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»Leben und leben lassen« lautet das Motto des Arztes Benjamin Beer. Er ist ein Mann ohne Illusionen, aber voller Liebe zu den meisten seiner Mitmenschen. Ein Mann, der leben und genießen möchte und doch immer wieder in große dramatische Ereignisse hineingezogen wird, ein Abenteurer wider Willen – ein Held unserer Zeit.
Ein lebenskluger Roman, der die Balance zwischen Komik und Tragik wunderbar hält.

 

Als Benjamin Beer, gerade 21, aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrt, weiß er, was er werden will. Er ist hinter die feindlichen Linien geraten, hat einen Mann gerettet, ist selbst verwundet worden. Und er hat getötet. Benjamin Beer studiert Medizin.
Benny holt nach, was ihm der Krieg vorenthalten hat. Er stürzt sich ins Leben, liebt viele Frauen und heiratet die eine. Aber wieder muß er in den Krieg ziehen, Dr. Benjamin Beer wird als Arzt in Korea gebraucht. Er gerät in Gefangenschaft und verbringt zwei bittere, harte Jahre in einem Lager. Er hilft Leben retten und ist oft ohnmächtig gegenüber dem Tod.
Vom Krieg gezeichnet und doch voll ungebrochener Lebenslust, kehrt Benjamin Beer zurück zu Frau und Kindern. Eine neue »Front« erwartet ihn, der Dienst im Krankenhaus einer Kleinstadt, die eigene Praxis erfordern seinen ganzen Einsatz. Er ist tüchtig und beliebt, ohne sich anzupassen. Ein Mann, der aus dem vollen lebt, der sich dem Genuß hingibt, ohne sich um engstirnige Moralvorstellungen zu kümmern, und dabei doch seine Mitmenschen respektiert. Was er anfängt, gelingt ihm zumeist, und die Prüfungen des Schicksals besteht er ohne Selbstmitleid, voller Humor und menschlichem Verständnis: ein Mann, der auch in seinen Schwächen Stärke beweist.

Stephen Beckers Helden sind keine tollkühnen Draufgänger, sondern Männer, die aus dem Wissen um die Stärken und Schwächen der menschlichen Natur das Abenteuer suchen. Der Amerikaner Stephen Becker, 1927 geboren, hat nach seinem Studium in Harvard, Peking und Paris Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher geschrieben. Er lebt heute in den USA als Universitätsprofessor in Florida.

Stephen Becker

Leben und
leben lassen

Roman

Deutsch von
Ilse Strasmann

Marion von Schröder Verlag

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1973 unter dem Titel
»Dog Tags«
bei Random House, Inc., New York

Copyright ©1988 by Marion von Schröder Verlag, GmbH, Düsseldorf
Copyright ©1973 für die amerikanische Originalausgabe: »Dog Tags«
by Stephen Becker
ISBN 3–547–71243–2

Für Nan Swinburne

INHALTSeite
Erster Teil: In deiner Jugend 
Kapitel 19
Kapitel 228
Kapitel 343
Kapitel 456
Zweiter Teil: Pee-joe Die-foo 
Kapitel 579
Kapitel 697
Kapitel 7100
Kapitel 8115
Kapitel 9118
Kapitel 10131
Kapitel 11140
Kapitel 12157
Kapitel 13163
Kapitel 14182
Kapitel 15189
Kapitel 16209

Erster Teil
In deiner Jugend

9

1

Das Leben ist ein Rätsel, aber der Tod ist nicht die Lösung, und ein Soldat allein wandert in Furcht, weil niemand da ist, statt seiner zu sterben. Im April 1945 befand sich Benjamin Beer allein und verzagt in deutschem Flachland, und das Land war kahl, der Frühling selbst verhindert, gescheitert, der Himmel gefroren, der Wind eine Sichel. Furcht: Stille und Einsamkeit überwältigten ihn nach Monaten des Gemetzels und des Tumults; außerdem war er Jude, und dies war Deutschland, und er liebte Frauen, alle Frauen, von Herzen und wollte nicht sterben oder verstümmelt werden in einem räudigen Land. Er folgte einem Feldweg westwärts durch eine Wüste von gefrorenen Stoppelfeldern und schwor, daß er nie wieder töten würde, wenn er diesen Tag überlebte. Er wußte, daß er nicht der erste war, der solchen Schwur leistete, und daß er ihn brechen würde. Er hielt sich im Schutz der kleinen Gehölze, gegen den Wind und feindliche Blicke. Er lief an eisgeränderten Teichen entlang. Wo waren die Vögel? Die Kaninchen, Rinder, Hunde? Er zog hoch und spuckte aus.

Er war einundzwanzig Jahre alt und wünschte verzweifelt, zweiundzwanzig zu werden. Er war 1,84 m groß und stämmig, fast sechs Pud schwer, wie er den Russen zu erzählen gedachte, wenn es zur großen Begegnung kam; er hatte schwarzes Haar und lebhafte braune Augen. Da er jung und omnipotent war, betrachtete er sich selbst als Halbgott und hatte das Gefühl, er äße Berge von Fleisch und Fuder von Getreide täglich, tränke Tonnen und Fässer und schwitzte Wein und Honig; er trieb ausschweifend Unfug mit ausschweifendem Vergnügen und putzte sich melodisch die Nase, wie es sich für einen Fiedler gehörte. Wie gewisse legendäre Fiedler stellte er Fleischeslust über andere Kurzweil. Er verachtete mindere Beschäftigungen wie Fußball oder Tanzen als belanglos – Unterhaltungen für Schwärmer oder Schüchterne, nicht der Zeit eines ernsthaften Mannes wert. Im April 1945 hatte er seit vier Monaten 10keine Frau angerührt. Gewalt anwenden wollte er nicht, und einstweilen verschmähte er deutsche Lust. Als Anerkennung für diese männliche Enthaltsamkeit hoffte er jetzt, in diesem unheilbrütenden, rachsüchtigen deutschen Flachland verschont zu werden. Obwohl er nicht an Gerechtigkeit glaubte, nicht mal an Gott.

Beten war etwas anderes: eine nützliche Ablenkung, eine Erscheinungsform der Poesie. O Gott Abrahams und Isaaks. Die minderen Götter, die Nachahmer, mochten bei Reifenpannen, Tripper und Hundebiß nützlich sein, aber bei seinen gegenwärtigen Schwierigkeiten zog er es vor, sich direkt an Chefs zu wenden. O Gott Abrahams und Isaaks. O Gott Abrahams und Isaaks und Israels, ungezählte Ellen groß, der du Gesetze und Manna machst, o Gott meiner Väter, wach auf und klaub mich aus diesem Knäuel heraus! Gott schlummerte weiter. Benny sah ihn, riesig, rabbinisch, Schuppen, ein Hauch von Heringsgeruch.

Benny zog seinen wollenen Schal fester um sich und blinzelte in die Sonne. Der Feldweg lief mit einem zweiten zusammen; die Fahrspuren wurden tiefer und ausgefahrener, fast war es eine Straße, und Benny faßte ein bißchen Mut. Er schien in der Zeit zurückzulaufen, vielleicht direkt auf den Gott Abrahams und so weiter zu, aber die tieferen Fahrspuren, diese Beweise für Geschäftigkeit und Menschennähe, trösteten ihn doch. Hinter der nächsten Biegung würde ein Dorf liegen, ein Dorf aus dem 13. Jahrhundert oder vielleicht aus noch früherer Zeit; vielleicht war dies die Zeit der späten Römer und er im Land der Goten. Die Sonne blinzelte zurück, schon tief, ein närrisches gelbes Auge. Gleich würde er einem Pestkarren begegnen, voller Bauern, die der Schwarze Tod dahingerafft hatte. Ein Mönch würde ihn führen. »Ave.« – »Ave.« Das Zeichen des Kreuzes. Die Leichen gekrümmt. Man hatte Bennys Regiment Fotos gezeigt. Berge ausgezehrter Leichen, offene Münder, leere Augen. Der neue Schwarze Tod. Es war irgendwie nicht faßbar. Benny selbst weigerte sich zu begreifen; er wurde eisig dabei und wollte nicht darüber sprechen. Ein, zwei Tage genoß er traurige Berühmtheit. Die Männer seines Zuges erwiesen 11ihm Achtung, als wollten sie Abbitte tun, und schienen sich zu fragen, was für eine einzigartige Bedeutung die Bennys dieser Welt miteinander teilten, daß sie zu Asche und Schlacke verwandelt werden mußten. Aber wer in seinem Zug wurde durch diese Fotostunde gebildet, veredelt, erhöht? Nicht einer.

Der Anblick eines Dorfes rüttelte ihn auf. Seine Sinne waren eingefroren; er hatte jetzt kaum soviel Verstand, Beunruhigung zu fühlen. Er war stumm, taub, blind; Hände und Füße waren empfindungslos, die Nase so kalt, daß die Haare nicht mehr knisterten. Im Dorf lauter Steinmauern, wie ein halbverfallenes altes Kloster. Da war kein Geräusch, keine Bewegung, jetzt in der Dämmerung nicht einmal mehr das Spiel von Licht und Schatten, als hätte jene Pest den Ort ausgeweidet und verflucht. Als würde er gleich auf den hölzernen Türen aufgemalte Kreuze entdecken oder schwach den einstimmigen Gesang der davongekommenen Brüder hören. Einen blinden Aussätzigen mit Bettelschale sehen, und nackt vor der dunkelnden Nacht einen Galgen.

Er drang vor, wachsam, aber harmlos. Sein Gewehr hatte er umgehängt, seine Hände waren zu kalt; vor allem wußte er, daß das Dorf verlassen war. Nicht ein Mensch, nicht eine Ratte. Er stellte sich die Schenke vor: ein loderndes Feuer und ein fideler Gastwirt, ein amtlich registrierter Vandale, aber nur aus geschäftlichen Gründen natürlich, Sie verstehen, der Mensch muß leben; und ein Schankmädchen, eine muntere niederdeutsche Magd, mit vollen Brüsten und unnachgiebigen Schenkeln; in der Ecke ein trunkener Scholar, verdrossen, von trüben Genüssen verbogen, der Küchenlatein vor sich hin murmelt. Gott zum Gruße, Herr Student. Gott zum Gruße, Herr Wirt. Komm ans Feuer, Mädchen, und wärme einen Soldaten. Benny würde seinen Tornister in einer Ecke des behaglichen Raums abstellen, und sie würden ihm Brot und Käse und Bier hinstellen. Er würde seine Hände zwischen jenen Schenkeln wärmen.

Nein. Nicht ein Mensch, nicht eine Ratte, und er fühlte es; ein halbes Dutzend steinerner Häsuer an einer Straßenkreuzung, und er wußte, daß sie verlassen waren, wie er wußte, 12wenn ein Mensch tot war. Er hatte versucht, nicht zu töten, nicht zu hassen, aber er hatte beides getan, sogar mit einer gewissen Befriedigung, und er wußte immer, ganz sicher, ob ein Mann tot war oder nur verwundet: als gäbe es einen Geruch oder ein Glühen oder ein verschmitztes Zwinkern im toten Auge. Er fröstelte wieder in dem wölfischen Licht und wählte eine Tür und trat sie ein.

Er trat in ein Schlachthaus; die groben Haken hingen verrostet da, der hölzerne Fußboden war fleckig von Generationen von Blut, von Jahrhunderten der Schafe, Schweine, Ziegen, Rinder, Ketzer; in Hungersnöten auch Katzen und Hunde, vielleicht Babys, bestimmt Kaninchen. Benny fröstelte wieder. Die nächsten beiden Häuser waren Wohnhäuser, kahl, unmenschlich, an einer Wand ein geschnitztes Kruzifix, an einer anderen ein welliger Spiegel. Das vierte war seine Schenke, mit einem Tisch und Stühlen und ein paar breiten Bänken sowie einem tiefen offenen Kamin (das frisch geschlachtete Lamm am Spieß, spritzendes heißes Fett, würziger Rauch, der den Reisenden sagt, was auf dem Speisenplan steht). Ein Feuer könnte ihn verraten, aber Benny war ja vielleicht auch hinter den eigenen Linien, und jedenfalls war er nicht geneigt, zu frieren. Er setzte Gewehr und Tornister ab, zerbrach einen Stuhl, schnitzelte Anmachholz mit dem Bajonett zurecht, öffnete den schweren altertümlichen Ofenzug, kippte eine Ration aus der Wachspapierpackung, zündete das Wachspapier an und legte vorsichtig Späne auf. Er wärmte sich die Hände. Sie taten weh. Er nahm den Helm ab. Dann gähnte er. Er gähnte dreimal, übermäßig, quälend, und hockte sich auf einen Stuhl und blinzelte, ein mächtiges, schweres Blinzeln, das ihm Tränen in die müden, vom Wind brennenden Augen trieb, und saß schwer da wie ein Ochse. Nach einer Weile goß er Wasser aus seiner Feldflasche in den Becher, setzte den in die Flammen und nahm einen Teebeutel aus seinem Patronengurt.

Ein Teebeutel. Benny war ein Stadtjunge, aus der größten aller Städte, dem Herzen Manhattans, jawohl, vom Union Square, und er hatte auch Würfelzucker in seinem Patronengurt. »Von Zucker kriegt man Krebs«, hatte ihm mal ein Straßenkehrer 13anvertraut. Ein kleiner Kerl, ganz in Weiß, der sich auf seinen Besen stützte. Im Frühling 38, als ein Ausflug nach Atlantic City noch ein Abenteuer war. »Außerdem esse ich keine Proteine. Kein Fleisch. Nie.« Und dann mit einem sonnigen Lächeln: »Deshalb bin ich der für mein Gewicht stärkste Mann in New York, und ich furze nicht!« – »Das ist interssant«, hatte Benny, vierzehn, gesagt und sich davongemacht. Jetzt war er einundzwanzig und zog für sich die Großstadt vor, mochte aber auch das Land und verachtete nur Provinzialismus; er wußte, daß die zivilisierte Welt aus New York und ein paar europäischen Hauptstädten bestand, sah aber keinen Grund, weshalb die Leute nicht auch woanders wohnen sollten, wenn sie das gern wollten. Auf die Möglichkeit zu wählen kam es an. Benny liebte Menschen, Tiere, Pflanzen, den Anblick und die Geräusche des Lebens; als er erfuhr, daß die Chinesen mit Blumen sprächen, verstand er das. Er roch gern: Frauen, Schweiß, Auspuffgase, gebratene Zwiebeln, Vogelkäfige, seine eigenen Ausdünstungen, Zigarren, billige Parfüms, Löwen im Zoo, Schießpulver, Tee und Biskuitkuchen, und er fühlte gern: Frauen, rauhe Steinmauern an Sommertagen, das Lenkrad eines Jeeps, rauhe Borke, Schindeln, Katze, U-Bahn-Halteschlaufen, Hammerstiele, Waffenöl, grobe Wolle; er aß und trank alles gern (Schweinefleisch, jawohl! Muscheln, jawohl!), und er liebte viele Blumen, vor allem Butterblumen und Veilchen, und natürlich Frauen. Er fühlte zärtliche Zuneigung zu, wenn nicht körperliches Verlangen nach dem Weiblichen jeder Art, schmutzfarbenen Stärlingen und Gimpeln (jawohl, in Stadtparks in den Vierzigern!), getigerten Katzen und Stockenten und Seekühen und Füchsinnen. An ein Leopardenweibchen erinnerte er sich mit dem Stich echten Herzenskummers; er fragte sich, ob sie noch lebte und in ihrer Ecke der Bronx auf und ab liefe. Zwischen Sekretärinnen und Verkäuferinnen in der U-Bahn wurde ihm schwindelig. Er mochte ein paar Politiker (jawohl, in den Vierzigern!), und er glaubte, daß selbst Priester letzten Endes Vergebung erlangen könnten. Die Deutschen liebte er nicht, und er kämpfte in einem Krieg, an den er glaubte.

14

Mit der Wärme kam Zufriedenheit. Das Wasser kochte; Benny braute Tee, und der erste Schluck wirbelte ihn schwindelnd zurück zum Union Square. Er lachte laut und schmeckte Charlotte Russe: ein kleiner Laden an der 14. Straße, der nur Charlotte Russe verkaufte. Wo sonst gab es so was? Er sah Mädchen in milchigem Winterlicht an Kioske eilen, sah ihre köstlich unvollkommenen Gesichter, das eine Spur zu kleine Kinn, die eine Spur zu große Nase, Dampf ausatmende formlose Körper. Zu Hause wachte Benny bei Musik auf, indem er blind einen Knopf drehte und dann auf das Vorzeichen des Tages wartete. Einmal im Monat war es ein Quartett von Beethoven, und er wußte, an dem Tag würden die Mädchen hübsch sein. Oder das dritte Brandenburgische: Benny war ein Fiedler mit den Vorlieben eines Fiedlers. Mit fünf Jahren hatte er angefangen, oder war zum Anfangen veranlaßt worden, mit einer Halbgeige. Irgendwie brachte er es fertig, auch beim Straßen-Baseball zu glänzen. Er machte vieles gut. Er pflegte verletzte Hunde und Katzen und einmal einen Spatz mit gebrochenem Flügel. Er zwang (kraft seiner Persönlichkeit) widerspenstige Autos zum Leben und zur Bewegung. Er erfreute seinen Vater, was nicht allen jungen Männern angelegen war oder gelang, und selbst in beschwipstem Zustand legte Benny Wert auf höfliches Benehmen; Ausstrahlungen von Wien, Heidelberg, Leipzig, von seinem Vater, dem Schneider, 1,68 m, aufgenommen, der sich, von Gott im Stich gelassen, statt dessen an Trotzki und die Civiltà geklammert hatte (dieses Wort hatte er von einem Florentiner Knopflochmacher gelernt; er konnte es nicht genau definieren, nur umschreiben: Würde, Individualität, Selbstachtung, ohne die man auch keine Achtung für andere haben konnte). Und so betrug sich Benny immer (ausgenommen äußerste Augenblicke tierischer Wildheit, etwa wenn er tötete oder wenn er schweißtriefend mit einem der späteren Quartette rang) wie ein Prinz, und Jacob Beer war stolz auf ihn. »Was der Junge werden will, das wird er auch«, sagte Jacob schlicht. »Ein Rettungsschwimmer. Ein Tabakwarengroßhändler. Was auch immer. Aber ein Gentleman.« In jenen Tagen schien das von Bedeutung zu sein. »Und nicht wie eure Morgans und Rockefellers: 15Denkt euch das Gold weg, das denen aus allen Taschen rieselt, und was bleibt übrig? Etwas ohne Hirn, ohne Klasse. Benny ist nobel.« Trotzki hätte verzweifelt die Achseln gezuckt.

 

Benny der Inbegriff saß allein da, ein einsamer Verirrter aus einem verirrten Zug, und war sich deutlich bewußt, daß er in Mitteleuropa war und daß sehr wohl ein Kutscher mit Briefen an Herrn L. von B. an genau diesem Gasthaus gerastet und sich erfrischt haben konnte. Er schlürfte heißen Tee. Er betete um Strudel, aber es kam keiner. Das Feuer wurde stärker; er nahm den Schal ab. Jacob glaubte an Schals, und an einem Januarmorgen war nur wenig von Jacob sichtbar: zwischen Pelzmütze und Schal zwei scharfe Augen, eine scharfe Nase. Vierzig Jahre Schneidern, und Augen wie ein Adler. »Adleraugen«, sagte Jacob – ein Wort, das er mit der Klangfülle eines New Yorker jiddischen Akzents ausstattete -, »und weißt du, warum? Weil ich darauf achte, regelmäßig den Brennpunkt zu verändern. Immer wieder. Ich schau auf einen Stern. Oder Jersey. Schau nie in die Sonne. Ändere den Brennpunkt. Ebenso Nase und Zunge. Einmal die Woche italienisch essen. Und« – der Kobold in dem Alten – »eine anständige Zigarre, und Mäßigkeit im Verkehr. Jeder Mensch kann hundert werden.«

Da der Strudel ausblieb, betete Benny um eine gute Zigarre; es kam keine. Dennoch wiederbelebt ermannte er sich, wieder Soldat zu sein und die Umgebung zu prüfen, bevor er aß und schlief. Durch trübe Fenster erforschte er die Straße. Sie kam von Nordwesten ins Dorf und bog nach Osten ab. Das letzte Licht verblaßte. Es war so still, daß man, wie Jacob sagte, eine Stecknadel hätte fallen hören. Er wollte sich eben abwenden und sein Schicksal in den Schoß der Götter (oder Hitlers und Stalins und Roosevelts) legen, als er aus dem Augenwinkel etwas Weißes aufblitzen sah, und eine Woge panischer Angst verschlug ihm den Atem. Er stürzte zu seinem Gewehr, legte den Sicherungshebel um und kauerte wie ein Liebhaber im flackernden Licht des Feuers, erregt und großartig.

Der Mann, das Geschöpf, das bewegliche Ding, kam von 16Osten. Es kam ruckweise und taumelnd voran, wie eine Marionette. Verwirrt und tief beunruhigt, unvermittelt kurz vor dem Heulen und entrüstet, legte Benny den Sicherungshebel wieder um und lehnte sein Gewehr gegen die kalte Steinwand.

Das Geschöpf näherte sich in stolperndem Zickzack. Es trug einen Narrenanzug, längsgestreift. Es war kahlköpfig, barfuß und winzig – wie ein Kind des Alptraums. Es stolperte, sackte auf die Knie, schien einzuschlafen, fiel vornüber, lag. Ein Stern funkelte.

Benny ging nach draußen, spähte nach links und nach rechts und trat vor, um es zu holen. Er sah, daß es ein Mann war, und hob ihn auf. Er wog kaum mehr als sein Marschgepäck. Benny brachte den Mann nach drinnen und legte ihn vor dem Feuer ab. Der kahle Schädel glänzte gelblich wie altes Elfenbein. Gefrorener Schnodder verkrustete Nase und Lippen. Sanft wischte Benny ihn ab. Die Füße waren eisig. Benny horchte und entdeckte, daß das Herz schlug. Er zog seine Jacke aus und breitete sie über den Körper. Er wickelte die Füße in seinen Schal. Er zerbrach noch einen Stuhl und schürte das Feuer. Er rieb dem Mann die Handgelenke; wenn in Romanen Damen ohnmächtig wurden, rieb man ihnen immer die Handgelenke. Er knetete ihm den Körper wie ein Masseur. Ein gewissenhafterer Krieger würde eine Decke gehabt haben, aber Benny hatte nur Teebeutel und Zucker, was ihm jetzt leid tat. Er rieb wieder die Handgelenke und die Unterarme, und im Licht des Feuers sah er das Etikett auf der Anzugjacke: 57359.

Der Mann blieb am Leben. Benny hörte nach einer Weile mit dem Reiben auf und lehnte sich an die gemauerte Kaminwand. Er war hungrig, hatte aber nur die eine Ration. Vielleicht starb der Mann. Die Fotos: Die Überlebenden mit den gestreiften Käppis. Gejagte. Riesige Augen. Der Engel des Todes würde hereinkommen und sich hier zu Hause fühlen. Er würde eintreten wie ein Ritter, aber nur Knochen, ein munteres Lächeln auf seinem Totenschädel, und sich vor das Feuer stellen, hochnäsig, gelangweilt elegant, erschöpft, auf seine Hippe gestützt. »Hau ab!« sagte Benny. Der Engel nickte kühl und ging.

17

Die Natur forderte ihr Recht; Benny ging noch einmal nach draußen, diesmal, um das Dorf in Besitz zu nehmen. Nur ein schwacher Abglanz des Feuers folgte ihm. Das Dorf war ein böser Traum, und Benny war abgespannt. Er stand mit dem Rücken zum Wind und pißte auf Deutschland. Dampf stieg undeutlich auf, und zwei Bennys lächelten bedauernd, kläglich und komisch: Die eine Hälfte von ihm hieß Hansi, war des Lesens unkundig, schlug sein Wasser auf der Straße ab, liebte die niederdeutsche Magd, machte sich über den Soldaten lustig, bezahlte den Wirt, saß ungewaschen am eichenen Tisch und schlang Schweinefleisch hinunter; die andere Hälfte lag bewußtlos vor dem Kamin und würde vielleicht keinen neuen Morgen erleben.

Er knöpfte die Hose zu und kehrte zu dem kleinen Mann zurück, der sich nicht bewegt hatte, bis auf das bloße Heben und Senken der eingefallenen Brust. Er roch die Baracke des Mannes und sah ihn Abfall essen. Fette Wächter mit kleinen Augen und schmalen Lippen. Der Kommandant, eine Phantasiefigur aus dem Kino, der in teutonischem Englisch lärmte.

Also. Jetzt mußte er begreifen, zum Teil wenigstens. Die Lager waren nicht im fernen Atlantis, wo Beamte in Roben ernst darauf warteten, Unrecht wiedergutzumachen. Benny Beer hatte um Strudel und Zigarren gebetet und hatte diese Mumie geschickt bekommen. Benny Beer, der acht Kohlrouladen zu einer Mahlzeit essen konnte, der ein absolutes Gehör hatte, der Irene S. zwischen elf und eins viermal beglückt hatte und das auch noch unter einer Treppe, der ein Corporal war, bei Gott. Und nun das. Dieser winzige Sträfling. Ein Jude? Ein Politiker? Jagdschein? Wie sollte man das in diesem wahnsinnigen Land wissen!

Benny rieb dem Mann Hände und Füße und schlürfte Tee und dachte über Leben und Tod, Himmel und Hölle nach.

Später stöhnte der Mann, ein leichtes Ausatmen, wie bei einem Vogel, und leckte sich die Lippen und seufzte und schlief weiter. Benny schlief auch, aber nicht fest.

 

18

Als Benny aufwachte, bemühte sich der kleine Mann aufzustehen: er hockte auf allen vieren, angestrengt, schwankend, mit weit geöffneten Augen. Er fauchte vor Entsetzen und weinte.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Benny, gerührt, ohne sich zu rühren. »Kamerad. American. Amerikanisch.«

57359 formte mit den Lippen Worte, ohne einen Ton von sich zu geben. Benny stand auf, und der kleine Mann zog sich zusammen und zeigte seine morschen Zähne. Seine Ohren standen ab wie Flügel.

»Okay«, sagte Benny. »Frei. Frei. Du bist frei.« Der kleine Mann schnitt Gesichter wie eine Katze. »Da.« Benny zeigte auf den Kamin. »Feuer. Essen. Trinken.« Vorsichtig wandte der Mann den Kopf, schaute. Seine Augen waren ungeheuer, ägyptische Augen, Kaninchenaugen in einem Mausegesicht. Er schleifte ein Bein in Richtung Feuer, rutschte seitwärts ab, saß mit dem Gesicht zu den Flammen wie ein Baby, mit gespreizten Beinen, krummem Rücken, die Hände schlaff zwischen den Beinen.

Benny zeigte ihm die Ration, den Becher der Feldflasche. Er füllte den Becher wieder und setzte ihn in die Flammen. Er bot die Flasche an. Sie fiel dem Mann aus der Hand. Benny kniete sich neben ihn und hielt sie schräg. Der Mann preßte die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Benny lehnte sich zurück, bestürzt, fast ärgerlich. Die Kralle des kleinen Kerls wies auf den Helm, den Schal. Benny reichte sie ihm. Ein Flüstern: »Bitte.« 57359 stülpte sich den Helm komisch auf den kahlen Schädel und legte sich den Schal sorgfältig um die Schultern. Er schaute um sich wie ein Kind, dann sprach er. Er murmelte und murrte und wiegte sich und nickte. Er dankte Gott und nicht Benny. Benny sah weg.

Der kleine Kerl stieß ihn an. Benny reichte ihm die Feldflasche, und er trank gierig. Benny zog die Flasche weg und sagte wie ein Konzertmeister: »Langsam.« Er öffnete die Dose und schnitzelte ein Stück von dem Käsezylinder. Bissen für Bissen fütterte er seinen Schützling.

»Wasser.«

19

Benny gab ihm, zeigte aber auf den Becher: »Tea.«

»Tee.« 57359 versuchte zu lächeln, und Benny brach es das Herz.

Er holte Socken aus seinem Tornister und streifte sie über die winzigen Füße; er verfluchte sich, weil er nicht eher daran gedacht hatte. Er schnitzelte mehr Käse ab. Es waren Schinkenstückchen im Käse. Fleisch und Milch! Und nicht einfach Fleisch, sondern Schinken! Na ja. Der Messias würde einen Tag später kommen.

57359, die neugeborene Maus, schlürfte Tee und weinte, als taute er auf. Seine Tränen glänzten wie Quecksilber, quollen aus den riesigen Augen und flossen an der riesigen Nase entlang und tropften von dem runden kleinen Kinn. Benny war fasziniert; er summte Ermutigung, erinnerte sich an Umgangsformen: »Benny Beer«, sagte er. »Benjamin Beer. Ich bin Benjamin Beer.« Der Überlebende nickte, stammelte, schluckte, seufzte, schüttelte den Kopf, schürzte die Lippen, sah Benny in die Augen und zuckte die Achseln. Benny erkannte das Achselzucken: was macht schon ein kleiner Krieg, oder ein kleines Jahrhundert, oder ein kleiner Tod? Ein Goliath von Achselzucken. Ein Leviathan von Achselzucken.

Im Feuerschein leckte sich das Gespenst die Lippen nach vergessenen Krümeln ab. Seine gewaltigen braunen Augen glänzten, eine verrückte Bejahung des Lebens, des Appetits, der Hoffnung. Er widmete sich wieder dem Tee, schlürfte, kleckerte, quietschte vor Wonne. Er brachte einen donnernden Rülpser hervor.

Als die Sonne aufging, nahm Isaak Abraham auf, und sie machten sich auf den Weg über die Ebene.

 

»Wie geht's?« Wieder deutsch. Benny der Weltreisende.

»Gut.«

Big Ben lachte laut und marschierte mühsam voran. Ein milderer Morgen, und Frühling plötzlich doch möglich. In einer Stunde kamen sie zwei Meilen voran oder drei. Benny setzte seine Last ab, trabte auf der Stelle, massierte die eigenen angestrengten Muskeln. Seine Maus sackte auf der Straße zusammen. 20Benny holte den kleinen Mann hoch, drückte ihn an sich, massierte ihn, rieb ihn, klapste und schüttelte ihn; der kleine Mann wurde warm und lächelte.

Das einzelne Flugzeug kam direkt aus dem Westen, ganz niedrig, und Benny nahm an, es wäre ein Amerikaner. Vielleicht stimmte das. Als der Tieffliegerbeschuß einsetzte, fiel er auf seinen Freund, der schrie, krallte, kratzte, ihn würgte – mit welchen geheimen Kräften? Benny blieb die Luft weg, und die Erde kippte und wurde finster.

 

Später im Jahr wachte Benny auf und sah tanzende Lichterketten und roch Wodka. Er mühte sich heftig, doch nichts regte sich, und so kam er feierlich zu dem Schluß, daß er lebte und auf Erden war, aber alle vier Gliedmaßen verloren hätte. Mit diesem deprimierenden Gedanken schlief er wieder ein. Äonen später, Galaxien später, seufzte er, schluckte Watte, öffnete die Augen; eine Frau lehnte über ihm, und er umarmte sie. »Ah, non!« Sie kicherte. Er hatte sie mit einem Arm umarmt. Das weckte seine Neugier. »Liegen Sie still.« Eine ausländische Lady. Vielleicht war er im Ausland. Vielleicht war dies ein Überseedampfer. Benny war gespannt; in seiner Erregung blinzelte er heftig. »Na ja, also, guten Tag!« Eine weiße Jacke. Ein Schiffsoffizier oder ein Steward. Klar, ein Steward. »Bouillon«, sagte Benny. »Alles in Ordnung«, sagte der Steward. »Sie sind in Paris, und mit der Zeit werden Sie wieder ganz gesund werden.«

»Paris!« Halterungen an einer Wand, eine Reihe Lampen.

»Sie hatten schlimme …«

Benny hörte im Augenblick nichts mehr; er sah die Betten, Gesichter, Verbände, und blitzartig kam ihm die Erleuchtung: das Dorf, Jacob, 57359, Abend und Morgen. »Ach Gott! Jacob. Haben Sie es meinem Vater gesagt?«

»Ich bin sicher, daß er informiert worden ist. Es ist alles in Ordnung, mein Junge.«

Alles in Ordnung, mein Junge? »Und diese Kabel?«

»Intravenöse Ernährung. Wissen Sie, was das ist?«

21

Benny konzentrierte sich. »Bin ich verwundet?«

»Sechs Kugeln, von der Schulter bis zur Wade. Alle wieder draußen. Zerschmettertes Schulterblatt, und zerschmettertes Femur. Das ist Ihr Oberschenkelknochen. Und Sie haben literweise neues Blut in sich.«

»Blutgruppe Null.«

Leises Lachen. »Jetzt wissen wir das auch.«

»Lachen Sie nicht«, sagte Benny fest. »Wichtig. Auf den Hundemarken.«

»Aber leider haben wir Ihre Erkennungsmarken nicht gefunden.«

»Um den Hals hab ich sie. Drei zwo neun drei zwo fünf zwo sieben.«

»Ja. Ruhen Sie sich aus. Darüber reden wir später.«

Benny versuchte nachzudenken, runzelte die Stirn und biß die Zähne zusammen. »Meine Eier«, sagte er, »und mein Rückgrat, Sir?«

»Alles da. Alles vollkommen in Ordnung.«

Benny brach in Tränen aus und weinte sich in den Schlaf. Er wachte mitten in der Nacht auf, der Schlafsaal war still und dunkel, und ihm fiel alles sofort wieder ein. »Gott Abrahams und Isaaks«, sagte er zu der Dunkelheit, zu den Schatten seiner vergessenen Vorfahren, »ihr, die ihr nie wart, ich danke euch. Wenn ihr in Zukunft mal Hilfe braucht, scheut euch bitte nicht, mich darum zu bitten.«

»Um Himmels willen, halt die Klappe«, sagte jemand. »Wir wollen schlafen!«

 

Benny würde mit Sicherheit sechs Wochen im Bett bleiben müssen. »Ich brauche Bücher.« Der Arzt war jovial: alles und jedes. Später sogar Rotwein. Zeitungen. La Vie Parisienne. Der Arzt zwinkerte. Benny starrte ihn kühl an, und der Arzt wurde geschäftig.

Man brachte Benny Feldpostausgaben von vielen Büchern, und er las die Zierde abendländischer Literatur im Duodezformat mit Papierumschlag. Er las Griechen und Russen und Franzosen und Engländer. Die Armeeausgabe der Ilias! Er las 22auch französische Zeitungen, vier oder fünf täglich, meist von der politischen Linken, wobei eine der anderen Übles nachsagte, und dachte daran, daß Jacob das Spaß machen würde. Er bekämpfte eine undankbare Reizbarkeit und war ein vorbildlicher Patient, munter und ruhig, der nur glühte und stöhnte, wenn Schwestern vorbeikamen. Gegen das Durchliegen ließ er Massagen über sich ergehen; leise summend und mit geschlossenen Augen trieb er auf den Wellen östlicher Sinnlichkeit nirwanawärts. Madame Fribourg, Marie-Elisabeth, seine zaubermächtige Krankengymnastin, war schon älter und hatte eine haarige Warze, aber sie war alles, was er an Huri, Peri, Sukkubus hatte. Seine Sexualität drückte ihn; er war in wesentlicher Hinsicht gesund, wenn auch bettlägerig und gebrechlich. Eine Mademoiselle Nattier fing seine Blicke und später – o nein. Bennys Geschichte verdient Besseres als vorübergehende Launen.

Und doch, sie war, was Französinnen immer zu sein versprochen hatten: dunkel, zierlich gebaut (ein bißchen mager, dürftig), vollbusig, ihre Hinterbacken zuckten sehr hübsch, symmetrisch, rhythmisch, wenn sie ging. Allegro vivo e con amore. Sie roch nicht richtig, aber sie liebte ihn: anfangs, als er noch down und erledigt war, mit flüchtigen Berührungen der Gastfreundschaft; später, als er auf und aktiv war, mit Zut und Olala. Benny gab seiner Wonne mit blökenden Lauten Ausdruck. Seine Zimmergenossen wußten Bescheid, billigten das, beneideten ihn. Endlich der vereinte Triumph von Äskulap und Eros: aufstehen. Das Bein hielt. All das hinter Vorhängen, in Wäschekammern, zwischen Licht aus und Hahnenschrei. Sie übte ihr Englisch: »Am I ready to be occupied by the Americans?« – »O ja!« sagte Benny mit Inbrunst. »Oh yes!« Er erinnerte sich immer mit Vergnügen und Stolz an sie; noch Jahre später erregte sie ihn, obwohl sie nichts voneinander wußten und nur ihre Körper kannten. Obwohl? Vielleicht weil.

Captain Parsons hätte er dagegen gern vergessen. Der kam eines Tages mit zwei hinter ihm her tänzelnden Lieutenants anmarschiert, alle drei identisch, Serienproduktion; sie wirbelten ein paar Holzstühle in Richtung Benny und studierten sein 23Krankenblatt mit ernsthafter, ehrlicher, gesunder Bedrohlichkeit. Nachdem sie Namen, Rang, Felddienstnummer, Alter, Größe, Gewicht, Religionszugehörigkeit, Leiden, Urinproduktion und Darmaktivität kannten, fragte einer von ihnen: »Corporal Benjamin Beer?«

Sie waren Narren, aber sie waren sie, die ewigen, gesichtslosen Funktionäre, und Bennys erster Gedanke war, daß sie schlechte Nachrichten von Jacob brächten, aber er änderte seine Ansicht sofort, als ihm in einer Aufwallung von Freude klar wurde, daß sie ihm gleich einen Orden verleihen würden. »Ja. Das bin ich. Drei zwo neun drei zwo fünf zwo sieben.«

»Hm«, sagte der Captain. Die Lieutenants schienen dem zuzustimmen. »Mein Name ist Parsons«, fuhr der Captain fort, »und dies sind Pistol und Bardolph.« Das sagte er nicht wirklich, aber man kann wohl kaum von einem Mann erwarten, daß er die Namen von Leutnants behält, wenn der Krieg aus ist. »Wir müssen über eine Angelegenheit mit Ihnen sprechen, die ein bißchen heikel ist; bitte betrachten Sie Lieutenant Pistol als Ihren Beistand.«

»Meinen Beistand?«

»Ja. Wir sind Vertreter des Gesetzes.«

»Ach ja?«

»Also, aufgepaßt: Wir wollen …«

»Bleistifte klar«, sagte Benny. Sie blinzelten.

»Wir wollen versuchen«, sagte Parsons geduldig, »den Tag zu rekonstruieren, an dem Sie verwundet wurden. Oder die zwei Tage, muß ich wohl sagen. Übrigens können Sie auch einen unabhängigen Zeugen haben, aber es ist eigentlich nicht nötig. Es geht nur um Fragen, Sie stehen nicht unter Eid oder so was, und außerdem haben wir ja Pistol und Bardolph.«

»Nicht unter Eid«, sagte Benny nachdenklich. »Sie meinen also, es ist in Ordnung, wenn ich lüge.«

»Nein«, Parsons lachte unpassenderweise, »dazu wollte ich nicht raten. Ich wollte nur das Verfahren erklären.«

»Ich verstehe«, sagte Benny. »Ich brauche auch keinen Zeugen. Ich erzähle Ihnen einfach genau, was geschehen ist.«

Und das tat er. Ein Bauernhaus, eine Mühle und die kleine 24Brücke. »Sie steckten in dem Bauernhaus, viele. Also zogen wir uns über die kleine Brücke zurück, und die anderen marschierten schnellstens die Straße entlang, während ich an unserem Ende die Brücke sicherte. Aber die Deutschen rannten flußabwärts und gingen da rüber und besetzten die Straße zwischen mir und den anderen. Da habe ich mich leise in den Wald geschlichen und gemeint, ich könnte einen Bogen schlagen und später wieder zu den anderen stoßen. Und dann plötzlich war Europa leer. Ich konnte niemanden finden, auf keiner der Seiten.« Und er berichtete weiter: von dem Dorf, der Wirtschaft, 57359, der Wanderung am Morgen. Sie lauschten mit identisch gerunzelten Stirnen. »An mehr erinnere ich mich nicht. Was wurde aus dem kleinen Kerl?«

»Darüber habe ich keine Informationen. Ich ziehe nur Erkundigungen ein.«

»Ich möchte gern wissen, wo er steckt. Könnten Sie das bitte mit erwähnen? Corporal Beer wäre dankbar für jede Information über diesen kleinen Zivilisten, diesen Gefangenen aus irgendeinem Lager, Nummer fünf sieben drei fünf neun. Vielleicht könnten die beiden Lieutenants das auch notieren.« Sie nickten alle; Parsons kritzelte. »Das war alles«, sagte Benny. »Was passierte dann mit mir?«

»Man hat Ihnen Blut übertragen und Sie in ein Flugzeug geladen. Niemand wußte, wer Sie waren, oder auch nur, auf welche Seite Sie gehörten.«

Benny starrte ihn an.

»Sie lagen halbnackt am Straßenrand, und Sie hatten keine Hundemarken.«

»Und meine Waffe?«

»Keine Waffe da.«

»Verdammt!« Viel Stoff zum Nachdenken. »Und warum hat man mich hierhergeflogen?«

»Ich vermute, um Sie im Auge zu behalten«, sagte Parsons, »bis Ihre Identität geklärt wäre.«

»Teufel, Teufel«, sagte Benny. »Aber jetzt wissen Sie's. Sie haben meine Fingerabdrücke. Ich bin kein deutscher Spion oder ein flüchtender Gauleiter. Also was ist jetzt noch?«

25

»Woher kennen Sie ein Wort wie ›Gauleiter‹?«

Benny begriff, daß er sich in Gegenwart der Polizei befand, und war gehörig beeindruckt. Hilflos legte er den Kopf schief und sah die beiden Lieutenants nacheinander an. Pistol errötete, Bardolph war in Gedanken versunken. »Das stand alles in den Zeitungen«, sagte Benny. »Captain, ich kenne vielleicht vierzig Wörter Deutsch und ein paar hundert Jiddisch. Kennen Sie viele jiddische Wörter?«

Parsons schlug die Beine übereinander. »Nein, tut mir leid, nicht ein einziges.«

»Es ist eine ausdrucksvolle Sprache. Und Deutsch?«

»Ich habe rudimentäre Kenntnis der Umgangssprache.«

»Von vor dem Krieg?«

»Nein.« Parsons war irritiert.

»Und Italienisch? Haben Sie da gedient?«

»Nein.«

»Japanisch?«

»Nein. Warum fragen Sie das?«

»Um den Augenblick der Wahrheit hinauszuschieben«, sagte Benny. »Ich glaube nicht, daß er mir Spaß machen wird. Ich hoffe, der Arzt hat Ihnen von meinen Wutanfällen berichtet.«

»Wutanfälle?« Parsons kämpfte mit Unglauben.

Benny seufzte. »Ich habe Schmerzen. Warum sind Sie hier?«

»Ihr Zug«, sagte Parsons. »Er wurde ziemlich zusammengeschossen an dem Nachmittag, und da erhob sich die Frage nach einer möglichen Desertion.«

Benny brüllte wie ein Stier und schnob Feuer. »Schwester! Doktor!«

Parsons zeigte Bestürzung.

»Wo ist mein Purple Heart?« brüllte Benny. »Und wohin zum Teufel sollte einer desertieren? Sind Sie wahnsinnig? Wer ist gefallen? Sagen Sie mir das wenigstens!«

»Vier sind gefallen, zwei verwundet«, sagte Parsons. »Die Namen weiß ich nicht.«

Benny trauerte. Sie waren Strolche, picklige Lüstlinge, Judenhetzer, faule Hunde, aber sie waren sein Zug. Er hoffte, daß Haas nicht tot war. Einmal hatte er einen Jeep von Haas 26heruntergehoben; der arme Kerl hatte geschrien und geplärrt: Haas hatte nur ein paar Schrammen abgekriegt, und Benny hatte ein paar Stunden lang einen Leistenbruch simuliert, mit Fistelstimme und Taumeln.

»Sir«, sagte er, »Sie sind Offiziere, und ich bin nur ein dämlicher Corporal, aber jeder, der mich kennt, wird Ihnen sagen, daß ich nicht desertiere. So einfach ist das. Ich war immer ein braver Junge und hab getan, was von mir erwartet wurde, und nur ein Trottel würde sich absetzen, wo der Krieg so gut wie vorbei war. Außerdem: Wenn ein Mann im Einsatz so zerschossen wird, dürften doch Tatsachenvermutungen zu seinen Gunsten sprechen.«

»Das stimmt«, sagte Parsons. »Sie gebieten über einen ziemlich großen Wortschatz. Ich war der Beste in Rechtschreibung auf der High School.«

Benny starrte ihn wieder an.

»Tatsachenvermutungen.«

Nach einem Augenblick nickte Benny langsam. »Ich weiß noch eins.«

Parsons lächelte.

»Dinosaurier.«

Parsons nickte. »Nicht besonders schwierig.«

»Aber all die Wörter, die man daraus machen kann! Mit drei oder mehr Buchstaben.«

»Himmel, ja. Na, vielleicht später«, sagte Parsons energisch. »Wir wollten nur diese Aussage.«

»Sie haben sie«, knurrte Benny. »Mir macht das keine Freude, Captain. Das ist wie üble Nachrede.« Keiner der drei trug ein Frontkämpferabzeichen, sah Benny. Snob!

»So ähnlich ist das wohl. Es tut mir leid.«

Benny zuckte die Achseln. Sein Ärger war verflogen. Gangster und Scheißer hatte ein betrunkener Australier Politiker und dergleichen einmal genannt. Gangster und Scheißer, und dagegen konnte man nichts machen. Sie waren nicht nur ein Teil des Lebens, sie waren das Leben selbst, und die wenigen, die sich anständiger Gesinnung und echter Intelligenz rühmen konnten, wie er selbst, dachte Benny, waren die Mißgeburten.

27

Die drei überflogen ihre Notizen. »Es tut mir leid«, sagte Parsons liebenswürdig, »wirklich. Irgendwer hat da einen kleinen Mann im Ohr. Ich kann es Ihnen nicht verdenken, daß Sie … daß Sie so ein Gesicht machen.«

»Ich will nur mein Purple Heart«, sagte Benny. »Ich hab meinem Vater versprochen, daß ich mit einem Orden zurückkommen würde. Das ist sehr wichtig für uns: Wir sind seit Generationen Militärs.«

»Ich werde Ihnen bestimmt keine Hindernisse in den Weg legen«, sagte Parsons rauh, aber herzlich, und Benny erinnerte sich, daß jemand gesagt hatte: »Alles in Ordnung, mein Junge.« Er entdeckte einen Schimmer von Menschlichkeit bei Pistol, der ihn sofort unterdrückte.

»Dafür danke ich Ihnen«, sagte Benny, als er Parsons die Hand schüttelte, »wirklich. Sie waren sehr verständnisvoll.« Er schüttelte Bardolph die Hand. »Lieutenant.« Und Pistol, der ihm nicht in die Augen sah. Eine jüdische Großmutter? »Und jetzt muß ich schlafen«, sagte Benny. »Mein Bein tut weh.«

Er sollte eine ganze Weile nicht wieder von ihnen hören. Aber eine Woche später schmückte ein neuer Satz Hundemarken seine haarige Brust, und als er das Lazarett verließ, leistete ein Purple Heart seinem Frontkämpferband Gesellschaft. Das war nach einem Tag des Abschieds von Miss Nattier, wie sie von ihm genannt werden wollte. Er fragte sie, ob sie von dem Maler abstammte, aber sie hatte noch nie von dem Maler gehört. Sie klammerten sich aneinander, und sie sagte, sie würde ihn nie vergessen, was sicher stimmte; sie wußten, daß die Erinnerung süß und warm sein und die Begierde überdauern würde; und während der letzten Stunde ihres Dienstes standen sie in Harmonie und Unschuld am Fenster, während sich die Nacht auf die Schornsteinaufsätze niedersenkte wie ein Schwarm von Fledermäusen.

28

2

Zum Frühlingsende kam Benny Beer heim. Er kam in New York an, 1,85 m groß, 93 Kilo schwer, und ging zusammen mit 700 anderen von Bord auf einen leeren Kai, ohne Blumen, ohne Blaskapelle. Am späten Vormittag fuhr er mit der U-Bahn zum Union Square: Jacob Beer, Herrenschneider, Maßanfertigungen. Luftspiegelungen flimmerten über dem heißen Teer. Benny marschierte mit einem leichten Humpeln den Broadway hinauf, den Seesack heldenmäßig über eine Schulter geworfen. Frauen schauten. Benny strahlte und äugte. Verwirrend. Flaumige Unterarme. Lauernde Hinterteile. Benny sehnte sich. Die Sonne lag ihm im Genick wie eine Frauenhand. Sommerbrüste. Benny staunte, genoß, wurde schwach. Schenkel, Nester. Die Sonne prallte von kühlen steinernen Fensterbänken ab und überschattete Fugen. Tauben machten Schauflüge, flatterten Willkommen. Der Geruch von Fettgebackenem, von Auspuffgasen. Einkaufende Frauen, Ohrringe, Sandalen. Alte Männer, traurig, Stöcke. Benny wuchs. Die Frauen waren unvollkommen, und er liebte sie darum: eine Runzel in der Kniekehle, Kaninchenlächeln, kleine Augen, Gesichter, für die Büroarbeit gezüchtet wie Schafe für die Wolle, hochgebürstete Haare, steifgesprayt, zipfelnde Säume, rutschende Unterröcke, Andeutung von Bärtchen – na und? Und? Er wollte sie alle.

Dabei trödelte er, und lächelte nachsichtig über sein eigenes kindisches Benehmen. Ein Polizist grüßte locker, als er Bennys kleinen Regenbogen von Bändern sah; Benny nickte, humpelte und gestattete einem Abglanz von hohlem Horror, seine blanken braunen Augen zu verdüstern, und marschierte weiter, unangemessene Heiterkeit unterdrückend. Waren alle Frauen schön? Seit einer Stunde war er in diesem Land Gottes, und keine war seinem Blick entgangen. Kaum vom Kutter, schon der ihre! Er hatte überlebt. Er lebte wieder, Saft und Rute stiegen, Tod und Töten lagen hinter ihm. Zeit der Freude, des 29Schaffens! Laß die Wonne unendlich sein! Jede Rasse, Farbe, Konfession, Alter, Form oder sonstige Bedingung von Schönheit. Benny ist wieder da! Und trägt sein Geschlecht in einem zuchtlosen Winkel.

Und da war es: Der Eingang überraschte ihn. Das Schild: Jacob Beer. Das Vestibül war kühl, zeitlos, marmorn. Ein neuer Liftboy, vielleicht sechzehn, schon verkniffen und bleich, ein kleiner Dieb, Zigaretten-Teint, die Daily News klemmten hinter seinem Otis-Hebel. Benny wurde in den siebten Stock befördert und betrat den vertrauten Korridor, ging zu der vertrauten Tür und hinein, durch einen Vorraum aus Filzwandschirmen auf zwei Männer zu, die vor einem Triptychon von Spiegeln standen. Er ließ den Seesack fallen und umarmte den kleineren Mann, küßte ihn auf beide Backen und dann auf den Mund.

Jacob Beer heulte. Er ehrte seinen Sohn durch Heulen: stand in Gegenwart seines Kunden Krösus da und gab einen Wolkenbruch. Als er sprechen konnte – immer noch von Bennys Armen umschlossen wie eine Braut -, sagte er: »Mein Sohn. Entschuldigen Sie mich, Feldman. Mein Sohn Benjamin. Aus dem Krieg zurückgekehrt. Verwundet. Mein Sohn. Mein Sohn Benjamin.« Benny grinste ihn an und zauste ihm das Haar. Wie klein Jacob war. Drei Ellen und zwölf Zoll, an Gewicht kaum mehr als ein babylonisches Talent. An Jahren vier Dutzend und drei. An Sprachen Englisch, Jiddisch, Kindheits-Deutsch und -Polnisch und italienische Zahlen, letztere vom Feilschen mit Zuschneidern, Grobnähern und Knopflochmachern. (»Alle anderen in Ordnung, aber Gott bewahre mich vor Knopflochmachern. Spezialisten. Ein richtiger Knopflochmacher, dieser Victor Emanuel.«) In den früheren Jahren hatte es ebenso viele Italiener wie Juden in dem Gewerbe gegeben. Ein italienischer Jude aber war der höchste Trumpf. Die Beers rühmten sich einer Überlieferung: daß a. d. 1400 (wessen d., fragt Jacob düster) ein direkter männlicher Vorfahr Großrabbi von Padua gewesen war. Jacob machte wirklich etwas daraus. »Galleazo«, sagte er etwa, »du bist ein Knopflochmacher, der beste, keine Frage, aber wußtest du, daß im Jahr vierzehnhundert …«

30

Jacobs Tränen waren Tränen der Freude, aber dahinter lauerte Kummer, und Benny deutete ihn gleich: daß Bennys Mutter diesen Tag nicht erlebte. Sie hatte auch seinen Aufbruch nicht miterlebt, denn sie war an Krebs gestorben, als er zehn gewesen war, aber das tat nichts zur Sache. Ein Augenblick der Freude war ein Augenblick der Freude, es gab zwei, drei, fünf in einem glücklichen Leben, und es war schlimm genug, daß es sie so selten gab, auch ohne den Schmerz, daß man sich allein freuen mußte. Feldman zog sich zurück; er schüttelte Benny die Hand und verabschiedete sich barmherzig. Jacob nickte dankbar und winkte zum Abschied. Als er mit seinem Sohn allein war, heulte er noch ein bißchen weiter. Dann faßte er sich, zog sein Kammgarn-Jackett über, sprachlos noch, schüttelte den Kopf und schluckte, umarmte Benny abermals und fand seine Stimme wieder: »Wir gehen zum Lunch zu Pinsky. Wenn Karp dich sieht! Karp! Ha! Er hat alles falsch vorausgesagt. Er sagte, Leningrad würde fallen. Stalin würde ermordet werden. Trotzki käme zurück. Alevai, aber es geschieht nicht. Karp! Benny, Benny! Wie geht es dir? Tut es noch weh? Was sind das für Bänder? Ein Held? Bist du ein Held?« Sie hasteten zur Tür, wo Jacob sich umdrehte und sagte: »Gott sei gedankt. Gott sei gedankt!« und seinen Sohn abermals umarmte. Dann tanzte er wie verrückt, wirbelte herum, klatschte in die Hände. »Benny! Hab ich einen Flanell für dich! Und einen Vorkriegs-Harris-Tweed. Und bei Gott, Benny, ich kann einen Anzug zuschneiden! Seit vier Jahren hab ich keinen Anzug zugeschnitten! Im Krieg hab ich nur Feldman für Maßanfertigungen. Und Feldman trägt keinen Anzug, der trägt nur Futterale, Schlupfsäcke. Schau, eine Weste. Ich werde ihn mit Weste machen. Mit Aufschlägen. Ein Veteran sollte Weste tragen. Zeit für etwas Würde, etwas Gehobenes.«

Sie waren jetzt im Aufzug. »O'Brien«, sagte er, »dies ist mein Sohn Benjamin. Gesund und munter aus dem Krieg zurück, und zwar mit Orden.«

»O'Reilly«, sagte der Junge.

