Cover

01Es war einmal eine Seele, die sich als das Licht erkannte.
02Warum hältst du es für Verrücktheit, wenn du imstande bist, einen Dialog mit Gott zu führen?
03Also, hier sind die Fragen, die mir im Moment einfallen.
04Das Leben ist eine Schöpfung, nicht eine Entdeckung.
05Was ist der wahre Weg zu Gott?
06Und wie steht es mit dem Leiden?
07Das Leben ist so furchterregend – und so verwirrend. Ich wollte, die Verhältnisse könnten etwas klarer sein.
08Wann werde ich genug über Beziehungen lernen, um imstande zu sein, sie reibungslos verlaufen zu lassen?
09ES GIBT NICHTS ANDERES ZU TUN.
10Ich liebe dich, weißt du das?
11Du hast recht, was meine Denkweise über das Geld angeht, doch wie kann ich sie ändern?
12Ihr seid nicht auf diesem Planeten, um irgend etwas mit eurem Körper, sondern um etwas mit eurer Seele herzustellen.
13Du bist bereits ein Gott. Du weißt es bloß noch nicht.
14Laß uns den Rest der Fragen, eine nach der anderen, rasch beantworten.

 

 

[11]

Einleitung

Sie sind dabei, eine außergewöhnliche Erfahrung zu machen: Sie werden eine Unterhaltung mit Gott führen. Ja, ja, ich weiß – das ist unmöglich. Sie denken wahrscheinlich (oder es wurde Ihnen so beigebracht), daß dies nicht möglich ist. Sicher kann man zu Gott sprechen, aber nicht mit ihm. Ich meine, Gott wird sich seinerseits nicht auf ein Gespräch mit Ihnen einlassen – zumindest nicht in Form einer ganz gewöhnlichen Unterhaltung, richtig?

Das dachte ich auch. Dann wurde mir dieses Buch zuteil. Ich meine das wortwörtlich: Es wurde nicht von mir verfaßt, es ist mir widerfahren. Und das wird auch Ihnen geschehen, wenn Sie es lesen, denn wir alle werden zu der Wahrheit geführt, für die wir bereit sind.

Mein Leben wäre wahrscheinlich sehr viel leichter, wenn ich das Ganze für mich behalten hätte. Doch das war nicht der Grund, warum dies alles geschah. Und welche Unannehmlichkeiten auch immer mir dieses Buch bescheren mag (daß man mich zum Beispiel der Blasphemie bezichtigen, mich einen Betrüger, einen Heuchler nennen wird, weil ich in der Vergangenheit nicht nach diesen Wahrheiten gelebt habe, oder daß man mich – vielleicht noch schlimmer – für einen Heiligen hält), ich kann diesen Prozeß nun keinesfalls mehr aufhalten. Und ich will es auch nicht. Ich hatte die Chance, die ganze Sache fallenzulassen, und nahm sie nicht wahr. Ich habe mich entschlossen, [12]mich an das zu halten, was mir mein Instinkt sagt, statt mich auf das Urteil des Großteils der Allgemeinheit über dieses Material zu verlassen.

Mein Instinkt sagt mir, daß dieses Buch kein Unsinn ist, nicht die Ausgeburt einer frustrierten spirituellen Phantasie oder einfach die Selbstrechtfertigung eines Mannes angesichts seines mißgeleiteten Lebens. Natürlich habe ich alle diese Aspekte ins Kalkül gezogen – jede einzelne dieser Möglichkeiten. Deshalb gab ich dieses Material noch in Manuskriptform einigen Leuten zu lesen. Sie waren bewegt. Und sie weinten. Und sie lachten über die Freude und den Humor, die sich darin finden. Sie fühlten sich bestärkt, ermächtigt

Viele sagten, es habe sie verwandelt.

Da wußte ich, daß dies ein für alle bestimmtes Buch war und veröffentlicht werden mußte; denn es ist ein wunderbares Geschenk für all jene, die wirklich Antworten haben wollen und denen wirklich an den Fragen liegt; für alle die, die sich ehrlichen Herzens, mit sehnsüchtiger Seele und aufgeschlossenem Geist auf die Suche nach der Wahrheit begeben haben. Und das sind ja wohl weitgehend alle von uns.

Dieses Buch geht auf die meisten – wenn nicht alle – Fragen ein, die wir uns über das Leben und die Liebe, den Sinn und Zweck, die Menschen und Beziehungen, Gut und Böse, Schuld und Sünde, Vergebung und Erlösung, den Weg zu Gott und die Straße zur Hölle gestellt haben. Es spricht direkt die Themen Sex, Macht, Kinder, Ehe, Scheidung, Lebensaufgabe, Gesundheit, das Danach und das Davor des Jetzt an. Es befaßt sich mit Krieg und Frieden, Wissen und [13]Nichtwissen, Geben und Nehmen, Freude und Leid. Es wirft einen Blick auf das Konkrete und Abstrakte, das Sichtbare und Unsichtbare, die Wahrheit und die Unwahrheit.

Man könnte sagen, dieses Buch enthält das »neueste Wort Gottes zu den Dingen«, obschon manche Leute gewisse Schwierigkeiten damit haben dürften, vor allem wenn sie glauben, daß Gott vor zweitausend Jahren zu sprechen aufgehört hat oder daß er, falls er doch weiterhin kommunizierte, dies nur mit heiligen Männern, Medizinfrauen oder Menschen tat, die dreißig oder immerhin zwanzig oder wenigstens halbwegs anstandshalber zehn Jahre meditiert haben (und keine dieser Voraussetzungen trifft auf mich zu). In Wahrheit spricht Gott zu jedermann: zu den Guten und den Schlechten, zu den Heiligen und den Schurken. Und sicherlich zu allen, die sich zwischen solchen Extremen bewegen. Nehmen Sie zum Beispiel sich selbst. Gott trat auf vielen Wegen in Ihr Leben, und dies ist nur noch ein weiterer davon. Wie oft haben Sie diesen alten Grundsatz gehört: Wenn der Schüler bereit ist, tritt der Lehrer in Erscheinung? Dieses Buch ist unser Lehrer.

Kurz nachdem mir dieses Material zuteil wurde, wußte ich, daß ich mit Gott sprach – direkt, persönlich, unwiderlegbar. Und daß Gott auf meine Fragen genau in dem Maße antwortete, wie es meiner Verständnisfähigkeit entsprach. Das heißt, mir wurde auf eine Weise und in einer Sprache geantwortet, die ich, wie Gott wußte, verstand. Das erklärt den weitgehend umgangssprachlichen Stil des Textes und die gelegentlichen Hinweise auf Material, das ich aus anderen Quellen und aufgrund früherer Erfahrungen meines Lebens [14]gesammelt hatte. Ich weiß jetzt, daß ich alles, was mir je in meinem Leben widerfuhr, Gott zu verdanken habe, und daß dies nun samt und sonders zu einer großartigen, vollständigen Antwort auf alle Fragen, die mich je beschäftigten, zusammengezogen, zusammengeführt wurde.

Und irgendwann im Verlauf dieses Prozesses fing ich an zu begreifen, daß hier ein Buch zustande kam – ein Buch, das zur Veröffentlichung gedacht war. Das heißt, es wurde mir im letzten Teil des Dialogs (Februar 1993) ausdrücklich gesagt, daß tatsächlich drei Bücher entstehen würden – in drei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils von Ostersonntag bis Ostersonntag – und daß

– das erste sich hauptsächlich mit persönlichen Themen befassen, sich auf die Herausforderungen und Möglichkeiten des persönlichen Lebens konzentrieren würde;

– das zweite Buch sich mit globaleren Themen des geopolitischen und metaphysischen Lebens auf dem Planeten und mit den Herausforderungen, welche die Welt nun zu bewältigen hat, befassen würde;

– das dritte Buch sich den universellen Wahrheiten der höchsten Ordnung und den Herausforderungen und Möglichkeiten der Seele widmen würde.

Dies ist das erste dieser Bücher, das im Februar 1993 abgeschlossen wurde. Um der Klarheit willen sollte ich erläutern, daß ich diesen Dialog mit der Hand schrieb und Worte und Sätze, die mir mit besonderer Nachdrücklichkeit kamen – so als verkündete sie Gott mit erhobener Stimme –, unterstrich oder einkringelte, die dann später kursiv gesetzt wurden.

[15]

Nun muß ich noch sagen, daß, nachdem ich diesen Text mit seiner darin enthaltenen Weisheit immer wieder durchgelesen habe, ich mich für mein Leben fürchterlich schäme, das sich durch ständige Fehler und Vergehen auszeichnet, durch ein paar sehr schändliche Verhaltensweisen und einige Entscheidungen und Entschlüsse, die andere mit Sicherheit verletzend und unverzeihlich finden. Es reut mich zutiefst, daß es durch das Leid anderer geschah, doch ich bin auch unaussprechlich dankbar für alles, was ich gelernt habe und immer noch, um der Menschen in meinem Leben willen, zu lernen habe. Ich entschuldige mich bei allen für mein langsames Lernen. Doch Gott hat mich ermuntert, mir auch Vergebung für meine Fehler und mein Versagen zuzugestehen und nicht in Furcht und mit Schuldgefühlen zu leben, sondern immer weiter und unentwegt danach zu streben, eine erhabene Vision zu erlangen.

Und ich weiß, daß Gott dies für uns alle will.

Neale Donald Walsch
Central Point, Oregon

[17]

1

Im Frühjahr 1992 – so um Ostern herum, wie ich mich entsinne – ereignete sich in meinem Leben ein außergewöhnliches Phänomen. Gott begann mit Ihnen zu sprechen – und zwar durch meine Person.

Lassen Sie mich das erklären.

Ich war zu dieser Zeit in persönlicher, beruflicher und emotionaler Hinsicht sehr unglücklich, und mein Leben nahm sich wie ein Fehlschlag auf allen Ebenen aus. Seit Jahren hatte ich die Angewohnheit, meine Gedanken in Form von Briefen zu Papier zu bringen (die ich dann gewöhnlich nicht abschickte), und so griff ich wieder einmal zu meinem altvertrauten Notizblock und fing an, mein Herz auszuschütten.

Diesmal gedachte ich jedoch nicht einen Brief an irgendeine Person zu schreiben, die mich, wie ich mir einbildete, drangsalierte, sondern mich geradewegs an die Quelle, unmittelbar an den größten aller Schikanierer zu wenden. Ich beschloß, einen Brief an Gott zu schreiben.

Es war ein gehässiger, leidenschaftlicher Brief – voll von Ungereimtheiten, Verzerrungen und Verdammungen. Und mit einer Menge zorniger Fragen.

Warum funktionierte mein Leben nicht? Was war nötig, damit es endlich funktionierte? Warum konnte ich in meinen Beziehungen nicht glücklich werden? Sollte ich mein Leben lang niemals die Erfahrung machen, über ausreichend Geld zu verfügen? Und schließlich – und sehr nachdrücklich: [18]Was hatte ich getan, daß ich in meinem Leben ständig derart zu kämpfen hatte?

Als ich die letzte meiner bitteren, unbeantwortbaren Fragen hingekritzelt hatte und den Stift schon beiseite legen wollte, verharrte die Hand zu meiner Überraschung weiterhin in schwebender Haltung über dem Papier – so, als würde sie von einer unsichtbaren Kraft festgehalten. Plötzlich bewegte sich der Stift ganz von selbst. Ich hatte keine Ahnung, was ich schreiben würde, doch schien ein Gedanke in mir aufzukommen, und ich beschloß, der Sache ihren Lauf zu lassen. Heraus kam…

Willst du wirklich eine Antwort auf all diese Fragen oder nur Dampf ablassen?

Ich blinzelte – und dann stieg eine Antwort in mir auf. Ich schrieb auch sie nieder.

Beides. Klar, ich lasse Dampf ab, aber wenn es Antworten auf diese Fragen gibt, dann will ich sie, so gewiß wie es eine Hölle gibt, hören!

Du bist dir einer Menge Dinge – »so gewiß wie der Hölle«. Aber wäre es nicht nett, »so gewiß wie des Himmels« zu sein?

Und ich schrieb:

Was soll denn das heißen?

Und noch bevor ich begriff, wie mir geschah, hatte ich eine Unterhaltung begonnen, wobei ich eigentlich nicht von mir aus schrieb, sondern ein Diktat aufnahm.

[19]

Dieses Diktat dauerte drei Jahre, und zu jenem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, worauf das Ganze hinauslief. Ich bekam erst dann Antworten auf meine Fragen, wenn ich sie vollständig zu Papier gebracht und meine eigenen Gedanken ad acta gelegt hatte. Oft erhielt ich die Antworten schneller, als ich schreiben konnte, und schmierte sie hin, um mitzuhalten. Wenn ich durcheinandergeriet oder nicht mehr das Gefühl hatte, daß die Antworten aus einer anderen Quelle kamen, legte ich den Stift beiseite und nahm Abstand von diesem Dialog, bis ich mich wieder inspiriert fühlte (tut mir leid, aber das ist hier das einzig wirklich passende Wort), zu meinem Notizblock zurückzukehren und das Diktat wiederaufzunehmen.

Die Gespräche finden übrigens weiterhin statt – auch während ich dies hier schreibe. Und vieles davon finden Sie auf den folgenden Seiten – Seiten, die einen erstaunlichen Dialog enthalten, an den ich zunächst nicht glauben konnte. Zunächst nahm ich an, er sei nur von persönlichem Wert, doch jetzt begreife ich, daß er nicht nur für mich gemeint war. Er war für Sie und alle anderen gedacht, denen diese Thematik am Herzen liegt. Denn meine Fragen sind Ihre Fragen.

Ich möchte, daß Sie sich so bald wie möglich in diesen Dialog vertiefen können, denn nicht meine Geschichte ist hier wirklich wichtig, sondern die Ihre. Ihre Lebensgeschichte hat Sie veranlaßt, sich damit zu befassen. Für Ihre persönliche Erfahrung sind meine Notizen von Bedeutung. Sonst würden Sie sie nicht in diesem Moment lesen.

Beginnen wir also diesen Dialog mit einer Frage, die mich schon seit längerer Zeit beschäftigte: Wie redet Gott, und [20]mit wem? Als ich diese Frage stellte, bekam ich folgende Antwort:

Ich rede mit jedermann. Immer. Die Frage ist nicht, mit wem ich rede, sondern wer zuhört.

Fasziniert bat ich Gott, sich ausführlicher zu diesem Thema zu äußern. Er sagte folgendes dazu:

Laß uns zunächst das Wort reden durch das Wort kommunizieren ersetzen. Es ist ein sehr viel besseres, umfassenderes, präziseres Wort. Wenn wir versuchen, miteinander zu reden – ich mit dir, du mit mir –, werden wir sofort durch die unglaubliche Beschränktheit des Wortes eingeengt. Aus diesem Grund kommuniziere ich nicht nur mit Worten. Tatsächlich tue ich das ziemlich selten. Meine üblichste Kommunikationsform ist das Gefühl.

Das Gefühl ist die Sprache der Seele.

Wenn du wissen willst, was in bezug auf irgend etwas für dich wahr ist, dann achte darauf, was du fühlst.

Gefühle sind manchmal schwer auszumachen – und sie anzuerkennen ist oft noch schwieriger. Doch in deinen tiefsten Gefühlen verborgen findet sich deine höchste Wahrheit.

Der Trick dabei ist, daß du an diese Gefühle herankommst. Ich werde dir zeigen, wie. Und wieder, wenn du das wünschst.

Ich erklärte Gott, daß ich zwar durchaus diesen Wunsch hätte, doch im Moment begierig darauf sei, meine erste Frage [21]voll und ganz beantwortet zu bekommen. Folgendes sagte er dazu:

Ich kommuniziere auch über den Gedanken. Gedanken und Gefühle sind nicht das gleiche, obwohl beide zur selben Zeit auftreten können. Bei der Kommunikation über den Gedanken, die geistige Vorstellung, die Idee, gebrauche ich oft Metaphern und Bilder. Aus diesem Grund sind Gedanken als Kommunikationsmittel häufig effektiver als bloße Worte. Ergänzend zu den Gefühlen und Gedanken verwende ich auch als großartiges Kommunikationsmittel das Vehikel der Erfahrung.

Und wenn Gefühle, Gedanken und Erfahrung sämtlich nichts fruchten, benutze ich schließlich Worte. Worte sind wirklich das am wenigsten effektive Kommunikationsmittel. Sie lassen sich leicht mißdeuten, werden oft falsch verstanden.

Und warum ist das so? Das liegt am Wesen der Worte. Sie sind nichts weiter als Äußerungen: Geräusche, die für Gefühle, Gedanken und Erfahrungen stehen. Sie sind Symbole, Zeichen, Erkennungszeichen. Sie sind nicht die Wahrheit. Sie sind nicht wirklich, nicht wahrhaftig.

Worte helfen euch vielleicht, etwas zu verstehen. Erfahrung läßt euch wissen. Aber es gibt einige Dinge, die ihr nicht erfahren könnt. Deshalb habe ich euch andere Mittel der Erkenntnis an die Hand gegeben, so etwa jenes, das man Gefühle nennt, und auch die Gedanken.

Nun, die große Ironie dabei ist, daß ihr alle dem Wort Gottes so viel und der Erfahrung so wenig Bedeutung zugemessen habt.

[22]

Tatsächlich erachtet ihr den Wert der Erfahrung als dermaßen gering, daß ihr, wenn sich eure Erfahrung von Gott von dem unterscheidet, was ihr über Gott gehört habt, automatisch die Erfahrung abtut und euch an das Wort haltet – wo es doch genau umgekehrt sein sollte.

Eure Erfahrungen und Gefühle bezüglich einer Sache repräsentieren das, was ihr faktisch und intuitiv darüber wißt. Worte können nur bestrebt sein, dem, was ihr wißt, symbolhaft Ausdruck zu verleihen, und bringen oft Verworrenheit in euer Wissen.

Das sind also die Instrumente, die Mittel, derer ich mich zur Kommunikation bediene. Doch sind sie nicht planmäßige Methode, denn nicht alle Gefühle, Gedanken, Erfahrungen und nicht alle Worte kommen von mir.

Viele Worte sind in meinem Namen von anderen geäußert worden. Für viele Gedanken und Gefühle und daraus resultierende Erfahrungen sind Ursachen verantwortlich, die nicht direkt meiner Schöpfung entstammen.

Hier ist Urteilskraft gefordert. Die Schwierigkeit besteht im Erkennen des Unterschieds zwischen den Botschaften Gottes und den Informationen aus anderen Quellen. Diese Unterscheidung bereitet keine Schwierigkeit, sofern eine Grundregel beherzigt wird:

Von mir kommt dein erhabenster Gedanke, dein klarstes Wort, dein edelstes Gefühl. Alles, was weniger ist, entstammt einer anderen Quelle.

Diese Differenzierung ist leicht, denn selbst einem Schüler im Anfangsstadium sollte es nicht schwerfallen, das Erhabenste, das Klarste und das Edelste zu erkennen.

Doch ich will folgende Richtlinie geben:

[23]

Der erhabenste Gedanke ist immer jener, der Freude in sich trägt. Die klarsten Worte sind jene, die Wahrheit enthalten. Das nobelste Gefühl ist jenes, das ihr Liebe nennt.

Freude, Wahrheit, Liebe.

Diese drei sind austauschbar, und eines führt immer zum anderen. Die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle.

Nachdem ich anhand dieser Richtlinien bestimmt habe, welche Botschaften von mir und welche aus einer anderen Quelle kommen, bleibt nur noch die Frage, ob meine Botschaften beachtet werden.

Dies ist bei der Mehrzahl nicht der Fall. Manche werden nicht beachtet, weil sie sich zu gut anhören, um wahr zu sein. Andere nicht, weil sie schwer zu befolgen sind. Viele nicht, weil sie ganz einfach mißverstanden werden. Und die meisten nicht, weil sie gar nicht empfangen werden.

Meine mächtigste Botin ist die Erfahrung, und selbst sie wird von euch ignoriert. Insbesondere sie wird von euch nicht zur Kenntnis genommen.

Eure Welt befände sich nicht in ihrem gegenwärtigen Zustand, wenn ihr ganz einfach auf eure Erfahrung gehört hättet. Die Folge eures Nicht-Hörens auf eure Erfahrung ist, daß ihr sie stets von neuem durchlebt. Denn meine Absicht wird nicht vereitelt, mein Wille nicht ignoriert werden. Ihr werdet die Botschaft bekommen – früher oder später.

Ich werde euch nicht drängen. Ich werde euch niemals zu etwas zwingen. Denn ich habe euch einen freien Willen gegeben, die Macht, eurer Wahl entsprechend zu handeln – und die werde ich euch niemals nehmen.

Also werde ich euch weiterhin immer und immer wieder [24]die gleichen Botschaften senden, über die Jahrtausende hinweg und zu jedweder Ecke des Universums, die ihr bewohnen mögt. Endlos werde ich euch meine Botschaften schicken, bis ihr sie empfangen habt und beherzigt, sie euch zu eigen macht.

Meine Botschaften kommen in hunderterlei Formen, in Tausenden von Momenten, über eine Million Jahre hinweg. Ihr könnt sie nicht überhören, wenn ihr euch konzentriert. Ihr könnt sie nicht ignorieren, wenn ihr sie einmal wirklich vernommen habt. Und damit wird unsere Kommunikation ernstlich beginnen. Denn in der Vergangenheit habt ihr nur zu mir gesprochen, zu mir gebetet, seid ihr bei mir vorstellig geworden, habt ihr mich belagert. Doch nun werde ich den Dialog aufnehmen, so wie hier in diesem Fall.

Wie kann ich wissen, daß diese Mitteilung eine göttliche ist? Wie weiß ich, daß sie nicht lediglich auf meiner Einbildung beruht?

Wo wäre der Unterschied? Siehst du denn nicht, daß ich ebenso leicht deine Einbildungskraft wie alles andere manipulieren kann? Ich lasse dir die genau richtigen Gedanken, Worte oder Gefühle zukommen, in jedem beliebigen Moment, für den jeweils genau richtigen Zweck, und bediene mich dabei eines oder mehrerer Mittel.

Du wirst einfach wissen, daß diese Worte von mir kommen, weil du aus eigenem Antrieb noch nie so klar gesprochen hast. Wenn du zu diesen Fragen bereits so klare Worte gefunden hättest, würdest du sie gar nicht erst stellen

[25]

Mit wem kommuniziert Gott? Sind das besondere Menschen? Gibt es spezielle Zeiten?

Alle Menschen sind etwas Besonderes, und alle Momente sind goldene Momente. Es gibt keine Person und keine Zeit, die anderen gegenüber hervorzuheben wäre. Viele Menschen haben sich entschieden zu glauben, daß Gott auf besondere Weise und nur mit auserwählten Menschen kommuniziert. Das enthebt die Masse der Verantwortung, meine Botschaft zu hören, von empfangen gar nicht zu reden (was noch mal eine andere Sache ist), und gestattet den Leuten, die Worte eines anderen für die ganze Wahrheit zu halten. Dann müßt ihr nicht auf mich hören, da für euch ja bereits feststeht, daß andere zu allen Themen schon etwas von mir vernommen haben, und ihr ja sie habt, denen ihr zuhören könnt.

Indem ihr auf das hört, was andere Leute vermeinen, mich sagen gehört zu haben, müßt ihr überhaupt nicht mehr denken.

Das ist der Hauptgrund, warum die meisten Menschen sich von meinen auf persönlicher Ebene übermittelten Botschaften abwenden. Wenn du anerkennst, daß du meine Botschaften direkt empfängst, dann bist du für ihre Interpretation verantwortlich. Es ist sehr viel sicherer und leichter, die Deutungen anderer zu akzeptieren (auch wenn sie bereits vor zweitausend Jahren lebten), als die Botschaft zu interpretieren, die du vielleicht gerade in diesem Moment erhältst.

Und doch lade ich euch zu einer neuen Form der Kommunikation mit Gott ein: einer zweigleisigen Kommunikation. [26]In Wahrheit seid ihr es, die mich dazu eingeladen haben. Denn ich bin jetzt in dieser Form einer Antwort auf euren Ruf zu euch gekommen.

Warum scheinen manche Leute, zum Beispiel Christus, mehr Botschaften von dir zu vernehmen als andere?

Weil diese Leute willens sind, wirklich zuzuhören. Sie sind willens zu hören, und sie sind willens, für die Kommunikation offen zu bleiben – sogar dann, wenn die Botschaften beängstigend oder verrückt oder geradezu falsch klingen.

Wir sollten auf Gott hören, selbst wenn das, was da gesagt wird, falsch ist?

Vor allem, wenn es falsch zu sein scheint. Warum solltest du mit Gott reden, wenn du glaubst, in allem recht zu haben?

Macht weiter so und handelt nach eurem Wissen. Aber nehmt zur Kenntnis, daß ihr das schon seit Anbeginn der Zeit macht. Und schaut euch an, in welchem Zustand die Welt ist. Euch ist da ganz eindeutig etwas entgangen. Offensichtlich versteht ihr etwas nicht. Das, was ihr tatsächlich versteht, muß euch richtig erscheinen, denn ihr verwendet den Begriff »richtig« für etwas, mit dem ihr einverstanden seid. Und daher wird euch das, was euch entgangen ist, zunächst als »falsch« erscheinen.

Wenn ihr weiterkommen wollt, müßt ihr euch fragen: »Was würde passieren, wenn alles ›richtig‹ wäre, was ich [27]bislang für ›falsch‹ gehalten habe?« Alle großen Wissenschaftler wissen darum. Wenn das, was ein Wissenschaftler tut, nicht funktioniert, läßt er alle seine Grundannahmen beiseite und fängt von vorne an. Sämtliche großen Entdeckungen entstammen der Bereitschaft und der Fähigkeit zur Einsicht, nicht recht zu haben. Und das ist hier vonnöten.

Du kannst Gott nicht kennen, solange du nicht aufhörst, dir einzureden, daß du ihn bereits kennst. Du kannst Gott nicht hören, solange du nicht aufhörst zu meinen, daß du ihn bereits gehört hast.

Ich kann dir meine Wahrheit nicht verkünden, solange du nicht aufhörst, mir die deine zu verkünden.

Aber meine Wahrheit über Gott kommt von dir.

Wer hat das gesagt?

Andere.

Welche Anderen?

Führer, Geistliche, Rabbis, Priester, Bücher. Die Bibel. Himmel noch mal!

Das sind keine maßgeblichen Quellen.

Das sind sie nicht?

Nein.

[28]Und was sind maßgebliche Quellen?

Höre auf deine Gefühle, deine erhabensten Gedanken, deine Erfahrung. Wenn sich irgend etwas davon von dem unterscheidet, was dir deine Lehrer erzählt haben oder du in Büchern gelesen hast, dann vergiß die Worte. Worte sind die am wenigsten zuverlässigen Wahrheitslieferanten.

Ich möchte dir so vieles sagen, dich so vieles fragen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Zum Beispiel, warum offenbarst du dich nicht? Warum offenbarst du dich nicht, wenn es wirklich einen Gott gibt und du Gott bist, in einer Form, die uns allen begreifbar ist?

Das habe ich getan, immer und immer wieder. Und ich tue es jetzt gerade wieder.

Nein. Ich meine eine Offenbarung in unwiderlegbarer Form; eine, die nicht bestritten werden kann.

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel, daß du jetzt vor meinen Augen erscheinst.

Das tue ich.

Wo?

Wo immer du auch hinschaust.

[29]Nein, ich meine auf unwiderlegbare Weise. Auf eine Art, die niemand leugnen könnte.

Wie würde das aussehen? In welcher Form oder Gestalt soll ich denn deinem Wunsch nach erscheinen?

In der Form oder Gestalt, die du tatsächlich hast.

Das wäre unmöglich, denn ich habe keine Form oder Gestalt, wie du sie verstehst. Ich könnte eine Form oder Gestalt annehmen, die du verstehen könntest, aber dann würden alle meinen, daß das, was sie gesehen haben, die einzige und wahre Form und Gestalt Gottes sei, wo sie doch nur eine von vielen ist.

Die Menschen glauben, daß ich das bin, als was sie mich sehen, und nicht das, was sie nicht sehen. Aber ich bin das große Unsichtbare, nicht das, was ich in einem bestimmten Moment zu sein bewirke. In gewissem Sinn bin ich, was ich nicht bin. Aus diesem Nicht-Seienden komme ich, und zu ihm kehre ich stets zurück.

Doch wenn ich in der einen oder anderen bestimmten Form komme – in einer, in der ich Menschen begreiflich bin –, dann schreiben sie mir diese Form für alle Ewigkeit zu.

Und sollte ich irgendwelchen anderen Menschen in irgendeiner anderen Form erscheinen, so behauptet die erste Gruppe, daß ich der zweiten nicht erschienen bin, weil ich für die zweite nicht so aussah wie für die erste, und auch nicht die gleichen Dinge sagte – also kann ich es nicht gewesen sein.

Du siehst also, es spielt keine Rolle, in welcher Form oder [30]auf welche Weise ich mich offenbare. Denn ganz gleich, welche Weise ich wähle und welche Form ich annehme, keine wird unstrittig sein.

Aber wenn du etwas tätest, das über jeden Zweifel erhaben wäre und ohne jede Frage den Beweis dafür erbrächte, wer du bist…

…Dann gäbe es immer noch die, die sagen, daß dies Teufelswerk oder einfach Einbildung sei, oder irgend etwas anderes – jedenfalls nicht ich.

Wenn ich mich als Gott der Allmächtige, König des Himmels und der Erde offenbarte und Berge versetzte, um es zu beweisen, dann träten jene auf, die sagen: »Es muß Satan gewesen sein.«

Und so soll es auch sein. Denn Gott offenbart Gottselbst nicht aus der äußerlichen Wahrnehmung heraus oder durch die äußerliche Beobachtung, sondern durch die innere Erfahrung. Und wenn die innere Erfahrung Gottselbst offenbart hat, ist die äußerliche Beobachtung nicht nötig. Doch wenn die äußerliche Beobachtung nötig ist, ist die innere Erfahrung nicht möglich.

Wenn also nach einer Offenbarung verlangt wird, muß ein solches Ersuchen abgelehnt werden, denn der Akt des Bittens beinhaltet die Aussage, daß die Offenbarung nicht existent ist; daß sich jetzt von Gott nichts offenbart. Eine solche Aussage produziert die entsprechende Erfahrung. Denn dein Gedanke über oder von etwas ist schöpferisch, und dein Wort ist produktiv; und dein Gedanke und dein Wort wirken wunderbar effektiv zusammen, um deine Realität [31]zu gebären. Deshalb wirst du die Erfahrung machen, daß sich Gott jetzt nicht offenbart, denn wenn Gott für dich existierte, würdest du ihn nicht bitten zu sein.

Heißt das, ich kann nicht um etwas bitten, was ich mir wünsche? Sagst du, daß Beten und Bitten um etwas dieses Etwas von uns wegstößt?

Das ist eine Frage, die zu allen Zeiten gestellt wurde – und die immer, wenn sie gestellt wurde, auch beantwortet wurde. Doch du hast die Antwort nicht gehört oder wirst sie nicht glauben.

Die Frage wird, in den Begriffen und in der Sprache von heute, wiederum folgendermaßen beantwortet:

Du wirst das, was du erbittest, nicht bekommen, und du kannst auch nicht alles haben, was du möchtest. Das ist deshalb so, weil du mit deiner Bitte selbst zu verstehen gibst, daß ein Mangel besteht. Wenn du also sagst, daß du eine Sache haben willst, führt das nur dazu, daß du genau diese Erfahrung – den Mangel – in deiner Realität produzierst.

Das korrekte Gebet ist daher nie ein Bittgesuch, sondern stets ein Dankgebet.

Wenn du Gott im voraus für das dankst, was du deiner Wahl nach in deiner Realität erfahren möchtest, dann anerkennst du in Wirklichkeit, daß es vorhanden ist – in Wirklichkeit. Dankbarkeit ist daher die machtvollste Erklärung gegenüber Gott, eine Behauptung und Bestätigung, daß ich geantwortet habe, noch bevor du gefragt hast.

Bitte deshalb nie inständig um etwas. Erkenne dankbar an.

[32]Aber was ist, wenn ich Gott im voraus für etwas dankbar bin, und es trifft nie ein? Das könnte zur Desillusionierung und Bitterkeit führen.

Dankbarkeit kann nicht als Instrument zur Manipulierung Gottes eingesetzt werden, als Mittel, um das Universum zu übertölpeln. Du kannst dich nicht selbst belügen. Dein Geist kennt die Wahrheit deiner Gedanken. Wenn du sagst: »Ich danke dir, Gott, für das und das«, während du in Wirklichkeit ganz eindeutig glaubst, daß es in deiner gegenwärtigen Realität nicht existiert, kannst du nicht erwarten, daß Gott weniger klar ist als du und es für dich produziert.

Gott weiß, was du weißt, und was du weißt, ist das, was als deine Realität in Erscheinung tritt.

Aber wie kann ich dann für etwas dankbar sein, von dem ich weiß, daß es nicht vorhanden ist?

Glaube. Wenn dein Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, wirst du Berge versetzen. Du wirst wissen, daß es da ist, weil ich gesagt habe, daß es da ist; weil ich gesagt habe, daß ich, noch bevor du fragst, schon geantwortet haben werde; weil ich gesagt habe, und es euch auf jede erdenkliche Weise durch jeden Lehrer, den ihr nennen könnt, sagte, daß das, was immer ihr wählt, in meinem Namen wählt, auch sein wird.

Und doch sagen so viele Menschen, daß ihre Gebete nicht erhört wurden.

[33]

Kein Gebet – und ein Gebet ist nichts weiter als eine inbrünstige Aussage über das, was so ist – bleibt unbeantwortet. Jedem Gebet – jedem Gedanken, jeder Aussage, jedem Gefühl – wohnt eine schöpferische Kraft inne. In dem Maße, wie es aus ganzem Herzen als Wahrheit erachtet wird, wird es sich auch in deiner Erfahrungswelt manifestieren.

Wenn es heißt, daß ein Gebet nicht erhört wurde, dann sind in Wirklichkeit der Gedanke, das Wort, das Gefühl, die am innigsten gehegt wurden, wirksam geworden. Doch du mußt wissen – und das ist das Geheimnis –, daß es immer der Gedanke hinter dem Gedanken, jener Gedanke, der sozusagen Pate steht, der »stiftende Gedanke« ist, der beherrschend wirksam wird.

Daher besteht, wenn du etwas erbittest, eine viel geringere Chance, daß du das erfährst, was du dir deiner Meinung nach erwählt hast, weil der stiftende Gedanke hinter jeder flehentlichen Bitte der ist, daß du jetzt nicht hast, was du dir erwünschst. Der stiftende Gedanke wird zu deiner Realität.

Der einzige stiftende Gedanke, der diesen Gedanken (vom Mangel) außer Kraft setzen könnte, ist der in gutem Glauben gehegte Gedanke, daß Gott unfehlbar der jeweiligen Bitte entsprechen wird. Manche Menschen haben einen solchen Glauben, aber es sind sehr wenige.

Der Gebetsvorgang wird sehr viel einfacher, wenn ihr nicht glauben müßt, daß Gott zu jeder Bitte immer »ja« sagen wird, sondern vielmehr intuitiv versteht, daß die Bitte selbst gar nicht notwendig ist. Dann ist das Gebet ein Dankgebet. Es ist gar keine Bitte, sondern eine in Dankbarkeit geäußerte Aussage über das, was so ist.

[34]Heißt das, wenn du sagst, daß ein Gebet eine Aussage über das ist, was so ist, daß Gott nichts tut; daß alles, was nach einem Gebet geschieht, ein Resultat der Wirkungsweise des Gebets ist?

Wenn du glaubst, daß Gott ein allmächtiges Wesen ist, das alle Gebete hört und zu einigen »ja«, zu anderen »nein« und zum Rest »vielleicht, aber nicht jetzt« sagt, dann irrst du dich. An welche Faustregel würde sich Gott denn bei seiner Entscheidung halten?

Wenn du glaubst, daß Gott der Schöpfer und der ist, der über alle Dinge in eurem Leben entscheidet, dann irrst du dich.

Gott ist so gesehen der Beobachter, nicht der Schöpfer. Und Gott steht bereit, euch beim Leben eures Lebens beizustehen, aber nicht so, wie du vielleicht erwartest.

Es ist nicht Gottes Funktion, die Bedingungen oder Umstände deines Lebens zu erschaffen oder zunichte zu machen. Gott hat dich erschaffen nach seinem Ebenbild. Den Rest hast du erschaffen, durch die Macht, die dir von Gott verliehen wurde. Gott hat den Lebensprozeß und das Leben selbst, so wie du es kennst, erschaffen. Doch Gott hat dir auch die freie Wahl gegeben, mit deinem Leben zu verfahren, wie du willst.

In diesem Sinn ist dein Wille für dich Gottes Wille für dich. Du lebst dein Leben, so wie du es lebst, und ich habe in dieser Angelegenheit keine Präferenzen.

Das ist die große Illusion, der du anheimgefallen bist: Du glaubst, daß Gott sich auf die eine oder andere Weise darum bekümmert, was du tust.

[35]

Es bekümmert mich nicht, was du tust, und das zu hören ist für dich hart. Doch bekümmert es dich denn, was deine Kinder tun, wenn du sie zum Spielen hinausschickst? Ist es für dich von irgendwelcher Bedeutung, ob sie Fangen oder Verstecken oder Ochs am Berg spielen? Nein – und zwar weil du weißt, daß sie sich in Sicherheit befinden. Du hast sie in eine Umgebung gebracht, die nach deinem Dafürhalten freundlich und ausgesprochen in Ordnung ist.

Selbstverständlich wirst du immer hoffen, daß sie sich nicht verletzen. Und wenn es geschieht, bist du da und hilfst ihnen, heilst sie, läßt sie sich wieder sicher fühlen, wieder glücklich sein und wieder hinausgehen und einen weiteren Tag mit Spielen verbringen. Aber ob sie nun Fangen oder Verstecken spielen wollen, ist auch am nächsten Tag für dich ohne Belang.

Du wirst ihnen natürlich sagen, welche Spiele gefährlich sind. Aber du kannst deine Kinder nicht davon abhalten, daß sie gefährliche Dinge tun. Nicht immer. Nicht für alle Zeiten. Nicht in jedem Augenblick von jetzt an bis zum Tod. Kluge Eltern wissen das. Und doch hören Eltern nie auf, sich um das Resultat zu sorgen. Mit dieser Dichotomie – sich einerseits nicht sonderlich um den Prozeß bekümmern, doch sich andererseits zutiefst um das Resultat sorgen – läßt sich annähernd die Dichotomie Gottes beschreiben.

Doch in gewissem Sinn sorgt Gott sich nicht einmal um das Resultat – nicht um das Endresultat. Das ist so, weil das Endresultat längst feststeht.

Und darauf beruht die zweite große Illusion der Menschen: Sie glauben, daß das Endresultat des Lebens zweifelhaft ist. [36]Dieser Zweifel am Endergebnis hat euren größten Feind geschaffen, nämlich die Furcht. Denn wenn ihr an diesem letztlichen Endergebnis zweifelt, müßt ihr am Schöpfer zweifeln – an Gott. Und wenn ihr an Gott zweifelt, müßt ihr euer Leben lang in Angst und mit Schuldgefühlen verbringen.

Wenn ihr an den Absichten Gottes zweifelt – und an Gottes Fähigkeit, dieses letztliche Endergebnis zu bewirken –, dann fragt sich, wie ihr euch jemals entspannen könnt. Wie könnt ihr dann je wahren Frieden finden?

Doch Gott hat die volle Macht, Absichten und Resultate einander entsprechen zu lassen. Das könnt und wollt ihr nicht glauben (obwohl ihr behauptet, daß Gott allmächtig ist), und so mußtet ihr in eurer Phantasie eine Gott gleiche Macht erschaffen, um eine Möglichkeit zu finden, sich dem Willen Gottes entgegenzustellen. Also habt ihr in eurer Mythologie jenes Wesen erschaffen, das ihr »Teufel« nennt. Ihr habt euch sogar einen Gott vorgestellt, der sich mit diesem Wesen bekriegt (vermeinend, Gott löse Probleme auf eure Weise). Und schließlich habt ihr euch doch tatsächlich eingebildet, daß Gott diesen Krieg verlieren könnte.

Alles das stellt eine Verletzung des ganzen Wissens dar, das ihr, wie ihr sagt, über Gott habt; doch das spielt keine Rolle. Ihr lebt eure Illusion und empfindet deshalb Furcht – alles eine Folge eurer Entscheidung, an Gott zu zweifeln. Doch was, wenn ihr eine neue Entscheidung treffen würdet? Was ergäbe sich daraus?

Ich sage euch: Ihr würdet leben, wie Buddha es tat. Wie Jesus es tat. Wie jeder und jede Heilige, die ihr je verehrt habt.

[37]

Doch würden euch, wie es auch die meisten dieser Heiligen erleben mußten, die Leute nicht verstehen. Und wenn ihr versuchen würdet, euer Gefühl von Frieden, die Freude in eurem Leben, eure innere Ekstase zu erklären, so würden sie euren Worten lauschen, aber sie nicht hören. Sie würden versuchen, eure Worte zu wiederholen, würden ihnen aber einiges hinzufügen.

Sie würden sich fragen, wie es kommt, daß ihr etwas habt, nach dem sie vergeblich suchen. Und dann würde sich in ihnen die Eifersucht regen. Bald würde sich die Eifersucht in Zorn wandeln, und in ihrem Zorn würden sie versuchen, euch davon zu überzeugen, daß ihr diejenigen seid, die Gott nicht verstehen.

Und wenn es ihnen nicht gelänge, euch eure Freude auszutreiben, würden sie danach trachten, euch Schaden zuzufügen, so gewaltig wäre ihr Zorn. Und wenn ihr ihnen sagtet, daß es keine Rolle spielt, daß selbst der Tod eurer Freude keinen Abbruch tun, eure Wahrheit nicht ändern kann, würden sie euch ganz sicher töten. Wenn sie dann den Frieden sähen, mit dem ihr den Tod akzeptiert, würden sie euch Heilige nennen und wieder lieben.

Denn es liegt in der Natur der Menschen, das, was sie am meisten wertschätzen, erst zu lieben, dann zu zerstören und dann wieder zu lieben.

Aber warum? Warum verhalten wir uns so?

Alle menschlichen Handlungen gründen sich auf tiefster Ebene auf zwei Emotionen: auf Angst oder auf Liebe. In Wahrheit gibt es nur zwei Emotionen – nur zwei Worte in [38]der Sprache der Seele. Dies sind die beiden gegensätzlichen Pole der großen Polarität, die ich zusammen mit dem Universum und der Welt, wie ihr sie heute kennt, erschuf.

Das sind die zwei Punkte – das Alpha und das Omega –, die dem System, das ihr »Relativität« nennt, zu existieren erlauben. Ohne diese beiden Punkte, ohne diese beiden Begriffen von den Dingen könnte keine andere geistige Vorstellung existieren.

Jeder menschliche Gedanke und jede menschliche Handlung gründet sich entweder auf Liebe oder auf Angst. Es gibt keine andere menschliche Motivation, und alle anderen geistigen Vorstellungen leiten sich aus diesen beiden ab. Sie sind einfach verschiedene Versionen, verschiedene Abwandlungen desselben Themas.

Denk darüber intensiv nach, und du wirst erkennen, daß es wahr ist. Das ist es, was ich den stiftenden Gedanken genannt habe. Es ist entweder ein Gedanke der Liebe oder der Angst. Das ist der Gedanke hinter dem Gedanken hinter dem Gedanken. Es ist der erste Gedanke. Es ist die primäre Kraft. Es ist die rohe Energie, welche die Maschine menschlicher Erfahrung antreibt.

Und das erklärt, warum das menschliche Verhalten eine Wiederholungserfahrung nach der anderen produziert; darum lieben Menschen, zerstören dann und lieben wieder. Ständig schwingt das Pendel zwischen beiden Emotionen hin und her. Liebe stiftet Angst stiftet Liebe stiftet Angst… … Und der Grund dafür findet sich in der ersten Lüge – jener Lüge, die ihr als Wahrheit über Gott erachtet –, daß man in Gott kein Vertrauen setzen kann; daß auf Gottes Liebe kein Verlaß ist; daß Gott euch nur unter bestimmten [39]Bedingungen akzeptiert; daß somit letztlich das Endresultat zweifelhaft ist. Denn wenn ihr euch nicht darauf verlassen könnt, daß Gottes Liebe immer da ist, dann fragt sich, auf wessen Liebe ihr euch denn verlassen könnt. Werden sich denn nicht, wenn Gott sich zurückzieht, sobald ihr nicht rechtschaffen lebt, auch bloße Sterbliche von euch abwenden?

…Und so kommt es, daß ihr im Moment, in dem ihr eure höchste Liebe gelobt, eure tiefste Angst begrüßt.

Denn nachdem ihr gesagt habt: »Ich liebe dich«, ist eure erste Sorge, ob diese Aussage denn nun auch erwidert wird. Und habt ihr es eurerseits zu hören bekommen, so fangt ihr sofort an, euch Sorgen darüber zu machen, ob ihr die gerade gefundene Liebe auch nicht verliert. Und so wird alles Handeln zu einer Reaktion – einer Verteidigung gegen den Verlust –, so wie ihr euch sogar gegen den Verlust Gottes zu verteidigen sucht.

Doch wenn ihr wüßtet, wer-ihr-seid – daß ihr die herrlichsten, bemerkenswertesten und glanzvollsten Kreaturen seid, die von Gott je erschaffen wurden –, würdet ihr euch niemals ängstigen. Denn wer könnte etwas so Wunderbares und Großartiges ablehnen? Nicht einmal Gott könnte an einem solchen Wesen etwas auszusetzen haben.

Aber ihr wißt nicht, wer-ihr-seid, und glaubt, sehr viel weniger zu sein. Und woher habt ihr die Vorstellung, daß ihr sehr viel weniger großartig seid, als ihr seid? Von den einzigen Menschen, deren Wort alles für euch gilt: von eurer Mutter und von eurem Vater.

Das sind die Menschen, die ihr am meisten liebt. Warum sollten sie euch anlügen? Aber haben sie euch nicht gesagt, [40]daß ihr zu sehr dies und zuwenig das seid? Haben sie euch nicht ermahnt, daß man euch zwar sehen, aber nicht hören soll? Haben sie euch nicht in manchen Momenten eures größten Überschwangs zurechtgewiesen? Und haben sie euch nicht dazu ermuntert, von einigen eurer wildesten und kühnsten Vorstellungen abzulassen?

Das sind die Botschaften, die ihr empfangen habt, und obwohl sie den Kriterien nicht entsprechen und somit keine Botschaften von Gott sind, könnten sie es doch ebensogut sein, denn sie kamen ja von den Göttern eures Universums. Eure Eltern waren es, die euch lehrten, daß Liebe ihre Bedingungen hat – Bedingungen, die ihr viele Male zu spüren bekommen habt –, und das ist die Erfahrung, die ihr in eure eigenen Liebesbeziehungen hineintragt.

Das ist auch die Erfahrung, die ihr mir zutragt.

Aus dieser Erfahrung zieht ihr eure Schlüsse in bezug auf mich. Innerhalb dieses Kontexts sprecht ihr eure Wahrheit. »Gott ist ein liebender Gott«, sagt ihr, »aber wenn du seine Gebote übertrittst, wird er dich mit ewiger Verbannung und Verdammnis bestrafen.«

Denn habt ihr nicht erlebt, daß eure Eltern euch verbannten? Kennt ihr nicht den Schmerz ihrer Verdammung? Wie solltet ihr euch denn da vorstellen können, daß es mit mir anders ist?

Ihr habt vergessen, wie es war, bedingungslos geliebt zu werden. Ihr erinnert euch nicht an die Erfahrung der Liebe Gottes. Und so versucht ihr, gegründet auf das, was an Liebe ihr in der Welt seht, euch vorzustellen, wie die göttliche Liebe wohl aussehen mag.

Ihr habt die »Elternrolle« auf Gott projiziert und seid so zu [41]einer Vorstellung von einem Gott gelangt, der richtet und belohnt oder bestraft, je nachdem, wie gut er das findet, was ihr da angestellt habt. Aber das ist eine sehr vereinfachte Vorstellung von Gott, die sich auf eure Mythologie gründet. Sie hat nichts mit dem zu tun, was-ich-bin.

Nachdem ihr ein ganzes Gedankengebäude um Gott errichtet habt, das sich auf die menschliche Erfahrung statt auf spirituelle Wahrheiten gründet, erschafft ihr nun ein ganzes Realitätssystem um die Liebe herum. Es ist eine auf Angst gegründete Realität, die in der Vorstellung von einem furchteinflößenden, rachsüchtigen Gott wurzelt. Der hinter dieser Vorstellung existierende stiftende Gedanke ist falsch, aber dessen Negierung würde den Zusammenbruch eurer ganzen Theologie zur Folge haben. Und obwohl die sie ersetzende neue Theologie wahrlich eure Rettung wäre, seid ihr unfähig, sie zu akzeptieren, weil die Vorstellung von einem Gott, der nicht gefürchtet werden muß, der nicht richtet und der keinen Grund zur Bestrafung hat, ganz einfach zu großartig ist, als daß ihr sie selbst in eure grandiosesten Ideen über das, was und wer Gott ist, integrieren könntet.

Diese auf Angst gegründete Realität der Liebe beherrscht eure Erfahrung von Liebe; tatsächlich wird sie von ihr erschaffen. Denn nicht nur seht ihr euch an Bedingungen geknüpfte Liebe empfangen, ihr seht euch auch sie auf die gleiche Weise geben. Und während ihr euch entzieht und zurückhaltet und eure Bedingungen stellt, weiß doch ein Teil von euch, daß das nicht wirklich Liebe ist. Doch scheint ihr nicht den Willen aufzubringen, etwas daran zu ändern. Ihr habt auf die harte Tour gelernt, sagt ihr euch, [42]und wollt verdammt sein, wenn ihr euch noch einmal verletzlich macht. Die Wahrheit ist, ihr werdet verdammt sein, wenn ihr es nicht tut.

(Durch eure [irrigen] Vorstellungen von der Liebe verdammt ihr euch selbst dazu, sie nie in reiner Form zu erleben. Und so verdammt ihr euch auch selbst dazu, mich nie so zu erkennen, wie ich wirklich bin. Doch ihr werdet mich nicht für immer verleugnen können, und der Moment unserer Wiederversöhnung wird kommen.)

Alle Handlungen menschlicher Wesen gründen sich auf Liebe oder Angst, nicht nur jene, die mit Beziehungen zu tun haben. Entscheidungen, die das Geschäft betreffen, das Wirtschaftsleben, die Politik, die Religion, die Erziehung der jungen Leute, die sozialen Angelegenheiten eurer Nationen, die ökonomischen Ziele eurer Gesellschaft, Beschlüsse hinsichtlich Krieg, Frieden, Angriff, Verteidigung, Aggression, Unterwerfung, Entschlüsse, haben zu wollen oder wegzugeben, zu behalten oder zu teilen, zu vereinen oder zu trennen – jede einzelne freie Wahl, die ihr jemals trefft, entsteht aus einem der beiden möglichen Gedanken: aus einem Gedanken der Liebe oder einem Gedanken der Angst.

Angst ist die Energie, die zusammenzieht, versperrt, einschränkt, wegrennt, sich versteckt, hortet, Schaden zufügt. Liebe ist die Energie, die sich ausdehnt, sich öffnet, aussendet, bleibt, enthüllt, teilt, heilt.

Angst umhüllt unseren Körper mit Kleidern, Liebe gestattet uns, nackt dazustehen. Angst krallt und klammert sich an alles, was wir haben, Liebe gibt alles fort, was wir haben. Angst hält eng an sich, Liebe hält wert und lieb. Angst [43]reißt an sich, Liebe läßt los. Angst nagt und wurmt, Liebe besänftigt. Angst attackiert, Liebe bessert.

Jeder Gedanke, jedes Wort oder jede Tat eines Menschen gründen sich auf eine dieser beiden Emotionen. Darin habt ihr keine Wahl, denn es steht euch nichts anderes zur Wahl. Aber ihr habt freie Wahl, welche der beiden ihr euch aussuchen wollt.

So, wie du das sagst, hört es sich ganz leicht an. Doch im Moment der Entscheidung gewinnt die Angst in der Mehrheit der Fälle die Oberhand. Warum ist das so?

Ihr seid gelehrt worden, in Angst und Furcht zu leben. Man hat euch gesagt, daß nur die Fittesten überleben, die Stärksten siegen, die Schlauesten Erfolg haben. Sehr wenig wird zum Lobpreis jener gesagt, die am liebevollsten sind. Und so strebt ihr – auf die eine oder andere Weise – danach, die Fittesten, die Stärksten, die Schlauesten zu sein, und wenn ihr dann bemerkt, daß ihr in irgendeiner Situation weniger seid als das, habt ihr Angst vor Verlust, denn man hat euch gesagt, daß weniger sein verlieren bedeutet.

Und natürlich entschließt ihr euch dann zu der Handlung, die euch die Angst eingibt, denn das wurde euch beigebracht. Doch ich lehre euch dies: Wenn ihr euch für die Handlung entscheidet, die euch die Liebe eingibt, werdet ihr mehr als nur überleben, als nur gewinnen, als nur Erfolg haben. Dann werdet ihr in ganzer Herrlichkeit erfahren, wer-ihr-wirklich-seid und wer ihr sein könnt.

Dazu müßt ihr die Lehren eurer wohlmeinenden, aber falsch informierten weltlichen Tutoren beiseite lassen und [44]auf die Lehren jener hören, deren Weisheit einer anderen Quelle entstammt.

Ihr habt viele solche Lehrer unter euch, so wie sie schon immer unter euch waren, denn ich lasse euch nicht ohne jene, die euch diese Wahrheiten zeigen, sie euch lehren, euch anleiten und an sie erinnern. Doch die größte Gemahnerin ist nicht eine außenstehende Person, sondern eure innere Stimme. Sie ist das erste Instrument, dessen ich mich bediene, da es am zugänglichsten ist.

Die innere Stimme ist die lauteste Stimme, mit der ich spreche, da sie die euch nächste ist. Es ist die Stimme, die euch sagt, ob alles andere, so wie ihr es definiert habt, wahr oder falsch, recht oder unrecht, gut oder schlecht ist. Sie ist der Radar, der euch hilft, den Kurs zu setzen, das Schiff zu segeln, der euch auf eurer Reise anleitet, wenn ihr es nur zulaßt.

Es ist die Stimme, die euch in diesem Moment sagt, ob die Worte, die ihr lest, Worte der Liebe oder Worte der Angst sind. Dies ist der Maßstab, anhand dessen ihr entscheiden könnt, ob sie zu befolgende oder zu ignorierende Worte sind.

Du hast gesagt, daß ich in ganzer Herrlichkeit erfahren werde, wer ich bin und sein kann, wenn ich stets den Handlungsweg wähle, den die Liebe eingibt. Kannst du das bitte noch weiter ausführen?

Es gibt nur einen Grund für alles Leben, nämlich daß ihr und alles, was lebt, diese Herrlichkeit in ganzer Fülle erfahrt.

[45]

Alles, was ihr sonst sagt, denkt oder tut, dient diesem Zweck. Es gibt nichts anderes für eure Seele zu tun, und nichts anderes, was eure Seele tun möchte.

Das Wundersame an diesem Sinn und Zweck ist, daß er kein Ende hat. Ein Ende bedeutet Beschränkung, und Gottes Absicht beinhaltet nicht eine solche Begrenzung. Sollte der Moment kommen, in dem du dich in all deiner Herrlichkeit erfährst, so wirst du dir dann eine noch größere Herrlichkeit vorstellen, zu der du gelangen willst. Je mehr du bist, desto mehr kannst du werden, und je mehr du wirst, desto mehr kannst du noch werden.

Das tiefste Geheimnis ist, daß das Leben nicht ein Entdeckungsprozeß, sondern ein Schöpfungsprozeß ist.

Du entdeckst dich nicht selbst, sondern du erschaffst dich neu. Trachte deshalb nicht danach herauszufinden, wer-du-bist, sondern trachte danach zu entscheiden, wer-du-sein-möchtest.

Manche sagen, daß das Leben eine Schule ist, daß wir hier sind, um spezielle Lektionen zu erlernen, und daß wir, wenn wir dann unser »Abitur« gemacht haben, uns größeren Zielen widmen können, ohne noch an den Körper gefesselt zu sein. Ist das richtig?

Das ist ein weiterer Bestandteil eurer auf menschliche Erfahrung gegründeten Mythologie.

Das Leben ist keine Schule?

Nein.

[46]Wir sind nicht hier, um Lektionen zu erlernen?

Nein.

Warum sind wir dann hier?

Um euch zu erinnern und wieder neu zu erschaffen, wer-ihr-seid.

Ich habe es euch immer und immer wieder gesagt. Ihr glaubt mir nicht. Doch so ist es und soll es sein. Denn wahrlich, wenn ihr euch nicht als die-ihr-seid erschafft, könnt ihr es auch nicht sein.

Also – hier kann ich dir nicht mehr folgen. Kommen wir auf diese Sache mit der Schule zurück. Ich habe Lehrer um Lehrer uns sagen hören, daß das Leben eine Schule sei. Ich bin offen gestanden schockiert, von dir zu hören, daß es nicht so ist.

Die Schule ist ein Ort, zu dem du gehst, wenn du etwas wissen willst, was du noch nicht weißt. Du begibst dich nicht an diesen Ort, wenn du bereits etwas weißt und dieses Wissen ganz einfach erfahren willst.

Das Leben (wie ihr es nennt) gibt euch die Gelegenheit, auf der Erfahrungsebene etwas kennenzulernen, was ihr bereits auf der Ebene der Begrifflichkeit wißt. Ihr müßt nichts lernen, um dies zu tun. Ihr müßt euch nur an das erinnern, was ihr bereits wißt, und danach handeln.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe.

[47]

Fangen wir es so an. Die Seele – deine Seele – weiß zu jeder Zeit alles, was es zu wissen gibt. Ihr ist nichts verborgen, nichts unbekannt. Doch dieses Wissen reicht nicht aus. Die Seele strebt nach der Erfahrung.

Du kannst wissen, daß du ein großzügiger Mensch bist, aber wenn du nichts tust, was diese Großzügigkeit zur Entfaltung bringt, dann hast du nichts weiter als eine begriffliche Vorstellung. Du kannst wissen, daß du ein gütiger Mensch bist, aber solange du nicht für jemanden etwas Gutes tust, hast du nichts weiter als eine Vorstellung von dir selbst.

Deine Seele hat nur einen Wunsch: Sie möchte ihren großartigsten Begriff von sich selbst in ihre großartigste Erfahrung verwandeln. Solange dieser Begriff, diese Idee nicht zur Erfahrung wird, bleibt alles nur Spekulation. Ich habe lange Zeit über mich spekuliert. Länger als ihr und ich uns gemeinsam daran erinnern könnten. Länger als das Alter dieses Universums mal des Alters des Universums. Ihr seht also, wie jung – wie neu – meine Erfahrung von mir selbst ist!

Ich kann dir wiederum nicht folgen. Deine Erfahrung von dir selbst?

Ja. Laß es mich dir so erklären.

Am Anfang war nur das, was Ist, und nichts anderes. Doch Alles-Was-Ist konnte sich nicht selbst erkennen – weil Alles-Was-Ist alles war, was da war, und nichts sonst. Und daher war Alles-Was-Ist … nicht. Denn in Abwesenheit von etwas anderem ist Alles-Was-Ist nicht.

[48]

Das ist das große Ist/Ist Nicht, auf das sich die Mystiker seit Anbeginn der Zeit bezogen haben.

Alles-Was-Ist wußte, daß es alles war, was da war – aber das war nicht genug, weil es seine vollendete Großartigkeit nur begrifflich, nicht aber erfahrungsgemäß erkennen konnte. Doch es sehnte sich nach der Erfahrung seiner selbst, es wollte wissen, was es für ein Gefühl ist, so großartig zu sein. Das war jedoch unmöglich, weil schon der Begriff »großartig« relativ ist. Alles-Was-Ist konnte nicht wissen, was für ein Gefühl es ist, großartig zu sein, solange sich nicht das, was nicht ist, zeigte. In der Abwesenheit von dem, was nicht ist, ist das, was IST, nicht.

Verstehst du das?

Ich denke, ja. Fahre fort.

Gut. Alles-Was-Ist wußte eines, nämlich daß da nichts anderes war. Und so konnte und würde es sich niemals von einem Bezugspunkt außerhalb seiner selbst kennenlernen. Ein solcher Punkt existierte nicht. Es existierte nur ein Bezugspunkt, und das war der einzige Ort im Innern. Das »Ist/Ist Nicht«. Das Bin/Bin Nicht.

Doch das Alles von Allem entschied sich dazu, sich selbst erfahrungsgemäß kennenzulernen.

Diese Energie – diese reine, unsichtbare, unhörbare, unwahrnehmbare und von daher einem-jeden-anderen-unbekannte Energie – entschied sich, sich selbst als diese vollendete Großartigkeit zu erfahren, die Es war. Und es erkannte, daß es sich dazu eines Bezugspunkts im Innern bedienen mußte.

[49]

Es folgerte ganz richtig, daß jeder Teil Seiner Selbst notwendigerweise weniger als das Ganze sein mußte, und daß, wenn es sich selbst in Teile aufteilte, jeder Teil, der ja weniger war als das Ganze, auf den Rest Seiner Selbst blicken und Großartigkeit wahrnehmen konnte.

Und so teilte sich Alles-Was-Ist in sich selbst – wurde in einem gloriosen Augenblick das, was dies ist, und das, was das ist. Zum ersten Mal existierten dies und das gesondert voneinander. Und doch existierte beides zugleich und tat all das, was keines von beidem war.

So kam es, daß plötzlich drei Elemente existierten: Das, was hier ist. Das, was dort ist. Und das, was weder hier noch dort ist, aber existieren muß, damit das Hier und das Dort existieren können.

Es ist das Nichts, in dem alles enthalten ist. Es ist der Nicht-Raum, der den Raum enthält. Es ist das Alles, das die Teile enthält.

Kannst du das verstehen?

Kannst du dem folgen?

Ich denke, ja. Ob du es glaubst oder nicht, du hast das so klar dargestellt, daß ich meine, es tatsächlich zu verstehen.

Ich werde noch weiter gehen. Nun, dieses Nichts, in dem alles enthalten ist, ist das, was manche Menschen Gott nennen. Doch das ist auch nicht ganz präzise, denn dies hieße, daß es etwas gibt, das Gott nicht ist – nämlich alles, was nicht »nichts« ist. Aber ich bin Alle Dinge – sichtbar und unsichtbar. Deshalb ist die Beschreibung von mir als das Große Unsichtbare, das Kein-Ding oder der Raum Dazwischen, [50]eine im wesentlichen dem Osten entstammende mystische Definition von Gott, nicht präziser als die im Westen geläufige praktische Definition, derzufolge Gott alles ist, was sichtbar ist. Das Verständnis derer, die glauben, daß Gott Alles-Was-Ist und Alles-Was-Nicht-Ist ist, ist korrekt.

Nun, durch die Erschaffung dessen, was »hier« und dessen, was »dort« ist, versetzte Gott sich in die Lage, sich selbst zu erkennen. Im Moment dieser großen Explosion aus dem Innern erschuf Gott die Relativität – das größte Geschenk, das Gott je sich selbst machte. Von daher ist die Beziehung das größte Geschenk Gottes an euch, ein Punkt, über den wir später im einzelnen sprechen werden.

Aus dem Kein-Ding ging also Alles hervor – ein spirituelles Ereignis, das völlig vereinbar, identisch ist mit dem, was eure Wissenschaftler die Theorie des Urknalls nennen.

Mit der rasend schnellen Ausbreitung der Elemente wurde die Zeit erschaffen, denn ein Ding war erst hier, dann war es dort – und die Dauer seiner Bewegung von hier nach dort war meßbar.

So wie die sichtbaren Teile Seiner Selbst sich in »Relation« zueinander zu definieren begannen, taten dies auch die unsichtbaren Teile.

Gott wußte, daß die Liebe nur existieren – und sich selbst als reine Liebe erkennen – konnte, wenn ihr genaues Gegenteil ebenfalls existierte. So erschuf Gott vorsätzlich die große Polarität, das absolute Gegenteil von Liebe – alles, was Liebe nicht ist –, was nun Angst genannt wird. In jenem Moment, in dem die Angst existierte, konnte die Liebe als ein Ding existieren, das zu erfahren nun möglich war.

[51]

Diese Erschaffung der Dualität zwischen Liebe und ihrem Gegenteil ist das, was die Menschen in ihren verschiedenen Mythologien als die Geburt des Bösen, den Sündenfall Adams, die Rebellion Satans und so weiter bezeichnen.

So, wie ihr euch dazu entschieden habt, die reine Liebe in dem Wesen verkörpert zu sehen, das ihr Gott nennt, habt ihr euch auch entschieden, tiefste Angst in dem Wesen personifiziert zu sehen, das ihr den Teufel nennt.

Manche auf Erden haben um dieses Ereignis herum ziemlich ausgeklügelte Mythologien samt Szenarien von Schlachten und Kriegen mit Heerscharen von Engeln und teuflischen Kriegern, den Kräften von Gut und Böse, des Lichts und der Finsternis aufgebaut.

Diese Mythologien waren der frühe Versuch von Menschen, ein kosmisches Ereignis zu verstehen und anderen auf für sie verständliche Weise von dem zu erzählen, dessen sich die menschliche Seele zutiefst bewußt ist, das aber der Verstand kaum begreifen kann.

Indem Gott aus dem Universum eine geteilte Version von sich selbst machte, brachte er, aus reiner Energie, alles hervor, was jetzt sowohl sichtbar als auch unsichtbar existiert. Mit anderen Worten, auf diese Weise wurde nicht nur das physische, sondern auch das metaphysische Universum geschaffen. Der Teil Gottes, der die zweite Hälfte der Bin-/Bin-Nicht-Gleichung bildet, explodierte ebenfalls zu einer unendlichen Anzahl von Einheiten, die kleiner sind als das Ganze. Diese Energieeinheiten würdet ihr Geister nennen. In manchen eurer religiösen Mythologien wird gesagt, daß »Gott der Vater« viele Geist-Kinder hatte. Diese Parallele zu der menschlichen Erfahrung vom sich vervielfachenden [52]Leben scheint die einzige Möglichkeit zu sein, den Massen in der Realität die Vorstellung von der plötzlichen Erscheinung – der plötzlichen Existenz – zahlloser Geister im »Reich des Himmels« nahezubringen.

In diesem Fall sind eure mythologischen Geschichten und Erzählungen von der letztlichen Realität gar nicht so weit entfernt. Die endlose Anzahl von Geistern, die meine Totalität ausmachen, sind im kosmischen Sinn meine Nachkommen.

Mit dieser Teilung meiner selbst verfolgte ich das göttliche Ziel, genügend Teile von mir zu erschaffen, damit ich mich erfahrungsgemäß kennenlernen kann. Der Schöpfer hat nur eine Möglichkeit, sich in der Erfahrung als Schöpfer zu erkennen: Er muß erschaffen. Und so gab ich all den zahllosen Teilen meiner selbst (allen meinen Geist-Kindern) die gleiche Macht zu erschaffen, die ich als Ganzes besitze. Das meinen die Religionen, wenn sie sagen, daß ihr »nach dem Ebenbilde Gottes« geschaffen wurdet. Es bedeutet nicht, wie manche annahmen, daß wir in unserer physischen Gestalt gleich aussehen (obwohl Gott jede physische Gestalt annehmen kann, die er sich für einen bestimmten Zweck erwählt). Es bedeutet, daß unsere Essenz die gleiche ist. Wir sind aus dem gleichen Stoff gemacht. Wir SIND »derselbe Stoff«! Wir verfügen über die gleichen Eigenschaften und Fähigkeiten – einschließlich der Gabe, physische Realität aus dünner Luft zu erschaffen.

Als ich euch, meine spirituellen Nachkommen, erschuf, war es mein Ziel, mich selbst als Gott kennenzulernen. Ich kann dies auf keine andere Weise als durch euch tun. Somit kann gesagt werden (und es wurde auch viele Male gesagt), [53]daß mein Ziel für euch darin besteht, daß ihr euch selbst als mich erkennt.

Das scheint so erstaunlich einfach zu sein, wird aber sehr komplex, weil es nur eine Möglichkeit gibt, wie ihr euch als mich erkennen könnt, nämlich die, daß ihr euch selbst zuerst als nicht Mich erkennt.

Nun versuche, mir hier zu folgen – bemühe dich darum –, denn es wird jetzt sehr subtil. Bist du bereit?

Ich denke, ja.

Gut. Denk daran, du hast um diese Erklärung gebeten. Du hast Jahre auf sie gewartet. Du hast darum gebeten, sie in einer Laiensprache und nicht in Form theologischer Lehrsätze oder wissenschaftlicher Theorien zu erhalten.

Ja – ich weiß, worum ich gebeten habe.

Und wie du gefragt hast, so soll dir geantwortet werden. Nun, um mich leichtverständlich auszudrücken, werde ich mich eures mythologischen Modells von den Kindern Gottes bedienen, weil dieses euch vertraut ist und in vielerlei Hinsicht gar nicht so abwegig.

Kommen wir also darauf zurück, wie dieser Prozeß der Selbsterkenntnis zu funktionieren hat.

Es gab eine Möglichkeit, wie ich alle meine geistigen Kinder dazu hätte bringen können, sich als Teil von mir zu erkennen: nämlich indem ich es ihnen einfach sagte. Das habe ich getan. Aber siehst du, dem reinen Geist war es nicht genug, sich selbst einfach als Gott zu erkennen, oder [54]als Teil von Gott, oder als Kinder Gottes, oder als Erben des Reichs Gottes (je nachdem, welche Mythologie du hier heranziehen möchtest).

Wie ich schon erklärte, besteht ein Unterschied zwischen etwas wissen und es erfahren. Der reine Geist sehnte sich danach, sich selbst als Erfahrung kennenzulernen (so wie ich es tat). Begriffliches Gewahrsein war euch nicht genug. So entwarf ich einen Plan. Es ist die außergewöhnlichste Idee im ganzen Universum und beinhaltet die spektakulärste Zusammenarbeit. Ich sage Zusammenarbeit, weil ihr alle mit daran beteiligt seid.

Dem Plan gemäß betratet ihr als reiner Geist das eben geschaffene physikalische Universum. Das deshalb, weil ihr nur über die Physikalität erfahrungsgemäß das kennenlernen könnt, was ihr auf begrifflicher Ebene wißt. Dies ist tatsächlich der Grund, warum ich den physikalischen Kosmos überhaupt erschaffen habe – und das Relativitätssystem, das ihn und alle Schöpfung regiert.

Nachdem ihr, meine geistigen Kinder, erst einmal im physikalischen Universum existiertet, konntet ihr erfahren, was ihr über euch selbst wißt – aber zunächst mußtet ihr das Gegenteil kennenlernen. Um es etwas vereinfacht zu erklären: Ihr könnt euch nicht selbst als großgewachsen erkennen, solange euch nicht bewußt ist, daß es auch die Kleinwüchsigkeit gibt. Ihr könnt nicht den Teil von euch, den ihr dick nennt, erfahren, solange ihr nicht auch das Dünne kennt.

Daraus ergibt sich letztlich die logische Schlußfolgerung, daß ihr euch nicht als die, die ihr seid, erfahren könnt, solange ihr nicht dem begegnet seid, was ihr nicht seid. Das [55]ist der Zweck der Relativitätstheorie und allen physischen Lebens. Ihr definiert euch über das, was ihr nicht seid.

Nun, im Fall der letztlichen oder höchsten Erkenntnis – des Sich-Selbst-Erkennens als Schöpfer – könnt ihr euch nicht selbst als Schöpfer erfahren, solange und bis ihr nicht selbst erschafft. Und ihr könnt euch nicht selbst erschaffen, solange ihr euch nicht selbst auslöscht. In gewissem Sinn müßt ihr erst »nicht sein«, damit ihr sein könnt. Kannst du folgen?

Ich denke …

Bleib dabei.

Natürlich könnt ihr keinesfalls nicht sein, wer und was ihr seid – ihr seid es einfach (reiner, schöpferischer Geist), ihr wart es und werdet es immer sein. Also habt ihr das Nächstbeste getan. Ihr habt euch dazu gebracht zu vergessen, wer-ihr-wirklich-seid.

Beim Eintreten ins physikalische Universum habt ihr die Erinnerung an euch selbst aufgegeben. Das gestattet euch, die Wahl zu treffen, wer-ihr-sein-wollt, statt sozusagen einfach schon im Schloß aufzuwachen.

Statt lediglich gesagt zu bekommen, daß ihr ein Teil Gottes seid, habt ihr diesen Akt der Wahl, in dem ihr euch selbst als über totale Wahlfreiheit verfügend erlebt. Und diese ist der Definition nach das, was Gott ist. Aber wie könnt ihr Entscheidungsfreiheit in einer Sache haben, in der ihr gar keine Wahl habt? Ihr könnt nicht nicht meine Nachkommen sein, so sehr ihr euch auch bemühen mögt – doch ihr könnt vergessen.

[56]

Ihr seid, wart und werdet immer ein göttlicher Teil des göttlichen Ganzen, ein Glied des Körpers sein. Der Akt der Wiedervereinigung mit dem Ganzen, die Rückkehr zu Gott, ist ein Akt des Rück-Erinnerns, der Wieder-Eingliederung. Ihr wählt, euch daran zu erinnern, wer-ihr-wirklich-seid, oder euch mit den verschiedenen Teilen eurer selbst wieder zu vereinen, um euch in eurer Gesamtheit zu erfahren – das heißt – mich in meiner Allumfassendheit.

Eure Aufgabe auf Erden ist es deshalb nicht zu lernen (weil ihr bereits wißt), sondern euch zu erinnern/wieder einzugliedern/zusammenzufügen, wer-ihr-seid, und dies nicht nur in bezug auf euch, sondern auch in bezug auf alle anderen. Deshalb besteht eure Aufgabe zum großen Teil auch darin, daß ihr andere daran erinnert, ihnen wieder ins Gedächtnis ruft, daß auch sie sich wieder erinnern/eingliedern/zusammenfügen können.

All die wunderbaren Lehrer haben genau das getan. Das ist euer einziges Ziel. Das heißt, das Ziel eurer Seele.

Mein Gott, das ist so einfach – und so … symmetrisch. Ich meine, es paßt alles zusammen! Alles paßt plötzlich! Ich sehe nun ein Bild, das ich bislang nie ganz zusammenfügen konnte.

Gut. Das ist gut. Das ist der Zweck dieses Dialogs. Du hast mich um Antworten gebeten. Ich habe versprochen, daß ich sie dir gebe.

Du wirst aus diesem Dialog ein Buch und meine Worte vielen zugänglich machen. Das ist Teil deiner Arbeit. Nun, du hast viele Fragen, viele Nachforschungen über das Leben [57]anzustellen. Wir haben hier das Fundament gelegt. Wir haben die Grundlage für andere Einsichten geschaffen. Laß uns zu diesen anderen Fragen kommen. Und mach dir keine Sorgen. Solltest du etwas, das wir gerade durchgegangen sind, nicht ganz genau verstehen, wird es dir recht bald klarwerden.

Es gibt so vieles, das ich fragen möchte. Da sind so viele Fragen. Ich sollte wohl mit den großen, mit den augenfälligen Fragen anfangen. Zum Beispiel, warum befindet sich die Welt in jener Verfassung, in der sie ist?

Von allen Fragen, die der Mensch an Gott richtet, wird diese am häufigsten gestellt – seit Anbeginn der Zeit. Vom ersten bis zu diesem Moment wolltet ihr wissen: Warum muß es so sein?

Die klassische Formulierung dieser Frage sieht gewöhnlich so aus: Warum erschafft Gott, wenn er vollkommen und alliebend ist, Seuchen und Hungersnöte, Kriege und Krankheiten, Erdbeben, Wirbelstürme und Orkane sowie alle Arten von Naturkatastrophen, tiefste persönliche Enttäuschung und weltweites Elend?

Die Antwort auf diese Frage liegt im tieferen Mysterium des Universums und im höchsten Sinn des Lebens.

Ich zeige meine Güte nicht, indem ich um euch herum nur das erschaffe, was ihr Vollkommenheit nennt. Ich zeige meine Liebe nicht dadurch, daß ich euch nicht erlaube, daß ihr eure Liebe zeigt.

Wie ich schon erklärte, könnt ihr nicht Liebe erweisen, wenn ihr nicht die Nicht-Liebe zeigen könnt. Außer in der [58]Welt des Absoluten kann ein Ding nicht ohne sein Gegenteil existieren. Aber das Reich des Absoluten war weder für euch noch für mich ausreichend. Ich existierte dort, im Immerwährenden, und von dort seid auch ihr gekommen.

Im Absoluten gibt es keine Erfahrung, nur das Wissen. Wissen ist ein göttlicher Zustand, aber die größte Freude ist im Seienden. Seiendes wird nur nach der Erfahrung erreicht. Evolution bedeutet: wissend, erfahrend, seiend. Das ist die Heilige Dreifaltigkeit – die Dreieinigkeit Gottes.

Gott der Vater ist wissend – der Urheber aller Einsichten, der Urheber aller Erfahrungen, denn ihr könnt nicht erfahren, was ihr nicht wißt.

Gott der Sohn ist erfahrend – die Verkörperung, das Ausagieren all dessen, was der Vater von sich selbst weiß, denn ihr könnt nicht sein, was ihr nicht erfahren habt.

Gott der Heilige Geist ist seiend – die Entkörperlichung all dessen, was der Sohn von sich selbst erfahren hat; der einfache, vollkommene Zustand des Seienden ist nur möglich durch die Erinnerung an das Wissende und Erfahrende.

Dieses einfache Seiende ist Seligkeit. Es ist der Gotteszustand, nachdem er sich selbst erkannt und erfahren hat. Es ist das, wonach Gott sich am Anfang sehnte.

Natürlich seid ihr über jenen Punkt hinausgelangt, an dem euch noch erklärt werden muß, daß die Beschreibungen von Gott als Vater und Sohn nichts mit Geschlechtszugehörigkeit zu tun haben. Ich bediene mich hier der bildhaften Sprache eurer zuletzt verfaßten heiligen Schriften. Sehr viel frühere heilige Schriften haben diese Metapher in einen Kontext von Mutter und Tochter gestellt. Beides ist nicht korrekt. Am besten könnt ihr diese Beziehung begreifen, [59]wenn ihr in den Begriffen von Eltern und Nachkommenschaft denkt oder von Das-was-entstehen-läßt und Das-was-zur-Entstehung-gebracht-wird.

Das Hinzufügen des dritten Teils der Dreifaltigkeit führt zu folgender Beziehung: Das was entstehen läßt/Das was zur Entstehung gebracht wird/Das was ist.

Diese dreieinige Realität ist Gottes Signatur. Es ist das göttliche Muster. Dieses Drei-in-Einem findet sich überall in den Reichen des Höchsten, des Sublimen. Dem könnt ihr in den Dingen, die mit Zeit und Raum, mit Gott und Bewußtsein und mit jeglichen subtilen Beziehungen zu tun haben, nicht entkommen. Andererseits werdet ihr diese Dreieinige Wahrheit in den groben Beziehungen des Lebens nicht vorfinden.

Diejenigen, die mit den subtilen Beziehungen des Lebens befaßt sind, wissen um diese Dreieinige Wahrheit. Manche eurer Theologen haben sie als Vater, Sohn und Heiligen Geist beschrieben. Manche eurer Psychologen benutzen die Begriffe von Überbewußtsein, Bewußtsein und Unterbewußtsein. Manche eurer Spiritualisten sagen dazu Geist, Körper, Seele. Manche eurer Wissenschaftler sehen sie als Energie, Materie und Äther. Manche eurer Philosophen sagen, daß ein Ding erst dann für euch wahr ist, wenn es in Gedanken, Wort und Tat wahr geworden ist. Hinsichtlich der Zeit sprecht ihr nur von drei Formen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Ähnlich gibt es drei Momente in eurer Wahrnehmung: vorher, jetzt und danach. In bezug auf räumliche Beziehungen, gleich ob es sich um Punkte im Universum oder in eurem eigenen Zimmer handelt, erkennt ihr ein Hier, ein Dort und den Raum dazwischen.

[60]

Was die groben Beziehungen angeht, kennt ihr kein »dazwischen«. Der Grund dafür ist der, daß grobe Beziehungen immer Zweiheiten sind, während die Beziehungen des höheren Reichs unfehlbar Dreiheiten sind. Von daher habt ihr links-rechts, oben-unten, klein-groß, schnell-langsam, heiß-kalt und die größte je erschaffene Zweiheit: männlich-weiblich. Bei diesen Zweiheiten oder Gegensatzpaaren gibt es kein dazwischen. Ein Ding ist entweder das eine oder das andere, oder eine größere oder kleinere Version einer dieser Polaritäten.

Innerhalb des Reichs der groben Beziehungen kann nichts Vorstellbares ohne die Vorstellung seines Gegenteils existieren. Der größte Teil eurer Alltagserfahrung liegt in dieser Realität begründet.

Innerhalb des Reichs der sublimen Beziehungen hat nichts, was existiert, ein Gegenteil. Alles ist eins, und alles schreitet vom einen zum anderen in einem endlosen Kreis voran. Zeit ist ein solches sublimes Reich, in dem, was ihr Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennt, in wechselseitiger Beziehung existiert. Das heißt, sie bilden keinen Gegensatz, sondern sind Teile desselben Ganzen; Progressionen, Weiterentwicklungen desselben Gedankens; Zyklen derselben Energie; Aspekte derselben unwandelbaren Wahrheit. Wenn ihr daraus schließt, daß Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein und derselben »Zeit« existieren, habt ihr recht. (Aber das ist hier nicht der richtige Moment, um darüber zu sprechen. Wir werden darauf sehr viel detaillierter eingehen, wenn wir später die ganze Zeitkonzeption erkunden.)

Die Welt ist so, wie sie ist, weil sie gar nicht anders sein [61]und dennoch im groben Bereich der Physikalität existieren könnte. Erdbeben und Orkane, Überschwemmungen und Wirbelstürme und all das andere, was ihr Naturkatastrophen nennt, sind nichts anderes als die Bewegungen der Elemente von einer Polarität zur anderen. Der ganze Zyklus von Geburt und Tod ist Bestandteil dieses Prozesses. Dies sind die Rhythmen des Lebens, denen alles in der groben Realität unterworfen ist, denn das Leben selbst ist ein Rhythmus. Es ist eine Welle, eine Schwingung, ein Pulsschlag im Herzen von Allem-Was-Ist.

Krankheiten und Leiden sind das Gegenteil von Gesundheit und Wohlbefinden und manifestieren sich in eurer Realität auf euer Geheiß. Ihr könnt nicht krank sein, ohne euch auf bestimmter Ebene dazu gebracht zu haben, und ihr könnt wieder wohlauf sein in dem Moment, in dem ihr euch ganz einfach dazu entscheidet. Tiefe persönliche Enttäuschungen sind gewählte Reaktionen, und globale Katastrophen sind das Ergebnis eines globalen Bewußtseins.

Deine Frage impliziert, daß ich diese Ereignisse gewählt habe, daß es mein Wille und Wunsch ist, daß sie geschehen. Doch diese Dinge gelangen nicht durch meinen Willen zum Sein, ich beobachte nur euer dementsprechendes Tun. Und ich unternehme nichts, um sie zu verhindern, denn damit würde ich eurem Willen entgegenarbeiten. Und das würde euch wiederum der Gotteserfahrung berauben, der Erfahrung, die ihr und ich gemeinsam gewählt haben.

Verdammt daher nicht all das, was ihr in dieser Welt als schlecht anseht. Fragt euch vielmehr selbst, was ihr daran als schlecht verurteilt, und was, wenn überhaupt, ihr tun wollt, um es zu ändern.

[62]

Forscht im Innern statt im Außen und fragt euch: »Welchen Teil meines Selbst möchte ich jetzt angesichts dieses Unglücks erfahren? Welchen Aspekt des Seins wähle und rufe ich auf?« Denn alles Leben existiert als Werkzeug eurer eigenen Schöpfung, und alle seine Ereignisse bieten sich euch nur als Gelegenheiten dar, zu entscheiden und zu sein, wer-ihr-seid.

Das gilt für jede Seele, und so gibt es, seht ihr, keine Opfer im Universum, nur Schöpfer. Alle Meister, die auf diesem Planeten wandelten, wußten das. Deshalb hat sich kein Meister, gleich welchen ihr nennt, je selbst als Opfer gesehen – obschon viele tatsächlich gekreuzigt worden sind.

Jede Seele ist ein Meister – obgleich sich manche nicht an ihre Ursprünge oder ihr Erbe erinnert. Doch jede schafft die Situation und die Umstände für ihr eigenes höchstes Ziel und ihr eigenes raschestes Erinnern – in jedem »jetzt« genannten Moment.

Urteilt also nicht über den karmischen Weg, den ein anderer geht. Beneidet nicht den Erfolg, bemitleidet nicht den Mißerfolg, denn ihr wißt nicht, was nach dem Ermessen der Seele ein Erfolg oder Mißerfolg ist. Nennt ein Ding nicht Unglück oder freudiges Ereignis, solange ihr nicht entschieden oder beobachtet habt, wie es genutzt wird. Denn ist ein Tod ein Unglück, wenn er Tausende von Leben rettet? Und ist ein Leben ein freudiges Ereignis, wenn es nichts als Kummer und Leid verursacht hat? Aber selbst darüber sollt ihr nicht richten, sondern eure Meinung für euch behalten und den anderen die ihre lassen.

Das heißt nicht, daß ihr einen Hilferuf ignorieren sollt oder das Drängen eurer eigenen Seele, auf die Veränderung irgendeines [63]Umstands oder Zustands hinzuarbeiten. Es bedeutet, daß ihr, während ihr das tut, was ihr tut, das Etikettieren und Verurteilen vermeiden sollt. Denn jeder gegebene Umstand ist ein Geschenk, und in jeder Erfahrung liegt ein Schatz verborgen.

Es war einmal eine Seele, die sich als das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht. »Ich bin das Licht«, sagte sie. »Ich bin das Licht.« Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen. Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts außer dem Licht. Jede Seele war großartig, jede Seele war herrlich, und jede Seele erstrahlte im Glanz meines ehrfurchtgebietenden Lichts. Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne. Inmitten des grandiosesten Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist.

Nun geschah es, daß diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen. Und so groß war ihr Verlangen, daß ich eines Tages zu ihr sagte: »Weißt du, Kleines, was du tun mußt, um dein Verlangen zu befriedigen?«

»Oh, was denn, Gott? Was? Ich werde alles tun!« sagte die kleine Seele.

»Du mußt dich vom Rest von uns trennen«, gab ich zur Antwort, »und dann mußt du für dich die Finsternis herbeibeschwören.«

»Was ist die Finsternis, o Heiligkeit?« fragte die kleine Seele.

»Das, was du nicht bist«, erwiderte ich, und die Seele verstand.

[64]

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich sogar in ein anderes Reich auf. Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche möglichen Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.

Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus: »Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?« So wie ihr das auch in euren dunkelsten Zeiten getan habt. Doch ich habe euch nie verlassen, sondern euch immer zur Seite gestanden, bereit, euch daran zu erinnern, wer-ihr-wirklich-seid; bereit, immer bereit, euch nach Hause zu rufen.

Seid deshalb der Finsternis ein Licht und verflucht sie nicht.

Und vergeßt nicht, wer-ihr-seid in dem Moment, in dem ihr von dem umschlossen seid, was ihr nicht seid. Und preist die Schöpfung, auch wenn ihr danach trachtet, sie zu verändern.

Und wißt, daß das, was ihr in den Zeiten eurer größten Prüfungen tut, euer größter Triumph sein kann. Denn die von euch erschaffene Erfahrung ist eine Aussage darüber, was-ihr-seid und wer-ihr-sein-wollt.

Ich habe euch diese kleine Geschichte – die Parabel von der kleinen Seele und der Sonne – erzählt, damit ihr vielleicht besser versteht, warum die Welt so ist, wie sie ist, und wie sie sich sofort verändern kann in dem Moment, in dem alle sich an die göttliche Wahrheit als ihre höchste Realität erinnern.

Nun gibt es jene, die sagen, daß das Leben eine Schule ist, und daß die Dinge, die ihr in eurem Leben wahrnehmt und erfahrt, euch etwas lehren sollen. Ich habe diesen Punkt bereits angesprochen und sage euch noch einmal:

[65]

Ihr kamt in dieses Leben, ohne etwas lernen zu müssen – ihr sollt nur demonstrieren, was ihr bereits wißt. Und indem ihr es demonstriert, werdet ihr es ausarbeiten und euch selbst, durch eure Erfahrung, neu erschaffen. So rechtfertigt ihr das Leben und gebt ihm einen Sinn. So heiligt ihr es.

Sagst du damit, daß alles Schlechte, das uns widerfährt, Dinge unserer eigenen Wahl sind? Heißt das, daß selbst die großen Unglücke und Katastrophen auf dieser Welt auf einer bestimmten Ebene von uns erschaffen werden, damit wir »das Gegenteil dessen, was-wir-sind, erfahren« können? Und wenn ja, gibt es nicht eine für uns selbst und andere weniger schmerzliche Möglichkeit, Gelegenheiten zu erschaffen, die es uns erlauben, uns selbst als uns selbst zu erfahren?

Du hast mehrere Fragen gestellt, und es sind alles gute Fragen. Besprechen wir eine nach der anderen.

Nein, nicht alle Dinge, die euch widerfahren und die ihr schlecht nennt, sind eure eigene Wahl. Nicht im bewußten Sinn, wie du ihn meinst. Sie sind aber alle eure eigene Schöpfung.

Ihr befindet euch fortwährend in einem Schöpfungsprozeß – in jedem Moment, jeder Minute, an jedem Tag. Wie ihr erschaffen könnt, darauf werde ich später eingehen. Für den Augenblick mußt du meinen Worten einfach Glauben schenken: Ihr seid eine große Schöpfungsmaschine und bringt buchstäblich so schnell, wie ihr denken könnt, eine neue Manifestation hervor.

[66]

Begebenheiten, Ereignisse, Bedingungen und Umstände werden aus dem Bewußtsein geschaffen. Das individuelle Bewußtsein ist schon machtvoll genug. Da könnt ihr euch vorstellen, welch eine schöpferische Energie freigesetzt wird, wenn sich zwei oder mehr in meinem Namen versammeln. Und das Massen-Bewußtsein? Das ist so mächtig, daß es Ereignisse und Umstände von weltweiter Bedeutung und mit globalen Konsequenzen erschaffen kann.

Die Aussage wäre nicht korrekt – nicht im Sinne, wie du es meinst –, daß ihr diese Konsequenzen wählt. Ihr wählt sie genausowenig, wie ich sie wähle. Wie auch ich, beobachtet ihr sie, nehmt ihr sie wahr. Und ihr entscheidet, wer ihr im Hinblick auf sie seid.

Doch es gibt keine Opfer und Bösewichter auf der Welt. Und ihr seid auch nicht die Opfer der Entscheidungen anderer. Auf einer bestimmten Ebene habt ihr alle das erschaffen, was ihr eurer Aussage nach verabscheut – und da es von euch erschaffen wurde, habt ihr es gewählt.

Das ist eine höher entwickelte Ebene des Denkens und eine, die alle Meister früher oder später erreichen. Denn erst, wenn sie imstande sind, die Verantwortung für das Gesamte zu akzeptieren, können sie auch die Macht erlangen, einen Teil davon zu verändern.

Solange ihr der Vorstellung anhängt, daß da draußen irgend etwas oder irgendein anderer ist, der euch das »antut«, beraubt ihr euch selbst der Macht, etwas dagegen zu tun. Nur wenn ihr sagt: »Ich habe das getan«, könnt ihr die Macht finden, es zu ändern.

Es ist sehr viel leichter, etwas zu ändern, was du tust, als etwas zu ändern, was ein anderer tut.

[67]

Der erste Schritt, um irgend etwas zu verändern, besteht darin, daß ihr erkennt und akzeptiert, daß ihr es so gewählt habt.

Könnt ihr das auf persönlicher Ebene nicht akzeptieren, so stimmt durch eure Einsicht zu, daß wir alle Eins sind. Trachtet dann danach, eine Veränderung zu schaffen, nicht weil irgend etwas falsch ist, sondern weil es nicht mehr eine präzise Aussage über das darstellt, was-ihr-seid.

Es gibt nur einen Grund, irgend etwas zu tun: es zu tun als eine Aussage gegenüber dem Universum darüber, wer-ihr-seid.

Auf diese Weise wird das Leben Selbst-schöpferisch. Ihr benutzt das Leben, um euer Selbst als die, die-ihr-seid und die-ihr-immer-sein-wolltet, zu erschaffen. Es gibt nur einen Grund, etwas zunichte zu machen: den, daß es nicht länger eine Aussage darüber darstellt, wer-ihr-sein-wollt. Es spiegelt euch nicht wider. Es repräsentiert euch nicht. (Es re-präsen-tiert euch nicht, macht euch nicht wieder präsent …)

Wenn ihr präzise repräsentiert sein wollt, müßt ihr daran arbeiten, alles in eurem Leben zu ändern, was nicht in euer Bild paßt, das ihr in die Ewigkeit zu projizieren wünscht.

Im weitesten Sinn sind alle »schlechten« Dinge, die euch geschehen, eure Wahl. Der Fehler liegt nicht in der Wahl, sondern darin, daß ihr sie schlecht nennt. Und wenn ihr sie schlecht nennt, nennt ihr euer Selbst schlecht, da ihr sie erschaffen habt.

Eine solche Etikettierung könnt ihr nicht hinnehmen, und so erkennt ihr, statt euer Selbst als schlecht zu bezeichnen, eure Schöpfungen lieber nicht als euer eigen an. Diese intellektuelle [68]und spirituelle Unaufrichtigkeit führt euch zur Akzeptanz einer Welt, in der die Bedingungen so sind, wie sie sind. Wenn ihr die persönliche Verantwortung für die Welt akzeptieren müßtet – oder wenigstens ein tiefes inneres Verantwortungsgefühl empfändet –, sähe dieser Ort völlig anders aus. Das wäre in Wahrheit gewiß so, wenn sich jedermann verantwortlich fühlte. Daß dies so offensichtlich, so offenkundig ist, macht das Ganze so überaus schmerzlich und bitter ironisch.

Die Naturkatastrophen auf der Welt, die Wirbelstürme und Orkane, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen – ihre physikalischen Tumulte – werden nicht eigentlich von euch geschaffen. Was von euch geschaffen wird, ist das Maß, in dem diese Ereignisse euer Leben berühren.

Es finden Ereignisse im Universum statt, von denen auch bei aller Vorstellungskraft nicht behauptet werden kann, daß ihr sie herbeigeführt oder geschaffen habt.

Diese Ereignisse werden durch das vereinigte Menschheitsbewußtsein geschaffen. Alles, was in der Welt existiert, produziert, erschafft im kooperativen Miteinander diese Erfahrungen. Ihr als einzelne bewegt euch durch sie hindurch und entscheidet, was, wenn überhaupt, sie für euch bedeuten und wer und was ihr in bezug zu ihnen seid.

So erschafft ihr kollektiv und individuell das Leben und die Zeiten, die ihr erfahrt, für das seelische Ziel der Entfaltung.

Du hast gefragt, ob es eine weniger schmerzliche Art gibt, diesen Prozeß zu durchlaufen, und die Antwort lautet »ja«. Doch damit wird sich nichts in deiner äußeren Erfahrung geändert haben. Wenn du den Schmerz, den du mit irdischen [69]Erfahrungen und Ereignissen – den deinen und denen anderer – assoziierst, mindern willst, mußt du deine Wahrnehmungsweise von ihnen ändern.

Du kannst das äußere Ereignis nicht ändern (denn das wurde kollektiv von euch erschaffen, und ihr seid in eurem Bewußtsein noch nicht weit genug entwickelt, um individuell das ändern zu können, was kollektiv erschaffen wurde), also mußt du die innere Erfahrung verändern. Das ist der Weg zur Meisterschaft des Lebens.

Nichts ist an und für sich schmerzvoll. Schmerz ist ein Ergebnis falschen Denkens. Er ist ein gedanklicher Irrtum. Ein Meister kann den peinigendsten Schmerz zum Verschwinden bringen. Auf diese Weise heilt er.

Schmerz ist die Folge eines Urteils, das du über etwas abgegeben hast. Heb das Urteil auf, und der Schmerz verschwindet.

Urteile gründen sich oft auf frühere Erfahrungen. Deine Vorstellung von einem Ding leitet sich aus einer früheren Vorstellung von diesem Ding ab. Und deine frühere Vorstellung resultiert aus einer noch früheren Vorstellung – und diese wiederum aus einer anderen und so weiter, bis du den ganzen Weg zurückverfolgt hast und in die Halle der Spiegel gelangst und zu dem, was ich den ersten Gedanken nenne.

Alles Denken ist schöpferisch, und kein Gedanke ist machtvoller als der Urgedanke. Deshalb wird dieser manchmal auch die Ursünde genannt.

Ursünde ist, wenn dein erster Gedanke über etwas ein Irrtum ist. Dieser Irrtum wird dann viele Male und jedesmal wieder konstruiert, wenn du einen zweiten oder dritten Gedanken [70]darüber hegst. Es ist die Aufgabe des Heiligen Geistes, dich zu neuen Einsichten und Erkenntnissen zu inspirieren, die dich von deinen Fehlern befreien können.

Meinst du damit, daß ich kein schlechtes Gefühl wegen der verhungernden Kinder in Afrika, der Gewalt und Ungerechtigkeit in Amerika, des Erdbebens, das Hunderte in Japan tötet, haben sollte?

In der Welt Gottes gibt es kein »du solltest« oder »du solltest nicht«. Tu, was du tun willst. Tu, was dich in einer großartigeren Version deines Selbst widerspiegelt, sie repräsentiert. Wenn du dich schlecht fühlen willst, dann fühl dich schlecht.

Aber richte nicht und verdamme nicht, denn du weißt nicht, warum etwas geschieht oder zu welchem Zweck.

Und denk daran: Das, was du verdammst, wird dich verdammen, und das, was du verurteilst, das wirst du eines Tages werden.

Trachte vielmehr danach, jene Dinge zu verändern – oder andere zu unterstützen, die sie verändern –, die nicht mehr dein höchstes Gefühl davon, wer-du-bist, widerspiegeln.

Doch segne alles – denn alles ist Gottes Schöpfung –, indem du das Leben lebst, und das ist die höchste Schöpfung.

Könnten wir hier einen Moment innehalten, damit ich Luft holen kann? Habe ich dich sagen hören, daß es in Gottes Welt kein »du sollst« und »du sollst nicht« gibt?

Das ist richtig.

[71]Wie kann das sein? Wo wäre es denn, wenn nicht in deiner Welt?

Ja – wo …?

Ich wiederhole die Frage. Wo sonst sollte das »du solltest« und »du solltest nicht« in Erscheinung treten, wenn nicht in deiner Welt?

In deiner Einbildung.

Aber alle, die mich über das Richtige und Falsche, das »tu es« und »unterlaß es«, das »du solltest« und »du solltest nicht«, belehrt haben, sagten mir, diese Regeln seien von dir festgesetzt worden – von Gott.

Dann haben sich jene, die dich belehrt haben, geirrt. Ich habe nie ein »richtig« oder »falsch«, ein »tu das« oder »tu das nicht« festgelegt. Hätte ich das getan, so wärt ihr von mir eures größten Geschenks beraubt worden – der Gelegenheit zu tun, wie es euch gefällt, und die Ergebnisse davon zu erfahren. Ich hätte euch die Möglichkeit genommen, euch nach dem Ebenbild dessen, wer-ihr-seid, neu zu erschaffen. Ich hätte euch den Raum entzogen, die Wirklichkeit eines immer höheren und noch höheren Selbst herzustellen, das sich auf eure großartigsten Vorstellungen über das gründet, wozu ihr fähig seid.

Wenn ich sagte, daß etwas – ein Gedanke, ein Wort, eine Handlung – »falsch« sei, würde ich euch damit praktisch anweisen, es nicht zu tun. Und wenn ich euch sagte, ihr [72]sollt es nicht tun, würde ich es euch verbieten. Und ein solches Verbot bedeutete eine Einschränkung. Und eine solche Einschränkung hieße, daß ich euch die Wirklichkeit dessen, wer-ihr-wirklich-seid, wie auch die Gelegenheit verweigerte, diese Wahrheit zu erschaffen und zu erfahren.

Da gibt es die, die sagen, daß ich euch einen freien Willen gegeben habe, doch dieselben Leute behaupten, daß ich euch zur Hölle schicke, wenn ihr mir nicht gehorcht. Was für eine Art freier Wille ist das? Wird Gott dadurch nicht zum Gespött gemacht – von irgendeiner Art wahrhaftiger Beziehung zwischen uns ganz zu schweigen?

Nun, da kommen wir jetzt zu einem anderen Bereich, über den ich sprechen wollte: nämlich über das Thema Himmel und Hölle. Wie ich das von dir bisher Gesagte zusammenfasse, gibt es so etwas wie die Hölle nicht.

Es gibt eine Hölle, aber sie ist nicht das, woran ihr denkt, und ihr erfahrt sie nicht aus Gründen, die ich schon genannt habe.

Was ist die Hölle?

Sie ist die Erfahrung des schlimmstmöglichen Resultats eurer gewählten Optionen, Entscheidungen und Schöpfungen. Sie ist die natürliche Konsequenz eines jeden Gedankens, der mich leugnet oder »nein« sagt zu dem, wer-ihr-seid in Beziehung zu mir.

Sie ist der Schmerz, den ihr durch falsches Denken erleidet. [73]Doch selbst der Begriff »falsches Denken« ist mißverständlich, weil es in diesem Sinn nichts gibt, was falsch ist.

Die Hölle ist das Gegenteil von Freude. Sie ist Unerfülltsein. Sie ist das Wissen über wer-und-was-du-bist und das Scheitern, dies zu erfahren. Sie ist weniger, geringer sein. Das ist die Hölle, und für eure Seele gibt es keine schlimmere.

Aber die Hölle existiert nicht an jenem Ort, den ihr euch phantasiert habt, wo ihr einem ewigen Feuer ausgesetzt seid und in einem Zustand immerwährender Qual und Folter dahinsiecht. Was sollte ich damit bezwecken?

Warum sollte ich, selbst wenn ich den außerordentlich ungöttlichen Gedanken hegte, daß ihr den Himmel nicht »verdient«, das Bedürfnis nach einer Art Rache oder Bestrafung haben, wenn ihr scheitert? Wäre es nicht ganz einfach für mich, mich eurer zu entledigen? Welcher rachsüchtige Teil von mir sollte fordern, daß ich euch einem ewigen, unbeschreiblichen Leiden unterwerfe?

Würde nicht, wenn du darauf »das Bedürfnis nach Gerechtigkeit« antworten solltest, eine einfache Verweigerung der Kommunion mit mir im Himmel dem Zweck der Gerechtigkeit dienen? Ist denn da auch noch das Hinzufügen unendlicher Pein erforderlich?

Ich sage euch, eine solche Erfahrung nach dem Tod, wie sie eure auf Angst gegründeten Theologien konstruiert haben, gibt es nicht. Aber es gibt die Erfahrung der Seele, die so unglücklich, so unvollständig, so viel weniger als ganz, so getrennt von Gottes größter Freude ist, daß es für eure Seele die Hölle sein würde. Doch ich schicke euch nicht dorthin und bewirke auch nicht, daß ihr von einer solchen Erfahrung [74]heimgesucht werdet. Ihr selbst erschafft diese Erfahrung, wann immer ihr euer Selbst auf irgendeine Weise von eurer höchsten gedanklichen Vorstellung von euch selbst abtrennt; wann immer ihr das ablehnt, wer-und-was-ihr-wirklich-seid.

Doch selbst diese Erfahrung ist nicht von ewiger Dauer. Sie kann es nicht sein, denn es entspricht nicht meinem Plan, daß ihr für immer und ewig von mir getrennt seid. Tatsächlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, denn um das zu erreichen, müßtet nicht nur ihr leugnen, wer-ihr-seid – ich müßte es ebenfalls. Und das werde ich niemals tun. Und solange einer von uns die Wahrheit über euch bewahrt, wird sich die Wahrheit über euch letztlich behaupten.

Aber wenn es keine Hölle gibt – heißt das, ich kan tun, was ich will, handeln, wie es mir beliebt, eine Tat begehen ohne Angst vor Vergeltung?

Brauchst du die Angst, um das zu sein, zu tun und zu haben, was an sich richtig ist? Muß dir gedroht werden, damit du »gut bist«? Und was heißt »gut sein«? Wer hat letztlich das Sagen darüber? Wer legt die Richtlinien fest? Wer macht die Regeln?

Ich sage dir: Du selbst machst dir deine Regeln. Du selbst legst die Richtlinien fest. Und du selbst entscheidest, wie gut du etwas gemacht hast; wie gut du vorankommst. Denn du bist derjenige, der entschieden hat, wer-und-was-du-wirklich-bist – und wer-du-sein-willst. Und du selbst bist der einzige, der einschätzen kann, wie gut du es machst.

Kein anderer wird hier jemals über dich richten, denn warum [75]sollte und wie könnte Gott über Gottes eigene Schöpfung urteilen und sie schlecht nennen? Wenn ich wollte, daß du vollkommen bist und alles perfekt machst, dann hätte ich dich von Anfang an im Zustand absoluter Vollkommenheit belassen. Bei diesem ganzen Prozeß geht es doch nur darum, daß du dich selbst entdeckst, dein Selbst erschaffst, so wie du wirklich bist – und wie du wirklich sein möchtest. Aber das könntest du nicht, wenn du nicht auch die Wahl hättest, etwas anderes zu sein.

Sollte ich dich bestrafen, weil du eine Wahl getroffen hast, die ich dir selbst anheimgestellt habe? Warum hätte ich, wenn ich nicht wollte, daß du eine zweite Wahl triffst, außer der ersten noch weitere Wahlmöglichkeiten erschaffen sollen?

Diese Frage mußt du dir stellen, bevor du mir die Rolle eines verdammenden Gottes zumißt.

Meine direkte Antwort auf deine Frage lautet: Ja, du magst ohne Angst vor Vergeltung tun, wie dir beliebt. Aber es wäre dir dienlich, wenn du dir der Konsequenzen bewußt wärest. Konsequenzen sind Resultate, natürliche Ergebnisse. Sie sind nicht das gleiche wie Vergeltung oder Bestrafungsmaßnahmen. Ein Resultat ist einfach ein Resultat. Es ist das, was sich aus der natürlichen Anwendung des Naturgesetze ergibt. Es ist das, was sich, ziemlich vorhersehbar, als Konsequenz dessen ereignet, was sich ereignet hat.

Alles physische Leben funktioniert in Übereinstimmung mit Naturgesetzen. Wenn ihr euch erst einmal an diese Gesetze erinnert und sie anwendet, dann habt ihr das Leben auf physischer Ebene gemeistert.

Was euch wie eine Bestrafung erscheint – oder was ihr das [76]Böse nennt oder Pech –, ist nichts weiter als ein sich selbst bestätigendes Naturgesetz.

Dann geriete ich also, wenn ich diese Gesetze kennen und ihnen gehorchen würde, nie wieder in Schwierigkeiten? Ist es das, was du mir begreiflich machen willst?

Du würdest nie erleben, daß sich dein Selbst in »Schwierigkeiten«, wie du es nennst, befindet. Du würdest keine Lebenssituation als Problem erachten. Du würdest keinem Umstand mit Bangen entgegensehen. Du würdest allen Sorgen, Zweifeln und Ängsten ein Ende machen. Du würdest so leben, wie in eurer Phantasie Adam und Eva lebten – nicht als entkörperlichte Geister im Reich des Absoluten, sondern als verkörperte Geister im Reich des Relativen. Doch du würdest über alle Freiheiten, alle Freude, allen Frieden und alle Weisheit, alles Verstehen und die Macht des Geistes, der du bist, verfügen. Du wärst ein voll und ganz verwirklichtes Wesen.

Das ist das Ziel der Seele. Das ist ihre Absicht – sich voll und ganz zu verwirklichen, während sie sich in einem Körper aufhält; zur Verkörperung all dessen zu werden, was wirklich ist.

Das ist mein Plan für euch. Das ist mein Ideal: daß ich durch euch verwirklicht werde. Daß sich so der Gedanke in Erfahrung verwandelt, daß ich so mein Selbst erfahrungsgemäß kennenlernen kann.

Die Gesetze des Universums sind von mir festgelegt worden. Es sind vollkommene Gesetze, die ein vollkommenes Funktionieren des Physischen bewirken.

[77]

Hast du je etwas Vollkommeneres gesehen als eine Schneeflocke? Ihre Komplexität, ihre Formgebung, ihre Symmetrie, ihre Konformität mit sich selbst und Originalität hinsichtlich allem anderen – dies ist alles ein Rätsel. Ihr staunt über das Wunder dieser ehrfurchtgebietenden Entfaltung der Natur. Doch wenn mir das anhand einer einzigen Schneeflocke möglich ist, was, denkst du, kann ich mit einem ganzen Universum tun – was habe ich getan?

Könntet ihr es in seiner Symmetrie, in seiner Vollkommenheit der Gestaltung erblicken – vom größten Gebilde bis hin zum winzigsten Partikel –, ihre wäret nicht imstande, diese Wahrheit in eurer Realität zu gewärtigen. Auch jetzt, da ihr flüchtige Eindrücke davon bekommt, vermögt ihr es euch doch nicht vorzustellen oder seine Implikationen zu begreifen. Aber ihr könnt wissen, daß es Implikationen gibt – weitaus komplexere und außergewöhnlichere Implikationen, als euer gegenwärtiges Verständnisvermögen umfassen kann. Euer Shakespeare drückte es wunderbar aus: Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf der Erde, als eure Schulweisheit sich träumt.

Wie kann ich dann diese Gesetze kennen? Wie kann ich sie erlernen?

Das ist keine Frage des Lernens, sondern des Erinnerns.

Wie kann ich mich an sie erinnern?

Fang damit an, daß du innerlich still wirst. Laß die äußere Welt verstummen, damit dir die innere Welt Einsicht gewähren [78]kann. Nach dieser Ein-Sicht trachtest du, doch kannst du sie nicht erlangen, solange du zutiefst mit deiner äußeren Realität beschäftigt bist. Strebe deshalb danach, soviel wie möglich nach innen zu gehen. Und gehst du nicht nach innen, dann komm aus dem Innern, wenn du dich mit der äußeren Welt befaßt. Behalte diesen Grundsatz im Gedächtnis:

Wenn du nicht nach innen gehst, gehst du leer aus.

Drück den Satz, wenn du ihn wiederholst, in Ichform aus, um ihn persönlicher zu machen:

Wenn ich nicht
nach innen gehe,
gehe ich
leer aus.

Du bist dein ganzes Leben lang leer ausgegangen. Doch das mußt du nicht und mußtest es nie.

Es gibt nichts, was du nicht sein kannst; es gibt nichts, was du nicht tun kannst; es gibt nichts, was du nicht haben kannst.

Das klingt ja so, als würdest du goldene Berge oder das Blaue vom Himmel versprechen.

Was für eine andere Art von Versprechen soll Gott denn deinem Wunsch nach machen? Würdest du mir glauben, wenn ich dir weniger verspräche?

Tausende von Jahren haben die Leute den Versprechen Gottes nicht geglaubt – und zwar aus dem außergewöhnlichsten Grund: Sie waren zu gut, um wahr zu sein. Also habt [79]ihr euch für eine geringeres Versprechen entschieden – eine geringere Liebe. Denn das höchste Versprechen Gottes geht von der höchsten Liebe aus. Aber ihr könnt euch eine vollkommene Liebe nicht vorstellen, und so ist auch für euch ein vollkommenes Versprechen unvorstellbar. Das gleiche gilt für eine vollkommene Person ebenfalls, weshalb ihr nicht einmal an euer Selbst glauben könnt.

Das Unvermögen, an irgend etwas davon zu glauben, ist gleichbedeutend mit der Unfähigkeit, an Gott zu glauben. Denn der Glaube an Gott bewirkt den Glauben an Gottes größtes Geschenk – bedingungslose Liebe – und Gottes größtes Versprechen: unbegrenztes Potential.

Kann ich dich hier mal unterbrechen? Ich hasse es, Gott zu unterbrechen, wenn er in Fahrt ist – aber ich habe dieses Gerede vom unbegrenzten Potential schon früher gehört, und es deckt sich nicht mit der menschlichen Erfahrung. Lassen wir mal die Schwierigkeiten beiseite, mit denen sich der normale Sterbliche konfrontiert sieht. Wie steht es jedoch mit den Herausforderungen an diejenigen, die mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung geboren werden? Ist ihr Potential unbegrenzt?

So habt ihr es in eurer eigenen Heiligen Schrift geschrieben – auf mannigfache Weise und an vielen Stellen.

Gib mir ein Beispiel.

Schau nach, was ihr in der Bibel in Genesis, Kapitel 11, Vers 6 geschrieben habt.

[80]Da steht: »Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen.«

Ja. Nun, kannst du dem Glauben schenken?

Das beantwortet nicht meine Frage nach den Schwachen, Gebrechlichen, Behinderten, nach denen, die beschränkt sind.

Glaubst du nicht, daß sie aus eigener Wahl beschränkt sind, wie du es nennst? Stellst du dir denn vor, daß die menschliche Seele aus Zufall den Herausforderungen des Lebens begegnet, wie immer diese auch aussehen mögen? Ist das deine Vorstellung?

Möchtest du mir damit zu verstehen geben, daß die Seele vorab wählt, welche Art von Leben sie erfahren will?

Nein, das würde den Sinn und Zweck der Begegnung zunichte machen. Dieser besteht darin, daß ihr eure Erfahrung – und somit euer Selbst – in dem wunderbaren Augenblick des Jetzt erschafft. Von daher wählt ihr nicht vorab das Leben aus, das ihr erfahren werdet.

Es steht euch jedoch frei, die Personen, Orte und Ereignisse – die Bedingungen und Umstände, die Herausforderungen und Hindernisse, die Gelegenheiten und Optionen – auszusuchen, mit deren Hilfe ihr eure Erfahrung erschafft. Ihr könnt die Farben für eure Palette, das Werkzeug für euren [81]Werkzeugkasten, die Maschinen für eure Werkstatt aussuchen. Was ihr dann damit erschafft, ist eure Sache. Das ist es, worum es im Leben geht.

Euer Potential ist unbegrenzt in allem, was ihr zu tun gewählt habt. Geh nicht davon aus, daß eine Seele, die sich in einem behinderten Körper, wie du es nennst, inkarniert hat, nicht ihr volles Potential erlangt hat, denn du weißt nicht, was diese Seele zu tun versucht hat. Du verstehst ihr Vorhaben nicht. Du bist dir über ihre Absicht im unklaren. Segne deshalb jede Person und jeden Umstand und bedanke dich. Auf diese Weise bestätigst du die Vollkommenheit der Schöpfung Gottes – und bezeugst deinen Glauben an sie. Denn in Gottes Welt geschieht nichts zufällig, und so etwas wie einen Zufall gibt es nicht. Auch wird die Welt nicht durch willkürliche Entscheidungen herumgeschubst oder durch das, was ihr vorherbestimmtes Schicksal nennt. Glaubst du denn nicht, daß, wenn eine Schneeflocke in ihrer Gestaltung absolut vollkommen ist, dies auch von etwas so Großartigem wie deinem Leben gesagt werden kann?

Aber selbst Jesus heilte die Kranken. Warum sollte er sie heilen, wenn ihre Bedingungen so »vollkommen« waren?

Jesus hat diese Kranken nicht deshalb geheilt, weil er ihre Bedingungen als unvollkommen betrachtete, sondern weil er sah, daß es zum Bestandteil des Entfaltungsprozesses ihrer Seelen gehörte, daß sie um Heilung baten. Er sah die Vervollkommnung des Prozesses. Er erkannte und verstand die Absicht der Seele. Hätte Jesus, wenn er jede geistige und [82]körperliche Krankheit als Unvollkommenheit empfunden hätte, ansonsten nicht einfach alle auf dem Planeten geheilt, allesamt auf einmal? Zweifelst du daran, daß er das hätte tun können?

Nein. Ich glaube, daß er es hätte tun können.

Gut. Nun will der Verstand wissen: Warum hat er es nicht getan? Warum hat Christus entschieden, daß einige leiden und andere geheilt werden? Was das betrifft, so fragt sich, warum Gott überhaupt irgendwelches Leiden zuläßt? Diese Frage ist schon vorher gestellt worden, und die Antwort bleibt die gleiche. Dem Prozeß wohnt Vollkommenheit inne – und alles Leben entsteht aus der Wahl heraus. Es ist unangemessen, sich in diese Wahl einzumischen oder sie in Frage zu stellen. Und es ist ganz besonders unangemessen, sie zu verurteilen.

Es ist jedoch angemessen, sie zu beachten und zu beobachten und dann zu tun, was immer getan werden kann, um der Seele darin beizustehen, daß sie eine höhere Wahl anstrebt und sie auch trifft. Habt deshalb ein wachsames Auge auf die Entscheidungen anderer, aber fällt kein Urteil darüber. Wißt, daß diese Wahl jetzt in diesem Moment für sie perfekt ist – doch seid bereit, ihnen beizustehen, sollte der Augenblick kommen, in dem sie eine neuerliche, eine andere Wahl anstreben: eine höhere Wahl.

Begebt euch in Kommunion mit den Seelen anderer, und ihre Ziele, ihre Absichten werden euch klarwerden. Das ist es, was Jesus mit denen tat, die er heilte – und mit all denen, deren Leben er berührte. Jesus heilte alle, die zu ihm [83]kamen, und die andere zu ihm schickten, um für sie bittstellig zu werden. Er hat nicht aufs Geratewohl eine Heilung bewirkt. Hätte er das getan, hätte er ein heiliges Gesetz des Universums übertreten.

