicht auf koscher. In London lieferte ich meine Briefe ab und stellte fest, daß ich ein Kurier für den sozialistischen ›Bund‹ gewesen war. Mit zwölf ein Held der Arbeiterklasse. Darum haßte ich die Schurken. Wenn die Russen mich gefilzt hätten, säße ich heute in Werchojansk und nähte da Knöpfe an Latze.«

 

38

Und der Krieg, immer wieder der Krieg, Echos, Erinnerungen. An einem regennassen Abend sagte Benny: »Also schwärmten wir aus den bauchigen Schiffen und stellten Zelte auf an der Küste des weindunklen Meeres. Eisenhower, der König der Männer, führte uns, und der listenreiche Montgomery ließ sich Zeit an der Flanke.«

»Was ist das nun wieder? Eine andere Landung?«

»Eine andere Landung. Es war nicht schlimm da, wo ich war. Schlimm wurde es erst später. Überwiegend stumpfsinnig. Außer am Schluß. Was für ein Flugzeug war das? Wo ist der kleine Kerl?«

»Vielleicht hat er dir das Leben gerettet.«

»Oder vielleicht bin ich seinetwegen zusammengeschossen worden.«

»Du könntest an die UNRRA schreiben«, sagte Jacob fest.

»Ja. Oder vielleicht nein. Vielleicht sollte jeder seinen eigenen Weg gehen und nicht zurückschauen.«

»Vielleicht hast du ihm das Leben gerettet«, sagte Jacob. »Ich weiß zufällig, daß du nach Ansicht der Chinesen damit für ihn verantwortlich bist.«

Benny dachte nach. »Ich werde schreiben. Eine Nadel im Heuhaufen.«

»Du weißt seine Nummer. Ich werde feststellen, ob es Zeitungen für die Lager gibt, mit Suchanzeigen. Isaac weiß so was. Ein Spendenbeschaffer.«

»Was für eine Familie«, sagte Benny. »Alles da, bis auf ein schwarzes Schaf.«

»Wir zählen auf dich. Wie heißt das? Ein Wüstling. Benny der Wüstling.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte Benny. »Du bist ein ganz schön unmoralischer Patriarch, Old Jacob.«

»Das kommt von dem Ringen mit dem Engel«, erklärte Jacob. »Er hat gefoult, warum also sollte ich moralisch sein?«

»Unmöglich! Blasphemie!«

Jacob schnaubte. »Er rührte das Gelenk seiner Hüfte an; und es ward über dem Ringen verrenkt.«

»Hübsch«, sagte Benny.

39

»Rauhe Sitten waren das damals. Elias. Tötete hundert Männer, nur um zu zeigen, was für ein toller Kerl er war. Und die Frauen? Die Kinder?«

»Ich möchte wissen, wie viele da zusammenkommen«, sagte Benny. »Ich wette, alle, die in der ganzen Bibel getötet wurden, sind nur zehn Prozent von denen aus den letzten fünf Jahren.«

»Fortschritt. Das ist der Fortschritt. Das Schlimmste liegt noch vor uns.«

»Immer«, sagte Benny. »Ein paar von diesen Generalen wollen mit Bomben auf die Russen los. Diese armen gottverdammten Russen.«

»Generale!« sagte Jacob. »Old Mendel – du weißt, Mäntel -, der will auch Bomben auf die Russen werfen. Mäntel!«

 

An einem anderen Abend spielte Benny Geige, während Jacob mit einer unverhältnismäßig großen Zigarre den Takt klopfte. Von einem Zigeuner-Nichts wechselte Benny zu dem köstlichen Deutschen Tanz aus dem B-Dur-Streichquartett über, und Jacob seufzte; die Zigarre ruhte. Hierzu pfiff er nicht. Jacob pfiff oft in der tonlosen Art der russischen Oper und wollte nicht glauben, daß seine Melodien nicht zu identifizieren waren. Er liebte Musik blind, und taub, und pflegte seine eigene Neuntonreihe, so daß er zum Beispiel an die Existenz eines französischen Komponisten namens Jackie Bear glaubte, und daran, daß alles im Dreivierteltakt ein Walzer sei (was sonst konnte ein Deutscher Tanz sein?!), daß Benny ein großer Geiger sei und er selbst das absolute Gehör habe. Alles ererbt. »A«, sagte er immer, wenn Benny stimmte, »das ist das A.«

 

An einem anderen Abend sagte Benny: »Es war nicht richtig, mich sie sehen zu lassen. Du hättest sagen sollen: ›Mama ist im Himmel‹, oder meinetwegen auch in Miami, und kommt nicht wieder. Du wolltest zuviel Wahrheit.«

»Was ist zuviel Wahrheit?«

»Zuviel Wahrheit ist es, wenn man von einem Zehnjährigen erwartet, daß er das Tragische mit einem teilt.« Benny betrachtete seine kalte lange Zigarre. »Es wäre mir lieber gewesen, 40wenn ich sie als jemand oder etwas Warmes und Weiches in Erinnerung hätte behalten können, ganz aus Liebe und Essen und Trinken. Nicht kahl und delirierend, nicht totenbleich und mit Armen wie Spatzenbeine.« Er sah weg, tastete nach Streichhölzern.

»Ja«, sagte Jacob, »so geht es mir auch. Wie war sie hübsch, als ich sie kennenlernte; des Pfandleihers Tochter. Zu der Zeit war der Pfandleiher ein großer Mann – mit Besitz, Geld, Juwelen, sogar einem Metalltresor. Sie war, wie ich mir immer Frauen in früheren Jahrhunderten, im goldenen Zeitalter vorgestellt habe. Eine große Frau«, Jacobs Augen waren feucht, und Benny fummelte mit seiner Zigarre herum, »appetitlich, nach Brot duftend, nicht mal im Kino fühlte sie sich wohl. Sie war am liebsten zu Hause. Die Oper liebte sie, ja, aber da zappelte sie und sah sich um, immer gewärtig, daß ein uniformierter Schließer käme und sie vertriebe. Im Pelzmantel war sie eine Hochstaplerin.«

»Ich weiß noch, wie sie ihren Ring verloren hatte. Es war das erste Mal, daß ich beleidigt war.«

»Du? Warum?«

»Sie fragte mich, ob ich ihn hätte.«

»Sie hat dich nicht als Dieb bezeichnet.«

»Nein. Ich war sieben Jahre alt. Trotzdem.«

»Mein Gott. Und wie sie dich liebte.«

»Das tat sie.« Benny grinste. »Weißt du noch die Geschichte von Onkel Chaim?«

Jacob war verwirrt.

»Es war eine Geschichte, die sie mir erzählte. Daß ich einen Onkel Chaim in Rußland hätte, der Bergmann in einer Halwa-Grube wäre. Jeden Morgen setzte er die Lampe auf seinen Helm und fuhr im Förderkorb hinunter und schlug große Klumpen Halwa los.«

»Mein Gott, das hatte ich vergessen. Und er lud sie auf kleine Wagen, und wenn sie herauskamen, wickelte jemand anders sie ein. Wer wickelte sie ein?«

»Tante Gittel. Wenn ich eine Schachtel aufmachte, suchte ich immer nach einer Nachricht.«

41

»O ja, sie war eine gute Frau.«

»Ich weiß. Sie fehlt mir.« Benny paffte, nachdenklich; er überlegte, was es eigentlich war, was er vermißte.

»Ja. Du wirst dir selbst eine Frau suchen.«

»Ha! So schnell noch nicht.«

»Na gut. Du hast deine Mädchen.«

Und du? hätte Benny gern gefragt, ließ es aber. Dieser einsame Vater. Wer weiß? Vielleicht hatte er eine Mittagspausen-Romanze. Eine Freundin in der Soundso-Straße. »Ich mag Mädchen«, sagte er.

»Und die Mädchen mögen dich«, sagte Jacob zufrieden.

»Manche.«

»Die, die Latein können.« Sie lachten. »Was hast du da eigentlich?«

Benny benannte seine Zigarre. »Ich hab einfach auf die Kiste gezeigt und ein paar gekauft.«

»Ein Strick«, sagte Jacob. »Kauf sie nie in Drugstores. Ich geb dir eine Adresse auf der 7. Avenue, da kannst du dir welche anfertigen lassen. Das wenigstens will ich zu deiner Ausbildung beisteuern.«

»Danke. Jetzt einen kleinen Kirsch?«

»Gut«, sagte Jacob. »Der einzige von den Ärzten, der wußte, was da nicht stimmte, war ein Inder. Er sagte es auf Anhieb. Die anderen hatten wohl Angst. Ich weiß noch, wie er mir in die Augen sah, ein kleiner Kerl, meine Größe, und er hatte braune Augen, wie ich, und lockiges Haar. Er sagte, es gäbe keine Hoffnung für sie, und es war, als wären er und ich uns in einer Wüste begegnet und als spräche er von der ganzen menschlichen Rasse. Ich hab mich in meinem ganzen Leben nicht einem Fremden so nahe gefühlt. Hattest du in Paris einen guten Arzt?«

»Nein. Sie waren alle so fröhlich.«

Jacob ächzte und sagte unvermittelt: »Das ist gut, das mit den Mädchen«, und heftig: »Das ist gut. Sei ein Liebhaber. Sterben kannst du später immer noch. Tu, was ich dir sage, Benny. Sei ein Prinz.«

Benny grinste diesen Franz-Joseph an und sagte: »Seinem 42Vater zu gehorchen muß das Ziel jedes ergebenen Sohnes sein.«

»Junge, Junge«, sagte Jacob. Seine braunen Augen glänzten. »Was für ein Redner. Prosit!«

»Prosit«, sagte Benny. Und so verbrachten sie den Winter.

43

3

Bennys Finger, schneller als seine Augen, machten Abstriche, fühlten tobende Pulse, führten große und kleine Auskultation durch, als Amateur und als Profi: die Finger eines Geigers. Aber als er zum ersten Mal gynäkologische Aufgaben an einer weiblichen oder ehemals weiblichen Leiche verrichten sollte, mußte er würgen. Rospos hatte sich schon mehrfach übergeben; der Anblick von einem Stück Darmgeschlinge beleidigte sein altattisches Zartgefühl. Sie waren gnadenlos: »Damit haben deine Vorfahren gewahrsagt.«

»Nie!« Rospos war groß, blaß, schwarzhaarig, unerhört gutaussehend. »Höchstens von Hühnern. Bedaure, meine Herren, Sie haben einen Vegetarier vor sich.«

»Den Vollkommenen gehört starke Speise«, sagte Dr. Asher. »Sie werden es überwinden.«

»Niemals. Es ist eine Frage des guten Geschmacks. Der Ästhetik.« Rospos kam aus einem Elendsviertel und hatte sich selbst hochgearbeitet; sein Vater hatte einen Eissalon »mit Fliegendreck als Schokostreuseln«, ein rundlicher, ungeschickter Mensch, wie er sagte, dessen Versuch, einen Bananensplit in einer Pappschachtel unterzubringen, seinen Sohn einst zu bitteren Tränen der Beschämung gebracht hatte. Die meisten von Bennys Freunden waren entweder Ausländer oder zweifelhafte Amerikaner wie er selbst. Rospos wohnte mit einem Perser namens Demavin zusammen, dessen Englisch verkümmert zu sein und zu bleiben schien. Sie hatten ihren Spaß mit ihm, wenn er »bore, bore« sagte (in Vorlesungen) oder »Bar? Bar?« (wo warst du?) oder »bare, bare« (die Leichen) oder irgendeine von dem weiteren Dutzend Variationen, während Rospos lachte. Wenn sie Benny sahen, brüllte der Iraner und schrie: »Beer! Beer!« Zwanzig Jahre später verstand Benny. Demavin war dunkelhäutig und klein; er wirkte eher zentralasiatisch als nahöstlich, und sie hatten das Gefühl, daß er dringend benötigtes Schamanentum in die medizinische Praxis einbringen würde.

