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Zu diesem Buch

Im Jahr 1926 startet der Flieger John Robert Shaw mit seiner Maschine, um einen neuen Rekord im Alleinflug aufzustellen. Anfangs ist das Glück auf seiner Seite. Doch nördlich von Alaska wird der blutjunge Pilot von einem Sturm überrascht, muß notlanden und gilt von nun an als verschollen, höchstwahrscheinlich tot. Bis 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, die Amerikaner die Aleuten evakuieren und den Vermißten entdecken: Der Schwerverletzte ist seinerzeit von den Bewohnern einer kleinen Felseninsel, die auf keiner Karte verzeichnet ist, gefunden und gesundgepflegt worden. Siebzehn Jahre hat John mit den Inuit gelebt – am Ende der Welt. Nun wird er abermals gezwungen, ein völlig neues Leben zu beginnen … Ein anrührender Roman über die Macht der Liebe und einen Menschen, der es wagt, seinen Passionen zu folgen und seine Träume zu leben.

Julie Harris, geboren 1957, lebt in Queensland, Australien. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder war unter anderem als Theaterautorin und -regisseurin tätig, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei zuwandte. »Der lange Winter am Ende der Welt« ist ihr dritter Roman. Er erschien erstmals 1996 in deutscher Übersetzung und wurde auf Anhieb ein großer Erfolg.

Julie Harris


Der lange Winter am Ende der Welt


Roman

Aus dem Englischen von Hans-Joachim Maass

Piper München Zürich

Ungekürzte Taschenbuchausgabe
1. Auflage November 2003
7. Auflage Februar 2011
© 1995 Julie Harris
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»The Longest Winter«, St. Martin's Press,
New York 1995
Umschlagabbildung: Caspar David Friedrich
(»Das Eismeer«, 1823–24; akg-images Berlin)
ISBN 978-3-492-23995-0

Zum Gedenken an meinen Vater, Denis und Viv,
die jetzt an einem helleren Himmel fliegen.

Mein Dank gilt Dr. Lowry Ware, Anne G. Clarke,
Louise und Carroll Ferguson
sowie Mary, die uns miteinander bekanntgemacht hat.

Die Ereignisse dieses Romans haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden. Im Mittelpunkt stehen die »Memoiren« eines Mannes, der auf einer Insel vor Alaska von der Außenwelt abgeschnitten ist. In seinen siebzehn Jahren auf dieser Insel waren die einzigen Gefährten John Robert Shaws die dort lebenden amerikanischen Ureinwohner. Wie die meisten Menschen damals war auch Shaw nicht bewußt, daß es Unterschiede zwischen den Menschengruppen gab, die er als »Indianer« und »Eskimos« bezeichnet. Heute sind wir informierter und bezeichnen die verschiedenen Kulturen mit den Begriffen, die sie selbst gewählt haben. Doch dies ist ein historisches Werk, etwa wie Defoes Robinson Crusoe, und als solches muß es im Licht seiner Zeit gesehen werden. Die Verwendung von Begriffen, die heute als unangemessen gelten, ist jedoch nicht als Herabsetzung irgendeiner Gruppe gedacht: Der Leser möge bedenken, daß diese Begriffe in einer früheren und vielleicht weniger aufgeklärten Ära üblich waren.

Im Jahre 1911 bekam ein junger Flieger aus Abbeville in South Carolina den ersten Vorgeschmack vom Fliegen. 1926, zwei Jahre nach dem Tod seines besten Freundes, unternahm der vierundzwanzigjährige John Robert Shaw einen Rekordversuch als Alleinflieger in einer restaurierten Curtiss Jenny von 1923. Von einer Zeitung in Miami gesponsert, schaffte er es am 23. April 1926 bis Anchorage. Damit hatte er die halbe Rekordstrecke zurückgelegt. Am 27. April wurde er von einem Sturm überrascht, mußte notlanden und galt siebzehn Jahre lang als verschollen. Man hielt ihn für tot, bis die Aleuten-Inseln im Mai 1943 evakuiert wurden.
Dies ist seine Geschichte.

INHALTSeite
Prolog 
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Prolog

Ich lernte John im Mai 1943 kenenn, als er mit einer Bootsladung evakuierter Aleuten von einer der Andreanof-Inseln aufs Festland gebracht wurde. Soweit ich damals feststellen konnte, wußte zu der Zeit niemand, daß es die Insel überhaupt auf der Landkarte gab oder daß sie bewohnt war, bis sie von den ersten Wasserflugzeugen angeflogen wurde.

Ich habe viele Wochen im Krankenhaus von Anchorage verbracht, um mir Johns Geschichte anzuhören. Er hätte sie jedem erzählt, der sich die Zeit genommen hätte, ihm zuzuhören. Das taten jedoch nicht viele. Wir befanden uns im Krieg. So lautete jedenfalls die Ausrede.

Seine Geschichte erstand in Bruchstücken. Manchmal konnte er stundenlang erzählen. An seinen schlimmsten Tagen starrte er einfach nur die Wand an, als sehnte er sich nach etwas, was er nicht haben konnte.

Er hatte den größten Teil dessen, was geschehen war, zu Papier gebracht, aber wie bei seinen Erzählungen war alles völlig ungeordnet.

Ich brauchte acht Jahre, um daraus eine Geschichte aus einem Guß zu machen und um mich an die fehlenden Bruchstücke zu erinnern, die er mir vor so langer Zeit erzählt hatte.

Betty-Sue Llewellyn
Anchorage, Alaska
1957

13

1

An dem Tag, an dem er aufwachte und seinen Namen wußte, brach fast die Sonne durch die Wolkendecke. Er erinnerte sich auch fast daran, wie er dorthin gekommen war; er erinnerte sich aber nicht, warum oder wann.

Eine Zeitlang war er überzeugt, sich irgendwo südöstlich von Anchorage zu befinden. Das einzige, woran er sich vage erinnerte, war der Sturm, der sich allmählich zusammenbraute. Er war seit einer halben Stunde unterwegs gewesen und schon wieder auf dem Heimflug, als der Hunderzwanzig-Meilen-Gegenwind, der dann zum Seitenwind und schließlich zum Rückenwind wurde, jede Hoffnung auf eine Zukunft zunichte machte. In diesem Augenblick existierte nichts außer ausströmendem Treibstoff und leckgeschlagenen Ölleitungen, und als die Jenny schließlich, was unvermeidlich war, den Geist aufgab, wurde alles zu einer dunklen, stechenden Stille, bis er die Felswand sah und die erstarrte See. Und dann folgten Sekunden, die ihm wie Stunden vorkamen, bis die Maschine aufschlug und zerschellte.

Bilder erschienen ihm in Wachträumen, zerbrechliche, zerfetzte, verblaßte, nicht greifbare Bilder, die nur allzuoft verwirrend waren, weil es den Anschein hatte, als gehörten sie zu jemand anderem und nicht zu ihm.

Meist drehte sich nur alles in seinem Kopf, da er den Absturz in immer neuen Alpträumen durchlebte, die ihn aufschreien ließen. Wenn er aufwachte, hörte er fremde, glückliche Stimmen singen oder die Laute von spielenden Kindern. Das Echo der Trommeln verscheuchte die Dämonen, bis er wieder die Augen schloß.

Die Frau war allgegenwärtig – die sanfte, beruhigende Stimme, die Berührung der behandschuhten Hand. Gelegentlich zeigten sich die neugierigen, von Pelz umrahmten Gesichter der anderen, die wahrscheinlich sehen wollten, ob er noch am Leben war oder nicht. Er lag dann reglos auf dem Rücken und beobachtete sie. Manchmal lächelte er diese Gesichter an, aber meist wünschte er, sie würden gehen und ihn in Ruhe lassen und den elenden Wind mitnehmen.

Dann, eines Tages, als der Nebel sich so weit gelichtet hatte, um ihm einen Blick auf einen Strand jenseits des Felsens zu ermöglichen, als die 14schmale Öffnung zu dieser unwirklichen Welt aus ständiger Kälte durch einen Hauch von Sommer geöffnet wurde, kam die Frau wieder herein. Sie trug ein schweres Bündel. Sie zog die Felle herunter und versperrte ihm die Sicht. Es war zwecklos, sie zu bitten, die Tür wieder aufzumachen und etwas frische Luft einzulassen. Wann immer er sprach, lächelte sie nur.

»Was hast du diesmal mitgebracht?« fragte er.

Sie wuchtete das Bündel auf den erhabenen Erdtisch, wandte sich ihm zu und grinste.

Es war ein in Seehundfell gewickeltes Paket. Sie öffnete es und lächelte dabei immerzu, als wüßte sie, daß es seinen Schmerzen ein Ende machen würde, wenn er dies zu sehen bekam. Sie hielt eine Allwettertasche hoch, deren Griffe verrostet und zerbrochen waren. Dann förderte sie Sachen zutage – Kuriositäten für sie, aber nicht für ihn. Das Logbuch eines Piloten, Bleistifte, Karten. Ein Kompaß, ein Dosenöffner. Sein Bowiemesser. Gabeln, Löffel. Eine verrostete Konservendose mit Bohnen. Eine gefrorene Orange, Unterwäsche und seine Ersatzmütze.

Vor allem war da Papier – ein Bündel brüchigen, stockfleckigen gelben Papiers.

Vielleicht war dies der Augenblick, in dem er sich zu erinnern, wahrhaft zu erinnern begann. Er nahm als erstes das Logbuch in die Hand; weil es im Meerwasser gelegen hatte, klebten die meisten Seiten zusammen. Manche rissen bei der kleinsten Berührung. Die Tinte war verlaufen, aber hier und da erkannte er ein Wort. Vor allem den letzten Eintrag:

23. April '26. 0700 Uhr. Anchorage verlassen. Vorräte und Treibstoff ausreichend, um nach Vancouver zu fliegen. Nordöstlicher Wind, dreißig Knoten. Teuflischer Sturm, der sich im Nordwesten am Horizont zusammenbraut. Sollte es schaffen bis …

John seufzte. Anchorage. Ihm fiel ein, daß er versucht hatte, aus Alaska seine Schwester anzurufen – per R-Gespräch. Er erinnerte sich, daß Mrs. Johnson ihm sagte, es nehme niemand ab, ob er es wieder versuchen könne? Sie hatte ihr ganzes einfaches Leben in Abbeville, South Carolina, verbracht. Vielleicht glaubte sie, Anchorage liege in Kentucky oder Georgia. Also hatte er Mrs. Johnson die Nachricht hinterlassen – »Sagen Sie Meg, daß ich nach Hause komme« -, und als er auflegte, wußte er, daß Meg die Nachricht nie erhalten würde.

John sah die Frau an. Sie studierte das Bowiemesser, dann den Silberlöffel 15mit dem eingravierten BHS – er gehörte der Familie Shaw seit der Boston Tea Party. Er sah ihr an, daß sie ihn haben wollte, und so nickte er, und das Lächeln, das sie ihm dafür schenkte, war ansteckend.

Sie fand ein Versteck für ihr neues Spielzeug und kam wieder, diesmal mit den beiden Schalen aus Bugholz. Eine enthielt vier Mundvoll erwärmten Seehundbluts und die andere die dicke schwarze Salbe, mit der sie ihn pünktlich zu jeder vollen Stunde einrieb – jedenfalls kam es ihm so vor.

Er wehrte sich nicht mehr. Es führte zu nichts. Das Blut verursachte ihm auch keine Übelkeit mehr wie zu Anfang, und er trank es schnell mit der Würde eines Kindes, das Rizinusöl schluckt.

John vermutete, daß die Salbe so etwas wie ein Antiseptikum der Eskimos war. Was immer es war, es linderte den Schmerz ein wenig. Er saß still, während sie ihm etwas davon ins Gesicht rieb. Er blieb still sitzen, als sie ihm seinen Parka auszog und auch die Brust einrieb. Er wandte jedoch wie immer das Gesicht ab, als die schwarze Salbe sorgfältig und mit sanfter Behutsamkeit auf den Stumpf seines linken Arms getupft wurde. Dann legte er sich hin, wie die Routine es verlangte, nahm das Logbuch in die Hand und versuchte sich auf die Worte zu konzentrieren, während die Frau seinen linken Fuß ergriff und sein linkes Bein bewegte. Er sah nicht allzu viele Wörter – die scharfen, stechenden Schmerzen waren stärker als alles andere, bis das Bein taub wurde. Er hatte sich beim Absturz schwer verletzt – den Arm und fast das Bein verloren. Er hatte sich das linke Schlüsselbein gebrochen, ein paar Rippen und sich auch am Kopf verletzt. An manchen Tagen, wenn sein Sehvermögen beeinträchtigt war und sein Gleichgewichtsgefühl aussetzte, wagte er nicht, sich zu rühren, sondern blieb vollkommen still liegen, denn schon die kleinste Bewegung bereitete ihm höllische Schmerzen. Diese Tage wurden jedoch immer seltener. Er war dabei, sich zu erholen, und das hatte er nur der Frau zu verdanken.