Erlaube jeder Seele, ihren Weg zu gehen.

Aber heißt das, daß wir niemandem helfen sollen, der uns nicht darum gebeten hat? Doch sicher nicht, denn sonst könnten wir nie den hungernden Kindern in Indien oder den gequälten Massen Afrikas oder den Armen und Unterdrückten allerorten helfen. Alle humanitären Bemühungen wären vergebens, alle Wohltätigkeit wäre verboten. Müssen wir warten, bis uns eine Einzelperson verzweifelt anfleht oder uns eine Nation um Hilfe bittet, bevor uns gestattet ist, das offensichtlich Richtige zu tun?

Wie du siehst, beantwortet sich diese Frage von selbst. Wenn eine Sache offensichtlich richtig ist, dann pack sie an. Aber vergiß nicht, außerordentliches Urteilsvermögen walten zu lassen in bezug auf das, was ihr »richtig« und »falsch« nennt.

Ein Ding ist nicht deshalb richtig oder falsch, weil ihr sagt, daß es so ist. Ein Ding ist nicht von sich aus richtig oder falsch.

Nicht?

Das »Richtige« oder »Falsche« ist nicht ein von sich aus gegebener Zustand, es ist eine subjektive Beurteilung innerhalb eines persönlichen Wertesystems. Durch deine [84]subjektiven Urteile erschaffst du dein Selbst – durch deine persönlichen Werte bestimmst und demonstrierst du, wer-du-bist.

Die Welt existiert genau so, wie sie ist, damit ihr diese Urteile fällen könnt. Existierte sie in einem vollkommenen Zustand, wäre euer Lebensprozeß der Selbst-Erschaffung beendet. Er hätte ein Ende. Die Karriere eines Rechtsanwalts wäre morgen zu Ende, gäbe es keinen Rechtsstreit mehr. Die Karriere eines Arztes wäre morgen zu Ende, gäbe es keine Krankheit mehr. Die Karriere eines Philosophen wäre morgen zu Ende, gäbe es keine Fragen mehr.

Und Gottes Karriere wäre morgen zu Ende, gäbe es keine Probleme mehr!

Genau. Du hast es perfekt ausgedrückt. Wir, wir alle, wären mit dem Erschaffen fertig, wenn es nichts mehr zu erschaffen gäbe. Wir, wir alle, haben ein rechtmäßiges Interesse daran, das Spiel in Gang zu halten. Mögen wir auch noch so oft sagen, daß wir gerne alle Probleme lösen würden – wir würden es nie wagen, sie alle zu bewältigen, weil uns dann nichts mehr zu tun übrig bliebe.

Eure Interessengemeinschaft von Industrie und Militär weiß das sehr wohl. Deshalb setzt sie jedem wo auch immer stattfindenden Versuch, eine »Nie wieder Krieg« propagierende Regierung zu etablieren, jeden erdenklichen Widerstand entgegen.

Auch euer medizinisches Establishment hat das längst begriffen. Deshalb wehrt es sich standhaft – muß es um seines eigenen Überlebens willen tun – gegen jede neue Wunderarznei [85]oder Heilmethode, von möglichen Wundern selbst ganz zu schweigen.

Und eurer institutionalisierten Religionsgemeinschaft ist das ebenfalls klar. Deshalb greift sie einmütig jede Definition von Gott an, die nicht Angst, Verurteilung und Vergeltung beinhaltet, und jede Definition des Selbst, die nicht deren eigene Vorstellung vom einzigen Weg zu Gott enthält. Wenn ich euch sage, daß ihr Gott seid – wo bleibt da die Religion? Wenn ich euch sage, daß ihr geheilt seid, wo bleiben da Medizin und Wissenschaft? Wenn ich euch sage, daß ihr in Frieden leben werdet, wo bleiben da die Friedensstifter? Wenn ich zu euch sage, daß die Welt in Ordngung gebracht ist – wo bleibt da die Welt?

Und wie steht es nun mit den Klempnern?

Die Welt ist voll von im wesentlichen zwei Arten von Leuten: jenen, die euch Dinge geben, die ihr wollt, und jenen, die die Dinge reparieren, instand setzen. In gewisser Hinsicht sind selbst die, welche euch einfach jene Dinge geben, die ihr wollt – die Metzger, die Bäcker, die Kerzenmachen – auch Reparierer, Instandsetzer. Denn ein Verlangen nach etwas haben bedeutet oft, ein Bedürfnis danach haben. Deshalb brauchen Süchtige, wie man sagt, einen Fix. Achtet deshalb darauf, daß aus dem Verlangen nicht eine Sucht wird.

Willst du damit ausdrücken, daß die Welt immer Probleme haben wird? Daß du es tatsächlich so haben willst?

Ich sage, daß die Welt so existiert, wie sie existiert – so wie auch eine Schneeflocke so existiert, wie sie existiert –, [86]nach Plan. Ihr habt sie so erschaffen, so wie ihr auch euer Leben genau so erschaffen habt, wie es ist.

Ich will, was ihr wollt. An dem Tag, an dem ihr wirklich dem Hunger ein Ende setzen wollt, wird es keinen Hunger mehr geben. Ich habe euch alle Ressourcen gegeben, mit deren Hilfe euch das möglich ist. Ihr verfügt über sämtliche Mittel, um diese Wahl treffen zu können. Ihr habt sie nicht getroffen. Nicht, weil ihr sie nicht treffen könnt. Die Welt könnte dem Hunger auf der Welt morgen ein Ende setzen. Ihr habt gewählt, dies nicht zu tun.

Ihr behauptet, es gebe gute Gründe dafür, daß täglich vierzigtausend Menschen verhungern müssen. Es gibt keine guten Gründe. Und doch bringt ihr zu einer Zeit, in der ihr sagt, daß ihr nichts tun könnt, um zu verhindern, daß jeden Tag vierzigtausend Menschen den Hungertod erleiden, gleichzeitig fünfzigtausend Menschen in die Welt, die ein neues Leben beginnen. Und das nennt ihr Liebe. Das nennt ihr Gottes Plan. Es ist ein Plan, der jeglicher Logik oder Vernunft entbehrt, von Mitgefühl ganz zu schweigen.

Ich mache euch mit deutlichen Worten klar, daß die Welt existiert, wie sie existiert, weil ihr es so gewählt habt. Ihr zerstört systematisch eure eigene Umwelt und deutet dann auf sogenannte Naturkatastrophen als Beweis für Gottes grausames Spiel oder die harten Methoden der Natur. Ihr habt euch den Streich selbst gespielt, und es sind eure Methoden, die grausam sind.

Nichts, aber auch nichts ist gütiger als die Natur. Und nichts, aber auch nichts verhielt sich gegenüber der Natur brutaler als der Mensch. Doch ihr tretet zur Seite und bestreitet jede Beteiligung daran; leugnet alle Verantwortung. [87]Es ist nicht euer Fehler, sagt ihr, und darin habt ihr recht. Es ist keine Frage des Fehlers, es ist eine Sache der Wahl.

Ihr könnt die Wahl treffen, morgen die Vernichtung eurer Regenwälder zu beenden. Ihr könnt die Wahl treffen, mit der Zerstörung der Schutzhülle, die euren Planeten umgibt, aufzuhören. Ihr könnt die Wahl treffen, den permanenten Angriff auf das geniale Ökosystem eurer Erde zu stoppen. Ihr könnt versuchen, die Schneeflocke wieder zusammenzusetzen – oder zumindest ihrem unerbittlichen Dahinschmelzen Einhalt zu gebieten –, aber werdet ihr es tun?

Ebenso könnt ihr jegliche Kriege morgen beenden – einfach, leicht. Ihr müßt euch nur darin einig sein, und das ist alles, was dazu vonnöten ist und jemals war. Wie könnt ihr, wenn ihr euch nicht alle über etwas so grundsätzlich Einfaches zu verständigen bereit seid wie darüber, daß ihr aufhört einander umzubringen, die Fäuste reckend den Himmel anrufen, damit er euer Leben in Ordnung bringt?

Ich werde nichts für euch tun, das ihr nicht für euer Selbst tut. Das ist das Gesetz.

Die Welt befindet sich dank euch und der Entscheidungen, die ihr getroffen – oder nicht getroffen – habt, in dem Zustand, in dem sie ist.

(Keine Entscheidung bedeutet auch eine Entscheidung.)

Die Erde ist dank euch und der Entscheidungen, die ihr getroffen – oder nicht getroffen – habt, in jener Verfassung, in der sie ist.

Euer eigenes Leben ist dank euch und der Entscheidungen, die ihr getroffen – oder nicht getroffen – habt, so wie sie ist.

[88]Aber ich habe doch nicht die Wahl getroffen, von einem Lastwagen angefahren zu werden! Ich habe doch nicht die Wahl getroffen, von einem Räuber überfallen und ausgeraubt oder von einem Verrückten vergewaltigt zu werden. So könnten viele Menschen auf der Welt durchaus sagen.

An der Wurzel seid ihr alle die Ursache für die existierenden Zustände, die in einem Räuber das Verlangen wecken oder die augenscheinliche Notwendigkeit schaffen zu stehlen. Ihr alle habt das Bewußtsein geschaffen, das die Vergewaltigung möglich macht. Wenn ihr in euch selbst das seht, was das Verbrechen verursacht hat, dann fangt ihr endlich an, die Verhältnisse, aus denen es entstand, zu heilen.

Gebt euren Hungrigen Nahrung, gebt euren Armen Würde. Garantiert euren weniger Begünstigten eine Chance. Beendet das Vorurteil, das die Massen niedergedrückt und zornig hält mit nur wenig Hoffnung auf ein besseres Morgen. Gebt eure sinnlosen Tabus und Einschränkungen hinsichtlich der sexuellen Energie auf – helft vielmehr anderen, ihr Wunder wirklich zu verstehen und sie richtig zu kanalisieren. Tut diese Dinge, und ihr habt einen großen Schritt zur endgültigen Beendigung von Raub und Vergewaltigung getan.

Was die sogenannten »Unfälle« angeht – den Lastwagen, der um die Ecke biegt, den Dachziegel, der von oben herabfällt –, so lernt, jeden dieser Vorfälle als kleines Steinchen eines größeren Mosaiks zu begrüßen. Ihr seid hierhergekommen, um einen individuellen Plan für eure eigene Rettung auszuarbeiten. Doch diese Rettung bedeutet nicht, [89]daß ihr euch vor den Fallstricken des Teufels rettet. So etwas wie den Teufel gibt es nicht, ebensowenig wie die Hölle. Ihr rettet euch selbst vor der Leere der Nicht-Verwirklichung.

Diesen Kampf könnt ihr nicht verlieren. Ihr könnt nicht versagen. Es ist auch kein Kampf, sondern lediglich ein Prozeß. Doch wenn ihr das nicht wißt, werdet ihr es als ständigen Kampf ansehen. Ihr könnt sogar an den Kampf lange genug glauben, um ihn ins Zentrum einer ganzen Religion zu stellen. Diese Religion wird euch sagen, daß es bei allem im Kern nur ums Kämpfen geht. Das ist eine falsche Lehre. Der Prozeß schreitet nicht durch das Kämpfen voran. Der Sieg wird durch die Hingabe, das Sich-Ergeben errungen.

Unfälle passieren, weil sie nun mal passieren. Gewisse Elemente des Lebensprozesses sind auf eine bestimmte Weise zu einer bestimmten Zeit zusammengekommen und haben bestimmte Ereignisse zur Folge, Resultate, die ihr aus euren eigenen besonderen Gründen beschließt, ein Unglück zu nennen. Doch sie sind in Anbetracht des Vorhabens eurer Seele vielleicht gar kein Unglück.

Ich sage euch dies: Es gibt keinen Zufall, und nichts ereignet sich »zufällig«. Jedes Ereignis und Abenteuer wird von eurem Selbst zu eurem Selbst gerufen, damit ihr erschaffen und erfahren könnt, wer-ihr-wirklich-seid. Alle wahren Meister haben dies begriffen. Deshalb bleiben die großen Mystiker auch angesichts der schlimmsten Lebenserfahrungen (wie ihr sie bezeichnen würdet) gelassen.

Die großen Lehrer eurer christlichen Religion verstehen das. Sie wissen, daß die Kreuzigung Jesus nicht in Schrecken versetzte, sondern daß er sie erwartete. Er hätte sich [90]davonmachen können, aber er tat es nicht. Er hätte jederzeit den Verlauf der Dinge stoppen können. Er hatte die Macht dazu, aber er verzichtete darauf. Er ließ seine Kreuzigung zu, damit er zum Symbol der ewigen Rettung des Menschen werden konnte. Schaut euch an, sagte er, was ich tun kann. Schaut euch an, was wahr ist. Und wißt, daß auch ihr diese Dinge und mehr tun werdet. Denn habe ich euch nicht gesagt, daß ihr Götter seid? Aber ihr glaubt nicht. Wenn ihr euch selbst nicht glauben könnt, dann glaubt an mich.

Jesu Mitgefühl war so groß, daß er um einen Weg bat – und ihn schuf –, der die Welt so beeinflussen würde, daß alle in den Himmel (Selbst-Verwirklichung) kommen können. Und wenn nicht auf anderem Wege, dann durch ihn. Denn er besiegte das Leid und den Tod. Und das könnt ihr ebenfalls.

Die großartigste Lehre Christi besagt nicht, daß ihr ein ewiges Leben haben werdet, sondern daß ihr es habt; nicht daß ihr alle Brüder im Geiste Gottes sein werdet, sondern daß ihr es seid; nicht, daß ihr haben werdet, worum ihr bittet, sondern daß ihr es habt.

Dazu ist einzig erforderlich, daß ihr dies wißt. Denn ihr seid die Schöpfer eurer Realität, und das Leben kann sich euch auf keine andere Weise zeigen als auf die, wie ihr denkt, daß es dies tun wird.

Ihr denkt es ins Seiende. Das ist der erste Schöpfungsschritt. Gott der Vater ist Gedanke. Euer Denken ist die Mutter, die alle Dinge gebiert.

Das ist eines der Gesetze, an die wir uns erinnern müssen.

[91]

Ja.

Kannst du mir noch andere nennen?

Ich habe euch andere genannt. Ich habe sie euch alle genannt, seit Anbeginn der Zeit. Ich habe sie euch immer und immer wieder erklärt. Lehrer um Lehrer habe ich euch geschickt. Ihr hört nicht auf meine Lehrer. Ihr tötet sie.

Aber warum? Warum töten wir die heiligsten unter uns? Wir bringen sie um oder entehren sie, was auf das gleiche hinausläuft. Warum?

Weil sie jedem eurer Gedanken entgegenstehen, der mich verleugnet. Und ihr müßt mich verleugnen, wenn ihr euer Selbst verleugnen wollt.

Warum sollte ich dich oder mich verleugnen wollen?

Weil ihr euch fürchtet. Und weil meine Versprechen zu gut sind, um wahr zu sein. Weil ihr die großartigste Wahrheit nicht akzeptieren könnt. Und deshalb müßt ihr euch auf eine Spiritualität reduzieren, die euch Angst und Abhängigkeit und Intoleranz lehrt, statt Liebe und Macht und Akzeptanz.

Ihr seid von Angst erfüllt – und eure größte Angst ist die, daß mein größtes Versprechen die größte Lüge des Lebens sein könnte. Und so erschafft ihr die euch größtmögliche Phantasievorstellung, um euch dagegen zu verteidigen: Ihr behauptet, daß jedes Versprechen, das euch die Macht Gottes [92]gibt und euch die Liebe Gottes garantiert, ein falsches Versprechen des Teufels sein muß. Ihr sagt euch, Gott würde nie ein solches Versprechen geben, nur der Teufel tut das. Und zwar, um euch in Versuchung zu führen und dazu zu bringen, daß ihr Gottes wahre Identität als die furchterregende, richtende, eifersüchtige, rachsüchtige und strafende Oberwesenheit leugnet.

Und obwohl eine solche Beschreibung eigentlich eher zum Teufel paßt (wenn es einen gäbe), habt ihr diese teuflischen Eigenschaften Gott zugeschrieben, um euch selbst dazu zu überreden, die gottgleichen Versprechen eures Schöpfers oder die gottgleichen Eigenschaften des Selbst nicht zu akzeptieren.

Das ist die Macht der Angst.

Ich versuche, mich von meiner Angst zu befreien. Kannst du mir – trotzdem – noch mehr von den Gesetzen erzählen?

Das erste Gesetz lautet, daß ihr sein, tun und haben könnt, was immer ihr euch vorstellt. Das Zweite Gesetz lautet, daß ihr das anzieht, was ihr fürchtet.

Warum ist das so?

Emotion ist die Kraft, die anzieht. Das, was du stark fürchtest, wirst du erfahren. Ein Tier – das ihr als niedrigere Lebensform betrachtet (obwohl Tiere mit mehr Integrität und größerer Folgerichtigkeit handeln als Menschen) –, weiß sofort, ob ihr Angst vor ihm habt. Pflanzen – die von euch als eine noch niedrigere Lebensform angesehen werden – reagieren [93]auf Menschen, die sie lieben, sehr viel besser als auf jene, denen sie völlig gleichgültig sind.

Nichts davon ist Zufall. Es gibt keinen Zufall im Universum – nur eine großartige Konstruktion, eine unglaubliche »Schneeflocke«.

Emotion ist Energie in Bewegung. Wenn ihr Energie in Bewegung setzt, schafft ihr eine Auswirkung. Wenn ihr genügend Energie in Bewegung setzt, schafft ihr Materie. Materie ist zusammengeballte Energie – Energie, die herumbewegt, zusammengeschoben wurde. Wenn ihr Energie auf eine bestimmte Art lange genug manipuliert, erhaltet ihr Materie. Jeder Meister versteht dieses Gesetz. Es ist die Alchemie des Universums, das Geheimnis allen Lebens.

Gedanken sind reine Energie. Kein Gedanke, den ihr habt, jemals hattet, stirbt je – niemals. Er verläßt euer Wesen und macht sich auf ins Universum, dehnt sich immerwährend aus. Ein Gedanke existiert in alle Ewigkeit.

Alle Gedanken nehmen Gestalt an; sie begegnen sämtlich anderen Gedanken, kreuzen, überschneiden sich in einem unglaublichen Labyrinth der Energie, bilden ein sich fortwährend veränderndes Muster von unaussprechlicher Schönheit und unvorstellbarer Komplexität.

Gleichgeartete Energien ziehen sich an – bilden (um es verständlich auszudrücken) »Energieansammlungen« der gleichen Art. Wenn genügend gleichartige »Energieansammlungen« einander überschneiden – aufeinandertreffen –, »haften« sie wiederum einfach ausgedrückt aneinander. Es bedarf somit einer unbegreiflich großen Menge »aneinanderhaftender«, gleichgearteter Energie, um Materie entstehen zu lassen. Doch Materie bildet sich aus reiner Energie. [94]Tatsächlich ist dies die einzige Möglichkeit, wie sie sich bilden kann. Wenn Energie sich erst einmal in Materie verwandelt hat, bleibt sie es für sehr lange Zeit – es sei denn, sie wird in ihrem Aufbau durch eine entgegengesetzte oder ungleichartige Energieform zerrissen. Diese auf die Materie einwirkende ungleichartige Energie zerstückelt die Materie und setzt die rohe Energie, aus der sie sich zusammensetzte, frei.

Das ist, elementar gesprochen, die Theorie, die hinter der Atombombe steht. Einstein kam der Entdeckung, Erklärung und Funktionalisierung des schöpferischen Geheimnisses des Universums näher als irgendein anderer Mensch zuvor oder seither.

Du solltest nun besser verstehen, wie Menschen gleichen Geistes zur Schaffung einer bevorzugten Realität zusammenarbeiten können. Der Spruch »Wo immer sich zwei oder mehr in meinem Namen versammeln«, gewinnt eine sehr viel tiefere Bedeutung.

Natürlich ereignen sich, wenn ganze Gesellschaften auf eine bestimmte Weise denken, oft erstaunliche Dinge, die nicht immer alle unbedingt wünschenswert sind. Zum Beispiel produziert eine Gesellschaft, die in Angst lebt, sehr oft – eigentlich unvermeidlich – förmlich das, was sie am meisten fürchtet.

Ähnlich finden große Gemeinden oder Versammlungen in der kollektiven Gedankenkraft (oder das, was manche Leute gemeinsames Gebet nennen) zu einer wunderwirkenden Kraft.

Und es muß klargestellt werden, daß auch Einzelpersonen, wenn die Kraft ihrer Gedanken (ihr Gebet, ihre Hoffnung, [95]ihr Wunsch, ihr Traum, ihre Angst) über eine außergewöhnliche Stärke verfügt, von sich aus solche Resultate bewirken können. Jesus tat das regelmäßig. Er wußte, wie man Energie und Materie manipuliert, sie umstrukturiert, sie umverteilt, sie absolut kontrolliert. Viele Meister wußten das, und etliche wissen es auch heute.

Du kannst es wissen. Gleich jetzt.

Das ist das Wissen um Gut und Böse, an dem Adam und Eva teilhatten. Solange sie diese Kenntnis nicht besaßen, konnte es kein Leben geben, wie ihr es kennt. Adam und Eva – die mythischen Namen, die ihr ihnen als Verkörperungen des allerersten Mannes und der allerersten Frau gegeben habt – waren Vater und Mutter der menschlichen Erfahrung.

Was als der Sündenfall Adams beschrieben wurde, war in Wirklichkeit seine Erhöhung – das größte Einzelereignis der Menschheitsgeschichte. Denn ohne dieses Ereignis würde die Welt der Relativität nicht existieren. Das Handeln Adams und Evas war nicht die Ursünde, sondern in Wahrheit der erste Segen. Ihr solltet ihnen aus tiefstem Herzen dankbar sein, denn indem sie die ersten waren, die eine »falsche« Wahl trafen, schufen sie die Möglichkeit, überhaupt irgendeine Wahl treffen zu können.

In eurer Mythologie habt ihr Eva zur »Bösen« gemacht, zur Versucherin, die von der Frucht des Wissens um Gut und Böse aß und Adam kokett einlud, sich ihr anzuschließen. Dieser mythologische Szenenaufbau hat euch seither gestattet, der Frau die Verantwortung für den »Sturz« des Mannes zuzuschieben, was alle möglichen verdrehten Realitätsvorstellungen zur Folge hatte – von den Ansichten [96]und Verwirrungen beim Thema Sexualität ganz zu schweigen. (Wie könnt irh ein so gutes Gefühl bei etwas so Schlechtem haben?)

Was ihr am meisten fürchtet, das wird euch am meisten quälen. Die Furcht wird es wie ein Magnet zu euch heranziehen. Alle eure heiligen Schriften – alle von euch geschaffenen religiösen Überzeugungen und Traditionen – beinhalten die deutliche Ermahnung: Fürchte dich nicht. Glaubt ihr, das sei ein Zufall?

Die Gesetze sind sehr einfach:

  1. Der Gedanke ist schöpferisch.
  2. Furcht zieht gleichgeartete Energie an.
  3. Liebe ist alles, was es gibt.

Moment mal – beim dritten muß ich passen. Wie kann Liebe alles sein, was es gibt, wenn Furcht gleichgeartete Energie anzieht?

Liebe ist die höchste, letztendliche Energie. Das Alles. Das Gefühl der Liebe ist eure Erfahrung von Gott.

Innerhalb der höchsten Wahrheit ist Liebe alles, was existiert, alles, was war, und alles, was je sein wird. Wenn du dich in das Absolute begibst, begibst du dich in die Liebe.

Das Reich des Relativen wurde geschaffen, damit ich mich selbst erfahren kann. Das habe ich euch bereits erklärt. Doch das macht das Reich des Relativen nicht zur Realität im Sinne von Wirklichkeit. Es ist eine geschaffene Realität, die von euch und mir entworfen wurde und weiterhin wird – damit wir uns erfahrungsgemäß kennenlernen können.

[97]

Doch die Schöpfung kann sehr real erscheinen. Ihr Zweck besteht darin, so real zu wirken, daß wir sie als wahrhaft existierend akzeptieren. So hat Gott es bewerkstelligt, »etwas anderes« als sich selbst zu erschaffen (obwohl das genaugenommen unmöglich ist, da Gott das ICH-BIN-ALLES-WAS-IST ist).

Indem ich »etwas anderes« – namentlich das Reich des Relativen – erschuf, habe ich eine Umgebung bereitet, in der ihr wählen könnt, Gott zu sein, statt daß euch nur einfach gesagt wird, daß ihr Gott seid; in der ihr das Gottsein als einen Schöpfungsakt statt nur einer gedanklichen Vorstellung erfahren könnt; in der die kleine Kerze in der Sonne – die kleinste Seele – sich selbst als Licht erkennen kann.

Furcht und Angst sind am anderen Ende der Liebe angesiedelt. Das ist die primäre Polarität. Bei der Erschaffung des Reichs des Relativen erschuf ich zuerst das Gegenteil meines Selbst. Nun gibt es im Reich, in dem ihr auf der physischen Ebene lebt, nur zwei Orte des Seins: Angst und Liebe. In der Angst wurzelnde Gedanken produzieren eine Art von Manifestation auf der physischen Ebene. In der Liebe wurzelnde Gedanken produzieren eine andere.

Die Meister, welche die Erde betraten, sind diejenigen, die das Geheimnis der Relativen Welt entdeckt haben und sich weigerten, deren Realität als Wirklichkeit anzuerkennen. Kurz gesagt: Meister sind jene, die sich nur für die Liebe entschieden haben – in jedem Augenblick, in jedem Moment, unter allen Umständen. Selbst als sie getötet wurden, liebten sie ihre Mörder. Sogar als sie verfolgt wurden, liebten sie ihre Unterdrücker.

Das ist für euch sehr schwer zu verstehen und noch schwieriger [98]nachzuahmen. Trotzdem ist es das, was jeder Meister immer getan hat. Es spielt keine Rolle, welcher Art die Philosophie, die Tradition, die Religion war – es ist das, was jeder Meister tat.

Dieses Beispiel, diese Lektion ist euch äußerst klar dargelegt worden; es wurde euch immer und immer wieder vor Augen geführt: in allen Zeitaltern und an allen Orten, in allen euren Leben und in jedem Moment. Das Universum hat sich jeder List und jedes Kniffs bedient, um euch diese Wahrheit nahe zu bringen: in Liedern und Geschichten, in der Dichtung und im Tanz, in Worten und in der Bewegung – in sich bewegenden Bildern, von euch als Filme bezeichnet, und in Sammlungen von Worten, die ihr Bücher nennt.

Vom höchsten Berggipfel ist sie herausgeschrien worden, am allertiefsten Ort wurde ihr Wispern vernommen. Durch die Korridore jedweder menschlicher Erfahrung hallte diese Wahrheit wider: Liebe ist die Antwort. Doch eure Ohren blieben verschlossen.

Nun kommt ihr zu diesem Buch und fragt Gott abermals, was ihr ihn unzählige Male und auf mannigfache Weise gefragt habt. Und ich werde es euch wieder sagen – hier – im Kontext dieses Buches. Werdet ihr nun zuhören? Werdet ihr wirklich hören?

Was hat euch eurer Meinung nach zu diesem Material geführt? Wie kommt es, daß ihr es in euren Händen haltet? Glaubt ihr, ich weiß nicht, was ich tue?

Es gibt keine Zufälle im Universum.

Ich habe das Schluchzen eures Herzens gehört. Ich habe die Suche eurer Seele gesehen. Ich weiß, wie tief ihr nach der [99]Wahrheit verlangt habt. In Schmerzen habt ihr nach ihr gerufen, und in Freude. Endlos habt ihr mich bedrängt. Zeig mich mir selbst. Erklär mir mich selbst. Offenbare mich mir selbst.

Das tue ich hier mit so einfachen Worten, daß ihr sie nicht mißverstehen könnt. In so einfacher Sprache, daß ihr nicht in Verwirrung geraten könnt. Mit einem so allgemein gebräuchlichen Wortschatz, daß ihr euch nicht darin verirren könnt.

Also macht nun weiter. Fragt mich, was auch immer. Was auch immer. Ich werde mir etwas ausdenken, um euch die Antwort zu bringen. Dazu werde ich mich des ganzen Universums bedienen. Also seid wachsam. Dieses Buch ist bei weitem nicht mein einziges Mittel. Ihr könnt eine Frage stellen und dann das Buch niederlegen. Aber haltet die Augen offen. Hört zu: den Worten des nächsten Liedes, dem ihr lauscht. Achtet auf die Information im nächsten Artikel, den ihr lest. Das Thema des nächsten Films, den ihr euch anschaut. Die beiläufige Äußerung der nächsten Person, die ihr trefft. Oder das Flüstern des nächsten Flusses, des nächsten Ozeans, der nächsten Brise, die euer Ohr liebkost – all das sind meine Mittel; all diese Wege stehen mir offen. Ich werde zu euch sprechen, wenn ihr zuhört. Ich werde zu euch kommen, wenn ihr mich einladet. Ich werde euch dann zeigen, daß ich immer da war. Überall.

 

 

[100]

2

Du zeigst mir den Pfad zum Leben.
Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle,
zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.

Psalm 16:11

Ich hab mein ganzes Leben lang nach dem Weg zu Gott gesucht …

Das weiß ich …

… und nun habe ich ihn gefunden und kann es nicht glauben. Ich habe das Gefühl, hier zu sitzen und an mich selbst zu schreiben.

Das tust du.

Ich empfinde es nicht so, wie ich eine Kommunikation mit Gott empfinden sollte.

Du möchtest Glockengeläut und Schalmeienklang? Ich will sehen, was sich arrangieren läßt.

Du weißt, daß manche dieses ganze Buch als Blasphemie bezeichnen werden – stimmt's? Vor allem, wenn du dich weiterhin dermaßen oberlehrerhaft gebärdest.

[101]

Laß mich dir etwas erklären. Du hast diese fixe Idee, daß Gott sich immer nur auf eine Weise im Leben zeigt. Das ist eine sehr gefährliche Vorstellung. Sie hindert dich daran, Gott überall zu sehen. Wenn du glaubst, daß Gott nur ein einziges, ganz bestimmtes Aussehen hat oder sich nur auf eine einzige, ganz bestimmte Weise hören läßt, oder nur auf eine einzige, ganz bestimmte Weise existiert, dann wirst du Tag und Nacht immer nur an mir vorbeisehen. Du wirst dein ganzes Leben damit verbringen, nach Gott zu suchen, und Sie nicht finden, weil du nach einem Er suchst. Das nur als Beispiel. Es heißt, daß ihr die Hälfte der Geschichte verpaßt, wenn ihr Gott nicht im Banalen und im Tiefgründigen sucht. Das ist eine tiefe Wahrheit.

Gott existiert in der Traurigkeit und im Lachen, im Bitteren und im Süßen. Hinter allem existiert eine göttliche Absicht und daher existiert eine göttliche Präsenz in allem.

Ich fing einmal damit an, ein Buch zu schreiben mit dem Titel Gott ist ein Salamisandwich.

Das wäre ein sehr gutes Buch geworden. Ich habe dich dazu inspiriert. Warum hast du es nicht geschrieben?

Es wirkte wie Blasphemie. Oder zumindest schrecklich respektlos.

Du meinst wunderbar respektlos! Was läßt dich denken, daß Gott nur das »Respektvolle« ist? Gott ist das Auf und Ab. Das Heiße und das Kalte. Das Linke und das Rechte. Das Respektvolle und das Respektlose!

[102]

Glaubst du, Gott kann nicht lachen? Meinst du, Gott freut sich nicht über einen guten Witz? Glaubst du zu wissen, daß Gott keinen Humor hat? Ich sage dir, Gott hat den Humor erfunden.

Mußt du in gedämpftem Ton sprechen, wenn du mit mir redest? Gehen Slang oder Gossensprache über meinen Horizont? Ich sage dir, du kannst mit mir reden wie mit deinem besten Kumpel.

Glaubst du, es gäbe ein Wort, das ich nicht gehört habe? Einen Anblick, den ich nicht gesehen habe? Einen Ton, den ich nicht kenne?

Glaubst du, daß ich manches verabscheue, wohingegen ich anderes liebe? Ich sage dir, ich verabscheue nichts. Nichts ist mir widerwärtig. Es ist Leben, und Leben ist das Geschenk; der unaussprechliche Schatz; das Allerheiligste.

Ich bin Leben, denn ich bin der Stoff, aus dem das Leben ist. Jeder seiner Aspekte hat einen göttlichen Sinn. Nichts – nichts – existiert ohne einen von Gott verstandenen und gebilligten Grund.

Wie kann das sein? Was ist mit dem Bösen, das vom Menschen geschaffen wurde?

Ihr könnt kein Ding – keinen Gedanken, keinen Gegenstand, kein Ereignis, keine Erfahrung jedweder Art – außerhalb Gottes Plan erschaffen. Denn Gottes Plan für euch sieht vor, daß ihr alles – ein jegliches – erschafft, was ihr wollt. In dieser Freiheit liegt die Erfahrung Gottes, Gott zu sein – und das ist die Erfahrung, für die ich euch erschaffen habe. Und das Leben selbst.

[103]

Das Böse ist das, was ihr das Böse nennt. Aber selbst das liebe ich, denn nur durch das, was ihr als das Böse definiert, könnt ihr das Gute erkennen; nur durch das, was ihr das Werk des Teufels nennt, könnt ihr das Werk Gottes erkennen und tun. Ich liebe das Heiße nicht mehr als das Kalte, das Hohe nicht mehr als das Niedrige, das Linke nicht mehr als das Rechte. Es ist alles relativ. Es ist alles Teil dessen, was ist.

Ich liebe das »Gute« nicht mehr als das »Schlechte«. Hitler ging in den Himmel ein. Wenn ihr das begreift, begreift ihr Gott.

Aber ich bin zum Glauben erzogen worden, daß das Gute und das Schlechte tatsächlich existieren; daß richtig und falsch tatsächlich das Gegenteil voneinander sind; daß manche Dinge nicht in Ordnung, im Angesicht Gottes nicht akzeptabel sind.

Alles ist im Angesicht Gottes »akzeptabel«, denn wie kann Gott nicht das akzeptieren, was ist? Ein Ding ablehnen heißt seine Existenz leugnen. Die Beurteilung, daß es nicht in Ordnung ist, besagt, daß es nicht Teil von mir ist – und das ist unmöglich.

Doch haltet an euren Überzeugungen fest und bleibt euren Werten treu, denn es sind die Werte eurer Eltern und eurer Großeltern, eurer Freunde und eurer Gesellschaft. Sie bilden die Struktur eures Lebens, und ihr Verlust würde die Auflösung des Stoffs eurer Erfahrungen bedeuten. Aber überprüft sie der Reihe nach. Schaut sie euch Stück für Stück sorgsam an. Reißt nicht das Haus ein, aber prüft jeden [104]Baustein und ersetzt jeden, der zerbrochen zu sein scheint und das Gebäude nicht länger zu stützen vermag.

Eure Vorstellungen von richtig und falsch sind genau das – Vorstellungen, Ideen. Sie sind die Gedanken, die dem Form geben und die Substanz dessen erschaffen, was-ihr-seid. Es gibt nur einen einzigen Grund, eine Veränderung vorzunehmen; sie hat ausschließlich dann Sinn und Zweck, wenn ihr mit dem, was-ihr-seid, nicht glücklich seid.

Nur ihr könnt wissen, ob ihr glücklich seid. Nur ihr könnt von eurem Leben sagen: »Das ist meine Schöpfung (Sohn), an der ich großes Wohlgefallen habe.«

Wenn euch eure Werte dienlich sind, dann haltet an ihnen fest. Steht für sie ein. Kämpft, um sie zu verteidigen.

Doch seid bestrebt, so zu kämpfen, daß ihr niemandem Schaden zufügt. Die Schädigung ist ein nicht notwendiger Bestandteil des Heilens.

Du forderst: »Haltet an euren Werten fest«, und gleichzeitig sagst du, daß alle unsere Werte falsch sind. Hilf mir mal, diesen Widerspruch zu klären.

Ich habe nicht gesagt, daß eure Werte falsch sind. Aber sie sind auch nicht richtig. Sie sind ganz einfach Beurteilungen – Bewertungen, Entscheidungen. Zum größten Teil sind es Entscheidungen, die nicht ihr getroffen habt, sondern andere: eure Eltern vielleicht, eure Theologen, Lehrer, Historiker, Politiker.

Sehr wenige der Werturteile, die ihr euch als Wahrheit einverleibt habt, gründen sich auf eure ganz persönliche Erfahrung. Doch ihr seid um der Erfahrung willen hierhergekommen [105]– und aus eurer Erfahrung heraus sollt ihr euch selbst erschaffen. Ihr habt euch aus der Erfahrung anderer heraus erschaffen.

Wenn es so etwas wie eine Sünde gäbe, dann diese: Daß ihr euch aufgrund der Erfahrung anderer erlaubt, das zu werden, was ihr seid. Das ist die »Sünde«, die ihr begangen habt – ihr alle. Ihr wartet nicht auf eure eigene Erfahrung, ihr akzeptiert die Erfahrung anderer (buchstäblich) als das Evangelium, und wenn ihr dann zum ersten Mal der tatsächlichen Erfahrung begegnet, stülpt ihr dieser Begebenheit das über, was ihr bereits zu wissen glaubt.

Wenn ihr das nicht tätet, würdet ihr möglicherweise eine völlig andere Erfahrung machen – eine, die vielleicht die Erkenntnis bringt, daß euer ursprünglicher Lehrer oder eure ursprüngliche Wissensquelle nicht recht haben. In den meisten Fällen wollt ihr eure Eltern, Lehrmeinungen, Religionen, Traditionen, heiligen Schriften nicht anzweifeln – also leugnet ihr eure eigene Erfahrung zugunsten dessen, was zu denken ihr angewiesen wurdet.

Nirgendwo läßt sich das deutlicher aufzeigen als bei eurem Umgang mit der menschlichen Sexualität.

Jedermann weiß, daß die sexuelle Erfahrung die liebevollste, aufregendste, machtvollste, anregendste, erfrischendste, energetisierendste, bestätigendste, intimste, regenerierendste physische Einzelerfahrung sein kann, zu der Menschen fähig sind. Nachdem ihr das erfahrungsgemäß entdeckt habt, habt ihr euch stattdessen dazu entschieden, frühere Urteile, Meinungen und Ideen über Sex zu akzeptieren, die von anderen verbreitet wurden – welche alle ein Eigeninteresse daran haben, wie und was ihr denkt.

[106]

Diese Meinungen, Beurteilungen und Ideen laufen ganz direkt eurer persönlichen Erfahrung zuwider, aber weil ihr es verabscheut, eure Lehrer ins Unrecht zu setzen, zwingt ihr euch selbst zu der Überzeugung, daß eure Erfahrung falsch sein muß. Die Folge davon ist, daß ihr eure eigene tiefe Wahrheit über dieses Thema verratet – mit katastrophalen Ergebnissen.

Das gleiche habt ihr mit dem Geld veranstaltet. Ihr habt euch jedesmal, wenn ihr in eurem Leben eine Menge Geld hattet, großartig gefühlt. Ihr fandet es großartig, es zu bekommen und ebenso, es auszugeben. Daran war nichts Schlechtes, nichts Böses, an sich nichts »Unrechtes«. Doch wurden die Lehren anderer zu diesem Thema von euch dermaßen verinnerlicht, daß ihr eure Erfahrung zugunsten der »Wahrheit« verleugnet habt.

Nachdem ihr euch jene »Wahrheit« zu eigen gemacht hattet, habt ihr Gedankengebilde darum herum aufgebaut – Gedanken, die schöpferisch sind. Und ließet ihr eine persönliche Realität um das Geld herum entstehen, die es von euch wegschiebt – denn warum solltet ihr danach streben, euch etwas anzueignen, was nicht gut ist?

Erstaunlicherweise habt ihr den gleichen Widerspruch in bezug auf Gott geschaffen. Alles, was euer Herz über Gott erfährt, sagt euch, daß Gott gut ist. Alles, was euch eure Lehrer über Gott beibringen, sagt euch, daß Gott böse ist. Euer Herz sagt euch, daß Gott ohne Furcht geliebt werden solle. Eure Lehrer sagen euch, daß Gott gefürchtet werden muß, denn er ist ein rachsüchtiger Gott. Ihr sollt in Angst vor Gottes Zorn leben, sagen sie. Ihr sollt in seiner Gegenwart erzittern, euer ganzes Leben lang das Urteil des Herrn [107]fürchten. Denn der Herr ist »gerecht«, heißt es. Und Gott weiß, daß ihr in Schwierigkeiten steckt, wenn ihr euch mit dieser schrecklichen Gerechtigkeit des Herrn konfrontiert seht. Deshalb sollt ihr Gottes Geboten »gehorchen«, denn sonst …

Vor allem sollt ihr keine so logischen Fragen stellen wie: »Warum hat Gott, wenn er strikten Gehorsam gegenüber seinen Gesetzen verlangte, die Möglichkeit eines Übertretens dieser Gesetze geschaffen?« Weil Gott, so erklären euch eure Lehrer, wollte, daß ihr die »freie Wahl« habt. Doch was ist das für eine Wahlfreiheit, wenn die Entscheidung für die eine Sache die Verdammnis nach sich zieht? Wie kann der »freie Wille« frei sein, wenn es gar nicht euer Wille ist, sondern der eines anderen, dem entsprochen werden muß? Die euch das lehren, machen aus Gott einen Heuchler.

Man sagt euch, daß Gott Vergebung und Mitgefühl ist, doch wenn ihr nicht in »gebührender Form« um diese Vergebung bittet, wenn ihr nicht auf korrekte Weise »an Gott herantretet«, wird eure Bitte nicht erhört, bleibt euer Ruf unbeantwortet. Selbst das wäre nicht so tragisch, wenn es nur einen einzigen korrekten Weg gäbe, aber es werden so viele »korrekte Wege« gelehrt, wie es Lehrer gibt.

Deshalb verbringen die meisten von euch den Großteil ihres Erwachsenendaseins mit der Suche nach dem »richtigen Weg«, Gott anzubeten, ihm zu gehorchen und zu dienen. Die Ironie bei allem ist die, daß ich nicht angebetet werden will, euren Gehorsam nicht brauche und es nicht nötig ist, daß ihr mir dient.

Das sind Verhaltensweisen, wie sie historisch gesehen die [108]Monarchen von ihren Untertanen verlangten – meist egomanische, unsichere, tyrannische Herrscher noch dazu. Es sind in keiner Hinsicht Gottes Forderungen – und es scheint bemerkenswert, daß die Welt bislang noch immer nicht zur Schlußfolgerung gelangt ist, daß es sich um unterstellte Forderungen handelt, die nichts mit göttlichen Bedürfnissen oder Wünschen zu tun haben.

Die Gottheit hat keine Bedürfnisse. Alles-was-Ist ist genau das: alles, das ist. Und deshalb will sie oder mangelt es ihr, schon der Definition nach, an nichts.

Wenn ihr die Wahl trefft, an einen Gott zu glauben, der irgendwie etwas braucht – und der sich, wenn er es nicht kriegt, in seinen Gefühlen dermaßen verletzt fühlt, daß er die bestraft, von denen er erwartet hat, es zu bekommen –, dann entscheidet ihr euch für den Glauben an einen sehr viel kleineren Gott, als ich es bin. Dann seid ihr wahrlich Kinder eines minderen Gottes.

Nein, meine Kinder, laßt mich euch nochmals, mittels dieser Aufzeichnungen versichern, daß ich ohne Bedürfnisse bin. Ich brauche nichts.

Das heißt nicht, daß ich ohne Verlangen bin. Verlangen und Bedürfnis sind nicht das gleiche (obwohl viele von euch es in ihrem gegenwärtigen Leben dazu gemacht haben).

Verlangen ist der Anfang aller Schöpfung. Es ist der erste Gedanke. Es ist ein wunderbares Gefühl in der Seele. Es ist Gott, der die Wahl trifft, was er als nächstes erschafft.

Und was ist Gottes Verlangen?

Erstens verlange ich danach, mich selbst zu erkennen und zu erfahren in all meiner Herrlichkeit – zu wissen, wer-ich-bin. [109]Das zu tun war mir unmöglich, bevor ich euch erschuf – und alle Welten des Universums.

Zweitens verlange ich danach, daß ihr erkennt und erfahrt, wer-ihr-wirklich-seid, durch die euch von mir vermittelte Macht, euch selbst auf jedwede von euch gewählte Weise zu erschaffen und zu erfahren.

Drittens verlange ich danach, daß der gesamte Lebensprozeß eine Erfahrung ständiger Freude, fortgesetzter Schöpfung, nie endender Ausdehnung und totaler Erfüllung in jedem Moment des Jetzt ist.

Ich habe ein vollkommenes System errichtet, mit dessen Hilfe all mein Verlangen verwirklicht werden kann. Dies geschieht jetzt – genau in diesem Moment. Der einzige Unterschied zwischen mir und euch ist der, daß ich dies weiß. Im Augenblick eurer totalen Erkenntnis (ein Augenblick, der jederzeit eintreten kann), werdet auch ihr so empfinden, wie ich immerwährend fühle: absolut freudig, liebend, akzeptierend, segnend und dankbar.

Das sind die fünf Einstellungen Gottes, und bevor wir mit diesem Dialog fertig sind, werde ich euch zeigen, wie euch ein Übernehmen dieser Einstellungen in euer jetziges Leben zur Göttlichkeit bringen kann – und wird.

All das ist eine sehr lange Antwort auf eine sehr kurze Frage.

Ja, haltet an euren Werten fest – solange ihr die Erfahrung macht, daß sie euch dienlich sind. Doch schaut, ob ihr diese Werte, denen ihr mit euren Gedanken, Worten und Handlungen dient, die höchste und beste Vision, die ihr je von euch hattet, in euren Erfahrungsraum einbringt.

Überprüft eure Werte einen nach dem anderen. Haltet sie [110]ins Licht öffentlicher kritischer Beurteilung. Wenn ihr der Welt ohne ins Stolpern zu geraten und ohne Zögern, sagen könnt, wer ihr seid und was ihr glaubt, dann seid ihr mit euch glücklich. Es gibt keinen Grund, diesen Dialog mit mir noch sehr viel weiter fortzusetzen, weil ihr ein Selbst erschaffen habt – und ein Leben für das Selbst –, das keiner Verbesserung bedarf. Ihr habt Vollkommenheit erreicht. Legt das Buch beiseite.

Mein Leben ist nicht vollkommen und der Vollkommenheit auch nicht nahe. Ich bin nicht vollkommen. In der Tat bin ich ein Bündel an Unvollkommenheiten. Ich wünschte – und dies manchmal aus ganzem Herzen –, ich könnte diese Unvollkommenheiten korrigieren; wünschte, ich wüßte, was die Ursache meines Verhaltens ist, was mich stets von neuem abstürzen läßt, was sich mir immer wieder in den Weg stellt. Vermutlich bin ich deshalb zu dir gekommen. Ich war nicht imstande, selbst die Antworten zu finden.

Ich bin froh, daß du gekommen bist. Ich war immer da, um dir zu helfen. Ich bin jetzt hier. Du mußt die Antworten nicht allein finden. Das mußtest du nie.

Und doch scheint es so … anmaßend … zu sein, sich einfach hinzusetzen und auf diese Weise mit dir in Dialog zu treten, ganz zu schweigen von der Vorstellung, daß du – Gott – antwortest. Ich meine, das ist verrückt.

Ich verstehe, die Autoren der Bibel waren alle geistig gesund, aber du bist verrückt.

[111]Die Autoren der Bibel waren Zeugen von Christi Leben und haben getreulich berichtet, was sie gehört und gesehen haben.

Korrektur. Die meisten Autoren des Neuen Testaments haben in ihrem Leben Jesus nie getroffen oder gesehen. Als sie lebten, hatte Jesus die Erde schon viele Jahre zuvor verlassen. Sie hätten Jesus von Nazareth nicht einmal erkannt, wenn er auf der Straße direkt vor ihnen gestanden hätte.

Aber …

Die Autoren der Bibel waren große Gläubige und große Geschichtsschreiber. Sie nahmen die Geschichten auf, die von anderen an sie und ihre Freunde überliefert wurden – von den Ältesten an die Ältesten weitergegeben wurden –, bis schließlich ein schriftlicher Bericht entstand.

Und nicht alle Texte der Bibelautoren fanden Aufnahme in das endgültige Dokument.

Es hatten sich bereits »Kirchengemeinden« um die Lehren Jesu gebildet, und es gab, wie es immer passiert, wenn und wo sich Gruppen um eine machtvolle Idee versammeln, gewisse Individuen innerhalb dieser Kirchengemeinden oder Enklaven, die bestimmten, welche Teile der Geschichte Jesu erzählt werden sollten – und wie. Dieser Auswahl- und Redaktionsprozeß setzte sich während der ganzen Zeit des Sammelns, Schreibens und der Veröffentlichung der Evangelien und der Bibel fort.

Sogar noch einige Jahrhunderte nach der Niederlegung der Originalschriften bestimmte ein Hoher Rat der Kirche [112]noch einmal darüber, welche Doktrinen und Wahrheiten in die damals bereits offizielle Bibel aufgenommen werden sollten, und welche den Massen zu enthüllen »ungesund« oder zu »verfrüht« wäre.

Und es gab auch noch andere heilige Schriften, die alle in Momenten der Inspiration von ansonsten ganz normalen Menschen niedergeschrieben wurden, von denen keiner verrückter war als du.

Willst du damit andeuten – doch wohl nicht, oder? –, daß diese Aufzeichnungen eines Tages eine »heilige Schrift« werden könnten?

Mein Kind, alles im Leben ist heilig. So gesehen, ja, ist der Text eine heilige Schrift. Aber ich will mit dir keine Wortklauberei betreiben, denn ich weiß, was du meinst.

Nein, ich deute nicht an, daß dieses Manuskript eines Tages eine heilige Schrift werden wird. Jedenfalls nicht Hunderte von Jahren lang oder bis seine Sprache veraltet ist.

Siehst du, das Problem ist, daß die Sprache hier zu sehr Umgangssprache, zu sehr Unterhaltungston, zu zeitbezogen ist. Die Leute gehen davon aus, daß Gott, wenn er direkt mit jemandem spricht, sich nicht wie der Mensch von nebenan anhört. Die Sprache sollte eine einigende, um nicht zu sagen göttliche Struktur aufweisen. Sie sollte eine gewisse Würde ausstrahlen, ein gewisses Gefühl von Göttlichkeit vermitteln.

Wie ich bereits sagte, ist das Teil eines allgemeinen Problems. Das Gefühl, das die Leute hinsichtlich Gott haben, läßt sie glauben, daß er nur in einer einzigen Form »aufkreuzt«. [113]Und alles, was diese Form durchbricht, wird als Blasphemie bezeichnet.

Wie ich schon sagte.

Wie du schon sagtest.

Aber kommen wir auf den Kern deiner Frage zu sprechen. Warum hältst du es für Verrücktheit, wenn du imstande bist, einen Dialog mit Gott zu führen? Glaubst du nicht an das Gebet?

Ja, schon, aber das ist etwas anderes. Das Gebet war für mich immer eingleisig. Ich frage, und Gott bleibt unveränderlich.

Gott hat dein Gebet nie beantwortet?

O doch, aber nie verbal. Mir passieren alle möglichen Dinge in meinem Leben, die meiner Überzeugung nach eine Antwort – eine sehr direkte Antwort – auf mein Gebet waren. Aber Gott hat nie zu mir gesprochen.

Ich verstehe. Also dieser Gott, an den du glaubst, dieser Gott kann alles tun. Er kann nur nicht sprechen.

Natürlich kann Gott sprechen, wenn er will. Es schien nur nicht wahrscheinlich, daß Gott zu mir sprechen wollte.

Das ist die Wurzel jedes Problems, das du in deinem Leben erfährst – denn du hältst dich nicht für würdig genug, daß Gott mit dir spricht.

[114]

Gütiger Himmel, wie kannst du je erwarten, meine Stimme zu hören, wenn du dir nicht vorzustellen vermagst, daß du es in ausreichendem Maße verdienst, daß man überhaupt zu dir spricht?

Ich sage dir dies: Ich vollbringe in diesem Moment ein Wunder. Denn ich spreche nicht nur zu dir, sondern auch zu jeder Person, die dieses Buch in die Hand nimmt und diese Worte liest.

Zu ihnen allen spreche ich jetzt. Ich kenne sie alle einzeln. Ich weiß jetzt, wer seinen Weg zu diesen Worten finden wird – und ich weiß, daß (wie bei allen meinen anderen Mitteilungen) manche imstande sein werden zu hören, und manche werden nur zuhören können, aber nichts vernehmen.

Na gut, das führt mich zu einer anderen Sache. Ich denke schon jetzt, noch während es geschrieben wird, daran, dieses Material zu veröffentlichen.

Ja. Was ist »falsch« daran?

Könnte nicht eingewendet werden, daß ich das Ganze nur aus Profitdenken durchziehe? Macht das nicht die ganze Sache suspekt?

Ist es deine Motivation, etwas zu schreiben, damit du eine Menge Geld verdienen kannst?

Nein. Das ist nicht der Grund, warum das hier angefangen hat. Ich begann mit diesem schriftlichen Dialog, weil ich [115]mich schon an die dreißig Jahre lang mit Fragen herumgequält habe – Fragen, nach deren Beantwortung mich dürstete, ich war schon ganz ausgedörrt. Der Gedanke, eventuell daraus ein Buch werden zu lassen, kam erst später.

Von mir.

Von dir?

Ja. Du glaubst doch nicht, daß ich dich all diese wunderbaren Fragen und Antworten vergeuden lassen würde, oder?

Daran habe ich nicht gedacht. Zu Anfang wollte ich nur die Fragen beantwortet haben; ich wollte, daß die Frustration ein Ende hätte; die Suche vorbei wäre.

Gut. Dann hör auf, deine Motivationen in Frage zu stellen (wie du es unaufhörlich tust), und laß uns damit weiterkommen.

 

 

[116]

3

Nun, ich habe hundert, tausend, eine Million Fragen. Das Problem ist, daß ich manchmal nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Nenn die Fragen einfach, wie sie dir einfallen. Fang irgendwo an. Leg los. Liste die Fragen auf, die dir einfallen.

Gut. Manche scheinen ziemlich einfach, ziemlich gewöhnlich zu sein.

Hör auf, dich zu verurteilen. Führ sie einfach auf.

Also, hier sind die Fragen, die mir im Moment einfallen.

1. Wann wird mein Leben endlich abheben? Was ist nötig, um es »auf die Reihe zu kriegen«, und zu einem Mindestmaß an Erfolg zu gelangen? Hat es mit dem Kämpfen mal ein Ende?

2. Wann werde ich genug über Beziehungen lernen und imstande sein, sie reibungslos zu gestalten? Gibt es irgendeine Möglichkeite, in Beziehungen glücklich zu sein? Müssen sie ständig eine solche Herausforderung darstellen?

3. Warum scheine ich in meinem Leben nie über ausreichend Geld verfügen zu können? Ist es mein Schicksal, für den Rest meines Lebens knapsen und die Pfennige zusammenkratzen zu müssen? Was hindert mich [117]daran, in dieser Hinsicht mein ganzes Potential zu verwirklichen?

4. Warum kann ich nicht das tun, was ich wirklich mit meinem Leben anfangen will, und trotzdem meinen Lebensunterhalt verdienen?

5. Wie kann ich einige meiner gesundheitlichen Schwierigkeiten beseitigen? Ich war das Opfer von so vielen chronischen Problemen, daß sie mindestens für drei Leben ausreichen. Warum habe ich sie alle jetzt – in diesem Leben?

6. Welche karmische Lektion soll ich hier lernen? Was versuche ich zu meistern?

7. Gibt es so etwas wie Reinkarnation? Wie viele vergangene Leben hatte ich? Was war ich in diesen Leben? Ist »karmische Schuld« eine Realität?

8. Manchmal fühle ich mich sehr medial. Gibt es so etwas wie »Medialität«? Bin ich medial? Schließen Menschen, die behaupten, medial zu sein, »einen Pakt mit dem Teufel«?

9. Ist es in Ordnung, Geld dafür zu nehmen, daß man Gutes tut? Kann ich, wenn ich mich dazu entscheiden würde, in dieser Welt heilerisch tätig zu sein – Gottes Werk zu tun –, das tun und gleichzeitig wohlhabend sein? Oder schließt sich das gegenseitig aus?

10. Hat das mit dem Sex alles seine Richtigkeit? Sag schon – was für eine Geschichte steckt wirklich hinter dieser menschlichen Erfahrung? Ist Sex nur für die Fortpflanzung da, wie in manchen Religionen behauptet wird? Werden wahre Heiligkeit und Erleuchtung durch Enthaltsamkeit oder durch die Transformierung der sexuellen [118]Energie erreicht? Ist Sex ohne Liebe in Ordnung? Ist nur das gute körperliche Gefühl dabei schon allein Grund genug?

11. Warum hast du Sex zu einer so guten, so spektakulären, so machtvollen menschlichen Erfahrung gemacht, wenn wir uns alle davon so weit wie möglich fernhalten sollten? Und warum sind, wenn wir schon davon reden, alle Dinge, die Spaß machen, entweder »unmoralisch«, »illegal« oder »dickmachend«?

12. Gibt es Leben auf anderen Planeten? Sind wir von Außerirdischen besucht worden? Werden wir jetzt beobachtet? Werden wir noch zu unseren Lebzeiten einen unwiderlegbaren und unstrittigen Beweis dafür erhalten? Hat jede Lebensform ihren eigenen Gott? Bist du der Gott von allem?

13. Wird sich Utopia je auf diesem Planeten Erde verwirklichen? Wird sich Gott, wie versprochen, den Menschen auf dieser Erde je zeigen? Gibt es so etwas wie die Zweite Ankunft? Wird es jemals ein Ende der Welt geben, oder eine Apokalypse, wie es die Bibel prophezeit? Gibt es eine einzige wahre Religion? Und wenn ja, welche?

Das sind nur ein paar meiner Fragen. Wie ich schon sagte, habe ich Hunderte mehr. Für manche dieser Fragen schäme ich mich – sie scheinen so pubertär zu sein. Aber bitte beantworte sie, eine nach der anderen, und laß uns über sie »sprechen«.

Gut. Nun kommen wir weiter. Entschuldige dich nicht für deine Fragen. Sie sind bereits von Männern und Frauen [119]während Hunderten von Jahren gestellt worden. Wenn die Fragen so töricht wären, hätte nicht jede nachfolgende Generation sie immer und immer wieder gestellt. Kommen wir also zur ersten Frage.

Ich habe Gesetze im Universum festgelegt, die es euch ermöglichen, genau das zu bekommen – zu erschaffen –, was ihr euch erwählt. Diese Gesetze können weder übertreten noch ignoriert werden. Ihr befolgt diese Gesetze in eben jenem Moment, in dem ihr dies lest. Es ist unmöglich, sie nicht zu befolgen, denn so funktionieren die Dinge. Ihr könnt ihnen nicht entkommen; ihr könnt nicht außerhalb davon operieren.

Jede Minute eures Lebens habt ihr euch innerhalb dieser Gesetze bewegt und alles, was euch jemals an Erfahrung zuteil wurde, habt ihr auf diese Weise erschaffen.

Ihr befindet euch in Partnerschaft mit Gott. Wir haben einen ewigen Bund geschlossen. Mein euch gegebenes Versprechen lautet, daß ihr stets von mir bekommt, worum ihr bittet. Euer Versprechen lautet, daß ihr bittet; daß ihr den Prozeß des Bittens und der Entsprechung der Bitte versteht. Ich habe euch diesen Prozeß schon einmal erklärt. Ich werde ihn noch einmal erläutern, damit ihr ihn ganz klar begreift.

Ihr seid ein dreifaltiges Wesen. Ihr besteht aus Körper, Geist und Seele. Ihr könnt das auch das Physische, das Nichtphysische und das Metaphysische nennen. Das ist die Heilige Dreieinigkeit, und sie hat viele Namen.

Das, was ihr seid, bin ich. Ich manifestiere mich als Drei-In-Einem. Manche eurer Theologen haben das als Vater, Sohn und Heiligen Geist bezeichnet.

Euren Psychiatern ist dieses Triumvirat ebenfalls bekannt, [120]sie definieren es als Bewußtsein, Unterbewußtsein und Überbewußtsein.

Eure Philosophen haben es das Es, das Ich und das Über-Ich genannt.

In der Wissenschaft ist die Rede von Energie, Materie und Antimaterie.

Die Dichter sprechen von Herz, Geist und Seele; New-Age-Denker von Körper, Verstand und Geist.

Eure Zeit ist in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt. Könnte das nicht das gleiche sein wie Unterbewußtsein, Bewußtsein und Überbewußtsein?

Auch der Raum wird dreifach unterteilt in hier, dort und Zwischenraum.

Die Definition und die Beschreibung dieses »Zwischenraums« sind es, die schwierig, schwer faßbar sind. Der Raum wird in dem Moment, in dem man ihn zu definieren oder zu beschreiben beginnt, zum »hier« oder »dort«. Doch wir wissen, daß dieser »Zwischenraum« existiert. Er ist das, was das »hier« und »dort« an seinem Ort hält.

Diese drei Aspekte von euch sind an sich drei Energieformen. Man kann sie Gedanke, Wort und Handlung nennen. Zusammengenommen produzieren sie ein Ergebnis, das in eurer Sprache und nach eurem Verständnis als Gefühl oder Erfahrung bezeichnet wird.

Eure Seele (Unterbewußtsein, Es, reiner Geist, Vergangenheit usw.) ist die Gesamtsumme jedes Gefühls, das ihr jemals hattet (erschaffen habt). Euer Gewahrsein von einigem davon wird Erinnerung genannt. Die Erinnerung beinhaltet einen Vorgang, bei dem ihr innerlich Einzelteilchen wieder zusammenfügt.

[121]

Sind alle Einzelteilchen wieder zusammengefügt worden, so habt ihr euch erinnert, wer-ihr-wirklich-seid.

Der Schöpfungsprozeß beginnt mit einem Gedanken – einer Idee, Konzeption, Visualisierung. Alles, was ihr seht, war einst jemandes Idee. In eurer Welt existiert nichts, was nicht zunächst als reiner Gedanke vorhanden war.

Dies gilt auch für das Universum.

Der Gedanke ist die erste Ebene der Schöpfung.

Als nächstes kommt das Wort. Alles, was ihr sagt, ist ein zum Ausdruck gebrachter Gedanke. Er ist schöpferisch und schickt schöpferische Energie ins Universum. Worte sind dynamischer (und somit könnten manche sagen, schöpferischer) als der Gedanke, weil sie eine andere Schwingungsebene haben. Sie brechen stärker ins Universum ein (verändern, beeinflussen es, wirken sich stärker aus).

Worte sind die zweite Ebene der Schöpfung.

Als nächstes kommt die Handlung.

Handlungen sind in Bewegung befindliche Worte. Worte sind zum Ausdruck gebrachte Gedanken. Gedanken sind in Form gebrachte Ideen. Ideen sind zusammengebrachte Energien. Energien sind freigesetzte Kräfte. Kräfte sind existente Elemente. Elemente sind Partikel Gottes, Teile des Alles, der Stoff, aus dem alles besteht.

Der Anfang ist Gott. Das Ende ist Handlung. Handlung ist der erschaffende Gott – oder der erfahrende Gott.

Ihr hegt den Gedanken über euch, daß ihr nicht gut, nicht wunderbar, nicht sündenlos genug seid, um ein Teil Gottes zu sein, in Partnerschaft mit Gott zu stehen. Ihr habt so lange verleugnet, wer-ihr-seid, daß ihr vergessen habt, wer-ihr-seid.

[122]

Das ist nicht zufällig geschehen. Es ist alles Teil des göttlichen Plans, denn ihr könntet nicht beanspruchen, nicht erschaffen, nicht erfahren, wer-ihr-seid, wenn ihr es schon wäret. Ihr mußtet zunächst die Verbindung mit mir lösen (leugnen, vergessen), um sie voll und ganz zu erfahren, indem ihr sie voll und ganz erschafft, indem ihr sie herbeibeschwört. Denn euer erhabenster Wunsch – und mein erhabenstes Verlangen – war es, euch selbst als den Teil von mir zu erfahren, der ihr seid. Ihr befindet euch daher im Prozeß der Selbst-Erfahrung, indem ihr euch selbst in jedem einzelnen Moment neu erschafft. So wie auch ich dies tue – durch euch.

Erkennt ihr die Partnerschaft? Begreift ihr die Implikationen? Es ist eine heilige Zusammenarbeit – wahrlich eine heilige Kommunion.

Dein Leben wird dann »abheben«, wenn du dich dazu entscheidest. Bislang hast du noch gezaudert, verlängert, hinausgezögert, Einwände erhoben. Jetzt ist es an der Zeit, daß du das verkündest und herstellst, was dir versprochen worden ist. Dazu mußt du an das Versprechen glauben und es leben. Du mußt das Versprechen Gottes leben.

Das Versprechen Gottes ist, daß du sein Sohn bist. Ihr Nachkömmling. Nach ihrem Ebenbild geschaffen. Ihm gleichgestellt.

Ah – hier ist der Haken. Du kannst »sein Sohn«, »Nachkömmling«, »Ebenbild« akzeptieren, aber bei »ihm gleichgestellt« zuckst du zurück. Dies zu akzeptieren ist zuviel verlangt. Das ist zuviel Größe, zuviel an Wundersamem – zuviel Verantwortung. Denn wenn ihr Gott gleichgestellt seid, dann bedeutet das, daß euch nichts getan und alles von Euch erschaffen wird. Dann kann es keine Opfer und [123]Schurken mehr geben – nur noch das Ergebnis eures Gedankens in bezug auf etwas.

Ich sage euch dies: Alles, was ihr in der Welt seht, ist das Ergebnis eurer Gedanken hinsichtlich dieser Dinge.

Möchtest du wirklich, daß dein Leben »abhebt«? Dann verändere deine Vorstellung davon, von dir selbst. Denke, sprich und handle als der Gott, der du bist.

Natürlich wird dich das von vielen – den meisten – deiner Mitmenschen trennen. Sie werden dich verrückt nennen. Sie werden sagen, daß du blasphemisch bist. Sie werden schließlich von dir genug haben und versuchen, dich zu kreuzigen.

Das werden sie tun, nicht weil sie denken, daß du in deiner eigenen Welt der Illusionen lebst (die meisten Menschen sind großzügig genug, dir deine privaten Vergnügungen zu gestatten), sondern weil früher oder später andere von deiner Wahrheit, von den Versprechungen, die sie für sie bereithält, angezogen werden.

Und an diesem Punkt werden deine Mitmenschen eingreifen, weil du von da an beginnst, für sie eine Bedrohung darzustellen. Denn deine einfache Wahrheit, einfach gelebt, hat mehr Schönheit, Trost, Frieden, Freude und Liebe zu sich selbst und zu anderen anzubieten als alles, was deine Mitmenschen ersinnen könnten.

Und wenn alle sich diese Wahrheit zu eigen machten, würde dies das Ende ihrer Lebensweise bedeuten. Es wäre das Ende von Haß und Angst und Bigotterie und Krieg. Das Ende des Verdammens und Tötens, mit dem in meinem Namen ständig fortgefahren wird. Das Ende des Faustrechts. Das Ende des Erkaufens durch Macht. Das Ende der [124]auf Furcht gegründeten Loyalität und Verehrung. Das Ende der Welt, wie sie sie kennen – und wie ihr sie bislang erschaffen habt.

Also sei bereit, liebe Seele. Denn du wirst verunglimpft werden, man wird auf dich spucken, du wirst beschimpft und verlassen werden, und schließlich werden sie dich anklagen, dir den Prozeß machen und dich verdammen – alle auf ihre eigene Weise –, und das von dem Moment an, in dem du deine heilige Sache, die Selbst-Verwirklichung, akzeptierst und dir zu eigen machst.

Warum also solltest du das überhaupt tun?

Weil du dich nicht länger um die Akzeptanz oder Billigung durch die Welt bemühst. Du bist nicht mehr zufrieden mit dem, was sie dir eingebracht haben. Dir gefällt nicht mehr, was die Welt anderen gegeben hat. Du willst, daß der Schmerz, das Leiden aufhört, die Illusion ein Ende hat. Du hast genug von der Welt, so wie sie gegenwärtig ist. Du suchst nach einer neueren Welt.

Suche sie nicht länger. Beschwöre sie jetzt herbei.

Kannst du mir helfen, besser zu verstehen, wie ich das anstellen soll?

Ja. Wende dich als erstes deinem allerhöchsten Gedanken über dich selbst zu. Stell dir das Ich vor, das du wärest, wenn du diesen Gedanken jeden Tag lebtest. Stell dir vor, was du denken, tun, sagen und wie du auf das reagieren würdest, was andere tun und sagen.

Erkennst du den Unterschied zwischen dieser Projektion und dem, was du jetzt denkst, tust und sagst?

[125]Ja. Ich bemerke einen großen Unterschied.

Gut. Das solltest du auch, da wir wissen, daß du im Moment nicht die höchste Vision von dir selbst lebst. Fang nun an, nachdem du den Unterschied zwischen dem, wo du bist und wo du sein möchtest, gesehen hast, deine Gedanken, Worte und Handlungen ganz bewußt so zu verändern, daß sie deiner erhabensten Vision entsprechen.

Das erfordert eine ungeheuer große mentale und physische Anstrengung. Es beinhaltet in jedem Augenblick eine ständige Überprüfung all deiner Gedanken, Worte und Taten. Es beinhaltet auch ein fortgesetztes, ganz bewußtes Fällen von Entscheidungen. Der gesamte Prozeß bedeutet eine massive Bewegung hin zu Bewußtsein. Wenn du dich dieser Herausforderung stellst, wirst du feststellen, daß du dein halbes Leben unbewußt verbracht hast. Das heißt, du warst dir auf bewußter Ebene nicht gewahr, welche Wahl du im Hinblick auf deine Gedanken, Worte und Taten getroffen hast, bis du deren Auswirkungen erfuhrst. Und als du nun diese Resultate erlebtest, hast du bestritten, daß deine Gedanken, Worte und Taten irgend etwas damit zu tun hatten.

Dies ist ein Aufruf, mit einem solchen unbewußten Leben aufzuhören. Es ist eine Herausforderung, zu der dich deine Seele seit Anbeginn der Zeit aufgerufen hat.

Diese Art beständiger mentaler Überprüfung scheint mir schrecklich anstrengend zu sein …

Das kann so lange dauern, bis sie dir zur zweiten Natur wird. Tatsächlich ist sie deine zweite Natur. Deine erste [126]Natur ist bedingungslose Liebe. Deine zweite Natur ist die ständige bewußte Wahl, wie du deiner ersten, deiner wahren Natur Ausdruck verleihen willst.

Entschuldige, aber würde mich dieses unaufhörliche Redigieren von allem, was ich denke und sage, nicht zu einem ziemlichen Langweiler machen?

Niemals. Anders, ja – langweilig, nein. War Jesus langweilig? Ich denke, nicht. War es in der Gegenwart Buddhas langweilig? Die Leute kamen in Scharen, bettelten darum, sich in seiner Gegenwart aufhalten zu dürfen. Keiner, der Meisterschaft erlangt hat, ist langweilig. Er mag vielleicht ungewöhnlich, möglicherweise sogar außergewöhnlich sein. Aber er ist niemals langweilig.

Also, willst du, daß dein Leben »abhebt«? Dann fang sofort an, es dir vorzustellen, wie es deinem Wunsch nach sein soll – und begib dich in diese Projektion hinein. Überprüfe jeden Gedanken, jedes Wort und jede Handlung, die sich nicht in Einklang damit befinden, und entferne dich von diesen.

Wenn du einen Gedanken hast, der mit deiner höheren Vision keine Übereinstimmung aufweist, wechsle auf der Stelle zu einem neuen Gedanken über. Wenn du etwas sagst, das nicht mit deiner erhabensten Vorstellung in Einklang steht, nimm dir vor, nie wieder so etwas zu sagen. Wenn du etwas tust, das sich nicht mit deiner besten Absicht vereinbaren läßt, beschließe, daß das das letzte Mal war. Und bring die Dinge bei all denen in Ordnung, die daran beteiligt waren.

[127]Ich hab das schon früher gehört und mich immer dagegen aufgelehnt, weil es so unehrlich erscheint. Ich meine, wenn es dir hundeelend geht, sollst du es nicht zugeben. Wenn du total pleite bist, sollst du es niemals sagen. Wenn du höllisch aufgebracht bist, sollst du es nicht zeigen. Das erinnert mich an einen Witz über drei Leute, die in die Hölle geschickt wurden. Einer war Katholik, einer ein Jude und einer ein New-Age-Anhänger. Der Teufel fragte höhnisch den Katholiken: »Na, wie gefällt's dir in der Hitze?« Und der Katholik schniefte und sagte: »Ich bringe sie als Opfer dar.« Dann fragte der Teufel den Juden: »Und wie gefällt's dir in der Hitze?« Und der Jude antwortete: »Na, was hätt' ich denn anderes erwarten können als noch mehr Hölle?« Und schließlich wandte sich der Teufel an den New-Age-Anhänger: »Hitze?« fragte der schwitzend. »Welche Hitze?«

Das ist ein guter Witz. Aber ich spreche nicht davon, daß ihr ein Problem ignorieren oder so tun sollt, als wäre es nicht vorhanden. Ich spreche davon, daß ihr einen Umstand zur Kenntnis nehmt und dann eure höchste Wahrheit darüber sagt.

Wenn du pleite bist, bist du pleite. Es ist sinnlos zu lügen, und der Versuch, eine Geschichte zu fabrizieren, um es nicht zuzugeben, schwächt nur. Doch wie ihr darüber denkt – »Pleite zu sein ist schlecht«, »das ist ja entsetzlich«, »ich bin ein schlechter Mensch, weil gute Menschen, die hart arbeiten und sich wirklich bemühen, nie pleite sind« usw. –, das bestimmt, wie ihr das »Pleitesein« erfahrt. Eure Worte dazu – »ich bin pleite«, »ich habe keinen Pfennig«, »ich habe [128]überhaupt kein Geld« – diktieren, wie lange ihr pleite bleibt. Eure diesbezüglichen Handlungen – sich selbst bemitleiden, niedergeschlagen herumsitzen, nicht den Versuch unternehmen, einen Ausweg zu finden, weil »es ja doch nichts hilft« – erschaffen eure langfristige Realität.

Was das Universum angeht, so müßt ihr als erstes verstehen, daß kein Zustand »schlecht« oder »gut« ist. Er ist einfach. Also höre auf, Werturteile abzugeben.

Als zweites müßt ihr wissen, daß alle Zustände vorübergehend sind. Nichts bleibt, wie es ist, nichts bleibt statisch. Wie sich etwas verändert, hängt von euch ab.

Entschuldige, aber ich muß dich hier wieder unterbrechen. Was ist mit einer Person, die todkrank ist, aber jenen Glauben hat, der Berge versetzen kann, und die in dieser Weise denkt, sagt und glaubt, daß es ihr wieder bessergehen wird … nur um sechs Wochen später zu sterben. Wie deckt sich das mit all diesem Zeug vom positiven Denken, affirmativen Handeln?

Das ist gut. Du stellst die harten Fragen. Du glaubst nicht nur einfach meinen Worten. Doch gelangen wir letztendlich irgendwann an einen Punkt, da du meinen Worten Glauben schenken mußt, weil, wie du feststellen wirst, wir – du und ich – diese Dinge ewig diskutieren könnten, bis nichts anderes mehr übrigbleibt, als sie auszuprobieren oder aber zu negieren. Doch diesen Punkt haben wir noch nicht erreicht. Also setzen wir unseren Dialog fort.

Die Person mit dem »Berge versetzenden Glauben«, die sechs Wochen später stirbt, hat sechs Wochen lang tatsächlich [129]»Berge versetzt«. Das mag für sie ausreichend gewesen sein. Sie mag sich in der letzten Stunde des letzten Tages entschieden und sich gesagt haben: »Das war's, ich habe genug. Ich bin jetzt bereit, mich auf ein anderes Abenteuer einzulassen.« Du weißt von dieser Entscheidung vielleicht nichts, weil sie sie dir nicht mitgeteilt hat. In Wahrheit hat sie sie vielleicht schon etwas früher – Tage, Wochen zuvor – getroffen und es dir nicht gesagt; hat es niemandem gesagt. Ihr habt eine Gesellschaft geschaffen, in der es überhaupt nicht in Ordnung ist, sterben zu wollen – überhaupt nicht in Ordnung, ein ausgesprochen gutes Verhältnis zum Tod zu haben. Weil ihr nicht sterben wollt, vermögt ihr euch nicht vorzustellen, daß irgend jemand sterben wollen könnte, ganz gleich, wie die Umstände sind oder in welcher Verfassung sich die Person befindet.

Aber es gibt viele Situationen, in denen der Tod dem Leben vorzuziehen ist, und die ihr euch, wie ich weiß, durchaus vorstellen könnt, wenn ihr ein bißchen darüber nachdenkt. Doch diese Wahrheiten kommen euch nicht in den Sinn – sie treten weniger deutlich zutage –, wenn ihr ins Gesicht eines Menschen blickt, der sterben möchte. Und die sterbende Person weiß das. Sie fühlt den Grad der Zustimmung in bezug auf ihre Entscheidung.

Ist euch je aufgefallen, wie viele Menschen mit dem Sterben warten, bis das Zimmer leer ist? Manche müssen ihren Lieben sogar sagen: »Nein, wirklich, geh nur. Iß einen Happen«, oder: »Geh, schlaf ein bißchen. Mir geht's gut. Ich seh dich dann morgen früh.« Und wenn dann der getreue Wachposten den Raum verläßt, verläßt auch die Seele den Körper des Bewachten.

[130]

Wenn sie zu ihren versammelten Verwandten und Freunden sagen würden: »Ich möchte einfach sterben«, dann bekämen sie zu hören: »Aber das meinst du doch nicht wirklich«, oder: »So etwas darfst du nicht sagen«, oder: »Halte durch«, oder: »Bitte, verlaß mich nicht.«

Der ganze medizinische Berufsstand ist darauf ausgerichtet, die Menschen am Leben zu erhalten, statt es ihnen so leicht wie möglich zu machen und sie in Würde sterben zu lassen.

Siehst du, für einen Arzt oder eine Krankenschwester bedeutet der Tod eine Niederlage. Für einen Freund oder Verwandten ist der Tod eine Katastrophe. Nur für die Seele ist der Tod eine Erleichterung – eine Befreiung.

Das größte Geschenk, das ihr Sterbenden machen könnt, ist, sie in Frieden sterben zu lassen. Denkt nicht, daß sie »durchhalten« oder weiterhin leiden oder sich in dieser entscheidendsten Passage ihres Lebens um euch sorgen müßten.

Und im Fall eines Menschen, der sagt, daß er leben wird, der glaubt, daß er am Leben bleibt, sogar darum betet, passiert es sehr oft, daß er auf der Seelenebene »seine Meinung ändert«. Es ist nun an der Zeit, den Körper abzustreifen und die Seele freizusetzen, damit sie andere Ziele verfolgen kann. Wenn die Seele diese Entscheidung trifft, hat der Körper keine Möglichkeit, das zu verhindern. Und auch kein Gedanke des Geistes kann daran etwas ändern. Im Augenblick des Todes erfahren wir, wer im Triumvirat von Körper, Geist und Seele letztlich bestimmt.

Euer ganzes Leben lang denkt ihr, daß ihr euer Körper seid. Manchmal denkt ihr auch, daß ihr euer Geist seid. Zum [131]Zeitpunkt des Todes findet ihr heraus, wer-ihr-wirklich-seid.

Nun gibt es aber Zeiten, in denen der Körper und der Geist einfach nicht auf die Seele hören. Auch das führt zu einem Szenarium, wie du es eben beschrieben hast. Am schwersten fällt es den Menschen, die Stimme ihrer eigenen Seele zu vernehmen. (Beachtet, wie wenige dies tun.)

Es passiert also häufig, daß die Seele die Entscheidung fällt, daß nun der Moment gekommen ist, den Körper zu verlassen. Der Körper und Geist – stets der Diener der Seele – vernehmen das, und der Loslösungsprozeß beginnt. Doch der Geist des Ego möchte dies nicht akzeptieren. Schließlich würde dies das Ende seiner Existenz bedeuten. Also weist er den Körper an, sich dem Tod zu widersetzen. Das tut der Körper gerne, da auch er nicht sterben will. Dabei erfahren der Körper und der Geist des Ego viel Ermunterung und großes Lob von der Außenwelt – der Welt ihrer Schöpfung –, wodurch sie in ihrer Strategie bestätigt werden.

An diesem Punkt hängt alles davon ab, wie dringlich die Seele den Körper zu verlassen wünscht. Ist es nicht allzu dringlich, sagt die Seele vielleicht: »In Ordnung, ihr gewinnt. Ich bleibe noch ein kleines Weilchen da.« Ist sich die Seele aber völlig im klaren darüber, daß ein weiteres Verweilen nicht ihren höheren Zielen dient – daß sie sich durch diesen Körper nicht mehr weiterentwickeln kann –, dann wird sie den Körper verlassen, und nichts und niemand vermag sie daran zu hindern und sollte es auch gar nicht erst versuchen.

Das Ziel der Seele ist ganz klar ihre Evolution. Das ist ihr einziges Ziel – und ihr seelisches Anliegen. Sie bekümmert [132]sich nicht um die Leistungserfolge des Körpers oder um die geistige Entwicklung. Diese sind für die Seele alle ohne Bedeutung.

Der Seele ist auch klar, daß ihr Verlassen des Körpers keine große Tragödie bedeutet. In vielerlei Hinsicht besteht die Tragödie in ihrer Existenz im Körper. Ihr müßt also verstehen, daß die Seele die ganze Sache mit dem Tod anders sieht. Natürlich sieht sie auch die ganze »Sache mit dem Leben« anders, und das ist die Ursache von viel Frustration und Angst, die der Mensch im Leben empfindet. Frustration und Angst entstehen, wenn ihr nicht auf eure Seele hört.

Wie kann ich am besten auf meine Seele hören? Wie kann ich, wenn die Seele die Chefin ist, sichergehen, daß ich Anweisungen aus der Chefetage erhalte?

Als erstes könntest du dir darüber klarwerden, worauf die Seele aus ist – und aufhören, deine Urteile darüber abzugeben.

Ich gebe Urteile über meine eigene Seele ab?

Ständig. Ich habe dir gerade gezeigt, wie du dich dafür verurteilst, daß du sterben willst. Du verurteilst dich auch dafür, daß du leben willst – wirklich leben. Du verurteilst dich dafür, daß du lachen, weinen, gewinnen, verlieren, daß du Freude und Liebe erfahren willst, für letzteres verurteilst du dich sogar ganz besonders.

Ist das wahr?

[133]

Irgendwie seid ihr mal auf die Idee verfallen, daß es gottgefällig sei, sich selbst Freude zu verwehren; daß es eine himmlische Tugend sei, das Leben nicht zu feiern. Selbstverleugnung, so habt ihr euch gesagt, heißt Gutsein.

Und du meinst, daß Selbstverleugnung schlecht ist?

Sie ist weder gut noch schlecht, sie ist einfach Selbstverleugnung. Wenn du dich gut fühlst, nachdem du dir etwas verweigert hast, dann heißt das in eurer Welt, daß es etwas Gutes ist. Wenn du dich schlecht fühlst, dann heißt das, daß es etwas Schlechtes ist. Meist könnt ihr euch nicht entscheiden. Ihr verweigert euch dies oder jenes, weil ihr euch sagt, daß es sich so gehört. Dann sagt ihr, es war gut, daß ihr so gehandelt habt, wundert euch aber, daß ihr euch nicht gut fühlt.

Also müßt ihr als erstes aufhören, euch selbst zu verurteilen. Bringt in Erfahrung, wonach eure Seele verlangt, und haltet euch daran. Richtet euch nach eurer Seele.

Die Seele ist auf das höchste Gefühl der Liebe aus, das ihr euch vorstellen könnt. Danach verlangt sie. Das ist ihr Ziel. Die Seele ist auf das Gefühl aus. Nicht auf das Wissen, sondern auf das Gefühl. Das Wissen hat sie bereits, aber es ist begrifflicher Natur. Das Gefühl ist erfahrungsgemäßer Natur. Die Seele will sich selbst fühlen und sich so in ihrer eigenen Erfahrung kennenlernen, erkennen.

Das höchste Gefühl ist die Erfahrung der Einheit mit Allem-Was-Ist. Dies ist die große Rückkehr zur Wahrheit, welche die Seele ersehnt. Dies ist das Gefühl vollkommener Liebe.

[134]

Die vollkommene Liebe ist für das Gefühl das, was Weiß für die Farben ist. Viele glauben, daß Weiß die Abwesenheit von Farbe sei. Das Gegenteil ist der Fall: Weiß beinhaltet sämtliche Farben. Es ist die Verbindung von allen anderen existierenden Farben.

Und so ist die Liebe auch nicht die Abwesenheit von Emotion (Haß, Wut, sinnliche Begierde, Eifersucht, Gier), sondern die Summe aller Gefühle. Die Gesamtsumme. Der Gesamtbetrag. Alles und jedes.

Die Seele muß also, um die vollkommene Liebe zu erfahren, jedes menschliche Gefühl durchleben.

Wie kann ich Mitgefühl für etwas empfinden, das ich nicht verstehe? Wie kann ich jemandem für etwas vergeben, das ich nie in mir erfahren habe? Wir sehen also die Einfachheit und die ehrfurchtgebietende Großartigkeit der Reise der Seele. Wir verstehen endlich, worauf sie aus ist: Das Ziel der menschlichen Seele ist die Erfahrung von allem, damit sie alles sein kann.

Wie kann sie oben sein, wenn sie nie unten war, links, wenn sie nie rechts war? Wie kann sie warm sein, wenn sie nie das Kalte kennenlernte, gut, wenn sie das Böse verweigert? Ganz offensichtlich kann die Seele keine Wahl für irgend etwas treffen, wenn es nichts zu wählen gibt. Wenn sich die Seele in ihrer ganzen Macht und Herrlichkeit erfahren will, muß sie wissen, was Macht und Herrlichkeit sind.

Aber dazu ist sie nicht in der Lage, wenn es lediglich Macht und Herrlichkeit gibt. Und so erkennt die Seele, daß Macht und Herrlichkeit nur im Raum dessen existieren, was nicht Macht und Herrlichkeit ist. Daher verdammt die Seele nie [135]das, was nicht großartig ist, sondern segnet es – sieht in ihm einen Teil von sich selbst, der existieren muß, damit sich ein anderer Teil ihrer selbst manifestieren kann.

Die Seele hat natürlich die Aufgabe, euch dazu zu bringen, die Macht und Herrlichkeit zu wählen – das Beste von wer-ihr-seid auszusuchen –, ohne das zu verdammen, was ihr nicht auswählt.

Das ist die große Aufgabe, die viele Leben in Anspruch nimmt, denn ihr neigt zu einem allzu raschen Urteil und nennt etwas »falsch« oder »schlecht«, oder »nicht ausreichend«, statt das zu segnen, was ihr nicht wählt.

Ihr begeht noch etwas Schlimmeres als nur zu verurteilen: Ihr trachtet danach, dem, was ihr nicht wählt, Schaden zuzufügen. Ihr seid bestrebt, es zu zerstören. Ihr attackiert eine Person, einen Ort, eine Sache, mit der ihr nicht übereinstimmt. Eine Religion, die sich nicht mit der euren vereinbaren läßt, erklärt ihr für falsch. Einen Gedanken, der dem euren widerspricht, macht ihr lächerlich. Eine Idee, die nicht die eure ist, lehnt ihr ab. Und damit begeht ihr einen Fehler, denn so erschafft ihr nur die Hälfte eines Universums. Und ihr könnt noch nicht einmal eure Hälfte verstehen, wenn ihr die andere Hälfte einfach so in Bausch und Bogen ablehnt.

Dies ist alles sehr tiefgründig – und ich danke dir. Keiner hat mir je diese Dinge so erklärt. Wenigstens nicht in solcher Einfachheit. Und ich versuche zu verstehen. Ich versuche es wirklich. Doch einiges läßt sich nur schwer begreifen. So scheinst du zum Beispiel von uns zu fordern, daß wir das »Unrechte« lieben sollen, um das »Rechte« kennenzulernen, [136]Willst du damit sagen, daß wir sozusagen den Teufel umarmen sollen?

Wie sonst kannst du ihn heilen? Natürlich existiert kein wirklicher Teufel, aber ich antworte dir mit dem Begriff, den du gebraucht hast.

Heilung ist der Prozeß, bei dem ihr alles akzeptiert und dann das Beste wählt. Verstehst du das? Du kannst nicht die Wahl treffen, Gott zu sein, wenn nichts anderes zur Auswahl steht.

Halt, Moment mal! Wer hat was von einer Wahl, Gott zu sein, gesagt?

Das höchste Gefühl ist vollkommene Liebe, nicht wahr?

Ja, das denke ich.

Und kannst du eine bessere Beschreibung Gottes finden?

Nein, kann ich nicht.

Nun, deine Seele strebt das höchste Gefühl an. Sie trachtet danach, die vollkommene Liebe zu erfahren, die vollkommene Liebe zu sein.

Sie ist vollkommene Liebe – und sie weiß das. Aber sie möchte mehr tun, als dies nur wissen. Sie möchte sie in ihrer Erfahrung sein.

Natürlich ist euer Bemühen darauf ausgerichtet, Gott zu sein! Was denkst du, worauf ihr sonst aus seid?

[137]Ich weiß nicht, bin mir nicht sicher. Ich schätze, ich habe das nie so bedacht. Es scheint nur so etwas vage Blasphemisches an sich zu haben.

Ist es nicht interessant, daß du nichts Blasphemisches daran findest, wenn jemand bestrebt ist, dem Teufel zu gleichen, du dich aber in deinen Gefühlen verletzt fühlst, wenn es ums Bestreben geht, Gott zu gleichen …

Nun hör aber auf! Wer ist bestrebt, dem Teufel zu gleichen?

Ihr seid es. Ihr alle seid es! Ihr habt sogar Religionen erschaffen, die euch lehren, daß ihr sündig zur Welt kommt – daß ihr von Geburt an Sünder seid –, um euch von eurer eigenen Schlechtigkeit zu überzeugen. Doch wenn ich euch sagte, daß ihr aus Gott geboren seid – daß ihr bei der Geburt reine Götter und Göttinnen, reine Liebe seid, würdet ihr mich ablehnen.

Euer ganzes Leben habt ihr damit verbracht, euch die Überzeugung einzuhämmern, daß ihr schlecht seid. Und nicht nur das, sondern auch, daß die Dinge, die ihr haben wollt, schlecht sind: Sex, Geld, Freude, Macht. Eine Menge – von was auch immer – zu haben ist ebenfalls schlecht. Manche eurer Religionen haben euch sogar glauben machen lassen, daß Tanzen, Musik, das Leben feiern schlecht ist. Bald werdet ihr euch einig sein, daß Lächeln, Lachen, Lieben schlecht ist.

Nein, mein Freund, ihr seid euch vielleicht über viele Dinge nicht im klaren, aber eines steht für euch felsenfest: Ihr seid schlecht, und das meiste von dem, was ihr euch sehnlichst [138]wünscht, ist ebenfalls schlecht. Nachdem ihr dieses Urteil über euch gefällt habt, faßtet ihr den Beschluß, daß es eure Aufgabe ist, euch zu bessern.

Das ist in Ordnung. Es ist jedenfalls die gleiche Zielsetzung – nur daß es eine raschere Möglichkeit, eine kürzere Route, einen schnelleren Weg gibt.

Welcher wäre?

Die Akzeptanz dessen, wer und was ihr im Moment seid – und es zu demonstrieren.

Das ist es, was Jesus tat. Das ist der Weg Buddhas, der Weg Krischnas, der Weg jedes Meisters, der auf dem Planeten erschienen ist.

Und jeder dieser Meister verkündete auch die gleiche Botschaft: Was ich bin, seid ihr ebenso. Was ich tun kann, könnt ihr ebenfalls tun. Diese Dinge und mehr werdet auch ihr tun.

Aber ihr habt nicht zugehört. Ihr habt statt dessen den weitaus schwierigeren Weg des Menschen gewählt, der glaubt, der Teufel zu sein, der sich einbildet, schlecht zu sein.

Ihr sagt, es sei schwierig, den Weg Christi zu beschreiten, den Lehren Buddhas zu folgen, das Licht Krischnas leuchten zu lassen, ein Meister zu sein. Ich sage euch dies: Es ist weitaus schwieriger, zu leugnen, wer-ihr-seid, als es zu akzeptieren.

Ihr seid das Gute und Erbarmen und Mitgefühl und Verständnis. Ihr seid Friede und Freude und Licht. Ihr seid Vergebung und Geduld, Stärke und Mut, Helfer in Zeiten der Not, Tröster in Zeiten des Leids, Heiler in Zeiten der Verletzung, [139]Lehrer in Zeiten der Verwirrung. Ihr seid die tiefste Weisheit und höchste Wahrheit; der höchste Friede und die großartigste Liebe. Diese Dinge seid ihr. Und es gibt Momente in eurem Leben, in denen ihr euch als diese Dinge erkannt habt.

Trefft nun die Wahl, euch immer als diese Dinge zu erkennen.

 

 

[140]

4

Toll! Du inspirierst mich!

Nun, wenn Gott dich nicht inspirieren kann, wer zur Hölle dann?

Bist du immer so schnodderig?

Das war nicht schnodderig gemeint. Lies es noch mal.

Oh, ich sehe.

Ja. Doch wäre es ja wohl in Ordnung, wenn ich schnodderig wäre, oder?

Ich weiß nicht. Ich bin es gewöhnt, daß mein Gott ein bißchen ernsthafter ist.

Also, tu mir den Gefallen und versuch nicht, mir Grenzen aufzuerlegen. Und tu dir übrigens diesen Gefallen ebenfalls.

Es ist nun mal so, daß ich einen starken Sinn für Humor habe. Ich würde sagen, den braucht man, wenn man sieht, was ihr alle mit dem Leben angefangen habt, oder? Ich meine, manchmal muß ich einfach darüber lachen.

Das ist jedoch in Ordnung, denn schau, ich weiß, daß am Ende alles gut ausgehen wird.

[141]Was meinst du?

Ich meine, daß ihr dieses Spiel nicht verlieren könnt. Ihr könnt nicht fehlgehen. Das gehört nicht zum Plan. Es gibt keine Möglichkeit, nicht dorthin zu kommen, wohin ihr unterwegs seid. Es gibt keine Möglichkeit, euer Ziel zu verfehlen. Wenn Gott euer Ziel ist, dann habt ihr Glück, weil Gott so groß ist, daß ihr ihn nicht verfehlen könnt.

Das ist natürlich die große Sorge. Die Sorge, daß wir irgendwie alles vermasseln und nie dazu kommen, dich zu sehen, bei dir zu sein.

Du meinst, »in den Himmel kommen«?

Ja. Wir haben alle Angst, in der Hölle zu landen.

Also habt ihr euch selbst von Anfang an dort niedergelassen, um zu vermeiden, dort hinzukommen. Hm – interessante Strategie.

Du bist schon wieder flapsig.

Ich kann's nicht ändern. Diese ganze Höllen-Angelegenheit bringt das Schlimmste in mir zum Vorschein!

Grundgütiger, du bist ja ein richtiger Komödiant.

Hast du so lange gebraucht, um das rauszufinden? Hast du mal kürzlich einen Blick auf die Welt geworfen?

[142]Was mich zu einer anderen Frage veranlaßt. Warum bringst du die Welt nicht einfach in Ordnung, statt sie zur Hölle gehen zu lassen?

Warum übernimmst du das nicht?

Ich habe nicht die Macht dazu.

Unsinn. Ihr verfügt über die Macht und die Fähigkeit, in dieser Minute dem Hunger in der Welt ein Ende zu setzen, in diesem Moment Krankheiten zu heilen. Was, wenn ich dir sagte, daß euer eigener schulmedizinischer Berufsstand Heilmethoden zurückhält, sich weigert, alternative Heilmittel und Heilverfahren zuzulassen, weil sie den Beruf des »Heilens« in seiner Struktur bedrohen? Was, wenn ich dir sagte, daß die Regierungen der Welt den Hunger überhaupt nicht beseitigen wollen? Würdest du mir glauben?

Das fiele mir schwer. Ich weiß, das ist eine häufig vertretene Ansicht, aber ich glaube nicht, daß sie wirklich zutrifft. Kein Arzt möchte sich einer Heilungsmöglichkeit verweigern. Niemand möchte seine Landsleute sterben sehen.

Kein einzelner Arzt, das ist wahr. Kein bestimmter Landsmann, das ist richtig. Aber die ärztliche Versorgung und das Politikmachen sind institutionalisiert worden, und es sind die Institutionen, die gegen diese Dinge ankämpfen. Manchmal sehr subtil, manchmal sogar unbewußt, aber sie tun es unweigerlich, weil es für sie eine Sache des Überlebens ist.

[143]

Und so, um dir nur ein einfaches und sehr offensichtliches Beispiel zu geben, bestreiten die Ärzte im Westen die Wirksamkeit der östlichen medizinischen Heilmethoden, denn wenn sie diese akzeptierten, müßten sie zugeben, daß gewisse alternative Vorgehensweisen ebenfalls zur Heilung führen können, und dies würde im Gebäude der Institution, so wie sie sich strukturiert hat, Risse verursachen.

Das ist kein böser Wille, doch es ist hinterhältig. Der Berufsstand handelt nicht so, weil er verdorben ist. Ihn veranlaßt die Angst dazu.

Jeder Angriff ist ein Hilferuf.

Das habe ich in Ein Kurs in Wundern gelesen.

Ich habe dafür gesorgt, daß es da drinsteht.

Du hast aber auch auf alles eine Antwort.

Was mich daran erinnert, daß wir erst angefangen haben, auf deine Fragen einzugehen. Wir sprachen darüber, wie du dein Leben »auf die Reihe kriegen« und »abheben« kannst. Ich sprach über den Schöpfungsprozeß.

Ja, und du wurdest von mir ständig unterbrochen.

Das ist in Ordnung, aber laß uns nun darauf zurückkommen, da wir ja nicht den Faden von etwas sehr Wichtigem verlieren wollen.

Das Leben ist eine Schöpfung, nicht eine Entdeckung.

Ihr lebt nicht, um zu entdecken, was jeder Tag für euch [144]bereithält, sondern um ihn zu erschaffen. Ihr erschafft eure Realität jede Minute und wahrscheinlich ohne es zu wissen.

Hier folgt nun, warum das so ist und wie es funktioniert.

1. Ich habe euch nach dem Ebenbild Gottes erschaffen.

2. Gott ist der Schöpfer.

3. Ihr seid drei Wesen in einem. Ihr könnt diese drei Aspekte benennen, wie ihr wollt: Vater, Sohn und Heiliger Geist; Körper, Geist und Seele; Überbewußtsein, Bewußtsein, Unterbewußtsein.

4. Die Schöpfung ist ein Prozeß, der von diesen drei Bereichen eures Körpers ausgeht. Anders ausgedrückt: Ihr erschafft auf drei Ebenen. Die Instrumente der Schöpfung sind: Gedanke, Wort und Tat.

5. Alle Schöpfung beginnt mit dem Gedanken (»geht vom Vater aus«). Alle Schöpfung geht dann über zum Wort (»Bittet, dann wird euch gegeben, sprecht und es wird euch getan werden«). Alle Schöpfung erfüllt sich in der Tat (»Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«).

6. Das, woran ihr denkt, worüber ihr aber nie sprecht, erschafft auf einer Ebene. Das, woran ihr denkt und worüber ihr sprecht, erschafft auf einer anderen Ebene. Das, woran ihr denkt, worüber ihr sprecht und es tut, manifestiert sich in eurer Realität.

7. Es ist unmöglich, daß ihr an etwas denkt, es aussprecht und tut, wenn ihr dieses Etwas nicht wirklich glaubt. Deshalb muß der Schöpfungsprozeß Glaube oder Wissen beinhalten. Das ist der absolute Glaube. Dies geht über das Hoffen hinaus. Das ist das Wissen um eine Gewißheit [145](»Durch euren Glauben sollt ihr geheilt werden«). Deshalb beinhaltet der Teil des Tuns beim Schöpfungsakt immer Wissen. Dies ist eine tiefe innere Klarheit, eine absolute Gewißheit, das totale Akzeptieren von etwas als Realität.

8. Dieser Ort des Wissens ist ein Ort innigster und unglaublicher Dankbarkeit. Es ist eine Dankbarkeit im voraus. Und das ist vielleicht der bedeutsamste Schlüssel für das Erschaffen: dankbar sein vor der und für die Erschaffung. Dieses Für-selbstverständlich-Nehmen wird nicht nur entschuldigt, es wird dazu sogar ermuntert. Das ist das sichere Zeichen der Meisterschaft. Alle Meister wissen im voraus, daß die Tat vollbracht ist.

9. Feiere und freue dich an allem, was du erschaffst, erschaffen hast. Einen Teil davon ablehnen, heißt einen Teil von dir ablehnen. Erkenne als dein eigen an, beanspruche, segne, sei dankbar für das, was immer sich dir im Moment als Teil deiner Schöpfung zeigt. Verdamme es nicht (»Gottverdammt noch mal!«), denn es verdammen heißt dich selbst verdammen.

10. Wenn es einen Aspekt der Schöpfung gibt, der dir nicht gefällt, dann segne und ändere ihn einfach. Triff eine neue Wahl. Ruf eine neue Realität herbei. Denk einen neuen Gedanken. Sag ein neues Wort. Tu etwas Neues. Mach es hervorragend, und der Rest der Welt wird dir folgen. Bitte sie darum. Ruf sie an. Sag: »Ich bin das Leben und der Weg, folge mir.«

So manifestiert sich Gottes Wille »wie im Himmel so auf Erden«.

[146]Wenn das alles so einfach ist und es nur dieser zehn Schritte bedarf – warum funktioniert das bei den meisten von uns nicht so?

Es funktioniert so, bei allen von euch. Manche benutzen das »System« bewußt, in vollem Gewahrsein, und manche benutzen es unbewußt, ohne überhaupt zu wissen, was sie tun.

Manche von euch gehen ihren Weg in aller Wachheit, während manche schlafwandeln. Doch ihr alle erschafft eure Realität – ihr erschafft sie, ihr entdeckt sie nicht –, benutzt die Macht, die euch von mir verliehen wurde, und wendet den Prozeß an, den ich gerade beschrieben habe.

Du hast gefragt, wann dein Leben »abheben« wird, und ich habe dir nun die Antwort gegeben.

Dein Leben wird »abheben«, wenn du als erstes darüber nachdenkst und dir sehr klar darüber wirst. Denk darüber nach, was du sein, tun und haben willst. Denk oft darüber nach, bis du dir völlig im klaren darüber bist. Wenn du diese Klarheit gewonnen hast, dann denk über nichts anderes nach. Stell dir keine anderen Möglichkeiten vor.

Verbanne sämtliche negativen Gedanken aus deinen mentalen Gebäuden. Verliere jeglichen Pessimismus. Entlasse alle Zweifel. Sag dich von allen Ängsten los. Diszipliniere deinen Geist und bring ihn dazu, am ursprünglichen schöpferischen Gedanken festzuhalten.

Wenn deine Gedanken klar und beständig sind, dann fang an, sie als Wahrheit auszusprechen. Formuliere sie laut. Bediene dich des großen Befehls, der die schöpferische Macht aufruft: Ich bin. Mach diese Aussagen des »Ich bin« auch [147]anderen gegenüber. »Ich bin« ist die stärkste schöpferische Aussage im Universum. Was immer du denkst, was immer du sagst, die entsprechenden Erfahrungen werden nach den Worten »Ich bin« in Gang gesetzt, herbeigerufen, zu dir gebracht.

Das Universum kennt keine andere Weise des Funktionierens. Es kennt keine andere Route, die es nehmen kann. Das Universum reagiert auf das »Ich bin« wie der Geist in der Flasche.

Du sagst »Entlasse alle Zweifel, sag dich von allen Ängsten los, verliere allen Pessimismus« so, als ginge es darum, einen Laib Brot zu holen. Aber diese Dinge sind leichter gesagt als getan. »Verbanne sämtliche negativen Gedanken aus deinen mentalen Gebäuden« könnte genausogu heißen: »Erklimme den Everest – vor dem Mittagessen.« Das ist eine ziemlich gewaltige Anforderung.

Die Zähmung deiner Gedanken, die Kontrolle über sie ist nicht so schwierig, wie es vielleicht erscheint (übrigens, was das angeht, auch nicht das Erklimmen des Everest.) Es ist alles eine Sache der Disziplin, eine Frage der Absicht.

Der erste Schritt besteht darin, daß du lernst, deine Gedanken zu überprüfen; über das nachzudenken, worüber du nachdenkst.

Wenn du dich dabei ertappst, daß du negative Gedanken hegst – Gedanken, die deine höchste gedankliche Vorstellung von etwas negieren –, dann denk noch einmal! Ich möchte, daß du das tust, buchstäblich. Wenn du denkst, daß du eine Depression hast, in der Patsche sitzt und nichts [148]Gutes dabei herauskommen kann – denk noch einmal! Wenn du denkst, daß die Welt ein gräßlicher Ort ist, voller negativer Ereignisse, – denk noch einmal. Wenn du denkst, daß dein Leben auseinanderbricht und du es anscheinend nie wieder zusammensetzen kannst – denk noch einmal. Du kannst dich dazu trainieren. (Schau, wie gut du es dir beigebracht hast, es nicht zu tun!)

Ich danke dir. Der Prozeß wurde mir noch nie so klar und deutlich erklärt. Ich wollte, es wäre alles so leicht getan wie gesagt, aber jetzt verstehe ich zumindest besser – denke ich.

Na gut. Falls du eine Repetition der Lektion brauchst – wir haben ja noch einige Leben.

 

 

[149]

5

Was ist der wahre Weg zu Gott?

Ist es der Weg der Entsagung, wie manche Yogis glauben? Und wie steht es mit dem, was man Leiden nennt? Sind Leiden und Dienen der Weg, der zu Gott führt, wie viele Asketen behaupten? Verdienen wir uns den Weg in den Himmel dadurch, daß wir »gut sind«, wie so viele Religionen lehren? Oder sind wir frei zu tun, wie es uns beliebt, können wir jede Regel brechen oder ignorieren, irgendwelche traditionellen Lehren beiseite lassen, uns hemmungslos in alles mögliche stürzen und ins Nirwana eingehen, wie viele New-Age-Anhänger meinen? Wie ist es nun? Strenge moralische Prinzipien oder tu, wie dir beliebt? Traditionelle Werte oder schaff sie dir selbst, so wie es sich eben ergibt? Die Zehn Gebote oder die Sieben Schritte zur Erleuchtung?

Du hast ein großes Bedürfnis danach, daß es entweder so oder so sein soll, nicht wahr … könnte es nicht alles das sein?

Ich weiß nicht. Ich frage dich.

Dann will ich dir so antworten, wie du es am besten verstehen kannst, obwohl ich dir jetzt auch sage, daß die Antwort in deinem Innern liegt. Ich sage das allen Menschen, die meine Worte hören und meine Wahrheit suchen.

[150]

Jedem Herz, das ernsthaft die Frage nach dem Weg zu Gott stellt, wird die Antwort gezeigt. Ein jeder erhält eine tief im Herzen empfundene Wahrheit. Kommt zu mir auf dem Weg eures Herzens, nicht über eine Verstandesreise. Ihr werdet mich nie in eurem verstandesmäßigen Bewußtsein finden.

Um Gott wirklich zu erkennen und zu erfahren, müßt ihr euren Verstandesbereich verlassen!

Doch deine Frage verlangt eine Antwort, und ich werde mich der Vehemenz deiner Befragung nicht entziehen.

Ich werde mit einer Aussage beginnen, die dich bestürzen und vielleicht viele Menschen in ihren Empfindungen verletzen wird: So etwas wie die Zehn Gebote gibt es nicht.

Was, es gibt sie nicht?

Nein. Denn wem sollte ich gebieten? Mir selbst? Und warum wären solche Gebote erforderlich? Was immer ich will, das ist. Oder etwa nicht? Wie sollte es da also nötig sein, irgend jemandem zu gebieten?

Und würden Gebote, wenn ich sie erließe, nicht automatisch befolgt werden? Wie könnte ich so sehr wünschen, daß etwas so sein soll, daß ich es gebiete – um dann dazusitzen und mir anzusehen, daß es nicht so ist?

Welcher König würde das tun? Welcher Herrscher?

Und doch sage ich euch dies: Ich bin weder ein König noch ein Herrscher. Ich bin einfach – und ehrfurchtgebietend – der Schöpfer. Doch der Schöpfer herrscht nicht, er erschafft nur, erschafft und erschafft immerfort.

Ich habe euch erschaffen – und gesegnet – nach meinem [151]Ebenbild. Und ich habe euch gewisse Versprechen gegeben, bin euch gegenüber gewisse Verpflichtungen eingegangen. Ich habe euch in einfachen und klaren Worten erklärt, wie es sich mit euch verhalten wird, wenn ihr mit mir eins werdet.

Du bist wie Moses ein ernsthaft Suchender. Auch Moses stand wie du jetzt vor mir und bat um Antworten. »O Gott meiner Väter!« rief er. »Gott meines Gottes, laß dich herab und zeig dich mir. Gib mir ein Zeichen, damit ich meinem Volk davon berichten kann. Woran können wir erkennen, daß wir auserwählt sind?«

Und ich kam zu Moses, so wie ich jetzt zu dir gekommen bin, mit einem göttlichen Bund – einem immerwährenden Versprechen – mit einer sicheren und gewissen Verpflichtung. »Wie kann ich sicher sein?« fragte Moses klagend.

»Weil ich es dir gesagt habe«, antwortete ich. »Du hast das Wort Gottes.«

Und das Wort Gottes war kein Gebot, sondern ein Bund. Und dies nun sind die …

… ZEHN VERPFLICHTUNGEN

Ihr werdet wissen, daß ihr den Weg zu Gott genommen habt, und ihr werdet wissen, daß ihr Gott gefunden habt, denn es wird diese Zeichen, diese Hinweise, diese Veränderungen in euch geben:

1. Ihr werdet Gott mit eurem ganzen Herzen, mit eurem ganzen Geist und mit eurer ganzen Seele lieben. Und ihr werdet keinen anderen Gott über mich stellen. Ihr werdet nicht länger menschliche Liebe oder Erfolg oder Macht oder irgendein Symbol davon anbeten. Ihr werdet [152]alle diese Dinge aufgeben, so wie ein Kind sein Spielzeug ablegt. Nicht, weil diese Dinge nichts wert sind, sondern weil ihr ihnen entwachsen seid.

Und ihr werdet wissen, daß ihr den Weg zu Gott gefunden habt, weil

2. ihr den Namen Gottes nicht mißbrauchen werdet. Und ihr werdet mich auch nicht um nichtiger Dinge willen anrufen. Ihr werdet die Macht des Wortes und der Gedanken verstehen und nicht daran denken, den Namen Gottes auf gottlose Weise auszusprechen. Ihr werdet meinen Namen nicht vergeblich gebrauchen, weil ihr es nicht könnt. Denn mein Name – das große »Ich Bin« – wird nicht und kann niemals vergeblich (das heißt ergebnislos) gebraucht werden. Und wenn ihr Gott gefunden habt, werdet ihr dies wissen.

Und ich will euch auch diese anderen Zeichen geben:

3. Ihr werdet daran denken, mir einen Tag vorzubehalten, und ihr werdet ihn heilig nennen. Das, damit ihr nicht lange in eurer Illusion verharrt, sondern euch dazu bringt, euch daran zu erinnern, wer und was ihr seid. Und dann werdet ihr bald jeden Tag einen Sabbat und jeden Augenblick heilig nennen.

4. Ihr werdet eure Mutter und euren Vater ehren – und ihr werdet wissen, daß ihr Gotteskinder seid, wenn ihr euren Gottvater/eure Gottmutter in allem, was ihr sagt oder tut oder denkt, ehrt. Und so wie ihr Gottvater/Gottmutter und euren Vater und eure Mutter auf Erden ehrt (denn sie haben euch Leben gegeben), werdet ihr ein jedes Wesen ehren.

5. Ihr wißt, daß ihr Gott gefunden habt, wenn ihr darauf [153]achtet, daß ihr nicht mordet (das heißt, willentlich ohne Grund tötet). Denn obgleich ihr versteht, daß ihr keinesfalls das Leben eines anderen beenden könnt (alles Leben ist ewig), werdet ihr euch doch nicht dazu entscheiden, ohne allerheiligsten, gerechtfertigtsten Grund irgendeiner bestimmten Inkarnation ein Ende zu setzen oder irgendeine Lebensenergie von einer Form in eine andere zu verwandeln. Eure neue Ehrfurcht vor dem Leben wird euch dazu veranlassen, alle Lebensformen – einschließlich der Pflanzen, Bäume und Tiere – zu achten und nur dann auf sie einzuwirken, wenn es dem höchsten Gut dient.

Und diese anderen Zeichen will ich euch schicken, damit ihr wißt, daß ihr auf dem Weg seid:

6. Ihr werdet die Reinheit der Liebe nicht durch Unehrlichkeit oder Täuschung entweihen, denn das ist ehebrecherisch. Ich verspreche euch, daß ihr, wenn ihr Gott gefunden habt, diesen Ehebruch (diese Unkeuschheit) nicht begehen werdet.

7. Ihr werdet kein Ding nehmen, das euch nicht gehört, noch werdet ihr betrügen, ein Komplott schmieden, einem anderen schaden, um etwas zu bekommen, denn das hieße stehlen. Ich verspreche euch, daß ihr, wenn ihr Gott gefunden habt, nicht stehlen werdet.

Noch werdet ihr …

8. … etwas Unwahres sagen und so falsches Zeugnis geben.

Noch werdet ihr …

9. … eures Nächsten Gefährtin/Gefährten begehren, denn warum solltet ihr eures Nächsten Gefährtin/Gefährten [154]haben wollen, wenn ihr wißt, daß alle anderen eure Seelengefährten sind?

Noch werdet ihr …

10. … eures Nächsten Güter begehren, denn warum solltet ihr eures Nächsten Güter haben wollen, wenn ihr wißt, daß alle Güter die euren sein können und alle eure Güter der Welt angehören?

Ihr werdet wissen, daß ihr den Weg zu Gott gefunden habt, wenn ihr diese Zeichen seht. Denn ich verspreche euch, daß keiner, der wahrhaft Gott sucht, noch länger diese Dinge tun wird. Es wäre unmöglich, solche Verhaltensweisen fortzusetzen.

Das sind eure Freiheiten, nicht eure Beschränkungen. Das sind meine Verpflichtungen, nicht meine Gebote. Denn Gott kommandiert nicht herum, was von ihm erschaffen worden ist – Gott sagt Gottes Kindern nur: Auf diese Weise werdet ihr wissen, daß ihr nach Hause kommt.

Moses fragte ernsthaft: »Wie kann ich wissen? Gib mir ein Zeichen.« Moses stellte die gleiche Frage wie du jetzt, jene Frage, die alle Menschen allerorten seit Anbeginn der Zeit gestellt haben.

Meine Antwort ist gleichermaßen ewig gültig. Aber es gab nie und wird nie ein Gebot geben. Denn wem soll ich gebieten? Und wen soll ich bestrafen, wenn meine Gebote nicht eingehalten werden?

Es gibt nur mich.

Also muß ich die Zehn Gebote nicht einhalten, um in den Himmel zu kommen.

[155]

So etwas wie »in den Himmel kommen« gibt es nicht. Es gibt nur ein Wissen, daß du schon dort bist. Es gibt ein Akzeptieren, ein Verstehen, es gibt kein dafür Arbeiten, kein Hinstreben.

Du kannst nicht dorthin gehen, wo du schon bist. Dazu müßtest du den Ort, wo du bist, verlassen, und das würde den ganzen Zweck der Reise zunichte machen.

Ironischerweise denken die meisten Menschen, daß sie von dort, wo sie sind, weggehen müssen, um dahin zu kommen, wo sie hinwollen. Und so verlassen sie den Himmel, um in den Himmel zu gelangen – und gehen durch die Hölle.

Erleuchtung ist das Verstehen, daß ihr nirgendwohin gehen müßt, nichts tun müßt und niemand sein müßt, außer genau der Mensch, der ihr jetzt seid.

Ihr seid auf einer Reise nach nirgendwohin.

Der Himmel – wie ihr ihn nennt – ist nirgendwo. Er ist jetzt, und er ist hier.

Alle Welt sagt das – jedermann! Es macht mich verrückt! Wie kommt es, daß wenn der »Himmel jetzt und hier ist«, ich ihn nicht sehen kann? Warum fühle ich ihn nicht? Und warum ist die Welt ein solcher Schlamassel?

Ich verstehe deine Frustration. Es ist fast ebenso frustrierend zu versuchen, all das zu verstehen, wie zu versuchen, jemanden dazu zu bringen, das zu verstehen.

Halt! Moment mal! Willst du mir zu verstehen geben, daß Gott frustriert sein kann?

[156]

Wer, glaubst du, hat die Frustration erfunden? Und bildest du dir ein, daß du etwas erfahren kannst, das ich nicht erfahren kann?

Ich sage euch dies: Jede Erfahrung, die ihr macht, mache ich auch. Seht ihr nicht, daß ich mein Selbst durch euch erfahre? Wozu sonst, denkt ihr, findet all das statt?

Ich könnte mich ohne euch nicht selbst erfahren. Ich habe euch erschaffen, damit ich erfahren kann, Wer-Ich-Bin.