»Du hast bestimmt große Pläne«, sagte Jacob. »Nein, nein, nicht jetzt, du hast recht. Lunch, ein paar neue Sachen, dann 31kannst du mir eine Geschichten vom Krieg erzählen, und wahrscheinlich hattest du ein Mädchen, an das du immer geschrieben hast, was?« Er puffte Benny in die Rippen. Nur im Kino und bei Jacob Beer: Ellbogen in die Rippen, Zwinkern: »Was, Kumpel?«

 

Vom Eingang des Feinschmeckerrestaurants betrachteten sie die Ältesten Zions. »Alle Menschen sind Vettern zweiten Grades.«

»Dies sind die Großväter«, sagte Jacob. »Die richtigen Esser sind noch in Uniform. Und das ist auch gut, bei all der Rationierung. Pinsky vollbringt Wunder. Keine kleinen, wie Josua, sondern große, wie Hühnerleber mit Eigelb und Zwiebeln.«

Graue Köpfe, melierte, braune und kahle, gebeugt oder nickend, haarige Ohren, haarige Nasenlöcher, Tränensäcke. Magere Arme in kurzen Ärmeln. Benny hörte Jiddisch, Deutsch, Ungarisch und wurde auf einer Flut von Gerüchen in der Zeit zurückgeschwemmt, durch Pastrami und Corned beef, ein Strudelchen von Kischke und Hühnersuppe, eine kleine Welle Stör, und über den Fluten lag leichter Dunst von Bier und Tee. Er erinnerte sich an ein überheiztes, übergepolstertes Wohnzimmer in Brooklyn, eine Versammlung von Onkeln und Tanten, die lange Reden über eine verlorene Revolution hielten, an Tee in Gläsern, exotische Namen. Seit seiner Kindheit, so schien es ihm, hatte er an Lenin als an Iljitsch gedacht. Der Tag wird kommen! Wenn jeder einmal die Woche eine Schwarze kommen lassen kann! Wenn sich niemand mehr um Nahrung, Unterkunft, einen Wintermantel Sorgen zu machen braucht! Wieviel würde man dazu brauchen, zwei-, dreitausend im Jahr. Nichts. Maschinen.

Onkel Isaac: »Und ein Gebiß, das paßt!«

»Tante Rose: »Mehr Biskuitkuchen.«

Onkel Jeremiah mit dem seidig weißen Schnurrbart: »Auf dem Land. Mit Hühnern. Ihr werdet schon sehen.«

Alle: »Herzl!«

Jetzt wogte Pinsky auf sie zu, mit all seinen 90 Kilo, mit all seinen 172 cm Höhe. Menschenberg Pinsky. Benny hatte ihn 32als Renaissance-Spottbild in Erinnerung, als »Der Herbst«, mit einer Möhre als Nase, Rosinen als Augen, Äpfeln als Backen, Melone als Kinn, aber Pinsky in Fleisch und Blut übertraf seine Vorstellungskraft, Pinsky war ein Rebus, gurkennasig, eieräugig, rübenwangig, kartoffelbekinnt, kürbisbäuchig: Pinsky und sein Lebenswerk waren ein und dasselbe.

Neben Pinsky sah er 57359, Haut und Knochen, nur eine Sekunde, aber wie wirklich! Benny kniff verstört die Augen zu, als er und Pinsky sich umarmten. Pinsky, nichts als ein lebenslanger Freund, schluchzte einmal auf: »Du bist gesund!«

»Mir geht es gut.«

»Gott sei Dank. Du hast zugelegt bei dem Abfall, mit dem ihr da gefüttert werdet. Bohnen. Schweinefleisch!« Pinsky zitterte wie Aspik.

»Ich bin groß und hart.«

»Stark wie immer?«

»Stärker.«

»Das ist ziemlich stark. Wie geht's, Jake?«

»Benny ist wieder da. Wie soll es gehen?«

Pinskys weitaufgerissene Augen glänzten; er kicherte und zappelte. »Benny, ein Gürkchen!«

Benny ging, groß und breit unter den kleineren Alten; Benny riesig und fremdartig. Er griff sich einen Teller von der Theke und folgte seinem Gedächtnis und dann seiner Nase zum Gurkenfaß, dem mythischen, ewigen, nie leer werdenden Gurkenfaß; einer plötzlichen Eingebung folgend goß er eine Handvoll Marinade auf den mit Sägemehl bestreuten Fußboden: Noch einmal, danke dir, der du nicht bist. Und wenn Gott Essiggurken vorzog? Durch solche Fehler und Versäumnisse gingen Imperien zugrunde. Er fischte mit der hölzernen Zange und zog einen Mordsfang heraus: In diesem Augenblick wußte er, daß er unsterblich war; triumphierend trug er ihn vor sich her. Jacob saß, Pinsky flatterte über ihm. »Was du willst, Benny. Sag es nur. Was du in Fort Mammoth nicht bekommen hast.«

Sie bestellten. Benny wollte von allem etwas. »Da ist Kantrowitz«, sagte Jacob. Winken, Gesten, Lächeln. Auf jeder der karierten Tischdecken stand ein Glas Senf, eine kleine Gewürzgruppe, 33ein Fläschchen Essig. Kein Zucker. Zucker auf Verlangen. Kleine Tümpel von Geräuschen schimmerten und spritzten, plätscherten und rannen von Tisch zu Tisch; Wolle, Roosevelt, Auschwitz, Hosen von der Stange? Bei mir? Kalifornische Gewichte. Pinsky, ist das Honig? Echter Honig? Von Bienen? Ein Genie, dieser Pinsky, ein Genie. »Aha«, jubelte Jacob. »Karp, Karp, Karp! Setz dich!« Benny schüttelte Louis Karp die Hand, einem kleinen, kahlköpfigen dünnen Mann, der noch im lila Kunstseidenanzug unauffällig sein würde. Der strahlte. »Benny, Benny. Bist du gesund?« Gesund. »Endgültig zurück?«

»Endgültig. Tag, Mister Karp. Sie sehen gut aus.«

»Frag mich nicht«, stöhnte Karp. »Ich weiß ja, daß es erst schlimmer werden muß, ehe es besser wird, aber immer?«

»Das ist Trotzki«, sagte Jacob schadenfroh.

Karp zuckte die Achseln. »Du wirst ja wissen, wo dich der Schuh drückt.« Er legte den Kopf schief. »Benny. Du wirst etwas zum Anziehen brauchen.« Karp vertrat Ffolliott-Anzugstoffe. Er setzte sich und schnupperte am Senf. »Frisch.«

Jacob stieß den klassischen Laut der Verachtung aus. »Anzüge kriegt er von mir. Von dir Overalls.«

Karp gluckste. »Mit deinen italienischen Knopflöchern. Machst du ihm einen Ballonanzug?«

Jacob lächelte Benny an und tippte sich an die Schläfe.

»Was ist ein Ballonanzug?« fragte Benny.

»Du würdest es nicht glauben«, sagte Jacob. »Weite Hosenbeine und Ärmel, aber an den Gelenken eng. So was Verrücktes hast du noch nie gesehen.«

»Vielen Dank, nein.«

Pinsky kam, hochbeladen, und hinter ihm Leon, ebenfalls hochbeladen, und sie überhäuften den Tisch mit Hering, Stör, Felchen, Gefilte Fisch, Roggenbrot und Meerrettich. Mit Kohlsalat und Bier. Mit Sardellen und Sardinen. Mit Möhren und Petersilie. »Aufhören«, sagte Jacob. »Ist das eine Hochzeit?«

Pinsky saugte nachdenklich an seinem grünen Daumen. »Okay, Benny? Zum Anfang?«

Okay, nickte Benny, mit feuchten Augen; die Stimme versagte 34ihm. Pinsky sah seine Bedrängnis und war entzückt. Er und Leon zogen sich diskret zurück. Profis.

Die drei begannen schweigend, mit einem starken Gefühl von Feierlichkeit. Sie hoben Gabeln voll Fisch in wortloser Begrüßungsgeste; der Meerrettich wurde weitergereicht, beschnuppert, ernst probiert. Zum Salzfisch trank Benny einen kräftigen Schluck Bier; Leon brachte neues und sagte zum tausendsten Mal: »Süßes für die Süßen.« Zum tausendsten Mal quittierte Jacob den Scherz mit einem trockenen, müden, würdevollen Lächeln. Leon war ein Flüchtling, ein Ungar, und konnte in sieben Sprachen nachdenklich sein.

»Und was wirst du jetzt machen?« Auf Karps Kinn Treibgut.

»Laß ihn«, sagte Jacob. »Er kommt gerade erst vom Schiff.«

Karp forschte gedankenvoll im linken Nasenloch. »Er sollte sich bald entscheiden. Sie werden jetzt in großen und ungestümen Mengen heimkommen, und da sollte er schon eine günstige Ausgangsposition haben.«

Jacob grunzte. »Hör gar nicht hin.«

»Ich hab schon darüber nachgedacht«, sagte Benny. »Ich hatte genug Zeit im Lazarett.«

»Und?« Jacob blinzelte verschmitzt. »Du wirst Baseballspieler? Bei dem Körperbau. Ein Fänger!«

Karp stöhnte. »Oder der starke Mann im Zirkus mit den Hanteln.«

»Na, was soll er denn werden mit den Muskeln?« fragte Jacob. »Ein Jurist?«

»Es könnte schlimmer kommen«, meinte Karp. »Schau dir Brandeis an.«

»Ich schau schon«, sagte Jacob. »Das einzige, was es in diesem Land zuviel gibt, sind Juristen. In zehn Jahren werden sie übergeschwappt sein und im Meer schwimmen wie Zitronen.«

Die saure Gurke war Vollkommenheit. Benny biß staunend hinein, mit der köstlichen Ergebung dessen, der weiß, daß er nie arm oder krank sein wird, daß er zu einem langen und ungetrübten Leben ausersehen worden ist. Der Salomo der sauren Gurken. Was macht ihr als erstes, wenn ihr heimkommt? hatten sie einander gefragt, und wenn die nächstliegende, 35obligatorische Unanständigkeit ausgejohlt worden war, waren sie als echte Amerikaner zu Mutterns Apfelkuchen, Popcorn, Eisbechern übergegangen. Bennys Schicksal waren saure Gurken.

»Er wird sich entscheiden, wenn er soweit ist. Erstmal muß er schlafen und Comics lesen.«

»So komisch sind die gar nicht.« Karp stand mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.

»Wo willst du hin?«

»Zur Toilette.« Karp stöhnte, ein geplagter Mensch, verborgene Steine und Krämpfe. »Ahasver, der wandernde Jude, suchte ein Klo.« Er schlurfte davon.

»Ein netter Mann«, sagte Jacob. »Die Schurken von der Gewerkschaft haben ihn mal zusammengeschlagen.«

»Ich weiß.« Benny und Jacob beharrten höflich auf gegensätzlichen Ansichten über Gewerkschaften. »Wie geht es seiner Frau?«

»Gut, gut. Sie spielt den ganzen Tag Mah-Jongg. Also. Du hast es geschafft. Hast für diesmal den Engel des Todes betrogen.«

»Einmal bin ich ihm begegnet.« Benny sah 57359 krumm bei Pinsky hocken und Halwa kauen. Jacob wurde ernst und respektvoll; Benny lachte. »Komm, sei nicht albern. Die schlimmste Zeit war im Krankenhaus.«

»Hattest du solche Schmerzen?« Wieder dieser Ton von Ewigkeit: Es gibt kein Leben ohne Schmerzen. Schmerz ist das sicherste Zeichen.

»Nein. Die Bettpfanne. Ich lag in Gips.«

»Würdelos.« Sie dachten beide an Hannah, kahlköpfig und delirierend. »Na, jetzt bist du zu Hause.«

»Ich bin zu Hause.« Benny zögerte. »Ich glaube, ich möchte Arzt werden.«

»Benny!« Jacob neigte sich zu ihm, mit erhobener Gabel. »Benny! Arzt! Natürlich!«

Benny stieß ihn in die Rippen und sagte: »Du weißt schon, Kumpel, die Schwestern.«

 

36

An manchen Abenden redeten sie, an manchen Abenden streifte Benny durch die Stadt. Es waren faule Tage: Das Prinzchen stand spät auf, aß gut, las Nachrichten aus Stadt und Land und rückte in kleinen Etappen in Richtung auf den Poloplatz vor, um die Posse eines vom Krieg beeinträchtigten Baseballspiels zu sehen. Oder ging durch die Wall Street, zur Brooklyn Bridge, durch den Central Park. Sein Bein wurde wieder stark, das Humpeln verschwand. Die Narben verblaßten. Die alten Freunde waren längst fort, aber er fand ein Mädchen, schwarze Haare, Schmollmund, die er alle paar Tage mit Steaks, Kino und Roggenwhiskey traktierte, wofür sie sich zu weiteren Dingen bereit erklärte. Sie wollte Sängerin werden. Benny billigte das. Ihre Stimme war mittelmäßig, aber sie hatte eine gute Figur. »Ich würde gern Latein lernen«, sagte sie, und Benny verschluckte sich fast. »Warum?« – »Damit ich lateinamerikanische Lieder singen kann.« Benny erzählte Jacob das, und der wies ihn zurecht: »Du solltest deinem Vater im Zeitalter der Ungeheuerlichkeiten keine Lügengeschichten erzählen!« – »Hab ich dich je angelogen?« fragte Benny, und Jacob sagte: »Du meinst das also ernst? Tatsächlich?« Benny nickte, und Jacob grinste in ruchlosem Triumph: »Schicksen!« Aber Benny liebte sie – wie sonst sollte er das nennen? Die Wärme, die ihn durchströmte, wenn er in sie drang, war die Hitze prähistorischer Sümpfe, uralter Sonnen, der Ursuppe. »Beweg dich nicht«, flüsterte sie, »nicht bewegen, solange wir können«, und minutenlang kochten sie auf kleiner Flamme am Rande des Wahnsinns, des weiten, heißen Nichts, glitten durch Träume und dampfende Landschaften und verließen die Zeit. Dann bewegte er sich, oder sie, und sie spannten sich und barsten und flogen durch das Universum.

 

Ein heißer Abend Anfang August; Vater und Sohn gingen einen Orangensaft trinken. Jacob trug ein blaues Sporthemd, Benny ein T-Shirt von Vassar, das er durch Tausch erworben hatte. Sie standen am Kiosk. »Wir standen am Stand und tranken den Trank«, deklamierte Jacob, und während sie das taten, schob sich ein Gerücht auf sie zu. Sie spürten ein Ereignis. Autos 37hielten. Fenster wurden geöffnet. Rufe. »Was ist los?« fragte der Verkäufer. »Ich weiß nicht«, antwortete Benny. »Brennt es?« – »Ich mach mal das Radio an«, sagte der Verkäufer.

So hörte Benny von Hiroshima. Inmitten des Jubels stand er da mit Jacob. »Eine ganze Stadt!« sagte Jacob. »Was ist das, diese Atombombe? Weißt du das?«

»Ich hab so eine Vorstellung. Wie tausend Tonnen gewöhnlicher Bomben, sagte der Mann. Einstein hat was damit zu tun.«

»Dann ist das in Ordnung«, sagte Jacob.

»Es verändert die Welt.«

»Zum Schlechteren?«

»Jede Veränderung ist zum Schlechteren«, sagte Benny, und sie lachten.

»Dann ist der Krieg vorbei.«

»So muß es sein.«

»Das Leben fängt von vorn an.«

»Das Leben fängt von vorn an.«

Bennys Sängerin fand das großartig, das geschähe ihnen recht. »Sieh dir doch an, was sie mit den Juden gemacht haben«, sagte sie. Als ihr Mann entlassen wurde, hörte Benny auf, sich mit ihr zu treffen. Inzwischen besuchte er die letzte Klasse im College. Er und Jacob aßen am Abend Rinderbrust und Meerrettich; Winterwinde schlugen an ihre Wände, und sie fröstelten geistig und moralisch, als sie auf die kalten Lichter der Hauptstadt der Welt hinaussahen. »Ich war zwölf«, sagte Jacob, »und nicht groß, natürlich nicht, noch kürzer als jetzt, wog vierzig Kilo. Sie gaben mir Briefe für Onkel X und Onkel Y, und so überschritt ich die Grenze vom russischen Polen nach Deutschland – was damals noch ein Zufluchtsort war, verstehst du, ein Ort des Lichtes und der Freiheit – und fuhr mit dem Schiff nach England. Ich aß wie ein Schwein, wie ein echtes Schwein, und achtete nicht auf koscher. In London lieferte ich meine Briefe ab und stellte fest, daß ich ein Kurier für den sozialistischen ›Bund‹ gewesen war. Mit zwölf ein Held der Arbeiterklasse. Darum haßte ich die Schurken. Wenn die Russen mich gefilzt hätten, säße ich heute in Werchojansk und nähte da Knöpfe an Latze.«

 

38

Und der Krieg, immer wieder der Krieg, Echos, Erinnerungen. An einem regennassen Abend sagte Benny: »Also schwärmten wir aus den bauchigen Schiffen und stellten Zelte auf an der Küste des weindunklen Meeres. Eisenhower, der König der Männer, führte uns, und der listenreiche Montgomery ließ sich Zeit an der Flanke.«

»Was ist das nun wieder? Eine andere Landung?«

»Eine andere Landung. Es war nicht schlimm da, wo ich war. Schlimm wurde es erst später. Überwiegend stumpfsinnig. Außer am Schluß. Was für ein Flugzeug war das? Wo ist der kleine Kerl?«

»Vielleicht hat er dir das Leben gerettet.«

»Oder vielleicht bin ich seinetwegen zusammengeschossen worden.«

»Du könntest an die UNRRA schreiben«, sagte Jacob fest.

»Ja. Oder vielleicht nein. Vielleicht sollte jeder seinen eigenen Weg gehen und nicht zurückschauen.«

»Vielleicht hast du ihm das Leben gerettet«, sagte Jacob. »Ich weiß zufällig, daß du nach Ansicht der Chinesen damit für ihn verantwortlich bist.«

Benny dachte nach. »Ich werde schreiben. Eine Nadel im Heuhaufen.«

»Du weißt seine Nummer. Ich werde feststellen, ob es Zeitungen für die Lager gibt, mit Suchanzeigen. Isaac weiß so was. Ein Spendenbeschaffer.«

»Was für eine Familie«, sagte Benny. »Alles da, bis auf ein schwarzes Schaf.«

»Wir zählen auf dich. Wie heißt das? Ein Wüstling. Benny der Wüstling.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte Benny. »Du bist ein ganz schön unmoralischer Patriarch, Old Jacob.«

»Das kommt von dem Ringen mit dem Engel«, erklärte Jacob. »Er hat gefoult, warum also sollte ich moralisch sein?«

»Unmöglich! Blasphemie!«

Jacob schnaubte. »Er rührte das Gelenk seiner Hüfte an; und es ward über dem Ringen verrenkt.«

»Hübsch«, sagte Benny.

39

»Rauhe Sitten waren das damals. Elias. Tötete hundert Männer, nur um zu zeigen, was für ein toller Kerl er war. Und die Frauen? Die Kinder?«

»Ich möchte wissen, wie viele da zusammenkommen«, sagte Benny. »Ich wette, alle, die in der ganzen Bibel getötet wurden, sind nur zehn Prozent von denen aus den letzten fünf Jahren.«

»Fortschritt. Das ist der Fortschritt. Das Schlimmste liegt noch vor uns.«

»Immer«, sagte Benny. »Ein paar von diesen Generalen wollen mit Bomben auf die Russen los. Diese armen gottverdammten Russen.«

»Generale!« sagte Jacob. »Old Mendel – du weißt, Mäntel -, der will auch Bomben auf die Russen werfen. Mäntel!«

 

An einem anderen Abend spielte Benny Geige, während Jacob mit einer unverhältnismäßig großen Zigarre den Takt klopfte. Von einem Zigeuner-Nichts wechselte Benny zu dem köstlichen Deutschen Tanz aus dem B-Dur-Streichquartett über, und Jacob seufzte; die Zigarre ruhte. Hierzu pfiff er nicht. Jacob pfiff oft in der tonlosen Art der russischen Oper und wollte nicht glauben, daß seine Melodien nicht zu identifizieren waren. Er liebte Musik blind, und taub, und pflegte seine eigene Neuntonreihe, so daß er zum Beispiel an die Existenz eines französischen Komponisten namens Jackie Bear glaubte, und daran, daß alles im Dreivierteltakt ein Walzer sei (was sonst konnte ein Deutscher Tanz sein?!), daß Benny ein großer Geiger sei und er selbst das absolute Gehör habe. Alles ererbt. »A«, sagte er immer, wenn Benny stimmte, »das ist das A.«

 

An einem anderen Abend sagte Benny: »Es war nicht richtig, mich sie sehen zu lassen. Du hättest sagen sollen: ›Mama ist im Himmel‹, oder meinetwegen auch in Miami, und kommt nicht wieder. Du wolltest zuviel Wahrheit.«

»Was ist zuviel Wahrheit?«

»Zuviel Wahrheit ist es, wenn man von einem Zehnjährigen erwartet, daß er das Tragische mit einem teilt.« Benny betrachtete seine kalte lange Zigarre. »Es wäre mir lieber gewesen, 40wenn ich sie als jemand oder etwas Warmes und Weiches in Erinnerung hätte behalten können, ganz aus Liebe und Essen und Trinken. Nicht kahl und delirierend, nicht totenbleich und mit Armen wie Spatzenbeine.« Er sah weg, tastete nach Streichhölzern.

»Ja«, sagte Jacob, »so geht es mir auch. Wie war sie hübsch, als ich sie kennenlernte; des Pfandleihers Tochter. Zu der Zeit war der Pfandleiher ein großer Mann – mit Besitz, Geld, Juwelen, sogar einem Metalltresor. Sie war, wie ich mir immer Frauen in früheren Jahrhunderten, im goldenen Zeitalter vorgestellt habe. Eine große Frau«, Jacobs Augen waren feucht, und Benny fummelte mit seiner Zigarre herum, »appetitlich, nach Brot duftend, nicht mal im Kino fühlte sie sich wohl. Sie war am liebsten zu Hause. Die Oper liebte sie, ja, aber da zappelte sie und sah sich um, immer gewärtig, daß ein uniformierter Schließer käme und sie vertriebe. Im Pelzmantel war sie eine Hochstaplerin.«

»Ich weiß noch, wie sie ihren Ring verloren hatte. Es war das erste Mal, daß ich beleidigt war.«

»Du? Warum?«

»Sie fragte mich, ob ich ihn hätte.«

»Sie hat dich nicht als Dieb bezeichnet.«

»Nein. Ich war sieben Jahre alt. Trotzdem.«

»Mein Gott. Und wie sie dich liebte.«

»Das tat sie.« Benny grinste. »Weißt du noch die Geschichte von Onkel Chaim?«

Jacob war verwirrt.

»Es war eine Geschichte, die sie mir erzählte. Daß ich einen Onkel Chaim in Rußland hätte, der Bergmann in einer Halwa-Grube wäre. Jeden Morgen setzte er die Lampe auf seinen Helm und fuhr im Förderkorb hinunter und schlug große Klumpen Halwa los.«

»Mein Gott, das hatte ich vergessen. Und er lud sie auf kleine Wagen, und wenn sie herauskamen, wickelte jemand anders sie ein. Wer wickelte sie ein?«

»Tante Gittel. Wenn ich eine Schachtel aufmachte, suchte ich immer nach einer Nachricht.«

41

»O ja, sie war eine gute Frau.«

»Ich weiß. Sie fehlt mir.« Benny paffte, nachdenklich; er überlegte, was es eigentlich war, was er vermißte.

»Ja. Du wirst dir selbst eine Frau suchen.«

»Ha! So schnell noch nicht.«

»Na gut. Du hast deine Mädchen.«

Und du? hätte Benny gern gefragt, ließ es aber. Dieser einsame Vater. Wer weiß? Vielleicht hatte er eine Mittagspausen-Romanze. Eine Freundin in der Soundso-Straße. »Ich mag Mädchen«, sagte er.

»Und die Mädchen mögen dich«, sagte Jacob zufrieden.

»Manche.«

»Die, die Latein können.« Sie lachten. »Was hast du da eigentlich?«

Benny benannte seine Zigarre. »Ich hab einfach auf die Kiste gezeigt und ein paar gekauft.«

»Ein Strick«, sagte Jacob. »Kauf sie nie in Drugstores. Ich geb dir eine Adresse auf der 7. Avenue, da kannst du dir welche anfertigen lassen. Das wenigstens will ich zu deiner Ausbildung beisteuern.«

»Danke. Jetzt einen kleinen Kirsch?«

»Gut«, sagte Jacob. »Der einzige von den Ärzten, der wußte, was da nicht stimmte, war ein Inder. Er sagte es auf Anhieb. Die anderen hatten wohl Angst. Ich weiß noch, wie er mir in die Augen sah, ein kleiner Kerl, meine Größe, und er hatte braune Augen, wie ich, und lockiges Haar. Er sagte, es gäbe keine Hoffnung für sie, und es war, als wären er und ich uns in einer Wüste begegnet und als spräche er von der ganzen menschlichen Rasse. Ich hab mich in meinem ganzen Leben nicht einem Fremden so nahe gefühlt. Hattest du in Paris einen guten Arzt?«

»Nein. Sie waren alle so fröhlich.«

Jacob ächzte und sagte unvermittelt: »Das ist gut, das mit den Mädchen«, und heftig: »Das ist gut. Sei ein Liebhaber. Sterben kannst du später immer noch. Tu, was ich dir sage, Benny. Sei ein Prinz.«

Benny grinste diesen Franz-Joseph an und sagte: »Seinem 42Vater zu gehorchen muß das Ziel jedes ergebenen Sohnes sein.«

»Junge, Junge«, sagte Jacob. Seine braunen Augen glänzten. »Was für ein Redner. Prosit!«

»Prosit«, sagte Benny. Und so verbrachten sie den Winter.

43

3

Bennys Finger, schneller als seine Augen, machten Abstriche, fühlten tobende Pulse, führten große und kleine Auskultation durch, als Amateur und als Profi: die Finger eines Geigers. Aber als er zum ersten Mal gynäkologische Aufgaben an einer weiblichen oder ehemals weiblichen Leiche verrichten sollte, mußte er würgen. Rospos hatte sich schon mehrfach übergeben; der Anblick von einem Stück Darmgeschlinge beleidigte sein altattisches Zartgefühl. Sie waren gnadenlos: »Damit haben deine Vorfahren gewahrsagt.«

»Nie!« Rospos war groß, blaß, schwarzhaarig, unerhört gutaussehend. »Höchstens von Hühnern. Bedaure, meine Herren, Sie haben einen Vegetarier vor sich.«

»Den Vollkommenen gehört starke Speise«, sagte Dr. Asher. »Sie werden es überwinden.«

»Niemals. Es ist eine Frage des guten Geschmacks. Der Ästhetik.« Rospos kam aus einem Elendsviertel und hatte sich selbst hochgearbeitet; sein Vater hatte einen Eissalon »mit Fliegendreck als Schokostreuseln«, ein rundlicher, ungeschickter Mensch, wie er sagte, dessen Versuch, einen Bananensplit in einer Pappschachtel unterzubringen, seinen Sohn einst zu bitteren Tränen der Beschämung gebracht hatte. Die meisten von Bennys Freunden waren entweder Ausländer oder zweifelhafte Amerikaner wie er selbst. Rospos wohnte mit einem Perser namens Demavin zusammen, dessen Englisch verkümmert zu sein und zu bleiben schien. Sie hatten ihren Spaß mit ihm, wenn er »bore, bore« sagte (in Vorlesungen) oder »Bar? Bar?« (wo warst du?) oder »bare, bare« (die Leichen) oder irgendeine von dem weiteren Dutzend Variationen, während Rospos lachte. Wenn sie Benny sahen, brüllte der Iraner und schrie: »Beer! Beer!« Zwanzig Jahre später verstand Benny. Demavin war dunkelhäutig und klein; er wirkte eher zentralasiatisch als nahöstlich, und sie hatten das Gefühl, daß er dringend benötigtes Schamanentum in die medizinische Praxis einbringen würde.

44

Makkar war Tunesier; er besaß eine Gebetsmatte und benutzte sie auch.

Lin Li-kang kam aus Fukien via Schanghai und erwies sich als beunruhigend begabt. Er wußte mehr von englischer Literatur, deutscher Musik, französischer Kunst, amerikanischem Slang und Kernphysik (was?) als sie alle zusammen. Sein Vater war ein Bankier Tschiang Kai-schecks gewesen, und Lin war während des Krieges nach Amerika geschickt worden, um am Reed College zu studieren. Er war hart und nüchtern: »Ich werde das Barnard College durchlaufen«, sagte er, »wie Mais eine Blaugans.« Er kleidete sich wie ein Filmstar und verwendete Kölnischwasser. Er hatte im Stil alter chinesischer Marinewerften ein wachsames Drachenauge auf jede Seite der vorderen Mittellinie oder des Bugspriets seiner Unterhose gemalt. »Der Jasager«, verkündete er eines Tages, »ist ein No-Stück«, und Benny brauchte eine Woche, um zu kapieren, daß er ein Wortspiel in drei Sprachen gebracht hatte. Für seine praktische Arbeit brachte Lin die Empfindsamkeit und Geschicklichkeit eines Elfenbeinschnitzers mit. Die anderen beneideten ihn und lachten mit, wenn er sie Bauern nannte. Die Frauen, die er ins Studentenheim schmuggelte, gaben eine außerordentliche Sammlung ab. Er und Benny wohnten eine Weile zusammen, und Benny ging meistens in den Gemeinschaftsraum, um zu arbeiten, aber er weigerte sich, auf seinen Schlaf zu verzichten. Lin tadelte ihn und nannte ihn einen verstockten Jesaias. Benny lief nach der Bibel und kam zurück und sagte: »Dies ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr meidet die Hurerei.« – »Das ist christlich«, sagte Lin. »Du bist eine kulturelle Elster. Und was ist mit deinen eigenen Sünden?« – »Fungoo!« sagte Benny. Lin war erschüttert. »Fungoo? Kannst du nicht einmal auf jiddisch fluchen?«

»Ich habe auf der Straße gelernt. Ich bin New Yorker, kein religiöser Fanatiker.«

»Aber fungoo! Du weißt ja nicht mal, was das bedeutet.«

Benny sagte es ihm, aber Lin dachte schon an etwas anderes. »Hab ich dir je von den Juden von Kaifeng-fu erzählt?«

»Du weißt zuviel«, sagte Benny. »Ein verkleideter Japaner.«

45

Lin war ernsthaft beleidig. Benny entschuldigte sich und bat ihn dann fortzufahren, denn er hatte Lin sehr gern.

»Ein Engländer«, sagte Lin, »ein viktorianischer Reisender – du weißt schon, so einer wie Burton, die überallhin reisten -, dieser Mensch geriet nach Kaifeng-fu in Honan und ging auf den Markt, um sich nach Gelegenheitskäufen umzusehen, wie einem Topf oder einem Wandbehang, den man für ein Pfund kaufen konnte und der eine halbe Million wert war. Und er sah einen Verkäufer, der eine Schriftrolle hochhob, und er ging und sah sie sich an, und sie war hebräisch. Der Engländer drehte fast durch vor Begeisterung, und schließlich kriegte er die ganze Geschichte heraus. Hunderte von Jahren vorher war ein Grüppchen Juden von irgendwoanders geflohen und hatte ganz Asien durchquert und sich in Kaifeng niedergelassen. Nach einer Weile wurden sie assimiliert und vergaßen, wer sie waren, aber sie hatten immer noch diese unheimlichen Schriftrollen und Bücher, die niemand mehr lesen konnte. Deshalb ging an jedem Markttag einer von ihnen hin und stand da und hielt die Schriftrolle hoch in der Hoffnung, daß irgendein Reisender ihn aufklären könnte. Und was ganz komisch war, sie hielten immer noch den Sabbat ein. Der lag inzwischen auf einem Mittwoch oder so was, weil der westliche Kalender sich geändert hatte und sich die Chinesen sowieso nicht besonders um Wochentage kümmerten, aber sie hielten ihn ein.«

Benny schwieg, stolz, verwundert, bekümmert; sie saßen eine Weile zusammen, und es war, als wären sie schon vor tausend Jahren Freunde gewesen.

 

Es gab auch einen schwarzen Amerikaner namens White und einen weißen Amerikaner namens Black und einen roten Jugoslawen namens Prpl, der wenn möglich noch ausschweifender war als Lin: Während man Lin selten zweimal mit dem gleichen Liebchen sah, war Prpl ein Muster altmodischer Beständigkeit; er holte übermäßige Kilometerleistungen aus jedem Fahrgestell heraus, und wenn er es schließlich am Straßenrand stehenließ, waren die Lager verschmort, die Kolben festgefressen, die Reifen abgefahren. Er stöhnte und zwitscherte 46und jubelte, und seine Damen mochten das. Er warf Kußhändchen und hatte eine sehr eigene Ausdrucksweise, und Traumfrauen bekamen Grübchen und wurden schwach.

Benny erklärte ihm, daß einige seiner Ausdrück aus den dreißiger Jahren stammten und daß man sie aus Gründen der Zivilisiertheit, nicht der Moral, meiden sollte; Prpl grinste und fragte: »Kriegst du genug?«

Zu der Zeit kriegte Benny nicht viel. Benny arbeitete wie ein Pferd, um später sowenig Menschen wie möglich umzubringen. Er erläuterte dies und wurde verspottet.

Benny forderte Waffenstillstand und arbeitete noch härter. Eines Abends kam er nach einem italienischen Abendessen mit Jacob in sein Zimmer zurück und fand Lin und Prpl vor, wie sie sich gemeinsam mit einem drallen, glücklichen Mädchen vergnügten, dem man selbst nackt noch die Platzanweiserin ansah. Einen Augenblick sah Benny Schulterstücke, Biesen, suchte fast schon nach seiner Eintrittskarte – und dann überkam ihn der Zorn, und er sah die Gesichter von Parsons und Pistol und Bardolph und noch einmal 57359. In unvernünftiger Wut scheuchte er sie ins Treppenhaus; er schleuderte ihnen ihre Sachen nach, verschloß die Tür und stand zitternd da. Er lief durch mitternächtliche Straße und fragte sich, was für ein Jammer auf ewig sein war. Aber am Morgen genierte er sich.

Lin war nachdenklich. »Du bist verrückt. Ein Puritaner.«

»Nein, nein«, sagte Benny in entschuldigendem Ton. »Ganz und gar nicht. Aber da war noch mehr. Sadismus.«

»Sadismus?« Lin war entsetzt. »Wir haben die junge Dame mit Zuneigung nur so überschüttet. Sie ging strahlend nach Hause. In Verzückung. Es war die entscheidende Erfahrung ihrer intellektuellen Existenz.«

»Sie war eine Rinderhälfte, das ist alles.«

Steif sagte Lin: »Du hast mich der Bestialität und Nekrophilie beschuldigt.«

»Ach, hör bloß auf«, sagte Benny. »Ich kann das einfach nicht erklären.«

»Dann zieh bitte in Erwägung, daß du dich möglicherweise zu Unrecht so aufregst. Ein Opfer blinden Vorurteils, das sich 47in der eigenen Frustration windet und in neurotischer Wut zum Schlag ausholt.«

»Danke, Herr Doktor. Und was ist nun mit meinem Nachtripper?«

Benny wurde belohnt; Lin lachte, und seine schwarzen Augen blitzten, das glatte schwarze Haar schwang über der hohen Stirn.

»Vermutlich könnt ihr Chirurgen euch gar keine Gefühle leisten«, fuhr Benny fort.

»Chirurgen«, sagte Lin düster. »Gott sei Dank, daß es noch ein viertes Jahr gibt. Bisher habe ich nur Verbände angelegt.«

»Was willst du hinterher machen?«

»Zurückgehen.«

»Nach China?«

»Ja.«

»Aber die Roten haben es. Fast.«

»Ich geh zurück.«

Benny dachte über diese Halsstarrigkeit nach. »Es ist unvernünftig. Sie wollen dich nicht, mit deinen Manschettenknöpfen und den englischen Schuhen.«

»Sie werden mich wollen. Ich bin Chinese.«

»Aber Wein und Weib und all das. Ich seh dich nicht als Stachanowarbeiter.«

»Unsinn.« Lin lächelte spöttisch. »Qualität setzt sich durch. Du wirst schon sehen. Ich werde Kommissar.«

»O Gott«, sagte Benny, »du bist ja ein Patriot!«

»Mach dich nicht über mich lustig«, sagte Lin. »Ich würde morgen zurückgehen, wenn ich könnte, und ich will dir auch sagen, warum: nicht weil ich eure billigen Witze über fehlenden Mumm leid bin, sondern weil … Selbst wenn sie einen Japaner ganz oben hätten, wäre China noch immer das zivilisierteste Land der Welt.«

»Daran hab ich nicht gedacht. All diese Mandarins. Fünfhundert Millionen Mandarins. Wer wäscht die Hemden? Kulis aus Indien?«

Lin starrte ihn mit funkelnden Augen an und fluchte wohlklingend auf chinesisch.

 

48

Am Ende seines dritten Jahres ließ sich Benny zur Ehe hinreißen. Ohne jeden Zwang und zu seiner eigenen Überraschung. Er heiratete ein reizendes Mädchen namens Carol und verließ das Studentenheim unter Festen und Feierlichkeiten; er verkündete, daß er hinfort ein Leben der Rechtschaffenheit und Ehrbarkeit führen wolle, und sein kleiner Völkerbund schrie Hussa und warf Reis.

Aber selbst Bürger Beer, Haushalts- und Familienvorstand, war dem feixenden Schicksal nicht gewachsen; sechs Monate später gab es kein Entkommen vor dem langen, knochigen Arm, dem unerbittlich lockenden Finger. Des Schicksals Mittler war diesmal Prpl, seine Saison war der Winter, seine Absicht dunkel. Knochensetzer Benny war eilig auf dem dem Weg zu einem Nachmittag erhabener Urologie (»Sei vorsichtig«, warnte Lin, »nicht das Skrotum totum wegnehmen«), und der Serbe, der schwänzte, erwischte ihn an der Tür: »Party heute abend. Komm rüber. Urlaub vom Familienleben.«

»Eine Party? Ich bin viel zu überarbeitet.«

»Du Sklave!« Prpl nannte die Adresse. »Nach dem Essen. Jederzeit. Die ganze Nacht.« Später rief Benny, der von einem imposanten Schanker aufgehalten worden war, zu Hause an, aß eine Kleinigkeit in der Stadt, kehrte zurück, sah Miss U-Bahn (»hofft Mannequin zu werden, ist tief religiös«), ging frierend zwei Blocks, stieg ein paar Treppen hinauf und landete in einer Massenveranstaltung. Der Lärm stieß ihn ab, und er wußte, er hätte nicht kommen sollen, aber er ließ sich trotzdem den obligaten Whiskey-Soda reichen, bemerkte das obligate Stierkampf-Poster an der Wand, begrüßte den obligaten Schwarzen, den obligaten Homosexuellen, den obligaten Dichter und setzte sich für die obligaten zehn Minuten auf den obligaten Puff zu einem Gespräch mit seiner anstrengenden, wieselhaften Gastgeberin, die freiwillig einen Sari trug. Er winkte Prpl zu, der zwinkerte. Dann wanderte er zwischen Dozenten und Studenten und Betrunkenen herum und strebte eben zu mehr Eis, als er, in einem dämmrigen Flur, der nur von einer roten Birne an der Decke beleuchtet wurde, sich einer Frau gegenüber befand, die er entweder ein Jahr früher oder 49nie hätte treffen sollen. Benny starrte sie an und war zerschmettert. Vielleicht, dachte er verbittert, gab es Gott doch, und er hatte nur so einen koboldhaften Humor. Der Flur kippte, und mit ihm sein kurzes Leben. Freundliche Flammen grillten ihn; seine Knie zitterten und die Kniekehlen kribbelten. Sie stand still. Er auch. Worte schienen unbedeutend. Nach einer Weile rüttelten die Geräusche der Party sie wach. Benny, von höchster, unwiderstehlicher Notwendigkeit getrieben, trat zu ihr und küßte sie. Nur ihre Lippen berührten sich. Er sprach. »Komm.« Sie gingen Arm in Arm wegen der Kälte. Innerhalb von dreißig Sekunden hatte er ihr alles von sich gesagt. »Mir egal«, sagte sie. »Hast du je«, fragte Benny, »folgendes gehabt: Windpocken, Masern, Mumps, Scharlach?« – »1,68«, sagte sie, »118 Pfund«, und als Benny darüber durch ihren Dufflecoat hindurch Betrachtungen anstellte und laut stöhnte: »Wirst du ein Sandwich zur Stärkung brauchen?« – »Du bist verrückt«, sagte er mit Überzeugung.

Um vier Uhr schlief Miss Swinburne. Benny befreite sich von ihr, von dem Bettzeug, von der Decke und zog sich halb an. Er saß wie ein Narr in einem Polstersessel und wachte über sie, als die Dämmerung aufzog. Na ja, alter Gott Abrahams und Isaaks, verwunderte er sich, du hast mich eines Wunders gewürdigt. Kosmisch gesehen ein bißchen zur Unzeit, aber ich danke dir. Benny ist zunichte und ist zu purem Geist geworden. Ich bin leichter als Luft. Ich habe mich selbst gegeben, und es ist nichts übrig.

 

Sie wissen doch, wie die Orientalen ihre Jahre benennen – das Jahr der Ratte und das Jahr des Tigers und so weiter, und daß es da Zyklen gibt, daß sie alle zwölf oder alle zwanzig Jahre wiederkommen. Nun, dies war das Jahr von Nan, und alles andere war Torheit, Bewahrung, Dekor; es war das Jahr von Nan, aber es kam nicht wieder, nicht nach zwölf und nicht nach zwanzig Jahren. Sie hatte kräftiges, welliges blondes Haar und dunkelbraune Augen und manchmal einen sonderbar lockenden, verschlagenen, orientalischen Blick. Ihre Züge im einzelnen betrachtet, war sie schlicht super, aber als Ganzes 50gesehen war sie eine Halbgöttin. Sie kam aus Arizona, aus einer vom rechten Weg abgekommenen katholischen Familie, und wenn sie ein Zimmer betrat, erwartete Benny immer so halb, daß Wände und Möbel schwänden, ohne auch nur ein Regal zurückzulassen, nur Nan auf einer dunkelgrünen Lichtung am Fuß eines Berges am Rande der Wüste, die alle Stunde ein weiteres prachtvolles Kind mit bräunlichem Teint zur Welt brachte, während die Sonne schien und der Regen fiel und das Getreide wuchs und das Vieh sich vermehrte und Paradiesvögel jubelten. Sie zu lieben war wie barfuß durch den botanisch-zoologischen Garten zu wandern, bei 27° Wärme, Luftfeuchtigkeit 50%, verstreuten Federwölkchen und leichter Brise aus Südwest (5 Knoten), mit einer Andeutung von Frühlingsregen und dem süßen Duft von Birnen und Granatäpfeln. Lebensfunktionen: 37°, Puls 72, Atmung 18, Blutdruck 110/70, genau wie Bennys.

Der Halbgott hatte seine Halbgöttin gefunden, und sie ergaben sich freudigen Herzens jedem Demiurg; wenn sie unbekleidet standen, einander durch das halbe Zimmer getrennt ernsthaft anstaunend, feierlich lockend, war das ein Sakrament, der reine Gottesdienst, Anbetung, einer des anderen Gottheit und jeder vollkommen mit der Gottheit verschmelzend; wo die Mystiker versagten, triumphierten sie, wo die Mystiker verloren, siegten sie. Eine Sache der Drüsen, wird Ihnen Ihr netter Hausarzt sagen, aber Benny ist Ihr netter Hausarzt, und er wird Ihnen sagen, daß es nicht das war. Er war fünfundzwanzig, und sie war zweiundzwanzig, und sie hatten nicht alle Zeit der Welt.

 

Selig sind, die da im Fluge lieben, denn sie kennen keinen Überdruß. Sie hatten kaum einmal mehr als einen halben Abend zusammen, oder eine Nachmittagsstunde. Ihre Brüste waren zu voll und hingen eine Spur; das erregte Benny ganz unmäßig, und er sah sie als wahre Göttin an, altgriechisch, nicht Botticelli, fruchtbar, heiß, voller Hormone, Nektar, Ambrosia, Götterblut. Sie verdrehte ihn: Sie erwartete ihn nackt, und wenn sie sich geliebt hatten, genoß er es, sie zu bekleiden, 51sie zu schmücken mit Zierdeckchen, Sofaschonern, Tischdecken, seinem eigenen Pullover, seinen Khakihosen. Sie liebten sich historisch und idyllisch, tragisch und komisch, auf Betten, Sofas, Stühlen, dem Küchentisch, dem Teppich, dem nackten Fußboden, stehend, sitzend, in Bauch- oder Rückenlage, aus dem Fenster sehend, beim Abwaschen. Kinder! Sie war schnell gereizt und gierig, sie rächte sich heftig an ihren frühen Jahren, ihren Eltern, der heiligen Jungfrau Maria, und manchmal schien es ihm, als erlebte er eine gespenstische Anti-Moralität: Jedermann Beer, Bürger, Doktor, Edelmann, trifft Hexe Swinburn, und sie machen sich daran, das Register der Orgasmen erschöpfend zu behandeln, während sie auf die Geburt Gottes oder des Teufels warten, der nie geboren wird; die Jahreszeiten wälzen sich vorwärts, und Benny und Nan ebenfalls, und da ist weder Vergeltung noch Vergebung.

Aber öfter war es schlicht ulkig, gewöhnlich, erstaunlich, eine Folge von Kurzwitzen aus einem (zu Recht) verbotenen Magazin. Passend illustriert. Geschmacklos. Aber für Liebende? Zum Brüllen. Keiner der Sinne blieb unbeschäftigt. »Ich kann keinen der Sinne vorziehen«, sagte er. »Wenn ich dich sehen, aber nicht berühren könnte, würde ich verrückt werden. Wenn ich dich berühren, aber nicht schmecken könnte, würde ich verrückt werden. Ich mag deinen Geruch, und ich mag deine Stimme. Ich werd wahrscheinlich sowieso verrückt. Ich hoffe nur, wir bringen uns nicht selbst um.« Kinder!

Lebensrettend für ihn waren die Äonen ohne sie: im Unterricht, in der U-Bahn, in der Klinik, zu Hause (zu Hause, o ja, wichtige Dinge). Benny starrte auf einen Abstrich (Gonokokkus), ein Poster (Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend), eine Bücherwand, eine Schüssel mit Bohnen oder eine tote Maräne, und immer sah er darin oder darunter verschwommen, flimmernd, beharrlich die Züge seiner Liebe, das immer wieder vergessene unvergeßliche Gesicht, die Brauen, die Nase, den Mund, der verschmolz und in den von Irene, Felicia, Marian, Frances überging: Nan, Nan, komm zurück. Er dachte an Athene, die in menschlicher Gestalt auftauchte; er wünschte einem Hausmeister guten Tag, fuhr mit einem berühmten 52Geburtshelfer im Aufzug, bestellte bei einem pickligen Mixer ein Sandwich und überlegte, ob einer von ihnen Nan war. Er liebte alle.

Manchmal war er auch traurig. Sie ebenfalls. »Ich wollte, wir hätten noch ein Leben«, sagte er. »Nein«, sagte sie, »nicht!« Und er wußte, daß sie an Fred dachte oder versuchte, es nicht zu tun. Fred war ihr Verlobter, und sie liebte ihn. In Arizona. Fred Wilcox. Eigentlich Alfred. Fremdländisch wie ein früh-englischer König. Sie liebte ihn. Sie hatten Ekstasen, den Akzent, die Geographie und Mathematik gemein (sie war graduierte Studentin der Statistik). Aber im Augenblick war das kaum von Belang. Aber. Darum. Folglich. Nichtsdestoweniger. »Wir liefern alle immer so verdammt viele Begründungen«, sagte sie. »Ich nehme an, das kommt von der Bibel, all diese Geschichten, als ich neun war. Jetzt hab ich einen eigenen großen schwarzen Hebräer. Kommt gleich nach einem schönen Neger.« Benny war schockiert, erholte sich aber schnell. Seine Erfahrung mit Herrenrassen war nicht ermutigend. Er malte sich aus: Er selbst mit einem schwarzen Mädchen. Sie war eine Hausangestellte. Gewissenhaft gab er ihr andere Beschäftigungen, aber zu seiner Beschämung drängte sein Denken sie immer wieder in die Knechtschaft. Er sah sie beim Staubwischen und hob ihren Rock. Bestürzt ob seiner Treulosigkeit knabberte er an Nan. Seinem saftigen rosa Schweinchen, seinem Arizona-Schinken.

Nan fürchtete das unwiderrufliche Wort und sagte nie, daß sie Benny liebte. Sie sagte alles mögliche andere: verlangen, anbeten, brauchen: Geschwätz. Auch Benny enthielt sich der Beredsamkeit, aber es brach aus ihm heraus: »Gott! Wie ich dich liebe!« Und ihre Traurigkeit zog sich nie lange hin. Zweiundzwanzig, fünfundzwanzig – was sonst war wichtig? Sollte etwas wichtig sein? Jubel, Trubel, und was kostet die Welt!

Die Akrobatik! Im Mittelkreis schwankt und wirbelt Beniamino, er schwingt sich von Ring zu Ring, in Schleifen und Drehungen und Kreiseln und Kunstsprüngen, er grinst wie ein Seehund und bellt und schnüffelt ebenso, er späht durch blonde Schluchten, Abgründe und Dickichte auf ein Brustbein, ein 53Schlüsselbein, ein Lächeln, eine Zeile von Wirbeln, die im Gänsemarsch hintereinander über eine bräunliche Wüste auf einen bräunlichen Nacken ziehen. Und Nan, die die Flanken von Ben Beer erklomm, errötete. Moral? Oder Anstrengung? Errötete hier, errötete da, war rosa und weiß kariert und gefleckt … »Dein Bart«, sagte sie, und er rannte hin und rasierte sich. Manchmal war er Benny der Seefahrer, der unerschrocken beide Hemisphären durchstreifte, stampfend und rollend und gierend, stoßend und unter raumem Wind gleitend, staunend innehaltend, um seine Position zu überprüfen (himmlisch! Mast und Kiel!), als wäre er der erste, der je in die schweigende Sie getaucht wäre; dann verstummte das Lachen, und die Wogen stiegen hoch und trafen auf den schwarzen Himmel. Einmal war er Benny in Martern (er: fürs Leben ruiniert; sie: der erste feine Sprung der Gleichgültigkeit), fing sich aber wieder. Das erschreckte ihn. Er hatte von einem ernsthaften Kollegen gehört, daß jeder Mann nur genau dreitausend Beischläfe hätte; sollte er ein oder zwei fürs Alter aufheben? Nicht doch! Auf und voran, Herr Doktor!

Kinder! Und doch bemühten sie sich um Ehrbarkeit, als benötigten sie dringend die Bestätigung durch eine objektive Außenwelt. Sie redeten. Sie sprachen von Gott und Politik und Sport, von Büchern und Filmen. Sie sprachen über ihre und seine Familie, über ihren und seinen Körper, über ihr erstes Mal (im Ford) und sein erstes Mal (im Keller). Sie aßen Brot und tranken Milch. Einmal gingen sie in ein Restaurant. Benny war bezaubert und entsetzt über diese Ausländerin, die Eier mit Ketchup überschwemmte, Kaffee soff und Tee verschmähte. Sie versuchten Kino und fanden das Leben in der Öffentlichkeit unerträglich: »Kino!« stöhnte er. »Dafür ist keine Zeit. Ich bin nur übermenschlich, nicht omnipotent.«

»Na, ich weiß nicht recht«, murmelte sie, und das vertrieb ihnen eine weitere Stunde und nahm Benny ein paar Lebensjahre. »Maler würden für dich sterben«, sagte er, »Bildhauer würden für dich töten.« – »Einmal haben sich zwei Jungen meinetwegen gehauen«, sagte sie. »Wir waren sechzehn. Ich habe es sehr genossen.« Er erzählte von seinen Narben, von 5457359. Fred hatte in der Navy gedient, das erzählte sie ihm bald, und auch von Freds hervorragenden Leistungen in Boolescher Algebra und so, und von dem baldigen Dr. phil.

Sie bewegte sich mit ernster, rührender Anmut (die sie eines Tages verlassen würde), mit sanft schaukelnden Brüsten (wie er sie liebte!), deren große rosige Warzen ihm fast zuzuzwinkern schienen, während er beglückt zusah; im übrigen war sie fest und wabbelte nicht. Er trat gern dicht hinter sie und nahm eine Brust in jede Hand und drückte sich an ihre üppigen Hinterbacken, bis ihm die Hitze aufstieg; wenn sie seine Kraft fühlte, drehte sie sich um und drängte sich an ihn und suchte seinen Mund. Das Küssen an sich war ein Liebesabenteuer, ein endloses Saugen, Suchen, Knabbern, Kauen; er sagte, es sei, als küsse man einen Korb Aale, und sie meinte, Aale seien wesentlich für ein gutes Smörgåsbord. Sie ertranken einer in den Flüssigkeiten, Säften, Nektars des anderen. Aber sie trennten sich immer mit einem sanften, zahmen Küßchen wie ihrem ersten Kuß, als ob jede Trennung die letzte sein könnte, als teilten sie (und es stimmte, es stimmte) den zarten Schmelz des Vorherwissens.

Der Frühling kam und zermalmte sie. Die Tage flogen dahin. Das Ende lag über ihnen, und keiner wußte, wie es kommen würde. Für sie der Magister und Arizona. Für ihn der Dr. med. und mehr, viel mehr. Ende Mai verließ er sie auf zwei Tage, um bei einer Entbindung von außerordentlicher Bedeutung anwesend zu sein. Er lief mit den anderen im Wartezimmer auf und ab und kaute Zigarren, blätterte in Zeitschriften, löste Rätsel und ging die Quartette durch. Als alles vorbei war, rief er sie an. Sie saßen in einer kleinen Oase am oberen Broadway, einem winzigen Park, der von alten Männern mit Kröpfen und Spazierstöcken bevölkert war. Diese alten Männer saßen den ganzen Tag in der Sonne. Sie trugen Krawatten, und ihre Gesichter waren grau; die Sonne selbst überging sie. Busse dröhnten.

Sie fanden eine Bank für sich allein. Die Sonne strahlte, ein schwacher Duft von Saft und jungen Blättern machte die Luft weich. Kleine Hunde tollten und zerrten an ihren Leinen. Eine 55ältere Frau saß auf der anderen Seite des Weges und las ein Revolverblatt.

»Was ist es?« Sie saß steif auf der grünen Bank, ihr Haar sah im Sonnenlicht fast weiß aus.

»Ein Junge.«

»Alles in Ordnung?«

»Alles in Ordnung.« Benny berührte ihr Haar.

»Nein«, sagte sie.

»Ja«, sagte er, »nein.«

»Ja«, sagte sie und wandte ihm ihr Gesicht zu. Mit heißen Augen sahen sie einander an, und das Universum schmolz.

Dann küßten sie sich, mit einem keuschen, langen, zärtlichen, vernichtenden Kuß; der Himmel stürzte herab, und sie stand auf und ging fort. Sie überquerte eine Straße. Sie bog um eine Ecke. Sie war weg.

Es war ein großartiges Jahr gewesen, aber Benny war mit einem reizenden Mädchen namens Carol verheiratet, und den Jungen nannten sie Joseph.

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Ihr Name war Carol Untermeyer, und sie war die Tochter von Professor Dr. med. Amos Untermeyer, Fellow of the American College of Physicians, einem berühmten Internisten, und seiner Frau Sylvia. Der Professor war rosig und zart gebaut, mit federndem Gang, er maß sich nervös selbst den Puls in der Öffentlichkeit, trug eine Brille und einen eleganten schmalen Schnurrbart; Sylvia wirkte eher ägyptisch, pummelig, gutartig, normal bis auf ein gelegentliches ironisches Aufblitzen in ihren herrlichen Fayum-Augen.

Benny und Carol waren sich in einem Krankenhaus begegnet, wo Amos einmal die Woche vormittags unterrichtete. Benny kam aus einer gehaltvollen Vorlesung über Unterfunktionen der Milz und hätte auf dem Korridor fast ein kleines Mädchen umgerannt. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er und hielt an, konzentrierte den Blick, wurde aufmerksam und setzte hinzu, »meine Süße.« Sie war tatsächlich süß, schwarzhaarig, mit dunkelblauen Augen und fesselnden Zügen. Er sah außerdem, daß sie um die zwanzig sein mußte, mit augenfälliger Brust und schmalen Hüften.

Und festem Blick. »Ihre Süße?«

Benny nickte ernsthaft. »Darf ich Sie zum Dinner einladen?« Er hielt Ausschau nach einem möglichen Ring, fand keinen und entdeckte die vollen Lippen.

»Daddy«, sagte sie, »kann ich mit dem hier essen gehen?«

Benny fuhr zusammen wie ein Dieb und drehte sich um.