Als sie fertig war, ließ sie ihn allein, aber diesmal schlief er nicht. Er langte in seine Allwettertasche und tastete blind nach einem Bleistift. Er hatte ein bestimmtes Ziel vor Augen.

Vielleicht komme ich hier nie mehr lebend raus, dachte er, aber vielleicht findet eines Tages jemand meine Aufzeichnungen, und dann wird meine Familie wissen, daß ich nicht gestorben bin. Man wird mich vielleicht für verschollen halten, vielleicht sogar für tot, aber ich möchte nicht, daß jemand denkt, ich sei wie Bobby gestorben.

Die größte Angst seiner Mutter, fast Wirklichkeit geworden.

John richtete sich auf dem Bett auf, so gut er konnte, so daß er mit dem 16Rücken gegen das Treibholz gelehnt aufrecht sitzen konnte. Zwei der Kochtöpfe der Frau hingen ihm über die linke Schulter; der Pelz des Saums ihres Winterparka kitzelte ihn im Nacken. Es war bequemer, wenn er das rechte Bein hob, so daß das Logbuch darauf lag, aber es kam ihm fremdartig und fast unmöglich vor, mit der rechten Hand den Bleistift zu halten.

Und es stellten sich keine Worte ein. War es nicht immer so gewesen? Er zeichnete statt dessen ein Flugzeug. Die Linien waren nicht ganz korrekt, aber es war doch die 1923er Jenny, die er seit wann geflogen hatte … Februar? War er im Februar aus Miami abgeflogen?

Er konnte Daumen und Zeigefinger nur zum Teil bewegen – zum Schreiben genügte es aber. Er hatte die rechte Hand nicht mehr benutzt, seit er neun Jahre alt war. Und für John, der sich so lange Zeit bemüht hatte, sich an seinen Namen zu erinnern, kehrte die Kindheit wie eine Flutwelle zurück. So schrieb er sie auf, so schnell er konnte, falls alles wieder verschwinden würde und damit für immer verloren war wie er selbst.

 

Es war der 14. Juni 1911. Wir lebten in der Nähe eines Flugplatzes in Abbeville, South Carolina, obwohl ich es kaum einen Flugplatz nennen kann, denn damals war es nur ein Feld, und in jenen Tagen konnte man überall landen, wo das Gelände flach und baumlos war. Und vierhundertfünfzig Meter waren alles, was Billy Taylor je gebraucht hatte.

Billy Taylor flog meinen Traum, und jeden Tag um fünf nach vier gab sich meine Mutter die größte Mühe, ihren Zorn herunterzuschlucken, wenn er direkt über unser Haus hinwegbrauste. Sie murmelte etwas von neumodischen Erfindungen und fluchte leise vor sich hin, weil die Hühner seit sechs Wochen keine Eier gelegt hatten.

Aber mir waren die Hühner egal.

Da war immer dieser Junge, der auf dem Zaunpfahl balancierte und zusah, wie sein Held eine Maschine landete, die hustete und spuckte und brüllte, und ich rührte mich nie auch nur einen Zentimeter von der Stelle, bis Billy Taylor den Motor abgestellt hatte und herauskletterte.

Ich machte einen Handel mit Gott. Ich sagte etwa, Gott, wenn du mich so fliegen läßt wie Billy Taylor, werde ich freiwillig in die Sonntagsschule gehen. Das wird Ma überraschen, nicht wahr, Gott? Dich auch, nehme ich an. Sir.

Nun, Gott mußte mich gehört haben, aber trotzdem lief nie etwas so, wie ich es mir gedacht hatte.

17

Billy Taylor sah mich nie auf diesem Zaunpfahl balancieren, jedenfalls glaubte ich das, bis zu jenem Tag im Juni, als er etwas zu niedrig über unser Haus hinwegflog, um zu landen.

Ich fiel vom Zaunpfahl und brach mir den Arm.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, John Robert Shaw. Ich wurde an diesem Tag neun.

Mom hörte mich schreien, und ich glaube, Billy Taylor hörte es auch. Alle Nachbarn stürzten aus ihren Häusern. Sie wollten sehen, was das für ein Lärm war.

Der Lieblingsspruch meiner Mutter war »Hab ich's dir nicht gesagt?« Und als sie mich in die Stadt trug, muß sie es zweitausend Mal gesagt haben. Der Arzt machte einen Hausbesuch, um ein Baby auf die Welt zu bringen, so daß seine alte Krankenschwester die Knochen zurechtrückte. Ich erinnere mich vor allem daran, daß ich noch mehr schrie, und als ich aufwachte, lag ich zu Hause in meinem Bett.

Mein Arm war nie mehr so wie zuvor. Aber ich brauchte keinen Bleistift zu halten, um zu wissen, was ich zu tun hatte. Ich mußte fliegen, und ein gebrochener Arm würde mich nicht davon abhalten.

Mein Vater war 1909 nach Alabama gegangen, um sich Arbeit zu suchen. Er kam nie mehr nach Hause. Also war meine Mutter mit zwei Kindern auf sich gestellt, mit mir und meiner kleinen Schwester. Mir war aber nie wirklich klar, was diese Hühnereier für uns Überleben bedeuteten, denn für mich gab es nichts Wichtigeres, als Billy Taylor dabei zu beobachten, wie er jeden Tag um fünf nach vier mit dieser Maschine landete.

Bis zum 15. Juni 1911.

Meine Mutter zog mich an meinem gesunden Arm vom Zaunpfahl herunter und sagte: »Wir werden diesem gottverdammten Mr. Billy Taylor zeigen, was er uns angetan hat. Er hat uns ruiniert!« In der Hand hatte sie den leeren Eierkorb. Ich hatte sie noch nie fluchen hören, jedenfalls nicht, wenn ich in der Nähe war.

Ruinieren. Ich hatte dieses Wort schon oft gehört – ein Stück Rindfleisch wurde durch zuviel Salz runiert; wenn ich Ketchup auf mein einziges gutes Hemd verschüttete, um nicht in die Sonntagsschule gehen zu müssen, es sei denn, ich wußte genau, daß jemand da war, den ich ärgern konnte, war es ebenfalls ruiniert. Folglich wußte ich nicht, was meine Mutter mit diesem »Er hat uns ruiniert« meinte. Außerdem war es mir egal. Ich wußte nur eins: daß wir quer über das Feld auf Billy Taylors Schuppen zuliefen, und je näher wir kamen, um so größer wurde das Flugzeug.

18

Ich hatte noch nie erlebt, daß meine Mutter auf jemanden so wütend war. Dabei war sie diejenige, die mir immer sagte, ich solle tief Luft holen und bis zehn zählen, und wenn ich bei acht sei, würde ich nicht mehr wütend sein. Vielleicht hatte sie an diesem Tag vergessen, was nach fünf kam.

Als sie Billy Taylors Namen geschrien hatte und er sich umdrehte, weinte sie vor Zorn. Und wenn meine Mutter vor Zorn weinte, hielt man sich am besten nicht in ihrer Nähe auf, aber sie hielt meine Hand in einem eisenharten Griff, so daß es kein Entkommen gab. Ich konnte nur eins tun, auf meine Füße zu starren und nicht in Billy Taylors Gesicht. Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nicht so geschämt. Ich hatte von Hunderten von Möglichkeiten geträumt, meinem Helden zu begegnen, doch so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Von Zeit zu Zeit riskierte ich einen Blick, aber er sah mich immer dann an, wenn ich es tat. Ich fühlte mich albern, wie ich barfuß dastand, neun Jahre alt und an der Hand meiner Mutter. Es war wohl das einzige Mal, daß ich so tat, als hätte sie mich gerade am Straßenrand gefunden.

Aus der Nähe sah Billy Taylor etwa so alt aus, wie mein Vater war, als er wegging – um die Fünfunddreißig. Entweder war er höflich oder wußte, daß es keinen Zweck hatte, es zu versuchen, denn er ließ meine Mutter ausreden, bis nichts mehr kam. Da sagte er: »Es tut mir leid, Mrs. Shaw«, doch da legte sie gleich wieder los.

Dann sah er mich an, als sie ihn ansah, und lächelte. Das Lächeln wurde so breit, daß es ansteckend war, etwa so, als würde in meiner Klasse ein Mitschüler gähnen.

Ich glaube, ich liebte Billy Taylor von dem Augenblick an, in dem wir beide lächelten. Er war meinem Daddy zu ähnlich – dieses Zwinkern, wenn er einen ansah, war so gut wie alles, woran ich mich erinnern konnte. Billy Taylor sagte nur »Ja, Mrs. Shaw«, aber auf die gleiche Weise wie mein Daddy gesagt hatte: »Ja, Süße.«

Mein Vater war ein unglaublich hochgewachsener Mann gewesen; ich konnte mich nicht erinnern, ihm je weiter als bis zum Oberschenkel gereicht zu haben, es sei denn, er saß. Billy Taylor schien fast ebenso hochgewachsen zu sein, als er in seinem Ledermantel und den Stiefeln und der Mütze auf dem Kopf dastand. Ich fing wieder an, davon zu träumen, daß ich eines Tages genauso aussehen würde wie er.

Nach einiger Zeit nahmen wir beide die Stimme meiner Mutter nicht mehr wahr. Ich sah, wie sie ihm den leeren Eierkorb unter die Nase hielt, und ich glaube, er sagte, er werde bezahlen. Darauf erwiderte Mom, sie sei aus Prinzip wütend, was immer das bedeutete. Er versicherte ihr, die 19Hühner würden sich an den Lärm gewöhnen, aber sie schwor, das würden sie nicht. Dann hörte ich ihn sagen, er habe das Flugfeld gekauft und besitze eine eigene Flugschule. Dies sei die einzige Stelle, die dafür geeignet sei, und er könne nicht umziehen. Er werde hierbleiben.

Ich fragte mich, wie oft man mit Gott einen Handel machen kann.

Billy Taylor sah mich erneut an; und er mußte in meinen Augen etwas erkannt haben – Hoffnung, Aufregung, irgend etwas. Er sah zu seinem Flugzeug hinüber, und ich tat es auch. Er sagte: »Na geh schon, Junge, sieh sie dir an, aber daß du mir nichts anfaßt.«

Also sah ich mir die Maschine an, aber tu das nicht waren Worte, die in meinem Wortschatz nicht vorkamen. Bei mir bedeutete das »Warum darf ich nicht?«

Ihr Name war Gloria.

Sie stand mit dem Heck auf der Erde da. Sie roch immer noch heiß. Ihr hölzerner Propeller war doppelt so lang wie ich. Er war glatt und glänzend. Nur an ein oder zwei Stellen sah ich einen Fleck, wo irgendein Insekt zerquetscht worden war. Ich drehte mich um. Billy Taylor sah nicht zu mir hin, und Mom hatte aufgehört zu weinen. Was immer er sagte, es funktionierte.

Ich berührte die Tragfläche. Die Oberfläche fühlte sich an wie Stoff, vielleicht Leinen. Ich tippte dagegen. Es fühlte sich hohl an. Ich berührte sie. Streichelte sie wie den Hund, den ich mal gehabt hatte. Sie mochte mich. Gloria mochte mich. Ich hörte sie fast flüstern, na komm schon, steig ein. Laß uns eine Zeitlang so tun, als ob.

Ich drehte mich zu dem Schuppen um, sah die Wörter auf dem Schild an. Ich versuchte sie zu lesen und stotterte mir langsam die Buchstaben vor. Das letzte Wort war immerhin leicht: Schule. Billy Taylors Flugschule.

Vergnügungsflüge. Fünf Dollar für fünfzehn Minuten.

Wenn ich meine Seele für fünf Dollar hätte verpfänden können, hätte ich es getan.

Billy Taylors Flugschule.

Meine Art von Schule.