Nun will ich ja nicht alle deine Illusionen über mich in einem einzigen Kapitel zerstören, weshalb ich dir sage, daß ich in meiner erhabensten Form – also jener, die ihr Gott nennt – keine Frustration erfahre.

Na, das ist schon besser. Du hast mich für einen Moment ganz schön erschreckt.

Aber das ist nicht so, weil ich es nicht könnte. Es ist ganz einfach so, weil ich mich dagegen entscheide. Und diese Wahl könnt ihr übrigens ebenfalls treffen.

Nun, frustriert oder nicht – ich frage mich immer noch, wie es sein kann, daß der Himmel genau hier ist und ich ihn nicht erfahre.

Ihr könnt nicht erfahren, was ihr nicht wißt. Und ihr wißt nicht, daß ihr hier und jetzt im »Himmel« seid, weil ihr ihn nicht erfahren habt. Für euch ist das ein Teufelskreis. Ihr könnt nicht erfahren – habt noch keinen Weg dorthin gefunden –, was ihr nicht wißt, und ihr wißt nicht, was ihr noch nicht erfahren habt.

[157]

Erleuchtung verlangt von euch, etwas zu wissen, was ihr nicht erfahren habt, und es somit zu erfahren. Wissen öffnet die Tür zur Erfahrung – und ihr stellt euch vor, daß es andersherum ist.

Tatsächlich wißt ihr sehr viel mehr, als ihr erfahren habt. Ihr wißt einfach nicht, daß ihr wißt.

Ihr wißt zum Beispiel, daß ein Gott existiert. Aber unter Umständen wißt ihr nicht, daß ihr dies wißt. Also wartet ihr weiterhin auf die Erfahrung. Doch die ganze Zeit über habt ihr sie schon. Ihr habt sie, ohne es zu wissen – was damit gleichbedeutend ist, sie gar nicht zu haben.

Jetzt bewegen wir uns aber im Kreis.

Ja. Und statt ständig im Kreis herumzugehen, sollten wir vielleicht der Kreis selbst sein. Dies muß kein Teufelskreis sein. Es kann ein sublimer Kreis sein.

Gehört Entsagung zu einem wahrhaft spirituellen Leben?

Ja, weil letztlich jeglicher reine Geist dem entsagt, was nicht wirklich ist; und nichts im Leben, das ihr führt, ist wirklich – außer eurer Beziehung zu mir. Doch die Entsagung im klassischen Sinn von Selbstverleugnung ist nicht erforderlich.

Ein wahrer Meister »gibt nicht irgend etwas auf«. Er legt es nur beiseite, wie er mit allem verfahren würde, das er nicht länger brauchen kann.

Da gibt es jene, die sagen, daß ihr alle eure Begierden und Wünsche überwinden müßt. Ich sage, ihr müßt sie einfach [158]ändern. Erstere Praxis nimmt sich wie eine rigorose Disziplin aus, die zweite ist eine freudvolle Übung.

Da gibt es jene, die sagen, daß ihr alle irdischen Leidenschaften überwinden müßt, um Gott zu erkennen. Doch es reicht aus, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Etwas, dem ihr euch widersetzt, das bleibt bestehen. Das, was ihr anschaut, das verschwindet.

Diejenigen, die ernsthaft versuchen, alle irdischen Leidenschaften zu überwinden, arbeiten oft so hart daran, daß man sagen könnte, dies sei zu ihrer Leidenschaft geworden. Sie leben in einer »Leidenschaft für Gott«; einer Leidenschaft, ihn zu erfahren. Aber Leidenschaft ist Leidenschaft, die nicht dadurch ausgelöscht wird, daß ihr die eine durch die andere ersetzt.

Deshalb sollt ihr nicht über das richten, wofür ihr eine Leidenschaft empfindet. Nehmt es lediglich zur Kenntnis und schaut euch dann an, ob es euch gemessen an dem, wer und was ihr zu sein wünscht, dienlich ist.

Denkt daran, daß ihr euch ständig selbst erschafft. Ihr entscheidet in jedem Moment, wer und was ihr seid. Ihr entscheidet das weitgehend durch die Wahl, die ihr hinsichtlich derjenigen und jener Dinge trefft, für die ihr eine Leidenschaft verspürt.

Oft sieht es so aus, als hätte eine Person, die sich auf dem sogenannten spirituellen Weg befindet, aller irdischen Leidenschaften entsagt, allem menschlichen Begehren. Doch sie verstand zwar, erkannte die Illusion und legte die ihr nicht dienlichen Leidenschaften ab, liebt aber weiterhin die Illusion für das, was sie ihr gab: die Chance, völlig frei zu sein.

[159]

Leidenschaft ist die Liebe, das Sein in Handlung zu verwandeln. Sie treibt die Maschine der Schöpfung an. Sie verwandelt Vorstellungen in Erfahrung.

Leidenschaft ist das Feuer, das uns beflügelt, dem Ausdruck zu geben, wer wir wirklich sind. Verweigere dich nie der Leidenschaft, denn das heißt, dich dem verweigern, wer-du-bist und wer-du-wirklich-sein-willst.

Entsagung verwehrt sich nie der Leidenschaft – Entsagung verweigert sich einfach dem Anhaften an Resultaten. Leidenschaft ist eine Liebe zum Tun. Tun ist erfahrenes Sein. Doch was wird oft als Bestandteil des Tuns erschaffen? Erwartung.

Dein Leben ohne Erwartung zu leben – ohne Bedürfnis nach bestimmten Resultaten –, das ist Freiheit. Das ist Göttlichkeit. Das ist, wie ich lebe.

Du bist nicht irgendwelchen Resultaten verhaftet?

Absolut nicht. Meine Freude liegt im Erschaffen, nicht in den Nachwirkungen. Entsagung ist nicht die Entscheidung, sich dem Handeln zu verweigern. Entsagung ist eine Entscheidung, sich dem Bedürfnis nach einem bestimmten Resultat zu verweigern. Das ist ein riesengroßer Unterschied.

Könntest du erklären, was du mit der Aussage meinst: »Leidenschaft ist die Liebe, das Sein in Handlung zu verwandeln«?

Das reine Sein ist die höchste Daseinsform von Existenz, die reinste Essenz. Es ist der »Jetzt-/Nicht-Jetzt«-, der »Alles/Nicht-Alles«-, [160]der »Immer/Niemals«-Aspekt Gottes. Reines Sein ist reines Gottsein.

Doch es war uns nie genug, nur einfach zu sein. Wir haben uns immer danach gesehnt, zu erfahren, was-wir-sind – und das verlangt einen ganz anderen Aspekt der Göttlichkeit, genannt das Tun.

Sagen wir, ihr seid im Kern eures wunderbaren Selbst der Aspekt der Göttlichkeit, der Liebe genannt wird (was übrigens der Wahrheit über euch entspricht).

Nun ist es eine Sache, Liebe zu sein – und eine ganz andere, eine Liebestat zu vollbringen. Die Seele verlangt danach, etwas mit dem, was sie ist, zu tun, um sich selbst im Kontext ihrer eigenen Erfahrung kennenlernen zu können. Also ist sie bestrebt, ihre höchste gedankliche Vorstellung durch die Handlung zu verwirklichen.

Dieser Drang zum Tun wird Leidenschaft genannt. Töte die Leidenschaft, und du tötest Gott. Leidenschaft ist Gott, der »hallo« sagen möchte.

Aber schaut, wenn Gott (oder Gott-in-euch) erst einmal diese Liebestat vollbracht hat, hat Gott sich selbst verwirklicht und braucht nichts weiter.

Der Mensch hingegen hat oft das Gefühl, daß sich seine Investition auszahlen sollte. Wenn wir jemanden lieben, schön – aber wir sollten doch etwas Liebe zurückbekommen. So oder ähnlich sähe das aus.

Das ist nicht Leidenschaft. Das ist Erwartung.

Und das ist eine der größten Ursachen für das Unglücklichsein des Menschen. Es ist das, was den Menschen von Gott trennt.

Der Entsagende strebt danach, dieser Trennung durch eine [161]Erfahrung ein Ende zu setzen, die manche östlichen Mystiker Samadhi nannten. Das heißt Einssein und Vereinigung mit Gott, ein Verschmelzen mit und ein Aufgehen in der Göttlichkeit.

Der Entsagende entsagt daher den Resultaten, aber niemals der Leidenschaft. Tatsächlich weiß ein Meister intuitiv, daß die Leidenschaft der Weg ist – der Weg der Selbst-Verwirklichung.

Sogar in irdischer Hinsicht kann gesagt werden, daß ihr, wenn ihr für nichts Leidenschaft empfindet, gar kein Leben habt.

Du hast gesagt: »Etwas, dem ihr euch widersetzt, das bleibt bestehen. Das, was ihr anschaut, das verschwindet.« Kannst du das erläutern?

Du kannst dich nicht einer Sache widersetzen, der du keine Realität beimißt. Wenn du dich einer Sache widersetzt, ist dies ein Akt, mit dem du ihr Leben verleihst. Wenn du dich einer Energie widersetzt, dann weist du ihr einen Platz zu. Und je stärker du dich widersetzt, desto mehr Realität verleihst du ihr – ganz gleich, was es ist, dem du dich widersetzt.

Das, wofür du deine Augen öffnest, das, was du wirklich anschaust, das verschwindet. Das heißt, es hört auf, seine illusorische Form aufrechtzuerhalten.

Wenn du etwas ansiehst – es wirklich anschaust –, wirst du durch es und durch alle Illusion, die es in dir bewirkt, hindurchsehen; und es wird nichts übrigbleiben als die letztliche Wirklichkeit in deinen Augen. Angesichts der letztlichen [162]Wirklichkeit hat deine unbedeutende Illusion keine Macht. Sie kann dich nicht lange in ihrem immer schwächer werdenden Griff halten. Du wirst die Wahrheit sehen, und die Wahrheit setzt dich frei.

Aber was ist, wenn du gar nicht willst, daß das, was du anschaust, verschwindet?

Das solltest du immer wollen! Es gibt nichts in eurer Realität, an dem festzuhalten sich lohnt. Doch wenn du dich dazu entscheidest, die Illusion deines Lebens über die letztliche Wirklichkeit aufrechtzuerhalten, kannst du sie ganz einfach wiedererschaffen, so wie du sie ja schon von Anfang an erschaffen hast. Auf diese Weise kannst du in deinem Leben haben, was du deiner Wahl nach haben möchtest, und das aus deinem Leben verbannen, was du nicht mehr zu erfahren wünschst.

Doch widersetze dich nie irgend etwas, um es auszuschalten. Wenn du denkst, daß du es durch deinen Widerstand ausschalten kannst, dann denk noch einmal. Du festigst es nur noch mehr. Habe ich euch nicht gesagt, daß alles Denken schöpferisch ist?

Auch ein Gedanke, der besagt, daß ich etwas nicht will?

Warum solltest du über etwas nachdenken, das du nicht willst? Verschwende keinen weiteren Gedanken darüber. Doch wenn du daran denken mußt, das heißt, wenn du nicht nicht daran denken kannst – dann widersetze dich nicht. Schau es, was immer es ist, lieber direkt an, akzeptiere [163]diese Realität als deine Schöpfung, und triff dann die Wahl, ob du es behalten willst oder nicht.

Wodurch wird diese Wahl diktiert?

Durch das, was du denkst, wer-und-was-du-bist. Und wer-und-was-zu-sein du wählst.

Dies diktiert alle Entscheidungen – jede Wahl, die du in deinem Leben getroffen hast und jemals treffen wirst.

Und somit ist das Leben der Entsagung ein unrichtiger Weg?

Das ist keine Wahrheit. Das Wort »entsagen« beinhaltet sehr mißverständliche Mitbedeutungen. In Wahrheit gibt es nichts, dem du entsagen kannst – weil das, dem du dich widersetzt, bestehen bleibt. Wahre Entsagung entsagt nicht, sondern trifft einfach eine andere Wahl. Dies ist ein Akt des Sichzubewegens auf etwas, nicht des Sichwegbewegens von etwas.

Du kannst dich nicht von etwas wegbewegen, weil es dich bis zur Hölle und wieder zurück jagen wird. Deshalb widersetze dich nicht der Versuchung – sondern wende dich einfach von ihr ab. Wende dich mir zu und von allem, das mir nicht gleicht, ab.

Doch ihr solltet dies wissen: Einen unrichtigen Weg gibt es nicht – denn ihr könnt nicht auf dieser Reise »nicht dorthin gelangen«, wohin ihr euch aufgemacht habt.

Es ist einfach nur eine Sache der Geschwindigkeit, nur eine Frage, wann ihr dort ankommt. Doch auch das ist eine Illusion, [164]denn es gibt kein »Wann« und auch kein »Davor« oder »Danach«. Es gibt nur ein Jetzt; einen ewigen Moment des Jederzeit, in dem ihr euch selbst erfahrt.

Was ist dann der Punkt? Worum geht es dann im Leben, wenn es keine Möglichkeit gibt, nicht »dort anzukommen«? Warum sollten wir uns dann überhaupt um irgend etwas, was wir tun, Sorgen machen?

Nun, das solltet ihr natürlich auch nicht. Aber es würde euch guttun, achtsam zu sein. Achtet einfach darauf, wer und was ihr seid, was ihr tut und habt, und schaut, ob es euch dienlich ist.

Es geht im Leben nicht darum, irgendwohin zu gelangen – es geht darum, daß ihr bemerkt, daß ihr schon dort seid und bereits immer dort wart. Ihr existiert immer und ewig im Augenblick reiner Schöpfung. Im Leben geht es daher darum zu erschaffen – zu erschaffen, wer und was ihr seid, und dies dann zu erfahren.

 

 

[165]

6

Und wie steht es mit dem Leiden? Ist Leiden der Weg zu Gott? Manche sagen, es sei der einzige Weg.

Mich erfreut das Leiden nicht, und wer immer solches behauptet, kennt mich nicht.

Leiden ist ein unnötiger Aspekt menschlicher Erfahrung. Es ist nicht nur überflüssig, sondern auch unklug, unangenehm und gefährlich für eure Gesundheit.

Warum gibt es dann soviel Leiden? Warum machst du, wenn du Gott bist, ihm nicht ein Ende, wenn du eine solche Abneigung dagegen hast?

Ich habe ihm ein Ende gemacht. Ihr weigert euch einfach nur, die Mittel zur Verwirklichung, die ich euch gegeben habe, zu benutzen.

Siehst du, das Leiden hat nichts mit den Ereignissen zu tun, sondern lediglich mit eurer Reaktion darauf. Was geschieht, ist nur das, was geschieht. Wie ihr darüber fühlt, ist eine andere Sache. Ich habe euch mit den Mitteln ausgestattet, mit denen ihr auf Ereignisse in einer Weise reagieren könnt, die den Schmerz mindern – ja tatsächlich ausschalten –, aber ihr dachtet nicht daran, sie zu benutzen.

Entschuldige bitte, aber warum nicht die Ereignisse ausschalten?

[166]

Ein sehr guter Vorschlag. Leider habe ich über sie keine Kontrolle.

Du hast keine Kontrolle über die Ereignisse?

Natürlich nicht. Ereignisse sind Begebenheiten in Zeit und Raum, die ihr gemäß eurer Wahl produziert, und ich werde mich niemals in eure Wahl einmischen. Wenn ich das täte, würde sich genau der Grund erübrigen, aus dem ihr von mir erschaffen wurdet. Aber das habe ich doch alles bereits erklärt.

Manche Ereignisse bewirkt ihr vorsätzlich, andere zieht ihr – mehr oder weniger unbewußt – an. Manche Ereignisse – größere Naturkatastrophen rechnet ihr dieser Kategorie zu – werden dem »Schicksal« angelastet.

Doch selbst das »Schicksal« kann als Kürzel für »aus allen Gedanken allerorten hervorgehend« stehen. Mit anderen Worten, für das Bewußtsein des Planeten.

Das »kollektive Unbewußtsein«.

Genau.

Manche sagen, unsere Welt geht zugrunde. Unsere Ökologie ist am Sterben. Unserem Planeten stehen große geophysische Katastrophen bevor: Erdbeben, Vulkanausbrüche – vielleicht sogar eine Verschiebung der Erdachse. Und andere sagen wiederum, daß das kollektive Bewußtsein dies alles noch zu ändern in der Lage wäre; wir könnten die Erde mit unseren Gedanken retten.

[167]

In Handlung umgesetzte Gedanken. Wenn überall eine ausreichende Anzahl Menschen glauben, daß etwas getan werden muß, um der Umwelt zu helfen, dann werdet ihr die Erde retten. Aber ihr müßt schnell handeln. Es ist bereits über einen langen Zeitraum hinweg soviel Schaden angerichtet worden. Es bedarf einer größeren Einstellungsveränderung.

Du meinst, wenn wir nichts tun, werden wir es erleben, daß die Erde und ihre Bewohner zerstört werden?

Ich habe die Gesetze des physikalischen Universums so klar erklärt, daß jedermann sie verstehen kann. Es gibt Gesetze von Ursache und Wirkung, die euren Wissenschaftlern, Physikern und, durch diese, euren Führern in der Welt ausreichend dargelegt wurden. Diese Gesetze müssen hier nicht noch einmal erläutert werden.

Um auf das Leiden zurückzukommen: woher stammt der Gedanke, daß Leiden gut ist? Daß die Heiligen »still leiden«?

Die Heiligen leiden »still«, aber das heißt nicht, daß Leiden gut ist. Die Schüler in den Schulen der Meisterschaft leiden still, weil sie verstehen, daß das Leiden nicht der Weg Gottes ist, sondern ein sicheres Zeichen, daß es noch etwas über den Weg Gottes zu lernen gibt, noch etwas zu erinnern.

Der wahre Meister leidet überhaupt nicht still, sondern anscheinend nur klaglos. Der Grund, warum der wahre Meister [168]sich nicht beklagt, ist der, daß er nicht leidet, sondern lediglich gewisse Umstände erfährt, die ihr als unerträglich bezeichnen würdet.

Ein praktizierender Meister spricht deshalb nicht vom Leiden, weil er ganz klar die Macht des Wortes versteht und sich dazu entscheidet, einfach kein Wort darüber zu sagen.

Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das bringen wir zur Realität. Die Meister wissen das. Ein Meister läßt sich die Wahl in bezug auf das, was er zur Realität bringen möchte.

Ihr habt das alle selbst von Zeit zu Zeit getan. Es gibt keinen unter euch, der nicht durch eine diesbezügliche Entscheidung einmal Kopfschmerzen verschwinden oder eine zahnärztliche Behandlung erträglicher werden ließ.

Die Meister treffen einfach in bezug auf größere Dinge die gleiche Entscheidung.

Aber warum überhaupt leiden? Warum überhaupt die Möglichkeit des Leidens?

Wie ich bereits erklärte, könnt ihr in der Abwesenheit dessen, was ihr nicht seid, nicht erkennen und werden, was ihr seid.

Ich begreife immer noch nicht, wie wir je auf die Idee kamen, daß Leiden gut ist.

Es zeugt von Klugheit, wenn du darauf bestehst, in dieser Sache nachzuhaken. Die ursprüngliche Weisheit, die im [169]stillen Leiden liegt, wurde so pervertiert, daß nun viele glauben (und manche Religionen tatsächlich lehren), daß Leiden gut und Freude schlecht ist. Deshalb habt ihr entschieden, daß ein Mensch, der Krebs hat und dies für sich behält, ein Heiliger ist, wohingegen eine Frau (um ein heißes Eisen aufzugreifen), die ihre vitale Sexualität in aller Öffentlichkeit feiert, eine Sünderin ist.

Das ist fürwahr ein heißes Eisen. Und du wechseltest intelligenterweise vom männlichen zum weiblichen Geschlecht über. Wolltest du damit auf etwas hinweisen?

Damit wollte ich euch eure Vorurteile vor Augen führen. Der Gedanke, daß Frauen eine vitale Sexualität haben, gefällt euch nicht, und noch weniger der, daß sie sie ganz offen zeigen.

Gefällt er dir etwa?

Ich fälle weder über das eine noch über das andere ein Urteil. Aber ihr versteigt euch zu allen möglichen Urteilen – und ich weise darauf hin, daß euch eure Aburteilungen von der Freude abhalten, und eure Erwartungen davon, glücklich zu sein.

Alles zusammengenommen verursacht euch Unbehagen, einen ungesunden Zustand, und damit beginnt euer Leiden.

Wie weiß ich, daß das wahr ist, was du sagst? Wie weiß ich, daß es Gott ist, der hier spricht, und nicht meine überbordende Phantasie?

[170]

Das hast du schon einmal gefragt. Meine Antwort bleibt die gleiche. Was für einen Unterschied macht das? Kannst du dir, selbst wenn alles »falsch« wäre, was ich gesagt habe, eine bessere Art zu leben vorstellen?

Nein.

Dann ist »falsch« richtig und »richtig« falsch!

Doch ich sage euch dies, um euch aus eurem Dilemma herauszuhelfen: Glaubt nichts, was ich sage. Lebt es einfach. Erfahrt es. Und lebt dann jedwelches andere Paradigma, das ihr aufbauen wollt. Und seht euch danach eure Erfahrungen an, um eure Wahrheit zu finden.

Eines Tages werdet ihr, wenn ihr sehr viel Mut habt, eine Welt erfahren, in der die Liebe mehr zählt als Krieg.

 

 

[171]

7

Das Leben ist so furchterregend – und so verwirrend. Ich wollte, die Verhältnisse könnten etwas klarer sein.

Das Leben hat nichts Furchterregendes an sich, wenn ihr den Resultaten nicht verhaftet bleibt.

Du meinst, wenn wir nichts haben wollen?

Das ist richtig. Wählt, aber verzichtet auf das Habenwollen.

Das ist für Menschen leicht, die nicht für von ihnen abhängige Personen sorgen müssen. Was ist, wenn du Frau und Kinder hast?

Der Weg des/der Familienfürsorgenden war schon immer ein Weg großer Herausforderungen – vielleicht der mit den größten. Wie du sagst, es ist einfach, »nichts zu wollen«, wenn du es nur mit dir zu tun hast. Und es ist nur natürlich, daß du, wenn du andere hast, die du liebst und für die du sorgen mußt, das Beste willst.

Es tut weh, wenn du ihnen nicht all das geben kannst, das ihnen deinem Wunsch nach zusteht: ein schönes Zuhause, ein paar anständige Kleider, genügend zu essen. Ich habe das Gefühl, zwanzig Jahre lang gekämpft zu haben, um gerade [172]mal so über die Runden zu kommen, und kann immer noch nichts vorweisen.

Ich verstehe. Du betrachtest es als deine Aufgabe im Leben, für all diese Dinge zu sorgen. Ist es das, worum es deiner Vorstellung nach in deinem Leben geht?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es so ausdrücken würde. Darum geht es in meinem Leben an sich nicht, aber es wäre gewiß schön, wenn es zumindest als Nebenprodukt abfallen könnte.

Gut, dann kommen wir auf diese Frage zurück. Worum geht es deines Erachtens in deinem Leben?

Das ist eine gute Frage. Im Lauf der Jahre hatte ich eine Menge verschiedener Antworten darauf.

Und wie lautet die Antwort jetzt?

Meinem Gefühl nach gibt es zwei Antworten: die Antwort, die ich gerne sehen würde, und die Antwort, die ich sehe.

Welche Antwort würdest du gerne sehen?

Ich würde gerne sehen, daß es in meinem Leben um die Evolution meiner Seele geht. Ich würde gerne sehen, daß es in meinem Leben darum geht, daß ich den Teil von mir, den ich am meisten liebe, zum Ausdruck bringe und erfahre. Den Teil von mir, der Mitgefühl und Geduld und Geben [173]und Helfen ist. Den Teil von mir, der wissend und weise ist, vergebend und – Liebe.

Das klingt so, als hättest du dieses Buch gelesen!

Ja. Nun, es ist ein schönes Buch auf esoterischer Ebene, aber ich versuche herauszufinden, wie ich das »praktisch umsetzen« kann. Die Antwort auf die Frage, worum es aus meiner Sicht real in meinem Leben geht, lautet: ums tagtägliche Überleben.

Oh, und du denkst, das eine schließt das andere aus?

Nun …

Du denkst, die esoterischen Dinge verhindern das Überleben?

Die Wahrheit ist, daß ich mehr als nur überleben möchte. Ich habe all diese Jahre überlebt. Ich stelle fest, daß ich immer noch da bin. Aber mir wäre sehr daran gelegen, wenn dieser Kampf ums Überleben ein Ende hätte. Ich stelle fest, daß es immer noch ein Kampf ist, Tag für Tag über die Runden zu kommen. Ich möchte mehr als nur überleben. Ich möchte gerne florieren.

Und was verstehst du unter florieren?

Genug zu haben, um mir nicht Sorgen machen zu müssen, wo die nächste Mark herkommt; nicht ständig unter Streß [174]und Anspannung zu stehen, nur um die nächste Miete oder Telefonrechnung bezahlen zu können. Ich meine, ich hasse es, so profan zu werden, aber wir sprechen hier vom realen Leben, nicht von einem abgehobenen, spirituell romantisierten Bild des Daseins, das du in diesem ganzen Buch zeichnest.

Höre ich da eine gewisse Verärgerung heraus?

Nicht so sehr Verärgerung als vielmehr Frustration. Ich bin nun seit über zwanzig Jahren in diesem spirituellen Spiel – und schau, wohin es mich gebracht hat. Ein Gehaltsscheck, einen Schritt vom Armenhaus entfernt! Und jetzt habe ich gerade meine Arbeit verloren, und es sieht so aus, als ob wieder kein Geld mehr hereinkäme. Ich habe diesen Kampf wirklich satt. Ich bin neunundvierzig Jahre alt, und ich hätte gerne eine gewisse Sicherheit im Leben, so daß ich mehr Zeit habe, mit dem »Gotteszeug«, der »Seelenentwicklung« und dergleichen widmen zu können. Das liegt mir am Herzen, aber mein Leben gestattet es mir nicht, dorthin zu gelangen…

Nun, da hast du den Mund ganz schön voll genommen, und ich vermute, du sprichst für eine Menge anderer Leute, wenn du hier deine Erfahrungen mitteilst.

Ich werde auf deine Wahrheit Satz für Satz eingehen, so daß wir die Antwort leicht nachverfolgen und auseinandernehmen können.

Du bist nicht seit zwanzig Jahren »in diesem spirituellen Spiel«, du hast es noch kaum am Rande berührt. (Das ist [175]übrigens keine »Schelte«, sondern nur eine Aussage über die Wahrheit.) Ich räume ein, daß du es dir zwei Jahrzehnte lang angeschaut, damit kokettiert, ab und zu experimentiert hast … Doch bis vor kurzem konnte ich bei dir kein wahres – kein wahrhaftigstes – Engagement für das Spiel erkennen.

Stellen wir klar, daß »im spirituellen Spiel sein« bedeutet, daß ihr euch mit ganzem Geist, ganzem Körper, ganzer Seele dem Prozeß der Erschaffung des Selbst nach dem Ebenbild Gottes widmet.

Dies ist der Prozeß der Selbst-Verwirklichung, über den Mystiker des Ostens geschrieben haben. Dies ist der Prozeß der Erlösung, dem sich ein Großteil der Theologie des Westens gewidmet hat.

Dies ist ein Tag um Tag, Stunde um Stunde, Augenblick um Augenblick stattfindender Akt des höchsten Bewußtseins. Er bedeutet Wählen und neuerliches Wählen in jedem Moment. Dies ist fortwährende, bewußte Schöpfung. Schöpfung mit einem Zweck. Es bedeutet den Einsatz der Instrumente der Schöpfung, über die wir gesprochen haben, deren Anwendung mit Bewußtsein und sublimer Absicht.

Das heißt: »dieses spirituelle Spiel spielen«. Nun, wie lange hast du dies schon betrieben?

Ich habe noch nicht einmal angefangen.

Fall nicht gleich von einem Extrem ins andere, und geh nicht so hart mit dir ins Gericht. Du hast dich diesem Prozeß gewidmet und dich tatsächlich länger darauf eingelassen, [176]als du dir selbst zugestehst. Aber du bist nicht einmal annähernd zwanzig Jahre dabei. Doch in Wahrheit ist es unwichtig, wie lange du schon ernsthaft damit befaßt bist. Bist du es jetzt? Das ist alles, was zählt.

Gehen wir nun weiter auf deine Aussage ein. Du bittest uns, uns »anzuschauen, wohin dich das gebracht hat«, und beschreibst dich selbst als »einen Schritt vom Armenhaus entfernt«. Ich schaue dich an und sehe etwas ganz anderes: nämlich jemanden, der sich bis auf einen Schritt dem Haus des Reichtums genähert hat! Du hast das Gefühl, daß dich lediglich ein einziger Gehaltsscheck vom Nichts trennt, und ich sehe dich nur einen Gehaltsscheck vom Nirwana entfernt. Nun hängt natürlich viel davon ab, was du als deinen »Lohn« betrachtest – und worin das Ziel deiner Arbeit besteht.

Wenn das Ziel deines Lebens darin besteht, das zu erlangen, was du Sicherheit nennst, dann sehe und begreife ich, warum du dich nur als »einen Schritt vom Armenhaus entfernt« betrachtest. Doch selbst dies könnte korrigiert werden. Denn mit meinem Lohn werden dir alle guten Dinge zuteil, einschließlich der Erfahrung, dich in der physischen Welt sicher zu fühlen.

Meine Entlohnung – der Lohn, den du erhältst, wenn du »für mich arbeitest« – beinhaltet sehr viel mehr als spirituellen Trost. Du kannst auch physischen Komfort haben. Doch ironischerweise wird, wenn du die Art von spirituellem Trost erfährst, den meine Entlohnung bietet, der physische Komfort das letzte sein, worum du dich sorgst.

Selbst um das physische Wohl deiner Familienangehörigen wirst du dir keine Sorgen mehr machen, denn wenn du dich [177]erst einmal auf eine Ebene des Gottesbewußtseins erhoben hast, wirst du verstehen, daß du für keine menschliche Seele verantwortlich bist. Und obwohl es empfehlenswert ist, sich zu wünschen, daß alle Seelen unter komfortablen Umständen leben mögen, muß doch eine jede von ihnen ihr eigenes Schicksal – in diesem Moment – wählen, und tut es auch.

Ganz klar ist es keine ideale Handlungsweise, wenn du absichtlich eine andere Person mißbrauchst oder sie zerstörst. Und ebenso unangemessen ist es, die Bedürfnisse derer, die du dazu gebracht hast, von dir abhängig zu sein, zu vernachlässigen.

Deine Aufgabe besteht darin, sie unabhängig zu machen; ihnen so schnell und umfassend wie möglich beizubringen, wie sie ohne dich zurechtkommen. Denn du bist für sie kein Segen, solange sie dich brauchen, um zu überleben, sondern wirst sie erst wahrhaft in dem Moment segnen, da sie begreifen, daß sie dich nicht nötig haben.

Im gleichen Sinn ist Gottes größter Moment der Augenblick, in dem ihr erkennt, daß ihr keinen Gott braucht.

Ich weiß, ich weiß – das ist die Antithese all dessen, was euch jemals gelehrt wurde. Doch eure Lehrer haben euch von einem zornigen, einem eifersüchtigen Gott, von einem Gott, der es braucht, gebraucht zu werden, erzählt. Und das ist überhaupt kein Gott, sondern ein neurotischer Ersatz für etwas, was eine Gottheit wäre.

Der wahre Meister ist nicht der mit den meisten Schülern, sondern jener, der die meisten Meister hervorbringt.

Der wahre Führer ist nicht der mit den meisten Anhängern, sondern jener, der die meisten Führer hervorbringt.

[178]

Der wahre König ist nicht der mit den meisten Untertanen, sondern jener, der die meisten zum Königtum führt.

Der wahre Lehrer ist nicht der mit dem meisten Wissen, sondern jener, der die meisten anderen dazu bringt, über Wissen zu verfügen.

Und ein wahrer Gott ist nicht der mit den meisten Dienern, sondern einer, der am meisten dient und so aus allen anderen Götter macht.

Denn beides ist das Ziel und die Herrlichkeit Gottes: daß er keine Diener mehr hat und daß alle Gott nicht als das Unerreichbare, sondern als das Unausweichliche erkennen. Ich wollte, du könntest das verstehen: Dein letztendliches Glück ist unausweichlich. Du kannst nicht nicht »erlöst« werden. Es gibt keine Hölle außer der, daß du dies nicht weißt.

Was nun die Eltern, die Lebensgefährten, die Geliebten angeht, so trachte nicht danach, aus deiner Liebe einen Klebstoff zu machen, der sie an dich bindet, sondern danach, ein Magnet zu sein, der erst anzieht, dann umgekehrt abstößt, damit die, die angezogen sind, nicht anfangen zu glauben, daß sie an dir kleben müssen, um zu überleben. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Nichts könnte einem anderen mehr schaden.

Laß deine Geliebten durch deine Liebe in die Welt gedrängt werden – und in die Fülle der Erfahrung dessen, wer sie sind. Auf diese Weise wirst du wahrhaft geliebt haben.

Der Weg des oder der Familienfürsorgenden bedeutet eine große Herausforderung. Da gibt es viele Ablenkungen, viele weltliche Sorgen. Der Asket bleibt von all dem unbehelligt. Man bringt ihm sein Brot und Wasser, er bekommt seine [179]einfache Matte, auf die er sich legt, und er kann seine ganze Zeit dem Gebet, der Meditation und der Kontemplation des Göttlichen widmen. Wie leicht, unter solchen Umständen das Göttliche zu schauen! Was für eine einfache Aufgabe!

Aber gebt einem eine Gefährtin und Kinder! Seht das Göttliche in einem Baby, dem um drei Uhr morgens die Windeln gewechselt werden müssen. Seht das Göttliche in der Rechnung, die am Ersten jedes Monats bezahlt werden muß. Erkennt die Hand Gottes in der Krankheit, welche die Ehefrau oder den Ehemann dahinrafft, in der Arbeit, die verlorengeht, im Fieber des Kindes, im Schmerz der Eltern. Jetzt sprechen wir von Heiligkeit.

Ich verstehe deinen Überdruß. Ich weiß, daß du des Kämpfens müde bist. Doch ich sage dir dies: Wenn du mir folgst, endet der Kampf. Lebe in deinem Gottes-Raum, und die Ereignisse werden allesamt zu einem Segen.

Wie kann ich zu meinem Gottes-Raum gelangen, wenn ich meine Arbeit verloren habe, die Miete bezahlt werden muß, die Kinder zum Zahnarzt müssen? Und dadurch, daß ich mich in meinen abgehobenen philosophischen Elfenbeinturm zurückziehe, scheinen sich diese Probleme am wenigsten wahrscheinlich lösen zu lassen.

Gib mich nicht auf, wenn du mich am meisten brauchst. Dies ist die Stunde deiner größten Prüfung. Dies ist die Zeit deiner größten Chance. Es bietet sich dir die Möglichkeit, alles zu beweisen, was hier geschrieben steht.

Wenn ich sage: »Gib mich nicht auf«, höre ich mich an wie der bedürftige, neurotische Gott, über den wir sprachen. [180]Aber das bin ich nicht. Du kannst »mich aufgeben«, soviel du willst. Das ist mir gleich, es wird zwischen uns keinen Deut ändern. Ich sage das nur in Antwort auf all deine Fragen. Wenn es hart wird, vergeßt ihr so oft, wer-ihr-seid, und die Mittel, die ich euch an die Hand gegeben habe, damit ihr das Leben eurer Wahl erschaffen könnt.

Jetzt ist es an der Zeit, daß du dich mehr als je zuvor in deinen Gottes-Raum begibst. Erstens wird dir das großen inneren Frieden bringen, und einem friedlichen Geist entströmen großartige Ideen – Ideen, welche die Lösungen für die größten Probleme sein könnten, mit denen zu kämpfen du dir einbildest.

Zweitens ist es dein Gottes-Raum, wo du dein Selbst verwirklichst; und das ist das Ziel – das einzige Ziel – deiner Seele.

Wenn du dich in deinem Gottes-Raum befindest, weißt und verstehst du, daß alles, was du jetzt erlebst, vorübergehender Natur ist. Ich sage dir, daß Himmel und Erde vergehen werden, aber ihr werdet nicht vergehen. Diese Perspektive des Ewigen hilft dir, die Dinge im richtigen Licht zu sehen.

Du kannst diese gegenwärtigen Bedingungen und Umstände als das definieren, was sie in Wirklichkeit sind: vorläufig und vorübergehend. Du kannst sie als Instrumente – denn es sind zeitweilige Instrumente – für das Erschaffen deiner gegenwärtigen Erfahrung nutzen.

Wer glaubst du denn zu sein? Wer glaubst du in bezug auf die Erfahrung, die man Arbeitsverlust nennt, zu sein? Und vielleicht noch mehr auf den Punkt gebracht: Wer, glaubst du, bin ich? Meinst du, dies wäre ein zu großes Problem für [181]mich, um es lösen zu können? Ist die Befreiung aus diesem Dilemma ein zu großes Wunder, als daß ich es bewerkstelligen könnte? Ich verstehe, daß du vielleicht denkst, daß es selbst bei allen Mitteln, mit denen ich dich versah, für dich zu groß ist, um damit fertig zu werden – aber glaubst du wirklich, es sei zu groß für mich?

Vom intellektuellen Standpunkt aus weiß ich, daß für Gott keine Aufgabe zu groß ist. Aber aus emotionaler Sichtweise bin ich mir wohl nicht sicher. Nicht, ob du es tun kannst, sondern ob du es tun willst.

Ich verstehe. Also ist es eine Sache des Glaubens.

Ja.

Du stellst nicht meine Fähigkeit in Frage, du zweifelst nur an meinem Wunsch.

Schau, ich lebe immer noch in der theologischen Vorstellung, die besagt, daß es hier für mich vielleicht irgendwo eine Lektion zu lernen gilt. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich denn eine Lösung erhalten soll. Vielleicht verdiene ich das Problem. Möglicherweise handelt es sich dabei um »Prüfungen«, von denen in meiner Theologie immer wieder die Rede ist. Und deshalb mache ich mir Sorgen, daß dieses Problem vielleicht nicht gelöst wird. Daß es eine dieser Schwierigkeiten ist, bei denen du mich hängen lassen wirst …

[182]

Vielleicht ist dies eine gute Gelegenheit, noch einmal darüber zu sprechen, wie ich mit dir interagiere. Denn du glaubst, es sei eine Frage meines Wunsches; und ich sage dir immer wieder, es ist eine Frage deines Wunsches.

Ich will für dich das, was du für dich willst – nicht mehr und nicht weniger. Ich sitze nicht hier herum und beurteile Bitte um Bitte dahingehend, daß sie dir gewährt werden soll oder nicht.

Mein Gesetz beruht auf Ursache und Wirkung und nicht auf »Wir werden mal sehen«. Es gibt nichts, was du nicht haben kannst, wenn du dich dazu entscheidest. Selbst bevor du darum gebeten hast, habe ich es dir schon gegeben. Glaubst du das?

Nein, tut mir leid. Ich habe schon zu oft erlebt, daß ein Gebet unbeantwortet blieb.

Es braucht dir nicht leid zu tun. Bleib nur immer bei der Wahrheit – der Wahrheit deiner Erfahrung. Ich verstehe und achte das. Es ist schon in Ordnung so.

Gut, denn ich glaube nicht, daß ich bekomme, worum immer ich bitte. Mein Leben ist kein Beweis dafür. Tatsache ist, daß ich selten das kriege, was ich mir erbitte. Wenn es doch einmal passiert, erachte ich mich als verdammt glücklich.

Das ist eine interessante Wortwahl. Anscheinend hast du hier eine Option. Du kannst in deinem Leben entweder verdammt glücklich oder gesegnet glücklich sein. Ich möchte [183]lieber, daß du gesegnet glücklich bist, aber natürlich werde ich mich auf keinen Fall in deine Entscheidungen einmischen.

Ich sage dir dies: Du bekommst immer, was du erschaffst, und du bist immer am Erschaffen.

Ich fälle kein Urteil über die Schöpfungen, die du herbeibeschwörst; ich befähige dich einfach nur, mehr herbeizubeschwören – und mehr und mehr und mehr. Wenn es dir nicht gefällt, was du gerade erschaffen hast, triff eine neue Wahl. Meine Aufgabe als Gott ist es, dir immer diese Gelegenheit zu geben.

Nun sagst du mir, daß du nicht immer bekommen hast, was du wolltest. Ich bin hier, um dir zu sagen, daß du immer bekamst, was du herbeigerufen hast.

Dein Leben ist immer ein Resultat deiner Gedanken darüber – einschließlich deines offensichtlichen schöpferischen Gedankens, daß du selten das bekommst, was du wählst.

Nun, im gegenwärtigen Moment siehst du dich als Opfer des Umstands, daß du deine Arbeit verloren hast. Doch die Wahrheit ist, daß du diese Arbeit nicht länger gewählt hast. Du hast aufgehört, morgens voller Erwartung aufzustehen, und damit begonnen, dich mit bangem Gefühl zu erheben. Du hast dich mit deiner Arbeit nicht mehr glücklich gefühlt und angefangen, Unmut zu empfinden. Du hast dir sogar schon im Geiste ausgemalt, etwas anderes zu tun.

Glaubst du, daß diese Dinge nichts bedeuten? Du mißverstehst deine Macht. Ich sage dir dies: Dein Leben geht aus deinen Absichten bezüglich deines Lebens hervor.

Was hast du also jetzt vor? Möchtest du die Theorie beweisen, daß das Leben dir selten das bringt, was du wählst? [184]Oder beabsichtigst du zu demonstrieren, wer-du-wirklich-bist und wer-ich-bin?

Ich bin zutiefst zerknirscht. Ich fühle mich gezüchtigt. Ich schäme mich.

Ist dir das dienlich? Warum erkennst due die Wahrheit nicht einfach an, wenn du sie hörst, und gehst auf sie zu? Es ist nicht nötig, daß du dir Vorwürfe machst. Stell nur einfach fest, was du gewählt hast, und wähle erneut.

Aber warum wähle ich immer so bereitwillig das Negative? Und erteile mir dann dafür Ohrfeigen?

Was kannst du erwarten? Euch wird von frühesten Tagen an gesagt, daß ihr »schlecht« seid. Ihr akzeptiert, daß ihr in »Sünde« geboren seid. Schuldgefühle sind eine erlernte Reaktion. Euch sind Schuldgefühle wegen begangener Taten eingeredet worden, noch bevor ihr überhaupt in der Lage wart, irgend etwas zu tun. Euch ist beigebracht worden, daß ihr euch dafür schämen sollt, nicht ganz vollkommen auf die Welt gekommen zu sein.

Dieser angebliche Zustand der Unvollkommenheit, in dem ihr, wie es heißt, das Licht der Welt erblickt, ist der, den eure religiösen Eiferer in ihrer Unverschämtheit als die »Erbsünde« bezeichnen. Und es ist eine Sünde – aber nicht die eure. Es ist die erste Sünde, die von einer Welt an euch begangen wird, die nichts von Gott weiß, wenn sie denkt, daß Gott irgend etwas Unvollkommenes erschaffen würde oder könnte.

[185]

Manche eurer Religionen haben ganze theologische Gebäude um diese gedankliche Mißgeburt errichtet. Eine Mißgeburt ganz buchstäblich: Denn alles, was ich erdenke, gedanklich empfange – alles, dem ich Leben gebe –, ist vollkommen; eine vollkommene Widerspiegelung der Vollkommenheit selbst, geschaffen nach meinem Ebenbild.

Doch zur Rechtfertigung der Vorstellung von einem strafenden Gott mußten die Religionen etwas erschaffen, worüber ich wütend werden könnte. Weil selbst für jene Menschen, die ein vorbildliches Leben führen, irgendwie die Notwendigkeit besteht, errettet zu werden. Wenn sie nicht vor sich selbst gerettet werden müssen, dann müssen sie von ihrer implantierten Unvollkommenheit errettet werden. Also (so behaupten diese Religionen) solltet ihr besser etwas unternehmen – und zwar schnell –, oder ihr werdet geradewegs zur Hölle fahren.

Doch dies wird möglicherweise nichts helfen, um einen verschrobenen, rachelüsternen, zornigen Gott zu besänftigen, aber es verhilft verschrobenen, rachelüsternen und zornigen Religionen zum Leben. So pflanzen Religionen sich selbst fort. So bleibt die Macht in den Händen weniger konzentriert, statt durch die Hände vieler erfahren zu werden.

Natürlich wählt ihr ständig den geringeren Gedanken, die kleinere Idee, die winzigste Vorstellung von euch selbst und eurer Macht, von mir und meiner Macht gar nicht zu reden. Es wurde euch beigebracht.

Mein Gott, wie kann ich diese Lehren in mir wieder rückgängig machen?

[186]

Eine gute Frage, und genau an die richtige Person gerichtet!

Du kannst sie wieder in dir rückgängig machen, indem du dieses Buch immer und immer wieder liest. Lies es, bis du jede Passage verstehst. Bis du mit jedem Wort vertraut bist. Wenn du seine Passagen anderen vortragen, wenn du dir seine Sätze inmitten deiner dunkelsten Stunden ins Gedächtnis rufen kannst, dann wirst du »diese Lehren wieder in dir rückgängig« gemacht haben.

Es gibt immer noch soviel, was ich dich fragen möchte; immer noch soviel, was ich wissen will.

In der Tat. Du hast mit einer sehr langen Liste von Fragen begonnen. Sollen wir darauf zurückkommen?

 

 

[187]

8

Wann werde ich genug über Beziehungen lernen, um imstande zu sein, sie reibungslos verlaufen zu lassen? Gibt es irgendeine Möglichkeit, in Beziehungen glücklich zu sein? Müssen sie dann ständig eine solche Herausforderung darstellen?

Ihr müßt über Beziehungen nichts lernen. Ihr braucht nur das zu demonstrieren, was ihr bereits wißt.

Es gibt eine Möglichkeit, in Beziehungen glücklich zu sein: nämlich die, daß ihr sie für ihren eigentlichen Zweck nutzt und nicht für jenen, den ihr geplant habt.

Beziehungen bedeuten eine ständige Herausforderung; sie rufen euch fortwährend dazu auf, immer höhere Aspekte, immer großartigere Visionen, immer herrlichere Versionen von euch selbst zu erschaffen, zum Ausdruck zu bringen und zu erfahren. Nirgendwo ist euch das unmittelbarer, wirkungsvoller und makelloser möglich als in den Beziehungen. Tatsächlich könnt ihr dies ohne Beziehungen überhaupt nicht tun. Nur durch eure Beziehung zu anderen Menschen, Orten und Ereignissen seid ihr (als erkennbare Quantität, als ein auszumachendes Etwas) imstande, im Universum zu existieren. Denkt daran, ihr seid nicht, wenn alles andere abwesend ist. Was ihr seid, seid ihr nur in Relation zu anderem, das nicht ist. So verhalten sich die Dinge in der Welt des Relativen im Gegensatz zur Welt des Absoluten – wo ich meinen Wohnsitz habe.

[188]

Wenn ihr das erst einmal klar versteht, zutiefst begreift, werdet ihr intuitiv jede Erfahrung, jede menschliche Begegnung und ganz besonders persönliche menschliche Beziehungen segnen, denn ihr erkennt sie als im höchsten Sinn konstruktiv an. Euch wird klar, daß sie genutzt werden können, genutzt werden müssen und genutzt werden (ob euch nun an ihnen gelegen ist oder nicht), um zu gestalten, wer-ihr-wirklich-seid.

Diese Gestaltung kann eine herrliche Schöpfung nach eurem eigenen, ganz bewußten Plan sein oder ein sich rein aufs Geratewohl ergebendes Gebilde. Ihr habt die Wahl, eine Person zu sein, wie sie sich einfach aus den Ereignissen heraus ergibt, oder eine, die das ist, was sie angesichts der Ereignisse zu sein und zu tun entschieden hat. In letzterem Fall wird die Erschaffung des Selbst zur bewußten Angelegenheit, wird in dieser Erfahrung das Selbst verwirklicht.

Segnet daher jede Beziehung, betrachtet jede als eine besondere Beziehung und als formend für das, wer-ihr-seid, und jetzt entscheidet euch, zu sein.

Nun bezieht sich deine Frage auf die persönlichen menschlichen Beziehungen der romantischen Art, und ich verstehe das. Laß mich also ganz speziell und ausführlich auf die menschlichen Liebesbeziehungen zu sprechen kommen – die euch weiterhin soviel Schwierigkeiten bereiten!

Wenn menschliche Liebesbeziehungen scheitern (Beziehungen scheitern nie wirklich außer im rein menschlichen Sinn, nämlich daß sie nicht das erbrachten, was ihr wolltet), dann aus dem Grund, weil sie unter falschen Voraussetzungen eingegangen worden sind.

(»Falsch« ist natürlich ein relativer Begriff, der gemessen [189]wird an dem, was »richtig« ist – was immer das ist! In eurer Sprache ließe sich präziser formulieren: Beziehungen scheitern – verändern sich – meist dann, wenn sie aus Gründen eingegangen wurden, die für ihr Überleben nicht gänzlich nützlich oder zuträglich waren.)

Die meisten Menschen gehen Beziehungen ein, indem sie mit einem Auge auf das schielen, was sich aus ihnen herausholen läßt, statt daran zu denken, was in sie investiert werden kann.

Der Zweck einer Beziehung ist der, daß ihr entscheidet, welchen Teil von euch selbst ihr gerne »sich zeigen« lassen würdet, und nicht, welchen Teil des anderen ihr einfangen und festhalten könnt.

Beziehungen – wie alles im Leben – können nur einen einzigen Sinn und Zweck haben: nämlich den, daß ihr seid und entscheidet, wer-ihr-wirklich-seid.

Es ist sehr romantisch zu sagen, daß ihr »nichts« wart, bevor dieser andere besondere Mensch daherkam, doch das stimmt nicht. Schlimmer noch – ihr setzt damit die andere Person unter unglaublichen Druck, alles mögliche sein zu müssen, was sie gar nicht ist.

Weil sie euch nicht »enttäuschen« möchte, strengt sie sich an im Versuch, all diese Dinge zu sein und zu tun, bis sie nicht mehr kann. Sie vermag euer Bild von ihr nicht länger auszumalen. Sie kann die Rolle nicht länger erfüllen, die ihr zugewiesen wurde. Ihr Unmut steigert sich – bis hin zur Wut.

Schließlich beginnt diese andere besondere Person, um sich selbst (und die Beziehung) zu retten, wieder ihr wahres Selbst einzufordern, und handelt stärker in Übereinstimmung [190]mit dem, wer-sie-wirklich-ist. Etwa zu dieser Zeit sagt ihr dann, daß sie sich »wirklich verändert« hat.

Es ist sehr romantisch zu sagen, daß ihr euch nun, wo diese andere besondere Person in euer Leben getreten ist, vollständig fühlt. Doch der Sinn und Zweck einer Beziehung besteht nicht darin, daß ihr eine andere Person habt, die euch vervollständigt, sondern darin, daß ihr mit dieser anderen Person eure Vollständigkeit teilen könnt.

Dies ist ein Paradoxon aller menschlichen Beziehungen: Um vollständig erfahren zu können, wer-ihr-seid, braucht ihr nicht unbedingt einen bestimmten anderen Menschen, und doch … seid ihr ohne den anderen nichts.

Dies sind das Rätsel und das Wunder, die Frustration und die Freude der menschlichen Erfahrung. Es bedarf eines tiefen Verstehens und der absoluten Bereitschaft, in diesem Paradoxon so zu leben, daß es Sinn macht. Ich beobachte, daß sich nur sehr wenige Menschen daran halten.

Die meisten von euch beginnen jene Jahre, in denen ihr anfangt, feste Beziehungen einzugehen, voller Erwartung, mit großer sexueller Energie, mit einem weit offenen Herzen und einer freudigen, wenn nicht sogar begierigen Seele. Irgendwann zwischen vierzig und sechzig (und in den meisten Fällen früher als später) habt ihr euren großartigsten Traum aufgegeben, eure höchste Hoffnung fallenlassen und euch mit eurer niedrigsten Erwartung eingerichtet – oder mit gar nichts.

Das Problem ist so grundlegend, so einfach, und wird doch auf so tragische Weise mißverstanden: Euer großartigster Traum, eure höchste Vorstellung, eure liebste Hoffnung hatte mit der geliebten anderen Person zu tun, statt mit [191]eurem geliebten Selbst. Der Test eurer Beziehungen war darauf ausgerichtet, wie gut die andere Person euren Ideen und Vorstellungen entsprach, und wie gut ihr selbst ihren Ideen und Vorstellungen entsprochen habt. Doch der einzige wahre Test besteht darin, wie gut ihr euren Ideen und Vorstellungen entsprecht.

Beziehungen sind heilig, weil sie die größte – ja die einzige – Gelegenheit des Lebens bieten, die Erfahrung des höchsten Begriffs von eurem Selbst zu entwickeln und herzustellen. Beziehungen scheitern, wenn ihr sie als die großartigste Gelegenheit im Leben betrachtet, den durch euch erfahrenen höchsten Begriff von einem anderen zu entwickeln und herzustellen.

Laßt jede in einer Beziehung befindliche Person sich um das Selbst sorgen: darum, was das Selbst ist, tut und hat; was das Selbst will, erbittet, gibt; was das Selbst anstrebt, was es erschafft, erfährt – und alle Beziehungen werden auf herrliche Weise ihrem Sinn und Zweck dienen (und den daran Beteiligten)!

Laßt jede in einer Beziehung befindliche Person sich nicht um den anderen sorgen, sondern ausschließlich um das Selbst.

Das scheint eine merkwürdige Lehre zu sein, denn euch wurde gesagt, daß sich in der höchsten Form von Beziehung der eine nur um den anderen sorgt. Doch ich sage euch dies: Die Ursachen für das Scheitern eurer Beziehungen liegen im Augenmerk, das ihr auf den anderen richtet, in eurer Besessenheit vom anderen.

Was ist das andere Wesen? Was macht es? Was hat es? Was sagt, will, fordert, denkt, erwartet, plant es?

[192]

Die Meister haben begriffen, daß es keine Rolle spielt, was das andere Wesen ist, tut, hat, sagt, will, fordert. Es spielt keine Rolle, was das andere Wesen denkt, erwartet, plant. Eine Rolle spielt nur, was du in Beziehung dazu bist.

Die Person, die am meisten liebt, ist die, die selbst-zentriert ist.

Das ist eine radikale Lehre …

Nicht, wenn du sie dir sorgsam anschaust. Wenn du dein Selbst nicht lieben kannst, bist du unfähig, jemand anderen zu lieben. Viele Menschen begehen den Fehler, die Liebe zum Selbst durch die Liebe zu einem anderen zu suchen. Natürlich ist ihnen nicht klar, daß sie das tun. Es ist kein ihnen bewußtes Bemühen. Es spielt sich tief innen, in eurem sogenannten Unterbewußtsein, ab. Diese Menschen denken: »Wenn ich nur andere lieben kann, dann werden sie mich lieben. Dann werde ich liebenswert sein, und ich kann mich lieben.«

Umgekehrt hassen sich so viele selbst, weil sie das Gefühl haben, daß es niemanden gibt, der sie liebt. Das ist eine Krankheit. Diese Menschen sind wahrhaft »liebeskrank«, denn in Wahrheit werden sie von anderen geliebt, aber das spielt für sie keine Rolle. Ganz gleich, wie viele Menschen ihnen sagen, daß sie sie lieben, es ist nie genug.

Erstens glauben sie euch nicht. Sie denken, daß ihr sie zu manipulieren versucht – etwas zu bekommen versucht. (Wie könnt ihr sie denn lieben für das, was sie wirklich sind? Nein, da muß irgendwo ein Haken sein. Ihr müßt irgend etwas wollen! Nun, und was ist es, das ihr wollt?) [193]Sie sitzen da und bemühen sich herauszufinden, wie irgend jemand dazu kommen könnte, sie tatsächlich zu lieben. Sie glauben euch also nicht und machen sich daran, es euch beweisen zu lassen. Ihr müßt beweisen, daß ihr sie liebt. Und dazu verlangen sie vielleicht von euch, daß ihr euer Verhalten ändert.

Zweitens, wenn sie es schließlich über sich bringen, euch glauben zu können, daß ihr sie liebt, fangen sie sofort an, sich darum zu sorgen, wie lange sie sich eure Liebe erhalten können. Um sie sich zu erhalten, beginnen sie damit, ihr Verhalten zu ändern.

So können sich zwei Menschen buchstäblich in einer Beziehung verlieren. Sie gehen eine Beziehung ein in der Hoffnung, sich selbst zu finden, und verlieren sich statt dessen. Dieser Verlust des Selbst verursacht die meiste Bitterkeit in solchen Paarbeziehungen.

Zwei Menschen tun sich zu einer Partnerschaft zusammen in der Hoffnung, daß das Ganze größer sein wird als die Summe seiner Teile, nur um schließlich festzustellen, daß es sich vermindert. Sie haben das Gefühl, weniger zu sein, als sie es als Singles waren. Sie meinen, weniger befähigt, weniger aufregend, weniger attraktiv zu sein, weniger Freude, weniger Zufriedenheit zu empfinden.

Sie empfinden es deshalb, weil sie weniger sind. Sie haben das meiste von dem, was sie sind, aufgegeben, um in ihrer Beziehung sein und bleiben zu können.

So waren Beziehungen nie gedacht. Und doch werden sie in dieser Weise von mehr Menschen erlebt, als ihr je kennenlernen könntet.

[194]Warum? Warum?

Weil die Menschen den Kontakt zum Sinn und Zweck der Beziehungen verloren haben (falls ihnen ein solcher Kontakt überhaupt je vergönnt war).

Wenn ihr euch nicht mehr als heilige Seelen seht, die sich auf einer heiligen Reise befinden, könnt ihr auch nicht den Zweck, den letztlichen Grund für alle Beziehungen erkennen.

Die Seele trat in den Körper ein, und der Körper erwachte zum Leben zum Zweck der Evolution. Ihr entwickelt euch weiter, entfaltet euch, seid am Werden. Und ihr benutzt eure Beziehung zu allem, um zu entscheiden, was ihr werdet.

Das ist die Aufgabe, um derentwillen ihr hierhergekommen seid. Das ist die Freude am Erschaffen, am Kennenlernen des Selbst, am bewußten Werden zu dem, was ihr nach eurem Wunsch sein wollt. Das ist mit Selbst-Bewußtsein gemeint.

Ihr habt euer Selbst in die Welt der Relativität gebracht, damit euch die Instrumente zur Verfügung stehen, mit deren Hilfe ihr das, was-ihr-wirklich-seid, kennenlernen und erfahren könnt. Wer-du-bist ist das, als was du dich erschaffst, um mit dem ganzen Rest in Beziehung zu stehen. Eure persönlichen Beziehungen sind die wichtigsten Elemente in diesem Prozeß. Deshalb sind sie heiliger Boden. Sie haben im Grunde nichts mit dem anderen zu tun, haben aber doch, da sie einen anderen beinhalten, alles mit dem anderen zu tun.

Das ist die göttliche Dichotomie. Das ist der geschlossene [195]Kreis. Daher ist die Aussage »Gesegnet seien die Selbst-Zentrierten, denn sie werden Gott erfahren«, gar nicht so radikal. Es ist vielleicht kein schlechtes Ziel im Leben, den höchsten Teil deines Selbst zu kennen, zu erfahren und dort zentriert zu bleiben.

An erster Stelle muß also die Beziehung zu eurem Selbst stehen. Ihr müßt als erstes lernen, euer Selbst zu achten, zu schätzen und zu lieben.

Ihr müßt zuerst euer Selbst als würdig ansehen, bevor ihr einen anderen als würdig ansehen könnt. Ihr müßt zuerst euer Selbst als gesegnet ansehen, bevor ihr einen anderen als gesegnet ansehen könnt. Ihr müßt zuerst euer Selbst als heilig erkennen, bevor ihr die Heiligkeit im anderen anerkennen könnt.

Wenn ihr den Karren vor den Ochsen spannt – wie es die meisten Religionen von euch fordern – und einen anderen als heilig anerkennt, bevor ihr euch selbst als heilig akzeptiert, werdet ihr das eines Tages übelnehmen. Wenn es etwas gibt, das keiner von euch tolerieren kann, dann ist es das, daß jemand heiliger ist als ihr. Doch eure Religionen zwingen euch dazu, daß ihr andere heiliger nennt als euch. Und ihr befolgt das auch – für eine Weile. Dann kreuzigt ihr sie.

Ihr habt (auf die eine oder andere Weise) alle meine Lehrer gekreuzigt, nicht nur einen. Und das tatet ihr nicht, weil sie heiliger waren als ihr, sondern weil ihr sie dazu gemacht habt.

Meine Lehrer verkündeten sämtlich die gleiche Botschaft. Und diese lautete nicht »Ich bin heiliger als ihr«, sondern »Ihr seid so heilig, wie ich es bin«.

[196]

Das ist die Botschaft, die zu hören ihr nicht fähig wart; das ist die Wahrheit, die ihr nicht akzeptieren konntet. Und deshalb könnt ihr euch auch nie ganz wahrhaftig und rein in einen anderen verlieben. Denn ihr habt euch nie ganz wahrhaftig und rein in euer Selbst verliebt.

Und so sage ich euch dies: Konzentriert und begründet euch jetzt und für immer auf euer Selbst. Schaut euch in jedem Moment an, was ihr seid, tut und habt, und nicht, was beim anderen stattfindet.

Ihr findet euer Heil nicht in der Aktion des anderen, sondern in eurer Re-aktion.

Ich weiß zwar, daß es nicht so gemeint ist, aber manchmal hört sich das so an, als sollten wir uns nicht darum bekümmern, wie andere in einer Beziehung mit uns umgehen. So, als sei ihnen alles erlaubt und als blieben wir davon unberührt, solange wir unser Gleichgewicht halten, in unserem Selbst zentriert verharren und all diese guten Dinge tun. Aber andere berühren uns. Ihre Handlungen verletzen uns manchmal. Und wenn diese Verletzungen in einer Beziehung ins Spiel kommen, dann weiß ich nie, wie ich mich verhalten soll. Es ist ja gut und schön, sich einzureden: »Laß es nicht an dich ran; bring dich dazu, daß es nichts bedeutet«, aber das ist leichter gesagt als getan. Ich werde nun mal mitunter durch die Worte und Handlungen anderer, mit denen ich eine Beziehung habe, verletzt.

Der Tag wird kommen, an dem dies nicht mehr der Fall ist. Das wird der Tag sein, an dem du die wahre Bedeutung von Beziehungen erkennst – und verwirklichst. Weil du [197]diese wahre Bedeutung vergessen hast, reagierst du so, wie du es zuvor beschrieben hast. Aber das ist in Ordnung. Das gehört zum Wachstumsprozeß. Das ist Teil der Evolution. In einer Beziehung habt ihr es mit der Arbeit auf seelischer Ebene zu tun, aber das ist eine sehr tiefe Einsicht, ein sehr großer Akt der Erinnerung. Solange ihr euch nicht daran erinnert – und auch nicht daran, daß ihr die Beziehung als Instrument der Erschaffung des Selbst nutzt –, müßt ihr auf jener Ebene arbeiten, auf der ihr euch befindet: auf der Ebene des Verständnisses, der Bereitschaft, des Gedächtnisses.

Und so gibt es Dinge, die ihr tun könnt, wenn ihr mit Schmerz und Kränkung auf das reagiert, was ein anderer ist, sagt oder tut. Als erstes sollt ihr euch selbst und dem anderen gegenüber ganz ehrlich zugeben, wie ihr euch fühlt. Davor haben viele von euch Angst, weil sie meinen, daß es sie »schlecht ausschauen« läßt. Irgendwo tief im Innern habt ihr wahrscheinlich begriffen, daß es tatsächlich lächerlich ist, sich »so zu fühlen«. Wahrscheinlich ist es kleinkariert von euch. Ihr seid an sich »darüber erhaben«, vermögt es aber nicht zu ändern. Ihr fühlt eben so.

Da gibt es nur eines, was ihr tun könnt: Ihr müßt eure Gefühle achten, weil ihr auf diese Weise euer Selbst achtet. Und ihr müßt euren Nächsten lieben wie euch selbst. Wie könnt ihr je erwarten, daß ihr die Gefühle eines anderen versteht und respektiert, wenn ihr die Gefühle eures Selbst nicht achten könnt?

Die erste Frage bei jedwelcher Interaktion mit einem anderen lautet: Wer-bin-ich und wer-will-ich-sein in Beziehung dazu?

[198]

Oft erinnert ihr euch nicht daran, wer-ihr-seid, und wißt nicht, wer-ihr-sein-wollt, bis ihr ein paar Seinsweisen ausprobiert habt. Deshalb ist es so wichtig, daß ihr eure wahren Gefühle achtet.

Ist euer erstes Gefühl negativer Art, dann reicht häufig die bloße Tatsache, daß ihr dieses Gefühl habt, schon aus, um sich davon zu verabschieden. Wenn ihr die Wut habt, den Ärger habt, den Abscheu habt, den Zorn habt, das Gefühl, »den anderen auch verletzen zu wollen«, als euer eigen anerkennt, dann könnt ihr auch diese ersten Gefühle als »nicht-das-was-ihr-sein-wollt« ablehnen.

Die Meisterin ist jene, die genügend solche Erfahrungen durchlebt hat, um im voraus zu wissen, wie ihre letztliche Entscheidung ausfällt. Sie muß nichts mehr »ausprobieren«. Sie hat diese Kleider schon getragen und weiß, daß sie nicht passen; sie sind nicht »sie«. Und da eine Meisterin ihr Leben der ständigen Selbst-Verwirklichung widmet im Wissen darum, wer und was sie ist, würde sie solche unpassenden Gefühle nie beibehalten.

Deshalb bleiben Meister angesichts dessen, was andere eine Katastrophe nennen würden, unbeeindruckt. Ein Meister segnet die Katastrophe, weil er weiß, daß aus ihrem Samenkorn (und aus allen Erfahrungen) das Wachstum des Selbst entsteht. Und das zweite Lebensziel eines Meisters ist immer das Wachstum. Denn hat man einmal das Selbst voll und ganz verwirklicht, bleibt nichts mehr zu tun übrig, außer noch mehr dieses Selbst zu sein.

In diesem Stadium geht man von der Arbeit der Seele zur Arbeit Gottes über, denn das ist es, worauf ich aus bin!

Ich will einmal hier aus Gründen der Diskussion davon [199]ausgehen, daß ihr noch immer mit der Arbeit der Seele befaßt seid. Ihr strebt immer noch danach zu verwirklichen, wer-ihr-wahrhaft-seid. Das Leben (ich) wird euch in Hülle und Fülle Gelegenheiten bieten, dies zu erschaffen (denkt daran, das Leben ist kein Entdeckungs-, sondern ein Erschaffungsprozeß).

Ihr könnt immer und immer wieder erschaffen, wer-ihr-seid. Tatsache ist, daß ihr es tut – jeden Tag. So wie die Dinge derzeit stehen, laßt ihr euch jedoch nicht immer die gleiche Antwort einfallen. Hinsichtlich einer identischen äußerlichen Erfahrung entscheidet ihr euch vielleicht den einen Tag dazu, geduldig, liebevoll und gütig zu sein. Am nächsten Tag entscheidet ihr euch vielleicht dazu, wütend, gemein und traurig zu sein.

Ein Meister ist jemand, der immer mit derselben Antwort aufwartet – und diese Antwort ist stets eine Wahl im höchsten Sinn.

In dieser Hinsicht ist die Entscheidung eines Meisters unmittelbar vorhersagbar. Umgekehrt ist die eines Schülers völlig unvorhersagbar. Wie jemand auf dem Weg zur Meisterschaft vorankommt, läßt sich einfach daran ablesen, wie vorhersagbar er oder sie in Antwort oder Reaktion auf eine gegebene Situation eine Wahl im höchsten Sinn trifft.

Natürlich wirft das die Frage auf, was denn die im höchsten Sinn getroffene Wahl ist.

Das ist eine Frage, um die seit Anbeginn der Zeit die Philosophien und Theologien der Menschheit kreisen. Wenn du dich wirklich und wahrhaftig damit beschäftigst, bist du bereits auf dem Weg zur Meisterschaft. Denn nach wie vor gilt, daß die meisten Menschen mit einer völlig anderen [200]Frage beschäftigt sind, nämlich: Was ist am profitabelsten? oder Wodurch kann ich am wenigsten verlieren?

Wenn das Leben unter dem Gesichtspunkt der Schadensbegrenzung oder des optimalen Vorteils abläuft, wird sein wahrer Nutzen vertan, geht die Gelegenheit verloren, wird die Chance vergeben. Denn ein solches Leben wird von der Angst bestimmt – und es spricht eine Lüge über euch aus.

Denn ihr seid nicht Angst, ihr seid Liebe – Liebe, die keinen Schutz braucht, die nicht verlorengehen kann. Aber das werdet ihr nie erfahrungsgemäß erleben, wenn ihr ständig die zweite und nicht die erste Frage beantwortet haben wollt. Denn nur eine Person, die denkt, daß es etwas zu gewinnen oder zu verlieren gibt, stellt die zweite Frage. Und nur eine Person, die das Leben auf andere Weise betrachtet, die das Selbst als höheres Wesen ansieht, die versteht, daß nicht das Gewinnen oder Verlieren die Prüfung darstellt, sondern allein das Lieben oder mangelnde Lieben – nur diese Person stellt die erste Frage.

Wer die zweite Frage stellt, sagt: »Ich bin mein Körper«. Wer die erste Frage stellt, sagt: »Ich bin meine Seele«.

Fürwahr, laßt alle hören, die Ohren haben zu hören, denn ich sage euch dies: In jeder menschlichen Beziehung stellt sich an der entscheidenden Kreuzung nur eine Frage:

Was würde die Liebe jetzt tun?

Keine andere Frage ist relevant, keine andere Frage hat Bedeutung, keine andere Frage ist wichtig für eure Seele.

Damit sind wir an einem sehr heiklen Punkt der Interpretation angelangt, denn dieses Prinzip der von der Liebe eingegebenen Handlung wird weitgehend mißverstanden. Und [201]ebendieses Mißverständnis hat schon reichlich Ärger und Wut im Leben verursacht, wodurch wiederum viele von ihrem Weg abgebracht werden.

Viele Jahrhunderte lang wurdet ihr gelehrt, daß die von der Liebe eingegebene Handlung aus der Entscheidung entsteht, das zu sein, zu tun und zu haben, was immer das höchste Wohl des anderen bewirkt.

Doch ich sage euch dies: Die im höchsten Sinn getroffene Wahl ist jene, die das höchste Wohl für euch bewirkt.

Wie jede tiefe spirituelle Wahrheit lädt auch diese Aussage sofort zur Fehlinterpretation ein. Das Geheimnis klärt sich in dem Moment ein wenig auf, in dem ihr darüber befindet, was das höchste »Wohl« ist, das ihr für euch selbst bewirken könntet. Und wenn hier eine Wahl im absolut höchsten Sinn getroffen wird, löst sich das Rätsel, vollendet sich der Kreis, und das höchste Wohl für euch selbst wird das höchste Wohl eines anderen.

Dies zu verstehen kann ein ganzes Leben in Anspruch nehmen – und noch weitere Leben, um es umzusetzen –, denn diese Wahrheit kreist um eine noch größere Wahrheit: Was ihr für euer Selbst tut, das tut ihr für einen anderen. Und was ihr für einen anderen tut, das tut ihr für euer Selbst.

Dies deshalb, weil ihr und der andere eins seid.

Und das ist deshalb so, weil …

da nichts ist außer euch.

Alle Meister, die auf eurem Planeten weilten, haben dies gelehrt. (»Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr für den geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.«) Doch das ist für die meisten Menschen lediglich eine großartige esoterische Wahrheit geblieben mit einer [202]äußerst geringen praktischen Anwendungsmöglichkeit. Tatsächlich ist es aber die in der Praxis am besten anwendbare »esoterische« Wahrheit aller Zeiten.

Es ist wichtig, daß ihr euch in euren Beziehungen an diese Wahrheit erinnert, denn ohne sie sind Beziehungen eine sehr schwierige Angelegenheit.

Kommen wir auf die praktischen Anwendungsmöglichkeiten dieser Weisheit zurück und lassen wir für den Moment den rein spirituellen, esoterischen Aspekt beiseite.

So oft haben Menschen – wohlmeinende, in bester Absicht handelnde und sehr religiöse Menschen – im Kontext des alten Verständnisses das getan, was sie in ihrer Beziehung für den anderen Menschen als das Beste ansahen. Leider hat das in vielen Fällen (in den meisten Fällen) zum permanenten Mißbrauch des anderen geführt, zur fortgesetzten falschen Behandlung und damit zur fortgesetzten Funktionsstörung in der Beziehung.

Letztlich wird die Person, die im Hinblick auf den anderen »das Richtige zu tun« versucht – rasch zu vergeben, Mitgefühl zu zeigen, ständig über gewisse Probleme und Verhaltensweisen hinwegzusehen –, ärgerlich, wütend und mißtrauisch, sogar auch gegenüber Gott. Denn wie kann ein gerechter Gott dieses unablässige Leiden, diese endlose Freudlosigkeit und Aufopferung verlangen, selbst im Namen der Liebe?

Die Antwort lautet: Das tut Gott nicht. Er bittet nur darum, daß ihr euch selbst unter jene einreiht, die ihr liebt.

Gott geht noch weiter. Er schlägt vor – empfiehlt –, euch selbst an erste Stelle zu setzen.

Mir ist hier vollkommen bewußt, daß manche von euch [203]dies als Blasphemie bezeichnen und deshalb nicht als mein Wort akzeptieren werden; und daß andere von euch, noch schlimmer, es als mein Wort akzeptieren und es dermaßen fehlinterpretieren und verzerren werden, daß es euren eigenen Zwecken dient: der Rechtfertigung Gott-loser Handlungen.

Ich sage euch dies: Wenn ihr euch im höchsten Sinn an die erste Stelle setzt, führt das nie zu einer Gott-losen Handlung.

So besteht die Verwirrung, wenn ihr euch bei einer Gott-losen Tat als Folge dessen ertappt, daß ihr das Beste für euch getan habt, nicht darin, daß ihr euch an erste Stelle gesetzt, sondern darin, daß von euch falsch verstanden wurde, was das Beste für euch ist.

Natürlich setzt die Entscheidung darüber, was für euch das Beste ist, voraus, daß ihr für euch bestimmt, was ihr denn zu tun versucht. Das ist ein wichtiger Schritt, den viele Menschen ignorieren. Worauf seid ihr aus? Was ist euer Lebensziel? Ohne Antworten auf diese Fragen bleibt die Frage, was unter irgendwelchen gegebenen Umständen das »Beste« ist, ein Rätsel.

Ganz praktisch gesprochen – und lassen wir die ganze Esoterik mal wieder beiseite: Wenn ihr euch anschaut, was in einer Situation wie der, daß ihr mißbraucht werdet, das Beste für euch ist, dann werdet ihr zum allermindesten etwas unternehmen, um diesem Mißbrauch ein Ende zu setzen. Und das wird gut sein für euch und denjenigen, der mißbraucht. Denn selbst der, der mißbraucht, wird ebenfalls mißbraucht, wenn ihm gestattet wird, diesen Mißbrauch fortzusetzen.

[204]

Das heilt ihn nicht, sondern wirkt sich zerstörerisch aus. Denn was hat einer gelernt, der feststellt, daß sein Mißbrauch akzeptiert wird? Und was wird ihm zu entdecken erlaubt, wenn er begriffen hat, daß sein Mißbrauch nicht länger geduldet wird?

Anderen mit Liebe zu begegnen heißt also nicht notwendigerweise, daß ihr diesen Menschen gestattet zu tun, was sie wollen.

Eltern lernen das sehr früh durch ihre Kinder. Erwachsene brauchen da in ihren Beziehungen zu anderen Erwachsenen schon länger, ebenfalls Nationen in ihrem Verhältnis zu anderen Nationen.

Doch Despoten kann nicht erlaubt werden, sich auszutoben, sie müssen in ihrem Despotismus gestoppt werden. Das fordern die Liebe zum Selbst und die Liebe zum Despoten.

Das ist die Antwort auf deine Frage, wie der Mensch jemals den Krieg rechtfertigen kann, wenn überall Liebe herrscht. Manchmal muß der Mensch in den Krieg ziehen, um zur höchsten Aussage darüber zu gelangen, was der Mensch wahrhaft ist: einer, der den Krieg verabscheut.

Es gibt Zeiten, in denen ihr möglicherweise aufgeben müßt, wer-ihr-seid, um zu sein, wer-ihr-seid.

Es gibt Meister, die euch lehrten: Ihr könnt nicht alles haben, solange ihr nicht bereit seid, alles aufzugeben.

So müßt ihr, um euch selbst als Menschen des Friedens beweisen zu können, möglicherweise die Idee von euch selbst als einem Menschen, der niemals in den Krieg zieht, aufgeben. In der Geschichte wurden solche Entscheidungen von Menschen schon häufiger abverlangt.

[205]

Das gleiche gilt für die persönlichsten und intimsten Beziehungen. Das Leben mag euch mehr als einmal dazu aufrufen zu beweisen, wer-ihr-seid, indem ihr einen Aspekt dessen von euch zeigt, wer-ihr-nicht-seid.

Das ist nicht so schwer zu verstehen, wenn ihr schon etliche Jahre auf dem Buckel habt, aber den idealistischen jungen Menschen mag dies wie der höchste aller Widersprüche erscheinen. Aus der reiferen Rückschau heraus erscheint es eher als eine göttliche Dichotomie.

Das heißt im Kontext der menschlichen Beziehungen nicht, daß ihr, wenn ihr eine Kränkung erlitten habt, dies nun wieder »mit einer Kränkung« heimzahlen müßt. (Das betrifft auch die Beziehungen zwischen den Nationen.) Es bedeutet ganz einfach, daß es möglicherweise – für euer Selbst oder den anderen – nicht die liebevollste aller Taten ist, wenn ihr zulaßt, daß der andere euch ständig Schaden zufügt.

Damit wären ein paar pazifistische Theorien ausgeräumt, welche besagen, daß die höchste Liebe keine starke, nachdrückliche und wirkungsvolle Reaktion auf das erfordert, was ihr das Böse nennt.

An diesem Punkt gelangt die Diskussion erneut auf die esoterische Ebene, denn keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Aussage kann hier den Begriff »des Bösen« und die damit verbundenen Werturteile ignorieren. In Wahrheit gibt es nichts Böses, nur objektive Phänomene und Erfahrungen. Doch allein schon euer höchstes Lebensziel macht es erforderlich, daß ihr aus der wachsenden Ansammlung endloser Phänomone ein paar verstreute Einzelphänomene heraussucht, die ihr das Böse nennt. Denn wenn ihr das [206]nicht tut, könnt ihr weder euch selbst noch irgend etwas anderes als gut bezeichnen und somit euer Selbst nicht kennenlernen oder erschaffen.

Ihr definiert euch selbst über das, was ihr das Böse nennt, und über das, was ihr als das Gute bezeichnet.

Von daher wäre es der größte Frevel, wenn ihr überhaupt nichts als böse bezeichnen würdet.

Ihr existiert in diesem Leben in der Welt des Relativen, in der eine Sache nur insofern existiert, als sie sich auf eine andere bezieht. Und dies ist zugleich sowohl die Funktion als auch der Sinn und Zweck einer Beziehung: Sie soll euch ein Erfahrungsfeld liefern, innerhalb dessen ihr euch selbst findet, euch selbst definiert und – wenn ihr es wählt – ständig neu erschafft, wer-ihr-seid.

Trefft ihr die Wahl, Gott-gleich zu sein, so bedeutet das nicht, daß ihr euch dazu entscheidet, ein Märtyrer zu sein. Und es bedeutet ganz gewiß nicht, daß ihr euch dazu entscheidet, ein Opfer zu sein.

Es wäre sehr gut, wenn ihr auf eurem Weg zur Meisterschaft – wenn alle Möglichkeiten des Verletztseins, des Geschädigtseins und des Verlusts in euch ausgemerzt sind – das Verletztsein, Geschädigtsein und den Verlust als Bestandteil eurer Erfahrung anerkennt und in dieser Hinsicht entscheidet, wer-ihr-seid.

Ja, die Dinge, die andere denken, sagen oder tun, werden euch manchmal verletzen – bis sie es nicht mehr tun. Das, was euch am schnellsten voranbringt, ist die totale Ehrlichkeit – die Bereitschaft zu bestätigen, anzuerkennen und genau zu erklären, wie ihr über eine Sache fühlt. Sagt eure Wahrheit – freundlich, aber voll und ganz. Lebt eure Wahrheit, [207]sanft, aber ausschließlich und konsequent. Ändert eure Wahrheit problemlos und rasch, wenn euch eure Erfahrung zu einer neuen Klarheit verhilft.

Niemand, der recht bei Sinnen ist, am wenigsten Gott, würde euch sagen, daß ihr, wenn ihr in einer Beziehung verletzt werdet, »beiseite treten und euch dahin bringen sollt, daß es keine Bedeutung für euch hat«. Wenn ihr jetzt verletzt seid, ist es zu spät, die Sache so umzubiegen, daß sie nichts bedeutet. Eure Aufgabe besteht darin, nun zu entscheiden, was sie bedeutet – und dies zu demonstrieren. Denn so wählt und werdet ihr, was-zu-sein-ihr-anstrebt.

Also muß ich nicht die ewig duldsame Ehefrau oder der herabgesetzte Ehemann oder das Opfer in meinen Beziehungen sein, um zu etwas Heiligem zu werden oder mich in den Augen Gottes wohlgefällig erscheinen zu lassen?

Aber natürlich nicht.

Und ich muß mir nicht die Attacken auf meine Würde, die Angriffe auf meinen Stolz, die Beschädigung meiner Psyche und die Verwundung meines Herzens bieten lassen, um sagen zu können, daß ich in einer Beziehung »mein Bestes gegeben«, in den Augen Gottes und der Menschen »meine Pflicht getan« oder »meine Verpflichtungen erfüllt« habe?

Nicht eine Minute lang.

Dann sag mir bitte, welche Versprechungen ich in einer Beziehung geben sollte; welche Vereinbarungen muß ich [208]einhalten? Welche Verpflichtungen bringt eine Beziehung mit sich? An welche Richtlinien sollte ich mich halten?

Die Antwort ist eine unhörbare – denn sie läßt dich ohne Richtlinien, macht jede Vereinbarung in dem Moment, in dem du sie triffst, null und nichtig. Die Antwort lautet: Du hast keine Verpflichtung – weder in einer Beziehung noch in deinem ganzen Leben.

Keine Verpflichtung?

Keine Verpflichtung. Ebenso keinerlei Beschränkungen oder Begrenzungen, keine Richtlinien oder Regeln. Du bist auch nicht durch irgendwelche Umstände oder Situationen gebunden, nicht eingeschränkt durch irgendeinen Kodex oder ein Gesetz. Außerdem bist du nicht für irgendeine Ungehörigkeit zu bestrafen, noch irgendeiner Ungehörigkeit fähig – denn in den Augen Gottes gibt es nichts »Ungehöriges«.

Ich habe schon davon gehört – von dieser Religion, wonach »es keine Regeln gibt«. Das ist spirituelle Anarchie. Ich habe keine Ahnung, wie das funktionieren soll.

Es kann keinesfalls nicht funktionieren – wenn es dir um das Erschaffen deines Selbst geht. Wenn du dir hingegen einbildest, es wäre deine Aufgabe, etwas zu sein, das du nach dem Willen von jemand anderem sein sollst, dann könnte das Fehlen von Regeln oder Richtlinien die Dinge in der Tat schwierig machen.

[209]

Doch der Intellekt ist bestrebt zu fragen: Warum hat mich Gott, wenn er mich auf eine bestimmte Weise haben möchte, nicht schon ganz einfach von Anfang an so erschaffen? Warum muß ich all diese Kämpfe durchstehen, um zu »überwinden«, wer ich bin, und so zu werden, wie Gott mich haben will? Das verlangt der forschende Geist zu wissen – und das zu Recht, denn es ist eine angemessene Frage.

Die religiösen Eiferer wollen euch glauben machen, daß ich euch als weniger als Was-Ich-Bin erschaffen habe, damit ihr die Möglichkeit habt zu werden, Was-Ich-Bin, wobei eure Chancen in dieser Sache äußerst schlecht stehen und ihr, so könnte ich hinzufügen, jeder natürlichen Neigung, die ich euch angeblich mitgegeben habe, entgegenarbeiten müßtet.

Zu diesen sogenannten natürlichen Neigungen gehört die Tendenz zum Sündigen. Ihr wurdet gelehrt, daß ihr sündig geboren wurdet, sündig sterben werdet und daß das Sündigen in eurer Natur liegt.

Eine eurer Religionen lehrt euch sogar, daß ihr daran nichts ändern könnt. Eure persönlichen Handlungen sind irrelevant und bedeutungslos. Es ist pure Arroganz, wenn ihr denkt, daß ihr durch irgendwelches Handeln eurerseits »in den Himmel kommen« könnt. Es gibt nur einen Weg in den Himmel (zur Rettung), und der hat nichts mit irgendwelchen Unternehmungen eurerseits zu tun, sondern geschieht ausschließlich durch die Gnade, die euch Gott durch das Annehmen seines Sohns als Mittler zuteil werden läßt.

Danach seid ihr »gerettet«. Bevor das nicht geschehen ist, [210]hat nichts, was ihr tut – weder euer Leben noch die von euch getroffenen Entscheidungen, noch irgend etwas, das ihr aus eigener Willensanstrengung unternehmt, um euch zu bessern oder würdig werden zu lassen –, irgendeine Auswirkung, irgendeinen Einfluß. Ihr seid grundsätzlich nicht imstande, euch würdig werden zu lassen, weil ihr von Natur aus unwürdig seid. So wurdet ihr geschaffen.

Warum? Das weiß nur Gott. Vielleicht hat er einen Fehler gemacht. Vielleich hat er sich geirrt. Vielleicht wünscht er sich, er könnte noch mal von vorn anfangen. Aber so ist es nun mal. Was ist also zu tun…?

Du machst dich über mich lustig.

Nein. Ihr macht euch über mich lustig. Ihr sagt, ich, Gott, hätte von Natur aus unvollkommene Geschöpfe erschaffen und dann von ihnen verlangt, daß sie entweder vollkommen sein oder aber mit der Verdammnis rechnen müßten. Ihr sagt weiterhin, daß ich dann nach einigen tausend Jahren Erfahrungen mit der Welt ein wenig nachgegeben und erklärt hätte, daß ihr von nun an nicht mehr unbedingt gut sein müßtet, sondern euch nur einfach schlecht fühlen solltet, wenn ihr nicht gut wärt; und daß ihr das eine Wesen als euren Retter akzeptieren solltet, das immer vollkommen zu sein vermochte, wodurch mein Hunger nach Vollkommenheit gestillt würde. Ihr sagt, daß mein Sohn – der einzige Vollkommene – euch von eurer Unvollkommenheit erlöst habe, der Unvollkommenheit, die ich euch gab.

Mit anderen Worten: Gottes Sohn erlöste euch von dem, was sein Vater anrichtete.

[211]

So wurde es von mir eingerichtet, wie viele von euch sagen. Wer macht sich also hier über wen lustig?

Das ist das zweite Mal in diesem Buch, daß du das fundamentalistische Christentum frontal anzugreifen scheinst.

Du hast das Wort »angreifen« gewählt. Ich nehme lediglich das Thema auf. Und es hat im übrigen nichts mit dem »fundamentalistischen Christentum«, wie du es ausdrückst, zu tun, sondern behandelt die gesamte Natur Gottes und seine Beziehung zum Menschen.

Die Frage kommt hier auf, weil wir über Verpflichtungen sprachen, Verpflichtungen in Beziehungen und im Leben allgemein.

Ihr könnt nicht an eine Beziehung ohne Verpflichtungen glauben, weil ihr das, wer und was ihr wirklich seid, nicht zu akzeptieren bereit seid. Du nennst ein Leben der vollständigen Freiheit »spirituelle Anarchie«. Ich bezeichne es als Gottes großartiges Versprechen.

Und nur in dessen Kontext kann Gottes großer Plan vollendet werden.

Ihr habt keine Verpflichtung in einer Beziehung. Ihr habt nur Gelegenheiten.

Die Gelegenheit, nicht die Verpflichtung, ist der Eckstein der Religion, die Grundlage aller Spiritualität. Solange ihr das umgekehrt seht, werdet ihr den Kern der Sache nicht begreifen.

Die Beziehung – eure Beziehung zu sämtlichen Dingen – wurde als euer vollkommenes Instrument erschaffen, damit ihr die Arbeit der Seele tun könnt. Deshalb sind alle [212]menschlichen Beziehungen heiliger Boden, ist jede persönliche Beziehung heilig.

In dieser Sache liegen viele Kirchen richtig. Die Ehe ist ein Sakrament. Aber nicht aufgrund ihrer geheiligten Verpflichtungen, sondern wegen der unvergleichlichen Gelegenheit, die sie bietet.

Tut in einer Beziehung nie etwas aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus. Tut, was immer ihr tut, aus einem Gefühl der wunderbaren Gelegenheit heraus, die euch eure Beziehung bietet – die Gelegenheit zu entscheiden und zu sein, wer-ihr-wirklich-seid.

Ich kann das verstehen, doch ich habe immer und immer wieder in meinen Beziehungen aufgegeben, wenn diese sich in dramatischer Weise zuspitzten. Die Folge davon ist, daß ich eine ganze Reihe von Beziehungen einging, wo ich doch, als Kind, dachte, daß mir nur eine zustünde. Ich scheine nicht zu wissen, wie es ist, lediglich an einer Beziehung festzuhalten. Glaubst du, ich werde das je lernen? Was muß ich tun, damit das geschieht?

Das hört sich bei dir so an, als glaubtest du, das Festhalten an einer Beziehung bedeute, daß sie erfolgreich sei. Versuche, Langfristigkeit nicht mit einer gut bewältigten Aufgabe zu verwechseln. Denk daran, daß deine Aufgabe auf diesem Planeten nicht darin besteht, daß du zusiehst, wie lange du es in einer Beziehung aushalten kannst, sondern darin, daß du entscheidest und erfährst, wer-du-wirklich-bist.

Damit will ich nicht für kurzfristige Beziehungen eintreten, [213]doch besteht auch keine Forderung langfristiger Beziehungen.

Und obgleich es diese Forderung nicht gibt, sollte doch soviel gesagt werden: Langfristige Beziehungen bieten bemerkenswerte Gelegenheiten für gemeinsames Wachstum, gemeinsame Ausdrucksform und gemeinsame Erfüllung – und das beinhaltet seinen eigenen Lohn.

Ich weiß, ich weiß! Ich meine, das habe ich immer vermutet. Und wie gelange ich dahin?

Vergewissere dich zunächst, daß du aus den richtigen Gründen eine Beziehung eingehst. (Ich benutze hier das Wort »richtig« als relativen Begriff. Ich meine »richtig« in bezug auf den größeren Sinn und Zweck deines Lebens.)

Wie ich bereits andeutete, fangen die meisten Menschen nach wie vor aus den »falschen« Gründen eine Beziehung an: um nicht mehr einsam zu sein, eine Lücke zu füllen, geliebt zu werden oder jemanden zu lieben – und das sind noch einige der besseren Gründe. Andere gehen eine Beziehung ein, um ihr Ego zu besänftigen, ihrer Depression ein Ende zu setzen, ihr Sexualleben zu verbessern, sich von einer anderen Beziehung zu erholen oder, ob du es glaubst oder nicht, um sich von ihrer Langeweile zu befreien.

Keiner dieser Gründe wird funktionieren, und auch die Beziehung nicht – es sei denn, es treten dramatische Veränderungen ein.

Keiner dieser Gründe kommt für meine Beziehungen in Frage.

[214]

Das möchte ich bezweifeln. Denn ich glaube nicht, daß du weißt, warum du deine Beziehungen eingegangen bist; daß du in dieser Weise darüber nachgedacht hast; daß du deine Beziehungen in bewußter Absicht eingegangen bist. Ich glaube, du hast dich auf deine Beziehungen eingelassen, weil du »verliebt« warst.

Das stimmt genau.

Und ich glaube nicht, daß du innehieltest, um dich zu fragen, warum du dich »verliebt« hast. Was es war, worauf du reagiert hast. Welches Bedürfnis oder welche Reihe von Bedürfnissen erfüllt wurde.

Bei den meisten Menschen ist die Liebe eine Reaktion auf ein Bedürfnis, das erfüllt werden möchte.

Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Du brauchst dies, ein anderer braucht das. Ihr beide seht im anderen eine Chance für die gegenseitige Erfüllung von Bedürfnissen. Also laßt ihr euch – stillschweigend – auf einen Handel ein. Ich gebe dir, was ich habe, wenn du mir gibst, was du hast.

Das ist eine Transaktion. Aber ihr verschweigt die Wahrheit darüber. Ihr sagt nicht: »Bei diesem Handel gebe ich dir sehr viel.« Ihr sagt: »Ich liebe dich sehr«, und damit beginnt die Enttäuschung.

Diesen Punkt hast du schon klargestellt.

Ja, und du hast dies schon getan – nicht einmal, sondern mehrere Male.

[215]Manchmal scheint sich dieses Buch im Kreis zu bewegen, stellt dieselben Punkte immer und immer wieder klar.

So ähnlich wie im Leben.

Touché.

Der Vorgang ist der, daß du Fragen stellst und ich sie nur beantworte. Wenn du dieselbe Frage in drei Varianten stellst, muß ich sie eben weiterhin beantworten.

Vielleicht erhoffe ich mir eine andere Antwort von dir. Du nimmst eine Menge Romantik weg, wenn ich dich zum Thema Beziehungen befrage. Was ist denn falsch daran, wenn ich mich Hals über Kopf verliebe, ohne vorher darüber nachzudenken?

Nichts. Verliebe dich in dieser Weise in so viele Menschen, wie du möchtest. Aber wenn du mit einer Person eine lebenslange Beziehung eingehen willst, dann möchtest du dir vielleicht zusätzlich auch ein paar Gedanken darüber machen.

Wenn du es andererseits genießt, Beziehungen wie einen Fluß zu durchqueren – oder noch schlimmer, in einer Beziehung bleibst, weil du glaubst, sie »aufrechterhalten zu müssen«, und dann ein Leben in stiller Verzweiflung führst –, wenn du es genießt, diese Muster der Vergangenheit zu wiederholen, dann mach weiter so.

[216]Ja, schon gut. Ich hab's kapiert. Du bist ziemlich unnachgiebig, nicht wahr?

Das ist das Problem mit der Wahrheit. Die Wahrheit ist unnachgiebig. Sie läßt dich nicht in Ruhe. Sie schleicht sich von allen Seiten an dich heran und zeigt dir, was wirklich ist. Das kann ärgerlich sein.

Okay. Ich will also die Instrumente für das Eingehen einer langfristigen Beziehung finden – und du sagst, eines davon ist, daß wir die Beziehung in bewußter Absicht eingehen.

Ja. Vergewissert euch, du und deine Gefährtin, daß ihr euch in der Absicht einig seid.

Wenn ihr euch auf bewußter Ebene beide darin einig seid, daß der Zweck eurer Beziehung darin besteht, daß ihr eine Gelegenheit, keine Verpflichtung, erschaffen wollt für Wachstum, für den vollen Ausdruck des Selbst, für ein Leben, das sich zu seinem höchsten Potential aufschwingt, für die Heilung jedes falschen Gedankens oder jeder minderen Vorstellung, die ihr je von euch hattet, und für die letztliche Wiedervereinigung mit Gott durch die Kommunion eurer beiden Seelen – wenn ihr diesen Schwur leistet anstelle der Versprechen, die ihr euch bisher gegeben habt –, dann hat die Beziehung auf einer sehr guten Grundlage begonnen. Dann ist sie richtig eingeleitet worden, hat sie einen sehr guten Anfang gemacht.

Aber das ist noch keine Garantie für den Erfolg.

[217]

Wenn du Garantien im Leben haben willst, dann willst du das Leben nicht. Du willst das wiederholte Proben eines Drehbuchs, das bereits geschrieben wurde.

Das Leben kann seiner Natur nach keine Garantien bieten, oder es würde in seinem ganzen Sinn und Zweck vereitelt werden.

Ich hab's schon begriffen. Also, jetzt habe ich meiner Beziehung zu »einem sehr guten Anfang« verholfen. Wie erhalte ich diesen Zustand nun aufrecht?

Du sollst wissen und verstehen, daß es Herausforderungen und schwierige Zeiten geben wird.

Versuche nicht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Heiße sie willkommen, dankbar. Nimm sie als großartige Geschenke von Gott, als herrliche Gelegenheiten, um das zu tun, um dessentwillen du in die Beziehung eingetreten bist – und ins Leben.

Bemühe dich wirklich darum, daß du in diesen Zeiten deine Partnerin nicht als Feindin oder Widersacherin betrachtest. Strebe danach, daß du in der Tat niemanden und nichts als den Feind ansiehst – oder auch nur als das Problem. Kultiviere die Technik, alle Probleme als Gelegenheiten zu begreifen. Gelegenheiten, um zu …

… Ich weiß, ich weiß – »sein und zu entscheiden, wer-du-wirklich-bist«.

Richtig! Du kapierst es! Du kapierst es!

[218]Das klingt mir nach einem ziemlich langweiligen Leben.

Dann setzt du deine Visionen zu niedrig an. Erweitere deine Horizonte. Verleihe deiner Vision mehr Tiefe. Sieh mehr in dir, als du glaubst, daß da zu sehen ist. Sieh auch mehr in deiner Partnerin.

Du wirst in deiner Beziehung – oder irgend jemandem – nie einen schlechten Dienst erweisen, wenn du mehr in den anderen siehst, als sie dir offenbaren. Denn da ist mehr – erheblich mehr. Nur ihre Angst hält sie davon ab, es dir zu zeigen. Wenn andere merken, daß du mehr in ihnen siehst, werden sie sich sicher fühlen und dir auch zeigen, was du offensichtlich schon siehst.

Die Menschen neigen im allgemeinen dazu, unseren Erwartungen von ihnen zu entsprechen.

Da ist was Wahres dran. Nur gefällt mir hier das Wort »Erwartungen« nicht. Erwartungen ruinieren Beziehungen. Sagen wir, die Menschen neigen dazu, in sich selbst zu sehen, was wir in ihnen sehen. Je größer unsere Vision, desto größer ihre Bereitschaft, jenen Teil in sich zu bekräftigen und herauszustellen, den wir ihnen offenbart haben.

Funktionieren nicht alle wahrhaft gesegneten Beziehungen so? Ist das nicht Teil des Heilungsprozesses – dieses Vorgangs, mittels dessen sich Menschen erlauben, jeden falschen Gedanken »loszulassen«, den sie je über sich selbst gehegt haben?

Ist es nicht das, was ich hier, in diesem Buch, für dich tue?

[219]Ja.

Und das kennzeichnet die Arbeit Gottes. Die Arbeit der Seele besteht darin, daß sie dich aufweckt. Die Arbeit Gottes besteht darin, auch alle anderen aufzuwecken.

Und das tun wir, indem wir andere als das sehen, was-sie-sind, indem wir sie daran erinnern, wer-sie-sind.

Das ist euch auf zweierlei Art möglich: indem ihr sie daran erinnert, wer-sie-sind (sehr schwierig, weil sie euch nicht glauben werden), und indem ihr euch erinnert, wer-ihr-seid (sehr viel leichter, weil ihr dazu nicht ihren Glauben braucht, sondern nur euren eigenen). Wenn ihr dies ständig demonstriert, erinnert ihr damit andere daran, wer-sie-sind, denn sie werden in euch sich selbst sehen.

Es wurden viele Meister zur Erde entsandt, um die Ewige Wahrheit zu demonstrieren. Andere, wie zum Beispiel Johannes der Täufer, traten als Boten auf, welche die Wahrheit in leuchtendem Glanz schilderten und von Gott mit unmißverständlicher Klarheit sprachen.

Diese auserwählten Boten waren mit außerordentlicher Einsicht und der ganz besonderen Kraft begabt, die Ewige Wahrheit zu schauen und zu empfangen, und sie verfügten über die Fähigkeit, komplexe Gedanken so zu vermitteln, daß sie von den Massen verstanden wurden und auch werden.

Du bist ein solcher Bote.

Bin ich das?

[220]

Ja. Glaubst du es?

Das ist sehr schwer zu akzeptieren. Ich meine, wir alle wollen etwas Besonderes sein …

… Ihr alle seid etwas Besonderes …

… und dann kommt das Ego ins Spiel, zumindest bei mir, und versucht uns das Gefühl zu geben, daß wir für eine ganz ungewöhnliche Aufgabe »ausersehen« sind. Ich habe die ganze Zeit mit diesem Ego zu kämpfen, muß mich mühen, alle meine Gedanken, Worte und Taten immer und immer wieder zu reinigen und zu läutern, um sie von meinem ganz persönlichen Größenwahnsinn freizuhalten. Also fällt es mir sehr schwer, dich so etwas sagen zu hören, denn mir ist bewußt, daß es meinem Ego in die Hände spielt, und gegen das habe ich mein ganzes Leben lang angekämpft.

Ich weiß, daß du das getan hast. Und manchmal nicht allzu erfolgreich.

Bedauerlicherweise muß ich dir da zustimmen.

Doch wenn es um Gott ging, hast du das Ego stets fallenlassen. Viele Nächte hast du um Klarheit gebeten und gebettelt, hast du den Himmel um Einsicht angefleht, nicht, um dich selbst bereichern zu können oder um zu Ehren zu gelangen, sondern aus der tiefen Reinheit der einfachen Sehnsucht danach, zu wissen.

[221]So ist es.

Und du hast mir immer und immer wieder versprochen, daß du, sollte dir dieses Wissen zuteil werden, den Rest deines Lebens – jeden wachen Moment – damit verbringen würdest, diese Ewige Wahrheit mit anderen zu teilen … nicht aus einem Bedürfnis nach Ruhm, sondern aus dem tiefsten Wunsch deines Herzens heraus, dem Schmerz und dem Leiden anderer ein Ende zu setzen; um Freude und Glück, Hilfe und Heilung zu bringenf; um anderen wieder das Gefühl der Partnerschaft mit Gott, das du stets erfahren hast, zu vermitteln.

Ja doch.

Und so wurdest du von mir auserwählt, mein Bote zu sein. Du und viele andere. Denn jetzt und in der unmittelbar künftigen Zeit werden viele Trompeten nötig sein, um die Welt aufhorchen zu lassen. Wird die Welt viele Stimmen brauchen, welche die Worte der Wahrheit und Heilung verkünden, nach denen sich Abermillionen sehnen. Und die Welt vieler Herzen bedürfen, die sich vereinen, um die Arbeit der Seele zu leisten und die darauf vorbereitet sind, die Arbeit Gottes zu tun.

Kannst du ehrlich behaupten, daß du dir dessen nicht bewußt bist?

Nein.

[222]

Kannst du ehrlich bestreiten, daß dies der Grund ist, warum du hierhergekommen bist?

Nein.

Bist du also bereit, mit diesem Buch über deine persönliche Ewige Wahrheit zu entscheiden und sie zu verkünden und meine Herrlichkeit anzukündigen und in Worte zu kleiden?

Muß ich diesen letzten Teil unseres Gesprächs in das Buch aufnehmen?

Du mußt gar nichts. Denk daran: In unserer Beziehung hast du keine Verpflichtung, nur eine Gelegenheit. Und hast du auf diese nicht dein ganzes Leben lang gewartet? Hast du nicht dein Selbst von frühester Jugend an dieser Aufgabe gewidmet und dich gebührend darauf vorbereitet?

Doch.

Dann tu nicht das, wozu du dich verpflichtet fühlst, sondern das, wozu du Gelegenheit hast.

Und warum solltest du nicht all das in unser Buch aufnehmen? Glaubst du, ich möchte, daß du ein geheimer Bote bist?

Nein, ich denke nicht.

[223]

Es braucht großen Mut, um sich selbst öffentlich als einen Mann Gottes zu bezeichnen. Dir ist doch klar, daß die Welt dich mit sehr viel größerer Bereitschaft als nahezu alles andere akzeptieren wird – nur nicht als einen Mann Gottes? Als tatsächlichen Boten? Meine Boten wurden sämtlich verunglimpft. Statt Ruhm und Ehre zu erlangen, mußten sie schmachvolle Erniedrigungen und Herzenspein erdulden.

Bist du dazu bereit? Schmerzt dein Herz danach, die Wahrheit über mich zu erzählen? Bist du willens, dich dem Spott deiner Mitmenschen auszusetzen und ihn auszuhalten? Bist du darauf vorbereitet, den Ruhm und Glanz der Erde aufzugeben um des größeren Glanzes der so voll und ganz verwirklichten Seele willen?

Was du da von mir verlangst, Gott, hört sich ganz schön hart an.

Willst du, daß ich dich hinters Licht führe?

Na ja, du könntest es wenigstens ein bißchen lichter und heiterer formulieren.

He, ich bin ja durchaus für Erleuchtung! Warum beenden wird das Kapitel nicht mit einem Witz?

Gute Idee. Weißt du einen?

Nein, aber du. Erzähl den von dem kleinen Mädchen, das ein Bild malt …

[224]Oh, dieser. Nun, da kam eines Tages eine Mami in die Küche und sah ihre kleine Tochter von Buntstiften umgeben am Tisch sitzen, zutiefst mit dem Malen eines Bildes beschäftigt.

»Was malst du denn da Schönes?« fragte die Mami.

»Das ist ein Bild von Gott«, antwortete das hübsche kleine Mädchen mit leuchtenden Augen.

»Ach, Schätzchen, das ist ja so lieb«, sagte Mami und versuchte hilfreich zu sein. »Aber du mußt wissen, daß kein Mensch eine wirkliche Vorstellung davon hat, wie Gott aussieht.«

»Na«, erwiderte ihre Tochter, »dann warte mal, bis ich es beendet habe …«

Das ist ein netter kleiner Witz. Weißt du, was das Schönste daran ist? Das kleine Mädchen hatte nicht den geringsten Zweifel, wußte genau, wie es mich zu malen hatte!

Ja.

Nun erzähle ich dir eine Geschichte, und damit können wir dann das Kapitel beenden.

Gut.

Da war einmal ein Mann, der plötzlich feststellte, daß er jede Woche Stunden damit verbrachte, ein Buch zu schreiben. Tag um Tag sauste er zu Notizblock und Stift – manchmal mitten in der Nacht –, um jede neue Inspiration sofort zu notieren.

[225]

Schließlich fragte ihn ein Freund, was er da eigentlich mache.

»Oh«, antwortete er, »ich schreibe ein sehr langes Gespräch nieder, das ich mit Gott führe.«

»Schön und gut«, entgegnete sein Freund nachsichtig, »aber schau, niemand weiß wirklich mit Sicherheit, was Gott sagen würde.«

»Na«, sagte der Mann grinsend, »dann warte mal, bis ich damit fertig bin.«

 

 

[226]

9

Du denkst vielleicht, daß dieses »Sei-wer-du-wirklich-bist« eine einfache Sache ist, doch handelt es sich dabei um die größte Herausforderung, der du dich je in deinem Leben stellst. Tatsächlich kann es sein, daß du nie dahin gelangst. Nur wenige Menschen kommen dahin – weder innerhalb eines Lebens noch in vielen Leben.

Warum es also überhaupt versuchen? Warum sich überhaupt auf diesen Kampf einlassen? Wer braucht das schon? Warum nicht das Leben als das spielen, was es augenscheinlich ohnehin ist – eine einfache Übung in Bedeutungslosigkeit, die nirgendwo im besonderen hinführt; ein Spiel, das du gar nicht verlieren kannst, egal, wie du es spielst; ein Prozeß, der letztlich für jeden zum gleichen Ergebnis führt? Du sagst, es gibt keine Hölle, keine Bestrafung, keine Möglichkeit zu verlieren, warum sich also mit dem Versuch abgeben, zu gewinnen? Worin besteht der Ansporn angesichts der Tatsache, daß es deinen Worten zufolge so schwierig ist, dahin zu gelangen, wohin zu kommen wir bestrebt sind? Warum uns nicht eine nette Zeit machen und dieses ganze Gotteszeugs und »Sei-was-du-wirklich-bist« locker nehmen?

Heute sind wir aber frustriert, was …

Na, ja, ich bin es leid, es immer und immer wieder zu versuchen, nur um mir von dir anzuhören, wie schwer das [227]alles ist und daß es überhaupt nur einer unter Millionen schafft.

Ja, ich verstehe, daß du es leid bist. Laß mich sehen, ob ich helfen kann. Zunächst möchte ich dich darauf hinweisen, daß du dir bereits deine »nette Zeit« gemacht hast. Glaubst du, daß das hier der erste Versuch ist, den du unternimmst?

Ich habe keine Ahnung.

Kommt es dir nicht so vor, als wärest du schon früher hier gewesen?

Manchmal.

Nun, du warst es. Viele Male.

Wie viele Male?

Viele Male.

Soll mich das etwa ermutigen?

Es soll dich inspirieren.

Wie das?

Erstens nimmt es dir die Sorge. Es beinhaltet das von dir angesprochene Element des »letztlichen Nichtscheiterns«. Es gibt dir die Versicherung einer in bezug auf dich existierenden [228]Absicht, daß du nicht scheiterst. Daß du so viele Chancen erhältst, wie du brauchst und möchtest. Du kannst immer und immer wieder zurückkommen. Wenn du zum nächsten Schritt gelangst, wenn du dich zur nächsten Ebene weiterentwickelst, dann, weil du es willst, nicht, weil du mußt.

Du mußt nicht irgend etwas tun! Wenn du das Leben auf dieser Ebene genießt, wenn du das Gefühl hast, daß dies das Allerhöchste für dich ist, kannst du diese Erfahrung stets von neuem machen! Tatsache ist, daß du sie immer und immer wieder gemacht hast – aus ebendiesem Grund! Du liebst das Drama, den Schmerz. Du liebst das »Nichtwissen«, das Geheimnis, die Spannung – all dies! Deshalb bist du hier!

Machst du Witze?

Würde ich über so etwas Witze machen?

Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht, worüber Gott Witze macht.

Nicht darüber. Das ist zu nahe an der Wahrheit; zu nahe an der letztlichen und höchsten Erkenntnis. Ich mache nie Witze über das »wie es ist«. Zu viele Menschen haben in dieser Sache mit deinem Verstand gespielt. Ich bin nicht hier, um dich noch mehr zu verwirren, sondern um dir zu helfen, die Dinge zu klären.

Also kläre sie. Du sagst, ich bin hier, weil ich es so will?

[229]

Natürlich. Ja.

Und ich habe das gewählt?

Ja.

Und ich habe diese Wahl viele Male getroffen?

Richtig.

Wie viele Male?

Nicht schon wieder. Willst du eine genaue Zahl?

Nur eine ungefähre Angabe. Ich meine, sprechen wir hier von einer Handvoll oder von Dutzenden von Leben?

Hunderten.

Hunderten? Ich habe Hunderte von Leben gelebt?

Ja.

Und dies ist so weit, wie ich gekommen bin?

Das ist eigentlich eine ganz schöne Strecke.

Ach, tatsächlich?

Absolut. In vergangenen Leben hast du ja sogar Menschen getötet.

[230]Was ist falsch daran? Du hast selbst gesagt, daß der Krieg manchmal notwendig ist, um dem Bösen ein Ende zu setzen.

Darauf müssen wir ausführlicher eingehen, denn ich stelle fest, daß diese Aussage – so wie auch du sie jetzt machst – dazu benutzt und mißbraucht wird, allen möglichen Argumenten Vorschub zu leisten oder jeglichem Wahnsinn ein rationales Mäntelchen umzuhängen.

Nach den höchsten Prinzipien, die meiner Beobachtung zufolge von Menschen erdacht wurden, kann das Töten als Ausdrucksmittel der Wut, der Feindseligkeit, als »Wiedergutmachung eines Unrechts« oder Bestrafung eines Verbrechers niemals gerechtfertigt werden. Die Aussage, daß der Krieg manchmal notwendig ist, um dem Bösen oder dem Unheil ein Ende zu setzen, ist richtig – denn ihr habt sie Realität werden lassen. Ihr habt bei der Erschaffung des Selbst bestimmt, daß die Achtung allen menschlichen Lebens ein hoher und vorrangiger Wert ist und sein muß. Ich freue mich über eure Entscheidung, denn das Leben wurde von mir nicht erschaffen, damit es vernichtet wird.

Ihr habt nach einem höchsten moralischen Gesetz das Recht – demnach geradezu die Verpflichtung –, der Aggression gegenüber einer anderen oder eurer eigenen Person Einhalt zu gebieten.

Das heißt nicht, daß das Töten als Mittel der Bestrafung oder Vergeltung oder zur Beilegung kleinlicher Differenzen angemessen ist.

Du hast in früheren Leben wegen der Zuneigung zu einer Frau Duelle ausgefochten und getötet, dies zum Schutz deiner [231]Ehre, wie du es nanntest, wo du doch genau dadurch die Ehre verloren hast. Es ist absurd, tödliche Gewalt als Mittel zur Beilegung eines Streits anzuwenden. Viele Menschen bedienen sich noch immer jeden Tag der – tödlichen – Gewalt, um irgendwelche lächerlichen Streitigkeiten auszutragen.

Und als Gipfel der Heuchelei bringen Menschen mitunter andere Menschen sogar im Namen Gottes um – und das ist die schlimmste Blasphemie, denn solches Morden zeugt nicht von dem, wer-ihr-seid.

Demnach ist also doch etwas falsch am Töten?

Wiederholen wir noch einmal: Es gibt nichts »Falsches« an irgend etwas. »Falsch« ist ein relativer Begriff, der das Gegenteil von dem bezeichnet, was ihr »richtig« nennt.

Doch was ist »richtig«? Könnt ihr diesbezüglich wahrhaft objektiv sein? Oder sind »richtig« und »falsch« lediglich Beschreibungen, die ihr Ereignissen und Umständen überstülpt, je nachdem, wie es euch gerade paßt?

Und was, erkläre mir doch bitte, bildet die Grundlage für eure Entscheidung? Eure eigene Erfahrung? Nein. In den meisten Fällen trefft ihr die Wahl, die Entscheidung eines anderen zu akzeptieren. Die Entscheidung dessen, der schon vor euch da war und es anzunehmenderweise besser weiß. Sehr wenige eurer täglichen Entscheidungen über das, was »richtig« und was »falsch« ist, werden von euch selbst auf der Grundlage eures Verständnisses getroffen.

Das gilt vor allem für wichtige Angelegenheiten. Tatsächlich läßt sich sagen, daß ihr, je wichtiger die Angelegenheit, [232]desto weniger wahrscheinlich auf eure eigene Erfahrung hört und folglich desto bereiter seid, euch fremdes Gedankengut anzueignen.

Das erklärt, warum ihr praktisch die gesamte Kontrolle über bestimmte Lebensbereiche und bestimmte Fragen, die sich im Kontext der menschlichen Erfahrung ergeben, abgegeben habt.

Diese Bereiche und Fragen schließen oft Themen ein, die für eure Seele überaus wesentlich sind: die Natur Gottes; das Wesen der wahren Moral; die Frage nach der letztlichen Wirklichkeit; die Themen von Leben und Tod im Zusammenhang mit Krieg, Medizin, Abtreibung, Euthanasie, der Gesamtsumme und Substanz der persönlichen Werte, Strukturen und Urteile. Das meiste davon habt ihr von euch weg- und anderen zugeschoben. Ihr wollt in diesen Dingen keine eigenen Entscheidungen treffen.

»Jemand anderer soll entscheiden! Ich richte mich danach!« ruft ihr. »Jemand anderer soll mir sagen, was richtig und was falsch ist!«

Deshalb sind übrigens eure Religionen so populär. Es spielt fast keine Rolle, um welches Glaubenssystem es sich handelt, solange es stark, konsequent, klar in den an seine Anhänger gestellten Erwartungen und rigide ist. Sind diese Merkmale vorhanden, so werdet ihr auch Menschen finden, die an fast alles glauben. Die seltsamsten Verhaltensweisen und merkwürdigsten Glaubensvorstellungen können auf Gott bezogen werden – und sie wurden es auch. Das sind die Wege Gottes, sagen sie. Das ist nun mal Gottes Wort.

Und es gibt die, welche das akzeptieren – mit Freuden. Weil es sie der Notwendigkeit des Nachdenkens enthebt.

[233]

Und nun laß uns über das Töten nachdenken. Kann es je einen gerechtfertigten Grund für das Töten von irgend etwas geben? Denk darüber nach. Du wirst feststellen, daß du keine äußere Autorität brauchst, die dir hier die Richtung weist, keine höhere Quelle, die dir die Antworten liefert. Wenn du dir darüber Gedanken machst, wenn du schaust, wie du in dieser Hinsicht fühlst, werden die Antworten für dich offensichtlich sein und wirst du dementsprechend handeln. Das nennt man Handeln aufgrund der eigenen Autorität, Handeln auf eigenen Befehl.

Richtest du dich nach der Autorität anderer und befolgst deren Befehle, so gerätst du in Schwierigkeiten. Sollten Staaten und Nationen sich des Mittels des Tötens bedienen, um ihre politischen Ziele zu erreichen? Sollten Religionen sich des Mittels des Tötens bedienen, um ihre theologischen Gebote durchzusetzen? Sollten Gesellschaften sich des Mittels des Tötens bedienen in Reaktion auf jene, die ihre Verhaltensregeln durchbrochen haben?

Stellt das Töten eine angemessene politische Lösung dar; ist es spirituell überzeugend, löst es gesellschaftliche Probleme?

Nun, könntest du töten, wenn jemand dich zu töten versucht? Würdest du töten, um das Leben eines geliebten Menschen zu verteidigen? Oder das einer Person, die du nicht einmal kennst?

Ist das Töten eine angemessene Verteidigungsmaßnahme gegen jene, die töten würden, wenn man sie nicht auf irgendeine andere Weise daran hinderte?