44

Makkar war Tunesier; er besaß eine Gebetsmatte und benutzte sie auch.

Lin Li-kang kam aus Fukien via Schanghai und erwies sich als beunruhigend begabt. Er wußte mehr von englischer Literatur, deutscher Musik, französischer Kunst, amerikanischem Slang und Kernphysik (was?) als sie alle zusammen. Sein Vater war ein Bankier Tschiang Kai-schecks gewesen, und Lin war während des Krieges nach Amerika geschickt worden, um am Reed College zu studieren. Er war hart und nüchtern: »Ich werde das Barnard College durchlaufen«, sagte er, »wie Mais eine Blaugans.« Er kleidete sich wie ein Filmstar und verwendete Kölnischwasser. Er hatte im Stil alter chinesischer Marinewerften ein wachsames Drachenauge auf jede Seite der vorderen Mittellinie oder des Bugspriets seiner Unterhose gemalt. »Der Jasager«, verkündete er eines Tages, »ist ein No-Stück«, und Benny brauchte eine Woche, um zu kapieren, daß er ein Wortspiel in drei Sprachen gebracht hatte. Für seine praktische Arbeit brachte Lin die Empfindsamkeit und Geschicklichkeit eines Elfenbeinschnitzers mit. Die anderen beneideten ihn und lachten mit, wenn er sie Bauern nannte. Die Frauen, die er ins Studentenheim schmuggelte, gaben eine außerordentliche Sammlung ab. Er und Benny wohnten eine Weile zusammen, und Benny ging meistens in den Gemeinschaftsraum, um zu arbeiten, aber er weigerte sich, auf seinen Schlaf zu verzichten. Lin tadelte ihn und nannte ihn einen verstockten Jesaias. Benny lief nach der Bibel und kam zurück und sagte: »Dies ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr meidet die Hurerei.« – »Das ist christlich«, sagte Lin. »Du bist eine kulturelle Elster. Und was ist mit deinen eigenen Sünden?« – »Fungoo!« sagte Benny. Lin war erschüttert. »Fungoo? Kannst du nicht einmal auf jiddisch fluchen?«

»Ich habe auf der Straße gelernt. Ich bin New Yorker, kein religiöser Fanatiker.«

»Aber fungoo! Du weißt ja nicht mal, was das bedeutet.«

Benny sagte es ihm, aber Lin dachte schon an etwas anderes. »Hab ich dir je von den Juden von Kaifeng-fu erzählt?«

»Du weißt zuviel«, sagte Benny. »Ein verkleideter Japaner.«

45

Lin war ernsthaft beleidig. Benny entschuldigte sich und bat ihn dann fortzufahren, denn er hatte Lin sehr gern.

»Ein Engländer«, sagte Lin, »ein viktorianischer Reisender – du weißt schon, so einer wie Burton, die überallhin reisten -, dieser Mensch geriet nach Kaifeng-fu in Honan und ging auf den Markt, um sich nach Gelegenheitskäufen umzusehen, wie einem Topf oder einem Wandbehang, den man für ein Pfund kaufen konnte und der eine halbe Million wert war. Und er sah einen Verkäufer, der eine Schriftrolle hochhob, und er ging und sah sie sich an, und sie war hebräisch. Der Engländer drehte fast durch vor Begeisterung, und schließlich kriegte er die ganze Geschichte heraus. Hunderte von Jahren vorher war ein Grüppchen Juden von irgendwoanders geflohen und hatte ganz Asien durchquert und sich in Kaifeng niedergelassen. Nach einer Weile wurden sie assimiliert und vergaßen, wer sie waren, aber sie hatten immer noch diese unheimlichen Schriftrollen und Bücher, die niemand mehr lesen konnte. Deshalb ging an jedem Markttag einer von ihnen hin und stand da und hielt die Schriftrolle hoch in der Hoffnung, daß irgendein Reisender ihn aufklären könnte. Und was ganz komisch war, sie hielten immer noch den Sabbat ein. Der lag inzwischen auf einem Mittwoch oder so was, weil der westliche Kalender sich geändert hatte und sich die Chinesen sowieso nicht besonders um Wochentage kümmerten, aber sie hielten ihn ein.«

Benny schwieg, stolz, verwundert, bekümmert; sie saßen eine Weile zusammen, und es war, als wären sie schon vor tausend Jahren Freunde gewesen.

 

Es gab auch einen schwarzen Amerikaner namens White und einen weißen Amerikaner namens Black und einen roten Jugoslawen namens Prpl, der wenn möglich noch ausschweifender war als Lin: Während man Lin selten zweimal mit dem gleichen Liebchen sah, war Prpl ein Muster altmodischer Beständigkeit; er holte übermäßige Kilometerleistungen aus jedem Fahrgestell heraus, und wenn er es schließlich am Straßenrand stehenließ, waren die Lager verschmort, die Kolben festgefressen, die Reifen abgefahren. Er stöhnte und zwitscherte 46und jubelte, und seine Damen mochten das. Er warf Kußhändchen und hatte eine sehr eigene Ausdrucksweise, und Traumfrauen bekamen Grübchen und wurden schwach.

Benny erklärte ihm, daß einige seiner Ausdrück aus den dreißiger Jahren stammten und daß man sie aus Gründen der Zivilisiertheit, nicht der Moral, meiden sollte; Prpl grinste und fragte: »Kriegst du genug?«

Zu der Zeit kriegte Benny nicht viel. Benny arbeitete wie ein Pferd, um später sowenig Menschen wie möglich umzubringen. Er erläuterte dies und wurde verspottet.

Benny forderte Waffenstillstand und arbeitete noch härter. Eines Abends kam er nach einem italienischen Abendessen mit Jacob in sein Zimmer zurück und fand Lin und Prpl vor, wie sie sich gemeinsam mit einem drallen, glücklichen Mädchen vergnügten, dem man selbst nackt noch die Platzanweiserin ansah. Einen Augenblick sah Benny Schulterstücke, Biesen, suchte fast schon nach seiner Eintrittskarte – und dann überkam ihn der Zorn, und er sah die Gesichter von Parsons und Pistol und Bardolph und noch einmal 57359. In unvernünftiger Wut scheuchte er sie ins Treppenhaus; er schleuderte ihnen ihre Sachen nach, verschloß die Tür und stand zitternd da. Er lief durch mitternächtliche Straße und fragte sich, was für ein Jammer auf ewig sein war. Aber am Morgen genierte er sich.

Lin war nachdenklich. »Du bist verrückt. Ein Puritaner.«

»Nein, nein«, sagte Benny in entschuldigendem Ton. »Ganz und gar nicht. Aber da war noch mehr. Sadismus.«

»Sadismus?« Lin war entsetzt. »Wir haben die junge Dame mit Zuneigung nur so überschüttet. Sie ging strahlend nach Hause. In Verzückung. Es war die entscheidende Erfahrung ihrer intellektuellen Existenz.«

»Sie war eine Rinderhälfte, das ist alles.«

Steif sagte Lin: »Du hast mich der Bestialität und Nekrophilie beschuldigt.«

»Ach, hör bloß auf«, sagte Benny. »Ich kann das einfach nicht erklären.«

»Dann zieh bitte in Erwägung, daß du dich möglicherweise zu Unrecht so aufregst. Ein Opfer blinden Vorurteils, das sich 47in der eigenen Frustration windet und in neurotischer Wut zum Schlag ausholt.«

»Danke, Herr Doktor. Und was ist nun mit meinem Nachtripper?«

Benny wurde belohnt; Lin lachte, und seine schwarzen Augen blitzten, das glatte schwarze Haar schwang über der hohen Stirn.

»Vermutlich könnt ihr Chirurgen euch gar keine Gefühle leisten«, fuhr Benny fort.

»Chirurgen«, sagte Lin düster. »Gott sei Dank, daß es noch ein viertes Jahr gibt. Bisher habe ich nur Verbände angelegt.«

»Was willst du hinterher machen?«

»Zurückgehen.«

»Nach China?«

»Ja.«

»Aber die Roten haben es. Fast.«

»Ich geh zurück.«

Benny dachte über diese Halsstarrigkeit nach. »Es ist unvernünftig. Sie wollen dich nicht, mit deinen Manschettenknöpfen und den englischen Schuhen.«

»Sie werden mich wollen. Ich bin Chinese.«

»Aber Wein und Weib und all das. Ich seh dich nicht als Stachanowarbeiter.«

»Unsinn.« Lin lächelte spöttisch. »Qualität setzt sich durch. Du wirst schon sehen. Ich werde Kommissar.«

»O Gott«, sagte Benny, »du bist ja ein Patriot!«

»Mach dich nicht über mich lustig«, sagte Lin. »Ich würde morgen zurückgehen, wenn ich könnte, und ich will dir auch sagen, warum: nicht weil ich eure billigen Witze über fehlenden Mumm leid bin, sondern weil … Selbst wenn sie einen Japaner ganz oben hätten, wäre China noch immer das zivilisierteste Land der Welt.«

»Daran hab ich nicht gedacht. All diese Mandarins. Fünfhundert Millionen Mandarins. Wer wäscht die Hemden? Kulis aus Indien?«

Lin starrte ihn mit funkelnden Augen an und fluchte wohlklingend auf chinesisch.

 

48

Am Ende seines dritten Jahres ließ sich Benny zur Ehe hinreißen. Ohne jeden Zwang und zu seiner eigenen Überraschung. Er heiratete ein reizendes Mädchen namens Carol und verließ das Studentenheim unter Festen und Feierlichkeiten; er verkündete, daß er hinfort ein Leben der Rechtschaffenheit und Ehrbarkeit führen wolle, und sein kleiner Völkerbund schrie Hussa und warf Reis.