Ich hörte Billy Taylors Stimme. »Zehn Cent pro Stunde, jeden Tag nach der Schule, an den Wochenenden vier Stunden.«

Das ergab fast einen Dollar in der Woche, was ebensoviel war, wie meine Mutter für den Verkauf ihrer Eier erhielt. Jedenfalls sagte sie das, als sie meine Hand hielt und wir quer übers Flugfeld nach Hause gingen. Ich hielt die Drähte auseinander, so daß sie hindurchklettern konnte, und sie tat das gleiche für mich.

20

»Verstehst du, John Robert?« fragte sie.

Ich sagte nichts; ich hatte nicht zugehört. Sie brauchte nicht auch noch einen dummen Sohn. Ihr genügten eine Tochter, die nichts als Tanzen im Kopf hatte, ein abwesender Ehemann und Hühner, die keine Eier mehr legten.

»John Robert, hast du auch nur ein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe?«

»Ja, Ma, natürlich habe ich das«, erwiderte ich und hoffte, sie würde mehr sagen, damit ich den Anschluß bekam.

»John Robert, du hast einen Job.«

»Wo, Ma?«

»In Billy Taylors Flugschule. John Robert, du hast nicht zugehört.«

Sie gab mir aber keine Ohrfeige; statt dessen nahm sie wieder meine Hand.

Am Abend, als Meg auf der Veranda herumtanzte und tat, als wäre sie eine Primaballerina, dachte ich über diesen Tag nach. Daß ich es bis dahin nicht geschafft hatte, Gott sehr nahe zu kommen. Bis meine Mutter mich packte, mich in die Luft hob und mir einen Kuß auf die Wange schmatzte.

Ich hatte einen Job.

 

»Soso, vom Pfahl gefallen?« fragte Billy Taylor am nächsten Nachmittag um zwanzig nach vier.

»Ja, Sir, das bin ich.«

»Sehr weh getan?«

»Ich habe mir den Arm gebrochen, Mr. Taylor, Sir.«

»Sehr weh getan?« fragte er nochmals.

»Nein«, log ich und versuchte, die knallroten Finger an meiner rechten Hand zu verbergen.

Er grinste mich eine Zeitlang an, als hätte er mich in den letzten sechs Wochen jeden Tag dabei beobachtet, wie ich ihn beobachtete. »Ich hatte mal einen Jungen etwa in deinem Alter.«

»Tatsächlich, Mr. Taylor?« fragte ich, da ich nicht wußte, was ich sonst hätte sagen sollen. Das sagte meine Mutter auch immer, wenn sie nicht weiterwußte. Bei ihr hatte es immer funktioniert.

»Ja. Starb mit seiner Mutter bei einem Feuer. Das ist jetzt sieben Jahre her.«

»Tut mir leid, das zu hören, Mr. Taylor, Sir. tut mir wirklich leid, das zu hören.«

»Deine Mutter hat einen ziemlich starken Willen.«

»Mögen Sie sie, Mr. Taylor, Sir? Finden Sie sie hübsch?«

21

Darauf sagte er nichts. Ich bekam zehn Cent pro Stunde fürs Arbeiten und nicht dafür, über meine Mutter zu sprechen, selbst wenn ich hoffte, er würde sie heiraten. Ich hätte einen neuen Vater gut gebrauchen können, vor allem einen wie ihn.

»Möchtest du fliegen, Junge?« fragte er.

»O ja, Sir. Und ob ich das möchte.«

»Warum?«

Ich hatte nie erwartet, daß er mich das fragte. Warum ich fliegen wollte? Genausogut hätte er mich fragen können, warum die Erde rund ist, obwohl sie platt ist, soweit das Auge reicht. Sie erstreckte sich bis in alle Ewigkeit. Es war mir schon immer schwergefallen, Gefühle in Worte zu kleiden, die andere verstehen konnten, und in diesem Moment hatte ich eine tote Stelle im Gehirn, die etwa die Größe der Appalachen umfaßte. Ich hatte schon immer solche toten Stellen gehabt, vor allem, wenn Mrs. Moriarty mir im Unterricht eine Frage stellte. Ich wußte zwar immer die Antwort, aber nichts kam je richtig heraus.

»Ich habe dich gefragt, warum, mein Junge.«

»Ich weiß es nicht, Mr. Taylor, Sir. Ich weiß es nicht. Aber ich habe zugesehen und mich so manches gefragt, und ich sehe die Vögel fliegen und Sie fliegen und dann denke ich, das kann ich auch. Etwa so. Sir.«

Er hielt mir einen Eimer und einen Putzlappen hin und sagte: »Du gehst da rauf und wischst die Kotze weg, Junge. Und wenn du dann immer noch fliegen willst …«

Ich hörte nichts mehr. Beim Wort »Kotze« blieb mir das Gehirn stehen. Kotze. Ich? Ich sollte Kotze aufwischen?

Ich sah Billy Taylor in die Augen und wußte in dem Moment, daß es Dinge gibt, die alles wert sind, sogar wenn man dafür Kotze aufwischen muß. Ich hoffte nur, meine Mutter würde nie davon erfahren. Sah es so aus, wenn man mit Gott einen Handel machte?

»Du bist jetzt ein Mann, John Robert. Mach mich stolz.« Meine Mutter hatte mir eine kilometerlange Liste von Dingen gegeben, die man tut und die man nicht tut. Ich weiß nicht, woran sie dachte, als sie mir den Hintern tätschelte und mir zusah, wie ich zu dem Flugfeld und der Flugschule losging. Eins weiß ich aber genau. Wenn sie gesehen hätte, wie ich die Kotze vom Vordersitz von Billy Taylors Doppeldecker aufwischte, mit geschlossenen Augen und aufgeplusterten Backen wie bei einem Ochsenfrosch im Frühling, hätte sie mich wohl kaum für einen Mann gehalten, der jemanden stolz macht – natürlich erst, nachdem sie sich halbtot gelacht hätte.

Als ich fertig war und mein Mittagessen endlich aufgehört hatte, den 22Rückweg anzutreten, stellte ich fest, daß ich meine Seele nicht für fünf Dollar zu verpfänden brauchte. »Hast du einen Mantel?« fragte Billy Taylor, als er den Vordersitz seiner Maschine inspizierte. Nirgendwo Kotze.

»Nein, Sir.« Es war Juni. Es war heiß. Ich brauchte keinen Mantel. Ich sagte nicht, daß ich keinen besaß; vielleicht hatte er es erraten. Er kam aus seinem Schuppen mit dem Schild Billy Taylors Flugschule und hatte einen schwarzen Ledermantel mit Pelzkragen über dem Arm. Er roch nach Kotze. Oder vielleicht war ich es, der roch.

Ich zog ihn an. Ich fühlte mich wie ein Flieger mit den Füßen auf dem Erdboden und einem Schwarm wilder Bienen im Bauch.

Und als ich auf den Rücksitz kletterte, war ich zu klein, um über die Seitenwand viel sehen zu können, aber es war verdammt viel besser, als auf einem Zaunpfahl zu stehen und davon zu träumen, wie es sein würde.

»Ich möchte, daß du mir hilfst, mein Sohn«, sagte Billy Taylor, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, mir die Instrumente, Schalter und anderen Dinge anzusehen, die man auf dem glänzenden Holzpaneel direkt vor mir ziehen mußte. »Hauptschalter ein«, sagte er. Ich suchte nach dem Hauptschalter. Ich stellte ihn auf »ein«. Dann aus. Dann ein. Fertigmachen zum Gasgeben. Wie zum Teufel machte man das? Er zeigte es mir. Choke raus, Choke rein …

Ich wollte fliegen? Wie sollte ich all das behalten?

Propeller klar?

Wieso das? Hier würde keinem Menschen der Kopf abgehackt werden, höchstens Billy.

Choke rein?

Kontakt.

Ich legte den Schalter von aus auf ein.

Drosselklappe offen?

Das war sie.

Er zog den Propeller herunter und sprang zurück. Der Motor sprang brüllend an. Das ganze Flugzeug erbebte. Ich machte mir fast die Hosen naß. Meine Knöchel waren schon weiß, und mir sprangen fast die Augen aus dem Kopf. Ich dachte, ich würde gleich sterben. Natürlich hatte ich die Maschine landen und sogar abheben sehen. Doch jetzt saß ich drin. Das war etwas völlig anderes.

Billy Taylor ließ mich auf dem Vordersitz sitzen. Ich sah nichts als den Kreis grauen Nebels; alles, was ich fühlen konnte, war das erwartungsvolle Zittern des Flugzeugs.

23

Als die Hand mich an der Schulter packte, glaubte ich, ich würde sterben. Er hörte mein Schreien nicht. Ich hörte es nicht einmal selbst. Ich versuchte mich an alles zu erinnern, was ich in der Sonntagsschule an mir hatte vorbeirauschen lassen, aber das einzige, was mir in den Sinn kam, war die Stimme meiner Mutter vor dem Abendessen: »Segne, was du uns bescheret hast …«

Billy Taylor hörte mein Schreien nicht, als wir über das Gras auf den Zaun zurasten. Sollte er es doch gehört haben, ignorierte er es. Er hörte mein Schreien auch nicht, als der Erdboden plötzlich nicht mehr da war. Aufsteigen in steilem Winkel, als kletterte ich in den Apfelbaum, und dann wieder runterrutschen und sich festklammern, dann eine scharfe Linkskurve … Ich betete nur, mein Magen möge lange genug an einer Stelle bleiben, damit ich die Augen aufschlagen konnte.

Wieder eine Hand auf der Schulter. Dann wußte ich, warum es hier Kotze gab. Billy Taylor machte seinen Passagieren so viel Angst, daß sie gar nicht anders konnten.

Er brüllte etwas, was ich nicht hörte, und ich schlug die erstarrten Augen auf und folgte mit den Blicken seinem Finger. Da in der Ferne lag Abbeville. Aus der Luft sah es anders aus, aufgeräumt, sauber. Mein Haus war näher. Jesus, betete ich, laß mich nicht auf unser Dach kotzen.

Da war das verrostete Eisen; die Dachrinnen, die nach und nach heruntersackten, die gelben Rosen hinterm Haus, Meg, die gerade aus dem Klohäuschen kam. Ich erkannte sie an ihrem roten Haar. Meine Mutter bückte sich gerade, um ins Hühnerhaus zu gehen. Das Gemüsebeet sah von da oben sehr ordentlich aus.

Billy Taylor umkreiste das Haus zweimal und flog uns dann nach Südwesten. Land, Land, soweit ich sehen konnte – in einer Minute flogen wir den Rand des Sumter Forest entlang, in der nächsten blickten wir auf die Wasserfälle bei Calhoun hinunter, und gerade als ich dachte, wir wollten in der Nähe von Antreville landen, neigte sich die Maschine stark zur Seite – so sehr, daß ich dachte, ich würde gleich hinausfallen.

Als ich wieder die Augen aufschlug, sah ich Abbeville. Wir hielten direkt auf die Main Street zu und gingen hinunter, immer mehr hinunter – wir flogen so niedrig, daß ich schon glaubte, er wolle direkt vor der Bank landen. Und bevor ich wußte, wie mir geschah, ging es wieder aufwärts. Wir verpaßten nur knapp das Denkmal, gingen in eine Linkskurve und gingen hinunter – so nahe beim Zaun, daß ich dachte, wir würden ihn umreißen.

Kein Wunder, daß ich hinuntergefallen war. Und in dem Augenblick wußte ich, daß ich gesehen worden war – der Junge auf einem Zaunpfahl, 24der jeden Tag um fünf nach vier dort stand. Ich wußte, daß dieser Flieger mich hatte herunterfallen und mir den Arm brechen sehen.

Ich glaube, mein Herz fing wieder an zu schlagen, als die Räder die Erde berührten und nach ein paar kräftigen Hüpfern schließlich dort blieben. Neben dem Schuppen kam der Propeller zum Stehen. Die Maschine hustete, furzte, und dann kam nichts mehr. Ich konnte die Finger meiner linken Hand kaum bewegen; meine Muskeln hatten sich verkrampft.

Billy Taylor half mir hinunter und hielt mich aufrecht, während meine Knie versuchten, mich zu tragen.

Es war erstaunlich, aber ich hatte mich nicht vollgekotzt und mir auch nicht in die Hosen gemacht. Ich fühlte mich so lebendig, daß ich hätte weinen mögen.