Besteht ein Unterschied zwischen Töten und Morden?

Der Staat möchte euch glauben machen, daß das Töten für [234]das Erreichen einer rein politischen Zielsetzung absolut vertretbar ist. Tatsächlich muß der Staat euch dies glauben machen, um als Machtinstitution existieren zu können.

Religionen möchten euch glauben machen, daß das Töten zum Zweck der Verbreitung, Bewahrung und des Festhaltens an ihren ureigensten Wahrheiten absolut gerechtfertigt ist. Tatsächlich müssen die Religionen euch dies glauben machen, um als Machtinstitutionen existieren zu können.

Die Gesellschaft möchte euch glauben machen, daß das Töten zum Zweck der Bestrafung jener, die gewisse Verbrechen begehen (um welche Verbrechen es sich handelt, ändert sich immer wieder im Lauf der Zeit), absolut gerechtfertigt ist. Tatsächlich muß die Gesellschaft euch dies glauben machen, um als Machtinstitution existieren zu können.

Glaubst du, daß diese Standpunkte korrekt sind? Hast du hier die Aussagen anderer übernommen? Was hat dein Selbst dazu zu sagen?

In diesen Dingen gibt es kein »richtig« oder »falsch«.

Doch mit deinen Entscheidungen malst du ein Porträt von dem, der-du-bist.

Und mittels ihrer Entscheidungen haben eure Staaten und Nationen bereits solche Bilder gemalt.

Durch ihre Entscheidungen haben Religionen dauerhafte, unauslöschliche Eindrücke geschaffen, wie auch eure Gesellschaften Porträts ihres Selbst geschaffen haben.

Gefallen euch diese Bilder? Sind das die Eindrücke, die ihr hinterlassen wollt? Stellen diese Porträts dar, wer-ihr-seid? Vorsicht mit diesen Fragen. Sie könnten es erforderlich machen, daß ihr nachdenkt.

[235]

Denken ist eine harte Sache. Werturteile fällen ist schwierig. Es bringt euch an den Ort der reinen Schöpfung, weil ihr so viele Male werdet sagen müssen: »Ich weiß nicht. Ich weiß einfach nicht.« Und trotzdem müßt ihr entscheiden, müßt ihr eine Wahl treffen – eigenmächtig.

Eine solche Wahl – eine Entscheidung, die aus keinem vorherigen persönlichen Wissen entsteht –, wird reine Schöpfung genannt. Und das Individuum ist sich bewußt, zutiefst bewußt, daß durch das Fällen derartiger Entscheidungen das Selbst erschaffen wird.

Die meisten von euch sind nicht an einer solch wichtigen Arbeit interessiert und würden das lieber anderen überlassen. Und folglich sind sie auch nicht selbst erschaffende Geschöpfe, sondern Geschöpfe der Gewohnheit – fremderschaffene Geschöpfe.

Wenn dann andere euch gesagt haben, was ihr fühlen sollt, und dies dem direkt zuwiderläuft, was ihr wirklich fühlt, geratet ihr in einen tiefen inneren Konflikt. Irgend etwas tief in eurem Innern sagt euch, daß das, was euch andere erzählt haben, nicht ist, wer-ihr-seid. Wohin sollt ihr euch also wenden? Was ist zu tun?

Als erstes geht ihr zu euren religiösen Eiferern – jenen Leuten, die euch überhaupt dahin gebracht haben. Ihr wendet euch an eure Priester, Rabbis, Pfarrer und Lehrer, und die sagen euch, daß ihr aufhören sollt, auf euer Selbst zu hören. Die schlimmsten von ihnen werden den Versuch unternehmen, euch mit Hilfe der Angst zur Umkehr zu zwingen; euch Angst einzujagen und von dem wegzuscheuchen, was ihr intuitiv wißt.

Sie werden euch vom Teufel erzählen, vom Satan, von Dämonen [236]und bösen Geistern, von der Hölle und Verdammnis und von allen Schrecknissen und Torturen, die ihnen einfallen, um euch zur Einsicht zu veranlassen, daß das, was ihr intuitiv fühlt und wißt, »falsch« ist; und daß der einzige Ort, an dem ihr irgendwelchen Trost finden könnt, der ihres Gedankengebäudes ist, ihrer Ideen, ihrer Theologie, ihrer Definitionen von richtig und falsch sowie ihrer Konzeption von dem, was-du-bist.

Das Verführerische dabei ist, daß ihr, um sofortige Billigung zu erlangen, lediglich zuzustimmen braucht. Stimmt zu und euch wird sofortige Zustimmung zuteil. Manche werden sogar singen, schreien und tanzen, mit ihren Armen fuchteln und Halleluja-Gesänge anstimmen!

Dem ist schwer zu widerstehen. Einer solchen Zustimmung, einem solchen Jubel darüber, daß ihr das Licht gesehen habt; daß ihr errettet wurdet!

Zustimmung und Beifallskundgebungen dieser Art sind selten die Begleiter innerer Entscheidungen. Feiern umrahmen in den seltensten Fällen den Entschluß, der persönlichen Wahrheit zu folgen. In Wirklichkeit ist meist das Gegenteil der Fall. Eure Wahl wird nicht nur nicht von anderen gefeiert, sie werden euch zudem der Lächerlichkeit preisgeben. Was? Du denkst selbst nach? Du entscheidest selbst? Du wendest deine eigenen Maßstäbe an, deine eigene Urteilskraft, deine eigenen Werte? Wer glaubst du eigentlich zu sein?

Und das ist in der Tat genau die Frage, die ihr beantwortet.

Aber die Arbeit muß in großer Einsamkeit getan werden. Weitgehend ohne Belohnung, ohne Billigung und Zustimmung, [237]vielleicht sogar, ohne überhaupt bemerkt zu werden.

Folglich hast du eine absolut berechtigte Frage gestellt. Warum weitermachen? Warum sich überhaupt auf einen solchen Weg begeben? Was kann bei einer solchen Reise herausspringen? Wo ist der Anreiz? Was ist der Grund?

Der Grund ist lächerlich einfach.

ES GIBT NICHTS ANDERES ZU TUN.

Was meinst du damit?

Ich meine damit, daß es das einzige Spiel ist, das es gibt. Etwas anderes verbleibt nicht zu tun. Tatsächlich gibt es nichts anderes, was ihr tun könnt. Ihr tut, was ihr tut, für den Rest eures Lebens – so wie ihr es von Geburt an getan habt. Die einzige Frage ist die, ob ihr es bewußt oder unbewußt tut.

Schau, ihr könnt bei dieser Reise nicht aussteigen. Ihr habt euch darauf eingelassen, bevor ihr geboren wurdet. Eure Geburt war lediglich ein Zeichen dafür, daß die Reise begonnen hat.

Also stellt sich nicht die Frage: Warum sich überhaupt auf diesen Weg begeben? Ihr seid schon auf diesem Weg – vom ersten Herzschlag an. Die Frage ist: Will ich diesen Weg bewußt oder unbewußt gehen? In Gewahrsein oder Nicht-Gewahrsein? Als Ursache meiner Erfahrung oder als ihre Auswirkung?

Den größten Teil deines Lebens hast du als eine und in der Auswirkung deines Lebens gelebt. Nun bist du eingeladen, deren Ursache zu sein. Das ist es, was man bewußtes Leben [238]nennt. Das Seiende im Gewahrsein, das Sich-Bewegen in Achtsamkeit.

Nun haben viele von euch, wie ich schon sagte, eine ganz schöne Wegstrecke zurückgelegt und beachtliche Fortschritte dabei gemacht. Ihr sollt also nicht das Gefühl haben, daß ihr nach all diesen Leben noch nicht besonders weit gekommen seid. Manche von euch sind höchst entwickelte Geschöpfe mit einem sehr sicheren Gefühl für das Selbst. Ihr wißt, wer-ihr-seid, und ebenfalls, was ihr werden wollt. Und ihr kennt auch den Weg, den ihr einschlagen müßt, um von hier nach dort zu gelangen.

Das ist ein großartiges Zeichen – ein sicherer Hinweis.

Worauf?

Auf die Tatsache, daß euch ab jetzt nur noch sehr wenige Leben verbleiben.

Ist das gut?

Jetzt ist es das – für euch. Und zwar deshalb, weil ihr sagt, daß es so ist. Noch bis vor kurzem wolltet ihr nichts weiter als hierbleiben. Nun wollt ihr nichts weiter als weg von hier. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Noch bis vor kurzem habt ihr getötet – Käfer, Pflanzen, Bäume, Tiere, Menschen –, nun könnt ihr nichts töten, ohne genau zu wissen, was ihr tut und warum. Das ist ein sehr gutes Zeichen

Noch bis vor kurzem habt ihr das Leben so gelebt, als hätte es weder Sinn noch Zweck. Nun wißt ihr, daß es keinen [239]Sinn und Zweck hat außer dem, den ihr ihm gebt. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Noch bis vor kurzem habt ihr das Universum angefleht, euch die Wahrheit zu übermitteln. Nun sagt ihr dem Universum eure Wahrheit. Und das ist ein sehr gutes Zeichen.

Noch bis vor kurzem habt ihr danach gestrebt, reich und berühmt zu sein. Nun trachtet ihr danach, ganz einfach und – wie wunderbar – euer Selbst zu sein.

Und es ist noch gar nicht so lange her, daß ihr mich gefürchtet habt. Jetzt liebt ihr mich in dem Maße, um mich als euch gleichgestellt anzusehen.

Das alles sind äußerst gute Zeichen.

Bei Gott! … Du gibst mir ein gutes Gefühl.

Du solltest dich gut fühlen. Jeder Mensch, der in einem Satz »bei Gott« verwendet, kann nicht ganz schlecht sein.

Du hast Sinn für Humor, oder …?

Ich habe den Humor erfunden!

Ja, das hast du schon einmal betont. Nun gut, der Grund fürs Weitermachen ist der, daß es nichts anderes zu tun gibt. Und das ist das, was hier passiert.

Genau.

Darf ich dich fragen, ob die Sache dann wenigstens etwas leichter wird?

[240]

Oh, mein lieber Freund – ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr viel leichter es jetzt für dich ist, als es noch vor drei Leben war.

Ja – es wird leichter. Je mehr du dich erinnerst, desto mehr bist du imstande zu erfahren, desto mehr weißt du – sozusagen. Und je mehr du weißt, an desto mehr erinnerst du dich. Das ist ein Kreislauf. Ja, es wird leichter, es wird besser, es wird sogar von mehr Freude begleitet.

Aber denk daran: Nichts davon war langweilig. Ich meine, du hast alles geliebt! Jede Minute davon! Oh, es ist entzückend – dieses Ding, das Leben genannt wird! Es ist eine fabelhafte Erfahrung, oder etwa nicht?

Na ja, ich nehme an, daß es so ist.

Du nimmst an? Um wieviel fabelhafter könnte ich es denn noch gemacht haben? Ist euch nicht gestattet, alles zu erfahren? Die Tränen, die Freude, den Schmerz, das Glück, den Überschwang, die massive Depression, den Gewinn, den Verlust, das Schicksal? Was gibt es noch mehr?

Vielleicht ein bißchen weniger Schmerz.

Weniger Schmerz ohne mehr Weisheit vereitelt euer Ziel; erlaubt euch nicht, unendliche Freude zu erfahren – die das ist, Was-Ich-Bin.

Habt Geduld. Ihr gewinnt an Weisheit. Und eure Freuden sind euch nun zunehmend mehr ohne Schmerz zugänglich. Auch das ist ein sehr gutes Zeichen.

Ihr lernt (erinnert euch), ohne Schmerz zu lieben; loszulassen [241]ohne Schmerz; sogar ohne Schmerz zu weinen. Ja, ihr seid sogar schon fähig, euren Schmerz schmerzfrei zu erdulden, wenn du verstehst, was ich meine.

Ich glaube, ich hab's begriffen. Ich genieße selbst die Dramen meines eigenen Lebens mehr. Ich kann nun einen Schritt zurücktreten und sie als das erkennen, was sie sind. Kann sogar lachen.

Genau. Und nennst du das nicht Wachstum?

Ich denke, doch.

Also wachse weiter, mein Sohn. Arbeite weiter an deinem Werden. Und entscheide weiter, was du in der nächsthöheren Version deines Selbst werden willst. Arbeite beständig darauf hin. Laß dich durch nichts davon abbringen! Wir sind darauf aus, Gottes Arbeit zu tun, du und ich! Also, mach weiter!

 

 

[242]

10

Ich liebe dich, weißt du das?

Ich weiß. Und ich liebe dich.

 

 

[243]

11

Ich würde gerne auf meine Fragenliste zurückkommen. Und ich möchte auf alle diese Fragen noch sehr viel detaillierter eingehen. Wir könnten allein schon dem Thema Beziehung ein ganzes Buch widmen. Doch dann müßte ich auf meine anderen Fragen ein für allemal verzichten.

Es wird andere Zeiten, andere Orte geben – sogar andere Bücher. Ich bin bei dir. Laß uns fortfahren. Wir kommen auch hier noch einmal darauf zurück, wenn wir Zeit haben.

Gut. Also, meine nächste Frage war: Warum scheine ich in meinem Leben nie über ausreichend Geld verfügen zu können? Ist es mein Schicksal, für den Rest meines Lebens knapsen und die Pfennige zusammenkratzen zu müssen? Was hindert mich daran, in dieser Hinsicht mein ganzes Potential zu verwirklichen?

Dieser Zustand manifestiert sich nicht nur durch dich, sondern durch sehr viele Menschen.

Jedermann sagt mir, es sei ein Problem des Selbstwertgefühls, ein Mangel an Selbstwertgefühl. Ich hatte ein Dutzend New-Age-Lehrer, die mir erklärten, daß sich jegliche Form von Mangel immer auf ein mangelndes Selbstwertgefühl zurückführen läßt.

[244]

Das ist eine sehr bequeme Vereinfachung der Dinge. In diesem Fall irren sich deine Lehrer. Du leidest nicht an mangelndem Selbstwertgefühl. In Wirklichkeit bestand die größte Herausforderung deines Lebens stets darin, dein Ego unter Kontrolle zu halten. Manche haben auch gesagt, es sei ein Fall von zuviel Selbstwertgefühl.

Da stehe ich nun wieder, beschämt und zerknirscht. Aber du hast recht.

Jedesmal, wenn ich dir die Wahrheit über dich sage, antwortest du, daß du beschämt und zerknirscht bist. Beschämung ist die Reaktion einer Person, die immer noch hinsichtlich ihres Status aus dem Blickwinkel anderer in ihr Ego investiert. Lade dich dazu ein, darüber hinauszugelangen. Versuch es mit einer neuen Reaktion. Versuch es mit Lachen.

In Ordnung.

Selbstwertgefühl ist nicht dein Problem. Du bist mit einer Menge davon gesegnet. Das gilt für die meisten Menschen. Ihr habt alle eine sehr hohe Meinung von euch, was euch auch rechtens zustehen soll. Das Selbstwertgefühl ist also für die große Masse der Menschen nicht das Problem.

Was dann?

Das Problem ist ein mangelndes Verständnis von den Prinzipien der Fülle, meist in Verbindung mit einem krassen [245]Fehlurteil über das, was »gut« und »böse« oder »schlecht« ist. Laß mich dir ein Beispiel geben.

Ich bitte dich darum.

Du schleppst den Gedanken mit dir herum, daß Geld etwas Schlechtes ist. Und du trägst auch den Gedanken in dir, daß Gott gut ist. Sei gesegnet! Von daher sind innerhalb deines gedanklichen Systems Gott und Geld nicht miteinander vereinbar.

Nun, ich nehme an, in gewisser Hinsicht stimmt das. So denke ich jedenfalls.

Das macht die Dinge interessant, weil du es dir auf diese Weise erschwerst, für irgend etwas Gutes Geld zu nehmen. Ich meine, wenn du etwas als sehr »gut« beurteilst, erachtest du es hinsichtlich des Geldes als etwas Geringeres. Das heißt, je »besser« (sich im Wert steigernd) etwas ist, desto weniger Geld ist es wert.

Das geht nicht nur dir so. Eure ganze Gesellschaft glaubt das. So verdienen eure Lehrer einen Hungerlohn und eure Stripteasetänzerinnen sich goldene Nasen. Eure kommunalen Führer verdienen im Vergleich zu euren Sporthelden so wenig, daß sie das Gefühl haben, sich noch anderweitig bedienen zu müssen. Eure Priester und Rabbis leben nicht selten am Existenzminimum, während ihr euren TV-Entertainern das Geld hinterherwerft.

Denk darüber nach. Ihr beharrt darauf, daß euch alles, dem ihr einen inhärenten hohen Wert zumeßt, billig zukommen [246]muß. Der einsame Wissenschaftler, der nach einer Heilungsmethode für Aids forscht, sucht verzweifelt nach Sponsoren, während die Frau, die ein Buch über hundert neue Sexualpraktiken schreibt und dazu Tonbandkassetten produziert und Wochenendseminare abhält, ein Vermögen scheffelt.

Ihr habt diese Neigung, alles verkehrt herum zu betrachten, und diese wiederum entspringt einem falschen Gedanken. Der falsche Gedanke betrifft eure Vorstellung vom Geld. Ihr liebt es, und doch behauptet ihr, es sei die Wurzel allen Übels. Ihr betet es an, und doch sprecht ihr vom »schmutzigen Profit«. Ihr sagt, daß eine Person »stinkreich« ist. Und wenn besagte Person tatsächlich dadurch vermögend geworden ist, daß sie »gute« Dinge tut, werdet ihr sofort mißtrauisch. Ihr vermutet sogleich etwas »Unrechtes« dahinter.

Ein Arzt sollte also lieber nicht zuviel Geld verdienen oder aber lernen, die Sache für sich zu behalten. Und erst eine Geistliche! Die sollte nun wirklich besser nicht ein Spitzeneinkommen haben (vorausgesetzt, ihr laßt überhaupt eine »Sie« Geistliche werden), sonst gerät sie mit Sicherheit in Schwierigkeiten.

Siehst du, in eurer geistigen Vorstellung sollte eine Person, welche die höchste Berufung erwählt, den niedrigsten Lohn erhalten …

Hmm.

Ja, »hmm« ist richtig. Ihr solltet darüber nachdenken. Denn es ist wirklich ein sehr falscher Gedanke.

[247]Ich dachte, so etwas wie »falsch« oder »richtig« gibt es nicht.

Gibt es auch nicht. Es gibt nur das, was euch dient und was euch nicht dient. »Richtig« und »falsch« sind relative Begriffe, und in diesem Sinn benutze ich sie, falls überhaupt. In diesem Fall sind deine Gedanken über das Geld in Relation zu dem, was dir dient – in Relation zu dem, was du deiner Aussage nach haben willst –, falsche Gedanken.

Denk daran: Gedanken sind schöpferisch. Wenn du also glaubst, daß Geld etwas Schlechtes ist, du dich selbst aber für gut hältst … na, du wirst schon sehen, welch ein Konflikt sich daraus ergibt.

Besonders du, mein Sohn, agierst das diesbezügliche kollektive Bewußtsein in großem Stil aus. Für die meisten Menschen stellt dies keinen auch nur annähernd so enormen Konflikt dar wie für dich. Sie üben ungeliebte Tätigkeiten aus, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und so macht es ihnen auch nichts aus, Geld dafür zu nehmen. »Schlechtes« für »Schlechtes« sozusagen. Aber du liebst das, was du mit den Tagen und Zeiten deines Lebens anfängst. Du liebst die Aktivitäten, mit denen du sie vollstopfst.

Wenn du große Geldsummen für das erhieltest, was du tust, so hieße das nach deinem Selbstverständnis, »Schlechtes« für »Gutes« nehmen, und das ist für dich inakzeptabel. Du würdest lieber Hunger leiden, als »schmutzigen Profit« aus »sauberer Dienstleistung« zu schlagen … so als würde die Dienstleistung irgendwie ihre Lauterkeit verlieren, wenn du Geld dafür nimmst.

[248]

Wir haben es hier also konkret mit einer Ambivalenz hinsichtlich des Geldes zu tun. Ein Teil von dir lehnt es ab, und ein Teil grollt, weil du es nicht hast. Das Universum weiß nun nicht, was es mit dem Widerspruch anfangen soll, weil es zwei verschiedene Gedanken von dir empfängt. Also geht es in deinem Leben in finanziellen Dingen immer ruckweise zu, weil du diesbezüglich ruckweise agierst.

Dir mangelt es an einer klaren Strategie; du bist dir nicht wirklich sicher, was für dich richtig ist. Und das Universum ist lediglich eine große Kopiermaschine. Es vervielfältigt deine Gedanken.

Da gibt es nur einen Weg, um aus dem Dilemma herauszukommen: Du mußt deine diesbezüglichen Gedanken ändern.

Wie kann ich denn ändern, wie ich denke? So wie ich über etwas denke, so denke ich eben darüber. Meine Gedanken, meine Ansichten, meine Ideen sind doch nicht das Resultat eines einminütigen Prozesses. Ich darf doch annehmen, daß sie das Resultat von Jahren der Erfahrung, eines ganzen Lebens der Begegnungen sind. Du hast recht, was meine Denkweise über das Geld angeht, doch wie kann ich sie ändern?

Das könnte die interessanteste Frage des ganzen Buches sein. Die meisten Menschen bedienen sich beim Erschaffungsprozeß gewöhnlich einer Methode, die drei Schritte beinhaltet: nämlich Gedanke, Wort und Tat oder Handlung.

[249]

Zuerst entwickelt sich der Gedanke, die formgebende Idee, das anfängliche Konzept. Ihm folgt das Wort. Die meisten Gedanken formen sich letztlich zu Worten, die dann oft ausgesprochen oder aufgeschrieben werden. Das verleiht dem Gedanken zusätzliche Energie, stößt ihn hinaus in die Welt, wo er von anderen wahrgenommen werden kann.

Schließlich werden in manchen Fällen die Worte in Taten umgesetzt, und ihr gelangt zu dem, was ihr ein Resultat nennt; eine Manifestation in der physischen Welt von all dem, was mit einem Gedanken begann.

Alles in der von euch Menschen geschaffenen Welt gelangte auf diese Weise zum Sein – oder zu einer Variation davon. Alle drei Schöpfungszentren wurden genutzt.

Aber nun stellt sich die Frage: wie den »urheberischen Gedanken« ändern?

Ja, das ist eine sehr gute Frage, und eine sehr wichtige noch dazu. Denn wenn die Menschen nicht einige ihrer urheberischen Gedanken umwandeln, könnte sich die Menschheit zum Untergang verdammen.

Der schnellste Weg, einen Grundgedanken oder eine urheberische Idee zu verändern, ist der, daß der Prozeß Gedanke-Wort-Tat umgekehrt wird.

Erkläre das bitte.

Vollführe zuerst die Tat, die der neue Gedanke deinem Willen nach beinhalten soll. Sprich dann die Worte, die der neue Gedanke deinem Willen nach beinhalten soll. Wiederhole dies so oft wie möglich, und du trainierst deinen Geist, auf eine neue Weise zu denken.

[250]Den Geist trainieren? Entspricht das nicht der Mind-Control-Methode? Ist das nicht lediglich mentale Manipulation?

Hast du irgendeine Ahnung, wie dein Geist zu den Gedanken kam, die er jetzt hat? Weißt du nicht, daß eure Welt deinen Geist so manipuliert hat, daß er so denkt, wie er denkt? Wäre es nicht besser, wenn DU deinen Geist manipuliertest, statt dies der Welt zu überlassen?

Stündest du nicht besser da, wenn du die Gedanken denkst, die du denken willst, statt die der anderen? Bist du nicht besser ausgerüstet, wenn du kreative statt reaktive Gedanken hast?

Doch euer Geist ist voll mit reaktivem Denken – Gedanken, die der Erfahrung anderer entspringen. Sehr wenige eurer Gedanken sind das Ergebnis selbstproduzierter Daten und Informationen, von selbstproduzierten VORLIEBEN ganz zu schweigen.

Dein persönlicher Grundgedanke über das Geld ist ein vorrangiges Beispiel dafür. Deine Vorstellung von Geld (Geld ist schlecht) läuft deiner Erfahrung direkt zuwider (es ist großartig, Geld zu haben!). Also läßt du dich treiben und mußt dich hinsichtlich deiner eigenen Erfahrung belügen, um deinen Grundgedanken rechtfertigen zu können.

Du bist dieser fixen Idee so ausgeliefert, daß du nie auf den Gedanken kommst, daß deine Vorstellung vom Geld unkorrekt sein könnte.

Deshalb ist es nun unser Bestreben, mit ein paar selbstproduzierten Informationen aufzuwarten. Und so verändern wir einen Grundgedanken und bringen ihn dazu, dein [251]Grundgedanke zu sein und nicht der eines anderen. Du wirst übrigens von einem weiteren Gedanken hinsichtlich des Geldes beherrscht, den ich noch erwähnen muß.

Und der ist?

Daß nicht genug vorhanden ist. In Wirklichkeit bezieht sich dieser Grundgedanke nahezu auf alles in deinem Leben: Es gibt nicht genug Geld, nicht genug Zeit, nicht genug Liebe, nicht genug Essen, Wasser, Mitgefühl in der Welt … Was immer an Gutem vorhanden ist, es gibt einfach nicht genug davon.

Dieses kollektive Bewußtsein vom »Nicht-genug-vorhanden-Sein« erschafft und wiedererschafft die Welt, wie ihr sie seht.

Gut, ich habe also zwei Grundgedanken – urheberische Gedanken – in bezug aufs Geld, die ich verändern muß.

Oh, mindestens zwei – wahrscheinlich sehr viel mehr. Laß uns mal sehen: Geld ist schlecht … Geld ist knapp … Man sollte kein Geld dafür erhalten, daß man Gottes Werke tut (bei dir ein sehr ausgeprägter Gedanke) … Geld ist niemals umsonst erhältlich … Geld wächst nicht auf Bäumen (wo es das doch tatsächlich tut) … Geld korrumpiert …

Ich sehe schon, ich habe eine Menge Arbeit zu leisten.

Ja das hast du, wenn du mit deiner gegenwärtigen finanziellen Situation nicht glücklich bist. Andererseits ist es [252]wichtig für dich zu begreifen, daß du mit deiner gegenwärtigen finanziellen Situation nicht glücklich bist, weil du mit deiner gegenwärtigen finanziellen Situation nicht glücklich bist.

Manchmal fällt es mir schwer, dir zu folgen.

Manchmal fällt es mir schwer, dich zu führen.

Hör mal, du bist hier der Gott. Warum machst du es nicht leicht verständlich?

Ich habe es leicht verständlich gemacht.

Warum bringst du mich dann nicht dazu, daß ich es verstehe, falls du das wirklich willst?

Ich will wirklich, was du wirklich willst – nichts anderes und nicht mehr. Siehst du denn nicht, daß das mein größtes Geschenk für euch ist? Wenn ich für euch etwas anderes wollte, als ihr für euch wollt, und dann so weit ginge, euch dazu zu bringen, daß ihr es habt – wo bliebe dann euer freier Wille? Wie könntet ihr schöpferische Wesen sein, wenn ich euch diktierte, was ihr sein, tun und haben sollt? Meine Freude liegt in eurer Freiheit, nicht in eurer Willfährigkeit oder Unterwerfung.

Schon gut. Was hast du also damit gemeint: Ich bin mit meiner finanziellen Situation nicht glücklich, weil ich mit meiner finanziellen Situation nicht glücklich bin?

[253]

Du bist, was du denkst, daß du bist. Das ist ein Teufelskreis, wenn es sich um einen negativen Gedanken handelt. Du mußt eine Möglichkeit finden, diesen Kreis zu durchbrechen.

Ein Großteil deiner gegenwärtigen Erfahrung gründet sich auf dein vorangegangenes Denken. Der Gedanke führt zur Erfahrung, die zum Gedanken führt, der zur Erfahrung führt. Das kann zu ständiger Freude führen, wenn der urheberische Gedanke ein freudiger ist. Das kann eine fortwährende Hölle zur Folge haben und tut es auch, wenn der urheberische Gedanke »höllisch« ist.

Der Trick besteht darin, den urheberischen Gedanken zu verändern. Ich war dabei zu erläutern, wie sich das bewerkstelligen läßt.

Fahr bitte fort.

Danke.

Als erstes müßt ihr dieses Paradigma von Gedanke-Wort-Tat umdrehen. Erinnerst du dich an den alten Spruch »Denk nach, bevor du etwas tust«?

Ja.

Den vergiß mal. Wenn du einen Grundgedanken verändern willst, mußt du handeln, bevor du denkst.

Beispiel: Du gehst die Straße entlang und triffst auf eine alte Dame, die dich um etwas Geld anbettelt. Du merkst, daß sie obdachlos ist und nur von einem Tag auf den anderen lebt. Du weißt sofort, daß du selbst zwar nur wenig [254]Geld hast, aber doch genug, um auf etwas davon zu verzichten. Dein erster Impuls ist, ihr ein paar Münzen zu schenken. Ein Teil von dir wäre auch bereit, ihr mehr zu geben – fünf oder sogar zehn Mark. Was soll's, mach's zum Glückstag für sie. Heitere sie auf.

Dann setzt das Denken ein. Was, bist du verrückt? Wir haben selbst nur zwanzig Mark, um uns über die Runden zu bringen! Und du willst ihr zehn Mark geben? Du suchst nach dem Zehner.

Dann denkst du wieder: Hör mal, du hast wirklich nicht soviel, daß du das einfach weggeben kannst! Gib ihr um Himmels willen ein paar Münzen und schau, daß du wegkommst.

Du grabschst im Portemonnaie nach den Münzen. Du bist verlegen. Da stehst du, ordentlich gekleidet, satt, und die arme Frau, die nichts hat, willst du nur mit ein paar Münzen abspeisen.

Du fummelst weiter, versuchst vergeblich, fünfzig Pfennig oder eine Mark zu finden. Ah, da ist was. Aber inzwischen bist du schon, verlegen lächelnd, an ihr vorbeigegangen, und es ist zu spät, um noch mal zurückzugehen. Sie bekommt nichts, du ebenfalls nichts. Und statt der Freude, die dir das Wissen um deine Fülle und das Teilen mit ihr gibt, fühlst du dich nun ebenso arm wie die Frau.

Warum hast du ihr nicht einfach doch die fünf oder zehn Mark gegeben! Es war dein erster Impuls, aber deine Gedanken kamen dir in die Quere.

Beschließe, daß du das nächste Mal handelst, bevor du denkst. Trenn dich von dem Geld. Mach's! Du hast es, und es existiert eine Quelle, wo es noch mehr davon gibt. Das [255]ist der einzige Gedanke, der dich von der Obdachlosen unterscheidet. Dir ist klar, daß es da, wo es herkam, noch mehr gibt, und sie weiß es nicht.

Wenn du einen Grundgedanken ändern willst, dann handle in Übereinstimmung mit dem neuen Gedanken. Aber dabei mußt du schnell sein, oder dein Geist wird diesen Gedanken abtöten, noch bevor du es merkst. Das meine ich ganz buchstäblich. Der Gedanke, die neue Wahrheit, wird in dir tot sein, noch bevor du auch nur die Chance hattest, ihn zu verinnerlichen.

Handle also umgehend, wenn sich die Gelegenheit ergibt, und wenn das oft genug geschieht, wird dein Geist bald die Idee erfassen. Es wird dein neuer Gedanke sein.

Oh, ich habe gerade was kapiert! Ist das mit der Bewegung des Neuen Denkens gemeint?

Wenn nicht, dann sollte es so sein. Neues Denken ist eure einzige Chance. Es ist eure einzige wirkliche Gelegenheit zur Weiterentwicklung, zum Wachstum, um jene zu werden, die-ihr-wirklich-seid.

Euer Geist ist gegenwärtig mit alten Gedanken erfüllt – und nicht nur damit, sondern auch meist noch mit den alten Fremdgedanken von anderen. Es ist wichtig, ist jetzt an der Zeit, daß ihr eure Gesinnung, eure Meinung über einige Dinge ändert. Darum geht es in der Evolution.

 

 

[256]

12

Warum kann ich nicht das tun, was ich wirklich mit meinem Leben anfangen will, und auf diese Weise trotzdem meinen Lebensunterhalt verdienen?

Wie bitte? Du meinst, du willst Spaß in deinem Leben haben und damit auch noch deinen Unterhalt verdienen? Bruder, du träumst!

Was …?

Ich mach' nur Witze – lese ein bißchen in deinen Gedanken, das ist alles. Siehst du, das war dein Gedanke darüber.

Das war meine Erfahrung.

Ja. Nun, wir sind das alles schon ein paarmal durchgegangen. Die Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Tätigkeit verdienen, die sie lieben, sind die, die darauf bestehen. Sie geben niemals auf, machen keine Kompromisse. Sie gestatten dem Leben nicht, sie nicht das tun zu lassen, was sie lieben.

Aber da muß noch ein anderer Aspekt erwähnt werden, weil es der fehlende Aspekt im Verständnis der meisten Menschen ist, wenn es um die Lebensaufgabe geht.

Und der wäre?

[257]

Es besteht ein Unterschied zwischen Sein und Tun, und die meisten Menschen legen Nachdruck auf letzteres.

Sollten sie das nicht?

Dabei gibt es kein »sollte« oder »sollte nicht«. Es gibt nur das, was ihr wählt und wie ihr es erlangen könnt. Wenn du Friede und Freude und Liebe wählst, bekommst du über das, was du tust, nicht sonderlich viel davon. Wenn du Glücklichsein und Zufriedensein wählst, findest du auf dem Weg der Tätigkeit nur wenig davon. Wenn du die Wiedervereinigung mit Gott, das höchste Wissen, das tiefste Verstehen, unendliches Mitgefühl, vollkommenes Gewahrsein, absolute Erfüllung wählst, wirst du hier durch das, was du tust, nicht viel erreichen.

Mit anderen Worten: Wenn du die Evolution wählst – die Evolution deiner Seele –, wirst du sie nicht durch die weltlichen Aktivitäten deines Körperaspekts in Gang setzen.

Das Tun ist eine Funktion des Körpers, das Sein eine Funktion der Seele. Der Körper tut stets irgend etwas. Jede Minute eines jeden Tages ist er immer mit irgend etwas beschäftigt. Er hört nie auf, rastet nie, ist ständig aktiv.

Das, was er tut, tut er entweder auf Geheiß der Seele – oder aber trotz der Seele. Die Qualität eures Lebens hängt von der Balance ab.

Die Seele ist für immer das Seiende. Sie ist, was sie ist, ganz gleich was der Körper tut, jedoch nicht aufgrund dessen, was der Körper tut.

Wenn du denkst, daß es in deinem Leben ums Tun geht, dann verstehst du nicht, was für dich Sache ist.

[258]

Deine Seele sorgt sich nicht darum, was du für deinen Lebensunterhalt tust – weder jetzt noch nach Beendigung deines Lebens. Deiner Seeele liegt nur an deinem Sein, während du tust, was immer du tust.

Der Seele geht es um den Seinszustand, nicht um die Beschaffenheit der Tätigkeit.

Was strebt die Seele an?

Mich.

Dich?

Ja, mich. Deine Seele, das bin ich, und sie weiß es. Und das versucht sie zu erfahren. Und sie erinnert sich daran, daß der beste Weg, diese Erfahrung zu machen, darin besteht, daß sie nichts tut. Es gibt nichts zu tun, außer zu sein.

Was sein?

Was immer du sein willst: glücklich, traurig, schwach, stark, freudig, rachsüchtig, einsichtig, blind, gut, schlecht, männlich, weiblich. Wie immer du es benennst.

Das meine ich buchstäblich: Du benennst es.

Das ist alles sehr tiefgründig, aber was hat das mit meinem beruflichen Werdegang zu tun? Ich versuche eine Möglichkeit zu finden, um am Leben zu bleiben, um zu überleben, um mich und meine Familie zu ernähren und das zu tun, was ich gerne tue.

[259]

Versuch zu sein, was du gerne sein möchtest.

Was meinst du damit?

Manche Leute verdienen eine Menge Geld mit ihrer Tätigkeit, andere kommen auf keinen grünen Zweig – und sie gehen der gleichen Tätigkeit nach. Woran liegt das?

Manche sind eben befähigter als andere.

Das ist ein erstes Kriterium. Aber nun kommen wir zum zweiten. Nun haben wir zwei Menschen, die über relativ gleichwertige Fähigkeiten verfügen. Beide können einen Universitätsabschluß vorweisen, beide waren Klassenbeste, beide verstehen ihr Handwerk, beide wissen ihr Potential sehr geschickt einzusetzen – und doch ergeht es dem einen besser als dem anderen; der eine erlebt einen Aufschwung, während der andere zu kämpfen hat. Woran liegt das?

An der Örtlichkeit.

An der Örtlichkeit?

Jemand hat mir einmal erzählt, daß man zu Beginn einer neuen Unternehmung nur drei Dinge zu berücksichtigen hat: die Ortswahl, die Ortswahl und noch mal die Ortswahl.

Mit anderen Worten: Es geht nicht um die Frage: »Was wirst du tun?«, sondern um die Frage: »Wo wirst du sein«?

[260]Genau.

Das klingt ganz so, als würde es meine Frage gleichermaßen gut beantworten. Die Seele kümmert sich nur darum, wo du sein wirst.

Wirst du an einem Ort namens Angst sein oder an einem Ort namens Liebe? Wo bist du – und woher kommst du – in deiner Begegnung mit dem Leben?

Nun, im zuvor erwähnten Beispiel der gleichermaßen befähigten Angestellten wirkt sich der berufliche Erfolg der beiden nicht aufgrund dessen, was sie tun, unterschiedlich aus, sondern aufgrund dessen, was sie sind.

Die eine Person ist bei ihrer Arbeit offen, freundlich, sorgsam, hilfreich, rücksichtsvoll, fröhlich, zuversichtlich, ja sogar mit Freude bei der Sache, während die andere ihre Tätigkeit verschlossen, distanziert, gleichgültig, rücksichtslos, unfreundlich und sogar gereizt ausübt.

Jetzt nehmen wir mal an, du würdest sogar noch höhere Seinszustände wählen. Nehmen wir an, du wählst Güte, Erbarmen, Mitgefühl, Verstehen, Vergebung, Liebe. Und was, wenn du Göttlichkeit wählen würdest? Was wäre dann deine Erfahrung?

Ich sage euch dies:

Der Seinszustand zieht den Seinszustand an und stellt die Erfahrung her.

Ihr seid nicht auf diesem Planeten, um irgend etwas mit eurem Körper, sondern um etwas mit eurer Seele herzustellen. Euer Körper ist lediglich das Werkzeug eurer Seele. Euer Geist ist die Kraft, die den Körper in Bewegung setzt. Ihr verfügt hier also über ein Machtinstrument, das bei der Erschaffung [261]dessen eingesetzt wird, wonach die Seele verlangt.

Was ist das Verlangen der Seele?

Ja – was ist es?

Ich weiß es nicht. Ich frage dich.

Ich weiß es nicht. Ich frage dich.

Das könnte ja ewig so weitergehen.

Tut es schon.

Warte mal! Vorhin hast du gesagt: Die Seele strebt danach, du zu sein.

So ist es.

Dann ist das das Verlangen der Seele.

Im weitesten Sinne ja. Aber dieses Gott-Ich, das zu sein sie sich bemüht, ist sehr komplex, sehr multidimensional, multisinnlich, multiaspektiert. Ich habe eine Million Aspekte, eine Milliarde, eine Billion. Verstehst du? Da gibt es das Profane und das Tiefgründige, das Geringere und das Größere, das Hohle und das Heilige, das Schreckliche und das Göttliche. Verstehst du?

[262]Ja, ja, ich verstehe: das Oben und das Unten, das Linke und das Rechte, das Hier und das Dort, das Davor und das Danach, das Gute und das Schlechte …

Genau. Ich bin das Alpha und das Omega. Das war nicht nur eine populäre Phrase von mir oder ein flottes Konzept. Damit habe ich der Wahrheit Ausdruck gegeben.

Indem die Seele also danach strebt, ich zu sein, hat sie eine großartige Aufgabe vor sich; ein enormes Angebot an Sein, aus dem sie schöpfen kann. Und das ist es, was sie in diesem Moment tut.

Sie wählt Seinszustände.

Ja – und sie stellt dann die richtigen und perfekten Bedingungen her, innerhalb denen sie die entsprechende Erfahrung erschaffen kann. Deshalb ist es wahr, daß dir oder durch dich nichts geschieht, was nicht deinem eigenen höchsten Wohl dient.

Du meinst, meine Seele erschafft alle meine Erfahrungen, und zwar nicht nur jene Dinge, die ich tue, sondern auch jene, die mir geschehen?

Laß es uns so ausdrücken: Die Seele führt dich zu den für dich richtigen und perfekten Gelegenheiten, um genau das zu erfahren, was zu erfahren du geplant hattest. Was du dann tatsächlich erfährst, das liegt bei dir. Es kann das sein, was du geplant hast, es könnte aber auch etwas anderes sein – je nachdem, was du wählst.

[263]Warum sollte ich etwas wählen, was ich gar nicht zu erfahren wünsche?

Ich weiß nicht. Warum?

Meinst du, daß sich manchmal die Seele das eine wünscht und der Körper oder Geist etwas anderes?

Was denkst du?

Wie können sich Körper oder Geist über die Seele hinwegsetzen? Bekommt denn die Seele nicht immer das, was sie will?

Dein reiner Geist strebt im weitesten Sinn nach diesem großartigen Moment, in dem du dir seiner Wünsche auf ganz bewußte Weise gewahr wirst und dich in freudigem Einssein mit ihnen verbindest. Aber der reine Geist wird nie und nimmer sein Verlangen deinem gegenwärtigen, bewußten, physischen Teil aufzwingen.

Der Vater zwingt dem Sohn nicht seinen Willen auf. Damit würde er gegen sein innerstes Wesen verstoßen, und das ist im buchstäblichen Sinn unmöglich.

Der Sohn zwingt dem Heiligen Geist nicht seinen Willen auf. Damit würde er gegen sein innerstes Wesen verstoßen, und das ist im buchstäblichen Sinn unmöglich.

Der Heilige Geist zwingt seinen Willen nicht deiner Seele auf. Das liegt außerhalb des Wesens des reinen Geistes und ist somit im buchstäblichen Sinn unmöglich.

Und damit haben die Unmöglichkeiten ein Ende. Der Geist [264]strebt sehr oft danach, dem Körper seinen Willen aufzuzwingen – und tut es auch. Gleichermaßen trachtet der Körper oft danach, Kontrolle über den Geist auszuüben – und häufig hat er damit Erfolg.

Doch Körper und Geist zusammen müssen nichts tun, um über die Seele Kontrolle auszuüben – denn die Seele ist völlig ohne Bedürfnisse (ganz im Gegensatz zum Körper und Geist, die daran gefesselt sind) und läßt daher Körper und Geist stets ihren Willen.

Tatsächlich will es die Seele gar nicht anders haben, denn wenn die Wesenheit, die du bist, das erschaffen und somit kennenlernen soll, was sie wirklich ist, kann dies nur durch den Akt einer bewußten Willensausübung geschehen und nicht durch einen unbewußten Gehorsamsakt.

Gehorsam ist nicht Schöpfung und kann daher niemals Erlösung bewirken.

Gehorsam ist eine Reaktion, wohingegen Schöpfung eine reine, undiktierte, unverlangte Wahl ist.

Reine Wahl bewirkt Erlösung durch die reine Schöpfung der höchsten Idee jetzt in diesem Moment.

Die Funktion der Seele besteht darin, daß sie auf ihr Verlangen hinweist, und nicht darin, daß sie es aufzwingt.

Die Funktion des Geistes besteht darin, daß er hinsichtlich seiner Alternativen eine Wahl trifft.

Die Funktion des Körpers besteht darin, daß er diese Wahl ausagiert.

Wenn Körper, Geist und Seele gemeinsam in Harmonie und in Einheit erschaffen, wird Gott Fleisch.

Dann erkennt sich die Seele in ihrer eigenen Erfahrung.

Dann jubeln die himmlischen Mächte.

[265]

Jetzt, in diesem Moment, hat deine Seele wieder eine Gelegenheit für dich erschaffen, all das zu sein, zu tun und zu haben, was für das Wissen darum, wer-du-wirklich-bist, nötig ist.

Die Seele hat dich zu den Worten gebracht, die du jetzt gerade liest – wie sie dich schon zuvor zu Worten der Weisheit und Wahrheit gebracht hat.

Was wirst du jetzt tun? Was wirst du wählen zu sein?

Deine Seele wartet und sieht mit Interesse zu, so wie sie es schon viele Male zuvor getan hat.

Verstehe ich das richtig? Meinst du, daß der von mir gewählte Seinszustand über meinen weltlichen Erfolg (ich versuche immer noch, über meinen beruflichen Werdegang zu reden) bestimmt?

Ich bekümmere mich nicht um deinen weltlichen Erfolg, das tust nur du.

Es ist wahr, daß, wenn ihr über einen langen Zeitraum hinweg bestimmte Seinszustände erreicht, sich der weltliche Erfolg bei dem, was ihr tut, nur äußerst schwer vermeiden läßt. Doch sollt ihr euch nicht um »das Verdienen eures Lebensunterhalts« sorgen. Wahre Meister haben die Wahl getroffen, ein Leben zu schaffen, nicht einen Lebensunterhalt.

Gewissen Seinszuständen entspringt ein so reiches, ein so erfülltes, ein so großartiges und so lohnendes Leben, daß ihr euch um weltliche Güter und weltlichen Erfolg gar nicht mehr zu sorgen braucht.

Die Ironie des Lebens besteht darin, daß euch weltliche Güter [266]und weltlicher Erfolg ungehindert zufließen, sobald ihr euch nicht mehr darum sorgt.

Denk daran, ihr könnt nicht haben, was ihr wollt, aber ihr könnt alles erfahren, was ihr habt.

Ich kann nicht haben, was ich will?

Nein.

Das hast du mir schon ziemlich zu Beginn unseres Gesprächs begreiflich machen wollen. Doch ich verstehe es immer noch nicht. Ich dachte, du hättest gesagt, ich könnte haben, was immer ich will. »Wie du denkst, wie du glaubst, so soll dir getan werden«, und all das.

Diese beiden Aussagen lassen sich durchaus miteinander vereinbaren.

Tatsächlich? Für mich klingen sie unvereinbar.

Weil es dir an Verständnis fehlt.

Zugegeben. Deshalb spreche ich mit dir.

Ich will es also erklären. Du kannst nicht alles haben, was du willst. Der Akt des Wollens drängt das, was du willst, von dir weg, wie ich bereits im ersten Kapitel sagte.

Nun, du magst es auch schon früher gesagt haben, aber ich kann dir trotzdem nicht mehr folgen.

[267]

Bemüh dich. Ich werde noch einmal detaillierter darauf eingehen. Versuch mitzukommen. Kommen wir auf den Punkt zurück, den du verstehst: Der Gedanke ist schöpferisch. Klar?

Klar.

Das Wort ist schöpferisch. Kapiert?

Kapiert.

Handlung ist schöpferisch. Gedanke, Wort und Tat sind die drei Ebenen des Erschaffens. Kannst du mir immer noch folgen?

Bis jetzt.

Gut. Nehmen wir nun für den Moment den »weltlichen Erfolg« als Thema, da du davon gesprochen und danach gefragt hast.

Großartig.

Nun, hast du manchmal einen Gedanken, der besagt: »Ich will weltlichen Erfolg«?

Manchmal ja.

Und hast du manchmal auch den Gedanken »Ich will mehr Geld«?

[268]Ja.

Deshalb kannst du weder weltlichen Erfolg noch mehr Geld haben.

Warum nicht?

Weil dem Universum keine andere Wahl bleibt, als dir die direkte Manifestation jenes Gedankens zu übermitteln, den du hast.

Du hast den Gedanken »Ich will weltlichen Erfolg«. Du verstehst, daß die schöpferische Macht dem Geist in der Flasche gleicht. Deine Worte sind ihm Befehl. Klar?

Warum habe ich dann nicht mehr Erfolg?

Ich sagte, deine Worte sind ihm Befehl. Nun, deine Worte waren: »Ich will Erfolg.« Und das Universum sagt: »In Ordnung, du willst ihn.«

Jetzt bin ich mir wieder nicht ganz sicher, ob ich folgen kann.

Betrachte es mal auf diese Weise: Das Wort »Ich« ist der Schlüssel, der die Maschine des Erschaffens in Gang setzt. Die Worte »Ich bin« sind außerordentlich machtvoll. Sie sind Aussagen gegenüber dem Universum. Befehle.

Nun, was immer dem Wort »Ich« folgt (welches das große Ich Bin herbeibeschwört), das hat die Tendenz, sich in der physischen Realität zu manifestieren.

[269]

Deshalb ergibt »Ich« + »will Erfolg«: deinen Erfolg wollen. »Ich« + »will Geld« ergibt: Du willst Geld. Es kann sich daraus nichts anderes ergeben, weil Gedanken und Worte schöpferisch sind. Und Handlungen ebenfalls. Und wenn du auf eine Weise handelst, die besagt, daß du Erfolg und Geld willst, dann stimmen Gedanken, Worte und Handlungen überein und du kannst sicher sein, daß du die Erfahrung dieses Wollens machst.

Verstehst du?

Ja! Mein Gott – funktioniert es wirklich in dieser Weise?

Natürlich! Ihr seid sehr mächtige Schöpfer. Nun angenommen, ihr habt nur einmal einen Gedanken oder eine Aussage formuliert – zum Beispiel im Zorn oder aus Frustration –, dann ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ihr diese Gedanken oder Worte in Realität umwandelt. Also müßt ihr euch um eine Äußerung wie »Der Schlag soll dich treffen« oder »Fahr zur Hölle« oder all die weniger netten Dinge, die ihr manchmal denkt oder sagt, keine Sorgen machen.

Gott sei Dank.

Gern geschehen. Aber hast du eine Ahnung vom Ausmaß der schöpferischen Macht, wenn ihr einen Gedanken oder ein Wort immer und immer wieder wiederholt – nicht einmal, nicht zweimal, sondern Dutzende, Hunderte, Tausende von Malen?

Mit einem ständig zum Ausdruck gebrachten Gedanken, [270]einem immer wieder geäußerten Wort geschieht genau das – es wird geäußert. Es wird nach außen hin verwirklicht. Es wird zu eurer physischen Realität …

… und kann so großes Leid verursachen.

Ja, und sehr oft produziert ihr auf diese Weise eure geliebten Katastrophen. Ihr liebt den Kummer und den Schmerz, ihr liebt das Drama. Das heißt, so lange, bis ihr seiner überdrüssig seid. Ihr gelangt in eurer Evolution an einen bestimmten Punkt, an dem ihr aufhört, das Drama zu lieben, aufhört, die »Geschichte« zu lieben, wie ihr sie gelebt habt. Das ist dann der Punkt, an dem ihr entscheidet – aktiv die Wahl trefft –, eine Änderung des Zustands herbeizuführen. Nur wissen die meisten nicht, wie. Jetzt wißt ihr es. Wollt ihr eure Realität ändern, so hört einfach auf, auf entsprechende Weise zu denken.

In deinem Fall denke nicht: »Ich will Erfolg«, sondern: »Ich habe Erfolg«.

Das kommt mir wie eine Lüge vor. Ich würde mir was vormachen, wenn ich das sagte. Mein Verstand würde protestieren.

Dann formuliere einen Gedanken, den du akzeptieren kannst: »Ich bin ab sofort erfolgreich« oder »Alle Dinge tragen zu meinem Erfolg bei«.

Das ist also der Trick hinter der New-Age-Praxis der Affirmationen.

[271]

Affirmationen funktionieren nicht, wenn sie nur Aussagen darüber sind, was deinem Willen nach wahr sein soll. Affirmationen funktionieren nur, wenn sie Aussagen über etwas sind, was deinem Wissen nach bereits Wahrheit ist. Die beste sogenannte Affirmation ist eine Aussage der Dankbarkeit und Wertschätzung, zum Beispiel: »Ich danke dir, Gott, daß du mir Erfolg bringst«. Dieser Gedanke zeitigt, wenn er ausgesprochen und ihm entsprechend gehandelt wird, wunderbare Resultate – sofern er einem echten Wissen entspringt und nicht dem Versuch, die Resultate zu produzieren, sondern dem Bewußtsein darüber, daß die Resultate bereits existieren.

Jesus besaß diese Klarheit. Vor jedem Wunder dankte er mir im voraus für seine Vollbringung. Er kam nie auf den Gedanken, nicht dankbar zu sein, weil er nie auf den Gedanken kam, daß das, was er verkündete, nicht eintreten würde. Dieser Gedanke kam ihm nie in den Sinn.

Er war sich dessen, wer-er-war, und seiner Beziehung zu mir so sicher, daß jeder seiner Gedanken, jedes seiner Worte und jede seiner Taten sein Bewußtsein widerspiegelte – so wie eure Gedanken, Worte und Taten Reflexionen eures Bewußtseins sind …

Wenn es also etwas gibt, das ihr eurer Wahl nach in eurem Leben erfahren wollt, dann »wollt es« nicht – WÄHLT es.

Wählst du den Erfolg in weltlicher Hinsicht? Wählst du mehr Geld? Gut. Dann wähle es. Wirklich und wahrhaftig, ganz und gar – nicht halbherzig.

Doch sei nicht überrascht, wenn dich angesichts deines Entwicklungsstadiums der »weltliche Erfolg« nicht länger bekümmert.

[272]Was soll denn das bedeuten?

Es kommt in der Entwicklung einer jeden Seele eine Zeit, in der ihr Hauptinteresse nicht länger dem Überleben des physischen Körpers gilt, sondern dem Wachstum des reinen Geistes; nicht länger dem Erreichen von weltlichem Erfolg, sondern der Verwirklichung des Selbst.

In gewisser Hinsicht ist das eine sehr gefährliche Zeit, vor allem zu Beginn, weil die dem Körper innewohnende Wesenheit nun weiß, daß sie eben nur das ist: ein Wesen in einem Körper – nicht ein Körperwesen.

In diesem Stadium, also bevor die in dieser Entwicklungsphase befindliche Wesenheit in ihrer Sichtweise gereift ist, kommt oft das Gefühl auf, sich um die Angelegenheiten des Körperaspekts gar nicht mehr kümmern zu wollen. Die Seele ist in Hochstimmung, weil sie endlich »entdeckt« worden ist!

Der Geist läßt den Körper und alle seine Belange fallen. Alles wird ignoriert. Beziehungen werden beiseite geschoben. Familien verschwinden aus dem Blickfeld. Der Beruf wird zur Nebensache. Rechnungen werden nicht mehr bezahlt. Der Körper wird über lange Zeit hinweg nicht genährt. Die Wesenheit richtet nun ihre ganze Konzentration und Aufmerksamkeit nur noch auf die Seele und deren Belange.

Das kann zu einer größeren persönlichen Krise im Alltagsleben führen, obwohl der Geist gar kein Trauma wahrnimmt, weil er sich im Zustand der Seligkeit befindet. Andere Menschen sagen, ihr hättet den Verstand verloren – und in gewisser Hinsicht mag das stimmen.

[273]

Die Entdeckung der Wahrheit, daß das Leben nichts mit dem Körper zu tun hat, kann auf der anderen Seite ein Ungleichgewicht verursachen. Hat die Wesenheit zuerst agiert, als sei der Körper alles, was existiert, so handelt sie nun, als sei der Körper völlig bedeutungslos. Das stimmt natürlich nicht – wie der Wesenheit bald (und manchmal schmerzlich) in Erinnerung gebracht wird.

Ihr seid ein dreiteiliges Wesen, geschaffen aus Körper, Verstand und reinem Geist. Ihr werdet immer ein dreiteiliges Wesen sein, nicht nur während eures irdischen Daseins.

Da gibt es jene, welche die Hypothese aufstellen, daß mit dem Tod Körper und Geist aufgegeben werden. Körper und Geist werden nicht aufgegeben. Der Körper verwandelt seine Form, läßt den dichtesten Teil zurück, behält aber immer seine äußere Hülle. Der Verstand (nicht zu verwechseln mit dem Gehirn) begleitet euch ebenfalls und verbindet sich mit dem reinen Geist und dem Körper zu einer Engergiemasse der drei Dimensionen oder Aspekte.

Solltet ihr die Wahl treffen, zu dieser Erfahrungsmöglichkeit, die ihr Leben auf Erden nennt, zurückzukehren, wird euer göttliches Selbst seine wahren Dimensionen wieder in das aufteilen, was ihr als Körper, Verstand und reinen Geist bezeichnet. In Wahrheit seid ihr alle eine Energie, die jedoch drei spezifische Merkmale aufweist.

Wenn ihr euch aufmacht, einen neuen physischen Körper hier auf Erden zu bewohnen, reduziert euer Ätherleib (wie manche von euch ihn auch nennen) seine Schwingung, die ursprünglich so schnell ist, daß sie nicht wahrgenommen werden kann, zu einer Schwingung, die Masse und Materie produziert. Diese eigentliche Materie ist die Schöpfung [274]des reinen Gedankens – das Werk eures Geistes, des höheren geistigen Aspekts eures dreiteiligen Wesens.

Die Materie stellt nun eine Koagulation unzähliger (im wahrsten Sinn des Wortes) verschiedener Energieeinheiten zu einer einzigen enormen Masse dar, welche vom Geist kontrolliert werden kann … ihr habt dann wirklich »Köpfchen«!

Wenn diese winzigen Energieeinheiten ihre Energie verbraucht haben, werden sie vom Körper abgeworfen, während der Geist neue erschafft. Der Geist erschafft dies aus dem fortwährenden Gedanken dessen, was-ihr-seid! Der Ätherleib »fängt« sozusagen den Gedanken auf und vermindert die Schwingung der weiteren Energieeinheiten (»kristallisiert« sie in gewisser Hinsicht), und sie werden Materie – zu eurer neuen Materie. Auf diese Weise verändert und erneuert sich jede eurer Zellen alle paar Jahre. Ihr seid – ganz buchstäblich – nicht dieselbe Person, die ihr vor ein paar Jahren wart.

Wenn ihr Gedanken an eine Krankheit oder Störungen hegt (oder der fortgesetzten Wut, des Hasses oder der Negativität), übersetzt euer Körper diese Gedanken in die physische Form. Die Menschen nehmen dann diese negative, kranke Form wahr und fragen sich, was ihnen fehlt.

Die Seele schaut zu, wie sich dieses ganze Drama Jahr um Jahr, Monat um Monat, Tag um Tag, Augenblick um Augenblick abspielt, und bewahrt immer die Wahrheit über euch. Sie vergißt nie die Blaupause, den ursprünglichen Plan, die erste Idee, den schöpferischen Gedanken. Ihre Aufgabe ist es, euren Geist wieder darauf auszurichten, damit ihr euch stets von neuem in Erinnerung rufen könnt, [275]wer-ihr-seid, und dann über die Wahlmöglichkeit verfügt, wer-ihr-jetzt-zu-sein-wünscht.

Auf diese Weise setzt sich der Kreislauf von Schöpfung und Erfahrung, Vorstellung und Erfüllung, Wissen und Wachsen ins Unbekannte fort, jetzt und für immer.

Uff!

Ja, genau. Und es gibt noch sehr viel mehr zu erklären – erheblich mehr. Aber dafür reicht nie ein einziges Buch – und wahrscheinlich auch nicht ein einziges Leben. Doch du hast damit begonnen, und das ist gut. Denk nur einfach daran, daß es so ist, wie es euer großer Lehrer William Shakespeare umschrieb: »Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf der Erde, als eure Schulweisheit sich träumt.«

Kann ich ein paar Fragen dazu stellen? Wenn du sagst, daß der Geist nach dem Tod mit mir geht, heißt das, daß ich meine »Persönlichkeit« mitnehme? Weiß ich im Jenseits, wer ich war?

Ja … und wer du jemals gewesen bist. Alles wird dir offenbart, denn dann wird dir dieses Wissen von Nutzen sein. Jetzt in diesem Moment ist es das nicht.

Und kommt es hinsichtlich dieses Lebens zu einer »Bestandsaufnahme« – einer Rückschau, einer Abrechnung?

Es gibt kein Gericht im Jenseits, wie ihr es nennt. Dir wird nicht einmal erlaubt sein, über dich selbst zu richten (denn [276]du würdest dich gewiß sehr schlecht beurteilen, so selbstkritisch und unbarmherzig, wie du dir selbst gegenüber in diesem Leben bist).

Nein, es gibt keine Abrechnung, auch kein »Daumen nach oben« oder »Daumen nach unten«. Nur Menschen sind so richterlich, und weil ihr es seid, nehmt ihr an, ich sei es auch. Doch ich bin es nicht – und das ist eine große Wahrheit, die ihr euch weigert zu akzeptieren.

Es wird also kein Urteil gefällt im Leben nach dem Tod, aber es wird die Gelegenheit geben, alles noch einmal einer Betrachtung zu unterziehen, was ihr gedacht, gesagt und getan habt, um dann zu entscheiden, ob ihr dies noch einmal wählen würdet angesichts dessen, wer-ihr-seid eurer Aussage nach, und wer-ihr-sein-wollt.

Es gibt eine aus dem Osten stammende mystische Lehre, wonach jede Person bei ihrem Tod die Möglichkeit erhält, jeden ihrer einstigen Gedanken, jedes gesprochene Wort, jede vollführte Handlung nochmals zu durchleben – aber nicht von ihrem Standpunkt aus, sondern von jenem jeglicher Person, die davon betroffen war. Mit anderen Worten: Wir haben bereits gefühlsmäßig erfahren, was wir dachten, sagten und taten, während wir nun gefühlsmäßig erfahren können, was die andere Person in jedem dieser Momente fühlte. Und nach diesem Maßstab werden wir dann entscheiden, ob wir diese Dinge wieder denken, sagen oder tun wollen. Wie lautet deine Meinung dazu?

Was in eurem Leben nach dem Tod stattfindet, ist bei weitem zu außergewöhnlich, als daß es hier in euch verständlichen [277]Begriffen wiedergegeben werden könnte – denn diese Erfahrung gehört anderen Dimensionen an und entzieht sich buchstäblich einer Beschreibung mit solch begrenzten Mitteln, wie es Worte sind. Es muß die Aussage genügen, daß ihr die Gelegenheit habt, euer gegenwärtiges Leben nochmals zu betrachten, ohne Schmerz oder Furcht oder richtendes Urteil. Dies, damit ihr entscheiden könnt, wie ihr in bezug auf eure Erfahrung fühlt, und wohin ihr von da aus gehen wollt.

Viele von euch werden sich entscheiden, hierher zurückzukommen – in diese Welt der Dichte und Relativität –, um eine weitere Möglichkeit wahrzunehmen, die Wahl und die Entscheidungen, die ihr in bezug auf euer Selbst auf dieser Ebene getroffen habt, erfahrungsgemäß zu durchleben.

Andere – eine verschwindend geringe Zahl – werden mit einer anderen Mission zurückkehren. Sie treten erneut in die Welt der Dichte und Materie ein, weil es das Anliegen ihrer Seele ist, andere aus dieser Dichte und Materie herauszuführen. Auf der Erde gibt es immer solche unter euch, die sich für jenen Weg entschieden haben. Ihr könnt sie sofort erkennen. Ihre Arbeit ist beendet. Sie kehrten nur deshalb auf die Erde zurück, um anderen zu helfen. Darin finden sie ihre Freude, ihre Begeisterung. Sie streben nach nichts anderem, als zu Diensten zu sein.

Ihr könnt diese Menschen nicht verfehlen. Wahrscheinlich ist dir einer von ihnen bekannt, oder du hast von einem gehört.

Gehöre ich dazu?

[278]

Nein. Durch diese Frage beweist du, daß du keiner von ihnen bist. Diese Personen stellen über niemanden Fragen, weil es nichts zu fragen gibt.

Du, mein Sohn, bist in diesem Leben ein Bote. Du bist ein Vorbote, ein Überbringer von Nachrichten, ein Suchender und häufig ein Verkünder der Wahrheit. Das ist genug für ein Leben. Sei glücklich.

Oh, das bin ich. Aber man darf ja immer noch auf mehr hoffen!

Ja! Und das wirst du auch! Du wirst immer auf noch mehr hoffen! Das ist eure Natur. Die göttliche Natur strebt immer danach, mehr zu sein.

Also strebe unbedingt danach.

Nun möchte ich definitiv die Frage beantworten, mit der du diesen Abschnitt unseres fortlaufenden Gesprächs eingeleitet hast.

Geh und tu, was du wirklich zu tun liebst – und nichts anderes! Du hast so wenig Zeit.

Wie kannst du auch nur daran denken, überhaupt einen einzigen Moment zu vergeuden, indem du deinen Lebensunterhalt mit etwas bestreitest, was dir zuwider ist? Was für ein Leben ist das? Das ist kein Leben, das ist ein Sterben!

Wenn du sagst: »Aber …, ich habe andere, die von mir abhängig sind …, kleine Münder zu füttern …, eine Frau, die auf mich zählt …«, dann antworte ich dir: Wenn du darauf bestehst, daß es in deinem Leben um das geht, was dein Körper tut, dann begreifst du nicht, warum du dich auf dieses [279]Gespräch eingelassen hast. Tu wenigstens etwas, das dich erfreut – das zeugt von dem, wer-du-bist.

Dann kannst du zumindest den Groll und die Wut auf jene vermeiden, die dich, wie du dir einbildest, am Ausleben deiner Freude hindern.

Was dein Körper tut, soll keineswegs außer acht gelassen werden. Es ist wichtig – aber nicht in der Weise, wie du denkst. Die Handlungen des Körpers sollen Widerspiegelungen eines Seinszustands sein, nicht der Versuch, einen Seinszustand zu erreichen.

Innerhalb der wahren Ordnung der Dinge tut man nichts, um glücklich zu sein – man ist glücklich und tut deshalb etwas. Man tut nicht etwas, um mitfühlend zu sein, man ist mitfühlend und handelt deshalb auf bestimmte Weise. Bei einer in hohem Maße bewußten Person geht die Entscheidung der Seele der Handlung des Körpers voraus. Nur eine unbewußte Person versucht durch körperliche Aktivität einen Seelenzustand herzustellen.

Das ist mit der Aussage gemeint: »In deinem Leben geht es nicht darum, was der Körper tut.« Doch es ist wahr, daß das, was dein Körper tut, eine Widerspiegelung dessen darstellt, worum es in deinem Leben geht.

Dies ist eine weitere göttliche Dichotomie.

Doch wißt dies, sofern ihr nichts anderes versteht:

Ihr habt ein Recht auf eure Freude, Kinder oder keine Kinder, Ehepartner oder kein Ehepartner. Strebt nach dieser Freude! Findet sie! Und ihr werdet eine freudvolle Familie haben, ganz gleich, wieviel Geld ihr verdient oder nicht verdient. Und wenn sie ohne Freude sind und euch verlassen, dann entlaßt sie mit Liebe, damit sie ihre Freude finden.

[280]

Wenn ihr euch andererseits so weit entwickelt habt, daß euch die Angelegenheiten des Körpers nicht mehr bekümmern, dann seid ihr noch freier, nach eurer Freude zu streben – es sei auf Erden, wie es im Himmel ist. Gott sagt, es ist in Ordnung, glücklich zu sein – auch bei eurer Arbeit.

Eure Arbeit ist eine Aussage darüber, wer-ihr-seid. Wenn sie es nicht ist, warum tut ihr sie dann?

Bildet ihr euch ein, daß ihr das müßt?

Ihr müßt gar nichts tun.

Wenn der »Mann, der seine Familie ernährt, um jeden Preis und selbst auf Kosten seines eigenen Glücks« das ist, wer-ihr-seid, dann liebt eure Arbeit, denn das erleichtert euch die Schöpfung einer lebendigen Aussage eures Selbst.

Wenn die »Frau, die Arbeiten verrichtet, die sie haßt, um Verantwortlichkeiten Rechnung zu tragen, so wie sie sie sieht«, das ist, wer-ihr-seid, dann liebt, liebt eure Arbeit, denn sie unterstützt durchwegs euer Selbst-Bild, eure Selbst-Vorstellung.

Jeder Mensch kann alles lieben in dem Moment, in dem er versteht, was er tut und warum.

Niemand tut irgend etwas, was er nicht tun will.

 

 

[281]

13

Wie kann ich einige meiner gesundheitlichen Schwierigkeiten beseitigen? Ich war das Opfer von so vielen chronischen Problemen, daß sie mindestens für drei Leben ausreichen. Warum habe ich sie alle jetzt – in diesem Leben?

Laß uns zunächst etwas klarstellen: Du liebst sie, jedenfalls die meisten davon. Du hast sie auf bewunderungswürdige Weise dazu benutzt, um dir selbst leid zu tun und die Aufmerksamkeit auf dich zu lenken.

Die wenigen Male, die du sie nicht geliebt hast, ergaben sich ausschließlich dann, wenn die Probleme ausuferten. Und zwar sehr viel weiter, als du sie dir vorstelltest, als du sie dir erschufst.

Laß uns nun etwas feststellen, was du wahrscheinlich ohnehin schon weißt: Jegliche Krankheit wird von euch selbst erschaffen. Selbst konventionell denkende Mediziner erkennen nunmehr, wie Menschen sich selbst krank machen.

Die meisten Leute tun dies weitgehend unbewußt. (Sie wissen nicht einmal, was sie tun.) Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, wenn sie krank werden. Sie haben das Gefühl, daß sie von etwas befallen wurden, und nicht, daß sie sich selbst etwas angetan haben.

Der Grund dafür ist, daß die meisten Menschen – nicht nur hinsichtlich der Gesundheitsprobleme und deren Konsequenzen – unbewußt durchs Leben gehen.

[282]

Die Leute rauchen und wundern sich, wenn sie Krebs bekommen.

Sie verspeisen Tiere und Fett und wundern sich, wenn ihre Arterien verkalken.

Sie verbringen ihr ganzes Leben lang in einem Zustand der Wut und des Zorns und sind dann überrascht, wenn sie einen Herzinfarkt bekommen.

Sie konkurrieren – erbarmungslos und unter unglaublichem Streß – mit anderen Menschen und können es nicht fassen, wenn ein Schlaganfall sie niederstreckt.

Die weniger augenfällige Wahrheit ist die, daß sich die meisten Menschen zu Tode sorgen.

Das Sich-Sorgen ist so ungefähr die schlimmste Form mentaler Aktivität, die es gibt – neben dem Haß, dem eine zutiefst selbstzerstörerische Wirkung innewohnt. Sich-Sorgen und Beunruhigen sind sinnlos, vergeudete mentale Energie. Zudem erzeugen beide Verhaltensweisen biochemische Reaktionen, die den Körper schädigen und zu allem möglichen führen: angefangen bei Verdauungsbeschwerden und anderen Symptomen bis hin zum Herzstillstand.

Die Gesundheit verbessert sich fast sofort, wenn das Sich-Sorgen ein Ende hat.

Das Sich-Sorgen ist eine Aktivität des Geistes, der seine Verbindung mit mir, Gott, nicht zu nutzen versteht.

Haß ist der am schwersten schädigende mentale Zustand. Er vergiftet den Körper, und seine Auswirkungen sind faktisch irreversibel.

Angst ist das Gegenteil von allem, was-ihr-seid, und übt eine eurer mentalen und physischen Gesundheit entgegenstehende Wirkung aus. Angst ist ein verstärktes Sich-Sorgen.

[283]

Sorge, Haß, Angst – im Verein mit ihren Randerscheinungen Ängstlichkeit, Bitterkeit, Ungeduld, Habsucht, Unfreundlichkeit, Neigung zur negativen Kritik und Verurteilung – attackieren allesamt den Körper auf zellularer Ebene. Es ist unmöglich, unter diesen Bedingungen einen gesunden Körper zu haben. Ebenso führen – wenn auch in einem etwas geringeren Ausmaß – Selbstgefälligkeit, Sichgehenlassen und Gier zu physischer Krankheit oder einem Mangel an Wohlbefinden.

Jegliche Krankheit wird zuerst im Geist erschaffen.

Wie kann das sein? Was ist mit den Krankheiten, die man sich durch Ansteckung zuzieht? Erkältungen oder zum Beispiel Aids?

In deinem Leben geschieht nichts – gar nichts –, was nicht zuerst als Gedanke existiert. Gedanken sind wie Magneten, die Auswirkungen anziehen. Der Gedanke ist als verursachendes Moment vielleicht nicht immer so klar und deutlich erkennbar wie zum Beispiel im Fall von: »Ich werde mir eine schreckliche Krankheit zuziehen.« Er kann sehr viel subtiler sein (und ist es gewöhnlich auch: »Ich bin es nicht wert, zu leben.« – »Mein Leben ist ein ständiges Dilemma.« – »Ich bin ein Verlierer.« – »Gott wird mich bestrafen.« – »Ich habe mein Leben gründlich satt!«)

Gedanken sind eine sehr subtile, jedoch extrem mächtige Energieform. Worte sind weniger subtil, sind dichter. Handlungen weisen die dichteste Energie auf. Handlung ist Energie in massiver physischer Form, in wuchtiger Bewegung. Wenn ihr ein negatives Konzept wie »Ich bin ein Verlierer« [284] denkt, aussprecht und ausagiert, setzt ihr eine gewaltige schöpferische Energie in Bewegung. Da ist es dann kein Wunder, wenn ihr euch eine Erkältung zuzieht. Und das wäre noch das Geringste.

Es ist sehr schwierig, die Auswirkungen negativen Denkens rückgängig zu machen, wenn sie erst einmal physische Form angenommen haben. Zwar ist es nicht unmöglich – aber extrem schwer. Es bedingt die Aktivierung eines außerordentlich starken Glaubens an die positive Kraft des Universums – ob ihr diese nun Gott, Göttin, den Unbewegten Beweger, Urkraft, Erste Ursache oder was auch immer nennt.

Heilerinnen und Heiler verfügen über einen solchen Glauben. Es ist ein Glaube, der sich dem Absoluten Wissen annähert. Sie wissen, daß ihr darauf ausgerichtet seid, jetzt in diesem Moment ganzheitlich, vollständig und vollkommen zu sein. Dieses Wissen ist auch ein Gedanke – und ein sehr machtvoller dazu. Er ist in der Lage, Berge zu versetzen – von den Molekülen in eurem Körper ganz zu schweigen. Deshalb sind Heiler, häufig auch über große Entfernungen hinweg, imstande, Kranken zu helfen.

Der Gedanke kennt keine Entfernung. Gedanken reisen schneller um die Welt und durchqueren rascher das Universum, als ihr ein Wort aussprechen könnt.

»Sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.« Und in derselben Stunde genas der Diener von seinem Leiden. Dies bewirkte der Glaube des Hauptmanns von Kafarnaum.

Doch ihr seid alle mentale Leprakranke. Euer Geist wird von negativen Gedanken zerfressen. Manche davon werden [285]euch mehr oder weniger aufgezwungen. Viele davon erfindet – beschwört – ihr selbst und hätschelt und pflegt sie dann für Stunden, Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre …

… und fragt euch, warum ihr krank seid.

Du kannst »manche deiner Gesundheitsprobleme lösen«, wie du dich ausdrückst, indem du die Probleme deines Denkens löst. Ja, du kannst einige dieser bereits angeeigneten (dir selbst zugelegten) Krankheitszustände heilen sowie zudem verhindern, daß sich größere neue Probleme entwickeln. Und das alles ist dir dadurch möglich, daß du dein Denken veränderst.

Auch, und ich hasse es, dies zu erwähnen, da es – noch dazu aus dem Munde Gottes – so banal klingt: Kümmere dich um Gottes willen besser um dich selbst.

Die Fürsorge für deinen Körper spottet jeder Beschreibung: Du achtest kaum auf ihn – es sei denn, du hast den Verdacht, daß irgend etwas mit ihm nicht stimmt. Hinsichtlich einer Gesundheitsvorsorge unternimmst du praktisch gar nichts. Du kümmerst dich mehr um dein Auto als um deinen Körper – und das will nicht viel heißen.

Du beugst den Zusammenbrüchen nicht durch regelmäßige, alljährliche ärztliche Untersuchungen vor und wendest auch die verordneten Therapien und Arzneien nicht an. (Kannst du mir etwa erklären, warum du zur Ärztin gehst, ihre Hilfe erbittest und dann ihre Heilvorschläge mißachtest?) Und nicht nur das, zwischen diesen Arztbesuchen mit ihren unbeachtet bleibenden Ratschlägen und Verordnungen mißhandelst du auch noch deinen Körper auf gräßliche Weise!

[286]

Du ertüchtigst ihn nicht, also wird er wabbelig, und schlimmer noch, er büßt an Leistungskraft ein, weil er nicht gefordert wird.

Du ernährst ihn nicht richtig, wodurch du ihn noch mehr schwächst.

Dann stopfst du ihn mit allen möglichen Giftstoffen voll und mit den absurdesten Substanzen, die sich Nahrung nennen. Und immer noch leistet dir diese wunderbare Maschine ihre Dienste, erfüllt unverdrossen ihre Pflicht trotz deiner Attacken auf sie.

Es ist schrecklich. Die Bedingungen, unter denen du deinem Körper das Überleben abverlangst, sind grausam. Aber du wirst in dieser Hinsicht wenig oder gar nichts unternehmen. Du wirst dies lesen, reuig zustimmend mit dem Kopf nicken und sogleich mit deinen Mißhandlungen fortfahren. Und weißt du, warum?

Ich fürchte mich davor zu fragen.

Weil du keinen Lebenswillen hast.

Das scheint mir ein hartes Urteil zu sein.

Weder ist es hart noch als Urteil gemeint. »Hart« ist ein relativer Begriff und eine Wertung, die du den Worten beimißt. »Urteil« beinhaltet Schuld, und »Schuld« beinhaltet ein Vergehen. Doch hier sind weder ein Vergehen noch Schuld, noch ein Urteil impliziert.

Ich habe einfach eine wahrheitsgemäße Aussage gemacht. Wie alle Aussagen über die Wahrheit hat sie die Eigenschaft, [287]dich aufzuwecken. Manche – was heißt manche, die meisten – Leute mögen es nicht, wachgerüttelt zu werden. Sie wollen lieber weiterschlafen.

Die Welt ist in den derzeitigen Zustand geraten, weil sie von Schlafwandlern bevölkert ist.

Und was scheint nun an meiner Aussage unwahr zu sein? Du hast keinen Lebenswillen. Zumindest hattest du ihn bis jetzt nicht.

Wenn du mir erzählst, daß nun bei dir eine »sofortige Bekehrung« eingetreten ist, werde ich meine Vorhersage darüber, was du nun tun wirst, revidieren. Ich gebe zu, daß diese Vorhersage auf den Erfahrungen der Vergangenheit beruht.

… Sie sollte dich auch wachrütteln. Manchmal muß man eine Person, die tief schläft, etwas unsanfter wecken.

Nun, es soll mir fernliegen, mich über Gott zu ärgern. Das wäre ja wohl ein bißchen vermessen, nicht wahr? Aber ich denke, wir treiben es hier vielleicht doch ein bißchen zu weit. Mein Vater lehrte mich, »in allen Dingen maßzuhalten«. Und ich glaube, ich habe seine Worte befolgt, was den Alkohol angeht.

Der Körper kann sich leichter von einem gemäßigten Mißbrauch erholen. Von daher ist der Spruch vom Maßhalten nützlich. Trotzdem bleibe ich bei meiner Aussage: Der Körper ist nicht darauf ausgerichtet, Alkohol aufzunehmen.

Aber sogar einige Medikamente enthalten Alkohol!

[288]

Ich habe keine Kontrolle über das, was ihr Medikamente nennt. Ich bleibe bei meiner Aussage.

Da bist du wirklich rigide, was?

Schau, Wahrheit ist Wahrheit. Wenn nun jemand im Kontext des Lebens, wie ihr es jetzt führt, sagte: »Ein bißchen Alkohol schadet euch nicht«, dann müßte ich ihm beipflichten. Das ändert aber nichts an dem, was ich gerade sagte. Es erlaubt euch nur einfach, es zu ignorieren.

Doch bedenkt folgendes. Gegenwärtig verschleißt ihr Menschen euren Körper normalerweise innerhalb von fünfzig bis achtzig Jahren. Manche Körper halten länger, aber nicht viele. Manche hören früher auf zu funktionieren, doch das ist nicht die Mehrheit. Können wir uns darauf einigen?

Ja, in Ordnung.

Ich habe in der Vergangenheit bemerkt, daß dein Lebenswille nur sehr mäßig ausgeprägt ist. Du magst das bestreiten, aber in diesem Fall sprechen deine Handlungen lauter als deine Worte.

Wenn du dir je eine Zigarette angezündet hast – ganz zu schweigen vom Rauchen eines Päckchens pro Tag, und das zwanzig Jahre lang, wie du es tatest –, dann hast du in der Tat einen sehr geringen Lebenswillen. Es ist dir egal, was du deinem Körper antust.

Aber ich habe vor zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört!

[289]

Erst nach zwanzig Jahren härtester körperlicher Bestrafung.

Auch daß du deinem Körper Alkohol zugeführt hast, zeugt von einem miserablen Lebenswillen.

Ich trinke in sehr bescheidenem Maße.

Der Körper ist nicht darauf ausgerichtet, Alkohol aufzunehmen. Das beeinträchtigt und schädigt den Geist.

Aber auch Jesus nahm Alkohol zu sich! Er besuchte eine Hochzeit und verwandelte Wasser in Wein!

Wer hat gesagt, daß Jesus vollkommen war?

Ach Gott, was heißt das jetzt wieder?

Du scheinst ziemlich sauer über mich zu sein.

Gut, damit haben wir einen guten Ausgangspunkt für unsere Diskussion. Als ich nun sagte, daß ich der Aussage »Ein bißchen Alkohol schadet euch nicht« zustimmen könnte, modifizierte ich dies durch den Zusatz: »Im Kontext des Lebens, wie ihr es jetzt führt«. Siehst du, ihr scheint mit eurem jetzigen Leben zufrieden zu sein. Aber das Leben, und das zu erfahren mag dich überraschen, war eigentlich dazu gedacht, völlig anders gelebt zu werden. Und euer Körper war dazu angelegt, sehr viel länger zu halten.

Tatsächlich?

[290]

Ja.

Wieviel länger?

Unendlich länger.

Was heißt das?

Es bedeutet, mein Sohn, daß er dazu angelegt war, ewig zu währen.

Ewig?

Ja. Lies das: »für alle Zeiten«.

Du meinst, wir sollten an sich niemals sterben?

Ihr sterbt nie. Das Leben ist ewig. Ihr seid unsterblich. Ihr verändert lediglich die Form. An sich hättet ihr noch nicht einmal so etwas nötig. Doch ihr habt euch dazu entschieden, das zu tun, ich nicht. Ich habe euch mit Körpern versehen, die ewig halten. Glaubst du wirklich, daß das Beste, was Gott ersinnen konnte und zuwege brachte, ein Körper war, der nach sechzig, siebzig, vielleicht achtzig Jahren auseinanderfällt? Bildest du dir ein, das sei die Grenze meiner Fähigkeiten?

Ich habe nie daran gedacht, es so auszudrücken …

Ich habe euren herrlichen Körper so entworfen, daß er ewig währt! Und die ersten von euch lebten tatsächlich in einem [291]schmerzfreien Körper und ohne Angst vor dem, was ihr nun den Tod nennt.

In eurer religiösen Mythologie symbolisiert ihr eure zelluläre Erinnerung an diese erste Menschenversion durch die, denen ihr den Namen Adam und Eva gegeben habt. Natürlich existierten mehr als zwei.

Am Anfang stand die Idee, daß es euch wunderbaren Seelen möglich sein sollte, euch in eurem Selbst als die zu erkennen, die-ihr-wirklich-wart, und zwar durch die Erfahrungen, die ihr in einem physischen Körper in der Welt der Relativität gewonnen hattet, wie es hier wiederholte Male von mir erläutert wurde.

Dies geschah durch die Verlangsamung der unermeßlichen Geschwindigkeit aller Schwingung (Gedankenform) zur Manifestierung von Materie – einschließlich der Materie, die ihr den physischen Körper nennt.

Das Leben entwickelte sich in einer Schrittabfolge binnen eines Augenblicks, den ihr nun nach einem Zeitraum von Milliarden von Jahren bemeßt. Und in diesem heiligen Moment kamt ihr aus den Wassern des Lebens ans Land und erlangtet jene Gestalt, die ihr nun habt.

Dann haben die Verfechter der Evolutionslehre recht?

Ich finde es amüsant – es ist wirklich eine Quelle ständiger Belustigung –, daß euch Menschen ein so starkes Bedürfnis beherrscht, alles in richtig oder falsch aufzuteilen. Es kommt euch nie in den Sinn, daß ihr diese Etiketten erfunden habt, um das Material – und euer Selbst – definieren zu können.

[292]

Ihr (mit Ausnahme eurer besten Geister) verschwendet keinen Gedanken daran, daß etwas richtig und falsch sein kann; daß nur in der Welt der Relativität die Dinge entweder das eine oder das andere sind. In der Welt des Absoluten, der Zeit/Zeitlosigkeit, sind alle Dinge alles.

Es gibt kein männlich und weiblich, kein davor und danch, kein schnell und langsam, kein hier und dort, oben und unten, links und rechts – und kein richtig und falsch.

Eure Astronauten und Kosmonauten haben ein Gefühl dafür entwickelt. Sie glaubten sich hinaufzuschießen, um in den Weltraum zu gelangen, nur um dann festzustellen, daß sie von dort zur Erde hinaufsahen. Oder doch nicht? Vielleicht sahen sie auch zur Erde hinunter! Aber wo war dann die Sonne? Oben? Unten? Nein! Da drüben, links. Und dann war plötzlich ein Ding weder oben noch unten – es war seitwärts … Und so verflüchtigten sich alle Definitionen.

Und so ist es in meiner Welt – unserer Welt –, unserem wirklichen Reich. Alle Definitionen verschwinden, was es schwierig macht, über dieses Reich in bestimmten Begriffen überhaupt zu sprechen.

Die Religion ist euer Versuch, über das Unaussprechliche zu sprechen. Das gelingt euch nicht sonderlich gut.

Nein, mein Sohn, die Verfechter der Evolutionslehre haben nicht recht. Ich erschuf dies alles – in einem Augenblick; in einem einzigen heiligen Moment –, so wie es die Anhänger der Weltschöpfungslehre glauben. Und – es geschah alles in einem Evolutionsprozeß, der Abermilliarden eurer sogenannten Jahre andauerte, so wie die Verfechter der Evolutionslehre behaupten.

[293]

Sie haben beide »recht«. Es hängt alles davon ab, wie man es betrachtet, wie eure Raumfahrer feststellen mußten.

Aber die wirkliche Frage lautet doch: Ein einziger heiliger Moment/Milliarden von Jahren – wo ist da der Unterschied? Könnt ihr nicht einfach dem beipflichten, daß manche Fragen des Lebens ein zu großes Rätsel sind, das nicht einmal ihr lösen könnt? Warum dieses Rätsel nicht als heilig betrachten? Warum das Heilige nicht heilig sein und es dabei bewenden lassen?

Ich vermute, wir haben ein unersättliches Bedürfnis nach Wissen.

Aber ihr wißt bereits! Ich habe es euch gerade gesagt! Aber ihr seid nicht an der wirklichen Wahrheit interessiert, ihr wollt die Wahrheit wissen, wie ihr sie versteht. Das ist das größte Hindernis für eure Erleuchtung. Ihr denkt, ihr kennt bereits die Wahrheit! Ihr denkt, ihr versteht bereits, wie es sich verhält. Also erklärt ihr euch einig mit allem, was ihr seht oder hört oder lest und was in das Paradigma eures Verständnisses fällt, und lehnt alles ab, was nicht hineinpaßt. Und das nennt ihr dann Lernen. Das nennt ihr dann für Unterweisung offen sein. Doch ihr könnt für Unterweisungen nicht offen sein, solange ihr euch mit Ausnahme eurer eigenen Wahrheit allem verschließt.

Und deshalb wird auch dieses Buch von manchen als Blasphemie bezeichnet werden, als Teufelswerk.

Doch laßt die hören, die Ohren haben zu hören. Ich sage euch dies: Dem Gedanken nach solltet ihr niemals sterben. Eure physische Gestalt wurde als eine herrliche Annehmlichkeit [294]erschaffen, als wundervolles Instrument, als edles Vehikel, das euch gestattet, die Realität zu erfahren, die durch euren Geist entwickelt wurde, damit ihr das Selbst kennenlernt, das ihr in eurer Seele erschaffen habt.

Die Seele ersinnt, der Geist erschafft, der Körper erfährt. Der Kreis ist vollendet. Die Seele erkennt sich dann selbst in ihrer eigenen Erfahrung. Wenn ihr nicht gefällt, was sie erfährt (fühlt), oder sie sich aus irgendwelchen Gründen eine andere Erfahrung wünscht, ersinnt sie sich einfach eine neue Erfahrung des Selbst und ändert ganz buchstäblich ihre geistige Vorstellung.

Bald findet sich der Körper in einer neuen Erfahrung. (»Ich bin die Wiederauferstehung und das Leben« war ein wunderbares Beispiel dafür. Wie, glaubt ihr, hat Jesus das überhaupt bewerkstelligt? Oder glaubt ihr nicht, daß es je geschah? Glaubt es. Es ist geschehen!)

Doch es verhält sich auch so: Die Seele wird sich nie über den Körper oder Geist hinwegsetzen. Ich habe euch als dreieiniges Wesen geschaffen. Ihr seid drei Wesen in einem, nach meinem Ebenbild geschaffen.

Die drei Aspekte des Selbst existieren gleichrangig. Jeder hat seine Funktion, aber keine davon ist größer oder wichtiger als die andere, und es geht auch im Grunde keine einer anderen voraus. Alle sind gleichrangig wechselseitig miteinander verbunden.

Erdenke – erschaffe – erfahre. Was ihr erdenkt, das erschafft ihr; was ihr erschafft, das erfahrt ihr; was ihr erfahrt, das erdenkt ihr.

Und so heißt es folglich: Wenn ihr euren Körper dazu bringen könnt, etwas zu erfahren (nehmen wir zum Beispiel die [295]Fülle), werdet ihr bald das entsprechende Gefühl in eurer Seele verspüren, die dann eine neue Vorstellung von sich selbst entwirft (sich selbst als ein Wesen der Fülle vorstellt) und somit dem Geist einen diesbezüglichen neuen Gedanken präsentiert. Dem neuen Gedanken entspringt weitere Erfahrung, und der Körper fängt an, eine neue Realität als permanenten Seinszustand zu leben.

Euer Körper, euer Verstand, eure Seele (Geist) sind eins. Darin seid ihr ein Mikrokosmos von mir – dem Göttlichen All, dem Heiligen Allem, der Summe und der letzten Wirklichkeit. Ihr begreift nun, daß ich der Anfang und das Ende von allem bin, das Alpha und das Omega.

Nun werde ich euch das letztliche Mysterium erklären: eure wahre und genaue Beziehung zu mir.

IHR SEID MEIN LEIB.

Was euer Leib für euren Geist und eure Seele ist, das seid ihr für meinen Geist und meine Seele. Und deshalb:

erfahre ich alles, was ich erfahre, durch euch.

So wie euer Körper, Verstand und eure Seele (Geist) eins sind, sind sie auch in mir eins.

So hat Jesus von Nazareth, der wie viele andere um dieses Mysterium wußte, die unveränderliche Wahrheit gesprochen, als er sagte: »Ich und der Vater sind eins.«

Nun will ich euch sagen, daß ihr eines Tages in noch größere Wahrheiten als diese eingeweiht werdet. Denn so wie ihr mein Leib seid, bin ich der Leib eines anderen.

Soll das heißen, du bist nicht Gott?

[296]

Doch, ich bin Gott, wie ihr ihn gegenwärtig versteht. Ich bin die Göttin, wie ihr sie gegenwärtig begreift. Ich bin der Planer und Schöpfer und Alles, was ihr gegenwärtig kennt und erfahrt, und ihr seid meine Kinder … so wie ich das Kind eines anderen bin.

Willst du mir damit zu verstehen geben, daß auch Gott einen Gott hat?

Ich will sagen, daß eure Wahrnehmung von der letztlichen Wirklichkeit begrenzter ist, als ihr dachtet, und daß die letztliche Wahrheit grenzenloser ist, als ihr euch vorstellen könnt.

Ich gewähre euch einen winzigen Einblick in die Unendlichkeit – und in die unendliche Liebe. (Einen größeren Einblick könntet ihr in eurer Realität nicht aushalten. Ihr seid kaum fähig, diesen zu ertragen.)

Moment mal! Du meinst, ich spreche hier im Grunde nicht mit Gott?

Ich habe dir gesagt, wenn du dir Gott als deinen Schöpfer und Herrn vorstellst – auch wenn ihr die Schöpfer und Herren eures eigenen Körpers seid –, dann bin ich der Gott deines Verständnisses. Und ja, du sprichst mit mir. War es nicht eine köstliche Unterhaltung?

Köstlich oder nicht, ich dachte, ich spräche mit dem wirklichen Gott, dem Gott der Götter. Du weißt schon – mit dem Generaldirektor, dem Oberhäuptling.

[297]

Das tust du, glaub es mir.

Und doch sagst du, daß in dieser hierarchischen Ordnung der Dinge noch jemand über dir steht.

Wir versuchen nun etwas Unmögliches: nämlich von etwas Unaussprechlichem zu sprechen. Wie ich schon sagte, unternehmen die Religionen diesen Versuch. Wir wollen mal schauen, ob sich das irgendwie zusammenfassen läßt.

Immerdar ist länger, als ihr wißt. Ewig ist länger als immerdar. Gott ist mehr, als ihr euch vorstellt. Vorstellung ist mehr als Gott. Gott ist die Energie, die ihr Vorstellungskraft nennt. Gott ist Schöpfung. Gott ist der erste Gedanke. Gott ist die letzte Erfahrung. Und Gott ist alles dazwischen.

Hast du je einmal durch ein sehr starkes Mikroskop geblickt oder Bilder oder Filme von einer Molekularbewegung gesehen und gesagt: »Du lieber Himmel, da unten ist ja ein ganzes Universum. Und diesem Universum muß ich, der gegenwärtige Beobachter, gleichsam als Gott erscheinen!« Hast du das je gesagt oder diese Erfahrung gemacht?

Ja, ich denke, jeder denkende Mensch hat das.

In der Tat. Ihr habt euch selbst euren eigenen Einblick in das verschafft, was ich euch hier aufzeige.

Und was würdet ihr tun, wenn ich euch sagte, daß diese Realität, die euch diesen Einblick gewährt hat, niemals endet?

[298]Erkläre das – ich bitte dich.

Nimm den kleinsten Teil des Universums, den du dir vorstellen kannst. Stell dir diesen winzigen Materiepartikel vor.

In Ordnung.

Zerteile ihn in der Mitte.

Habe ich getan.

Was siehst du?

Zwei kleinere Hälften.

Genau. Nun zerteile diese jeweils in der Mitte. Was hast du jetzt?

Zwei noch kleinere Hälften.

Richtig. Und jetzt wieder und wieder! Was bleibt übrig?

Winzigere und noch winzigere Partikel.

Ja, aber wann hört es auf? Wie viele Male kannst du Materie zerteilen, bis sie zu existieren aufhört?

Ich weiß es nicht. Ich vermute, sie hört nie auf zu existieren.

[299]

Du meinst, du kannst sie nie völlig zerstören? Du kannst nur ihre Form verändern?

So sieht es aus.

Ich sage dir dies: Du hast gerade das Geheimnis allen Lebens erfahren und einen Blick auf die Unendlichkeit geworfen. Nun habe ich eine Frage an dich.

Nur zu …

Was läßt dich denken, daß sich diese Unendlichkeit nur in eine Richtung erstreckt?

Also gibt es kein Ende nach oben hin, wie es auch kein Ende nach unten hin gibt.

Es gibt kein oben oder unten, aber ich verstehe, was du meinst.

Aber wenn die Winzigkeit kein Ende hat, dann bedeutet das, daß dies auch auf die Größe zutrifft.

Richtig.

Doch wenn die Größe kein Ende hat, dann gibt es auch kein Größtes. Das heißt, im allergrößten Sinn gibt es keinen Gott!

[300]

Oder vielleicht – alles ist Gott, und es gibt nichts anderes.

Ich sage euch dies: ICH BIN, DAS ICH BIN.

Und IHR SEID, DAS IHR SEID. Ihr könnt nicht nicht sein. Ihr mögt so oft die Form ändern, wie ihr wünscht, aber ihr könnt nicht aufhören zu sein. Doch ihr könnt aufhören zu wissen, wer-ihr-seid – und in diesem Mangelzustand nur die Hälfte davon erfahren.

Das wäre die Hölle.

Genau. Doch ihr seid nicht dazu verdammt, nicht in alle Ewigkeit in sie verbannt. Um aus der Hölle herauszukommen – aus dem Nichtwissen –, braucht ihr nur wieder zu wissen.

Es gibt viele Wege und viele Orte (Dimensionen), auf denen und wo ihr dies tun könnt.

Ihr befindet euch gegenwärtig in einer dieser Dimensionen. Ihr bezeichnet sie eurem Verständnis nach als die dritte Dimension.

Und es gibt noch viele andere?

Habe ich euch nicht erklärt, daß es in meinem Reich viele Wohnungen gibt? Das hätte ich nicht gesagt, wenn es nicht so wäre.

Dann gibt es keine Hölle – nicht wirklich. Ich meine, es gibt keinen Ort oder keine Dimension, wohin wir ewig verdammt sind!

[301]

Was hätte das für einen Sinn?

Ja, ihr seid stets durch eure Erkenntnis begrenzt, denn ihr seid – wir sind – ein selbsterschaffenes Wesen. Ihr könnt nicht sein, was ihr nicht als Wesen eures Selbst erkennt.

Deshalb ist euch dieses Leben gegeben worden – damit ihr euch selbst in eurer eigenen Erfahrung erkennen könnt. Dann könnt ihr euch eine Vorstellung, einen Begriff davon machen, wer-ihr-wirklich-seid, und euch selbst als das in eurer Erfahrung erschaffen. Und damit vervollständigt sich der Kreis wieder … nur ist er nun größer.

Und so befindet ihr euch in einem Wachstumsprozeß, oder wie ich es in diesem Buch nenne, in einem Prozeß des Werdens.

Es gibt keine Grenzen für das, was ihr werden könnt.

Du meinst, ich kann sogar – ja, ich traue mich kaum, es auszusprechen – ein Gott werden … so wie du?

Was denkst du?

Ich weiß es nicht.

Solange du es nicht weißt, kannst du es nicht werden. Denk an das Dreieck – die heilige Dreieinigkeit: Seele – Geist – Körper. Erdenke – erschaffe – erfahre. Denk daran, und ich bediene mich hier eurer Symbolik:

HEILIGER GEIST = INSPIRATION = ERDENKEN/ERSINNEN

VATER = ELTERNSCHAFT = ERSCHAFFEN

SOHN = NACHKOMMENSCHAFT = ERFAHRUNG

[302]

Der Sohn erfährt die Erschaffung des erzeugenden Gedankens, der vom Heiligen Geist ersonnen wurde.

Kannst du dir vorstellen, eines Tages ein Gott zu sein?

In meinen kühnsten Träumen.

Gut, denn ich sage dir dies: Du bist bereits ein Gott. Du weißt es bloß noch nicht.

Habe ich nicht gesagt: »Ihr seid Götter«?

 

 

[303]

14

Nun. Ich habe es dir alles erklärt. Das Leben. Wie es funktioniert. Seinen Grund, seinen Sinn und Zweck. Wie kann ich dir noch zu Diensten sein?

Es gibt nichts mehr, was ich noch fragen könnte. Ich bin erfüllt von Dankbarkeit für diesen unglaublichen Dialog. All das war so weitreichend, so umfassend. Und mit Blick auf meine ursprünglichen Fragen stelle ich fest, daß die ersten fünf ausführlich beantwortet sind – die Fragen, die mit dem Leben und mit Beziehungen, mit Geld und Beruf und mit Gesundheit zu tun haben. Wie du weißt, standen auf dieser ursprünglichen Liste weitere Fragen, aber irgendwie erscheinen sie mir nun aufgrund dieser Diskussion irrelevant.

Ja, aber du hast sie gestellt. Laß uns den Rest der Fragen, eine nach der anderen, rasch beantworten.

Die sechste Frage lautete: Welche karmische Lektion soll ich hier lernen? Was versuche ich zu meistern?

Du lernst hier nichts. Du hast nichts zu lernen. Du brauchst dich nur zu erinnern, das heißt: mich zu erinnern.

Was versuchst du zu meistern? Du versuchst das Meistern selbst zu meistern.

[304]Siebte Frage: Gibt es so etwas wie Reinkarnation? Wie viele vergangene Leben hatte ich? Was war ich in diesen Leben? Ist »karmische Schuld« eine Realität?

Es ist kaum zu glauben, daß dies immer noch in Zweifel gezogen wird, obwohl so viele Berichte über vergangene Leben aus absolut zuverlässigen Quellen existieren. Manche dieser Menschen haben mit solch erstaunlich detaillierten Beschreibungen von Ereignissen aufgewartet und derart absolut verifizierbare Informationen geliefert, daß die Möglichkeit, daß sie sie erfunden haben könnten oder die ihnen nahestehenden Personen und die Forscher irgendwie zu täuschen versuchten, völlig ausgeräumt wurde.

Du hattest 647 vergangene Leben, da du auf einer genauen Zahl bestehst. Dies ist dein 648. Leben. Im Laufe dieser Leben warst du alles: ein König, eine Königin, ein Diener – ein Lehrer, ein Schüler, ein Meister – ein Mann, eine Frau – ein Krieger, ein Pazifist – ein Held, ein Feigling – ein Mörder, ein Retter – ein Weiser, ein Narr. Du warst alles!

Nein, so etwas wie karmische Schuld gibt es nicht – nicht in dem Sinn, wie du die Frage stellst. Eine Schuld ist etwas, was zurückgezahlt werden muß oder sollte. Du bist nicht dazu verpflichtet, irgend etwas zu tun.

Doch gibt es gewisse Dinge, die du tun möchtest, die zu erfahren du wählst. Und einige dieser Entscheidungen hängen davon ab, was du zuvor erfahren hast.

Noch deutlicher läßt sich mit Worten nicht ausdrücken, was ihr Karma nennt. Wenn Karma der angeborene Wunsch ist, besser zu sein, größer zu sein, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen, und wenn hierfür die Ereignisse und Erfahrungen [305]der Vergangenheit als Maßstab genommen werden, dann, ja, existiert Karma.

Aber es fordert nichts ein. Nichts wird je eingefordert. Ihr seid – wart immer – ein Wesen der freien Wahl.

Achte Frage: Manchmal fühle ich mich sehr medial. Gibt es so etwas wie »Medialität«? Bin ich medial? Schließen Menschen, die behaupten, medial zu sein, »einen Pakt mit dem Teufel«?

Ja, es gibt Medialität. Du bist medial. Jeder ist das. Es gibt keine Menschen, die nicht über mediale Fähigkeiten verfügen, wie ihr sie nennt, sondern nur welche, die sie nicht nutzen.

Der Gebrauch der medialen Fähigkeit ist nichts anderes als der Gebrauch eures sechsten Sinns.

Offensichtlich beinhaltet das keinen »Pakt mit dem Teufel«, sonst hätte ich euch diesen Sinn nicht gegeben. Und natürlich gibt es keinen Teufel, mit dem ihr einen Pakt schließen könnt.

Eines Tages – vielleicht in Band zwei – werde ich dir genau erklären, wie mediale Energien und Fähigkeiten funktionieren.

Es wird einen zweiten Band geben?

Ja, aber laß uns zunächst einmal den ersten beenden.

Neunte Frage: Ist es in Ordnung, Geld dafür zu nehmen, daß man Gutes tut? Kann ich, wenn ich mich dazu entscheiden [306]würde, in dieser Welt heilerisch tätig zu sein – Gottes Werk zu tun –, dies tun und gleichzeitig wohlhabend werden? Oder schließt sich das gegenseitig aus?

Das habe ich bereits beantwortet.

Zehnte Frage: Hat mit dem Sex alles seine Richtigkeit? Sag schon – was für eine Geschichte steckt wirklich hinter dieser menschlichen Erfahrung? Ist Sex nur für die Fortpflanzung da, wie in manchen Religionen behauptet wird? Werden wahre Heiligkeit und Erleuchtung durch Enthaltsamkeit oder durch die Transformierung der sexuellen Energie erreicht? Ist Sex ohne Liebe in Ordnung? Ist nur das körperliche Gefühl dabei allein schon Grund genug?

Natürlich hat mit dem Sex »alles seine Richtigkeit«. Noch einmal: Wenn ich nicht wollte, daß ihr bestimmte Spiele spielt, hätte ich euch nicht die entsprechenden Spielzeuge gegeben. Gebt ihr euren Kindern Dinge, mit denen sie gar nicht spielen sollen?

Spielt mit Sex. Spielt damit! Es macht großen Spaß. Es ist doch der größte Spaß, den ihr überhaupt mit eurem Körper haben könnt, falls du allein von der rein physischen Erfahrung sprichst.

Aber zerstört um Himmels willen die sexuelle Unschuld, das Vergnügen und die Reinheit des Spaßes und der Freude nicht dadurch, daß ihr den Sex mißbraucht. Setzt ihn nicht aus Machtgründen oder für verborgene Zwecke ein, zur Befriedigung des Egos oder um jemanden zu beherrschen; nicht für irgendwelche anderen Zwecke außer denen der [307]geschenkten und miteinander geteilten reinsten Freude und höchsten Ekstase – die Liebe ist wiedererschaffene Liebe –, die das neue Leben ist! Habe ich nicht einen ergötzlichen Weg gewählt, um mehr von euch zu machen?

Was die Enthaltsamkeit im Sinn von Selbstverleugnung angeht, so habe ich bereits darüber gesprochen. Durch Selbstverleugnung ist noch nie etwas Heiliges erreicht worden. Doch Wünsche verändern sich in dem Maße, wie immer größere Realitäten geschaut werden. Daher ist es nicht ungewöhnlich, wenn sich Menschen einfach weniger oder auch gar keinen Sex wünschen – oder, was das angeht, auch nicht eine ganze Reihe anderer körperlicher Aktivitäten. Für manche sind die Aktivitäten der Seele die vorrangigsten – und auch die bei weitem vergnüglichsten.

Jeder nach seinem persönlichen Belieben, urteilslos – das ist das Motto.

Der letzte Teil deiner Frage wird folgendermaßen beantwortet: Du brauchst keinen Grund für etwas. SEI nur der Grund.

Sei der Grund für deine Erfahrung.

Denk daran: Die Erfahrung produziert die Vorstellung vom Selbst, die Vorstellung bewirkt das Erschaffen, das Erschaffen bewirkt die Erfahrung.

Willst du dich selbst als eine Person erfahren, die Sex ohne Liebe praktiziert? Dann mach das! Und zwar so lange, bis du keinen Gefallen mehr daran findest. Und das einzige, was dich dazu bringen wird – je dazu bringen kann –, mit irgendeiner Verhaltensweise aufzuhören, ist dein neu auftauchender Gedanke darüber, wer-du-bist.

So einfach ist das – und so komplex.

[308]Elfte Frage: Warum hast du Sex zu einer so guten, so spektakulären, so machtvollen Erfahrung gemacht, wenn wir uns ihm alle so weit wie möglich fernhalten sollten? Und warum sind, wenn wir schon davon reden, alle Dinge, die Spaß machen, entweder »unmoralisch«, »illegal« oder »dickmachend«?

Den Schluß dieser Frage habe ich ebenfalls schon mit dem, was ich gerade sagte, beantwortet. Es sind nicht alle Dinge, die Spaß machen, »unmoralisch«, »illegal« oder »dickmachend«. Euer Leben ist jedoch eine interessante Übung zur Definition dessen, was ihr unter Spaß versteht. Manche Menschen verstehen unter Spaß Körperempfindungen. Für andere beinhaltet »Spaß« etwas ganz anderes. Das hängt alles davon ab, wer ihr denkt, daß ihr seid und was ihr hier tut.

Über Sex gibt es hier noch viel mehr zu sagen, als hier gesagt wird – aber nichts Wesentlicheres als das: Sex ist Freude, doch viele haben ihn zu allem anderen gemacht als das.

Sex ist auch heilig – ja. Aber Freude und Heiligkeit vertragen sich miteinander (sind tatsächlich dasselbe), und viele von euch denken, daß dies nicht der Fall ist.

Eure Ansichten vom Sex formen sich zu einem Mikrokosmos eurer Einstellungen zum Leben. Das Leben sollte Freude sein, eine Feier, und wurde zu einer Erfahrung der Furcht, der Angst, des »Nicht-Genügens«, des Neids, der Wut und der Tragödie. Das gleiche läßt sich über den Sex sagen.

Ihr habt den Sex unterdrückt, wie ihr auch das Leben unterdrückt [309]habt, statt das Selbst voll und ganz in Hingebung und Freude zum Ausdruck zu bringen.

Ihr habt aus dem Sex eine Schmach gemacht, wie ihr auch aus dem Leben eine Schmach gemacht habt; ihr habt den Sex als etwas Übles und Verderbtes bezeichnet statt als ein höchstes Geschenk und allergrößtes Vergnügen.

Bevor du Protest einlegst und erwiderst, daß ihr das Leben nicht schmäht, solltest du einen Blick auf eure kollektiven Einstellungen zum Leben werfen. Vier Fünftel der Weltbevölkerung betrachten das Leben als eine Prüfung, als Drangsal und Leiden, als Probezeit, als abzutragende karmische Schuld, als Schule der harten Lektionen, die gelernt werden müssen, und ganz allgemein als eine Erfahrung, die zu ertragen ihr gezwungen seid, während ihr auf die wirkliche Freude wartet, die erst nach dem Tod kommt.

Es ist eine Schande, daß so viele von euch so denken. Kein Wunder, daß ihr genau den Akt, der Leben erschafft, mit Schmach und Schande belegt habt.

Die dem Sex zugrundeliegende Energie ist die dem Leben zugrundeliegende Energie; sie ist Leben! Das Gefühl der Anziehung und das intensive und oft dringliche Verlangen, sich aufeinander zuzubewegen, eins zu werden, ist die wesentliche Dynamik alles Lebendigen. Ich habe sie in alles integriert. Sie ist Allem-Was-Ist eingewurzelt, inhärent, innewohnend.

Die Moralvorschriften, die religiösen Schranken, die gesellschaftlichen Tabus und die emotionalen Konventionen, die von euch um den Sex herum errichtet wurden (übrigens auch um die Liebe – und alles im Leben), haben euch faktisch jeglicher Möglichkeit beraubt, euer Sein zu feiern.

[310]

Seit Anbeginn der Zeit hat der Mensch eigentlich immer nur eines gewollt: lieben und geliebt werden. Und seit Anbeginn der Zeit hat der Mensch alles in seiner Macht Stehende getan, um dies unmöglich zu machen. Sex ist eine außergewöhnliche Ausdrucksform von Liebe – Liebe zu einer anderen Person, Liebe zum Selbst, Liebe zum Leben. Daher solltet ihr ihn lieben! (Und ihr tut es – ihr könnt nur niemandem sagen, daß ihr es tut; ihr wagt nicht zu zeigen, wie sehr ihr ihn liebt, um nicht als pervers bezeichnet zu werden. Doch dieser Gedanke ist es, der pervers ist.)

In unserem nächsten Buch werden wir den Sex einer viel genaueren Betrachtung unterziehen, seine Dynamik sehr viel detaillierter erkunden. Denn es handelt sich hierbei um eine Erfahrung und ein Thema mit umfassenden Implikationen von globalen Ausmaßen.

Für den Moment – und an dich persönlich gerichtet – sollst du einfach dies wissen: Ich habe euch nichts Schändliches und Schmachvolles gegeben, am allerwenigsten euren Körper und seine Funktionen. Es besteht keine Notwendigkeit, euren Körper oder seine Funktionen zu verstecken – und auch nicht die Liebe für ihn und füreinander.

Eure Fernsehsender denken sich nichts dabei, nackte Gewalt zu zeigen, scheuen jedoch davor zurück, nackte Liebe zu zeigen. Eure ganze Gesellschaft spiegelt diese Priorität wider.

Zwölfte Frage: Gibt es Leben auf anderen Planeten? Sind wir von Außerirdischen besucht worden? Werden wir jetzt beobachtet? Werden wir noch zu unseren Lebzeiten einen unwiderlegbaren und unstrittigen Beweis dafür erhalten? [311]Hat jede Lebensform ihren eigenen Gott? Bist du der Gott von Allem?

Jeweils ein Ja als Antwort auf den ersten, den zweiten und den dritten Teil. Den vierten Teil kann ich nicht beantworten, denn das würde ein Vorhersagen der Zukunft bedingen – darauf möchte ich vorerst verzichten.

Wir werden jedoch im zweiten Band viel ausführlicher über die sogenannte Zukunft sprechen – und wir werden uns im dritten Band mit dem außerirdischen Leben und den Natur(en) Gottes befassen.

Ach du meine Güte. Es gibt auch noch einen dritten Band?

Laß mich hier den Plan skizzieren.

Der erste Band enthält die Grundwahrheiten, die primären Verständnisgrundlagen und beschäftigt sich mit wesentlichen persönlichen Belangen und Themen.

Der zweite Band soll weitreichendere Wahrheiten, umfassendere Verständnisgrundlagen enthalten und globale Belange und Themen ansprechen.

Der dritte Band soll die weitestreichenden Wahrheiten, die ihr gegenwärtig zu verstehen in der Lage seid, enthalten und universelle Belange und Themen ansprechen – Angelegenheiten, mit denen alle Wesen des Universums befaßt sind.

Wie du ein Jahr gebraucht hast, um dieses Buch zu beenden, wird dir auch für die nächsten beiden Bücher jeweils ein Jahr gegeben. Die Trilogie wird am Ostersonntag 1995 vollendet sein.

[312]Ich verstehe. Ist das ein Befehl?

Nein. Wenn du eine solche Frage stellen kannst, hast du nichts von all dem in diesem Buch begriffen.

Du hast die Wahl getroffen, diese Arbeit zu übernehmen – und du bist ausgewählt worden. Der Kreis ist vollendet.

Verstehst du?

Ja.

Dreizehnte Frage: Wird sich Utopia je auf diesem Planeten verwirklichen? Wird sich Gott, wie versprochen, den Menschen auf dieser Erde je zeigen? Gibt es so etwas wie die Zweite Ankunft? Wird es jemals ein Ende der Welt geben, oder eine Apokalypse, wie es die Bibel prophezeit? Gibt es eine einzige wahre Religion? Und wenn ja, welche?

Diese Thematik beansprucht ein Buch für sich und wird weitgehend Bestandteil des dritten Bandes sein. Ich habe diesen Eröffnungsband auf die persönlicheren Belange, die praktischeren Themen und Probleme beschränkt. Ich werde in den Folgebänden zu den größeren Fragen und Angelegenheiten mit ihren globalen und universellen Implikationen übergehen.

War's das? Ist das für den Moment alles? Hören wir nun einstweilen auf, miteinander zu reden?

Vermisst du mich schon?

Ja! Es hat Spaß gemacht! Hören wir nun auf?

[313]

Du brauchst eine kleine Pause, wie auch deine Leserinnen und Leser eine benötigen. Es gibt nun eine Menge zu verarbeiten. Eine Menge, um sich damit auseinanderzusetzen. Eine Menge, um darüber nachzusinnen. Nehmt euch ein bißchen Zeit. Denkt darüber nach. Laßt es auf euch einwirken.

Fühlt euch nicht verlassen. Ich bin immer bei euch. Ihr sollt nämlich wissen: Wenn ihr Fragen – alltägliche Fragen – habt, wie ihr sie, wie ich weiß, bereits jetzt habt und weiterhin haben werdet, könnt ihr mich immer anrufen, um eine Antwort zu erhalten. Ihr braucht dazu nicht dieses Buch.

Dies ist nicht die einzige Weise, in der ich zu euch spreche. Lauscht in der Wahrheit eurer Seele, in den Gefühlen eures Herzens, in der Stille eures Geistes auf mich.

Hört mich überall. Wißt einfach: Wann immer ihr eine Frage habt, habe ich sie bereits beantwortet. Öffnet dann die Augen für eure Welt. Meine Antwort könnte sich in einem bereits veröffentlichten Artikel finden. In einer bereits geschriebenen Predigt, die demnächst gehalten wird. In einem Film, der jetzt gedreht wird. In einem Song, der gestern komponiert wurde. In den Worten, die eine geliebte Person gleich aussprechen wird. Im Herzen einer Person, die bald zu einem neuen Freund wird.

Meine Wahrheit existiert im Flüstern des Windes, im Plätschern des Baches, im Krachen des Donners, im Rauschen des Regens.

Sie existiert in der Atmosphäre der Erde, im süßen Duft der Rose, in der Wärme der Sonne, in der Anziehungskraft des Mondes.

[314]

Meine Wahrheit – und die euch gewisseste Hilfe in Zeiten der Not – ist so ehrfurchtgebietend wie der Nachthimmel und so einfach und unstrittig vertrauensvoll wie das Gebrabbel eines Babys.

Sie ist so laut wie ein pochender Herzschlag – und so still wie in in der Einheit mit mir gemachter Atemzug.

Ich werde euch nicht verlassen, ich kann euch nicht verlassen, denn ihr seid meine Schöpfung und mein Werk, meine Tochter und mein Sohn, mein Zweck und mein Ziel und mein …

Selbst.

Daher ruft mich an, wo immer und wann immer ihr vom Frieden, der ich bin, getrennt seid.

Ich werde dasein.

Mit Wahrheit.

Und Licht.

Und Liebe.