Aber selbst Bürger Beer, Haushalts- und Familienvorstand, war dem feixenden Schicksal nicht gewachsen; sechs Monate später gab es kein Entkommen vor dem langen, knochigen Arm, dem unerbittlich lockenden Finger. Des Schicksals Mittler war diesmal Prpl, seine Saison war der Winter, seine Absicht dunkel. Knochensetzer Benny war eilig auf dem dem Weg zu einem Nachmittag erhabener Urologie (»Sei vorsichtig«, warnte Lin, »nicht das Skrotum totum wegnehmen«), und der Serbe, der schwänzte, erwischte ihn an der Tür: »Party heute abend. Komm rüber. Urlaub vom Familienleben.«

»Eine Party? Ich bin viel zu überarbeitet.«

»Du Sklave!« Prpl nannte die Adresse. »Nach dem Essen. Jederzeit. Die ganze Nacht.« Später rief Benny, der von einem imposanten Schanker aufgehalten worden war, zu Hause an, aß eine Kleinigkeit in der Stadt, kehrte zurück, sah Miss U-Bahn (»hofft Mannequin zu werden, ist tief religiös«), ging frierend zwei Blocks, stieg ein paar Treppen hinauf und landete in einer Massenveranstaltung. Der Lärm stieß ihn ab, und er wußte, er hätte nicht kommen sollen, aber er ließ sich trotzdem den obligaten Whiskey-Soda reichen, bemerkte das obligate Stierkampf-Poster an der Wand, begrüßte den obligaten Schwarzen, den obligaten Homosexuellen, den obligaten Dichter und setzte sich für die obligaten zehn Minuten auf den obligaten Puff zu einem Gespräch mit seiner anstrengenden, wieselhaften Gastgeberin, die freiwillig einen Sari trug. Er winkte Prpl zu, der zwinkerte. Dann wanderte er zwischen Dozenten und Studenten und Betrunkenen herum und strebte eben zu mehr Eis, als er, in einem dämmrigen Flur, der nur von einer roten Birne an der Decke beleuchtet wurde, sich einer Frau gegenüber befand, die er entweder ein Jahr früher oder 49nie hätte treffen sollen. Benny starrte sie an und war zerschmettert. Vielleicht, dachte er verbittert, gab es Gott doch, und er hatte nur so einen koboldhaften Humor. Der Flur kippte, und mit ihm sein kurzes Leben. Freundliche Flammen grillten ihn; seine Knie zitterten und die Kniekehlen kribbelten. Sie stand still. Er auch. Worte schienen unbedeutend. Nach einer Weile rüttelten die Geräusche der Party sie wach. Benny, von höchster, unwiderstehlicher Notwendigkeit getrieben, trat zu ihr und küßte sie. Nur ihre Lippen berührten sich. Er sprach. »Komm.« Sie gingen Arm in Arm wegen der Kälte. Innerhalb von dreißig Sekunden hatte er ihr alles von sich gesagt. »Mir egal«, sagte sie. »Hast du je«, fragte Benny, »folgendes gehabt: Windpocken, Masern, Mumps, Scharlach?« – »1,68«, sagte sie, »118 Pfund«, und als Benny darüber durch ihren Dufflecoat hindurch Betrachtungen anstellte und laut stöhnte: »Wirst du ein Sandwich zur Stärkung brauchen?« – »Du bist verrückt«, sagte er mit Überzeugung.

Um vier Uhr schlief Miss Swinburne. Benny befreite sich von ihr, von dem Bettzeug, von der Decke und zog sich halb an. Er saß wie ein Narr in einem Polstersessel und wachte über sie, als die Dämmerung aufzog. Na ja, alter Gott Abrahams und Isaaks, verwunderte er sich, du hast mich eines Wunders gewürdigt. Kosmisch gesehen ein bißchen zur Unzeit, aber ich danke dir. Benny ist zunichte und ist zu purem Geist geworden. Ich bin leichter als Luft. Ich habe mich selbst gegeben, und es ist nichts übrig.

 

Sie wissen doch, wie die Orientalen ihre Jahre benennen – das Jahr der Ratte und das Jahr des Tigers und so weiter, und daß es da Zyklen gibt, daß sie alle zwölf oder alle zwanzig Jahre wiederkommen. Nun, dies war das Jahr von Nan, und alles andere war Torheit, Bewahrung, Dekor; es war das Jahr von Nan, aber es kam nicht wieder, nicht nach zwölf und nicht nach zwanzig Jahren. Sie hatte kräftiges, welliges blondes Haar und dunkelbraune Augen und manchmal einen sonderbar lockenden, verschlagenen, orientalischen Blick. Ihre Züge im einzelnen betrachtet, war sie schlicht super, aber als Ganzes 50gesehen war sie eine Halbgöttin. Sie kam aus Arizona, aus einer vom rechten Weg abgekommenen katholischen Familie, und wenn sie ein Zimmer betrat, erwartete Benny immer so halb, daß Wände und Möbel schwänden, ohne auch nur ein Regal zurückzulassen, nur Nan auf einer dunkelgrünen Lichtung am Fuß eines Berges am Rande der Wüste, die alle Stunde ein weiteres prachtvolles Kind mit bräunlichem Teint zur Welt brachte, während die Sonne schien und der Regen fiel und das Getreide wuchs und das Vieh sich vermehrte und Paradiesvögel jubelten. Sie zu lieben war wie barfuß durch den botanisch-zoologischen Garten zu wandern, bei 27° Wärme, Luftfeuchtigkeit 50%, verstreuten Federwölkchen und leichter Brise aus Südwest (5 Knoten), mit einer Andeutung von Frühlingsregen und dem süßen Duft von Birnen und Granatäpfeln. Lebensfunktionen: 37°, Puls 72, Atmung 18, Blutdruck 110/70, genau wie Bennys.

Der Halbgott hatte seine Halbgöttin gefunden, und sie ergaben sich freudigen Herzens jedem Demiurg; wenn sie unbekleidet standen, einander durch das halbe Zimmer getrennt ernsthaft anstaunend, feierlich lockend, war das ein Sakrament, der reine Gottesdienst, Anbetung, einer des anderen Gottheit und jeder vollkommen mit der Gottheit verschmelzend; wo die Mystiker versagten, triumphierten sie, wo die Mystiker verloren, siegten sie. Eine Sache der Drüsen, wird Ihnen Ihr netter Hausarzt sagen, aber Benny ist Ihr netter Hausarzt, und er wird Ihnen sagen, daß es nicht das war. Er war fünfundzwanzig, und sie war zweiundzwanzig, und sie hatten nicht alle Zeit der Welt.

 

Selig sind, die da im Fluge lieben, denn sie kennen keinen Überdruß. Sie hatten kaum einmal mehr als einen halben Abend zusammen, oder eine Nachmittagsstunde. Ihre Brüste waren zu voll und hingen eine Spur; das erregte Benny ganz unmäßig, und er sah sie als wahre Göttin an, altgriechisch, nicht Botticelli, fruchtbar, heiß, voller Hormone, Nektar, Ambrosia, Götterblut. Sie verdrehte ihn: Sie erwartete ihn nackt, und wenn sie sich geliebt hatten, genoß er es, sie zu bekleiden, 51sie zu schmücken mit Zierdeckchen, Sofaschonern, Tischdecken, seinem eigenen Pullover, seinen Khakihosen. Sie liebten sich historisch und idyllisch, tragisch und komisch, auf Betten, Sofas, Stühlen, dem Küchentisch, dem Teppich, dem nackten Fußboden, stehend, sitzend, in Bauch- oder Rückenlage, aus dem Fenster sehend, beim Abwaschen. Kinder! Sie war schnell gereizt und gierig, sie rächte sich heftig an ihren frühen Jahren, ihren Eltern, der heiligen Jungfrau Maria, und manchmal schien es ihm, als erlebte er eine gespenstische Anti-Moralität: Jedermann Beer, Bürger, Doktor, Edelmann, trifft Hexe Swinburn, und sie machen sich daran, das Register der Orgasmen erschöpfend zu behandeln, während sie auf die Geburt Gottes oder des Teufels warten, der nie geboren wird; die Jahreszeiten wälzen sich vorwärts, und Benny und Nan ebenfalls, und da ist weder Vergeltung noch Vergebung.

Aber öfter war es schlicht ulkig, gewöhnlich, erstaunlich, eine Folge von Kurzwitzen aus einem (zu Recht) verbotenen Magazin. Passend illustriert. Geschmacklos. Aber für Liebende? Zum Brüllen. Keiner der Sinne blieb unbeschäftigt. »Ich kann keinen der Sinne vorziehen«, sagte er. »Wenn ich dich sehen, aber nicht berühren könnte, würde ich verrückt werden. Wenn ich dich berühren, aber nicht schmecken könnte, würde ich verrückt werden. Ich mag deinen Geruch, und ich mag deine Stimme. Ich werd wahrscheinlich sowieso verrückt. Ich hoffe nur, wir bringen uns nicht selbst um.« Kinder!

Lebensrettend für ihn waren die Äonen ohne sie: im Unterricht, in der U-Bahn, in der Klinik, zu Hause (zu Hause, o ja, wichtige Dinge). Benny starrte auf einen Abstrich (Gonokokkus), ein Poster (Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend), eine Bücherwand, eine Schüssel mit Bohnen oder eine tote Maräne, und immer sah er darin oder darunter verschwommen, flimmernd, beharrlich die Züge seiner Liebe, das immer wieder vergessene unvergeßliche Gesicht, die Brauen, die Nase, den Mund, der verschmolz und in den von Irene, Felicia, Marian, Frances überging: Nan, Nan, komm zurück. Er dachte an Athene, die in menschlicher Gestalt auftauchte; er wünschte einem Hausmeister guten Tag, fuhr mit einem berühmten 52Geburtshelfer im Aufzug, bestellte bei einem pickligen Mixer ein Sandwich und überlegte, ob einer von ihnen Nan war. Er liebte alle.

Manchmal war er auch traurig. Sie ebenfalls. »Ich wollte, wir hätten noch ein Leben«, sagte er. »Nein«, sagte sie, »nicht!« Und er wußte, daß sie an Fred dachte oder versuchte, es nicht zu tun. Fred war ihr Verlobter, und sie liebte ihn. In Arizona. Fred Wilcox. Eigentlich Alfred. Fremdländisch wie ein früh-englischer König. Sie liebte ihn. Sie hatten Ekstasen, den Akzent, die Geographie und Mathematik gemein (sie war graduierte Studentin der Statistik). Aber im Augenblick war das kaum von Belang. Aber. Darum. Folglich. Nichtsdestoweniger. »Wir liefern alle immer so verdammt viele Begründungen«, sagte sie. »Ich nehme an, das kommt von der Bibel, all diese Geschichten, als ich neun war. Jetzt hab ich einen eigenen großen schwarzen Hebräer. Kommt gleich nach einem schönen Neger.« Benny war schockiert, erholte sich aber schnell. Seine Erfahrung mit Herrenrassen war nicht ermutigend. Er malte sich aus: Er selbst mit einem schwarzen Mädchen. Sie war eine Hausangestellte. Gewissenhaft gab er ihr andere Beschäftigungen, aber zu seiner Beschämung drängte sein Denken sie immer wieder in die Knechtschaft. Er sah sie beim Staubwischen und hob ihren Rock. Bestürzt ob seiner Treulosigkeit knabberte er an Nan. Seinem saftigen rosa Schweinchen, seinem Arizona-Schinken.