»Was? Zum Essen?« Amos Untermeyer blinzelte hinter seiner Hornbrille und sah Benny verdrießlich an. »Warum nicht? Welcher sind Sie?«

»Benjamin Beer. Drittes Jahr.«

»Ah, ja. Anaplastische Zellen. Ein dummer Fehler, mein Junge. Sie können ein Adenom nicht von einem Adenosarkom unterscheiden und wollen meine Tochter zum Dinner ausführen?«

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»Verflixt«, sagte Benny, »Sie wissen davon.«

»Conklin hat es mir erzählt. Sagte, Sie wären nicht schlecht.«

»Danke.« Gott segne Conklin.

»Sie sind ein Freund von dem Chinesen?«

Benny nickte.

»Der wird es weit bringen. Na gut. Ich bedaure, hören zu müssen, daß Sie Zeit haben, junge Damen zum Essen auszuführen. Ich hab die nicht.«

Sie lachten alle, und der Professor eilte davon.

»Vorname?« sagte Benny.

»Carol. Aber keine Vertraulichkeiten.«

»Verehrte Miss Untermeyer, ich hebe alles für die richtige auf.«

 

An dem Abend führte Benny Carol zum Dinner in die Auberge des Bergers. »Romantisch«, sagte er, »idyllisch. Hätte ich in Lederhosen und Hosenträgern erscheinen sollen?«

»Der Chef heißt so«, sagte sie, »Sid Berger.« Sie trank Wermut und rauchte eine Zigarette; dabei suchte sie den mit künstlichen Kerzen erleuchteten Raum mit verzweifelten, leeren Blicken ab, als suchte sie eine Berühmtheit, schob ihr Besteck hin und her und tastete nach ihrem glatten schwarzen Haar. Ihre Brauen waren auch schwarz, und dick; ihr Stirnrunzeln war ausdrucksvoll. Sie trug dunkelblaue Wolle und saß verkrampft, unnachgiebig da und sprach, als nähme sie seine Gegenwart nur oberflächlich wahr. Benny hielt weltmännisch Abstand. Sie machte ihr letztes Jahr im Hunter College. Vielleicht würde sie studieren, Genetik. Drosophila. Die Humangenetik würde vielleicht eines Tages Manipulationen erfordern. In ihrer Freizeit hatte sie als Labortechnikerin gearbeitet. Ohne Prüfung. »Penny-Pathologie. Daddy war sehr zufrieden. Warum bestellen Sie hier Leberpastete?«

»Wenn die Paté maison gut ist«, sagte er, »kann man sich auf alles andere auch verlassen. In einem amerikanischen Restaurant ist geschnetzeltes Rindfleisch das Gütezeichen.«

»Sie blies verächtlich Rauch aus. »Ein Connoisseur.«

»Pferde und Frauen.«

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»Ich wußte es«, sagte sie müde und sah sich nach anderen Paaren um; sie hätte eine übersättigte Erbin auf einer Mittelmeerkreuzfahrt im Erster-Klasse-Speisesaal sein können.

Benny beschloß zu schweigen; er brütete über seinem Whiskey, schnorrte eine ihrer Zigaretten und rauchte sie ohne Geschmack daran, dachte an anaplastische Zellen, an lateinamerikanische Lieder, an Prpl, der sogar diese Neurotikerin bezaubern würde. Sie hielt die Oberarme eng an den Körper gelegt und gestikulierte von den Ellbogen aus. Pflichtgefühl mahnte ihn; er suchte nach Small talk. Politik: Gab es etwas Kleineres? Ach zum Teufel. Sie hatte bestimmt ihre Tage. »Lächeln Sie«, sagte er.

»Bestellen Sie noch Wein. Erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Flaschen.«

»Oh!« Seine Besorgnis war echt, und ihr Blick wurde weicher. »Sie haben gerade eine Enttäuschung hinter sich?«

Sie zeigte Kummer und nickte.

»Ich werde Respekt und Mitgefühl beweisen«, sagte er, »aber es heißt: ›Erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Äpfeln.‹ Soll ich einen Apfel bestellen?«

Jetzt lächelte sie. »Ich habe Ihnen den Abend verdorben.«

»Nein. Das wäre unmöglich.«

»Wie galant.«

»Es ist ein Glückstreffer«, sagte er. »Sie hätten verlobt sein können, oder jemandes Geliebte. War es ein Medizinstudent?«

»Nein«, antwortete sie, und jammerte dann: »Es war ein gottverdammter Basketballspieler aus New Jersey!«

Jetzt waren ihre Augen feucht. Mitleidig, aber mehr noch verlegen, starrte Benny auf den Boden seines Glases. Jugendliche Schwärmereien waren an ihm vorübergegangen; als Kind der Straße und Vögler mit fünfzehn waren ihm die erhabeneren Qualen des jugendlichen Herzens versagt geblieben; da ihn pausenlos die Blitze der Begierde verbrannten, hatte er Sex gesucht und über Romantik gespottet. Er riskierte einen Blick, und es verschlug ihm den Atem – die kindliche Verletzlichkeit auf dem traurigen Gesicht, in den dunkelblauen Augen. Und dabei war ihr Kummer so unbedeutend. Oder war Leiden ein 59Absolutum? Einen Augenblick stand 57359 in seiner gestreiften Sträflingskleidung neben Miss Carol Untermeyer, die sicher im Winter Pelze trug. Ihre Augen waren groß, ihre Nase gerade, es war ein warmes, hübsches Gesicht mit einem großherzigen Ausdruck, und sie war verletzt worden. Von einem gleichgültigen, verschwitzten Athleten, bestimmt mit Bürstenhaarschnitt und lautstark, der in Momenten des Erfolges seine Mannschaftskameraden küßte. Für den Augenblick war sie durch ihren Kummer definiert. Was für Leiden hatte Benny anderen zugefügt, ohne es zu merken?

Er ergab sich unsicher einem neuen, verwirrenden Gefühl.

»Wie ist die Paté?« fragte ihn Carol.

»Gut. Wollen Sie probieren?«

»Nein. Paßt nicht zum Hecht. Oder was das hier ist. Wo haben Sie Französisch gelernt?«

Benny war beleidigt. »Aber ich spreche nie französisch mit Kellnern.«

»Aber so wie Sie Quenelles aussprachen. Kennel?«

»Quenelles. Ich war eine Weile in Frankreich.«

»Was machen Sie dabei für ein Gesicht? Es war doch bestimmt hübsch in Frankreich. Das bescheidene Leben der Unterschicht in Paris. Ich wette, die Touristen haben Sie durchs Schlüsselloch beobachtet.«

»Ich hatte eine hundsmiserable Zeit in Frankreich.« Er erzählte es ihr. Während er sprach, wanderte sein drittes Auge über sie, strahlend, unstillbar, männlich. Ihre kleinen Zähne waren sehr weiß, die Haut an ihrem Hals fest; sie war hochbrüstig, ein bißchen konisch gebaut vielleicht, und er überlegte, ob ihre so eng angelegten Arme, die leicht hängenden Schultern, die weitsitzende Taille wohl eine Verteidigung waren, eine Mißbilligung ihrer selbst. Ihre Figur würde sich wahrscheinlich gut halten. Er fragte sich, was für eine Figur ihre Mutter wohl bewahrte, die kannte er noch nicht. Er sprach noch, als die Koteletts schon vor ihnen standen und der Bordeaux eingeschenkt wurde.

»Das ist hochinteressant«, sagte sie. »Nicht einfach dieser Kriegsfilm-Kitsch. Und Sie haben keine Ahnung, wer er war?«

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»Keine.« Zweieinhalb Jahre seines Lebens: Kriegsfilm-Kitsch. Er hatte die Welt für sie gerettet.

»Oder wo die Hundemarken geblieben sind?«

»Keine.«

»Sie müssen ihn suchen.«

»Wir haben es versucht. Wir bleiben dran. Es ist, als hätte man einen Zwillingsbruder, den man noch nie gesehen hat. Was ist er jetzt? Diktator in irgendeinem kleinen Land. Bankräuber in Australien. Ein Verrückter, der sich in Hamburg versteckt und Ex-Nazis ermordet. Und in zehn Jahren bekommt man dann heraus, daß er Lebensmittelhändler in Israel ist. Oder Leichenbestatter.«

»Nein, nein«, sagte sie, »ein Gelehrter. Ein Fachmann auf dem Gebiet der Enzyme. Das nächste, was man von ihm hört: der Nobelpreis.«

Benny brach in schallendes Gelächter aus, und sie lachte mit; und über den Tisch hin blühte fast sichtbar Zuneigung. »Du jüdische Mama«, sagte er.

»Bin ich das?« Sie überlegte kurz.

»Oha«, sagte Benny, »da draußen ist eine große, große Welt, die wartet nur auf Genetiker. Obwohl …«

»Obwohl!« Sie nickte vergnügt. »Na, wer weiß. Wir müssen das nicht heute abend noch entscheiden.«

Bennys Hand stolperte; er verschüttete einen Tropfen Wein. »Wir? Was entscheiden?«

»Ach du lieber Himmel!« sagte sie. »Das meinte ich doch nicht.«

»Diese Faszination, die von mir ausgeht.« Er grinste liebenswürdig, sprach leichthin. »Ihn kennen heißt ihn lieben.«

Sie schniefte. »Ich werde nie wieder lieben.« Und dann verblüffte sie ihn mit einem Zwinkern. »Aber du hast meine bitteren Tränen getrocknet.«

»Ein guter Anfang«, sagte Benny.

 

Vom Wein entspannt lachte Carol herzlich, als Benny erzählte, wie Jacob vor Jahren die weiße Mittellinie im Holland-Tunnel erklärt hatte: »Für Radfahrer.« Sid Berger hörte das Lachen 61und kam, sie zu begrüßen, angenehm beleibt und aufgeräumt, kahl werdend und mit vortretenden Adern. »Guten Abend, Miss Untermeyer.« – »Hallo, Sid! Sid Berger, Benny Beer.« Sie schüttelten einander die Hand, und Benny sah, wie sein Gesicht, Name, Anzug und Eßgewohnheiten gespeichert wurden. Sie sprachen ein paar Worte miteinander, dann – »Meine Empfehlung an den Herrn Doktor und Ihre Mutter« – ging Berger wieder, und gleich darauf kam Schnaps umsonst (sagte er), eine Gabe des Hauses (verbesserte sie).

»Mein Vater ist in Wirklichkeit ein netter Kerl«, sagte sie. »Erfolgreich und ein bißchen zu bedeutend, aber ein netter Kerl. Meine Mutter ist komisch. Sie ist so normal, daß man sich fragt, was mit ihr ist. Sie liest die Bestseller und arbeitet für irgendwelche Organisationen. Eine geborene Abravanel, du weißt schon, die berühmten Sepharden. Hat sich zu den Untermeyers herabgelassen.«

»Die sich zu Beers herablassen. Ehre deinen Vater und deine Mutter, Kindchen.«

Kindchen. Natürlich, sie war jung. Ein nettes Kind, aus Fleisch und Blut, bloß ein bißchen klein für ihn; er würde sie weniger umarmen als einschließen. Während sie plauderte, dachte er an die Liebe mit ihr, und das Klimpern und Summen in dem kleinen Restaurant gab die Untermalung ab für den Flug seiner Phantasie: Sie würde Zärtlichkeit brauchen, Feingefühl, einfache körperliche Zuwendung. Überrascht erinnerte er sich, daß er – mit Ausnahme von ein paar nicht überzeugenden Vorstößen – nie ein jüdisches Mädchen geliebt hatte. Der Brauch: Sie sparen sich auf.

Die Wandmalerei war scheußlich, ekelhaftes Braun, Blaurot, Magentarot, mißgestaltete Schafe; seine Augen nahmen sie verdrossen auf, wie sein Gaumen die überwürzten Muscheln aufgenommen hatte und den berühmten Burgunder eines schlechten Jahrgangs. Und dann diese anderen, seltsam eisernen Frauen mit ihren offenbar verdauungsgestörten Schäfern: Wie viele Pfund Fleisch hatten sie alle zu sich genommen, welche Säuren schäumten im Innern, welche Gase drückten? Und Carol. Carol machte ihm Spaß. Eine neue Freude: eine verdächtige 62Glut. Stammesbande? Leben im Zelt, unter sprenkligem und buntem Vieh.

»Du hörst nicht zu!«

»Nein. Ich hab über uns nachgedacht. Darf ich eine Zigarre rauchen?«

»O je! Nur zu!«

»Handgefertigt. Vierzig Cents.«

»Vierzig Cents, Donnerwetter. Was meinst du, was das Dinner kostet?«

Er genoß den gehaltvollen Rauch. »Du wolltest hierher.«

»Das riecht gut«, sagte sie. »Es tut mir leid, wenn ich mich gemein anhörte. Letzte Woche wollte ich sterben.«

»Basketball! Bist du schwanger?«

»Ob ich …« Sie lehnte sich zurück und wurde unzugänglich. »Was denkst du, was für eine ich bin?«

Er lachte. »Eine Charakterdarstellerin. Du hast im Kino gelernt zu reden.«

»Ach, schon gut.« Sie lächelte kläglich. »Aber schwanger bin ich selbstverständlich nicht. Das war eine Beleidigung. Ich bin ein anständiges Mädchen.«

»Wenn du nicht mit ihm geschlafen hast«, sagte Benny, »ist es nicht so tragisch.«

»Ein Mann von Welt«, sagte sie. »Und eine Jungfrau läßt dich ihre Hand küssen.«

Er gab ihr dann einen Gutenachtkuß, kühl und sanft, und beließ es dabei. Am Bahnsteig der U-Bahn rettete er einen Betrunkenen davor, auf die Schienen zu stürzen. Der Betrunkene knurrte, grob, schroff, weißhaarig. Geduldig brachte ihn Benny an Bord. Ein Pärchen, Teenager, döste, der Junge mit schwarzer Krawatte und nach Parfüm stinkend, das Mädchen im gelben Ballkleid und mit einer Gardenie. Benny erinnerte sich an seinen leidenschaftlichen Wunsch, zweiundzwanzig zu werden. Sein Kopf war voller Musik, im Takt zu dem Klappern der Räder. Die Themen liefen ineinander: Alter, Schule, jetzt diese Frau. Ehe, Wärme, Suppe. Ein Ende und ein Anfang: Der Benny, der war, Benny der Junge, verblaßte schnell; Benny, der sein wird, Benny der Mann, Arzt, Vater, steigt auf 63aus einem Meer von Verwandten, Klassenkameraden, Hoffnungen und bricht auf zu den auf keiner Karte verzeichneten Wegen eines fremden Landes. Bürger Beer. Der unerbittliche Schmutz von U-Bahnen.

Er verlagerte das Gewicht und spürte einen Anflug von Begierde; mit den Lippen wanderte er über Carol; er träumte. Das war auch ein Leben, vielleicht das Leben, das ihm das Schicksal zugedacht hatte. Komisch: als ob eine Entscheidung getroffen worden wäre. Von wem? Von was? Vorzeichen: Er sah sich nach Hinweisen um. Die dösenden Kinder kuschelten sich aneinander. Da ist dein Vorzeichen: So ist das Leben. Erst sticht dich der Hafer, und auf Hafer folgt dann … Vogelknöterich. Er grinste. Herrgott, ich mag das Mädchen. Ein schlaues Köpfchen, und nicht langweilig. Nun mal langsam. Dr. und Mrs. Amos Untermeyer geben bekannt. Vielleicht ist es Zeit. Und dann raus hier, nach Westen, in irgendeinen Ort wie Phoenix oder Salt Lake. Vieh. Sprenkliges und buntes. Sauberer Schnee. Eine Hütte in den Bergen. Old Doktor Beer.

Lieber Himmel! Nach einem Rendezvous!

 

Und ein paar Wochen nach diesem ersten Rendezvous auch Dinner mit Amos und Sylvia, und Jacob war ebenfalls herzlich eingeladen. Richtige Konversation. Benny hatte auf Pinsky gehofft: Ob Amos in dieser exotischen Umgebung unsicher und zappelig werden würde? Oder tanzen und rüpelhaftes Jiddisch brüllen? Ob Sylvia eine Mantilla tragen würde, um gar keine Unklarheiten aufkommen zu lassen? Aber nein, man wählte das Copenhagen oder Maxl's Rathskeller oder das Romanoff oder das Mandarin House. Benny sah sie als eine Sippe von phönizischen Handelsleuten, die von Hafen zu Hafen fuhr.

»Es gibt nichts Besseres als Aal«, verkündete Amos, und Jacob erbleichte. »Die Schweden trinken zuviel, hab ich gelesen. Jahrhundertelang hat jede Familie ihren eigenen Aquavit hergestellt. Selbstmord«, sagte Amos. »Fürsorge.«

»Dies ist sehr guter Felchen«, sagte Jacob mit Überzeugung.

»Smörgåsbord ist hervorragend«, sagte Amos. »Lauter Protein. 64Während des Krieges gab es kein Fleisch und keine Herzkrankheiten. Keine Butter, keinen Käse.«

»Ich glaub, ich könnt einen kleinen Aquavit vertragen«, bat Benny bescheiden. »Regt die Herztätigkeit an.«

»Unbedingt«, sagte Amos. Er war außerordentlich gepflegt; die Fingernägel schimmerten, das Haar war glatt. Sylvias Parfüm würzte den Fisch; ihr Jerseykleid lag eng an. Amos trug einen blauen Cheviotstoff, ein weiß in weiß gemustertes Hemd, eine glänzende, monogrammbestickte Krawatte; Jacob neben ihm in seinem zerknitterten Kammgarnanzug war ein Clown aus dem jiddischen Theater. Caro hatte ein graues Kostüm an, das ihre Figur verbarg. »Dein Band«, murmelte Sylvia, Carols Hand flog zu ihren Haaren.

Der Aquavit wurde eingeschenkt, das Gespräch ging weiter: Skål, skål. Sylvia schaute von Carol zu Benny, von Benny zu Carol. »Saugwürmer«, sagte Amos, und später: »Bilharziose.« Zum zweiten Gang gab es Lepra und Gingivitis; Amos näherte sich Scheidenabstrichen und gab auf.

Plötzlich sprach Carol. »Benny. Erzähl ihnen von dem kleinen Mann.«

Sie warteten. Benny zögerte; es widerstrebte ihm, 57359 auf diesem prächtigen Altar zu opfern. Endlich erzählte er es ihnen doch. Tränen stiegen Sylvia in die Augen. Amos dachte nach, bevor er etwas sagte, und Benny hatte das Gefühl, ein Wunder vollbracht zu haben. »Gott im Himmel«, sagte Amos leise; sie starrten ihn an, und Benny begriff erleichtert, daß Amos auch aus Fleisch und Blut war. »Ich bin gar nicht sicher, daß die menschliche Rasse es wert ist«, sagte Amos. Er legte seine Gabel hin. »An den dunklen Orten der Erde haust die Grausamkeit.« Er schaute an ihnen vorbei, tastete nach seinem Glas. »Ihr habt nichts von ihm gehört?«

»Nichts«, sagte Benny. »Wir haben an die Leute von der UNRRA und die jüdischen Organisationen und die israelische Regierung geschrieben. Nirgends gab es etwas über ihn.«

»Er könnte tot sein.«

»Ja. Aber irgendwie denke ich, er lebt. Vielleicht ist das nur mein Wunsch.«

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»So ein Nichts«, sagte Amos leise. »Eine Unendlichkeit. Er könnte tot sein. Er könnte verkrüppelt sein, ein Bettler. Er ist vielleicht verrückt geworden. Oder hat Amnesie.«

»Er könnte in Südamerika sein«, sagte Benny. »Überall. Ich hab nicht einmal eine Vorstellung, wie alt er war.«

»Gott möge sie verdammen!« sagte Amos. »Verzeihung.«

Im Auto sagte Amos dann: »Benny, als du von dem kleinen Mann erzähltest, hatte ich eine Erkenntnis.« Amos machte eine Pause, wählte seine Worte: »Seit zweitausend Jahren sind die einzig guten Christen die Juden gewesen.«

 

Und so stand im August 1949 Jacob neben Benny zwischen roten Vorhängen mit Silberlitzen und schaute aus den großen Fenstern hinaus in den schönen Mittag; im Park saßen Liebespärchen, und Kinder riefen. »Ich verliere nicht den Sohn«, sagte er, »ich gewinne einen Trust. Ich bin jetzt mit einem Millionär bekannt. Man sieht es: sie haben sich das hier von einem Einrichtungshaus machen lassen.«

»Benny grinste. »Meine Verwandten.«

Jacob lächelte auch. »Ein wunderschönes Mädchen. Was macht's, daß sie Geld hat? Liebe wird mit allem fertig. Ach, Benny. Wie wirst du glücklich sein.«

Benny murmelte und war höflich zu den Untermeyers: viele Onkel, viele Tanten. Neben sich hatte er seine Schwiegermutter, die sagte: »Nicht nervös werden. In hundert Jahren spricht kein Mensch mehr davon.«

»Das hilft mir weiter!« Benny mochte Sylvia. Sie tätschelte ihm die Wangen. Sie hatte Diamanten an der Brust. Zwischen Rubinen, dachte Benny, und war entsetzt von seiner Niedrigkeit und sah ihr in die Augen; ihr Parfüm stieg auf, und es gefiel ihm, und sie war pummelig und gepflegt und unergründlich, und ihre Augen waren dunkel und maurisch. »Es werden Tränen von mir erwartet«, sagte sie.

»Bloß nicht.«

Jacob und Pinsky inspizierten die Tische wie Späher aus einem hungernden Dorf. Pinsky schnüffelte, deutete.

»Nein. Sei gut zu ihr.«

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»Natürlich«, sagte Benny sanft.

»Sorg nicht nur für sie, mach sie glücklich«, sagte Sylvia. »Sei nicht immerzu … beschäftigt.«

Ihre Augen blitzten auf, weiteten sich, sogen ihn ein, der Moment schutzloser Intimität verschlug ihm die Sprache. »Das habe ich vor«, brachte er heraus, als Amos dazukam.

»Na, was für eine Verschwörung plant ihr zwei?«

»Die Zukunft unserer Tochter«, sagte sie. »Die Musiker sind gekommen.« Und sie verließ sie.

Amos sah ihr bewundernd nach. »Nun sieh dir diese Bewegungen an! Ich hoffe, du machst es besser als ich«, setzte er dann vertraulich hinzu. »Diese verflixte Frau hat täglich einen Apfel gegessen, seit wir geheiratet haben.« Er schüttelte sich, stieß Fetzen von Gelächter aus. Benny zog ein Gebet in Betracht.

 

Onkel Arthur Untermeyer lud sich den Teller voll und sagte: »Winterhochzeiten sind besser. Welche Klasse eine Winterhochzeit hat, kannst du an der Menge von Früchten ablesen, die nicht der Jahreszeit entsprechen.« Benny lachte ganz unmäßig. Vom Kopfende des Tisches winkte Amos. Benny gegenüber strahlte Jacob, mit feuchten Augen, ein Gläschen Whiskey neben seinem leeren Weinglas. »Amos ist ein guter Kerl«, sagte Arthur. »Sehr mit sich zufrieden, aber ein guter Kerl. Ein großzügiger Mensch.« Carols Cousine Deborah glitt durch das Genrebild, sie reckte den Hals wie eine Henne, um einen Schluck Champagner zu trinken, ein unscheinbares, aber handfestes Mädchen, und Bennys drittes Auge beobachtete. Hinter ihm machte die Kapelle ihre Katzenmusik und brachte ein fröhliches Lärmen dem Herrn.

»Irv ist auch in Ordnung«, sagte Arthur und futterte vergnügt. »Er mußte Drogist werden, weil nur für einen das Geld für die Medizinausbildung da war. Ich hatte das meiste Glück. Bei mir hatten sie aufgegeben und ließen mich ins Pelzgeschäft gehen, deshalb kann ich jetzt im Zaster baden. Übrigens, wenn du mal Hilfe brauchst, komm ruhig zu mir. Nur Gordon ist ein Schurke, der jüngste, verzogen und verwöhnt. 67Trau ihm bloß nicht. Achte mal auf die Namen, von Amos bis Gordon in regelmäßiger Abstufung: das nennt man Assimilation. Die kleine Deborah ist auch nicht mehr so klein.«

Benny begriff, daß Antworten nicht von ihm erwartet wurden. Arthur aß, Arthur redete. Gut. Er wandte sich seiner eigenen Tante Rose zu. »Und, Rosey, wie geht es?«

»Gut geht es. Hier braucht niemand zu verhungern. Dein Mädchen ist wunderschön, Benny. Wirklich wunderschön. Das greift einem ordentlich ans Herz, so jung und so schön. Du wirst sehr glücklich werden.«

»Ich bin schon glücklich. Bloß heiraten ist Mord.«

»Mord, nein. Selbstmord vielleicht.«

Berauscht von der Zeremonie, abgestumpft von der Schlemmerei und voller Sehnsucht nach der Straße umklammerte Benny sein Weinglas und betrachtete nachdenklich diese neue Welt. Prpl und Lin diskutierten über einer Flasche Whiskey. Stämmige Honoratioren gestikulierten und sprachen in Sentenzen; andere tanzten Foxtrott. Miss Carol Abravanel Untermeyer und Mr. Benjamin Beer. Heute getraut von dem gelehrten Rabbi – wie hieß er gleich? Isaschar. Sebulon. Es würde auf der Urkunde stehen, sicher unleserlich. Onkel Gordon hauchte auf sein Pincenez und polierte es an einem Sergeärmel. Mrs. Beer ist die Tochter von Dr. Amos Untermeyer, einem berühmten Quacksalber, und Mrs. Untermeyer, die mehr Sinnlichkeit als Verstand hat, aber na ja. Central Park West, Innenstadtseite mit Palmen in der Eingangshalle.

Miriam Karp kam auf ihn zu und umarmte ihn, und dann Ruth Pinsky, die weinte. Benny tätschelte, tröstete, scherzte.

Der Bräutigam ist der Sohn von Mr. Jacob Beer vom Union Square, Witwer, Spezialität handgenähte Einreiher, auf Wunsch mit Weste, angesehenes Mitglied der örtlichen Klapperjass- und Pinokel-Clubs. Ein schwarzer Kellner schenkte Champagner ein, unergründlich, hochherrschaftlich. Brautjungfer war Miss Deborah Abravanel, ein appetitliches Menschenkind, das über unverlangte Aufmerksamkeit von Onkel Arthur Untermeyer zu berichten wußte, der bei den Stämmen der Wüste unter dem Namen Unternehmungslustige 68Hand bekannt ist. Kurze Flitterwochen. Bräutigam wird danach ans College des Flickens und Schröpfens zurückkehren, wo er sich der Sterndeuterei widmet. Wieder daheim. Bitte schickt Geld.

Benny stand auf und setzte sich in Bewegung. Er forderte seine Braut, küßte sie nachdrücklich in Gegenwart von Zeugen und tanzte mit aller Macht vor dem Herrn.

 

Während Carol sich umzog, schwelgten die erschöpften Übriggebliebenen in Hochzeitsgeschenken. »Tiffany«, sagte Sylvia. Benommen bewunderte Benny ein Tischtuch. Auch Jacob würdigte es. Amos ließ sich in einen Ledersessel fallen: »Zuviel Champagner. Zu früh am Tag.« Jacob hatte ihnen fünfhundert Dollar geschenkt. »Es ist nichts«, hatte er Benny zugeraunt. »Das gibt Amos dem Portier als Trinkgeld. Trotzdem, ein bißchen Nadelgeld.« Amos hatte sie überschüttet: fünfzig Aktien General Motors, fünfzig von Jersey Standard, für ein Jahr die Miete einer kleinen Wohnung am Riverside Drive mit Blick auf den Hudson, Aufzügen, beigefarbenen Korridoren, Abfallverbrennung. »Dunhill«, sagte Sylvia. »Rühr die Papiere nicht an«, befahl Amos. »So gut wie Gold. Leg die Gewinne wieder an.« Benny war einverstanden. Romantik, Romantik, wo bleibt die Romantik? Bin ich mit fünfundzwanzig ausgebrannt? Nein. Alles voller Tanten und Onkel und dem Gebacknen vom Leichenschmaus. Großer Gott, Hochzeiten! Barbarei. Er hatte einen gräßlich vollen Bauch, und bestimmt roch er aus dem Mund. »Gimbel?« fragte Sylvia. Jacob stand verloren da, und für Benny war das Maß voll, sein Satteltrunk lief über von plötzlichem Kummer: Das Los des Menschen ist die Einsamkeit. Er legte Jacob einen Arm um die Schulter. Jacob blinzelte unter Tränen; eine lief ihm an der scharfen Nase herunter. »Ich verlasse dich wieder«, sagte Benny leise, und Jacob nickte. Benny drückte ihn an sich: »Ich werde dir Enkel schenken.« Jacobs Gesicht hellte sich auf. »Ich kann den Babysitter spielen«, sagte Jacob. »Du kannst ihnen Pinokel beibringen«, sagte Benny.

Carol tauchte auf, eine Erscheinung: strahlend, angstvoll, 69die Aztekenjungfrau, atemlos unter dem Obsidianmesser. Benny ging zu ihr und küßte sie zärtlich. Sylvia weinte schließlich doch. Amos räusperte sich. Jacob hielt sich scheu im Hintergrund, und Carol ging zu ihm und umarmte ihn, mit einem Blick zu Benny; sie wußte Bescheid. Und in diesem Moment schenkte ihr Benny sein ganzes Herz. Jacob klopfte ihr auf die Schulter. »Ein hübsches Paar«, sagte er, »es hat nie ein hübscheres gegeben. L'Chajim. Tausend Jahre.«

»Zehntausend Jahre«, übertrumpfte ihn Amos, »Banzai.«

Die Neuvermählten brachen auf, Benny mit einem letzten leichten Zwinkern für Jacob, und fuhren zu dem gemieteten Ford hinunter und dann in ruhigem Schweigen nordwärts.

An einer roten Ampel küßte Benny Carol wieder, und sie umschlang ihn. »Gott sei Dank!« Sie schluchzte fast. »Laß uns nie wieder heiraten. Laß uns nie umkehren.«

»Du auch?« Benny lachte vor närrischer Freude. »Ich dachte, du magst das. All dieses alberne Getue. All diese Leute. Monster. Treulich geführt!«

»Ich liebe dich wahrhaftig!« stieß sie hervor. »Aber ich sag dir eins: die Verwandten …«

»Was ist mit denen?«

»Die lassen den Bräutigam gut aussehen.« Sie kuschelte sich an ihn. »Laß uns nach Australien gehen.«

Das Glück wogte auf und ab, auf und ab. Benny fuhr und träumte und drückte ihren Schenkel und pries sein Schicksal. Spätsommer, die Hecken neben der Landstraße leuchteten tiefgrün, üppig und schwer, Täler und Schluchten, Liebesnester; Krähen pickten an einer toten Katze, starrten finster, flatterten auf und glitten davon; die Sonne stand tief im Westen. Benny dachte an die kommende Nacht, das Abenteuer, das Unbekannte, an die vielen Nächte, die vor ihnen lagen; er atmete schneller. Mein Gott, was für ein Risiko! Eine Frau für immer! Er beschloß, sanft zu sein. Sie wußte so wenig. Er mußte sie lehren. Professor Doktor Beer. Nie wieder ein kaltes Bett, dachte er hitzig. Nie! Er fuhr auf eine Tankstelle, hielt, zog die Handbremse an und umarmte sie; sie küßten sich ungestüm; liebevoll legte er ihr die Hand auf die Brust. »Lassen wir uns 70festnehmen«, sagte er. Sie kicherte und befreite sich. Als ein schmächtiger Tankwart auftauchte, brausten sie wie verrückt lachend davon. Nie wieder ein kaltes Bett, dachte er. Einhundertundsieben Arten zu lieben. Du Wüstling. Die reine Braut, und du planst ihr Verderben. Professor Doktor Beer hält Vorlesungen über das Kamasutra, mit Dias. Bedeutender Fachmann der jüdischen Akupunktur. Was für ein schmutziger Charakter. Er stöhnte über seine Verworfenheit..

»Was war das? Reue?«

»Ungeduld.«

»Wie, mein Herr, was haben Sie vor? Ich habe, als ich mich zu dieser Ausfahrt bereit erklärte, nicht im entferntesten …«

»Alles zu seiner Zeit, mein Kind.« Sie schwieg, und er fuhr fort: »Es macht Spaß, weißt du. Es macht mehr Spaß als alles andere.«

»Mehr als Mah-jongg?«

»Ich könnte dich schlagen«, sagte er.

Und so reisten sie zu ihren Flitterwochen in die Berge, trugen sich mit angemessener Selbstsicherheit ein und entschwanden für ein paar Tage aus dem menschlichen Gesichtskreis. An jenem Abend erfuhren sie, wie fremd sie sich waren, und zum ersten und einzigen Mal ließ Bennys Stolz und Freude ihn im Stich. Sie kurierten diese geheimnisvolle Unpäßlichkeit schnell und machten Witze darüber, und Carol war atemlos und fügsam und ergeben. Aber es steckte noch viel von einem alten Römer in Benny, und wenn alle Adler der Welt zu seiner Rechten flögen, sie konnten dieses Vorzeichen nicht auslöschen. Zur Mittelwache lag er wach und versuchte durch den Nebel der Zukunft zu sehen, aber er war ein Mensch, blind und verloren, und die Schicksalsgöttinnen waren stumm.

 

Müde und matt kehrten sie zurück zum Riverside Drive, und Carol machte sich daran, Verzeichnisse anzulegen, aufzuräumen, auszubessern, Vorräte anzulegen, zu nähen und zu backen; sie erwies sich als unnachsichtig gegenüber den Kaufleuten, und Benny bewunderte sie. Sie beschloß, ein Jahr zu arbeiten 71und später mit der Genetik anzufangen, änderte aber ihren Entschluß fast sofort wieder. Als Benny sich eines Nachts unternehmungslustig näherte, wurde er sanft abgeschoben, und Carol sagte leise: »Die Flitterwochen sind vorbei.« Benny erstarrte, aber sie umarmte ihn und fuhr fort: »Wir sind jetzt zu dritt. Stoß ihn nicht so herum.«

Benny richtete sich auf und knipste das Licht an: Carol grinste ihn wie schuldbewußt an. Glotzäugig, verblüfft war er, konnte nicht sprechen. »Jetzt werden alle dahinterkommen, was wir gemacht haben«, sagte sie.

»Jesus«, brachte Benny heraus. Er küßte sie. »Muttchen. So bald!«

»Ich wußte nicht, daß er geladen war«, sagte sie, und er schnob über den uralten Witz. Zu seiner heftigen Beschämung fuhr ihm der Gedanke an andere Frauen durch den Kopf, und er überlegte kurz, was für unbekannte Beer-Ableger es vielleicht gab. Er riß sich zusammen. »Carol! Ein Kind! Ein Beer-Baby! Ein Kronprinz!«

»Richtig. Prompte Bedienung, oder?«

»O du beste aller Frauen«, sagte er und küßte sie wieder, langsam, warm; er küßte ihre Augen, ihren Hals, ihre Brüste, liebevoll, fest, er küßte ihren flaumigen Hügel und sagte: »Danke, Muttchen.«

»Schwein«, sagte sie, »komm zurück.«

Sie rieben die Nasen aneinander. »Willst du trotzdem arbeiten?«

»Nein. Ich möchte gern alles richtig machen. Aufhören zu rauchen und dick werden und Kalk und Trüffeln essen.«

»Recht hast du«, sagte Benny. »Als Mediziner, Madame, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß häufiger Verkehr die Entbindung erleichtert.«

»Ich hab einen Verrückten geheiratet«, sagte sie. »Also gut, nur zu.« Und Benny, von Liebe, Ehrfurcht, dem Stolz von hundert Generationen überwältigt, tat dies, und Carol sprühte, sie puffte ihn und lachte. Am Morgen rief er Jacob an, und sie rief Amos an, der einen Treuhandfonds erwähnte.

 

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Und doch schränkte das Ereignis Benny ein; unter der natürlichen Freude ging eine unnatürliche Veränderung vor sich, eine Verwirrung, ein zwiespältiges und quälendes Verlangen nach neuer Stärke und neuer Würde. Manches davon war ihm verständlich: ein Teil seiner wunderbaren, übernatürlichen sexuellen Raserei wurde zu Mitgefühl destilliert; sein unzüchtiger Doppelgänger, sein geiler Zwilling, ein glorreich psychotischer Deutero-Benny, eine teuflische Gonade in Menschengestalt, war mit einer mysteriösen Schutztruppe zusammengestoßen. Auf den versteckten Befehl dieser rätselhaften Kraft hin mußte er bewußt – wenn auch bedauernd – seine kindlichen Phantasien bezwingen, mußte gezielt – wenn auch bedauernd – sein Kamasutra zensieren und kürzen. Er mußte einräumen (nicht ohne Seufzen), daß die Gefährtin seiner Freuden und Leiden einen menschlicheren Gebieter verdiente und verschont werden sollte von den niederen Ungeheuerlichkeiten eines wahnsinnigen Inkubus. Sie war kein Sukkubus: Sie war Carol, die vielleicht eines Tages Genetikerin sein würde, die jetzt eine Bakkalaurea der Naturwissenschaften und eine Labortechnikerin war, deren Herz und Gemüt er auch geheiratet hatte, die sein Kind trug: ein gewisser Anstand war wohl geziemend, kultiviert und richtig. Wenn sie Einwände erhob (und das kam vor), beharrte er nicht; da er Sklaverei haßte, verwarf er Herrschaft.

Es war nicht leicht. Er war sich selbst gegenüber aufrichtig, er war es immer gewesen und hoffte es immer zu sein und ließ auch die brandstifterischsten Extreme der Schwärmerei, der Blasphemie, der Wollust im Wildpark seines Denkens zu – in der unerschütterlichen Überzeugung, daß seine zärtliche Achtung gegenüber allem Lebenden freudig und neidlos sein Verhalten überwachen würde. Aber jetzt ließ er neue Hegemonien zu; er fühlte sich unterdrückt von einer einst verachteten Moralität (die, wenn sie nicht mehr kontrolliert, sondern etabliert und dominant war, zum lebendigen Tod wurde), und er rang mit dem Störenfried. Für Deutero-Benny bedeutete Ehe Zwanglosigkeit, Ausschweifung; im theologischen Streitgespräch definierte er himmlische Seligkeit als immerwährenden 73Orgasmus. Und jetzt wehrte sich Deutero-Benny in tödlichem Kampf wie der Teufel: Würde Bürger Beer, wenn er seinen prachtvoll liederlichen Schatten exorzierte, nicht eine verborgene fatale Zerstörung auf sich selbst herabbeschwören? Der frühere Unhold, der verrückte Doktor, war jedenfalls ein irrsinniger Liebhaber; der gebesserte Lüstling konnte zum Urheber von Verhängnis und Verheerung werden. Der Engel des Todes war schließlich doch ein Engel und kein fröhlicher Pornograph.

Manchmal saß Benny abends da und sah hinaus auf Lastkähne und Segelboote und Tanker und Leichter, währen die Dunkelheit niedersank und das letzte Sonnenlicht über dem Westufer schwand, und nahm mit einer Mischung von Trauer, Rechtschaffenheit und bitterem Lachen Abschied von seiner schwelgerischen Jugend. Dies war, so nahm er versuchsweise an, das erste Symptom von Reife: So rüstete man sich gegen die Angriffe der Realität, so schuf man ernsthaften Ersatz für vielgestaltige Freiübungen durch nützlichere Anwendung seiner Kraft. Carol war süß, liebevoll, dankbar, mal ein entzückendes kleines Mädchen, das Hausfrau spielt, mal eine würdige Dame, die Silber und Tischwäsche sortiert. Eine neuere Art von grausamerem und irdischerem Märchen war wahr geworden: Heim, Familie, Arbeit, Zukunft waren sein, es fehlte nichts mehr, und eines Tages würde er König sein.

Diese Grübeleien waren intensiv, aber selten; er war reichlich beschäftigt mit seinem vierten Jahr unter Phagozyten, Purpura und Quartanfieber, mit Besuchen bei Jacob, der Entwicklung des Kronprinzen, Plänen für seine Assistenzzeit und einem Blick auf den Markt, mit Spaghetti-Dinners und Schnee und Graupel, mit Van Gogh an den Wänden, Bücherregalen aus Ziegeln und Brettern, Beethoven bei Kerzenlicht und Amos und Sylvia, die in Eile vorbeikamen, um Braten, eine Decke, Ratschläge und 20-Dollar-Scheine zu spenden. Es war ein Geburtshelferjahr, Carols Jahr, ein Jahr des Blühens und Rundens, leichter Übungen und Lehrbücher zur Entbindung, der Listen von Namen, Jungennamen, Mädchennamen, Familiennamen, biblischen Namen. Sie diskutierten über die 74natürliche Geburt. Benny wurde von seinen Kommilitonen ordentlich hochgenommen und ins Verzeichnis der Simpel und Gimpel eingeschrieben. Im Bett rief Carol »Schnell, schnell!«, und er war verzweifelt und betrübt: sie wollte nicht etwa, daß er schnell anfinge, sondern daß er schnell fertig würde. Er übte Nachsicht bei einer schwangeren Frau. Bald zog sie sich von ihm zurück, saß da und sann und träumte im heiligen Leuchten eines Eigenlebens; er übte weiterhin Nachsicht und war einsam. Er war freundlich und schmeichelte, und war völlig durcheinander. Sie streichelte ihren eigenen Bauch, sprach mit dem Kind und lächelte ohne Grund. Sie kochte pausenlos, und er wurde gestopft mit Fisch, Fleischsuppen, Braten. »Protein«, erklärte sie. Der Geburtshelfer errechnete ein Datum: neun Monate und drei Tage nach der Hochzeit! Amos scherzte: »Wenn es zu früh kommt, bist du mir eine Erklärung schuldig, junger Mann.« Sylvia flatterte, bald war ihre Figur besser als die von Carol, und wenn sie sie zur Schau stellte, wurde Benny still und bitter.

Er war geschäftig, hetzte vom Unterricht in die Klinik, fraß sich durch Glaukom, Krebs, Zirrhose, Diabetes; er atmete Dünste von Eiter, Blut, Urin ein; er kultivierte verzweifelt eine professionelle Gleichgültigkeit gegenüber offenen Wunden, glänzenden Organen, bemitleidenswerter Senilität, toten Babys. Ah, nein, das nicht, nicht Gleichgültigkeit, nicht Desinteresse, aber er prägte eine neue Definition von »Arzt«: der einzige Mensch im Zimmer, der nicht weinen darf. Selten nur fand er einen Augenblick Zeit für Pinsky mit Karp und Jacob. Er wurde auf den Arm genommen: Wenn es ein Junge würde, wollte Karp ihm einen Kaftan schneidern, und Pinsky wollte den Stör für das erste Jahr liefern. Natürlich würde es ein Junge werden. Sie begannen Jacob Opa zu nennen. Jacob strahlte, Benny strahlte auch und trank Tee wie die Alten und schlürfte und nickte. »Ich mach die Bar-Mizwa umsonst«, sagte Pinsky und hüpfte. Benny alterte und erinnerte sich an seine ersten Romanzen und versuchte junge Sinnlichkeit mit Verachtung zu betrachten und schalt seine zügellosen Kollegen bei der Arbeit.

75

Es war auch das Jahr, das zum Jahr von Nan wurde, das nie wiederkam, nicht in zwölf Jahren oder zwanzig Jahren oder einem Jahrhundert, das Benny zu Verzweiflung, Verrat und dem Tod in der Seele herabminderte und das ihn zu unglaublichen Verzückungen erhob. Und dabei lebte, stürmte, arbeitete, heulte er sich durch Tage und Nächte wie ein Wirbelwind; er überlebte, trotzte, schwur fürchterliche Eide und wehrte unerbittliche Wogen ab. Seine Schwächen brachten Energien hervor: ohne Herz wurde er groß an Liebe; ohne Geist nahm er zu an Fähigkeiten; ohne Hoffnung hoffte er; ohne Tod starb er; ohne zu wissen, was kommen würde, wartete er, harrte, wappnete sich und weckte uralte Kräfte, um dem Schicksal des Menschen entgegenzutreten.

 

Wenn jemand kurz zuvor ein Weib genommen hat, der soll nicht in die Heerfahrt ziehen, und man soll ihm nichts auflegen. Er soll frei in seinem Hause sein ein Jahr lang, daß er fröhlich sei mit seinem Weibe, das er genommen hat. Soviel wurde Benny gewährt. Im September 1950, als Joseph vier Monate alt war und Carol jemand anderen hatte, den sie lieben konnte, schickte die Regierung der Vereinigten Staaten, die für einen großen Teil von Doktor Beers medizinischer Ausbildung bezahlt hatte, ihm die Rechnung. Er wurde zum Dienst gepreßt – ein Notfall, wie man ihm versicherte – und nach Korea geschickt, wo man sich auf einen Krieg geeinigt hatte.

Zweiter Teil
Pee-joe Die-foo

79

5

Der bronchitische Laster bekam Fieber und ging – Schicksal – am oberen Ende einer langen, abwärts führenden Biegung ein, verreckte mit einem Klirren und einem Rasseln und einem letzten unanständigen Furz. Der Schwede ließ ihn bergab rollen, da stand ein Haus: Schutz und vielleicht Wasser. Aus der Nähe sahen wir, wie groß es war, wie solide, und ich machte mir Sorgen wegen des Feindes. Dabei wußte keiner genau, wer der Feind war. Ewald steuerte unseren toten Dinosaurier auf einen Hof; wir rollten uns heraus und untersuchten das Haus. Es war ein Gasthof oder Rasthaus, unbenutzt und still, höhlenartig. Draußen fummelten wir dann mit kalten Fingern am Funkgerät. Quietschen. Eine dienstliche Stimme knisterte durch die atmosphärischen Störungen. Ich starrte auf braune Berge, einen aufgedunsenen grauen Himmel, Gerippe von endlosem Wald; mein Atem dampfte, und ich war sicher, daß es Schnee geben würde, und ich kam mir wie ein verfluchter Narr vor, als ich sagte: »Blau zwei, hier Beer.«

Blau zwei wußte nicht, wer Beer war.

»Ihr Arzt«, sagte ich. »Ihr freundlicher Hausgynäkologe. Ich brauch einen neuen Lkw.«

Blau zwei beschwerte sich. Er beschwerte sich. Also entschuldigte ich mich. Blau zwei dachte darüber nach. Blau zwei fragte, wo ich wäre, und ich gab ihm die Koordinaten. Geschützfeuer hörte ich nicht. Ich beschrieb das Gebäude.

Blau zwei sagte, sie würden sich vielleicht alle zurückziehen, ich sollte mich am besten da etablieren, wo ich war. Wie angenehm. »Es ist noch ein Arzt auf dem Weg«, sagte ich. »Auf der Hauptstraße. Noonan. Nein. N wie Nan. Schicken Sie ihn her, wenn Sie sich zurückziehen. Und Transportmittel. Lkws für die Verwundeten. Können wir nach Süden hin abgeschnitten werden?«

»Ja«, sagte Blau zwei. Er begann ausführlich zu berichten, als ob es wichtig wäre, Leutnant Beer diese Niederlage zu erklären. 80Ich glaubte wirklich, daß ich nicht mehr lange zu leben hätte, und fand diese Einzelheiten langweilig.

»Blau zwei Ende«, sagte Blau zwei schließlich.

»Wiedersehen«, sagte ich.

»Wie schlimm ist es?« wollte Ewald wissen.

»Sehr schlimm. Selbst das Bessere ist schlimm. Jede Menge Chinesen, meinen sie. Egal, dies ist unser Zuhause. Laden wir ab.«

»Zuhause!« wiederholte Ewald und ging an die Heckklappe. Ewald war kurz, dick, blond, ein buttergelber Junge von einundzwanzig, und es ist so gut meine Schuld wie die von irgend jemandem sonst, daß er tot ist. Ich dachte daran, wie ich einundzwanzig gewesen war und verzweifelt gewünscht hatte, zweiundzwanzig zu werden. Jetzt war ich sechsundzwanzig und wünschte verzweifelt, zweiundzwanzig zu sein. Die Nachmittagsluft war frisch und ruhig, kein Flugzeug zog Streifen durch die milchige Stille. Kein Geschützfeuer. Ich sah mich um, über weite Entfernungen, weit über die öden Berge. Ich sah Schneefelder. Ich starrte nach Norden, plötzlich atemlos, fremd. Ich war fünfzig Meilen von der Mandschurei entfernt.

 

Zwei Feuerstellen. Ein Brunnen hinter dem Haus, mit Winde und Eimer, und das Wasser schmeckte gut, kühl und süß. Wir öffneten die mächtigen Züge und legten Feuer an, und Ewald kochte Kaffee. Ich lag auf einer Decke und rauchte eine Zigarette. Dies war kein Krieg für Zigarrenraucher.

Ewald brachte mir Kaffee. »Was gibt es zu lachen?«

»Nichts. Ich denke an meinen kleinen Sohn. Von Soldaten in fernen Ländern wird erwartet, daß sie immer an ihren kleinen Jungen denken. Keine Art, Krieg zu führen.«

»Viel Krieg ist ja im Augenblick nicht.«

»Toi, toi, toi. Ist Ihnen klar, wenn ich ein Bankier oder ein Makler oder irgend so ein verdammter Segler wäre, dann wäre ich nicht mal hier!«

»Sie reden wie ein Dreijähriger.« Ewald hatte ein langsames, heiteres, offenes Lächeln, wie man es auf einer blauäugigen Bubenpuppe findet, mit Schlafaugen und fetten Ärmchen.

81

»Ich bin ein Dreijähriger. Fast. Hab sogar Ordensbänder. Jetzt bin ich fünf Jahre älter, und nichts ist anders.«

»Für den nächsten werden Sie zu alt sein«, sagte Ewald.

»Ich bin schon für diesen zu alt«, sagte ich.

 

»Es ist jetzt ganz ruhig draußen«, sagte Ewald.

»Der Flieger hat mir einen höllischen Schrecken eingejagt!«

»Es war jedenfalls einer von unseren.«

»Es sind alles unsere.«

»Nicht alle«, sagte Ewald. »Neulich haben wir einen von ihnen runtergeholt. Düsenflugzeug gegen Düsenflugzeug. Zum ersten Mal in der Geschichte. Es stand am Schwarzen Brett.«

»Ein Meilenstein für die menschliche Rasse. Wenn ich wenigstens wüßte, was überhaupt los ist. Mir kommt es vor, als wären wir nicht mal in Korea. Chile, oder Sibirien. Und wir sitzen da mit unserer großartigen kleinen Klinik und einem verendeten Lkw und für ein paar Dollar Ausrüstung, Schlangenöl und Aspirin und Sandpapier für den rektalen Gebrauch, und das gottverdammte Telefon klingelt nicht mal.« Dazu dürfte ich dann säuerlich gelächelt haben.

»Das schlimmste haben Sie ausgelassen«, sagte Ewald. »Die haben Gefangene erschossen.«

»Das werden unsere auch tun.«

»Das glaub ich nie!«

»Glauben Sie es nur.« Ich kam mir gefühllos, fern und alt vor. Die erste Überraschung in diesem Krieg: daß alle so jung waren. »Ich hab echte amerikanische Jungs deutsche Gefangene niederschießen sehen, weiße Männer mit blauen Augen und blondem Haar. Was sind da Asiaten. Kakerlaken.«

»Die haben angefangen«, sage Ewald mürrisch.

»Richtig«, sagte ich.

 

Ewald bot Frieden an: »Ich höre, es gibt Tiger in diesem Land.«

»Das habe ich auch gehört. Und Schneeleoparden. Haben wir eine Waffe hier?«

Ewald schüttelte den Kopf. »Das ist gegen die Vorschriften.«

»Richtig«, sagte ich.

 

82

Ewalds Vater war bis zum großen Krieg Bauer gewesen und hatte dann einen Schnapsladen in Minneapolis aufgemacht. Ewalds Mutter war eine gute Köchin und sehnte sich nach der Farm zurück. Sie haßte die Großstadt. Nichts schmeckte richtig. Ewalds Vater war ein ländlicher Agnostiker, aber Ewald selbst neigte zur Gläubigkeit. Ewalds Mutter hatte sich die Gallenblase herausnehmen lassen. Ewalds Vater litt an periodischer Striktur; er hätte die Alt-Männer-Operation gebraucht, schob sie aber immer wieder hinaus. Ewald hatte zwei Schwestern, beide jünger; eine von ihnen war verlobt mit einem Fachmann für Wasserenthärtung, der gleichzeitig ausgebildeter Landvermesser war und Katholik, was die Eltern auf beiden Seiten betrübte. Ewald hoffte bald zu heiraten. Es müsse großartig sein, jede Nacht mit einer Frau zu schlafen.

»Richtig«, sagte ich.

 

Das Funkgerät knatterte. »Beer hier.«

»Wir ziehen uns tatsächlich zurück«, sagte Blau zwei. »Noonan ist tot. Granatwerfer.«

»Wir sind bereit«, sagte ich.

»Wir sehen uns dann«, sagte Blau zwei. Wir hatten beide unrecht.

 

Wir hatten einen schlechten Start, aber bald keine Zeit mehr für Vorzeichen und Augurien. Ein Jeep schlitterte auf den Hof, der Fahrer rief was, Ewald war mit der Trage da, und innerhalb von Sekunden hatte ich einen bewußtlosen Soldaten auf dem Tisch und schnitt ihm die Uniform auf. Es war ein einziger Schuß in den Unterleib. »Aach«, sagte ich und wußte Bescheid; ich fühlte den schwachen, flatternden Puls, säuberte den Bauch mit einer schnellen Bewegung, ein bißchen aufgeregt jetzt: ein richtiger Patient; Echos und Erinnerungen an hundert Unterrichtsstunden und an die Klinik, aber der Mann war tot, bevor ihn Verbandszeug erreichte. Der Fahrer schob mit einem neuen Fall herein; der lief selbst oder stolperte, verklebte braune Bandagen an einem Arm, der amputiert werden mußte. Sie legten die Leiche in eine Ecke und spritzten Nummer zwei voll 83Morphium, und ich machte mich ans Werk; versorgte dann die Wunde und spritzte Plasma. Ewald kennzeichnete ihn, und dann war er fertig. »Bringen Sie ihn weg«, sagte ich. »Wohin?« fragte der Fahrer, auch noch ein Junge – Allmächtiger, wie jung die alle waren! »Anju«, sagte ich. »Immer nach Süden. Nehmen Sie die Leiche auch mit.«

»Die Leiche?« Der Junge schüttelte den Kopf.