 

 

Cover

01Wie kann ich nicht deinem Willen entsprechen, wenn er derselbe ist wie der meine?
02Ich wohne nicht im Bleistift. Ich wohne in dir.
03Erzähl mir etwas über die Zeit.
04Warum ging Hitler in den Himmel ein?
05Vergeude nicht die kostbaren Momente deiner gegenwärtigen Realität mit dem Bestreben, alle Geheimnisse des Lebens enthüllen zu wollen.
06Erzähl mir etwas über den Raum.
07Ja – ich glaube, es ist Zeit, daß wir, du und ich, über Sex reden.
08Laß mich dir ein paar Fragen zu Sex und Kindern stellen.
09Und es gibt kein wichtigeres Thema als die Erziehung eurer Nachkommenschaft.
10Ja, ich könnte mir vorstellen, daß auch der politischen Arena einige Veränderungen guttäten.
11Laßt jede Person inneren Frieden finden.
12Deine erste Frage muß immer sein: Was will ich hier? Und nicht: Was will die andere Person hier?
13Wie kann ich einen Anfang machen?
14Diese beiden Aussagen erscheinen mir widersprüchlich.
15Ich liebe dich, weißt du das?
16Ganz einfach. Schafft das Geld ab.
17Sag mir, wie die Nationen miteinander auskommen können, so daß es »nie wieder Krieg gibt«.
18Du erschaffst das alles – alles in deinem Leben – gerade hier, gerade jetzt. Du … DU … erschaffst es. Nicht ich. DU.
19Aber laß uns nun einfach mal zur Kenntnis nehmen, was auf eurem Planeten erschaffen wurde, und sehen wir, ob das nicht auch dich ein bißchen empört.
20Kehrt zur Spiritualität zurück. Vergeßt die Religion.

[15]

Einleitung

Dies ist ein außergewöhnliches Dokument.

Es ist eine wichtige Botschaft von Gott, und darin schlägt er eine soziale, sexuelle, erzieherische, politische, ökonomische und theologische Revolution auf diesem Planeten vor, wie wir sie noch nie gesehen und uns selten ausgemalt haben.

Dieser Vorschlag wird im Kontext der Aussagen über unsere eigenen Wünsche als Bewohner dieses Planeten gemacht. Wir haben gesagt, daß wir uns entscheiden, ein besseres Leben für alle zu schaffen, unser Bewußtsein anzuheben und eine neuere Welt anzustreben. Gott wird uns nicht verurteilen oder verdammen, ganz gleich, wofür wir uns entscheiden, aber wenn wir uns so entscheiden, ist er oder sie bereit, uns den Weg zu zeigen. Sie wird uns jedoch nicht dazu zwingen, ihre Vorschläge anzunehmen. Weder jetzt noch sonst irgendwann.

Ich finde die Texte in diesem Buch fesselnd, beunruhigend, provokant und erhebend zugleich. Sie fesseln mich insofern, als mir angesichts ihrer Bedeutung und ungeheuren Tragweite der Atem stockt. Sie beunruhigen mich insofern, als sie mir mich selbst – und auch die Menschheit – auf eine sehr erschütternde Weise zeigen. Sie stellen eine Provokation dar insofern, als sie mich herausfordern wie sonst niemand und nichts je zuvor. Sie fordern mich heraus, besser zu sein, größer zu sein, als ich es je war, sie fordern mich dazu heraus, die Quelle für eine Welt zu sein, in der Wut, kleinliche Eifersucht, sexuelles Fehlverhalten, ökonomische [16]Ungerechtigkeit, ein unsinniges und einfältiges Erziehungswesen, soziale Ungleichheit und politische Heimlichkeiten, Schikanen und Machtspiele niemals wieder Bestandteil der menschlichen Erfahrung sind. Sie sind erhebend insofern, als sie die Hoffnung enthalten, daß dies alles möglich ist.

Können wir wirklich eine solche Welt aufbauen? Gott sagt ja und daß dazu nur erforderlich ist, daß wir uns wirklich dafür entscheiden, es zu tun.

Dieses Buch gibt einen wirklichen Dialog mit Gott wieder. Es ist der zweite Band einer Trilogie, die eine Unterhaltung mit Gott zum Inhalt hat; eine Unterhaltung, die sich über gut fünf Jahre erstreckte – und bis auf den heutigen Tag andauert.

Sie glauben vielleicht nicht, daß dieses Material tatsächlich von Gott kommt, und es ist für mich auch nicht wesentlich, daß Sie es glauben. Mir ist nur wichtig, daß diese Texte überhaupt irgendeinen Wert haben, irgendwelche Einsichten mit sich bringen, zu irgendeinem Erwachen führen, ein neues Verlangen entfachen oder eine fruchtbare Veränderung in unserem Alltagsleben auf Erden befördern. Gott weiß, daß sich irgend etwas ändern muß. Wir können nicht so weitermachen wie bisher.

Die Trilogie der Gespräche mit Gott begann, als Band 1 dieser Reihe im Mai 1995 in den USA herauskam. Dieses Buch befaßte sich hauptsächlich mit persönlichen Belangen und veränderte mein Leben. Es veränderte eine Menge Leben. Binnen Wochen verkaufte es sich erstaunlich rasch und fand eine überraschend hohe Verbreitung. Am Ende des ersten Jahres wurden monatlich 12 000 Exemplare verkauft mit steigender Tendenz. Natürlich war der »Autor« [17]des Buches nicht unbekannt. Und das machte das Dokument so faszinierend und einflußreich.

Ich bin zutiefst dankbar, Teil dieses Prozesses sein zu dürfen, ein Prozeß, durch den Tausende von Menschen wieder einmal an einige der größten Wahrheiten erinnert werden. Und ich bin persönlich erfreut und glücklich, daß so viele den Wert dieser Arbeit sehen.

Sie müssen wissen, daß ich zunächst ungeheure Angst hatte. Mir kam in den Sinn, daß andere mich für verrückt und größenwahnsinnig halten könnten. Oder daß sie, wenn sie glaubten, diese Texte seien von Gott inspiriert, tatsächlich seinem Rat folgen würden. Und warum hatte ich davor Angst? Ganz einfach. Ich wußte, daß alles, was ich geschrieben hatte, falsch sein konnte.

Dann begannen die Briefe einzutreffen. Briefe von Menschen aus aller Welt. Und dann wußte ich es. Tief im Innern wußte ich es. Es war richtig. Es war genau das, was der Welt not tat zu hören, zum genau richtigen Zeitpunkt!

(Natürlich gibt es kein »richtig« oder »falsch« außer in unserer relativen Existenzerfahrung. Ich meine also damit, daß angesichts dessen, was und wer wir unserer Aussage nach auf diesem Planeten sein wollen, dieses Buch »gerade richtig kam«.)

Nun ist also Band 2 da, und ich merke, daß mich wieder all diese Ängste überfallen. Dieses Buch handelt von größeren Aspekten unseres Lebens sowie von geophysischen und geopolitischen Betrachtungen mit weltweiten Implikationen. Als solcher wird dieser Band, wie ich vermute, sehr viel mehr enthalten, dem der Durchschnittsleser nicht zustimmen mag. Und so habe ich Angst. Ich habe Angst, daß Ihnen nicht gefallen wird, was Sie hier lesen. Ich habe [18]Angst, daß Sie mir in einigem »unrecht« geben werden. Ich habe Angst, daß ich in ein Wespennest steche, einen Sturm heraufbeschwöre, Wellen schlage. Und wieder einmal habe ich Angst, daß alles falsch sein könnte.

Natürlich sollte ich es besser wissen und diese Ängste nicht haben. Habe ich denn schließlich nicht mein eigenes erstes Buch gelesen? Nun, da haben Sie's. Wieder meine Menschlichkeit. Sehen Sie, mit der Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen verfolge ich nicht das Ziel, die Menschen aufzurütteln. Ich möchte Ihnen nur ehrlich und geradeheraus weitergeben, was Gott mir in Antwort auf meine Fragen übermittelt hat. Ich habe Gott versprochen, das zu tun – diese Gespräche zu veröffentlichen –, und kann dieses Versprechen nicht brechen.

Sie können Ihr Versprechen auch nicht brechen. Offensichtlich haben Sie das Versprechen gegeben, zuzulassen, daß Ihre Gedanken, Ideen und Überzeugungen beständig in Frage gestellt werden. Ganz eindeutig sind Sie eine tiefe Verpflichtung zu beständigem Wachstum und kontinuierlicher Weiterentwicklung eingegangen. Nur ein Mensch, der eine solche Verpflichtung eingegangen ist, nimmt ein Buch wie dieses zur Hand.

Es sieht also so aus, als säßen wir gemeinsam in diesem Boot. Und es gibt nichts zu fürchten. Wir sind, was wir sind, und wir tun als Folge davon das, was wir tun, und wir brauchen nichts weiter zu tun, als dem treu zu bleiben, und es gibt nichts zu fürchten. Ich sehe nun, daß ich vermutlich immer wußte, daß wir Boten sind, Sie und ich. Wenn wir es nicht wären, würde ich das hier nicht schreiben, und Sie würden es ganz gewiß nicht lesen. Wir sind Boten, und wir haben Arbeit zu tun. Erstens müssen wir sichergehen, daß [19]wir die Botschaft, die uns in den Gesprächen mit Gott übermittelt wird, klar verstehen. Zweitens müssen wir die Botschaft in unser Leben so integrieren, daß sie wirksam und zur Praxis wird. Und drittens müssen wir diese Botschaft zu anderen weitertragen, ihre Wahrheit durch das einfache und hervorragende Mittel unseres eigenen Beispiels all jenen überbringen, deren Leben wir berühren.

Ich bin glücklich, daß Sie sich dazu entschieden haben, diese Reise mit mir zu unternehmen. Mit Ihnen ist sie sehr viel leichter und macht viel mehr Spaß als ohne Sie. Lassen Sie uns nun gemeinsam diese Seiten durchwandern. Es könnte ab und zu ein wenig unbequem werden. Es ist nicht so wie im ersten Band; dieser war Gottes Umarmung; ein großes, herzliches Umarmen. Band 2 ist Gottes gleichermaßen liebevolles und sanftes, aber doch unangenehmes Rütteln an unseren Schultern. Ein Weckruf. Eine Herausforderung, uns zur nächsten Ebene zu begeben.

Wie Sie wissen, gibt es immer eine nächste Ebene. Ihre Seele – die hierherkam, um die reichste und nicht die ärmste Erfahrung zu machen – möchte nicht, daß Sie sich ausruhen. Und obgleich es immer Ihre freie Entscheidung ist, möchte Ihre Seele doch, daß Sie nie selbstgefällig oder selbstzufrieden werden und ganz sicher nie in Apathie verfallen. Denn es gibt zuviel in Ihrer Welt zu verändern, es gibt zuviel in Ihnen, was es noch zu erschaffen gilt. Es gibt immer einen neuen Berg zu erklimmen, einen neuen Grenzbereich zu erforschen, eine neue Angst zu besiegen. Es gibt immer einen noch großartigeren Ort, eine noch größere Idee, eine noch größere Vision.

So mag dieses Buch also ein bißchen unbequemer sein als der erste Band. Bleiben Sie bei diesem Unbehagen, falls und [20]wenn Sie es verspüren. Halten Sie sich am Boot fest, wenn es zu schaukeln beginnt. Und leben Sie dann innerhalb eines neuen Paradigmas. Besser noch, helfen Sie, durch das Wunder und Beispiel Ihres eigenen gelebten Lebens, eines zu erschaffen.

Neale Donald Walsch
Ashland, Oregon

[21]

1

Danke, daß Sie gekommen sind. Danke, daß Sie hier sind. Stimmt, Sie sind aufgrund einer Verabredung hier; aber trotzdem, Sie hätten es ja versäumen können, sich einzufinden. Sie hätten es sich anders überlegen können. Statt dessen haben Sie sich entschieden, hier zu sein, zur festgesetzten Stunde, am festgesetzten Ort, damit dieses Buch in Ihre Hände gelangt. Deshalb danke ich Ihnen.

Wenn Sie das alles unbewußt unternommen haben, ohne im geringsten zu ahnen, was Sie da tun und warum, mögen Ihnen diese Worte etwas rätselhaft erscheinen, und somit ist vielleicht eine kleine Erklärung angebracht.

Fangen wir damit an, daß wir Sie darauf hinweisen, daß dieses Buch zum perfekt richtigen Zeitpunkt in Ihrem Leben eingetroffen ist. Vielleicht vermögen Sie das jetzt noch nicht zu erkennen, aber wenn Sie mit der hier auf Sie wartenden Erfahrung fertig sind, wird es Ihnen vollkommen klar sein. Alles geschieht innerhalb einer perfekten Ordnung, und die Ankunft dieses Buches in Ihrem Leben bildet da keine Ausnahme.

Was Sie hier vor sich haben, ist das, wonach Sie schon sehr lange gesucht, wonach Sie sich schon sehr lange gesehnt haben. Was Sie hier haben, ist Ihr neuester – und für einige vielleicht ihr erster – wirklicher Kontakt mit Gott.

Dies ist ein Kontakt, und er ist sehr real.

Gott wird jetzt, durch mich, tatsächlich ein Gespräch mit Ihnen führen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich dergleichen nicht geäußert; ich sage es jetzt, weil ich bereits einen [22]solchen Dialog führte und von daher weiß, daß so etwas möglich ist. Es ist nicht nur möglich, es geschieht ständig. So wie es nun auch hier und jetzt geschieht.

Wichtig ist, daß Sie verstehen, daß Sie dies zum Teil bewirkt haben, so wie Sie auch bewirkt haben, daß Sie in diesem Moment dieses Buch in Händen halten. Wir alle sind die Urheber der Ereignisse unseres Lebens, und wir alle sind bei der Erschaffung der Umstände, die zu diesen Ereignissen führen, Mitschöpfer im Verein mit dem einen großen Schöpfer.

Es geschah in den Jahren 1992/93, daß ich zum erstenmal in Ihrem Auftrag mit Gott sprach. Ich hatte einen zornigen Brief an ihn geschrieben und ihn gefragt, warum mein Leben zu einem solchen Monument der Mühsal und des Scheiterns geworden war. In allen Lebensbereichen, angefangen bei meiner Liebesbeziehung, über meine Arbeit, den Umgang mit meinen Kindern bis hin zu meiner Gesundheit – in allem erlebte ich nichts als Probleme und Fehlschläge. Ich verlangte von Gott zu wissen, warum das so war und was es brauchte, damit mein Leben funktionierte. Zu meiner Überraschung wurde der Brief beantwortet.

Aus dem Wie und Was dieser Antworten wurde ein Buch, das im Mai 1995 als Conversations with God, Book 1 veröffentlicht wurde. Die deutsche Übersetzung erschien 1997 unter dem Titel Gespräche mit Gott. Ein ungewöhnlicher Dialog. Vielleicht haben Sie davon gehört oder es sogar gelesen. Wenn das der Fall sein sollte, bedarf es für Sie keiner weiteren einleitenden Worte.

Sollten Sie aber mit jenem ersten Buch nicht vertraut sein, dann hoffe ich, daß Sie es bald sein werden, denn darin wird sehr viel detaillierter erläutert, wie alles begann; zudem [23]werden viele Fragen in bezug auf unser persönliches Leben beantwortet – Fragen zum Thema Geld, Liebe, Sex, Gott, Gesundheit und Krankheit, Essen, Beziehungen, die »richtige Arbeit« und zu vielen anderen Aspekten unseres Alltagslebens, die in diesem Buch nicht angesprochen werden.

Wenn ich Gott um ein Geschenk an die Welt in dieser Zeit bitten würde, wären es die in Band 1 enthaltenen Informationen. Sich an die Regeln haltend (»Noch ehe ihr fragt, habe ich geantwortet«), hat Gott die Bitte bereits erfüllt.

Ich hoffe also, daß Sie sich, nachdem Sie dieses Buch gelesen haben (oder vielleicht noch bevor Sie damit fertig sind), dazu entschließen werden, das erste Buch zu lesen. Es ist alles eine Sache der Wahl, so wie auch die reine Wahl Sie in diesem Augenblick zu diesen Sätzen gebracht hat. (Ein Grundgedanke, der in jenem ersten Buch erläutert wird.)

Diese ersten Absätze von Band 2 wurden im März 1996 geschrieben, um den folgenden Informationen eine kurze Einleitung voranzustellen. Wie im ersten Band war die Prozedur des »Eintreffens« dieser Informationen außerordentlich einfach. Ich schrieb auf ein leeres Blatt Papier eine Frage – irgendeine Frage … gewöhnlich die, die mir als erste in den Sinn kam, und kaum war sie aufgeschrieben, formulierte sich die Antwort in meinem Kopf, so als ob sie mir jemand ins Ohr flüsterte. Ich nahm ein Diktat auf!

Abgesehen von diesen wenigen einleitenden Sätzen wurde das gesamte Material dieses Buches zwischen Frühjahr 1993 und etwas über einem Jahr später zu Papier gebracht. Ich möchte es Ihnen hier nun vorlegen, so wie es von mir kam und mir gegeben wurde …

[24]Es ist Ostersonntag 1993, und ich bin hier – wie angewiesen. Ich bin hier, Bleistift in der Hand, Schreibblock vor mir, bereit anzufangen.

Ich sollte Ihnen wohl sagen, daß mich Gott bat, hier zu sein. Wir hatten eine Verabredung. Wir werden heute mit Band 2 anfangen, dem zweiten Band einer Trilogie, eine Erfahrung, die Gott und ich und Sie gemeinsam machen.

Ich habe keine Ahnung, was dieses Buch aussagen wird oder auf welche spezifischen Themen wir zu sprechen kommen werden. Ich habe für dieses Buch keinen Plan im Kopf. Ich kann ihn gar nicht haben. Nicht ich bin es, der entscheidet, was in dieses Buch hineinkommt – Gott entscheidet es.

Am Ostersonntag 1992 – heute vor einem Jahr – fing Gott einen Dialog mit mir an. Ich weiß, das klingt lächerlich, aber so ist es geschehen. Dieser Dialog wurde vor nicht allzu langer Zeit beendet. Ich wurde angewiesen, mir eine Ruhepause zu gönnen …, aber mir wurde auch gesagt, daß ich eine »Verabredung« für den heutigen Tag habe, um dieses Gespräch wieder aufzunehmen.

Auch Sie haben eine Verabredung. Sie halten sie gerade jetzt ein. Mir ist klar, daß dieses Buch nicht nur für mich geschrieben wird, sondern auch durch mich für Sie. Offensichtlich haben Sie schon seit sehr langer Zeit nach Gott Ausschau gehalten – und nach einem Wort von Gott.

Heute werden wir gemeinsam Gott finden. Das ist immer der beste Weg, um Gott zu finden: gemeinsam. Isoliert und von einander getrennt werden wir Gott nie finden. Das meine ich im doppelten Sinn. Ich meine, wir werden Gott nie finden, solange wir voneinander getrennt sind. Denn der erste Schritt zur Erkenntnis, daß wir nicht von Gott getrennt sind, besteht in der Erkenntnis, daß wir untereinander [25]nicht getrennt sind. Und solange wir nicht begreifen und uns klarmachen, daß wir alle eins sind, können wir auch nicht begreifen und uns klarmachen, daß wir und Gott eins sind.

Gott existiert nicht getrennt von uns, niemals; wir denken nur, daß wir von ihm getrennt sind.

Und das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Wir denken auch, daß wir Menschen voneinander getrennt sind. So ist, wie ich entdeckte, der schnellste Weg, »Gott zu finden«, der, daß wir einander finden; daß wir aufhören, uns voreinander zu verstecken. Und daß wir natürlich auch aufhören, uns vor uns selbst zu verstecken.

Der schnellste Weg zur Beendigung dieses Versteckspiels ist der, daß wir die Wahrheit sagen. Zu jedermann. Immer. Fangen Sie jetzt an, die Wahrheit zu sagen, und hören Sie nie damit auf. Fangen Sie damit an, daß Sie sich selbst die Wahrheit über sich selbst sagen. Sagen Sie dann einem anderen die Wahrheit über Sie selbst. Sagen Sie dann diesem anderen die Wahrheit über ihn selbst. Sagen Sie dann schließlich zu jedermann die Wahrheit über alles.

Das sind die fünf Ebenen des Sprechens der Wahrheit. Das ist der fünffache Pfad zur Freiheit. Die Wahrheit wird Sie befreien.

Dieses Buch handelt von der Wahrheit. Nicht meiner Wahrheit, sondern Gottes Wahrheit.

Unser anfänglicher Dialog – zwischen Gott und mir – wurde vor einem Monat beendet. Ich nehme an, dieser neue Dialog wird so vonstatten gehen wie der erste. Das heißt, ich stelle Fragen, und Gott antwortet. Ich denke, ich höre nun auf und frage Gott gleich jetzt.

Gott – wird es so vonstatten gehen?

[26]

Ja.

Das dachte ich mir.

Außer daß ich in diesem Buch, ohne dich zu fragen, selbst ein paar Themen anspreche. Das habe ich im ersten Buch kaum getan, wie du weißt.

Ja. Warum bringst du diesen Punkt zur Sprache?

Weil dieses Buch auf mein Verlangen hin geschrieben wird. Ich habe dich hergebeten – wie du dargelegt hast. Das erste Buch war ein Projekt, das du von dir aus gestartet hast. Bei deinem ersten Buch hattest du ein Anliegen. Bei diesem Buch hast du kein Anliegen außer dem, meinem Willen zu entsprechen.

Ja. Das ist richtig.

Das, Neale, ist ein sehr guter Standort. Ich hoffe, du – und andere – werden ihn oft aufsuchen.

Aber ich dachte, dein Wille sei mein Wille. Wie kann ich nicht deinem Willen entsprechen, wenn er derselbe ist wie der meine?

Das ist eine verzwickte Frage – und kein schlechter Ausgangspunkt; kein schlechter Ausgangspunkt für uns alle, um mit dem Dialog zu beginnen.

Laß uns ein paar Schritte zurückgehen. Ich habe nie gesagt, daß mein Wille dein Wille ist.

[27]Doch, das hast du gesagt! Im letzten Buch hast du ganz klar zu mir gesagt: »Dein Wille ist mein Wille.«

Richtig – doch das ist nicht dasselbe.

Nicht? Vielleicht hältst du mich zum Narren.

Wenn ich sage: »Dein Wille ist mein Wille«, so ist das nicht dasselbe, wie wenn du sagst: Mein Wille ist dein Wille.

Wenn du stets meinem Willen entsprechen würdest, müßtest du nichts mehr tun, um Erleuchtung zu erlangen. Dieser Prozeß wäre vorbei. Du hättest sie schon erlangt.

Wenn du einen einzigen Tag nichts anderes tätest als meinen Willen, brächte dir das die Erleuchtung. Wenn du all die Jahre deines Lebens meinen Willen getan hättest, bräuchtest du dich jetzt wohl kaum mit diesem Buch zu befassen.

Somit ist klar, daß du nicht meinen Willen getan hast. Tatsache ist, daß du zumeist meinen Willen gar nicht kennst.

Nein?

Nein, allerdings nicht.

Warum sagst du mir dann nicht, worin er besteht?

Das tu ich. Du hörst nur nicht zu. Und wenn du zuhörst, hörst du nicht wirklich hin. Und wenn du tatsächlich hinhörst, glaubst du nicht, was du hörst. Und wenn du glaubst, was du hörst, folgst du doch nicht den Anweisungen.

[28]

Die Aussage, daß mein Wille dein Wille ist, ist also nachweislich falsch.

Andererseits ist dein Wille mein Wille. Erstens, weil ich ihn kenne. Zweitens, weil ich ihn akzeptiere. Drittens, weil ich ihn lobe. Viertens, weil ich ihn liebe. Fünftens, weil er mir zu eigen ist und ich ihn mein eigen nenne.

Das bedeutet, daß du den freien Willen hast zu tun, was du wünschst – und daß ich, durch bedingungslose Liebe, deinen Willen zu dem meinen mache.

Wenn du nun meinen Willen zu dem deinen machen wolltest, müßtest du dasselbe tun.

Erstens müßtest du ihn kennen. Zweitens müßtest du ihn akzeptieren. Drittens müßtest du ihn loben. Viertens müßtest du ihn lieben. Und schließlich müßtest du ihn dein eigen nennen.

Im Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte haben nur sehr wenige von euch das konsequent getan. Ein paar mehr haben es fast immer getan. Viele haben es zum großen Teil getan. Sehr viele haben es ab und zu getan. Und praktisch jedermann hat es zu seltenen Anlässen getan – obschon manche es überhaupt nie getan haben.

In welche Kategorie falle ich?

Spielt das eine Rolle? In welcher Kategorie möchtest du denn von jetzt an sein? Ist das nicht die eigentliche Frage?

Doch.

Und deine Antwort?

[29]Ich würde gerne der ersten Kategorie zugehören. Ich würde gerne immer deinen Willen kennen und tun.

Das ist löblich, empfehlenswert und wahrscheinlich unmöglich.

Warum?

Weil du noch viel zuviel wachsen mußt, bevor du das von dir behaupten kannst. Doch ich sage dir: Du könntest dies für dich in Anspruch nehmen, du könntest, in diesem Moment, zur Göttlichkeit gelangen, wenn du dich dazu entscheidest. Dein Wachstum braucht nicht unbedingt soviel Zeit in Anspruch zu nehmen.

Warum hat es dann soviel Zeit gebraucht?

Ja, warum wohl? Worauf wartest du? Du glaubst doch sicher nicht, daß ich dich zurückhalte?

Nein. Mir ist klar, daß ich mich selbst zurückhalte.

Gut. Klarheit ist der erste Schritt zur Meisterschaft.

Ich würde gerne Meisterschaft erlangen. Wie komme ich dahin?

Lies dieses Buch. Genau dahin werde ich dich führen.

 

 

[30]

2

Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiß, welche Richtung dieses Buch nimmt. Ich bin mir nicht sicher, wo ich anfangen soll.

Wir wollen uns Zeit nehmen.

Wieviel Zeit müssen wir uns nehmen? Ich habe bereits fünf Monate gebraucht, um vom ersten Kapitel bis hierher zu kommen. Ich weiß, die Leute lesen das und meinen, ich bringe alles in einem gleichmäßigen, ununterbrochenen Fluß zu Papier. Ihnen ist nicht bewußt, daß zwischen dem 32. und 33. Absatz dieses Buches 20 Wochen lagen. Sie wissen nicht, daß zwischen diesen Momenten der Inspiration manchmal ein halbes Jahr verstreichen kann. Wieviel Zeit müssen wir uns nehmen?

Das habe ich nicht gemeint. Laß uns die »Zeit« als erstes Thema nehmen, als einen Anfang.

Oh. Okay. Aber wenn wir schon bei diesem Thema sind: Warum braucht es denn manchmal Monate, um einen einzigen Absatz zu Ende zu bringen? Warum bist du manchmal so lange abwesend zwischen diesen Besuchen?

Mein lieber und wunderbarer Sohn, ich bin nicht lange abwesend zwischen diesen »Besuchen«. Ich bin nie abwesend. Du nimmst mich einfach nur nicht immer wahr.

[31]Warum? Warum nehme ich dich nicht immer wahr, wenn du immer hier bist?

Weil sich dein Leben in anderen Dingen verfängt. Seien wir doch mal ehrlich; das waren reichlich geschäftige fünf Monate für dich.

Ja, stimmt. Es war eine Menge los.

Und diese Dinge waren dir wichtiger als ich.

Das empfinde ich nicht so.

Ich lade dich ein, dir deine Handlungen anzuschauen. Du warst zutiefst mit deinem materiellen Leben beschäftigt. Du hast deiner Seele sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Es war eine schwierige Zeit.

Ja. Um so mehr Grund, deine Seele in den Prozeß einzubeziehen. Diese letzten Monate wären mit meiner Hilfe sehr viel glatter verlaufen. Darf ich dir also vorschlagen, darauf zu achten, daß du den Kontakt nicht verlierst?

Ich versuche dabeizubleiben, scheine mich aber zu verlieren – mich in anderen Dingen zu verfangen, wie du sagst. Und dann finde ich irgendwie keine Zeit für dich. Ich meditiere nicht. Ich bete nicht. Und ich schreibe selbstverständlich auch nicht.

[32]

Ich weiß. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß du dann, wenn du unsere Verbindung am meisten brauchst, dich von ihr entfernst.

Wie kann ich damit aufhören?

Damit aufhören.

Das habe ich doch gerade gesagt. Aber wie?

Du hörst damit auf, indem du damit aufhörst.

So einfach ist das nicht.

Es ist so einfach.

Ich wollte, es wäre so.

Dann wird es auch wirklich so sein, denn dein Wunsch ist mir Befehl. Denk daran, mein Lieber, deine Wünsche sind meine Wünsche. Dein Wille ist mein Wille.

In Ordnung. Okay. Dann wünsche ich mir, daß dieses Buch bis März beendet wird. Jetzt ist es Oktober. Ich wünsche in bezug auf seine Aufzeichnungen keine weiteren fünfmonatigen Unterbrechungen.

So wird es sein.

Gut.

Es sei denn, es ist anders.

[33]O Mann. Müssen wir diese Spielchen spielen?

Nein. Aber bislang hast du dich entschieden, dein Leben in dieser Weise zu leben. Du änderst ständig deine Meinung. Denk daran, das Leben ist ein fortwährender Schöpfungsprozeß. Du erschaffst jede Minute deine Realität. Die Entscheidung, die du heute fällst, ist oft nicht diejenige, du morgen triffst. Doch hier ist ein Geheimnis aller Meister: Triff immer dieselbe Entscheidung.

Immer und immer wieder? Ist einmal nicht genug?

Immer und immer wieder, bis dein Wille sich in deiner Realität manifestiert hat.

Bei manchen kann das Jahre dauern. Bei manchen Monate. Bei manchen Wochen. Bei jenen, die sich der Meisterschaft nähern, Tage, Stunden oder auch Minuten. Bei Meistern manifestiert sich die Schöpfung sofort.

Bist du auf dem Weg zur Meisterschaft, kannst du das daran erkennen, daß sich die Kluft zwischen Wille und Erleben allmählich schließt.

Du sagtest, daß die Entscheidung, die ich heute fälle, oft nicht diejenige ist, die ich morgen treffe. Ja und? Willst du damit sagen, daß wir uns nie eine Sinnesänderung gestatten sollten?

Ändere deinen Sinn, soviel du willst. Doch denk daran, daß mit jeder Sinnesänderung eine Richtungsänderung des ganzen Universums einhergeht.

Wenn du dich für etwas entscheidest, wenn du »deinen [34]Sinn auf etwas richtest«, setzt du das Universum in Bewegung. Hier sind dein Begriffsvermögen übersteigende Kräfte – subtilere und komplexere Kräfte, als du dir vorstellen kannst – an einem Prozeß beteiligt, an einer komplizierten Dynamik, die ihr gerade erst zu verstehen beginnt.

Diese Kräfte und dieser Prozeß sind alle Bestandteil des außergewöhnlichen Netzwerks interaktiver Energien, das die Gesamtheit der Existenz ausmacht, die ihr das Leben nennt. In ihrer Essenz sind sie ich.

Ich mache es also schwierig für dich, wenn ich meinen Sinn ändere, ist es das?

Für mich ist nichts schwierig, aber du könntest die Dinge für dich selbst schwierig machen. Richte deshalb deinen Geist voll und ganz auf ein Ziel. Und laß nicht davon ab, bis du es in der Realität manifestiert hast. Bleib fokussiert. Bleib zentriert.

Das ist mit Zielstrebigkeit gemeint. Wenn du dich für etwas entscheidest, entscheide dich mit aller Kraft und aus ganzem Herzen dafür. Sei nicht halbherzig. Bleib dabei! Beweg dich stetig darauf zu. Sei entschlossen.

Laß kein Nein als Antwort gelten.

Genau.

Aber was ist, wenn nein tatsächlich die richtige Antwort ist? Wenn das, was wir wollen nicht für uns bestimmt ist – wenn es nicht unserem Wohl, unserem eigenen Interesse, dient? Dann gibst du es uns nicht, richtig?

[35]

Falsch. Ich »gebe« euch, was immer ihr herbeiruft, ob es nun »gut« oder »schlecht« für euch ist. Hast du in letzter Zeit mal einen Blick auf dein Leben geworfen?

Aber ich wurde gelehrt, daß wir nicht immer haben können, wonach wir verlangen – daß Gott es uns nicht gibt, wenn es nicht unserem höchsten Wohl dient.

Das ist etwas, was dir die Leute erzählen, wenn sie nicht wollen, daß du von einem bestimmten Ergebnis enttäuscht bist. Laß uns erstens hinsichtlich unserer Beziehung noch einmal etwas klären. Ich »gebe« dir nicht irgend etwas – du rufst es herbei. Im ersten Band wird ziemlich detailliert erklärt, wie man das macht. Zweitens fälle ich kein Urteil über das, was du herbeirufst. Ich nenne nichts »gut« oder »schlecht«. (Und du würdest gut daran tun, das auch nicht zu tun.)

Du bist ein schöpferisches Wesen – nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Du kannst alles haben, wofür du dich entscheidest. Aber du kannst nicht alles haben, was du dir wünschst. In der Tat wirst du nie irgend etwas bekommen, was du zu stark wünschst.

Ich weiß. Auch das hast du im ersten Band erklärt. Du hast gesagt, daß der Akt des Wünschens oder Wollens das von uns wegdrängt, was wir wollen.

Ja, und weißt du noch, warum?

Weil Gedanken schöpferisch sind und weil der Gedanke, daß ich ein Ding haben will, eine Aussage gegenüber dem [36]Universum – die Proklamation einer Wahrheit – ist, die das Universum dann in meiner Realität herbeiführt.

Genau! Richtig! Du hast gelernt. Du verstehst tatsächlich. Das ist großartig.

Ja, so funktioniert es. In dem Augenblick, in dem du sagst: »Ich will etwas«, sagt das Universum: »Ganz recht, das tust du«, und liefert dir präzise diese Erfahrung – die Erfahrung, daß du es »willst«!

Das, was du hinter das Wort »ich« setzt, wird zu deinem schöpferischen Befehl. Der Geist in der Flasche – der ich bin – existiert, um zu gehorchen.

Ich bringe hervor, was du herbeirufst! Du rufst genau das herbei, was du denkst, fühlst und sagst. So einfach ist das.

Sag mir also noch mal – warum brauche ich so lange, um die von mir gewählte Realität zu erschaffen?

Aus einer Reihe von Gründen. Weil du nicht glaubst, daß du haben kannst, was du wählst. Weil du nicht weißt, was du wählst. Weil du ständig herauszufinden versuchst, was das »Beste« für dich ist. Weil du schon vorab Garantien dafür haben willst, daß alle deine Entscheidungen »gut« sind. Und weil du dauernd deinen Sinn änderst.

Laß mich sehen, ob ich verstehe. Ich sollte also nicht versuchen, herauszufinden, was das Beste für mich ist?

Das »Beste« ist ein relativer Begriff, der von hundert Variablen abhängt. Das macht die Entscheidung schwierig. Wenn du eine Entscheidung triffst, sollte es nur eine Überlegung [37]geben: Ist das eine Aussage über mein wahres Selbst, über was und wer ich wirklich bin? Ist dies eine Verkündung dessen, wer zu sein ich mich entscheide?

Das ganze Leben sollte eine solche Verkündung sein. Tatsächlich ist das ganze Leben eine solche Verkündung. Es liegt an dir, ob sie aus Zufall oder aus der Entscheidung heraus geschieht.

Ein auf die Wahl, auf die Entscheidung, gegründetes Leben ist ein Leben bewußten Handelns. Ein auf Zufall gegründetes Leben ist ein Leben unbewußter Reaktion.

Reaktion ist eben genau das – eine Aktion, die du schon einmal unternommen hast. Wenn du »re-agierst«, beurteilst und bewertest du die hereinkommenden Daten, suchst in deinem Erinnerungsspeicher nach einer gleichen oder sehr ähnlichen Erfahrung und handelst genau wie zuvor. Das alles ist die Arbeit deines Verstandes, nicht die deiner Seele.

Deine Seele würde dich veranlassen, ihr »Gedächtnis« zu erforschen, um zu sehen, wie du eine wirklich echte Erfahrung deines Selbst im Moment des Jetzt erschaffen kannst. Das ist die Erfahrung der »Seelenerforschung«, von der ihr so oft gehört habt, aber um sie zu machen, müßt ihr buchstäblich »den Verstand verlieren«.

Wenn du deine Zeit mit dem Versuch verbringst, herauszufinden, was das »Beste« für dich ist, tust du genau das: Du verbringst, du vergeudest sie. Besser, du sparst deine Zeit, als daß du sie vergeudest.

Du sparst dir ungeheuer viel Zeit, wenn du »den Verstand verlierst«. Du gelangst schneller zu Entscheidungen, und Wahlmöglichkeiten werden rasch aktiviert, weil deine Seele nur aus der gegenwärtigen Erfahrung heraus erschafft, [38]ohne Überprüfung, Analyse und kritische Beurteilung vergangener Begebenheiten.

Denk daran: Die Seele erschafft, der Verstand reagiert.

Die Seele in ihrer Weisheit weiß, daß dir deine im Moment gemachte Erfahrung von Gott geschickt wurde, noch bevor du dir dessen bewußt wurdest. Das ist damait gemeint, wenn man sagt, daß etwas »auf dich zukommt«. Die Gegenwart ist schon zu dir unterwegs, während du sie noch anstrebst – denn noch bevor du fragst, habe ich dir geantwortet. Jeder Moment des Jetzt ist ein herrliches Geschenk von Gott.

Die Seele strebt intuitiv die perfekten Umstände und Situationen an, deren es jetzt bedarf, um falsches Denken zu heilen und dir die rechtmäßige Erfahrung dessen, wer du wirklich bist, zukommen zu lassen.

Es ist der Wunsch der Seele, dich zu Gott zurückzuführen – dich zu mir nach Hause zu bringen.

Die Absicht der Seele besteht darin, sich selbst über die Erfahrung kennenzulernen – und so mich kennenzulernen und zu erkennen. Denn die Seele begreift, daß du und ich eins sind, auch wenn der Verstand diese Wahrheit leugnet und der Körper dieser Leugnung entsprechend handelt.

Deshalb sollst du in den Augenblicken einer großen Entscheidung »den Verstand verlieren«, »ver-rückt« sein und etwas Seelenerforschung betreiben.

Die Seele begreift, was der Verstand nicht zu erfassen vermag.

Wenn du deine Zeit mit dem Versuch verbringst, herauszufinden, was das »Beste« für dich ist, werden deine Entscheidungen von Vorsicht bestimmt sein, wirst du ewig brauchen, um dich überhaupt zu entscheiden, und du wirst deine Reise in einem Meer von Erwartungen beginnen.

[39]

Wenn du nicht aufpaßt, wirst du in deinen Erwartungen ertrinken.

Wow! Diese Antwort ist ein ziemlicher Brocken! Aber wie höre ich auf meine Seele? Wie kann ich verstehen, was ich da höre?

Die Seele spricht in Gefühlen zu dir. Höre auf deine Gefühle. Folge deinen Gefühlen. Achte und ehre deine Gefühle.

Warum habe ich den Eindruck, daß eben diese Achtung meiner Gefühle mich in Schwierigkeiten gebracht hat?

Weil du persönliches Wachstum mit dem Etikett »Schwierigkeiten« und Stillstand mit dem Etikett »Sicherheit« versehen hast.

Ich sage dir dies: Deine Gefühle werden dich nie in »Schwierigkeiten« bringen, denn deine Gefühle sind deine Wahrheit.

Wenn du ein Leben führen willst, in dem du nie deinen Gefühlen folgst, sondern jedes Gefühl durch den Filter deiner Verstandesmaschinerie laufen läßt, dann nur zu. Triff deine Entscheidungen auf der Grundlage der Situationsanalyse deines Verstandes. Aber erwarte keine Freude bei dieser Vorgehensweise und kein Feiern dessen, der du wirklich bist.

Denk daran: Echtes Feiern ist unbekümmert, be-denken-los.

Wenn du auf deine Seele hörst, wirst du wissen, was das »Beste« für dich ist, denn das beste für dich ist das, was für dich wahr ist.

[40]

Wenn du nur aus dem heraus agierst, was wahr für dich ist, beschleunigst du die Reise. Wenn du eine Erfahrung erschaffst, die sich auf deine jetzige Wahrheit gründet, statt auf eine Erfahrung zu reagieren, die auf einer vergangenen Wahrheit basiert, bringst du ein neues Ich hervor.

Warum brauchst du so lange, um die von dir gewählte Realität zu erschaffen? Eben darum: Weil du deine Wahrheit bisher nicht gelebt hast.

Erkenne die Wahrheit, und die Wahrheit wird dich frei machen.

Doch wenn du die Wahrheit erst einmal erkennst, dann ändere nicht ständig deine Meinung darüber. Hier spricht dein Verstand, der herauszufinden versucht, was das »Beste« ist. Hör auf damit! Begib dich heraus aus deinem Verstand. Komm wieder zu Sinnen!

Das ist mit »wieder zu Sinnen kommen« gemeint. Es geht um eine Rückkehr zu dem, was du fühlst, nicht was du denkst. Deine Gedanken sind einfach nur das – Gedanken, mentale Konstruktionen. »Erfundene« Schöpfungen deiner Verstandeskraft. Aber deine Gefühle sind real, wirklich und wahr.

Gefühle sind die Sprache der Seele. Und deine Seele ist deine Wahrheit.

Nun, setzt das für dich das Puzzle zusammen?

Heißt das, daß wir jedem Gefühl Ausdruck geben sollen – ganz gleich, wie negativ oder zerstörerisch es ist?

Gefühle sind weder negativ noch zerstörerisch. Sie sind einfach Wahrheiten. Was zählt, ist, wie du deiner Wahrheit Ausdruck verleihst.

[41]

Wenn du deiner Wahrheit mit Liebe Ausdruck gibst, hat das selten negative und zerstörerische Folgen, und wenn doch, dann gewöhnlich deshalb, weil jemand anders beschlossen hat, deine Wahrheit auf negative oder zerstörerische Weise zu erleben. In einem solchen Fall kannst du wahrscheinlich nichts tun, um dieses Ergebnis zu verhindern.

Unterläßt du es, deiner Wahrheit Ausdruck zu geben, ist das bestimmt kaum die angemessene Handlungsweise. Doch das ist es, was die Leute ständig tun. Sie haben solche Angst davor, Unannehmlichkeiten zu verursachen oder mit ihnen konfrontiert zu werden, daß sie ihre Wahrheit ganz und gar verstecken.

Denk daran: Es ist nicht so wichtig, wie gut eine Botschaft aufgenommen wird, wichtiger ist, wie gut sie übermittelt wird.

Du kannst nicht die Verantwortung dafür übernehmen, wie gut ein anderer deine Wahrheit akzeptiert; du kannst nur Sorge dafür tragen, wie gut sie übermittelt wird. Und mit »wie gut« meine ich nicht nur das Maß an Klarheit; ich meine wie liebevoll, wie mitfühlend, wie sensibel, wie mutig und wie vollständig.

Das läßt keinen Raum für Halbwahrheiten auch nicht für die »brutale Wahrheit« oder die »nackte Wahrheit«. Es bedeutet einfach die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr die Gott hilft.

Dieses »so wahr dir Gott hilft« bringt die göttlichen Qualitäten der Liebe und des Mitgefühls herein – denn wenn du mich darum bittest, helfe ich dir immer, auf diese Weise zu kommunizieren.

Also ja, bring das, was du deine »negativsten« Gefühle nennst, zum Ausdruck, aber nicht auf zerstörerische Art.

[42]

Wenn du es unterläßt, deine negativen Gefühle zu »äußern« (das heißt, nach außen zu bringen), bringst du sie damit nicht zum Verschwinden, sondern du behältst sie in dir. Im Innern behaltene Negativität schädigt den Körper und belastet die Seele.

Aber wenn ein anderer Mensch alle negativen Gedanken, die man über ihn hegt, zu hören bekommt, wird sich das auf die Beziehung auswirken, ganz gleich, wie liebevoll man diese Gedanken übermittelt.

Ich sagte, äußere deine negativen Gefühle (bring sie nach außen) – ich sagte nicht, wie oder wem gegenüber.

Du mußt nicht die ganze Negativität mit der Person teilen, der gegenüber du sie empfindest. Du mußt ihr diese Gefühle nur dann mitteilen, wenn dich ein Unterlassen in deiner Integrität gefährdete oder diese andere Person dazu veranlassen würde, eine Unwahrheit zu glauben.

Negativität ist nie ein Zeichen letzter Wahrheit, selbst wenn sie im Moment deine Wahrheit zu sein scheint. Sie kann aus einem ungeheilten Aspekt deiner selbst entstehen. In der Tat entsteht sie immer daraus.

Deshalb ist es so wichtig, diese negativen Dinge rauszulassen, sie aus dir zu entlassen. Nur wenn du sie losläßt – sie nach außen bringst, sie vor dich hinstellst, kannst du sie klar genug erkennen, um zu wissen, ob du sie wirklich glaubst.

Du hast alle möglichen Dinge gesagt – häßliche Dinge –, nur um zu entdecken, daß du sie, nachdem du sie einmal geäußert hast, nicht länger als »wahr« empfindest.

Du hast alle möglichen Gefühle zum Ausdruck gebracht – [43]von Angst bis Zorn und Wut –, nur um zu entdecken, daß sie, nachdem sie einmal zum Ausdruck gebracht wurden, nicht länger enthüllen, was du wirklich fühlst.

So gesehen können Gefühle eine knifflige Sache sein. Gefühle sind die Sprache der Seele, aber du mußt sichergehen, daß du auf deine wahren Gefühle hörst und nicht auf ein falsches Modell, das sich dein Verstand zurechtgebastelt hat.

O Mann, jetzt kann ich nicht einmal mehr meinen Gefühlen trauen. Großartig! Ich dachte, das wäre der Weg zur Wahrheit! ich dachte, das wäre es, was du mich lehrst.

Das ist es. Das tue ich. Aber hör zu, denn es ist komplexer, als du gegenwärtig begreifen kannst. Manche Gefühle sind wahre Gefühle – das heißt in der Seele geborene Gefühle –, und manche Gefühle sind falsche Gefühle. Sie werden von deinem Verstand konstruiert.

Mit anderen Worten, sie sind gar keine »Gefühle« – sie sind Gedanken. Gedanken, die sich als Gefühle maskieren.

Diese Gedanken gründen sich auf deine vormaligen Erfahrungen und auf die beobachteten Erfahrungen anderer. Du siehst jemanden eine Grimasse schneiden, wenn ihm ein Zahn gezogen wird, also schneidest du eine Grimasse, wenn dir ein Zahn gezogen wird. Es tut dir vielleicht nicht einmal weh, aber du verziehst trotzdem das Gesicht. Deine Reaktion hat nichts mit der Realität zu tun, sondern damit wie du die Realität wahrnimmst, gegründet auf die Erfahrung anderer oder auf etwas, das dir in der Vergangenheit passiert ist.

Die größte Herausforderung für den Menschen besteht darin, [44]im Hier und Jetzt zu sein, damit aufzuhören, sich die Dinge auszudenken und auszumalen! Aufzuhören, Gedanken über einen zukünftigen Moment zu erzeugen. Sei im Moment. Denk daran, du hast deinem Selbst diesen Moment zum Geschenk gemacht. Der Moment enthielt das Samenkorn einer gewaltigen Wahrheit. Eine Wahrheit, an die du dich erinnern wolltest. Doch wenn der Moment dann kam, hast du sofort Gedanken um ihn herum aufgebaut. Statt im Moment zu sein, hast du außerhalb des Moments gestanden und ihn beurteilt. Dann hast du re-agiert. Das heißt, du hast gehandelt, wie du es schon einmal zuvor getan hast.

Schau dir jetzt diese beiden Worte an:

REAKTIV
KREATIV

Die beiden Worte sind praktisch identisch, nur das »K« ist an einer anderen Stelle! Wenn du die Dinge richtigstellst, wirst du kreativ statt reaktiv.

Das ist sehr clever.

Nun, das ist Gott nun mal.

Aber schau, worauf ich hinauswill, ist folgendes: Wenn du jedem Moment ganz frisch und unvoreingenommen begegnest, ohne dir vorher Gedanken darüber gemacht zu haben, kannst du den, der du bist, erschaffen, statt den wieder-zu-inszenieren, der du einst warst.

Das Leben ist ein Schöpfungsprozeß, aber du lebst es so, als wäre es ein Prozeß der Wieder-Inszenierung!

[45]Aber wie kann ein rationaler Mensch im Moment eines Geschehens die eigenen früheren Erfahrungen ignorieren? Ist es nicht normal, alles aufzurufen, was wir zu diesem Thema wissen, um dann aus diesem Wissen heraus zu handeln?

Es mag normal sein, ist aber nicht natürlich. »Normal« ist das, was man gewöhnlich tut. Du bist »natürlich«, wenn du nicht versuchst, »normal« zu sein!

Natürlich und normal sind nicht dasselbe. Du kannst in jedem gegebenen Moment das tun, was du normalerweise tust, oder du kannst tun, was sich natürlicherweise ergibt. Ich sage dir: Nichts ist natürlicher als die Liebe.

Wenn du liebevoll handelst, wirst du auf natürliche Weise handeln. Wenn du angstvoll, feindselig, wütend reagierst, handelst du vielleicht normal, aber nie natürlich.

Wie kann ich liebevoll handeln, wenn mir meine ganze frühere Erfahrung zuschreit, daß ein bestimmter »Moment« sehr wahrscheinlich schmerzlich sein wird?

Ignoriere deine früheren Erfahrungen, und begib dich in den Moment hinein. Sei im Hier und Jetzt. Schau dir an, womit du jetzt sofort arbeiten kannst, um dich neu zu erschaffen.

Denk daran, aus diesem Grund bist du hier.

Du bist in dieser Weise, zu dieser Zeit, an diesem Ort, in diese Welt gekommen, um zu erfahren, wer du wirklich bist – und um den zu erschaffen, der du sein möchtest.

Das ist der Zweck und das Ziel allen Lebens. Das Leben ist ein fortwährender, nie endender Prozeß der Wieder-Erschaffung. [46]Ihr erschafft euer Selbst ständig nach dem Bild eurer nächsten höchsten Vorstellung von euch selbst.

Aber ist das nicht mit dem Mann zu vergleichen, der sich in der Gewißheit, fliegen zu können, vom höchsten Gebäude herabstürzte? Er ignorierte seine »früheren Erfahrungen« und die »beobachteten Erfahrungen anderer«, verkündete: »Ich bin Gott!« und sprang hinunter. Das scheint mir nicht gerade sehr intelligent zu sein.

Und ich sage dir dies: Menschen haben viel großartigere Leistungen vollbracht als Fliegen. Menschen haben Krankheiten geheilt. Menschen haben Tote auferstehen lassen.

Ein Mensch hat das getan.

Glaubst du, daß nur einem Menschen solche Kräfte über das physische Universum verliehen wurden?

Nur ein Mann hat sie vorgeführt.

Das stimmt nicht. Wer teilte das Rote Meer?

Gott.

Richtig, aber wer bat Gott, dies zu tun?

Moses.

Genau. Und wer bat mich, die Kranken zu heilen und die Toten auferstehen zu lassen?

[47]Jesus.

Ja. Und glaubst du, daß du nicht tun kannst, was Moses und Jesus taten?

Aber sie haben es nicht getan! Sie baten dich, es zu tun. Das ist etwas anderes.

Okay. Lassen wir uns mal auf deinen Gedankengang ein. Glaubst du, daß du mich nicht um die gleichen wunderbaren Dinge bitten kannst?

Ich nehme an, ich könnte es.

Und würde ich sie dir gewähren?

Ich weiß nicht.

Das ist der Unterschied zwischen dir und Moses! Das ist es, was dich von Jesus trennt!

Viele Menschen glauben, daß du es ihnen gewähren wirst, wenn sie etwas im Namen Jesu erbitten.

Ja, viele Menschen glauben das. Sie glauben, daß sie keine Macht haben, aber sie haben die Macht Jesu gesehen (oder glauben anderen, die sie gesehen haben), und bitten daher in seinem Namen. Und das, obwohl er sagte: »Warum seid ihr so überrascht? Diese Dinge und mehr werdet ihr auch tun.« Doch die Menschen konnten das nicht glauben. Viele können es bis auf den heutigen Tag nicht glauben.

[48]

Ihr alle glaubt, daß ihr unwürdig seid. Daher bittet ihr im Namen Jesu. Oder der heiligen Jungfrau Maria. Oder dieses oder jenes »Schutzheiligen«. Oder des Sonnengottes. Oder des Geistes des Ostens. Ihr bedient euch eines jeglichen Namens – außer eurem eigenen!

Ich sage dir dies: Bittet, und euch wird gegeben werden. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und es wird euch aufgetan.

Springt vom Gebäude, und ihr werdet fliegen.

Es gibt Menschen, die levitieren. Glaubst du das?

Ja, ich habe davon gehört.

Und es gibt Menschen, die durch Mauern gingen. Und Menschen, die sogar ihren Körper verließen.

Ja, ja. Aber ich habe nie jemanden durch Mauern gehen sehen – und ich würde auch nicht vorschlagen, es zu versuchen. Und ich denke auch nicht, wir sollten von Gebäuden hüpfen. Das ist wahrscheinlich nicht gut für die Gesundheit.

Dieser Mann stürzte sich nicht zu Tode, weil er aus dem richtigen Seinszustand heraus nicht hätte fliegen können, sondern weil er niemals Göttlichkeit hätte demonstrieren können, solange er sich als von euch getrennt zu zeigen versuchte.

Bitte erkläre das.

[49]

Der Mann auf dem Gebäude lebte in einer Welt der Selbsttäuschung, in der er sich vorstellte, anders zu sein als alle anderen. Indem er erklärte: »Ich bin Gott«, begann er seine Demonstration mit einer Lüge. Er hoffte, sich selbst zu einem von anderen gesonderten Menschen zu machen. Größer. Mächtiger.

Es war ein Akt des Egos.

Das Ego – das, was vereinzelt, getrennt, individuell ist – kann nie das, was das Eine ist, nachvollziehen, kopieren oder demonstrieren.

Indem er vorführen wollte, daß er Gott sei, führte der Mann auf dem Gebäude nur sein Getrenntsein vor, nicht seine Einheit mit allen Dingen. So versuchte er Göttlichkeit durch eine Demonstration von Ungöttlichkeit vorzuführen und scheiterte.

Jesus hingegen bezeugte Göttlichkeit, indem er Einheit demonstrierte – indem er die Einheit und Ganzheit in allem, was (und wen) er erblickte, sah. Darin waren sein Bewußtsein und mein Bewußtsein eins, und in diesem Zustand manifestierte sich alles, was er herbeirief, in seiner göttlichen Wirklichkeit in diesem heiligen Moment.

Ich verstehe. Es bedarf also nur eines »Christus-Bewußtseins«, um Wunder zu vollbringen! Nun, das sollte die Dinge einfach machen …

Das tut es in der Tat. Einfacher, als du denkst. Und viele haben ein solches Bewußtsein erlangt. Viele wurden zu einem Christus, nicht nur Jesus von Nazareth.

Auch du kannst zu einem Christus werden.

[50]Wie denn?

Indem du danach strebst. Indem du dich dafür entscheidest. Aber es ist eine Wahl, für die du dich jeden Tag, jede Minute entscheiden mußt. Sie muß zum absoluten Ziel und Zweck deines Lebens werden.

Sie ist Ziel und Zweck deines Lebens – du weißt es nur nicht. Und selbst, wenn du es weißt, selbst wenn du dich an diesen tiefsten Grund für deine Existenz erinnerst, scheinst du nicht zu wissen, wie du von da, wo du bist, dorthin gelangst.

Ja, so ist es. Wie kann ich also von da, wo ich bin, dorthin gelangen, wo ich sein will?

Ich sage dir noch einmal: Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und es wird euch aufgetan.

Seit 35 Jahren »suche« ich und »klopfe an«. Du wirst mir verzeihen, wenn ich sage, daß mich dieser Spruch mittlerweile ein bißchen langweilt.

Um nicht zu sagen, du bist desillusioniert, nicht wahr? Nun, ich muß dir zwar gute Noten für deinen Versuch geben – eine Eins für den guten Willen sozusagen –, aber ich kann nicht sagen, ich kann dir nicht beipflichten, daß du seit 35 Jahren suchst und anklopfst.

Einigen wir uns darauf, daß du seit 35 Jahren mal suchst und anklopfst und mal nicht – meistens nicht.

In der Vergangenheit, als du sehr jung warst, kamst du nur dann zu mir, wenn du in Schwierigkeiten stecktest, wenn [51]du etwas brauchtest. Als du älter und reifer wurdest, wurde dir klar, daß das wahrscheinlich nicht die richtige Beziehung zu Gott ist, und du bemühtest dich, etwas Bedeutungsvolleres daraus zu machen. Doch auch dann war ich für dich kaum mehr als etwas, mit dem man sich gelegentlich befaßte.

Noch etwas später gelangtest du zur Einsicht, daß diese Einheit mit Gott nur durch eine Kommunion, eine innige Verbindung mit Gott erreicht werden kann, und übtest dich in Praktiken und einem Verhalten, durch die sich eine innige Verbindung herstellen ließ, doch du tatest dies lediglich sporadisch und inkonsequent.

Du meditiertest, führtest Rituale durch, riefst mich im Gebet und Gesang an, beschworst meinen Geist in dir, aber nur dann, wenn es dir paßte, nur dann, wenn du dich dazu inspiriert fühltest.

Und so herrlich deine Erfahrung von mir bei diesen Anlässen auch war, hast du doch 95 Prozent deines Lebens in der Illusion des Getrenntseins verbracht und nur mal hier mal da in Momenten aufflackernder Erkenntnis in der höchsten Wirklichkeit.

Du denkst immer noch, es ginge in deinem Leben um Autoreparaturen und Telefonrechnungen und um das, was du von Beziehungen willst, um die Dramen, die du dir erschaffen hast, statt um den Schöpfer dieser Dramen.

Du mußt noch herausfinden, warum du dir ständig deine Dramen erschaffst. Du bist mit ihrem Ausagieren zu sehr beschäftigt.

Du sagst, daß du den Sinn des Lebens verstehst, aber du lebst deine Einsicht nicht. Du sagst, du kennst den Weg zur Kommunion mit Gott, aber du nimmst diesen Weg nicht. [52]Du behauptest, auf dem Weg zu sein, aber du gehst ihn nicht.

Dann kommst du zu mir und sagst, daß du seit 35 Jahren suchst und anklopfst.

Ich möchte dir nicht deine Illusionen rauben, aber …

Es ist Zeit, daß du aufhörst, von mir enttäuscht zu sein, und anfängst, dich zu sehen, wie du wirklich bist.

Ich sage dir dies: Du willst zu einem »Christus« werden? Handle in jeder Minute eines jeden Tages wie Christus. (Es ist nicht so, daß du nicht wüßtest, wie. Er hat dir den Weg gezeigt.) Sei in jeder Situation und unter allen Umständen wie Christus. (Es ist nicht so, daß du das nicht kannst. Er hat dir Anweisungen hinterlassen.)

Wenn du danach strebst, wirst du nicht ohne Hilfe dastehen. Ich gebe dir in jeder Minute eines jeden Tages Geleit. Ich bin die stille sanfte Stimme in dir, die weiß, welche Richtung du einschlagen, welchen Weg du nehmen, welche Antwort du geben, welche Handlung du durchführen, welches Wort du sagen – welche Realität du erschaffen sollst, wenn du wirklich die innige Verbindung und Einheit mit mir suchst.

Hör einfach auf mich.

Ich glaube, ich weiß nicht, wie ich das machen soll.

Ach, Unsinn! Du machst es ja gerade jetzt! Mach es einfach die ganze Zeit.

Ich kann nicht jeden Augenblick des Tages mit einem Notizblock herumrennen. Ich kann nicht alles stehen- und liegenlassen und anfangen, Nachrichten an dich zu schreiben [53]in der Hoffnung, daß du da bist und mir eine deiner brillanten Antworten zukommen läßt.

Danke. Sie sind brillant! Und hier kommt noch so eine brillante Antwort: Ja doch, das kannst du!

Ich meine, wenn dir jemand sagte, daß du eine direkte Verbindung zu Gott haben kannst und du nichts weiter zu tun bräuchtest, als dafür zu sorgen, daß du immer Papier und Bleistift parat hast, würdest du das dann tun?

Ja, natürlich.

Doch gerade hast du gesagt, daß du das nicht würdest. Oder »nicht könntest«. Also, was ist mit dir los? Was sagst du nun? Was ist deine Wahrheit?

Die gute Nachricht ist die, daß du noch nicht einmal Papier und Bleistift brauchst. Ich bin immer bei dir. Ich wohne nicht im Bleistift. Ich wohne in dir.

Das ist die Wahrheit, nicht wahr … Ich meine, das kann ich wirklich glauben, oder?

Natürlich kannst du das glauben. Ich habe dich von Anfang an gebeten, das zu glauben. Es ist das, was dir jeder Meister, Jesus eingeschlossen, sagte. Das ist der Kern der Lehre. Das ist die letzte Wahrheit.

Ich bin immer bei dir, bis ans Ende der Zeit.

Glaubst du das?

Ja, jetzt glaube ich es. Ich meine, ich glaube es mehr als je zuvor.

[54]

Gut. Dann mach von mir Gebrauch. Wenn es dir passend erscheint, daß du Notizblock und Bleistift hervorholst, (und ich muß sagen, es scheint ziemlich passend für dich zu sein), dann hole Notizblock und Bleistift hervor. Öfter. Jeden Tag. Jede Stunde, wenn es sein muß.

Komm mir nahe. Komm mir nahe! Tu, was du kannst. Tu, was du dazu tun mußt, was dazu nötig ist.

Bete einen Rosenkranz. Küß einen Stein. Verbeug dich nach Osten. Singe. Laß das Pendel schwingen. Teste einen Muskel.

Oder schreib ein Buch.

Tu, was dazu nötig ist.

Jeder von euch hat seine eigene Struktur. Jede von euch hat mich auf ihre eigene Weise verstanden – mich erschaffen.

Für manche von euch bin ich ein Mann. Für manche von euch bin ich eine Frau. Für manche bin ich beides. Für manche bin ich keines von beidem.

Für manche von euch bin ich reine Energie. Für manche bin ich dieses höchste Gefühl, das ihr Liebe nennt. Und manche von euch haben keine Ahnung, was ich bin. Ihr wißt nur einfach, daß ICH BIN.

Und so ist es.

ICH BIN.

Ich bin der Wind, der dir durchs Haar streicht. Ich bin die Sonne, die deinen Körper wärmt. Ich bin der Regen, der auf deinem Gesicht herumtanzt. Ich bin der in der Luft schwebende Duft der Blumen, und ich bin die Blumen, die ihren Wohlgeruch nach oben verströmen. Ich bin die Luft, die den Duft dahinträgt.

Ich bin der Anfang deines ersten Gedankens. Ich bin das Ende deines letzten Gedankens. Ich bin die Idee, die den [55]Funken deines brillantesten Augenblicks entzündet. Ich bin die Herrlichkeit seiner Erfüllung. Ich bin das Gefühl, das die liebevollste Tat nährte, die du je ausgeführt hast. Ich bin der Teil in dir, der sich immer und immer wieder nach diesem Gefühl sehnt.

Was immer für dich funktioniert, was immer es geschehen läßt, was immer du brauchst, um dich »wiederzuverbinden« – Ritual, Zeremonie, Vorführung, Meditation, Besinnung, Gesang, Wort oder Tat –, tu's.

Tu es in Erinnerung an mich.

 

 

[56]

3

Wenn ich also Rückschau halte und zusammenfasse, was du mir sagst, so scheine ich auf folgende Hauptpunkte zu kommen.

Wie findest du das soweit?

Großartig! So weit, so gut. Du hast es kapiert. Doch kannst du es auch leben?

Ich werde es versuchen.

Gut.

[58]Ja. Können wir nun da weitermachen, wo wir aufgehört haben? Erzähl mir etwas über die Zeit.

Es gibt keine andere Zeit als die der Gegenwart.

Ich bin sicher, das hast du schon mal gehört. Aber du hast es nicht verstanden. Jetzt verstehst du.

Es gibt keine Zeit außer dieser Zeit. Es gibt keinen Augenblick außer diesem Augenblick. Das »Jetzt« ist alles, was es gibt.

Was ist mit »gestern« und »morgen«?

Produkte deiner Phantasie und Einbildungskraft, Konstruktionen deines denkenden Bewußtseins. In der letzten Wirklichkeit nicht existent.

Alles, was jemals geschah, geschieht und jemals geschehen wird, geschieht jetzt.

Das verstehe ich nicht.

Und das kannst du auch nicht. Nicht zur Gänze. Aber du kannst anfangen zu verstehen. Und ein anfängliches Begreifen, ein Verstehen im Ansatz, ist alles, was hier nötig ist.

Also … hör einfach nur zu.

»Zeit« ist kein Kontinuum. Sie ist ein Element der Relativität, und zwar in der Vertikalen, nicht in der Horizontalen. Denk sie dir nicht als etwas, das sich »von links nach rechts« bewegt – als eine sogenannte Zeitschiene, die bei einem Individuum von der Geburt bis zum Tod und im Universum von irgendeinem endlichen Punkt bis zu irgendeinem endlichen Punkt verläuft.

[59]

»Zeit« ist etwas, das sich »hinauf und hinunter« bewegt! Stell sie dir als eine Spindel vor, die den ewigen Moment des Jetzt darstellt.

Stell dir nun Papierblätter auf der Spindel vor, eines über dem anderen. Dies sind die Elemente der Zeit. Jedes Element ist gesondert und verschieden, doch ein jedes existiert simultan mit allen anderen. Das ganze Papier auf der Spindel ist auf einmal da! So viel, wie je dasein wird – so viel, wie je da war

Es gibt nur einen Moment – diesen Moment – den ewigen Moment des Jetzt.

Im Jetzt geschieht alles – und werde ich verherrlicht. Es gibt kein Warten auf die Herrlichkeit Gottes. Ich erschuf alles so, weil ich nicht warten konnte! Ich war so glücklich zu sein, Wer-Ich-Bin, daß ich es einfach nicht abwarten konnte, dies in meiner Realität zu manifestieren. Also B U M M, hier ist es – gleich hier, gleich jetzt –, und zwar ALLES!

Dies hat keinen Anfang, und dies hat kein Ende. Es – das Alles-von-Allem – IST einfach.

In diesem SEIN liegt eure Erfahrung – und euer größtes Geheimnis. In diesem SEIN kannst du innerhalb deines Bewußtseins in jede »Zeit« oder an jeden »Ort« reisen, die du dir aussuchst.

Du meinst, wir können Zeitreisen unternehmen?

So ist es – und viele von euch haben sie auch unternommen. Tatsache ist, ihr alle habt das getan – und tut es routinemäßig, und zwar gewöhnlich in eurem sogenannten Traumzustand. Die meisten von euch sind sich dessen [60]nicht bewußt. Ihr könnt das Bewußtsein davon nicht bewahren. Aber die Energie klebt an euch wie Leim, und manchmal bleiben genügend Restbestände zurück, daß andere – die für diese Energie empfänglich sind – Dinge über eure »Vergangenheit« oder »Zukunft« auffangen können. Sie erfühlen oder »lesen« diese Restbestände, und ihr nennt sie Seher und Medien. Manchmal bleibt so viel Restbestand zurück, daß ihr euch sogar mit eurem begrenzten Bewußtsein gewahr werdet, daß ihr »schon einmal hier« wart. Euer ganzes Wesen wird plötzlich von der Erkenntnis durchzuckt, daß ihr »das alles schon mal getan habt«!

Déjà vu!

Ja. Oder wenn du einem Menschen begegnest und dieses wunderbare Gefühl hast, daß du ihn schon dein ganzes Leben lang kennst – ihn in alle Ewigkeit kennst!

Das ist ein sensationelles Gefühl. Das ist ein herrliches Gefühl. Und es ist ein wahres Gefühl. Du kennst diese Seele schon immer und ewig!

Immer und ewig sind eine Sache von gerade jetzt!

So hast du also oft von deinem »Blatt Papier« auf der Spindel nach oben oder nach unten geschaut und all die anderen Papierblätter gesehen! Und du hast dich selbst dort gesehen – weil sich ein Teil von dir auf jedem Blatt befindet!

Wie ist das möglich?

Ich sage dir dies: Du bist immer gewesen, bist jetzt und wirst immer sein. Es gab nie eine Zeit, in der du nicht warst – und es wird auch nie eine solche Zeit geben.

[61]Aber warte mal! Was ist mit der Vorstellung von alten Seelen! Sind nicht manche Seelen »älter« als andere?

Nichts ist »älter« als irgend etwas anderes. Ich habe ALLES AUF EINMAL geschaffen, und ALLES existiert jetzt.

Die von dir angesprochene Erfahrung von »älter« und »jünger« hat mit der Bewußtseinsstufe einer Seele oder mit einem Aspekt des Seins zu tun. Ihr seid alle Aspekte des Seins, ganz einfach Teile Dessen-Was-Ist. Jeder Teil birgt das Bewußtsein vom Ganzen in sich. Jedes Element ist mit dieser Prägung versehen.

»Bewußtheit« ist die Erfahrung dieses erweckten Bewußtseins. Der individuelle Aspekt des ALLES wird sich seiner selbst bewußt. Er wird, ganz buchstäblich, selbst-bewußt.

Dann wird er sich nach und nach aller anderen bewußt und schließlich auch der Tatsache, daß es keine anderen gibt – daß Alles das Eine ist.

Und ganz zuletzt wird er sich meiner bewußt. Meiner in meiner Großartigkeit und Herrlichkeit!

Junge, Junge, du magst dich wirklich, was?

Du mich nicht –?

Doch ja! Ich halte dich für großartig!

Ich stimme dir zu. Und ich halte dich für großartig! Das ist der einzige Punkt, in dem wir beide uns nicht einig sind. Du hältst dich nicht für großartig!

[62]Wie kann ich mich für großartig halten, wenn ich all meine Schwächen, all meine Fehler sehe – all das Böse in mir!

Ich sage dir: Das Böse gibt es nicht!

Ich wollte, das wäre wahr.

Du bist vollkommen, so wie du bist.

Ich wollte, auch das wäre wahr.

Es ist wahr! Ein Baum ist nicht deshalb weniger vollkommen, weil er ein Samenkorn ist. Ein kleines Kind ist nicht weniger vollkommen als ein Erwachsener. Es ist die Vollkommenheit selbst. Weil es nichts tun kann, nichts weiß, das es irgendwie weniger vollkommen machte.

Ein Kind macht Fehler. Es steht, es watschelt, es fällt. Es steht wieder auf, ein bißchen wacklig, klammert sich an die Beine seiner Mutter. Macht das ein Kind unvollkommen? Ich sage dir, das Gegenteil ist der Fall! Dieses Kind ist die Vollkommenheit an sich, ganz und gar anbetungswürdig. Und du bist es auch.

Aber das Kind hat kein Unrecht begangen! Das Kind war nicht absichtlich ungehorsam, hat niemanden verletzt, nicht sich selbst geschädigt.

Das Kind weiß gar nicht, was recht und unrecht ist.

Genau.

[63]

Und du weißt es auch nicht.

Aber ich weiß es doch. Ich weiß, daß es unrecht ist, Menschen zu töten, und daß es richtig ist, sie zu lieben. Ich weiß, daß es unrecht ist, jemanden zu verletzen, und daß es richtig ist, zu heilen und die Dinge zum Besseren zu wenden. Ich weiß, daß es unrecht ist, mir etwas zu nehmen, was mir nicht gehört, jemanden auszunutzen, unehrlich zu sein.

Ich könnte dir Beispiele aufzeigen, wo all dieses »Unrecht« das Rechte wäre.

Jetzt spielst du mit mir.

Überhaupt nicht. Sieh nur mal den Tatsachen ins Auge.

Wenn du sagen willst, daß es Ausnahmen von der Regel gibt, dann stimme ich dir zu.

Wenn es Ausnahmen von einer Regel gibt, dann ist es keine Regel.

Willst du mir damit sagen, daß es kein Unrecht ist, zu töten, zu verletzen, zu stehlen?

Das hängt davon ab, was du zu tun versuchst.

Okay, okay, ich kapiere. Aber das macht diese Dinge nicht zu etwas Gutem. Manchmal muß man etwas Schlechtes tun, um ein gutes Ziel zu erreichen.

[64]

Dann ist es nichts »Schlechtes« mehr, oder? Es ist einfach ein Mittel zum Zweck.

Willst du damit sagen, daß der Zweck die Mittel heiligt?

Was denkst du?

Nein. Absolut nicht.

So soll es sein.

Siehst du nicht, was du hier machst? Du erfindest auf deinem Weg die Regeln!

Und siehst du nicht noch etwas? Das ist vollkommen okay. Du sollst das tun!

Das ganze Leben ist ein Prozeß der Entscheidung darüber, wer-du-wirklich-bist, um dies dann praktisch zu erleben.

Und während du deine Vision immer weiter ausdehnst, schaffst du dir neue Regeln zur Abdeckung der neuen Bereiche. Und während du deine Vorstellung von deinem Selbst zunehmend erweiterst, schaffst du dir neue Gebote und Verbote, Jas und Neins, um sie einzukreisen. Das sind die Schranken, die etwas »in Grenzen halten«, was nicht in Grenzen gehalten werden kann.

Du kannst »dich« nicht in Grenzen halten, weil du so grenzenlos bist wie das Universum. Doch du kannst dir einen Begriff von deinem grenzenlosen Selbst schaffen, indem du dir Schranken vorstellst und sie dann akzeptierst.

In gewissem Sinn ist das die einzige Möglichkeit, wie du dich selbst als irgend etwas im besonderen erkennen kannst.

Was unbegrenzt ist, ist unbegrenzt. Was grenzenlos ist, ist [65]grenzenlos. Es kann nicht irgendwo existieren, weil es überall ist. Und wenn es überall ist, ist es nirgendwo im besonderen.

Gott ist überall. Deshalb ist Gott nirgendwo im besonderen, denn Gott müßte, um irgendwo im besonderen zu sein, irgendwo anders nicht sein – was Gott nicht möglich ist.

Für Gott ist nur eines »nicht möglich« – Gott kann nicht nicht Gott sein. Gott kann nicht »nicht sein«. Und Gott kann auch nicht nicht sich selbst gleichen. Gott kann sich nicht selbst »ent-gotten«.

Ich bin überall, und damit hat es sich. Und da ich überall bin, bin ich nirgendwo. Und wenn ich NIRGENDWO, NOWHERE, bin, wo bin ich?

NOW HERE, JETZT HIER.

Das gefällt mir! Du hast diesen Punkt schon im ersten Buch zur Sprache gebracht, aber es gefällt mir sehr, also laß ich dich weitermachen.

Das ist sehr freundlich von dir. Und verstehst du es jetzt besser? Begreifst du jetzt, daß du dir deine Vorstellungen von »Recht« und »Unrecht« geschaffen hast, um ganz einfach zu definieren, wer-du-bist?

Erkennst du, daß du ohne diese Definitionen – Grenzen – nichts bist?

Und siehst du ein, daß du, wie ich, mit deinen sich wandelnden Vorstellungen darüber, wer-du-bist, auch deine Grenzen ständig veränderst?

Ja, ich kapiere, was du sagst, aber mir scheint es nicht so, daß ich die Grenzen – meine persönlichen Grenzen – sehr [66]verändert habe. Jemanden zu töten war für mich immer unrecht. Es war immer unrecht, zu stehlen. Es war immer unrecht, jemand anders zu verletzen. Die Grundprinzipien, nach denen wir uns selbst regieren, gibt es schon seit Anbeginn der Zeit, und die meisten Menschen sind mit ihnen einverstanden.

Warum habt ihr dann Kriege?

Weil es immer einige gibt, die die Regeln brechen. In jeder Kiste findet sich ein verfaulter Apfel.

Was ich dir jetzt und in den folgenden Ausführungen sagen werde, mag für manche Menschen sehr schwer zu verstehen und akzeptieren sein. Es widerspricht vielem, was in eurem gegenwärtigen Denksystem als Wahrheit erachtet wird. Doch ich kann euch nicht mit diesen Konstruktionen leben lassen, wenn dieser Dialog euch dienen soll. Wir müssen uns also jetzt, in diesem zweiten Band mit ein paar von diesen Vorstellungen direkt auseinandersetzen. Es wird hier für eine Weile etwas holprig werden. Bist du bereit?

Ich denke schon. Danke für deine Warnung. Was gibt es da so Dramatisches oder Schwerverständliches oder Unakzeptierbares, das du mir erzählen willst?

Ich werde dir dies sagen: Es gibt keine »verfaulten Äpfel«. Es gibt nur Menschen, die eure Sicht von den Dingen nicht teilen, Menschen, die ein anderes Weltbild aufbauen. Ich sage dir: Kein Mensch tut – an seinem eigenen Weltbild gemessen – irgend etwas Ungehöriges.

[67]Dann ist ihr »Weltbild« völlig in Unordnung geraten. Ich weiß, was recht und unrecht ist, und mich macht es nicht verrückt, wenn ein paar andere Leute das nicht wissen, denn ich weiß es. Sie sind diejenigen, die verrückt sind.

Es tut mir leid, aber das ist genau die Einstellung, die zu Kriegen führt.

Ich weiß, ich weiß. Ich habe das absichtlich gesagt. Ich habe nur wiederholt, was ich viele andere Menschen habe sagen hören. Aber wie kann ich solchen Menschen antworten? Was könnte ich sagen?

Du könntest ihnen sagen, daß sich die Vorstellungen der Menschen von dem, was »richtig« und »falsch« ist, immer und immer wieder von Kultur zu Kultur, Zeitalter zu Zeitalter … sogar von Familie zu Familie und Mensch zu Mensch geändert haben. Du könntest ihnen aufzeigen, daß das, was viele Menschen zu einer bestimmten Zeit als »richtig« ansahen – zum Beispiel Menschen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen –, heute als »falsch« betrachtet wird. Du könntest ihnen sagen, daß die Definition von »richtig« und »falsch« nicht nur eine durch die Zeit, sondern auch durch die geographische Gegebenheit bestimmte Definition ist. Du könntest sie darauf aufmerksam machen, daß bestimmte Aktivitäten auf eurem Planeten (zum Beispiel die Prostitution) an einem Ort illegal und nur ein paar Kilometer weiter legal sind. Wenn also eine Person dafür verurteilt wird, daß sie ein »Unrecht« begangen hat, dann ist der Punkt nicht der, was diese Person eigentlich getan hat, sondern wo sie es getan hat.

[68]

Nun werde ich etwas wiederholen, was ich im ersten Band sagte, und ich weiß, daß es für manche sehr, sehr schwer zu begreifen und zu akzeptieren war.

Hitler ging in den Himmel ein.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen dafür bereit sind.

Der Grund für dieses Buch und für alle Bücher dieser Trilogie ist der, Bereitschaft zu schaffen – Bereitschaft für ein neues Paradigma, ein neues Verständnis; eine größere Sicht, ein großartigeres und umfassenderes Denken.

Nun, ich muß hier die Fragen stellen, von denen ich weiß, daß viele Menschen sie im Sinn haben und stellen wollen. Wie kann ein Mensch wie Hitler in den Himmel eingegangen sein? Jede Religion in der Welt … ich würde meinen, jede, hat ihn verurteilt und würde ihn schnurstracks in die Hölle schicken.

Erstens konnte er nicht in die Hölle kommen, weil es keine Hölle gibt. Von daher bleibt nur ein Ort übrig, wohin er hätte gehen können.

Aber damit bleibe ich die Antwort auf die Frage schuldig. Der Kern der Frage ist der, ob die Taten Hitlers »falsch« oder »unrecht« waren. Doch ich habe immer und immer wieder gesagt, daß es im Universum kein »richtig« oder »falsch« gibt. Ein Ding ist nicht an und für sich richtig oder falsch. Es ist einfach.

Dein Gedanke, daß Hitler ein Monster war, gründet sich auf die Tatsache, daß er Millionen von Menschen ermorden ließ, richtig?

[69]Ganz offensichtlich, ja.

Doch was, wenn ich dir sagte, daß das, was ihr den »Tod« nennt, das Großartigste ist, was irgend jemandem passieren kann – was dann?

Ich finde das schwer zu akzeptieren.

Du glaubst, daß das Leben auf Erden besser ist als das Leben im Himmel? Ich sage dir dies: Im Augenblick deines Todes wirst du die größte Freiheit, den größten Frieden, die größte Freude und die größte Liebe erfahren, die du je kennengelernt hast.

Du läßt dabei eines außer acht: Wie wundervoll das Leben nach dem Tod auch sein mag, unser Leben hier sollte nicht gegen unseren Willen beendet werden. Wir sind hierher gekommen, um etwas zu erreichen, um etwas zu erfahren, um etwas zu lernen, und es ist nicht recht, wenn unser Leben durch irgendeinen wahnsinnigen Ganoven mit irrsinnigen Vorstellungen vorzeitig beendet wird.

Erstens einmal seid ihr nicht hier, um irgend etwas zu lernen. (Lies den ersten Band noch einmal!) Das Leben ist keine Schule, und euer Ziel ist nicht, hier zu lernen; ihr seid hier, um euch zu er-innern. Und was deine wesentlicheren Punkte angeht, so wird das Leben oft durch viele Dinge »vorzeitig beendet« … einen Orkan, ein Erdbeben …

Das ist etwas anderes. Du sprichst von »höherer Gewalt«.

[70]

Jedes Ereignis ist »höhere Gewalt«.

Denkst du, daß sich irgend etwas ereignen könnte, das ich nicht will? Glaubst du, du könntest auch nur deinen kleinen Finger heben, wenn ich entscheide, daß du das nicht tun sollst? Du kannst nichts tun, wenn ich dagegen bin.

Doch laß uns weiter gemeinsam dieser Vorstellung von einem »unrechtmäßigen« Tod nachgehen. Ist es »falsch«, wenn ein Leben vorzeitig durch Krankheit beendet wird?

»Falsch« ist hier nicht das richtige Wort. Das sind natürliche Ursachen. Das ist nicht dasselbe wie ein Mensch wie Hitler, der Menschen ermordet.

Was ist mit einem Unfall? Einem dummen Unfall –?

Dasselbe. Das ist bedauerlich, tragisch, aber das ist der Wille Gottes. Wir können Gottes Gedanken nicht lesen und herausfinden, warum diese Dinge passieren. Wir sollten es gar nicht versuchen, weil Gottes Wille unveränderlich und unbegreiflich ist. Gottes Rätselhaftigkeit ergründen zu wollen bedeutet, nach einem Wissen zu verlangen, das uns nicht zusteht. Das ist Sünde.

Woher weißt du das?

Weil, wenn Gott wollte, daß wir das alles verstehen, wir es verstehen würden. Die Tatsache, daß wir es nicht tun – nicht können –, ist der Beweis, daß es Gottes Wille ist, daß wir es nicht verstehen.

[71]

Aha. Die Tatsache, daß ihr es nicht versteht, ist der Beweis für Gottes Wille. Die Tatsache, daß es geschieht, ist kein Beweis für Gottes Wille. Hmmm …

Ich vermute, ich kann das alles nicht sehr gut erklären, aber ich weiß, was ich glaube.

Glaubst du an Gottes Willen, daß Gott allmächtig ist?

Ja.

Außer wenn es um Hitler geht. Was da passierte, war nicht Gottes Wille.

Nein.

Wie kann das sein?

Hitler wandte sich gegen den Willen Gottes.

Wie, denkst du, konnte er das tun, wenn mein Wille allmächtig ist?

Du hast es ihm gestattet.

Wenn ich es ihm gestattet habe, dann war es mein Wille, daß er dies tun sollte.

So scheint es zu sein … aber was für einen Grund könntest du dafür haben? Nein. Es war dein Wille, daß er die freie Wahl hat. Es war sein Wille, das zu tun, was er getan hat.

[72]

Du bist so nah dran. So nah.

Du hast natürlich recht. Es war mein Wille, daß Hitler – daß ihr alle – die freie Wahl habt. Aber es ist nicht mein Wille, daß ihr unaufhörlich, endlos bestraft werdet, wenn ihr nicht die meinem Wunsch entsprechende Wahl trefft. Wie »frei«, wenn das der Fall wäre, wäre dann eure Wahl? Wärt ihr wirklich frei zu tun, was ihr wollt, wenn ihr wüßtet, daß ihr unaussprechlich leiden werdet, wenn ihr nicht das tut, was ich will? Was für eine Art von Wahl wäre das?

Das ist keine Frage der Bestrafung. Es ist einfach Naturgesetz. Es ist ganz simpel eine Frage der Konsequenzen.

Ich sehe, du bist in all den theologischen Konstruktionen gut geschult, die dir erlauben, mich für einen rachelüsternen Gott zu halten – ohne mich dafür verantwortlich zu machen.

Aber wer hat diese Naturgesetze geschaffen? Und wenn wir uns darauf einigen können, daß ich sie eingesetzt haben muß, dann fragt sich, warum ich solche Gesetze eingesetzt haben sollte – und euch dann die Macht gebe, euch über sie hinwegzusetzen?

Warum sollte ich, wenn ich nicht gewollt hätte, daß sie sich auf euch auswirken – wenn es mein Wille wäre, daß meine wunderbaren Wesen nie leiden –, die Möglichkeit schaffen, daß ihr doch leidet?

Und warum würde ich euch ständig, Tag und Nacht, in Versuchung führen, diese Gesetze, die ich erlassen habe, zu brechen?

Du führst uns nicht in Versuchung. Der Teufel tut es.

[73]

Jetzt machst du es schon wieder, du nimmst mir die Verantwortung.

Siehst du nicht, daß du deine Theologie einzig dadurch rational erklären kannst, daß du mir die Macht absprichst? Begreifst du nicht, daß deine Konstruktionen nur dann einen Sinn ergeben, wenn die meinen es nicht tun?

Kannst du dich wirklich mit einer Vorstellung von einem Gott anfreunden, der ein Wesen erschafft, dessen Handlungen er nicht unter Kontrolle halten kann?

Ich habe nicht gesagt, daß du den Teufel nicht unter Kontrolle halten kannst. Du kannst über alles die Kontrolle haben. Du bist Gott! Es ist nur so, daß du dich dazu entscheidest, es nicht zu tun. Du erlaubst dem Teufel, uns in Versuchung zu führen, den Versuch zu machen, unsere Seelen zu gewinnen.

Aber warum? Warum sollte ich das tun, es sei denn, ich wollte nicht, daß ihr zu mir zurückkehrt?

Weil du willst, daß wir aus eigener Wahl zu dir kommen, und nicht, weil wir gar keine andere Wahl haben. Du hast den Himmel und die Hölle erschaffen, damit eine Wahl möglich ist. Damit wir aus der Wahl heraus handeln können und nicht nur einfach einem Weg folgen, weil es gar keinen anderen gibt.

Ich kann erkennen, wie ihr zu dieser Vorstellung gelangt seid. So habe ich das in eurer Welt eingerichtet, und deshalb denkt ihr, daß es auch in der meinen so sein muß.

In eurer Realität kann das Gute nicht ohne das Schlechte [74]existieren. Also glaubt ihr, daß es in der meinen auch so sein muß.

Doch ich sage dir: Dort, wo ich bin, gibt es kein »schlecht«. Und es gibt nicht das Böse. Es gibt nur das Alles-in-Allem. Das Einssein. Und die Bewußtheit, die Erfahrung, davon.

Mein Reich ist das Reich des Absoluten, wo nicht ein Ding in Relation zu einem anderen, sondern ganz unabhängig von irgend etwas existiert.

Mein Ort ist der Ort, wo Alles-Was-Ist Liebe ist.

Und alles, was wir auf Erden denken, sagen oder tun, hat keine Konsequenzen?

Oh, es hat Konsequenzen. Schau dich um.

Ich meine, nach dem Tod.

Es gibt keinen »Tod«. Das Leben geht immer und ewig weiter. Das Leben ist. Ihr ändert nur einfach die Form.

In Ordnung, ganz wie du willst – nachdem wir »die Form geändert haben«.

Nach der Änderung der Form existieren Konsequenzen nicht mehr. Da ist nur Wissen.

Konsequenzen sind ein Element der Relativität. Sie haben keinen Platz im Absoluten, weil sie von linearer »Zeit« und abfolgenden Ereignissen abhängig sind. Diese existieren nicht im Reich des Absoluten.

In jenem Reich gibt es nichts als Friede und Freude und Liebe.

[75]

In jenem Reich werdet ihr schließlich die gute Nachricht erfahren, daß euer »Teufel« nicht existiert, daß ihr das seid, was ihr immer zu sein gedacht habt – Güte und Liebe. Eure Vorstellung, daß ihr möglicherweise etwas anderes seid, entstand aus einer irrsinnigen äußeren Welt, die euch zu irrsinnigem Handeln veranlaßt. Eine äußere Welt der Verurteilung und Verdammung. Andere haben Urteile über euch gefällt, und auf der Grundlage ihrer Urteile habt ihr über euch selbst gerichtet.

Nun wollt ihr, daß Gott über euch richtet, aber ich werde es nicht tun.

Und weil ihr einen Gott, der nicht wie die Menschen handelt, nicht verstehen könnt, findet ihr euch nicht mehr zurecht.

Eure Theologie ist euer Versuch, euch selbst wiederzufinden.

Du bezeichnest unsere Theologien als irrsinnig – aber wie kann irgendeine Theologie ohne ein System der Belohnung und Bestrafung funktionieren?

Alles – und somit auch die Grundlage der Theologie – hängt davon ab, was ihr als den Sinn des Lebens anseht.

Wenn ihr glaubt, daß das Leben ein Test, eine Prüfung, eine Probezeit darstellt, in der ihr auf Herz und Nieren geprüft werdet, um festzustellen, ob ihr »würdig« seid, dann ergeben eure Theologien einen gewissen Sinn.

Wenn ihr glaubt, daß das Leben als eine Gelegenheit, als Prozeß existiert, durch den ihr entdeckt – euch erinnert –, daß ihr würdig seid (und es immer wart), dann scheinen eure Theologien hirnrissig zu sein.

[76]

Wenn ihr glaubt, daß Gott ein egoerfüllter Gott ist, der Aufmerksamkeit, Anbetung, Wertschätzung und Zuneigung verlangt – und tötet, um sie zu bekommen –, dann haben eure Theologien einen gewissen Zusammenhang.

Wenn ihr glaubt, daß Gott ohne Ego oder Bedürfnis ist, sondern die Quelle aller Dinge und der Sitz aller Weisheit und Liebe, dann fallen eure Theologien auseinander.

Wenn ihr glaubt, daß Gott ein rachedurstiger Gott ist, eifersüchtig in seiner Liebe und grimmig in seinem Zorn, dann sind eure Theologien perfekt.

Wenn ihr glaubt, daß Gott ein friedvoller Gott ist, voller Freude in ihrer Liebe und leidenschaftlich in ihrer Ekstase, dann sind eure Theologien nutzlos.

Ich sage dir dies: Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, daß ihr Gott erfreut und gefällig seid. Der Sinn des Lebens besteht darin, daß ihr die, die-ihr-seid, erkennt und wiedererschafft.

Und wenn ihr das tut, erfreut ihr Gott und verherrlicht sie auch.

Warum sprichst du von einer »Sie«? Bist du eine Sie?

Ich bin weder ein »Er« noch eine »Sie«. Ich benutze nur gelegentlich das weibliche Pronomen, um euch aus eurem engstirnigen Denken herauszureißen.

Wenn ihr denkt, Gott ist das eine, dann denkt ihr, Gott ist nicht das andere. Und das ist ein großer Fehler.

Hitler ging aus folgenden Gründen in den Himmel ein:

Es gibt keine Hölle, also gibt es auch keinen anderen Ort für ihn, wo er hätte hingehen können.

Seine Handlungen waren das, was ihr als Fehler bezeichnen [77]würdet – die Handlungen eines unentwickelten Wesens –, und Fehler sind nicht durch Verdammung zu bestrafen, sondern durch die Chance zur Berichtigung, zur Evolution. Die Fehler, die Hitler machte, haben die, deren Tod er verursachte, nicht beschädigt oder zerstört. Ihre Seelen wurden von ihren irdischen Fesseln befreit, so wie Schmetterlinge aus einem Kokon schlüpfen.

Die Hinterbliebenen betrauern die Toten nur deshalb, weil sie die Freude nicht kennen, in die diese Seelen eintreten. Keiner, der den Tod erfahren hat, betrauert je den Tod von irgend jemandem.

Deine Aussage, daß ihr Tod dennoch verfrüht war und damit irgendwie »unrecht«, setzt voraus, daß irgend etwas im Universum geschehen kann, das nicht geschehen sollte. Doch das ist angesichts dessen, Was-und-Wer-Ich-Bin, unmöglich.

Alles, was sich im Universum ereignet, ereignet sich in vollkommener Weise. Gott hat schon sehr lange keinen Fehler gemacht.

Wenn du die absolute Vollkommenheit in allem siehst – nicht nur in den Dingen, die deine Zustimmung finden, sondern auch (und vielleicht vor allem) in jenen, die nicht deine Zustimmung finden – erlangst du Meisterschaft.

Natürlich weiß ich das alles. Wir haben das alles in Band 1 durchgesprochen. Aber ich hielt es für wichtig, schon frühzeitig in diesem Buch jenen ein Grundverständnis zu übermitteln, die Band 1 nicht gelesen haben. Deshalb waren mir diese Fragen und Antworten wichtig. Ich würde aber nun, bevor wir weitermachen, gerne noch über ein paar Punkte der sehr komplexen Theologien sprechen, die wir Menschen [78]erschaffen haben. Zum Beispiel wurde mir als Kind beigebracht, daß ich ein Sünder bin, daß alle Menschen Sünder sind, daß wir nicht anders können; wir sind so geboren. Wir sind in die Sünde hineingeboren.

Eine ziemlich interessante Idee. Wie konnte dich irgend jemand dazu bringen, das zu glauben?

Sie haben uns die Geschichte von Adam und Eva erzählt. Sie haben uns im Religionsunterricht erzählt, daß wir, nun ja, vielleicht nicht gesündigt haben, jedenfalls sicher nicht als Babys, daß aber Adam und Eva gesündigt haben und wir ihre Nachkommen sind und somit ihre Schuld wie auch ihr sündiges Wesen geerbt haben.

Schau, Adam und Eva haben von der verbotenen Frucht gegessen – hatten Teil am Wissen von Gut und Böse –, und sie haben damit alle ihre Erben und Nachkommen bei ihrer Geburt zur Trennung von Gott verurteilt. Wir alle werden mit dieser unsere Seele belastenden »Erbsünde« geboren. Wir alle teilen diese Schuld. Also wird uns die freie Wahl gegeben, um festzustellen, wie ich vermute, ob wir dasselbe machen wie Adam und Eva und Gott nicht gehorchen oder ob wir unsere angeborene, ererbte Neigung, »Schlechtes zu tun«, überwinden und statt dessen, trotz aller weltlichen Versuchungen, das Richtige tun.

Und wenn ihr »Schlechtes« tut?

Dann schickst du uns in die Hölle.

Tatsächlich.

[79]Ja, es sei denn, wir bereuen und tun Buße.

Ich verstehe.

Wenn wir sagen, daß es uns leid tut, rettest du uns vor der Hölle, aber nicht vor allem Leiden. Wir müssen immer noch eine Weile ins Fegefeuer, um uns von allen unseren Sünden zu reinigen.

Wie lange müßt ihr im »Fegefeuer« verweilen?

Je nachdem. Unsere Sünden müssen weggebrannt werden. Das ist nicht sehr vergnüglich, das kann ich dir sagen. Und je mehr Sünden wir haben, um so länger dauert ihr Ausbrennen und um so länger müssen wir bleiben. So wurde es mir erzählt.

Ich verstehe.

Aber wenigstens kommen wir nicht in die Hölle, denn die ist für alle Ewigkeit. Wenn wir aber mit einer Todsünde sterben, kommen wir schnurstracks in die Hölle.

Todsünde?

Im Gegensatz zu einer läßlichen Sünde. Wenn unsere Seele mit einer läßlichen Sünde behaftet ist, kommen wir nur ins Fegefeuer. Todsünden bringen uns geradewegs in die Hölle.

Kannst du mir Beispiele für die verschiedenen Sündenkategorien nennen, über die du unterrichtet wurdest?

[80]Klar. Todsünden sind gravierend. Religiöse Schwerverbrechen. Dinge wie Mord, Vergewaltigung, Diebstahl. Läßliche Sünden sind nicht so gravierend. Religiöse Vergehen. Eine läßliche Sünde wäre es zum Beispiel, wenn man es versäumt, am Sonntag in die Kirche zu gehen, oder früher, wenn man am Freitag Fleisch gegessen hat.

Warte mal einen Moment! Dieser Gott da von euch hat euch ins Fegefeuer geschickt, wenn ihr freitags Fleisch gegessen habt?

Ja, aber das macht er jetzt nicht mehr. Nicht mehr seit Anfang der 60er Jahre. Aber wehe, wenn du vor Anfang der 60er Jahre am Freitag Fleisch gegessen hast.

Tatsächlich?

Absolut.

Und was passierte Anfang der 60er Jahre, so daß diese »Sünde« nun keine Sünde mehr ist?

Der Papst sagte, daß es keine Sünde mehr sei.

Aha. Und dieser Gott von euch – er zwingt euch, ihn anzubeten, an Sonntagen in die Kirche zu gehen? Sonst werdet ihr bestraft?

Das Versäumen der Messe ist eine Sünde, ja. Und wenn sie nicht gebeichtet wird – wenn man mit dieser Sünde stirbt –, muß man ins Fegefeuer.

[81]

Aber – wie ist das mit einem Kind? Wie steht es mit einem unschuldigen kleinen Kind, das gar nicht all die »Regeln« kennt, nach denen Gott liebt?

Wenn ein Kind stirbt, bevor es getauft worden ist, kommt es in die Vorhölle.

Wohin?

Vorhölle. Das ist kein Ort der Bestrafung, aber es ist auch kein Himmel. Es ist … nun … die Vorhölle. Du kannst nicht bei Gott sein, aber du brauchst wenigstens nicht »zum Teufel zu gehen«.

Aber warum kann dieses schöne unschuldige Kind nicht bei Gott sein? Das Kind hat nichts Unrechtes getan …

Das stimmt, aber das Kind wurde nicht getauft. Ganz gleich, wie untadelig oder unschuldig Babys – oder irgendwelche anderen Personen – sind, sie müssen getauft werden, um in den Himmel zu kommen. Sonst kann sie Gott nicht akzeptieren.

Deshalb ist es so wichtig, daß die Kinder schnell getauft werden, bald nach ihrer Geburt.

Wer hat dir all das erzählt?

Gott. Durch seine Kirche.

Welche Kirche?

[82]Die heilige römisch-katholische Kirche natürlich. Das ist Gottes Kirche. Tatsächlich ist es auch eine Sünde, wenn man ein Katholik ist und zufällig den Gottesdienst einer anderen Kirche besucht.

Ich dachte, es sei eine Sünde, nicht zur Kirche zu gehen.

Das ist es. Aber es ist auch eine Sünde, in die falsche Kirche zu gehen.

Was ist eine »falsche« Kirche?

Jede Kirche, die nicht römisch-katholisch ist. Man darf nicht in der falschen Kirche getauft werden, man darf nicht in der falschen Kirche heiraten – man darf noch nicht einmal eine falsche Kirche besuchen. Ich weiß, daß das eine Tatsache ist, weil ich einmal mit meinen Eltern zur Hochzeit eines Freundes gehen wollte, aber die Nonnen sagten mir, ich solle diese Einladung nicht annehmen, weil es eine Hochzeit in der falschen Kirche war.

Hast du ihnen gehorcht?

Den Nonnen? Nein. Ich dachte mir, Gott – du – würdest in der anderen Kirche ebenso willig auftauchen wie in der meinen, also ging ich hin. Ich stand in meinem Smoking vor dem Altar und fühlte mich wohl.

Gut. Nun laß uns mal sehen: Da haben wir den Himmel, wir haben die Hölle, das Fegefeuer, die Vorhölle, wir haben die Todsünde, die läßliche Sünde – sonst noch was?

[83]Ja, da gibt es noch die Konfirmation und die Kommunion und die Beichte – da gibt es den Exorzismus und die Letzte Ölung. Dann sind da –

Hör auf –

- sind da die Schutzheiligen und die heiligen strengen Fasttage –

Jeder Tag ist geheiligt. Jede Minute ist heilig. Dies, jetzt, ist ein heiliger Moment.

Ja gut, aber manche Tage sind wirklich heilig – die heiligen Fasttage –, und an diesen Tagen müssen wir auch zur Kirche gehen.

Hier haben wir wieder das »muß«. Und was passiert, wenn ihr es nicht tut?

Es ist eine Sünde.

Also kommt ihr in die Hölle.

Ja, man kommt ins Fegefeuer, wenn man mit dieser Sünde stirbt. Deshalb ist es gut, zur Beichte zu gehen. Wirklich, man soll gehen, sooft man kann. Manche Leute gehen jede Woche. Manche Leute jeden Tag. Auf diese Weise können sie reinen Tisch machen – können ihn rein halten für den Fall, daß sie sterben sollten …

Wow – ein Leben in ständiger Angst.

[84]Ja, schau, das ist der Zweck der Religion – uns Gottesfurcht einzupflanzen. Dann tun wir das Rechte und widerstehen der Versuchung.

Aha. Aber was ist, wenn du zwischen den Beichten eine »Sünde« begehst und dann einen Unfall hast oder so etwas und stirbst?

Das ist okay. Keine Panik. Zeig nur vollkommene Reue. »Oh, mein Gott, es tut mir aufrichtig leid, mich gegen dich versündigt zu haben …«

Okay, okay – genug.

Aber warte. Das ist nur eine der Weltreligionen. Willst du dir nicht noch ein paar andere anschauen?

Nein, ich bin im Bilde.

Ich hoffe, daß die Leute nicht meinen, ich würde mich nur über ihren Glauben lustig machen.

Du machst dich über niemanden lustig, du sagst nur, wie es ist. Es ist so, wie euer amerikanischer Präsident Harry Truman zu sagen pflegte. »Mach ihnen die Hölle heiß, Harry!« schrien die Leute. Und Harry sagte: »Ich mach ihnen nicht die Hölle heiß. Ich zitiere sie nur wortwörtlich, und das gibt ihnen das Gefühl von heißer Hölle.«

 

 

[85]

4

Junge, Junge, wir sind wirklich ganz schön abgeschweift. Wir haben beim Thema Zeit angefangen und sind bei der institutionalisierten Religion gelandet.

Ja, so ist es eben, wenn man mit Gott spricht. Der Dialog läßt sich nur schwer begrenzt halten.

Laß mich sehen, ob ich die von dir in Kapitel 3 angesprochenen Punkte zusammenfassen kann.

Wie findest du das? Ist das wieder eine gute Zusammenfassung?

Ausgezeichnet.

Gut, denn ich habe eine Million Fragen. Die beiden Punkte über Hitler zum Beispiel bedürfen einer weiteren Klärung. Warum ist Hitler in den Himmel eingegangen? (Ich weiß, du hast das gerade zu erklären versucht, aber irgendwie reicht es mir noch nicht.) Und worin besteht der [87]Sinn und Zweck hinter allen Ereignissen? Und in welchem Bezug steht dieser größere Sinn zu Hitler und anderen Despoten?

Laß uns als erstes auf den Sinn und Zweck zu sprechen kommen.

Der Zweck aller Ereignisse, aller Erfahrungen, ist das Schaffen von Gelegenheiten. Ereignisse und Erfahrungen sind Gelegenheiten, nicht mehr und nicht weniger.

Es wäre ein Fehler, sie als »Werk des Teufels«, »Strafe Gottes«, »Lohn des Himmels« oder irgend etwas dazwischen anzusehen. Sie sind einfach Ereignisse und Erfahrungen – Dinge, die passieren.

Ihre Bedeutung erhalten sie durch das, was ihr darüber denkt, was ihr mit ihnen tut, wie ihr in eurer Reaktion auf sie seid.

Ereignisse und Erfahrungen sind Gelegenheiten, die ihr anzieht – die ihr durch euer Bewußtsein individuell oder kollektiv erschafft. Bewußtsein erschafft Erfahrung. Ihr versucht, euer Bewußtsein zu erweitern und zu steigern. Ihr habt diese Gelegenheiten angezogen, um sie als Werkzeug bei der Erschaffung und Erfahrung dessen, wer-ihr-wirklich-seid, zu nutzen. Das, was-ihr-wirklich-seid, ist ein Wesen von höherem Bewußtsein, als ihr gegenwärtig an den Tag legt.

Da es mein Wille ist, daß ihr erkennt und erfahrt, wer-ihr-wirklich-seid, erlaube ich euch, jedwedes Ereignis oder jedwede Erfahrung zu euch heranzuziehen, die zu erschaffen ihr euch entscheidet, um euch zu erkennen und zu erfahren. Von Zeit zu Zeit schließen sich euch andere Spieler in diesem universellen Spiel an – entweder in Form von kurzen [88]Begegnungen, als Teilnehmer am Rande, zeitweilige Teamgefährten oder als langfristige Einflüsse, Verwandte und Familienangehörige, sehr geliebte Menschen oder als Partner auf dem Lebensweg.

Diese Seelen werden von euch zu euch hingezogen. Ihr werdet von ihnen zu ihnen hingezogen. Es handelt sich um eine schöpferische Erfahrung auf beiden Seiten, die die Entscheidungen und Wünsche beider Beteiligten zum Ausdruck bringt.

Niemand kommt aus bloßem Zufall zu euch.

So etwas wie Zufall gibt es nicht.

Nichts geschieht zufällig.

Das Leben ist kein Produkt des Zufalls.

Ereignisse werden, wie auch Menschen, von euch für eure eigenen Zwecke zu euch hingezogen. Größere globale Erfahrungen und Entwicklungen sind das Resultat des Gruppenbewußtseins. Sie werden als Folge der Entscheidungen und Wünsche der Gruppe als Ganzes zu eurer Gruppe als Ganzen hinzugezogen.

Was meinst du mit dem Begriff »eure Gruppe«?

Gruppenbewußtsein ist etwas, das gemeinhin nicht verstanden wird. Es ist jedoch außerordentlich machtvoll und kann oft, wenn ihr nicht achtsam seid, über das individuelle Bewußtsein siegen. Daher müßt ihr stets, wohin ihr auch geht und was immer ihr tut, bemüht sein, ein Gruppenbewußtsein herzustellen, wenn ihr wollt, daß eure umfassendere Lebenserfahrung auf dem Planeten harmonisch abläuft.

[89]

Wenn du dich in einer Gruppe befindest, deren Bewußtsein nicht das deine reflektiert, und wenn es dir zu diesem gegebenen Zeitpunkt nicht möglich ist, das Gruppenbewußtsein wirksam zu verändern, dann ist es klug, wenn du die Gruppe verläßt, weil sie sonst dich führen wird. Sie wird sich dahin bewegen, wo sie hin will, ungeachtet dessen, wo du hin willst.

Wenn du keine Gruppe finden kannst, deren Bewußtsein dem deinen gleichkommt, dann sei der Urheber einer Gruppe. Andere mit vergleichbarem Bewußtsein werden sich zu dir hingezogen fühlen.

Individuen und kleinere Gruppen müssen größere Gruppen – und letztlich die größte aller Gruppen, nämlich die GANZE Menschheit – beeinflussen, wenn es eine dauerhafte und bedeutsame Veränderung auf eurem Planeten geben soll.

Eure Welt und der Zustand, in dem sie sich befindet, ist ein Spiegelbild des gesamten vereinten Bewußtseins aller dort Lebenden.

Wenn du dich umschaust, kannst du sehen, daß noch viel Arbeit zu tun bleibt. Es sei denn natürlich, du bist mit eurer Welt, so wie sie ist, zufrieden.

Überraschenderweise sind das die meisten Menschen. Deshalb verändert sich die Welt auch nicht.

Die meisten Menschen sind mit einer Welt zufrieden, in der die Unterschiede und nicht die Gemeinsamkeiten hochgehalten und Zwistigkeiten durch Kämpfe und Kriege entschieden werden.

Die meisten Menschen sind mit einer Welt zufrieden, in der das Überleben den Leistungsfähigsten vorbehalten ist, in der Macht mit Recht gleichgesetzt, Konkurrenz gefördert [90]und das Gewinnen als das höchste Gut bezeichnet wird.

Wenn so ein System auch »Verlierer« produziert, dann soll es so sein – solange du nicht zu ihnen gehörst.

Die meisten Menschen sind zufrieden, auch wenn ein solches Modell dazu führt, daß Menschen oft aufgrund eines »Fehlurteils« getötet werden, hungern und obdachlos werden, wenn sie »Verlierer« sind, unterdrückt und ausgebeutet werden, wenn sie nicht »stark« sind.

Die meisten Menschen definieren »falsch« als das, was anders ist als sie. Vor allem religiöse Unterschiede werden nicht toleriert, und viele soziale, ökonomische und kulturelle Unterschiede ebenso nicht.

Die Ausbeutung der Unterschicht wird von der Oberschicht mit Selbstbeglückwünschungen und Erklärungen gerechtfertigt, daß ihre Opfer doch jetzt viel besser dran seien als vor der Zeit ihrer Ausbeutung. Damit kann die Oberschicht die Frage ignorieren, wie, wäre man wirklich fair, alle Menschen behandelt werden sollten, statt eine schreckliche Lage nur ein winziges bißchen zu verbessern – und bei diesem Handel auf obszöne Weise Profite herauszuschlagen.

Die meisten Menschen lachen, wenn man ihnen den Vorschlag zu irgendeinem anderen System als dem gegenwärtig herrschenden macht, und sagen, ein solches Verhalten wie das Konkurrieren und Töten und das Einheimsen der Beute durch den Sieger sei das, was ihre Zivilisation groß mache! Die meisten Menschen denken sogar, daß es gar keine andere natürliche Seinsweise gäbe, daß diese Verhaltensweise die Natur des Menschen sei und daß eine andere Handlungsweise das innere Feuer lösche, das den Menschen zum Erfolg antreibt. (Niemand fragt: »Erfolg in was?«)

[91]

So schwer dies auch für wahrhaft erleuchtete Wesen zu begreifen ist, die meisten Menschen auf eurem Planeten glauben an diese Philosophie, und deshalb bekümmern sie sich nicht um das Leiden der Massen, um die Unterdrückung der Minderheiten, die Wut der Unterschicht oder die Überlebens-Notwendigkeiten von irgend jemandem außer denen ihrer eigenen Person und ihrer unmittelbaren Familienangehörigen.

Die meisten Menschen sehen nicht, daß sie ihre Erde zerstören – den Planeten, der ihnen Leben gibt –, weil sie mit ihrem Tun nur nach der Verbesserung ihrer Lebensqualität streben. Erstaunlicherweise sind sie nicht weitsichtig genug, um wahrzunehmen, daß ihre kurzfristigen Gewinne zu langfristigen Verlusten führen können und oft dazu führen – auch in Zukunft.

Die meisten Menschen fühlen sich vom Gruppenbewußtsein bedroht, von Vorstellungen wie der von einem Kollektivwohl, von einer geeinten Weltsicht oder von einem Gott, der in Einheit mit aller Schöpfung existiert.

Diese Angst vor allem, was zu einer Vereinigung führen könnte, und die Glorifizierung auf eurem Planeten von allem, was trennt, führt zu Teilung, Disharmonie, Zwietracht – doch scheint ihr nicht die Fähigkeit zu besitzen, aus euren eigenen Erfahrungen zu lernen, und so macht ihr mit eurem Verhalten weiter, mit denselben Resultaten.

Die Unfähigkeit, das Leiden eines anderen als eigenes Leiden zu erfahren, führt dazu, daß sich solches Leiden fortsetzt.

Trennung gebiert Gleichgültigkeit, ein falsches Überlegenheitsgefühl. Einheit führt zu Mitgefühl, zu echter Gleichberechtigung.

[92]

Die Ereignisse auf eurem Planeten – die sich seit 3000 Jahren regelmäßig abspielen – sind, wie ich schon sagte, ein Spiegelbild des kollektiven Bewußtseins »eurer Gruppe« – der Gesamtgruppe auf eurem Planeten.

Diese Bewußtseinsstufe läßt sich bestenfalls als primitiv bezeichnen.

Hmm. Ja. Aber wir scheinen von der ursprünglichen Frage abgekommen zu sein.

Nicht wirklich. Du hast nach Hitler gefragt. Die Hitler-Erfahrung wurde als ein Resultat des Gruppenbewußtseins möglich.

Viele Leute sagen gerne, daß Hitler eine Gruppe manipulierte – in diesem Fall seine Landsleute –, und zwar durch seine gerissene und meisterhafte Rhetorik. Aber das bürdet bequemerweise alle Schuld Hitler auf – und genau dort will sie die Masse der Menschen auch haben.

Hitler konnte jedoch nichts ohne die Kooperation und Unterstützung und die bereitwillige Unterwerfung von Millionen von Menschen tun. Die Untergruppe, die sich selbst Deutsche nennt, muß eine enorme Last der Verantwortung für den Holocaust auf sich nehmen. Und das muß bis zu einem gewissen Grad auch die größere Gruppe namens Menschen tun, die, wenn schon nichts anderes, sich erlaubte, gegenüber dem Leiden in Deutschland gleichgültig und apathisch zu bleiben, bis es ein so enormes Ausmaß annahm, daß selbst die kaltherzigsten Isolationisten es nicht länger ignorieren konnten.

Du siehst, es war das kollektive Bewußtsein, das den fruchtbaren Boden für die Ausbreitung der Nazibewegung [93]bereitete. Hitler ergriff die Gelegenheit, aber er hat sie nicht geschaffen.

Es ist wichtig, daß hier die Lektion verstanden wird. Ein Gruppenbewußtsein, das ständig von Trennung und Überlegenheit spricht, bewirkt einen massiven Schwund an Mitgefühl, und dem Schwund an Mitgefühl folgt unweigerlich ein Gewissensschwund.

Eine in striktem Nationalismus verwurzelte, kollektiv getragene Anschauung und Absicht ignoriert das Los anderer, macht jedoch jeden anderen für dein Los verantwortlich und rechtfertigt so Vergeltung, »Berichtigung« und Krieg. Auschwitz war die Nazi-Lösung des »Judenproblems« – ihr Versuch zur »Berichtigung«.

Der Horror der Hitler-Erfahrung bestand nicht darin, daß er dieses Verbrechen an der Menschheit beging, sondern daß die Menschheit es ihm gestattete.

Das Erstaunliche ist nicht nur, daß ein Hitler daherkam, sondern auch, daß so viele andere mitmachten.

Die Schande ist nicht nur, daß Hitler Millionen Juden umbrachte, sondern auch, daß Millionen Juden umgebracht werden mußten, bevor Hitler gestoppt wurde.

Der Zweck der Hitler-Erfahrung bestand darin, die Menschheit sich selbst vorzuführen.

Im Laufe der Geschichte hattet ihr bemerkenswerte Lehrer, die euch alle außergewöhnliche Gelegenheiten boten, euch daran zu erinnern, wer-ihr-wirklich-seid. Diese Lehrer haben euch das Höchste und Niedrigste an menschlichem Potential aufgezeigt.

Sie haben lebendige, atemberaubende Beispiele vorgeführt, was es bedeuten kann, ein Mensch zu sein – wohin der Mensch es mit dieser Menschseinserfahrung bringen kann, [94]wohin ihr alle angesichts eures Bewußtseins es bringen könnt und werdet.

Woran es sich zu erinnern gilt, ist dies: Bewußtsein ist alles und erschafft deine Erfahrung. Gruppenbewußtsein ist machtvoll und produziert Ergebnisse von unbeschreiblicher Schönheit oder Häßlichkeit. Es ist immer deine Wahl. Wenn du nicht mit dem Bewußtsein deiner Gruppe einverstanden bist, dann trachte danach, es zu verändern.

Und am besten kannst du das Bewußtsein anderer durch dein Beispiel verändern.

Wenn dein Beispiel nicht ausreicht, bilde deine eigene Gruppe – sei du die Quelle des Bewußtseins, das andere deinem Wunsch nach erfahren sollen. Sie werden es tun – wenn du es tust.

Alles beginnt mit dir. Alles. Alle Dinge.

Du möchtest, daß sich die Welt ändert? Ändere die Dinge in deiner eigenen Welt.

Hitler gab euch eine goldene Gelegenheit, das zu tun. Die Hitler-Erfahrung ist – wie die Christus-Erfahrung – tiefgründig in ihren Implikationen und in den Wahrheiten, die sie über euch enthüllte. Doch diese größeren Bewußtheiten leben – im Fall von Hitler oder Buddha, Dschingis Khan oder Hare Krishna, Attila dem Hunnenkönig oder Jesus Christus – nur so lange, wie eure Erinnerungen an sie lebendig sind.

Deshalb errichten die Juden Gedächtnisstätten an den Holocaust und bitten euch, ihn nie zu vergessen. Denn in euch allen steckt ein bißchen was von einem Hitler – es ist nur eine Sache des Ausmaßes.

Das Auslöschen eines Volkes ist ein Auslöschen eines Volkes, ob in Auschwitz oder Wounded Knee.

[95]Also wurde Hitler uns geschickt, um uns eine Lektion über die Greueltaten, die der Mensch begehen, die Ebenen, auf die der Mensch absinken kann, zu erteilen?

Hitler wurde euch nicht geschickt. Hitler wurde von euch erschaffen. Er erstand aus eurem Kollektivbewußtsein und hätte ohne es nicht existieren können. Das ist die Lektion.

Das Bewußtsein von Trennung, Absonderung, Spaltung, Überlegenheit – von »wir« gegen »sie«, von »uns« und »denen« – ist es, was die Hitler-Erfahrung erschafft.

Das Bewußtsein von göttlicher Bruderschaft, von Einheit, von Einssein, von »unser« statt »dein/mein« ist es, was die Christus-Erfahrung erschafft.