Nan fürchtete das unwiderrufliche Wort und sagte nie, daß sie Benny liebte. Sie sagte alles mögliche andere: verlangen, anbeten, brauchen: Geschwätz. Auch Benny enthielt sich der Beredsamkeit, aber es brach aus ihm heraus: »Gott! Wie ich dich liebe!« Und ihre Traurigkeit zog sich nie lange hin. Zweiundzwanzig, fünfundzwanzig – was sonst war wichtig? Sollte etwas wichtig sein? Jubel, Trubel, und was kostet die Welt!

Die Akrobatik! Im Mittelkreis schwankt und wirbelt Beniamino, er schwingt sich von Ring zu Ring, in Schleifen und Drehungen und Kreiseln und Kunstsprüngen, er grinst wie ein Seehund und bellt und schnüffelt ebenso, er späht durch blonde Schluchten, Abgründe und Dickichte auf ein Brustbein, ein 53Schlüsselbein, ein Lächeln, eine Zeile von Wirbeln, die im Gänsemarsch hintereinander über eine bräunliche Wüste auf einen bräunlichen Nacken ziehen. Und Nan, die die Flanken von Ben Beer erklomm, errötete. Moral? Oder Anstrengung? Errötete hier, errötete da, war rosa und weiß kariert und gefleckt … »Dein Bart«, sagte sie, und er rannte hin und rasierte sich. Manchmal war er Benny der Seefahrer, der unerschrocken beide Hemisphären durchstreifte, stampfend und rollend und gierend, stoßend und unter raumem Wind gleitend, staunend innehaltend, um seine Position zu überprüfen (himmlisch! Mast und Kiel!), als wäre er der erste, der je in die schweigende Sie getaucht wäre; dann verstummte das Lachen, und die Wogen stiegen hoch und trafen auf den schwarzen Himmel. Einmal war er Benny in Martern (er: fürs Leben ruiniert; sie: der erste feine Sprung der Gleichgültigkeit), fing sich aber wieder. Das erschreckte ihn. Er hatte von einem ernsthaften Kollegen gehört, daß jeder Mann nur genau dreitausend Beischläfe hätte; sollte er ein oder zwei fürs Alter aufheben? Nicht doch! Auf und voran, Herr Doktor!

Kinder! Und doch bemühten sie sich um Ehrbarkeit, als benötigten sie dringend die Bestätigung durch eine objektive Außenwelt. Sie redeten. Sie sprachen von Gott und Politik und Sport, von Büchern und Filmen. Sie sprachen über ihre und seine Familie, über ihren und seinen Körper, über ihr erstes Mal (im Ford) und sein erstes Mal (im Keller). Sie aßen Brot und tranken Milch. Einmal gingen sie in ein Restaurant. Benny war bezaubert und entsetzt über diese Ausländerin, die Eier mit Ketchup überschwemmte, Kaffee soff und Tee verschmähte. Sie versuchten Kino und fanden das Leben in der Öffentlichkeit unerträglich: »Kino!« stöhnte er. »Dafür ist keine Zeit. Ich bin nur übermenschlich, nicht omnipotent.«

»Na, ich weiß nicht recht«, murmelte sie, und das vertrieb ihnen eine weitere Stunde und nahm Benny ein paar Lebensjahre. »Maler würden für dich sterben«, sagte er, »Bildhauer würden für dich töten.« – »Einmal haben sich zwei Jungen meinetwegen gehauen«, sagte sie. »Wir waren sechzehn. Ich habe es sehr genossen.« Er erzählte von seinen Narben, von 5457359. Fred hatte in der Navy gedient, das erzählte sie ihm bald, und auch von Freds hervorragenden Leistungen in Boolescher Algebra und so, und von dem baldigen Dr. phil.

Sie bewegte sich mit ernster, rührender Anmut (die sie eines Tages verlassen würde), mit sanft schaukelnden Brüsten (wie er sie liebte!), deren große rosige Warzen ihm fast zuzuzwinkern schienen, während er beglückt zusah; im übrigen war sie fest und wabbelte nicht. Er trat gern dicht hinter sie und nahm eine Brust in jede Hand und drückte sich an ihre üppigen Hinterbacken, bis ihm die Hitze aufstieg; wenn sie seine Kraft fühlte, drehte sie sich um und drängte sich an ihn und suchte seinen Mund. Das Küssen an sich war ein Liebesabenteuer, ein endloses Saugen, Suchen, Knabbern, Kauen; er sagte, es sei, als küsse man einen Korb Aale, und sie meinte, Aale seien wesentlich für ein gutes Smörgåsbord. Sie ertranken einer in den Flüssigkeiten, Säften, Nektars des anderen. Aber sie trennten sich immer mit einem sanften, zahmen Küßchen wie ihrem ersten Kuß, als ob jede Trennung die letzte sein könnte, als teilten sie (und es stimmte, es stimmte) den zarten Schmelz des Vorherwissens.

Der Frühling kam und zermalmte sie. Die Tage flogen dahin. Das Ende lag über ihnen, und keiner wußte, wie es kommen würde. Für sie der Magister und Arizona. Für ihn der Dr. med. und mehr, viel mehr. Ende Mai verließ er sie auf zwei Tage, um bei einer Entbindung von außerordentlicher Bedeutung anwesend zu sein. Er lief mit den anderen im Wartezimmer auf und ab und kaute Zigarren, blätterte in Zeitschriften, löste Rätsel und ging die Quartette durch. Als alles vorbei war, rief er sie an. Sie saßen in einer kleinen Oase am oberen Broadway, einem winzigen Park, der von alten Männern mit Kröpfen und Spazierstöcken bevölkert war. Diese alten Männer saßen den ganzen Tag in der Sonne. Sie trugen Krawatten, und ihre Gesichter waren grau; die Sonne selbst überging sie. Busse dröhnten.

Sie fanden eine Bank für sich allein. Die Sonne strahlte, ein schwacher Duft von Saft und jungen Blättern machte die Luft weich. Kleine Hunde tollten und zerrten an ihren Leinen. Eine 55ältere Frau saß auf der anderen Seite des Weges und las ein Revolverblatt.

»Was ist es?« Sie saß steif auf der grünen Bank, ihr Haar sah im Sonnenlicht fast weiß aus.

»Ein Junge.«

»Alles in Ordnung?«

»Alles in Ordnung.« Benny berührte ihr Haar.

»Nein«, sagte sie.

»Ja«, sagte er, »nein.«

»Ja«, sagte sie und wandte ihm ihr Gesicht zu. Mit heißen Augen sahen sie einander an, und das Universum schmolz.

Dann küßten sie sich, mit einem keuschen, langen, zärtlichen, vernichtenden Kuß; der Himmel stürzte herab, und sie stand auf und ging fort. Sie überquerte eine Straße. Sie bog um eine Ecke. Sie war weg.

Es war ein großartiges Jahr gewesen, aber Benny war mit einem reizenden Mädchen namens Carol verheiratet, und den Jungen nannten sie Joseph.

56

4

Ihr Name war Carol Untermeyer, und sie war die Tochter von Professor Dr. med. Amos Untermeyer, Fellow of the American College of Physicians, einem berühmten Internisten, und seiner Frau Sylvia. Der Professor war rosig und zart gebaut, mit federndem Gang, er maß sich nervös selbst den Puls in der Öffentlichkeit, trug eine Brille und einen eleganten schmalen Schnurrbart; Sylvia wirkte eher ägyptisch, pummelig, gutartig, normal bis auf ein gelegentliches ironisches Aufblitzen in ihren herrlichen Fayum-Augen.

Benny und Carol waren sich in einem Krankenhaus begegnet, wo Amos einmal die Woche vormittags unterrichtete. Benny kam aus einer gehaltvollen Vorlesung über Unterfunktionen der Milz und hätte auf dem Korridor fast ein kleines Mädchen umgerannt. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er und hielt an, konzentrierte den Blick, wurde aufmerksam und setzte hinzu, »meine Süße.« Sie war tatsächlich süß, schwarzhaarig, mit dunkelblauen Augen und fesselnden Zügen. Er sah außerdem, daß sie um die zwanzig sein mußte, mit augenfälliger Brust und schmalen Hüften.

Und festem Blick. »Ihre Süße?«

Benny nickte ernsthaft. »Darf ich Sie zum Dinner einladen?« Er hielt Ausschau nach einem möglichen Ring, fand keinen und entdeckte die vollen Lippen.

»Daddy«, sagte sie, »kann ich mit dem hier essen gehen?«

Benny fuhr zusammen wie ein Dieb und drehte sich um.

»Was? Zum Essen?« Amos Untermeyer blinzelte hinter seiner Hornbrille und sah Benny verdrießlich an. »Warum nicht? Welcher sind Sie?«

»Benjamin Beer. Drittes Jahr.«

»Ah, ja. Anaplastische Zellen. Ein dummer Fehler, mein Junge. Sie können ein Adenom nicht von einem Adenosarkom unterscheiden und wollen meine Tochter zum Dinner ausführen?«

57

»Verflixt«, sagte Benny, »Sie wissen davon.«

»Conklin hat es mir erzählt. Sagte, Sie wären nicht schlecht.«

»Danke.« Gott segne Conklin.

»Sie sind ein Freund von dem Chinesen?«

Benny nickte.

»Der wird es weit bringen. Na gut. Ich bedaure, hören zu müssen, daß Sie Zeit haben, junge Damen zum Essen auszuführen. Ich hab die nicht.«

Sie lachten alle, und der Professor eilte davon.

»Vorname?« sagte Benny.

»Carol. Aber keine Vertraulichkeiten.«

»Verehrte Miss Untermeyer, ich hebe alles für die richtige auf.«

 

An dem Abend führte Benny Carol zum Dinner in die Auberge des Bergers. »Romantisch«, sagte er, »idyllisch. Hätte ich in Lederhosen und Hosenträgern erscheinen sollen?«

»Der Chef heißt so«, sagte sie, »Sid Berger.« Sie trank Wermut und rauchte eine Zigarette; dabei suchte sie den mit künstlichen Kerzen erleuchteten Raum mit verzweifelten, leeren Blicken ab, als suchte sie eine Berühmtheit, schob ihr Besteck hin und her und tastete nach ihrem glatten schwarzen Haar. Ihre Brauen waren auch schwarz, und dick; ihr Stirnrunzeln war ausdrucksvoll. Sie trug dunkelblaue Wolle und saß verkrampft, unnachgiebig da und sprach, als nähme sie seine Gegenwart nur oberflächlich wahr. Benny hielt weltmännisch Abstand. Sie machte ihr letztes Jahr im Hunter College. Vielleicht würde sie studieren, Genetik. Drosophila. Die Humangenetik würde vielleicht eines Tages Manipulationen erfordern. In ihrer Freizeit hatte sie als Labortechnikerin gearbeitet. Ohne Prüfung. »Penny-Pathologie. Daddy war sehr zufrieden. Warum bestellen Sie hier Leberpastete?«

»Wenn die Paté maison gut ist«, sagte er, »kann man sich auf alles andere auch verlassen. In einem amerikanischen Restaurant ist geschnetzeltes Rindfleisch das Gütezeichen.«

»Sie blies verächtlich Rauch aus. »Ein Connoisseur.«

»Pferde und Frauen.«

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»Ich wußte es«, sagte sie müde und sah sich nach anderen Paaren um; sie hätte eine übersättigte Erbin auf einer Mittelmeerkreuzfahrt im Erster-Klasse-Speisesaal sein können.