»Sie haben Platz. Wir nicht. Oder lassen Sie ihn für die Krähen draußen liegen«, und dann kam Tumult von draußen, und Ewald rannte zur Tür. »Jesus!« sagte er. Es war jetzt jede Menge Lärm draußen, mit Düsengeräuschen und Krachen und Knattern weiter weg. »Jesus«, sagte Ewald. Ich hatte Angst und fror, aber wieder war keine Zeit. Männer stolperten herein, Männer wurden hereingetragen. »Herrgott, er ist ganz grau!« Ein blutiges rotes Loch, vom Hüftknochen bis zur Niere, Blutgefäße; mehr Plasma, während ich säuberte und verband. »Wegbringen. Was haben wir da draußen?« – »Zwei Lkws.« – »Massig Platz.« – »Im Augenblick.« – »Offiziere da?« – »Nicht bei Bewußtsein.« – »Ruf zu Haus an«, sagte ich, »sag ihnen, daß wir schwer beschäftigt sind und Fahrzeuge brauchen. Oder Hubschrauber. Den Mann hier kennzeichnen.«

Der nächste auf dem Tisch war ein Neger. Auch so ein Unterschied, schwarze Soldaten, eine Überraschung. Sonst schien die Welt noch so ziemlich die gleiche zu sein. Die Sprache war noch genauso abscheulich, und ich würde meine frühere Meisterschaft bald wiedererlangen. Vielleicht auch nicht. Ich kam mir vor wie vierzig. Vielleicht redete man je älter, desto weniger und hob sich die großen Obszönitäten für echte Krisen auf. Die Hubschrauber waren auch neu, aber davon gab es nicht viele, nicht genug. »Und stellen Sie fest, was mit der Evakuierung ist. Sind wir bald dran, oder was?« Mir fiel ein Satz ein: »Es sind diejenigen schnellstens wieder einsatzfähig zu machen, die nur geringfügig verletzt sind.« Heute keine geringfügigen Verletzungen. Brust. Guter Gott, was kann man an einer Brust machen? Ich stillte Blut, säuberte, verband, ein Mechaniker. Herrgott, ich bin ganz allein. Ewald mit der Spritze. Mein Gott, die Oberschenkelarterie auch. Der Huntersche 84Kanal weit offen. Barken, Schlepper. Meine Handschuhe glitschten durch Blut, stolperten und tasteten durch Glibberiges. »Er ist tot«, sagte Ewald. »O Gott, ja«, sagte ich. Männer nahmen ihn weg. Ein neuer. »Gut«, sagte ich, »ein gebrochener Oberschenkelknochen.« – »Er ist bei Bewußtsein.« – »Betäub ihn.« – »Sie wollen Lkws schicken«, sagte Ewald. »Eine Abteilung kommt runter. Hubschrauber, wenn es geht. Die mobilen Lazaretts sind auch auf der Flucht, wir kommen als nächste dran.«

»Rufen Sie wieder an«, sagte ich. »Sagen Sie ihnen, wie es hier aussieht und daß wir alles brauchen. Ärzte, Sanitäter, Plasma, Verbandszeug, den ganzen Krempel. Sogar Lampen. Gut, jetzt die Schiene. Haltet diese Leute warm.« Keiner hörte zu, egal. Ich arbeitete; ich knurrte: dickschädelige Generäle, die ihre eigenen Männer umbringen, weil sie sich zu gut sind, an Rückzug zu denken. Die Chinesen werden es nicht wagen! Da. Sie sind fertig, Mister. Sie bleiben am Leben und können wieder kämpfen. Bringt ihn weg. Der nächste. Ein Corporal hätte das besser gemacht; Corporals denken immer an Rückzug. Ich hörte Motoren, Hupen, Rufen. Corporal Beer überlegte, ob wir jetzt überrannt und bei Morgengrauen alle tot sein würden; Doktor Beer arbeitete. Männer drängten in den Rau, und eisige Luft ließ meinen Schweiß gefrieren. Ich brüllte: »Tür zu!« Die Reihe war länger geworden. »Ewald, lassen Sie ein paar von den Lebendigen was tun. Sie sollen dafür sorgen, daß die, denen es schlechtgeht, es warm und bequem haben. Kein Wasser geben. Die andern können hier ein bißchen Dreck wegputzen. Suchen Sie mir einen lebenden Offizier.« Jesus Christus, eine Nase und ein Auge. Der Raum kippte, und ich hielt mich am Tisch fest. Nach etwas Blinzeln und Durchatmen ging es mir wieder besser. »Nur ruhig, mein Junge, du wirst es überleben.« Zeit? Eine Stunde vielleicht; sie schien wie Sekunden.

»Sir.«

»Was wollen Sie?«

»Lieutenant Hovey. Was kann ich tun?«

»Irgendwas Sinnvolles«, sagte ich. »Alles Nichtmedizinische 85gehört in Ihren Bereich. Organisieren Sie den Transport. Klauen Sie alle Rationen, die Sie kriegen können, und alle Verbandspäckchen, Sulfonamide, Spritzen, Zeug, das wir hier brauchen, bevor Sie Männer fortschicken. Lassen Sie keinen mit einem leeren Fahrzeug weg. Nichts geht nach Süden ohne einen Verwundeten. Das ist ein Befehl. Wenn sich einer weigert, erschießen Sie ihn. Lassen Sie jemanden beim Beladen aufpassen und einen anderen beim Entladen. Lassen Sie die Toten nach draußen bringen.«

»Ja, Sir«, sagte Hovey, grünlich.

»Wie viele gesunde Männer sind da draußen?«

»Ungefähr dreißig.«

»Dreißig!« Ich richtete mich auf und reckte mich. »Ein echter Rückzug?«

»Sieht so aus.«

»Verdammt. Gehen Sie ans Funkgerät. Stellen Sie fest, wie schlimm es ist.«

»Ja, Sir. Hört sich an, als ob ein Hubschrauber käme, Sir.«

»Gut. Der nächste. Der nächste, verdammt noch mal! Raus jetzt, und lassen Sie einen Platz zum Landen freimachen. Ewald. Ewald! Wo zum Teufel sind Sie?«

Er drängte sich durch die Menge. »Hier.«

»Zeichnen Sie die schlimmsten für den Hubschrauber aus. Bilden Sie dazu Kommandos, und bewegen Sie die Verwundeten vorsichtig.«

»Lieutenant?« sagte Ewald.

Sein Blick war hart, eisblau und scheinbar alt in dem runden jungen Gesicht. Er schauspielerte. Er hatte viele aufregende Kriegsfilme gesehen.

»Einige von diesen schlimmen Fällen«, sagte er, »von denen werden einige … na ja, von denen werden einige ziemlich bald sterben. Sollten wir vielleicht …«

»Nein«, sagte ich. »Machen Sie die schlimmsten für den Hubschrauber fertig.«

»Ja, Sir.«

»Hovey«, sagte ich, aber Hovey war fort. »Sie, Sergeant.«

»Ja, Sir?« Schwarz, halb erfroren.

86

»Jeder, der nicht verwundet ist oder hier zu tun hat, bleibt draußen. Sie können Feuer machen, essen, alles, aber draußen.«

»Es schneit.«

»Bitter. Verflucht! Kann man Hubschrauber bei Schnee einsetzen?«

»Das weiß ich nicht. Ich hab noch nie Schnee gesehen.«

Diese Unschuld. »Räumen Sie dieses Zimmer trotzdem. Das ist ein Lazarett, kein Hotel.«

»Ja, Sir.«

Ich starrte auf eine Leber hinunter und spürte den Beginn eines eiskalten Grauens. Nicht weinen.

 

Bei Anbruch der Nacht waren meine Arme müde. Ich arbeitete. Ich machte Bekanntschaften und verlor sie wieder. Hovey war fort, durch einen Captain namens Wyatt ersetzt. Sergeants übernahmen Aufgaben und zogen gleich darauf wieder ab, ohne sich zu verabschieden, Verwirrung hinter sich zurücklassend. In der Dunkelheit ließ das Schießen nach. Das Geschäft blieb lebhaft. Ich hatte nie ganz begriffen, wie unerhört zufällig es in der Natur zugeht. Die Kugeln flogen herum wie die Atome und trafen irgend jemanden irgendwo. Ich hatte mir idiotischerweise einen Krieg vorgestellt, in dem Soldaten höflich in die Schulter oder die fleischigen Teile des Beins geschossen würden. Oder sauber und schmerzlos an einer einzigen, sauberen, in edlem Streit empfangenen Wunde starben. Der Sieg des Mythos über die Erfahrung. Ich wußte es besser, aber mein Verstand hatte gescheut. Er scheute immer noch, aber ohne Überzeugung, vor allem weil ich Arme, Beine, Bäuche, Hälse, Köpfe, Hände und Füße reparierte, weiße Knochen, rotes Fleisch, schlüpfrige Venen und schlüpfrige Arterien, und manche fleischigen Teile waren hübsch durchwachsen. Nicht vergessen, Pinsky zu erzählen: Ich tranchierte ein gut durchwachsenes Bruststück. Ich räumte auf: nahm ein Paar zermatschte Hoden weg und suchte nach weiteren Schäden; nichts, es war ein sauberer Schuß, ein Königsschuß, hundert Punkte und ein Teddybär, nichts getroffen als das Skrotum, und das war für 87immer hin. Vielleicht war es eine Doublette gewesen. Über- und untereinander oder rechts und links? In den Eimer. Zukünftige Einsteins oder Simpel und Gimpel. Besser gleich sterben. Das war falsch, alle würden sagen, das wäre falsch, aber dem hätte ich ein schwerwiegendes Argument entgegenzusetzen. Darüber mußte ich nachdenken. Statt dessen oder außerdem dachte ich an Carol, und war plötzlich wie gelähmt durch einen unerklärlichen lodernden Ausbruch reiner Wut, und denn war ich einen Augenblick wie betäubt. Auch darüber sollte ich nachdenken. »Das Feuer da draußen«, sagte Wyatt, »ist ein gutes Ziel für die.«

»Sind Flugzeuge unterwegs?«

»Nein.«

»Artillerie?«

»Sehr wenig. Aber wenn sie einen Hügel einnehmen, der hoch genug ist, oder nahe genug für Granatwerfer kommen …«

»Passen Sie auf«, sagte ich, »irgendein General wird eine dicke fette goldene Medaille dafür bekommen. Gute Nachricht, wird es heißen. Ein vorbildlicher Rückzug. Herrgott, Wyatt, ich bin eben erst angekommen. Ich hab noch nicht mal mit einem Koreaner geredet!«

»Was ist mit dem Feuer?«

»Das da draußen ist Ihre Sache. Ich brauche es nicht, wenn Sie das wissen wollen.«

»Gut. Kein Feuer. Können die Männer wieder hereinkommen?«

Mein Rücken schmerzte. Berufsrisiko. Soldzulage, Teilinvalidität. »Wie viele sind es jetzt?«

»Zu viele. Vierzig, fünfzig. Aber vielleicht in Schichten.«

»In Ordnung. Ihre Sache. Halten Sie sie mir aus dem Weg.«

Wyatt sah aus wie ein schmächtiger blonder Poet und trug einen West-Point-Ring.

»Doktor! Ist was nicht in Ordnung? Ist er tot?«

»Ich bin müde. Ich brauch eine Aderklemme.«

»Ich weiß nicht, was das ist.«

Es war nicht Ewald, sondern ein Fremder. »Wo ist Ewald?«

88

»Hier, Lieutenant. Bin schon da. Entschuldigung.«

»Eine Aderklemme. Kennzeichnen, Morphium und Plasma.«

Im Morgengrauen streifte ich mir wieder ein Paar Handschuhe ab und stolperte nach draußen. Der Hof war voll. Die Männer schliefen paarweise wie Liebende, unamerikanisch, Verrat, umschlungen, stöhnend, bleich in dem perlgrauen Licht, von Schnee weiß überpudert. Motoren dröhnten und nagelten. Ich zählte acht Lastwagen und zwei Jeeps. Schnee fiel spärlich in winzigen Flocken; im Osten war der Himmel heller. Ich atmete durch. Dann ging ich ins Gebüsch und erleichterte mich, steif und müde; ja, ich nahm Korea in Besitz. Mein Atem dampfte, und mein Kopf war bleiern. Ich knöpfte die Hose zu, suchte nach einem Streichholz, rauchte. Dann ging ich zurück. »Wie geht es, Schwede?«

Ewald nickte. »Ich hab ein bißchen geschlafen. Es steht schlimm, nicht?«

»So schlimm wie möglich. Hat man von irgendwem irgendwas von irgendwo gehört?«

»Großer Rückzug. Anju und vielleicht auch weiter. Im Osten auch, bis ans Meer.«

»Wir stecken in der Patsche.«

»Es kommen immer noch welche«, sagte Ewald.

»Solange welche kommen, bleiben wir.«

»Okay. Ich hab nicht gefragt.«

»Sie hören sich an, als wollten Sie hier weg.«

»So bald wie möglich«, sagte Ewald.

Im Norden begann es leicht zu dröhnen. »Die Chinesen«, sagte Ewald. »Millionen von Chinesen!«

»Vor fünf Jahren waren es alles Helden.« Lin war im Bellevue. Noch ein Jahr, und er kam vielleicht von Norden, mit einem roten Stern auf der Mütze.

Nein. Verschwommen hatte ich eine verwirrende Erleuchtung: Solche Zusammentreffen gab es nicht im wirklichen Leben. Ich würde Lin nicht in einem exotischen orientalischen Lager begegnen. Ich würde 57359 nie wiedersehen. Und … auch sie nicht. Wege kreuzten und trennten sich; die Vergangenheit 89war immer Prolog. Und die Zukunft war nie ein akkurater Epilog. Die Zukunft war undurchsichtig, bis sie Gegenwart wurde, und dann war sie Vergangenheit und wieder Prolog, und möglicherweise hatte ich meine größten und unwiderruflichsten Entscheidungen und Fehler schon gemacht. Aber das würde ich nie wissen. Vielleicht würde ich Jacob nie wiedersehen, oder Carol oder Joseph. »Bringen Sie mir etwas Schokolade und Kaffee an den Tisch, ja? Ich komme nach drinnen.«

»In Ordnung. Sie brauchen Schlaf.«

»Bald. Nichts von einem weiteren Arzt?«

»Nichts.«

Ich würde nie wieder mit Blau zwei sprechen oder mit Wyatt oder dem schwarzen Sergeant oder später mal mit Ewald. Ich war ein toter Fisch auf der Welle des Lebens, einer Welle, die weder freundlich noch feindlich, sondern unerbittlich war. Ich war eine Spielmarke, eine Luftblase, ein Nichts; nur eine Funktion. Hier oder dort, dereinst oder jetzt, ich war Arzt. Das war etwas. Ich sah mich von einem stummen Schicksal in ein Zelt in Mittelasien geschwemmt, einen Iglu in der Arktis, eine Hütte in Samoa, täglich neue Gesichter, neue Wunden, neue Krankheiten, und Benny – namenlos, heimatlos, freundlos – reparierte Männer, Frauen, Kinder, deren Sprache er nicht sprechen konnte.

Der herrliche Deutsche Tanz, den ich so liebe, kam mir in den Sinn, und ich brüllte vor Schmerz auf.

 

Im Laufe des Vormittags ließ das Geschäft ein bißchen nach. Aber inzwischen hatte ich mich wieder an die Geräusche des Krieges gewöhnt und konnte unter verschiedenen Geräten unterscheiden: Granatwerfern, Maschinengewehren, einzelnen Salven wie Feuerwerkskörpern in der Ferne, vielleicht einem Karabiner. In einer Ecke meines Lazaretts standen mehrere Gewehre. Eindeutiger Verstoß gegen das Waffengesetz. Einzelne Teile der Ausrüstung – und vermutlich der Menschen – lagen im Raum verstreut: Patronengurte, ein Kochgeschirr, Tornister, Rationen. Draußen lagen viele Leichen; drinnen ein 90magerer Sergeant mit einem gebrochenen Arm und wahrscheinlich einer schweren Gehirnerschütterung; er war bei Bewußtsein und rauchte, aber mit den leer blinkenden Augen eines Papageis. Auf dem Tisch war ein junger Mann, der einen zweieinhalb Zentimeter breiten Streifen aus der linken Seite von der Achselhöhle bis zur Hüfte verloren hatte; ein paar Rippen leuchteten weiß, während ich reinigte und verband. »Ewald, mein Junge, wir haben vielleicht doch den letzten Bus verpaßt. Wie lange ist es her, seit ein Fahrzeug vorbeikam?«

»Eine halbe Stunde bestimmt.«

»Und auch keine Soldaten zu Fuß mehr unterwegs?«

»Ich höre gerade welche«, sagte Ewald.

»Heb ihn hier ein bißchen an«, sagte ich. »Ich höre sie auch. Es war reizend, Ewald.«

»Gott verdammich«, sagte er. »Sie hätten mich eigentlich hier herausbringen sollen.«

»Ich sollte Verwundete behandeln«, sagte ich, »und Sie auch. Jetzt absenken. Langsam.« Ich war so gut wie betrunken (nein, nicht ganz so gut: Ich hätte was darum gegeben, jetzt sturzbesoffen zu sein), suhlte mich in blutigen Fetzen, bewegte blutige Hände; ich war erschöpft und hungrig und blinzelte mit knirschenden Augen.

Es war noch nicht alles vorüber. Den ganzen Tag sickerten welche herein.

 

Dann war es wieder dunkel, eine unmenschliche Stille, wie in einer billigen Kneipe in der Morgendämmerung; an einer Wand entlang sechs Patienten, einer wimmernd, andere schlafend oder bewußtlos; einer rauchte im Dämmerlicht. Im Hof hielt geräuschvoll ein weiteres Fahrzeug, Stiefel auf Steinen, die Tür flog auf: »Bringt ihn herein, bringt ihn herein.«

»Was für ein Fahrzeug?« Ich riß die Augen weit auf, dehnte den Mund, ging zu einem Becken mit kaltem Wasser und wusch mir das Gesicht. Ich trocknete es nicht ab, um wach und tapfer und tüchtig zu sein.

»Ein kleiner Zehntonner.«

»Laden Sie diese Männer ein.«

91

»Das können wir nicht …«

»Sie können.«

Hinter dem Mann kamen zwei mit einer schleifenden Last. »Hierher«, sagte ich. »Was ist es?«

»Kopf«, sagte einer.

»Legen Sie ihn hierher. Laden Sie die anderen auf und hauen Sie ab.«

»Abhauen?!« Gemurmel, empörte Ausrufe. »Wir können diesen Mann nicht zurücklassen, Doktor. Wir sind so lange zusammengewesen. Das ist Old Jack. Wir bleiben bei ihm.«

»Dummes Zeug. Ladet die Männer auf und fahrt los.«

Beratungen.

»Nein, Sir. Das können wir nicht machen.«

Ich legte mein Skalpell weg. »Ich denke, Old Jack hat genug«, sagte ich munter.

Ihr Anführer, ein magerer, blasser Kerl, schnappte nach Luft. »Soll das heißen, daß Sie ihn nicht behandeln?«

»Alle oder keinen. Ihr kümmert euch um meine sechs, ich kümmer mich um Jack. Mir ist das scheißegal. Ich könnte auch Schlaf brauchen und eine Zigarette.«

Der Anführer drehte sich um. »Ladet die Männer auf den Wagen.«

»Mit größter Vorsicht«, sagte ich. »Zwei können gehen. Der mit dem Kopfverband, setzt den aufrecht hin, wenn ihr ihn irgendwie verkeilen und verkeilt lassen könnt. Die anderen flach auf den Rücken. Dann fahrt los.«

»Wir fahren, wenn Jack mit kann.«

»Sie fahren jetzt!« sagte ich. »Das ist ein Befehl. Ich bleib bei Jack. Das ist ein Versprechen.«

Ich machte mich an die Arbeit an Jack, während die anderen schleppten und meckerten und schlurften und kalte Luft hereinließen. »Kleine Klemmen, Ewald. Sehen Sie sich das an: am Hals entlang wie mit einer Rasierklinge. Eben an der Halsschlagader vorbei.« Ich flüsterte, summte, so gut für mich wie für Ewald, ich arbeitete und erklärte und hielt mich wach, hielt Vorlesungen, prasselnder Beifall von den oberen Rängen, triumphierend schwenkt Benny eine Kette Würstchen. 92»Knapp am Jugulum vorbei und dann mitten durch den Kappenmuskel.« Ich saugte Luft ein, schwankte, hielt mich fest. Schwindel; das Licht tanzte. »Mehr Tupfer. Also, Sir, das ist problematisch. Ja, Sir, das ging sehr tief. Tief, tief, tief, tief und sauber.« Nichts Gesprochenes, eine Beschwörung. Der Raum war leer; wir waren allein. Ein Motor rülpste, brüllte. Ewald sah grau und abgespannt aus. »Sie hätten wegfahren können.« – »Ich weiß«, sagte er. »Danke«, sagte ich. »Plasma hat er.« Ewald wickelte Schläuche auf. Ich schnippelte und verstaute. »Werfen Sie noch Holz aufs Feuer«, sagte ich. »Vielleicht haben wir eine Chance zu schlafen. Machen Sie eine Ration auf. Fröhliches Erntedankfest oder Weihnachten, irgendwo dazwischen sind wir. Ich bin jetzt betrunken oder hätte gern was zu trinken. Ein Glas Whiskey und eine Zigarette, und dann mit all den alten Kumpels in der Pinte am Dartboard …«

Die Tür flog auf. Ich hielt mitten in der Naht an, um mich über den Zug zu beklagen, und glaubte anfangs, ich spräche mit einem Koreaner, einem Soldaten, vielleicht einem Diener, einem Chauffeur, der Ewald und mich holen sollte, bis ich den roten Stern sah, unversöhnlich feindselige Blicke und die riesige runde Mündung einer automatischen Waffe, und begriff, daß ich mich einem chinesischen Soldaten gegenüber befand. Der Schreck lähmte mich, es war nicht Angst, sondern ein einfacher, primitiver Schock: Über Tausende von Meilen und Tausende von Jahren, über Länder und Meere, Sprachen und Schriften, Mongolenfalten und Beschneidungen, Stäbchen und Gabeln, Hungersnöte und Pinsky bedrohte dieser mongolische Krieger diesen jüdischen Arzt. »Die-foo«, sagte ich, das Mandarinwort für Arzt, und fügte einen Satz hinzu, den Lin mir beigebracht hatte, wörtlich heißt er: »Haben Sie schon gegessen«, aber er ist nur eine vornehme Redewendung für Hallo, guten Tag. Die chinesischen Augen weiteten sich kurz; der Mann gab Zeichen, und zwei weitere traten ein, die einen dritten trugen. Ewald wurde an die Wand neben dem Kamin gedrängt, sein Gesicht war verzerrt, als ob er gleich fauchen würde, ein gelber Kater unter Klapperschlangen. »Ewald, kommen Sie her«, sagte ich fest. »Stellen Sie sich hier an den 93Tisch und seien Sie Sanitäter.« Ich zeigte auf Ewald und sagte wieder: »Die-foo.«

»Die-foo«, sagte der Chinese, und dann eine ganze Kette von weiteren Lauten. Ich schüttelte den Kopf. Weitere Silben. Ich schüttelte wieder den Kopf und arbeitete weiter an meinen Nähten. »Die-foo«, sagte der Chinese dringender. Er wies auf seinen verwundeten Kameraden, der immer noch zwischen den zwei Soldaten hing; ein Offizier, ahnte ich. Ewald kam an den Tisch und stand mir gegenüber, steif. Ich nickte dem Chinesen zu. »Sie sind der nächste«, sagte beziehungsweise keuchte ich und merkte, daß ich seit der Unterbrechung kaum geatmet hatte. Ich zeigte auf Jack, der halb vernäht war. Der Chinese sprach kurz. Ich machte eine Bewegung mit der Hand: »Lassen Sie mich fertigmachen, Sie kommen gleich dran.« Der Chinese setzte die Mündung seiner Automatik an Jacks Kopf und gab einen kurzen, donnernden Feuerstoß ab. Jacks Kopf spritzte auseinander, zum Teil auf mich, aber das meiste prasselte an die Wand. Der Chinese schob Jack vom Tisch und gab Befehle. Seine Männer brachten mir ihren Patienten. »Die-foo«, sagte der Chinese und drängte mich zur Arbeit, indem er mich höflich knuffte. Ich öffnete die wattierte Jacke des Patienten. Der Chinese sagte etwas, und seine Soldaten traten näher, um zu assistieren. Ewalds Gesicht war eine Maske, ganz elementar: Haß und Entsetzen, eine Maske gegen Schlangen, Blitze, unerwartete böse Götter. Ich gab den Soldaten Zeichen, sie sollten ihn ein bißchen herumrollen. Ein Schuß oder vielleicht zwei: Eintritt von vorn, eben unterhalb der sechsten Rippe, vielleicht hatte er die Milz noch erwischt, vielleicht auch nicht, die Lunge hatte er anscheinend verfehlt, woher soll man das wissen – »Ewald, Plasma« -, dann durch das Zwerchfell und beim Austreten ein riesiges Loch. – »Plasma, Ewald!« – Austritt hinten eben unterhalb der neunten Rippe. Doktor Beer wird den hier kraft seiner Persönlichkeit durchbringen. »Ewald! Wir haben einen schwer verwundeten Mann auf dem Tisch.«

»Einen schwer …« Ewald rollte wütend die Augen.

»Ewald. Plasma. Das ist ein Befehl. Bewegen Sie sich.«

Er lehnte sich vor und sprach hastig, ein Sprühregen von 94Speichel traf mich. »Für diese Hurensöhne? Die unsere Jungs von hinten in den Kopf schießen? Ich bring Sie um. Sie als ersten!«

»Sie spucken auf den Patienten«, sagte ich. »Jetzt hören Sie zu.«

»In der Ecke stehen ein paar Gewehre«, murmelte er schnell. »Ich geh unauffällig hin und verdeck sie. Und wenn ich da bin, holen Sie sich die MP!« Er war im Wilden Westen, hinterm Pecos.

»Plasma«, sagte ich. »Ich brauche es jetzt!« Ich lehnte mich vor und gab ihm eine Ohrfeige, so stark ich konnte, ich erwischte Backe und Schläfe. Er stolperte seitwärts und wäre fast gefallen; er fing sich und schnappte mit einem Schluchzer nach Luft, starrte mich an, hob beide Hände, zu Krallen gekrümmt. Die Mündung der MP zuckte. »Sie erregen Aufmerksamkeit«, sagte ich. »Plasma. Jetzt.«

Der Chinese – Offizier? Unteroffizier, nahm ich an – nickte, ausdruckslos, aber zustimmend, teilnahmslos, aber wachsam. Ewald präparierte das Plasma. Ich putzte und schnippelte. Ich sah wieder meinen Aufpasser an und traf auf einen stumpfen Blick und die Andeutung eines Nickens. Ich konzentrierte mich: Der Mann hier starb besser nicht. Nein, er würde diesmal durchkommen. »Ewald«, sagte ich, »das hier paßt Ihnen nicht. Sie verstehen das nicht.«

»Ich verstehe schon. Sie sind ein Feigling.«

»Ja, das trifft es wohl.« Mein Patient rührte sich. »Irgendwo in Washington hockt der Mann, der entschieden hat, daß ich nach Korea müßte. Es war ein Fehler. Irgendein Beamter. Ich hatte meine Assistenzzeit noch nicht gemacht, und solche nahmen sie sonst nicht. Nur mich. Und wir kamen nicht gegen diese gottverdammte Maschinerie an. Wenn dieser Beamte jetzt hier auf dem Tisch läge, würde ich für ihn genau das gleiche tun. Verstehen Sie?«

»Nein, halten Sie den Mund! Wenn wir hier lebend rauskommen …«

»Wenn wir hier lebend rauskommen, haben Sie einen Offizier bedroht. Außerdem haben Sie zugelassen, daß gegen 95meinen strikten Befehl Waffen in der Ambulanz stehen. Und Sie …«

»Ich?« Er ballte die Fäuste. »Ich hab nichts damit zu tun. Hören Sie bloß damit auf, Lieutenant.«

»Vorsicht jetzt. Der Mann kommt zu sich.«

Ich nähte zu Ende. Wie sagte man »provisorisch« auf chinesisch? Sie werden es sich denken.

»Okay«, sagte ich.

»Okay«, sagte der Unteroffizier. Er sprach mit den beiden Männern, die den Patienten zudeckten. Dann ging er durch den Raum und machte eine Bestandsaufnahme. Er hängte sich die MP um und sprach; offensichtlich warnte er uns davor, Dummheiten zu machen. »Machen Sie keine Dummheiten«, sagte ich zu Ewald.

»Eines Tages«, sagte Ewald, »ich hoffe, daß ich es erlebe!«

»Man kann es nicht allen recht machen«, sagte ich.

Der Unteroffizier bot mir eine Zigarette an. Ich nahm sie. Er nahm ebenfalls eine, dann zündete er ein Streichholz für uns beide an. Verächtlich zog Ewald ein Päckchen amerikanischer Zigaretten aus der Hemdtasche: demonstrativ zündete er sich eine an. Ich hätte fast gekichert. »Gut!« sagte er.

Ich nickte eifrig. »Aber sicher doch! So was schlägt natürlich dieses verdammte kommunistische Kraut.« Ich hob die Zigarette und lächelte dem Unteroffizier mit einer Grimasse Dank zu. Er zeigte auf Ewald und klopfte an seine MP und brachte seine Frage durch Blicke zum Ausdruck. »Lieber Himmel, nein«, sagte ich und schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn nach Offiziersart. »Nein, nein, nein.« Er lächelte. Er war belustigt und verständnisvoll.

Er ging zum Funkgerät und betätigte es, zu Ewalds Verblüffung. Und auch mir schien das unbegreiflich: Wie konnte ein amerikanisches Funkgerät chinesisch sprechen? Mir fiel ein, wie ich das erste Mal einem Neger begegnet war, der nur Französisch sprach: wie unpassend! Meine eigenen Onkels: Die Schwarzen sind Amerikaner, vergiß das nicht, so gut wie jeder andere! Wie lange schon ohne Schlaf? Vierzig Stunden? »He«, sagte ich. Der Unteroffizier winkte mir, still zu sein. Als er sein 96Gespräch beendet hatte, wandte er sich mir zu. Ich zeigte auf meinen Tornister und machte Eßbewegungen. Zeigte auf meine Armbanduhr und deutete mehrere Kreise an. Er nickte, nahm aber seine MP ab, während ich kramte. Seine Männer brachten die amerikanischen Waffen hinaus und einen Teil vom Plasma. Während ich aß, wanderte ich zwischen unseren Vorräten herum und stellte zusammen, was man in zwei Tornistern unterbringen konnte, und gab Zeichen und sagte: »Die-foo, Die-foo, Die-foo. Ewald, wo immer wir landen, wir werden dieses Zeug brauchen. Helfen Sie mir jetzt; Ihren Wutanfall können Sie auf später verschieben.« Der Patient stöhnte und bewegte sich. Ich sah nach ihm und beruhigte den Unteroffizier.

Ein Fahrzeug fuhr auf den Hof, Stimmen und Ladegeräusche; dann traten vier Männer ein, suchten alles gründlich ab, schwatzten mit dem Unteroffizier, brachten den verwundeten Offizier fort. Der Unteroffizier übergab Ewald mit seinem bis zum Platzen gefüllten Tornister der Obhut eines Soldaten und ging dann neben mir zur Tür. Er wirkte nachdenklich und nicht rätselhaft. An der Tür hielt er mich zurück und setzte mir die Mündung seiner MP an die Kehle. Ich versuchte in seinen Augen zu lesen, aber es gelang mir nicht, und das Bewußtsein des bevorstehenden Todes durchfuhr mich wie ein elektrischer Schlag; meine Knie wurden weich. Der Chinese faßte mir ins Hemd und riß mir die Hundemarken ab. Ich fühlte einen alten Schmerz, einen magischen Katzenjammer, universelles Déja-vu, alles, immer.

Draußen im Dunkeln stolperte ich und sackte zusammen. Ich machte ein Zeichen für Schlafen, und sie ließen mich auf dem Fußboden des Lastwagens liegen. Ich fror. Ich entdeckte einen Stapel unserer eigenen Decken und wickelte mich in eine und sagte: »Die-foo«, und die Chinesen lachten alle.

97

6

»Parsons.« Benny sprach den Namen langsam. Es war ein Traum oder eine Sinnestäuschung. Das Schiff holte über, und Benny schien zu gleiten.

»Sie erinnern sich an mich.« Parsons stand auf, um ihm die Hand zu schütteln. »Wie fühlen Sie sich?«

»Seekrank«, sagte Benny. »Aber …« – er öffnete beide Hände – »ich bin lieber seekrank als …«

»Das kann ich mir denken. Setzen Sie sich.«

Benny betrachtete den Metallstuhl. »Er ist am Boden festgeschraubt!«

»Ja.«

Benny setzte sich. »Sie? Wie kommt das …?«

»Ich hab um Sie gebeten.« Parsons lächelte. »Alte Freundschaft und so.« Der Tisch zwischen ihnen war rund und mit grünem Flanell überzogen. »Hab einfach Ihren Namen von der einen Liste weg auf eine andere gesetzt.« Parsons setzte sich auch wieder, und sie rutschten hin und her und suchten die richtige Stellung wie zwei Kartenspieler. Parsons stöberte kurz in einem Aktenordner. »Sie sind körperlich gesund. Das freut mich.«

Es war ein ziemlich großer Raum, vielleicht eine Offiziersmesse oder ein Salon. Sie waren allein darin.

»Es ist hübsch an Deck«, sagte Benny, »mit Sonnenschein und dem Meer.«

»Mal was anderes. Sie haben also tatsächlich Medizin studiert.«

»Fast wünschte ich, ich hätte es nicht getan.« Bullaugen. Teilweise hölzerne Verkleidungen, dunkel. Glänzende Schrauben. Tische und Regale mit Scharnieren an der Wand befestigt. Am Schott.

»Wissen Sie«, sagte Parsons, »wir haben ein ungeheures Problem zu lösen.«

Ein Phrasendrescher. Er meinte nicht Ewald, das wußte 98Benny. Alle Probleme waren ungeheuer. »Ich glaub es gern.« Keine Ratten. Keine Läuse. So antiseptisch!

»Wir haben neun solche Transporte, und alle haben dieselbe Aufgabe. Wir sammeln nur Informationen, wissen Sie.«

Ernst. Ernst Parsons, wie in einem alten Schauspiel. Wie war sein Vorname wirklich?

»Wenn ich helfen kann«, sagte Benny. Er rülpste leise. »Entschuldigung. Muß mich erst wieder an die Ernährung gewöhnen. Sie glauben ja nicht, welche tropischen Unwetter ein bißchen Mineralwasser hervorbringen kann.« Das Schiff rollte sanft, träge; er blinzelte und atmete tief ein.

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« Der ferne Klang: Parsons. Parsons trug silberne Eichenblätter.

»Alles in Ordnung. Ich bin braungebrannt und nehme zu.«

»Sie waren auf 68 Kilo herunter.«

»Von 93. Ich werde sie wiederkriegen.«

»Ja. Eine hübsch langsame Reise, und soviel essen, wie Sie können.«

»Und Whisky in der Offiziersmesse.«

»Lassen Sie es langsam angehen«, sagte Parsons. »Sie müssen sich erst wieder an alles gewöhnen. Sie kommen aus einem streng geregelten Leben, wo jede Entscheidung für Sie getroffen wurde und Sie keine Möglichkeiten zur Wahl und keine Alternativen hatten.«

»Entscheidungen?« sagte Benny. »Möglichkeiten zur Wahl? Ach, Colonel, jede Minute jeden Tages.«

Parsons überlegte, spitzte den Mund, schnalzte. »Vielleicht.«

»Sie sind älter geworden«, sagte Benny. »Sie haben Haare verloren.«

Parsons lächelte traurig. »Ich bin vierzig.«

»Und ein Light Colonel. Beim nächsten Mal sind Sie General.«

»Sie sind auch älter«, sagte Parsons.

»Mehrere Jahrzehnte älter«, sagte Benny. Außerhalb des Bullauges blauer Himmel, eine endlose, schräge See.

»Nennen Sie mich doch bitte Alex«, sagte Parsons. »Wir sind alte Freunde.«

99

»Alex.« Benny war einverstanden. »Gut. Waffengefährten.«

»Das sind wir«, sagte Parsons. »Benny: niemand hier ist Ihr Feind, aber ich muß Sie an Artikel 31 des Militärgesetzes erinnern. Sie können die Beantwortung jeder Frage ablehnen, wenn Sie das Gefühl haben, daß die Antwort Sie belasten oder herabsetzen könnte. Aber alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.«

100

7

In dem schneidend weißen Morgenlicht stießen sie uns vom Lkw und in einen Tempel. Ewalds Gesicht war wächsern, gelblich, eisig, starr. Wir hatten kein Feuer und jetzt auch keine Decken mehr. Wir: ein Dutzend oder so. Ewald entfernte sich von mir und rollte sich auf dem Boden zusammen. Ich ging hinter ihm her. »Bleiben Sie in meiner Nähe, Corporal. Ich werde den Tornister brauchen.« Er antwortete nicht. Männer regten sich. Ich identifizierte mich und fragte, wer Hilfe brauchte. »Er da«, sagten sie und deuteten auf einen großen Neger.

»Bewußtlos? Oder schläft er?«

»Bewußtlos. Vielleicht tot.«

»Helft mir mal. Dreht ihn um, vorsichtig.«

O ja. Böse. Geschoß im Rücken, neben dem ersten Lendenwirbel, schräg hineingefetzt, immer noch drin. Nerven, vielleicht. Niere, vielleicht. Ein Durcheinander. Wenig Blut. Die Hundemarken: Howard, Charles Arthur. Protestant. Blutgruppe Null. Fieber: kaum. Atmung: ebenfalls. Eine Schwellung. »Dreht ihn wieder zurück.« Blase voll. Ich drückte vorsichtig. Teufel. Ich öffnete den Tornister. Katheter, Schmierfett, Spritze, Aderklemme. Ich zog einen Kubikzentimeter Wasser in die Spritze. Ich mußte ruhig bleiben, durfte nicht zittern, nicht lästern, nicht selbstmörderisch verfahren. Aber eine kleine schwarze Leere entstand genau in meinem Zentrum. Ich nahm seinen Penis in die Hand und führte den Katheter ein, bis ganz hinauf. (Kapiert? Ein Tag bei unseren Jungs im Felde. Penibel, könnte man sagen.) Der lange Tubus reichte bis in seine Blase, und am inneren Ende gab es einen winzigen Ballon mit separatem Zugangsschlauch, und für den war der Kubikzentimeter Wasser: Ich spritzte ihn in die dünne Röhre und füllte den Ballon, der dann am Blasenausgang saß, so daß der Katheter nicht herausrutschen konnte. Derweilen entwässerte der arme Kerl in mein Kochgeschirr. 700 ccm, schätzte ich. Old 101Doktor Beer, Knochenhauer und Wasserzieher. Der alte Drugstore-Witz: Machen Sie auch Urinuntersuchungen? Ja. Dann waschen Sie sich die Hände und machen Sie mir ein Schinkensandwich. Ich glaube, inzwischen hatte ich Tränen in den Augen. Aber kein Blut im Urin. Gott sei Dank für diese mindeste seiner Gnaden. Natürlich nicht verantwortlich für Schmutz und Schmerzen. Als der Fluß nachließ, klemmte ich den Tubus ab. Schock. Er brauchte Plasma. »Ist er zwischendurch bei Bewußtsein gewesen?« – »Er stöhnt.« – »Paßt auf ihn auf. Wenn er aufwacht, gebt ihm soviel Wasser zu trinken, wie er halten kann.«

»Man soll Verwundeten kein Wasser geben.«

»Vielen Dank«, sagte ich. »Geben Sie ihm zu trinken.« Ich hatte eine beachtliche Zuhörerschaft, es gab Witzeleien. Das immer neue Asien. Kommen Sie zur Armee! Melden Sie sich freiwillig. Ich hielt das Kochgeschirr hoch. »Bring das mal einer weg.« Eine Hand nahm es. »Wer hat hier das Kommando?«

»Ich.« Ein Sergeant, südliche Töne. »Trezevant. Erstes Regiment, vierundzwanzigste.« Groß und schwarz.

»Vergessen Sie's. Name, Rang, Dienstnummer, Geburtsdatum. Wenn wir marschieren müssen, brauchen wir eine Trage für diesen Mann. Stellen Sie vier Mann ab, die ihn tragen, zwei und zwei abwechselnd. Ich werde ihn kennzeichnen. Sonst noch jemand?«

»Schnittwunden und Quetschungen. Eine zerschmetterte Schulter.«

»Ich seh sie mir an. Wollen Sie die Nahrungsmittel zusammenwerfen? Zu gleichen Teilen ausgeben?«

»Später«, sagte der Sergeant. »Lassen wir sie schlafen.«

»Gibt es heißes Wasser?«

»Nichts.«

»Hier ist Ihr Kochgeschirr«, sagte jemand.

Ich spülte es aus und scheuerte es mit schmutzigem Schnee. »Ewald. Wir müssen dem Mann hier Plasma geben.«

»Was denn«, sagte er, »hier und jetzt?«

»Hier und jetzt. Der Mann erlebt vielleicht kein dort und dann.«

102

Später erstarrten wir in Schweigen. Ich aß einen Riegel Schokolade, trank Wasser, rauchte. Dann lehnte ich mich gegen die Steinwand des Gotteshauses und döste. Besuchen Sie den Gottesdienst Ihrer Wahl. Mir fiel ein, daß ich vielleicht bald sterben würde. Oder schon tot war. Die tibetanische Hölle war ein riesiger See voller Eis, in dem die Verdammten bis zum Hals begraben standen und »ha-ha« schrien. Der Lebensfunke: eine treffende Bezeichnung, und du weißt gar nicht, wie treffend, bis das Feuer heruntergebrannt ist. Ich zog meine Uhr auf.

Später waren es gut dreißig in dem Tempel, und ich hatte mehrere kleine Näharbeiten verrichtet. Einer der Neuankömmlinge war ein Major. »Kinsella«, machte er sich bekannt. »Halten Sie die Männer in Form.« Er war ein kurzer, zäher, dunkelhaariger Mann, energisch, sicher ein Frühaufsteher; er erinnerte mich an Prärie-Colleges, bereifte Stoppelfelder und Hühnerjagd. Er hielt eine Rede: »Sie bekommen Ihre Anweisungen von mir. Alle Probleme besprechen Sie mit mir. Erhalten Sie die Disziplin aufrecht, und beachten Sie die Dienstränge.« Keiner spendete Beifall. Er stand straff, ärgerlich da. »Sie werden genau tun, was ich Ihnen sage«, sagte er und setzte sich dann neben mich. »Wir brauchen eine Tragbahre«, sagte ich. »Richtig«, antwortete er und sprang auf und ging zur Tür und rief nach einem Posten. Dieser kleine Tyrann. Ich mußte fast lächeln. Kinsella gab Anweisungen, machte Zeichen. Der Posten starrte ihn ausdruckslos an und ging fort. Er kam mit einem Offizier zurück, und Kinsella fing von vorn an. Der Offizier sprach englisch, und ich ging zu ihnen. Als gerade keiner sprach, sagte ich meine einzige chinesische Redewendung, und der Offizier grunzte. »Wir haben einen Mann, der schwer verwundet und ohne Bewußtsein ist«, sagte ich. »Wenn Sie uns eine Tragbahre geben, können wir ihn tragen.«

»Wir haben keine Bahren.«

»Zwei Stangen und eine Decke.«

»Wer sind Sie?«

»Die-foo.«

»Mitkommen.«

103

»Die Tragbahre.«

»Ja. Tragbahre. Mitkommen.«

Kinsella nickte. Ich nahm meinen Tornister auf und folgte dem Offizier. Der Tempel war von Posten umstellt. Wir gingen mit knirschenden Schritten einen gefrorenen Hügel zu einem hölzernen Bau hinauf – Wohnungen der Mönche? – und hinein. Ich behandelte vier Chinesen; kleinere Fleischwunden, eine gequetschte Hand; ich verband neu, genoß die Wärme und nahm eine Zigarette an. Und eine Schale mit warmem Getreidebrei. Ick kannte es nicht, nahm aber an, daß es Hirse wäre. Ein kleiner Becher – Becher? Eine kleine Porzellantasse! – Tee. Der Offizier geleitete mich zurück zum Tempel. Der Himmel über uns war tot, farblos.

Bald darauf kamen zwei Männer mit der improvisierten Trage. Der Offizier folgte ihnen und teilte uns mit, daß wir uns zum Abmarsch fertigmachen sollten. »Drei Minuten«, sagte er. Kinsella trat vor und hielt wieder eine Rede. »Wir brechen in drei Minuten auf«, schloß er. »Nehmen Sie alles mit, was Sie besitzen und bleiben Sie zusammen. Um Zurückbleibende können wir uns nicht kümmern.«

»Den Teufel werden wir tun«, sagte ich. »Wenn ein Mann zurückbleibt, werden Sie ihn aufladen und tragen.«

»Lieutenant!« sagte Kinsella wütend. »Es ist meine Aufgabe, soviel Männer wie möglich zu retten.«

»Major«, sagte ich, »meine Aufgabe ist es, sie alle zu retten.«

 

Wir marschierten auf einer offenen Landstraße nordwärts, und ich ließ mich am Zug entlang auf und ab treiben. Die Männer waren müde und hungrig. Jetzt fürchteten sie unsere eigenen Flugzeuge. Manche hatten Blut verloren, aber das Gefühl, völlig verloren zu sein, trat erst auf, als es schneite. Es begann am Nachmittag, schwere, nasse, träge Flocken, große feuchte Federn aus Schnee; innerhalb einer halben Stunde war das Land weiß, und ich konnte vom Schluß aus die Spitze nicht mehr sehen. Ich war steif, und mir tat immer noch alles weh, aber das Laufen wärmte mich. Trezevant schlurfte neben Howards Trage her. Ich besuchte meinen Patienten alle Viertelstunde. 104Der Mann würde sicher sterben, aber bis dahin war noch Zeit. Kinsella bewegte sich auch zwischen den anderen hin und her, er marschierte forsch auf seinen kurzen Beinen, fordernd, bittend, fluchend; an der Spitze brüllte er die Wachen an: »Pause! Pause! Wir brauchen eine Pause!«

Niemand antwortete.

Howards Träger wechselten sich ab. »Ich wollte, der Hurensohn beeilte sich mit dem Sterben.« Unsere Jungs. Ich nahm Trezevants Platz ein und wischte Howard den Schnee ab. Er brauchte Hilfe. Er brauchte ein Krankenhaus und einen Chirurgen und Heizung und intravenöse Ernährung. Wir marschierten. Die Dämmerung fiel herein, aber wir marschierten. Die Posten marschierten. Männer aus Eisen. Jeep-ähnliche Fahrzeuge näherten sich, hielten, fuhren weiter. Vier hintereinander kamen von Norden, ihre Lichter bohrten sich durch den Schnee, und sie verschwanden im Süden. Kinsella wurde undeutlich in der grauen Dämmerung sichtbar. »Zwei Männer am Boden!« brüllte er. »Kommen Sie.« Ich lief zurück. Am Ende des Zuges stützten zwei Männer zwei andere. »Krampf!« rief einer. »Die Beine sind völlig verkrampft!«

»Legt sie hin und reibt ihnen die Beine.«

»Die Posten lassen uns nicht. Mich haben sie gepiekt.«

»Dann bleibt am Laufen.« In Wind und wirbelndem Schnee klangen unsere Stimmen weich und gespenstisch.

»Ich schicke Ablösung«, rief Kinsella. »Schleift sie einfach mit. Diese Schurken müssen ja irgendwann mal anhalten!« Zu mir sagte er: »Schon gut, schon gut, wir tun ja, was wir können. Gottverdammter Schnee!«

Wir drehten uns um, um weiterzumarschieren, und hätten fast die Trage neben der Straße übersehen.

»Verdammt noch mal!« schrie Kinsella. »Helfen Sie mir. Ich werde denen die Ärsche versohlen!«

Wir beugten uns über Howard. Sein Puls war schwach. »Er lebt«, sagte ich, und dann traf mich ein Stoß in die Seite, daß mir die Luft wegblieb, und ich rutschte auf dem Gesicht durch den Schnee. Ich rollte herum, spie aus und hockte noch da und spähte durch die Finsternis. Der Posten spie auch, auf mich. 105»Die-foo!« brüllte ich. »Die-foo!« Der Posten zögerte. Ich stand auf und nahm das hintere Ende der Trage; Kinsella und ich hoben an und torkelten vorwärts. »Der Hurensohn hat mich getreten«, keuchte ich. Ich fing an zu weinen. Kinsella setzte sich in Trab; ich schluckte und hielt Schritt. Wir fanden Trezevant. »Ich brauche Träger«, sagte ich zu ihm. »Die guten. Nicht die anderen zwei.« Männer nahmen die Trage auf. Ich wischte mir den Schnee aus dem Gesicht und holte tief Luft.

Kinsella und ich stapften miteinander weiter. Immer wieder hob er die Hand, und sein Daumen suchte den Riemen eines verschwundenen Karabiners. Später stöhnte er und sagte: »Es hilft nichts. Ich muß hinten kontrollieren. Wenn sie uns umbringen wollen, warum erschießen sie uns nicht einfach?«

»Keine Ahnung. Wenn Sie mich brauchen, sagen Sie Bescheid.«

Kinsella kniff die Augen zusammen. »Sie sehen schlimm aus.«

Ich versuchte zu lächeln, was nicht gelang. »Kein Schlaf. Überarbeitet. Ich brauch einen Arzt.«

 

Zwei Stunden später wurden wir in einen dunklen, verschneiten Hof mitten in einem dunklen, verschneiten Dorf getrieben. Die Männer fielen um, wo sie standen, und ein großes Stöhnen stieg auf, ein allgemeiner Schrei um Ruhe und Frieden, und dann war Stille bis auf das Schluchzen. Kinsella rief: »Massiert diese Männer! Morgen ist noch ein Tag. Nehmt die Trage aus dem Schnee. Irgendwohin. An die Wand.«

»Legt die Decke über ihn«, sagte ich.

»Wo ist dieser Offizier?« Kinsella stürmte davon.

»Trezevant«, sagte ich, »holen Sie die beiden Männer her.«

Er zögerte. »Wir sind alle in schlechter Verfassung.«

»Holen Sie sie her.«

Er suchte sie und brachte sie zu mir. Wir konnten alle hören, wie Kinsella tobte und blubberte. Ich besah mir die beiden Männer. Es waren Jungen. Sie standen störrisch da, und Schnee fiel auf sie herab; die Flocken glitten aus der schwarzen Nacht ins schwache Licht der Fackeln. »Wir glaubten, er wäre 106tot«, murmelte der eine. Ich schwankte, riß mich aber noch mal zusammen, stand mit gespreizten Beinen da und war einen Augenblick ekelhaft und beinahe begeistert wieder Corporal. »Nehmen Sie die Helme ab!« Sie glotzten. »Nehmen Sie die Helme ab!« Langsam fummelten sie sich die Helme vom Kopf. Schnee setzte sich weiß auf ihren Bürstenschnitt. Sie waren kleiner als ich, aber ich schlug sie beide, einmal, hart. »Das ist alles!« Ich kam mir albern vor.

Einer von ihnen sagte: »Das war ein Schnellgericht.«

»Vergessen Sie das nicht«, sagte ich.

Sie gingen. Trezevant sagte: »Er wird sowieso sterben.«

»Das werden wir alle. Aber der Zäheste als letzter. Ich hab das nicht für Howard getan. Ich hab es für sie getan.«

Kinsella kam und sagte: »Sie geben uns einen Kessel heißes Wasser, das ist alles. Kein Feuer. Wir sind dreiunddreißig. Trezevant, das heiße Wasser ist zum Trinken da, oder für Tee oder Kaffee, wenn jemand noch so was hat. Wenn einer gar nichts mehr zu essen hat, besorgen Sie ihm etwas, einige müssen noch was in der Tasche haben.«

»Wir sollten die Nahrungsmittel zusammenschmeißen«, sagte ich.

»Und wer trägt sie dann Lieutenant? Nein, soll jeder seins behalten und bei jedem Stopp teilen.«

 

Wir aßen etwas an jenem Abend und schliefen dann im Schnee, wobei die Männer sich wieder umarmten; am Morgen waren zwei tot, jeder mit einem lebenden und entsetzten Liebhaber. »Nicht erfroren«, sagte ich. »Kälte und Erschöpfung.«

»Man wird es mir vorwerfen«, sagte Kinsella.

»Mir auch.« Ich erleichterte mich, und Howard auch. Dann wurde wieder marschiert, ohne die Wohltat von heißem Wasser. Ich sah Männer weinen. Es schneite immer noch. Mittags durften wir am Straßenrand eine Pause machen und essen; die Männer verteilten sich am Graben entlang und saßen da wie tot. Sie kauten langsam, mit herzerweichender Anstrengung. Um sechs noch einmal dasselbe, und damit waren die Nahrungsmittel so gut wie aufgebraucht. Ich schleppte mich die 107Reihe von kraftlosen Soldaten einmal hinauf und hinunter; keiner hatte noch die Energie, sich zu beklagen. Mein Kochgeschirr war leer; ich stopfte Schnee hinein, eine endlose Arbeit. Ewald war ein Gespenst, trug aber immer noch seinen Tornister; er war jetzt leichter, und meiner auch. Howard lag im Sterben. Ich saß neben ihm, hilflos. Kinsella saß neben mir. Es gab nichts zu sagen.

Als wir den Motor und das schwere Rasseln hörten, standen wir auf. »Von der Straße runter!« brüllte Kinsella. »Ganz runter!« Wir warteten in der Dunkelheit, bis ein riesiges, gedrungenes, erderschütterndes Vehikel vorbeigerumpelt war. »Eine Pershing!« sagte Kinsella außer sich. »Eine M-6«, sagte ich, »erbeutet.« – »Von uns oder von Tschiang Kai-scheck?« überlegte Kinsella. »Oder von einem General der Nationalisten gekauft.« – »Das ist Verrat«, sagte ich. Das Reden war nicht mehr einfach. »Zum Teufel mit Verrat«, sagte Kinsella. »Ich höre, es gab da einen lebhaften Handel. Warum müssen wir die Kriege der anderen ausfechten? Warum können die nichts anständig machen? Sie kämpfen überhaupt nicht, bis sie auf der Gegenseite stehen. Dann werden sie zu Soldaten. Woher wußten Sie, was das war? Waren Sie beim letzten Mal schon dabei?« – »Ja, in Deutschland«, antwortete ich. »Als Sanitäter?« – »Nein, bei der Infanterie. Corporal.« – »Ich war Lieutenant«, sagte Kinsella. »Neu-Guinea und Philippinen.« – »Und Trezevant?« – »Zu jung«, meinte Kinsella. »Ist der Mann hier tot?« – »Nein«, sagte ich, »aber es wird nicht mehr lange dauern.« Die Posten brüllten und stießen uns. »Auf geht's«, sagte Kinsella. »Wir werden noch welche verlieren.« – »Vielleicht«, antwortete ich. Ich wies zwei Männer an, Howard zu tragen, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Ich marschierte halb im Schlaf und behielt verschwommen Nachzügler im Auge. Unscharf, fast nicht zu sehen, erstreckte sich die Kolonne vor mir. Ein Wächter spähte, noch einer; sie atmeten weiße Federn.

Ich stolperte und hatte angefangen, mich verletzlich zu fühlen. Und ich kam mir mehrere tausend Jahre alt vor und war nicht mehr ein amerikanischer Soldat, sondern ein skythischer Gefangener. Dieser Zug war so alt wie die Berge, es hatte ihn 108immer gegeben; er war schon mit Steinäxten und später mit Speeren durch Eiszeiten gewandert. Diese Straße war von den Füßen von Sklaven ausgetreten. Ich war von Mongolen gefangengenommen worden, die Horde auf Horde, Meile auf Meile über die gefrorenen Steppen Zentralasiens ritten, wo der Horizont tausend Meilen entfernt war; die nur anhielten, um eine Vene im Hals ihres Reittiers anzustechen und eine Mahlzeit zu trinken, wonach sie die Wunde mit Lehm verschlossen und weiterritten; ihre Schatten trabten neben mir, ihr blutdürstiges Jip-jip-jip schwamm durch die eisige Luft. Berge, die endlose kahle Steppe, gefrorene Flüsse, die zu überqueren waren. Ich schauderte. Ich war ein Gefangener in einem grausamen Land, einem Land der Tiger und Schneeleoparden und Mongolenaugen, Gefangener vielleicht fürs ganze Leben. Sklaverei. Würden sie mich blenden? Kastrieren? Es gab keine Polizei, die man rufen konnte, keine Staatsmänner, bei denen man Protest anmelden konnte. Keine Herolde im Wappenrock, keine Gesandten in seidenen Kniehosen. Nichts. Am Anfang war die Leere. Nur die eiserne Kälte und der wirbelnde Schnee, die harten, gleichgültigen Posten und die marschierende Kolonne und die endlose Nacht. Die Tränen kamen wieder. Ich knirschte mit den Zähnen.

Ich bewegte mich schnell, als ein Mann weiter vorn stolperte und zur Seite fiel. Ich fragte mich, wie ich ihn in Nacht und Schnee überhaupt hatte sehen können. Ein anderer Gefangener war schneller gewesen und bückte sich über den Gestürzten. Ich lief, ihm zu helfen. Der Gebückte sah auf, drehte sich weg, verschwand in der Kolonne. Der am Boden Liegende schrie auf; seine Jacke war offen. »Meine Ration!« rief er. »Er hat meine Ration geklaut!« Die Wut verschlug mir den Atem, aber ich zerrte an dem Mann. Ich rief. Kinsella war da. »Wir müssen ihn aufstellen«, sagte er. »Ich kann nicht«, sagte der Mann. »Sie können!« sagte Kinsella. Ein Wächter rief scharf. Wir hievten den Mann hoch. »Gehen Sie!« befahl Kinsella. »Gehen Sie los!« Der Mann schluchzte, aber ging. Die weiße Kolonne bewegte sich weiter.