Wenn der Schmerz der »unsere« ist, nicht nur der »deine«, wenn die ganze Lebenserfahrung die unsere ist, dann ist sie schließlich wirklich das – eine ganzheitliche Lebenserfahrung.

Warum ging Hitler in den Himmel ein?

Weil Hitler nichts »Falsches« getan hat. Hitler hat einfach getan, was er tat. Ich möchte dich noch einmal daran erinnern, daß Millionen viele Jahre lang dachten, er täte das »Richtige«. Wie konnte er selbst da etwas anderes glauben?

Wenn du eine wahnwitzige Idee ausbreitest und zehn Millionen Menschen dir zustimmen, hältst du dich vielleicht gar nicht für so wahnwitzig.

Die Welt hat schließlich entschieden, daß Hitler »falsch« war. Das heißt, die Menschen der Erde nahmen eine neue [96]Bewertung davon vor, wer-sie-sind und wer-sie-sein-wollten in bezug auf die Hitler-Erfahrung.

Er hat einen Maßstab gesetzt! Er hat Parameter gesetzt, eine Grenzlinie gezogen, an der die Menschheit ihre Vorstellungen über sich selbst messen und ihnen Beschränkung auferlegen konnte. Christus tat, am anderen Ende des Spektrums, dasselbe.

Es gab andere Christusse und andere Hitler. Und es wird sie wieder geben. Seid also immer wachsam. Denn unter euch wandeln Wesen von sowohl hohem wie niedrigem Bewußtsein – so wie auch ihr unter anderen wandelt. Welches Bewußtsein nehmt ihr mit euch?

Ich verstehe immer noch nicht, wie Hitler in den Himmel eingehen konnte; wie kann er für das, was er tat, belohnt worden sein?

Erstens mußt du begreifen, daß der Tod kein Ende, sondern ein Beginn ist; kein Schrecken, sondern Freude. Er bedeutet keinen Abschluß, sondern eine Eröffnung.

Der glücklichste Moment deines Lebens wird der Moment sein, in dem es »endet«.

Das deshalb, weil es nicht endet, sondern auf so herrliche Weise weitergeht, so voller Friede und Weisheit und Freude, daß es sich schwer beschreiben läßt und ihr es unmöglich begreifen könnt.

Also mußt du – wie ich dir bereits erklärte – als erstes verstehen, daß Hitler niemandem schadete. In gewissem Sinn hat er nicht Leiden zugefügt, er hat es beendet.

Buddha hat gesagt: »Das Leben ist Leiden«. Buddha hatte recht.

[97]Aber selbst wenn ich das akzeptierte, so wußte Hitler doch nicht, daß er im Grunde Gutes tat. Er dachte, er täte etwas Schlechtes!

Nein, er hat nicht gedacht, daß er etwas »Schlechtes« tut. Er dachte wirklich, er helfe seinem Volk. Und das ist es, was du nicht verstehst.

Niemand tut innerhalb des Kontexts seiner Modellvorstellung von der Welt irgend etwas, das »falsch« ist. Wenn du denkst, daß Hitlers Tun wahnsinnig war und er bei allem wußte, daß er wahnsinnig war, dann verstehst du nichts von der Komplexität menschlicher Erfahrung.

Hitler dachte, daß er für sein Volk Gutes tue. Und sein Volk dachte das auch! Das war der Wahnsinn! Der größte Teil der Nation stimmte ihm zu!

Ihr habt erklärt, daß Hitler »falsch« war. Gut. Dadurch habt ihr euch selbst definiert und wißt nun mehr über euch selbst. Gut. Aber verdammt Hitler nicht dafür, daß er euch das gezeigt hat.

Jemand mußte das tun.

Ihr könnt die Kälte nicht kennen ohne die Hitze, nicht das Oben ohne das Unten, nicht das Linke ohne das Rechte. Verdammt nicht das eine und segnet das andere. Wenn ihr das tut, versteht ihr nicht.

Viele Jahrhunderte lang haben die Menschen Adam und Eva verdammt. Sie sollen die Ursünde begangen haben. Ich sage dir dies: Es war der Ursegen. Denn ohne diese Begebenheit, das Teilhaben am Wissen von Gut und Böse, würdet ihr nicht einmal wissen, daß es diese beiden Möglichkeiten gibt! Tatsächlich existierten vor diesem sogenannten Sündenfall Adams diese beiden Möglichkeiten gar nicht. Es gab [98]kein »Böses«. Alles und jedes existierte in einem Zustand fortwährender Vollkommenheit. Es war buchstäblich das Paradies. Aber ihr wußtet nicht, daß es das Paradies war – ihr konntet es nicht als Vollkommenheit erfahren –, weil ihr nichts anderes kanntet.

Sollst du also Adam und Eva verdammen oder ihnen danken?

Und was, sagst du, soll ich mit Hitler tun?

Ich sage dir dies: Gottes Liebe und Gottes Mitgefühl, Gottes Weisheit und Gottes Vergebung, Gottes Absicht und Gottes Ziel sind umfassend genug, um auch das abscheulichste Verbrechen und den abscheulichsten Verbrecher mit einzuschließen.

Du magst damit nicht einverstanden sein, aber das spielt keine Rolle. Du hast gerade erfahren, was zu entdecken du hierher gekommen bist.

 

 

[99]

5

Du hast im ersten Buch versprochen, in Band 2 über eine lange Reihe von umfassenderen Themen zu sprechen, Themen wie Raum und Zeit, Liebe und Krieg, Gut und Böse sowie planetarische, geopolitische Belange der höchsten Ordnung. Und du hast auch versprochen, eingehender die menschliche sexuelle Erfahrung zu erklären.

Ja, all dies habe ich versprochen.

Band 1 befaßte sich mit persönlicheren Fragen; mit dem Leben als Individuum. Band 2 befaßt sich mit eurem kollektiven Leben auf dem Planeten. Band 3 beschließt die Trilogie mit den umfassendsten Wahrheiten: der Kosmologie, dem Gesamtbild, der Reise der Seele. Zusammengenommen umfaßt das meine gegenwärtig besten Ratschläge und Informationen über alles, angefangen beim Zubinden der Schuhe bis hin zum Verständnis eures Universums.

Hast du alles über die Zeit gesagt, was du sagen wolltest?

Ich habe alles gesagt, was ihr wissen müßt.

Es gibt keine Zeit. Alle Dinge existieren simultan. Alle Ereignisse finden auf einmal statt.

Dieses Buch wird geschrieben, und während es geschrieben wird, ist es bereits geschrieben; es existiert bereits. Tatsächlich beziehst du all diese Informationen daraus – aus dem Buch, das bereits existiert. Das ist gemeint mit: »Noch ehe ihr fragt, habe ich geantwortet«.

[100]Diese ganze Information über die Zeit scheint … nun, interessant, aber ziemlich esoterisch zu sein. Läßt sie sich auch irgendwie auf das reale Leben anwenden?

Ein echtes Verständnis von Zeit läßt dich sehr viel friedvoller in deiner Realität der Relativität leben, in welcher Zeit als Bewegung, als Fluß und nicht als Konstante erfahren wird.

Du bist es, der sich bewegt, nicht die Zeit. Die Zeit hat keine Bewegung. Es gibt nur den einen Moment.

Auf einer bestimmten Ebene versteht ihr das zutiefst. Deshalb sagt ihr oft, wenn sich etwas wirklich Wunderbares oder Bedeutsames in eurem Leben ereignet, daß die »Zeit stillzustehen« scheint.

Sie tut es. Und wenn ihr das auch tut, erlebt ihr oft einen dieser lebensbestimmenden Augenblicke.

Das kann ich kaum glauben. Wie soll das möglich sein?

Eure Wissenschaft hat es bereits mathematisch bewiesen. Es wurden Formeln aufgezeichnet, die darlegen, daß du, wenn du dich in ein Raumschiff begibst und schnell genug weit genug fliegst, wieder zur Erde zurückfliegen und dich selber beim Abfliegen beobachten könntest.

Das zeigt, daß die Zeit keine Bewegung, sondern ein Feld ist, durch das ihr euch – in diesem Fall auf dem Raumschiff Erde – bewegt.

Ihr sagt, 365 »Tage« ergeben ein Jahr. Doch was ist ein »Tag«? Ihr habt beschlossen, daß ein »Tag« die Zeit ist, die euer Raumschiff für eine ganze Umdrehung um seine eigene Achse braucht.

[101]

Woher wißt ihr, daß es eine solche Umdrehung gemacht hat? (Ihr könnt die Bewegung nicht fühlen!) Ihr habt einen Bezugspunkt am Himmel ausgewählt – die Sonne. Ihr sagt, der Teil des Raumschiffs, auf dem ihr euch befindet, braucht einen ganzen »Tag«, um der Sonne entgegenzusehen, sich dann von ihr abzuwenden und ihr dann wieder entgegenzusehen.

Dann habt ihr diesen »Tag« in 24 »Stunden« unterteilt – auch wieder ziemlich willkürlich. Ihr hättet genausogut auch »10« oder »73« sagen können!

Dann habt ihr jede »Stunde« in »Minuten« unterteilt. Ihr habt gesagt, jede Stundeneinheit beinhaltet 60 kleinere Einheiten, »Minuten« genannt – und jede dieser Einheiten enthält 60 winzige Einheiten, »Sekunden« genannt.

Eines Tages habt ihr bemerkt, daß die Erde sich nicht nur dreht, sondern auch fliegt! Ihr habt beobachtet, daß sie sich durch den Raum um die Sonne bewegt.

Ihr habt sorgfältig berechnet, daß die Erde sich 365mal um sich selbst drehen muß, um sich einmal um die Sonne zu drehen. Diese Zahl der Erdumdrehungen nanntet ihr ein »Jahr«.

Die Dinge gerieten ein bißchen in Unordnung, als ihr beschlossen habt, daß ihr ein »Jahr« in Einheiten unterteilen wollt, die kleiner sind als ein »Jahr«, aber größer als ein »Tag«.

Ihr habt die »Woche« und den »Monat« eingeführt und es fertiggebracht, dieselbe Anzahl von Monaten in jedem Jahr unterzubringen, aber nicht dieselbe Anzahl von Tagen in jedem Monat.

Ihr konntet keine Möglichkeit finden, eine ungerade Anzahl von Tagen (365) durch eine gerade Zahl von Monaten [102](12) zu teilen, also habt ihr einfach entschieden, daß manche Monate mehr Tage aufweisen als andere!

Ihr hattet das Gefühl, bei der Zwölf als Unterteilungsfaktor für das Jahr bleiben zu müssen, weil das die Zahl der von euch beobachteten Mondzyklen ist, die der Mond innerhalb eines »Jahres« durchläuft. Um diese drei räumlichen Faktoren – die Umdrehungen um die Sonne, die Drehungen der Erde um ihre eigene Achse und die Mondzyklen – miteinander in Einklang zu bringen, habt ihr einfach die Zahl der »Tage« in jedem Monat danach ausgerichtet.

Selbst dieses Mittel löste nicht alle Probleme, weil eure früheren Erfindungen weiterhin immer wieder zu einem »Überhang« an Zeit führten, von dem ihr nicht wußtet, was ihr damit machen solltet. Also habt ihr beschlossen, daß es immer mal wieder ein Jahr geben sollte, das einen ganzen Tag mehr aufweist! Das nanntet ihr ein Schaltjahr und machtet darüber eure Witze, aber ihr lebt tatsächlich nach einer solchen Konstruktion – und dann bezeichnest du meine Erklärung von Zeit als »unglaublich«!

Ihr habt ebenso willkürlich »Jahrzehnte« und »Jahrhunderte« (die interessanterweise auf der Zahl 10 und nicht auf der 12 basieren) als Maß des Vergehens von »Zeit« eingeführt – aber in Wirklichkeit habt ihr nur eine Methode ersonnen, um Bewegungen durch den Raum zu messen.

Wir sehen also, daß hier nicht die Zeit »vergeht«, sondern Objekte sich durch und in einem statischen Feld bewegen, das ihr Raum nennt. Die »Zeit« ist einfach nur eine Methode, um Bewegungen zu berechnen!

Die Wissenschaftler verstehen diese Verbindung zutiefst und sprechen daher vom »Raumzeit-Kontinuum«.

Euer Dr. Einstein und andere erkannten, daß die Zeit ein [103]mentales Konstrukt ist, eine Relativitätstheorie. »Zeit« ist das, was sie in Relation zum Raum ist, der zwischen Objekten existiert! (Wenn sich das Universum ausdehnt – was es tut –, braucht die Erde heute für ihre Umkreisung der Sonne »länger« als vor einer Milliarde Jahren. Es ist mehr Raum zu durchmessen.)

Von daher brauchen all die zyklischen Ereignisse nunmehr mehr Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Dekaden und Jahrhunderte, als sie es 1492 taten! (Wann ist ein »Tag« kein Tag mehr? Wann ist ein »Jahr« kein Jahr mehr?)

Eure neuen hochentwickelten Zeitmeßinstrumente verzeichnen nunmehr diese »Zeit«- Diskrepanz, und weltweit werden jetzt jedes Jahr die Uhren auf ein Universum abgestimmt, das einfach nicht stillhalten will!

Einstein stellte folgende Theorie auf: Wenn nicht die »Zeit«, sondern er sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit durch den Raum bewegte, mußte er, um die Zeit zu »verändern«, nur die Menge an Raum zwischen den Objekten oder das Maß der Geschwindigkeit, mit der er sich durch den Raum von einem Objekt zum andern bewegte, verändern.

Seine allgemeine Relativitätstheorie erweiterte euer modernes Verständnis von der Wechselbeziehung, der Korrelation, zwischen Zeit und Raum.

Ihr könnt jetzt vielleicht ansatzweise verstehen, warum ihr, wenn ihr euch jetzt auf eine lange Reise durch den Weltraum begebt und dann zurückkehrt, möglicherweise nur zehn Jahre gealtert seid, während eure Freunde auf der Erde um dreißig Jahre älter geworden sind! Je weiter ihr reist, desto stärker beeinflußt ihr die Krümmung von Raum und [104]Zeit und desto geringer sind eure Chancen, bei eurer Rückkehr auf die Erde noch jemanden von denen am Leben vorzufinden, die bei eurer Abreise dort lebten!

Wenn jedoch die Wissenschaftler auf eurem Planeten in irgendeiner »künftigen« Zeit eine Methode zur schnelleren Fortbewegung durch den Weltraum entwickelten, könnten sie das Universum »austricksen« und mit der »realen Zeit« auf der Erde synchron bleiben. Dann würden sie bei ihrer Rückkehr zur Erde feststellen, daß ebensoviel Zeit auf der Erde vergangen ist wie in ihrem Raumschiff.

Wenn sich diese Geschwindigkeit noch weiter erhöhen ließe, könnte man ganz offensichtlich auf die Erde zurückkehren, bevor man sie überhaupt verlassen hat! Das heißt, die Zeit auf der Erde würde langsamer verstreichen als die Zeit im Raumschiff. Ihr könntet nach zehn eurer »Jahre« zurückkehren, und die Erde wäre nur um vier Jahre »gealtert«! Erhöhe die Geschwindigkeit, und zehn Jahre im Weltraum könnten zehn Minuten auf der Erde bedeuten.

Stoßt ihr nun in der Struktur des Raums auf eine »Subraumspalte« (Einstein und andere glaubten, daß solche »Subraumspalten« existieren – und sie hatten recht!), werdet ihr plötzlich in einem einzigen unendlich winzigen »Moment« durch den »Raum« expediert. Könnte ein solches Raumzeit-Phänomen euch buchstäblich in die »Zeit« zurückschleudern?

Es sollte nunmehr nicht ganz so schwer zu begreifen sein, daß die »Zeit« nur als eine von eurem Denken errichtete Konstruktion existiert. Alles, was sich jemals ereignet hat – und jemals ereignen wird –, ereignet sich jetzt. Die Fähigkeit, dies zu beobachten, hängt lediglich von eurem Standpunkt, von eurem »Ort im Raum« ab.

[105]

Wenn du dich an meiner Stelle befändest, könntest du es Alles sehen – gleich jetzt!

Kapiert?

Wow! Ja – theoretisch beginne ich zu verstehen!

Gut. Ich habe es dir sehr einfach erklärt, so daß ein Kind es verstehen könnte. Es ist vielleicht nicht streng wissenschaftlich, aber macht die Sache gut verständlich.

Gegenwärtig sind physische Gegenstände hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit einer Beschränkung unterworfen, aber nichtphysische Gegenstände – meine Gedanken … meine Seele – könnten sich theoretisch mit unglaublicher Geschwindigkeit durch den Äther bewegen.

Richtig! Genau! Und das ist es, was oft in Träumen und bei anderen außerkörperlichen Erfahrungen und medialen Ereignissen geschieht.

Jetzt verstehst du das Déjà-vu. Wahrscheinlich warst du schon einmal da!

Aber … wenn sich alles bereits ereignet hat, dann folgt daraus, daß ich nicht die Macht habe, meine Zukunft zu ändern. Ist das Vorherbestimmung?

Nein! Das sollst du nicht glauben! Das ist nicht richtig. Tatsache ist, daß dir diese »gedankliche Konstruktion« dienen und nicht schaden soll!

Ihr befindet euch immer an einem Ort des freien Willens und der absoluten Wahlfreiheit. Wenn du in der Lage bist, [106]einen Blick in die »Zukunft« zu werfen (oder andere das für dich tun läßt), sollte dies dein Leben nicht einengen, sondern deine Fähigkeit steigern, das Leben zu leben, das du leben willst.

Wie? Hier brauche ich Hilfe.

Wenn du ein künftiges Ereignis oder Erlebnis voraussiehst, das dir nicht gefällt, dann wähle es nicht! Wähle noch einmal! Such dir ein anderes aus!

Ändere dein Verhalten, um das unerwünschte Ergebnis zu vermeiden.

Aber wie kann ich etwas vermeiden, das sich schon ereignet hat?

Es ist dir noch nicht zugestoßen – noch nicht! Du befindest dich an einem Ort im Raumzeit-Kontinuum, wo du dir dieser Begebenheit nicht auf bewußte Weise gewahr bist. Du hast sie noch nicht als »geschehen« erkannt und erfahren. Du hast deine Zukunft noch nicht »erinnert«!

(Diese Vergeßlichkeit ist das Geheimnis von aller Zeit. Das ist es, was es euch möglich macht, dieses große Spiel des Lebens zu spielen! Ich werde das später erklären!)

Was du nicht »weißt«, ist nicht »so«. Da »du« deine Zukunft nicht »erinnerst«, ist sie »dir« noch nicht »geschehen«! Ein Ding »geschieht« nur, wenn es »erfahren« wird. Ein Ding wird nur »erfahren«, wenn es »erkannt« ist.

Sagen wir nun mal, daß dir ein kurzer Einblick in deine »Zukunft«, ein momentanes bruchstückhaftes »Wissen«, zuteil wurde. Hier hat dein Geist – der nichtphysische Teil [107]von dir – sich ganz einfach flugs an einen anderen Ort im Raumzeit-Kontinuum begeben und einen Restbestand an Energie – einige Bilder oder Eindrücke – von diesem Moment oder Ereignis zurückgebracht.

Diese kannst du »fühlen« – manchmal kann auch eine andere Person, die eine metaphysische Begabung entwickelt hat, diese um dich herumschwirrenden Bilder und Energien »fühlen« oder »sehen«.

Wenn dir das, was du da hinsichtlich deiner »Zukunft« erspürst, nicht gefällt, dann tritt zurück. Nimm einfach Abstand davon! In diesem Moment veränderst du deine Erfahrung – und alles in dir stößt einen Seufzer der Erleichterung aus.

Warte mal! Wie war das?

Ihr müßt wissen, und ihr seid nun bereit, dies zu erfahren, daß ihr auf jeder Ebene des Raumzeit-Kontinuums simultan existiert.

Das heißt, eure Seele war-immer, ist-immer und wird-immer-sein – eine Welt ohne Ende – Amen.

Ich »existiere« an mehr Orten als nur an einem?

Natürlich! Du existierst überall – und zu allen Zeiten!

Es gibt ein »Ich« von mir in der Zukunft und ein »Ich« von mir in der Vergangenheit?

»Zukunft« und »Vergangenheit« existieren nicht, wie wir gerade mühevoll zu verstehen suchten – aber wenn wir [108]diese Begriffe so gebrauchen, wie ihr sie immer gebraucht, dann ja.

Es gibt mehr als nur ein »Ich« von mir?

Es gibt nur ein »Du« von dir, aber du bist sehr viel umfassender, als du denkst.

Wenn also das »jetzt« existierende »Ich« etwas an seiner »Zukunft«, das ihm nicht gefällt, ändert, dann ist dies nicht mehr Bestandteil dessen, was das in der »Zukunft« existierende »Ich« an Erfahrung macht?

Im Grunde ja. Das ganze Mosaik verändert sich. Aber es verliert nie die Erfahrung, die es sich selbst gegeben hat. Es ist nur erleichtert und glücklich, daß »du« sie nicht durchmachen mußt.

Aber das »Ich« in der »Vergangenheit« muß diese »Erfahrung« doch noch machen, also begibt es sich geradewegs in sie hinein?

In gewissem Sinn ja. Aber »du« kannst »ihm« natürlich helfen.

Das kann ich?

Sicher. Wenn du das änderst, was das »Du« vor dir erfahren hat, muß das »Du« hinter dir diese Erfahrung vielleicht nie machen! Durch diese Methode entwickelt sich deine Seele.

[109]

Auf dieselbe Weise bekam das künftige Du Hilfe von seinem eigenen künftigen Selbst und half so dir, das zu vermeiden, was es selbst nicht vermieden hat.

Kannst du dem folgen?

Ja. Und es ist faszinierend. Aber nun habe ich eine andere Frage. Was ist mit den vergangenen Leben? Wenn ich immer – in der »Vergangenheit« und in der »Zukunft« – »ich« gewesen bin, wie kann ich dann in einem vergangenen Leben jemand anders, eine andere Person gewesen sein?

Du bist ein göttliches Wesen, zu mehr als einer Erfahrung zu gleicher »Zeit« fähig – und imstande, dein Selbst in so viele verschiedene »Selbste« zu unterteilen, wie dir beliebt. Du kannst das »gleiche Leben« immer und immer wieder leben, auf verschiedene Weise – wie ich gerade erklärt habe. Und du kannst auch verschiedene Leben zu verschiedenen »Zeiten« im Kontinuum leben.

Du kannst also, während du im Hier und Jetzt bist, auch andere »Selbste« in anderen »Zeiten« und an anderen »Orten« sein – und warst es auch.

Du meine Güte – das wird ja immer komplizierter!

Ja – und wir haben im Grunde bislang nur ein bißchen an der Oberfläche gekratzt.

Du mußt einfach nur wissen: Du bist ein Wesen von göttlichen Ausmaßen, das keine Begrenzung kennt. Ein Teil von dir trifft die Wahl, dich selbst in deiner gegenwärtig erlebten Identität kennenzulernen. Aber das ist bei weitem nicht die Grenze deines Wesens, obgleich du denkst, daß es so ist.

[110]Warum?

Du mußt das denken, sonst kannst du nicht tun, was in diesem Leben zu tun du dir selbst aufgegeben hast.

Und was ist das? Du hast es mir schon einmal gesagt, aber sag es mir nochmal, »hier« und »jetzt«.

Du nutzt alles Leben – all die vielen Leben –, um zu sein und zu entscheiden, wer-du-wirklich-bist; um zu wählen und zu erschaffen, wer-du-wirklich-bist; um deine gegenwärtige Vorstellung von dir selbst zu erfahren und zu erfüllen.

Du existierst in einem ewigen Moment der Selbst-Schöpfung und Selbst-Erfüllung durch den Prozeß des Selbst-Ausdrucks.

Du hast Menschen, Ereignisse und Umstände als Werkzeuge in dein Leben gezogen, mit deren Hilfe du die großartigste Form der herrlichsten Vision, die du jemals von dir hattest, gestaltest.

Dieser immer neue Schöpfungsprozeß setzt sich ständig fort, endet nie und hat viele Schichten. Es geschieht alles »jetzt« und auf vielen Ebenen.

In eurer linearen Realität erlebt ihr das als Erfahrung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ihr stellt euch vor, nur ein Leben oder vielleicht auch viele Leben zu haben, aber jedenfalls immer nur eines zu einer Zeit.

Aber was wäre, wenn es gar keine »Zeit« gäbe? Dann lebtet ihr alle eure »Leben« auf einmal!

Und das tut ihr.

Du lebst dieses Leben, dein gegenwärtig verwirklichtes Leben, [111]in deiner Vergangenheit, deiner Gegenwart, deiner Zukunft, alles auf einmal! Hast du jemals eine »seltsame Ahnung« in bezug auf irgendein künftiges Ereignis gehabt, ein so starkes Gefühl, daß es dich eine Kehrtwendung machen ließ?

In euer Sprache nennt ihr das eine Vorahnung. Von meinem Standpunkt aus handelt es sich einfach um ein plötzliches Gewahrsein von etwas, das du gerade in deiner »Zukunft« erlebt hast.

Dein »künftiges Du« sagt: »Hör mal, das hat keinen Spaß gemacht. Tu das nicht!«

Du lebst im gegenwärtigen Moment auch andere Leben – »vergangene Leben«, wie ihr sie nennt – obgleich du sie so erlebst, als hätten sie in deiner »Vergangenheit« stattgefunden (wenn du sie überhaupt erlebst), und das ist genauso in Ordnung. Es wäre sehr schwer für euch, dieses wundervolle Spiel des Lebens zu spielen, wenn ihr euch dessen, was sich da abspielt, voll bewußt wäret. Selbst diese Beschreibung kann euch dieses Bewußtsein nicht vermitteln. Wenn sie es täte, wäre das »Spiel« aus und vorbei! Der Prozeß hängt davon ab, daß er vollständig ist, so wie er ist – einschließlich eures Mangels an totaler Bewußtheit in diesem Stadium.

Also segnet den Prozeß und akzeptiert ihn als das großartigste Geschenk des allergütigsten Schöpfers. Nehmt diesen Prozeß in Liebe an, und durchlauft ihn in Frieden und Weisheit und Freude. Nutzt den Prozeß, und verwandelt ihn von etwas, das ihr ertragt, in etwas, dessen ihr euch als Werkzeug zur Erschaffung der wunderbarsten Erfahrung aller Zeit bedient: der Erfüllung eures göttlichen Selbst.

Wie? Wie kann ich das am besten machen?

[112]

Vergeude nicht die kostbaren Momente deiner gegenwärtigen Realität mit dem Bestreben, alle Geheimnisse des Lebens enthüllen zu wollen.

Daß diese Geheimnisse Geheimnisse sind, hat einen Grund. Entscheide dich im Zweifel zugunsten deines Gottes. Nutze deinen Moment des Jetzt für das höchste Ziel – die Schöpfung und den Ausdruck dessen, der-du-wirklich-bist.

Entscheide dich, wer-du-bist – wer-du-sein-willst –, und tu dann alles in deiner Macht Stehende, um das zu sein.

Nutze innerhalb deines begrenzten Verständnisvermögens das, was ich dir über die Zeit gesagt habe, als Bezugsrahmen, in den du die Konstruktionen deiner großartigsten Vorstellung stellen kannst.

Wenn du einen Eindruck von der »Zukunft« erhältst, dann achte und ihre ihn. Wenn dir eine Einsicht über ein »vergangenes Leben« kommt, dann schau, ob sie dir irgendwie nützlich sein kann – ignoriere sie nicht einfach. Und vor allem, wenn du einen Weg erkennst, auf dem du dein göttliches Selbst in noch größerer Herrlichkeit gleich hier und jetzt erschaffen, entfalten, zum Ausdruck bringen und erfahren kannst, dann folge diesem Weg.

Und es wird dir ein Weg offenbart werden, weil du darum gebeten hast. Daß du dieses Buch produzierst, ist ein Zeichen für deine Bitte, denn du könntest es ohne einen offenen Geist, ein offenes Herz und eine für das Wissen bereite Seele nicht hier direkt vor deinen Augen produzieren.

Dasselbe gilt für die Menschen, die es jetzt lesen. Denn auch sie haben es erschaffen. Wie sonst könnten sie nun die Erfahrung damit machen?

Jeder und alles erschafft jedes und alles, was nun erfahren [113]wird, was nichts anderes heißt, als daß ich alles erschaffe, was nun erfahren wird, denn ich bin ein jeder und alles.

Erkennst du die Symmetrie darin? Siehst du die Vollkommenheit?

Es ist alles in einer einzigen Wahrheit enthalten:

WIR ALLE SIND NUR DAS EINE.

 

 

[114]

6

Erzähl mir etwas über den Raum.

Raum ist Zeit … veranschaulichte Zeit.

In Wahrheit gibt es so etwas wie Raum – reinen, »leeren« Raum, in dem sich nichts befindet, nicht. Alles ist etwas. Selbst der »leerste« Raum ist mit so dünnen, so unendlich weit ausgedehnten Gasen angefüllt, daß sie nicht vorhanden zu sein scheinen.

Wenn diese Gase verschwinden, ist da noch Energie. Reine Energie. Diese manifestiert sich als Schwingung. Oszillationen. Bewegungen des Allen in einer bestimmten Frequenz.

Unsichtbare »Energie« ist der »Raum«, der die »Materie zusammenhält«.

Einst – ich verwende hier eure lineare Zeit als Modellvorstellung – war alle Materie im Universum in einem winzigen Pünktchen zusammengedrängt. Ihr könnt euch deren Dichte nicht vorstellen – und zwar deshalb nicht, weil ihr die Materie, so wie sie jetzt existiert, als dicht betrachtet. Doch das, was ihr nun Materie nennt, ist zumeist Raum. Alle »festen« Gegenstände sind zu 2 Prozent feste »Materie« und zu 98 Prozent »Luft«. Der Raum zwischen den winzigsten Materiepartikeln in allen Gegenständen ist riesig. In etwa so riesig wie die Entfernung zwischen den Himmelskörpern an eurem Nachthimmel. Und doch nennt ihr diese Gegenstände fest.

Einmal war das gesamte Universum tatsächlich »fest«. Es [115]gab keinen Raum zwischen den Materiepartikeln. Aller Materie war der »Raum« entnommen – und diese Materie, aus der dieser riesige »Raum« verschwunden war – nahm weniger Platz ein als eine Nadelspitze.

Es gab tatsächlich eine »Zeit« vor dieser »Zeit«, in der es überhaupt keine Materie gab – nur die reinste Form von höchster Schwingungsenergie, welche ihr Antimaterie nennen würdet.

Dies war die Zeit »vor« der Zeit – bevor das physische Universum, wie ihr es kennt, existierte. Nichts existierte in Form von Materie. Manche Menschen betrachten dies als das Paradies oder den »Himmel«.

Am Anfang vibrierte, oszillierte reine Energie – Ich! – so schnell, daß sich Materie formte – alle Materie des Universums!

Auch ihr könnt das zuwege bringen. Und tatsächlich tut ihr es auch jeden Tag. Eure Gedanken sind reine Schwingung – und sie können physische Materie erschaffen und machen das auch. Wenn genügend viele von euch denselben Gedanken hegen, könnt ihr auf Teile eures Universums Einfluß nehmen, ja, ihr könnt sie sogar erschaffen. Dies wurde im Detail im ersten Band erklärt.

Dehnt sich das Universum nun aus?

In einer für euch unvorstellbaren Geschwindigkeit!

Wird es sich ewig ausdehnen?

Nein. Es wird eine Zeit kommen, in der die Energien, die diese Ausdehnung bewirken, versickern, und dann werden [116]die Energien, die die Dinge zusammenhalten, übernehmen und alles wieder »zurückholen«.

Du meinst, das Universum wird sich zusammenziehen?

Ja. Alles wird ganz buchstäblich »an seinen Platz fallen«! Und ihr habt wieder das Paradies. Keine Materie. Reine Energie. Mit anderen Worten – mich!

Am Ende wird alles zu mir zurückkommen.

Das heißt, wir werden nicht mehr existieren!

Nicht in physischer Form. Aber ihr werdet immer existieren. Ihr könnt nicht nicht existieren. Ihr seid das-was-ist.

Was wird passieren, nachdem das Universum »kollabiert« ist?

Der ganze Prozeß wird wieder von vorne anfangen! Es wird wieder einen sogenannten Urknall geben, und ein weiteres Universum wird geboren werden.

Es wird sich ausdehnen und zusammenziehen. Und dann wird es wieder dasselbe machen. Und wieder und wieder. Für immer und ewig. Eine Welt ohne Ende.

Dies ist das Ein- und Ausatmen Gottes.

Das ist ja alles wieder einmal sehr interessant – hat aber sehr wenig mit meinem Alltagsleben zu tun.

Wie ich schon sagte, nutzt du dein Leben wahrscheinlich nicht am effizientesten, wenn du übermäßig viel Zeit auf [117]den Versuch verwendest, die tiefsten Geheimnisse des Universums zu enträtseln. Doch aus diesen einfachen, laienhaften Gleichnissen und Beschreibungen der höheren Prozesse lassen sich nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Erkenntnis, daß alle Dinge zyklischer Natur sind – einschließlich des Lebens selbst.

Ein Verständnis vom Leben des Universums wird dir helfen, das Leben des Universums in dir zu verstehen.

Das Leben bewegt sich in Zyklen. Alles ist zyklisch. Alles. Wenn du das verstehst, kannst du den Prozeß mehr genießen – brauchst ihn nicht nur zu erdulden.

Alle Dinge bewegen sich zyklisch. Das Leben hat einen natürlichen Rhythmus, und alles bewegt sich in diesem Rhythmus; alles bewegt sich in diesem Fluß. Und so steht geschrieben: »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.«

Wer dies versteht, ist weise. Wer sich dies zunutze macht, ist verständig.

Wenige verstehen die Rhythmen des Lebens besser als die Frauen. Frauen leben ihr ganzes Leben nach einem Rhythmus. Sie befinden sich mit dem Leben selbst im Rhythmus. Frauen sind fähiger, »im Fluß zu bleiben«, als Männer. Männer wollen anschieben, ziehen, Widerstand leisten, den Fluß dirigieren. Frauen erfahren ihn – verschmelzen dann mit ihm, um Harmonie herbeizuführen.

Eine Frau hört die Melodie der Blumen im Wind. Sie sieht die Schönheit des Ungesehenen. Sie fühlt das Zupfen und Ziehen und Drängen des Lebens. Sie weiß, wann es Zeit ist [118]zu laufen und Zeit zu ruhen; Zeit zu lachen und Zeit zu weinen; Zeit festzuhalten und Zeit loszulassen.

Die meisten Frauen verlassen ihre körperliche Hülle auf würdevolle Weise. Die meisten Männer kämpfen gegen ihre Abreise. Frauen behandeln auch ihren Körper würdevoller, solange sie sich in ihm befinden. Männer behandeln ihren Körper schrecklich. Und auf dieselbe Weise behandeln sie auch das Leben.

Natürlich gibt es Ausnahmen von jeder Regel. Ich spreche hier verallgemeinernd. Ich spreche davon, wie die Dinge bislang waren. Ich spreche im weitesten Sinn. Aber wenn du dir das Leben anschaust, wenn du dir eingestehst, was du siehst, gesehen hast, wenn du es zugibst, dann merkst du vielleicht, daß an dieser Verallgemeinerung etwas Wahres ist.

Aber das macht mich traurig. Das gibt mir das Gefühl, Frauen seien irgendwie überlegene Wesen. Als ob sie mehr das »richtige Zeug« in sich hätten als die Männer.

Yin und Yang sind Bestandteil des herrlichen Rhythmus des Lebens. Der eine Aspekt des »Seins« ist nicht »perfekter« oder »besser« als der andere. Beide Aspekte sind ganz einfach und wunderbarerweise eben dies: Aspekte.

Männer verkörpern ganz offensichtlich andere Ausdrucksformen des Göttlichen, die Frauen gleichermaßen mit Neid beäugen.

Doch hat man gesagt, daß eine Existenz als Mann euer Prüffeld oder eure Bewährungsprobe ist. Wenn ihr lange genug ein Mann gewesen seid – wenn ihr durch eure eigene Dummheit genug gelitten habt; wenn ihr durch die von [119]euch selbst geschaffenen Katastrophen genug Schmerz zugefügt habt; wenn ihr andere genug verletzt habt, um schließlich euer Verhalten zu ändern; wenn ihr Aggression durch Vernunft, Verachtung durch Mitgefühl ersetzt, wenn ihr nicht immer nur der Sieger sein wollt, sondern darauf achtet, daß es keine Verlierer gibt – dann werdet ihr vielleicht eine Frau.

Wenn ihr gelernt habt, daß Macht nicht gleich »Recht« ist; daß Stärke nicht Macht über, sondern Macht für bedeutet; daß absolute Macht von anderen absolut nichts fordert; wenn ihr diese Dinge versteht, verdient ihr es vielleicht, im Körper einer Frau zu existieren, denn dann werdet ihr schließlich ihre Essenz, ihr Wesen, verstanden haben.

Dann ist eine Frau besser als ein Mann.

Nein! Nicht »besser« – anders! Ihr fällt dieses Urteil. So etwas wie »besser« oder »schlechter« gibt es in der objektiven Wirklichkeit nicht. Es gibt nur das, was IST – und was ihr zu SEIN wünscht.

Heiß ist nicht besser als kalt, oben nicht besser als unten – ein Punkt, den ich schon oft dargelegt habe. Von daher ist weiblich nicht »besser« als männlich. Es ist einfach, was es ist. Genauso wie du bist, was du bist.

Doch niemand von euch ist eingeschränkt oder begrenzter. Du kannst SEIN, was du sein willst, kannst wählen, was an Erfahrung du machen möchtest. In diesem Leben oder im nächsten oder im übernächsten – so wie du es schon in den Leben zuvor getan hast. Jeder von euch hat stets die Wahl. Jeder von euch besteht aus allem-was-ist. In jedem von euch steckt Männliches und Weibliches. Bringt den [120]Aspekt, den auszudrücken und zu erfahren euch gefällt, zum Ausdruck und erfahrt ihn. Doch wißt, daß jedem von euch alles offensteht.

Ich möchte noch nicht zu anderen Themen übergehen. Ich möchte noch ein Weilchen bei diesem Männlich-weiblich-Paradigma bleiben. Du hast am Ende des letzten Buches versprochen, detaillierter auf den sexuellen Aspekt dieser Dualität einzugehen.

Ja – ich glaube, es ist Zeit, daß wir, du und ich, über Sex reden.

 

 

[121]

7

Warum hast du zwei Geschlechter erschaffen? War das die einzige Möglichkeit zu unserer Fortpflanzung, die dir einfiel? Wie sollten wir mit dieser unglaublichen Erfahrung namens Sexualität umgehen?

Jedenfalls nicht mit Scham, das ist sicher. Und auch nicht mit Schuldgefühl und nicht mit Angst.

Denn Scham bedeutet nicht Tugend, und Schuldgefühl bedeutet nicht, daß du ein guter Mensch bist, und Angst bedeutet nicht Achtung.

Und nicht mit Gier, denn Gier ist nicht Leidenschaft; und nicht mit Hemmungslosigkeit, denn Hemmungslosigkeit ist nicht Freiheit; und nicht mit Aggressivität, denn Aggressivität ist nicht Verlangen.

Und ganz offensichtlich nicht mit Vorstellungen von Kontrolle oder Macht oder Herrschaft, denn diese Dinge haben nichts mit Liebe zu tun.

Aber … darf Sex zum Zweck ganz einfacher persönlicher Befriedigung benutzt werden? Überraschenderweise lautet die Antwort »ja« – denn »persönliche Befriedigung« ist nur ein anderes Wort für Selbst-Liebe.

Persönliche Befriedigung ist im Laufe der Jahre in Verruf geraten, und das ist der Hauptgrund dafür, daß sich so viele Schuldgefühle mit dem Sex verbinden.

Man sagt euch, daß ihr etwas, das ausgesprochen persönlich befriedigend ist, nicht zur persönlichen Befriedigung einsetzen sollt! Dieser Widerspruch ist für euch zwar offensichtlich, [122]doch ihr wißt nicht, was ihr mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen anfangen sollt! Also beschließt ihr, daß die Sache wenigstens dadurch in Ordnung kommen kann, daß ihr Schuld dafür empfindet, daß ihr euch beim und nach dem Sex gut fühlt.

Das ist so ähnlich wie mit der allseits bekannten Sängerin, deren Namen ich hier nicht nennen will, die mit ihren Songs Millionen Dollar verdient. Als sie gebeten wurde, etwas zu ihrem unglaublichen Erfolg und dem Reichtum, den er ihr einbrachte, zu sagen, erwiderte sie: »Ich fühle mich fast schuldig, weil es mir so ungeheuren Spaß macht.«

Die Folgerungen sind klar. Wenn dir etwas Spaß macht, wenn du etwas sehr gerne tust, solltest du nicht überdies noch mit Geld belohnt werden. Die meisten Menschen verdienen ihr Geld mit einer Tätigkeit, die sie hassen – oder zumindest durch harte Arbeit und nicht durch endlose Freude!

Also lautet die allgemeine Botschaft: Wenn du negative Gefühle damit verbindest, kannst du es genießen!

Im Versuch, euch schlecht bei etwas zu fühlen, bei dem ihr euch an sich gut fühlt, setzt ihr oft Schuldgefühle ein – um euch so mit Gott zu versöhnen … von dem ihr annehmt, daß er nicht will, daß ihr euch bei irgend etwas gut fühlt!

Vor allem sollt ihr euch nicht gut fühlen, wenn es um die Körperfreuden geht. Und absolut nicht beim (wie deine Großmutter zu wispern pflegte) »S-E-X …«.

Also, die gute Nachricht ist die, daß es in Ordnung ist, Sex zu lieben!

Es ist auch in Ordnung, dein Selbst zu lieben!

Tatsächlich ist dies ein Muß.

[123]

Nicht dienlich ist es euch, wenn Sex (oder etwas anderes) zur Sucht wird. Aber es ist okay, wenn ihr euch in den Sex verliebt!

Übe dich darin, dir zehnmal am Tag zu sagen:

ICH LIEBE SEX.

Übe dich darin, dies zehnmal zu sagen:

ICH LIEBE GELD.

Und willst du jetzt noch einen wirklich harten Brocken? Versuch, dies zehnmal zu sagen:

ICH LIEBE MICH!

Hier sind noch ein paar Dinge, die du nicht lieben darfst. Übe dich darin, sie zu lieben:

MACHT
GLANZ
RUHM
ERFOLG
GEWINNEN

Willst du noch mehr? Versuch's mal mit den folgenden. Du solltest dich wirklich schuldig fühlen, wenn du diese Dinge liebst. Übe dich darin, sie zu lieben:

DAS LOB VON SEITEN ANDERER
BESSER SEIN
MEHR HABEN
WISSEN WIE
WISSEN WARUM

Hast du genug? Warte! Hier kommt das höchste aller Schuldgefühle. Du solltest dich zutiefst schuldig fühlen, wenn du das Gefühl hast, daß du:

[124]

GOTT KENNST.

Ist das nicht interessant? Dein ganzes Leben lang wurden dir Schuldgefühle eingetrichtert in bezug auf

DIE DINGE, DIE DU DIR
AM MEISTEN WÜNSCHST.

Doch ich sage dir: Liebe, liebe, liebe die Dinge, die du dir wünschst – denn deine Liebe zieht sie zu dir hin.

Diese Dinge sind der Stoff des Lebens. Wenn du sie liebst, liebst du das Leben! Wenn du erklärst, daß du sie wünschst, verkündest du, daß du all das Gute wählst, das das Leben zu bieten hat.

Also wähle Sex – all den Sex, den du kriegen kannst! Und wähle Macht – all die Macht, die du zusammenbringen kannst! Und wähle Ruhm – all den Ruhm, den du erlangen kannst! Und wähle Erfolg – all den Erfolg, den du erreichen kannst! Und wähle das Gewinnen – alles Gewinnen, das du erleben kannst!

Aber wähle nicht Sex statt Liebe, sondern wähle ihn als ein Feiern der Liebe. Und wähle nicht Macht über, sondern Macht für. Und wähle nicht Ruhm als Endzweck, sondern als Mittel für ein größeres Ziel. Und wähle nicht Erfolg auf Kosten anderer, sondern als Instrument, um anderen helfen zu können. Und wähle nicht das Gewinnen um jeden Preis, sondern das Gewinnen, das andere nichts kostet und ihnen sogar ebenfalls Gewinn bringt.

Geh und wähle das Lob von seiten anderer – aber sieh alle anderen als Wesen an, über die du Lob ausschütten kannst, und tu es auch!

Geh und wähle, mehr zu haben, aber nur so, daß du mehr zu geben hast.

[125]Und ja, wähle »wissen wie« und »wissen warum« – damit du dein Wissen mit anderen teilen kannst.

Und wähle unter allen Umständen, GOTT ZU KENNEN. Ja, WÄHLE DIES AN ERSTER STELLE, und alles andere wird folgen.

Dein ganzes Leben lang bist du gelehrt worden, daß es besser ist zu geben, statt zu empfangen. Doch du kannst nicht geben, was du nicht hast.

Deshalb ist die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse so wichtig – und deshalb ist es so unselig, daß dies einen so häßlichen Beigeschmack bekommen hat.

Ganz offensichtlich sprechen wir hier nicht von der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer. Hier geht es nicht um ein Ignorieren der Bedürfnisse anderer. Doch im Leben sollte es auch nicht darum gehen, daß ihr eure eigenen Bedürfnisse ignoriert.

Die Meisterinnen und Meister des tantrischen Sex wissen das. Deshalb ermuntern sie zur Masturbation, die einige von euch tatsächlich eine Sünde nennen.

Masturbation? Junge, Junge – jetzt bist du ja wohl wirklich zu weit gegangen. Wie kannst du so etwas zur Sprache bringen – wie kannst du dieses Wort überhaupt nur aussprechen – in einer Botschaft, die von Gott kommen soll?

Ich verstehe. Du hast ein Vorurteil, was Masturbation angeht.

Naja, ich habe es nicht. Aber eine Menge Leser könnten es haben. Und ich dachte, du hättest gesagt, wir machen dieses Buch, damit andere es lesen können.

[126]

Das tun wir auch.

Warum verletzt du dann absichtlich ihre Gefühle?

Ich »verletze niemanden absichtlich«. Es steht den Menschen frei, sich »verletzt« zu fühlen oder nicht. Es ist ihre Wahl. Aber hältst du es tatsächlich für möglich, daß wir frei über die menschliche Sexualität sprechen, ohne daß sich jemand dafür entscheidet, sich »verletzt« zu fühlen?

Nein, aber es gibt so etwas wie zu weit gehen. Ich glaube nicht, daß die meisten Menschen bereit sind, Gott über Masturbation sprechen zu hören.

Wenn dieses Buch sich auf das beschränken soll, was die meisten Menschen sich von Gott anzuhören bereit sind, dann wird es ein äußerst schmales Bändchen werden. Die meisten Menschen sind nie bereit, sich das anzuhören, worüber Gott redet, wenn er darüber redet. Gewöhnlich warten sie 2000 Jahre ab.

In Ordnung. Sprich weiter. Wir haben unseren ersten Schock hinter uns.

Gut. Ich habe auf diese Lebenserfahrung (einer Tätigkeit, der ihr euch übrigens alle widmet, von der nur niemand sprechen will) nur hingewiesen, um einen wesentlicheren Punkt zu veranschaulichen.

Und dieser Punkt ist der: Schenkt euch selbst eine Fülle an Vergnügen, und ihr werdet eine Fülle an Vergnügen an andere zu verschenken haben.

[127]

Lehrerinnen und Lehrer des tantrischen Sex, wie ihr ihn nennt, der übrigens eine sehr hohe Ausdrucksform von Sexualität ist, wissen, daß deine Fähigkeit, deiner Partnerin oder deinem Partner Vergnügen zu bereiten und eine lange und freudige Vereinigung von Seelen und Körpern zu erleben – ein außerordentlich tiefer Grund für die Erfahrung von Sexualität –, sehr stark gemindert wird, wenn du dich mit einem Hunger nach Sex dem Sex hingibst.

Tantrisch Liebende bereiten sich daher sehr oft selbst Vergnügen, bevor sie einander Vergnügen bereiten. Und sie tun dies sehr häufig in Gegenwart von und gewöhnlich mit der Ermunterung, Hilfe und liebevollen Anleitung des anderen. Wenn dann der anfängliche Hunger gestillt ist, kann der tiefere Durst beider – der Durst nach Ekstase – durch die verlängerte Vereinigung wunderbar und herrlich gestillt werden.

Die gegenseitige Hilfe zum Selbstvergnügen ist Teil dieser Freude, der spielerischen, liebevollen Sexualität, die voll zum Ausdruck gebracht wird. Sie ist nur ein Teil unter mehreren anderen. Die Erfahrung, die ihr Koitus oder Geschlechtsverkehr nennt, mag am Ende einer zweistündigen Begegnung in Liebe stehen. Oder auch nicht. Für die meisten von euch ist sie so ziemlich der einzige Zweck einer zwanzigminütigen Übung. Das heißt, zwanzig Minuten, wenn ihr Glück habt!

Ich hatte keine Ahnung, daß dies in einen Leitfaden für Sex ausarten würde.

Tut es nicht. Aber es wäre gar nicht so schlecht, wenn es so wäre. Die meisten Menschen haben eine Menge über Sex [128]und seine wunderbarsten und wohltuendsten Ausdrucksformen zu lernen.

Vor allem möchte ich hiermit einen umfassenden Punkt veranschaulichen. Je mehr Vergnügen du dir selbst bereitest, desto mehr Vergnügen kannst du einem anderen bereiten. Ebenso kannst du, wenn du dir selbst das Vergnügen der Macht bereitest, auch mehr Macht mit anderen teilen. Dasselbe gilt für Ruhm, Reichtum, Glanz, Erfolg und alles andere, was dir ein gutes Gefühl gibt.

Und übrigens glaube ich, daß es an der Zeit ist, sich anzuschauen, warum dir bestimmte Dinge ein »gutes Gefühl« geben.

Okay- ich gebe auf. Warum?

Durch dieses »gute Gefühl« tut die Seele kund: »Das bin ich!«

Hast du einmal erlebt, daß ein Lehrer die Anwesenheit der Schüler überprüfte und sie namentlich aufrief, und du mußtest »hier« sagen, wenn dein Name aufgerufen wurde?

Ja.

Das »gute Gefühl« ist die Seele, die »hier!« sagt.

Allerdings gibt es eine Menge Leute, die sich über den Gedanken, »das zu tun, was einem ein gutes Gefühl gibt«, lustig machen und sagen, das sei der Weg zur Hölle. Doch ich sage, das ist der Weg zum Himmel!

Natürlich hängt viel davon ab, was dir selbst »ein gutes Gefühl« gibt. Mit anderen Worten, welche Art von Erfahrungen fühlen sich für dich gut an? Doch ich sage dir: Nie [129]ereignete sich irgendeine Art von Evolution durch Verweigerung. Wenn du dich weiterentwickeln willst, wirst du das nicht tun, weil du dir selbst so erfolgreich die Dinge verweigern konntest, von denen du weißt, daß sie dir ein »gutes Gefühl« geben, sondern weil du dir diese Freuden zugestanden – und etwas noch Größeres gefunden hast. Denn wie kannst du etwas als »größer« erkennen, wenn du nie das »Geringere« erfahren hast?

Die Religion möchte, daß du ihren Worten glaubst. Deshalb scheitern schließlich alle Religionen.

Die Spiritualität hingegen wird immer Erfolg haben.

Die Religion verlangt von dir, daß du aus den Erfahrungen anderer lernst. Die Spiritualität drängt dich dazu, nach deinen eigenen Erfahrungen zu streben.

Die Religion kann die Spiritualität nicht ausstehen. Sie kann sich nicht mit ihr abfinden. Denn die Spiritualität kann dich zu einer anderen Schlußfolgerung gelangen lassen als zu der einer bestimmten Religion – und das kann keine der bekannten Religionen tolerieren.

Die Religion fordert dich auf, die Gedanken anderer zu erforschen und sie als deine eigenen zu akzeptieren. Die Spiritualität lädt dich dazu ein, die Gedanken anderer beiseite zu schieben und mit eigenen aufzuwarten.

Ein »gutes Gefühl« in dir sagt dir auf deine Weise, daß dein letzter Gedanke Wahrheit, dein letztes Wort Weisheit und deine letzte Handlung Liebe waren.

Wenn du sehen möchtest, wie weit du vorangeschritten bist, wenn du abschätzen möchtest, wie weit du dich entwickelt hast, dann schau einfach, wobei du dich »gut fühlst«.

Aber trachte nicht danach, deine Weiterentwicklung zu erzwingen – [130]dich schneller und weiter fortzuentwickeln –, indem du dir verweigerst, was dir ein gutes Gefühl gibt oder indem du davon Abstand nimmst.

Selbst-Verweigerung bedeutet Selbst-Zerstörung.

Aber du sollst auch das wissen: Selbst-Regulierung ist nicht gleich Selbst-Verweigerung. Die Regulierung des eigenen Verhaltens bedeutet, daß du auf der Grundlage deiner Entscheidung darüber, wer du bist, eine aktive Wahl triffst, etwas zu tun oder nicht zu tun. Wenn du dich dazu bekennst, eine Person zu sein, die die Rechte anderer respektiert, wenn du dich dazu entscheidest, andere nicht zu bestehlen oder zu berauben, nicht zu vergewaltigen und zu plündern, dann ist das kaum »Selbst-Verweigerung«. Es ist eine Selbst-Aussage. Deshalb sagt man, daß sich an dem, was jemandem ein gutes Gefühl gibt, ablesen läßt, wie weit diese Person entwickelt ist.

Wenn dir unverantwortliches Handeln – ein Verhalten, das anderen Schaden zufügen oder Schwierigkeiten oder Schmerz bereiten kann – ein »gutes Gefühl« gibt, dann hast du dich nicht sehr weit entwickelt.

Der Schlüssel ist hier Bewußtheit. Und es ist die Aufgabe der Älteren in den Familien und Gemeinden, bei den jungen Menschen diese Bewußtheit zu schaffen und zu verbreiten. Und ebenso ist es die Aufgabe der Boten Gottes, in allen Menschen diese Bewußtheit zu steigern, so daß sie verstehen, daß das, was für einen getan wird, für alle getan wird – weil wir alle eins sind.

Wenn deine Bewußtseinseinstellung diesem »wir sind alle eins« entspricht, wird es dir praktisch nicht möglich sein, ein »gutes Gefühl« zu haben, wenn du andere verletzt. Das sogenannte »unverantwortliche Verhalten« gibt es dann [131]nicht mehr. Innerhalb dieser Parameter suchen Wesen, die sich entwickeln, das Leben zu erfahren. Und im Rahmen dieser Parameter sage ich, daß ihr euch die Erlaubnis geben sollt, alles zu haben, was das Leben anzubieten hat – und ihr werdet entdecken, daß es mehr anzubieten hat, als ihr euch je vorstellen konntet.

Du bist, was du erlebst. Du erlebst, was du zum Ausdruck bringst. Du bringst zum Ausdruck, was du hast, um es zum Ausdruck zu bringen. Du hast, was du dir selbst zugestehst.

Das gefällt mir sehr – aber können wir auf die anfängliche Frage zurückkommen?

Ja. Ich habe aus dem gleichen Grund zwei Geschlechter erschaffen, aus dem ich alles mit dem »Yin« und dem »Yang« versah – das ganze Universum! Das Männliche und das Weibliche sind Teil des Yin und Yang. Sie sind in eurer Welt der höchste lebendige Ausdruck davon.

Sie sind das Yin und Yang … ausgedrückt in Form. In einer von vielen physischen Formen.

Das Yin und das Yang, hier und dort … dieses und jenes … oben und unten, heiß und kalt, groß und klein, schnell und langsam – die Materie und die Antimaterie …

Alles ist nötig, damit ihr das Leben erfahren könnt, wie ihr es kennt.

Wie können wir am besten dieser Erfahrung namens sexueller Energie Ausdruck geben?

Liebend. Offen.

Spielerisch. Freudvoll.

[132]

Unverschämt. Leidenschaftlich. Geheiligt. Zärtlich. Humorvoll. Spontan. Rührend. Kreativ. Unerschrocken. Sinnlich.

Und natürlich: häufig.

Da gibt es jene, die sagen, daß der einzige legitime Zweck der menschlichen Sexualität die Fortpflanzung sei.

Unsinn. Die Fortpflanzung ist in vielen Fällen die glückliche Folge und nicht die logische Vorausplanung der sexuellen Erfahrung. Die Vorstellung, daß Sex nur dazu da ist, Babys zu machen, ist naiv, und der daraus folgende Gedanke, daß man mit dem Sex aufhören soll, wenn das letzte Kind gezeugt worden ist, ist schlimmer als naiv. Er ist wider die menschliche Natur – und das ist die Natur, die ich euch gegeben habe.

Der Ausdruck von Sexualität ist das unvermeidliche Resultat eines ewigen Prozesses der Anziehung und des rhythmischen Energieflusses, der alles Leben antreibt.

Ich habe alle Dinge mit einer Energie ausgestattet, die ihr Signal in das ganze Universum aussendet. Jede Person, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Stein, jeder Baum – jedes physische Ding – sendet Energie aus, wie ein Radiosender.

Du sendest in diesem Moment aus dem Zentrum deines Wesens Energie in alle Richtungen aus – du strahlst sie aus. Diese Energie – die du bist – bewegt sich in Wellenmustern nach außen. Die Energie verläßt dich, bewegt sich durch Mauern, über Berge hinweg, am Mond vorbei und ins Ewige. Sie stoppt niemals mehr.

Jeder Gedanke, den du jemals hattest, färbt diese Energie. (Eine Person kann es, wenn sie sensibel genug ist, fühlen, [133]wenn du an sie denkst.) Jedes jemals von dir gesprochene Wort formt diese Energie. Alles, was du jemals getan hast, beeinflußt sie.

Die Schwingung, Geschwindigkeit, Wellenlänge und Frequenz deiner Emanationen verändern sich und wechseln ständig mit deinen Gedanken, Stimmungen, Gefühlen, Worten und Handlungen.

Man spricht davon, daß jemand gute »Vibes« hat, also gute Schwingungen ausstrahlt, und das stimmt. Das ist eine sehr genaue Beschreibung!

Nun tut natürlich jede andere Person dasselbe. Und so ist der Äther – die »Luft« zwischen euch – von Energie erfüllt; eine Matrix von ineinander verflochtenen, verwobenen »Vibes«, die eine komplexere Tapisserie bildet, als ihr euch je vorstellen könnt.

Dieses Gewebe ist das versammelte Energiefeld, in dem ihr lebt. Es ist machtvoll und beeinflußt alles, dich eingeschlossen.

Dann sendest du, beeinflußt von den hereinkommenden Vibes, denen du unterworfen bist, neu geschaffene Vibes aus, und diese verbinden sich mit der Matrix und verwandeln sie – die ihrerseits das Energiefeld aller anderen beeinflußt, was sich auf die Vibes, die diese aussenden, auswirkt, was die Matrix beeinflußt – die dich beeinflußt … und so weiter.

Nun magst du denken, daß das alles nur Phantasie und Illusion ist – aber bist du je in einen Raum gekommen, in dem so »dicke Luft« herrschte, daß du sie mit dem Messer hättest schneiden können?

Oder hast du schon mal davon gehört, daß zwei Wissenschaftler jeweils am anderen Ende des Globus zur gleichen [134]Zeit am selben Problem arbeiteten, ohne voneinander zu wissen, und plötzlich gleichzeitig zur selben Lösung kamen – unabhängig voneinander?

Das sind ganz übliche Vorkommnisse, und sie gehören zu den offensichtlicheren Manifestationen der Matrix.

Die Matrix – das vereinte gegenwärtige Energiefeld innerhalb eines gegebenen Parameters ist eine machtvolle Schwingung. Sie kann sich direkt auf physische Objekte und Ereignisse auswirken, sie beeinflussen und erschaffen. (»Wo immer zwei oder mehr in meinem Namen versammelt sind …«)

Eure Psychologie hat diese Energiematrix als »Kollektivbewußtsein« bezeichnet. Sie kann alles auf eurem Planeten beeinflussen und tut es auch: die Aussichten auf Krieg und die Chancen für Frieden; geophysikalischen Aufruhr oder einen beruhigten Planeten; epidemische Krankheit oder weltweites Wohlbefinden.

Alles ist das Resultat des Bewußtseins.

Und ebenso die spezielleren Ereignisse und Umstände deines persönlichen Lebens.

Das ist faszinierend, aber was hat das mit Sex zu tun?

Geduld. Ich komme darauf zu sprechen.

Die ganze Welt befindet sich in einem ständigen Energieaustausch.

Deine Energie drängt nach außen und berührt alles andere. Alles und jedes berühren dich. Aber nun passiert etwas Interessantes. An irgendeinem Punkt in der Mitte zwischen dir und allem anderen begegnen sich diese Energien.

Stellen wir uns, um dies anschaulicher zu beschreiben, [135]zwei Menschen in einem Raum vor. Sie befinden sich am jeweils gegenüberliegenden Ende dieses Raums. Wir werden sie Tom und Mary nennen.

Nun sendet Toms persönliche Energie in einem Radius von 360 Grad Signale in das Universum aus. Und einiges von diesen Energiewellen trifft Mary.

Mary sendet inzwischen ihre eigene Energie aus – und einiges davon trifft Tom.

Doch diese Energien begegnen sich in einer Weise, wie du sie dir vielleicht nicht vorgestellt hast. Sie treffen sich in der Mitte zwischen Tom und Mary.

Hier vereinen sich die Energien (und denk daran, daß diese Energien physische Phänomene sind; sie können gemessen, gefühlt werden) und verbinden sich, um eine neue Energieeinheit zu bilden, die wir »Tomary« nennen wollen. Dies ist die verbundene Energie von Tom und Mary.

Tom und Mary könnten diese Energie auch gut als den »Körper zwischen uns« bezeichnen, denn genau das ist es: ein Energiekörper, mit dem beide verbunden sind, den beide mit ständig in ihn einfließenden Energien nähren und der über einen Faden oder eine Schnur oder eine Pipeline, die immer innerhalb der Matrix existiert, an seine beiden »Sponsoren« Energien zurückschickt. (Tatsächlich ist diese »Pipeline« die Matrix.)

Diese Erfahrung von »Tomary« ist die Wahrheit von Tom und Mary. Und es ist diese heilige Kommunion, zu der sich beide hingezogen fühlen. Denn sie fühlen, über die Pipeline, diese großartige Freude des »Körpers zwischen ihnen«, des Geeinten, der gesegneten Vereinigung.

Tom und Mary, die in einiger Entfernung voneinander stehen, können – auf eine physische Weise – fühlen, was in [136]der Matrix vor sich geht. Beide werden dringlich zu dieser Erfahrung hingezogen. Sie wollen sich aufeinander zubewegen! Sofort!

Nun setzt ihr »Training« ein. Die Welt hat sie dazu erzogen, es langsam anzugehen, dem Gefühl zu mißtrauen, sich vor »Verletzung« zu hüten, sich zurückzuhalten.

Aber die Seele … will »Tomary« kennenlernen – jetzt!

Wenn die beiden Glück haben, sind sie frei genug, ihre Ängste beiseite zu lassen und darauf zu vertrauen, daß die Liebe alles ist, was es gibt.

Diese beiden fühlen sich nun unwiderruflich zum »Körper zwischen ihnen« hingezogen. TOMARY wird schon metaphysisch erfahren, und Tom und Mary wollen dies nun auch physisch erleben. Also rücken sie näher zusammen. Nicht, um zum jeweils anderen zu gelangen, obwohl es für einen zufälligen Beobachter so aussieht. Sie versuchen vielmehr, zu TOMARY zu gelangen. Sie versuchen den Ort der göttlichen Vereinigung zu erreichen, der bereits zwischen ihnen existiert. Den Ort, an dem sie bereits wissen, daß sie eins sind – und wie es sich anfühlt, eins zu sein.

Sie bewegen sich also auf dieses »Gefühl« zu, das sie erleben, und in dem Maße, wie sie die zwischen ihnen leigende Kluft verringern, »die Schnur verkürzen«, legt die Energie, die sie beide zu TOMARY schicken, eine kürzere Distanz zurück und wird damit intensiver.

Sie rücken noch näher aneinander heran. Je kürzer die Distanz, desto größer die Intensität. Noch näher. Und wieder steigert sich die Intensität.

Nun sind sie nur noch einen Schritt voneinander entfernt. Der »Körper dazwischen« glüht heiß. Er vibriert mit ungeheurer Geschwindigkeit. Der Verbindungsstrang hin zu [137]TOMARY und von TOMARY zu ihnen ist dicker, breiter, heller und brennt fast durch die Übertragung unglaublicher Energie. Die beiden »brennen vor Verlangen«, wie man sagt. Und das tun sie tatsächlich!

Sie kommen sich noch näher.

Jetzt berühren sie sich.

Die Empfindung ist fast unerträglich. Köstlich. Sie fühlen, am Punkt ihrer Berührung, alle Energie von TOMARY – die ganze kompakte, innigst vereinte Substanz ihres verbundenen Wesens.

Wenn du dich für deine größtmögliche Sensibilität öffnest, kannst du bei der Berührung diese feine sublime Energie als ein Kribbeln wahrnehmen – manchmal wird dich dieses Kribbeln auch direkt durchströmen. Oder du nimmst diese Energie am Punkt der Berührung als Hitze wahr, eine Hitze, die ebenfalls plötzlich deinen ganzen Körper durchströmen kann, die aber tief in dir in deinem unteren Chakra oder Energiezentrum konzentriert ist.

Sie wird dort ganz besonders heftig brennen – und Tom und Mary sind nun sozusagen »heiß« aufeinander!

Jetzt umarmen sich die beiden und schließen die Kluft noch mehr, wobei nun alle, Tom, Mary und Tomary, fast denselben Raum einnehmen. Tom und Mary können Tomary zwischen sich fühlen – und sie wollen noch enger zusammenkommen – sie wollen buchstäblich mit Tomary verschmelzen. Sie wollen Tomary in physischer Gestalt werden.

Ich habe in den männlichen und weiblichen Körpern eine Möglichkeit geschaffen, dies zu tun. Und in diesem Augenblick sind Toms und Marys Körper bereit, das zu tun. Toms Körper ist nun bereit, in Marys Körper buchstäblich einzudringen. [138]Marys Körper ist bereit, buchstäblich Tom in sich aufzunehmen.

Das Kribbeln, das Brennen, ist nun mehr als intensiv. Es ist … unbeschreiblich. Die beiden physischen Körper verbinden sich. Tom, Mary und Tomary werden eins. Im Fleische.

Noch immer fließen die Energien zwischen den beiden.

Dringlich. Leidenschaftlich.

Sie keuchen. Sie bewegen sich. Sie können nicht genug voneinander bekommen, können sich nicht nahe genug kommen. Sie ringen darum, sich nahe zu kommen. Nahe.

NOCH NÄHER.

Sie explodieren – buchstäblich – und sie zucken am ganzen Körper. Die Schwingungen schicken kleine Wellen in ihre Fingerspitzen. In der Explosion ihres Einsseins haben sie den Gott und die Göttin, das Alpha und das Omega, das Alles und das Nichts – die Essenz des Lebens – erfahren, haben Das-Was-Ist erlebt.

Es finden auch physische und chemische Vorgänge statt. Die beiden sind eins geworden – und oft wird eine dritte Wesenheit in physischer Form aus den beiden erschaffen.

So wird ein Ebenbild von TOMARY erschaffen. Fleisch von ihrem Fleisch. Blut von ihrem Blut.

Sie haben buchstäblich Leben erschaffen!

Habe ich nicht gesagt, daß ihr Götter seid?

Das ist die schönste Beschreibung menschlicher Sexualität, die ich jemals gehört habe.

Man sieht Schönheit, wo man sie sehen möchte. Man sieht Häßlichkeit, wo man sich fürchtet, Schönheit zu sehen.

[139]

Du wärst überrascht, wenn du wüßtest, wie viele Menschen das, was ich gerade beschrieben habe, als häßlich ansehen.

Nein, das wäre ich nicht. Ich habe schon gesehen, wieviel Angst und Häßlichkeit die Welt mit dem Sex verbunden hat. Aber du läßt eine Menge Fragen offen.

Ich bin hier, um sie zu beantworten. Aber gestatte mir, in meiner Erzählung noch ein wenig fortzufahren, bevor du mich mit Fragen bombardierst.

Ja, bitte.

Dieser … Tanz, den ich gerade beschrieben, dieser energetische Austausch, den ich erklärt habe, findet fortwährend statt – in und mit allem.

Eure Energie – die wie ein goldenes Licht von euch ausgestrahlt wird – interagiert ständig mit allem und jedem. Je näher ihr euch seid, desto intensiver ist die Energie. Je weiter voneinander ihr seid, desto subtiler ist sie. Doch ihr seid niemals von irgend etwas total abgetrennt.

Zwischen dir und jeder anderen Person, jedem anderen Ort oder Ding existiert ein Punkt. Und an diesem Punkt treffen sich eure Energien und formen eine weniger dichte, aber dennoch reale Energieeinheit.

Alles und jedes auf dem Planeten – und im Universum – sendet in alle Richtungen Energie aus. Diese Energie vemischt sich kreuz und quer mit allen anderen Energien zu Mustern von einer Komplexität, die selbst eure größten Computer nicht zu analysieren vermögen.

[140]

Diese sich kreuz und quer verbindenden, vermischenden, in einander verwebenden Energien, die zwischen allem hin und her sausen, was ihr als physisch bezeichnet, sind das, was die Physis zusammenhält.

Das ist die Matrix, von der ich gesprochen habe. Und entlang dieser Matrix schickt ihr euch gegenseitig Signale – Botschaften, Bedeutungen, Heilungen und andere physische Zeichen –, die manchmal von Individuen, aber zumeist vom Massenbewußtsein geschaffen werden.

Diese unzähligen Energien werden, wie ich schon erklärte, voneinander angezogen. Das nennt man das Gesetz der Anziehung. Innerhalb dieses Gesetzes zieht Gleiches Gleiches an.

Gedanken ziehen gleiche Gedanken entlang der Matrix an – und wenn genug von solchen gleichartigen Energien sozusagen »zusammenklumpen«, werden ihre Schwingungen »schwerer«, sie verlangsamen sich –, und sie werden zu Materie.

Gedanken erschaffen in der Tat physische Formen – und wenn viele Menschen dasselbe denken, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß ihre Gedanken eine Realität bilden.

(Deshalb ist das »Wir werden für dich beten« eine so machtvolle Aussage. Die Belege für die Wirksamkeit des gemeinsamen Gebetes reichen aus, um ein ganzes Buch zu füllen.)

Ebenso gilt, daß auch »unheilige« Gedanken unmittelbare Auswirkungen haben können. Ein weltweites Bewußtsein von Angst zum Beispiel oder von Wut oder Mangel oder Unzulänglichkeit kann zu ebendieser Erfahrung führen – auf globaler Ebene oder an einer bestimmten Örtlichkeit, [141]wo solche kollektiven Gedanken am stärksten gehegt werden.

Zum Beispiel hielt sich die Nation, die ihr die Vereinigten Staaten von Amerika nennt, lange für eine Nation, die »Gott untersteht, unteilbar ist und für Freiheit und Gerechtigkeit für alle eintritt«. Es ist kein Zufall, daß sie sich zur wohlhabendsten Nation auf der Erde entwickelte. Und es überrascht auch nicht, daß sie allmählich alles verliert, was sie sich durch so harte Arbeit aufgebaut hat – denn diese Nation scheint ihre Vision verloren zu haben.

Die Worte »die Gott untersteht, unteilbar ist« bedeuteten genau das – sie brachten die universelle Wahrheit des Einsseins zum Ausdruck; denn Einssein ist eine sehr schwer zu zerstörende Matrix. Aber die Matrix wurde geschwächt. Aus der religiösen Freiheit wurde eine religiöse Selbstgerechtigkeit, die schon an religiöse Intoleranz grenzt. Individuelle Freiheit ist so gut wie verschwunden, wie sich auch das Bewußtsein von individueller Verantwortung aufgelöst hat.

Die Vorstellung von individueller Verantwortlichkeit wurde dahingehend verzerrt, daß sie nun »jeder für sich selbst« bedeutet. Das ist die neue Philosophie, die sich in ihren Wurzeln auf die frühe amerikanische Tradition des unbekümmerten Individualismus berufen zu können meint.

Doch die ursprüngliche Bedeutung des individuellen Verantwortungsbewußtseins, auf das sich die amerikanische Vision und der amerikanische Traum gründeten, fand ihren tiefsten Sinn und ihren höchsten Ausdruck im Begriff der brüderlichen Liebe.

Amerika wurde nicht dadurch groß, daß jeder Mann um sein eigenes Überleben kämpfte, sondern dadurch, daß jeder [142]einzelne die persönliche Verantwortung für das Überleben aller akzeptierte.

Amerika war eine Nation, die den Hungrigen nicht den Rücken zukehrte, die nie zu den Bedürftigen »nein« sagte, die ihre Arme für die Erschöpften und die Heimatlosen öffnete und ihre Fülle mit der Welt teilte.

Und doch wurden, während Amerika groß wurde, die Amerikaner gierig. Nicht alle, aber viele. Und mit der Zeit wurden es immer mehr.

Als die Amerikaner sahen, wie gut es ihnen gehen konnte, wollten sie es noch besser haben. Doch sie sahen nur eine Möglichkeit, immer noch mehr und mehr zu haben. Jemand anders mußte immer weniger und weniger haben.

In dem Maße, wie die Gier die Charaktergröße der Amerikaner verdrängte, war weniger Platz für Mitgefühl mit den Geringsten unter dem Volk. Den weniger Glücklichen wurde gesagt, daß es ihre »eigene verdammte Schuld« war, wenn sie nicht mehr besaßen. Schließlich war Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, oder etwa nicht? Kein Mensch außer den weniger Begünstigten war imstande zuzugeben, daß Amerikas Möglichkeiten, institutionell gesehen, für diejenigen, die es bereits geschafft hatten und zu den Insidern gehörten, reserviert waren. Und diese Insider haben im allgemeinen nicht viele Angehörige von Minoritäten, Menschen einer bestimmten Hautfarbe oder Geschlechtszugehörigkeit, in ihre Ränge aufgenommen.

Die Amerikaner wurden auch auf internationaler Ebene arrogant. Während Millionen überall auf dem Planeten verhungerten, warfen sie jeden Tag so viel Essen weg, daß man ganze Nationen damit hätte speisen können. In bezug auf [143]manche war Amerika großzügig, ja – aber seine Außenpolitik entwickelte sich in zunehmendem Maße zum verlängerten Arm seiner Eigeninteressen. Es half anderen, wenn es ihm nützlich war. (Das heißt, wenn es den Mächtigen in Amerika dienlich war, seiner reichsten Elite oder der militärischen Maschinerie, die diese Elite und deren kollektives Vermögen schützte.)

Amerikas Gründerideal – brüderliche Liebe – war ausgehöhlt worden. Jetzt stößt jegliches Reden über »deines Bruders Hüter sein« auf eine neue Art Amerikanertum – auf einen scharfen Geist, wenn es darum geht, am Eigenen festzuhalten, und auf scharfe Worte zu den weniger Begünstigten, die es wagen, um ihren fairen Anteil zu bitten und darum, daß man sich ihrer Nöte annimmt.

Jeder muß Verantwortung für sich selbst übernehmen – das ist zweifellos wahr. Aber eure Welt kann nur dann wirklich funktionieren, wenn jeder willens ist, für alle als Gesamtheit verantwortlich zu sein.

Das Kollektivbewußtsein bringt also kollektive Resultate hervor.

Genau – und das hat sich im Laufe eurer überlieferten Geschichte immer wieder gezeigt.

Die Matrix zieht sich selbst in sich selbst hinein – genauso wie eure Wissenschaftler das Phänomen der sogenannten Schwarzen Löcher beschreiben. Es zieht gleichgeartete Energien an und zieht sogar auch physische Objekte zueinander hin.

Diese Objekte müssen sich dann gegenseitig abstoßen – sich voneinander weg bewegen – oder sie werden für immer [144]miteinander verschmelzen – sich in ihrer gegenwärtigen Form auflösen und eine neue Gestalt annehmen.

Alle bewußten Wesen wissen das instinktiv und bewegen sich daher weg von der permanenten Verschmelzung, um ihre Beziehung zu allen anderen Wesen aufrechtzuerhalten. Täten sie das nicht, würden sie in alle anderen Wesen hineinschmelzen und auf ewig Einssein erfahren.

Das ist der Zustand, aus dem wir gekommen sind.

Nachdem wir uns von diesem Zustand entfernt haben, werden wir nun ständig wieder zu ihm hingezogen.

Dieses Ebben und Fluten, diese »Hinundher«-Bewegung ist der Grundrhythmus des Universums und von allem, was in ihm existiert. Das ist Sex – der synergetische Energieaustausch.

Ihr werdet ständig angezogen, zur Vereinigung miteinander (und mit allem, was sich in der Matrix befindet) gedrängt, und ihr werdet dann, im Moment der Einheit, durch bewußte Wahl von dieser Einheit abgestoßen. Ihr trefft die Wahl, von dieser Einheit befreit zu sein, damit ihr sie erfahren könnt. Denn wenn ihr einmal Teil von ihr geworden seid und in ihr verbleibt, könnt ihr sie nicht mehr als Einheit erkennen, denn ihr kennt dann keine Trennung mehr.

Anders ausgedrückt: Damit Gott sich als Alles-Was-Ist erkennen kann, muß sich Gott selbst als das Nicht-Alles erfahren.

In euch – und in jeder anderen erdenklichen Energieeinheit des Universums – erkennt Gott sich selbst als die Teile des Allen – und gibt sich so selbst die Möglichkeit, sich selbst in seiner eigenen Erfahrung als das Alles-in-Allem zu erkennen.

[145]

Ich kann nur dadurch erfahren, was ich bin, daß ich erfahre, was ich nicht bin. Doch ich bin, was ich nicht bin – und darin erkennt ihr die göttliche Dichotomie. Von daher die Aussage: Ich bin Der-Ich-Bin.

Nun ist, wie ich schon sagte, dieses natürliche Ebben und Fluten, dieser natürliche Rhythmus des Universums, charakteristisch für alles Leben – einschließlich der Bewegungen, die das Leben in eurer Realität erschaffen.

Wie durch irgendeine Triebkraft werdet ihr zueinander hingezogen, nur um wieder voneinander weg zu drängen und euch zu trennen, um dann wieder dringlich aufeinander zuzustreben, um euch dann wiederum zu trennen und dann wieder hungrig, leidenschaftlich, dringlich die totale Vereinigung zu suchen.

Gemeinsam-getrennt, gemeinsam-getrennt, gemeinsam-getrennt tanzen eure Körper in einer so elementaren, so instinktiven Bewegung, daß ihr euch eines vorsätzlichen Handelns nur wenig bewußt seid. An einem bestimmten Punkt schaltet ihr auf Automatik um. Dem Körper muß nicht gesagt werden, was er zu tun hat. Er tut es ganz einfach – mit der Dringlichkeit allen Lebens.

Es ist das Leben selbst, das sich selbst als Leben ausdrückt. Und es ist das Leben selbst, das im Schoße seiner eigenen Erfahrung neues Leben hervorbringt.

Und so ist alles existierende Leben vom sanften Rhythmus Gottes durchdrungen – von dem, was ihr die Zyklen des Lebens nennt.

Die Nahrung wächst in solchen Zyklen. Jahreszeiten kommen und gehen. Planeten drehen sich und kreisen. Sonnen explodieren und implodieren und explodieren wieder. Universen atmen ein und aus. Alles, alles ereignet sich in Zyklen, [146]in Rhythmen, in Schwingungen, die den Frequenzen von Gott/der Göttin – dem Allem – entsprechen.

Denn Gott ist Alles, und die Göttin ist Alles, und darüber hinaus gibt es nichts; und alles, was jemals war, jetzt ist und jemals sein wird, ist eure Welt ohne Ende.

Amen.

 

 

[147]

8

Das Interessante beim Gespräch mit dir ist, daß du mich immer mit mehr Fragen als Antworten zurückläßt. Jetzt habe ich nicht nur Fragen zum Sex, sondern auch noch zur Politik!

Manche sagen, daß die beiden dasselbe sind, daß ihr in der Politik nichts weiter macht als herum –

Warte mal! Du wirst doch nicht etwa ein obszönes Wort gebrauchen, oder?

Nun ja, ich wollte dich mal ein wenig schockieren.

He, He! Laß das bloß bleiben! Gott sollte nicht so reden!

Warum redet ihr dann so?

Die meisten von uns tun das nicht.

Ach was zum Teufel, ihr tut's.

Die gottesfürchtigen Menschen tun es nicht!

Ah, ich verstehe. Ihr müßt Gott fürchten, um ihn nicht zu beleidigen.

Und wer behauptet eigentlich, daß ich durch ein einfaches Wort beleidigt werde?

Und findest du es schließlich nicht interessant, daß ihr [148]Worte, mit denen ihr wunderbare sexuelle Dinge bezeichnet, auch als eure gröbsten Schimpfworte benutzt? Sagt dir das etwas über eure Gefühle hinsichtlich der Sexualität?

Ich glaube, du bringst da etwas durcheinander. Ich glaube nicht, daß die Leute diese Begriffe verwenden, um die herrlichen und wirklich romantischen Aspekte der Sexualität zu beschreiben.

Ach, tatsächlich? Hast du dich in letzter Zeit in irgendwelchen Schlafzimmern aufgehalten?

Nein. Hast du?

Ich bin in allen Zimmern – die ganze Zeit.

Oh, das werden die meisten aber nicht gerne hören.

Was? Willst du damit sagen, daß ihr Dinge in euren Schlafzimmern treibt, die ihr vor Gott nicht tun würdet?

Die meisten Menschen fühlen sich nicht wohl beim Gedanken, daß ihnen dabei irgend jemand zusieht, von Gott ganz zu schweigen.

Und doch wird in manchen Kulturen – bei den Aborigines, bei manchen polynesischen Völkern – ganz offen Liebe gemacht.

Mag sein, aber die meisten Menschen sind noch nicht bis zu dieser Stufe von Freiheit fortgeschritten. Tatsächlich [149]würden sie ein solches Verhalten als Rückfall in einen primitiven, heidnischen Zustand betrachten.

Diese Menschen, die ihr als »Heiden« betrachtet, haben eine enorme Achtung vor dem Leben. Sie wissen nichts von Vergewaltigung, und es gibt praktisch keine Morde in ihren Gesellschaften. Eure Gesellschaft versteckt den Sex – eine ganz natürliche, normale menschliche Funktion – unter der Decke, dann steht ihr auf und bringt Leute in aller Öffentlichkeit um. Das ist obszön!

Ihr habt den Sex zu etwas so Schmutzigem, Tabuisiertem gemacht, daß ihr euch schämt, wenn ihr Sex habt!

Unsinn. Die meisten Menschen haben ganz einfach in bezug auf Sex einen anderen – man könnte sogar sagen, einen höheren – Sinn für Anstand. Sie betrachten ihn als eine intime wechselseitige Aktivität; und für manche ist er ein geheiligter Bestandteil ihrer Beziehung.

Ein Mangel an Intimsphäre ist nicht unbedingt mit mangelnder Heiligkeit gleichzusetzen. Die meisten der heiligsten Riten der Menschheit werden in der Öffentlichkeit vollzogen.

Verwechsle Intimität nicht mit Heiligkeit. Die meisten eurer schlimmsten Handlungen unternehmt ihr im privaten Bereich oder im geheimen, und nur euer bestes Benehmen spart ihr für die öffentliche Zurschaustellung auf.

Damit möchte ich nicht für Sex in aller Öffentlichkeit plädieren; ich möchte nur anmerken, daß Intimität nicht unbedingt mit Heiligkeit gleichzusetzen ist – noch werdet ihr durch die Öffentlichkeit ihrer beraubt.

[150]

Was den Anstand angeht, so hat dieses Wort alleine und der dahinterstehende Verhaltenskodex mehr zur Versagung der größten Freuden von Mann und Frau beigetragen als jedes andere menschliche Konstrukt – die Vorstellung von einem strafenden Gott ausgenommen, die dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat.

Offensichtlich glaubst du nicht an Anstand.

Das Problem mit dem »Anstand« liegt darin, daß irgend jemand die Normen aufstellen muß. Das bedeutet ganz automatisch, daß euer Verhalten durch die Vorstellungen eines anderen darüber, was euch Freude machen sollte, beschränkt, dirigiert und diktiert wird.

Das kann, was die Sexualität angeht – wie in allen anderen Dingen –, mehr als eine »Beschränkung« bedeuten; es kann sich vernichtend auswirken.

Ich kann mir nichts Traurigeres denken als einen Mann oder eine Frau, die das Gefühl haben, manches gerne erleben zu wollen, sich dann aber zurückhalten, weil sie meinen, daß das, wovon sie träumen oder was sie sich in ihrer Phantasie ausmalen, die »Anstandsregeln« verletzen würde!

Bedenke, es handelt sich nicht um etwas, das sie an sich nicht tun würden – es ist nur etwas, das gegen den »Anstand« verstößt.

Tu nie, nie, nie etwas nicht, weil es vielleicht die Anstandsregeln von irgend jemand anderem verletzen könnte, und dies gilt nicht nur für die Sexualität, sondern für alles im Leben. Wenn ich einen Aufkleber an meinem Auto hätte, würde darauf stehen:

VERLETZT DEN ANSTAND

[151]

Und ganz sicher würde ich einen solchen Spruch in jedem Schlafzimmer anbringen.

Aber unser Gefühl für das, was »richtig« und »falsch« ist, hält unsere Gesellschaft zusammen. Wie können wir zusammenleben, wenn darüber keine Übereinkunft besteht?

»Anstand« hat nicht mit euren relativen Wertvorstellungen von »richtig« oder »falsch« zu tun. Ihr mögt euch alle einig sein, daß es »falsch« ist, einen Menschen umzubringen, aber ist es »falsch«, nackt im Regen herumzulaufen? Ihr mögt euch alle einig sein, daß es »falsch« ist, dem Nachbarn die Frau auszuspannen, aber ist es »falsch«, deine eigene Frau in bestimmter köstlicher Weise zu lieben oder von ihr geliebt zu werden?

»Anstand« bezieht sich selten auf gesetzliche Einschränkungen, sondern viel häufiger auf einfachere Dinge in bezug auf das, was als »schicklich« erachtet wird.

»Schickliches« Verhalten ist nicht immer das Verhalten, das euren eigenen besten Interessen dienlich ist. Und es ist selten ein Verhalten, das euch die größte Freude macht.

Um auf die Sexualität zurückzukommen: Du sagst also, daß jegliches Verhalten akzeptabel ist, solange es die Zustimmung aller Beteiligten und Betroffenen findet?

Sollte das nicht für alles im Leben gelten?

Aber manchmal wissen wir nicht, wer davon betroffen sein wird, oder wie –

[152]

Du mußt dafür sensibel sein. Du mußt ganz wach und bewußt sein. Und wenn du es wirklich nicht wissen und auch nicht vermuten kannst, dann mußt du dich zugunsten der Liebe irren.

Die zentrale Frage bei JEDER Entscheidung ist die: »Was würde die Liebe jetzt tun?«

Die Liebe zu dir selbst und die Liebe zu allen anderen, die beteiligt oder davon betroffen sind.

Wenn du eine andere Person liebst, wirst du nichts tun, was diese Person womöglich verletzt oder verletzen könnte. Sollten irgendwelche Fragen oder Zweifel bestehen, wirst du warten, bis du in dieser Sache Klarheit gewonnen hast.

Aber das bedeutet, daß dich andere in »Geiselhaft« nehmen können. Sie brauchen nur zu äußern, daß dies und jenes sie »verletzen« würde, und damit bist du dann in deinen Handlungen eingeschränkt.

Nur durch dein Selbst. Würdest du dich nicht selbst in deinen Handlungen auf solche beschränken wollen, die denen, die du liebst, keinen Schaden zufügen?

Aber was, wenn man sich selbst dadurch geschädigt oder verletzt fühlt, daß man etwas nicht tut?

Dann mußt du deinem geliebten Menschen die Wahrheit erzählen – daß du dich dadurch, daß du eine bestimmte Sache nicht tust, verletzt, frustriert, reduziert fühlst; daß du diese Sache gerne tun würdest; daß du gerne dafür die Zustimmung des von dir geliebten Menschen bekommen würdest.

[153]

Du mußt eine solche Einigung anstreben. Arbeite an einem Kompromiß; suche nach einem Handlungsweg, bei dem jeder gewinnen kann.

Und wenn ein solcher Weg nicht gefunden werden kann?

Dann wieder hole ich, was ich schon einmal gesagt habe.

Verrat
deiner selbst,
um nicht einen anderen
zu verraten,
ist
trotz allem
Verrat.
Es ist der
höchste Verrat.

Euer Shakespeare hat es anders ausgedrückt.

Deinem eigenen Selbst sei treu,
und es folgt daraus, wie die Nacht dem Tag,
daß du gegenüber keinem Menschen
treulos sein kannst.

Aber der Mensch, der sich immer nach dem richtet, was er will, wird ein sehr egoistischer Mensch. Ich kann nicht glauben, daß du das befürwortest.

Du gehst davon aus, daß der Mensch immer eine »selbstsüchtige Wahl« trifft, wie du es nennst. Aber ich sage dir:

Der Mensch ist imstande, die höchste Wahl zu treffen.

Und ich sage dir auch:

[154]

Die höchste Wahl ist nicht immer die, die einem anderen zu dienen scheint.

Mit anderen Worten, wir müssen uns manchmal an erste Stelle setzen.

Oh, ihr müßt euch immer an erste Stelle setzen! Dann, abhängig davon, was ihr zu tun versucht – oder zu erfahren trachtet –, trefft eure Wahl.

Wenn dein Ziel – dein Lebensziel – sehr hoch angesiedelt ist, werden auch deine Entscheidungen ein sehr hohes Niveau haben.

Wenn du dich an erste Stelle setzt, heißt das nicht, daß du »selbstsüchtig« bist – es bedeutet, daß du dir deiner selbst bewußt bist.

Du legst hier eine ganz schön breite Basis für die Handhabung menschlicher Angelegenheiten.

Nur in Ausübung der größten Freiheit kann das größte Wachstum erreicht werden – oder wird es überhaupt möglich.

Wenn ihr nichts weiter tut, als die Regeln eines anderen zu befolgen, entwickelt ihr euch nicht weiter, sondern gehorcht nur.

Im Gegensatz zu euren Konstrukten ist Gehorsam nicht das, was ich von euch will. Gehorsam ist nicht Wachstum, und Wachstum ist das, wonach ich verlange.

Und wenn wir nicht »wachsen«, wirfst du uns dann in die Hölle?

[155]

Falsch. Aber das habe ich im ersten Band besprochen und werde es im dritten ausführlich tun.

Okay. Kann ich dir nun im Rahmen dieser weiten Parameter, die du dargelegt hast, ein paar letzte Fragen zum Sex stellen, bevor wir dieses Thema verlassen?

Schieß los.

Warum, wenn Sex so ein wundervoller Bestandteil der menschlichen Erfahrung ist, predigen so viele spirituelle Lehrer Enthaltsamkeit? Und warum lebten so viele Meister offensichtlich zölibatär?

Aus dem gleichen Grund, aus dem so viele, den Schilderungen nach, in Einfachheit lebten. Diejenigen, die sich zu einer hohen Verständnisebene entwickeln, bringen ihre körperlichen Wünsche mit ihrem Geist und ihrer Seele in Balance.

Ihr seid dreiteilige Wesen, und die meisten Menschen erfahren sich selbst als einen Körper. Selbst der Geist wird, nachdem sie dreißig geworden sind, vergessen. Niemand liest mehr. Niemand schreibt. Niemand lehrt. Niemand lernt. Der Geist ist vergessen. Er wird nicht genährt. Er wird nicht erweitert. Es gibt keinen neuen Input mehr und nur noch das Minimum des erforderlichen Output. Der Geist wird nicht ernährt. Er wird nicht erweckt. Er wird eingelullt, betäubt. Ihr tut alles, was ihr könnt, um ihn abzuschalten. Fernsehen, Filme, Schundromane. Was immer ihr tut, euer Motto ist: Denk nicht, denk nicht, denk nicht!

Die meisten Menschen leben also ein Leben auf der Körperebene. [156]Sie nähren den Körper, kleiden den Körper, geben dem Körper »Stoff«. Die meisten Menschen haben schon seit Jahren kein gutes Buch mehr gelesen – ich meine ein Buch, aus dem sie etwas lernen können. Aber sie können dir das ganze Wochenprogramm des Fernsehens hersagen. Darin liegt etwas außerordentlich Trauriges.

Die Wahrheit ist, daß die meisten Menschen nicht denken wollen. Sie wählen Führer, sie unterstützen Regierungen, sie folgen Religionen, die kein unabhängiges Denken erfordern.

»Mach's mir leicht. Sag mir, was ich tun soll.«

Die meisten Menschen wollen das. Wo soll ich sitzen? Wann soll ich aufstehen? Wie soll ich grüßen? Wann soll ich zahlen? Was soll ich tun?

Wie sehen die Regeln aus? Wo sind meine Grenzen? Sag's mir, sag's mir, sag's mir. Ich mach es – jemand soll es mir nur sagen!

Dann widert sie das an, sie werden desillusioniert. Sie haben alle Regeln befolgt, haben getan, was ihnen gesagt wurde. Was ist schiefgegangen? Wann ging es kaputt? Warum brach es zusammen?

Es brach in dem Augenblick zusammen, in dem ihr euch von eurem Geist verabschiedet habt – dem größten kreativen Werkzeug, das ihr je hattet.

Es ist Zeit, daß ihr mit eurem Geist wieder Freundschaft schließt. Seid ihm ein Gefährte – er hat sich so allein gefühlt. Nährt in – er mußte so sehr hungern.

Manche von euch – eine kleine Minderheit – hat begriffen, daß ihr einen Körper und einen Geist habt. Sie haben ihren Geist gut behandelt. Und doch haben nur wenige von euch, die ihr euren Geist – und die Dinge des Geistes – ehrt, gelernt, [157]ihn zu mehr als einem Zehntel seiner Kapazität zu nutzen. Wenn ihr wüßtet, zu was euer Geist fähig ist, würdet ihr nie aufhören, an seinen Wundern – und seinen Kräften – teilzuhaben.

Und wenn schon die Zahl derer, die ihr Leben zwischen Körper und Geist aufteilen, klein ist, dann ist die Zahl derer, die sich als dreiteilige Wesen betrachten – Körper, Geist, Seele –, winzig.

Doch ihr seid dreiteilige Wesen. Ihr seid mehr als euer Körper und mehr als ein Körper mit einem Geist.

Nährst du deine Seele? Bemerkst du sie überhaupt? Heilst du sie, oder verletzt du sie? Wächst du, oder verdorrst du? Dehnst du dich aus, oder ziehst du dich zusammen?

Ist deine Seele so einsam wie dein Geist? Wird sie sogar noch mehr vernachlässigt? Wann hattest du das letzte Mal das Gefühl, daß deine Seele zum Ausdruck gebracht wurde? Wann hast du das letzte Mal vor Freude geweint? Gedichte geschrieben? Musik gemacht? Im Regen getanzt? Einen Kuchen gebacken? Irgend etwas gemalt? Irgend etwas Kaputtes repariert? Ein Baby geküßt? Eine Katze an dein Gesicht gedrückt? Einen Berg erklommen? Bist nackt geschwommen? Hast bei Sonnenaufgang einen Spaziergang unternommen? Auf der Mundharmonika gespielt? Gespräche geführt bis zum Morgengrauen? Stundenlang Liebe gemacht – am Strand, im Wald? Mit der Natur kommuniziert? Nach Gott gesucht?

Wann hast du das letzte Mal allein mit dem Schweigen gesessen, bist in den tiefsten Bereich deines Wesens gereist? Wann hast du das letzte Mal »hallo« zu deiner Seele gesagt?

Wenn du das Leben als eindimensionales Geschöpf lebst, [158]versinkst du tief in den Angelegenheiten des Körpers: Geld. Sex. Macht. Besitz. Körperliche Stimulation und Befriedigung. Sicherheit. Ruhm. Finanzieller Gewinn.

Wenn du das Leben als zweidimensionales Geschöpf lebst, erweiterst du deine Interessen und beziehst Dinge des Geistes ein. Kameradschaft; Kreativität; die Anregung neuer Gedanken, neuer Ideen; das Erschaffen neuer Ziele, neuer Herausforderungen; persönliches Wachstum.

Wenn du das Leben als dreidimensionales Geschöpf lebst, gelangst du zumindest zu einem Gleichgewicht mit dir selbst. Deine Interessen schließen Belange der Seele mit ein: spirituelle Identität; Lebenssinn; Beziehung zu Gott; Evolutionsweg; seelisches Wachstum; letztliches Ziel.

Und in dem Maße, wie du dich in immer höhere und höhere Bewußtseinsstadien hineinentwickelst, bringst du jede Dimension deines Wesens zur vollen Verwirklichung.

Doch Evolution bedeutet nicht, daß du manche Aspekte oder Dimensionen des Selbst zugunsten anderer fallenläßt. Sie bedeutet ganz einfach die Erweiterung des Fokus; die Abwendung von einer fast ausschließlichen Beschäftigung mit einem einzigen Aspekt und die Hinwendung zu echter Liebe und zur Wertschätzung aller Aspekte.

Warum vertreten dann manche Lehrer die völlige sexuelle Enthaltsamkeit?

Weil sie nicht glauben, daß die Menschen zu einem Gleichgewicht gelangen können. Sie glauben, daß die sexuelle Energie – und die Energien, die andere weltliche Erfahrungen umgeben – zu mächtig sind, um sie ganz einfach abzubremsen; um sie in Balance zu bringen. Sie glauben, [159]die Enthaltsamkeit sei der einzige Weg zur spirituellen Evolution statt nur eine mögliche Folge davon.

Aber stimmt es nicht, daß manche sehr hoch entwickelte Wesen »den Sex aufgegeben« haben?

Nicht im klassischen Sinne des Wortes »aufgeben«. Es handelt sich nicht um ein erzwungenes Aufgeben von etwas, das du immer noch haben willst, von dem du aber weißt, daß »es zu haben nicht gut« ist. Es handelt sich mehr um ein einfaches Loslassen, eine Bewegung weg von – so wie man einen Nachschlag des Desserts von sich weist. Nicht, weil das Dessert nicht gut ist. Nicht einmal, weil es nicht gut für dich ist. Sondern ganz einfach, weil du, wunderbar wie es war, genug hattest.

Wenn du deine Beschäftigung mit Sex aus diesem Grund fallenlassen kannst, dann wirst du dich vielleicht dazu entschließen. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht entschließt du dich nie dazu, daß du »genug hattest«, und willst immer diese Erfahrung machen – in Harmonie mit den anderen Erfahrungen deines Wesens.

Das ist okay. Das ist in Ordnung. Sexuell aktive Menschen sind nicht weniger für die Erleuchtung geeignet, nicht minder spirituell entwickelt als sexuell enthaltsame Menschen.

Doch bewirken Erleuchtung und Entwicklung in der Tat, daß du deine Sucht nach Sex, dein tiefes und dringendes Bedürfnis nach dieser Erfahrung, dein zwanghaftes Verhalten fallenläßt.

Ebenso wird sich deine ausschließliche Fixierung auf Geld, Macht, Sicherheit, Besitztümer und andere Erfahrungen [160]des Körpers verflüchtigen. Doch deine echte Wertschätzung für diese Dinge wird bleiben und sollte es auch. Wertschätzung für alles im Leben ist das, was dem Prozeß, den ich erschaffen habe, Ehre erweist. Die Verachtung des Lebens oder irgendwelcher seiner Freuden – selbst der elementarsten körperlichen Freuden – bedeutet Verachtung für mich, den Schöpfer.

Denn wie, wenn du meine Schöpfung unheilig nennst, nennst du mich? Doch wenn du meine Schöpfung heilig nennst, heiligst du deine Erfahrung von ihr sowie auch mich.

Ich sage dir: Ich habe nichts Verachtenswertes geschaffen – und nichts ist »böse«, es sei denn, das Denken macht es dazu, wie euer Shakespeare sagt.

Das führt mich zu einer letzten Frage über Sex. Ist jede Art von Sex zwischen darin einwilligenden Erwachsenen okay?

Ja.

Ich meine auch »perverser« Sex? Auch liebloser Sex? Auch schwuler Sex?

Laß uns erstens noch einmal klarstellen, daß Gott nichts mißbilligt.

Ich sitze nicht hier und richte, nenne nicht die eine Tat gut und die andere böse.

(Wie du weißt, habe ich des längeren im ersten Band darüber gesprochen.)

Also – was euch im Kontext eures Evolutionsweges dienlich oder nicht dienlich ist, könnt nur ihr entscheiden.

[161]

Es gibt allerdings eine breitangelegte Richtlinie, auf die sich die meisten entwickelten Seelen geeinigt haben.

Keine Handlung, die einem anderen Schaden zufügt, führt zu rascher Evolution.

Es gibt auch noch eine zweite Richtlinie.

Keine Handlung, in die ein anderer involviert ist, soll ohne die Zustimmung des anderen unternommen werden.

Laß uns nun im Kontext dieser Richtlinien auf die Fragen eingehen, die du gerade gestellt hast.

»Perverser« Sex? Nun, aus welchem Grund sollte ihn irgend jemand als »falsch« bezeichnen, solange er niemandem schadet und mit Einwilligung aller Beteiligten betrieben wird?

Liebloser Sex? Über Sex »um des Sex willen« wurde schon seit Anbeginn der Zeit debattiert. Wenn ich diese Frage höre, denke ich oft daran, daß ich mich eines Tages gerne in einen Raum voller Menschen begeben und sagen würde: »Jeder, der hier noch nie außerhalb einer Beziehung von tiefer, dauerhafter, engagierter, treuer Liebe Sex gehabt hat, möge bitte die Hand heben.«

Laß mich nur folgendes sagen: Etwas Liebloses, was immer es ist, ist nie der rascheste Weg zur Göttin.

Ob es sich nun um lieblosen Sex oder um lieblose Spaghetti mit Fleischklößen handelt, wenn du das Festmahl bereitet hast und es dann ohne Liebe verzehrst, versäumst du den außergewöhnlichsten Teil der Erfahrung.

Ist es falsch, ihn zu versäumen? Auch hier ist »falsch« vielleicht nicht das Wort, auf das es ankommt. »Nachteilig« käme der Sache näher, vorausgesetzt, es ist dein Wunsch, dich so schnell wie möglich zu einem höheren spirituellen Wesen zu entwickeln.

[162]

Schwuler Sex? So viele Menschen sagen, daß ich gegen Homosexualität – oder gegen ihr Ausagieren – bin. Doch ich fälle kein Urteil darüber, nicht darüber oder über irgendeine andere Wahl, die ihr trefft.

Die Menschen möchten – über alles – alle Arten von Werturteilen abgeben, und ich verderbe ihnen gewissermaßen den Spaß. Ich schließe mich diesen Urteilen nicht an, was ganz besonders jene außer Fassung bringt, die behaupten, daß ich deren Urheber bin.

Ich beobachte folgendes: Es gab einmal eine Zeit, in der die Menschen dachten, daß eine Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Rassen nicht nur unratsam sei, sondern auch gegen das Gesetz Gottes verstoße. (Erstaunlicherweise denken manche heute noch so.) Sie deuteten auf die Bibel als ihren Zeugen, so wie sie es auch in Fragen hinsichtlich der Homosexualität tun.

Du meinst, es ist in Ordnung, wenn sich Angehörige verschiedener Rassen verehelichen?

Die Frage ist absurd, aber nicht annähernd so absurd wie die Gewißheit mancher Menschen, daß die Antwort darauf »nein« lautet.

Sind die Fragen zur Homosexualität ebenso absurd?

Das darfst du entscheiden. Ich habe kein Urteil darüber oder über sonst irgend etwas. Ich weiß, du wünschst, ich hätte es. Das würde euer Leben sehr viel einfacher machen. Ihr müßtet keine Entscheidungen treffen und euch keinen harten Herausforderungen stellen. Alles würde für euch [163]entschieden. Ihr müßtet nichts weiter tun als gehorchen. Es wäre kein großartiges Leben, zumindest nicht hinsichtlich der Kreativität oder Selbst-Ermächtigung, aber was soll's … auch kein Streß.

Laß mich dir ein paar Fragen zu Sex und Kindern stellen. Ab welchem Alter ist es angemessen, Kindern zu erlauben, sich der Sexualität als einer Lebenserfahrung bewußt zu werden?

Kinder sind sich von Anbeginn ihres Lebens ihrer selbst als sexuelle Wesen – das heißt, als menschliche Wesen – bewußt. Viele Eltern auf eurem Planeten versuchen nun, sie davon abzuhalten, Notiz davon zu nehmen. Wenn die Hand eines Babys an die »falsche Stelle« gerät, nehmt ihr sie weg. Wenn ein kleines Kind anfängt, in seinem unschuldigen Entzücken über seinen eigenen Körper Augenblicke des Selbstvergnügens zu entdecken, reagiert ihr mit Entsetzen und gebt dieses Gefühl des Schreckens an das Kind weiter. Das Kind fragt sich: Was hab' ich getan, was hab' ich getan? Mami ist böse; was hab' ich getan?

Für euch Menschen ging es nicht um die Frage, wann ihr eure Kinder in den Sex einführt, sondern um die Frage, wann ihr aufhört, von ihnen zu verlangen, daß sie ihre eigene Identität als sexuelle Wesen verleugnen. Irgendwann, wenn die Kinder zwischen 12 und 17 sind, geben die meisten von euch schon den Kampf auf und sagen im wesentlichen (wenn auch natürlich nicht mit Worten – über diese Dinge sprecht ihr nicht): »Okay, jetzt kannst du zur Kenntnis nehmen, daß du Geschlechtsteile hast und sexuelle Dinge damit anstellen kannst.«

[164]

Doch da ist der Schaden bereits angerichtet. Euren Kindern wurde zehn Jahre oder länger gezeigt, daß sie sich für diese Körperteile zu schämen haben. Manchen wurde nicht einmal gesagt, wie man sie richtig benennt. Sie bekommen alles mögliche an Ausdrücken zu hören, die zum Teil schon eine gewaltige Erfindungskraft erfordern – alles, um zu vermeiden, daß ihr einfach »Penis« oder »Vagina« sagt.

Nachdem so überaus klar geworden ist, daß alle Dinge, die mit diesen Körperteilen zu tun haben, versteckt und verleugnet werden müssen, daß über sie nicht gesprochen werden darf, gelangen eure Kinder explosionsartig in die Pubertät und haben nicht die geringste Ahnung, was da mit ihnen passiert und was sie damit anfangen sollen. Sie sind überhaupt nicht vorbereitet worden. Natürlich verhalten sie sich dann miserabel und reagieren tölpelhaft, wenn nicht völlig unangemessen, auf ihre neuesten und dringlichsten Triebe. Das wäre nicht nötig und dient, wie ich beobachte, auch nicht euren Kindern. Viel zu viele von ihnen treten mit sexuellen Tabus, Hemmungen und Komplexen ins Erwachsenenleben ein.

In aufgeklärten oder erleuchteten Gesellschaften werden die Kinder nie entmutigt, getadelt oder »korrigiert«, wenn sie anfangen, ein frühes Vergnügen an der Natur ihres elementaren Wesens zu finden. Noch ist ihren Eltern daran gelegen, ihre eigene Sexualität – das heißt, ihre Identität als sexuelles Wesen – besonders zu meiden oder unbedingt zu verstecken. Nackte Körper, ob nun die der Eltern oder der Kinder oder ihrer Geschwister, werden als etwas absolut Natürliches betrachtet und behandelt, als absolut wundervoll und absolut in Ordnung – und nicht als etwas, dessen man sich schämen müßte.

[165]

Geschlechtliche Funktionen werden ebenfalls als etwas absolut Natürliches, Wundervolles und als völlig in Ordnung betrachtet und behandelt.

In manchen Gesellschaften schlafen die Eltern vor den Augen ihrer Kinder miteinander – und was könnte den Kindern ein stärkeres Gefühl für die Schönheit und das Wunder und die reine Freude und die absolute »Richtigkeit« des sexuellen Ausdrucks der Liebe vermitteln als das? Denn die Eltern sind in dem, was »richtig« oder was »falsch« ist, ein ständiges Rollenvorbild für alles Verhalten, und Kinder fangen die subtilen und weniger subtilen Signale über alles durch das auf, was sie ihre Eltern denken, sagen und tun sehen.

Wie schon früher bemerkt, bezeichnet ihr solche Gesellschaften vielleicht als »heidnisch« oder »primitiv«, doch ist erwiesen, daß in ihnen praktisch keine Vergewaltigungen oder Verbrechen aus Leidenschaft vorkommen, Prostitution als absurd verlacht wird und sexuelle Hemmungen oder sexuelles Fehlverhalten unbekannt sind.

Während sich eine solche Offenheit gegenwärtig für eure eigene Gesellschaft nicht empfiehlt (da sie zweifellos, außer unter sehr speziellen Umständen, gesellschaftlich allzusehr geächtet würde), ist es doch an der Zeit, daß die sogenannten modernen Zivilisationen auf eurem Planeten etwas unternehmen, um der Repression, den Schuld- und Schamgefühlen ein Ende zu machen, die so oft den sexuellen Ausdruck und die sexuelle Erfahrung in ihrer Gesamtheit umgeben und charakterisieren.

Vorschläge? Ideen?

[166]

Hört auf, den Kindern schon von ihrem Lebensbeginn an beizubringen, daß die Dinge, die mit den ganz natürlichen Funktionen ihres Körpers zu tun haben, schändlich oder falsch sind. Hört auf, euren Kindern vorzuexerzieren, daß alles Sexuelle versteckt werden muß. Gestattet euren Kindern, die romantische Seite an euch zu sehen und zu beobachten. Laßt sie sehen, wie ihr euch umarmt, berührt, sanft liebkost – laßt sie sehen, daß ihre Eltern sich lieben und daß es etwas sehr Natürliches und Wunderbares ist, wenn sie ihre Liebe auf körperliche Weise zeigen. (Du wärst überrascht, wenn du wüßtest, in wie vielen Familien eine derart simple Lektion nie gelehrt wurde.)

Wenn eure Kinder anfangen, ihre eigenen sexuellen Gefühle, Neugierden und Triebe zu erforschen, dann bringt sie dazu, daß sie diese neuen und bereichernden Erfahrungen ihrer selbst mit einem Gefühl der Freude und des Feierns und nicht mit Schuldgefühlen und Scham verknüpfen.

Und hört um Himmels willen auf, eure Körper vor euren Kindern zu verstecken. Es ist in Ordnung, wenn sie euch bei einem Campingausflug in einem See in freier Natur oder im Swimmingpool im Garten nackt schwimmen sehen, bekommt keinen Schlaganfall, wenn sie euch unbekleidet vom Schlafzimmer ins Badezimmer gehen sehen; und hört mit diesem hektischen Bedürfnis auf, zu vertuschen, abzusperren und jede wenn auch noch so unschuldige Gelegenheit auszuschließen, die eurem Kind ermöglicht, euch als ein Wesen mit einer eigenen sexuellen Identität kennenzulernen. Kinder denken, daß ihre Eltern asexuell sind, weil ihre Eltern sich selbst ihnen so dargestellt haben. Dann stellen sie sich vor, daß sie auch so sein müssen, weil alle Kinder ihre Eltern nachahmen. (Therapeuten [167]werden euch sagen, daß manche, wenn sie erwachsen sind, immer noch die größte Mühe haben, sich vorzustellen, daß ihre Eltern es tatsächlich »miteinander getrieben haben«, was diese »Kinder« – nunmehr Patienten der Therapeuten – mit Wut oder Schuldgefühl oder Scham erfüllt, weil sie natürlich den Wunsch haben, »es zu treiben«, und sich nicht erklären können, was mit ihnen nicht stimmt.

Sprecht also mit euren Kindern über Sex, lacht mit euren Kindern darüber; unterrichtet sie, erlaubt ihnen und zeigt ihnen, wie sie ihre Sexualität feiern können. Das ist es, was ihr für eure Kinder tun könnt. Und tut dies vom ersten Tag ihres Lebens an, mit dem ersten Kuß, der ersten Umarmung, der ersten Berührung, die sie von euch erhalten und die ihr gegenseitig voneinander bekommt.

Ich danke dir. Ich danke dir. Ich hoffte so sehr, daß du in dieses Thema etwas Sinn hineinbringen würdest. Aber noch eine letzte Frage. Wann ist es angemessen, die Kinder ganz spezifisch in die Sexualität einzuführen, mit ihnen darüber zu sprechen oder sie ihnen zu beschreiben?

Sie werden es euch sagen, wenn die Zeit gekommen ist. Jedes Kind wird das unmißverständlich klarmachen, wenn ihr wirklich beobachtet und zuhört. Es entwickelt sich übrigens mit dem Wachstum und kommt in ganz bestimmten Wachstumsschritten. Und ihr werdet wissen, wie ihr dem jeweiligen Alter angemessen mit der Sexualität eures Kindes umgehen müßt, wenn ihr selbst damit im reinen seid, wenn ihr eure ganzen diesbezüglichen »unerledigten Angelegenheiten« erledigt habt.

[168]

Wie gelangen wir dahin?

Tut, was nötig ist. Nehmt an einem Seminar teil. Nehmt therapeutische Hilfe in Anspruch. Schließt euch einer Gruppe an. Lest ein Buch. Meditiert darüber. Entdeckt einander – vor allem, entdeckt euch gegenseitig wieder als männlich und weiblich; entdeckt wieder eure eigene Sexualität, sucht sie wieder auf, gewinnt sie wieder, eignet sie euch wieder an. Feiert sie. Genießt sie. Macht sie euch zu eigen.

Nehmt eure eigene freudvolle Sexualität in Anspruch, dann könnt ihr euren Kindern erlauben und sie dazu ermutigen, daß sie sich ihre Sexualität zu eigen machen.

Ich möchte dir nochmals danken. Lassen wir nun die Belange der Kinder beiseite und kommen wir auf das umfassendere Thema der menschlichen Sexualität zurück. Hier muß ich dir noch eine weitere Frage stellen. Sie mag sich unverschämt oder auch frivol anhören, aber ich kann diesen Dialog nicht beenden, ohne dich das zu fragen.

Hör auf, dich zu entschuldigen, und frag einfach.

Schön. Gibt es so etwas wie »zuviel Sex«?

Nein. Natürlich nicht. Aber es gibt so etwas wie zuviel Bedürfnis nach Sex.

Ich schlage folgendes vor:

Genießt alles.
Braucht nichts.

Menschen eingeschlossen?

Menschen eingeschlossen. Vor allem Menschen. Jemanden zu brauchen ist der schnellste Weg, eine Beziehung abzuwürgen.

Aber wir alle haben gerne das Gefühl, gebraucht zu werden.

Dann hört damit auf. Habt statt dessen gerne das Gefühl, nicht gebraucht zu werden – denn das größte Geschenk, das du jemandem machen kannst, ist die Stärke und die Kraft, dich nicht zu brauchen, dich für nichts zu brauchen.

 

 

[170]

9

Okay, ich bin jetzt bereit, zu anderem überzugehen. Du hast versprochen, über einige umfassendere Aspekte des Lebens auf Erden zu sprechen, und seit du deine Bemerkungen über das Leben in den Vereinigten Staaten gemacht hast, wollte ich mit dir noch mehr über all das reden.

Ja, gut. Ich möchte, daß wir auf einige der wichtigsten Probleme eures Planeten eingehen. Und es gibt kein wichtigeres Thema als die Erziehung eurer Nachkommenschaft.

Wir machen das nicht gut, nicht wahr … Ich kann es schon daran ablesen, wie du das zur Sprache bringst.

Alles ist natürlich relativ. Nein, in Relation gesehen zu dem, was ihr deiner Aussage nach zu tun versucht, macht ihr es nicht gut. Alles, was ich hier sage, alles, was ich bislang in diese Diskussion eingebracht habe und Bestandteil dieser Aufzeichnungen ist, muß in diesen Kontext gestellt werden. Ich fälle keine Urteile über »richtig« oder »falsch«, »gut« oder »schlecht«. Ich stellte nur einfach Beobachtungen über eure Effektivität im Verhältnis zu dem an, was ihr deiner Aussage nach zu tun versucht.

Das verstehe ich.

Ich weiß, du sagst, daß du das verstehst. Doch die Zeit mag kommen – sogar noch bevor dieser Dialog zu Ende ist –, wo [171]du mir vorwerfen wirst, daß ich zu streng mit euch ins Gericht gehe.

Das würde ich dir nie vorwerfen. Ich weiß es besser.

Dieses »bessere Wissen« hat die Menschen nicht davon abgehalten, mich in der Vergangenheit einen richtenden Gott zu nennen.

Aber es wird mich davon abhalten.

Wir werden sehen.

Du wolltest über Erziehung sprechen.

In der Tat. Ich beobachte, daß die meisten von euch den Sinn, den Zweck und die Funktion der Erziehung mißverstanden haben, vom Prozeß ihrer optimalen Durchführung ganz zu schweigen.

Das ist eine umfassende Aussage, und ich brauche hier etwas Hilfe.

In den meisten Fällen hat die Menschheit entschieden, daß Sinn, Zweck und Funktion der Erziehung in der Weitergabe von Wissen bestehen; daß Menschen zu erziehen bedeutet, ihnen Wissen zu vermitteln – im allgemeinen verstehen sie darunter das angesammelte Wissen der jeweiligen Familie, des Klans, des Stammes, der Gesellschaft, der Nation und der Welt.

Doch Erziehung hat sehr wenig mit Wissen zu tun.