»Nun, Junge, möchtest du immer noch fliegen?«

»Und ob ich das will, Mr. Taylor, Sir. Und ob.« Ich tat so, als hätte mir der Wind die Tränen in die Augen getrieben.

Billy Taylor gab mir zehn Cent und sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen.

Als ich nach Hause ging, dachte ich, daß es wohl der einzige Tag seit einem ganzen Jahr war, daß ich meinen Daddy vermißte. Er hätte sich meine Geschichte angehört. Er hätte vielleicht nicht viel gesagt, aber er hätte zugehört.

Da es nicht um Ballett ging, wollte Meg nicht wissen, wie es mir ergangen war. Sie würde nur zuhören, wenn ich ihr draußen hinter dem Klohäuschen Hände und Füße zusammenband, aber an diesem Nachmittag war ich zu glücklich, um zuzulassen, daß sie mich anspuckte. Ich sagte nur »Ich bin geflogen«, als ich die Treppe hinaufrannte. Meg zog ein Gesicht und wirbelte weiter auf ihren Zehen herum.

Ich gab meiner Mutter das Geld, das ich verdient hatte – mir war immer noch nicht klar, warum ich fürs Fliegen bezahlt worden war -, und sie legte es in die Keksdose. Aber meine Mutter war wie meine Schwester – sie wollte auch nicht Bescheid wissen. »Ich bin geflogen«, sagte ich in der Hoffnung, sie würde etwas sagen, irgend etwas.

»Wie schön, John Robert. Hol mir drei Kartoffeln.«

Das war nicht gerade, was mir vorgeschwebt hatte, aber ich wußte ohnehin nie, was die beiden als nächstes sagen würden. Also ging ich hinten auf den Hof zu dem Sack und brachte drei Kartoffeln. »Es war großartig dort oben, Ma.«

Sie war mir einen Blick zu, den ich nie vergessen werde. Für streunende, hungernde Hunde hatte sie den gleichen Blick.

25»Es ist wirklich großartig da oben.«

Ich konnte das Gefühl von Freiheit nicht anders erklären. Ich kann meist nicht erklären, wie mir zumute ist. Manche Leute können sich gut ausdrücken, andere können gut schreiben. Sollte es je zu einem Krieg mit Wörtern kommen, würde ich wahrscheinlich auf der Stelle kapitulieren.

»Ich kann mir vorstellen, daß es schön da oben ist, John Robert, aber ich habe die Füße lieber auf der Erde. Der Himmel ist für Menschen nicht der richtige Ort. Wenn wir fürs Fliegen geschaffen worden wären, wären wir mit Flügeln auf die Welt gekommen. Merk dir das.«

Ich grübelte über ihre Worte nach. Vielleicht hatte Gott gerade deshalb beschlossen, Flugzeuge erfinden zu lassen, damit die Menschen fliegen konnten.

In der Schule glaubte mir auch niemand. Es machte mir aber nichts aus. Endlich hatte ich etwas Wirkliches, wofür ich leben konnte – jetzt tat sich eine ganz neue Welt vor mir auf. Ich begrüßte den Tag mit einem vor Vorfreude schnell schlagenden Herzen. Ich versuchte sogar, bei Mrs. Moriarty aufmerksam zu sein, und meine Mutter fragte sich, was mit mir nicht stimmte, als ich nicht mehr versuchte, mich um die Sonntagsschule herumzudrücken. Ich ging nur hin, weil der Sonntagmorgen so schneller verging, aber ich glaubte, das ist ihr nach einiger Zeit auch aufgegangen.

Eine Zeitlang wurde Billy Taylor mein Held, bis er mir eines Tages von einem Franzosen erzählte, der den Ärmelkanal überflogen hatte. Das erregte meine Aufmerksamkeit, denn Billy flog nur in South Carolina herum. Folglich fragte ich meine Mutter, wo die Franzosen lebten, weil ich den Franzosen fragen wollte, wie es gewesen war, und am nächsten Tag, als wir in die Stadt gingen, zeigte sie mir in einem Buch Frankreich und den Rest der Welt.

Das Buch, das wir uns ansahen, behandelte ein weit größeres Territorium als South Carolina oder auch nur die Vereinigten Staaten. Ich sah ihr in die Augen und sagte ihr, daß ich eines Tages um die ganze Welt fliegen würde. Und ich würde mit den USA anfangen.

Von da hatte meine Mutter einen anderen Lieblingsspruch. Jetzt gab es kein »Hab ich's dir nicht gesagt?« mehr; jetzt hieß es »Das ist aber nett, John Robert.«

Sie verlor aber nie ganz diesen Ausdruck in den Augen, diesen Blick, mit dem sie sonst nur streunende, hungernde Hunde ansah.

26

 

Das meiste von dem, was er gekritzelt hatte, war unlesbar. Seine Schrift war nie sonderlich gut gewesen, und außerdem mußte er dazu eine Hand benutzen, die ihm seit seinem neunten Lebensjahr den Gehorsam verweigerte. Hier und da fand sich ein Wort, das so etwas wie ein Schlüssel zu dem Sinn des Ganzen zu sein schien. Er fühlte sich wie eine Sekretärin, die die Handschrift ihres Chefs nur anhand der Schleifen eines Konsonanten entziffern kann.

Es gab nicht viel, was einen Sinn ergab. Es war schwierig, in der Kälte zu denken, und fast unmöglich, einen Bleistift zu halten. Die Finger seiner unsichtbaren Hand schmerzten auch. Alles tat weh.

Er hatte das Gefühl, als wäre sein bisheriges Leben – alle vierundzwanzig Jahre – nur ein Traum gewesen, als wäre es etwas Unberührbares, was er nur am Saum zu fassen bekam. Auf diesem Papier stand keine Handschrift. Es war eine durcheinandergewürfelte Masse von Hieroglyphen, die sich allein aus dem Gedächtnis übersetzen ließen. Und alles, was er an Erinnerung besaß, war die eines neunjährigen Jungen – klar, sauber, unschuldig.

Er konnte sich aber nicht an das erinnern, was gestern geschehen war. Auch nicht an den Namen seiner Mutter. Einer der wichtigsten Menschen seines Lebens stand ihm so klar vor Augen, doch ihr Name war für ihn nicht zu fassen.

An Meg erinnerte er sich jedoch. Sie trug das ausgefranste Ballettröckchen, das ihr jemand geschenkt hatte. Fünf Schritte bis zum Ende der Veranda, Drehung, fünf Schritte zurück. Die nackten Holzdielen waren durch das ewige Gleiten bestrumpfter Füße zu einem tiefen Glanz poliert worden. Meg, ohne Vorderzähne, langes, ungebärdiges rotes Haar, strahlend grüne Augen. Meg die Ballerina. In den Augen Sterne einer anderen Art.

Da waren ungetrübte, scharfe Erinnerungen an ein Haus, gesehen aus fünfzehn Meter Entfernung. Und Erinnerungen an einen Freund – Bobby Sullivan, den stets zu Streichen aufgelegten Witzbold, dessen Gesicht jedes Mädchen dazu brachte, sich mehr als nur einmal umzudrehen.

 

Ich war fünfzehn, als ich mit Billy Taylor zum ersten Mal nach Florida fuhr. Mama stand auf dem Bahnsteig, hielt Meg an den Schultern und hob ihre Hand, als der Zug anfuhr. Ich verstand nicht, warum sie weinte; ich würde doch nur eine Woche wegbleiben.

Eine Woche in Florida mit Billy Taylor. Ich rannte mir die Hacken ab, 27um Gesellschaft oder Anschluß zu finden, während er sich ein neues Flugzeug kaufte. Er hatte seine Maschine im Bach gelandet. Er hatte sie in das Wasserloch südlich des Flugfelds gesetzt, als der Motor es nicht geschafft hatte, die Maschine abheben zu lassen. Ich war sofort hingerannt und dachte, er sei tot – Teufel auch, er mußte tot sein -, doch er kletterte heraus, ging eine Zeitlang auf die Seite und versetzte der Maschine dann einen heftigen Fußtritt. Jetzt waren wir in Florida, um nach einer Jenny zu suchen, wie er sie nannte. Einer Curtiss Jenny. Einhundert PS, Spannweite elf Meter, fast neun Meter lang. Fluggeschwindigkeit fünfundsiebzig Meilen pro Stunde, Reichweite zweihundertfünfundzwanzig Meilen. Er sprach von ihr, als wollte er sie heiraten. Ich kannte Billy Taylor jetzt seit sechs Jahren und hatte nie die Hoffnung aufgegeben, daß er meine Mutter heiraten würde. Es funktionierte jedoch fast so, wie ich wollte – er tat, als wäre er mein Vater, und ich spielte seinen Sohn.

Einen wie den, den er beim Brand des Hauses verloren hatte. Doch er erzählte mir nie davon. Manchmal hatte ich das Gefühl, er würde es tun – an manchen Tagen war er still und sah mich so komisch an -, aber dann tat er es doch nicht.

In Florida lernte ich Bobby Sullivan auf einem Flugplatz außerhalb von Miami kennen. »Ich wünschte, mein alter Herr besäße ein Flugzeug«, war das erste, was er mir sagte.

Ich erzählte nicht, daß Billy Taylor mein Chef war und nicht mein Vater. Ich sagte nichts weiter als: »Ich glaube, ich setze mich eine Zeitlang hierher, Sir«, und nachdem Billy losgegangen war, um sein neues Flugzeug zu inspizieren, sah ich Bobby bei dem zu, was auch ich getan hatte, nämlich die Maschinen zu säubern. Er sprach nicht viel, ich aber auch nicht. Doch Bobby grinste, als ich sagte, es gebe nur eins, was ich auf den Tod haßte, nämlich die Kotze von jemand anderem wegzuwischen. Ich nehme an, er hatte das auch zur Genüge kennengelernt.

Ich sah sein Fahrrad; es sah aus, als wäre es von hundert Müttern auf einer Müllkippe geboren. So war es auch. Bobby Sullivan war ärmer als wir. Ich fühlte mich nicht so unwohl. »Hab es selbst zusammengebaut«, sagte er, ob nun mit Stolz oder Scham in der Stimme, konnte ich nicht feststellen.

Bobby Sullivan gefiel mir. Während ich keinen Vater hatte, hatte er keine Mutter, doch das war schon fast alles, was wir gemeinsam hatten, abgesehen von unseren Träumen. »Was ist mit ihr passiert?« fragte ich.

»Sie starb einfach. Pa spricht nicht über sie. Zu sehr damit beschäftigt zu trinken.«

Meine Mutter sprach aber über meinen Vater, meist wenn ich etwas 28Falsches gemacht hatte, und dann hieß es immer: »John Robert, wenn dein Vater noch am Leben wäre, würde er sich im Grab umdrehen, um zu sehen, was du gerade getan hast!«

Ich wurde nie so recht aus ihr schlau. Vielleicht lag es daran, daß sie kaum jemanden in ihrem Alter hatte, mit dem sie sprechen konnte – außer Billy Taylor, und der sprach nur vom Flugzirkus, und dafür interessierte sie sich nicht im mindesten. Ich glaube, es machte ihr Angst. Und Meg hatte nichts als Tanzen im Kopf. Meine Mutter sprach oft mit den Hühnern.

Bobby Sullivan hörte sich alles an, was ich zu sagen hatte. Ich glaube, ich habe lange Zeit nicht mehr soviel mit einem anderen Menschen gesprochen, vielleicht nur mit einem meiner Vettern, doch nach dem Tod meines Vaters habe ich den kaum gesehen.

Bobby ging nicht in die Schule. Sagte, er hätte es einmal versucht. Wenn er schon wie Vieh irgendwo eingepfercht sitzen müsse, würde er lieber die Schlachthöfe besuchen und dort mehr lernen. »Hast du schon mal 'ne Kuh gesehen, bevor sie geschlachtet wird?«

»Nee«, erwiderte ich.

»Die wissen das, verstehst du. Sie wissen es. Es ist Angst in diesen großen schwarzen Augen. Es ist Angst.«

Bobby hatte auch dunkle Augen. Ich hatte noch nie so dunkle Augen bei einem Menschen gesehen. Eine Zeitlang hielt ich ihn für einen Indianer, einen Apachekrieger wie die in einem Buch, das ich einmal gelesen hatte. Cowboys und Kavallerie, wie sie die Indianer getötet haben. Ich erzählte ihm die Geschichte; er hörte zu, und als ich fertig war, sagte er: »Pa sagte, Ma stammte aus Kuba. Sie war keine Indianerin. Sie ist eine Woche nach meiner Geburt gestorben. Das ist alles, was ich je zu hören kriege. Wie ich meine Ma umgebracht habe.«

Mir gefiel der Ausdruck in seinen Augen nicht. »Oh«, war alles, was mir im Augenblick einfiel. »Was zahlen sie dir in Florida?« fragte ich.