»Irgendein Hurensohn hat ihm seine Ration gestohlen«, sagte 109ich. »Einfach so, wie eine Katze.« – »Davon werden wir noch mehr zu sehen kriegen«, meinte Kinsella. »Richtig«, sagte ich. »Und wir werden noch mehr verlieren«, sagte Kinsella, »wenn wir nicht bald anhalten.« Wir bewegten uns Seite an Seite den Zug hinauf. Ein Gesicht drehte sich zu uns, deutlicher, weißäugig: »Lkws wollten sie schicken«, sagte der Mann. »Mit Lkws sollten wir herausgeholt werden.«

»Mund halten«, sagte Kinsella, »weitergehen.«

Eine Eule schrie durch die Schneenacht.

Eine halbe Stunde später hatte ich das Leben und sein Geheimnis begriffen: steif, verfroren, halb benebelt schleppte ich mich dahin, auf einer geraden Straße von der Geburt zum Tod, vom Nichts ins Nichts, und ich wußte jetzt, daß die ersten Menschen es richtig gemacht hatten und alle anderen seitdem nicht mehr: Dreißig, vierzig Jahre leben, ein paar Mammuts töten, essen, wenn man hungrig ist, schlafen, wenn man müde ist, vögeln, wenn man geil ist, Sonne und Mond anbeten und dankbar sterben. Ich überließ mich nicht Erinnerungen. Ich schloß die Augen gegen den unbarmherzigen Schnee und schob auf meinen letzten Ruheplatz zu, einen einsamen Graben, einen Haufen Laub, Tannennadeln. Die Schneeleoparden würden mich holen, bitte sehr.

Verwehte Rufe. Ich wachte auf, als Kinsella mich schüttelte. »Schnell!« Die Kolonne hatte angehalten; sie standen da wie Statuen, eine unschöne moderne Skulptur, eine Gruppe aus totem Holz und weißem Stein, Helden, eine Schneemaschine, und dann geht die Welt weiter zum nächsten Exponat. Ich stolperte hinter Kinsella her zu der verlassenen Tragbahre. Diesmal war Howard ein ganzes Stück von der Spur entfernt, und er war tot. Wir knieten im Schnee. Kinsella nahm ihm die Hundemarken ab. »Die Schuhe«, sagte ich. »Sonst noch was?« – »Nichts«, sagte Kinsella, »sie haben ihn schon ausgeplündert. Keine Uhr, keine Rationen, keine Lullen, nichts. Seine Kumpels.« – »Er ruhe in Frieden.« – »Amen.«

Wir kamen zu der Kolonne zurück. »Verdammt«, sagte er. »Man sollte sie auspeitschen.«

»Es sind tote Männer«, sagte ich.

110

»Nein, das sind sie nicht«, sagte er heftig, und ich sah ihn an einem anderen Tag, wenn die Sonne in seinen goldenen Blättern, Knöpfen, Orden blitzte; strahlende Augen, weiße Handschuhe, eine Kapelle spielt, der Major verzückt in strammer Haltung, straff, mit ausdruckslosem Blick, perfekten Reflexen, eisernem Kreuz, SS-Blitzen, Stahlzähnen; ein Mann wie alle Männer, von einer Frau geboren, von der Sonne geschmiedet, vom Regen gehärtet, von der Army geschliffen und von der Legende gemalt, mit blauen Augen, roten Backen, goldenen Eiern, und die Menge kniet. »Es sind Babys«, sagte er. »Sie sind einfach keine Soldaten.«

»Sie wollen gar keine sein.«

»Sie werden welche sein«, sagte er, »Gottverdammich!«

 

Sie fielen plärrend und stöhnend, sackten einfach auf den Lehmboden, drängten sich an den eisernen Öfen, zitterten, mühten sich im orangenen Dämmerlich. »Kranke und Verwundete ans Feuer!« Kinsellas Kasernenhoftenor beschämte sie alle. »Es ist eine Schule«, sagte ich zu Ewald. Er sagte nichts dazu, rückte aber auch nicht von mir ab, starrte mich nicht mal an. Im warmen Raum, aus der Kälte, dem Schnee, dem Wind heraus, wurde ich schläfrig. Ich lehnte mich an die hölzerne Wand und rutschte bald auf den Boden. Am Morgen sagte ich: »Es war keine Ohnmacht; ich bin einfach eingeschlafen wie ein Pferd.«

»Dann reiben Sie sich jetzt die Augen und denken Sie schnell«, sagte Kinsella. »Sie wollen mit uns reden. Wir haben jetzt zweiunddreißig Mann und zwei Offiziere. Einen Arzt, einen Sanitäter. Name, Rang, Dienstnummer und Geburtsdatum. – Mal herhören!« Die Männer wurden still; verschwommen sah ich sie, Vogelscheuchen, jetzt waren wir dran, Amerikaner, Stacheldraht und Balgerei um Reste. »Männer! Die Chinesen wollen Ihre Offiziere sehen. Vielleicht kommen wir nicht hierher zurück. Trezevant hat das Kommando. Halten Sie die Disziplin aufrecht, befolgen Sie Anordnungen. Sie bekommen Ihre Befehle von Trezevant, und Trezevant wird mit den Chinesen sprechen. Kümmern Sie sich um einander. Halten 111Sie sich sauber, Name, Rang, Dienstnummer und Geburtsdatum. Das ist alles. Viel Glück.« Wir gingen hinaus, in Begleitung; es war ein kalter klarer Morgen, Fußball, Schlittschuhlaufen, und dann salutierten wir vor einem chinesischen Offizier, der nickte und uns wegführte. Zwei Posten marschierten hinter uns, die Gewehre schräg vor dem Körper, mit aufgepflanzten Bajonetten; als ich mich nach ihnen umsah, knurrte der eine.

Wir waren in einem Dorf, und die Dorfbewohner waren herausgekommen, um die Monster zu sehen. Ich beneidete sie um ihre wattierten Röcke, die Pelzmützen. Tuchschuhe: warm? Segeltuchstiefel. Dunkle Augen, wie meine; die Gesichter waren sicher ausdruckslos, aber ich las Vorwurf in sie hinein. Schmerzen zuckten durch meine Schultern, den Rücken, die Schenkel; meine Waden zwickten. Drei Nächte und zwei Tage, und davor, Äonen davor, die Verbandstation. Wir gingen in der Mitte der Straße, zwischen den Reihen von schweigenden Zuschauern; keine Aufregung. Ich hätte gern hallo gesagt, genickt, die Hand gehoben. Am Rathaus – gelbe Ziegel, Elektrizität, ein Postamt von 1937 etwa – hielten wir an und wurden grob gefilzt, und die Menge murmelte zufrieden. Kinsella hielt sich steif und abweisend. Ich versuchte das auch zu tun, bemerkte aber immer wieder Einzelheiten: eine Mütze aus Fuchsfell, eine aus Otterfell; diese Zivilisten waren Koreaner (oder nicht? Wo war ich?), aber die Soldaten schienen alle Chinesen zu sein, oder war das nur die Uniform, und woran wollte ich das erkennen? In dem Haus sah ich Säcke, Jutesäcke, an der Wand lehnen, und auf dem Fußboden lagen Kohlenbällchen. Kohlenbällchen. Ich hatte so was noch nie gesehen. Ich war ein Großstadtjunge, und für Wärme sorgen betrunkene Hausmeister.

Jetzt würde es eine ganze Weile nichts mehr geben, was ich tun oder woran ich etwas ändern könnte. Ich stand in der Vorhalle eines Rathauses in Nordkorea und war zum erstenmal in meinem Leben ein freier Mann.

Wir wurden in ein Büro geführt und lernten den Boss kennen. Er schien Chinese zu sein, erstaunlich groß und bärenhaft, 112fast wie ich, nur glatter und gepflegter. »Guten Morgen«, sagte er. »Ich bin Ou-yang. Gegenstück zu Ihrem Lieutenant-Colonel. Ich habe die Militärakademie Whangpoa besucht und war 1944 in Amerika. Wer sind Sie?«

»Kinsella, John Peter, Major«, und er gab seine Nummer und sein Alter an: »28. Juni neunzehnfünfzehn.«

Die dunklen Augen hefteten sich auf mich; ich suchte einen Ansatzpunkt in ihnen, fand keinen. Ich gab die Daten an und setzte hinzu: »Ich bin Arzt, ein Die-foo.«

»Das brauchen sie ihm nicht zu sagen«, sagte Kinsella.

»Seien Sie kein Esel«, antwortete ich. Das war respektlos, aber ich war ein freier Mann. Zu dem Chinesen sagte ich, haben Sie schon gegessen, und setzte schnell hinzu: »Wir nämlich nicht. Wir brechen vor Hunger und Kälte und Erschöpfung zusammen.«

Ou-yang sagte etwas, und ein Posten ging fort. »Wieviel Chinesisch können Sie?«

»Das war alles«, sagte ich.

Kinsella sagte: »Wenn Sie so anfangen, steckt er Sie bald in die Tasche.«

»Kinderei«, sagte Ou-yang. »Ich habe viele hundert Gefangene und weiß nicht, wohin mit ihnen. Und keine Ärzte, also werden Sie gebraucht werden.«

Ich sagte ihm, daß ich auch Kranke und Verwundete und Sterbende hätte und Antiseptika, Verbandstoff und Instrumente brauchte.

Er stand auf, und ich war geschockt, beinahe beleidigt: er war größer als ich. Großer gepflegter Kopf, große runde Schultern. Ich sah ihn in Amerika, nach Worten suchend, plump und freundlos, gepanzert, ein schnelles leeres Lächeln, eine Kopfbewegung, kein Mädchen. Er sagte: »Ja, ja, Betäubungsmittel und Penicillin, und hinterher Rinderbouillon und Eis und Kunsthandwerk. Nutzen Sie, was Sie haben.«

»Das ist so gut wie verbraucht.«

»Meine eigenen Männer gehen vor.«

»Die Genfer …« begann Kinsella, und Ou-yang platzte los; darauf hatte er gewartet: »Sie haben sie nie unterzeichnet. Und 113wenn Sie sie unterzeichnet hätten, dann hätte das auch nichts zu sagen! Sie unterzeichnen alles, und dann töten Sie Kinder!«

»Wir töten keine Kinder!« sagte Kinsella ärgerlich.

»Ich habe Kranke und Verwundete«, sagte ich.

Der Posten kam mit einem Tablett zurück, und Ou-yang sagte: »Hier, bitte nehmen Sie, gekochte Hirse und sogar Tee. Tee ist ein Luxus in manchen Teilen Chinas, das wußten Sie wohl nicht. Aber schließlich, Offiziere …«

»Verpflegung steht uns zu«, sagte Kinsella rasch. »Es ist in Ordnung, Beer.«

»Richtig«, sagte ich.

 

Einstweilen würden wir unsere Männer selbst befehligen. Wir sollten morgens und abends Hirse und kochendes Wasser bekommen; eine Abordnung unter Bewachung sollte sie jeweils holen und bringen. Nur den einen Eisenofen konnte man uns geben, aber Feuerholz gab es im Überfluß. Von Zeit zu Zeit konnten die Männer auf Aufforderung zu sechst oder weniger herauskommen, um Freiübungen zu machen. Die Latrine war im Freien, absolut öffentlich; Ou-yang zeigte nur müde Verachtung bei Kinsellas Beschwerde. Bis zur Verlegung in ein ständiges Lager mußten wir ohne weitere Hilfe überleben. Wann würde das sein? Das weiß niemand. Würde es in Korea oder der Mandschurei liegen? Das weiß niemand. »Aber ich nehme an, es wird Korea sein. China ist nicht im Krieg.«

Kinsella schnaubte. Ich war schwindlig und schlürfte laut meinen Tee. Ou-yang ließ sich weiter über ihre Grenzen und ihren Luftraum und ihre Energie durch Wasserkraft aus. Kinsella begehrte auf, und Ou-yang hieß ihn schweigen. Er sagte mir, daß ich seine Männer im Notfall auch behandeln müsse, und ich sagte okay. Ich schwebte ein bißchen, hin und her.

»Das werden Sie nicht!« sagte Kinsella.

»Ich habe keine Wahl.«

»Sie sind nicht verpflichtet …«

»Ein früherer Eid«, sagte ich verträumt, schwimmend, schwankend. »Glauben Sie mir. Ich habe keine Wahl.«

»Sie arbeiten für den Feind!«

114

»Ärzte haben keine Feinde, außer vor Gericht«, sagte ich, wieder schwindlig. Was für eine Posse: Ein Ire, ein Chinese und ein Jude, also die gehen eine Straße runter, in Korea, und einer von ihnen sagt – ich lebe noch. Ich lebe noch! Der Raum wirbelte um mich, und ich mit, heiter, großartig, königlich, und Ou-yang fing die Teetasse auf, während Kinsella mich auffing. Schmach und Schande. Ein erwachsener Mann. Er sagte, ich hätte dagelegen und gelächelt.

115

8

Diesmal saß noch ein anderer Offizier bei Parsons. Es war auch ein anderer Tag. Neuer Tag, neues Unglück, sagte Benny zu sich selbst. Er hatte gut geschlafen, aber von Howard geträumt, der von den Toten auferstand und wandelte. »Sie sehen jeden Tag besser aus«, sagte Parsons. Alex.

»Danke«, sagte Benny. »Es ist ein gesundes Leben. Die Helfer sind höflich und tüchtig.«

Parsons lächelte, nicht höflich, sondern als machte es ihm wirklich Freude, wie einer etwa sagte, ich mag Witze. »Nehmen Sie Platz. Das hier ist Captain Gabol.«

»Guten Tag.«

»Guten Tag.« Captain Gabol war gutaussehend und rothaarig, mit einer breiten Nase und breiten Nasenlöchern. Er entsprach Bennys Vorstellung von einem Farmmakler in Indiana. »Ich bin Psychiater«, sagte er.

»Freudianer?«

Gabol grinste. »Bei Bedarf.«

»Ich bin auch ein bißchen Eklektiker«, sagte Benny.

»Dann sind wir uns ja einig«, meinte Gabol.

»Wie geht es mit dem Fragebogen?« fragte Alex.

»Lang wird er«, antwortete Benny. »Sie werden bei einigen dieser Comic-Leser Schwierigkeiten damit bekommen.« Er war nicht mehr seekrank, und die Bequemlichkeit hier und die Unterhaltung in der Messe, diesem eleganten Salon, machte ihm Spaß. »Ich antworte genaugenommen nicht so, wie Sie es von mir erwarten. Ich schreib einfach alles auf. Alles.«

Gabol bot eine Zigarette an, und Benny lehnte höflich ab. »Ich hab es vor einer Weile aufgegeben.«

»Das haben wir gehört.«

»Dürfen Sie mir sagen, was Sie über mich gehört haben?«

»Manches schon. Warum nicht?«

»Manches«, sagte Benny.

»Sie waren Zigarrenraucher«, sagte Parsons.

116

»Sie haben schon den richtigen Job«, sagte Benny. »Sie erinnern sich an so Sachen. Auf die Weise wird man der Beste in Rechtschreibung.«

Parsons lachte erfreut. »Sie auch, Sie erinnern sich auch.«

»An alles«, sagte Benny. »An jedes verdammte Ding, das ich je erlebt habe. An jedes Mal, wo ich jemanden verletzt oder etwas falsch gemacht habe. An jedes Mal, wo ich schlauer zu sein glaubte, als mir selbst guttat. An jede falsche Vermutung.«

»Die richtigen auch«, sagte Gabol.

»Nein. Die vergißt man.«

Gabol fragte: »Warum haben sie einander verletzt?«

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen«, antwortete Benny. »Oder ich kann Ihnen zehn Gründe nennen, was soviel wie keiner ist. Vor allem, weil sie sich vorher nie Sorgen ums Überleben hatten machen müssen, kaum wußten, was das Wort bedeutete, und ganz plötzlich damit konfrontiert waren. Erwarten Sie nicht, daß ich sie dafür verurteile.«

»Nein«, sagte Parsons, »unsere Aufgabe ist es nicht, sie zu verurteilen. Nur Informationen zu sammeln.«

»Darin liegt schon ein Urteil«, sagte Benny.

»Ein paar von ihnen töteten. Ihre eigenen Kameraden, ihre Kumpels.«

Jetzt lachte Benny. Es war eine gewissermaßen schmerzliche Erfahrung. »Kameraden ist richtig«, sagte er. »Ein altes und ehrenhaftes Wort.«

»Sie denken besser«, sagte Parsons. »Schneller.«

»Die gute Ernährung«, sagte Benny. »Frische Luft. Shuffleboard.«

»Sie haben das Telegramm bekommen?«

»Ja.«

»Sie wußten von dem kleinen Mädchen?«

»Ja. Ich hab insgesamt drei Briefe bekommen.«

»Bald sind Sie daheim«, sagte Parsons und seufzte.

»Sind Sie verheiratet, Alex?«

»Nein«, sagte Parsons. »Einmal fast. Besser ohne. Ich bin zuviel unterwegs.«

»Ich bin auch zuviel unterwegs«, sagte Benny.

117

»Haben Sie Ihren Sohn noch nie gesehen?« fragte Gabol.

»O doch. Er war drei oder vier Monate alt, als ich weg mußte. Das übliche Windelpaket.«

»Es wird alles sehr neu sein«, meinte Parsons.

»O ja«, stimmte Benny zu. »Ich war eine ganze Weile weg.«

»Wenn Sie ein strenger Berufsoffizier wären«, sagte Gabol, »was für Sachen würden Sie melden? Welche Arten von schlechter Führung? Allgemein, es geht jetzt nicht um Ewald.«

Das Sterben, dachte Benny. Die schlimmste Sünde. Vielleicht die einzige Sünde. Daß die einfach dasaßen und starben. »Sie verlangen von mir ein Urteil.« Die Hoffnungslosen. Aber Hoffnung war der letzte Schwindel. Der Mensch denkt. Die Natur sagt: Denkste.

»Nach militärischem Standard«, sagte Gabol. »Wir wollen Sie nicht belasten und auch keine Namen wissen. Wir wollen nur eine Vorstellung haben.«

»Na gut«, sagte Benny. »Diebstahl von Nahrungsmitteln und Zigaretten, selbst von Verwundeten. Auch Kleidung. Denunziation. Angriff auf einen Offizier. Und mindestens ein Offizier hat reguläre Soldaten geschlagen und einen zusammengeschlagen. Mord. Gehorsamsverweigerung. Die Weigerung, Dienstgrade zu akzeptieren, sich ihnen zu unterwerfen, sie anzuerkennen. Die Weigerung zu fliehen. Die Weigerung zu leben.«

Schweigen. Benny sah erst Parsons an, dann Gabol, und dann sah er auf seine im Schoß gefalteten Hände. Er kam sich affektiert vor und hätte fast gelacht.

»Also mindestens eines haben Sie ausgelassen«, sagte Parsons schließlich, »Kollaboration.«

»Sprechen wir darüber«, sagte Gabol.

»Alle Menschen sind Vettern zweiten Grades«, sagte Benny.

118

9

Vom Gefangenenlager aus konnten wir den Yalu sehen, grau und langsam, und auf ihm schoben sich Eisschollen träge nach Westen. Namenlose schwarze Vögel strichen niedrig vorbei, mit müdem Flügelschlag, und glitten dann in die weißen Wälder. Das Lager war ein Dorf gewesen, und ich fragte mich, wo die Dorfbewohner geblieben waren. Wir waren in Lkws nach Norden gebracht worden, von denen einige offen gewesen waren, so daß die Männer wieder fürchterlich froren; gekrümmt kauerten sie da, zu kalt für Tränen. Wieder kamen wir nachts an, so daß ich nicht wußte, durch welches Tor, unter welchem Zeichen von Verhängnis oder Willkommen ich ein neues Leben begonnen hatte, als wir in Hütten getrieben und abermals mit Hirse und heißem Wasser erquickt wurden. Am Morgen sahen wir dann, daß unsere Hütten Häuser waren, frühere Wohnhäuser, mit Strohdächern und Lehmwänden und zwei bis drei Räumen. Nach weiterer Hirse und heißem Wasser machte ich einen Rundgang durch das Gelände, untersuchte meine Männer in drei von den Hütten und wurde hier und da von den Posten zurückgewiesen, bis ich meine Grenzen kannte. Ich konnte den Fluß und ein paar Dutzend Hütten sehen und kam zu dem Schluß, daß dies für eine Weile unser Zuhause sein würde. Als ich wieder in unserer Hütte war, versuchte ich munter zu wirken. »Werden sie uns zu essen geben?« fragte Bewley, ein schlanker schwarzer Gefreiter und Christ.

»Ich hoffe. Fröhlichen Valentinstag.«

Trezevant sagte: »Keine Öfen, Lieutenant. Aber es gibt eine verrückte Art Keller, ein Loch im Boden und so was wie einen Tunnel.«

»Ich werde danach fragen. Ich habe Rauch gesehen.«

»Yuscavages Schulter blutet wieder.«

»Wir brauchen was zu essen.«

»Wir brauchen auch was zum Anziehen. Die Socken sind in Fetzen.«

119

»Papierfenster«, sagte ich. »In einer der Hütten gibt es Glasfenster.«

»Ein paar von den Männern scheißen in die Hosen.«

»Ich weiß. Wir legen sie zusammen.«

Wir waren zu elft in drei Zimmern. Wir drängten uns in dem größten zusammen, wo wir gegen die staubigen Wände gelehnt saßen. In dem trüben Morgenlicht waren wir Gespenster, Überlebende einer Seuche. »Wir können uns nicht umziehen«, sagte Scafa schwach. »Keine Sachen.« Er kratzte an einem schorfigen Pickel. Blaß, bleich wie Papier waren sie.

»Schon in Ordnung«, log ich. »Wir riechen alle übel. Ich such heute den Kommandanten auf. Oder irgendwen. Es kann nicht schlimmer werden. Hören Sie zu, Sie müssen sich einer um den anderen kümmern. Sie müssen für die Kranken sorgen. Der Rest muß etwas zu tun haben, irgendeine Arbeit, ein Ziel. Verstehen Sie?«

Keiner sagte etwas.

»Sie werden uns verhungern lassen«, sagte Trezevant.

»Das bezweifle ich.«

»Sie lassen uns einfach sterben«, sagte Yuscavage. »Ich bin ganz und gar voller Blut.«

»Nein. Sie hätten uns ja erschießen können. Wir sind ihnen absolut gleichgültig, aber wir sind Geiseln, und wir haben auch welche von ihnen.«

»Die pfeifen doch auf ihre Leute«, sagte Mulberg. »Es gibt Millionen von ihnen. Es ist ihnen scheißegal, wenn sie die Hälfte verlieren.«

»Sie sind Menschen, und es ist ihnen nicht egal«, sagte ich, gar nicht sicher. »Und übrigens« – was für Albernheiten der Mensch äußern kann – »gibt es eine öffentliche Meinung. Eine Weltmeinung. Propaganda. Wir müssen durchhalten. Bis zum Frühling leben. Wir fangen heute damit an.« Das war es. »Wir leben einen Tag nach dem anderen. Richten Sie sich ein, so gut Sie können, und halten Sie sich sauber. Wie viele Fälle von Ruhr?«

Drei.

»Sie drei in einen Raum. Trezevant, Sie teilen Pfleger ein. Jeder 120Gesunde hat zwei Stunden Dienst, da ist er verantwortlich für die Kranken. Füttert sie und macht sie sauber.«

»Womit?«

»Lumpen, alles mögliche. Ich werde etwas organisieren. Halten Sie sich alle möglichst in Bewegung. Laufen Sie herum.«

»Ich kann keine zehn Schritte tun«, sagte Scafa.

»Sie drei nicht.«

Mulberg fragte: »Wo ist die Toilette?«

Wir starrten ihn an. »Irgendwo draußen«, sagte ich. »Noch eins: Machen Sie untereinander aus, ob Sie wollen, daß alles geteilt wird. Es könnte hier und da mal eine Zigarette geben oder ein Stück Brot.«

»Brot!« Collins machte den Clown, er japste wie ein Hund. »Jesus, Brot!«

»Versuchen Sie nicht an Essen zu denken«, sagte ich. »Es wird nicht leicht sein, aber versuchen Sie es.« Ich suchte nach den richtigen Worten. Warum war ich nicht Kinsella. »Das hier ist das Schlimmste, was Sie je erleben werden. In Ihrem ganzen Leben. Was immer Sie in sich haben, Gott oder Politik oder Gung-ho, jetzt brauchen Sie es. Sie können sterben wie die Schweine oder leben wie die Schweine, und das scheint Ihnen keine großartige Wahl zu sein, aber es ist eine. Diese eine große Möglichkeit zu wählen haben Sie, und niemand kann Ihnen die Entscheidung abnehmen. Sie können hungern und frieren und bis zum Hals in Scheiße und Blut und Eiter stecken und kotzen und es doch schaffen. Wenn Ihnen das eine Hilfe ist: Den Offizieren geht es nicht besser.«

»Keine Offiziere da«, sagte Mulberg.

»Offiziere, habe ich gesagt. Sie werden tun, was Trezevant sagt, und Trezevant wird tun, was ich sage.«

»Scheiße«, sagte Mulberg.

Collins sagte: »Haha.«

»Maul halten«, sagte Trezevant.

»Wir sterben«, fauchte Mulberg. »Wozu sind da Offiziere gut, verdammt?«

»Sie sterben nicht«, sagte ich. »Und wenn Ihre Offiziere zu 121nichts gut sind, werden Sie das noch früh genug merken. Bis dahin tun Sie, was man Ihnen sagt. Sie fangen damit an, daß Sie Yuscavage verbinden. Er wird Ihnen sagen, wie. Ich gehe jetzt Krach machen, mal sehen, was passiert. Richten Sie sich ein.«

»Ob wir hier Post kriegen?« fragte Scafa.

 

Also machte ich einen Ausfall bis an meine Grenzen, und wurde von einem Posten, einem Gewehr, einem Bajonett bedroht und sprach die magischen Worte: »Die-foo.« Der Posten hielt inne. Ich wies mit Nachdruck auf einen Faden von grauem Rauch, der mitten im Dorf aufstieg. »Die-foo. Ich möchte mit einem Offizier sprechen.« Ich tippte auf imaginäre Schulterstücke. Der Posten schaute prüfend wie eine Motorradstreife; er stellte die Waffe auf den Boden und legte statt dessen den Kopf schief. Er trug einen wattierten Rock und eine Pelzmütze und Segeltuchstiefel. Unser dampfender Atem vermischte sich. Richtig. Alle Menschen sind Brüder. »Die-foo«, sagte er. Ich nickte. Ich überlegte, wie ich wohl aussah. Helm, gefütterte Jacke, jetzt blutig, Hosen aus Wollstoff, ebenfalls blutig, sogar die Stiefel: verkrustet, Fleischfetzen. Lange Haare, schmutziger Bart: ein gottverdammter Guerilla, das war ich. Ich faßte Mut. Partisan Beer. Und dann ein Moment, an den ich mich immer erinnern werde, das Ende des Krieges, das Ende aller Kriege, die verrückte und dauerhafte Spezies Mensch überwindet das blatternarbige Schicksal: dann griff dieser Posten in die Tasche, holte eine Schachtel hervor, nahm eine Zigarette heraus und bot sie mir an. Ich stand wie gelähmt: das alte Kinostück, eine Falle. Unsinn. Langsam hob ich die Hand; ich nahm die Zigarette und nickte. »Hsieh-hsieh«, sagte ich, Benny von den tausend Zungen, der inzwischen »Danke« gelernt hatte, der wurzellose Kosmopolit, und der Posten grinste und brach in eine lange Reihe von Lauten aus, mit lachenden Augen. Ich lächelte, schwach, ein mühsames Lächeln, aber das erste nach langer Zeit; ich spürte das ungewohnte Zerren an sozial atrophierten Muskeln. Therapie erforderlich. Ich steckte die Zigarette in eine Hemdtasche. Ich zeigte wieder auf den 122aufsteigenden Rauch und babbelte, wobei ich mit meinen kalten Fingern Zeichen für Sprechen machte. Weißer Mann sprechen mit flinken Fingern. Dem Posten erschien die Sache zweifelhaft, und er wies mich zurück in die Hütte.

Drinnen übergab ich die Zigarette behutsam, vorsichtig und feierlich an Trezevant und sagte: »Sergeant, verteilen Sie die.«

 

Noch vor Mittag kam Ou-yang mit einer Abteilung bewaffneter Soldaten zu uns. »Doktor Beer«, sagte er, »ich hoffe, es geht ihnen gut

»Wir brauchen einfach alles«, sagte ich. Wir standen im Eingang, Trezevant ein paar Schritte entfernt; die anderen lagen oder setzten sich eben gegen die Wand; sie beobachteten wie die Waisenkinder. »Dies ist unmenschlich.«

»Wir brauchen auch alles«, sagte Ou-yang grob. »Im Gegensatz zu Ihnen waren wir nicht darauf vorbereitet, überall in der Welt Krieg anzufangen.«

Ich blieb stumm.

Nach einem Augenblick des Ärgers fuhr er fort: »Wie viele sind Sie?«

»Elf.«

»Und wie viele Gesunde?«

»Mit mir sieben.«

»Lassen Sie vier von Ihren Männern mit diesen beiden mitgehen. Sie können Holz holen. Wer ist Ihr Stellvertreter?«

»Sergeant Trezevant«, sagte ich, und Trez trat vor.

»Ein Neger«, sagte Ou-yang. »Guten Tag, Sergeant.« Er streckte die Hand aus.

Trezevant zögerte.

»Es ist schon in Ordnung«, sagte ich.

Sie schüttelten sich die Hände. Ou-yang sprach Chinesisch und sagte dann zu Trezevant: »Gehen Sie mit diesem Mann. Er wird Ihnen den Ofen vorführen

Meine Männer murmelten und seufzten. »Gehen Sie«, sagte ich. »Mulberg, Collins, Bewley, Sunderman. Gehen Sie mit den Soldaten und holen Sie Holz. Machen Sie keine Faxen. Holen Sie nur Holz.«

123

Zu Ou-yang sagte ich: »Wir brauchen dringend Decken und irgendwelchen Stoff für Verbände und zur Reinigung. Warme Sachen. Ich sehe auch Kabel für einen Anschluß. Gibt es Strom? Können wir eine Birne bekommen?«

Ou-yang lächelte plötzlich breit. Warum? Ich fühlte Überraschung, beinahe Wärme. »Ja«, sagte er. »Sie können eine Birne haben. Decken werden Sie nicht brauchen.«

»Wir sind keine Supermänner«, sagte ich. »Wir erfrieren wie jeder andere auch.«

»Das darf ich nicht vergessen«, sagte er und lachte. »Sie werden keine Decken brauchen, weil die Wärme des Feuers unter dem Fußboden zirkulieren wird.«

»Gott sei Dank! Dann können wir die Kranken ausziehen.«

»Ich kann Ihnen Lappen geben. Heute nachmittag wird Kleidung verteilt. Medikamente gibt es nicht. Aber zu Ehren Ihrer Ankunft gibt es heute abend eine Sonderration.«

Wieder murmelten und seufzten die Männer. Ou-yang nahm sie alle mit dem Blick eines Redners in sich auf. »Wir sind, was immer Sie glauben, zivilisierte Menschen, weit mehr als Sie. Wir sind nicht in Kalifornien eingefallen. Wir haben nicht Gefangene in Lagern an der kanadischen Grenze ihrem Schicksal überlassen.« Er lachte leise, vergnügt und zufrieden, und wurde dann wieder kühl: »Sie sind Gefangene und keine Gäste. Wir werden Sie nicht sterben lassen, aber auch nicht … verwöhnen.« Noch so ein Linguist. Was war das für eine merkwürdige Angewohnheit, Affektiertheit, wo hatte er das gelernt, hier und da Wörter besonders zu betonen, beinahe zu brüllen, als übertrüge er Chinesisch ins Englische? Auf gut Glück. »Sie werden sich selbst täglich oder jeden zweiten Tag unter Bewachung Holz holen. Sie können Ihre Sachen waschen, wenn vom Essen Wasser übrigbleibt. Sie dürfen unter Bewachung eine Latrine graben. Später dürfen Sie vielleicht Briefe schreiben und bekommen auch etwas zu lesen. Später kommt noch ein Offizier mit weiteren Anordnungen. Und im Sommer«, er machte eine Pause und nickte liebenswürdig, träumerisch, der Kaiser, der Großkhan, eine Gnade, eine Gnade, »im Sommer dürfen Sie im Yalu schwimmen.«

 

124

Die gefrorene Erde widersetzte sich den Spaten. Bewley wurde losgeschickt und kam mit zwei Spitzhacken zurück. Er und Ewald gingen den unnachgiebigen Boden an, sie schlugen abwechselnd zu, vereinigten sich zu einem ärgerlichen, explosiven Rhythmus; wir anderen sahen zu, atmeten im gleichen ärgerlichen Tempo, so daß jeder Schlag einen Schnaufer von frostigem Nebel aufsteigen ließ. Bewley und Ewald bissen die Zähne zusammen, ihre Augen glitzerten, ihre Brust hob und senkte sich, die Spitzhacken stiegen und fielen, stiegen und fielen; sie grunzten, und wir grunzten mit ihnen: Schlag, grunz, schnauf, schlag, grunz, schnauf. Sie hielten an, wir hielten alle an; Collins und Mulberg lösten sie ab. Bewley sackte auf den Boden. Ewald stand grimmig, triumphierend da. Wir – sie- arbeiteten eine Stunde lang. Wir bewunderten unser Werk. Ewald urinierte vor uns allen, und Beifall stieg zugleich mit dem Zischen, dem treibenden weißen Dampf auf. Bewley und Sunderman brachten das Werkzeug wieder weg. »Schöner Bogen«, sagte Trezevant zu Ewald, »große Reichweite.« Wir kehrten zur Hütte zurück. Scafa hatte sich vollgemacht. Wir legten uns hin. Wir warteten.

 

Die Sonderration erwies sich als ein Becher Maisschrot pro Mann. Der schwarze Kessel hockte unbeteiligt über dem Feuer; in das kochende Wasser ließen wir unsere Hirse, unser Schrot rinnen. Trezevant rührte, wie ein Alchemist. Die Männer saßen stumpf da; sie hielten ihre Becher wie blinde Bettler. Collins und Mulberg fluchten ständig. Sie waren beide dunkelblond und hatten kräftige Nasen; sie hätten Brüder sein können; Mulberg war größer und schwerer. Ich fütterte Scafa, Trezevant fütterte Cuttis, dann fütterte ich Oldridge. Es war mehr als nur Ruhr: Es war Erschöpfung, Verzweiflung, Hunger, Verlust von Blut und Säften. Sunderman sagte: »Wie lange es wohl noch dauert, bis wir was Richtiges zu essen kriegen«, und ich hatte nicht den Mut, es ihm zu sagen, aber Trezevant tat es: »Das ist das richtige Essen. Iß es nur auf, Soldat. Denk dran, daß in China Kinder hungern.«

»Ich meine, wann Küchen eingerichtet werden.«

125

»Die Küchen sind eingerichtet«, sagte Trezevant, überlegen, ruhig. »Verdammt. Ich bin mit so was groß geworden.« Die Männer hatten es warm, an einigen Stellen war der Boden heiß, und sie wechselten den Platz.

»Massig Holz jedenfalls«, sagte ich. »Wir werden nachts eine Feuerwache halten.«

Mulberg fragte: »Wir?«

»Sie«, sagte ich. Eine Weile war von dem körnigen Matsch der Bauch voll, aber bald kam der Hunger zurück, wie die Wollust eines Jungen und die Habgier eines Geizigen. Im ersten Lager hatte uns der Schock geschützt; in dem Sturm von Wut, Haß, Schuld und Angst war wenig Leidenschaft für Hunger übriggeblieben. Dann waren Tage stumpfer Gleichgültigkeit gefolgt; nachdem wir dem Tod im Feuer entronnen waren, überließen wir uns dem Tod durch Eis, und der Mut glomm nur noch schwach; selbst Kinsella erstarrte. Dann waren wir abtransportiert worden, und es war, als hätte uns die schlichte Überwindung von Raum belebt; erst auf die Lastwagen, dann in den scharfen Wind: Die Männer klagten wieder über Hunger, und ich freute mich, daß sie so lebendig waren. Während der letzten Stunde vor unserer Ankunft und den Rest der Nacht hindurch hatte ich Hunger als einen Krebs kennengelernt, als Eindringling, einen feindseligen fremden Körper, der mir die Substanz aussaugte; ich hatte mich gekrümmt, gezittert, die Zähne zusammengebissen; ich war glotzäugig und mürbe vor Hunger, und ich hatte Bilder von Süßigkeiten im Kopf, und von Rinderbrust, Yankee-Bohnensuppe, Charlotte russe, Spiegeleiern und sogar Stierhoden, die ich nur ein einziges Mal gegessen hatte und die großartig als Frivolités du chef angezeigt waren. (»Der Personalwechsel in der Küche«, hatte meine damalige Geliebte gesagt, »dürfte beträchtlich sein.«)

All dies ging mir durch die weiche Birne, während meine Eingeweide bettelten. Ihm zum Bilde. Im Augenblick des Todes muß der Mensch furzen und kichern. Würgen und Lachen. Das sollte einen vor kulinarischen Phantasien bewahren, aber ein Mann, der unter Hannahs und Pinskys Vorstellung dessen, was notwendig ist, aufgewachsen ist, tendiert schon in 126besseren Zeiten zu feinschmeckerischer Onanie. Trezevant spottete, aber er hatte seine paar hundert Pfund nicht nur mit Kohlgemüse angesetzt. Ich würde ihn fragen. Kutteln, das wußte ich, und Maisbrei. Und Ewald, der stille, nachtragende Ewald, der buttergelbe Ewald: Durch welche skandinavischen Köstlichkeiten war er dick geworden? Ich tippte auf bisher acht- bis neunhundert Kalorien am Tag, und unsere Army legte Wert auf dreitausendfünfhundert. Die chinesische Armee? Weniger. Viel weniger, und wir würden es nicht leicht haben, klarzumachen, daß Amerikaner anders waren. Anders? Wieso anders?

Trezevant zog die Zigarette heraus, zündete sie an, hielt sie Oldridge an die Lippen. »Eine Zigarette!« sagte Sunderman. Trezevant hielt sie Cuttis an die Lippen, dann Scafa, nahm selbst einen Zug und reichte sie weiter. Ich wollte schon ablehnen, da hielt mich das dunkle Echo von irgendeinem militanten Onkel davon ab: Wenn Trezevant dächte, es sei die Farbe? Ich zog Rauch ein, gab die Zigarette weiter: »Nicht mehr für mich. Ich geb es auf.« – »Ich rauche nicht«, sagte Mulberg, und Ewald lehnte mit einem Kopfschütteln ab.

Kleidung war nicht verteilt worden, aber sie hatten uns drei Meter billigen wattierten Baumwollstoff in die Hütte geworfen. Ich hatte Yuscavages Schulter mit heißem Wasser gereinigt und ihn neu verbunden; keine Infektion; die Wunde würde langsam heilen, aber heilen würde sie. Es würden weitere Wunden kommen, vielleicht welche, die nicht heilten.

Sie ruhten, schlaff im Licht der schwachen Birne.

»Die Hurensöhne haben keine Sachen gebracht«, sagte Collins.

»Der Mais war genug Sensation für einen Tag«, sagte ich. »Zum Teufel, wir haben es doch warm.«

Collins fauchte. »Mais. Und diese schlitzäugigen Bastarde essen Chop suey. Mit Fleisch. Und dann vögeln sie sich gegenseitig.«

»Maul halten«, sagte ich.

»Hab ich gehört«, sagte Collins. »Sie vögeln sich gegenseitig.«

127

»Maul halten«, sagte ich.

»Ach, gehen Sie doch zum Teufel«, sagte Collins.

»Demokratie«, sagte ich, »keine Offiziere mehr?«

»Genau«, sagte er.

»Gehn wir nach draußen?«

Trezevant lachte, und ich glaubte einen Schimmer von Anerkennung darin zu entdecken. Trezevant war kein Säugling. Ewald vielleicht. Ich betrachtete meinen kleinen Zug, jeden einzeln, und fragte mich, wer überleben und wer sterben würde.

 

Am nächsten Tag marschierten wir, die, die laufen konnten, zu einem langen hölzernen Schuppen, wo an jeden Mann ein Paar Baumwollsocken und eine wattierte blaue Baumwoll-Uniform ausgegeben wurden; dann marschierten wir wieder heim. Bald darauf kam ein Kommando und brachte die gleiche Ausstattung für die Kranken, allerdings zogen wir die mit Ruhr nicht an. Die Uniformen hatten alle die gleiche Größe, 48 kurz, schätzte ich, einreihig, sauber gearbeitet, nicht besonders elegant geschnitten. Chinesische Quartiermeister schienen, wie alle Quartiermeister, griesgrämige Muffel zu sein. Wie in jeder fortgeschrittenen Gesellschaft wurden wir registriert: Name, Rang, Dienstnummer, Geburtsdatum. Kinsella besuchte uns unter Bewachung und hielt eine kurze, aber scharfe patriotische Rede. Als er ging, herrschte Stille. Ich überlegte, ob unsere kleine Welt sich besserte oder verschlechterte. Wir hatten es warm, und wir hatten etwas anzuziehen und und bekamen, was man als Nahrung bezeichnen konnte, aber in den neuen Uniformen wirkten die Männer viel, na ja, uniformer: stiller, passiver, fügsamer, unzivilisierter, fast als wären sie einverstanden mit dieser Tortur und ihrem Ende. Beim Mittagsmahl wirkten sie zufrieden, rücksichtsvoll, wohlwollend. Auch ich nahm es hin: Vielleicht würde ich jetzt doch nicht sterben. Ich dachte an Carol und an Jacob und war zu leer für Tränen.

 

128

»Ou-yang«, sagte ich zu dem Posten und wurde zu Ou-yang gebracht. Ich bekam einen Stuhl und eine Tasse Tee angeboten. Ich nahm auch eine Zigarette. Ich hatte beschlossen, nichts abzulehnen. Notieren Sie das. Die Zigarette steckte ich mir hinters Ohr und hörte plötzlich ein tonloses Echo; ein Franzose hatte einmal zwei von mir genommen: »Pour mon frere qui n'a pas de travail.« – »Wie viele Ärzte haben Sie?«

»Einen«, sagte Ou-yang. »Pee-joe. Kennen Sie das Wort?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Pee-joe«, sagte Ou-yang, »heißt Bier auf Chinesisch. Beer!«

»Die-foo Pee-joe«, sagte ich.

»Nein. Pee-joe Die-foo. Erst der Name, dann der Titel. Wir Chinesen, Sie wissen doch: so rückständig. Alles über Kopf! Sehen Sie, hier.« Er öffnete eine Schreibtischschublade, kramte, entfaltete eine Karte. »Die Welt!« Er reichte sie mir, und ich betrachtete sie etwas verwirrt. Sie schien fehlerhaft und unordentlich; eine riesige zentrale Landmasse, die von Meeren eingefaßt war, die ihrerseits von schmalen Streifen Land eingefaßt waren, unter anderem den guten alten Vereinigten S. von A.; der Rand der Karte lief durch Grand Forks, Oklahoma City und Fort Worth. »Eine neuartige Perspektive«, sagte ich.

»Reisen bildet«, sagte er.

Ich gab ihm die Karte wieder. »Ich möchte Erlaubnis haben, mich frei zu bewegen. Geben Sie mir Verbandmaterial und ein einfaches Antiseptikum.«

»Hausbesuche«, sagte Ou-yang, und ich mußte lachen, ich konnte nicht anders. Verrat. Tut mir leid. Das Lachen packte mich, und ich mühte mich, es zu beherrschen. Wir würden alle verrückt werden und lachend sterben. Vielleicht würden die Chinesen schnell siegen. Zum ersten Mal machte ich mir Gedanken über das Kriegsende und wurde wieder nüchtern. Vielleicht würden die Amerikaner die Bombe werfen. Vielleicht würden wir sie alle umbringen und Asien besetzen. Siedler. Neuland. Grund und Boden umsonst für alle. Keine Arbeitslosigkeit.

Ich gab mir Mühe, ruhiger zu werden. Auf einem Regal hinter 129Ou-yang stand eine kleine weiße Porzellanschale mit einem durchscheinenden Reiskornmuster. Ich konzentrierte mich auf die Schale. Ich zählte die Körner. Der Verstand kehrte zurück. Ich reckte den Hals: In der Schale lagen drei knorzige gelblichbraune Knollen.

Ou-yang war nachdenklich und schlürfte Tee. Es war so zivilisiert! Ich erinnerte mich an Filme: Englische und deutsche Offiziere diskutieren über Shakespeare. Von Waldstein mit seinem Jahr in Oxford. Sie müssen verstehen, mein lieber Cavendish, die Sonne über dem britischen Weltreich ist untergegangen. »Natürlich«, sagte ich – zusätzlicher Dialog von B. Beer -, »haben Sie mein Wort für gute Führung.«

»Aber hat nicht«, fragte Ou-yang höflich, »jeder Offizier die Pflicht zu fliehen?«

»Diesmal nicht«, sagte ich. »Wohin denn? Mandschurei? Sibirien?«

»Diesmal nicht«, sagte er. Er schien über größere Zusammenhänge nachzusinnen. »Ja. Das ist ein guter Gedanke. Ich muß darüber nachdenken.«

»Gibt es ein Krankenhaus hier? Für Ihre eigenen Leute?«

»Wir haben ein Krankenzimmer«, sagte er. »Zwei Betten, ein Thermometer, zwei Medikamente, eins gegen Durchfall, eins gegen Verstopfung. Wir haben Kräuter gegen Fieber. Sonst haben wir nicht viel von irgendwas. Unsere Mediziner sind an der Front. Und in den Dörfern«, fügte er bitter hinzu. »Jeder Krieg ist heute ein totaler Krieg.«

Ich stimmte müde zu. »Vergessen Sie das. Wir haben andere Probleme, fürchterliche Probleme. Es sieht wirklich schlimm aus; das Ende der Welt. Da sind Männer, denen Glieder amputiert werden müssen. Die Transfusionen brauchen. Es wird Lungenentzündung auftreten. Ruhr haben w ir, innere Blutungen, Verhungernde. Wir brauchen ein ganzes Krankenhaus. Verstehen Sie? Wenn ich sie nicht behandeln kann, werden viele dieser Männer sterben.«

»Dann sterben sie eben«, sagte Ou-yang ruhig. »Es sind schon viele gestorben.«

»Es ist unmenschlich!« Ich erinnere mich, daß ich die Fäuste 130im Schoß ballte und daß ich nicht mehr das verrückte Gelächter in mir hatte. »Lassen Sie mich Ihr Krankenzimmer benutzen.«

»Nein.«

»Zwei Stunden am Tag. Eine Stunde!«

»Nein.«

Nein. Rechtshilfe, eine Eingabe. Mein Abgeordneter. Das Rote Kreuz. Ich senkte den Kopf und stieß ein schluchzendes Knurren aus, glatte Niederlage, Qual.

»Sie sind nur auf Zeit und nicht ständig Soldat?« fragte Ou-yang.

»Manchmal frag ich mich das«, sagte ich. »Nein, ich wurde eingezogen. Ich betrachte mich selbst als ständigen Arzt. Und jetzt als ständigen Gefangenen.«

»Nein. Irgendwann werden Sie heimkehren.« Er lächelte. »Je eher, desto besser.«

»Amen.« Wir waren wieder im Kino, aber die Gefühle waren annehmbar.

»Kehren Sie zu Ihrer Hütte zurück«, sagte er, »ich werde nach Ihnen schicken.«

»Was sind das für Dinger?« Die Knollen.

Er wandte sich danach um und runzelte die Stirn. »Moment. Ich hab den Namen vergessen. So was wie Karotten.«

»Steckrüben?«

»Steckrüben. Eingelegt.«

»Geben Sie sie mir.«

»Ihnen?«

Unglücklich sortierte ich Redewendungen. Ich gäb was für eine Welt des ja und nein, des ich lebe, ich sterbe, ich liebe, ich hasse. »Es könnte ein Tag kommen«, sagte ich, »wo wir uns um einen Grashalm streiten. Wo wir Wind trinken und die Toten essen. Wir können uns auf nichts verlassen.«

»Nehmen Sie sie«, sagte er achselzuckend und entließ mich.

131

10

»Was spielt es für eine Rolle, wer alles?« fragte Benny steif, gereizt von diesen kleinen Stechmücken. Obwohl Major Cornelius keine kleine Mücke war: groß, dünn, weißblond, blauäugig. Wasserfarben, leicht verlaufen, mit Glanzlichtern von Intelligenz und geheimer Verworfenheit in den Augen. »Sie wollten wissen, warum!«

»Wir wollen soviel wie möglich wissen«, sagte Cornelius. »Und jetzt das hier.« Er klopfte auf den Fragebogen. »Nicht so geradeaus, wie wir es gern gehabt hätten.«

»Was ist das schon«, sagte Benny, und zu Parsons: »Kann ich eine Tasse von dem Kaffee haben?«

»Zucker? Kondensmilch?«

»Beides, danke. Wie verwöhnt Sie sind!«

Alex lächelte, mitfühlend und priesterlich.

Gabol fragte: »Wie steht es mit Ihrem Gewicht?«

»Was interessiert Sie das? Sie sind ein Seelendoktor!«

»Ha! Und Sie ein Interner.«

Ohne eine Bewegung schien Cornelius zur Ordnung zu rufen.

»Jeder dritte Mann hat kollaboriert«, sagte er.

»Jeder dritte ist gestorben«, sagte Benny.

»Fangen wir also da an. Woran?«

»Verwundungen, Ruhr, Lungenentzündung, ein Herzanfall, von dem ich weiß; Entkräftung.«

»Und durch die Chinesen?«

»Keiner, von dem ich wüßte. Da muß ich Sie leider enttäuschen. Ein paarmal Schläge und anhaltender psychologischer Druck, aber keine Folter, und niemand wurde getötet. Nicht auf meinem Parcours.«

»Auf Ihrem was?«

»Ach, ist egal«, sagte Benny.

»Wie viele hätten bei guter medizinischer Versorgung gerettet werden können?«

132

»Zwei Drittel«, sagte Benny. »Vielleicht alle. Und bei guter Ernährung. Oder keinem Krieg.«

»Wie reagierten die Überlebenden?«

»Reagierten?« Dieser Albino! »Genauso wie Zivilisten ganz tief innen. Gleichgültig. Erleichtert, daß es der andere war oder daß jetzt mehr für die anderen da war.«

»Benny«, sagte Gabol vorwurfsvoll.

»Besonders Socken«, sagte Benny. »Socken trugen sich so schnell auf. Im Winter war ein zweites Paar nützlich.«

Cornelius seufzte.

»Hören Sie«, sagte Benny, »wir waren alle halbtot. Es gab Cliquen, die zusammenhielten, füreinander sorgten. Aber der Tod gehörte zum Leben. Anfangs jedenfalls. Nach den ersten sechs Monaten starb kaum noch jemand, aber sicher waren wir nicht. Es war nie etwas Besonderes. Keine Blumen, keine Musik. Nur wegbringen und begraben. Wir hatten einen, der immer Gebete sprach, wenn er von einem Todesfall hörte, aber der war verrückt.«

»Reagierten Progressive und Reaktionäre in der gleichen Weise?« Alex sprach leise, ehrlich neugierig. »Auf die Todesfälle, meine ich.«

»Es gab keine Progressiven und Reaktionäre, während wir starben. Das kam später.«

»Und Ihre eigenen Gefühle?«

»Frustration.«

»Ärger?«

»Beruflich.«

»Mitgefühl?«

Benny nahm seine Zuflucht zum Kaffee. Dann sagte er: »Ja.«

Sie warteten. »Weiter«, sagte Cornelius.

»Ich kann nicht«, sagte Benny. »Jeder Mensch, der stirbt, hätte man selbst sein können. Deshalb tut er einem leid. Millionen Menschen sterben täglich.«

»Sie sind vielleicht eine Hilfe«, sagte Gabol.

»Sie haben mich nicht wirklich etwas gefragt«, sagte Benny. »Das ist wie in der dritten Klasse hier. Wir müssen alle froh sein, daß sie nun im Himmel sind.«

133

»Neues Thema«, sagte Cornelius. »Erzählen Sie uns von Streit und Schlägereien. Rassismus, Politik, was immer.«

»Da gab es nicht viel, wenn man bedenkt, wie lange wir da waren. Ein paar Schlägereien wegen Diebstahl, ein paar Überfälle, ein kleiner Bandenkrieg, ein bißchen Rassismus, aber das war unbedeutend.«

»Religion?«

Benny schüttelte den Kopf.

»Politik?«

»Manchmal.« Ewald: er ruhe in Frieden. »Weniger zwischen Progressiven und Reaktionären. Die waren isoliert.«

»Was sonst?«

Benny gab einem boshaften Verlangen nach. »Erstens: ob wir uns da hätten einmischen sollen oder nicht. Zweitens: ob es besser wäre, ihnen zu geben, was sie wollten, und dafür Nahrungsmittel, Privilegien, die Annehmlichkeiten anzunehmen, oder sie zum Teufel zu schicken. Später dann drittens: ob unsere eigene Regierung uns verkaufte. Viertens: ob Eisenhower ein kleinerer, ein ebenso großer oder ein noch größerer Armleuchter wäre als Truman.«

»Sie nehmen das sehr leicht«, sagte Cornelius eisig.

»Richtig. Aber es ist die Wahrheit.«

»Wenn er anfängt, höflich Konversation mit uns zu machen«, sagte Gabol, »hilft uns das auch nicht. Ein paar von den anderen lügen pausenlos.«

»Ah, ich verstehe«, sagte Cornelius. »Ich sehe ein, daß das normale Mindestmaß an Respekt verschlissen werden könnte.«

»Hört, hört«, sagte Benny leichthin. Respekt! Verschlissen! Die Pest auf ihrer aller Häuser, auf jeden feisten, faselnden, frömmelnden Heuchler! … Paranoia. »Es war die einzige Unterhaltung, die wir hatten.«

»Erzählen Sie mehr über Ihren zweiten Punkt«, sagte Alex, »die Kollaboration.«

»Nichts, was Sie sich nicht selbst denken können. Ab und zu verschwand ein Mann plötzlich, verlegt oder so, und wir fragten uns, ob er übergelaufen war oder was. Dann sagte irgendeiner, 134das wäre jedenfalls verdammt vernünftig gewesen, und dann ging die Streiterei los. Aber derjenige, der sagte, das wäre jedenfalls verdammt vernünftig gewesen, hätte das ja selbst tun können, hatte es aber nicht getan; er machte also nur Wind. Unterhaltung.«

»Sie sprechen jetzt von Ihrer eigenen Gruppe. Ihrem Zug.«

»Ja. Es gab andere. Übertragungen im Rundfunk. Überläufer. Sie wissen mehr darüber als ich.«

»Yuscavage? Bewley?«

»Yuscavage verschwand einfach. Bewley war ein Christ. Und ein Schwarzer. Vielleicht spielte das eine Rolle.« Er fragte Gabol: »Gibt es da Wechselbeziehungen?«

»Wir haben ja noch nicht mal die Fakten.«

»Oh«, sagte Benny, »Fakten.«

Cornelius faßte nach: »Gab es Frauen in dem Lager?«

»Ein paar. Im Büro. Nicht für uns. Man konnte sie kaum von den Männern unterscheiden. Ausgebeute Hosen, ausgebeulte Jacken.«

»Wurden sie benutzt?«

»Benutzt?«

»Als Köder.«

»Nicht daß ich wüßte.« Benny lächelte wehmütig, aber bei der Vorstellung wurde ihm warm, kribbelig, zittrig. »Da haben sie eine Chance verpaßt, was? Puritanische Revolutionäre. Hören Sie«, sagte er ernst, »diese Chinesen sind keine Wilden. Verstehen Sie? Sie sind sehr zivilisiert und hassen und verachten Barbaren. Sie benutzen Frauen nicht auf diese Weise. Frauen waren jahrhundertelang Sklaven, aber jetzt sind manche Frauen Helden für sie.« Für mich auch, dachte er, verwirrt und beschämt, ein lüsterner Bock, ein Mann der Vergangenheit. Hier war kein Platz für seine antiquierten Artigkeiten und den aufbegehrenden Schwanz.