[172]

Oh? Mit was hat sie denn zu tun?

Mit Weisheit.

Weisheit.

Ja.

Okay, ich gebe auf. Was ist der Unterschied?

Weisheit ist angewandtes Wissen.

Wir sollen also nicht versuchen, unserer Nachkommenschaft Wissen zu vermitteln. Wir sollen versuchen, ihr Weisheit zu übermitteln.

Erstens einmal, »versucht« nicht, irgend etwas zu tun. Tut es. Zweitens, vernachlässigt nicht das Wissen zugunsten der Weisheit. Das wäre fatal. Vernachlässigt andererseits auch nicht die Weisheit zugunsten des Wissens. Das wäre ebenfalls fatal. Das wäre das Ende der Erziehung. Auf eurem Planeten ist es bereits deren Ende.

Wir vernachlässigen die Weisheit zugunsten des Wissens?

Ja, in den meisten Fällen.

Wie machen wir das?

Ihr lehrt eure Kinder, was sie denken sollen, statt wie man denkt.

[173]

Erkläre das bitte.

Gerne. Wenn ihr euren Kindern Wissen übermittelt, sagt ihr ihnen, was sie denken sollen. Das heißt, ihr sagt ihnen, was sie wissen sollen, was sie eurem Wunsch nach als wahr begreifen sollen.

Wenn ihr euren Kindern Weisheit übermittelt, dann sagt ihr ihnen nicht, was sie wissen sollen oder was wahr ist, sondern erklärt ihnen vielmehr, wie sie zu ihrer eigenen Wahrheit gelangen.

Aber ohne Wissen kann es keine Weisheit geben.

Stimmt. Deshalb habe ich gesagt, daß ihr nicht das Wissen zugunsten der Weisheit vernachlässigen sollt. Ein gewisses Maß an Wissen muß ganz offensichtlich von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Doch so wenig Wissen wie möglich. Je geringer die Menge, desto besser.

Laßt das Kind selbst entdecken. Merk dir: Wissen geht verloren. Weisheit wird nie vergessen.

Unsere Schulen sollten also so wenig wie möglich lehren?

Eure Schulen sollten ihre Prioritäten vertauschen. Gegenwärtig konzentrieren sie sich in einem Höchstmaß auf das Wissen und schenken der Weisheit ausgesprochen wenig Aufmerksamkeit. Viele Eltern empfinden einen Unterricht in kritischem Denken, in der Lösung von Problemen und in Logik als bedrohlich. Sie wollen, daß solche Themen aus dem Lehrplan gestrichen werden. Und sie tun gut daran, wenn sie ihre Lebensweise schützen wollen. Denn Kinder, [174]denen eine Entwicklung ihrer eigenen kritischen Denkprozesse zugestanden wird, werden sich sehr wahrscheinlich von den moralischen und sittlichen Normen und der ganzen Lebensart ihrer Eltern abkehren.

Um eure Lebensart zu schützen, müßt ihr eine Erziehungssystem aufbauen, das sich auf die Entwicklung des Gedächtnisses und nicht der Fähigkeiten des Kindes gründet. Kindern wird beigebracht, sich an Fakten und Fiktionen zu erinnern – Fiktionen, die jede Gesellschaft in bezug auf sich selbst etabliert hat –, statt daß ihnen die Fähigkeit vermittelt wird, ihre eigene Wahrheit zu entdecken und zu erschaffen.

Lehrprogramme, die den Kindern beibringen, wie sie Fähigkeiten und Fertigkeiten statt des Gedächtnisses entwickeln können, werden rundum von jenen verlacht, die sich einbilden, zu wissen, was ein Kind lernen muß. Doch was ihr eure Kinder gelehrt habt, hat eure Welt zu Ignoranz geführt, statt diese aufzuheben.

Unsere Schulen lehren keine Fiktionen, sie lehren Fakten.

Jetzt lügst du dir selbst etwas vor, genauso wie ihr eure Kinder anlügt.

Wir lügen unsere Kinder an?

Natürlich macht ihr das. Nimm irgendein Geschichtsbuch zur Hand und schau's dir an. Eure Geschichte wird von Menschen geschrieben, die wollen, daß ihre Kinder die Welt unter einem bestimmten Blickwinkel sehen. Jeder Versuch, die Geschichtsschreibung um eine umfassendere [175]Sicht hinsichtlich der Fakten zu erweitern, wird höhnisch als »revisionistisch« abgetan. Ihr erzählt euren Kindern nicht die Wahrheit über eure Vergangenheit, damit sie nicht erkennen, wie ihr wirklich seid.

In den Vereinigten Staaten wird die Geschichte meist aus der Sicht jenes Segments eurer Gesellschaft geschrieben, das ihr als weiß, angelsächsisch, protestantisch und männlich charakterisiert. Wenn Frauen, Afroamerikaner oder andere Angehörige einer Minderheit sagen: »He, warte mal. So ist das nicht passiert. Ihr habt hier eine ganze Menge ausgelassen«, zuckt ihr zusammen und kreischt und verlangt, daß diese »Revisionisten« mit ihrem Versuch aufhören, eure Schulbücher ändern zu wollen. Ihr wollt nicht, daß eure Kinder erfahren, wie es wirklich passiert ist. Ihr wollt, daß sie wissen, wie ihr aus eurer Sicht das Geschehene rechtfertigt. Soll ich dir ein Beispiel dafür nennen?

Bitte.

In den Vereinigten Staaten lehrt ihr eure Kinder nicht alles, was es über die Entscheidung eures Landes zu wissen gibt, Atombomben auf zwei japanische Städte abzuwerfen, wodurch Hunderttausende von Menschen getötet oder verstümmelt wurden. Vielmehr vermittelt ihr ihnen die Fakten so, wie ihr sie seht – und wie ihr wollt, daß eure Kinder sie sehen.

Wenn der Versuch gemacht wird, diese Sichtweise durch eine andere Sichtweise – in diesem Fall die der Japaner – zu ergänzen und zu objektivieren, brüllt und tobt und geifert und wütet ihr und hüpft auf und ab und verlangt, daß die Schulen noch nicht einmal daran denken, derartige Informationen [176]in ihre historische Darstellung vom Ablauf dieses wichtigen Ereignisses einzubeziehen. Von daher habt ihr gar nicht Geschichte, sondern Politik unterrichtet.

Geschichte sollte einen genauen und vollständigen Bericht über das liefern, was tatsächlich passiert ist. In der Politik geht es immer um jemandes Sichtweise von einem Geschehen.

Geschichte enthüllt, Politik rechtfertigt. Geschichte deckt auf, erzählt alles. Politik deckt zu, spricht nur von einer Seite.

Politiker hassen ehrlich geschriebene Geschichte. Und ehrlich geschriebene Geschichte spricht ihrerseits auch nicht besonders gut von den Politikern.

Doch ihr tragt »des Kaisers neue Kleider«, denn letztlich durchschauen euch eure Kinder. Kinder, die kritisch zu denken gelehrt wurden, schauen sich eure Geschichte an und sagen: »Meine Güte, was sich doch meine Eltern und die ältere Generation vorgemacht haben.« Das könnt ihr nicht tolerieren, also trommelt ihr es aus ihnen heraus. Ihr wollt nicht, daß eure Kinder über die grundlegendsten Fakten informiert werden. Ihr wollt, daß sie sich an eure Fakten halten.

Ich glaube, da übertreibst du. Ich denke, hier bist du ein bißchen zu weit gegangen.

Tatsächlich? Die meisten Menschen in eurer Gesellschaft wollen doch nicht einmal, daß ihre Kinder über die grundlegendsten Fakten des Lebens aufgeklärt werden. Die Leute drehten durch, als die Schulen einfach anfingen, die Kinder zu lehren, wie der menschliche Körper funktioniert. Heute [177]darf den Kindern nicht erklärt werden, wie Aids übertragen wird oder wie eine Übertragung vermieden werden kann. Außer es wird ihnen aus einer ganz bestimmten Sichtweise heraus erklärt, dann ist es in Ordnung. Aber ihnen einfach die Fakten vermitteln und sie dann selbst entscheiden lassen? Nur über eure Leiche.

Kinder sind noch nicht bereit, in diesen Dingen selbst zu entscheiden. Sie müssen richtig angeleitet werden.

Hast du mal letzthin einen Blick auf eure Welt geworfen?

Was ist damit?

So habt ihr eure Kinder in der Vergangenheit angeleitet.

Nein, so haben wir sie mißgeleitet. Wenn sich die Welt heute in einem miserablen Zustand befindet – und das tut sie in vielerlei Hinsicht –, dann nicht, weil wir versucht haben, unsere Kinder die alten Werte zu lehren, sondern weil wir zugelassen haben, daß ihnen all dieses »überspannte neumodische« Zeug beigebracht wird.

Das glaubst du wirklich, nicht wahr?

Da hast du verdammt recht. Das glaube ich wirklich! Wenn wir unseren Kindern die guten alten Grenzen gesetzt hätten, statt sie mit all diesem Quatsch von »kritischem Denken« zu füttern, wären wir alle heute viel besser dran. Wenn wir den sogenannten »Sexualunterricht« aus den Klassenzimmern herausgehalten und zu Hause belassen [178]hätten, wo er hingehört, würden wir es heute nicht erleben, daß Teenager Kinder bekommen und 17jährige alleinerziehende Mütter zum Sozialamt gehen und daß die Welt aus den Fugen gerät. Wenn wir darauf bestanden hätten, daß die Jugend nach unseren Moralvorstellungen lebt, statt hinzugehen und sich ihre eigenen zu schaffen, hätte sich unsere starke, energiegeladene Nation nicht in ein jammervolles Abziehbild ihres früheren Selbst verwandelt.

Meinst du.

Und noch eines. Steh du nicht da und sag mir, daß wir uns plötzlich für das, was wir in Hiroshima und Nagasaki taten, im »Unrecht« fühlen sollen. Wir haben den Krieg beendet. Wir haben Tausende von Leben gerettet. Auf beiden Seiten. Das war der Preis des Krieges. Niemand mochte diese Entscheidung, aber sie mußte getroffen werden.

Meinst du.

Ja, das meine ich. Du bist genauso wie der ganze Rest dieser kommunistisch angehauchten Liberalen. Du willst, daß wir unsere Geschichtsauffassung revidieren. Du willst, daß wir uns so revidieren, daß wir überhaupt nicht mehr existieren. Dann habt ihr Liberale endlich freie Bahn; könnt die Welt übernehmen; eure dekadenten Gesellschaften errichten; den Reichtum neu verteilen. Alle Macht dem Volk und all diesen Scheiß. Nur daß uns das nie irgendwohin gebracht hat. Was wir brauchen, ist die Rückkehr zur Vergangenheit, zu den Werten unserer Vorväter. Das ist es, was wir brauchen!

[179]

Bist du jetzt fertig?

Ja, ich bin fertig. Wie war ich?

Ziemlich gut. Das war wirklich gut.

Naja, wenn man sich ein paar Jahre lang mit Radiotalkshows befaßt hat, kommt einem das locker über die Lippen.

So denken also die Leute auf eurem Planeten, wie?

Darauf kannst du wetten. Und nicht nur in den Vereinigten Staaten. Du könntest auch ein anderes Land und einen anderen Krieg nehmen, irgendeine militärische Offensive irgendeiner Nation zu irgendeinem historischen Zeitpunkt dafür einsetzen. Es spielt keine Rolle. Jeder denkt, daß er recht hat. Jeder weiß, daß der andere im Unrecht ist. Vergiß Hiroshima, nimm statt dessen Berlin. Oder Bosnien.

Jedermann weiß auch, daß die alten Werte funktioniert haben. Jedermann weiß, daß die Welt zum Teufel geht. Nicht nur in den Vereinigten Staaten. Überall. Überall auf dem Planeten schreit man nach einer Rückbesinnung auf die alten Werte und nach einer Rückkehr zum Nationalismus.

Ich weiß.

Und ich habe hier versucht, diesem Gefühl, dieser Besorgnis, dieser Wut Ausdruck zu verleihen.

Das hast du gut gemacht. Hast mich beinahe überzeugt.

[180]

Nun? Was sagst du jenen, die tatsächlich so denken?

Ich sage: Denkt ihr wirklich, daß die Dinge vor 30, 40 oder 50 Jahren besser waren? Ich sage: Das Gedächtnis ist schwach, ihr erinnert euch an das Gute und nicht an das Schlimmste. Das ist natürlich, das ist normal. Aber laßt euch nicht täuschen. Denkt ein bißchen kritisch und erinnert euch nicht nur an das, was auch andere gelten lassen wollen.

Bildet ihr euch, um bei unserem Beispiel zu bleiben, wirklich ein, es sei absolut notwendig gewesen, die Atombombe über Hiroshima abzuwerfen? Was sagen eure amerikanischen Historiker zu den vielen Berichten derer, die behaupten, mehr über das zu wissen, was wirklich geschah, und wonach das japanische Kaiserreich den Vereinigten Staaten im geheimen seine Bereitschaft zur Beendigung des Krieges signalisiert hatte, bevor die Bombe abgeworfen wurde? Eine wie große Rolle spielte bei dieser Entscheidung die Rache für das schreckliche Geschehen von Pearl Harbor? Und warum war, wenn ihr die Notwendigkeit dieser Bombe auf Hiroshima akzeptiert, eine zweite Bombe nötig?

Es könnte natürlich sein, daß eure eigene Darstellung all dieser Dinge korrekt ist. Es könnte sein, daß die amerikanische Sichtweise die Dinge so wiedergibt, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben. Um diesen Punkt geht es hier nicht. Hier geht es darum, daß euer Erziehungssystem kein kritisches Denken zu diesem Thema – oder zu vielen anderen Themen, was das anbelangt – zuläßt.

Könnt ihr euch vorstellen, was mit einem Lehrer der Sozialwissenschaft oder Geschichte in Iowa passieren würde, wenn er einer Klasse die oben erwähnte Fragen stellte und [181]seine Schüler aufforderte und ermutigte, diese Themen in ihrer ganzen Tiefe zu ergründen und zu erforschen und ihre eigenen Schlußfolgerungen zu ziehen?

Das ist der Punkt! Ihr wollt nicht, daß eure Jugend ihre eigenen Schlußfolgerungen zieht. Ihr wollt, daß sie zu denselben Schlußfolgerungen gelangt wie ihr. Auf diese Weise verdammt ihr sie dazu, die Fehler zu wiederholen, zu denen euch eure Schlußfolgerungen geführt haben.

Aber was ist mit den Aussagen so vieler Menschen zu den alten Werten und dem heutigen Zerfall unserer Gesellschaft? Was ist mit dieser unglaublichen Zunahme von Teenagermüttern oder vom Sozialamt abhängigen Müttern oder damit, daß die Welt aus den Fugen gerät?

Eure Welt ist aus den Fugen geraten. Da stimme ich zu. Aber eure Welt geriet nicht aus den Fugen aufgrund dessen, was ihr eure Schulen eure Kinder habt lehren lassen. Sie geriet aus den Fugen aufgrund dessen, was ihr sie nicht habt lehren lassen.

Ihr habt nicht gestattet, daß eure Schulen sie lehren, daß die Liebe alles ist, was es gibt. Ihr habt nicht erlaubt, daß eure Schulen über die bedingungslose Liebe sprechen.

Zum Teufel, wir erlauben ja nicht einmal, daß in unseren Kirchen darüber gesprochen wird.

Das ist richtig. Und ihr werdet nicht zulassen, daß man euren Kindern beibringt, wie sie sich selbst und ihren Körper feiern, ihre Menschlichkeit und ihre wunderbare sexuelle Persönlichkeit. Und ihr werdet nicht zulassen daß [182]eure Kinder erfahren, daß sie in erster Linie und vorrangig Geister sind, die einen Körper bewohnen. Ihr behandelt eure Kinder ja auch nicht als spirituelle Wesen, die sich in einem Körper inkarnieren.

In Gesellschaften, in denen offen über die Sexualität gesprochen und freimütig diskutiert wird, wo sie auf freudvolle Weise erklärt und erlebt wird, gibt es praktisch keine Sexualverbrechen, nur eine sehr geringe Anzahl von unerwünschten Schwangerschaften und keine »illegitimen« Kinder. In hochentwickelten Gesellschaften werden alle Geburten als ein Segen betrachtet, und es wird für das Wohl aller Mütter und aller Kinder gesorgt. Die Gesellschaft würde es nicht anders haben wollen.

In Gesellschaften, in denen Geschichte nicht den Ansichten der Stärksten und Mächtigsten gemäß verbogen wird, werden die Fehler der Vergangenheit offen eingestanden und nie wiederholt, und einmal ist genug für alles eindeutig selbstzerstörerische Verhalten.

In Gesellschaften, in denen kritisches Denken, Möglichkeiten der Problemlösung und dem Leben dienliche Kenntnisse und Fähigkeiten gelehrt werden, statt daß Fakten einfach nur auswendig gelernt werden, werden auch sogenannte »gerechte« Aktionen der Vergangenheit einer äußerst kritischen Prüfung unterzogen. Nichts wird nur aufgrund des äußeren Scheins akzeptiert.

Wie würde das funktionieren? Nehmen wir unser Beispiel des Zweiten Weltkriegs. Wie würde ein Schulsystem, das dem Leben dienliche Kenntnisse und Fähigkeiten statt bloße Fakten lehrt, an diese historische Episode von Hiroshima herangehen?

[183]

Eure Lehrer würden ihren Schülern genau beschreiben, was da passiert ist. Sie würden alle Fakten – alle Fakten –, die zu diesem Ereignis geführt haben, einbeziehen. Sie würden sich über die Ansichten der Historiker auf beiden Seiten informieren, da ihnen klar ist, daß alles unter mehr als einem Blickwinkel zu betrachten ist. Sie würden dann ihre Schüler nicht dazu auffordern, die Fakten dieser Angelegenheit auswendig zu lernen. Vielmehr würden sie sie herausfordern und sagen: »Nun habt ihr alles über die Geschichte gehört. Ihr seid über alles informiert, was sich davor und danach abgespielt hat. Wir haben euch alle ›Informationen‹ über diese Angelegenheit gegeben, derer wir habhaft werden konnten. Zu welcher ›Weisheit‹ gelangt ihr nun aufgrund dieser ›Kenntnisse‹? Welche Lösungen würdet ihr finden, wenn ihr ausgewählt würdet, die Probleme zu lösen, mit denen man sich damals konfrontiert sah und die mit dem Abwerfen der Bombe gelöst wurden? Könnt ihr euch einen besseren Weg denken?«

Oh, sicher. Das ist einfach. Jeder kann auf diese Weise mit Antworten aufwarten – wenn er den Vorteil der Rückschau hat. Jeder kann uns über die Schulter schauen und sagen: »Ich hätte es anders gemacht.«

Warum macht ihr es dann nicht?

Wie bitte?

Ich sagte, warum macht ihr es dann nicht? Warum habt ihr nicht über eure Schulter geblickt, aus der Vergangenheit gelernt und es anders gemacht? Ich sage dir, warum. Wenn [184]ihr zulaßt, daß sich eure Kinder eure Vergangenheit anschauen und sie kritisch analysieren – wenn ihr es von ihnen als Bestandteil ihrer Erziehung tatsächlich verlangtet –, würdet ihr das Risiko eingehen, daß sie mit euch nicht darin einig sind, wie ihr die Dinge macht.

Sie werden natürlich ohnehin anderer Meinung sein. Ihr wollt nur nicht allzuviel von dieser anderen Meinung in den Klassenzimmern zulassen. Also müssen sie auf die Straße gehen. Transparente schwenken. Einberufungsbefehle zerreißen. Büstenhalter und Fahnen verbrennen. Tun, was immer ihnen möglich ist, um eure Aufmerksamkeit zu erlangen, euch dazu zu bringen, daß ihr die Augen aufmacht. Eure jungen Menschen haben euch zugebrüllt: »Es muß einen besseren Weg geben!« Aber ihr hört sie nicht. Ihr wollt sie nicht hören. Und ganz sicher wollt ihr sie nicht dazu ermuntern, in der Schule kritisch über die Fakten nachzudenken, mit denen ihr sie vollstopft.

Kapiert es einfach, sagt ihr zu ihnen. Kommt nicht hier an und sagt uns, daß wir unrecht getan haben. Kapiert einfach, daß wir das Richtige gemacht haben.

So erzieht ihr eure Kinder. Das nennt ihr Erziehung.

Aber da gibt es die, die sagen, daß es die jungen Leute und ihre verrückten, verschrobenen, liberalen Ideen sind, die dieses Land und die Welt den Bach haben hinuntergehen lassen. Sie zum Teufel geschickt haben. Sie an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Unsere wertorientierte Kultur zerstört und sie durch eine Mentalität des »Tu-was-immer-du-tun-willst, was-immer-sich-gut-anfühlt« ersetzt haben, die unserer ganzen Lebensweise ein Ende zu machen droht.

[185]

Die jungen Leute zerstören tatsächlich eure Lebensweise. Die jungen Leute haen das immer getan. Eure Aufgabe ist es, sie dazu zu ermuntern, statt sie zu entmutigen.

Es sind nicht eure jungen Leute, die die Regenwälder vernichten. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die die Ozonschicht zerstören. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die überall auf der Welt die Armen unter miesesten Arbeitsbedingungen in den Betrieben ausbeuten. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die euch zu Tode besteuern und dann das Geld für Kriege und Kriegsmaschinerie ausgeben. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die die Probleme der Schwachen und Unterdrückten ignorieren, die jeden Tag auf der Welt Hunderte von Menschen verhungern lassen, obwohl es mehr als genug gibt, um jeden Menschen zu ernähren. Sie bitten euch, damit aufzuhören.

Es sind nicht eure jungen Leute, die eine Politik der Täuschung und Manipulation betreiben. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die sexuell unterdrückt sind, sich ihres eigenen Körpers schämen und genieren und diese Scham und Verlegenheit an ihre Kinder weitergeben. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die ein Wertsystem etabliert haben, wonach »Macht gleich Recht« ist, und die eine Welt aufgebaut haben, die ihre Probleme mit Gewalt löst. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Nein, sie bitten euch nicht … sie flehen euch an.

Doch es gibt auch junge Leute, die gewalttätig sind! Junge Leute, die sich Banden anschließen und sich gegenseitig [186]umbringen! Junge Leute, die sich nicht um Recht und Ordnung scheren – um keinerlei Art von Ordnung. Junge Menschen, die uns zum Wahnsinn treiben!

Wenn die Rufe und Bitten der jungen Menschen, die Welt zu verändern, nicht gehört und nie beachtet werden; wenn sie sehen, daß ihre Sache verloren ist – daß ihr es auf eure Weise macht, ganz egal, was kommt –, werden junge Leute, die nicht dumm sind, das Nächstbeste tun. Wenn sie gegen euch nicht ankommen, dann werden sie so wie ihr.

Eure jungen Leute sind dabei, so wie ihr zu werden. Wenn sie gewalttätig sind, dann weil ihr gewalttätig seid. Wenn sie materialistisch sind, dann weil ihr materialistisch seid. Wenn sie sich verrückt benehmen, dann weil ihr euch verrückt benehmt. Wenn sie mit der Sexualität manipulativ, unverantwortlich, schändlich umgehen, dann weil sie sehen, daß ihr dasselbe macht. Der einzige Unterschied zwischen den jungen und den älteren Menschen ist der, daß die jungen Leute das, was sie tun, offen tun.

Ältere Menschen verstecken ihr eigentliches Verhalten. Sie denken, junge Leute könnten es nicht sehen. Doch die jungen Menschen sehen alles. Ihnen bleibt nichts verborgen. Sie sehen die Heuchelei der Älteren und versuchen verzweifelt, das zu ändern. Und nachdem sie es versucht haben und gescheitert sind, sehen sie keine andere Möglichkeit, als sie zu imitieren. Hier irren sie sich, aber sie sind es nie anders gelehrt worden. Es wurde ihnen nicht gestattet, die Taten der älteren Generation kritisch zu analysieren. Es wurde ihnen nur gestattet, sie auswendig zu lernen.

Was du auswendig lernst, dir einprägst, das wird dir schließlich zum Denkmal und zum Vorbild.

[187]

Wie sollten wir also unsere jungen Leute erziehen?

Erstens, behandelt sie als Geistwesen. Sie sind Geistwesen, die in einen physischen Körper eintreten. Und das ist nicht leicht für ein Geistwesen; es ist nicht leicht, sich daran zu gewöhnen. Es ist sehr eng, sehr einschränkend. Das Kind wird also aufschreien, weil es sich plötzlich so begrenzt findet. Hört diesen Aufschrei. Versteht ihn. Und gebt euren Kindern sosehr wie möglich das Gefühl von »Unbegrenztheit«.

Zweitens, führt sie mit Sanftheit und Güte und Achtsamkeit in die Welt ein, die ihr erschaffen habt. Achtet sorgsam darauf, was ihr in ihren Gedächtnisspeicher eingebt. Kinder erinnern sich an alles, was sie sehen, an alles, was sie erleben. Warum gebt ihr euren Kindern in dem Moment, in dem sie aus dem Mutterschoß geboren werden, einen Klaps? Denkt ihr wirklich, das sei die einzige Möglichkeit, ihren Motor in Gang zu setzen? Warum nehmt ihr die Babys nur Minuten nachdem sie von der einzigen Lebensform getrennt wurden, die sie in ihrer bisherigen Existenz kannten, von ihren Müttern weg? Kann das Maßnehmen und Wiegen und Stupsen und Pieksen nicht noch einen Moment warten, bis das Neugeborene die Sicherheit und den Trost dessen, was ihm Leben gegeben hat, erfahren hat?

Warum laßt ihr zu, daß zu den frühesten Bildern, denen euer Kind ausgesetzt wird, Bilder von Gewalttätigkeit gehören? Wer hat euch erzählt, daß das für Kinder gut ist? Und warum versteckt ihr Bilder der Liebe?

Warum lehrt ihr eure Kinder, sich für ihren eigenen Körper und seine Funktionen zu schämen und zu genieren, indem ihr eure eigenen Körper vor ihnen abschirmt und ihnen [188]sagt, daß sie sich nie selbst in einer Weise berühren und betasten dürfen, die ihnen Vergnügen bereitet? Was für Botschaften über Vergnügen übermittelt ihr ihnen? Und welche Lektionen lehrt ihr sie über den Körper?

Warum steckt ihr eure Kinder in Schulen, in denen konkurrierendes Verhalten erlaubt, ja geradezu ermuntert wird, wo jene belohnt werden, die am »besten« sind und am »meisten« lernen, wo »Leistung« gut benotet wird und diejenigen, die in ihrem eigenen Tempo voranschreiten, kaum toleriert werden? Was lernen eure Kinder daraus?

Warum unterrichtet ihr eure Kinder nicht in Bewegung und Musik, lehrt sie nicht, Freude an Kunst, am Geheimnis der Märchen und an den Wundern des Lebens zu finden? Warum bringt ihr nicht nach außen, was sich ganz natürlich im Kind findet, statt etwas in das Kind hineinzustecken, das für es unnatürlich ist?

Und warum erlaubt ihr nicht, daß eure jungen Menschen lernen, kritisch zu denken, Probleme zu lösen und schöpferisch zu sein, das Instrumentarium ihrer eigenen Intuition und ihres tiefsten inneren Wissens zu nutzen, statt sich der Regeln und auswendig gelernter Systeme und Schlußfolgerungen einer Gesellschaft zu bedienen, die sich selbst bereits bewiesen hat, daß sie völlig unfähig ist, sich über diese Methoden weiterzuentwickeln, sie aber dennoch weiterhin anwendet?

Und schließlich, lehrt sie Gedanken und Ideen, nicht Fachwissen.

Entwerft einen neuen Lehrplan und baut ihn um drei Grundbegriffe herum auf:

Bewußtheit – Ehrlichkeit – Verantwortungsgefühl

[189]

Lehrt eure Kinder von klein auf, was es mit diesen Begriffen, mit diesen Grundgedanken auf sich hat. Laßt sie bis zum letzten Schultag in allem deutlich werden. Gründet euer gesamtes Erziehungssystem auf diese Grundbegriffe. Laßt alle Unterweisung tief in ihnen verwurzelt sein.

Ich weiß nicht, was das heißt.

Es heißt, daß alles, was ihr lehrt, aus diesen Grundgedanken erwächst.

Kannst du das näher erläutern?

Alle Geschichten, Erzählungen und Lehrstoffe von euren Fibeln bis hin zu euren anspruchsvollsten Lehrbüchern würden sich um diese Grundgedanken drehen. Das heißt, es würde sich um Geschichten über Bewußtheit und Gewahrsein handeln, um Geschichten, die mit Ehrlichkeit und mit Verantwortungsgefühl zu tun haben. Eure Kinder würden in diese Grundbegriffe eingeführt, sie würden ihnen eingepflanzt, sie würden mit ihnen zutiefst vertraut gemacht werden.

Auch Aufsätze, die sie zu schreiben haben, würden sich um diese Grundbegriffe und andere damit verbundene Themen drehen, in dem Maße, wie die Kinder ihre Fähigkeit des Selbstausdrucks erweitern.

Auch rechnerische Fähigkeiten würden innerhalb dieses Kontexts gelehrt werden. Arithmetik und Mathematik sind nichts Abstraktes, sondern elementare Werkzeuge des Universums, um ein Leben zu leben. Der Unterricht in allen rechnerischen Fähigkeiten würde im Kontext einer umfassenderen [190]Lebenserfahrung erfolgen, und zwar so, daß die Aufmerksamkeit konzentriert auf diese Grundbegriffe und ihre Ableitungen gerichtet sind.

Was sind das für »Ableitungen«?

Sie ergeben sich sozusagen als »Nebenprodukte«. Das ganze Erziehungssystem kann sich auf diese Nebenprodukte gründen, die ihrerseits die Fächer eures gegenwärtigen Lehrplanes, in denen im Grunde nur Fakten gelehrt werden, ersetzen.

Zum Beispiel?

Laß uns mal unsere Vorstellungskraft einsetzen. Nenn mir einige Grundbegriffe oder Prinzipien, die dir im Leben wichtig sind.

Ah … nun, ich würde sagen … Ehrlichkeit, wie du gesagt hast.

Ja, weiter. Das ist ein Grundbegriff.

Und, äh … Fairneß. Das ist für mich ein wichtiger Begriff.

Gut. Noch irgendwelche andere?

Andere nett zu behandeln. Das gehört dazu. Ich weiß nicht, wie ich das in einen Begriff fassen soll.

Mach weiter. Laß die Gedanken einfach fließen.

[191]

Gut miteinander auskommen. Tolerant sein. Andere nicht verletzen. Andere als gleichwertig ansehen. Das sind alles Dinge, die ich hoffe, meinen Kindern beibringen zu können.

Gut. Exzellent! Mach weiter.

Äh … an sich selbst glauben. Das ist gut. Und, hm … warte, warte, da kommt was … ja, das ist es: den Weg in Würde gehen. Ja, ich glaube, so würde ich es benennen. Ich weiß auch nicht, wie ich das in einen besseren Begriff fassen kann, aber es hat damit zu tun, welche Haltung man im Leben bewahrt und wie man anderen und dem Weg, den sie gehen, Achtung entgegenbringt.

Das sind gute Vorschläge. Das sind alles gute Ideen. Du denkst jetzt wirklich ernsthaft nach. Und es gibt noch viele andere solche Grundgedanken und Prinzipien, die alle Kinder zutiefst verstehen müssen, wenn sie sich weiterentwickeln und zu ganzheitlichen menschlichen Wesen heranwachsen sollen. Doch diese Dinge lehrt ihr nicht in euren Schulen. Diese Dinge, von denen wir jetzt sprechen, sind die wichtigsten Dinge im Leben, aber ihr unterrichtet sie nicht an der Schule. Ihr lehrt nicht, was es heißt, ehrlich zu sein. Ihr lehrt nicht, was Verantwortungsgefühl bedeutet. Ihr lehrt nicht, was es heißt, sich der Gefühle anderer Menschen bewußt zu sein und den Weg anderer Menschen zu respektieren.

Ihr sagt, es sei die Aufgabe der Eltern, diese Dinge zu lehren. Doch Eltern können nur das weitergeben, was an sie weitergegeben worden ist. Denn die Kinder werden von den [192]Sünden der Väter heimgesucht. Also lehrt ihr in eurem Zuhause dasselbe Zeug, das euch eure Eltern in ihrem Zuhause beigebracht haben.

Und? Was ist daran falsch?

Wie ich dich schon wiederholte Male fragte: Hast du letzthin mal einen Blick auf die Welt geworfen?

Du bringst uns immer wieder auf diesen Punkt zurück. Lenkst unseren Blick immer wieder darauf. Aber das ist nicht alles unsere Schuld. Wir können nicht für den Zustand der ganzen Welt verantwortlich gemacht werden.

Das ist keine Frage der Schuldzuweisung, es ist eine Frage der Wahl. Und wenn ihr nicht für die Entscheidungen verantwortlich seid, die die Menschheit getroffen hat und weiterhin trifft, wer dann?

Wir können uns nicht selbst die Verantwortung für alles dies zuschreiben!

Ich sage dir dies: Solange ihr nicht bereit seid, die Verantwortung für alles dies zu übernehmen, könnt ihr nichts an irgendetwas ändern.

Ihr könnt nicht ständig sagen, daß die andern das getan haben und daß sie das tun und wenn nur sie es richtig machen würden! Erinnere dich an den wundervollen Spruch von Pogo, der Figur in Walt Kellys Comicstrip, und vergiß ihn nie: »Wir haben den Feind getroffen, und dieser Feind sind wir.«

[193]

Wir haben Hunderte von Jahren immer wieder den gleichen Fehler gemacht, nicht wahr …

Tausende von Jahren, mein Sohn. Ihr habt Tausende von Jahren die gleichen Fehler gemacht. Die Menschheit hat sich seit der Zeit der Höhlenmenschen in ihren elementarsten Instinkten nicht viel weiterentwickelt. Doch jeder Versuch, das zu ändern, stößt auf Hohn und Spott. Auf jeden Aufruf, sich eure Werte anzuschauen und sie vielleicht sogar umzustrukturieren, wird mit Angst und dann mit Wut reagiert. Und jetzt kommt da der Gedanke von mir, doch tatsächlich höhere Prinzipien und Grundbegriffe in den Schulen zu lehren. Junge, Junge, jetzt begeben wir uns wirklich auf dünnes Eis.

Doch in hochentwickelten Gesellschaften wird genau das getan.

Aber das Problem ist, daß nicht alle Menschen sich auf die inhaltliche Bedeutung dieser Grundbegriffe einigen können. Deshalb können wir sie an unseren Schulen nicht lehren. Die Eltern drehen durch, wenn du versuchst, diese Dinge in den Lehrplan einzuführen. Sie sagen, daß du »Werte« unterrichtest und daß die Schule nicht der Ort dafür ist.

Sie irren sich! Wie ich schon sagte, ausgehend davon, was deiner Aussage nach die Menschheit zu tun versucht, nämlich eine bessere Welt aufzubauen, irren sie sich. Die Schulen sind genau der Ort für solche Unterweisungen. Und zwar weil die Schulen von den Vorurteilen der Eltern getrennt sind. Weil die Schulen von den vorgefertigten Ansichten [194]der Eltern unabhängig sind. Ihr habt gesehen, was es für Folgen für euren Planeten hatte, daß die Eltern ihre Werte an die Kinder weitergaben. Euer Planet ist ein Schlamassel.

Ihr versteht die elementarsten Grundgedanken und Prinzipien zivilisierter Gesellschaften nicht.

Ihr wißt nicht, wie ihr Konflikte gewaltlos lösen könnt.

Ihr wißt nicht, wie man ohne Angst lebt.

Ihr wißt nicht, wie man ohne eigensüchtiges Interesse handelt.

Ihr wißt nicht, wie man bedingungslos liebt.

Das sind elementare – elementare – Voraussetzungen, und ihr seid noch nicht einmal ansatzweise zu deren vollem Verständnis gelangt, ganz zu schweigen davon, daß ihr sie eingeführt hättet … nach Tausenden und Abertausenden von Jahren.

Gibt es irgendeinen Weg aus diesem Schlamassel?

Ja! Er ist in euren Schulen zu finden! In der Erziehung eurer jungen Leute! Eure Hoffnung liegt bei der nächsten Generation und der folgenden! Aber ihr müßt aufhören, sie mit den Methoden der Vergangenheit zu knebeln. Diese Methoden haben nicht funktioniert. Sie haben euch nicht dahin gebracht, wohin sie euch bringen sollten. Aber wenn ihr nicht aufpaßt, werdet ihr genau dahin gelangen, worauf ihr schon zusteuert!

Also haltet ein! Kehrt endlich um! Setzt euch gemeinsam hin und sammelt eure Gedanken. Schafft euch die großartigste Vision aller großartigen Visionen, die ihr jemals von euch als Menschengeschlecht hattet. Nehmt dann die [195]Werte und Grundgedanken und Prinzipien, die eine solche Vision unterstützen und fördern, und lehrt sie überall in euren Schulen.

Warum nicht Kurse geben wie zum Beispiel …

Viel davon wird schon jetzt unterrichtet. Wir nennen es Gesellschafts- oder Gemeinschaftskunde.

Ich spreche nicht von einer zweitägigen Unterrichtseinheit innerhalb eines Faches. Ich spreche von gesonderten Kursen zu jedem dieser Themen. Ich spreche von einer vollständigen Korrektur eurer Lehrpläne für die Schulen. Ich spreche von einem auf Werte gegründeten Lehrplan, der [196]weitgehend auf die Vermittlung von Fakten ausgerichtet ist.

Ich spreche davon, daß ihr die Aufmerksamkeit der Kinder so sehr auf das Verständnis dieser Grundgedanken und der theoretischen Strukturen, die um ihr Wertsystem aufgebaut werden können, richtet, wie ihr sie derzeit auf die Daten und Fakten und Statistiken lenkt.

In den hochentwickelten Gesellschaften eurer Galaxis und eures Universums (Gesellschaften, über die ich spezifischer in Band 3 sprechen werde), werden die Nachkommen schon von Kindesbeinen an über Lebensprinzipien unterrichtet. Was ihr »Fakten« nennt, die in jenen Gesellschaften für weitaus weniger wichtig gehalten werden, wird erst sehr viel später gelehrt.

Auf eurem Planeten habt ihr eine Gesellschaft geschaffen, in der Hänschen zwar schon lesen gelernt hat, noch bevor er in die Grundschule kommt, aber noch nicht gelernt hat, seinen Bruder nicht zu beißen. Und Susi lernt immer früher, perfekt zu multiplizieren, hat aber immer noch nicht gelernt, daß an ihrem Körper nichts ist, wofür sie sich zu schämen oder zu genieren braucht.

Gegenwärtig dienen eure Schulen hauptsächlich als Lieferant für Antworten. Es wäre viel vorteilhafter, wenn ihre vorrangige Funktion darin bestünde, Fragen zu stellen. Was heißt es, ehrlich zu sein oder verantwortungsbewußt oder »fair«? Was bedeutet das praktisch? Und was heißt 2 + 2 = 4? Was bedeutet das praktisch? Hochentwickelte Gesellschaften ermuntern alle Kinder dazu, die Antworten für sich selbst zu entdecken und zu erschaffen.

Aber … aber das würde zum Chaos führen!

[197]

Im Gegensatz zu den unchaotischen Verhältnissen, unter denen ihr jetzt euer Leben lebt …

Okay, okay … es würde also zu noch mehr Chaos führen.

Ich rede nicht davon, daß eure Schulen eurer Nachkommenschaft nie irgend etwas von dem, was ihr über diese Dinge gelernt oder beschlossen habt, tatsächlich vermitteln. Ganz im Gegenteil. Schulen dienen ihren Schülern, wenn sie ihnen mitteilen, was die Älteren in der Vergangenheit gelernt und entdeckt, entschieden und gewählt haben. Die Schüler können dann feststellen, wie alles funktioniert hat. In euren Schulen jedoch werden diese Informationen als das präsentiert, Was-Richtig-Ist, statt als das, was sie eigentlich sind, nämlich ganz einfach Informationen und Daten.

Daten der Vergangenheit sollten nicht die Grundlage für die gegenwärtige Wahrheit bilden. Daten aus früheren Zeiten oder Erfahrungen sollten stets und nur die Grundlage für neue Fragen bilden. Der Schatz sollte immer in der Frage, nicht in der Antwort zu finden sein.

Und die Fragen sind immer die gleichen. »Was die Daten der Vergangenheit angeht, die wir euch vermittelt haben, stimmt ihr zu oder stimmt ihr nicht zu? Was denkt ihr?« Das ist immer dieselbe Schlüsselfrage. Sie steht immer im Mittelpunkt. Was denkt ihr? Was denkst du? Was denkst du?

Nun werden Kinder in diese Frage ganz offensichtlich die Werte ihrer Eltern einbringen. Eltern werden weiterhin eine wichtige Rolle – die vorrangige Rolle – beim Aufbau des Wertesystems der Kinder spielen. Absicht und Ziel der [198]Schule bestünden darin, die Kinder von frühester Zeit an bis zur Beendigung ihrer formellen Ausbildung darin zu ermuntern, diese Werte zu erforschen; zu lernen, wie man sie nutzt, sie anwendet, sie funktionalisiert – und ja, auch wie man sie in Frage stellt. Denn Eltern, die nicht wollen, daß ihre Kinder ihre Werte in Frage stellen, sind keine Eltern, die ihre Kinder lieben, sondern Eltern, die sich vermittels ihrer Kinder selbst lieben.

Ich wünschte – oh, wie ich mir wünschte –, es gäbe Schulen, wie du sie beschreibst!

Es gibt einige, die sich diesem Modell anzunähern versuchen.

Tatsächlich?

Ja. Lies die Schriften eines Mannes namens Rudolf Steiner. Erforsche die Methoden der Waldorf-Schulen, die er entwickelt hat.

Natürlich weiß ich von diesen Schulen. Ist das jetzt Werbung?

Es ist eine Beobachtung.

Weil du wußtest, daß ich mit den Waldorf-Schulen vertraut bin. Du wußtest es.

Natürlich wußte ich es. Alles in deinem Leben war dir dienlich, hat dich zu diesem Augenblick gebracht. Ich habe [199]nicht erst seit Beginn dieses Buches mit dir zu sprechen angefangen. Ich habe seit Jahren, durch all deine Verbindungen und Erfahrungen, mit dir gesprochen.

Du sagst also, die Waldorf-Schule ist die beste?

Nein. Ich sage, sie ist ein Modell, das in Anbetracht dessen funktioniert, was deiner Aussage nach das Menschengeschlecht anstrebt; in Anbetracht dessen, was ihr behauptet, tun zu wollen; in Anbetracht dessen, was ihr eurer Aussage nach sein wollt. Ich sage, sie ist ein Beispiel – eines von mehreren, die ich anführen könnte, obschon diese auf eurem Planeten und in eurer Gesellschaft rar sind –, ein Beispiel dafür, wie die Erziehung so erfolgen könnte, daß sie sich mehr auf »Weisheit« als einfach nur auf »Wissen« konzentriert.

Gut, sie ist ein Beispiel, das ich sehr billige. Es gibt viele Unterschiede zwischen einer Waldorf-Schule und anderen Schulen. Laß mich dir ein Beispiel geben. Es ist ein einfaches Beispiel, illustriert aber überaus deutlich den Punkt, auf den es mir ankommt.

In den Waldorf-Schulen begleitet ein Lehrer oder eine Lehrerin die Kinder durch alle Ebenen ihrer frühen und elementaren Lernerfahrungen. In all diesen Jahren haben sie denselben Lehrer, statt von einer Person zur nächsten zu wechseln. Kannst du dir das enge Band vorstellen, das hier geknüpft wird? Kannst du den Wert erkennen?

Der Lehrer oder die Lehrerin lernen ein Kind kennen, als wäre es das eigene. Das Kind gewinnt eine Ebene des Vertrauens und der Liebe, die Türen öffnet, von denen viele [200]traditionell orientierte Schulen noch nicht einmal zu träumen wagen. Und am Ende dieser Jahre kehren der Lehrer oder die Lehrerin zu einer ersten Klasse zurück, beginnen wieder mit einer anderen Gruppe von Kindern und begleiten diese durch all die Jahre des Lehrplans. So haben engagierte Lehrer an einer Waldorf-Schule am Ende ihrer beruflichen Laufbahn vielleicht insgesamt mit nur vier oder fünf Gruppen von Kindern gearbeitet. Aber sie haben jenen Kindern etwas bedeutet, das mehr ist als alles, was in traditionellen Schulen möglich ist.

Dieses Erziehungsmodell erkennt an und tritt dafür ein, daß die menschliche Beziehung, die innige Verbindung und die Liebe, die unter solchen Bedingungen miteinander hergestellt und entwickelt werden, ebenso wichtig sind wie irgendwelche Fakten, die der Lehrer dem Kind vermitteln mag. Es ist ein Unterricht wie zu Hause, nur außerhalb des Elternhauses.

Ja, es ist ein gutes Modell.

Und gibt es andere gute Modelle?

Ja. Ihr macht hinsichtlich der Erziehung Fortschritte auf eurem Planeten, aber sehr langsam. Allein schon der Versuch, einen zielorientierten, auf die Entwicklung von Fähigkeiten abgestellten Lehrplan in euren öffentlichen Schulen einzuführen, stieß auf enormen Widerstand. Die Leute sahen das als Bedrohung oder als uneffektiv an. Sie wollen, daß die Kinder Fakten lernen. Es sind immerhin an einigen Stellen Durchbrüche erzielt worden. Doch es gibt hier noch viel zu tun.

[201]

Und das ist nur ein Bereich menschlicher Erfahrung, der einer Überholung bedarf in Anbetracht dessen, was ihr eurer Aussage nach als menschliche Wesen sein wollt.

Ja, ich könnte mir vorstellen, daß auch der politischen Arena einige Veränderungen guttäten.

Ganz genau.

 

 

[202]

10

Darauf habe ich gewartet. Das ist eher das, was ich mir von dir versprach, als du mir sagtest, daß du dich in diesem Band mit global relevanten Themen befassen würdest. Können wir also unsere Betrachtung der menschlichen Politik damit beginnen, daß ich dir eine vielleicht sehr anfängerhafte Frage stelle?

Es gibt keine Fragen, die keine Antwort wert oder ihrer unwürdig ist. Fragen sind wie Menschen.

Ah, das ist ein guter Spruch. Okay, laß mich dich also fragen: Ist es falsch, eine auf die Eigeninteressen unseres Landes gegründete Außenpolitik zu treiben?

Nein. Erstens ist von meinem Standpunkt aus gesehen nichts »falsch«. Aber ich verstehe, wie du dieses Wort meinst, und werde also im Kontext des von dir verwendeten Vokabulars sprechen. Ich gebrauche das Wort »falsch« im Sinne von »das, was euch nicht dienlich ist angesichts dessen, was und wer ihr zu sein wählt«. So habe ich dir gegenüber die Begriffe »richtig« und »falsch« immer verwendet; sie sind stets in diesem Kontext zu verstehen, denn in Wahrheit gibt es kein Richtig und Falsch.

Also, innerhalb dieses Kontexts ist es nicht falsch, außenpolitische Entscheidungen auf die Berücksichtigung der eigenen Interessen zu gründen. Falsch ist es, vorzugeben, das nicht zu tun.

[203]

Das machen aber natürlich die meisten Länder. Sie unternehmen aus einer Reihe von Gründen etwas – oder unterlassen es, etwas zu unternehmen – und führen dann zur Rechtfertigung eine Reihe anderer Gründe an.

Warum? Warum machen die Länder das?

Weil die Regierungen wissen, daß die Menschen, wenn ihnen die wahren Gründe für die meisten außenpolitischen Entscheidungen bekannt wären, sie nicht unterstützen würden.

Das gilt für Regierungen überall in der Welt. Es gibt sehr wenige Regierungen, die nicht absichtlich das Volk in die Irre führen. Täuschungsmanöver sind Bestandteil einer Regierung, denn nur wenige Menschen würden sich dafür entscheiden, so regiert zu werden, wie sie regiert werden – nur wenige würden sich dafür entscheiden, überhaupt regiert zu werden –, wenn die Regierung sie nicht davon überzeugte, daß ihre Entscheidungen dem Allgemeinwohl dienen.

Das bedeutet harte Überzeugungsarbeit, denn die meisten Menschen durchschauen durchaus die in der Regierung vorherrschende Dummheit. Also muß die Regierung lügen, um zumindest zu versuchen, die Leute bei der Stange zu halten. In der Regierung spiegelt sich getreu die Grundannahme wider, daß eine Lüge, wenn sie nur groß genug ist und lange genug verbreitet wird, zur »Wahrheit« wird.

Die Menschen, die an der Macht sind, dürfen die Öffentlichkeit nie wissen lassen, wie sie an die Macht gelangten und was sie alles getan haben und willens sind zu tun, um an der Macht zu bleiben.

[204]

Wahrheit und Politik sind nicht miteinander vereinbar, weil Politik die Kunst ist, nur das zu sagen, was unbedingt gesagt werden muß – und das auf die richtige Weise –, um zum erwünschten Ziel zu gelangen.

Nicht alle Politik ist schlecht, aber die Kunst der Politik ist eine praktische Kunst. Sie macht sich ganz offen die Erkenntnisse über die psychologische Struktur der meisten Menschen zunutze. Sie stellt ganz einfach fest, daß die meisten Menschen aus Eigeninteresse handeln. Also bedeutet Politik die Art und Weise, in der Machtmenschen dich davon zu überzeugen suchen, daß ihr Eigeninteresse dein Eigeninteresse ist.

Regierungen verstehen das Wesen des Eigeninteresses. Deshalb sind sie sehr gut im Entwurf von Programmen, mit denen die Menschen etwas bekommen.

Ursprünglich hatte eine Regierung nur sehr begrenzte Funktionen. Ihr Zweck bestand ganz einfach im »Bewahren und Schützen«. Dann fügte jemand das »Fürsorgen« hinzu. Als die Regierungen anfingen, nicht nur Beschützer, sondern auch »Fürsorger« des Volkes zu sein, begannen sie auch, eine Gesellschaft zu erschaffen, statt sie nur zu bewahren.

Aber tun Regierungen nicht einfach das, was die Leute wollen? Stellen sie nicht nur die Mechanismen zur Verfügung, mit deren Hilfe die Menschen in gesellschaftlichem Umfang für sich selbst sorgen? In den Vereinigten Staaten zum Beispiel legen wir großen Wert auf die Würde des menschlichen Lebens, auf die individuelle Freiheit, darauf, daß die Menschen eine Chance bekommen, und auf die Unantastbarkeit der Kinder. Wir haben also Gesetze erlassen [205]und die Regierung gebeten, Programme zu entwickeln, die all das sicherstellen: ein Auskommen für ältere Menschen, damit diese nach ihrem Erwerbsleben ihre Würde bewahren können; gleiche Berufschancen und ein Dach über dem Kopf für alle Menschen – selbst für jene, die anders sind als wir oder mit deren Lebensstil wir nicht einverstanden sind; Gesetze zur Kinderarbeit, die sicherstellen, daß die Kinder der Nation nicht zu Sklaven der Nation werden; Programme, damit keine Familie mit Kindern ohne die Grundbedingungen für ein menschenwürdiges Leben auskommen muß – Nahrung, Kleidung und Obdach.

Solche Gesetze geben ein gutes Bild von eurer Gesellschaft ab. Doch was das Sorgen für die Bedürfnisse der Menschen angeht, so müßt ihr aufpassen, daß ihr sie nicht ihrer größten Würde beraubt: der Ausübung persönlicher Macht, individueller Kreativität und des einzigartigen Erfindungsreichtums, der den Menschen erlaubt festzustellen, daß sie für sich selbst sorgen können. Hier müßt ihr zu einem sehr empfindlichen Gleichgewicht finden. Ihr Menschen scheint nur zu wissen, wie man von einem Extrem ins andere fällt. Entweder wollt ihr, daß die Regierung »alles und jedes« für das Volk tut, oder ihr wollt sämtliche Regierungsprogramme abwürgen und alle Gesetze der Regierung schon morgen abschaffen.

Ja, und das Problem ist, daß es so viele Menschen gibt, die in einer Gesellschaft nicht für sich selbst sorgen können, weil die Gesellschaft in aller Regel die besten Lebenschancen an jene vergibt, die die »richtigen« (oder vielleicht besser gesagt, nicht die »falschen«) Empfehlungen und Beglaubigungen [206]vorzuweisen haben; die in einer Nation nicht für sich selbst sorgen können, weil in dieser Nation die Hauseigentümer nicht an Großfamilien vermieten, die Wirtschaftsunternehmen keine Frauen befördern, Gerechtigkeit zu oft vom Status abhängig ist, Zugang zur Gesundheitsfürsorge auf jene mit ausreichendem Einkommen beschränkt ist und viele andere Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten im breitesten Umfang existieren.

Die Regierungen sollen also das Gewissen des Volkes ersetzen?

Nein. Regierungen sind die Äußerung des Gewissens des Volkes. Über und durch Regierungen trachten, hoffen und beschließen die Menschen, die Mißstände der Gesellschaft zu beheben.

Das ist gut gesagt. Doch ich wiederhole, ihr müßt drauf achten, daß ihr nicht selbst in Gesetzen erstickt, mit denen ihr versucht, den Menschen eine Chance zum Atmen zu garantieren!

Ihr könnt Moral und Ethik nicht gesetzlich vorschreiben. Ihr könnt Gleichberechtigung nicht zwangsweise verordnen.

Was nottut, ist ein im Kollektivbewußtsein stattfindender Wandel, nicht die Erzwingung eines kollektiven Gewissens.

Das Verhalten und alle Gesetze und alle Regierungsprogramme müssen eurem Sein entspringen, müssen wahrhaft widerspiegeln, was-und-wer-ihr-wirklich-seid.

[207]

Die Gesetze unserer Gesellschaft spiegeln wider, wer wir sind! Sie sagen jedermann: »So ist es hier bei uns. Das ist es, was wir sind.«

Vielleicht in den allerbesten Fällen. In der Mehrheit der Fälle jedoch sind eure Gesetze Ausdruck dessen, was ihr nach Meinung jener, die an der Macht sind, sein solltet, aber nicht seid.

Die »wenigen Elitären« unterweisen die »vielen Ignoranten« durch das Gesetz.

Genau.

Was ist daran falsch? Dient es nicht den vielen, wenn ein paar der hellsten Köpfe und der Besten unter uns willens sind, sich die Probleme der Gesellschaft, der Welt anzuschauen und Lösungen vorzuschlagen?

Das hängt von den Motiven dieser wenigen ab. Und von ihrer Klarheit. Im allgemeinen dient »den vielen« nichts mehr, als daß man sie sich selbst regieren läßt.

Anarchie. Das hat noch nie funktioniert.

Ihr könnt nicht wachsen und groß werden, wenn euch von der Regierung ständig vorgeschrieben wird, was ihr zu tun habt.

Man könnte dagegenhalten, daß eine Regierung – und damit meine ich das von uns gewählte Gesetz, wodurch wir [208]uns selbst regieren – ein Spiegelbild der Größe einer Gesellschaft (oder ihrer mangelnden Größe ist), daß eine großartige Gesellschaft großartige Gesetze erläßt.

Und sehr wenige Gesetze. Denn in großartigen Gesellschaften sind nur sehr wenige Gesetze nötig.

Und doch sind wirklich gesetzlose Gesellschaften primitive Gesellschaften, in denen »Macht gleich Recht« ist. Gesetze sind der Versuch der Menschen, das Niveau auf dem Spielfeld anzuheben; sicherzustellen, daß sich ungeachtet von Schwäche oder Stärke das, was wirklich recht ist, durchsetzt. Wie können wir ohne Verhaltensregeln, auf die wir uns alle einigen, gemeinschaftlich existieren?

Ich plädiere nicht für eine Welt, in der es keine Verhaltensregeln, keine Übereinkünfte gibt. Ich plädiere dafür, daß sich eure Regeln und Übereinkünfte auf ein höheres Verständnis und eine umfassendere Definition des Selbstinteresses gründen.

Faktisch stellen die meisten eurer Gesetze eine Aussage über die Eigeninteressen der Mächtigsten unter euch dar.

Schauen wir uns nur mal ein Beispiel an: das Rauchen.

Das Gesetz sagt, daß ihr eine bestimmte Pflanze, Hanf, nicht anbauen und nutzen dürft, weil sie, so sagt euch die Regierung, nicht gut für euch ist.

Doch dieselbe Regierung sagt, daß es ganz in Ordnung ist, eine andere Pflanze, nämlich Tabak, anzubauen und zu nutzen, nicht weil diese gut für euch ist (die Regierung verkündet sogar selbst, daß sie schlecht für euch ist), sondern vermutlich, weil ihr dies schon immer getan habt.

[209]

Der wahre Grund, warum Hanf verboten und Tabak erlaubt ist, hat nicht mit der Gesundheit zu tun. Er hat mit Wirtschaftsinteressen zu tun. Und das heißt mit Macht.

Eure Gesetze spiegeln also nicht wider, was eure Gesellschaft über sich selbst denkt und was sie sein möchte – eure Gesetze spiegeln wider, wo die Macht liegt.

Das ist nicht fair. Du hast dir eine Situation ausgesucht, wo die Widersprüche offensichtlich sind. In den meisten Situationen verhält es sich nicht so.

Ganz im Gegenteil. In den meisten ist es so.

Wo liegt also die Lösung?

So wenige Gesetze wie möglich zu haben, die allerdings wirklich Grenzen setzen.

Der Grund, warum Hanf verboten ist, hat nur angeblich mit der Gesundheit zu tun. Die Wahrheit ist, daß Hanf nicht süchtiger macht oder kein größeres Gesundheitsrisiko darstellt als Zigaretten oder Alkohol, die beide vom Gesetz geschützt werden. Warum also wird er nicht erlaubt? Weil, würde er angebaut, die Hälfte der Baumwollpflanzer, der Hersteller von Nylon und Kunstseide und der Holzhändler auf der Welt pleite gehen würden.

Hanf gehört zufällig zu den nützlichsten, stärksten, zähesten und dauerhaftesten Materialien auf eurem Planeten. Ihr könnt keine besseren Fasern für eure Kleidung, kein stärkeres Material für eure Seile, keine leichter anzubauende und zu erntende Quelle für Papier produzieren. Ihr fällt jedes Jahr Hunderttausende von Bäumen für eure Sonntagszeitungen, [210]um in ihnen dann über die Dezimierung eurer Wälder auf dem Planeten zu lesen. Hanf könnte euch das Papier für Millionen von Sonntagszeitungen liefern, ohne daß ein einziger Baum gefällt werden muß. Tatsächlich könnte er zu einem Zehntel der Kosten ungemein viele Rohstoffmaterialien ersetzen.

Und das ist der springende Punkt. Jemand verliert Geld, wenn diese wunderbare Pflanze – die übrigens auch noch außergewöhnliche medizinische Eigenschaften hat – angebaut werden darf. Und deshalb ist Marihuana in eurem Land illegal.

Aus dem gleichen Grund braucht ihr so lange für die Massenproduktion von Elektroautos, die Einführung eines erschwinglichen und vernünftigen Gesundheitsfürsorgesystems und die Nutzung von Sonnenenergie in jedem Heim.

Seit Jahren habt ihr schon das Know-how und die Technologie, um alle diese Dinge zu produzieren. Warum habt ihr sie dann noch nicht? Schaut, wer Geld verlieren würde, wenn ihr sie hättet. Dort werdet ihr eure Antwort finden.

Ist das die großartige Gesellschaft, auf die du so stolz bist? Eure »großartige Gesellschaft« muß unter Gestrampel und Gezeter dahin geschleift werden, daß sie das Allgemeinwohl überhaupt in Betracht zieht. Wann immer vom Gemeinwohl oder kollektiven Interesse die Rede ist, schreit jeder: »Kommunismus!« Wenn in eurer Gesellschaft das Wohl vieler nicht für jemanden einen enormen Profit abwirft, wird das Wohl vieler in der Mehrheit der Fälle ignoriert.

Das gilt nicht nur für dein Land, sondern für alle Länder rund um den Globus. Deshalb lautet die Grundfrage, mit [211]der sich die Menschheit konfrontiert sieht: Kann das Eigeninteresse je durch das beste Interesse, das gemeinschaftliche Interesse der Menschheit ersetzt werden? Und wenn ja, wie?

Die Vereinigten Staaten haben versucht, durch Gesetze für das Gemeinwohl, das beste Interesse aller, zu sorgen. Darin habt ihr kläglich versagt. Eure Nation ist die reichste und mächtigste der Erde und weist eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten auf. Warum? Weil arme Leute sich keine gute Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Geburt leisten können – und eure Gesellschaft von Profit besessen ist. Ich erwähne das nur als ein Beispiel eures kläglichen Versagens. Die Tatsache, daß eure Babys eine höhere Sterblichkeitsrate aufweisen als die der meisten anderen Industrienationen, sollte euch aufrütteln. Doch das tut sie nicht. Und das spricht Bände darüber, wie die Prioritäten in eurer Gesellschaft gesetzt sind. Andere Länder sorgen für die Kranken und Bedürftigen, die Alten und die Schwachen. Ihr sorgt für die Reichen und Wohlhabenden, die Einflußreichen und Gutsituierten. 85 Prozent der in Rente gegangenen Amerikaner leben in Armut. Viele dieser älteren Amerikaner und die meisten Menschen mit niedrigem Einkommen wenden sich an die Notaufnahme der örtlichen Krankenhäuser statt an ihren Hausarzt, suchen unter den schrecklichsten Umständen zu einer medizinischen Behandlung zu kommen und erhalten praktisch keinerlei Gesundheitsfürsorge.

Mit Menschen, die wenig Geld ausgeben können, läßt sich kein Profit machen … sie sind nicht länger nützlich, siehst du …

Und das ist eure großartige Gesellschaft.

[212]

So wie du das sagst, klingt das ganz schön schlimm. Und doch hat Amerika für die Unterprivilegierten und die Unglücklichen – sowohl im eigenen Land wie auch im Ausland – mehr getan als jede andere Nation auf Erden.

Amerika hat viel getan, das ist nachweislich wahr. Aber weißt du, daß die Vereinigten Staaten von ihrem Bruttosozialprodukt prozentual gesehen weniger für Entwicklungshilfe ausgeben als viele viel kleinere Länder? Der Punkt ist, daß ihr euch vielleicht einmal die Welt um euch herum anschauen solltet, bevor ihr euch selber allzusehr beglückwünscht. Denn wenn das das Beste ist, was ihr für die weniger Glücklichen tun könnt, dann habt ihr alle noch viel zu lernen.

Ihr lebt in einer verschwenderischen, dekadenten Gesellschaft. Ihr baut praktisch in alles, was ihr macht, eine sogenannte »künstliche Veralterung« ein. Autos kosten dreimal so viel, als sie müßten, und halten nur ein Drittel so lang, wie sie könnten, Kleider fallen auseinander, nachdem sie zehnmal getragen worden sind. Ihr versetzt eure Nahrungsmittel mit Chemikalien, damit sie länger in den Regalen liegen können, auch wenn das für euch ein kürzeres Verweilen auf diesem Planeten bedeutet. Ihr unterstützt und ermuntert und befähigt Sportvereine dazu, daß sie für lächerliche Leistungen unglaubliche Gehälter zahlen, während Lehrer, Geistliche und Forscher, die darum kämpfen, Heilmittel für Krankheiten zu entdecken, um Geld betteln müssen. Ihr werft jeden Tag in den Supermärkten eurer Nation, in den Restaurants und zu Hause mehr Nahrungsmittel weg, als nötig wären, um die halbe Welt zu ernähren.

[213]

Das ist keine Anklage, es ist nur eine Beobachtung. Und dies gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, denn diese Einstellung, die das Herz krank macht, findet sich in epidemischen Ausmaßen überall auf der Welt.

Die Unterprivilegierten allerorten müssen im Dreck wühlen und knapsen, nur um am Leben zu bleiben, während die wenigen Machthabenden ihre Geldhaufen schützen und vermehren, auf Seidenlaken schlafen und jeden Morgen Badezimmerarmaturen aus Gold betätigen. Und während ausgezehrte Kinder, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen, in den Armen weinender Mütter sterben, sind die »Führer« des Landes in politische Korruption verstrickt, durch die verhindert wird, daß gespendete Nahrungsmittel die hungernden Massen erreichen.

Niemand scheint die Macht zu haben, diese Umstände zu verändern, doch die Wahrheit ist, daß nicht die Macht das Problem ist. Niemand scheint den Willen dazu zu haben.

Und so wird es immer sein, solange niemand die Notlage des anderen als seine eigene betrachtet.

Und warum tun wir es nicht? Wie können wir jeden Tag all diese schrecklichen Dinge mit ansehen und zulassen, daß sie weitergehen?

Weil es euch nicht kümmert. Es ist ein Mangel an Mitgefühl. Der ganze Planet steckt in einer Bewußtseinskrise. Ihr müßt entscheiden, ob ihr Mitgefühl füreinander habt.

Es scheint eine so erbärmliche Frage zu sein, die ich stellen muß. Warum können wir die Angehörigen unserer eigenen Familie nicht lieben?

[214]

Ihr liebt die Angehörigen eurer eigenen Familie. Ihr habt nur einfach eine sehr begrenzte Sicht in bezug darauf, wer eure Familienangehörigen sind.

Ihr betrachtet euch selbst nicht als Teil der menschlichen Familie, und damit sind deren Probleme nicht eure eigenen.

Wie können die Völker der Erde ihre Weltsicht tatsächlich verändern?

Das hängt davon ab, wohingehend ihr sie verändern wollt.

Wie können wir mehr von diesem Schmerz, diesem Leiden eliminieren?

Indem ihr alle Trennung zwischen euch eliminiert. Indem ihr ein neues Modell von der Welt aufbaut. Indem ihr es in den Rahmen einer neuen Idee stellt.

Die wäre?

Die eine radikale Verabschiedung von der gegenwärtigen Weltsicht bedeuten wird.

Gegenwärtig betrachtet ihr die Welt – wir sprechen nun im geopolitischen Sinn – als eine Ansammlung von Nationalstaaten, ein jeder souverän, getrennt und unabhängig von den anderen. Die inneren Probleme dieser unabhängigen Nationalstaaten werden im großen und ganzen nicht als die Probleme der Gruppe in ihrer Gesamtheit betrachtet – es sei denn, sie wirken sich grundsätzlich oder plötzlich auf [215]die gesamte Gruppe (oder die mächtigsten Mitglieder dieser Gruppe) aus.

Die Reaktionen der Gruppe als Ganzes auf die Umstände und Probleme der einzelnen Staaten gründen sich auf die Eigeninteressen der größeren Gruppe. Wenn niemand in der größeren Gruppe irgend etwas zu verlieren hat, kann ein Einzelstaat zum Teufel gehen, und keiner würde sich groß darum scheren.

Tausende können jedes Jahr verhungern, Hunderte können in einem Bürgerkrieg sterben, Despoten können ihr Land ausplündern, Diktatoren und ihre bewaffneten Schläger können vergewaltigen, stehlen und morden, Regime können die Menschen ihrer Grundrechte berauben – und ihr werdet nichts unternehmen. Das heißt, ihr sagt, das ist eine »innere Angelegenheit«.

Wenn aber eure Interessen bedroht sind, wenn eure Investitionen, eure Sicherheit, eure Lebensqualität davon betroffen werden, dann trommelt ihr die Nation zusammen und versucht, euch der Rückendeckung eurer Welt zu versichern, und stürmt dort hinein, wo selbst Engel ihren Fuß kaum hinzusetzen wagen.

Dann erzählt ihr die große Lüge – behauptet, daß ihr das, was ihr tut, aus humanitären Gründen unternehmt, um den unterdrückten Völkern auf der Welt zu helfen, wo ihr doch in Wahrheit nur ganz einfach eure eigenen Interessen schützt.

Der Beweis dafür ist der, daß ihr dort, wo ihr keine Interessen zu verteidigen habt, euch auch um nichts kümmert.

Die politische Maschinerie der Welt agiert auf der Basis des Eigeninteresses. Das ist nichts Neues.

[216]

Etwas wird neu sein müssen, wenn ihr eure Welt verändern wollt. Ihr müßt anfangen, die Interessen eines anderen als eure eigenen zu betrachten. Und das wird nur geschehen, wenn ihr eure globale Realität umgestaltet und euch entsprechend regiert.

Sprichst du von einer Weltregierung?

Das tue ich.

 

 

[217]

11

Du hast versprochen, daß du in Band 2 auf die größeren geopolitischen Themen eingehen wirst, um die es auf diesem Planeten geht (im Gegensatz zu den persönlicheren Belangen, die im ersten Band angesprochen wurden), aber ich hätte nicht gedacht, daß du dich auf diese Debatte einlassen würdest!

Es ist an der Zeit, daß die Welt aufhört, sich selbst etwas vorzumachen, daß sie aufwacht und begreift, daß das einzige Problem der Menschheit der Mangel an Liebe ist.

Liebe erzeugt Toleranz, Toleranz erzeugt Frieden. Intoleranz produziert Krieg und schaut unerträglichen Verhältnissen gleichgültig zu.

Liebe vermag nicht gleichgültig zu bleiben. Sie weiß gar nicht, wie sie das anstellen soll. Der schnellste Weg, um zu einem Ort der Liebe und Anteilnahme für alle Menschen zu gelangen, ist der, daß ihr die ganze Menschheit als eure Familie betrachtet.

Der schnellste Weg dahin, daß ihr die ganze Menschheit als eure Familie betrachtet, ist der, daß ihr aufhört, euch voneinander abzusondern. Alle Nationen, die heute eure Welt ausmachen, müssen sich vereinen.

Wir haben die Vereinten Nationen, die UNO.

Die machtlos und impotent ist. Diese Organisation müßte, um funktionieren zu können, völlig umstrukturiert [218]werden. Das ist zwar nicht unmöglich, aber vielleicht schwierig und mühselig.

Okay. Was schlägst du vor?

Ich habe keinen »Vorschlag«. Ich biete nur meine Beobachtungen an. Bei diesem Dialog sagst du mir, welche neue Wahl ihr nun endlich treffen wollt, und ich steuere Beobachtungen in bezug auf die Möglichkeiten der Umsetzung bei. Welche Wahl wollt ihr nun hinsichtlich der gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Völkern und Nationen treffen?

Ich werde mich deiner Worte bedienen. Wenn es nach mir ginge, würde ich mich dafür entscheiden, daß wir »zu einem Ort der Liebe und Anteilnahme für alle Menschen« gelangen.

Vorausgesetzt, das wäre eure Wahl, würde ich folgende Beobachtung machen: Das, was funktionieren würde, wäre die Bildung einer neuen weltpolitischen Gemeinschaft, in der jede Nation in bezug auf die Angelegenheiten der Welt gleiches Sagen und proportional gesehen den gleichen Anteil an den globalen Ressourcen hätte.

Das würde nie funktionieren. Die Besitzenden würden niemals etwas von ihrer Souveränität, ihrem Reichtum und ihren Ressourcen an die Besitzlosen abgeben. Und warum sollten sie auch?

Weil es in ihrem besten Interesse ist.

[219]

Das sehen sie nicht so – und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das so sehe.

Wäre es nicht im besten Interesse deiner Nation, wenn ihr dem Wirtschaftshaushalt deines Landes pro Jahr zusätzliche Milliarden an Dollar zuführen könntet – Dollar, die dafür ausgegeben werden können, die Hungrigen zu nähren, die Bedürftigen zu kleiden, den Armen ein Obdach zu geben, die alten Menschen abzusichern, ein besseres System des Gesundheitswesens aufzubauen und für einen würdigen Lebensstandard aller zu sorgen?

Nun, in den Vereinigten Staaten gibt es die, die dem entgegenhalten, daß damit den Armen auf Kosten der Steuerzahler mit hohen und mittleren Einkommen geholfen würde. Inzwischen geht es mit dem Land immer weiter abwärts, breitet sich die Kriminalität immer weiter aus, raubt die Inflation den Menschen ihre Lebensersparnisse, schießt die Zahl der Arbeitslosen raketenartig in die Höhe, wird der Regierungsapparat immer größer und fetter und geben sie jetzt schon in den Schulen Kondome aus.

Du hörst dich wie der Teilnehmer einer Radiotalkshow an.

Ja, das sind die Besorgnisse vieler Amerikaner.

Dann sind sie kurzsichtig. Seht ihr denn nicht: Wenn jedes Jahr Milliarden Dollar – das sind Millionen Dollar pro Monat, Aberhunderttausende pro Woche, unerhörte Summen jeden Tag – wieder in euer System eingespeist werden könnten, [220]wenn ihr diese Gelder dazu verwenden könntet, eure Hungrigen zu nähren, eure Bedürftigen zu kleiden, euren Armen ein Obdach zu geben, eure alten Menschen abzusichern und für die Gesundheit und Würde aller zu sorgen, dann würden sich die Gründe für die Kriminalität auf immer erübrigen. Seht ihr nicht, daß neue Arbeitsplätze wie Pilze aus dem Boden schießen würden, wenn diese Dollar wieder in eure Wirtschaft gepumpt würden? Daß sich euer eigener Regierungsapparat verkleinern ließe, weil er weniger zu tun hätte?

Ich nehme an, einiges davon könnte sich so ereignen – ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß sich der Regierungsapparat jemals verkleinert! –, aber woher sollen diese Milliarden und Millionen kommen? Aus den Steuern, die deine neue Weltregierung auferlegt? Soll denen noch mehr genommen werden, die »dafür gearbeitet haben«, um es jenen zu geben, die »faul herumsitzen«?

Ist das die Formulierung deiner Sicht der Dinge?

Nein, aber sehr viele Menschen sehen das so, und ich möchte ihrer Ansicht auf faire Weise wiedergeben.

Nun – im Moment möchte ich nicht vom Thema abschweifen, aber ich will später darauf zurückkommen.

Großartig.

Du hast gefragt, wo diese neuen Gelder herkommen sollen. Sie müssen gar nicht über irgendwelche Steuern aufgebracht [221]werden, die die neue Weltgemeinschaft auferlegen würde. (Obgleich Mitglieder dieser Gemeinschaft – einzelne Bürger – unter Führung einer intelligenten und aufgeklärten Regierung 10 Prozent ihres Einkommens freiwillig abgeben würden, damit den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Gesellschaft als Ganzes entsprochen werden kann.) Und diese Summen würden auch nicht mit Hilfe neuer Steuern aufgebracht werden, die irgendeine regionale Regierung auferlegt. Tatsache ist, daß manche regionalen Regierungen sogar in der Lage wären, die Steuern zu senken.

All das – alle diese Vorteile – würden sich aus einer einfachen Umstrukturierung eurer Weltsicht ergeben, aus der vereinfachten Neuordnung eurer weltpolitischen Konfiguration.

Wie?

Sie ergäben sich aus dem, was ihr an Geld für den Aufbau und Erhalt von Verteidigungssystemen und Angriffswaffen spart.

Oh, ich verstehe. Du willst, daß wir das Militär abschaffen!

Nicht nur ihr. Jeder auf der Welt.

Und es geht auch nicht darum, daß ihr euer Militär völlig abschafft, sondern daß ihr es einfach reduziert – drastisch reduziert. Es bestünde lediglich die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. Ihr könntet die Polizeikräfte auf lokaler Ebene verstärken – was ihr, wie ihr [222]sagt, ohnehin tun wollt, doch jedes Jahr, wenn der Etat aufgestellt wird, erhebt sich wieder das Geschrei, daß es euch eben doch nicht möglich ist –, während ihr gleichzeitig eure Ausgaben für Kriegswaffen und Kriegsvorbereitungen drastisch kürzt; das heißt die Ausgaben für Angriffs- und Verteidigungswaffen zum Zweck der Zerstörung und Massenvernichtung.

Erstens glaube ich, daß die von dir genannten Summen, welche dadurch eingespart werden könnten, zu hoch angesetzt sind. Zweitens glaube ich nicht, daß du die Menschen je davon überzeugen kannst, ihre Möglichkeit zur Selbstverteidigung aufzugeben.

Laß uns einen Blick auf die Zahlen werfen. Gegenwärtig (heute haben wir den 25. März 1994) geben die Regierungen auf der Welt pro Jahr in etwa eine Billion Dollar für militärische Zwecke aus. Das sind weltweit eine Million Dollar pro Minute.

Die Nationen, die am meisten Geld dafür ausgeben, könnten auch am meisten Geld in andere Kanäle leiten und es für die eben erwähnten Prioritäten verwenden. Größere, reichere Nationen würden somit erkennen können, daß es in ihrem besten Interesse ist, wenn sie dies täten – vorausgesetzt, sie hielten so etwas auch für möglich. Doch größere, reichere Nationen können sich nicht vorstellen, daß sie ohne ein Verteidigungssystem auskommen, weil sie die Aggression und den Angriff von Nationen fürchten, die sie beneiden und das haben wollen, was sie haben.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Bedrohung auszuschalten.

[223]

  1. Teilt mit allen Völkern der Welt das Gesamte des Reichtums und der Ressourcen der Welt in so ausreichendem Maße, daß niemand haben will und braucht, was ein anderer hat, und jedermann ein Leben in Würde und ohne Angst führen kann.
  2. Schafft ein System zur Konfliktlösung, das die Notwendigkeit von Kriegen ausschaltet – ja, deren Möglichkeit überhaupt aufhebt.

Die Menschen auf der Welt würden so etwas wahrscheinlich nie tun.

Sie haben es bereits getan.

Tatsächlich?

Ja, es findet gegenwärtig ein großangelegtes Experiment genau dieses politischen Kalibers in eurer Welt statt. Und dieses Experiment nennt sich die Vereinigten Staaten von Amerika.

Ein Experiment, das bisher kläglich gescheitert ist, wie du sagtest.

Richtig. Es hat noch einen weiten Weg vor sich, bevor man es als erfolgreich bezeichnen kann. (Wie ich bereits sagte, werde ich darauf – und auf die Einstellungen, die gegenwärtig den Erfolg verhindern – später zu sprechen kommen.) Doch es ist das beste derzeit laufende Experiment.

Wie Winston Churchill sagte: »Demokratie ist das schlechteste System, mit Ausnahme aller anderen.«

[224]

Eure Nation war die erste, die eine lockere Konföderation von Einzelstaaten erfolgreich zu einem festen Gruppenverband zusammenschmiedete, wobei sich jeder einzelne Staat einer zentralen Autorität unterordnete.

Zu jenem Zeitpunkt war keinem der Staaten sonderlich daran gelegen, jeder wehrte sich mit aller Macht dagegen aus Angst, seine Bedeutung zu verlieren, und sie behaupteten, eine solche Vereinigung würde nicht in ihrem besten Interesse sein.

Es könnte lehrreich sein, sich vor Augen zu halten, was zu jener Zeit in all diesen Einzelstaaten vor sich ging.

Sie hatten sich zwar zu einer lockeren Konföderation zusammengeschlossen, doch es gab keine eigentliche US-Zentralregierung und von daher auch keine zentrale Macht, die die Grundsatzartikel der Konföderation, auf die sie sich geeinigt hatten, hätte durchsetzen können.

Die einzelnen Staaten betrieben ihre jeweilige eigene Außenpolitik, und einige trafen private Abkommen über Handelsangelegenheiten und andere Dinge mit Frankreich, Spanien, England und anderen Ländern. Die Staaten betrieben auch untereinander Handel, und manche von ihnen erhoben unerlaubterweise Zölle auf die Waren, die aus anderen Konföderationsstaaten per Schiff importiert wurden – so wie sie eben auch Zölle für die Waren aus Übersee erhoben. Es gab ein schriftliches Abkommen, das eine solche Besteuerung verbot, aber keine zentrale Behörde, und so hatten die Händler keine andere Wahl, als die Hafenzölle zu bezahlen, wenn sie ihre Waren kaufen oder verkaufen wollten.

Die Einzelstaaten führten auch Kriege untereinander. Jeder Staat betrachtete seine Miliz als stehendes Heer, neun [225]Staaten unterhielten ihre eigene Kriegsflotte, und »Tritt mir nicht auf die Füße« hätte gut als offizielles Motto eines jeden Staates innerhalb der Konföderation dienen können.

Über die Hälfte der Staaten druckte sogar ihr eigenes Geld. (Das, obwohl sich die Konföderation darauf geeinigt hatte, daß dies illegal ist.)

Kurz gesagt, eure Staaten hatten sich zwar auf der Basis der Grundsatzartikel der Konföderation zusammengeschlossen, handelten aber genauso, wie es die unabhängigen Nationen heute tun.

Und obwohl sie sehen konnten, daß ihre Abkommen (wie zum Beispiel, daß dem Kongreß das alleinige Recht, Münzen zu prägen, vorbehalten war) nicht eingehalten wurden, wehrten sie sich standhaft gegen die Etablierung und Anerkennung einer Zentralgewalt, die diese Vereinbarungen mit allem Nachdruck in die Tat hätte umsetzen können.

Doch mit der Zeit begannen sich ein paar progressive Führungspersönlichkeiten durchzusetzen. Sie überzeugten ihr »Fußvolk« davon, daß durch die Schaffung einer solchen neuen Föderation mehr zu gewinnen war, als sie je verlieren würden.

Die Händler würden Geld sparen und ihren Profit steigern, weil die einzelnen Staaten die Waren des anderen nicht mehr mit Steuern belegen könnten.

Die Regierungen würden Geld sparen und mehr in die Programme und Dienstleistungen stecken können, die den Menschen wirklich halfen, weil die Ressourcen nicht mehr auf den Schutz eines Staates vor dem anderen verwandt werden müßten.

Die Menschen würden zudem mehr Sicherheit, Schutz und [226]auch größeren Wohlstand genießen, wenn sie miteinander kooperierten, statt sich gegenseitig zu bekämpfen.

Und kein Staat würde an Bedeutsamkeit verlieren, sondern könnte im Gegenteil noch an Macht und Einfluß gewinnen.

Und genau das passierte dann natürlich auch.

Dasselbe könnte mit den heute auf der Welt existierenden 160 Nationen geschehen, wenn sie sich zu einer Vereinigten Föderation zusammenschlössen. Das könnte das Ende der Kriege bedeuten.

Wie denn? Es gäbe immer noch Streitereien.

Das stimmt, solange die Menschen an äußere Dinge gebunden bleiben. Es gibt eine Möglichkeit, den Krieg – und sämtliche Erfahrung von Unruhe und mangelndem Frieden – wirklich abzuschaffen, aber das beinhaltet eine spirituelle Lösung.

Tatsächlich besteht der Trick darin, beides miteinander zu verbinden. Die spirituelle Wahrheit muß im praktischen Leben gelebt werden, um eine Veränderung der Alltagserfahrungen herbeizuführen.

Solange diese Veränderung nicht eintritt, wird es immer noch Streitereien geben. Da hast du recht. Aber sie müssen nicht in Kriege ausarten. Es muß kein Morden geben.

Werden zwischen Kalifornien und Oregon wegen der Wasserrechte Kriege ausgefochten? Zwischen Maryland und Virginia wegen der Fischereirechte? Gibt es Kriege zwischen Wisconsin und Illinois, Ohio und Massachusetts?

Nein.

[227]

Und warum nicht? Hat es zwischen ihnen nicht verschiedene Kontroversen und Meingungsverschiedenheiten gegeben?

Ich nehme an, daß es sie im Laufe der Jahre gab.

Darauf kannst du wetten. Aber diese Einzelstaaten haben sich freiwillig darauf geeinigt – es war eine einfache, freiwillige Übereinkunft –, an bestimmten Gesetzen und Kompromissen in bezug auf gemeinsame Angelegenheiten festzuhalten, während sie sich das Recht vorbehielten, in Angelegenheiten, die sie als einzelne betreffen, eigene Gesetze zu erlassen.

Und wenn aufgrund einer unterschiedlichen Interpretation der Bundesgesetze tatsächlich Kontroversen entstehen – oder weil jemand ganz einfach gegen ein Gesetz verstößt –, wird die Sache einem Gerichtshof vorgelegt … dem die Autorität zugestanden wurde (das heißt, dem von den Staaten die Autorität verliehen wurde), den Disput beizulegen.

Und wenn die gegenwärtige Gesetzgebung keinen Präzedenzfall aufweist oder kein Mittel zur Verfügung hat, durch das das Gericht zu einer zufriedenstellenden Lösung gelangen kann, schicken die Staaten und deren Menschen ihre Repräsentanten zu einer Zentralregierung. Dort sollen sie dann versuchen, zu einer Einigung über neue Gesetze zu gelangen, die eine befriedigende Situation herstellen werden – oder aber zumindest zu einem vernünftigen Kompromiß zu kommen.

Auf diese Weise funktioniert eure Föderation: ein Gesetzessystem; ein von euch ermächtigtes Gerichtssystem, das jene Gesetze interpretiert; und ein Vollzugssystem, das notfalls [228]durch bewaffnete Kräfte unterstützt wird, um die Entscheidungen dieser Gerichtshöfe durchzusetzen.

Und obwohl niemand behaupten kann, daß dieses System keiner Verbesserung bedarf, hat dieser politische Cocktail seit über 200 Jahren funktioniert!

Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, daß dasselbe Rezept nicht auch in bezug auf die Nationen funktioniert.

Warum ist es nicht versucht worden, wenn es so einfach ist?

Es wurde versucht. Euer Völkerbund war ein ernster Versuch. Die Vereinten Nationen sind der neueste Versuch.

Doch der eine scheiterte, und der andere ist nur minimal effektiv – wie es auch bei den 13 Staaten der ursprünglichen Konföderation Amerikas der Fall war –, weil die Mitgliedsstaaten (vor allem die mächtigsten unter ihnen) Angst haben, durch eine Neuordnung mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Das kommt daher, daß die »Mächtigen« weitaus mehr daran interessiert sind, an ihrer Macht festzuhalten, als daran, die Lebensqualität aller Menschen zu verbessern. Die »Besitzenden« wissen, daß eine solche Weltföderation unvermeidlich für die »Besitzlosen« mehr abwerfen würde, und sie glauben, daß dies auf ihre Kosten ginge … und sie geben nichts auf.

Ist ihre Befürchtung nicht gerechtfertigt – und ist der Wunsch, an dem festhalten zu wollen, wofür man so lange gekämpft hat, unbillig oder unvernünftig?

[229]

Erstens stimmt es nicht unbedingt, daß andere ihren Reichtum aufgeben müssen, wenn ihr denen, die nun hungern und dürsten und obdachlos sind, mehr gebt.

Ihr müßtet, wie ich es bereits dargelegt habe, nur diese 1 000 000 000 000 Dollar nehmen, die ihr jährlich weltweit für militärische Zwecke ausgebt, und sie humanitären Zwecken zuführen. Damit habt ihr das Problem gelöst, ohne daß irgendein zusätzlicher Pfennig ausgegeben oder der Reichtum von da, wo er sich jetzt befindet, nach dort, wo er nicht ist, umverlagert werden müßte.

(Natürlich kann dagegen eingewandt werden, daß jene internationalen Konglomerate, die ihre Profite mit Kriegen und der dazu nötigen Kriegsmaschinerie machen, die »Verlierer« wären – ebenso deren Angestellte und alle diejenigen, die ihren Überfluß aus dem Konfliktdenken der Welt beziehen –, aber vielleicht ist eure Quelle des Überflusses am falschen Ort angesiedelt.

Wenn das Überleben der Bürger davon abhängt, daß die Welt im Streit lebt und in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt ist, erklärt diese Abhängigkeit vielleicht, warum sich eure Welt gegen jeden Versuch wehrt, eine Struktur für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.)

Was den zweiten Teil deiner Frage angeht, nämlich daß ihr an dem festhalten möchtet, was ihr euch durch so langes Kämpfen erworben habt, sei es als Individuum oder als Nation, so ist dieser Wunsch nicht unbillig oder unvernünftig, wenn du von einem an der äußeren Welt orientierten Bewußtsein herkommst.

Wie bitte?

[230]

Wenn du dein höchstes Lebensglück aus Erfahrungen beziehst, die nur in der äußeren Welt – der physischen Welt außerhalb deiner selbst – zu erlangen sind, wirst du nie, weder als Person noch als Nation, auch nur ein Gramm aufgeben wollen, von allem, was du aufgehäuft hast, um dich damit glücklich zu machen.

Und solange die »Besitzlosen« ihr Unglück an den Mangel von materiellen Dingen geknüpft sehen, werden auch sie sich in dieser Falle verfangen. Sie werden ständig haben wollen, was du hast, und du wirst dich konstant weigern, es mit ihnen zu teilen.

Deshalb habe ich an früherer Stelle gesagt, daß es einen Weg gibt, Kriege wirklich auszuschalten – und alle Erfahrungen von Unruhe und mangelndem Frieden. Aber dieser beinhaltet eine spirituelle Lösung.

Letztlich läßt sich jedes geopolitische Problem sowie auch jedes persönliche Problem auf ein spirituelles Problem zurückführen.

Alles im Leben ist spirituell, und daher haben alle Probleme des Lebens eine spirituelle Basis – und sind spirituell zu lösen.

Kriege werden auf eurem Planeten geführt, weil jemand etwas hat, was ein anderer haben will. Das bringt jemanden dazu, etwas zu tun, was jemand anders ihn nicht tun lassen möchte.

Jeder Konflikt entsteht aus einem fehlgeleiteten Verlangen. Der einzig dauerhafte Friede in der Welt ist der Friede im Innern.

Laßt jede Person inneren Frieden finden. Wenn du inneren Frieden findest, stellst du fest, daß du auch ohne alle diese Dinge auskommst.

[231]

Das bedeutet einfach, daß du die Dinge der äußeren Welt nicht mehr brauchst. »Nicht zu brauchen« bedeutet große Freiheit. Es befreit dich als erstes von der Angst: Angst, daß es da etwas gibt, was du nicht haben wirst; Angst, daß du etwas, was du hast, verlieren wirst; und Angst, daß du ohne ein bestimmtes Ding nicht glücklich werden kannst.

Zweitens befreit es dich von der Wut. Wut ist die Verkündung von Angst. Wenn du nichts zu fürchten hast, hast du nichts, worüber du wütend werden mußt.

Du wirst nicht wütend, wenn du etwas nicht bekommst, was du möchtest, weil dein Wunsch nur eine Vorliebe, aber keine Notwendigkeit bedeutet. Deshalb verbindest du keine Angst mit der Möglichkeit, daß du es vielleicht nicht bekommst. Und somit kommt auch keine Wut auf.

Du wirst nicht wütend, wenn du andere etwas tun siehst, was sie deinem Wunsch nach nicht tun sollen, weil für dich keine Notwendigkeit besteht, daß sie irgend etwas Bestimmtes tun oder nicht tun. Somit kommt keine Wut auf.

Du wirst nicht wütend, wenn andere unfreundlich sind, weil für dich keine Notwendigkeit besteht, daß sie freundlich sind. Du wirst nicht wütend, wenn andere lieblos sind, weil für dich keine Notwendigkeit besteht, daß sie dich lieben. Du hast keine Wut, wenn jemand grausam oder verletzend ist oder dir zu schaden sucht, denn für dich besteht keine Notwendigkeit, daß er sich anders verhält, und dir ist klar, daß du nicht verletzt oder geschädigt werden kannst.

Du hast noch nicht einmal Wut, wenn dir jemand nach dem Leben trachten sollte, denn du hast keine Angst vor dem Tod.

Ist dir die Angst genommen, kann dir alles andere genommen werden, und du wirst keine Wut empfinden.

[232]

Du weißt innerlich, intuitiv, daß alles, was du geschaffen hast, wiedererschaffen werden kann oder daß es – was noch wichtiger ist – keine Rolle spielt.

Wenn du inneren Frieden findest, kann weder die Anwesenheit noch die Abwesenheit, das Vorhandensein oder das Nichtvorhandensein irgendeiner Person, eines Ortes oder eines Dings, eines Zustands, Umstands oder einer Situation der Schöpfer deines Bewußtseinszustands oder die Ursache deiner Seinserfahrung sein.

Das bedeutet nicht, daß du alle Dinge des Körpers ablehnst. Weit gefehlt. Du erfährst und erlebst wie nie zuvor, wie du dich ganz und gar in deinem Körper befindest und das sich damit verbindende Vergnügen.

Doch deine Beschäftigung mit den Dingen des Körpers ist freiwillig, kein Muß. Du wirst die Erfahrung von Körperempfindungen machen, weil es deine Wahl ist, nicht weil es erforderlich ist, damit du dich glücklich fühlst oder von deiner Traurigkeit loskommst.

Diese simple Veränderung – den Frieden im Innern suchen und finden – könnte, wenn sie von jedermann unternommen würde, alle Kriege enden, Konflikte ausschalten, Ungerechtigkeiten verhindern und der Welt immerwährenden Frieden bringen.

Weder ist dazu ein anderes Rezept nötig, noch ist ein anderes Rezept möglich. Der Weltfriede ist eine individuelle, eine persönliche Angelegenheit!

Es ist keine Veränderung der Umstände nötig, sondern eine Veränderung des Bewußtseins.

Wie können wir zu innerem Frieden finden, wenn wir hungrig sind? Wie können wir heiter und gelassen sein, [233]wenn wir durstig sind? Wie können wir Ruhe bewahren, wenn wir naß sind, frieren und kein Obdach haben? Wie können wir keine Wut empfinden, wenn unsere Liebsten grundlos sterben?

Du sprichst so poetisch, aber ist Poesie von praktischer Bedeutung? Hat sie der Mutter in Äthiopien etwas zu sagen, die ihr ausgemergeltes Kind sterben sieht, weil es keine einzige Scheibe Brot gibt? Dem Mann in Mittelamerika, dem eine Kugel den Körper zerfetzt, weil er versucht, eine Armee vom Überfall auf sein Dorf abzuhalten? Und was sagt deine Poesie der Frau in Brooklyn, die von einer Bande achtmal vergewaltigt wird? Oder der sechsköpfigen Familie in Irland, die von einer Bombe weggeblasen wird, die Terroristen an einem Sonntagmorgen in einer Kirche versteckt haben?

Es tut weh, das zu hören, aber ich sage dir dies: In allem ist Vollkommenheit. Trachte danach, die Vollkommenheit zu erkennen. Das ist der Bewußtseinswandel, von dem ich spreche.

Brauche nichts. Wünsche alles. Wähle, was sich zeigt.

Spüre deine Gefühle. Weine dein Weinen. Lache dein Lachen. Achte deine Wahrheit. Doch wenn sich alle Emotionen erschöpft haben, sei still und wisse, daß ich Gott bin.

Mit anderen Worten, sieh inmitten der Tragödie die Herrlichkeit des Prozesses. Auch wenn du mit einer Kugel in deiner Brust stirbst, auch wenn du von einer Bande vergewaltigt wirst.

Das scheint schier unmöglich zu sein. Doch wenn du dich ins Gottesbewußtsein begibst, ist es dir möglich.

Du mußt es natürlich nicht tun. Das hängt davon ab, wie du den Augenblick zu erleben wünschst.

[234]

In einem Moment der großen Tragödie besteht die Herausforderung immer darin, daß du den Geist zur Ruhe bringst und dich tief ins Innere deiner Seele begibst.

Du tust es automatisch, wenn du keine Kontrolle darüber hast.

Hast du dich jemals mit einer Person unterhalten, die mit ihrem Wagen von einer Brücke fiel? Oder die sich einem Gewehrlauf gegenübersah? Oder die beinahe ertrunken wäre? Oft erzählen diese Menschen, daß sich die Zeit überaus verlangsamte, daß sie eine merkwürdige Ruhe überkam, daß sie überhaupt keine Angst hatten.

»Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.« Dies hat die Poesie einem Menschen zu sagen, der sich einer Tragödie gegenübersieht. In deiner dunkelsten Stunde werde ich dein Licht sein. In deinem schwärzesten Augenblick werde ich dein Trost sein. In deiner schwierigsten und kritischsten Zeit werde ich deine Kraft und Stärke sein. Deshalb habe Vertrauen! Denn ich bin dein Hirte; dir wird nichts mangeln. Ich laß dich lagern auf grünen Auen; ich führe dich zum frischen Wasser.

Ich erquicke deine Seele und führe dich auf rechten Pfaden um meines Namens willen.

Und ob du schon wandertest im finsteren Tal, du wirst kein Unheil fürchten; denn ich bin bei dir. Mein Stecken und Stab werden dir Zuversicht geben.

Ich bereite dir einen Tisch im Angesicht deiner Feinde. Ich salbe dein Haupt mit Öl. Ich fülle dir reichlich den Becher. Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen dein Leben lang, und du wirst wohnen in meinem Haus – und in meinem Herzen – immerdar.

 

 

[235]

12

Das ist wunderbar. Was du da gesagt hast, ist wunderbar. Ich wollte, die Welt würde das begreifen. Ich wollte, die Welt könnte es verstehen, könnte es glauben.

Dieses Buch wird dabei helfen. Du hilfst dabei. Du spielst also eine Rolle, tust deinen Teil zur Hebung des kollektiven Bewußtseins. Das ist es, was alle tun müssen.

Ja. Können wir nun zu einem neuen Thema übergehen? Ich halte es für wichtig, daß wir über die Einstellung reden – die Vorstellung von Dingen –, auf die du, wie du vor einer Weile sagtest, ausführlich eingehen wolltest.

Ich meine hier die Einstellung vieler Leute, die meinen, daß den Armen genug gegeben wurde; daß wir aufhören müssen, die Reichen zu besteuern, das heißt, sie im Endeffekt dafür zu bestrafen, daß sie hart arbeiten und »es schaffen«, nur um den Armen noch mehr geben zu können.

Diese Leute glauben, daß die Armen im Grunde arm sind, weil sie es so wollen. Viele unternehmen nicht einmal den Versuch, da rauszukommen. Sie saugen lieber an den Brustwarzen des Staates, als daß sie die Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Viele Leute glauben, daß eine Umverteilung des Reichtums – ein gemeinsames Nutzen des Reichtums – ein sozialistisches Übel ist. Sie zitieren das Kommunistische Manifest mit seiner Forderung, sich nicht an den Fähigkeiten, sondern an den Bedürfnissen des einzelnen zu orientieren, [236]als Beweis für den satanischen Ursprung des Gedankens, daß die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben aller durch die gemeinsamen Leistungen aller sichergestellt werden sollen.

Diese Leute glauben an das Prinzip: »Jeder für sich selbst.« Wenn man ihnen vorhält, daß das ein kalter und herzloser Gedanke ist, nehmen sie zu dem Spruch Zuflucht, daß jeder die gleiche Chance hat; sie behaupten, daß niemand von vornherein benachteiligt ist; daß, wenn sie es »schaffen« konnten, es jeder kann – und wenn es einer nicht tut, »es seine eigene verdammte Schuld ist«.

Du meinst, daß dies ein in Undankbarkeit wurzelnder, arroganter Gedanke ist.

Ja. Aber was meinst du dazu?

Ich habe kein Urteil in dieser Sache. Es ist nur einfach ein Gedanke. Es gibt nur eine relevante Frage in bezug auf diesen oder irgendeinen anderen Gedanken. Ist er euch dienlich? Dient euch dieser Gedanke in bezug auf das, was-und-wer-ihr-seid und zu sein bestrebt seid?

In Hinblick auf die Welt ist das die Frage, die sich die Menschen stellen müssen. Ist es euch dienlich, wenn ihr diesen Gedanken vertretet?

Ich sehe folgendes: Es gibt Menschen – ja ganze Gruppen von Menschen –, die in das hineingeboren werden, was ihr als nachteilige Umstände bezeichnet. Das entspricht den beobachtbaren Tatsachen.

Ebenso wahr ist, daß auf einer sehr hohen metaphysischen Ebene niemand »benachteiligt« ist, denn jede Seele erschafft [237]sich selbst genau die Menschen, Ereignisse und Umstände, die sie braucht, um das zu erreichen, was sie erreichen will.

Ihr wählt euch alles. Eure Eltern, das Land, in dem ihr geboren werdet, Umstände, die alle euren »Wiedereintritt« begleiten.

Und ebenso fahrt ihr im Laufe der Tage und Zeiten eures Lebens fort, die Menschen, Ereignisse und Umstände auszuwählen und zu erschaffen, die euch die von euch erwünschten und genau richtigen und perfekten Gelegenheiten verschaffen sollen, euch so zu erkennen, wie ihr wahrhaft seid.

Mit anderen Worten, niemand ist »benachteiligt« in Anbetracht dessen, was die Seele zu erreichen wünscht. Zum Beispiel mag die Seele den Wunsch haben, mit einem behinderten Körper oder in einer repressiven Gesellschaft unter enormem politischem und ökonomischem Druck zu arbeiten, um die Bedingungen herzustellen, die sie für das braucht, was sie erreichen will.

Wir sehen also, daß sich Menschen in physischer Hinsicht tatsächlich mit »Benachteiligungen« konfrontiert sehen, daß diese aber metaphysisch betrachtet eigentlich die richtigen und perfekten Umstände und Bedingungen sind.

Was bedeutet das auf praktischer Ebene für uns? Sollten wir den »Benachteiligten« Hilfe anbieten oder einfach erkennen, daß sie in Wahrheit genau dort sind, wo sie sein wollen, und ihnen so gestatten, »ihr eigenes Karma auszuarbeiten«?

Das ist eine sehr gute – und sehr wichtige – Frage.

Denk als erstes daran, daß alles, was du denkst, sagst und [238]tust, ein Spiegelbild dessen ist, was du in bezug auf dich selbst entschieden hast; es ist eine Aussage darüber, wer-du-bist; es ist ein Schöpfungs-Akt im Kontext deiner Entscheidung, wer du sein möchtest. Ich komme immer wieder darauf zurück, weil es das einzige ist, was ihr hier macht; darum geht es für euch. Nichts sonst geschieht, und nichts sonst steht für die Seele auf der Tagesordnung. Ihr strebt danach, zu sein und zu erfahren, wer-ihr-wirklich-seid – und das zu erschaffen. Ihr erschafft euch in jedem Moment des Jetzt aufs neue.

Wenn ihr in diesem Kontext auf eine Person trefft, die offensichtlich, so wie ihr es in den relativen Begriffen eurer Welt beobachtet, benachteiligt zu sein scheint, dann müßt ihr als erstes die Frage stellen: Wer bin ich, und wer will ich in bezug dazu sein?

Mit anderen Worten, wenn ihr einer anderen Person begegnet, egal in was für Umständen sie sich befindet, sollte eure erste Frage immer lauten: Was will ich hier?

Hast du das gehört? Deine erste Frage muß immer sein: Was will ich hier? Und nicht: Was will die andere Person hier?

Das ist die faszinierendste Einsicht, die mir je über den Umgang mit menschlichen Beziehungen zuteil wurde. Sie widerspricht auch allem, was ich je gelehrt wurde.

Ich weiß, aber eure Beziehungen sind deshalb ein solcher Schlamassel, weil ihr immer herauszufinden versucht, was die andere Person will und was die anderen Leute wollen, statt daß ihr herausfindet, was ihr wirklich wollt. Dann müßt ihr euch entscheiden, ob ihr es ihnen geben wollt. Und diese Entscheidung trefft ihr folgendermaßen: Ihr [239]schaut euch erst mal an, was ihr möglicherweise von ihnen wollt. Und gibt es eurer Meinung nach nichts, was ihr von ihnen wollen könnt, dann fällt der Hauptgrund dafür, ihnen zu geben, was sie wollen, flach, und so gebt ihr es ihnen auch sehr selten. Wenn ihr andererseits seht, daß ihr etwas von ihnen wollt oder möglicherweise wollen könntet, dann aktiviert sich euer eigener Überlebensmodus, und ihr versucht ihnen zu geben, was sie haben wollen.

Anschließend seid ihr sauer – vor allem dann, wenn euch die andere Person letztlich doch nicht das gibt, was ihr wollt.

Bei diesem Spiel des Tauschhandels baut ihr ein sehr empfindliches Gleichgewicht auf. Du erfüllst meine Bedürfnisse und ich die deinen.

Doch der Sinn und Zweck aller menschlichen Beziehungen – der Beziehungen zwischen den Nationen wie auch der zwischen den Einzelpersonen – hat mit all dem gar nichts zu tun. Sinn und Zweck deiner heiligen Beziehung mit jeder anderen Person, mit jedem Ort oder Ding bestehen nicht darin, daß du herauszufinden versuchst, was sie wollen oder brauchen, sondern was für dich erforderlich ist oder was du jetzt brauchst, um zu wachsen, um der zu sein, der-du-sein-willst.

Deshalb habe ich überhaupt die Beziehung zu anderen Dingen und Wesen erschaffen. Wenn es nicht darum ginge, hättet ihr weiterhin in einem Vakuum, in einer Leere, im ewigen Alles leben können, aus dem ihr gekommen seid.

Doch in diesem Alles seid ihr einfach und könnt kein »Gewahrsein« von irgend etwas im besonderen erleben, da es in diesem Alles nichts gibt, was ihr nicht seid.

Also habe ich für euch eine Möglichkeit ersonnen, aufs [240]neue zu erschaffen und zu erkennen, wer ihr in eurem Erleben wirklich seid. Dies tat ich, indem ich euch folgendes mitgab.

  1. Relativität – ein System, in dem ihr als Ding oder Wesen in bezug zu etwas anderem existieren könnt.
  2. Vergessen – ein Vorgang, bei dem ihr euch willentlich der totalen Amnesie unterwerft, damit ihr nicht erkennen könnt, daß die Relativität nur ein Trick ist und daß ihr Alles seid.
  3. Bewußtsein – ein Seinszustand, innerhalb dessen ihr euch weiterentwickeln könnt, bis ihr die volle Bewußtheit erlangt und dann zu einem wahren und lebendigen Gott werdet, eure eigene Realität erschafft und erfahrt, diese Realität erweitert und erkundet, sie verändert und um-gestaltet in dem Maße, wie ihr euer Bewußtsein zu neuen Grenzen ausdehnt – oder sollen wir sagen, zu keinerlei Grenzen.
    Innerhalb dieses Paradigmas ist Bewußtsein alles.
    Bewußtsein – das, wessen ihr euch wahrhaft bewußt seid – ist die Grundlage aller Wahrheit und somit aller wahren Spiritualität.

Aber was für einen Sinn hat das Ganze? Erst läßt du uns vergessen, wer-wir-wirklich-sind, damit wir uns dann daran erinnern können, wer-wir-wirklich-sind?

Nicht ganz. Damit ihr erschaffen könnt, wer-ihr-seid-und-sein-wollt.

Das ist der Akt Gottes, wodurch er Gott ist. Ich bin ich – durch euch!

[241]

Das ist der Kernpunkt allen Lebens.

Durch euch erfahre ich, Wer-und-Was-Ich-Bin. Ohne euch könnte ich es wissen, doch nicht erfahren.

Wissen und Erfahren sind zwei verschiedene Dinge. Ich wähle jedesmal das Erfahren.

Ja, das tue ich. Durch euch.

Ich glaube, ich habe vergessen, was hier die ursprüngliche Frage war.

Hm, es ist schwierig, Gott beim Thema zu halten. Ich habe eine so ausufernde Art.

Laß uns sehen, ob wir zurückfinden.

O ja. Was ist in bezug auf die weniger Glücklichen zu tun?

Erstens, entscheide, was und wer du in Beziehung zu ihnen bist.

Zweitens, wenn du dich dazu entscheidest, dich als Beistand, als Hilfe, als Liebe und Mitgefühl und Fürsorglichkeit erfahren zu wollen, dann sieh zu, wie du dies am besten sein kannst.

Und beachte, daß deine Fähigkeit, dies zu sein, nichts damit zu tun hat, was andere sind oder tun.

Manchmal kannst du Menschen am besten lieben und ihnen am meisten helfen, wenn du sie in Ruhe läßt oder sie dazu befähigst, sich selbst zu helfen.

Das ist wie ein Festmahl. Das Leben ist ein Buffet, und du kannst den Menschen dabei zu einer großen Portion von sich selbst verhelfen.

Denk daran, daß deine größte Hilfeleistung für eine andere Person darin besteht, daß du sie aufweckst, sie daran erinnerst, wer-sie-wirklich-ist. Es gibt viele Möglichkeiten, das [242]zu tun. Manchmal nur durch ein bißchen Beistand, einen Anstoß, einen Schubs, einen Stups … und manchmal durch die Entscheidung, daß du sie ihren eigenen Kurs nehmen, ihrem eigenen Pfad folgen, ihren eigenen Weg gehen läßt, ohne daß du irgendwie eingreifst oder dich einmischst. (Alle Eltern sind mit dieser Entscheidung vertraut und quälen sich tagtäglich damit herum.)

Deine Chance, etwas für die weniger Glücklichen zu tun, besteht darin, sie zu einem Um-Denken zu veranlassen, zu einem neuen Denken über sich selbst.

Und auch du mußt zu einem neuen Denken über sie gelangen, denn wenn du sie als unglücklich und bedauernswert ansiehst, werden sie es auch tun.

Jesu größte Gabe bestand darin, daß er jede Person als das ansah, was sie wirklich war. Er weigerte sich, das äußere Erscheinungsbild zu akzeptieren; er weigerte sich zu glauben, was andere von sich selbst glaubten. Er hatte immer eine höhere Anschauung und lud stets andere dazu ein.

Aber er respektierte und achtete auch, was andere zu sein gewählt hatten. Er verlangte nicht von ihnen, daß sie seine höhere Anschauung akzeptierten, er bot sie ihnen nur in Form einer Einladung an.

Sein Handeln war auch durch Mitgefühl bestimmt – und wenn andere sich dafür entschieden, sich als hilfsbedürftige Wesen zu betrachten, wies er sie nicht wegen ihrer irrigen Selbsteinschätzung ab, sondern ließ zu, daß sie ihre eigene Realität liebten, und half ihnen liebevoll dabei, ihre Wahl auszuagieren.

Denn Jesus wußte, daß manche auf dem schnellsten Weg zu dem kommen, der-sie-wirklich-sind, wenn sie den Weg über das nehmen, was-sie-nicht-sind.

[243]

Er bezeichnete das nicht als einen unvollkommenen Weg, den er damit verdammt hätte. Vielmehr betrachtete er auch diesen als »vollkommen« – und unterstützte so jedermann darin, das zu sein, was er sein wollte.

In dieser Weise erhielt ein jeder, der ihn darum bat, Hilfe von Jesus.

Er verweigerte sich niemandem – achtete aber stets sorgsam darauf, daß sein Hilfe immer den vollkommen ehrlichen Wunsch einer Person unterstützte.

Wenn andere aufrichtig nach Erleuchtung strebten, ehrlich ihre Bereitschaft, zur nächsten Ebene überzugehen, zum Ausdruck brachten, gab Jesus ihnen die Stärke, den Mut, die Weisheit, das zu tun. Er bot sich – zu Recht – den Menschen als Beispiel an und ermutigte sie, wenn ihnen schon nichts anderes möglich war, auf ihn zu vertrauen. Er würde sie nicht, so sagte er, in die Irre führen.

Viele setzten ihr Vertrauen in ihn – und bis auf den heutigen Tag hilft er denen, die seinen Namen anrufen. Denn seine Seele ist die Verpflichtung eingegangen, die aufzuwecken, die danach streben, vollkommen wach und vollkommen lebendig in mir zu sein.

Doch Christus hatte auch Erbarmen mit jenen, die das nicht taten. Er lehnte die Selbstgerechtigkeit ab und gab – wie sein Vater im Himmel – niemals ein richtendes Urteil ab.

Jesu Vorstellung von vollkommener Liebe bestand darin, allen Personen genau die Hilfe zukommen zu lassen, die sie erbaten, nachdem ihnen erklärt worden war, welche Art von Hilfe sie bekommen konnten.

Er weigerte sich nie, jemandem zu helfen, und tat dies vor allem nie aus dem Gedanken heraus, daß »ein jeder so liegen sollte, wie er sich gebettet hatte«.

[244]

Jesus wußte: Wenn er den Leuten die Hilfe gab, um die sie gebeten hatten, statt jener, die er ihnen hätte geben wollen, dann stärkte er sie auf der Ebene, auf der sie bereit waren, Stärkung zu erhalten.

So gehen alle großen Meister vor: die, die in der Vergangenheit auf eurem Planeten wandelten, und die, die gegenwärtig unter euch weilen.

Nun bin ich verwirrt. Wann ist ein Hilfsangebot kontraproduktiv? Wann wirkt es sich nachteilig statt förderlich auf das Wachstum eines anderen aus?

Wenn deine Hilfe in einer Weise angeboten wird, die ständige Abhängigkeit statt rasche Unabhängigkeit schafft.

Wenn du, im Namen des Mitgefühls, zuläßt, daß eine andere Person sich auf dich zu verlassen anfängt statt auf sich selbst.

Das ist kein Mitgefühl, sondern zwanghafte Machtausübung. Diese Art von Hilfe ist im Grunde ein Machttrip. Hier geht es unter Umständen um sehr feine Unterschiede, und manchmal weißt du gar nicht, daß du dich auf einem Machttrip befindest. Du glaubst wirklich, daß du einfach das Beste tust, um jemandem zu helfen … doch achte sorgsam darauf, daß du nicht einfach nur darauf bedacht bist, deinen eigenen Selbstwert zu steigern. Denn in dem Maße, wie du einer anderen Person gestattest, dich für sie verantwortlich zu machen, gestattest du ihr, dich zu einer machtvollen Person aufzubauen. Und das gibt dir natürlich ein Selbstwertgefühl.

Diese Art von Hilfe ist ein Aphrodisiakum, das die Schwachen verführt.

[245]

Ziel ist es, den Schwachen dabei zu helfen, daß sie stark werden, nicht die Schwachen noch schwächer werden zu lassen.

Das ist das Problem vieler staatlicher Hilfsprogramme, denn sie bewirken oft letzteres statt ersteres. Staatliche Hilfsprogramme haben oft die Tendenz, sich selbst zu verewigen. Ihr Ziel kann oft ebensosehr in der Rechtfertigung ihrer eigenen Existenz liegen wie in der Hilfe für jene, für die sie gedacht sind.

Gäbe es ein Limit für alle Hilfe von seiten des Staates und der Regierung, würde den Menschen geholfen, wenn sie wirklich Hilfe brauchen, aber sie könnten von dieser Hilfe nicht abhängig werden und sie gegen ihr eigenes Selbstvertrauen eintauschen.

Regierungen wissen, daß Hilfe Macht bedeutet. Deshalb bieten sie so vielen Menschen soviel Hilfe an, wie man ihnen durchgehen läßt – denn je mehr Menschen eine Regierung hilft, desto mehr Menschen helfen dieser Regierung.

Wer von der Regierung unterstützt wird, der unterstützt die Regierung.

Dann darf es also keine Umverteilung des Reichtums geben, und das Kommunistische Manifest ist tatsächlich satanisch.

Natürlich gibt es keinen Satan, aber ich verstehe, was du meinst. Der Gedanke hinter der Forderung des Kommunistischen Manifests, sich nicht an den Fähigkeiten, sondern an den Bedürfnissen des einzelnen zu orientieren, ist nicht des Teufels, er ist schön. Damit wird nur auf andere Weise [246]gesagt, daß ihr eures Bruders Hüter seid. Es ist die Durchführung dieser schönen Idee, die häßlich werden kann.

Ein Miteinanderteilen muß eine Lebensweise, kann kein von der Regierung verordneter Erlaß sein. Das Miteinanderteilen sollte freiwillig erfolgen, es darf nicht erzwungen werden.

Aber hier haben wir es wieder! Eine optimale Regierung ist das Volk, und dessen Programme sind einfach Instrumente einer »Lebensweise« aufgrund derer die Menschen mit vielen anderen Menschen teilen. Und ich würde meinen, daß die Menschen sich kollektiv, über das Instrument ihrer politischen Systeme, dazu entschieden haben, weil sie die Beobachtung machten und die Geschichte sie lehrt, daß die »Besitzenden« nicht mit den »Besitzlosen« teilen.

Die russischen Bauern hätten warten können, bis die Hölle einfriert, um zu erleben, daß der russische Adel seinen Reichtum mit ihnen teilt – welchen er gewöhnlich durch die harte Arbeit der Bauern erwarb und vermehrte. Den Bauern wurde nur gerade so viel gegeben, daß sie ein kärgliches Dasein fristen konnten, als »Anreiz« dafür, weiterhin das Land zu bearbeiten – und die Landbarone noch reicher zu machen. Sprich du mir von Abhängigkeitsbeziehungen! Das war ein ausbeuterischeres und schamloseres Arrangement des Ich-helfe-dir-nur-wenn-du-mir-hilfst, als es jemals von einer Regierung ersonnen wurde!

Es war eine Schande, gegen die die russischen Bauern revoltierten. Aus der Frustration der Menschen darüber, daß die »Besitzenden« aus freien Stücken nichts an die »Besitzlosen« abgaben, entstand ein Regierungssystem, das die Gleichbehandlung aller Menschen sicherstellte.

[247]

So war der Spruch Marie Antoinettes kennzeichnend für die Situation: »Sollen sie doch Kuchen essen!« sagte sie, als die hungernden, zerlumpten Massen unter ihrem Fenster protestierten, weil es kein Brot gab, während sie in einer vergoldeten Badewanne auf einem juwelengeschmückten Podest saß und importierte Weintrauben aß.

Gegen diese Haltung protestierten die Unterdrückten. Das sind die Umstände, die zur Revolution und zur sogenannten Willkürherrschaft führten.

Regierungen, die von den Reichen nehmen, um es den Armen zu geben, werden als Willkürherrscher bezeichnet, aber Regierungen, die nichts unternehmen, wenn die Reichen die Armen ausbeuten, sind Unterdrücker.

Frag heute noch die Bauern in Mexiko. Man sagt, daß zwanzig oder dreißig Familien – die reiche und mächtige Elite – das Land buchstäblich beherrschen (im wesentlichen deshalb, weil sie es besitzen!), während zwanzig oder dreißig Millionen in tiefster Armut leben. Also unternahmen die Bauern 1993–94 eine Revolte, um die elitäre Regierung dazu zu zwingen, ihre Pflicht zu tun und den Menschen die Mittel für ein Leben mit einem Mindestmaß an Würde an die Hand zu geben. Es besteht ein Unterschied zwischen elitären und »vom, durch und für das Volk« geschaffenen Regierungen.