»Und was zahlen sie dir, wo du herkommst?« fragte er.

»Einen Dollar fünfundsiebzig in der Woche.«

»Ich kriege fünf.«

Es kam mir nie in den Sinn, Billy Taylor um mehr als einen Vierteldollar pro Tag zu bitten, da sich die Hühner jetzt an den Lärm gewöhnt hatten und wieder Eier legten. Mom machte sich nicht mehr so viele Sorgen, und wir hatten genug zu essen.

»Ich will Pilot werden«, sagte Bobby, als ich mich unter die Tragfläche einer Jenny von 1916 setzte. »Ich spare mein Geld, um mir ein eigenes Flugzeug zu kaufen.«

29

Darauf konnte ich nicht viel sagen. »Hast du gewußt, daß die Brüder Wright mit einer Münze gelost haben? Der Verlierer flog als erster. Hast du das gewußt?« fragte ich in einem Versuch, ihn zu übertrumpfen. Ich wollte ihm erklären, was Billy Taylor mir vor langer Zeit erzählt hatte.

»Natürlich weiß ich das«, erwiderte Bobby. »Woher kommst du übrigens?«

Ich sagte es ihm.

Nun, in South Carolina sei er schon mal gewesen, aber nein, Abbeville kenne er nicht. Er habe aber davon gehört, die Geschichten von den Konföderierten und den Yankees und all dem. Wenn er alles zusammenzähle, sei er in New York und Minnesota gewesen und einmal auch in Cheyenne, und der Staat Washington sei wirklich schön. Die Mädchen dort seien auch hübsch. Er zeigte mir auf einer Karte all die Orte, an denen er gewesen war. Vielleicht glaubte er, beim Lügen nicht erwischt zu werden. Vielleicht fühlte er sich besser so. Ich war aus South Carolina und würde ihn wahrscheinlich nie wiedersehen.

Einige Leute haben jedoch die Gewohnheit, gerade dann wieder aufzutauchen, wenn man es am wenigsten erwartet. Bobby Sullivan war wohl der beste Freund, den ich je hatte.

Und als Billy Taylor von seiner Inspektion der Jenny zurückkam, die er kaufen wollte, sagte Bobby: »Ich werde eines Tages direkt zum Nordpol fliegen.«

»Tatsächlich?« sagte ich und stand auf. Ich wischte mir den Staub von den Kleidern. »Ich werde einmal um die ganze Welt fliegen.«

Bobby Sullivan schaffte es nie, aus Atlanta in Georgia herauszukommen. Ich sah ihn 1924 sterben.

 

John hielt inne und ließ den Bleistift fallen. Die Frau sah zu ihm hoch, neugierig, wenn nicht sogar besorgt. Sie lächelte, und er versuchte ihr Lächeln zu erwidern.

Ihr Gesicht war das erste, das er deutlich wahrgenommen hatte, und nur ihres hatte er seitdem ständig gesehen. Sie lächelte immer, verbarg aber wie seine Mutter nie diesen Blick, der sonst nur streunenden, hungernden Hunden vorbehalten war. Sie wußte nicht, was er war oder warum er es war. Sie hatten jedoch eins gemeinsam: Beide verstanden die Bedeutung eines Lächelns.

»Ich fange an, mich an mehr Dinge zu erinnern.«

Er zeigte ihr, was er geschrieben hatte, aber sie verstand nicht, was er sagte und was er tat. Sie fuhr mit ihrer Arbeit fort – packte ihren Anteil 30an den Vorräten aus. Er sah aus reiner Gewohnheit zu. Noch ein Topf mit Fett – Fett des Medizinmanns -, übelriechend, dick. Außerdem packte sie so viel rohen Fisch aus, daß sie für eine weitere Woche genug zu essen hatten. Für den Geschmack eines Apfels, eines Erdbeermilchshakes oder einer heißen gebackenen Kartoffel hätte er jetzt seine Seele verkauft.

Er hatte die Dose mit Bohnen gegessen und für seine Gier teuer bezahlt. Er hatte ihr etwas davon angeboten, aber allein schon das Aussehen und der Geruch hatten sie zurückschrecken lassen. Der Anblick von rohem Fisch drehte ihm immer den Magen um. »Himmel«, stöhnte er.

Sie äffte dieses »Himmel« nach und lächelte. Sie setzte sich neben ihn und sah ihm in die Augen. Er wußte, daß sie seine Augen mochte. Er wußte, daß sie sein Haar mochte. Sie berührte es immer wieder, als wollte sie sich vergewissern, daß es echt war. Dann brach sie immer in hysterisches Lachen aus.

Sie sah wieder auf das, was quer auf seinen Beinen lag, und fragte, was es sei.

Eskimos kannten keine Schrift.

John wußte aber, wann ihm eine Frage gestellt wurde, selbst wenn er die Sprache noch nicht verstand.

»Erinnerungen«, war alles, was er sagte. Er legte seinen gesunden Arm um sie und zog sie eine Weile eng zu sich heran.

Es gefiel ihr, wenn er das tat.

Seiner Eskimofrau gefiel aber alles, was er tat.

31

2

Kioki redet viel. Es kommt mir vor, als versuchte sie mir Eskimo beizubringen. Sie glaubt wohl, daß noch Hoffnung besteht, weil ich es schließlich geschafft habe, mit einiger Mühe ihren Namen nachzusprechen.

Sie hält einen Gegenstand hoch, gibt mir vier Worte, ihn zu beschreiben, und wenn ich den fremdartigen Lärm zu imitieren versuche, der bei ihnen als Sprache gilt, lacht sie wie hysterisch los. Mir ist nicht klar, was daran so komisch ist, nehme aber an, daß man nur zu glücklich ist, eine Chance zum Lachen zu ergreifen, jede Chance, wenn man in diesem tiefgekühlten Höllenloch leben muß. Ich lache nicht über sie, wenn sie John nicht richtig aussprechen kann.

An dem Tag, an dem ich beschloß, die nähere Umgebung dieses engen Schneehauses zu erkunden (ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll), humpelte ich hinaus und benutzte einen Walknochen als Krückstock. Ich nahm ihn aus der Wand, und das Haus fiel nicht in sich zusammen, obwohl ich es erwartete.

Kioki wollte nicht, daß ich gehe. Ich weiß auch nicht genau, warum ich es tat, denn die Außentemperatur ließ meinen Atem in der Luft gefrieren, und der heulende Wind wehte ihn mir gleich wieder ins Gesicht. Ich wußte erst dann, daß ich einen Schnitt in der Wange hatte, als die Taubheit verschwand.

Erst jetzt weiß ich, was dieser alte Goldsucher aus Anchorage meinte, als er in jener Nacht zu mir sagte: »Sonny, wenn du keinerlei Schmerz spürst, bist du in Schwierigkeiten.« Damals hielt ich ihn für betrunken.

Sogar meine Augäpfel gefroren fast. Ich habe noch nie eine so spiegelglatte Eisfläche gesehen. So weit ich blicken konnte, war das Meer flach und grau. Durch den Wind konnte ich das Grollen, Knacken und Reißen hören, als sich das Eis teilte. Da waren Männer draußen auf dem Eis, etwa acht, die alle um ein Loch kauerten, als warteten sie. Wie schafften sie das? Ich befand mich erst seit wenigen Minuten im Freien und war schon jetzt am ganzen Körper taub.

Ich konnte nicht sagen, wo Norden, Süden, Osten oder Westen war, aber rechts von mir jagte eine schwarzgraue Wolkendecke den dicksten Nebel vor sich her, den ich je gesehen hatte. Er rollte schneller heran als 32jeder Sommersturm vor den Florida Keys, aber von den Jägern da draußen nahm kaum jemand Notiz davon – ich nehme an, sie leben schon länger mit diesem Wetter als ich.

Also machte ich mich auf den Rückweg, wurde von einem Windstoß von hundertdreißig Stundenkilometern erfaßt, verlor den Halt unter den Füßen und trat in mehr als einen Meter dicken Schnee. Ich hörte das Knacken von Knochen, lange bevor ich den Schmerz spürte. Aber ich weiß, daß der Schrei Tote hätte aufwecken können. Was folgte, ist wieder verschwommen. Kioki rief: »Asuluk! Asuluk!« und ich glaube, daß zwei Leute mich wieder hineintrugen, obwohl ich nicht sicher bin.

Der Medizinmann, Asuluk, kam angerannt, zog mich von der Taille an abwärts aus und sang leise vor sich hin. Kioki hielt mir den Kopf, und kalte Hände rückten plötzlich die Knochen wieder zurecht.

Ich weiß noch, daß ich mich aufrichtete und dem, was ich für den Dorfquacksalber hielt, einen rechten Haken verpaßte, und zwar eine halbe Sekunde, bevor ich mich auf ihn übergab. Kioki schrie, und ich auch. Sie zwang mir etwas in den Schlund. Es war bitter, scharf und heiß. Die Welt drehte sich dreimal schneller, als wenn man in achthundert Fuß Höhe ins Trudeln gerät. Ich kann mich nicht erinnern, in Ohnmacht gefallen zu sein.

Doch als ich aufwachte, war ich in dicke warme Felle gehüllt, und Kioki schlief neben mir. Mein Bein fühlte sich schwer an und wie tot, mit Ausnahme eines Juckreizes, den ich durch Kratzen nicht loswurde, und ich konnte es nicht bewegen. Ich sah es mir an. Sie hatten mich mit meinem Krückstock geschient.

Mein einziger Gedanke war, noch sechs Wochen, bevor ich gehen kann. Noch sechs Wochen, bevor ich mir eine Möglichkeit ausdenken kann, hier rauszukommen.

Ich spürte Kiokis warmen Körper ganz dicht bei mir. Ich spürte ihren Atem und wartete auf den Schmerz, an den ich mich gewöhnt hatte. Doch ich spürte fast nur ihren Duft. Ich weiß noch, daß ich dachte, Gott, o Gott, warum kann sie nicht Sally sein? Aber Gott hat mir nie geantwortet, wenn ich eine Antwort am meisten nötig hatte. Kioki wälzte sich herum und kuschelte sich dichter an mich. Sie schlug die Augen auf und lächelte mich an, und ich wußte auch, was in ihren Augen zu sehen war. Also lächelte ich zurück und drückte sie für einen Moment enger an mich. Dann schloß ich die Augen, und es war nicht Kioki, die ich an mich preßte. Es war Sally – Sally, die keinen anderen Namen hatte, weil ich mir nie die Mühe gemacht hatte zu fragen.

Es ist nicht das erste Mal, daß ich Tagträume von ihr habe, und ich 33weiß auch, daß es nicht der letzte sein wird. Es kann zwar sein, daß die Erinnerung auf alten Spuren wandert, aber Tagträume machen immer ein paar Umwege.

Eins weiß ich jetzt jedenfalls genau: daß bei dem Absturz nicht meine gesamte Hydraulik draufging.

Aber jemanden zu wollen, mit dem man erst ein paar Stunden verbracht hat, hilft nicht sehr. Weil sie nicht da ist. Ich weiß, daß ich sie nie wiedersehen werde.

Verdammt. Wenn ich nur Prince Rupert erreicht hätte, dann Vancouver und schließlich Seattle, hätte ich diesmal so lange bei Sally bleiben können, wie ich wollte. Ich hätte vielleicht sogar ihren Namen erfahren.

Ich erinnere mich gut an den Sturm – wieder so ein Sturm, der mich vom Kurs abtrieb und meine Ankunft in Seattle um einen Tag verzögerte. Sicht gleich Null, Nebel so dicht, daß ich kaum die Spitzen der Tragflächen sehen konnte. Mehr durch Glück als durch meine Flugkünste entdeckte ich ein kahles Stück Berghang; in Wahrheit verpaßte ich ihn nur um knapp fünf Meter, als sich plötzlich eine Lücke im Nebel auftat.