Gabol fragte: »Würde es denn funktioniert haben?«

Benny zuckte die Achseln.

»Sie sind unerhört mitteilsam«, sagte Cornelius.

»Ach zum Teufel«, sagte Benny, »das ist doch nur Tratsch. Ich weiß nur über mich selbst wirklich Bescheid.«

135

»Dann sprechen Sie über sich«, sagte Alex.

»Einen Augenblick«, sagte Cornelius und zog eine große Schau ab, lehnte sich zurück und setzte eine anmaßende Miene auf. »Sie weichen absichtlich aus, das wissen wir, und Sie tun Ihren Männern keinen Gefallen damit. Sie hatten ziemlich viel Bewegungsfreiheit. Sie haben eine Menge gesehen, einschließlich schlechter Führung. Sie sahen, wie ein Freund getötet wurde. Jetzt müssen Sie helfen. Sie müssen das Ihre tun.«

»O ja, ich weiß ein paar Sachen, die da passiert sind«, sagte Benny, »aber ich kenne die Konsequenzen nicht. Nicht, ob sie richtig oder falsch waren. Ich will nicht urteilen. Niemand hat das Recht dazu. Und ich sah nicht, wie er getötet wurde. Ich sah ihn, als er tot war!«

»Das Recht?« Cornelius gab sich erhaben. »Ein paar von diesen Männern verrieten sich selbst, ihre Army, ihr Land. Sie werden es vielleicht nicht glauben wollen, aber es ist zu ihrem Besten. Zu jedermanns Bestem.«

»Vielleicht hat ihre Army und ihr Land sie verraten. Wo waren Sie, als wir Sie brauchten?«

Cornelius runzelte ärgerlich die Stirn. »Wenn wir gewußt hätten, wie wir sie auf so etwas vorbereiten müssen, hätten sie es besser durchgestanden. Wären nicht gestorben, hätten sich nicht gegen ihre eigenen Leute gewendet, wären nicht schwach geworden. Wir wollen ja keinen hängen.«

»Sagen Sie«, sagte Benny.

»Benny«, sagte Alex sanft, und Benny erinnerte sich, daß Cornelius Major war, aber Alex Lieutenant-Colonel, daß es eine Befehlshierarchie gab, wer hier der Boss war; er erinnerte sich dunkel an Ränge und Akten. »Benny, einige von diesen Männern machten für den Feind Propaganda. Irgendwo könnte eine Grenze sein zwischen dem und dem Schießen auf die eigenen Truppen; wenn es diese Grenze gibt, wollen wir sie finden. Eine Menge von dem, was geschehen ist, war schändlich. Einiges war Verrat.«

Benny stöhnte. »Propaganda. Was für ein großes Wort. Und waren es denn alles Lügen? Verbrennen wir etwa weiße Kinder? Sie machen sich Sorgen über Gut und Schlecht«, brach er 136in einem Anfall von gequältem Stolz aus, »aber ich mache mir Sorgen über Gut und Böse!«

»Glauben Sie, daß etwas Wahres daran war?«

»Ja«, sagte Benny ruhiger. »Ein bißchen. Zumindest bestand die Möglichkeit. Sie können mich hängen.«

»Unsinn«, murmelte Alex. »Wir sind alte Freunde. Aber der Major hat recht: Eine große Hilfe sind Sie nicht.«

»Ich kenne nur mich.«

»Dann sprechen Sie über sich.«

»Peccavi.« Benny seufzte. In diesem Beichtstuhl aus Chrom und Teak? Das einschläfernde Stampfen der Maschinen. Bullaugen, blaue Kreise. Zum Frühstück Ei und Schinken. Gestern abend Hähnchen. Salz, Pfeffer, weiches Brot, heißer Kaffee. Bettücher, Zeitschriften, Seife, Pinups. »Ich habe nie getötet«, begann er korrekt. »Ich habe nicht denunziert. Ich habe keine Tonaufnahmen gemacht, keine Reden geschrieben, keine Weihnachtsgrüße geschickt. Ich habe nie von unseren eigenen Leuten gestohlen«, er kam jetzt in Fahrt, »und soweit ich mich erinnere, auch nie von den Chinesen – obwohl ich das getan haben würde. Ich habe keine Offiziere angegriffen, aber in einem Augenblick ernsten und verständlichen Drucks ein paar reguläre Soldaten verdroschen. Ich habe meine ärztliche Tätigkeit an jedem Menschen ausgeübt, der sie brauchte, und ich habe einmal Nahrungsmittel angenommen, die ich nicht unter meine Leute verteilen konnte.« Jetzt kam die zweite Runde. »Ich habe viel und wahllos geflucht. Einmal habe ich aufgegeben, wurde aber durch ein paar wohlgewählte Worte dem aktiven Dienst wieder zugeführt. Ich wurde von meinen eigenen Männern fälschlich bedeutender Verbrechen und Vergehen beschuldigt. Ich habe es schändlich an Ehrerbietung, Optimismus und moralischem Niveau fehlen lassen. Ich habe keinen Versuch zur Flucht unternommen. Ich habe es abgelehnt zu beten.«

»Das reicht«, sagte Cornelius.

»Ich bettelte«, berichtete Benny weiter. »Ich habe mich dem Feind gegenüber gedemütigt und Steckrüben und Aspirin erbettelt. Eingelegte Steckrüben.«

137

Erschöpft sagte Cornelius: »Wir versuchen nur eine Wiederholung solcher Zusammenbrüche zu vermeiden.«

»Die Chinesen haben mir erzählt«, sagte Benny, »daß sie nur eine Wiederholung solcher Kriege zu vermeiden versuchten.«

Cornelius schnaubte: »Und Sie haben ihnen geglaubt!«

Benny lachte laut.

»Sie haben nie an diesen Krieg geglaubt.« Alex sprach ganz sachlich.

»Jedenfalls nicht für mich. Ich hätte eigentlich gar nicht dabeisein sollen.« Nach kurzer Überlegung fuhr er fort: »Ich werde Ihnen das gleiche sagen, was ich einmal Ou-yang gesagt habe. Ich glaube nicht daran und halte nichts davon, daß heute irgend jemand wegen irgendeiner – vielleicht, wenn wir Glück haben – morgen besseren Welt getötet wird. Denn genau damit machen wir die Welt von morgen automatisch schlechter. Ich kann mir notfalls vorstellen, daß man heute für ein besseres Morgen stirbt. Aber nicht, daß man dafür tötet.«

Gabol fragte, ob er einen Menschen töten würde, um zehn zu retten.

»Sicher«, meinte Benny, »aber nicht, bloß weil die Politiker das behaupten. Verdammt, ich habe getötet. Sie vergessen, daß ich einmal Corporal war, da, wo das Leben noch echt und ernst war.«

»Was ist mit dem Zweiten Weltkrieg?« stieß Gabol zu, echt und ernst. »Wenn Sie heute müßten – würden Sie wieder dafür kämpfen?«

Sie sahen ihn scharf an, wie mißtrauische Wachen. Er sah Lager, Kapos, sah sich selbst in einem gestreiften Anzug, 57359; sein Blut wallte auf. Hitler! »Vielleicht nicht«, sagte er gepreßt, und es juckte ihn überall, und er errötete, während ganze Reihen rachsüchtiger Onkel und Tanten in heiligem Zorn vor ihm erschienen. »Vielleicht nicht«, sagte er wieder, atemlos (O Gott, laßt mich doch in Ruhe! Ich will doch nur in Ruhe gelassen werden!), und saß da und keuchte in der warmen Luft des Pazifik. »Ach zum Teufel!« sagte er dann. »Natürlich würde ich kämpfen!« Er wiegte sich kurz hin und her, gekrümmt 138und steif. »Aber irgendwo gibt es eine andere Lösung. Eine, die ich noch nicht kenne.«

»Sie haben für Ihr Land getötet«, sagte Cornelius.

»Mein Volk, mein Vaterland«, sprach Benny in singendem Ton, »die teure Scholle.«

Sie glotzten ihn verdattert an, runzelten die Stirnen.

Alex schüttelte bedauernd den Kopf. »Benny, Sie können uns nichts vormachen. Spielen Sie lieber mit. Ich möchte Sie etwas anderes fragen. Nehmen Sie an, ich behauptete, daß Ihre jüdische Herkunft etwas damit zu tun hat.«

Hoppla! Benny wollte schon sagen, »Ich bin, was ich bin«, bremste sich aber; er wollte nicht beleidigend werden. Cornelius sprach statt seiner: »Das ist nicht in Ordnung, Alex. Es liegen tote jüdische Soldaten in Korea begraben.«

Im Gegensatz, dachte Benny, zu lebenden jüdischen Soldaten, die in Korea begraben sind oder waren.

»Amen«, sagte Gabol.

Benny fand eigentlich, daß Alex recht hatte. Alex zwinkerte. Er und Benny verstanden sich.

»Und viele gute weiße Christen haben kollaboriert«, sagte Cornelius.

Gleich, dachte Benny, wird er uns mitteilen, daß es in allen Rassen Gute und Schlechte gibt.

»Ich hab nicht gesagt, daß sie schlechter waren«, sagte Alex sanft. »Ich meinte nur anders. Vielleicht auch besser.«

»Es gibt Gute und Schlechte in allen Rassen«, sagte Cornelius.

»Amen«, sagte Gabol.

Benny beschloß, sich da rauszuhalten.

»Lassen wir das«, sagte Alex. »Wir können später darauf zurückkommen. Warum haben sich die Türken so erstklassig verhalten?«

»Okay«, sagte Benny, »lassen Sie mich eine Minute nachdenken.«

Er schaute durch das Bullauge; er stand auf und ging, um auf die ruhige See zu sehen, das tiefe, stille, ewige Blau. Eines Tages würde er segeln lernen, er würde allein ein einem kleinen 139weißen Boot sitzen, schläfrig unter der strahlenden Sonne, allein und ungestört. »Die Türken«, sagte er, immer noch aufs Meer hinaussehend, »waren eine richtige Armee. Die Vorgesetzten hatten Macht über Leben und Tod ihrer Untergebenen. Der perfekte Faschismus für eine faschistische Aufgabe. Sie waren zum Töten abgerichtet und hatten sich anwerben lassen, um zu töten, und die Großen versetzten die Kleinen in Todesangst. Ach, zum Teufel, ihre Offiziere gaben Befehle! Ihre Soldaten weigerten sich einfach, den Chinesen zu gehorchen; sie nahmen Befehle nur von ihren eigenen Offizieren entgegen, und die Chinesen respektierten das. Diese Türken waren Soldaten

Ungeduldig fragte Cornelius: »Und was hat das alles mit unseren Jungs zu tun?«

140

11

Aus dem weißen Himmel fegte, peitschte ein unaufhörlicher, unbarmherziger Wind von der Mandschurei über den grauen Yalu. »Ich bin ein mediterraner Typus«, klagte ich.

Am Zaun sagte Kinsella: »Sie wollen nicht, daß wir sterben.« Wir starrten mit leeren Blicken auf einen ungerührten Posten, ein bewaffnetes Bündel von wattierten Kleidern. Irgendwo hockten Schneider und stichelten, chinesische Jacobs. Kinsellas Blicke schweiften, die Augenhöhlen waren eingesunken, dunkel. »Wir müssen es glauben. Was hat er zu Ihnen gesagt?«

»Demnächst werden Haare geschnitten.«

»Fotografen«, sagte er. »Erinnern Sie sich? Im Krieg wurden Fotos gemacht, auf beiden Seiten, zum Angeben. Friseurläden, Volleyball.«

Ich fröstelte. »Gehen wir zurück.« Mir wackelten die Knie. Die Erde war eisenhart.

Kinsella schnaubte: »Vielleicht geben sie uns eine Banane für die Fotos oder einen Tennisschläger.«

»Lieber eine Banane.«

»Lehnen Sie sie ab«, sagte er. »Sagen Sie das Ihren Männern. Diese Schurken sind so smart, die werden uns benutzen. Ich weiß nicht wie, aber sie werden uns benutzen.«

»Ich hab ihn gefragt, ob wir im Frühling etwas anbauen könnten. Er sagte nein.«

»Verdammt. Ein Maiskolben.«

»Butter, Salz.« Mein Magen zog sich zusammen, flatterte.

»Ich hab mir da was zusammengereimt«, sagte Kinsella. »Ihre Turbinen haben sie alle hier in der Gegend, am Yalu, Staudämme und Kraftwerke. Ich wette, dieses Dorf war mal eine Arbeitersiedlung, und sie haben uns hierher gebracht, damit wir ihnen nicht die Kraftwerke und alles zerbomben. Einleuchtend, nicht?«

»Klingt überzeugend. Aber nur ein kleiner Trost.«

»Sie arbeiten für die.«

141

Ich war zu müde zum Redenhalten.

»Die Männer mögen das nicht.«

»Woher kommen Sie?« fragte ich.

»Oklahoma.«

»Seit wann sind Sie dabei?«

»Seit einundvierzig.«

»Ich heile Kranke«, sagte ich. »Die meiste Zeit nicht mal das. Wir verlieren sie zu Dutzenden, Major.«

»Sie arbeiten auch für die.«

»Für uns auch. Wäre es Ihnen lieber, wenn sie mich einsperrten?«

»Mich würde das nicht kratzen«, sagte Kinsella. »Hauptsache, Sie vergessen nicht, daß Sie amerikanischer Soldat sind.«

»Richtig«, sagte ich.

»Sie sind zur Flucht verpflichtet!«

Wenn ich nicht so erschöpft gewesen wäre, wäre ich vielleicht erschrocken. Ich schlurfte daher, spindeldürr und stoßweise atmend.

»Sie haben eine Verpflichtung, anderen zur Flucht zu verhelfen. Wir haben das durchgesprochen. Sie haben eine bevorzugte Stellung.« Er dachte ein paar Schritte lang nach. »Beer«, sagte er, »ich möchte, daß Sie mir jeden Fetzen Information bringen, der uns helfen könnte.« Ein Irrer.

»Über die Posten, die Zäune, Licht, Waffen, Tore – alles. Sie haben eine große Verantwortung und die beste Gelegenheit.«

»Jawohl«, sagte ich.

»Hat er irgend etwas über die anderen Lager gesagt?«

»Nein.«

»Oder wo wir genau sind?«

»Nein.«

»Verdammt. Frühling und Sommer sind die beste Zeit, vielleicht Frühherbst; gute Deckung, und alles wächst. Für die Ernährung.«

»Richtig.«

»Wenn wir an den Fluß kämen.«

»Wenn Sie zum Fluß kämen«, sagte ich, »würden Sie darauf hinuntertreiben in die Bucht. Und was dann? Port Arthur?«

142

»Unsere Navy«, sagte er. »Diese Schurken haben keine Marine. Ich wette, unsere Schiffe machen jetzt Patrouillenfahrten da.« Ich schwieg. So eine Denkweise heischte Bewunderung.

»Stellen Sie alles fest, was Sie können. Berichten Sie mir jeden Tag.«

»Jawohl«, sagte ich.

 

Ich erwachte in haltlosem Entsetzen, atemlos, eiskalt; eine Hand hielt mir den Mund zu. Im milchigen Licht der Dämmerung sah ich, daß es die von Trezevant war; ich atmete, mein Puls erwachte stolpernd wieder zum Leben. Trezevants Blick lenkte meinen eigenen; ohne mich zu rühren, erkundete ich den Eingang und entdeckte zwei schlanke braune Ratten; wachsam spähten sie, eine saß auf den Hinterbeinen aufgerichtet. Ich beobachtete sie. Selbst im Dämmerlicht hatten sie strahlende Augen, wie Glasperlen, und Schnurrhaare; ihre kleinen Ohren ruckten und zuckten. Ihre langen grauen Schwänze waren nackt – sonst hätten sie Schoßtierchen sein können, kleine wilde Geschöpfe, kurzhaarig, sauber, nervös.

Trezevant richtete sich auf. Die Ratten verschwanden.

Zwei Morgengrauen später schrie Scafa. Ich stolperte ins Krankenzimmer und fand ihn vor Entsetzen wimmernd, die Hände mit steifen Fingern auf den Ohren, am Rande des Wahnsinns. »Eine Ratte! Eine Ratte auf meiner Brust!« Er rang keuchend nach Atem.

»Nur eine Waldratte«, sagte ich tröstend, in summendem Ton, eine Waldratte, ja, Felder und Wälder, ein Geschöpf der Natur, wie Häschen und Eichhörnchen, »nur eine Waldratte. Sie fressen Wurzeln und Beeren. Sie tun Ihnen nichts.«

»Oh, oh«, sagte Scafa. »Sind Sie sicher, Lieutenant?«

»Ich bin ganz sicher«, log ich. Danach sahen wir oft Ratten, bei Morgengrauen, oder in dem ausgehobenen Keller, und wir hörten sie, ssst, ssst, und freuten uns an ihnen, gaben ihnen Namen und stritten uns, ob das hier nun MacArthur oder Mao war. Ich hätte die Männer gern dazu gebracht, sie zu kochen und zu essen, wenigstens im Eintopf, aber ihr Abscheu saß tief: 143Sie glotzten, zeigten auf sie: unrein, unrein. Ich fürchtete Meuterei, Anarchie, das Chaos der Verzweiflung, und hielt den Mund.

 

»Und das tut weh«, stöhnte Trez. »Stechende Schmerzen in den Beinen, nachts vor allem.«

Ich betrachtete diesen großen schwarzen Mann. Reisen bildete, zweifellos. Cela change les idées. Wir schlürften heißes Wasser, zwei Herren vom Militär beim Tee, ein Plauderstündchen, über Kampfgeist, Zwietracht und Sorgen in den anderen Rängen. »Bei mir auch. Reden Sie nicht darüber. Wenn wir aufgeben, geben sie alle auf.«

»Das hier gäb ich gern auf«, sagte Trezevant, »ich würd mit Vergnügen meinen Abschied nehmen.«

»Sie nicht.«

»Na ja, nein.« Er brachte ein Grinsen zustande. »Aber zum ersten Mal seit Jahren würde ich ganz gern mal nach Hause fahren.«

»Und wo ist das?«

»Lee County, Arkansas, rund zehn Meilen von Marianna. Am Arm der Welt.«

»Was haben Sie vorher gemacht?«

»Scheiße gefressen«, sagte er gemütlich, »und mich zur Army gemeldet, sobald ich konnte.« Wieder das Grinsen. »Hab ein falsches Alter angegeben.«

»Landarbeiter? Sharecropper?«

»Mein Papa. Das ist er immer noch, wenn er nicht krank ist. Mama ist an zu vielen Kindern und zu wenig sonstwas gestorben. Ich vermute, Sie hatten es richtig gut?«

»Das hatte ich.«

»Ich höre, Sie waren im Krieg.«

»Das stimmt«, sagte ich. »Corporal.«

»Dann wissen Sie ein bißchen Bescheid.«

»Ein bißchen.«

»Viel gekämpft?«

»Deutschland. Purple Heart sogar.« Prahler, Held. Alle Männer sind kleine Brüder.

144

»Ob man ein Purple Heart auch für Gefangenschaft kriegt?«

»Nein. Aber Nachzahlungen.«

»Noch besser. Was ist jetzt mit diesen Schmerzen?«

»Das ist Skorbut«, sagte ich.

»Skorbut? Ich denke, das kriegen nur Seeleute.«

»Es liegt an der Ernährung. Kein Gemüse, kein Obst. Sie werden es alle bekommen.«

»Hm. Kommt Oldridge durch?«

»Nein«, sagte ich, »aber reden Sie nicht darüber.«

»Komischer Kerl«, sagte Trezevant. »Armer Weißer aus Florida, alt und dick. Pinky nennen sie ihn, wußten Sie das?«

»Pinky. Mit Spinat und Apfelsinen könnten wir ihn retten.«

»Apfelsinen. Apfelsinen aus Florida. Vielleicht sollten wir diese Ratten essen.«

»Das werden wir noch«, sagte ich. »Ich wette einen Dollar.«

»Ich nehme die Wette an«, sagte der große Mann. »Sie als erster. Offiziere voran.« Er lachte leise.

 

Ich behandelte Türken von der Türkischen Brigade und Briten von der 27. Commonwealth-Brigade. »Vergessen Sie die Bezeichnung«, sagte Kinsella entschieden. »Sie wissen nichts über die Einheiten.«

»Das wissen alle«, sagte ich. »Wie viele türkische Brigaden gibt es? Oder britische?«

»Trotzdem«, sagte Kinsella. »Was meinen Sie, wie viele wir insgesamt sid? Sie kommen doch herum.«

»Sieben- bis achthundert.« Filipinos, Koreaner.

»Ich glaube nicht, daß wir ausbrechen könnten.«

»Nicht mal aus einem gebrauchten Kondom könnten wir ausbrechen«, sagte ich. »Hundert Mann liegen im Sterben, und von den anderen kann nicht einer geradeaus pissen.« So ich, Konzertmeister und Beethoven-Freund. Mögen Gourmets schwärmen. Wer Scheiße ißt, redet Scheiße. Im Haus des Gehängten spricht jeder vom Strick. Wir würden bald vom Leben nach dem Tode reden. Ein paar würden verrückt werden. Beer als erster. Nein. Ich war eine Art Kapitän und würde das Schiff als letzter verlassen.

145

In der Nacht starb Oldridge. Er war tot, als wir morgens zu ihm kamen, und ich brachte Kinsella seine Hundemarken. Er war ein Hundemarkensammler, ein Numismatiker; er hatte einen Haufen in einem Beutel, wie einen Hort fremdartiger Schillinge. »Schlimm«, sagte er.

»Es wird noch schlimmer werden«, sagte ich. »Er hat wieder nach mir geschickt.«

»Sagen Sie ihm, daß wir sterben. Wir müssen unbedingt mehr zu essen haben. Erinnern Sie ihn an Nürnberg.«

»Nürnberg.« Ich gab mir ernsthaft Mühe zu verstehen.

»Kriegsverbrechen«, sagte Kinsella energisch.

»Richtig«, sagte ich.

 

Ou-yangs Figur schon gab ihm Autorität; ich kam mir dürr und unterwürfig vor, ein Kriecher. »Kommen Sie mit«, sagte Ou-yang, und ich nickte stumm. Wir gingen unter nackten Glühbirnen an Büros vorbei, einem Lagerraum, einer Toilette – einer Toilette! Ich sperrte Mund und Augen auf: eine orientalische Toilette, man hockte, steinerne Fußrasten, eine Kette. Ich beeilte mich. Die Krankenstation: ein kleiner Raum, eine Deckenbeleuchtung, ein Tisch, Feldbetten. Drei Patienten. »Diese zwei«, sagte Ou-yang, »haben einen Ausschlag. Bei dem hier näßt das Ohr.«

Ich untersuchte, grunzte, gab die imponierenden Geräusche des Experten von mir. Muß Untermeyer konsultieren; alle Anzeichen für eine Tragödie, eine Epidemie von Unterwäsche-Pilz; führt Frauen und Kinder fort und den Darm ab. Untermeyer. Ach, wenn man die Untermeyers hier hätte! Ein unpassender Gedanke. »Diese beiden sollten sich häufiger waschen. Die befallenen Stellen zweimal täglich mit Kaliumpermanganat baden. Also gut, dann eben mit Alkohol. Gut, dann mit Seife, Herrgott noch mal! Der hier hat eine Infektion. Halten Sie das sauber. Wenn Sie Penicillin haben, benutzen Sie es.«

»Ah ja, Penicillin.« Ou-yang sprach; ein Soldat öffnete ein Schränkchen. »Da, tun Sie es«, sagte Ou-yang.

Verträumt betrachtete ich das Fläschchen, die Spritze, die Nadel.

146

»Die haben Sie mir weggenommen.«

»Ja«, sagte Ou-yang.

»Meine Männer sterben«, sagte ich. »Sie brauchen zu essen! Sie haben alle Lungenentzündung. Sie brauchen Medikamente!«

»Wir haben keine Medikamente. Halten Sie sie warm.«

Ich legte die Spritze hin. »Ich kann das nicht machen. Ich kann doch nicht herkommen und … Ich kann nicht …« Was wollte ich eigentlich sagen? Ich machte die Spritze fertig, verabreichte sie. Haut, Blut, Haut ist Haut, Blut ist Blut. »Lassen Sie die Nadel sterilisieren«, sagte ich. »Ist das Aspirin?«

»Ja.«

Ich schraubte den Deckel ab und nahm sechs Tabletten heraus. Ich wickelte sie in ein Stück Zeitung und sah Ou-yang mürrisch-herausfordernd an, ein Tier, ein Hund mit einem blanken Knochen.

»Behalten Sie sie«, sagte Ou-yang. »Kommen Sie mit.« Er sagte etwas zu einem Soldaten. Wir gingen wieder in sein Büro. Erschöpft sah ich über die Toilette hinweg. Ou-yang bot mir einen Stuhl an. »Wir haben keine Nahrungsmittel«, sagte er. »Die gehen alle an die Front. In ganz China hungern die Leute. Manche verhungern. Wir haben das Land erst ein Jahr, und es gibt soviel zu tun. Denken Sie, wir wollten diesen Krieg?« Er brütete, trotzig und traurig. »Wenn es etwas zu essen gibt, wird es verteilt. Wir sind keine Folterer.«

»Dann ist es vielleicht zu spät«, sagte ich. »Wir haben jetzt Skorbut, jede Menge.«

Ou-yang zuckte die Achseln. Er winkte, und ein stattlicher, runder, kahler Corporal kam durch die Tür; er trug eine Schale Reis, auf dem gekreuzt zwei Lauchstangen lagen. Ich schlang. Ich schaufelte das Essen in den eingefallenen Mund. »Tee? Gibt es Tee?« Ou-yang goß ihn selbst ein. Ich aß gierig, und wurde plötzlich und brutal von Beschämung überfallen; meine Kehle schloß sich. Ich grübelte darüber nach. Dann nahm ich all meine moralische Bestechlichkeit zusammen und aß. In freudiger Frevelhaftigkeit säuberte ich meinen Teller; es gibt hungernde Kinder in China. Ich wurde ruhig und fuhr mit der 147Zunge saugend im Gebiß herum. »Ein Spiegel«, sagte ich. »Haben Sie einen Spiegel?«

»Ja, o ja.« Ou-yang stöberte. Auf seinem Schreibtisch lag eine Zeitschrift. Eifrig besah ich mir die geheimnisvollen Zeichen. Ou-yang reichte mir einen kleinen Handspiegel; er war belustigt.

Mein dunkles, strähniges Haar sah aus wie das eines verwilderten Mädchens. Mein Bart – ein Rabbi! Endlich! – war gekräuselt, trocken, drahtig. Meine Augen spähten aus dem Dickicht wie die von Feldmäusen. Meine Lippen waren aufgesprungen, in der Sonne getrockneter Schlamm. Das Gesicht. Das tausend Hüften gekost hatte! »Ich sehe aus wie ein Sträfling.«

»Sie sind ein Sträfling«, sagte Ou-yang.

 

»Dazu haben Sie kein Recht«, sagte Kinsella ausdruckslos.

»Hier«, sagte ich, »nehmen Sie drei mit.«

»Was ist das?«

»Aspirin.«

»Aspirin! Verdammt, Mann, das hilft uns nicht!«

»Er hat gesagt, es gäbe keine Nahrungsmittel. Wenn welche kommen, kriegen wir welche. Ich sagte ihm, das könnte zu spät sein.«

»Sie fraternisieren!« sagte Kinsella. »Verdammt, Beer, Sie kriegen Ärger!«

»Sie machen Witze«, sagte ich.

»Sie sind Soldat!« sagte er. Und während er allerlei herunterrasselte, was ich kaum hörte, gestand ich mir selbst ein, daß ich nie ein richtiger Soldat gewesen war, gar nicht wußte, wie das war: voller Energie aufzuwachen, eine Vorliebe für Planung und militärische Taktik und Tarnung zu haben und für den kurzen Blick auf einen Feind im Visier, der einem das Herz stillstehen läßt, für den federnden Rückstoß; wie befriedigend, wie unerhört befriedigend muß es sein, wenn du überhaupt Spaß an so was hast, dieses verzerrte Hinplumpsen von Puppen, die auf deinen Tod aus waren und den eigenen Tod fanden. Kaffee und Zigaretten und die tollen Geschichten 148über andere Schlachten, Frauen, legendäre Sergeants, Flankenfeuer.

»Ich hatte mal einen Sergeant«, sagte ich, »wenn der mit uns zur Granatübung ausrückte, pflegte er uns vor herumfliegenden Derbis zu warnen.«

»Vor was?«

»Herumfliegenden Derbis«, sagte ich.

»Verdammt«, sagte Kinsella, »was soll das?«

»Richtig«, sagte ich.

 

So streifte ich durch meine kleine Hölle, stolperte über Leichen, machte meine Visiten ohne Instrumente, ohne Medikamente, ohne Hoffnung. Ich bot wertlose Ratschläge, unterwies Männer in Krankenpflege. Ich schnitt totes Fleisch mit einem langen Fingernagel aus, mit einem geschmuggelten Metallöffel. Ich zeigte meinen Männern die Aspirin, während sie sich interessiert um mich drängten. Trezevant wurde zu ihrem Hüter ernannt. Ein kalter Regen fiel beharrlich, und dunkle Erde quoll durch den Schnee wie Räude auf einem Eisbären. Vom Krieg gab es keine Nachricht. Was für einem Krieg? Ich hatte eine Vision: Der Krieg war aus, die anderen waren alle nach Hause gegangen, und diese hier waren die Büßer, dies war ihre Unterwelt, ihre Vorhölle; jeder hatte getötet oder verraten, irgendwelche ungeklärten und unsühnbaren Frevel begangen. Cuttis lebte weiter, sommersprossig und freundlich. Mit Scafa ging es abwärts. Bewley unterhielt sich mit Jesus. Ich stand und glotzte auf den Yalu wie ein Dorftrottel und beschwor mich selbst zu überleben.

Wir standen sehr unter Druck, und das Geschäft kam in Gang. In jeder Hütte ein Hamsterschatz von Hundemarken. Meine eigenen noch immer verloren. Ich könnte welche klauen und für immer jemand anders sein. Niemals. Ich bin was ich bin. Eines Morgens konnte Collins, der wie ein Fötus schlief, seine Beine nicht strecken. »Christus!« brüllte er. »Ich bin gelähmt!« Ich untersuchte ihn, den sehnigen Collins, der vorher schon nicht fett gewesen und jetzt nur noch Haut und Knochen war. Müde massierte ich ihn, aber sanft, dankbar, es war 149eine Beschäftigung, mein Metier. Trezevant gab ihm heißes Wasser zu trinken. Das linke Bein entspannte sich Millimeter für Millimeter, lockerte und streckte sich. Ewald arbeitete am rechten Bein. Nach einer halben Stunde konnte Collins gehen. Ewald brachte ein Lächeln zustande.

Ich beriet mich mit Trezevant, und er übernahm die Bekanntmachung: »Es gibt nur eine Möglichkeit, am Leben zu bleiben, nämlich diese, also hört gut zu. Von morgen an stehen Sie alle früh auf, wenn wir Sie wecken. Auch wenn es erst sieben Uhr ist und auch wenn es nicht von den Chinesen kommt. Wir wecken Sie. Dann waschen Sie sich. Und ebenso Cuttis und Scafa und wer sonst noch richtig krank ist. Nach dem Essen reinigen Sie die Hütte und die nähere Umgebung. Danach setzen Sie sich und suchen sich die Läuse ab. Sucht sie und knackt sie. Von jetzt an holen wir täglich Holz und nicht jeden zweiten Tag. Außerdem richten wir in dem Haus hinter Cuttis ein Damebrett auf dem Boden ein. Wir benutzen Steine als Figuren, und jeder Mann spielt täglich zwei Spiele, und Sie verfolgen die Ergebnisse. Ein Turnier, kapiert? Preise werden später bekanntgegeben. Und jeden Tag vor Mittag Gymnastik.«

Das Meckern und Stöhnen war das erste wirklich menschliche Geräusch seit vielen Wochen.

Aber am nächsten Morgen sträubten sie sich, höhnten, fluchten. Collins weigerte sich, überhaupt aufzustehen, und machte es sich wieder bequem. Sunderman und Ewald, das Holz-Kommando, zuckten die Achseln: »Morgen ist noch satt Zeit.« Ich schaute in der Hoffnung auf eiserne Härte und Rückgrat auf Trez; Trez zuckte auch die Achseln. Trez, Bewley und ich gingen zur Gymnastik nach draußen. Hoffnungslos und planlos standen wir im Wind. »Na los, tun wir ein bißchen was«, sagte Trez. Wir taten ein bißchen was und kehrten dann in die warme Hütte zurück.

Dann begann Mulberg zu verlöschen. Er saß mehrere Tage lang stumm da und starrte in seine Vergangenheit. Die anderen scheuten vor ihm zurück. Das war seine Sache. Yuscavage klagte über seine Schulter. Bewley betete mit dröhnendem Tenor und sagte: »Jesus, der beste Heiler.« Mulberg aß mechanisch 150oder gar nicht. Dann verbrachte er mehrere Tage überwiegend im Liegen. »Von der Sorte gibt es welche in allen Hütten«, sagte Kinsella.

»Es ist keine Krankheit«, sagte ich, »nicht wie Skorbut.« Meine eigenen Beine waren nachts ein einziger Schmerz. Mörderisch.

»Was glauben Sie?«

»Ich weiß nicht.«

Mulberg bat um Eiswasser. Dann um Sorbet. In der dritten Woche weigerte er sich zu essen, wenn er kein Mineralwasser dazu bekäme.

»Eiswasser!« Kinsella war verblüfft. »Ein Dutzend von denen verlangen nach den verschiedensten Getränken. Root-Beer. Verdammt. Was ist das denn bloß?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Vielleicht wird er verrückt. Ich werde irgendwas unternehmen.«

Ich ging mit Trez zusammen zu Mulberg hinein, der seine Jacke ausgezogen hatte und sich damit den Kopf bedeckte. »Mulberg«, rief ich. Keine Antwort. Trez schüttelte ihn, und nichts geschah. »Essenszeit«, sagte ich. Nichts. Wir brachten ihn miteinander in sitzende Stellung, und ich wickelte seinen Kopf aus; dann gab ich ihm zwei Ohrfeigen. Die neue Medizin. Er blinzelte und knurrte. »Ewald!« rief ich. »Bringen Sie einen Becher Suppe.« Ewald glotzte matt und rührte sich nicht; Trez holte die Hirse. Er zwang Mulbergs Mund auf, und ich goß Suppe hinein. Mulberg würgte, ließ die Suppe herauslaufen, spuckte und drehte sich weg. Wir versuchten es wieder. Er brüllte und spie. Ich schlug ihn wieder: »Verschwenden Sie keine Nahrungsmittel!« Es war alles so sinnlos! Aber er schluckte den nächsten Mundvoll; wir trichterten ihm den Rest ein und verließen ihn. Am nächsten Morgen wiederholten wir das. Nach dem Essen urinierte Mulberg auf den Fußboden; er lag völlig unzivilisiert und ließ es einfach laufen, mit schlaffer Tülle. Trez und ich wurden beide nicht so sehr von schlechten Manieren abgestoßen wie durch solche Würdelosigkeit angeekelt. Wir schleiften ihn hinaus, stellten ihn aufrecht hin und spielten Medizinball mit ihm, schubsten ihn hin und her, bis er 151hinfiel, zerrten ihn wieder hoch und schubsten weiter. Wir zogen ihn aus und warfen Kiesel nach ihm. Er schützte seine Juwelen. Wir zogen ihm die Hände weg; er wehrte sich. Er stand auf und jaulte. Er stürzte sich auf seine Hosen. Wir ließen ihn sich anziehen. »Mach ja keinen Scheiß mehr!« sagte Trezevant. Mulberg stand keuchend da. »Kniebeugen!« befahl Trezevant und zählte. Mulberg machte zehn Kniebeugen und starrte uns finster an.

»Drei von denen sind gestorben«, sagte Kinsella. »Legten sich einfach hin und starben!«

»Zwingen Sie sie«, sagte ich. »Erniedrigen Sie sie. Zielen Sie auf die Eier.«

Wir hielten noch ein paar am Leben. Wozu?

 

Anfang März ein gesellschaftliches Ereignis, eine schwindelerregende Woche. Erst das Haareschneiden, alle Männer wurden geschoren, plötzlich Kinder, spindeldürr, Schwachsinnige. Dann schickte Ou-yang nach mir. Er zitterte vor höflicher Bemühung, brach dann aber in wieherndes Gelächter aus. »Ich sollte Sie alle antreten lassen. Sie werden aussehen wie ein, ein, ein Feld voller Melonen!«

Ich lächelte dümmlich. Samson, geschoren, heiß vor Verlegenheit, beklommen, sich windend, und absolut keine tragische Figur. Ein Mißverhältnis, eine Demütigung. Riesige Ohren. Sterbende Ärsche mit Läusen.

»Ich habe außerordentlich gute Nachrichten«, sagte Ou-yang.

Ich glaubte an nichts und wartete.

Ou-yangs Hand schnellte hoch, die Bewegung eines Zauberkünstlers, und eine Halskette baumelte glitzernd.

»Meine Hundemarken!« sagte ich voll des Staunens.

»Und«, sprach Ou-yang feierlich, »eine Schachtel Zigaretten und ein Beutel Trockenerbsen. Und bald gibt es Sojabohnen für Ihre Männer. Protein.«

Getrocknete Erbsen. Sojabohnen. Ich bezwang aufsteigende Tränen.

 

152

»Na ja«, sagte ich zu Kinsella, »und dann hab ich ihn eben zusammengeflickt. Keine Ahnung, wer er war«, und fügte dann unbeholfen, verstört, unruhig hinzu: »Unter Zwang.«

Kinsella schwieg streng.

»Anscheinend ein politischer Offizier, jung, aufstrebend. Weiß der Himmel, vielleicht wichtig, brillant. Und jetzt habe ich eine Belohnung gekriegt. Und meine Hundemarken zurück.«

Kinsellas Hand war wartend ausgestreckt. Ich ließ die Kette hineinfallen. Er las, nickte, gab sie zurück; ich schlang sie mir wieder um, Perlen: eine Debütantin. »Meine Jungens waren zuerst dran«, sagte ich, »aber die hier sind übrig.« Kinsella nahm die Schachtel, schnupperte daran, bot an: Ich lehnte ab. Er fummelte im Hosenbund, holte Streichhölzer hervor; er zündete eine Zigarette an, nachdenklich, inhalierte, blies Rauch aus, eine Träumerei, Rauchstrahlen aus der Nase. Er lächelte. »Verdammt!«

»Sie handeln mit dem Feind!«

»Den Teufel tu ich. Sie sind uns verflucht mehr schuldig als dies.«

»Da ist noch was. Er sagt, wir kriegten bald Sojabohnen.«

»Sojabohnen.« Er inhalierte noch einmal, lächelte wieder. Ich mußte wieder an Wochenschauen denken.

»Sojabohnen sind voll guter Sachen«, sagte ich. »Proteine.«

»Sojabohnen sind fürs Vieh.«

»Das sind wir«, sagte ich. »Außerdem ist dieses Wetter gut. Vielleicht haben wir die Talsohle erreicht. Vielleicht geht es jetzt aufwärts.«

»Vielleicht«, sagte Kinsella. »Vielleicht ist es jetzt Zeit, auszubrechen.«

»Richtig«, sagte ich.

 

Wir zerquetschten die Erbsen in kochendem Wasser für Scafa und Cuttis, und ich fütterte sie, nützlicher jetzt, ein Mann mit einer Aufgabe. Ich schlief auch mit dem Stoffbeutel – die Erbsen konnten für eine Woche langen – und erwachte in der ersten Nacht, als Sundermans Hand über mein Gesicht fuhr. Ich 153wußte nicht, daß es Sunderman war, ich sprang auf, machte Licht, brüllte und erschreckte alle. Sie hasteten verschreckt durcheinander, und wir ließen sie Aufstellung nehmen, und Trez fand den Beutel in Sundermans Hose. Wir standen alle stumm da, niemand bewegte sich besonders oder machte einen Vorschlag. Sie warteten darauf, daß ich den Offizier zeigte, aber ich fühlte mich absolut nicht wie ein Offizier. Ich fühlte mich fiebrig, und ich versuchte, gab mir ehrlich Mühe (der Mann von Welt, Arzt, Jude), etwas gegen das Kribbeln und das An- und Abschwellen von blanker Wut, fast Wahnsinn in mir zu unternehmen; ich zitterte innerlich und sah unglücklich von einem Mann zum anderen und hätte ihnen Sunderman wahrscheinlich überlassen. Aber Sunderman war auch verrückt und versuchte die Tür zu erreichen. Ich packte ihn, ich war jetzt ein tollwütiger Hund, der alte Corporal; ich schob ihn zurück und schlug ihn auf den Mund. Er erwischte mich mit einer Rechten an der Schläfe, und dann schlug ich auf ihn ein, mit beiden Armen, auf Rippen, Bauch, und als er sich krümmte, trat ich einen Schritt zurück und traf ihn da, wo Kiefer und Hals zusammenstoßen, unter dem Ohr, und er ging seitlich zu Boden und rutschte auf den Lehmfußboden. »Schwein!« keuchte ich. »Schwein!« Und das Wort bedeutete alles. Er war bei Bewußtsein und lag schluchzend da. Die Männer beobachteten ihn fast ohne Interesse. Trezevant stieß ihn an, mit dem großen Zeh in die Rückseite, und sagte: »Es ist schon in Ordnung. Es ist vorbei.« Sunderman richtete sich auf, weinend, hochziehend, ein vierjähriges Kind, und ich war so gut wie leer – Männlichkeit, Leidenschaftlichkeit, Hoffnung, Entschlußkraft waren erschöpft. Ich war sehr müde. Ich holte mir meinen Beutel Erbsen zurück und legte mich wieder auf mein Fleckchen Fußboden und lag auf dem Rücken und wußte, daß es kein Entrinnen gab und daß dies der Krieg war, den wir immer gefürchtet hatten, der Krieg, der nie zu Ende gehen würde. Bald weinte ich auch. Am Morgen war Scafa tot.

 

154

Kinsella nahm die Hundemarken entgegen und sagte: »Ich höre, Sie haben einen regulären Soldaten geschlagen.«

»Mehrfach.« Das warme Wetter hielt an, der Schnee war fast verschwunden, grüne Spitzen schienen aus dem Boden zu rufen, und mir war das egal.

»Warum?«

»Er hatte Nahrungsmittel gestohlen. Nahrung für die Kranken.«

»Sie können die Disziplin nicht aufrechterhalten, wenn Sie Soldaten schlagen.«

»Es gibt keine Disziplin.«

»Es gibt sie«, sagte Kinsella, »und sie ist die einzige Hoffnung.«

Darauf gab es keine Antwort.

»Tun Sie es nicht wieder«, sagte er.

»Ja, Sir.«

»Wie viele Tote inzwischen?«

»In meiner Hütte zwei. Insgesamt jeder vierte, oder vielleicht jeder dritte.«

»Verdammt«, sagte er. »Aber es wird wärmer. Ruhr?«

»Meine zwei gehörten dazu. Viel Ruhr und Lungenentzündung und Skorbut und immer noch offene Wunden.«

»Es ist unmenschlich«, sagte er. »Und noch keine Sojabohnen.«

»Ich gebe auf«, sagte ich und ging. Auf dem Weg zurück zur Hütte sah ich ein Kraut, ein unscheinbares, gewöhnliches grünes Kraut, flache Blätter mit vielen Adern, das riß ich aus und gab es Trezevant, sozusagen zum Abschied. »Werfen Sie es in den Topf«, sagte ich. »Lassen Sie die anderen auch Kräuter suchen, alles mögliche, tun Sie alles in den Topf.«

Dann legte ich mich hin und stand nicht auf. Trez versuchte mich zum Essen zu zwingen, aber ich kehrte meinen höheren Rang hervor: »Rühren Sie mich nicht an!« Am vierten Tag verlangte ich doch tatsächlich nach Eiswasser. Oder Mineralwasser, was Jacob Vichywasser nannte. Ich sah es, in Flaschen, in glitzernden Reihen von Flaschen auf einer Unterlage von Eis, mit Tropfen außen und mit Billionen von Bläschen. Ich drehte 155mich herum und lag mit dem Gesicht nach unten. Ich dachte an Carol, aber ihr Gesicht war verschwommen. »Genug«, sagte ich.

Ich träumte. Ich träumte von einem Fischschwarm, einer Austernbank: Ich war unter Wasser, mit einem Sack, schwebte, glitt, trieb, setzte einen schwimmenden Fuß nach dem anderen unsicher in der wirbelnden blauen Dunkelheit ab; ich erntete Seegurken, Grünes, Grünes, und Meerschnecken, Proteine, Proteine. Ich fegte ein Dutzend Austern in meinen Sack, und Fische folgten, silbrige Fische mit blauen und gelben Streifen und langen, zarten, nachschleppenden Flossen, und dann sah ich ein Loch im Sack, und alles war verloren, ich bekam keine Luft mehr, ich schlug um mich und erwachte.

Später kam Kinsella und sagte: »Benny, wir haben Kranke. Stehen Sie auf, kommen Sie.« Ich antwortete nicht. Er wütete und brüllte. Ich hörte ihn, Meilen entfernt, aber ich war müde, zog mir die Jacke über den Kopf und schloß die Augen.

Kinsella riß mir die Jacke weg, zerrte mich hoch und schlug kräftig zu. Ich lächelte schwach und sackte zurück. Ich wußte, was er tat, und billigte es; er war ein guter Mann, ein feiner Kerl, aber ich wollte nicht. Ich war auf dem Grunde des Meeres und wollte nicht aufsteigen. Ich versank im Schlamm, und mein Herzschlag wurde langsamer. »Los, aufstehen«, sagte er, fauchte er, »aufstehen!« Ich würde bald sterben. Wir starben alle. In drei oder vier Wochen würde ich tot sein. Ich wünschte, Kinsella würde das Maul halten und abhauen.

Sein Gesicht war ganz nahe vor meinem, ich konnte seinen Atem fühlen. »Steh auf«, flüsterte er, »du gottverdammter feiger Jude, steh auf!«

Verschwommen, tief in mir drin, wußte ich, was er wollte; verschwommen, tief in mir, wußte ich, daß er mein Freund, mein Fels, mein Major war, aber ich schoß vom Grunde des Meeres nach oben, tauchte mit einem Schrei auf und zielte auf seine Kehle. Er schleuderte mich gegen die Wand, und Schmerzen kochten in mir hoch, er hatte mich zerbrochen, bekam keine Luft, ich versuchte zu schreien; meine Lungen füllten sich, süß, o süß, Rettung! Und ich weinte und weinte, und 156Kinsella wiegte mich und sagte dazu, es ist alles in Ordnung, Benny, es ist ja alles gut, Benny, hol sie der Teufel, es ist alles gut, Benny, die Sojabohnen sind da. Und dann – dieser Cuchuainn – dann sagte er etwas ganz Erstaunliches, und er sagte es sehr heftig: »Mann«, sagte er, »vergiß des nicht, du bist doch nicht umsonst als Jude geboren!«

157

12

Gabol saß mit hängenden Schultern und baumelnden Beinen auf einem Tisch in der Messe, mit verbindlicher Miene, das rote Haar vorteilhaft geschnitten: farbige Silos, Sonntagsschule: »Wie fühlen Sie sich in einer Gruppe wie dieser?«

Cornelius hinter einem Schreibtisch runzelte die Stirn: fortschrittliche Erziehung, Gruppentherapie, Kommunismus. Parsons beobachtete. Captain Fontaine, untersetzt, karakulhaarig, kaute eine Zigarre. Er war als Militärjurist vorgestellt worden, und Benny hatte gedacht, gut, dann klage ich. »Wir leben schon eine ganze Weile in Gruppen«, sagte ein schwarzer Lieutenant. Erwachsene Männer kicherten.

Gabol sagte: »Keiner von Ihnen kennt einer der anderen oder hat ihn vorher gekannt. Stimmt das?«

Gemurmel. Es stimmte.

»Keine Notizen«, sagte Gabol. »Sie können sich ganz frei fühlen.«

Ein langer Mensch fragte: »Wie macht man das?« Ein Corporal.

Eine andere Stimme: »Wie ist es mit einem Schluck Bier?«

»Kein Bier.« Gabol lächelte. »Nicht, ehe Sie nicht Ihr altes Gewicht wiederhaben.«

Ehemalige Gefangene; sie zuckten die Achseln, mit schiefem Gesicht. Wieder Befragungen. Sie würden heimkommen, und ihre Frauen würden fragen.

»Hat niemand etwas zu sagen? Ich nehme an, Sie sind froh, hier zu sein?«

»Verpflegung ist besser«, sagte jemand.

»Sie können reden, worüber Sie wollen«, sagte Gabol.

Ein Mann gähnte. Ein anderer blies Rauch hörbar aus, shhh.

Gabols Lächeln schwand. Cornelius runzelte die Stirn.

 

Beim dritten Mal sagte Cornelius: »Was zum Teufel ist mit Ihnen allen los? Sie tun, als wären wir die Chinesen.«

158

»Ha«, sagte jemand.

Benny grinste.

»Was ist da komisch?« fragte Cornelius.

»Nichts«, sagte Benny.

Cornelius sagte zu Gabol: »Das ist idiotisch!«

»Doktor Beer«, sagte Gabol, »welches war der schlimmste Tag?«

Benny sah seine Klassenkameraden an. Leicht zynisch, Fachleute, Dschungelkämpfer, die von einem Mädchen für eine Illustrierte interviewt werden.

»Für mich war es der erste April«, sagte Benny, »als ich nichts mehr zu tun und Zeit hatte, aufzugeben. Und dann so um den ersten Oktober, als wir hörten, daß es keinen Frieden gäbe.«

»Das stimmt«, sagte der lange Mensch. »Da hab ich auch meine Karte abgegeben und bin schlafen gegangen.«

»Da machten eine ganze Menge Leute Ärger«, sagte Cornelius. »Diese Weihnachts-Sendungen.«

»Was glaubten Sie, was wir täten?« fragte Gabol.

Niemand sprach. Gabol wandte sich an Benny.

Benny zuckte die Achseln.

»Was sagten die Chinesen?«

Alle sahen Benny an.

»Warum sehen alle mich an?«

»Wir haben was gehört«, sagte jemand.

»Was gehört?«

»Nur keine Verstimmung«, sagte der Mann. »Wir haben alle genommen, was wir konnten.«

»Den Teufel haben wir getan!« sagte Benny. »Ich hätte jeden Sonntag Hähnchen haben können!«

»Hätten«, sagte Cornelius, »haben aber nicht.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Benny zuckte die Achseln.

»Stimmt das?« fragte der schwarze Lieutenant. »Sie haben das nicht ausgenutzt?«

»Das stimmt.«

159

»Aber irgendwas müssen Sie gemacht haben«, sagte der Lieutenant. »Ich hab Ihren Namen hier und da gehört.«

»Ich hab behandelt.«

»Na, dann …«

»Ich würde es wieder tun.«

»So, würden Sie das«, sagte der Lieutenant.

»Und verdammt recht hat er«, sagte der lange Mensch. »Solange du kein Tier bist, kannst du durchhalten. Solange du weißt, wer du bist.«

»Darüber werde ich nachdenken«, sagte der Lieutenant.

»Sie wußten, wer Sie waren«, sagte der lange Mensch. »Nicht?«

»Das leuchtet wirklich ein«, sagte der Lieutenant. »Entschuldigung, Doktor.«

»Vergessen Sie's«, sagte Benny.

Der Lieutenant sagte: »Nein, ich glaube, ich versuch es zu behalten.« Benny lächelte kurz.

»Was Sie tun müssen«, sagte der lange Corporal gedehnt und plötzlich mie Südstaatenakzent zu Cornelius, »stecken Sie uns drei Tage lang in einen kleinen Raum und wecken Sie uns nachts um zwei und geben uns nichts zu essen und so.«

Die Männer lachten.

Cornelius seufzte. Parsons und Fontaine waren ungerührt.

Das Schiff bebte; die Maschinen waren schwach zu hören.

Gabol sagte, auch mit Akzent, aber einem deutschen: »Wir werden Sie schon zum Reden bringen.«

Lautes Gelächter, Murmeln, Varieté. Gabol strahlte und ließ seine roten Brauen hüpfen.

Ein kleiner Mann, dunkel, mit Römernase, sprach: »Ich will Ihnen sagen, warum ich's nicht tat«, sagte er. »Ich war Koch! Ich gehörte überhaupt nicht dahin!«

»Niemand gehörte dahin«, sagte der Lieutenant.

»Ich tat es nicht, weil mein Captain es mir verboten hat«, sagte ein anderer. »Das war ein regelrechter Hurensohn.«

»Sie haben es alle verboten bekommen«, sagte Cornelius, »aber ein Drittel von Ihnen hat es doch getan. Ich meine nicht Sie hier, nur allgemein.«

160

»Niemand holte uns da heraus«, sagte jemand.

»Keine Nachrichten«, sagte einer, »soweit wir wußten, konnte es lebenslänglich sein.«

Gemurmel, Zustimmung, Nicken, Grunzen.

Der lange Corporal sagte: »Ach, zum Teufel, die Chinesen haben uns gesagt, es gäbe Lieutenant-Colonels, die Tonaufnahmen machten. Und Filme.«

»Es war eine lange Zeit, Pa«, sagte jemand. »Zwei Jahre! Und zwei Jahre am Yalu sind nicht wie zwei Jahre im Offiziersclub mit Bier und Miezen.«

»Yay ho«, sagte einer.

Der Corporal wieder: »Die Chinesen haben gesagt, Sie hätten Gas und Bakterien eingesetzt. Stimmt das?«

»Natürlich nicht«, sagte Cornelius.

Wieder dieser Hauch, diese kleine Welle von Ungläubigkeit.

»Wär besser gewesen«, sagte der lange Mensch wieder. »Dann wären wir schneller rausgekommen.«

Fontaine sprach zum ersten Mal, mit einer tiefen dröhnenden Stimme: »Angenommen, wir zeigten jetzt auf einen Mann hier und sagten, er hätte kollaboriert. Wie würden Sie sich zu ihm stellen?«

Sie dachten darüber nach. Der lange Corporal sprach. Er war blond und langsam, ein Cowboy-Gesicht, gutaussehend, mit kantigem Unterkiefer. »Meine Tochter würde ich ihm nicht zur Frau geben, aber eine Tasse Kaffee würde ich ihm geben.«

»Wie wär's mit mir?« fragte ihn der Lieutenant.

Der Corporal grinste. »Ich hab keine Tochter.« Die Gefangenen lachten. Gabol lächelte.

»Ich will Ihnen sagen, womit Sie es hier zu tun haben«, sagte Benny. Cornelius kniff aufmerksam die Augen zusammen. »Was man Solidarität nennt. Verbringen Sie ein paar Jahre im Gefängnis. Dann fragen Sie uns.«

Wieder Zustimmung, Grunzen. Ein Rat der Krieger.

»Herrgott noch mal«, sagte Gabol, »helfen Sie uns doch, damit so was nicht wieder passiert!«

Der Lieutenant fragte höflich: »Planen Sie schon den nächsten Krieg?«

161

Nach kurzem Schweigen sagte ein Mann: »Ich pfeif auf die Solidarität. Ich würd dem Prog seinen Kaffee nicht geben.« Er war auch Corporal, älter, in den Dreißigern, mit tiefen Falten im Gesicht und traurigen Tränensäcken. »Sie holten mich mitten in der Nacht. Oft. Und sie steckten mich für ein paar Tage in einen kleinen Raum. Nicht mal ein Eimer. Nackter Fußboden. Und hundertmal holten sie mich direkt vor dem Essen und ließen mich gleich danach wieder gehen. Und ich hab nie Post gekriegt. Und ich hab zugesehen, wie sie die Briefe, die sie mich schreiben ließen, zerrissen. Und so ging es nicht nur mir.«

»Übrigens«, sagte der Lieutenant, »ihr alle: Ist einer jemals geschlagen worden?«

»Nein.«

»Ich aber«, sagte der Lieutenant. »Ganz am Anfang. Sie schlugen zweimal zu, es blutete sogar, hier am Mund. Und dann die Besuche um Mitternacht. Und nichts zu essen. Und keine Post. Und keine Bewegung. Und dann gaben sie es auf.«

»Okay«, sagte der ältere Mann. »Aber werfen Sie das nicht den verdammten Progs vor?«

»Na ja, ein bißchen vielleicht. Aber ich werf es auch diesen Burschen vor«, und er deutete mit dem Daumen auf die Offiziere.