Benny beschloß zu schweigen; er brütete über seinem Whiskey, schnorrte eine ihrer Zigaretten und rauchte sie ohne Geschmack daran, dachte an anaplastische Zellen, an lateinamerikanische Lieder, an Prpl, der sogar diese Neurotikerin bezaubern würde. Sie hielt die Oberarme eng an den Körper gelegt und gestikulierte von den Ellbogen aus. Pflichtgefühl mahnte ihn; er suchte nach Small talk. Politik: Gab es etwas Kleineres? Ach zum Teufel. Sie hatte bestimmt ihre Tage. »Lächeln Sie«, sagte er.

»Bestellen Sie noch Wein. Erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Flaschen.«

»Oh!« Seine Besorgnis war echt, und ihr Blick wurde weicher. »Sie haben gerade eine Enttäuschung hinter sich?«

Sie zeigte Kummer und nickte.

»Ich werde Respekt und Mitgefühl beweisen«, sagte er, »aber es heißt: ›Erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Äpfeln.‹ Soll ich einen Apfel bestellen?«

Jetzt lächelte sie. »Ich habe Ihnen den Abend verdorben.«

»Nein. Das wäre unmöglich.«

»Wie galant.«

»Es ist ein Glückstreffer«, sagte er. »Sie hätten verlobt sein können, oder jemandes Geliebte. War es ein Medizinstudent?«

»Nein«, antwortete sie, und jammerte dann: »Es war ein gottverdammter Basketballspieler aus New Jersey!«

Jetzt waren ihre Augen feucht. Mitleidig, aber mehr noch verlegen, starrte Benny auf den Boden seines Glases. Jugendliche Schwärmereien waren an ihm vorübergegangen; als Kind der Straße und Vögler mit fünfzehn waren ihm die erhabeneren Qualen des jugendlichen Herzens versagt geblieben; da ihn pausenlos die Blitze der Begierde verbrannten, hatte er Sex gesucht und über Romantik gespottet. Er riskierte einen Blick, und es verschlug ihm den Atem – die kindliche Verletzlichkeit auf dem traurigen Gesicht, in den dunkelblauen Augen. Und dabei war ihr Kummer so unbedeutend. Oder war Leiden ein 59Absolutum? Einen Augenblick stand 57359 in seiner gestreiften Sträflingskleidung neben Miss Carol Untermeyer, die sicher im Winter Pelze trug. Ihre Augen waren groß, ihre Nase gerade, es war ein warmes, hübsches Gesicht mit einem großherzigen Ausdruck, und sie war verletzt worden. Von einem gleichgültigen, verschwitzten Athleten, bestimmt mit Bürstenhaarschnitt und lautstark, der in Momenten des Erfolges seine Mannschaftskameraden küßte. Für den Augenblick war sie durch ihren Kummer definiert. Was für Leiden hatte Benny anderen zugefügt, ohne es zu merken?

Er ergab sich unsicher einem neuen, verwirrenden Gefühl.

»Wie ist die Paté?« fragte ihn Carol.

»Gut. Wollen Sie probieren?«

»Nein. Paßt nicht zum Hecht. Oder was das hier ist. Wo haben Sie Französisch gelernt?«

Benny war beleidigt. »Aber ich spreche nie französisch mit Kellnern.«

»Aber so wie Sie Quenelles aussprachen. Kennel?«

»Quenelles. Ich war eine Weile in Frankreich.«

»Was machen Sie dabei für ein Gesicht? Es war doch bestimmt hübsch in Frankreich. Das bescheidene Leben der Unterschicht in Paris. Ich wette, die Touristen haben Sie durchs Schlüsselloch beobachtet.«

»Ich hatte eine hundsmiserable Zeit in Frankreich.« Er erzählte es ihr. Während er sprach, wanderte sein drittes Auge über sie, strahlend, unstillbar, männlich. Ihre kleinen Zähne waren sehr weiß, die Haut an ihrem Hals fest; sie war hochbrüstig, ein bißchen konisch gebaut vielleicht, und er überlegte, ob ihre so eng angelegten Arme, die leicht hängenden Schultern, die weitsitzende Taille wohl eine Verteidigung waren, eine Mißbilligung ihrer selbst. Ihre Figur würde sich wahrscheinlich gut halten. Er fragte sich, was für eine Figur ihre Mutter wohl bewahrte, die kannte er noch nicht. Er sprach noch, als die Koteletts schon vor ihnen standen und der Bordeaux eingeschenkt wurde.

»Das ist hochinteressant«, sagte sie. »Nicht einfach dieser Kriegsfilm-Kitsch. Und Sie haben keine Ahnung, wer er war?«

60

»Keine.« Zweieinhalb Jahre seines Lebens: Kriegsfilm-Kitsch. Er hatte die Welt für sie gerettet.

»Oder wo die Hundemarken geblieben sind?«

»Keine.«

»Sie müssen ihn suchen.«

»Wir haben es versucht. Wir bleiben dran. Es ist, als hätte man einen Zwillingsbruder, den man noch nie gesehen hat. Was ist er jetzt? Diktator in irgendeinem kleinen Land. Bankräuber in Australien. Ein Verrückter, der sich in Hamburg versteckt und Ex-Nazis ermordet. Und in zehn Jahren bekommt man dann heraus, daß er Lebensmittelhändler in Israel ist. Oder Leichenbestatter.«

»Nein, nein«, sagte sie, »ein Gelehrter. Ein Fachmann auf dem Gebiet der Enzyme. Das nächste, was man von ihm hört: der Nobelpreis.«

Benny brach in schallendes Gelächter aus, und sie lachte mit; und über den Tisch hin blühte fast sichtbar Zuneigung. »Du jüdische Mama«, sagte er.

»Bin ich das?« Sie überlegte kurz.

»Oha«, sagte Benny, »da draußen ist eine große, große Welt, die wartet nur auf Genetiker. Obwohl …«

»Obwohl!« Sie nickte vergnügt. »Na, wer weiß. Wir müssen das nicht heute abend noch entscheiden.«

Bennys Hand stolperte; er verschüttete einen Tropfen Wein. »Wir? Was entscheiden?«

»Ach du lieber Himmel!« sagte sie. »Das meinte ich doch nicht.«

»Diese Faszination, die von mir ausgeht.« Er grinste liebenswürdig, sprach leichthin. »Ihn kennen heißt ihn lieben.«

Sie schniefte. »Ich werde nie wieder lieben.« Und dann verblüffte sie ihn mit einem Zwinkern. »Aber du hast meine bitteren Tränen getrocknet.«

»Ein guter Anfang«, sagte Benny.

 

Vom Wein entspannt lachte Carol herzlich, als Benny erzählte, wie Jacob vor Jahren die weiße Mittellinie im Holland-Tunnel erklärt hatte: »Für Radfahrer.« Sid Berger hörte das Lachen 61und kam, sie zu begrüßen, angenehm beleibt und aufgeräumt, kahl werdend und mit vortretenden Adern. »Guten Abend, Miss Untermeyer.« – »Hallo, Sid! Sid Berger, Benny Beer.« Sie schüttelten einander die Hand, und Benny sah, wie sein Gesicht, Name, Anzug und Eßgewohnheiten gespeichert wurden. Sie sprachen ein paar Worte miteinander, dann – »Meine Empfehlung an den Herrn Doktor und Ihre Mutter« – ging Berger wieder, und gleich darauf kam Schnaps umsonst (sagte er), eine Gabe des Hauses (verbesserte sie).

»Mein Vater ist in Wirklichkeit ein netter Kerl«, sagte sie. »Erfolgreich und ein bißchen zu bedeutend, aber ein netter Kerl. Meine Mutter ist komisch. Sie ist so normal, daß man sich fragt, was mit ihr ist. Sie liest die Bestseller und arbeitet für irgendwelche Organisationen. Eine geborene Abravanel, du weißt schon, die berühmten Sepharden. Hat sich zu den Untermeyers herabgelassen.«

»Die sich zu Beers herablassen. Ehre deinen Vater und deine Mutter, Kindchen.«

Kindchen. Natürlich, sie war jung. Ein nettes Kind, aus Fleisch und Blut, bloß ein bißchen klein für ihn; er würde sie weniger umarmen als einschließen. Während sie plauderte, dachte er an die Liebe mit ihr, und das Klimpern und Summen in dem kleinen Restaurant gab die Untermalung ab für den Flug seiner Phantasie: Sie würde Zärtlichkeit brauchen, Feingefühl, einfache körperliche Zuwendung. Überrascht erinnerte er sich, daß er – mit Ausnahme von ein paar nicht überzeugenden Vorstößen – nie ein jüdisches Mädchen geliebt hatte. Der Brauch: Sie sparen sich auf.

Die Wandmalerei war scheußlich, ekelhaftes Braun, Blaurot, Magentarot, mißgestaltete Schafe; seine Augen nahmen sie verdrossen auf, wie sein Gaumen die überwürzten Muscheln aufgenommen hatte und den berühmten Burgunder eines schlechten Jahrgangs. Und dann diese anderen, seltsam eisernen Frauen mit ihren offenbar verdauungsgestörten Schäfern: Wie viele Pfund Fleisch hatten sie alle zu sich genommen, welche Säuren schäumten im Innern, welche Gase drückten? Und Carol. Carol machte ihm Spaß. Eine neue Freude: eine verdächtige 62Glut. Stammesbande? Leben im Zelt, unter sprenkligem und buntem Vieh.