Durch den Wald führte ein Weg, der zum Landen zu schmal war. Meine Beine waren vor Kälte verkrampft, und so begann ich zu beten. Das habe ich immer getan, wenn ich keine andere Wahl hatte. Dann sah ich es, zwei Morgen, auf denen kaum ein Baumstumpf zu sehen war, eine Stelle, die Gott nur eigens für mich erschaffen haben konnte.

Ich landete, vergaß Gott und überlegte, was ich als nächstes tun sollte.

Ich ging etwa eine Meile auf einem schmalen, schlammigen Weg und weiß noch, daß ich in dem Moment dachte, jetzt solltest du umkehren. Ich weiß noch, daß ich sagte, Schluß jetzt, nicht mehr weiter. Ich würde Miami anrufen und Sam sagen, daß ich nach Hause kam. Ich übte jedes verdammte Wort ein.

Dann sah ich den Handelsposten. Rauch stieg aus einem Schornstein auf. Rauch, Feuer, Wärme. Zehn Jahre Fliegen hatten mich gelehrt, daß Leute, die weit weg von anderen leben, für jede Gesellschaft dankbar sind.

Mir war nur nicht klar, wie dankbar einige sein konnten.

Zum Laden führten vier Treppenstufen. Ein alter Indianerhäuptling aus Holz, der seit Anbeginn der Zeiten dort gestanden hatte, bewachte die Tür. Die rote Farbe auf seinem Gesicht war so gesprungen wie meine Lippen. Der besiegte Ausdruck in seinen Augen folgte jeder meiner Bewegungen. Ich war hungrig, naß, durchgekühlt, und diese vier Treppenstufen kamen mir vor wie der Mount Everest.

34

Der Laden hatte eine Glocke, die herunterfiel, als der Nordostwind mich ins Haus schob. Ich hätte mehr als ein verblichenes Schild mit der Aufschrift BITTE TÜR SCHLIESSEN dort hingehängt. Ich stemmte mich gegen die Tür und schob sie langsam zu, hob dann die Glocke auf und versuchte zu sehen, wo sie hinpaßte.

Das war nicht ungewöhnlich; ich hatte anderen Leuten schon immer irgendwelche Dinge kaputtgemacht.

»Ganz schön windig da draußen«, sagte eine weiche, mädchenhafte Stimme. Ich hatte das Mädchen weder gesehen noch gehört.

Sie hatte grüne Augen und Haar, das so rot war wie das von Meg. Sie war nur etwa 1,55 Meter groß; sie nahm mir die Glocke aus der Hand, bestieg eine Leiter und hängte sie wieder hin. Das hätte sie gar nicht tun müssen, ich wäre auch so herangekommen. Aber ich habe nie Mühe gehabt, Dinge zu erreichen, an die andere nicht herankamen. Ich war 1,92 Meter groß – ich hatte von meinem Vater alles bis auf einen einzigen fehlenden Zentimeter geerbt. Vor dem Abflug aus Florida hatte ich meiner Mutter versprechen müssen, wiederzukommen. Sie sagte, wenn sie mich ansähe, sehe sie meinen Daddy.

Da fragte ich mich wieder, ob er sie hatte sitzen lassen und nicht gestorben war.

Nun, Mom, sagte ich mir, ich komme jetzt zurück. Du hast am Ende doch deinen Willen durchgesetzt.

»Sind Sie nach Seattle oder Vancouver unterwegs?« fragte das rothaarige Mädchen.

»Nein. Zum Pol«, sagte ich. Ich hatte es satt, wenn Leute mich fragten, wohin ich wollte und weshalb, obwohl es ihnen ohnehin egal war. Als wäre dieser Flug quer durchs Land nur für mich wichtig. Der Glanz dieser persönlichen Trophäe, für die die Zeitung in Miami zahlte, verblaßte allmählich.

»Zum Pol?« fragte sie.

War es eine Stadt, von der sie noch nichts gehört hatte? Ein neues Holzfällerlager? »Ich mußte wegen des Sturms landen.«

»Waren Sie das, der vor einiger Zeit hier herumbrummte?«

»Ich nehme es an.« Es hatte zwei Stunden gedauert, bei beißendem Gegenwind bis hierher zu marschieren. Der peitschende Eisregen hätte genügt, einen Puma zu lähmen, und jetzt schneite es. Es war Frühling, und es schneite. Ich nehme an, es ist durchaus gerechtfertigt zu sagen, daß ich restlos die Schnauze voll hatte. Doch dann sah ich ihr in die Augen, und mein Zorn schmolz dahin. Ich lächelte. Ich konnte es immer noch. Es kam mir vor wie ein Wunder.

35

Meine Mutter sagte immer, ich hätte so eine besondere Art, ein Mädchen anzusehen und zu lächeln und sie erröten zu lassen. Dieses Mädchen hier war keine Ausnahme, doch im Augenblick war ich zu durchgekühlt und angeödet, um es zu bemerken.

»Wie ist es denn?« wollte sie wissen.

»Was?« fragte ich zurück. Die Zähne klapperten mir wie verrückt.

»Da oben am Himmel.«

»Das Richtige für Leute, die mit Federn auf die Welt kommen wollten, nehme ich an.« Das war meine Standardantwort auf die Standardfrage.

»Wo ist der Pol?« fragte sie.

»Es ist die Spitze der Welt, die Arktis.« Ich hatte gerade sagen wollen, daß ich nur einen Spaß gemacht hätte, daß ich von Florida über Land nach San Francisco, Seattle, Anchorage fliegen wollte und von dort quer übers Land nach Maine, zurück nach Florida und allzu vielen Orten dazwischen, doch sie war mir zuvorgekommen.

»Da oben gibt es nichts als Eis.«

Nichts als Eis. Dem kam ich jeden Tag näher. Ich war durchnäßt, ich war durchgefroren. Alles, was ich wollte, war etwas Heißes zu trinken und ein Telefon, bevor Kälte und Erfrierungen mich umbrachten, bevor meine nassen Kleider zu Eis erstarrten. Ich konnte mir bessere Orte zum Sterben vorstellen, und Clearwater Beach, Miami, stand ganz oben auf meiner Liste.

»Wollen Sie etwas kaufen, Mister?«

Ich konnte nirgends ein Telefon sehen, nur Regale an den Wänden des dunklen Ladens – Regale mit ein paar Konservendosen, Flaschen, Blechdosen mit Tabak – und diesen alten Indianer, der mich immer noch anstarrte, obwohl ich ihn nicht sehen konnte. »Was haben Sie mir denn anzubieten?«

Sie errötete wieder. Ich wußte nicht, weshalb sie kicherte. Bobby Sullivan sagte immer, das sei ein gutes Zeichen. Es hätte vielleicht bei ihm funktioniert, aber ich war zu ausgekühlt, um mir etwas daraus zu machen. Ich fühlte mich kalt, durcheinander, angeödet.

»Haben Sie irgendwas Heißes?«

»Aber sicher. Sie sollten sich lieber abtrocknen, bevor Sie sterben. Der Erdboden ist immer noch viel zu schlammig. Wir könnten Sie gar nicht begraben. Es ist ein langer Winter gewesen.« Sie sagte es mit einem Lächeln und führte mich am hinteren Ende des Ladens in einen kleinen Raum mit Blockhauswänden. Ein Tisch, zwei Stühle, Regale an der Wand und zwei Pritschen. Als erstes fiel mir das brüllende Kaminfeuer auf. Es zog mich an wie das Licht eine Motte.

36

Sie machte mir einen Kaffee – heiß, stark und süß -, und ich setzte mich in einer winzigen Küche neben das Feuer und sah zu, wie sie mit dem weitermachte, was sie vorhin begonnen hatte, als ich, der hochgewachsene Fremde, aus dem Blizzard hereinkam. Sie war dabei, ein Abendessen zu kochen, und es roch wie eine Art Eintopf. Es roch phantastisch.

»Papa ist in Seattle«, sagte sie. »Ich bin allein hier.«

Wenn sie es in einem anderen Tonfall gesagt hätte, hätte es mich besorgt gemacht.

»Ziehen Sie die Kleider aus. Vielleicht passen Ihnen ein paar von diesen Sachen.« Sie nahm ein Hemd, das fünf Nummern zu groß aussah, und einen Lumberjack, die an Haken hinter der Tür hingen, und wühlte in einem Kasten unter einem der Betten, bis sie ein paar Hosen hervorzog. Dann widmete sie sich wieder ihrem Essen und ignorierte mich, während ich die nassen Sachen auszog und sie auf den Stuhl neben dem Feuer legte. Meine Füße waren blau. Mit einem Fußtritt schickte sie ein paar Mokassins zu mir hinüber.

Ich zog mich an, streifte die Slipper über und setzte mich auf eine Holzkiste in der Nähe des Feuers. Sie erinnerte mich an eine jüngere Meg, aber Meg war nie so schön gewesen – jedenfalls war dies mein Eindruck. Dieses Mädchen war genauso unkompliziert. Würde kaum mit der Wimper zucken, wenn das Dach einstürzte. Hatte mich, einen Fremden, der vor einem Sturm Schutz suchte, bei sich aufgenommen. Teufel, ich hätte sonstwer sein können. Sonstwer.

Sie trug ein verblichenes rotes Kleid mit einem eingerissenen schwarzen Spitzenkragen und einem Cardigan; ihre Beine waren von den Knien bis zu den Knöcheln nackt. An den Füßen trug sie Mokassins.

»Wo ist Ihr Flugzeug?« fragte sie, genau wie Meg. Kam gleich zur Sache.

»Eine Meile weiter südlich.«

»Eine Meile weiter südlich … das müßte Johnsons Farm sein?«

Johnsons Farm. Ich hatte in der Nähe dieses gerodeten Stücks Land eine verlassene Hütte gesehen und war zu dem Schluß gekommen, daß ich trockener bleiben würde, wenn ich unter der Jenny schlief. »Mag sein.«

»Was werden Sie heute abend tun?«

»Ich muß mir was ausdenken.«

»Das Holzfällerlager ist geschlossen.«

»Ja, ich bin direkt daran vorbeigegangen.«

»Heutzutage kommt kaum noch jemand hier vorbei. Aus diesem Grund ist Papa in Seattle. Freitags kommt er jedoch immer nach Hause.«

Ich nahm an, daß es Mittwoch war. Aber wenn man allein in einem 37solchen Haus lebt, verliert man vielleicht leicht die Übersicht über die Wochentage.

Sie hob den Topf auf und stellte ihn auf den alten eisernen Herd. In dem Stapel unter dem Feuer waren nicht mehr viele Scheite übrig. Sie bückte sich, nahm ein Stück Holz und warf es ins Feuer. Sie hatte hübsche Beine.

»Der Sturm könnte zwei oder drei Tage anhalten. Es gibt ein paar Dinge, bei denen Sie mir helfen könnten, wenn ich Ihnen Kost und Logis biete.«

Sie hatte den gleichen Ausdruck in den Augen wie meine Mutter, wenn sie Billy Taylor zu Gesicht bekam, wann immer er zum Essen kam und etwas für sie reparierte. Allerdings reparierte er nie das Herz, das es nötig gehabt hätte. Und so sagte ich: Hört sich gut an. Mein Name ist John Robert Shaw.«

»Ich bin Sally. Mögen Sie Eintopf, John Robert Shaw?«

Eintopf? Teufel, ja. Ich hatte seit vier Tagen nur kalte Bohnen gegessen. Aber der Eintopf war noch nicht fertig, und so gingen wir hinter dem Haus durch den Schnee zum Holzschuppen.

Ich fragte mich, ob ich an diesem Tag der einzige Kunde gewesen war, als sie sagte: »Es war früher ein Handelsposten«, als sie sich mit mir zum Schutz vor dem Schnee unterstellt und mir beim Holzhacken zusah.

Inzwischen war es spät geworden; der Wind heulte nicht mehr so sehr, aber die Hagelkörner, die aufs Dach prasselten, hörten sich an, als würden Basebälle vom Himmel fallen. Sie hielt die Lampe, während ich hackte. Ich weiß noch, daß ich dachte, du kannst dich glücklich schätzen, dieses Haus gefunden zu haben. Ich fragte mich sogar, wie groß die Chancen gewesen waren.

»Papa hat den Posten übernommen, als sein Vater starb. Jetzt leben nur wir beide hier.« Sie kauerte sich frierend in einer Ecke zusammen und versuchte, höflich Konversation zu machen.