»Warum?« fragte Gabol. »Was haben Sie uns vorzuwerfen?«

»Na, kommen Sie schon«, sagte der Lieutenant, »wir haben es Ihnen doch gesagt. Was zum Teufel haben Sie die zwei Jahre gemacht?«

»Frieden«, sagte Cornelius. »Das dauerte lange und war schwierig, wir mußten um jeden Zentimeter kämpfen. Wir hätten an einem Tag Frieden gemacht, wenn die vernünftig gewesen wären.«

»Und die hätten an einem Tag Frieden gemacht, wenn Sie vernünftig gewesen wären«, sagte der Lieutenant vernünftig. »Und die blockierten, weil sie uns indoktrinierten, und Sie blockierten, weil Sie deren Jungs indoktrinierten.«

»Das hatte nichts damit zu tun«, sagte Cornelius.

»Ich möchte gern wissen«, sagte Gabol, »warum Sie uns 162immer als ›Sie‹ bezeichnen. Als ob wir nicht auf Ihrer Seite wären.«

Der Lieutenant sah ihn nur an, liebenswürdig, fast sonnig.

»Oh«, sagte Gabol.

»Ich kannte mal einen Krüppel«, sagte Benny, und alle freuten sich über die Ablenkung; eine humoristische Anekdote! Ein Krüppel! »Und eines Abends betrank er sich und erzählte mir, er sein kein Demokrat oder Republikaner, Kapitalist oder Kommunist, Jude oder Christ oder reich oder arm oder schwarz oder weiß oder auch nur Amerikaner, und sie könnten alle zur Hölle fahren; er wäre Krüppel, und keiner, der das nicht wäre, würde jemals, jemals verstehen können; nicht nur wegen der Sachen, die man nun mal gar nicht machen könnte, sondern weil sogar der Griff nach dem Taschentuch ein Aufwand wäre, und wie die Mädchen einen ansähen oder auch nicht, und was für eine verdammte Expedition es wäre, wenn man hundert Meter von der Toilette weg wäre und müßte, und daß überhaupt alles auf der Welt oben, Treppe rauf, wäre. Das sei die höchste Erkenntnis, sagte er: Alles in der Welt ist eine Treppe höher.«

»Was soll das alles heißen?« fragte Fontaine.

»Wir sind noch verkrüppelt«, sagte Benny. »Was Sie hier vor sich sehen, ist ein Verein von elenden Parterre-Krüppeln.«

Gabol sagte schlau: »Dann sollten Sie vielleicht diese Diskussion führen.«

»Nicht für allen Tee Chinas«, sagte Benny, und jemand anderer sagte: »Yay ho. Yankee go home.«

163

13

Ich war in Versuchung, über Jesus nachzudenken. Nicht wegen Bewley: der war bloß eine Pestbeule, aalglatt, immer ernst und sonntags kummervoll; er belästigte uns mit seinen Fragen nach dem Wochentag. Und er machte immer Striche an der Wand, als könnte er was verpassen, das große Spiel, die Wahlen, die Puffnacht. Nein, nicht wegen Bewley, sondern wegen der kleinen Triumphe über den grausamsten Monat – nein, Unsinn. Gar nicht grausam. Kleine grüne Schößlinge, Auferstehung: Unkraut schlägt Skorbut. Gewöhnliches grünes Kraut, zwei oder drei Sorten, die der Asphaltgärtner vom Union Square nicht benennen konnte. Aber grün. Ich setzte die Männer darauf an, wie die Straßenreiniger zum Unkraut beseitigen. Die blauen Sklaven schoben los und brachten Händevoll von haarigen Blättern, und überall im Lager kamen sie in die Töpfe, und innerhalb von zehn Tagen waren die Schmerzen weg, die Männer hatten wieder eine bessere Hautfarbe, die Sonne sah wohlgefällig zu. Die Knospen wurden dicker. Apollo; warum sollte Jesus den Ruhm einheimsen? Die Hügel wurden grün, die Vögel zwitscherten. Unkraut schlägt Skorbut.

Und das war auch besser; mit dem Schneid kam Aufmüpfigkeit, und die Männer wollten keine Sojabohnen mehr. Allmächtiger Gott! Sie rechneten immer noch mit ihrem Proviantwagen. Anfangs hatten sie die Bohnen gierig verschlungen. Dann fingen sie an zu maulen und zu jaulen. Ou-yang schickte nach mir und machte mich mit zwei Untergebenen bekannt, Wei Soundso und Chang Soundso. Wei war jetzt unser Polit-Offizier und Chang der Militärkommandant. Ou-yang würde als Ausschuß-Vorsitzender dabeibleiben. Er rühmte mich vor den beiden. Sie lächelten dünn eine höfliche Bestätigung. Ou-yang sprach chinesisch, und Wei erwärmte sich ein bißchen und kniff die Augen freundlicher. Ich habe nie erfahren, was er gesagt hatte. Ou-yang fuhr dann fort: »Ihr 164MacArthur ist mit Schande heimgeschickt worden.« – »Ma ka ta«, sagte Wei und lachte.

Ich glotzte. Eine Frau? Unterschlagungen? Was für eine Schande? Wer auf der Welt konnte ihn irgendwohin schicken, unseren Heliogabalus? »Politische Taktik, glaube ich«, sagte Ou-yang. »Zu viele Flugzeuge dort«, er zeigte zur Mandschurei, »ein paar offenbar ganz bis Wladiwostok. Anscheinend sind die Vereinigten Staaten noch nicht in der Lage, China und Rußland zu befreien.« Er lachte herzlich, ein Stammtisch-Lachen. A jolly good fellow.

Innerhalb einer Stunde wußte es das ganze Lager. Mulberg frohlockte. »Jetzt werden sie diesen gottverdammten Krieg beenden. Die können sich diese gottverdammten Sojabohnen sonstwohin schieben.« Klatschen, Beifall, gekochte Sojabohnen auf dem Boden.

Selbst Kinsella redete sich das ein. »Verdammt«, sagte er, »das bedeutet, daß sie aufgeben. Sie kommen nicht wieder nach Norden. Verdammt. Warum haben sie die Bombe nicht geworfen? Wozu ist die denn da?« Er marschierte auf und ab, der militärische Verstand tickte dazu. »Na gut. Eine veränderte Politik. Stabilisierung, vielleicht ein Waffenstillstand, Gefangenenaustausch. Das wäre einleuchtend. Na gut. Könnte schlimmer sein.« Marschierend, brummelnd. »Ach zum Teufel. Wär schon besser. Wir müßten eine Viertelmeile Tunnel buddeln. Wenn sie uns nicht schwimmen lassen.« Er spähte zum Fluß hinüber. »Eine lange Strecke. Herrgott, vielleicht ist das eine gute Nachricht!«

»Sie wollen die Sojabohnen nicht essen.«

»Gottverdammte Babys«, sagte er. »Zwingen Sie sie.«

»Das kann niemand. Sehen Sie, Major, wir werden neue Generale bekommen, und neue Generale haben neue Pläne, den Krieg zu gewinnen, und sie werden nicht so gut wie die von MacArthur sein. Einen höflichen Krieg können wir nicht gewinnen, das wissen Sie. Sie werden eine lange Zeit herumspielen. Peng, peng. Strategie.«

Ich dachte, er würde mich vielleicht fertigmachen, aber er lachte. »Corporal Beer!«

165

»Ich wäre inzwischen Sergeant, und Sergeants wissen alles.«

»Okay«, sagte er, »fragen wir Trezevant.«

Das taten wir. Trezevant sagte: »Scheiße, woher soll ich wissen, was diese verdammten Narren vorhaben?« Kinsella brüllte vor Lachen. Ich diagnostizierte tief wirkende Erleichterung bei ihm; er war der verräterischsten aller Versuchungen erlegen: der Hoffnung. »Ich hab mit einem geredet«, sagte Bewley, »der meint, wir kämen nach Hause.« Bewley begann mir Spaß zu machen. »Lieutenant«, sagte er, »ich höre, Sie sind Hebräer.« – »Zuviel der Ehre«, sagte ich, »ich bin bloß Jude.« – »Sie nehmen mich auf den Arm«, sagte er. »Lieutenant, Sie müssen zu Jesus Christus kommen. So kommen wir hier raus, wenn alle zu Jesus Christus kommen.« Der österliche Geist lag über ihm. Ich sagte, ich würde es mir überlegen.

Sie ließen uns je einen Brief schreiben. Wir waren Amerikaner und gingen davon aus, daß die Briefe zugestellt würden. Sie forderten uns auf, einen Lebenslauf zu schreiben. Kinsella gab die Parole aus: Nur Lebensdaten, nichts Militärisches. Sie kündigten an, daß eine Bibliothek eingerichtet werden würde. Sie fingen an, die Männer zu befragen, einen nach dem anderen. Sie gaben Studien- und Gesprächsgruppen bekannt, einige davon waren obligatorisch. Eine neue Art Getreide wurde der Suppe zugefügt; ich weiß nicht, was es war, aber es war dicker und mehliger als Hirse. Die Tage wurden länger, und die Sonne schien beständig. Yuscavage verschwand. Er war einfach nicht mehr bei uns. Ou-yang sagte mir nur, daß er gesund und munter sei. Dann befahl er mir, zu den Offizieren zu ziehen. Ich könnte weiter meine Runden machen, müßte aber bei Kinsellas Gruppe wohnen. Es war eine Zeit der Verwirrung. Niemand war freundlich oder unfreundlich, und wir nahmen alle an, daß das Verhängnis an uns vorübergegangen wäre, der alte Engel des Todes war schlicht zermürbt, aber ein paar von uns spürten, daß die Zukunft unsicher war. »Wissen Sie was«, sagte Kinsella, »es ist, als ob wir für immer hier wären. Sind Sie schon befragt worden?« War ich nicht. »Ich auch nicht. Die haben was im Sinn.«

Bewley sagte uns, was. Der gute alte Bewley. »Jesus«, verkündete 166er, »war der erste Kommunist.« Sie hatten ihn zweimal befragt und ihm ein Neues Testament gegeben. Er hatte um regelmäßigen »heiligen Gottesdienst« gebeten und war abgewimmelt worden. »Allmächtiger Gott«, sagte Kinsella. »Keine Auskünfte mehr! Weitergeben.« Niemand hörte darauf. Ewald ging von neun bis zwölf und von zwei bis vier zu Versammlungen. »Ein Onkel von mir war Mitglied der ›Workers of the World‹«, sagte er. Abends ging er in die Bibliothek. Ich fragte ihn, was für Bücher es dort gäbe. Er sagte, er läse John Steinbeck. Kinsella sammelte Klatsch; ein Befehlshaber ohne Befehl: Er sprach mit sich selbst, dachte heftig nach, spekulierte, forderte Stille und runzelte fürchterlich die Brauen.

Dann schickten sie nach ihm, und er war vier Tage weg. Sie hatten ihn aufgefordert, Tonaufnahmen zu machen; er sollte als höherer Offizier die gute Behandlung, die ausreichende Ernährung und die medizinische Versorgung bestätigen. Medizinische Versorgung. Das war ich. Er weigerte sich. Sie steckten ihn in eine dunkle Zelle mit einem Eimer und holten ihn zu den verrücktesten Zeiten zu weiteren Gesprächen heraus. Er weigerte sich. Sie ließen ihn zu Ehren des Maifeiertags laufen. Maifeiertag! Union Square! Mit plötzlicher Erregung – und offenem Mund über dieses astrologische Zusammentreffen – wurde mir bewußt, daß New York auf dem gleichen Breitengrad lag wie dieses Gefangenenlager, plusminus ein paar Häuserblocks. Und ich sah die Redner, hörte die Proteste: Holt Benny heim! Sah Fächerbärte, den hageren katholischen Vegetarier, den berühmten Optiker, der ein blaues Baumwollhemd und Overalls anzog und Hochsaison hatte; er hatte am Maifeiertag offen und am Tag der Arbeit im September geschlossen. Und Jacob. Zehntausend Meilen weiter östlich machte sich Jacob Sorgen, weinte Jacob, plagte Jacob die Regierung und unterschrieb Bittschriften. Einmal die Woche würde er die Untermeyers sehen und mit Joseph spielen, und Carol würde sich grämen, heiß, reif, dreiundzwanzig und ungeliebt.

Ich verschloß mein Gemüt vor alldem und hörte Kinsella zu. »Sie wollen Propaganda. Wir lehnen ab. Wenn sie Propaganda brauchen, können sie es sich nicht leisten, uns brutal zu behandeln. 167Ich hab es mir genau zurechtgelegt. Wir bleiben standhaft.«

Als sie nach mir schickten, sagte er das abermals: »Bleib standhaft, Benny.«

»Richtig«, sagte ich.

 

Ou-yang und Wei wollten mir nur die Klassenräume – so nannte Ou-yang sie – und die Bibliothek zeigen. Gefangene saßen da und unterhielten sich leise, wie Schulkinder, die man zur Ruhe ermahnt hat. In einer Ecke plauderte ein chinesischer Offizier mit dreien von ihnen. Das erste Buch, das ich sah, war eine Broschüre – Lenin: Frauen und Gesellschaft. Frauen und Gesellschaft! Ich brauchte beide. Das war bestimmt zerlesen. Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. – Brief an die amerikanischen Arbeiter. Stalin. Engels. Zeitschriften, Broschüren. Imperialismus. Union Square! Michelet. Victor Hugo: Les Misérables. Ich hatte es nie gelesen. Ich hatte den Film gesehen. George Bernard Shaw, Erskine Caldwell – das war bestimmt auch zerlesen, Brust und Schenkel bei echten Menschen -, Oliver Twist, Krieg und Frieden, Der Dschungel, Der Kaufmann von Venedig.

Ich war plötzlich wie benommen. Als junger Mensch hatte ich zwischen den Regalen immer einen ganz primitiven Drang im Gedärm bekommen, eine merkwürdige Lockerung in den Eingeweiden; Demut im Angesicht des Unbekannten, der Ewigkeit, soviel noch zu lesen, so vieles, was ich nie lesen würde. Oder vielleicht war ich nur haltlos, gefräßig, vielleicht war das ein Symptom für intellektuelle Wollust; vielleicht das Gegenteil, ein unzulässiges Verlangen, weit fort zu sein. Jetzt war ich nur benommen, war mit Lichtgeschwindigkeit auf einen anderen Planeten geschossen worden, zu Worten, Buchstaben, dem Geruch von Papier und Einbänden. Ich wandte mich ab.

»Sie sind beeindruckt«, sagte Ou-yang.

»Ja«, sagte ich. Aber ich war noch viel stärker beeindruckt und wäre fast ohnmächtig geworden, als wir wieder hinausgingen und ich mit einer Frau zusammenstieß.

168

Sie trug eine gelbbraune Uniform, leicht wattiert, sie hatte schwarze, schulterlange Haare und die rotesten Backen, die ich je gesehen habe, und ihre schwarzen Augen blitzten, und sie roch wie eine Frau. Ich schluckte und glotzte, und mir wurde warm. Ou-yang machte uns bekannt. Mich nannte er Pee-joe Die-foo, und ihr Name war Ho Wen-chen. Glaube ich. Ich sah sie täglich, und bald liebten wir uns hinter der Bibliothek, und es war alles ganz wunderbar. Nein. Ich hab sie nie wiedergesehen. Sie war die erste Frau, die ich seit fünf Monaten gesehen hatte. Ich weiß wirklich nicht mehr genau, wie sie aussah, aber sie war unaussprechlich schön, und sekundenlang litt ich Qualen, die die Verdammten beschämen würden; das plötzlich entzündete Gemüt verlangte so nach einer Frau, daß der Körper sich empörte, explodierte; das Herz drückte sich zwischen den Rippen hindurch, die Knochen zerrissen das heiße Fleisch. Sie ging weiter. Ich sah sie gehen, sah ihr seidenes schwarzes Haar schwingen. »Sie unterstützt unsere politischen Ausbilder«, sagte Ou-yang. »Sie macht die Aufzeichnungen.«

 

Sie befragten mich einmal, und ich sagte nein, nein, nein, und sie akzeptierten die Entscheidung. Andere waren in Versuchung geraten: Post-Privilegien, bessere Nahrung. Die meisten wichen aus und blufften, und es wurde zum Wettstreit, Schach oder Go, nehmen, ohne zu geben. Aber Bewley meinte es ernst. »Gib auf, was du hast«, sagte er. Ewald auch; er zog sich weiter zurück; wir sahen ihn kaum noch. Ich fragte Kinsella, ob Cuttis nicht mitmachen sollte; er erholte sich, aber langsam, und bessere Ernährung, Unterkunft, Gesellschaft würden ihm guttun. »Auf keinen Fall«, sagte Kinsella. »Wenn man ihnen irgend etwas gibt, haben sie einen in der Hand.«

»Na und?« Ich wußte nicht recht, warum ich nein, nein, nein gesagt hatte.

Kinsella verzweifelte an mir, stöhnte. »Das sind Soldaten«, sagte er. »Sie sind immer noch Soldaten

»Jawohl!« sagte ich. »Gibt es was Neues vom Krieg?«

»Nichts Neues vom Krieg.« Er starrte mich durchdringend 169an. »Woher zum Teufel soll ich was Neues wissen? Sie sind der Kollaborateur.«

»Sachte«, sagte ich, aber keiner war ärgerlich.

 

So ging das ein paar Wochen, und wir zerfielen, und die Worte »Progressive« (oder Progs) und »Reaktionäre« wurden vertraute Bezeichnungen. Ich fragte mich: War es wegen der Belohnung? Glaubten sie es? Waren es arme Farmarbeiter, die zum erstenmal vom Blitz der Gelehrsamkeit getroffen waren? War es schlichte intellektuelle Ekstase? Ein Mechaniker aus einem Präriestädtchen, der feststellt, daß er Sanskrit sprechen, lesen und schreiben kann? Und die anderen, die Reaktionäre, was verteidigten die? Die Fahne, die Heimat, die Mutter? Unsere Küsten? Ihre Seele? Die gute Beurteilung in der Personalakte? Collins verteidigte Collins: »Die können mich mal. Ich bin bei solchen Vorträgen gewesen. In den Staaten. Staatsbürgerkunde!« Mulberg machte hahaha. Fast hätte ich mitgemacht, denn ein bißchen was von diesem Abtrünnigen steckte auch in mir: Die können mich alle mal. Bloß nichts von diesem Scheiß über Gleichheit und Menschlichkeit, nicht solange ich hier an die Wand gekettet bin. Es ging nicht um den Inhalt, was die lehrten, war unerheblich. (Collins hatte recht: Staatsbürgerkunde!) Im Augenblick hatte ich keine Lust, wie alle anderen zu sein. Ich hatte keine Lust, wie irgend jemand anderer zu sein. Wer hielt durch, wer sagte nein? (Ah, diese eine Silbe! Das einfachste kleine Wort auf der Welt, und es ist so schwer, es zu sagen und dabeizubleiben, egal, ob sie dich hätscheln oder hauen.) Wer nein sagte, das waren die Straßenjungen und die Snobs. Ich war beides. Nichts sonst war von Bedeutung – Rasse, Religion oder keine Religion, Geld, nichts davon drängte einen Menschen in die eine oder andere Richtung. Ich kannte Männer, die wirklich Progressive waren, einer von denen möglicherweise ein echter Kommunist, und die sagten nein, vielleicht, weil sie ihr Leben lang nein gesagt hatten; und ich kannte einen stinkvornehmen Offizier aus Boston, reich, Banker, Episkopalchrist um Christi willen, und der sagte ja, vielleicht, weil er sein Leben lang ja gesagt hatte. Ich weiß noch 170immer nicht, was einen Mann unverletzlich macht, aber ich hoffe das noch herauszukriegen.

 

Eines Tages ging ich zu meiner alten Hütte zurück, um Cuttis zu untersuchen, und fand vier Fremde an der Tür. Den einen kannte ich, einen narbenreichen Straßenneger mit Namen Fennimer, aus Philadelphia, glaube ich. Die drei anderen waren Weiße, aber alle vier waren böse, und sie hatten alle vier das gleiche Aussehen, die gleiche Haltung: harte Großstadtjungs. Man sah es ihnen an. Trezevant hielt sie auf Abstand, versuchte sie zu beruhigen. Fennimer wandte sich an mich. »Rücken Sie Ewald raus!«

»Was hat er gemacht?«

»Essen geklaut. Zwei Mon-toes gestohlen.«

»Was sind Mon-toes?« fragte Trezevant.

»Dampfteig«, sagte ich. »Zu Hause würden Sie es ausspucken. Woher wissen Sie, daß Ewald sie geklaut hat?«

»Wir wissen es«, sagte Fennimer. »Er war bei uns, redete Scheiße mit Zucker über die Schlitzaugen, und dann war er weg, und die Dinger waren weg.«

»Wenn er sich so gut mit den Chinesen steht, wieso muß er dann stehlen? Und woher hatten Sie die Mon-toes?«

»Das geht Sie einen Dreck an. Geben Sie uns jetzt Ewald heraus. Los!«

Ein Hauch von Heimat und Jugend. »Verstehe. Moment noch«, sagte ich. »Wie sieht das denn aus, wenn wir euch unseren Kumpel einfach so ausliefern. Ewald! Sind Sie da drin?«

»Er ist da drin«, sagte einer der weißen Burschen.

»Wer sind Sie?«

»Was kümmert Sie das Officer?«

»Ich bin bloß neugierig. Woher kommt ihr?«

»Scranton.«

»Und ihr?«

»Atlanta.«

»Seattle.«

»New York«, sagte ich, zwischen Tränen und Gelächter, und sie hörten, die große Stadt, Jungs, legt euch nicht mit Benny 171der Beißzange an, und es machte mich krank, ekelte und kotzte mich an, diese brutale Straßenszene, ein leises Gespräch, bloß keine Bullen anlocken, gebrochene Verträge, Stammesgesetze, gezackte kaputte Milchflaschen. Blut um Blut. Gott helfe uns.

»Wir sollten gegen die zusammenhalten«, sagte ich. »Wir haben genug Krieg, ohne daß wir Streit anfangen müssen.«

»Machen Sie sich um die keine Gedanken«, sagte Fennimer. »Wir sind für immer hier. Für eine sehr lange Zeit. So muß man das sehen. Mit denen haben wir keinen Streit. Wir haben Streit mit Ewald.«

»Sergeant«, sagte ich, »sagen Sie Ewald, daß ich die Mon-toes haben will.«

Trezevant ging hinein und ließ mich allein.

»Sergeant!« wiederholte Scranton. »Lieutenants und Corporals und so was. Haben Sie auch einen Eagle Scout?«

»Normalerweise würde ich Sie Ihre Probleme allein lösen lassen«, sagte ich. »Aber wir haben jede Menge Kranke und Sterbende, und wir versuchen so viele wie möglich zu retten.«

»Niemand stirbt mehr«, sagte Fennimer.

Das stimmte. Ich war verblüfft. Seit ein paar Wochen war niemand mehr gestorben.

»Ewald können Sie nicht retten«, fuhr Fennimer fort. »Außer, wenn er verlegt wird. Ich meine, Lieutenant, schließlich, früher oder später, Sie wissen doch.«

Ich nickte. Was wahr war, war wahr. Früher oder später, Sie wissen doch. »Vielleicht können wir ihn freikaufen«, sagte ich. »Er ist Sanitäter. Wir brauchen ihn. Was verlangen Sie?«

Sie berieten leise. Wohlgemerkt: vier erwachsene Männer, zwei Klumpen Dampfteig. Die anderen drei überließen es Fennimer. Er zögerte, also machte ich einen Vorstoß. »Wir verdoppeln die Mon-toes, und ich bestrafe ihn selbst.«

»Und woher wollen Sie die Mon-toes kriegen?«

»Das geht Sie einen Dreck an. Ich kann auch Aspirin besorgen.«

»Aspirin? Scheiße, was sollen wir mit Aspirin? Andererseits: Sie sind ja dicke mit diesen Katzen.«

»Halten Sie's Maul«, sagte ich.

172

»Zigaretten vielleicht«, sagte Fennimer.

»Vielleicht.«

Trezevant schob sich heraus und lehnte am Türpfosten, als wollte er sagen, »Gentlemen!« Statt dessen hielt er einen runden weißen Klumpen hoch und sagte: »Einen hab ich. Den anderen hat er gegessen. Ich find nicht, daß man viel darüber streiten muß.«

»Noch zwei«, sagte Fennimer, »und das andere Zeug.«

»Abgemacht«, sagte ich.

»Top«, sagte er. »Was werden Sie mit Ewald machen?«

»Es gibt da Mittel«, sagte ich. »Es wird nicht wieder passieren. Aber Sie lassen ihn in Ruhe, klar? Ich kann auch Ärger machen.«

»Ärger wär das letzte, was wir wollen«, sagte Fennimer, und sie grinsten alle.

»In Ordnung. Sie sind in Achtzehn.«

»Stimmt«, sagte Fennimer.

»Wo Sumner war.«

»Stimmt«, sagte Fennimer.

»Morgen mittag«, sagte ich. »Und Sie lassen ihn in Ruhe.«

»Stimmt, wir lassen ihn in Ruhe«, sagte Fennimer. »Ich denke, besser vier Zigaretten und vier Aspirin. Wir sind schließlich vier. Und Sie mit Ihren Verbindungen.«

Als sie weg waren, fragte Trezevant: »Sumner?«

»Ruhr«, sagte ich. »Er roch nicht gut. Darum taten sie ihn über Nacht nach draußen, und er erfror, und vor Hellwerden holten sie ihn wieder herein.«

»Woher wissen Sie das?«

»Doktors wissen alles.«

 

Das Leben bestand nicht nur aus Kriminalberichterstattung; es gab auch noch die Gesellschaftsspalte, und bald war ich in dem irren brodelnden Wirbel des internationalen Klüngels gefangen: ich wurde zum Dinner eingeladen. Blauer Anzug. Unter den Notabeln Ou-yang, Wei, Chang, ein paar Befrager und Doktor Li. Li Die-foo. Die Einladung kam in Gestalt eines Postens, der mit seinem knubbeligen Finger auf mich zeigte 173und dann mit dem Daumen grob den Weg wies. Kinsella rief mir nach: »Standhaft bleiben, Beer!«

Ich wurde in einen großen Raum geführt, wo sieben oder acht Leute standen und Tee schlürften und Kürbiskerne knackten; Ou-yang begrüßte mich mit dröhnender Gastlichkeit und einem Schlag auf die Schulter, und ich stand blinzelnd und mit eingezogenem Kopf da wie ein Barbar am Hofe von Peking. Vorstellungen. Li Die-foo. Ich schüttelte ihm verdutzt die Hand. Wo war er gewesen, als ich ihn brauchte. Dann die Befrager: Umgangsenglisch; meine Verwirrung legte sich. Geplauder. Neues vom Krieg; mein neuer kommandierender General hieß Ridgway. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Die Chinesen drängten nach Süden, unter den achtunddreißigsten Breitengrad. Meine Gedanken rasten, verlangsamten sich, verschanzten sich wie bedrängte Infanterie: Sie beachteten mich scheinbar nicht, sie täuschten mich. Ich sagte wenig, knabberte Kürbiskerne, schlürfte Tee.

»Wir werden chirurgisches Gerät bekommen«, teilte mir Dr. Li mit, »und Antibiotika.«

»Meinen Männern geht es jetzt entweder besser, oder sie sind tot«, sagte ich. »Was sie brauchen, ist gute Ernährung.«

»Die wird auch besser werden«, sagte Li. »Wir wollen uns dem höchsten internationalen Standard anpassen. Unser Ziel sind 2500 Kalorien pro Mann täglich.« Er nickte mehrmals, stolz, selbstgefällig.

Einer der Befrager sagte: »Die Baseball-Saison hat begonnen.«

Li sagte: »Ich habe die Peking Union Medical School besucht.«

»Nordwest-Uni«, sagte der Befrager. »Psychologie.«

Ich murmelte etwas Höfliches. Dies war kaum zu glauben. Nach dem Essen würde das Urteil vollstreckt werden, Stroh unter den Fingernägeln, die Wasserfolter. Oder sie würden die Unterhaltung auf Buchbesprechungen und die letzte Vernissage bringen, und ich würde auf der Stelle verrückt werden, linkisch, seibernd. Ich suchte nach Lebensart bei mir, nach Geist. Was hören Sie von Mao Tse-tung. Lin. »Ich hatte einen 174Freund an der Uni«, sagte ich, »der hieß Lin Li-kang. Aus Fukien.«

»Fu-djen in Mandarin«, sagte der Befrager geziert. »Lin ist hier ein häufiger Name, wie Johnson in Minnesota.«

»Es ist ein guter Name für einen Arzt«, sagte Li, »weil …«

»Weil die fünf Lin, auf dem gleichen Tonhöhenzeichen, die Krankheiten der Blase bezeichnen«, sagte ich. »Das hat er mir erzählt.«

Freudige Ausrufe, außerordentlicher Jubel. »Ein Gelehrter!« verkündete Li. »Sie sollten sich dem widmen und Ihre Zeit damit verschönen, daß Sie Chinesisch lernen.«

Mit fast allem konnte ich meine Zeit verschönen. Li schweifte ab, über die neuzeitliche Anwendung gewisser alter Heilkräuter und Methoden. Akupunktur, sagte er; mein Herz zog sich zusammen, ein Ruck, irgendein alter Witz, beunruhigend.

Wir saßen auf Holzstühlen an einem Holztisch. Wir aßen Reis aus Schalen, mit Stäbchen, und mitten auf dem Tisch lag auf einem Holzbrett ein riesiger gebratener Fisch in Soße. Es gab keine Portionen; wir alle fielen über den Fisch her, zwickten Blätter von seinem Fleisch ab und ließen sie soßig auf den Reis fallen; Li löffelte mehr Soße auf meinen. Und Gemüse war da, weißes Gemüse nannte Li es, und Lotoswurzeln. Wir hatten auch kleine Tassen, und ein Mann kam mit Tonkrügen, und sie gossen mir Wein in meine Tasse, heißen gelben Wein. Ou-yang stand auf, um einen Trinkspruch auf Chinesisch auszubringen; er war für Mao, also nahm ich nicht teil, nichts Persönliches, verstehen Sie, und wartete darauf, hinausgeworfen zu werden; der Rausschmeißer würde hereinlatschen, ein Ringer, mit an Kragen und Hosenboden packen und wegschleudern. Sie beachteten mich nicht. Einen eigenen Toast, ich könnte selbst einen Toast ausbringen, aber auf wen? Harry Truman? George Washington? Benedict Arnold. Ich wußte, ich sollte nicht hier sein. Fotos. Benny Beer an den Fleischtöpfen, unter den Heiden. Schimpf und Schande, Verlust der Staatsbürgerschaft, die Autoversicherung gekündigt. Nach einer angemessenen Pause, als ich genug Trotz aufgebaut hatte, nippte ich. »Nein, nein«, sagte Li, »weg damit! Austrinken!« Die Tassen 175waren winzig, drei Fingerhüte, ich leerte meine. Sie wurde wunderbarerweise sofort wieder gefüllt. Der Fisch nahm ab, verschwand; keine Knochen? Es wurden viele Tassen geleert. Von mir nicht so viele. Ich erklärte Li, daß mein inneres System jetzt sehr empfindlich sei und meine Gesundheit von größter Bedeutung für rund achthundert Männer. Tatsächlich hatte ich nur rund vierzig Patienten, aber Sie wissen ja, was man im ersten Jahr so erzählt. »Sehr klug«, sagte er. Ich rülpste. Äolisch, sforzando. »Gut, gut«, sagte er. »Ein Kompliment für den Koch.« Ich lächelte schwach und klopfte mir mit dem Handrücken auf den Mund. Es wurde Suppe aufgetragen. Köstlich, berauschend, völlig neu für mich. »Walnußsuppe«, sagte Li, »für außergewöhnliche Anlässe.«

»Sie ist sehr gut«, sagte ich beklommen. Ich war ein mittelloser Esser, der auf die Rechnung wartet, die Krise. Was wollten sie von mir?

Nichts. Wir schwatzten, manche auf chinesisch, manche auf englisch; sprachen vom Krieg, vom warmen Frühling, Mao Tse-tungs Plänen zur Hochwasserkontrolle, dem Tennessee-Valley-Verbund. Ein Liebesmahl. Ich war verängstigt. Aber auch satt. Mein Gott, war ich voll. Von einer Schale Reis und einem Mundvoll Fisch. Ein bißchen betrunken außerdem. Ausländischer Gast. Großnase. Eindringling, Räuber. Was jetzt? Ehrenbürgerschaft. Verbannung. Der Befrager fragte mich, ob ich das Blue Note kannte. Kannte ich nicht. Ein tolles Ding, sagte er. Hawkins nannte er. Tatum. Ich erzählte ihm, daß ich Tatum mal kennengelernt hätte, aber daß ich ein Fiedler wäre. Haifetz, sagte er. Paganini. Morgen würden sie irgendwen in Einzelhaft nehmen, aber heute aßen und tranken wir und sprachen über Shakespeare. Sie sahen überhaupt nicht alle gleich aus. Einer der Befrager entsprach meiner Vorstellung von Dschingis-Khan: gedrungen, kräftig, Schnurrbart. Ein anderer war ein bartloser Konfuzius, hager und asketisch. Einer schielte. Ou-yang war aufgeräumt und gastlich. Wieder wurde über den Krieg gesprochen, den unausweichlichen Sieg der Chinesen. Der Koreaner, korrigierte jemand, und alle sagten, ja, o ja, der Koreaner. Asien den Asiaten, sagte jemand, 176und Ou-yang sagte schnell etwas auf chinesisch, einen Verweis. Kurze Stille, dann wieder Klatsch. Li hielt einen Vortrag über Blutgruppen, die geographische Verteilung, viele Rassen, Religionen und Blutgruppen, und ich nickte, erschöpft von dieser Kaffeehaus-Gesellschaft, als eine Kaskade von Tönen mir den Kopf hochriß und den Atem verschlug. Ou-yang lächelte.

»Was ist das?« Ich zitterte, ich litt.

»Radio Peking«, sagte Ou-yang. »Überrascht Sie das?«

»Nein«, sagte ich. »Nein! Das ist Haydn!«

Ich stand auf; sie wurden still. Ich erstickte fast, keuchte und brummte in meiner Erregung. Ich kannte das Quartett, den Satz, Dreivierteltakt; mein Puls schlug im Dreischlag, und die Musik schwang sich auf, trillerte, schwebte, stieß herab. Ich sank schwer zurück, bestürzt, und dann gab ich auf und saß da und weinte, weinte bis zum Schluß. Als es vorbei war, gab mir Ou-yang eine Zigarette und sagte, ich sollte jetzt lieber gehen. Es war offensichtlich, daß ich müde war. Als ich ging, kam ein Kellner mit einem Stapel heißer Handtücher; ich hielt an und sah zu, wie sie sich Hände und Mund reinigten, verwöhnt, wie so viele Satrapen.

Ich sagte Kinsella, daß ein chinesischer Arzt gekommen wäre und daß wir uns über Medizinisches unterhalten hätten. Er rauchte die Zigarette und sagte, ich sollte vorsichtig sein.

 

Zu spät. Und überhaupt stirbt der Vorsichtige an wundem Rücken vom Durchliegen. Innerhalb weniger Tage wußten achthundert Gefangene, daß Doktor Beer, dieser Lump, mit dem Feind Gelage abhielt. Gebratene Ente, Whiskey, Zigarren. Unterhaltungen verstummten, wenn ich kam. Kinsella nahm mich beiseite. »Ich will die Wahrheit.« Ich sagte ihm die Wahrheit. Er verblüffte mich. »Zum Teufel!« sagte er. »Herrgott, ich hörte, Sie hätten Frauen gehabt!« Ich lachte hysterisch. »Ich werd ihnen das Maul stopfen«, sagte er.

Aber dann wurden zehn Männer gefaßt, die Nahrungsmittel gestohlen hatten, nicht voneinander, sondern aus einem Lagerraum in der Nähe der Bibliothek, wo vielleicht ein Prog spioniert und sie verpfiffen hatte, und Fennimer und seine 177Freunde gehörten zu ihnen. Sie verschwanden eine Weile, und dann wurde bekanntgegeben, daß ihre Rationen gekürzt würden, was bitter war; daß man ihnen die Vergünstigungen von »Klassen« und Bibliothek streichen würde, was höchstens amüsant war; daß sie keinen Tabak bekommen würden, was eindeutig komisch war, und auch keine Post, was geradezu zum Schreien war, denn bisher hatte noch niemand auch nur eine Postkarte bekommen. Es war nicht mehr so erheiternd, als zwei Tage später ein paar Dutzend Männer, alle bis auf einen Progressiven, je einen Brief bekamen, darunter der Gefreite Bewley, Corporal Ewald und Lieutenant Beer. An dem Abend wurde ich von Kinsella, zwei Captains und zwei Lieutenants vor so was wie ein Kriegsgericht gestellt. Kinsella tobte. Er hatte mich gewarnt. Standhaft bleiben, Beer. Ou-yang hatte mich in eine Falle gelockt. Die Männer behaupteten, ich hätte die Diebe angezeigt. »Seien Sie nicht albern!« sagte ich.

»Seien Sie nicht albern!« fauchte er. »Natürlich waren Sie es nicht! Verdammt noch mal, natürlich nicht. Der letzte in dem ganzen gottverdammten Lager, der das täte. Glaubt einer von Ihnen das?« Sie glaubten es nicht.

»Aber Sie haben sich durch die abspalten lassen«, sagte er. »Warum sollen die Männer durchhalten, wenn ihre Offiziere sie verraten? Herrgott, Mann, es sind wenig genug übrig. Warum sollten die einem von uns jetzt noch trauen?«

Ich wußte keine Antwort. Glückspilz Benny steckte tief drin. Traurig dachte ich über Ou-yang nach. Zwingen wollte er mich nicht. Er wollte mich isolieren und mit Haydn und Fisch in Versuchung führen. Warum? Warum wollte er mich? Was konnte ich ihm geben, außer ärztlichen Behandlungen? Die bekam er, wie er genau wußte, umsonst. Kosmische Kräfte waren am Werk, galaktische Intrigen, auf dem Spiel stand meine Seele. »Was will er?«

»Nicht Sie«, sagte Kinsella. »Nicht einen Offizier mehr oder weniger. Er will Konvertiten, aber vor allem will er demoralisieren. Er will der Welt eine Menge gebesserter Sünder vorweisen. Der schlitzäugigen Welt und Afrika und allen. Das leuchtet doch ein.«

178

Bis auf Kinsella saßen wir alle auf dem Lehmboden; er stand, breitbeinig, mit eckigen Schultern, erhobenem Kopf; ein General, der eine ganze Division ins Gebet nahm.

»Okay. Was soll ich machen?«

Sie diskutierten. Ich könnte zu den Türken ziehen oder den Briten. Nein, die wußten auch Bescheid. Ich könnte aufsässig sein und mich einlochen lassen. Nein, sie würden sagen, das sei ein Trick.

»Ich könnte mir die Kehle durchschneiden«, sagte ich.

»So könnte es noch kommen. Verdammt noch mal. Was für ein Grünschnabel sind Sie eigentlich? Sie mögen jeden!«

»Das ist ein dicker HUnd, das zu sagen.« Der Brief steckte in meinem Hosenbund, zwischen Unterhose und Bauch.

»Jedenfalls«, sagte Kinsella, »bleiben Sie im Quartier. Wir werden versuchen, das draußen in Ordnung zu bringen, aber Sie bleiben hier.«

Der Brief war von Carol. Oft konnte ich mich nicht an ihr Gesicht erinnern. Joseph ging es gut. Joseph war jetzt fast ein Jahr alt. »Was ist mit ärztlichen Behandlungen?«

»Vergessen Sie das.«

»Und wenn sie nach mir schicken?«

»Dann müssen Sie gehen. Aber Sie behandeln nicht!«

»Unsinn«, sagte ich, »dazu hab ich mich verpflichtet.«

»Sie haben sich verpflichtet, für Ihr Land zu kämpfen.«

»Ich hab mich nicht dazu verpflichtet. Ich wurde eingezogen. Um mich ärztlich zu betätigen.«

»Um Ihre eigenen Leute zu behandeln.«

Meine eigenen. »Ein Arzt ist wie eine Jungfrau. Er ist einer oder er ist keiner.«

»Sonny Boy«, sagte mein Major, »Ihnen ist soeben Ihr Hymen zerrissen.«

 

Ich befolgte den Befehl und blieb in der Hütte. Ou-yang schickte nach mir, und ich erklärte ihm, daß er nun seinen eigenen Arzt hätte und daß ja noch mehr kämen, wie er mir gesagt hätte, und daß es nicht angebracht wäre, wenn ich meine eigenen Patienten wegen Konsultationen mit dem – äh – Gegner 179vernachlässigte. Er sprach über Humanität. Doktor Li schnalzte und erwähnte meine Pflicht gegenüber den Menschen. »Ja«, sagte ich. Ou-yang teilte mir kühl mit, daß ich die Bibliothek nicht mehr benutzen könne. Ich müsse auch verstehen, daß es Schwierigkeiten mit der Post, hereinkommender wie hinausgehender, gäbe. Ich wurde zu meiner Hütte zurückbegleitet. »Ewald hat noch eine Tonaufnahme gemacht«, sagte Kinsella. »Ich nehme an, er war der Denunziant.«

»Auch das ist vielleicht meine Schuld«, sagte ich, aber als sie mich drängten, konnte ich das nicht erklären.

 

Carol liebte mich. Ich las ihren Brief während der folgenden zwei Monate täglich viele Male. Morgens machte ich leichte Freiübungen. Ich aß normal. Ich sprach wenig. Es war eine Zeit unausgesetzter Betäubung. Die Chinesen mochten mich nicht, und die Gefangenen verachteten mich. Meine Mitbewohner waren freundlich, aber fern. Oft lag ich nachts wach. Oft erinnerte ich mich an Carols Körper, aber nicht mit meinem eigenen, nur mit meinem Verstand. Zweifellos ein Mangel an Phantasie, das Gefühl war in dieser endlosen Stille abgeschaltet. Ich dachte an verschiedene junge Damen, auch an Ho Wen-chen und schließlich auch, bedrückt, an Nan. Ich fragte mich, ob ich je wieder lieben würde. Liebe. Ich dachte über den Verzehr von Ratten nach. Ich dachte über den Krieg nach und kam zu dem Schluß, daß die Menschen ihn liebten. Statistisch. In einer großen Bevölkerung ist die Zahl der Menschen, die gern töten, ausreichend, um eine moderne Armee zu bilden. Der Krieg würde uns nie wieder verlassen. Wenn Männer lieber starben als Ratten aßen, dann würden sie in ganzen Herden und laut singend sterben um irgendwelcher höheren Zwecke willen. Sie würden bereitwillig und stolz sterben. Stolz sein zu sterben! Unsäglich. Ich war zu kraftlos für Abscheu und dachte nur über die Unanständigkeit nach: Menschen waren stolz zu sterben. Und wieviel stolzer noch zu töten!

Und worauf war ich stolz? Früher einmal auf das Lieben. Früher einmal auf das Heilen. Beschämendes Eingeständnis: Ich war stolz darauf gewesen, zu sein, was ich war. Schmock.

 

180

Keine Verzweiflung? Vier Wände, Stille, Benny das Nichts. Ich war nicht böse und tat mir nicht selbst leid. Ich war in Haft, und das schien mir nicht unnatürlich. Normal. Ein Raum. Essen. Wärme. Zweifellos würde ich irgendwann ausgestoßen werden in eine neue und fremde Welt.

Ewald wäre jetzt Bibliothekar, sagten sie, und wohnte in einer Hütte mit Progressiven. Trezevant und Cuttis ginge es gut, Mulberg und Collins auch. Auld lang syne. Jahrgang 1950.

Im Juni saß ich draußen und wurde braun.

Wir schwammen im Yalu. Meine Mitoffiziere waren eine Ehrengarde. Solidarität. Benny ist einer von uns. Kinsella schwamm, tauchte, sprühte Fontänen. Sie lachten und drückten sich gegenseitig unter Wasser. Sie kehrten sehr viel munterer zur Hütte zurück. In der Buch patrouillierte unsere Navy. Später sortierte ich die Hundemarken der Toten, eine Art höheres Kreuzworträtsel. Viele Rassen, Religionen, Blutgruppen. Ich las Carols Brief. Jacob war wohlauf.

Eines Tages hockte ich da am Boden wie ein orientalischer Bauer oder eine Kröte, nur daß ich mit dem Gesicht zur Sonne überlegte, wie es wäre, wenn ich eine Schildkröte wäre. Ich erinnere mich genau: Eine Schildkröte zu sein müßte gut sein, dachte ich. Ich hatte welche gesehen, braun und orange und grün, wie sie auf Felsen in der Sonne lagen, und es war ein gutes Leben, frei von Gemeinheit. Meine Augen hatte ich vor dem heißen gelben Licht geschlossen. Ich wartete darauf, daß eine Prinzessin käme und mich küßte. Ich hörte Rufen, vielleicht spielten die Männer etwas, und ich öffnete die Augen einen Spalt, um zu schauen. Wir waren oben an einem Abhang, und ich konnte viele Hütten sehen, und Männer strömten heraus und versammelten sich da, wo es ging, ein Haufen von aufgeregten blauen Käfern, und das Rufen brandete auf in einer Woge von Stimmen wie die Menge bei einem großen Spiel, und ich wußte, daß die Welt sich verändert hatte.

Ich stand auf. Meine Mitoffiziere kamen und stellten sich dazu. Wir schauten einander verwirrt an. Und dann kam eine Abteilung Chinesen am Zaun entlang auf uns zu, in der Mitte Ou-yang, der gewichtig einherschritt, wie ein Fürst unter Höflingen. 181Sie kamen zu unserer Hütte, und Kinsella trat vor. Die Abteilung hielt, und Ou-yang schob sich zwischen zweien von ihnen vor und stand Kinsella gegenüber. Im ganzen Lager Summen und Geschrei der Männer. Ich kam zu dem Schluß, daß wir Peking bombardiert hätten.

Ou-yang sagte: »Major Kinsella.«

»Colonel«, sagte Kinsella.

»Ich bin glücklich, Ihnen offiziell mitteilen zu können«, sagte Ou-yang, »daß sich in dieser Woche am 38. Breitengrad Chinesen, Koreaner und Amerikaner getroffen haben, um Verhandlungen zu einem Waffenstillstand zu beginnen.«

Wir waren überwältigt. Erschüttert, sprachlos tasteten wir. Seine Worte hatten eine Bedeutung, aber wir konnten sie nicht begreifen. Die Sonne war unerträglich hell.

»Sie dürfen sich gern Ihren Männern anschließen«, sagte Ou-yang.

Nach einem Augenblick der Atemlosigkeit sagte Kinsella, »Danke«, flüsternd, »danke«, ging um Ou-yang herum, glitt auf Zehen um die Abteilung herum und flog dann in langen, begeisterten Sprüngen den Hügel hinunter, und die anderen stürzten in langen Sätzen hinter ihm her. Ich blieb stehen, wo ich stand, und Ou-yang und ich sahen uns in die Augen; es war ein eigenartiger Austausch, schwelend, fremdländisch, monströs, homosexuell; ein geheimes Einverständnis. Grundlos und absurd: es warf mich um. Durch Jahrhunderte wieder und über Kontinente. Verkettet, verbunden, ein gemeinsamer Vorfahr: Pferde, Herden, Sterne; die leidenschaftliche, gefährdete Eintracht des menschlichen Blutes.

Ich hörte meinen Namen rufen. »Benny!« rief Kinsella. »Verdammt, komm her! Komm heim, Benny, es ist alles vergeben!« Und er starrte in die Sonne und lachte, und die anderen brüllten und jodelten, und ich rannte, um sie einzuholen, schreiend und kreischend, hüpfend und springend, und dann umarmten wir einander, alle Rassen, Religionen und Blutgruppen.

 

Wir warteten zwei Jahre.

182

14

Resigniert blies Cornelius die Backen auf und erschlaffte dann; er lehnte sich in seinem Drehstuhl weit zurück und enthüllte die Winkel und Wölbungen der Sterblichkeit und dazu einen Wanst im Anfangsstadium.

»Wenigstens sind wir auf dem Heimweg. Im übrigen ist das eine Pleite.«

»Das zu entscheiden ist nicht unsere Sache«, sagte Fontaine energisch. »Es kann ein Jahr dauern, bevor wir etwas wissen.«

Der schwarze Lieutenant sagte: »Sie werden ein paar von den Männern einlochen wegen dessen, was ich sage. Was wir sagen.«

»Wie ist es mit mir«, sagte Benny. »Ich höre doch, es hat Gerede gegeben.«

»Ich fürchte, das wird nichts«, sagte Parsons. »Es gibt sogar Leute, die meinen, Sie hätten einen Orden verdient.«

»Großer Gott, wer war das?«

Der lange Corporal – Benny nannte ihn jetzt bei sich den Cowboy – riß in spöttischer Ehrerbietung die Augen auf.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, sagte Parsons vergnügt. »Wär aber hübsch, so ein Orden, nicht? Ich meine, wo Sie doch von Generationen von Militärs abstammen.«

Benny lachte laut heraus. Das Lachen machte ihm Freude, und während er lachte, wurde er von Sekunde zu Sekunde jünger, naiv, warm und lebendig, leidenschaftlich sogar. Möglicherweise konnte man doch das eine oder andere zugunsten der Menschheit vorbringen; die Spezies war inzwischen ein alter Witz, aber vielleicht doch besser als gar kein Witz. Er saß sinnenfroh da und gestattete seinem Körper, seinem noch einmal davongekommenen Fleisch, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu vermitteln. Er seufzte vernehmlich: »Ein bißchen von der Steife löst sich.«

»So fühlt sich das bei mir auch an«, sagte der ältere Corporal, fast grollend.

183

»Lassen Sie sich gehen«, sagte Gabol. »Kämpfen Sie nicht dagegen an.«

All diese glänzenden Stühle und Tischbeine, die genauestens gearbeiteten Bullaugen, Steckdosen, Lautsprecher, Schalter, Lampen und Verkleidungen! Ein Palast. Und irgendwann bald würde Benny ein Auto fahren, an Bord eines Flugzeuges klettern. Er würde sich mit der Heilkunde befassen, die er kannte und liebte. Mit Instrumenten! Mit Thermometern! Mit Krankenschwestern! Eine flüchtige Vision, die hüpfende Bewegung von Brüsten, rosa Farbtöne. Ein kurzer Krampf schüttelte ihn. »Sie dürften eine ganz schön dicke Akte über uns haben«, sagte er, »Army und FBI zusammen.«

»Haben wir«, sagte Parsons. »Sie waren einer starken Dosis von Propaganda der Commies ausgesetzt.«

»Commies«, sagte der schwarze Lieutenant, »sagen Sie mir, warum ich dieses Wort so hasse.«

»Wir waren außerdem einer starken Dosis von Leben am Rande des Abgrunds ausgesetzt«, sagte der Cowboy. »Was Sie brauchen, ist eine Akte über alle, die noch nie im Gefängnis waren.«

»Die es nie nötig hatten, bloß so durchzuhalten«, sagte der kleine Koch.

»All ihr hübsch sauberen, antiseptischen Burschen«, sagte Benny, »so unzuverlässig und unberechenbar.«

»Bis hinauf zum Präsidenten«, brummte jemand.

»Das ist der Oberschurke, nicht wahr?« sagte Cornelius. »Ihr Männer seid ja so stolz auf euch. Sie, Beer, wie Sie gekämpft haben, um diesen Chop, dieses Souvenir zu behalten!«

»Nein. So kann man das nicht sagen!« Oder doch? Möglicherweise. War er geläutert? Entbehrungen, Heilige in der Wüste, Fasten; war seine Seele dabei durchsichtig und elastisch geworden, für Blutwahrheiten offen? »Vielleicht.« Welche Sprache sprachen sie eigentlich, diese Geschöpfe der Bequemlichkeit? »Was er gerade gesagt hat«, Benny zeigte, »vom Leben am Rande des Abgrunds. Ich habe es gehaßt!« platzte er heraus, ungestüm, fast inbrünstig. »Gehaßt habe ich es! Aber ich spüre auch so etwas wie … wie eine bittere Dankbarkeit. 184Es war wirklich, echt, es war wirklicher als dieses Schiff oder Sie da oder der Krieg selbst. Ich bedaure nur, daß wir nie Ratten gegessen haben.«

»Ich will Ihnen was sagen«, sagte der Cowboy zu Cornelius, »Sie haben nie auf diese Art gelebt.« Er stieß sich eine Zigarette in den Mundwinkel und riß mit einem heftigen Schwung des rechten Arms ein Streichholz an, und Benny sah, daß die Zigarette zitterte, daß die Flamme flatterte, und war nicht überrascht von dem heiseren, drängenden Ton: »Das ist nicht, wie wenn man auf die Kugel wartet – peng, tot bist du. Es ist nicht mal so, daß man jeden Tag in dem Gedanken verlebt, es könnte der letzte sein, wie ein alter Mann, der Angst hat, ins Bett zu gehen. Es ist dieses Gefühl, daß der Rest deines Lebens – nein, der Rest der Zeit, die Ewigkeit – so aussehen wird.«

»Es ist eine andere Art Tag«, sagte der Lieutenant, »eine andere Art von Stunden.«

»Das Gedärm verkrampft sich«, sagte Benny, »das Fett schmilzt weg, jede kleine Entscheidung ist ein Drahtseilakt.«

»Richtig«, sagte der Cowboy. »Was du tust, ist, was du bist.«

»Keine Verstellung und keine Artigkeiten«, sagte der Lieutenant.

Gabol kritzelte.

»Na gut, Sie überlebten«, sagte Cornelius. »Der ganze Krieg drehte sich ums Überleben, um das Überleben Ihres Vaterlandes.«

»Vaterland!« Benny wurde es heiß bei seinem leidenschaftlichen Ausbruch; es war ein Reflex, er sollte sich besser beherrschen. »Schon gut«, sagte er. »Ich habe Nahrungsmittel und Medikamente durch Verbrüderung besorgt. Hab ich mein Vaterland verraten?«

»Nein«, sagte Cornelius bestimmt. »Sie sind ein Sonderfall.«

»Ah ja. Ja. Bin ich. War ich. Werde ich sein. Ein Glückspilz, anders. Okay. Ich wußte es. Ach, zum Teufel«, er brüllte es fast, »ich wußte auch, daß ich überleben würde! Ganz im Innersten wußte ich das.«

»Ich auch«, sagte der Cowboy. »Selbst als ich denen sagte, sie könnten mich mal, war ich nicht ernsthaft beunruhigt.«

185

Gemurmel und Nicken. Lauter Helden. Und doch waren manche in diesem Raum schwach gewesen, menschlich, hatten sich gefügt.

»Und warum«, fragte Cornelius geduldig, »sagten Sie nein?«

Sie schwiegen.

»Und warum sagten manche ja?«

Sie schwiegen.

»Dann werde ich es versuchen«, sagte Cornelius, »auch wenn Ihnen das nicht gefallen wird: Es war, weil sie verwöhnt waren. Sie waren nie anständig diszipliniert worden. Waren gar keine Armee. Daher die schlechte Führung.«

Beifallsrufe und dünner Applaus stiegen auf; Cornelius war verblüfft. Gabol zwinkerte und gab das Schreiben auf.

»Soll das heißen, Sie stimmen dem zu?« fragte Cornelius fast verdrießlich.