»Du hörst nicht zu!«

»Nein. Ich hab über uns nachgedacht. Darf ich eine Zigarre rauchen?«

»O je! Nur zu!«

»Handgefertigt. Vierzig Cents.«

»Vierzig Cents, Donnerwetter. Was meinst du, was das Dinner kostet?«

Er genoß den gehaltvollen Rauch. »Du wolltest hierher.«

»Das riecht gut«, sagte sie. »Es tut mir leid, wenn ich mich gemein anhörte. Letzte Woche wollte ich sterben.«

»Basketball! Bist du schwanger?«

»Ob ich …« Sie lehnte sich zurück und wurde unzugänglich. »Was denkst du, was für eine ich bin?«

Er lachte. »Eine Charakterdarstellerin. Du hast im Kino gelernt zu reden.«

»Ach, schon gut.« Sie lächelte kläglich. »Aber schwanger bin ich selbstverständlich nicht. Das war eine Beleidigung. Ich bin ein anständiges Mädchen.«

»Wenn du nicht mit ihm geschlafen hast«, sagte Benny, »ist es nicht so tragisch.«

»Ein Mann von Welt«, sagte sie. »Und eine Jungfrau läßt dich ihre Hand küssen.«

Er gab ihr dann einen Gutenachtkuß, kühl und sanft, und beließ es dabei. Am Bahnsteig der U-Bahn rettete er einen Betrunkenen davor, auf die Schienen zu stürzen. Der Betrunkene knurrte, grob, schroff, weißhaarig. Geduldig brachte ihn Benny an Bord. Ein Pärchen, Teenager, döste, der Junge mit schwarzer Krawatte und nach Parfüm stinkend, das Mädchen im gelben Ballkleid und mit einer Gardenie. Benny erinnerte sich an seinen leidenschaftlichen Wunsch, zweiundzwanzig zu werden. Sein Kopf war voller Musik, im Takt zu dem Klappern der Räder. Die Themen liefen ineinander: Alter, Schule, jetzt diese Frau. Ehe, Wärme, Suppe. Ein Ende und ein Anfang: Der Benny, der war, Benny der Junge, verblaßte schnell; Benny, der sein wird, Benny der Mann, Arzt, Vater, steigt auf 63aus einem Meer von Verwandten, Klassenkameraden, Hoffnungen und bricht auf zu den auf keiner Karte verzeichneten Wegen eines fremden Landes. Bürger Beer. Der unerbittliche Schmutz von U-Bahnen.

Er verlagerte das Gewicht und spürte einen Anflug von Begierde; mit den Lippen wanderte er über Carol; er träumte. Das war auch ein Leben, vielleicht das Leben, das ihm das Schicksal zugedacht hatte. Komisch: als ob eine Entscheidung getroffen worden wäre. Von wem? Von was? Vorzeichen: Er sah sich nach Hinweisen um. Die dösenden Kinder kuschelten sich aneinander. Da ist dein Vorzeichen: So ist das Leben. Erst sticht dich der Hafer, und auf Hafer folgt dann … Vogelknöterich. Er grinste. Herrgott, ich mag das Mädchen. Ein schlaues Köpfchen, und nicht langweilig. Nun mal langsam. Dr. und Mrs. Amos Untermeyer geben bekannt. Vielleicht ist es Zeit. Und dann raus hier, nach Westen, in irgendeinen Ort wie Phoenix oder Salt Lake. Vieh. Sprenkliges und buntes. Sauberer Schnee. Eine Hütte in den Bergen. Old Doktor Beer.

Lieber Himmel! Nach einem Rendezvous!

 

Und ein paar Wochen nach diesem ersten Rendezvous auch Dinner mit Amos und Sylvia, und Jacob war ebenfalls herzlich eingeladen. Richtige Konversation. Benny hatte auf Pinsky gehofft: Ob Amos in dieser exotischen Umgebung unsicher und zappelig werden würde? Oder tanzen und rüpelhaftes Jiddisch brüllen? Ob Sylvia eine Mantilla tragen würde, um gar keine Unklarheiten aufkommen zu lassen? Aber nein, man wählte das Copenhagen oder Maxl's Rathskeller oder das Romanoff oder das Mandarin House. Benny sah sie als eine Sippe von phönizischen Handelsleuten, die von Hafen zu Hafen fuhr.

»Es gibt nichts Besseres als Aal«, verkündete Amos, und Jacob erbleichte. »Die Schweden trinken zuviel, hab ich gelesen. Jahrhundertelang hat jede Familie ihren eigenen Aquavit hergestellt. Selbstmord«, sagte Amos. »Fürsorge.«

»Dies ist sehr guter Felchen«, sagte Jacob mit Überzeugung.

»Smörgåsbord ist hervorragend«, sagte Amos. »Lauter Protein. 64Während des Krieges gab es kein Fleisch und keine Herzkrankheiten. Keine Butter, keinen Käse.«

»Ich glaub, ich könnt einen kleinen Aquavit vertragen«, bat Benny bescheiden. »Regt die Herztätigkeit an.«

»Unbedingt«, sagte Amos. Er war außerordentlich gepflegt; die Fingernägel schimmerten, das Haar war glatt. Sylvias Parfüm würzte den Fisch; ihr Jerseykleid lag eng an. Amos trug einen blauen Cheviotstoff, ein weiß in weiß gemustertes Hemd, eine glänzende, monogrammbestickte Krawatte; Jacob neben ihm in seinem zerknitterten Kammgarnanzug war ein Clown aus dem jiddischen Theater. Caro hatte ein graues Kostüm an, das ihre Figur verbarg. »Dein Band«, murmelte Sylvia, Carols Hand flog zu ihren Haaren.

Der Aquavit wurde eingeschenkt, das Gespräch ging weiter: Skål, skål. Sylvia schaute von Carol zu Benny, von Benny zu Carol. »Saugwürmer«, sagte Amos, und später: »Bilharziose.« Zum zweiten Gang gab es Lepra und Gingivitis; Amos näherte sich Scheidenabstrichen und gab auf.

Plötzlich sprach Carol. »Benny. Erzähl ihnen von dem kleinen Mann.«

Sie warteten. Benny zögerte; es widerstrebte ihm, 57359 auf diesem prächtigen Altar zu opfern. Endlich erzählte er es ihnen doch. Tränen stiegen Sylvia in die Augen. Amos dachte nach, bevor er etwas sagte, und Benny hatte das Gefühl, ein Wunder vollbracht zu haben. »Gott im Himmel«, sagte Amos leise; sie starrten ihn an, und Benny begriff erleichtert, daß Amos auch aus Fleisch und Blut war. »Ich bin gar nicht sicher, daß die menschliche Rasse es wert ist«, sagte Amos. Er legte seine Gabel hin. »An den dunklen Orten der Erde haust die Grausamkeit.« Er schaute an ihnen vorbei, tastete nach seinem Glas. »Ihr habt nichts von ihm gehört?«

»Nichts«, sagte Benny. »Wir haben an die Leute von der UNRRA und die jüdischen Organisationen und die israelische Regierung geschrieben. Nirgends gab es etwas über ihn.«

»Er könnte tot sein.«

»Ja. Aber irgendwie denke ich, er lebt. Vielleicht ist das nur mein Wunsch.«

65

»So ein Nichts«, sagte Amos leise. »Eine Unendlichkeit. Er könnte tot sein. Er könnte verkrüppelt sein, ein Bettler. Er ist vielleicht verrückt geworden. Oder hat Amnesie.«

»Er könnte in Südamerika sein«, sagte Benny. »Überall. Ich hab nicht einmal eine Vorstellung, wie alt er war.«

»Gott möge sie verdammen!« sagte Amos. »Verzeihung.«

Im Auto sagte Amos dann: »Benny, als du von dem kleinen Mann erzähltest, hatte ich eine Erkenntnis.« Amos machte eine Pause, wählte seine Worte: »Seit zweitausend Jahren sind die einzig guten Christen die Juden gewesen.«

 

Und so stand im August 1949 Jacob neben Benny zwischen roten Vorhängen mit Silberlitzen und schaute aus den großen Fenstern hinaus in den schönen Mittag; im Park saßen Liebespärchen, und Kinder riefen. »Ich verliere nicht den Sohn«, sagte er, »ich gewinne einen Trust. Ich bin jetzt mit einem Millionär bekannt. Man sieht es: sie haben sich das hier von einem Einrichtungshaus machen lassen.«

»Benny grinste. »Meine Verwandten.«

Jacob lächelte auch. »Ein wunderschönes Mädchen. Was macht's, daß sie Geld hat? Liebe wird mit allem fertig. Ach, Benny. Wie wirst du glücklich sein.«

Benny murmelte und war höflich zu den Untermeyers: viele Onkel, viele Tanten. Neben sich hatte er seine Schwiegermutter, die sagte: »Nicht nervös werden. In hundert Jahren spricht kein Mensch mehr davon.«

»Das hilft mir weiter!« Benny mochte Sylvia. Sie tätschelte ihm die Wangen. Sie hatte Diamanten an der Brust. Zwischen Rubinen, dachte Benny, und war entsetzt von seiner Niedrigkeit und sah ihr in die Augen; ihr Parfüm stieg auf, und es gefiel ihm, und sie war pummelig und gepflegt und unergründlich, und ihre Augen waren dunkel und maurisch. »Es werden Tränen von mir erwartet«, sagte sie.

»Bloß nicht.«

Jacob und Pinsky inspizierten die Tische wie Späher aus einem hungernden Dorf. Pinsky schnüffelte, deutete.

»Nein. Sei gut zu ihr.«

66

»Natürlich«, sagte Benny sanft.

»Sorg nicht nur für sie, mach sie glücklich«, sagte Sylvia. »Sei nicht immerzu … beschäftigt.«

Ihre Augen blitzten auf, weiteten sich, sogen ihn ein, der Moment schutzloser Intimität verschlug ihm die Sprache. »Das habe ich vor«, brachte er heraus, als Amos dazukam.

»Na, was für eine Verschwörung plant ihr zwei?«

»Die Zukunft unserer Tochter«, sagte sie. »Die Musiker sind gekommen.« Und sie verließ sie.

Amos sah ihr bewundernd nach. »Nun sieh dir diese Bewegungen an! Ich hoffe, du machst es besser als ich«, setzte er dann vertraulich hinzu. »Diese verflixte Frau hat täglich einen Apfel gegessen, seit wir geheiratet haben.« Er schüttelte sich, stieß Fetzen von Gelächter aus. Benny zog ein Gebet in Betracht.

 

Onkel Arthur Untermeyer lud sich den Teller voll und sagte: »Winterhochzeiten sind besser. Welche Klasse eine Winterhochzeit hat, kannst du an der Menge von Früchten ablesen, die nicht der Jahreszeit entsprechen.« Benny lachte ganz unmäßig. Vom Kopfende des Tisches winkte Amos. Benny gegenüber strahlte Jacob, mit feuchten Augen, ein Gläschen Whiskey neben seinem leeren Weinglas. »Amos ist ein guter Kerl«, sagte Arthur. »Sehr mit sich zufrieden, aber ein guter Kerl. Ein großzügiger Mensch.« Carols Cousine Deborah glitt durch das Genrebild, sie reckte den Hals wie eine Henne, um einen Schluck Champagner zu trinken, ein unscheinbares, aber handfestes Mädchen, und Bennys drittes Auge beobachtete. Hinter ihm machte die Kapelle ihre Katzenmusik und brachte ein fröhliches Lärmen dem Herrn.