Ich sagte ihr, sie solle ins Haus gehen. Es sei unsinnig, wenn wir beide an Kälte stürben, aber sie wollte nicht gehen, nicht, bis ich fertig war. Als ich genug Holz für sie gehackt hatte, schwitzte ich, und auch das war ein gutes Gefühl.

Wir rannten schnell die fünfzig Meter zum Haus zurück. Es schneite immer noch. »Sie sind nicht von hier, oder?« fragte sie, als mein Mantel und die Stiefel am Feuer trockneten.

»Nein, ich bin aus Florida. Ursprünglich aus South Carolina.«

»Ist das weit weg?«

Ich vermutete, daß sie nie eine Schule besucht hatte, aber genug Wörter 38und Zahlen kannte, um damit durchzukommen. Also nahm ich nach dem Essen eine meiner Karten aus der Tasche, breitete sie auf dem Fußboden aus und zeigte ihr, wo Seattle lag, dann South Carolina und Florida. Ich zeigte auf all die Orte, in denen ich bisher gewesen war, als sie neben mir auf dem Fußboden kauerte. Die Karte sagte ihr nichts. Ich konnte spüren, wie sie mich beobachtete, als sie glaubte, ich sähe nicht hin, und ich mußte etwas tun, etwas sagen. Also erzählte ich ihr, wie viele Wochen es gedauert hatte, bis hierher zu kommen, versuchte zu erklären, wie weit das Flugzeug fliegen konnte, bevor ich nachtanken mußte.

»Aber warum?«

Ich faltete die Karte zusammen. »Warum was?« fragte ich, sah sie an und entdeckte wieder, wie hübsch sie war.

»Warum fliegen Sie so im Land herum? So ganz allein?«

Ich nehme an, das war eine gute Frage, denn immerhin begann ich inzwischen selbst, die Logik des Fluges in Frage zu stellen. Warum tat ich dies? Wollte ich wirklich so eine Art schnell vergessener Held werden? Lohnte es sich, nur um mein Bild in die Zeitungen von Miami zu bekommen? Dieses Mädchen wußte nicht einmal, wo Miami liegt. Teufel, ich hätte gestern in Seattle sein sollen. Jetzt würden keine Zeitungsleute auf dem Flugplatz auf mich warten. »Ich habe das mit einem Freund geplant, seit wir Kinder waren. Von Florida nach Florida. Aber er ist am Silvesterabend '24 gestorben. Deshalb fliege ich allein.«

»Tut mir leid. Tut mir wirklich leid. Ich weiß, wie es ist, wenn jemand stirbt.«

Ich sah sie an, als sie zur Seite trat. Und da wußte ich, daß ihr Vater nicht in Seattle war und freitags auch nicht nach Hause kam.

»Wie hieß Ihr Freund?«

»Bobby.«

»Tut weh, nicht wahr? Tut sehr weh. Sie haben ihn sterben sehen, nicht wahr?«

Mehr als das, dachte ich. Mein Gesicht war das letzte, das er gesehen hat.

»Tut Ihnen sehr weh.«

Ich erwartete, daß ihr Vater jetzt jeden Moment durchgefroren und wütend aus Seattle zurückkommen konnte, obwohl ich wußte, daß er nicht kommen würde. Ich erwartete, in den Regen hinausgeworfen zu werden, obwohl ich wußte, daß es nicht passieren würde.

Sie zerzauste mir das Haar und hielt die Finger zu lange darin. »Ich wünschte, meins hätte diese Farbe.«

39

Ich betrachtete ihr Haar und versuchte zu lächeln. »Mit Ihrem Haar ist alles in Ordnung, Sally.« Das sagte ich rothaarigen Mädchen immer. Aber diesmal wollte ich es berühren und spüren, wie weich es war.

Statt dessen gab sie mir noch einen Kaffee und kletterte dann auf eine Kiste und nahm ein Fotoalbum vom Regal über dem Feuer. Sie legte es auf den Tisch. Jetzt war sie an der Reihe, etwas zu zeigen und zu erzählen. Schwarze Seiten mit Erinnerungen wurden umgeblättert, Erinnerungen anderer, da sie keinen der Leute in der Kleidung des vorigen Jahrhunderts wiedererkannte. Ich sah es ihr an, denn ich betrachtete sie mehr als die Fotos. Dann zeigte sie auf ein Hochzeitsfoto, und ich mußte hinsehen.

Es war aufgenommen worden, bevor man das Lächeln erfunden hatte. Ein bärtiger, dunkelhaariger Mann in einem dreiteiligen Anzug und seine blonde Braut, eine hübsche Dame mit verängstigten Augen, die mir vorkam, als würde sie bei einer steifen Brise wegwehen.

»Das ist meine Mutter«, sagte sie. »Papa sagt, ich sähe genauso aus wie sie.«

Ich tat also, was von mir erwartet wurde. Ich sah erst ihr Gesicht an, dann das Foto. »Nein. Sie sehen besser aus als Ihre Mutter.«

Ein solches Lächeln hate ich noch nie gesehen. »Papa sagt, sie sei verrückt gewesen, aber ich glaube, dieses Haus hat sie verrückt gemacht. Sie kam aus Washington, müssen Sie wissen. Washington, D.C.«

Blödsinn, dachte ich, aber vielleicht ist die Phantasie alles, was sie noch hat.

»Pa hat mir alles von ihr erzählt. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, nur an den Tag, an dem ich sie im Holzschuppen fand. Sie hatte sich erhängt. War ganz angeschwollen. Ich glaube, ich war fünf. Daher weiß ich, wie es ist, verstehen Sie, wenn jemand stirbt, den man geliebt hat. Papa sagte, sie sei verrückt gewesen, aber ich glaube, daß sie einsam war.«

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Um ein Haar hätte ich ihr von Bobby erzählt, aber ich wußte, daß ich nie aufhören und keinen Schlaf bekommen würde, wenn ich einmal anfing. Wenn ich mich erinnerte. Ich hatte Schlaf nötig.

Aber Sally hatte Gesellschaft noch nötiger.

»Wenn Sie sich waschen wollen, da ist heißes Wasser. Papa wäscht sich dort«, sagte sie und zeigte auf das andere Ende der Küche. »Und ich wasche mich hier.«

»Oh. In Ordnung. Ich kann solange rausgehen, wenn Sie …«

»Wozu? Draußen ist es zu kalt. Himmel, Sie haben nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.«

Sie füllte zwei Schüsseln mit heißem Wasser und ging dann zu einem 40Ende des Zimmers, ich zum anderen. Ich zog mir das Hemd aus, hängte es an einen Haken und legte die schnellste Wäsche der Geschichte hin. »Sie können in Papas Bett schlafen.«

Ich möchte gern wissen, woher sie wußte, was ich dachte.

Sie kam zu mir herüber, löste beim Gehen die Zöpfe und zog die Decken auf der Pritsche zurück. »Die Bettwäsche ist sauber.«

»Danke, Sally.«

Ihr Haar fiel ihr wie eine Wolke über nackte weiße Arme. Ich holte tief Luft; sogar mein Atem zitterte. Sie ging wieder in ihre Ecke zurück. Ich berührte die Laken. Sauber. Ich hatte seit Wyoming keine saubere Bettwäsche mehr berührt. Ich sah wieder in ihre Ecke. Sie hatte dieses verblichene Kleid heruntergestreift und trat jetzt aus ihm heraus.

Folglich betrachtete ich die Wand, während ich mich auszog und dann schnell auf die Pritsche stürzte. Im Bett lag eine Flasche mit heißem Wasser.

Sie wußte, daß ich bleiben würde – entweder das, oder sie hoffte, es wäre Freitag.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sie nach einem Nachthemd an einem Haken griff. Sie sah aus, als wäre ihre Haut noch nie von einem Sonnenstrahl berührt worden. Ich sah wieder hin. Nur so ein schneller Blick aus dem Augenwinkel – die schlimmste Art, einen Blick zu riskieren. Man sieht Dinge, die in Wahrheit gar nicht da sind, oder Dinge, von denen man zu Gott betet, sie möchten da sein. Also starrte ich an die Decke, die Deckenbalken, und fragte mich, ob diese blonde Dame mit den verängstigten Augen sich in diesem Zimmer erhängt hatte und nicht im Holzschuppen.

»Wie kommt es, daß Sie nie viel reden?« fragte sie. Ich drehte mich zu ihr um, da ich davon ausging, daß es jetzt sicher war, sie anzusehen, da sie mit mir sprach. Sie saß auf der zweiten Pritsche auf der anderen Seite des Zimmers. Ihr Kopf war unten zwischen den Knien, und sie bürstete sich ihr langes rotes Haar. Ich hätte das liebend gern für sie getan, doch statt dessen faltete ich die Hände unter dem Kopf. Es wäre ein Wunder, wenn ich überhaupt zum Schlafen kam.

»Vielleicht spreche ich nur, wenn ich muß. So bekommen die Leute keine falsche Vorstellung.«

»Papa sagt nie viel, höchstens ›Was kochst du, Mädchen? Wie lange wird es dauern? Hast du die Socken schon gewaschen, Mädchen?‹« Ich lächelte. Sie war eine gute Imitatorin. »Und wenn man zu reden versucht, wird einem gesagt ›Das braucht kein Mädchen zu wissen. Koch du nur, mach die Wäsche. Das ist alles, was du können mußt.‹«

41

Ich fragte mich, was sie seiner Ansicht nach noch wissen und können mußte. Mir gingen allerlei Dinge im Kopf herum. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte; ich wußte, daß diese Gedanken ungehörig waren, aber ich hatte dieses Foto gesehen. Ich hatte gewußt, daß er ein gemeiner alter Scheißkerl war und sie vermutlich das einzige weibliche Wesen im Umkreis von Meilen.

»Wissen Sie, was ich gemacht habe?« fragte sie leise.

»Nein, keine Ahnung«, erwiderte ich. Ich fragte mich, ob sie ein Gewehr genommen und ihrem Vater eines Abends den Kopf weggepustet hatte. Himmel, ich hatte Schlaf wirklich nötig. Die Phantasie ging wieder mit mir durch. »Was haben Sie gemacht?«

»Ich habe mir das Lesen beigebracht. Hab Ärger bekommen, weil ich las und nicht arbeitete. Daher weiß ich, daß es da oben am Pol nichts als Eis gibt. Was sagen Sie dazu?«

Ich lächelte. Und ich fragte mich, was ein anderer in meiner Lage getan hätte. Billy Taylor sagte immer, Frauen hörten Wörter, die man nicht sagte, und sähen Dinge, die man selbst nie sah. Er glaubte, sie würden alles tun, wenn sie das Gefühl hätten, geliebt zu werden, oder wenn sie geliebt zu werden wünschten. Daß es einen Unterschied zwischen Motiv und Absicht gebe. Das Motiv der Frauen sei es, geliebt zu werden, und der Mann habe die Absicht zu lieben. Manchmal träfen sie sich in der Mitte.

Ich hatte das Gefühl, daß wir uns schon sehr bald treffen würden, und der Gedanke erschreckte mich mehr als mein erster Flug.

»Und ich habe gelesen, daß das Haar wächst, wenn man es jeden Abend hundert Mal bürstet. Macht es glänzend.«

Sie warf diese Mähne in den Nacken, und ich mußte etwas tun oder sagen. Ich hustete, dann gähnte ich und tat, als streckte ich mich.

»Möchten Sie einen Whiskey?« fragte sie. »Hört sich an, als hätten Sie sich eine Erkältung geholt, John Robert.«

Sie wischte die Kaffeetasse aus und griff nach einer staubbedeckten Whiskeyflasche. Ich hoffte, es wäre selbstgebrannter, und dann wieder nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich mit Bobby eineinhalb Tage lang in irgendeiner gottverlassenen Gegend in Kentucky festgesessen, und die Leute, bei denen wir übernachteten, fuhren einmal im Jahr in die Stadt, um eine neue Rolle Kupferdraht zu kaufen. Bobby und ich hätten bei dieser Fahrt sterben können. Sterben. Oder wenn wir von der Polizei erwischt worden wären …

Der Whiskey, den sie mir reichte, roch wie selbstgebrannter. »Papa sagt, er ist so gut, daß er mehr kribbeln läßt als nur die Zehen.«

42

Ich brauchte etwas, was mehr kribbeln ließ als die Zehen. Vielleicht wußte sie nicht, was sie tat, als sie so in einem durchsichtigen Nachthemd herumspazierte. Ich wußte nicht, wohin ich blicken sollte. Ihre Augen waren auch kein sicheres Territorium. Bobby hätte für eine solche Chance sein Flugzeug hergegeben, und ich rutschte unruhig hin und her.