»Das tun wir tatsächlich«, sagte der Lieutenant, und die anderen murmelten dazu. »Sie fangen an zu lernen

»Weil sie ihr eigenes Überleben über das Überleben ihres Vaterlandes stellten«, fuhr Cornelius fort.«

Stöhnen, Zischen, Buhen. Cornelius verzog das Gesicht.

»Jetzt hören Sie sich an wie die Wochenschau«, sagte Benny. Er betrachtete diese Offiziere, Inquisitoren: gebräunt, festes Fleisch, Zahnpasta, Freiheit.

»Aber gerade haben Sie mir zugestimmt«, beklagte sich Cornelius.

»Diese Napalm-Fotos. Waren die echt?«

Nach einem Augenblick sagte Gabol: »Sie wissen, daß sie echt waren.«

»So ist der Krieg«, sagte Cornelius. »Und das ist keine Entschuldigung für schlechte Führung.«

»Sie sind verrückt«, sagte Benny nüchtern. »Wenn wir so etwas tun konnten, warum hat man uns dann nicht beigebracht, Ratten zu fressen? Einem Chinesen mit den Zähnen die Gurgel durchzubeißen? Überleben? Großer Gott, nein!«

»Ich will Ihnen was sagen«, sagte der Cowboy, »diese Kinderchen sind dazu erzogen worden zu glauben, sie könnten eines Tages Präsidenten werden. Ihre Mutti hat das gesagt.«

186

»Ihre gottverdammte Mutti mit den Lockenwicklern«, sagte Benny und krümmte sich vor Scham; er war auch verrückt, er auch; »wenn sie sie umarmte und küßte, da Pappi sich ganz elend fühlte. Ihr kleiner Junge war ein Sieger, und er würde genauso wie sie sein. Tüchtig und so was.«

»Herrgott«, sagte der schwarze Lieutenant, »sie hatten einen besseren Start als sonst jemand. Und dann wurden sie losgeschickt, um Asiaten, Tiere, Schlitzaugen zu töten – verflucht, das war wie eine Jagd -, und dann die große Überraschung: Wir kriegten Prügel! Ich sag Ihnen, jeder Mensch auf der Welt kämpft wie der Teufel auf dem eigenen Platz, aber wenn Sie Leute zehntausend Meilen weit schicken, um mit Schlitzaugen im Schlitzaugenrevier zu kämpfen, schicken Sie besser Killer.«

»Sie«, sagte Benny, »Sie haben ihnen erzählt, alle Menschen sind gleich erschaffen, und wenn es sein muß, können wir die Babys von Schlitzaugen verbrennen, um das zu beweisen.«

»Herrgott«, sagte der Cowboy, »manche von diesen Jungs hatten noch nie ein Mädchen im Bett! Die kannten nichts als die Fahne und Mundauswaschen und Knutschen nach dem gottverdammten Abschlußball. Die sind nicht sehr gut dabei, Menschen im Namen von Demokratie und Gerechtigkeit lebendig zu verbrennen.«

»Nun mal sachte mit solchen Gottlosigkeiten«, sagte der Lieutenant, und ein paar lachten.

»Dann werden sie geschnappt«, sagte Benny, »und kommen ins Gefängnis, und dann wimmern sie ein bißchen, und wo zum Teufel ist Mutti? Und die Post und die Wiener Würstchen? Und warum sollten sie nicht Tonaufnahmen machen, wenn ihnen das die Art Nahrungsmittel und Privilegien einbringt, die einem höheren Wesen zustehen? Und wenn das Ziel Überleben heißt, warum sollen sie dann nicht ihre eigenen Leute töten, um zu überleben?«

»Das eigene Überleben ist nicht das Ziel des Soldaten«, sagte Cornelius.

»So einen Scheißdreck hab ich noch nie gehört«, sagte Benny, »und das von einem Major! Hören Sie, das Überleben des anderen spielt zu Hause überhaupt keine Rolle mehr! Immer 187die Treppe rauf, richtig? Immer auf die Nummer eins achten, richtig? Geschäft ist Geschäft, richtig?«

»Die zukünftigen Supermänner Amerikas!« rief der Cowboy aus. »Und Sie erwarten Loyalität und Begeisterung und Zusammenhalten! Der Doktor hat recht. Sie sind verrückt!«

»Gib's ihnen, Cowboy«, sagte Benny.

»Cowboy?«

»Was haben Sie früher gemacht?«

»In Florida in einer Eisdiele gearbeitet.«

»Ich hab mich vertan«, sagte Benny und lächelte.

»Also passen Sie auf.« Cornelius versuchte eindringlich zu sprechen. »Das ganze Ziel der militärischen Ausbildung ist es, jeden Mann für jeden anderen Mann in seiner Einheit verantwortlich zu machen. Und letzten Endes in seiner Kompanie und Bataillon und Regiment und Division und Land.«

»Aber dann tun Sie das doch!« rief der schwarze Lieutenant. »Mann, ich bin Berufssoldat. Das ist meine Army. Und niemand wird so ausgebildet, das können Sie mir glauben. Sie haben eine Armee aus Pfadfindern gemacht, mit Beschwerdeabteilung und einem Briefkasten für Vorschläge und Abzeichen für gute Werke. Ich meine das ernst, ehrlich – wir hatten so einen Briefkasten. Herrgott, als ich Sergeant war, mußte ich meine Ausdrucksweise in deren Gegenwart im Zaum halten, sonst hätten sie mich gemeldet! Aber wenn Sie mich die mal richtig ausbilden ließen – ich würde sie prügeln! Ich würd denen beibringen: Ihr bringt die um, die ich euch sage, oder ich bring euch um. Und diese Schlitzaugen sind keine Menschen, also tut eure Arbeit, und wenn ihr geschnappt werdet, vergeßt nicht: Was die euch tun, ist nichts verglichen mit dem, was ich euch tue, wenn ihr Mist macht!«

»Das ist widernatürlich!« sagte Cornelius.

»So sieht das praktisch aus«, sagte der Lieutenant, »warum richten wir die Theorie nicht danach ein?«

»Wir haben nicht versucht, ein minderwertiges Volk zu vernichten«, sagte Fontaine, »das ist Unsinn! Ich mag so was von einem schwarzen Offizier nicht hören!«

»Ach Scheiße«, sagte der Lieutenant.«

188

»Wir meinen ja auch nicht, daß es was Persönliches gewesen wäre«, sagte Benny. »Aber wir würden Asien morgen auslöschen. Oder Afrika. Weil es gut fürs Geschäft wäre. Um ihnen die Wohltaten von Gebrauchtwagenmärkten und Stammtischen zu bringen, oder um ihre unsterblichen Seelen zu retten. Allmächtiger Gott, Mann, wo sind Sie die letzten hundert Jahre gewesen? Aber wir können das nicht mit Pfadfindern erreichen, die Schokoriegel für die von ihnen dazu gemachten Waisen herumschleppen.«

»Dann wären Sie also für eine härtere Armee«, sagte Cornelius, »wie bei den Türken.«

»Ich brauch etwas zu trinken«, sagte Benny, »ich fange an zu glauben, daß man mit Leuten wie Ihnen nur in betrunkenem Zustand reden kann.«

»Wir sind für keine Armee«, sagte der schwarze Lieutenant leise. »Früher oder später wird diese Army, meine Army, auch mich auslöschen.«

»Sie sind verrückt«, sagte Cornelius.

»Warten Sie es ab«, sagte der Lieutenant.

»Ich bin auch für keine Armee«, sagte der Cowboy. »Ich bin dafür, daß wir jeden General und jeden Politiker auf der Welt an die Arbeit kriegen. Sie sollen Gräben ausheben und Häuser bauen und Bettpfannen schwenken. Laßt sie nicht mehr umsonst fahren, laßt sie selbst zahlen und anständige Menschen in Ruhe lassen.«

Benny sagte: »Ich bin dafür, keinen General oder Politiker Krieg anfangen zu lassen, bis er persönlich einer schwangeren Frau ein Bajonett in den Bauch gestoßen hat.«

»Das ist abstoßend«, sagte Cornelius.

189

15

Zwei Jahre. Zwei Jahre!

In der ersten Hoffnung hingen wir herum und schwatzten und warteten auf Nachricht, einen zivilen Anzug, zwanzig Dollar und einen Fahrschein für die Eisenbahn. Kinsella demonstrierte Führungsqualitäten, indem er uns einige Tage uneingeschränkter Freude und Spekulationen zugestand, bevor er verkündete, daß Waffenstillstandsverhandlungen ihre Zeit brauchten, daß diese sich als ganz besonders mühsam erweisen würden und daß wir uns auf einen Aufschub gefaßt machen sollten, vielleicht sogar auf volle sechs Wochen. Munter fanden wir uns damit ab. Wir schwammen. Die Progs schwänzten den Unterricht und schwammen auch; sie waren noch von uns getrennt, sahen aber verlegen zu uns herüber, wie unbestimmt reumütige Auschwitzer Bauern, die gerade – welche Überraschung! – erfahren haben, was die Andenkenfabrik wirklich war. Niemand trüge ihnen etwas nach, erklärte Kinsella. Verachtung, das ja, aber wir wären hier alle Amerikaner, oder Alliierte, und Vorwürfe oder Strafen würden zu gegebener Zeit von den zuständigen Stellen ausgesprochen werden. Also winkten wir zurück oder übersahen sie und saßen in der Sonne zusammen, als wären wir daheim im Dorfladen und tauschten Lügengeschichten aus. Die Sommeranzüge waren aus blauem Baumwollstoff, bequem, sogar flott. Wir fläzten uns wie die Eidechsen und blinzelten müde.

Ich erinnerte mich an Ou-yangs glühenden Blick, seine Warnung, und ergab mich nicht ganz der Hoffnung; aber die Verpflegung war besser, und die Sonne war wunderbar, und die Säfte zirkulierten wieder; das Leben winkte. Nachts lag ich angespannt da, zügelte den Optimismus und unterdrückte Träumereien. Carol. Andere. Sie. Ich öffnete mein Herz der Erinnerung und dem Verlust, strafte mich selbst mit tausend Unvergeßlichkeiten, wurde munter und grinste hysterisch, brach zusammen und biß mich selbst in die Arme.

190

Ich machte meine Runden. Ich nehme an, sie – »die« – zogen vorsichtig ein Ende des Wahnsinns in Betracht; sie ließen mich durch das Lager streifen und gaben Alkohol und Verbandzeug ab. Wir waren jetzt Menschenfreunde, alle. Ein großer Teil meiner Arbeit war nutzlos oder schlichte Beschäftigungstherapie, man konnte nichts gegen schlecht eingerichtete Knochen oder scheußliche Narben oder versteckte innere Schmerzen tun. Nicht mal gegen Fußpilz: Es gab keine Fungizide. Ich verordnete den Humpelnden Übungen, überwachte Amputationsstümpfe (Glieder, Finger) genau, behandelte Bindehautentzündungen und Hitzblattern. Einmal sah ich Ewald, über einen mit Draht abgezäunten Weg hinweg: Er winkte, deutete ein Lächeln an. Ich winkte zurück; er sah freundlich und reumütig aus; ein Hauch von Schwäche umgab ihn, die letzte Etappe bergab; er war weniger rundlich, blaß, hatte Ringe unter den Augen. Ich war beunruhigt und fröstelte. Wieder Vorzeichen und Augurien, Wolken, die nicht größer als das Herz eines Menschen waren.

Was wir brauchten, war eine Epidemie, um unsere hart erkämpfte Verzweiflung wiederzugewinnen. Und schon – hokuspokus! – hatten wir eine, die die armseligen Fähigkeiten des bescheidenen Feldschers weit überstieg: Bluten der Körperöffnungen, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen, Muskelschmerzen. »Verdammt!« schrie Kinsella. »Die pinkeln Blut. Sie haben geschwollene Augen und Blut in Nase und Mund!«

»Es müssen an die fünfzig sein«, sagte ich. »Ich weiß nicht, was es ist.«

»Sie wissen es nicht?«

»Nein. Ich hab nie von etwas Ähnlichem gehört. Bewley sagt, es sei eine Strafe.«

»Mein Gott, mein Gott«, stöhnte er. Ein echtes Stöhnen, ein Jammern, eine Totenklage. Auch Kinsella hatte seine Grenzen.

»Beten Sie«, sagte ich, »bleiben Sie sauber.«

»Sie müssen etwas unternehmen! Tun Sie wenigstens so!«

»Sagen Sie mir, was. Ich brauche Blutuntersuchungen und Lehrbücher.«

191

Ein paar starben. Das Fieber sank nach fünf oder sechs Tagen, aber ein paar starben trotzdem. Einige litten gegen Ende unter Harnverhaltung und starben unter Schmerzen. Einige schliefen einfach ein. Die meisten wurden einfach wieder gesund. Mysteriös. Ich träumte von einem Laboratorium, Tests, Nierenfunktion, Urinuntersuchungen, Liquoruntersuchungen, Leukozytenzählungen. In der Mitte des heißen August war die Seuche vorbei. Die Chinesen hatten auch darunter gelitten, Akupunktur oder nicht. Doktor Li war bekümmert.

Ende August gab es Post. Ein Summen wie im Bienenstock, voller Hoffnung und Freude. Soweit ich sehen konnte, bekam jeder einen Brief. Mit den unterschiedlichsten Absendedaten. Keine Zeitungen. Keine Zeitschriften. Keine Bücher. Nichts, die ganze Zeit nichts. Nur diese Zettelchen, die Monate auseinanderlagen; Jahrzehnte! Überwältigt zogen wir uns in Ecken zurück, um mit den Nachrichten allein zu sein, den Worten der Liebe, den forschen Versicherungen und Ermunterungen. Jemand meinte, der Krieg müsse vorüber sein, warum sonst die Großzügigkeit, und innerhalb einer Stunde glaubten wir es alle; aber als die Tage vergingen, wurden wir still, dann traurig, dann bitter.

»Wenigstens gibt es Vögel«, sagte Kinsella. Das stimmte. Sie waren im Frühling gekommen, Amseln und Spatzen und kleine rot-gelbe; sie zwitscherten und machten Kunstflüge und ließen ihre kalkweißen Segnungen auf Herren und Sklaven gleichermaßen fallen; auf dem Fluß gab es Gänse, Enten und Kormorane. »Das da sind Eiderenten«, sagte Kinsella, »hör mal, wie sie fliegen, whusch – whusch – whusch.« Der Frühling war grün und braun gewesen, mit einem weiten blauen Himmel, und im Sommer blühten Blumen, Flecken von Rot und Weiß hoben den saftigen Hang eines Hügels hervor.

Dann fielen die Blütenblätter ab. Ich sah Ewald und Bewley; sie hatten Unterricht im Freien, lagen im Gras wie College-Studenten, der Dozent dozierte, Brille, drohender Finger. Eines Abends kam ich zum Essen nach Hause – nach Hause! – und fand ein Buch auf meinem Sack mit Verbandzeug. Kinsella wollte wissen, woher es kam. Ich wußte es nicht. Niemand 192wußte es. Es war Les Misérables. Auf französisch. So las ich endlich Les Misérables. Auf lange Strecken langweilte es mich. Es waren Wörter darin, die ich nicht kannte.

Ou-yang teilte uns mit, daß die Friedensverhandlungen unterbrochen worden seien. Kinsella verfiel in Depressionen.

Cuttis lief herum. Er war braungebrannt.

Ich überlegte, wie es meinen General-Motors- und Standard-Oil-Papieren gehen mochte.

Später fragte ich mich etwas anderes: Wenn wir gewußt hätten, daß es zwei Jahre dauern würde, hätten sich dann manche umgebracht, wären welche übergelaufen oder hätten sie auszubrechen versucht? Oder wären sie erleichtert gewesen, daß es nicht zehn Jahre waren?

 

Die Tage wurden kürzer, und die Vögel flohen. Eiderenten in V-Formation whuschten über uns hinweg, nach Süden, schwenkten, schossen nach Norden, frei. Norden? Noch mehr Verrücktheit. Gänse schrien im Morgengrauen und zogen nach Süden. Kleinere Vögel blieben noch und schnorrten, aber bald verließen sie uns auch. Die Posten holten Kinsella, und er war zwei Tage fort und kam unversehrt, aber erschöpft zurück. Andere Offiziere auch. Ich nicht. Die Progs diskutierten, und mehr von uns schlossen sich ihnen an. Eines Tages stapfte eine Abteilung Chinesen zu uns herauf; wir verstummten, und dann sahen wir, daß sie eine Last trugen, und dann sahen wir, daß es Trez war. Sie schoben ihn in unsere Richtung, und er schwankte und mühte sich und blieb auf den Füßen und taumelte. Wir umringten ihn. »Trez!« Die Posten machten kehrt und marschierten ab. Kinsella faßte ihn unter den Armen und hielt ihn aufrecht, wie ein Liebender, Gesicht an Gesicht, ganz nahe, und sagte beinahe zärtlich: »Haben sie Sie gefoltert?«

Trez zwinkerte mehrmals und brachte ein winziges Lächeln zustande. »Nein, Sir«, flüsterte er, »sie haben mich nicht angerührt. Aber«, und er zog endlos, mühsam, heroisch den Atem ein, »sie haben mich ganz schön müde gemacht.« Das Lächeln vertiefte sich, wie bei einem kleinen Jungen, und er streckte mir die Hand hin, schloß die Augen und brach zusammen. Wir 193schleiften ihn zu seinem Strohsack und betteten ihn bequem. »Guter Mann«, sagte Kinsella aufdringlich. Ich hatte Lust, ihn niederzuschlagen. »Verdammt guter Mann. Gebt mir hundert von seiner Sorte …«

Einer unserer Corporals hatte einen Herzanfall und starb. Im November, einer Zeit voller Staub und Frost und plötzlichen gelben Winden aus Nordwesten, wurde Winterkleidung ausgegeben, ein trauriges Ereignis; und da gaben wir alle die Hoffnung auf und verfluchten die Regierung, unsere und ihre und alle Regierungen überall und zu allen Zeiten. »Ich geb es auf«, sagte Kinsella.

»Geben Sie auf, wenn Sie tot sind.«

»Ich bin tot«, sagte er. »Sehen Sie mal, da.«

Es war wieder Ewald, fern, aber erkennbar mit seinen blonden Haaren. Er ging wie in Trance – wiederholte er Lehrstoff? Oder diskutierte er mit sich selbst? Ergründete er die Dialektik? Er erinnerte an einen frühen schwedischen Heiligen, wie er zwischen Halmen wandelnd meditiert, unter Gottes Augen Verse murmelt und Grillen segnet. Kunde von Bewley dem schwarzen Christus bringt.

»Armer Kerl«, sagte ich.

»Ach, zum Teufel mit ihm«, sagte Kinsella. »Keine Enten mehr. Früher hab ich immer Enten geschossen. Und Gänse.«

»Ich bin ein Großstadtjunge.«

»Und geangelt hab ich. Sind Sie je im November über ein Stoppelfeld gelaufen?«

»Nein.«

»Man stöbert Fasanen auf«, sagte er. »Wamm! Wie eine Explosion. In der beißenden Luft, und dein Atem geht weiß. Jesus. Einmal hab ich eine Doublette geschossen, es war großartig, vollkommen, links und rechts. Ich holte sie und genehmigte wir ein Glas Whiskey, den ich noch schmecke. Das zweite war eine Henne, illegal, aber das war mir egal. Benny«, sagte er, »sag mir die Wahrheit: Geht dieser Krieg je zu Ende?«

»Ja«, sagte ich. »Woher soll ich das wissen?«

»Doktors wissen alles«, sagte er.

»Jesus«, sagte ich.

194

»Ich muß mich wieder in die Gewalt kriegen«, sagte er. »Sieht aus, als ob es einen langen harten Winter gäbe.«

 

Den gab es. Das nahe Bevorstehen des Todes hatte uns an die Wand getrieben; eine Andeutung von Leben hatte uns aufgerichtet; jetzt lähmte uns der Tod im Leben. Wir bewegten uns wie Schatten, sprachen wie Gespenster. Ich tat meine Arbeit mechanisch und kehrte zur Hütte zurück und saß trauernd da. Saß durch endlose Stunden von Raum, endlose Meilen von Zeit da. Wellen von Bitterkeit, von Haß. Und dann unbezähmbare Wellen von Kummer; man sitzt da wie eine Kleiderpuppe und hat plötzlich Tränen in den Augen. Sie können das nicht wissen. Wenn Sie gesessen haben vielleicht, oder bis zum Schrumpfen des Gedärms arm gewesen sind. Gefängnis. Eine Verurteilung auf unbestimmte Zeit. Endlos. Überlegen Sie mal. Sie, der Sie ohne Sünde sind.

Weihnachten.

Ich erinnerte mich an die Geschichte von dem alten chinesischen Philosophen, der träumte, er sein ein Schmetterling; als er aufwachte, war er nicht sicher, ob er ein Philosoph war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der träumte, er sei ein Philosoph. War ich ein freier Mensch, der träumte, er sei im Gefängnis, oder war ich ein Gefangener, der geträumt hatte, er sei frei?

 

Ou-yang lud mich zum Sitzen ein und sagte: »Jedenfalls reden sie jetzt wieder.« Er sah grämlich und blaß aus, er auch. Was ich fühlte, war mehr als Sympathie, es war Verwandtschaft. Tut mir leid. Notieren Sie das. Als er sagte »sie«. Wir hatten alle unsere »Sie«. Irgendwie dieselben »Sie«.

»Worüber?«

Er zuckte die Achseln. Dann zwinkerte er und gab ein trauriges Wiehern von sich und warf mir einen Aktenordner herüber. Ich öffnete ihn. Fotos. Fotos von Kindern, deren Augen zugebrannt waren und deren Nasen und Ohren weggebrannt waren. Kindern ohne Arme. Einer Mutter, die mit ihrem Kind zusammengeschweißt war. Einem Jungen, dessen Gesicht eine 195Maske war, ein Graus, zwei winzige Augenlöcher, keine Lippen. Mein Magen bockte; dunkel erinnerte ich mich an Rospos, wie er gewürgt hatte, und davor, Jahre davor, an andere Fotos.

»Immer«, sagte ich.

»Nicht in Ihrem Land«, sagte er.

Noch mehr Fotos. Nach einem Dutzend war man abgestumpft.

»Ich möchte, daß Sie als Arzt im Rundfunk sprechen«, sagte er.

»Ich kann nicht.«

»Nur eine Bitte um Frieden«, sagte er, »um die Verhandlungen zu beschleunigen.«

»Nein.« Meine Antwort war ein Reflex; ich hatte meinen Weg gewählt und war jenseits aller Logik. Und ich war böse, mir war hundeelend: so marktschreierisch, diese Fotos. Tu was, als Arzt.

»Was hält sie auf?«

Er zuckte die Achseln. »Vieles. Vor allem, daß die Amerikaner Zeit haben wollen, ihre Gefangenen zu bekehren

»Im Gegensatz zu Ihnen.«

»Sie haben viele Tausende. Sie wollen sie nicht einfach heimschicken, sondern bestehen darauf, sie wählen zu lassen. Deshalb indoktrinieren sie sie.«

Müde sagte ich: »Wie ich höre, haben wir auch die Wahl.«

»Wenn Sie als Arzt sprechen könnten. Nur als Arzt!«

»Wenn ich wirklich als Arzt spräche, würden mich beide Seiten erschießen. Nein. Tut mir leid.«

»Es könnte nicht schaden!«

»Das weiß man nie. Wir kennen nicht mal die einfachsten Folgen der einfachsten Alternative.«

»Ach ja«, sagte er. »Eine alte chinesische Fabel. Von dem Bauern, der ein Pferd fand.«

Ich wartete.

»Und seine Nachbarn kamen und gratulierten ihm, und er sagte, warten wir's ab. Und sein Sohn ritt auf dem Pferd und fiel herunter und brach sich ein Bein, und die Nachbarn kamen 196und drückten ihm ihr Mitleid aus, und er sagte, warten wir's ab. Und dann kamen die Hauptleute des Herzogs und holten alle jungen Männer in die Armee, und der Sohn wurde davon befreit wegen seines Beins. Und so weiter und so fort.«

»Ja.«

»Sie wollen also nicht sprechen.«

»Nein. Medizinisches, jederzeit. Diplomatie, nein, Werbung, nein.«

»Möchten Sie gern an Ihre Familie schreiben?«

»Doch nicht so, bitte«, sagte ich. »Nur, wenn alle es tun.«

»Was für ein Heldentum.«

»O Gott, nein. Nicht mal Patriotismus.«

Er schnaubte. Ein großer Mann, gebeugt, feindselig, der Feind. »Ich könnte Ihnen Ärger machen«, sagte er.

»Machen Sie mir keinen«, sagte ich. Ich schlief fast ein in diesem Augenblick. Die Erschöpfung war wie ein Schmerz. Es war nicht Schlafbedürfnis, es war eine Lebensweise. »Hören Sie. Ich hatte einen Freund in New York, einen Chinesen. Er war ein reicher Junge aus reicher Familie, und eines Tages fragte ich ihn, wo er sein Leben verbringen wollte. China, sagte er. Die wollen dich nicht, sagte ich. China, sagte er. Er sagte, selbst wenn sie einen Japaner ganz oben hätten«, und Ou-yang glotzte mich erfreulicherweise an. »Er würde auf jeden Fall nach China zurückgehen. Verstehen Sie?«

»Natürlich«, sagte er.

»Kein Patriotismus.«

»Nein, nein. Viel mehr.«

»Viel mehr.« Ich war raus, aber schlapp, noch schläfriger. »Soviel zu dem, was ein Mann war, ist und sein wird. Die Landschaft, die Sprache, die Farbe des Himmels und das Trommeln des Regens. Tugenden und Fehler. Sie verstehen mich?«

Er nickte. »Geben Sie mir die Fotos.« Ich schob sie ihm über den Tisch. »Ich werde Ihnen keinen Ärger machen, Die-foo.«

»Ding how«, sagte ich.

»Ding how.« Er lächelte. Ich lächelte.

 

197

Auf dem Weg hinaus begegnete ich Ewald. Er las beim Gehen, und seine Lippen bewegten sich. Ernsthaft und rührend. »Na? Wohin des Wegs?« fragte ich.

Er schrak zusammen; Gedanken und Worte drängten sich in ihm. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und sagte: »Ich bin froh, Sie zu sehen, Lieutenant.«

»Es ist eine Weile her, seit wir miteinander geredet haben.«

»Ja.«

»Haben Sie von zu Hause gehört?«

Er nickte. »Da sind alle okay.«

»Gut. Nehmen Sie es nicht so schwer«, sagte ich.

»Lieutenant«, sagte er, und ich hielt an. »Ich fange an zu begreifen. Eine Menge Sachen.«

»Na, wie schön.«

»Ich meine, über den Krieg.«

»Da sind Sie besser als ich.«

»Und damals, als wir gefangen wurden.«

»Vergessen Sie es«, sagte ich.

»Na ja«, sagte er, »ich wollte es Ihnen nur sagen.«

»Prima«, sagte ich. »Hören Sie, passen Sie auf sich auf. Eines Tages werden die anderen …«

»Ich paß schon auf mich auf«, sagte er. »Ich hab den Lebenswillen.«

Den Lebenswillen. Dieser Unschuldsengel. Dieser skandinavische Quadratschädel. Dieser großartige Philosoph. »Den hatte Jack auch«, sagte ich.

»Wer?«

»Also, seien Sie vorsichtig. Ich meine es ernst. Laufen Sie nicht allein herum. Halten Sie sich an Ihre Progs.«

»Sticheln Sie nur«, sagte er. »Wir könnten das beenden. Alle. Wenn wir …«

»Ach geh zum Teufel«, sagte ich.

 

Die Befragungen wurden wieder aufgenommen, eingestellt, aufgenommen. Niemand wurde verletzt, aber der Druck war gleichbleibend: Was kam? Wann? Neue Gefangene kamen in einem dünnen Strom. Die Ernährung wurde wieder besser, 198aber Post gab es nicht. Nichts zu lesen als Lenin und Hugo. Ich versuchte meinen gelangweilten Kameraden vorzulesen, beim Lesen zu übersetzen, schlief aber immer ein. Meine Zuhörer protestierten nicht. Wenn ich nicht arbeitete oder die beschriebenen Grenzen der Betäubung zu erweitern versuchte, bemühte ich mich, über erhabenere Dinge nachzudenken. Versuchte zum Beispiel, ein Absolutes zu finden. Das Eine. An das man sich klammern konnte. Von dem man ableiten konnte. Vielleicht haben Sie eins. Gott. Vaterland. Ehefrau. Ehemann. Seien Sie froh. Für uns traurige Skeptiker ist es nicht leicht. Am nächsten heran kam ich mit der Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens. Es gibt keine zwei Menschen, die gleich sind – ein Axiom, biologische Ableitung -, deshalb ist jedes Leben einmalig, und kein Mensch ist entbehrlich. Nicht mal der Feind. Korollar: Deshalb ist jeder Mensch zu jeder Zeit absolut allein. Widerspruch: Wir sterben alle, also sind wir schließlich doch entbehrlich. Von Bedeutung für uns selbst, aber nicht fürs Universum. Ja, das Denken des Menschen und das Denkste der Natur. Dann wurde ich unsicher und wandte mich einfacheren Dingen zu. Ihnen wird das egal sein. Kurze Momente der Aufmerksamkeit. Ich hätte gern Papier und Bleistift gehabt, aber sie hätten mir auch nichts genützt. Ich summte Melodien, bis ich grob zur Ruhe aufgefordert wurde. Wir improvisierten ein Schachspiel, aber uns fehlte die Energie. Kinsella erkältete sich und putzte sich die Nase durch die Finger. Jacob machte das jeden Morgen am Waschbecken, während das warme Wasser lief. »Verdammt! Wissen Sie, was ich vermisse? Taschentücher. Außerdem hab ich da einen kleinen Polypen oder so was.«

»Ich behandle Ihnen den umsonst, wenn wir zu Hause sind.«

»Nö. Das macht die Army.«

»Richtig, die Army«, sagte jemand. »Wo zum Teufel ist die?«

»Sie wird schon kommen«, sagte Kinsella mit leidender Stimme.

Ich dachte an Jacob, der vielleicht mehr litt als ich, und an die Geschichte meiner widerspenstigen Religionsgemeinschaft 199und an die Existenz oder Nichtexistenz von Chance und Schicksal. Ich kam zu dem Schluß, daß ich ein Atom wäre, vielleicht sogar ein Elektron, möglicherweise auch eins der noch geheimnisvolleren Teilchen, bestimmt mit negativer Ladung, nur zu schwachen Interaktionen befähigt, ein bißchen Masse, ein bißchen Energie, Hallo und Adieu. Überflüssiges, aber die Zeit vertreibendes Grübeln. Ich lasse eingehendere Phantasien, Wehklagen und Wimmern aus. Schließlich war ich dankbar für meine Arbeit und widmete mich dem öffentlichen Dienst. Suchte meinen Zug auf. Fennimer und Co. hatten sich ihnen angeschlossen und die Abgänge ersetzt. Ein ganz hübsch zäher Haufen jetzt: Cuttis war immer noch ein Kleinkind, aber die anderen waren bissig und gemein. Außer Trez; er hatte früher nicht kritisiert und tat es auch heute nicht. »Lieutenant«, sagte er, »wie klappt's mit den Schwestern?«

»Bringen mich um. Wie geht's dem Blitz von Marianna?«

»Hart wie Eisen. Neunzig Kilo Dynamit.«

»Knapp siebzig«, schätzte ich. »Jemand krank?«

»Meine Jungs nicht.«

Fennimer fragte: »Ist der Major schon getürmt?« Sie kicherten.

»Was gibt es Neues?« fragte Trez.

Ich erzählte ihnen, was ich über die Waffenstillstandsverhandlungen wußte. Sie fluchten alle. Weiter gingen wir nie, Witze und Tagesereignisse, aber sie gaben mir Halt. An manchen Tagen kam es mir vor, als wären wir die einzigen Amerikaner im ganzen Lager, die zu überleben beschlossen hatten. Türken und Griechen und Engländer, klar, die waren wirklich, aber viele meiner Landsleute schienen mir unwirklich. Um sie zu identifizieren, hätte man ihre Hundemarken lesen müssen. Sie jammerten nicht und knirschten nicht mit den Zähnen, sie verblaßten. Dieser zweite Winter war auf tückischere Weise tödlich: das nie geäußerte Gefühl von Unfreiheit auf Dauer, einem nicht mehr einklagbaren Leben. Und dazu das oft geäußerte Gefühl von Verrat oder wenigstens kriminellem Herumspielen von Generalen und Politikern. O ja. Oft.

Wir überlebten, und der Frühling kam wieder. Was für eine 200schlichte Aussage. Sie werden zustimmend aufatmen und denken, Gott sei Dank, unsere Jungs haben das Überleben und den Frühling aber auch verdient. Ach, gehen Sie doch zum Teufel! Es bauten sich gerade Vorwürfe in mir auf – scharf, brutal, bedenkenswert. Vergessen Sie's. Wir überlebten, und der Frühling kam wieder. (Trotzdem: Was taten Sie in dem Frühling oder in einem Dutzend Frühlingen seither? Ich weiß: Steuern zahlen. Ich empfinde nur Geringschätzung für Sie, alle und jeden.)

Kinsella überlebte seine Erkältung. Ich schwatzte mit Ou-yang. Die Waffenstillstandsverhandlungen waren in Schwung gekommen: einen Millimeter hierhin, einen dahin. Die ersten Vögel flatterten herein, das Eis auf dem Yalu trieb hinaus. Eines Abends spät, im Dunkeln, trottete ich nach Hause, nachdem ich meine Runde als Magier hinter mich gebracht hatte, und die Luft war süß, feucht, die Sterne eisig und beruhigend, und ich war ein Schamane, beherrscht von persönlichen Kräften, eingestimmt auf einen ewigen Animismus, unempfindlich für den Zorn der launischen Götter. Ich war, aus Gründen, die ich nicht begreife, zuversichtlich; ich hatte eine namenlose Seuche überlebt, fühlte mich wieder ein bißchen mehr wie Benny Beer, Kondottiere, Sproß bedeutender Knopflochhändler, Liebhaber, finanzieller Hexenmeister und der Sitte Spiegel. Der Krieg würde zu Ende gehen. Ich stellte mir die Blaskapelle vor. Die irische Königin … Mit wunderlicher Anteilnahme, fast Erregung dachte ich an eine Legende: Cuchulainn? Brian Boru? Seine Männer hatten eine große Schlacht für eine große Königin gewonnen, und als sie zu ihrer Burg zurückmarschierten, hatten sich die Damen der Königin auf beiden Seiten der Straße aufgestellt, und während die Krieger vorbeistampften, hoben die Frauen ihre Röcke bis zum Hals hoch, allesamt. Behaltet eure Blaskapelle. Gebt mir lieber Kathleen O'Toole. So schlurfte ich dahin und dachte an die moosige Allee des edlen Buschwerks, als ich ein Ächzen hörte. Ich glaubte schon, ich wäre es selbst gewesen; aber als ich es abermals hörte, blieb ich stehen.

Ich fand ihn sofort, mit aufgeschlitztem Bauch, ein einziger 201anständiger Schnitt, und das Blut quoll. Ich sah mich wie eine Katze um; wir waren allein. Ich rannte, brüllte, für einen Augenblick ohne Verstand; dann kehrte ich um, immer noch brüllend, und kümmerte mich um die Wunde, ungeschickt, ein Amateur. Ein Posten rief. »Die-foo«, brüllte ich. »Kwai kwai«, was »schnell« bedeutete. Ich hörte Unruhe. Ich fühlte seinen Puls. Vielleicht erwischte ich das letzte Flattern, die letzte verzweifelte Botschaft. Ich kauerte da, kalt, verfluchte Fennimer und seine Kumpane – was unfair war, es konnte jeder gewesen sein.

Der Posten kam schnell, Li hinter ihm. Ewald war tot. Er hätte nicht gerettet werden können. Er war tot. Armes Baby Butterbällchen. Sterben in einem fernen Land. Ich setzte mich und hob ihn an, um ihm im Sternenlicht ins Gesicht zu sehen. Es war stopplig und verzerrt, aber es war das Gesicht eines pausbäckigen Kindes; Staub auf einer Landstraße, Schwimmen im Weiher. Äpfel. Männer versammelten sich um mich, und keiner sprach, und ich hielt ihn in meinen Armen und wiegte ihn und weinte trockene Tränen.

Niemand wurde verhört oder bestraft. Was war schon Ewald? Ein dreckiger Prog. Noch zwei Hundemarken für den Haufen. Ich brachte sie Kinsella, Ewalds letztes Sühneopfer, wie die Hoden eines heiligen Stiers.

 

Leute, ich wollte, sie hätten jemanden gekreuzigt, Bewley vielleicht; ihn an ein hölzernes Kreuz genagelt und einen Tag hängen lassen, morgens hätten wir uns dann alle versammelt, alle achthundert Mann, und Kinsella und ich hätten ihn vorsichtig abgenommen, und Trez hätte ihm das Gesicht mit einem Tuch abgewischt, und der Himmel verfinsterte sich, und ein großes Geschrei stiege auf vom ganzen Volk, und die Chinesen weinten und wandten sich ab. Wie hätte das diesen klobigen Bericht abgerundet! Wie hätte das all dem, was geschah, Bedeutung verliehen!

Nein. Was geschah, war bedeutungslos. Eine trostlose Folge von minderen Ereignissen in der unmenschlichen Komödie. Sie wollen mehr. Sie bestehen auf Bedeutsamkeit, einer positiven 202Einstellung, einer vom Leben durchdrungenen, von Moral beseelten Chronik. Okay. Zunächst hatten sie einen Verdacht wegen dieser verrückten Epidemie, dem Bluten und dem Fieber: Zecken, sagten sie. Also erklärten wir den Zecken den Krieg. Daran arbeiteten wir. Nichts spornt einen Mann so zur Tugend an wie die Angst vor Blut im Urin. Tatsächlich: nur zwei Fälle. Sie überlebten. Dann eines Tages hieß es, wir könnten alle nach Hause schreiben, und sie gaben uns Papier und Bleistifte. Also schrieben wir alle nach Hause. Kurz, aber für einen Verhungernden ist ein Ei ein Hähnchen.

Eine Woche danach – im August 1952 – schwammen wir unter einem schmelzflüssigen Himmel im Yalu; wir spielten, spritzten, wälzten und wollüstig in den weiblichen Wassern, etwa zwanzig von uns, als auf einem freundlichen Strudel ein Stück Papier auf uns zu trieb. »Eine Botschaft!« rief Kinsella, und wir lachten lärmend und machten ordinäre Bemerkungen, und er schwamm hinaus und holte es. »Da, noch welche«, rief ich und zeigte; hinter der ersten Botschaft segelte eine ganze Flotte, manche zerknüllt, manche durchweicht, manche wie Schiffe oder Hüte gefaltet. Die Männer jubelten und stürzten spritzend hin, um sie zu retten. Dann brach das Gelächter zusammen, und die Sonne wurde schwarz: Es waren unsere Briefe. Alle mit dem gleichen Datum, alle mit denselben platten Phrasen. Zornig und stumm standen wir im flachen Wasser. Noch ein paar Briefe trieben vorbei. Gezieltes Timing? Ein Zufall? Der Müll von einem Tag wie jedem anderen? Reicht das für die Bedeutsamkeit, Einstellung und Moral?

 

Jetzt wußten wir nicht mehr, ob es den Planeten draußen noch gab, und an dem Abend saße wir auf dem Fußboden und erzählten uns traurige Geschichten vom Ende der Welt. Mal angenommen, wir hätten die Bombe geworfen, und die Russen hätten dasselbe getan, eins zu eins, und dann zwei zu zwei, und New York gab es nicht mehr, und Moskau auch nicht, und Peking? Kinsella höhnte und befahl ein neues Thema. Aber der Gedanke war fast erfreulich: Man stelle sich vor, daß andere Leute im Unglück steckten! Unterhaltung. Höhenflüge der 203Phantasie. Moderne Kunst. Der Unterschied wäre für uns nur geringfügig: Unsere Briefe wurden nie abgeschickt, also gab es die Außenwelt nicht. Das Seminar ging weiter: Sie existiert objektiv, sagte jemand. Warum sind dann unsere Briefe zurückgekommen? Eine sonderbare Logik, aber Logik. Angenommen, es käme ein Besucher und berichtete, draußen sei alles in Ordnung? Dann würde sie für die Zeitspanne seines Berichts existieren. Dann existierte sie auch jetzt. Wieso? Warum muß Existenz kontinuierlich sein? »Verdammt«, sagte Kinsella, »hört auf damit!« Erstklassiges Zeug. College-Niveau. »Eure Frauen und Kinder existieren«, bestimmte Kinsella. »Jetzt hört auf.« Ich fragte mich.

Vignette. Oktober 1952: Dr. Beer hat gerade mit Dr. Li über einen chinesischen Soldaten beraten, der an der Raynaudschen Krankheit zu leiden scheint. Die Wunder hören nie auf. Vor allem bei Frauen auftretend. Ist der Soldat vielleicht eine Frau? Nein. Taube Fingerspitzen, geschwollen und schmerzend. Der Mann ist offensichtlich ein Neurotiker. Aber Neurosen gibt es in der chinesischen Armee nicht. Vielleicht Akupunktur, sagt Dr. Li. Eine Verlegung nach Kanton, schlägt Dr. Beer vor, in eine wärmere Gegend. Das, sagt Dr. Li, heißt nur das Symptom behandeln; Akupunktur behandelt den ganzen Organismus. Dr. Beer gibt sich geschlagen und stiehlt sich davon. Draußen nimmt er eine ordentliche Lunge voll von der frischen mandschurischen Luft, geht um eine Ecke und steht einem russischen Offizier gegenüber: eckiges Gesicht; kräftiger Kiefer, breite Stupsnase, blonde Haare, blaue Augen – alles mit einem Blick erfaßt. Der Russe wird von einer Eskorte chinesischer Offiziere begleitet, und einen Augenblick bewegt sich niemand: Die Chinesen scheinen sich zurückzuziehen, zu versinken, zu verschwinden, ektoplasmisch. Der Russe und der Amerikaner starren sich an, Funken sprühen, und für den Moment einer schwachen Interaktion gibt es eine neue Verbindung: Weißes Proton plus weißes Elektron gleich rassisches Aufblitzen: Was tun wir in diesem mongolischen Irrenhaus? (Das dachte er, ich schwöre es.) Dr. Beer läßt die Andeutung eines Lächelns durchbrechen. Der Mundwinkel eines Russkis 204verzieht sich. Dr. Beer tritt zur Seite; der Konvoi von Offizieren stapft vorbei. Kosak! Antisemit! (Aber ich hab es auch gespürt, Vetter Wanja!)

Ou-yang schickte wieder nach mir, um mir – viel umgänglicher – mitzuteilen, daß General Eisenhower zum Präsidenten gewählt worden sei und versprochen habe, nach Korea zu kommen und den Krieg zu beenden und was dergleichen schöne Dinge mehr sind. Einen verrückten Moment lang glaubte ich, er meinte, daß Eisenhower hierher käme und daß wir uns auf eine Inspektion gefaßt machen müßten. Ou-yang zeigte guten Willen. Ich hatte keine Ahnung, was von mir erwartet wurde, also sagte ich, ich würde ihn vermissen, und wir sollten uns mal zum Lunch treffen, wenn alles vorbei wäre. Nein, diese Scherze schwirrten durch meinen erschöpften Geist, aber ich sagte nichts. Ich zuckte die Achseln. Vor anderthalb Jahren war von einem Waffenstillstand die Rede gewesen. Jetzt würde man wieder davon reden. Das war für die Gefangenen die Entsprechung des christlichen Himmels und des kommunistischen Utopia: später, immer später. Die Gescheiten, die Robusten wußten, daß es so was nicht gab und nie geben würde. Wir waren alle Lebenslängliche.

Und doch hofften wir. Verdammt, verdammt, wir hofften. Selbst die besten von uns. Die brutalste und unanständigste Bezeichnung in der englischen Sprache ist »Optimist«, und doch hofften wir.

 

Wenn sie einen gekreuzigt hätten, wenn es irgendeine Art großes Finale mit Fanfaren und Revuegirls gegeben hätte, dann hätten wir ein Recht auf Hoffnung gehabt. Darauf, eine Bewegung zu vermuten, Anfang, Mitte und Ende: hier, ihr Forscher, beschleunigt sich nach langer und manche werden sagen langwieriger Entwicklung das Tempo, und die Themen laufen zusammen und lösen sich in einem dröhnenden Höhepunkt, auf den nur noch ein kurzes Absinken folgt, und dann ist die Show vorbei; die Zuschauer bummeln nach Hause, die Schauspieler nehmen die Masken ab und entpuppen sich als 205gesunde und gutaussehende junge Männer, während das Echo des Applauses verhallt. Nein. Nichts.

Ich weiß nicht. Vielleicht seh ich in fünfzig Jahren eine Bewegung darin. Stalin starb in der ersten Woche des März 1953, und es war kein Unterschied zu erkennen; die Chinesen gaben das mit feierlicher Trauer bekannt, und wir wimmelten durcheinander und fragten uns, was sie nun von uns erwarteten: Sollten wir jubeln oder finstere Gesichter ziehen oder was? Nichts. Aber auf eine sonderbar erregende Art war doch ein Unterschied da: das Vergehen eines Zeitalters, die endliche Aufhebung eines alten Fluchs; die Welt war um ein unendlich kleines, aber wirkliches Stück verändert, und jede Veränderung war zum Guten. Wir waren damals nur noch Phantome, aber an dem Tag verdichteten wir uns eine Spur, entwickelten eine Lage Haut und nahmen einen nebelhaften fleischfarbenen Umriß an.

So daß es, als uns die Götter einen Monat darauf zu leben befahlen, noch nicht zu spät war. Starke Männer weinten, kann ich Ihnen sagen. Das war die Operation Little Switch, der Austausch der Schwerkranken und Verwundeten. Ich hatte nur gut zwanzig davon, aber der Austausch an sich, das Ereignis, war überwältigend. Es war wie Fleischsuppen und Platten mit würzigem Fisch, Geflügel und Schmorbraten in fetter Soße (ein paar von den Männern erbrachen sich am Tag nach der Bekanntmachung, als wollten sie durch diesen gewalttätigen Akt den Augenblick bezeichnen, in dem sie zu glauben begannen), wie ein ganzer Zug voller phantastischer Huren, die plötzlich mit Geschrei über uns herfielen (das Gerede über Frauen setzte sofort ein, Pläne, Phantasien, bis ins einzelne gehende Beschreibungen). Zorn und Zuneigung blühten auf; wir verfluchten die Progs und boxten uns untereinander zur Begrüßung leicht auf den Arm. Es war ja so wenig nötig! Ha, ich wurde auch aufgeregt, der weise alte Doktor, der Vertraute der Sterblichkeit; eine Zeitlang vergaß ich einfach, kummervoll zu sein.

Wir kamen im Juli dran, und der Abschied fiel uns nicht schwer. Ou-yang und ich verabredeten uns nicht auf eine Zigarre 206im Teesalon der Vereinten Nationen, um unsere Diskussion über Nietzsche in Ruhe fortzusetzen. Teufel auch, ich wußte nicht mal, ob er Frau und Kinder hatte. Ich vermutete, daß ich ihn besser hätte kennenlernen können, wenn ich getan hätte, um was er bat, und vielleicht wären mir dann die zweieinhalb Jahre und das ganze Jahrhundert sinnvoller vorgekommen; aber der Preis war zu hoch. Ich spreche nicht von dem politischen Preis, ich hoffe, Sie haben das inzwischen begriffen. Was sie waren – Kommunisten oder Vegetarier oder Technokraten oder Sinnenmenschen oder Naturliebhaber -, das war nicht entscheidend. Ich mußte nein sagen, das war das Entscheidende. Ich sage auch zu Ihnen nein, um ich selbst zu bleiben, was wenig genug ist.

Der Waffenstillstand wurde am 27. Juli 1953 unterzeichnet. Es folgte die Operation Big Switch. Wir brauchten etwa zehn Sekunden zum Packen. Ja, Ou-yang schickte nach mir. Sein Büro war voller Chinesen, ich war der einzige Abendländer. Wobei mir einfällt, daß ich in dem ganzen verdammten Krieg kaum Koreaner gesehen habe. Ich trat ein, und er sagte: »Ah ja«, und es gab ein Begrüßungsgemurmel. »Ja«, sagte ich, und versäumte ganz und gar diese Gelegenheit. Man denke: Ich hätte kalt und unversöhnlich sein können. Ich hätte von der brüderlichen Verbundenheit aller Menschen schwärmen können. Hätte mein Land preisen können. Hätte ausspucken können. Hätte drohen können, sie den zuständigen Behörden zu melden. Hätte lachen oder weinen oder mir die Hose naßmachen können. Tat ich aber nicht. Dann sagte Ou-yang: »Hier ist ein Mann, der Sie gern kennenlernen möchte.« Ein Offizier lächelte herzlich. »Er spricht kein Englisch«, sagte Ou-yang. »Chang Ting-hua. Pee-joe Die-foo.«

Der Offizier trat vor und streckte mir die Hand hin. Ich nahm sie. Warum nicht?

»Dies ist der Mann«, sagte Ou-yang, »dem Sie das Leben gerettet haben. Bevor Sie gefangengenommen wurden.«

Chang Ting-hua sprach.

»Er bittet mich, Ihnen zu danken«, sagte Ou-yang.

»Danken Sie ihm für die Zigaretten und die Nahrungsmittel«, 207sagte ich. »Es war eine schlimme Zeit für uns, und die Trockenerbsen haben Leben gerettet.«

Ou-yang tat das, und Chang nickte wieder. Er sagte etwas und reichte mir eine kleine, mit Stoff bezogene Schachtel, etwa zehn mal fünf mal drei Zentimeter groß.

»Das möchte er Ihnen schenken«, sagte Ou-yang, »um Ihnen zu danken und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß so etwas nicht wieder vorkommt.«

Die Schachtel war verschlossen durch zwei kleine Elfenbeinzähne, die in Stoffschlaufen steckten. Ich löste sie und hob den Deckel. Darin war ein winziges geschlossenes Schälchen aus Porzellan, das ein gummiartiges rotes Wachs enthielt; neben dem Schälchen lag ein quadratisch geschnittener Schaft aus Elfenbein mit erhabenen Schriftzeichen an einem Ende. Verlegen tauchte ich dieses Ende ins Wachs und hielt es hoch. Chang lächelte. Ou-yang schob mir einen kleinen Block Papier hin, und ich stempelte. Die Schriftzeichen waren zierlich geschnitzt; es hätten Drachen und Vögel sein können.

»Das nennt man ein Chop«, sagte Ou-yang, »und es ist sein Name. Chang, hier, und Ting und hua. Das möchte er Ihnen schenken.«

»Ich bin ihm dankbar«, sagte ich. »Es ist wunderschön. Ich werde es in Ehren halten und mein Leben lang aufbewahren und an meinen Sohn weitergeben, wenn ich sterbe.«

Ou-yang übersetzte, und Chang freute sich. Ich schloß das Schälchen und legte den Chop an seinen Platz und machte die Schachtel zu. Ach zum Teufel, dachte ich. Ich weiß noch, daß ich grinste, und ich weiß, daß ich »Ach zum Teufel« dachte. Ich griff mir in den Kragen und zog die Kette mit den Hundemarken über den Kopf und reichte sie Chang. Es war eindeutig eine vollendete und kultivierte Geste: das zustimmende Ausatmen war himmlische Musik. Chang strahlte und nahm die Hundemarken an. Die Offiziere murmelten »how, how«, was »gut, gut« bedeutete, und es wurde applaudiert. Dann begann Chang zu lachen. Er lachte laut, in dröhnenden Ausbrüchen, und seine Augen funkelten mich an, und ich glaubte zu wissen, weshalb er lachte. Diese verdammten Narren, sagte er, 208diese Schwachköpfe, jeder einzelne von ihnen, deine und meine, diese Scheißer – und dann lachte ich auch. Die anderen verstummten und kicherten nur höflich. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht fand Chang nur, daß ich komisch aussähe mit der großen Nase und den runden Augen. Jedenfalls lachten wir miteinander. Dann schüttelten wir uns noch einmal die Hände, und ich sagte: »Ding how«, und er sagte: »Okay«, und wir lachten noch ein bißchen. Ich winkte der Gesellschaft linkisch einen Gruß zu und sagte: »Adieu.« Sie nickten und kicherten. Dann gab ich Ou-yang die Hand. »Leben Sie wohl«, sagte ich. Die Regung, »Danke« zu sagen, war sehr stark, und ich kam mir dumm vor und leicht verblödet und ärgerte mich, aber ich lächelte und lächelte. »Leben Sie wohl«, sagte er, »alles Gute.« Ich nickte und zog mich zurück, verbeugte mich mehrmals und winkte und zwinkerte Chang ein letztes Mal zu, und er zwinkerte auch, und dann war ich draußen und kurz darauf auf einem Lastwagen auf dem Weg nach Panmunjon und später Intschön, und den Rest kennen Sie.

209

16

»Nur keine Verstimmung«, sagte Cornelius böse. Die Brücke zog über ihnen vorbei. Benny betrachtete San Francisco ohne große Gemütsbewegung.

»Colonels und drüber«, sagte Benny.

»Je mehr ich weiß, desto weniger weiß ich«, sagte Cornelius. »Da gab es einen Mann, der meinte, die Chinesen beschützten ihn vor den Nordkoreanern.«

»Keine Ausbrüche«, sagte Benny.

»Nicht einer. Nicht ein einziger in dem ganzen Krieg. Und soviel wir wissen, starben nach jenem ersten Juli nur neunzehn Gefangene. Nur neunzehn in zwei Jahren.«

»Was ist aus Yuscavage geworden?«

Die Frage ging an Alex, der gutgelaunt den Kopf schüttelte. »Geheim.«

Geheimnisse: die Guten und die Bösen. »Wer hat Ewald getötet?«

»Geheim.«

»Ja. Armer Kerl. Tausende wie er.«

»Sie sagten, es sei Ihr Fehler.«

»Ich hab ihm Ideen in den Kopf gesetzt«, sagte Benny. »Ich hab seine Seele gerettet. Hab ihm ein Beispiel gegeben. Geben Sie nie ein gutes Beispiel. Es könnte jemanden umbringen.«

»San Francisco«, sagte Gabol, »wie fühlt sich das an?«

»Ich bin noch nie hier gewesen«, sagte Benny.

»Sie haben die Welt gesehen.«

»Benny«, sagte Cornelius, »ich meine immer noch, es war ein gerechter Krieg.«

»Es gibt keine gerechten Kriege«, sagte Benny. »Es gibt nur tote Menschen.«

»Auf Ihr Land kommt es an«, sagte Cornelius.

Auf mein Land kommt es an. Mein Land? »Auf den eigenen Platz also«, sagte Benny. »Sonst müßten Sie annehmen, daß 210jeder auf der ganzen Welt Ihr Feind wäre. Und wie man das nennt, kann Gabol Ihnen sagen.«

»Tun Sie mir einen Gefallen«, sagte Alex, »bleiben Sie aus der Army draußen.«

Benny lachte herzlich. »Das verspreche ich. Was wird mit Ihnen?«

»Ach, irgendwo wird schon ein Plätzchen für mich sein«, sagte Alex.

Eine Nebelbank senkte sich achtern herab und zog still auf die Hügel zu. Sie löschte die Brücke aus. Die Hügel von San Francisco standen strahlend, geschäftig, unverhüllt da. Benny wog achtzig Kilo und war immer noch hungrig. Er hatte keine einzige Narbe, keinen Kratzer, keine Geschichten für Joseph. Einmal hat mich ein chinesischer Posten getreten. Ich habe Walnußsuppe gegessen und gerülpst. »Tun Sie mir auch einen Gefallen«, sagte er, »geben Sie mir keinen Orden.«

»Das liegt nicht bei mir«, sagte Alex. »Wenn man Ihnen einen gibt, werden Sie einfach damit leben müssen.«

Melancholie ließ sie still werden; sie lehnten an der Reling – Offiziere und Gentlemen, unwissend, nutzlos, sterblich – und ließen sich heimtragen. Eine Stunde später hob sich Carols wunderbares Gesicht dem von Benny entgegen, und er wußte, daß er etwas über die Liebe gelernt hatte.

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