»Irv ist auch in Ordnung«, sagte Arthur und futterte vergnügt. »Er mußte Drogist werden, weil nur für einen das Geld für die Medizinausbildung da war. Ich hatte das meiste Glück. Bei mir hatten sie aufgegeben und ließen mich ins Pelzgeschäft gehen, deshalb kann ich jetzt im Zaster baden. Übrigens, wenn du mal Hilfe brauchst, komm ruhig zu mir. Nur Gordon ist ein Schurke, der jüngste, verzogen und verwöhnt. 67Trau ihm bloß nicht. Achte mal auf die Namen, von Amos bis Gordon in regelmäßiger Abstufung: das nennt man Assimilation. Die kleine Deborah ist auch nicht mehr so klein.«

Benny begriff, daß Antworten nicht von ihm erwartet wurden. Arthur aß, Arthur redete. Gut. Er wandte sich seiner eigenen Tante Rose zu. »Und, Rosey, wie geht es?«

»Gut geht es. Hier braucht niemand zu verhungern. Dein Mädchen ist wunderschön, Benny. Wirklich wunderschön. Das greift einem ordentlich ans Herz, so jung und so schön. Du wirst sehr glücklich werden.«

»Ich bin schon glücklich. Bloß heiraten ist Mord.«

»Mord, nein. Selbstmord vielleicht.«

Berauscht von der Zeremonie, abgestumpft von der Schlemmerei und voller Sehnsucht nach der Straße umklammerte Benny sein Weinglas und betrachtete nachdenklich diese neue Welt. Prpl und Lin diskutierten über einer Flasche Whiskey. Stämmige Honoratioren gestikulierten und sprachen in Sentenzen; andere tanzten Foxtrott. Miss Carol Abravanel Untermeyer und Mr. Benjamin Beer. Heute getraut von dem gelehrten Rabbi – wie hieß er gleich? Isaschar. Sebulon. Es würde auf der Urkunde stehen, sicher unleserlich. Onkel Gordon hauchte auf sein Pincenez und polierte es an einem Sergeärmel. Mrs. Beer ist die Tochter von Dr. Amos Untermeyer, einem berühmten Quacksalber, und Mrs. Untermeyer, die mehr Sinnlichkeit als Verstand hat, aber na ja. Central Park West, Innenstadtseite mit Palmen in der Eingangshalle.

Miriam Karp kam auf ihn zu und umarmte ihn, und dann Ruth Pinsky, die weinte. Benny tätschelte, tröstete, scherzte.

Der Bräutigam ist der Sohn von Mr. Jacob Beer vom Union Square, Witwer, Spezialität handgenähte Einreiher, auf Wunsch mit Weste, angesehenes Mitglied der örtlichen Klapperjass- und Pinokel-Clubs. Ein schwarzer Kellner schenkte Champagner ein, unergründlich, hochherrschaftlich. Brautjungfer war Miss Deborah Abravanel, ein appetitliches Menschenkind, das über unverlangte Aufmerksamkeit von Onkel Arthur Untermeyer zu berichten wußte, der bei den Stämmen der Wüste unter dem Namen Unternehmungslustige 68Hand bekannt ist. Kurze Flitterwochen. Bräutigam wird danach ans College des Flickens und Schröpfens zurückkehren, wo er sich der Sterndeuterei widmet. Wieder daheim. Bitte schickt Geld.

Benny stand auf und setzte sich in Bewegung. Er forderte seine Braut, küßte sie nachdrücklich in Gegenwart von Zeugen und tanzte mit aller Macht vor dem Herrn.

 

Während Carol sich umzog, schwelgten die erschöpften Übriggebliebenen in Hochzeitsgeschenken. »Tiffany«, sagte Sylvia. Benommen bewunderte Benny ein Tischtuch. Auch Jacob würdigte es. Amos ließ sich in einen Ledersessel fallen: »Zuviel Champagner. Zu früh am Tag.« Jacob hatte ihnen fünfhundert Dollar geschenkt. »Es ist nichts«, hatte er Benny zugeraunt. »Das gibt Amos dem Portier als Trinkgeld. Trotzdem, ein bißchen Nadelgeld.« Amos hatte sie überschüttet: fünfzig Aktien General Motors, fünfzig von Jersey Standard, für ein Jahr die Miete einer kleinen Wohnung am Riverside Drive mit Blick auf den Hudson, Aufzügen, beigefarbenen Korridoren, Abfallverbrennung. »Dunhill«, sagte Sylvia. »Rühr die Papiere nicht an«, befahl Amos. »So gut wie Gold. Leg die Gewinne wieder an.« Benny war einverstanden. Romantik, Romantik, wo bleibt die Romantik? Bin ich mit fünfundzwanzig ausgebrannt? Nein. Alles voller Tanten und Onkel und dem Gebacknen vom Leichenschmaus. Großer Gott, Hochzeiten! Barbarei. Er hatte einen gräßlich vollen Bauch, und bestimmt roch er aus dem Mund. »Gimbel?« fragte Sylvia. Jacob stand verloren da, und für Benny war das Maß voll, sein Satteltrunk lief über von plötzlichem Kummer: Das Los des Menschen ist die Einsamkeit. Er legte Jacob einen Arm um die Schulter. Jacob blinzelte unter Tränen; eine lief ihm an der scharfen Nase herunter. »Ich verlasse dich wieder«, sagte Benny leise, und Jacob nickte. Benny drückte ihn an sich: »Ich werde dir Enkel schenken.« Jacobs Gesicht hellte sich auf. »Ich kann den Babysitter spielen«, sagte Jacob. »Du kannst ihnen Pinokel beibringen«, sagte Benny.

Carol tauchte auf, eine Erscheinung: strahlend, angstvoll, 69die Aztekenjungfrau, atemlos unter dem Obsidianmesser. Benny ging zu ihr und küßte sie zärtlich. Sylvia weinte schließlich doch. Amos räusperte sich. Jacob hielt sich scheu im Hintergrund, und Carol ging zu ihm und umarmte ihn, mit einem Blick zu Benny; sie wußte Bescheid. Und in diesem Moment schenkte ihr Benny sein ganzes Herz. Jacob klopfte ihr auf die Schulter. »Ein hübsches Paar«, sagte er, »es hat nie ein hübscheres gegeben. L'Chajim. Tausend Jahre.«

»Zehntausend Jahre«, übertrumpfte ihn Amos, »Banzai.«

Die Neuvermählten brachen auf, Benny mit einem letzten leichten Zwinkern für Jacob, und fuhren zu dem gemieteten Ford hinunter und dann in ruhigem Schweigen nordwärts.

An einer roten Ampel küßte Benny Carol wieder, und sie umschlang ihn. »Gott sei Dank!« Sie schluchzte fast. »Laß uns nie wieder heiraten. Laß uns nie umkehren.«

»Du auch?« Benny lachte vor närrischer Freude. »Ich dachte, du magst das. All dieses alberne Getue. All diese Leute. Monster. Treulich geführt!«

»Ich liebe dich wahrhaftig!« stieß sie hervor. »Aber ich sag dir eins: die Verwandten …«

»Was ist mit denen?«

»Die lassen den Bräutigam gut aussehen.« Sie kuschelte sich an ihn. »Laß uns nach Australien gehen.«

Das Glück wogte auf und ab, auf und ab. Benny fuhr und träumte und drückte ihren Schenkel und pries sein Schicksal. Spätsommer, die Hecken neben der Landstraße leuchteten tiefgrün, üppig und schwer, Täler und Schluchten, Liebesnester; Krähen pickten an einer toten Katze, starrten finster, flatterten auf und glitten davon; die Sonne stand tief im Westen. Benny dachte an die kommende Nacht, das Abenteuer, das Unbekannte, an die vielen Nächte, die vor ihnen lagen; er atmete schneller. Mein Gott, was für ein Risiko! Eine Frau für immer! Er beschloß, sanft zu sein. Sie wußte so wenig. Er mußte sie lehren. Professor Doktor Beer. Nie wieder ein kaltes Bett, dachte er hitzig. Nie! Er fuhr auf eine Tankstelle, hielt, zog die Handbremse an und umarmte sie; sie küßten sich ungestüm; liebevoll legte er ihr die Hand auf die Brust. »Lassen wir uns 70festnehmen«, sagte er. Sie kicherte und befreite sich. Als ein schmächtiger Tankwart auftauchte, brausten sie wie verrückt lachend davon. Nie wieder ein kaltes Bett, dachte er. Einhundertundsieben Arten zu lieben. Du Wüstling. Die reine Braut, und du planst ihr Verderben. Professor Doktor Beer hält Vorlesungen über das Kamasutra, mit Dias. Bedeutender Fachmann der jüdischen Akupunktur. Was für ein schmutziger Charakter. Er stöhnte über seine Verworfenheit..

»Was war das? Reue?«

»Ungeduld.«

»Wie, mein Herr, was haben Sie vor? Ich habe, als ich mich zu dieser Ausfahrt bereit erklärte, nicht im entferntesten …«

»Alles zu seiner Zeit, mein Kind.« Sie schwieg, und er fuhr fort: »Es macht Spaß, weißt du. Es macht mehr Spaß als alles andere.«

»Mehr als Mah-jongg?«

»Ich könnte dich schlagen«, sagte er.

Und so reisten sie zu ihren Flitterwochen in die Berge, trugen sich mit angemessener Selbstsicherheit ein und entschwanden für ein paar Tage aus dem menschlichen Gesichtskreis. An jenem Abend erfuhren sie, wie fremd sie sich waren, und zum ersten und einzigen Mal ließ Bennys Stolz und Freude ihn im Stich. Sie kurierten diese geheimnisvolle Unpäßlichkeit schnell und machten Witze darüber, und Carol war atemlos und fügsam und ergeben. Aber es steckte noch viel von einem alten Römer in Benny, und wenn alle Adler der Welt zu seiner Rechten flögen, sie konnten dieses Vorzeichen nicht auslöschen. Zur Mittelwache lag er wach und versuchte durch den Nebel der Zukunft zu sehen, aber er war ein Mensch, blind und verloren, und die Schicksalsgöttinnen waren stumm.

 

Müde und matt kehrten sie zurück zum Riverside Drive, und Carol machte sich daran, Verzeichnisse anzulegen, aufzuräumen, auszubessern, Vorräte anzulegen, zu nähen und zu backen; sie erwies sich als unnachsichtig gegenüber den Kaufleuten, und Benny bewunderte sie. Sie beschloß, ein Jahr zu arbeiten 71und später mit der Genetik anzufangen, änderte aber ihren Entschluß fast sofort wieder. Als Benny sich eines Nachts unternehmungslustig näherte, wurde er sanft abgeschoben, und Carol sagte leise: »Die Flitterwochen sind vorbei.« Benny erstarrte, aber sie umarmte ihn und fuhr fort: »Wir sind jetzt zu dritt. Stoß ihn nicht so herum.«

Benny richtete sich auf und knipste das Licht an: Carol grinste ihn wie schuldbewußt an. Glotzäugig, verblüfft war er, konnte nicht sprechen. »Jetzt werden alle dahinterkommen, was wir gemacht haben«, sagte sie.