Werden nicht Volksregierungen von wütenden Menschen geschaffen, die der grundsätzlich selbstsüchtge Charakter des menschlichen Wesens frustriert?

Werden Regierungsprogramme nicht als Abhilfe geschaffen, weil die Menschen unwillig sind, selber für Abhilfe zu sorgen?

Ist das nicht der Ursprung für Mietgesetze, Vorschriften in [248]bezug auf Kinderarbeit, Unterstützungsprogramme für alleinerziehende Mütter?

Ist die Sozialhilfe nicht der Versuch der Regierung, etwas für die älteren Menschen zu tun, was deren eigene Familien nicht für sie tun können oder wollen?

Wie vereinbaren wir unseren Haß auf die vom Staat ausgeübte Kontrolle mit unserem Mangel an Bereitschaft, irgend etwas zu tun, was wir nicht tun müssen, sobald es keine Kontrolle gibt?

Man sagt, daß manche Bergwerksarbeiter unter grauenhaften Bedingungen arbeiteten, bis die Regierung die schäbigen reichen Minenbesitzer anwies, ihre lausigen Minen in Ordnung zu bringen. Warum haben diese Besitzer das nicht von allein getan? Weil es ihre Profite geschmälert hätte! Und den Reichen war es egal, wie viele Arme in den gefährlichen Minen umkamen, damit die Profite flossen – und anwuchsen.

Die Wirtschaftsunternehmen zahlten den Arbeitern anfänglich Sklavenlöhne, bis ihnen die Regierung ein Mindestgehalt auferlegte. Diejenigen, die für eine Rückkehr zu den »guten alten Zeiten« plädieren, sagen: »Na und? Sie haben Arbeitsplätze geschaffen, oder? Und wer trägt denn das Risiko? Der Arbeiter? Nein! Der Investor, der Besitzer, trägt alle Risiken! Also sollte er auch den größten Lohn einstreichen!«

Jeder, der denkt, daß die Arbeiter, von deren Arbeit die Besitzer abhängig sind, mit Würde behandelt werden sollten, wird als Kommunist bezeichnet.

Jeder, der denkt, daß niemandem aufgrund seiner Hautfarbe eine Wohnung verweigert werden sollte, wird als Sozialist bezeichnet.

[249]

Jede, die denkt, daß keiner Frau, nur weil sie die »falsche« Geschlechtszugehörigkeit hat, Einstellungschancen oder berufliche Aufstiegsmöglichkeiten verweigert werden sollten, wird als Radikalfeministin bezeichnet.

Und wenn sich Regierungen über ihre gewählten Repräsentanten daranmachen, die Probleme zu lösen, die selber zu lösen sich die Machthabenden in der Gesellschaft standhaft weigern, werden sie als Zwangsherrschaft bezeichnet! (Natürlich nicht von den Menschen, denen sie helfen, sondern von denen, die sich weigern, selber diese Hilfe zu leisten.)

Nirgends zeigt sich das deutlicher als beim Gesundheitswesen. 1992 entschieden ein amerikanischer Präsident und seine Frau, daß es unfair und unangemessen ist, wenn Millionen von Amerikanern keinen Zugang zu einer Gesundheitsfürsorge haben; das setzte eine Debatte über das Gesundheitswesen in Gang, die sogar die Vertreter des Ärztestandes und der Versicherungswirtschaft in den Ring steigen ließ.

Die wirkliche Frage ist nicht, wessen Lösungsvorschlag der bessere war: der von der Regierung oder der von der Privatwirtschaft vorgeschlagene Plan. Die wirkliche Frage lautet: Warum hat die Privatindustrie nicht schon längst ihren eigenen Lösungsvorschlag vorgelegt?

Ich sag dir, warum. Weil sie es nicht mußten. Und der Industrie ging es ausschließlich um Profite.

Profite, Profite, Profite.

Mein Standpunkt ist daher folgender: Wir können wettern und schreien und uns beklagen, soviel wir wollen. Die schlichte Wahrheit ist, daß der Staat für die Lösungen sorgt, wenn der Privatsektor es nicht tut.

Wir könnten auch behaupten, daß Regierungen das, was sie [250]tun, gegen die Wünsche des Volkes unternehmen, aber solange die Menschen die Regierung kontrollieren – und das tun sie in den Vereinigten Staaten in weitem Maße –, so lange wird die Regierung weiterhin Lösungen für soziale Mißstände fordern und mit Lösungsvorschlägen aufwarten, weil die Mehrheit der Menschen nicht reich und mächtig ist und sich deshalb per Gesetz verordnet, was die Gesellschaft ihr nicht freiwillig gibt.

Nur in Ländern, wo eine Regierung nicht durch die Mehrheit ihres Volkes kontrolliert wird, unternimmt sie wenig oder gar nichts zur Aufhebung des sozialen Unrechts.

Das ist also das Problem: Wieviel Regierung ist zuviel Regierung? Und wieviel ist zu wenig? Und wie und wo gelangen wir zu einem Gleichgewicht?

Wow! So habe ich dich ja noch nie loslegen sehen! Du hast hier ja so lange geredet wie bisher in keinem unserer beiden Bücher.

Du hast gesagt, dieses Buch würde auf einige der umfassenderen globalen Probleme eingehen, mit denen sich die Menschenfamilie konfrontiert sieht. Ich denke, ich habe ein riesiges Problem dargelegt.

Ja. Jedermann von Toynbee über Jefferson bis Marx hat schon seit Hunderten von Jahren versucht, es zu lösen.

Okay – wie sieht deine Lösung aus?

Wir werden hier ein paar Schritte zurückgehen und noch mal altes Terrain beackern müssen.

[251]

Nur zu. Vielleicht muß ich es zweimal hören.

Dann werden wir mit der Tatsache beginnen, daß ich keine »Lösung« habe. Und das deshalb, weil ich nichts davon als problematisch ansehe. Es ist nur das, was es ist, und ich hege hinsichtlich dessen keine Vorlieben. Ich beschreibe hier nur, was sich beobachten läßt; was jeder ganz schlicht und einfach sehen kann.

Okay, du hast keine Lösung und keine Vorlieben. Kannst du mir eine Beobachtung anbieten?

Ich beobachte, daß die Welt sich noch ein Regierungssystem einfallen lassen muß, das eine umfassendere Lösung beinhaltet – obschon das Regierungssystem der Vereinigten Staaten einer solchen bislang am nächsten gekommen ist.

Die Schwierigkeit besteht darin, daß Güte und Fairneß moralische und keine politischen Fragen sind.

Über ein Regierungssystem macht der Mensch den Versuch, Güte zu verordnen und Fairneß zu garantieren. Doch es gibt nur einen Ort, wo Güte geboren wird: im Herzen. Es gibt nur einen Ort, wo die Vorstellung von Fairneß entsteht: im menschlichen Geist. Es gibt nur einen Ort, wo Liebe wahrhaft erfahren werden kann: in der menschlichen Seele. Denn die menschliche Seele ist Liebe.

Ihr könnt moralisches Verhalten nicht gesetzlich verordnen. Ihr könnt kein Gesetz verabschieden, welches besagt: »Liebt einander.«

Wir drehen uns nun hier im Kreis, denn wir haben das bereits alles abgehandelt. Doch die Diskussion ist gut, also [252]hak ruhig weiter nach. Es ist okay, selbst wenn wir über dieselben Dinge zwei- oder dreimal reden müssen. Wir versuchen hier, der Sache auf den Grund zu gehen; zu sehen, wie ihr sie jetzt gestalten wollt.

Na gut, dann stelle ich dieselbe Frage wie zuvor. Sind nicht alle Gesetze nur einfach ein Versuch der Menschen, moralische Vorstellungen und Prinzipien zu kodifizieren? Ist die »Gesetzgebung« nicht einfach nur unsere zusammengefaßte Übereinkunft über das, was »richtig« und »falsch« ist?

Ja. Und es sind bestimmte zivile Gesetze – Regeln und Vorschriften – in eurer primitiven Gesellschaft erforderlich. (Du begreifst, daß in nichtprimitiven Gesellschaften solche Gesetze unnötig sind. Alle Wesen regulieren sich dort selbst.) In eurer Gesellschaft seht ihr euch noch mit bestimmten sehr elementaren Fragen konfrontiert. Sollt ihr an der Straßenkreuzung anhalten? Sollt ihr nach bestimmten Regeln kaufen und verkaufen? Gibt es irgendwelche Beschränkungen hinsichtlich eures Umgangs miteinander? Aber in Wahrheit sollten selbst diese elementaren Gesetze – Verbot von Mord, Zerstörung, Betrug oder sogar der Nichtbeachtung einer roten Ampel – nicht nötig sein und wären auch nicht nötig, wenn überall alle Menschen ganz einfach den Gesetzen der Liebe folgten.

Das heißt dem Gesetz Gottes.

Was not tut, ist ein Wachsen des Bewußtseins, nicht ein Anwachsen von Regierung und Staat.

Du meinst, alles wäre in Ordnung, wenn wir nur die Zehn Gebote befolgten!

[253]

Es gibt keine Zehn Gebote. (Darüber wird im ersten Band ausführlich gesprochen.) Gottes Gesetz heißt »kein Gesetz«. Das ist etwas, das ihr nicht versteht.

Ich brauche und verlange nichts.

Viele Leute können deiner letzten Aussage keinen Glauben schenken.

Laß sie Band 1 lesen. Er enthält die vollständige Erklärung.

Ist das dein Vorschlag für diese Welt? Völlige Anarchie?

Ich schlage gar nichts vor. Ich beobachte nur, was funktioniert, und sagte dir, was ich beobachtet habe. Nein, ich mache nicht die Beobachtung, daß Anarchie – das Fehlen von Regierungsformen, Regeln, Vorschriften oder Einschränkungen jeglicher Art – funktioniert. Ein solches System läßt sich nur mit fortgeschritteneren Wesen praktizieren, als die Menschen meiner Beobachtung nach sind.

Ein bestimmtes Maß an Regierungsform und Staatsgewalt wird so lange erforderlich sein, bis das Menschengeschlecht in seiner Entwicklung am Punkt angelangt ist, wo es ganz natürlich das tut, was natürlich richtig ist.

Ihr seid klug, wenn ihr euch bis dahin selbst eine Regierung gebt. Die von dir angeführten Punkte sind augenfällig und unanfechtbar. Die Menschen tun oft nicht, was »richtig« ist, wenn es ihnen überlassen bleibt, nach ihrer eigenen Devise zu handeln.

Die eigentliche Frage ist nicht, warum Regierungen den Menschen so viele Regeln und Vorschriften aufzwingen, sondern: Warum müssen Regierungen das tun?

[254]

Die Antwort hat mit eurem auf Trennung ausgerichteten Bewußtsein zu tun.

Mit der Tatsache, daß wir uns als voneinander getrennt betrachten.

Ja.

Aber wenn wir nicht voneinander getrennt sind, dann sind wir eins. Und bedeutet das nicht, daß wir füreinander verantwortlich sind?

Ja.

Nimmt uns das nicht die Fähigkeit, zu individueller Größe zu gelangen? Wenn wir alle füreinander verantwortlich sind, hatte das Kommunistische Manifest recht!

Wie ich schon sagte, enthält es einen sehr noblen Gedanken, der aber seiner noblen Eigenschaft beraubt wird, wenn man ihn rücksichtslos durchsetzt. Das war das Problem mit dem Kommunismus. Nicht der Gedanke, sondern dessen Durchführung.

Da gibt es die, die sagen, daß er gewaltsam durchgesetzt werden mußte, weil er gegen die Grundnatur des Menschen verstößt.

Da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Grundnatur des Menschen muß verändert werden. Daran muß gearbeitet werden.

[255]

Um den Bewußtseinswandel zu bewirken, von dem du gesprochen hast.

Ja.

Wir drehen uns wieder im Kreis. Würde ein Gruppenbewußtsein nicht zur Entmachtung des Individuums führen?

Schauen wir uns das einmal an. Würde es nicht, wenn die Grundbedürfnisse jeder Person auf dem Planeten abgedeckt wären – wenn die Masse der Menschen in Würde leben könnte und nicht mehr nur ums schiere Überleben kämpfen müßte –, für die ganze Menschheit den Weg frei machen, sich nobleren Bestrebungen und Beschäftigungen zu widmen?

Würde die Größe und Bedeutsamkeit des Individuums tatsächlich eine Unterdrückung erfahren, wenn das Überleben des einzelnen garantiert wäre?

Muß die universelle Würde dem Glanz und der Glorie von Einzelpersonen geopfert werden?

Was für eine Art von Glanz und Glorie ist das, die auf Kosten anderer erlangt wird?

Ich habe euren Planeten mit mehr als ausreichenden Ressourcen versehen, um die Bedürfnisse aller angemessen zu befriedigen. Wie kann es sein, daß jedes Jahr Tausende verhungern? Hunderte obdachlos werden? Millionen aufschreien und nach ganz einfacher Würde verlangen?

Die Form von Hilfe, die dem ein Ende setzen würde, ist nicht diejenige, die entmachtet oder unfähig macht.

Wenn eure Wohlhabenden sagen, daß sie den Hungernden und Obdachlosen nicht helfen wollen, weil sie sie nicht [256]abhängig machen wollen, dann sind sie Heuchler. Denn niemand kann wirklich sein »Wohl haben«, solange andere dahinsterben.

Der evolutionäre Stand einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie gut sie die geringsten ihrer Mitglieder behandelt. Wie ich schon sagte, besteht die Herausforderung darin, daß ihr zu einem Gleichgewicht findet, daß ihr den Leuten helft, ohne ihnen zu schaden.

Hast du hier irgendwelche Richtlinien anzubieten?

Eine allgemeine Richtlinie könnte lauten: Irrt euch im Zweifel zugunsten des Mitgefühls.

Der Test, ob ihr helft oder schadet: Erfahren eure Mitmenschen als Resultat eurer Hilfe eine Erweiterung oder Reduzierung? Habt ihr sie größer oder kleiner gemacht? Fähiger oder unfähiger?

Es wurde gesagt, daß Individuen, wenn man ihnen alles gibt, weniger bereit sein werden, selbst dafür zu arbeiten.

Aber warum sollten sie für ein Leben in einfachster Würde arbeiten müssen? Ist nicht genug für alle da? Warum sollte das »Dafür-Arbeiten« etwas damit zu tun haben?

Ist nicht die grundsätzliche menschliche Würde das Geburtsrecht eines jeden? Sollte sie es nicht sein?

Wenn man mehr als das Minimum anstrebt – mehr Nahrung, eine größere Behausung, schönere Kleidung –, kann man für diese Ziele arbeiten. Aber sollte jemand ums schiere Überleben kämpfen müssen – auf einem Planeten, auf dem mehr als genug für alle vorhanden ist?

[257]

Das ist die zentrale Frage, mit der sich die Menschheit konfrontiert sieht.

Es geht nicht darum, alle gleich zu machen. Die Herausforderung besteht darin, dafür zu sorgen, daß für jeden ein grundsätzliches Überleben in Würde gesichert ist und somit jede Person die Chance hat zu entscheiden, was sie darüber hinaus noch haben möchte.

Es gibt Leute, die dagegen einwenden, daß manche diese Chance auch dann nicht ergreifen, wenn sie ihnen angeboten wird.

Und das ist eine richtige Beobachtung. Doch daraus ergibt sich eine weitere Frage: Schuldet ihr denen, die die ihnen angebotenen Chancen nicht ergreifen, noch eine weitere Chance und noch eine?

Nein.

Wenn das auch meine Einstellung wäre, wärt ihr auf ewig zur Hölle verdammt.

Ich sage dir dies: Mitgefühl hat nie ein Ende, Liebe hört niemals auf, Geduld geht in er Welt Gottes nie aus. Nur in der Welt der Menschen hat Güte ihre Grenzen.

In meiner Welt hat die Güte kein Ende.

Auch wenn wir sie gar nicht verdienen?

Ihr verdient sie immer.

Auch wenn wir dir deine Güte um die Ohren hauen?

[258]

Vor allem dann. (»Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.«) Wenn ihr mir meine Güte um die Ohren haut (was die Menschen übrigens schon seit Jahrhunderten tun), dann sehe ich, daß ihr nur in einem Irrtum befangen seid. Ihr wißt nicht, was am besten für euch ist. Ich habe Mitgefühl, weil sich eure Fehler nicht auf das Böse, sondern auf Unwissenheit gründen.

Aber manche Menschen sind grundsätzlich böse. Manche sind von Natur aus schlecht.

Wer hat dir das erzählt?

Das ist meine Beobachtung.

Dann kannst du nicht richtig sehen. Ich habe es dir schon gesagt: Niemand tut – gemessen an seinem Weltbild – etwas Böses.

Anders ausgedrückt, alle tun in jedem gegebenen Moment das ihnen Bestmögliche.

Die Handlungen eines jeden Menschen hängen von den ihm zugänglichen Informationen ab.

Ich habe es bereits gesagt – Bewußtsein ist alles. Wessen bist du dir bewußt? Was weißt du?

Ist es nicht böse, wenn uns Menschen in Verfolgung ihrer eigenen Ziele angreifen, verletzen, schädigen, ja sogar töten?

[259]

Ich habe dir bereits gesagt: Jeder Angriff ist ein Hilferuf.

Niemand hat wirklich den Wunsch, einen anderen zu verletzen. Die es tun – übrigens einschließlich eurer Regierungen –, tun es aus der irrigen Vorstellung heraus, daß dies der einzige Weg sei, etwas zu bekommen, was sie haben wollen.

Ich habe bereits die Lösung auf höherer Ebene für dieses Problem skizziert. Brauche einfach nichts. Hab Vorlieben, aber keine Bedürfnisse.

Doch das ist ein sehr hoher Seinszustand; es ist die Stufe der Meister.

Geopolitisch gesehen: Warum arbeitet ihr nicht als eine Welt zusammen, um die elementarsten Bedürfnisse eines jeden zu erfüllen?

Das tun wir – oder versuchen es.

Nach Jahrtausenden Menschheitsgeschichte hast du nichts Besseres anzubieten?

Tatsache ist, daß ihr euch kaum weiterentwickelt habt. Ihr agiert immer noch aus einer primitiven Mentalität des »jeder für sich selbst« heraus.

Ihr plündert die Erde aus, beraubt sie ihrer Ressourcen, beutet ihre Lebewesen aus, entzieht systematisch jenen Personen die Bürgerrechte, die euch dabei nicht zustimmen, und bezeichnet sie als »Radikale«.

Ihr tut das alles um eurer eigenen selbstsüchtigen Zwecke willen, weil ihr einen Lebensstil entwickelt habt, den ihr auf andere Weise nicht aufrechterhalten könnt.

Ihr müßt jedes Jahr Millionen Hektar an Baumbeständen fällen, sonst könnt ihr eure Sonntagszeitung nicht bekommen. [260]Ihr müßt die euren Planeten schützende Ozonschicht immer weiter zerstören, sonst könnt ihr euer Haarspray nicht bekommen. Ihr müßt die Flüsse und Bäche irreparabel verschmutzen und verseuchen, sonst können euch eure Industrien nicht mit immer noch mehr und noch Größerem und Besserem beliefern. Und ihr müßt die Geringsten unter euch ausbeuten – die Unterprivilegiertesten, die am wenigsten Ausgebildeten, die am wenigsten Bewußten –, sonst könnt ihr nicht an der Spitze der menschlichen Leiter eines unerhörten (und unnötigen) Luxus leben. Und schließlich müßt ihr leugnen, daß ihr das alles tut, sonst könnt ihr nicht mit euch selber leben.

Euer Herz rät euch nicht, »einfach zu leben, damit andere einfach leben können«. Diese Aufkleber-Weisheit ist zu simpel für euch. Sie ist zuviel verlangt, fordert zuviel von euch. Schließlich habt ihr so hart für das, was ihr habt, gearbeitet! Davon gebt ihr nichts auf! Und wenn der Rest der Menschheit – von den Kindern eurer eigenen Kinder ganz zu schweigen – dafür leiden muß, ist das eben ihr Pech, richtig? Ihr habt getan, was ihr tun mußtet, um zu überleben, um es »zu schaffen« – sie können dasselbe tun! Schließlich ist es nun mal so, oder etwa nicht: Ein jeder für sich!

Gibt es irgendeinen Ausweg aus diesem Schlamassel?

Ja. Soll ich es noch einmal sagen? Einen Bewußtseinswandel.

Ihr könnt die Probleme, die die Menschheit plagen und quälen, nicht durch Regierungsaktionen oder politische Maßnahmen lösen. Ihr habt das schon seit Tausenden von Jahren versucht.

[261]

Die notwendige Veränderung kann nur in den Herzen der Menschen vorgenommen werden.

Kannst du die Veränderung, die vorgenommen werden muß, in einem Satz zusammenfassen?

Das habe ich schon mehrmals getan.

Ihr mßt aufhören, Gott als von euch und euch selbst als voneinander getrennt zu betrachten.

Die einzige Lösung ist diese höchste Wahrheit: Es existiert im Universum nichts, das von irgend etwas anderem getrennt ist. Alles ist zutiefst miteinander verbunden, unwiderruflich wechselseitig voneinander abhängig, interaktiv, eingewoben in den Stoff allen Lebens.

Alles Regieren, alle Politik, muß auf diese Wahrheit gegründet sein. Alle Gesetze müssen darin verwurzelt sein.

Dies ist die künftige Hoffnung für die Menschheit; die einzige Hoffnung für euren Planeten.

Wie funktioniert das Gesetz der Liebe, von dem du vorhin gesprochen hast?

Liebe gibt alles und verlangt nichts.

Wie können wir nichts verlangen?

Wenn jeder Mensch alles gäbe, was würdet ihr dann noch verlangen oder brauchen? Der einzige Grund, aus dem ihr irgend etwas verlangt oder braucht, ist der, daß ein anderer zurückhält. Hört mit dem Zurückhalten auf!

[262]

Das kann nur funktionieren, wenn das alle auf einmal tun.

In der Tat ist ein globales Bewußtsein erforderlich.

Doch wie soll es zustande kommen? Jemand muß den Anfang machen.

Dir bietet sich diese Gelegenheit.

Du kannst die Quelle dieses neuen Bewußtseins sein.

Du kannst die Inspiration sein.

Ja, du mußt sie sein.

Ich muß?

Wer sonst, wenn nicht du?

 

 

[263]

13

Wie kann ich einen Anfang machen?

Sei der Welt ein Licht und schade ihr nicht. Trachte danach aufzubauen, nicht zu zerstören.

Bring mein Volk nach Hause.

Wie?

Durch dein leuchtendes Beispiel. Strebe nur nach Göttlichkeit. Sprich nur in Wahrhaftigkeit. Handle nur in Liebe. Lebe das Gesetz der Liebe jetzt und immerdar. Gib alles, brauche und fordere nichts.

Meide das Weltliche.

Akzeptiere nicht das Unakzeptable.

Lehre alle, die danach streben, mich kennenzulernen.

Mach jeden Moment deines Lebens zu einem sprudelnden Quell der Liebe.

Nutze jeden Moment, um den höchsten Gedanken zu denken, das höchste Wort zu sagen, die höchste Tat zu tun. Darin verherrliche dein heiliges Selbst, und so verherrliche auch mich.

Bring der Erde Frieden, indem du allen Frieden bringst, deren Leben du berührst.

Sei Friede.

Fühle und äußere in jedem Moment deine göttliche Verbindung mit dem Allem, mit jeder Person, jedem Ort und jedem Ding.

[264]

Akzeptiere liebevoll jeden Umstand, erkenne jeden Fehler an, teile alle Freude, vertiefe dich in jedes Mysterium, versetz dich an jedermanns Stelle, vergib jede Kränkung (die von dir zugefügte eingeschlossen), heile jedes Herz, ehre die Wahrheit einer jeden Person, verehre den Gott jedes Menschen, schütze die Rechte eines jeden, bewahre die Würde einer jeden Person, stille die Bedürfnisse eines jeden, geh von der Heiligkeit jedes Menschen aus, bring in jeder Person ihre größten Gaben hervor, bewirke Segen für jeden und verkünde die sichere Zukunft jedes Menschen in der gewissen Liebe Gottes.

Sei ein lebendiges, atmendes Beispiel der in dir wohnenden höchsten Wahrheit.

Sprich bescheiden von dir selbst, damit nicht jemand deine höchste Wahrheit als Prahlerei mißversteht.

Sprich leise, damit nicht jemand denkt, du wollest nur die Aufmerksamkeit auf dich lenken.

Sprich sanft, damit alle die Liebe erfahren können.

Sprich offen und freimütig, so daß du nicht mißverstanden werden kannst.

Sprich oft, so daß dein Wort sich wahrhaft verbreiten kann.

Sprich respektvoll, damit niemand entehrt wird.

Sprich liebevoll, so daß eine jede Silbe heilen kann.

Sprich in jeder Äußerung von mir.

Mach dein Leben zu einem Geschenk. Denk immer daran, du bist das Geschenk!

Sei jedem Wesen ein Geschenk, das in dein Leben eintritt, und einem jeden, in dessen Leben du eintrittst. Achte darauf, daß du nicht in das Leben eines anderen eintrittst, wenn du kein Geschenk sein kannst.

(Du kannst immer ein Geschenk sein, weil du immer das [265]Geschenk bist – doch manchmal läßt du dich das selbst nicht wissen!

Tritt jemand unerwartet in dein Leben, dann halte Ausschau nach dem Geschenk, das von dir zu erhalten diese Person gekommen ist.

Was für eine ungewöhnliche Art, dies auszudrücken.

Warum sonst, glaubst du, ist diese Person zu dir gekommen?

Ich sage dir dies: Jede Person, die je zu dir gekommen ist, kam, um von dir ein Geschenk zu erhalten. Und dabei gibt sie dir ein Geschenk – das Geschenk, daß du erfährst und erfüllst, wer-du-bist.

Wenn du diese einfache Wahrheit erkennst, wenn du sie verstehst, erkennst du auch die allergrößte Wahrheit:

ICH HABE EUCH
NUR ENGEL GESANDT.

 

 

[266]

14

Ich bin verwirrt. Können wir nochmals auf einen Punkt zurückkommen? Mir scheint es da ein paar widersprüchliche Informationen zu geben. Mir scheint, du habest gesagt, daß wir anderen Menschen manchmal am besten helfen können, wenn wir sie in Ruhe lassen. Dann scheinst du mir aber auch gesagt zu sagen, daß wir es nie versäumen sollen, einer Person zu helfen, wenn wir sehen, daß sie Hilfe braucht. Diese beiden Aussagen erscheinen mir widersprüchlich.

Laß mich hier Klarheit in dein Denken bringen.

Biete niemals die Art von Hilfe an, die zu einer Schmälerung der Selbständigkeit des anderen führt. Bestehe nie darauf, die Hilfe anzubieten, die deines Erachtens vonnöten ist. Laß die Menschen in Not wissen, was du alles zu geben hast – und hör dir dann an, was sie wollen; schau dir an, was zu empfangen sie bereit sind.

Biete die Hilfe an, die gewünscht wird. Oft werden dir die Leute sagen oder dir durch ihr Verhalten zu verstehen geben, daß sie einfach nur in Ruhe gelassen werden möchten. Und das höchste Geschenk, das du ihnen dann anbieten kannst, gleich was du deiner Meinung nach ihnen gerne geben würdest, mag dann darin bestehen, daß du sie in Ruhe läßt.

Wenn zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas anderes gebraucht oder gewünscht wird, dann wird deine Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, falls es an dir sein sollte, dieses Geschenk zu machen. Wenn dem so ist, dann gib es. [267]Doch bemühe dich, nichts zu geben, was die Selbständigkeit des anderen schmälern könnte. Geschmälert wird sie durch alles, was Abhängigkeit fördert oder bewirkt.

In Wahrheit gibt es immer eine Möglichkeit, anderen auf eine sie bestärkende und ermächtigende Weise zu helfen.

Ein völliges Ignorieren der Notlage eines anderen, der wirklich deine Hilfe braucht, ist keine Antwort, denn wenn du zu wenig tust, hilft das den anderen ebensowenig, wie wenn du zuviel tust.

Es zeugt nicht von höherem Bewußtsein, wenn du die echte Notlage von Brüdern oder Schwestern absichtlich ignorierst mit der Behauptung, daß das höchste Geschenk, das du ihnen machen kannst, das ist, daß du sie sozusagen in »ihrem eigenen Saft schmoren« läßt. Eine solche Einstellung bedeutet Selbstgerechtigkeit und Arroganz in höchstem Maße. Sie dient dir lediglich als Ausrede, um deine Unbeteiligtheit zu rechtfertigen.

Ich verweise dich wiederum auf das Leben Jesu und seine Lehren.

Denn es war Jesus, der euch sagte, daß ich zu denen zu meiner Rechten sagen werde: Kommt her, ihr, meine gesegneten Kinder, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.

Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.

Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr habt mich getröstet.

Dann werden sie zu mir sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und [268]dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und dich getröstet?

Und darauf werde ich ihnen antworten:

Wahrlich ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Das ist meine Wahrheit, und sie gilt noch immer für alle Zeiten.

 

 

[269]

15

Ich liebe dich, weißt du das?

Ich weiß. Und ich liebe dich.

 

 

[270]

16

Da wir sowohl über umfassendere Aspekte des Lebens auf planetarischer Ebene wie auch über einige im ersten Band erkundete Elemente unseres individuellen Lebens sprechen, möchte ich dich gerne zur Umwelt befragen.

Was möchtest du wissen?

Wird sie wirklich zerstört, wie manche Umweltschützer behaupten, oder handelt es sich bei diesen Leuten einfach nur um wild gewordene Radikale, kommunistisch eingefärbte Liberale, die alle in Berkeley studiert haben und Haschisch rauchen?

Die Antwort auf beide Fragen lautet »ja«.

Waaaas??

Ich habe nur einen Witz gemacht. Okay, die Antwort auf die erste Frage lautet »ja«, die Antwort auf die zweite Frage »nein«.

Die Ozonschicht wird abgebaut? Die Regenwälder werden dezimiert?

Ja. Aber es geht nicht nur um so offensichtliche Dinge. Es gibt auch weniger augenscheinliche Probleme, um die ihr euch kümmern solltet.

[271]

Hilf mir mal auf die Sprünge.

Zum Beispiel nimmt das fruchtbare Erdreich auf eurem Planeten rapide ab. Das heißt, ihr habt bald kein gutes Erdreich mehr, auf dem ihr Nahrung anbauen könnt. Der Boden braucht nämlich seine Zeit, um sich zu regenerieren, und eure Agrarindustrie hat keine. Sie wollen, daß die Erde produziert, produziert, produziert. Die uralte Praxis, die Anbauflächen von Jahr zu Jahr zu wechseln, wird abgeschafft oder zeitlich verkürzt. Um den Zeitverlust wettzumachen, wird der Boden mit Chemikalien versetzt, damit er schneller wieder fruchtbar wird. Doch hier, wie in allen Dingen, könnt ihr keinen künstlichen Ersatz für Mutter Natur schaffen, der euch auch nur annähernd mit dem versorgen könnte, womit sie euch versorgt.

Als Folge wird das zur Verfügung stehende fruchtbare Erdreich ausgelaugt. An manchen Orten bis in seine tiefsten Schichten hinunter. Mit anderen Worten, ihr baut mehr und mehr Nahrung auf einem Ackerboden an, der weniger und weniger Nährstoffe enthält. Kein Eisen, keine Mineralien. Nichts, was euch der Boden liefern sollte. Schlimmer noch, eure Nahrungsmittel sind voller Chemikalien, die ihr in eurem verzweifelten Versuch, den Boden wieder zu regenerieren, in die Erde geschüttet habt. Das schädigt zwar kurzfristig gesehen den Körper nicht sichtbar, doch ihr werdet zu eurem Leidwesen erfahren, daß diese Chemikalien, die im Körper verbleiben, auf Dauer die Gesundheit schädigen. Eure auf raschen Profit abzielenden Landwirtschaftsmethoden führten zur Erosion des Bodens. Die meisten von euch mögen sich dieses Problems nicht bewußt sein, doch ist der rapide Schwund dieser fruchtbaren Erdreichreserven [272]kein Phantasiegebilde irgendwelcher Yuppie-Umweltschützer auf der Suche nach dem nächsten sensationellen Umweltskandal. Fragt irgendeinen kundigen Wissenschaftler, und ihr werdet eine Menge zu hören bekommen. Es handelt sich um ein Problem von epidemischen Ausmaßen. Es ist ein ernstes globales Problem.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, wie ihr eure Mutter, die Erde, die euch alles Leben gibt, in völliger Mißachtung ihrer Bedürfnisse und natürlichen Prozesse schädigt und ihre Vorräte und Kräfte erschöpft.

Ihr bekümmert euch um wenig auf eurem Planeten, außer darum, wie ihr euren eigenen Leidenschaften frönen, eure unmittelbaren (und meist aufgeblähten) Bedürfnisse befriedigen und euer endloses menschliches Verlangen nach immer mehr und Größerem und Besserem stillen könnt. Doch ihr tätet gut daran, euch als Spezies zu fragen, wann genug genug ist.

Warum hören wir nicht auf unsere Umweltschützer? Warum beachten wir ihre Warnungen nicht?

Hier, wie auch bei allen wirklich wichtigen Dingen, die die Lebensqualität und den Lebensstil auf eurem Planeten beeinflussen, zeigt sich immer wieder ein leicht erkennbares Muster. Ihr habt einen Spruch, der die perfekte Antwort auf diese beiden wichtigen Fragen liefert: »Folge der Spur des Geldes.«

Wie können wir je hoffen, diese Probleme zu lösen, wenn wir gegen etwas derart Massives und Hinterhältiges ankämpfen müssen?

[273]

Ganz einfach. Schafft das Geld ab.

Das Geld abschaffen?

Ja. Oder schafft zumindest dessen Unsichtbarkeit ab.

Das verstehe ich nicht.

Die meisten Menschen verstecken die Dinge, derer sie sich schämen oder von denen andere Leute nichts erfahren sollen. Deshalb verstecken derart viele von euch ihre Sexualität, und deshalb verstecken fast alle von euch ihr Geld. Das heißt, ihr seid nicht offen, wenn es ums Geld geht. Ihr betrachtet euer Geld als eine äußerst private Angelegenheit. Und darin liegt das Problem.

Wenn jeder alles über jedermanns Finanzsituation wüßte, gäbe es einen Aufstand in eurem Land und auf dem Planeten, wie ihr ihn noch nie erlebt habt. Und danach würden alle menschlichen Angelegenheiten nach den Prinzipien von Fairneß, Gleichbehandlung und Ehrlichkeit und unter Berücksichtigung der Priorität des wahren Wohls aller geregelt werden.

Fairneß oder Gleichbehandlung, Ehrlichkeit oder das Gemeinwohl lassen sich derzeit unmöglich auf dem Marktgeschehen einführen, weil sich Geld so leicht verstecken läßt. Ihr könnt es buchstäblich auf physische Weise nehmen und verstecken. Und es gibt auch alle möglichen Methoden, mit deren Hilfe kreative Buchhalter Firmengelder »verstecken« oder »verschwinden lassen« können.

Da Geld also versteckt werden kann, gibt es keine Möglichkeit zu erfahren, wieviel jeder hat oder was er damit macht. [274]Das ermöglicht unzählige Ungerechtigkeiten, von Gaunereien und Betrügereien ganz zu schweigen. Firmen können zum Beispiel zwei Personen für dieselbe Arbeitsleistung sehr unterschiedliche Gehälter bezahlen. Sie können zum Beispiel einer Person jährlich ein Gehalt von 100 000 Mark und der anderen, die genau die gleiche Funktion hat, nur 75 000 Mark zahlen, und das nur deshalb, weil die eine etwas hat, was die andere nicht hat.

Und was ist das?

Ein Penis.

Oh.

Ja, oh.

Ach, das verstehst du nicht. Die Tatsache, daß sie einen Penis hat, macht die erste Person wertvoller als die andere; sie ist gewitzter, fast zweimal intelligenter und leistungsfähiger.

Hmm. Ich kann mich nicht entsinnen, euch so konstruiert zu haben. Ich meine nicht, daß ich die Fähigkeiten so ungleich verteilt hätte.

Das hast du aber getan, und ich bin überrascht, daß du das nicht weißt. Jedermann auf dem Planeten weiß das.

Wir hören besser damit auf, sonst denken die Leute, daß wir das wirklich ernst meinen.

[275]

Willst du etwa sagen, du meinst das nicht ernst? Wir, die Männer auf diesem Planeten, schon! Deshalb können Frauen keine katholischen Priesterinnen werden, dürfen sich nicht auf die falsche Seite der Klagemauer in Jerusalem stellen, können nicht bis an die Spitze der größten Konzerne aufsteigen oder Pilotinnen …

Schon gut, kapiert. Ich will ja nur sagen, daß es sehr viel schwieriger wäre, mit einer Diskriminierung hinsichtlich der Arbeitslöhne davonzukommen, wenn alle Geldtransaktionen nicht mehr versteckt, sondern sichtbar gemacht würden.

Kannst du dir vorstellen, was an den Arbeitsplätzen auf dem Globus los wäre, wenn alle Firmen gezwungen wären, die jeweiligen Gehälter aller ihrer Angestellten publik zu machen? Nicht die Gehaltskategorien bestimmter Arbeitsplatzeinstufungen, sondern das tatsächliche Entgelt, das jedes Individuum erhält.

Nun, dann wäre Schluß mit: »Teile und herrsche.«

Richtig.

Und dann wäre Schluß mit: »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.«

Richtig.

Und dann wäre Schluß mit: »Mensch, warum sollten wir mehr Geld ausgeben, wenn wir sie für ein Drittel weniger bekommen?«

[276]

So ist es.

Und dann wäre Schluß mit der Speichelleckerei und Schöntuerei und der Bevorzugung und den »guten Beziehungen«.

Und die Arbeitsplätze und die Welt würden noch von sehr, sehr viel mehr befreit, nur durch die einfache Methode der Offenlegung der Spur des Geldes.

Denk nur mal nach. Glaubst du nicht, die Dinge würden sich ändern, wenn ihr genau wüßtet, wieviel Geld jeder von euch besitzt und wieviel Profit alle eure Industrien und Konzerne machen und wieviel jeder ihrer leitenden Angestellten wirklich verdient – und wie diese Personen und Konzerne ihr Geld verwenden?

Denk mal darüber nach. Welche Veränderungen würden sich deiner Ansicht nach daraus ergeben?

Die simple Tatsache ist die, daß sich die Menschen 90 Prozent von dem, was auf der Welt vor sich geht, nicht gefallen lassen würden, wenn sie wüßten, was da wirklich gespielt wird.

Die Gesellschaft würde diese außerordentlich einseitige und unangemessene Verteilung des Reichtums und noch weniger die Mittel, mit denen er erworben wird, oder die Art und Weise, in der er eingesetzt wird, um noch mehr Gewinn zu machen, nicht sanktionieren, wenn alle Menschen allerorten detaillierte und sofortige Kenntnis von diesen Fakten erhielten.

Nichts führt rascher zu einem angemessenen Verhalten, als wenn die Dinge ans Licht der kritischen Öffentlichkeit gebracht werden. Deshalb waren eure sogenannten Sunshine Laws ein so effektives Mittel beim Ausmisten des Saustalls [277]in euren politischen Systemen und Regierungskreisen. Die Tatsache, daß seitdem öffentliche Ratsversammlungen und Anhörungen abgehalten werden müssen und der Öffentlichkeit Einsicht in Unterlagen und Protokolle gewährt werden muß, hat viel zur Reduzierung der in Hinterzimmern abgesprochenen Mauscheleien und Machenschaften beigetragen, die in den 20er, 30er, 40er und 50er Jahren in euren Rathäusern, Schulgremien, Wahlbezirken – und auch in den Kreisen eurer Bundesregierung – die Regel waren.

Jetzt ist es an der Zeit, etwas »Sonnenschein« in den Umgang mit eurem Entgelt für Waren und Dienstleistungen auf eurem Planeten zu bringen.

Was schlägst du vor?

Das ist kein Vorschlag, sondern eine Herausforderung. Ich fordere euch dazu heraus, endlich den Mut zu haben, all euer Geld, all eure Papiere und Münzen und nationalen Währungen wegzuwerfen und neu anzufangen. Entwickelt ein internationales monetäres System, das weit offen, total einsichtig, sofort nachvollziehbar und völlig durchschaubar ist. Errichtet ein Weltweites Abrechnungssystem (WAS) mit Kreditposten für jeweils geleistete Dienste und hergestellte Produkte und Schuldposten für jeweils in Anspruch genommene Dienstleistungen und konsumierte Produkte.

Alles würde in diesem System verzeichnet werden. Erträge aus Investitionen, Erbschaften, Gewinne aus Wetten, Gehälter und Löhne, Trinkgelder und Gratifikationen, alles. Und nichts könnte ohne Krediteinheiten gekauft werden. [278]Es gäbe keine andere Handelswährung, und jedermanns Unterlagen wären für alle einsehbar.

Es gibt den Spruch: Zeig mir das Bankkonto eines Menschen, und ich sag dir, wer er ist. Das ist ein Szenarium, dem dieses System ziemlich nahe käme. Die Leute würden oder könnten zumindest erheblich mehr übereinander wissen, als sie es jetzt tun. Aber sie würden nicht nur mehr übereinander wissen, sie würden auch mehr über alles wissen. Mehr darüber, was die Konzerne zahlen und ausgeben und was ihre Herstellungskosten und ihr geforderter Preis für ein Produkt sind. (Kannst du dir vorstellen, was die Konzerne machen würden, wenn sie auf jedes Preisschild zwei Zahlen setzen müßten – den Preis und ihre Kosten? Würde das nicht die Preise senken, den Wettbewerb anheizen und dem fairen Handel Vorschub leisten? Du kannst dir die Konsequenzen eines solchen Schrittes nicht mal ausmalen.)

Unter dem neuen Weltweiten Abrechnungssystem wäre der Transfer von Schuld- und Kreditposten sofort und total einsehbar. Das heißt, jeder könnte das Konto irgendeiner anderen Person oder Organisation jederzeit inspizieren. Nichts würde geheimgehalten, nichts wäre »Privatsache«. Das WAS würde jährlich jenen Personen 10 Prozent von ihren sämtlichen Gewinnen abziehen, die freiwillig um einen solchen Abzug bitten. Es gäbe keine Einkommenssteuer, keine Formulare, keine Abschreibungen, keine »Schlupflöcher«, keine Mogelei und Hinterziehung! Da alle Unterlagen offen einsehbar wären, könnte jeder in der Gesellschaft feststellen, wer sich dafür entscheidet, zehn Prozent für das Gemeinwohl zu stiften, und wer nicht. Diese freiwillig geleisteten Abzüge würden zur Unterstützung [279]all der staatlichen Programme und Dienstleistungen dienen, für die sich das Volk per Abstimmung entschieden hat.

Das ganze System wäre sehr einfach und durchschaubar.

Die Welt würde sich nie auf so etwas einlassen.

Natürlich nicht. Und weißt du, warum? Weil ein solches System es jedem unmöglich machen würde, irgend etwas zu tun, von dem er nicht will, daß ein anderer es weiß. Aber warum sollte jemand überhaupt so etwas tun wollen? Ich sag dir, warum. Weil ihr gegenwärtig in einem interaktiven sozialen System lebt, das auf geschickter Manipulation, gegenseitiger Übervorteilung und dem sogenannten »Überleben der Fittesten« basiert.

Wenn das Hauptziel und Anliegen eurer Gesellschaft im Überleben aller bestünde (so wie es in allen wahrhaft aufgeklärten oder erleuchteten Gesellschaften der Fall ist), im gleichen Nutzen für alle, in der Sicherstellung eines guten Lebens für alle, dann würde jede Notwendigkeit der Geheimhaltung, der hinter verschlossenen Türen ausgehandelten Geschäfte und abgekarteten Machenschaften und von Geld, das sich verstecken läßt, entfallen.

Ist dir klar, wieviel an guter alter Korruption, von Unfairneß und Ungerechtigkeiten ganz zu schweigen, durch die Einführung eines solchen Systems ausgeräumt würde?

Das Geheimnis, das Schlüsselwort heißt hier Sichtbarkeit.

Wow. Was für ein Konzept. Was für eine Idee. Absolute Sichtbarkeit und Durchschaubarkeit bei der Durchführung aller monetären Angelegenheiten. Ich versuche, einen [280]Grund zu finden, warum das »falsch«, warum das nicht »okay« wäre, aber ich kann keinen finden.

Natürlich findest du keinen, weil du nichts zu verstecken hast. Aber kannst du dir vorstellen, was die Menschen, die in dieser Welt über Geld und Macht verfügen, tun würden, wie sie bei dem Gedanken aufschreien würden, daß jeder ihrer Schritte, jeder Kauf und Verkauf, jeder Handel, jede geschäftliche Aktion und Preisfestsetzung, jede Lohnverhandlung und Entscheidung von jedermann begutachtet werden könnte, indem man sich ganz einfach nur anschaut, was dahintersteht?

Ich sage dir dies: Nichts führt schneller zu Fairneß als Sichtbarkeit.

Sichtbarkeit ist einfach ein anderes Wort für Wahrheit.

Bring die Wahrheit in Erfahrung, sie wird dich befreien.

Regierungen, Konzerne und Menschen, die über Macht verfügen, wissen das, weshalb sie niemals zulassen werden, daß die Wahrheit – die schlichte und einfache Wahrheit – die Grundlage eines von ihnen konstruierten politischen, sozialen oder ökonomischen Systems bildet.

In erleuchteten Gesellschaften gibt es keine Geheimnisse. Jeder weiß, was der andere hat, was er verdient, was er an Gehältern, Steuern und Beihilfen zahlt und was die anderen Unternehmen im einzelnen berechnen und für wieviel sie kaufen und mit wieviel Profit sie verkaufen und alles. Alles.

Weißt du, warum das nur in erleuchteten Gesellschaften möglich ist? Weil in diesen Gesellschaften niemand bereit ist, auf Kosten eines anderen irgend etwas zu bekommen oder zu besitzen.

[281]

Das ist eine radikale Lebensweise.

In primitiven Gesellschaften erscheint sie radikal, ja. In erleuchteten Gesellschaften ist sie das offensichtlich Angemessene.

Mich fasziniert dieses Konzept der »Sichtbarkeit«. Könnte es auch über die monetären Angelegenheiten hinausreichen? Könnte es auch ein Schlüssel für unsere persönlichen Beziehungen sein?

Das wäre zu hoffen.

Und doch ist es nicht so.

In der Regel nicht. Auf eurem Planeten noch nicht. Die meisten Menschen haben immer noch zuviel zu verbergen.

Warum? Worum geht es hier?

In den persönlichen Beziehungen (und im Grunde in allen Beziehungen) geht es um Verlust. Es geht um die Angst davor, daß man etwas verlieren, daß man scheitern oder versagen könnte. Doch die besten persönlichen und ganz sicher die romantischsten Beziehungen sind die, in denen jeder alles weiß; in denen Sichtbarkeit nicht nur das Schlüsselwort, sondern das einzige Wort ist; in diesen Beziehungen wird nichts zurückgehalten, wird nichts verschleiert oder gefärbt oder versteckt oder maskiert. Nichts bleibt unausgesprochen. Nichts bleibt der Vermutung überlassen, es werden keine Spielchen gespielt; niemand [282]»führt einen Tanz auf«, »zieht eine Schau ab« oder »macht etwas vor«.

Aber wenn jeder alles wüßte, was wir denken –

Moment mal. Hier geht es nicht darum, daß du keine geistige Privatsphäre mehr hast, keinen geschützten Raum für deine persönlichen Prozesse. Das ist es nicht, wovon wir reden.

Hier geht es nur um den offenen und ehrlichen Umgang miteinander. Nur darum, daß du die Wahrheit sagst, wenn du sprichst, und keine Wahrheit verschweigst, die deiner Erkenntnis nach ausgesprochen werden sollte. Darum, daß du niemals lügst oder verschleierst oder verbal oder mental manipulierst oder deine Wahrheit verdrehst, sie hinbiegst zu einer der hundertundeins anderen verzerrten Ausformungen, die für den größten Teil der menschlichen Kommunikation so charakteristisch ist.

Hier geht es darum, reinen Tisch zu machen, klipp und klar zu sagen, was Sache ist. Darum, sicherzustellen, daß alle Einzelpersonen über alle Informationen verfügen und alles Nötige wissen, was sie zu einem Punkt oder Thema wissen müssen. Hier geht es um Fairneß und Offenheit und um … Sichtbarkeit.

Doch das heißt nicht, daß jeder einzelne Gedanke, jede heimliche Befürchtung, jede schwärzeste Erinnerung, jedes flüchtige Urteil, jede flüchtige Meinung oder Reaktion zur Diskussion und Begutachtung auf den Tisch gelegt werden muß. Das ist nicht Sichtbarkeit, das ist Wahnsinn und würde euch verrückt machen.

Wir sprechen hier über einfache, direkte, geradlinige, offene, [283]ehrliche, vollständige Kommunikation. Das ist alles, und doch ist es ein bemerkenswertes Prinzip, das selten zur Anwendung kommt.

Das kannst du zweimal sagen.

Das ist alles, und doch ist es ein bemerkenswertes Prinzip, das selten zur Anwendung kommt.

Du solltest im Varieté auftreten.

Machst du Witze? Tu ich doch.

Aber im Ernst, das ist eine großartige Idee. Stell dir eine ganze Gesellschaft vor, die sich um das Prinzip der Sichtbarkeit aufbaut. Bist du sicher, das würde funktionieren?

Ich sag dir etwas. Die Hälfte aller Übel auf der Welt würde morgen verschwinden. Die Hälfte der Sorgen, die Hälfte der Konflikte, die Hälfte der Wut, die Hälfte der Frustration auf der Welt …

Natürlich würde es zunächst Wut und Frustration geben, keine Frage. Wenn endlich herauskäme, wie sehr dem normalen Bürger mitgespielt und auf der Nase rumgetanzt wird, wie er als Wegwerfartikel benutzt, manipuliert, belogen und schlichtweg betrogen wird, gäbe es eine Menge Frust und Wut. Aber »Sichtbarkeit« würde mit all dem innerhalb von 60 Tagen weitgehend aufräumen und es in Luft auflösen.

Laß mich dich noch mal dazu einladen, darüber nachzudenken.

[284]

Glaubst du, ihr könntet ein solches Leben führen? Keine Geheimnisse mehr? Absolute Sichtbarkeit und Durchschaubarkeit?

Wenn nicht, warum nicht?

Was verbergt ihr vor anderen, das sie nicht wissen sollen?

Was sagst du zu anderen, das nicht wahr ist?

Was sagst du jemandem nicht, das wahr ist?

Hat das Lügen durch Sagen oder Verschweigen eure Welt dahin gebracht, wo ihr eigentlich sein wollt? Hat euch die Manipulation (der Wirtschaft, einer Situation oder einfach einer Person) durch Stillschweigen oder Heimlichtuerei wirklich genützt? Ist »Diskretion« wirklich das, was euren Staat, eure Konzerne und euer persönliches Leben funktionieren läßt?

Was würde geschehen, wenn für jedermann alles sichtbar wäre?

Es liegt allerdings eine gewisse Ironie in der Sache. Seht ihr nicht, daß dies genau das ist, wovor ihr euch bei eurer ersten Begegnung mit Gott fürchtet? Kapiert ihr nicht, daß ihr genau davor Angst habt: Daß das Stück aus ist, das Spiel vorbei, der Steptanz zu Ende, das Schattenboxen vorüber und daß die lange, lange Kette der großen und kleinen Täuschungsmanöver und Betrügereien – ganz buchstäblich – an einem toten Punkt angelangt ist?

Doch die gute Nachricht ist die, daß es keinen Grund gibt, Angst zu haben, sich zu fürchten. Niemand wird euch verurteilen, niemand wird euch der »Missetat« bezichtigen, niemand wird euch in ein ewiges Höllenfeuer werfen.

(Und was euch Angehörige der römisch-katholischen Kirche angeht, ihr werdet auch nicht ins Fegefeuer kommen.) Nun, ihr versteht, was ich meine. Jeder von euch hat sich [285]im Kontext eurer jeweiligen Theologie irgendein Bild, irgendeine Vorstellung von Gottes schlimmstem Strafgericht zurechtgebastelt. Und ich hasse es, euch sagen zu müssen, da ich sehe, was für einen Spaß euch das ganze Drama macht, aber, nun ja … so etwas gibt es einfach nicht.

Vielleicht könnt ihr, wenn ihr die Angst davor verliert, daß euer Leben im Augenblick eures Todes total sichtbar offengelegt wird, auch eure Angst davor überwinden, daß euer Leben total sichtbar wird, während ihr es lebt.

Wäre das nicht was …

Ja, das wäre was, oder? Hier ist also das Rezept, um dir zu einem Start zu verhelfen. Kehre zum ersten Kapitel dieses Buches zurück, und schau dir noch mal die fünf Ebenen des Sprechens der Wahrheit an. Sei entschlossen, dir dieses Modell einzuprägen und es umzusetzen. Strebe nach der Wahrheit, sag die Wahrheit, lebe die Wahrheit jeden Tag. Tu das für dich selbst und jeder anderen Person gegenüber, mit deren Leben du in Berührung kommst.

Dann sei bereit, nackt zu sein. Sei ein Vorbild für Sichtbarkeit.

Das ist mir unheimlich. Wirklich unheimlich.

Dann schau, wovor du dich fürchtest.

Ich befürchte, daß alle den Raum verlassen werden. Ich habe Angst, daß mich niemand mehr mögen wird.

[286]

Ich verstehe. Du hast das Gefühl, du mußt lügen, damit die Leute dich mögen?

Nicht gerade lügen. Nur ihnen nicht alles sagen.

Denk an das, was ich vorhin sagte. Es geht nicht darum, daß du mit jedem kleinen Gefühl, Gedanken, mit jeder Idee, Befürchtung, Erinnerung, mit jedem Bekenntnis oder was auch immer herausplatzt. Es geht einfach darum, daß du immer die Wahrheit sagst, dich vollständig zeigst.

Vor der Person, die du am meisten liebst, kannst du dich körperlich nackt zeigen, oder?

Ja.

Warum dann nicht auch emotional nackt sein?

Das zweite ist viel schwieriger als das erste.

Das verstehe ich. Dennoch empfiehlt es sich, denn es bringt großen Lohn ein.

Du hast ganz sicher einige sehr interessante Gedanken zur Sprache gebracht. Schafft die versteckten Motive ab, baut eine Gesellschaft auf dem Prinzip der Sichtbarkeit auf, sagt immer zu jedem die Wahrheit über alles. Wow!

Auf der Grundlage dieser wenigen Prinzipien wurden ganze Gesellschaften aufgebaut. Erleuchtete Gesellschaften.

Ich habe noch keine entdeckt.

[287]

Ich sprach nicht von eurem Planeten.

Oh.

Und auch nicht von eurem Sonnensystem.

Oh.

Aber um ansatzweise zu erleben, was ein solches neues Denksystem beinhaltet, müßt ihr weder den Planeten noch euer Haus verlassen. Fangt in eurer eigenen Familie, in eurem eigenen Heim an. Wenn ihr ein Unternehmen besitzt, fangt in eurer eigenen Firma an. Sagt jedem dort, was ihr selbst verdient, was die Firma einnimmt und ausgibt und was jeder eurer Angestellten verdient. Ihr werdet sie höllisch schockieren. Oder besser: Ihr werdet die Hölle aus ihnen herausschockieren. Wenn jeder Unternehmensbesitzer dasselbe täte, wäre die Arbeit für viele nicht mehr die leibhaftige Hölle, weil am Arbeitsplatz ein größeres Gefühl von Gerechtigkeit, Fairneß und angemessenem Entgelt einkehren würde.

Sagt euren Kunden genau, was euch euer Produkt oder die angebotene Dienstleistung kostet. Schreibt auf eure Preisschilder eure eigenen Kosten und euren Preis. Könnt ihr immer noch auf euren geforderten Preis stolz sein? Habt ihr irgendwelche Ängste, daß sich jemand von euch »übers Ohr gehauen« fühlen könnte, sollte er über euer Preis-Leistungs-Verhältnis Bescheid wissen? Wenn ja, dann seht zu, was ihr unternehmen könnt, um eure Preise in den Bereich der Fairneß zu bringen, statt daß ihr »rausholt, was geht und solange es geht«.

[288]

Dazu fordere ich euch heraus.

Das verlangt eine komplette Änderung eurer Denkweise. Euch muß an euren Kunden oder Klienten ebensosehr gelegen sein wie an euch selbst.

Ja, ihr könnt mir dem Aufbau dieser neuen Gesellschaft gleich hier und jetzt, gleich heute anfangen. Es ist eure Wahl. Ihr könnt weiterhin das alte System unterstützen, die gegenwärtigen Paradigmen, oder ihr könnt vorangehen und eurer Welt einen neuen Weg aufzeigen.

Ihr könnt dieser neue Weg sein. In allem. Nicht nur im Geschäftsleben, nicht nur in der Politik oder Wirtschaft oder Religion oder in diesem oder jenem Aspekt allgemeiner Lebenserfahrung, sondern in allem.

Seid der neue Weg. Seid der höhere Weg. Seid der beste Weg. Dann könnt ihr wahrhaft sagen: Ich bin der Weg und das Leben. Folgt mir.

Wärt ihr, wenn die ganze Welt euch folgte, erfreut zu sehen, wohin ihr sie geführt habt?

Stellt euch heute einmal diese Frage.

 

 

[289]

17

Ich höre deine Herausforderung. Ich höre sie. Bitte sag mir jetzt mehr über das Leben auf diesem Planeten in größerem Rahmen. Sag mir, wie die Nationen miteinander auskommen können, so daß es »nie wieder Krieg gibt«.

Es wird zwischen den Nationen immer Meinungsverschiedenheiten geben, denn Meinungsverschiedenheiten sind nur ein Zeichen – und ein gesundes Zeichen – für Individualität. Die gewalttätige Austragung von Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten ist jedoch ein Zeichen von außerordentlicher Unreife.

Es gibt keinen Grund in der Welt, warum die gewaltsame Lösung von Konflikten nicht vermeidbar sein sollte, die dazu nötige Bereitschaft der Nationen vorausgesetzt.

Man sollte meinen, der hohe Tribut an getöteten Menschen und zerstörtem Leben sei genug, um eine solche Bereitschaft zu erzeugen, aber in primitiven Gesellschaften wie der euren ist das nicht so.

Solange ihr glaubt, eine Auseinandersetzung gewinnen zu können so lange werdet ihr euch auch darauf einlassen. Solange ihr glaubt, einen Krieg gewinnen zu können, so lange werdet ihr ihn auch führen.

Was ist die Lösung für all das?

Ich habe keine Lösung, ich habe nur –

[290]

Ich weiß, ich weiß! Eine Beobachtung.

Ja. Ich beobachte jetzt, was ich schon zuvor beobachtet habe. Eine kurzfristige Lösung könnte in der Etablierung einer Weltregierung, wie es manche nennen, bestehen und eines Weltgerichtshofes (dessen Urteile, im Gegensatz zu eurem gegenwärtigen Internationalen Gerichtshof, nicht ignoriert werden können) sowie einer Weltstreitmacht zur Aufrechterhaltung des Friedens, die sicherstellt, daß keine Nation – ganz gleich, wie mächtig oder einflußreich sie ist – je eine andere angreifen kann.

Doch verstehe, daß es dann immer noch Gewalt auf der Erde geben kann. Die Friedenstruppe muß vielleicht gegen jemanden gewalttätig vorgehen, um dessen Gewaltanwendung zu stoppen. Wie ich in Band 1 bemerkte, stellt das Versäumnis, einen Despoten aufzuhalten, eine Ermächtigung dieses Despoten dar. Manchmal ist der einzige Weg, einen Krieg zu vermeiden, der, daß man einen Krieg führt. Manchmal mußt du tun, was du gar nicht tun willst, um sicherzustellen, daß du es nicht weiterhin tun mußt! Dieser augenscheinliche Widerspruch ist Bestandteil der göttlichen Dichotomie, welche besagt, daß man manchmal letztlich nur so etwas sein kann – in diesem Fall »friedvoll« –, indem man es zuerst nicht ist!

Mit anderen Worten, du kannst dich oft nur dadurch als das, was-du-wirklich-bist, erkennen, daß du dich als das erfährst, was-du-nicht-bist.

Es ist eine beobachtbare Wahrheit, daß die Macht in eurer Welt nicht länger auf unverhältnismäßige Weise bei irgendeiner eizelnen Nation verbleiben kann, sondern in den Händen der Gesamtgruppe der auf dem Planeten existierenden [291]Nationen liegen muß. Nur auf diese Weise kann die Welt schließlich zum Frieden gelangen im sicheren Wissen, daß kein Despot – ganz gleich, wie groß oder mächtig seine jeweilige Nation ist – je wieder in das Territorium einer anderen Nation eindringen oder deren Freiheit bedrohen kann oder wird.

Dann werden die kleinsten Nationen nicht mehr vom guten Willen der größten Nationen abhängig sein, dann werden sie nicht mehr im Austausch dafür ihre eigenen Ressourcen hergeben und ihr bestes Land für ausländische Militärstützpunkte zur Verfügung stellen müssen. Unter diesem neuen System wird die Sicherheit der kleinsten Nationen nicht von jenen garantiert werden, deren Rücken sie kraulen, sondern von denen, die ihnen den Rücken stärken und decken.

Alle 160 Nationen würden sich einhellig erheben, sollte eine Nation überfallen werden. Alle 160 Nationen würden »Nein!« sagen, sollte eine Nation in irgendeiner Weise in ihren Rechten verletzt oder bedroht werden.

Und ebenso würden Nationen nicht länger ökonomisch bedroht und von ihren größeren Handelspartnern dazu erpreßt werden, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Sie müßten nicht mehr bestimmten »Richtlinien« entsprechen, um Hilfe aus dem Ausland zu erhalten, oder sich in bestimmter Weise verhalten, um sich für ganz simplen humanitären Beistand zu qualifizieren.

Doch manche unter euch werden dagegen einwenden, daß ein solches globales Regierungssystem die Unabhängigkeit und die Größe einzelner Nationen beeinträchtigen würde. In Wahrheit würde sie dadurch gesteigert – und das ist es genau, was die größten Nationen, deren Unabhängigkeit [292]durch Macht, nicht durch Gesetz oder Gerechtigkeit, gesichert wird, fürchten. Denn dann würde nicht mehr die größte Nation automatisch ihren Willen durchsetzen, sondern es müßten die Interessen aller Nationen gleichermaßen in Betracht gezogen werden. Und die größten Nationen könnten nicht mehr die Kontrolle über den Großteil der globalen Ressourcen ausüben und ihn horten, sondern sie müßten gerechter teilen, sie bereitwilliger zugänglich machen und deren Vorteile und Nutzen gleichmäßiger allen Völkern der Welt zugute kommen lassen.

Eine globale Regierung würde für mehr Gerechtigkeit auf dem Spielfeld sorgen, und dieser Gedanke, der ins Herz der Debatte über die grundsätzliche Menschenwürde zielt, ist den Besitzenden auf der Welt ein Greuel, die wünschen, daß die Besitzlosen danach streben, sich ihr eigenes Vermögen anzuhäufen, wobei sie natürlich tunlichst die Tatsache ignorieren, daß sie, die Besitzenden, alles kontrollieren, was andere anstreben könnten.

Es scheint mir aber doch so zu sein, daß wir hier über eine Umverteilung des Reichtums sprechen. Wie können wir bei denen, die mehr wollen und dafür zu arbeiten bereit sind, den Anreiz aufrechterhalten, wenn sie wissen, daß sie mit denen teilen müssen, denen an harter Arbeit nicht gelegen ist?

Erstens geht es bei dieser Frage nicht nur um den Punkt, daß die einen »hart arbeiten« wollen und die anderen nicht. Das ist ein sehr vereinfachtes Gegenargument (das gewöhnlich von den »Besitzenden« eingebracht wird.) Viel häufiger ist es eine Frage der Gelegenheit als eine der Bereitschaft.

[293]

Die eigentliche und erste Aufgabe bei der Umstrukturierungder sozialen Ordnung besteht darin, dafür zu sorgen, daß jede Person und jede Nation über Chancengleichheit verfügt.

Und das kann nie geschehen, solange diejenigen, die gegenwärtig den überwiegenden Anteil des Reichtums und der Ressourcen dieser Welt besitzen und kontrollieren, zäh an dieser Kontrolle festhalten.

Ja. Ich habe Mexiko erwähnt, und ich denke doch, ohne auf eine »Nation eindreschen« zu wollen, daß dieses Land ein ausgezeichnetes Beispiel dafür liefert. Eine Handvoll reicher und mächtiger Familien kontrolliert den Reichtum und die Ressourcen dieser ganzen Nation – und das seit vierzig Jahren. Die »Wahlen« in dieser sogenannten Demokratie sind eine Farce, weil die gleichen Familien seit Jahrzehnten die gleiche Partei kontrollieren und sicherstellen, daß es praktisch keine Opposition gibt. Die Folge? »Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer.«

Wenn die Löhne von drei auf sagenhafte fünf Mark pro Stunde ansteigen sollten, dann weisen die Reichen darauf hin, wieviel sie für die Armen getan haben, indem sie für Arbeitsplätze und Chancen für den wirtschaftlichen Aufstieg sorgten. Doch die einzigen, die hier einen Quantensprung an wirtschaftlichem Aufstieg machen, sind die Reichen – die Industriebosse und Unternehmensbesitzer, die ihre Waren, angesichts ihrer niedrigen Lohnkosten, mit riesigen Profiten auf dem nationalen und internationalen Markt verkaufen.

Die Reichen in den Vereinigten Staaten wissen, daß dies so ist, weshalb viele von ihnen ihre Firmen und Fabriken nach [294]Mexiko und andere Orte im Ausland verlagern, wo Sklavenlöhne als großartige Chance für die Armen betrachtet werden. Unterdessen schuften diese Arbeiter unter ungesunden und völlig ungesicherten Arbeitsplatzbedingungen, aber die lokale Regierung – die von den gleichen wenigen Personen kontrolliert wird, die aus diesen Unternehmungen ihren Profit einstreichen – erläßt nur wenige Verordnungen. Einen Gesundheitsschutz, Sicherheitsnormen und Umweltschutzmaßnahmen am Arbeitsplatz gibt es praktisch nicht.

Um die Menschen kümmert man sich nicht, und auch nicht um die Umwelt. Sie müssen in Behausungen aus Pappkartons neben Flüssen leben, in denen sie ihre Wäsche waschen und manchmal auch ihre Notdurft verrichten – denn sanitäre Einrichtungen gehören oft ebenfalls nicht ihrem Mindeststandard.

Diese krasse Nichtachtung der Massen führt dazu, daß die Bevölkerung sich die von ihr hergestellten Produkte selbst nicht leisten kann. Aber das ist den reichen Fabrikbesitzern egal. Sie können ihre Waren in andere Länder exportieren, wo die Menschen sie sich leisten können.

Doch ich glaube, daß sich diese Spirale der Entwicklung früher oder später gegen sich selbst richten wird – mit katastrophalen Konsequenzen. Nicht nur in Mexiko, sondern überall dort, wor Menschen ausgebeutet werden.

Revolutionen und Bürgerkriege, wie auch Kriege zwischen verschiedenen Nationen, sind so lange unvermeidlich, wie die Besitzenden weiterhin die Besitzlosen unter dem Vorwand, Chancen zu schaffen, auszubeuten bestrebt sind.

[295]

Das Festhalten am Reichtum und an den Ressourcen ist heute schon so institutionalisiert, daß es mittlerweile sogar einigen aufrichtig gesinnten Menschen akzeptabel erscheint, die das Ganze einfach als offene Marktwirtschaft betrachten.

Aber diese Illusion von Fairneß wird nur durch die Macht ermöglicht, die die reichen Individuen und Nationen besitzen. Die Wahrheit ist, daß es gegenüber dem größten Prozentsatz der Menschen und Nationen auf der Welt nicht fair ist, die schon allein vom Versuch abgehalten werden, das zu erlangen, was die Mächtigen erlangt haben.

Das hier beschriebene Regierungssystem würde das Machtgleichgewicht drastisch verlagern, weg von denen, die reich an Ressourcen sind. Es würde dazu zwingen, daß die Ressourcen selbst fair aufgeteilt werden.

Das ist es, was die Mächtigen fürchten.

Ja. Also wäre die kurzfristige Lösung angesichts dieses Dilemmas vielleicht eine neue soziale Struktur – eine neue Weltregierung.

Es gab unter euch Führungspersönlichkeiten, die einsichtig und mutig genug waren, den Beginn einer solchen neuen Weltordnung vorzuschlagen. Euer Präsident George Bush, den die Geschichte als einen Mann beurteilen wird, der weitaus mehr Weisheit, Weitsicht, Mitgefühl und Mut zeigte, als die zeitgenössische Gesellschaft anzuerkennen willens oder fähig war, war eine solche Führungspersönlichkeit. Und das war auch der sowjetische Präsident Michail [296]Gorbatschow, das erste kommunistische Staatsoberhaupt, das den Nobelpreis verliehen bekam. Ein Mann, der enorme politische Veränderungen einleitete und praktisch euren sogenannten Kalten Krieg beendete. Und das war auch euer Präsident Carter, der euren Herrn Begin und euren Herrn Sadat zu Vereinbarungen brachte, von denen bislang kein anderer auch nur geträumt hatte, und der lange nach seiner Präsidentschaft immer wieder die Welt durch die Bekräftigung einer einfachen Wahrheit von einer gewalttätigen Konfrontation zurückhielt: Jeder Standpunkt ist es gleichermaßen wert, angehört zu werden; jedem Menschen kommt die gleiche Würde zu.

Interessanterweise hatte jeder dieser mutigen Staatsführer – und jeder von ihnen hat zu seiner Zeit die Welt vor dem Abgrund eines Krieges bewahrt, und jeder von ihnen hat eine massive Abkehr von der vorherrschenden politischen Struktur vertreten und Vorschläge dazu gemacht – nur jeweils eine Amtszeit inne und wurde von genau den Leuten aus dem Amt entfernt, deren Los er zu verbessern bestrebt war. Sie waren auf der ganzen Welt überaus populär, nur bei sich zu Hause wurden sie heftig angegriffen. Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, sagt man. Im Falle dieser drei Männer war der Grund der, daß sie mit ihren Visionen ihrem Volk meilenweit voraus waren, das nur seine beschränkten, kleinkarierten Interessen zu sehen vermochte und sich nur Verluste bei der Verfolgung dieser größeren Visionen vorstellen konnte.

Und so wurde jede Führungspersönlichkeit, die den Mut hatte, vorzutreten und die Beendigung der Unterdrückung durch die Mächtigen zu fordern, entmutigt und beschimpt. Und so wird es immer sein, bis eine langfristige Lösung, die [297]keine politische ist, eingeführt wird. Diese langfristige Lösung – und das ist die einzige wirkliche Lösung – ist eine neue Bewußtheit und ein neues Bewußtsein. Eine Bewußtheit von der Einheit und ein Bewußtsein der Liebe.

Nicht der finanzielle oder materialistische Lohn sollten der Anreiz dafür sein, daß man nach Erfolg strebt, das Beste aus dem eigenen Leben machen will. Dort ist er fehl am Platz. Diese fehlgeleitete Priorität hat all die Probleme geschaffen, von denen wir hier sprechen.

Wenn der Anreiz, Größe anzustreben, nicht ökonomischer Art ist – wenn allen die ökonomische Sicherheit und die Abdeckung ihrer materiellen Grundbedürfnisse garantiert werden –, wird der Anreiz nicht verschwinden, sondern nur von anderer Art sein. Er wird an Stärke zunehmen, er wird wahre Größe hervorbringen, nicht diese fadenscheinige »Größe«, die die gegenwärtigen Anreize produzieren.

Aber warum ist ein besseres Leben für uns oder unsere Kinder kein guter Anreiz?

»Ein besseres Leben für euch oder eure Kinder« ist ein geeigneter Anreiz. Doch die Frage ist, worin dieses »bessere Leben« besteht.

Wie definierst du »besser«? Wie definierst du »Leben«?

Wenn du »besser« als größer, besser, mehr Geld, Macht, Sex und Dinge (Häuser, Autos, Kleider, CD-Sammlungen usw.) definierst … und wenn du »Leben« als den Zeitraum definierst, der in dieser deiner gegenwärtigen Existenz zwischen Geburt und Tod verstreicht, dann unternimmst du nichts, um der Falle zu entkommen, den den mißlichen Zustand auf eurem Planeten geschaffen hat.

[298]

Wenn du hingegen »besser« als umfassendere Erfahrung und umfassenderen Ausdruck deines großartigsten Seinszustande definierst und »Leben« als einen ewigen, fortlaufenden, nie endenden Prozeß des Seins, dann magst du deinen Weg noch finden.

Ein »besseres« Leben wird nicht durch die Anhäufung von materiellen Dingen geschaffen. Die meisten von euch wissen das, alle von euch sagen, daß sie es verstehen, doch euer Leben und die von euch getroffenen Entscheidungen, die euer Leben in Gang halten, haben ebensoviel mit »Dingen« zu tun wie mit allem anderen, im allgemeinen sogar mehr. Ihr strebt nach Dingen, ihr arbeitet für Dinge, und wenn ihr ein paar von diesen Dingen bekommt, die ihr haben wollt, laßt ihr sie nie wieder los.

Für die meisten Menschen besteht ihr Anreiz darin, daß sie Dinge erlangen, erwerben, erreichen. Die, denen nicht viel an Dingen liegt, lassen sie auch leicht wieder los.

Weil euer gegenwärtiger Anreiz, Größe zu erlangen, mit der Anhäufung all dessen, was die Welt zu bieten hat, verbunden ist, ist die ganze Welt in unterschiedliche Stadien des Mühens und Kämpfens verwickelt. Riesige Teile der Bevölkerung kämpfen immer noch um das einfache physische Überleben. Jeder Tag ist mit Augenblicken der Angst, mit verzweifelten Maßnahmen angefüllt. Der Geist ist mit den elementaren Überlebensfragen befaßt. Wird es genug zu essen geben? Wird ein Obdach verfügbar sein? Wird es warm sein? Unzählige Menschen sind noch immer täglich mit diesen Dingen beschäftigt. Jeden Monat sterben Tausende einzig an Ernährungsmangel.

Eine geringere Anzahl von Menschen kann sich einigermaßen auf die Abdeckung ihrer elementarsten Überlebensnotwendigkeiten [299]verlassen, kämpft aber um ein bißchen mehr – etwas Sicherheit, ein bescheidenes, aber annehmbares Zuhause, ein besseres Morgen. Sie arbeiten hart und machen sich ewig Sorgen, ob und wie sie je »vorwärtskommen«. Der Geist ist mit dringenden und sorgenvollen Fragen beschäftigt.

Die bei weitem geringste Anzahl von Menschen hat alles, wonach man je verlangen kann – und alles, wonach die anderen beiden Gruppen verlangen –, aber interessanterweise verlangen viele von ihnen noch mehr.

Ihr Geist ist mit dem Festhalten von allem, was sie sich erworben haben, und mit der Vermehrung ihres Besitzes beschäftigt.

Neben diesen drei Gruppen gibt es noch eine vierte. Sie ist die kleinste Gruppe von allen, ja sie ist winzig.

Diese Gruppe hat sich vom Bedürfnis nach materiellen Dingen befreit. Sie ist mit der spirituellen Wahrheit, der spirituellen Wirklichkeit und der spirituellen Erfahrung befaßt.

Die Menschen dieser Gruppe sehen das Leben als eine spirituelle Unternehmung an – als Seelenreise. Sie reagieren auf alle menschlichen Ereignisse innerhalb dieses Kontexts. Sie betrachten alle menschlichen Erfahrungen innerhalb dieses Paradigmas. Ihre Kämpfe haben mit der Suche nach Gott, mit der Selbst-Erfüllung, mit dem Ausdruck von Wahrheit zu tun.

Und in dem Maße, wie sie sich entwickeln, ist dieser Kampf kein Kampf mehr, sondern wird zu einem Prozeß: einem Prozeß der Selbst-Definierung (nicht der Selbstentdeckung), des Wachstums (nicht des Lernens) und des Seins (nicht des Tuns).

[300]

Der Grund für das Trachten und Streben, für das Suchen und Mühen und Erfolghaben wird ein völlig anderer. Der Grund für jedes Handeln hat sich verändert und damit auch der Handelnde. Der Grund selbst wird der Prozeß, und der Handelnde wird zum Seienden.

Während vorher der Grund für alle Bestrebungen und Bemühungen, für die lebenslange harte Arbeit das Beschaffen von weltlichen Dingen war, geht es nun um die Erfahrung himmlischer Dinge.

Während vorher das Interesse weitgehend den Belangen des Körpers galt, gilt das Interesse nun weitgehend den Belangen der Seele.

Alles hat sich verändert, alles hat sich verschoben. Der Lebenssinn hat sich geändert und damit auch das Leben selbst.

Der »Anreiz zur Größe« hat sich verändert, und damit ist das Bedürfnis, sich weltliche Besitztümer anzueignen, sie zu erwerben, zu schützen und zu vermehren, verschwunden.

Größe wird nicht länger daran gemessen, wieviel einer zusammengescharrt hat. Die Ressourcen der Welt werden zu Recht als etwas betrachtet, das allen Menschen auf der Welt gehört. In einer Welt, die mit ausreichender Fülle gesegnet ist, daß die Grundbedürfnisse aller abgedeckt werden können, wird den Grundbedürfnissen aller entsprochen werden.

Jedermann wird es so haben wollen. Es wird keine Notwendigkeit mehr bestehen, irgend jemanden gegen seinen Willen zur Abgabe von Steuern zu zwingen. Ihr werdet freiwillig zehn Prozent von eurer Ernte und Fülle für Programme zur Unterstützung jener abgeben, deren Ernte geringer ausfällt. [301]Es wird nicht mehr möglich sein, daß Tausende zusehen, wie Tausende andere verhungern – nicht aus einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern wegen eines mangelnden menschlichen Willens, ein einfaches politisches System zu schaffen, das dafür sorgt, daß die Menschen die Nahrungsmittel bekommen.

Diese moralischen und ethischen Skandale – die heute in eurer primitiven Gesellschaft üblich sind – werden an dem Tag für immer ausradiert werden, an dem ihr euren Anreiz, eure Motivation, zu Größe zu gelangen, und deren Definition verändert.

Eure neue Motivation wird sein, das zu werden, als was ich euch geschaffen habe: als das physische Ebenbild Gottes.

Wenn ihr euch dazu entscheidet, zu sein, was-ihr-wirklich-seid – manifestierte Göttlichkeit –, werdet ihr nie wieder auf ungöttliche Weise handeln. Und ihr werdet auch nicht länger Aufkleber auf eure Autos kleben müssen, auf denen steht:

GOTT, BEWAHRE MICH
VOR DEINEN GEFOLGSLEUTEN

 

 

[302]

18

Laß mich sehen, ob ich dem folgen kann. Was sich hier abzuzeichnen scheint, ist eine sich auf Gleichheit und Besonnenheit gründende Weltanschauung, wobei sich alle Nationen einer Weltregierung unterordnen und alle Menschen sich die Reichtümer der Welt teilen.

Denk daran, daß wir, wenn du von Gleichheit sprichst, Chancengleichheit meinen, nicht eine faktische Gleichheit. Eine »Gleichheit« im faktischen Sinne wird es nie geben, und ihr solltet dankbar sein, daß es so ist.

Warum?

Weile eine solche Gleichheit Einförmigkeit bedeutet, und Einförmigkeit ist das letzte, was die Welt braucht.

Nein – ich befürworte keine Welt der Automaten, wo jeder die genau gleiche Zuteilung vom »Großen Bruder«, der Zentralregierung, erhält.

Ich spreche von einer Welt, in der zwei Dinge garantiert sind:

  1. die Abdeckung der Grundbedürfnisse,
  2. die Chance, aufzusteigen.

Bei all euren globalen Ressourcen, bei all eurer Fülle habt ihr diese beiden einfachen Dinge doch nicht fertiggebracht. Statt dessen habt ihr Millionen in der Falle ganz zuunterst auf der sozioökonomischen Leiter festsitzen lassen und eine [303]Weltsicht entworfen, die sie dort systematisch verbleiben läßt. Ihr laßt zu, daß jährlich Tausende sterben, weil es ihnen am Lebensnotwendigsten fehlt.

Bei aller Großartigkeit der Welt habt ihr noch keinen Weg gefunden, großartig genug zu sein, um dafür zu sorgen, daß Menschen nicht mehr verhungern, ganz zu schweigen davon, daß ihr aufhört, euch gegenseitig umzubringen. Ihr laßt doch tatsächlich Kinder vor euren eigenen Augen verhungern. Ihr bringt doch tatsächlich Menschen um, die anderer Meinung sind als ihr.

Ihr seid primitiv.

Und wir halten uns für so fortgeschritten.

Eine primitive Gesellschaft zeichnet sich als erstes dadurch aus, daß sie sich für fortgeschritten hält. Ein primitives Bewußtsein zeichnet sich als erstes dadurch aus, daß es sich für erleuchtet hält.

Laß es uns also zusammenfassen. Zur ersten Sprosse der Leiter, welche beinhaltet, daß jedermann diese zwei fundamentalen Garantien zugestanden werden, gelangen wir über …

Über zwei Veränderungen – eine in bezug auf euer politisches, die andere in bezug auf euer spirituelles Paradigma.

Der Schritt hin zu einer geeinten globalen Regierung würde einen mit großer Macht versehenen Weltgerichtshof zur Lösung internationaler Zwistigkeiten sowie eine friedenserhaltende Streitmacht beinhalten, die die Gesetze durchzusetzen vermag, nach denen ihr euch selbst regieren wollt. [304]Diese Weltregierung würde aus einem Senat mit jeweils zwei Vertretern aus jeder Nation der Erde und einem Repräsentantenhaus mit einer jeweils im direkten Verhältnis zur Bevölkerungszahl einer Nation stehenden Anzahl von Abgeordneten bestehen.

Genauso ist die Regierung der Vereinigten Staaten aufgebaut. Im Senat haben alle Staaten den gleichen Stimmenanteil, und im Repräsentantenhaus sind sie proportional vertreten.

Ja. Eure Bundesverfassung war von Gott inspiriert.

Dasselbe Gleichgewicht der Kräfte sollte in die neue Weltverfassung eingebaut werden.

Ebenso gäbe es ein vollziehendes, ein gesetzgebendes und ein richterliches Organ.

Jede Nation würde ihre den inneren Frieden aufrechterhaltende Polizei behalten, aber alle nationalen Armeen würden aufgelöst – so wie auch die Einzelstaaten der USA ihre Armeen und Kriegsflotten aufgelöst haben zugunsten einer friedenserhaltenden Bundesarmee, die nun der gesamten Staatengruppen, die ihr eine Nation nennt, dient.

Die Nationen würden sich das Recht vorbehalten, jederzeit ihre eigene Miliz zu bilden und einzuberufen, so wie eure Bundesstaaten das verfassungsmäßige Recht haben, sich eine eigenstaatliche Bürgerwehr zu halten und sie einzusetzen.

Und – wie jetzt eure Bundesstaaten auch – hätte jeder dieser 160 Nationalstaaten das Recht, sofern sein Volk dafür stimmt, aus dieser Vereinigung der Nationen auszutreten (obwohl mir unbegreiflich wäre, warum das einer tun sollte [305]angesichts der Tatsache, daß das Volk nun sicherer und in größerer Fülle leben kann als je zuvor.)

Noch einmal für die von uns, die etwas langsamer kapieren: Was würde eine solche geeinte Weltföderation bewirken?

  1. Das Ende der Kriege zwischen Nationen und der Beilegung von Streitigkeiten durch Morden.
  2. Das Ende von elender Armut, von Verhungern und der Massenausbeutung von Menschen und Ressourcen durch die Machthabenden.
  3. Das Ende der systematischen Umweltzerstörung auf der Erde.
  4. Einen Ausweg aus dem endlosen Kampf um mehr und Größeres und Besseres.
  5. Die wahrhaft gleiche Chance für alle Menschen, zum höchsten Selbst-Ausdruck zu gelangen.
  6. Das Ende aller Beschränkungen und Diskriminierungen, die die Menschen niederhalten – sei es nun im Bereich des Wohnens, am Arbeitsplatz, innerhalb eines politischen Systems oder in den persönlichen sexuellen Beziehungen.

Würde deine neue Weltordnung eine Umverteilung des Reichtums notwendig machen?

Sie würde nichts erforderlich machen. Sie würde auf freiwilliger Basis und ganz automatisch eine Umverteilung der Ressourcen bewirken.

Zum Beispiel würden alle Menschen eine angemessene Ausbildung angeboten bekommen. Allen Menschen würde [306]die unbeschränkte Chance geboten werden, diese Ausbildung am Arbeitsplatz anzunehmen, um eine berufliche Laufbahn einzuschlagen, die ihnen Freude bringt.

Allen Menschen wäre der Zugang zur Gesundheitsfürsorge garantiert, wann und wie immer sie sie brauchen.

Allen Menschen wäre garantiert, daß sie nicht verhungern oder ohne ausreichende Bekleidung oder angemessenes Obdach leben müssen.

Allen Menschen würde die elementare Würde des Lebens garantiert, so daß das Überlebensproblem nie wieder ein Thema wäre und für den einfachen Komfort und die Grunddinge eines Lebens in Würde aller Menschen gesorgt wäre.

Auch wenn sie nichts täten, um das zu verdienen?

Eure Vorstellung, daß diese Dinge verdient werden müssen, bildet die Grundlage eures Denkens, daß ihr euch auch euren Weg in den Himmel verdienen müßt. Ihr könnt euch Gottes Gunst und Wohlwollen nicht verdienen, und ihr müßt es auch nicht, denn ihr seid schon dort angelangt. Dies ist etwas, was ihr nicht annehmen, nicht akzeptieren könnt, weil ihr es nicht geben könnt. Wenn ihr lernt, bedingungslos zu geben (das heißt, bedingungslos zu lieben), werdet ihr auch lernen, bedingungslos zu empfangen.

Dieses Leben wurde als Instrument geschaffen, mittels dessen ihr diese Erfahrung machen könnt.

Versucht, euch diesen Gedanken zu eigen zu machen: Die Menschen haben ein Recht auf das elementare Überleben. Selbst wenn sie nichts dafür tun. Selbst wenn sie nichts dazu beitragen. Ein Überleben in Würde gehört zu den Grundrechten des Lebens. Ich habe euch genug Ressourcen [307]gegeben, um dies jedermann garantieren zu können. Ihr braucht lediglich miteinander zu teilen.

Aber was würde die Leute dann davon abhalten, ihr Leben einfach zu vergeuden, herumzulungern und »Beihilfen« einzusammeln?

Erstens einmal ist es nicht an euch, zu beurteilen, was ein vergeudetes Leben ist. Ist ein Leben vergeudet, wenn eine Person nur herumliegt, siebzig Jahre lang über Poesie nachdenkt und dann mit einem einzigen Sonett aufwartet, das Tausenden von Menschen eine Tür zum Verständnis und zur Einsicht aufstößt? Ist ein Leben vergeudet, wenn ein Mensch sein ganzes Leben lang lügt, betrügt, intrigiert, zerstört, manipuliert und anderen Menschen schadet, sich aber dann als Folge davon an irgend etwas in seiner wahren Natur erinnert – sich vielleicht an etwas erinnert, dessen er sich viele Leben lang zu entsinnen suchte – und sich nun schließlich zur nächsten Ebene weiterentwickelt? Ist das ein »vergeudetes« Leben?

Es ist nicht an euch, ein Urteil über den Weg der Seele eines anderen zu fällen. Es ist an euch zu entscheiden, wer ihr seid, aber nicht, was ein anderer ist oder nicht ist.

Du fragst also, was die Leute davon abhalten würde, ihr Leben einfach zu vergeuden, herumzulungern und »Beihilfen« einzusammeln? Die Antwort lautet: nichts.

Aber denkst du wirklich, das würde funktionieren? Meinst du nicht, daß die, die ihren Beitrag leisten, einen Groll auf die hätten, die das nicht tun?

[308]

Doch, das würden sie, wenn sie nicht erleuchtet sind. Die Erleuchteten aber würden auf jene, die keinen Beitrag leisten, mit großem Mitgefühl, nicht mit Unmut blicken.

Mitgefühl?

Ja, weil denen, die ihren Beitrag leisten, klar wäre, daß die, die nichts beitragen, ihre größte Chance und das Großartigste verpassen: ihre Chance, sich eine höchste Vorstellung von dem, was-sie-wirklich-sind, zu schaffen und sie in aller Herrlichkeit auszuagieren und zu erleben. Die einen Beitrag leisten würden wissen, daß das schon Strafe genug für deren Faulheit ist, wenn denn Strafe nötig wäre – was sie nicht ist.

Aber wären die, die wirklich etwas beitragen, nicht darüber wütend, daß ihnen die Früchte ihrer Arbeit genommen und den Faulenzern gegeben werden?

Du hörst nicht zu. Allen würde das Minimum gegeben werden, das sie für ihr Überleben brauchen. Jenen, die mehr haben, würde die Gelegenheit gegeben, 10 Prozent von ihrem Gewinn abzugeben, um dies zu ermöglichen.

Was das Einkommen angeht, so würde der freie Markt über den Wert des jeweiligen Beitrags einer Person entscheiden, so wie ihr das auch heute in eurem Land handhabt.

Aber damit wären wir immer noch die »Reichen« und die »Armen« so wie heute! Das ist doch keine Gleichheit.

Aber es ist Chancengleichheit. Denn jeder hätte die Chance, ein Leben führen zu können, ohne sich Sorgen ums [309]Überleben machen zu müssen. Und allen würde die gleiche Gelegenheit geboten werden, Wissen zu erwerben, Fähigkeiten auszubilden und ihre natürlichen Begabungen am Ort der Freude zu nutzen.

Am Ort der Freude?

So wird der »Arbeitsplatz« dann genannt werden.

Aber gäbe es dann nicht immer noch Neid?

Neid, ja. Eifersucht, nein. Neid ist ein natürliches Gefühl, das euch dazu drängt, mehr sein zu wollen. Das zweijährige Kind wünscht und treibt sich damit an, bis zur selben Türklinke hochreichen zu können, die sein großer Bruder schon erreichen kann. Daran ist nichts falsch. Am Neid ist nichts falsch. Er motiviert. Er ist reines Verlangen. Er kann zur Größe anstacheln.

Eifersucht hingegen ist ein Gefühl, dessen Antriebskraft die Angst ist, und sie erweckt in dir den Wunsch, daß der andere weniger haben soll. Dieses Gefühl gründet sich oft auf Bitterkeit. Eifersucht agiert aus der Wut heraus und führt zu Wut. Und sie tötet. Eifersucht kann töten. Wer in eine Dreiecksgeschichte der Eifersucht verwickelt war, weiß das.

Eifersucht tötet, Neid gebiert.

Den Neidischen wird jede Gelegenheit gegeben werden, auf ihre eigene Weise erfolgreich zu sein. Niemand wird auf ökonomischer, politischer oder sozialer Ebene zurückgehalten werden. Nicht aus Gründen der Rasse, der Geschlechtszugehörigkeit oder der sexuellen Neigung. Nicht [310]aus Gründen der Herkunft, des Klassenstatus oder des Alters. Aus überhaupt keinerlei Gründen. Die Diskriminierung, aus welchem Grund auch immer, wird einfach nicht länger toleriert werden.

Ja, es mag noch immer die »Reichen« und die »Armen« geben, aber es wird keine »Hungernden« und »Notleidenden« mehr geben.

Du siehst, dem Leben wird nicht die Motivation, der Anreiz genommen werden … nur die Verzweiflung.

Aber wodurch wird garantiert, daß wir genug Menschen haben, die ihren Beitrag leisten, um die »mitzutragen«, die keinen Beitrag leisten?

Durch die Größe des menschlichen Geistes.

Oh?

Im Gegensatz zu eurer finsteren Überzeugung wird der Durchschnittsmensch nicht mit der reinen materiellen Existenz und sonst nichts weiter zufrieden sein. Abgesehen davon wird der ganze Anreiz zur Größe ein anderer werden, wenn der Wandel hin zur Spiritualität einsetzt.

Was könnte einen solchen Wandel bewirken? Er hat sich in den zweitausend Jahren Geschichte –

Sag ruhig zwei Milliarden Jahre Geschichte –

Geschichte des Planeten nicht ereignet. Warum sollte er jetzt eintreten?

[311]

Weil es mit der Abkehr von der Konzentration auf das materielle Überleben – mit der Ausschaltung des Bedürfnisses, ungeheuer viel Erfolg zu haben, um sich etwas Sicherheit zu erwerben – keinen anderen Grund geben wird, etwas zu leisten, sich hervorzutun, großartig werden zu wollen, außer dem, diese Großartigkeit um ihretwillen zu erleben!

Und das wird ein ausreichender Anreiz sein?

Der menschliche Geist schwingt sich empor; er sackt nicht ab angesichts einer echten Chance. Die Seele strebt nach einer höheren Erfahrung ihrer selbst, nicht nach einer niedrigeren. Wer wahre Großartigkeit erlebt hat, und sei es auch nur für einen Moment, weiß das.

Wie steht es mit der Macht? Bei dieser speziellen Umordnung gäbe es immer noch die, die über übermäßig viel Reichtum und Macht verfügen.

Finanzielle Gewinne unterlägen einer Beschränkung.

O Mann – da haben wir's. Möchtest du erklären, wie das funktioniert, bevor ich dir erkläre, warum das nicht funktioniert?

Ja. So wie es eine Einkommensuntergrenze gäbe, gäbe es auch Obergrenzen. Erstens würde fast jeder ein Zehntel seines Gewinns an die Weltregierung abführen. Das ist der freiwillige Abzug von zehn Prozent, den ich vorher erwähnte.

[312]

Ja … der alte Vorschlag von einer »für alle gleichen Besteuerung«.

In einer Gesellschaft wie eurer jetzigen müßte dies die Form einer Steuer annehmen, weil ihr nicht aufgeklärt und einsichtig genug seid, um zu erkennen, daß ein freiwilliger Abzug für das Gemeinwohl eurem besten Interesse dient. Denn wenn dieser von mir beschriebene Bewußtseinswandel eintritt, wird so ein freiwillig, fürsorglich und liebevoll angebotener Abzug von eurem Einkommen als offensichtlich angemessen betrachtet werden.

Ich muß dir etwas sagen. Hast du etwas dagegen, wenn ich dich hier unterbreche, um dir etwas zu sagen?

Nein, sag's.

Diese Unterhaltung kommt mir sehr seltsam vor. Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Unterhaltung mit Gott führen würde, in der Gott anfängt, politische Vorgehensweisen zu empfehlen. Also wirklich. Wie soll ich die Leute davon überzeugen, daß Gott für einen einheitlichen Steuersatz ist!

Wie ich sehe, hältst du weiterhin daran fest, das als »Steuer« anzusehen. Doch ich verstehe das, weil euch der Gedanke, einfach freiwillig 10 Prozent von eurem Überfluß mit anderen zu teilen, fremd ist. Wie dem auch sei, warum fällt es dir schwer zu glauben, daß ich zu diesen Dingen eine Meinung habe?

[313]

Ich dachte, Gott enthalte sich jeglichen Urteils, hätte keine Meinung, diese Dinge seien ihm egal.

Warte mal, laß mich das klarstellen. Bei unserem letzten Gespräch – das du im ersten Band veröffentlicht hast – habe ich alle möglichen Fragen beantwortet. Fragen darüber, wie man eine Beziehung zum Funktionieren bringt, Fragen über die rechte Lebensweise, sogar auch Fragen zur Ernährung. Worin besteht da der Unterschied?

Ich weiß nicht. Da scheint einfach ein Unterschied zu sein. Ich meine, hast du wirklich eine bestimmte politische Ansicht? Bist du ein eingetragenes Parteimitglied der Republikaner? Sieh mal an, was hier ans Tageslicht kommt! Gott ist ein Republikaner.

Dir wäre es wohl lieber, wenn ich ein Parteimitglied der Demokraten wäre? Guter Gott!

Mach keine Witze. Ich hätte lieber, daß du apolitisch bist.

Ich bin apolitisch. Ich habe keine wie auch immer geartete politische Anschauung.

Du bist wohl so eine Art Bill Clinton.

Heh gut! Jetzt machst du Witze! Aber ich mag Humor, du nicht?

Ich schätze, ich habe nicht erwartet, daß Gott sich humorvoll oder politisch zeigt.

[314]

Oder irgendwie menschlich, wie?

Okay, laß mich dieses Buch, und Band 1, was das angeht, noch mal für dich in den richtigen Kontext stellen.

Ich habe keine Vorlieben bezüglich dessen, wie ihr euer Leben führt. Mein einziger Wunsch ist, daß ihr euch selbst rundum als kreative Wesen erfahrt, damit ihr erkennen könnt, wer-ihr-wirklich-seid.

Gut. Das verstehe ich. So weit, so gut.

Jede Frage, die ich beantwortet habe, wurde im Kontext dessen aufgenommen und beantwortet, was du als kreatives Wesen zu sein und zu tun versuchst. Zum Beispiel hast du mir im ersten Band viele Fragen darüber gestellt, wie du deine Beziehung endlich zum Funktionieren bringen könntest. Erinnerst du dich daran?

Ja, natürlich.

Fandest du meine Antworten so problematisch? Fandest du es schwierig zu glauben, ich hätte dazu eine Ansicht?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich habe einfach die Antworten gelesen.

Dabei habe ich meine Antworten immer nur in den Kontext deiner Fragen gestellt. Angenommen, daß du das oder das sein oder tun wolltest, wie könntest du dieses Ziel erreichen? Und ich habe dir einen Weg zum Ziel gezeigt.

Ja, das hast du.

[315]

Dasselbe mache ich hier.

Es ist nur … ich weiß nicht … schwieriger zu glauben, daß Gott diese Dinge sagt, als es zu glauben war, daß er jene Dinge sagte.

Fällt es dir schwerer, einigen Dingen, die hier gesagt werden, zuzustimmen?

Naja …

Weil es absolut in Ordnung ist, wenn es so sein sollte.

Tatsächlich?

Natürlich.

Es ist in Ordnung, anderer Meinung zu sein als Gott?

Selbstverständlich. Was glaubst du, werde ich tun? Dich wie eine Fliege plattdrücken?

Darüber habe ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht.

Schau, schon seit die ganze Sache ihren Anfang nahm, war die Welt anderer Ansicht als ich. Seit Beginn hat kaum jemand die Dinge auf meine Weise getan.

Das stimmt wohl.

[316]

Da kannst du sicher sein, daß das stimmt. Hätten die Leute meine Anweisungen befolgt, die euch im Laufe von Tausenden von Jahren von Hunderten von Lehrern übermittelt wurden, sähe die Welt jetzt ganz anders aus. Wenn du mir also nicht beipflichten magst, dann nur zu. Abgesehen davon könnte ich mich ja auch irren.

Was?

Ich sagte, ich könnte mich ja auch irren. Ach, du meine Güte … du nimmst doch das nicht alles als Evangelium, oder?

Du meinst, ich soll diesem Dialog keinen besonderen Wert beimessen?

Oha, halt mal. Ich glaube, du hast etwas Wesentliches übersehen. Laß uns wieder bei Null anfangen: Du erfindest das alles.

Oh, das erleichtert mich aber. Ich glaubte schon ein Weilchen, mir würde hier eine wirkliche Führung zuteil werden.

Diese Führung erhältst du dadurch, daß du deinem Herzen folgst. Hör auf deine Seele. Hör auf dein Selbst. Auch wenn ich dir eine Option, eine Idee, eine Ansicht präsentiere, bist du nicht verpflichtet, sie zu akzeptieren und dir zu eigen zu machen. Wenn du anderer Ansicht bist, dann sei anderer Ansicht. Darum geht es hier bei dieser Übung, nicht darum, daß du deine Abhängigkeit von jedem und allem eintauschst für eine Abhängigkeit von diesem Buch. [317]Es geht darum, dich zum Denken zu bringen. Für dich selbst zu denken. Und das ist es, was ich jetzt gerade bin. Ich bin du, denkend. Ich bin du, laut denkend.

Du meinst, diese Worte kommen nicht von der höchsten Quelle?

Natürlich tun sie das! Doch hier ist etwas, das du immer noch nicht glauben kannst: Du bist die höchste Quelle. Und hier ist noch etwas, das du anscheinend immer noch nicht begreifen kannst: Du erschaffst das alles – alles in deinem Leben – gerade hier, gerade jetzt. Du … DU … erschaffst es. Nicht ich. DU.

Also … gibt es ein paar Antworten auf diese rein politischen Fragen, die dir nicht gefallen? Dann ändere sie. Tu's. Jetzt. Bevor du anfängst, sie als Evangelium zu vernehmen. Bevor du anfängst, sie real werden zu lassen. Bevor du anfängst, deinen letzten Gedanken in bezug auf irgend etwas als wichtiger, gültiger, wahrer zu bezeichnen als deinen nächsten Gedanken.

Denk daran, es ist immer dein neuer Gedanke, der deine Realität erschafft. Immer.

Nun, findest du irgend etwas in dieser unserer politischen Diskussion, das du ändern möchtest?

Nein, nicht wirklich. Irgendwie bin ich doch mit dir einverstanden. Ich wußte nur nicht, was ich mit all dem anfangen soll.

Mach daraus, was du möchtest. Kapierst du nicht? Das ist es, was du mit allem im Leben machst!

[318]

Okay, in Ordnung … ich glaube, ich hab's kapiert. Ich würde nur gerne in unserer Unterhaltung fortfahren, und sei es auch nur, um zu sehen, wo sie hinführt.

Schön, dann laß uns das tun.

Du wolltest gerade sagen …

Ich wollte gerade sagen, daß in anderen Gesellschaften – in erleuchteten Gesellschaften – das Abgeben eines gewissen Betrags von dem, was man bekommt (was ihr »Einkommen« nennt), um es dem Allgemeinwohl zukommen zu lassen, eine ziemlich übliche Praxis ist. In diesem neuen System, das wir für eure Gesellschaft erkundet haben, würde jeder jedes Jahr soviel verdienen, wie er kann – und dann diesen Verdienst bis zu einem gewissen Limit für sich behalten.

Bis zu welchem Limit?

Bis zu einem willkürlich festgesetzten Limit, auf das sich alle einigen.

Und alles, was über dieses Limit hinausgeht?

Würde im Namen des Sponsors der globalen Wohltätigkeitsstiftung zukommen, damit alle Welt ihre Wohltäter kennt.

Viele Wohltäter hätten die Option, über die Verteilung von 60 Prozent ihres Beitrags die Kontrolle auszuüben, was ihnen dann die Befriedigung verschaffte, daß der größte Teil [319]ihres Geldes genau an jene Stellen fließt, wo sie es haben wollen.

Die restlichen 40 Prozent würden auf Programme verteilt, die von der Weltföderation verabschiedet und verwaltet werden.

Was für einen Anreiz weiterzuarbeiten hätten die Menschen, wenn ihnen klar wäre, daß ihnen ihr Einkommen ab einer bestimmten Obergrenze genommen wird? Warum sollten sie nicht sofort aufhören, sobald sie ihr »Einkommenslimit« erreicht haben?

Manche würden das tun. Und was weiter? Laß sie aufhören. Eine Verpflichtung zur Arbeit über das Einkommenslimit hinaus und zur Abgabe von entsprechenden Beiträgen an die globale Wohltätigkeitsstiftung wäre nicht erforderlich. Das durch die Abschaffung der Massenproduktion von Kriegswaffen gesparte Geld würde ausreichen, um jedermanns Grundbedürfnisse abzudecken. Die über diese Ersparnisse hinausgehenden zusätzlichen zehn Prozent der weltweit erwirtschafteten Gewinne würden alle Gesellschaftsmitglieder, nicht nur ein paar wenige Auserwählte, auf ein Niveau der Würde und Fülle anheben. Und die Beiträge von Einkommen, die über das vereinbarte Limit hinausgehen, würden für so weitverbreitete Chancen und eine solche Zufriedenheit bei allen sorgen, daß sich Eifersucht und soziale Wut praktisch auflösen würden.

Manche würden also aufhören zu arbeiten – vor allem diejenigen, die ihre Lebensaktivitäten als wirkliche Arbeit ansehen. Doch die, die ihre Tätigkeit als absolute Freude empfinden, würden nie aufhören.

[320]

Nicht jeder kann einen solchen Job haben.

Stimmt nicht. Jeder kann.

Freude am Arbeitsplatz hat nichts mit der ausgeübten Funktion zu tun; sie hat nur mit dem Sinn und Zweck, mit der Absicht, zu tun.

Die Mutter, die um vier Uhr morgens aufwacht, um die Windeln ihres Babys zu wechseln, versteht das vollkommen. Sie summt und spricht zärtlich mit ihrem Baby, und was sie da tut, sieht überhaupt nicht nach Arbeit aus. Doch es ist ihre Einstellung gegenüber ihrer Tätigkeit, es ist ihre Absicht, es sind der Sinn und Zweck ihres Tuns, die ihre Aktivität zur wahren Freude machen.

Ich habe schon einmal dieses Beispiel der Mutterschaft herangezogen, weil die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind eurem Verständnis von manchen der Konzeptionen, von denen ich in diesem Buch und in dieser Trilogie spreche, so nahe kommt, wie es überhaupt möglich sein mag.

Und doch, welchen Sinn hätte diese Einführung der Obergrenze? Würde das die menschliche Erfahrung nicht einer ihrer größten Chancen, einer ihrer herrlichsten Abenteuer berauben?

Euch bliebe immer noch die Chance und das Abenteuer, geradezu lächerlich viel Geld zu verdienen. Die Obergrenze des Einkommens, das jeder für sich behalten kann, wäre sehr hoch – mehr als ein Mensch … zehn Menschen im Normalfall … je brauchen würden. Und das Einkommen, das du verdienen könntest, wäre in seiner Höhe nicht begrenzt – nur der Betrag, den du für deinen persönlichen Gebrauch [321]behalten würdest. Der Rest – sagen wir, alles über 25 Millionen Dollar im Jahr (ich nenne hier eine völlig willkürliche Summe, um die Sache zu verdeutlichen) – würde für Programme und Dienstleistungen ausgegeben, die dem Wohl der ganzen Menschheit zugute kommen.

Was nun das Warum angeht …

In der Obergrenze für das Einkommen, das jeder für sich behalten kann, würde sich das neue Bewußtsein auf dem Planeten widerspiegeln; ein Bewußtsein darüber, daß der höchste Sinn des Lebens nicht in der Anhäufung von möglichst viel Reichtum liegt, sondern darin, möglichst viel Gutes zu tun – und damit verbunden ein Bewußtsein davon, daß die Konzentration des Reichtums, nicht sein Miteinanderteilen der größte Einzelfaktor ist, der die dauerhaftesten und auffallendsten sozialen und politischen Probleme schafft.

Die Chance, Reichtum anzuhäufen – unbegrenzten Reichtum –, ist der Eckpfeiler des kapitalistischen Systems, eines Systems des freien Unternehmertums und des freien Wettbewerbs, das die großartigste Zivilisation hervorgebracht hat, die die Welt je gesehen hat.

Das Problem ist, daß du das wirklich glaubst.

Nein, tu ich nicht. Ich habe das nur stellvertretend für die gesagt, die es tatsächlich glauben.

Die, die das glauben, geben sich einer schrecklichen Täuschung hin und sehen nichts von der gegenwärtigen Realität auf eurem Planeten.

[322]

In den Vereinigten Staaten halten die eineinhalb Prozent an der Spitze mehr Reichtum in ihren Händen als die untersten 90 Prozent. Das Nettoeinkommen d er reichsten 834 000 Personen ist um fast eine Billion Dollar höher als das der 84 Millionen ärmsten Menschen zusammengenommen.

Na und? Sie haben dafür gearbeitet.

Ihr Amerikaner neigt dazu, den Klassenstatus als eine Funktion individuellen Bemühens und Strebens zu betrachten. Manche haben »es geschafft«, also nehmt ihr an, daß es jeder kann. Das ist eine sehr vereinfachte und naive Betrachtungsweise. Sie geht davon aus, daß jeder die gleichen Chancen hat, während in Wahrheit die Reichen und Mächtigen mit allen Mitteln bestrebt sind, an ihrem Geld und an ihrer Macht festzuhalten und sie zu vermehren.

Na und? Was ist daran falsch?

Sie tun das, indem sie systematisch die Wettbewerbschancen eliminieren, die Aufstiegsmöglichkeiten institutionell minimieren und kollektiv den Fluß und die Vermehrung des Reichtums kontrollieren.

Das erreichen sie durch alle möglichen Praktiken, angefangen bei unfairen Arbeits- und Tarifverträgen, durch die die Masse der Armen auf der Welt ausgebeutet wird, über die Netzwerke der guten alten Seilschaften, die dafür sorgen, daß Neulinge kaum oder gar keine Chance bekommen, bis in den inneren Zirkel der Erfolgreichen vorzudringen.

Dann sind sie bestrebt, weltweit die Politik und die Regierungsprogramme [323]zu kontrollieren, um darüber hinaus sicherzustellen, daß die Masse der Menschen gegängelt, kontrolliert und unterwürfig bleibt.

Ich glaube nicht, daß die Reichen das tun, jedenfalls nicht die meisten von ihnen. Es mag ein paar Verschwörer unter ihnen geben …

In den meisten Fällen sind es nicht die einzelnen Reichen, die das tun, sondern die sozialen Systeme und Institutionen, die sie repräsentieren. Diese Systeme und Institutionen sind von den Reichen und Mächtigen geschaffen, und es sind die Reichen und Mächtigen, die ihren Fortbestand sichern.

Indem sie derartige soziale Systeme und Institutionen unterstützen, können sie sich als Einzelpersonen von jeder persönlichen Verantwortung für die Bedingungen freisprechen, durch die die Massen unterdrückt und die Reichen und Mächtigen begünstigt werden.

Laß uns zum Beispiel auf das Gesundheitswesen in den Vereinigten Staaten zurückkommen. Millionen von armen amerikanischen Bürgern haben keinen Zugang zur Gesundheitsfürsorge. Man kann nicht auf irgendeinen einzelnen Arzt deuten und sagen: »Es liegt an dir, es ist deine Schuld«, daß in der reichsten Nation auf Erden Millionen keinen Arzt aufsuchen können, es sei denn unter den schrecklichen Umständen der Notaufnahme.

Dem einzelnen Arzt kann die Schuld dafür nicht angelastet werden, doch alle Ärzte profitieren davon. Der gesamte Ärztestand – und alle damit verbundenen Industrien und Wirtschaftszweige – ziehen einen noch nie dagewesenen [324]Profit aus einem System, das die Diskriminierung der armen Arbeitnehmer und der Arbeitslosen institutionalisiert hat.

Und das ist nur ein Beispiel, wie das »System« dafür sorgt, daß die Reichen reich und die Armen arm bleiben.

Entscheidend ist, daß es die Reichen und Mächtigen sind, die solche Gesellschaftsstrukturen unterstützen und sich eisern jedem Bemühen, sie zu verändern, widersetzen. Sie gehen gegen jeden politischen oder ökonomischen Ansatz vor, der allen Menschen eine echte Chance und wahre Würde ermöglichen soll.

Die meisten Reichen und Mächtigen sind, einzeln genommen, gewiß ganz nette Leute, die soviel Mitgefühl und Mitleid haben wie alle anderen auch. Aber erwähne ihnen gegenüber ein für sie so bedrohliches Konzept wie eine Beschränkung des Jahreseinkommens (selbst wenn es so lächerlich hoch ist wie diese 25 Millionen Dollar), dann werden sie sofort in Klagen und Jammern über den widerrechtlichen Eingriff in ihre persönlichen Rechte, über die Unterminierung des »amerikanischen Way of Life« und über den »Motivationsverlust« ausbrechen.

Aber was ist mit dem Recht aller Menschen auf einen gewissen Mindeststandard in ihrem Leben, darauf, daß sie genug zu essen haben, um nicht verhungern zu müssen, und daß sie warm genug gekleidet sind? Was ist mit dem Recht der Menschen allerorten auf eine angemessene Gesundheitsfürsorge – dem Recht, nicht an relativ geringfügigen medizinischen Komplikationen leiden oder sterben zu müssen, die die Reichen mit einem Fingerschnippen beheben können?

Die Ressourcen auf eurem Planeten – einschließlich der [325]Früchte der Arbeit der Massen von unglaublich armen Menschen, die kontinuierlich und systematisch ausgebeutet werden – gehören allen Menschen auf der Welt, nicht nur denen, die reich und mächtig genug sind, um die Ausbeutung zu betreiben.

Und so funktioniert die Ausbeutung: Eure reichen Wirtschaftsunternehmer begeben sich in ein Land oder ein Gebiet, wo es keine Arbeit gibt, wo die Menschen notleiden, wo tiefste Armut herrscht. Sie errichten dort eine Fabrik, bieten diesen armen Menschen Jobs an – manchmal mit 10, 12 oder 14 Arbeitsstunden am Tag – für weit unter der Norm liegende, um nicht zu sagen unmenschliche Löhne. Jedenfalls nicht genug, um jenen Arbeitern ein Entkommen aus ihren von Ratten belagerten Dörfern zu ermöglichen, sondern nur gerade so viel, daß sie knapp über die Runden kommen können, im Gegensatz zu einem Leben ganz ohne Nahrung oder Obdach.

Und wenn man ihnen dann Vorwürfe macht, sagen diese Kapitalisten: »He, sie haben es besser als zuvor, oder etwa nicht? Wir haben ihr Los verbessert! Die Leute nehmen die Jobs, oder etwa nicht? Wir haben ihnen eine Chance verschafft! Und wir gehen das ganze Risiko ein!«

Doch was für ein Risiko gehen sie ein, wenn sie 1,30 DM die Stunde für die Herstellung von Schuhen bezahlen, die sie dann für 200 DM das Paar verkaufen?

Gehen sie ein Risiko ein, oder ist das schlicht und einfach Ausbeutung?

Ein System von so empörender Schamlosigkeit kann nur in einer von Gier getriebenen Welt existieren, in der es in erster Linie um die Profitspanne und nicht um die menschliche Würde geht.

[326]

Diejenigen, die sagen, daß es diesen Arbeitern, »gemessen am Lebensstandard ihrer Gesellschaft, ganz wunderbar geht«, sind Heuchler erster Güte. Sie würden einem Ertrinkenden ein Seil zuwerfen, aber sich weigern, ihn an Land zu ziehen. Dann würden sie stolz verkünden, daß ein Seil doch besser als ein Stein sei.

Statt die Leute zu echter Würde kommen zu lassen, geben diese Besitzenden den Besitzlosen dieser Welt gerade genug, um sie abhängig zu machen – aber nicht genug, um sie je wirklich mächtig werden zu lassen. Denn Menschen mit wahrer ökonomischer Macht verfügen über die Möglichkeit, »das System« wirksam zu beeinflussen, statt ihm nur unterworfen zu sein. Denn das ist das letzte, was die Schöpfer dieses Systems wollen!

Also setzt sich die Konspiration fort. Und bei den meisten Reichen und Mächtigen ist dies nicht eine Konspiration des Handelns, sondern eine Konspiration des Schweigens.

Also macht nur weiter, geht euren Weg, und sagt bloß nichts über die Schamlosigkeit eines sozioökonomischen Systems, das den leitenden Angestellten eines Konzerns mit einem Bonus von 70 Millionen Dollar dafür belohnt, daß er die Verkaufszahlen eines nichtalkoholischen Getränks gesteigert hat, während 70 Millionen Menschen sich den Luxus nicht leisten können, das Zeug zu trinken – ganz zu schweigen davon, daß sie nicht genug zu essen haben, um gesund zu bleiben.

Seht nicht die Schamlosigkeit all dessen. Nennt das die globale freie Marktwirtschaft und sagt allen, wie stolz ihr darauf seid.

Doch es steht geschrieben:

[327]

Willst du vollkommen sein,
so gehe hin, verkaufe, was du hast,
und gib's den Armen,
so wirst du einen Schatz im Himmel haben:
Und komm und folge mir nach!
Da der Jüngling das Wort hörte,
ging er betrübt von ihm;
denn er hatte viele Güter.

 

 

[328]

19

Ich habe dich selten so empört erlebt. Gott empört sich nicht. Das beweist, daß du nicht Gott bist.

Gott ist alles, und Gott wird alles. Es gibt nichts, was Gott nicht ist, und alles, was Gott von sich selbst erfährt, erfährt Gott in dir und als und durch dich. Es ist deine Empörung, die du da fühlst.

Das ist richtig. Denn ich stimme dir in allem, was du gesagt hast, zu.

Wisse, daß du jeden Gedanken, den ich dir schicke, durch den Filter deiner eigenen Erfahrung empfängst, durch den Filter deiner eigenen Wahrheit, deines eigenen Verständnisvermögens, deiner eigenen Entscheidungen, deiner eigenen Wahl und deiner eigenen Aussagen in bezug darauf, wer-du-bist und wer-du-sein-willst. Du kannst es auf keine andere Weise empfangen und solltest es auch gar nicht versuchen.

Da haben wir es wieder. Sagst du damit, daß keiner dieser Gedanken und keines dieser Gefühle die deinen sind, daß dieses ganze Buch falsch sein könnte?

Willst du mir sagen, daß die ganze Erfahrung meiner Unterhaltung mit dir nichts weiter sein könnte als eine Ansammlung meiner Gedanken und Gefühle in bezug auf irgendein Thema?

[329]

Denk mal an die Möglichkeit, daß ich