»Jesus«, brachte Benny heraus. Er küßte sie. »Muttchen. So bald!«

»Ich wußte nicht, daß er geladen war«, sagte sie, und er schnob über den uralten Witz. Zu seiner heftigen Beschämung fuhr ihm der Gedanke an andere Frauen durch den Kopf, und er überlegte kurz, was für unbekannte Beer-Ableger es vielleicht gab. Er riß sich zusammen. »Carol! Ein Kind! Ein Beer-Baby! Ein Kronprinz!«

»Richtig. Prompte Bedienung, oder?«

»O du beste aller Frauen«, sagte er und küßte sie wieder, langsam, warm; er küßte ihre Augen, ihren Hals, ihre Brüste, liebevoll, fest, er küßte ihren flaumigen Hügel und sagte: »Danke, Muttchen.«

»Schwein«, sagte sie, »komm zurück.«

Sie rieben die Nasen aneinander. »Willst du trotzdem arbeiten?«

»Nein. Ich möchte gern alles richtig machen. Aufhören zu rauchen und dick werden und Kalk und Trüffeln essen.«

»Recht hast du«, sagte Benny. »Als Mediziner, Madame, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß häufiger Verkehr die Entbindung erleichtert.«

»Ich hab einen Verrückten geheiratet«, sagte sie. »Also gut, nur zu.« Und Benny, von Liebe, Ehrfurcht, dem Stolz von hundert Generationen überwältigt, tat dies, und Carol sprühte, sie puffte ihn und lachte. Am Morgen rief er Jacob an, und sie rief Amos an, der einen Treuhandfonds erwähnte.

 

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Und doch schränkte das Ereignis Benny ein; unter der natürlichen Freude ging eine unnatürliche Veränderung vor sich, eine Verwirrung, ein zwiespältiges und quälendes Verlangen nach neuer Stärke und neuer Würde. Manches davon war ihm verständlich: ein Teil seiner wunderbaren, übernatürlichen sexuellen Raserei wurde zu Mitgefühl destilliert; sein unzüchtiger Doppelgänger, sein geiler Zwilling, ein glorreich psychotischer Deutero-Benny, eine teuflische Gonade in Menschengestalt, war mit einer mysteriösen Schutztruppe zusammengestoßen. Auf den versteckten Befehl dieser rätselhaften Kraft hin mußte er bewußt – wenn auch bedauernd – seine kindlichen Phantasien bezwingen, mußte gezielt – wenn auch bedauernd – sein Kamasutra zensieren und kürzen. Er mußte einräumen (nicht ohne Seufzen), daß die Gefährtin seiner Freuden und Leiden einen menschlicheren Gebieter verdiente und verschont werden sollte von den niederen Ungeheuerlichkeiten eines wahnsinnigen Inkubus. Sie war kein Sukkubus: Sie war Carol, die vielleicht eines Tages Genetikerin sein würde, die jetzt eine Bakkalaurea der Naturwissenschaften und eine Labortechnikerin war, deren Herz und Gemüt er auch geheiratet hatte, die sein Kind trug: ein gewisser Anstand war wohl geziemend, kultiviert und richtig. Wenn sie Einwände erhob (und das kam vor), beharrte er nicht; da er Sklaverei haßte, verwarf er Herrschaft.

Es war nicht leicht. Er war sich selbst gegenüber aufrichtig, er war es immer gewesen und hoffte es immer zu sein und ließ auch die brandstifterischsten Extreme der Schwärmerei, der Blasphemie, der Wollust im Wildpark seines Denkens zu – in der unerschütterlichen Überzeugung, daß seine zärtliche Achtung gegenüber allem Lebenden freudig und neidlos sein Verhalten überwachen würde. Aber jetzt ließ er neue Hegemonien zu; er fühlte sich unterdrückt von einer einst verachteten Moralität (die, wenn sie nicht mehr kontrolliert, sondern etabliert und dominant war, zum lebendigen Tod wurde), und er rang mit dem Störenfried. Für Deutero-Benny bedeutete Ehe Zwanglosigkeit, Ausschweifung; im theologischen Streitgespräch definierte er himmlische Seligkeit als immerwährenden 73Orgasmus. Und jetzt wehrte sich Deutero-Benny in tödlichem Kampf wie der Teufel: Würde Bürger Beer, wenn er seinen prachtvoll liederlichen Schatten exorzierte, nicht eine verborgene fatale Zerstörung auf sich selbst herabbeschwören? Der frühere Unhold, der verrückte Doktor, war jedenfalls ein irrsinniger Liebhaber; der gebesserte Lüstling konnte zum Urheber von Verhängnis und Verheerung werden. Der Engel des Todes war schließlich doch ein Engel und kein fröhlicher Pornograph.

Manchmal saß Benny abends da und sah hinaus auf Lastkähne und Segelboote und Tanker und Leichter, währen die Dunkelheit niedersank und das letzte Sonnenlicht über dem Westufer schwand, und nahm mit einer Mischung von Trauer, Rechtschaffenheit und bitterem Lachen Abschied von seiner schwelgerischen Jugend. Dies war, so nahm er versuchsweise an, das erste Symptom von Reife: So rüstete man sich gegen die Angriffe der Realität, so schuf man ernsthaften Ersatz für vielgestaltige Freiübungen durch nützlichere Anwendung seiner Kraft. Carol war süß, liebevoll, dankbar, mal ein entzückendes kleines Mädchen, das Hausfrau spielt, mal eine würdige Dame, die Silber und Tischwäsche sortiert. Eine neuere Art von grausamerem und irdischerem Märchen war wahr geworden: Heim, Familie, Arbeit, Zukunft waren sein, es fehlte nichts mehr, und eines Tages würde er König sein.

Diese Grübeleien waren intensiv, aber selten; er war reichlich beschäftigt mit seinem vierten Jahr unter Phagozyten, Purpura und Quartanfieber, mit Besuchen bei Jacob, der Entwicklung des Kronprinzen, Plänen für seine Assistenzzeit und einem Blick auf den Markt, mit Spaghetti-Dinners und Schnee und Graupel, mit Van Gogh an den Wänden, Bücherregalen aus Ziegeln und Brettern, Beethoven bei Kerzenlicht und Amos und Sylvia, die in Eile vorbeikamen, um Braten, eine Decke, Ratschläge und 20-Dollar-Scheine zu spenden. Es war ein Geburtshelferjahr, Carols Jahr, ein Jahr des Blühens und Rundens, leichter Übungen und Lehrbücher zur Entbindung, der Listen von Namen, Jungennamen, Mädchennamen, Familiennamen, biblischen Namen. Sie diskutierten über die 74natürliche Geburt. Benny wurde von seinen Kommilitonen ordentlich hochgenommen und ins Verzeichnis der Simpel und Gimpel eingeschrieben. Im Bett rief Carol »Schnell, schnell!«, und er war verzweifelt und betrübt: sie wollte nicht etwa, daß er schnell anfinge, sondern daß er schnell fertig würde. Er übte Nachsicht bei einer schwangeren Frau. Bald zog sie sich von ihm zurück, saß da und sann und träumte im heiligen Leuchten eines Eigenlebens; er übte weiterhin Nachsicht und war einsam. Er war freundlich und schmeichelte, und war völlig durcheinander. Sie streichelte ihren eigenen Bauch, sprach mit dem Kind und lächelte ohne Grund. Sie kochte pausenlos, und er wurde gestopft mit Fisch, Fleischsuppen, Braten. »Protein«, erklärte sie. Der Geburtshelfer errechnete ein Datum: neun Monate und drei Tage nach der Hochzeit! Amos scherzte: »Wenn es zu früh kommt, bist du mir eine Erklärung schuldig, junger Mann.« Sylvia flatterte, bald war ihre Figur besser als die von Carol, und wenn sie sie zur Schau stellte, wurde Benny still und bitter.

Er war geschäftig, hetzte vom Unterricht in die Klinik, fraß sich durch Glaukom, Krebs, Zirrhose, Diabetes; er atmete Dünste von Eiter, Blut, Urin ein; er kultivierte verzweifelt eine professionelle Gleichgültigkeit gegenüber offenen Wunden, glänzenden Organen, bemitleidenswerter Senilität, toten Babys. Ah, nein, das nicht, nicht Gleichgültigkeit, nicht Desinteresse, aber er prägte eine neue Definition von »Arzt«: der einzige Mensch im Zimmer, der nicht weinen darf. Selten nur fand er einen Augenblick Zeit für Pinsky mit Karp und Jacob. Er wurde auf den Arm genommen: Wenn es ein Junge würde, wollte Karp ihm einen Kaftan schneidern, und Pinsky wollte den Stör für das erste Jahr liefern. Natürlich würde es ein Junge werden. Sie begannen Jacob Opa zu nennen. Jacob strahlte, Benny strahlte auch und trank Tee wie die Alten und schlürfte und nickte. »Ich mach die Bar-Mizwa umsonst«, sagte Pinsky und hüpfte. Benny alterte und erinnerte sich an seine ersten Romanzen und versuchte junge Sinnlichkeit mit Verachtung zu betrachten und schalt seine zügellosen Kollegen bei der Arbeit.

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Es war auch das Jahr, das zum Jahr von Nan wurde, das nie wiederkam, nicht in zwölf Jahren oder zwanzig Jahren oder einem Jahrhundert, das Benny zu Verzweiflung, Verrat und dem Tod in der Seele herabminderte und das ihn zu unglaublichen Verzückungen erhob. Und dabei lebte, stürmte, arbeitete, heulte er sich durch Tage und Nächte wie ein Wirbelwind; er überlebte, trotzte, schwur fürchterliche Eide und wehrte unerbittliche Wogen ab. Seine Schwächen brachten Energien hervor: ohne Herz wurde er groß an Liebe; ohne Geist nahm er zu an Fähigkeiten; ohne Hoffnung hoffte er; ohne Tod starb er; ohne zu wissen, was kommen würde, wartete er, harrte, wappnete sich und weckte uralte Kräfte, um dem Schicksal des Menschen entgegenzutreten.

 

Wenn jemand kurz zuvor ein Weib genommen hat, der soll nicht in die Heerfahrt ziehen, und man soll ihm nichts auflegen. Er soll frei in seinem Hause sein ein Jahr lang, daß er fröhlich sei mit seinem Weibe, das er genommen hat. Soviel wurde Benny gewährt. Im September 1950, als Joseph vier Monate alt war und Carol jemand anderen hatte, den sie lieben konnte, schickte die Regierung der Vereinigten Staaten, die für einen großen Teil von Doktor Beers medizinischer Ausbildung bezahlt hatte, ihm die Rechnung. Er wurde zum Dienst gepreßt – ein Notfall, wie man ihm versicherte – und nach Korea geschickt, wo man sich auf einen Krieg geeinigt hatte.

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