»Hat Papa beim Einschlafen geholfen«, sagte sie, nachdem sie mir den Whiskey gegeben hatte.

Ich richtete mich im Bett auf und probierte ihn. Mir traten Tränen in die Augen, und das Getränk brannte einen Pfad bis in die Zehenspitzen. Ich war wieder in dieser gottverlassenen Gegend von Kentucky mit Bobby und dieser ungeheuren Familie von Hillbillies, und es wurde geschossen, und … Das alles verschwand, als sie sagte: »Sie sind nett, John Robert.«

Wie oft hatte ich diese Worte gehört? Ich nehme an, daß man sich auf schlimmere Weise an mich erinnern kann. »Sie auch, Sally.«

»Wirklich?«

»Jaha.«

»Haben Sie es gemeint, als Sie sagten, ich sei hübscher als meine Mutter?«

»Warum sollte ich Sie anlügen?« fragte ich.

»Einer Fremden kann man eine Menge erzählen. Eine Fremde weiß nicht genug über Sie, um es zu beurteilen.«

»Ich beurteile Menschen nie, und hübsch kann eine Frau auf viele Arten sein.«

»Nett ist auch so ein Wort. Nett kann angenehm sein. Nett kann langweilig sein. Nett kann auch eine Lüge sein.«

Sie setzte sich auf mein Bett und inspizierte ihre Füße. Rieb die Finger zwischen den Zehen und sah mich an. Ich wünschte, sie würde das nicht tun, so eng und so auf diese Weise bei mir sitzen. Ihre Beine waren schmal und wohlgeformt und glatt auch. »Ich erzähle den Leuten immer, daß Papa bald nach Hause kommt.«

»Aber das wird er nicht.«

»Nein. Er ist letzten Winter gestorben.«

Ich sagte nichts. Wenn ich weiß, daß ich recht habe, versuche ich, es für mich zu behalten.

»Möchten Sie wissen, wie er gestorben ist?«

»Nur wenn Sie es mir erzählen wollen.«

»Wir aßen gerade, und da fängt er an zu würgen. Aber er hatte sich nicht am Essen verschluckt. Er griff sich an den Arm und die Brust, etwa 43so.« Als nächstes kam eine Imitation eines Menschen, der einen Herzanfall hat. »Und er konnte nicht atmen, und die Augen quollen ihm aus dem Kopf. Er wurde irgendwie blau und fiel einfach rückwärts auf den Fußboden. Machte ein paar schreckliche seltsame Geräusche. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich starrte ihn nur an, als er so dalag. Tot. Ich fühlte nichts. Nichts. Wollen Sie wissen, was ich dachte?«

Himmel, mußte ich das unbedingt wissen?

»Ich dachte, der Erdboden ist zu schlammig. Kann ihn erst im Frühjahr begraben.«

Sie schwieg eine Zeitlang. »Wissen Sie, was er ein paar Minuten vor seinem Tod sagte? Er sagte, wir würden ein Telefon bekommen. Er wolle das erledigen, wenn er das nächste Mal nach Seattle fahre.«

Dann sagte sie eine Zeitlang nichts, und ich schwieg ebenfalls. Bis sie es erwähnte, hatte ich vergessen, daß ich zu Hause anrufen mußte.

»Das war's, wonach Sie gesucht haben, nicht wahr? Ein Telefon. Das wollen die meisten Menschen, wenn sie sich hier draußen verirren. Obwohl nicht gerade viele Leute vorbeikommen.«

Dann schwieg sie wieder.

»Ich wollte Sie nicht anlügen, John Robert. Manchmal muß ich es tun. Manchmal weiß man einfach nicht, wer als nächster durch diese Tür da kommt. Verstehen Sie?«

»Das kann ich verstehen.«

»Aber ich habe Sie angesehen, als Sie reinkamen, und da wußte ich, daß Sie kein Holzfäller sind. Die wollen alle immer das gleiche. Und als Sie sprachen, wußte ich wirklich, daß Sie in Ordnung sind.«

Vielleicht vertraute sie zu sehr auf erste Eindrücke. Für wen hielt sie mich? Glaubte sie, ich wäre von der Taille abwärts tot? Ich hatte solche Angst vor dem, was unfehlbar kommen mußte, daß ich schwitzte. Sie bemerkte es nicht.

»Es war alles gut, bis die Holzfäller verschwanden. Manchmal hoffe ich, sie kommen zurück. Sie sind in eine Gegend gegangen, die … mehr …«

»Zugänglicher ist.«

»Ja. Wie ich höre, flößen sie die Baumstämme jetzt stromabwärts. Spart Zeit und Geld. Das ist alles, woran die Leute heute denken – Geld und Zeit. Wenn man kein Geld hat, hat niemand Zeit. Und wenn es das ist, worauf es in der Welt letztlich ankommt, ist es wohl besser, wenn ich hier draußen allein lebe, denke ich. Nur ich und der Hund.«

Sie schwieg erneut. Ich wußte nicht, was von mir erwartet wurde, und so nippte ich noch einmal an dem Whiskey und fragte mich, ob ich ihr die 44Geschichte aus Kentucky erzählen sollte, denn ich spürte, wie sich eine große schwarze Wolke des Unheils über uns zusammenbraute.

»Aber der Hund kann nicht sprechen. Ich fühle mich manchmal schrecklich einsam und wünsche mir, mit jemandem zu sprechen.«

»Das tut jeder manchmal.«

Sie wandte mir das Gesicht zu und nagelte mich mit diesen grünen Augen an der Wand fest. »Manchmal ist nicht immer«, sagte sie, und auch ihre Stimme bebte.

O Gott. O Gott, gleich würde sie weinen. Mir wurde der Mund trocken. Es war eine Reflexhandlung, ihre Hand zu berühren, und sie drückte sie so, bis kein Leben mehr drin war. Was wollte sie? Was erwartete sie von mir? Ich wußte, was ich tun wollte. Ich wollte sie ein wenig an mich drücken, dieses Haar berühren, tun, was meine Mutter mit mir tat, als ich klein war und wegen etwas durcheinander war, was nur ein Kind aufregen kann. Sie würde mich halten und mir sagen, daß alles wieder gut werden würde. Aber in einer Lage wie jetzt hatte ich mich noch nie befunden, und bisher hatte ich einer verwirrten Frau höchstens die Hand gedrückt und war dann um mein Leben gerannt. Und mit Rosie …

Rosie. Rosanna, wie sie sich lieber nennen ließ. Ich nannte sie nur Rosie, um sie wütend zu machen. Ihr hatte ich höchstens einen Kuß auf die Wange gedrückt. Eine zufällige Berührung. Einmal hatte ich versucht, ihr Bein zu drücken, als wir auf der Verandaschaukel ihres Daddy saßen. Verdammt, hatte ich dafür büßen müssen.

»Weinen Sie nicht, Sally. Es wird etwas Gutes geschehen. Vielleicht müssen Sie einfach nur etwas länger warten.«

Ich hielt ihre Hand fest in meiner. Dann lehnte sie sich an mich, und bevor ich mich's versah, hielt ich sie im Arm.

Was tat ich? Ich hatte zu Hause ein Mädchen. Auch wenn sie immer zu allem nein sagte, es sei denn, es war ein Abschiedskuß. Sie wollte einen Ring am Finger haben, bevor sie mir auch nur das geringste erlaubte. Sie wollte mich nicht mal gucken lassen. Ich fragte sie eines Tages; da rannte sie heulend davon und nannte mich einen perversen Lumpen – was immer das sein mochte.

Ich hatte versprochen, sie bei meiner Rückkehr zu heiraten, und jetzt saß ich hier und hielt ein anderes Mädchen in den Armen. Und plötzlich wußte ich, daß ich dieses Versprechen nur gegeben hatte, damit sie aufhörte, an mir herumzunörgeln. Daß ich sie bei meiner Rückkehr immer wieder nur hinhalten würde. Rosanna löste bei mir nie so etwas aus wie Sally. Wenn Rosanna dicht bei mir saß, fühlte ich nicht sonderlich viel – ich fragte mich höchstens, was sie wollte.

45

»Du bist mir nicht böse, weil ich dich angelogen habe?« fragte Sally, als sie sich frei machte und die Augen am Ärmel abwischte.

»Nein.« Ich bot ihr meine Tasse an.

»Nein. Ich kann nicht. Das Zeug macht mich verrückt.«

»Das tut uns von Zeit zu Zeit ganz gut.«

Sie nippte daran und sah mich eine Zeitlang an. »Was ist das?« fragte sie und berührte das Medaillon, das ich am Hals trug.

»Der Heilige Christophorus.«

»Wozu ist es?«

»Bringt mir Glück.«

»Hat Bobby es dir geschenkt?« fragte sie, als wüßte sie es schon durch die bloße Berührung.

»Ja, er hat es mir geschenkt.«

»Ihm hat es kein Glück gebracht.«

Das war mir schon tausend Mal durch den Kopf gegangen. Ich sah Bobby vor mir, wie er sterbend auf meinem Schoß lag. Um uns herum Leute wie ein Bienenschwarm, die einen Blick risierten und einen Mann sterben sahen. Aber die habe ich nie gesehen, nie gehört. »Nimm es, mein Freund, nimm es«, sagte er. Also nahm ich es …

Solange ich es trug, würde Bobby bei mir sein. Ich konnte ihn fühlen, meinte zu sehen, wie er mich wieder anlachte. Wie er über meine Schüchternheit lachte. Er sagte immer, ich fühlte zu viel.

»Spricht er mit dir?« fragte sie.

»Er ist tot. Er kann nicht mit mir sprechen.«

Sie lächelte ein wenig, als wüßte sie es besser, gab mir die Tasse zurück und sagte: »Ich sollte nicht trinken. Dann sage ich immer dumme Sachen. Wenn ich trinke, möchte ich tanzen.«

»Was ist daran falsch, tanzen zu wollen? Nichts ist falsch, wenn man sich gut dabei fühlt.« Ich fragte mich, warum ich das gesagt hatte. Das war eine Replik, wie sie von Bobby kommen konnte, aber nicht von mir.

»Ich kann nicht sehr gut tanzen.«

»Zeig's mir. Ich werde dir sagen, ob du es kannst oder nicht. Ich habe mein halbes Leben damit zugebracht, meiner Schwester beim Tanzen zuzusehen, also sollte ich ein Experte sein.«

Ich grinste sie an, und sie grinste zurück. Sie goß sich einen Whiskey ein, und ich setzte mich mit dem Rücken an der Wand aufs Bett. Es war leicht, mit Sally zu sprechen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, sie schon ewig zu kennen und nicht nur ein paar Stunden.

»Wie alt ist deine Schwester?« fragte sie.

Zwei Jahre jünger als ich, also müßte sie … »Fast zweiundzwanzig.«

46

»Ich habe nie eine Schwester oder einen Bruder gehabt.«

»Ich hätte Meg jederzeit gegen einen Bruder eingetauscht.«

»Meg?«

»Kosename für Margaret.«

Sally trank den Whiskey in einem Zug aus. Soso, sie trank also nicht. Und sie konnte nicht sehr gut tanzen. Worüber würde sie mich sonst noch anlügen?

Sie fing an, sich zu bewegen. Falls Musik gespielt haben sollte, habe ich sie nicht gehört. Auch ich konnte so tun, als ob. Ich wußte, daß ich lieber nicht singen sollte; der Hund, der am Holzschuppen festgebunden war, hätte unweigerlich zu heulen begonnen. Also saß ich nur da, warm, ruhig, benommen. Sie war keine Fremde mehr. Ich mochte sie, auch wenn sie log. Und mit jedem Nippen an diesem Whiskey gefiel sie mir etwas mehr.

»Lachst du über mich, John Robert Shaw?«

»Nein, ich bin nur glücklich. Es ist das erste Mal, daß ich darüber glücklich bin, daß ich wegen eines Sturms landen mußte.«

»Landen?«

»Das Flugzeug landen.«

Sie begann mit ihrem imaginären Partner zu tanzen. »Wenn morgen ein schöner Tag ist, wirst du gehen.«

»Ich muß.«

»Zum Pol.«

»Man kann nie wissen. Wenn dieser Wind sich hält, fliege ich vielleicht über den Pol nach Maine.«

»Ich wünschte, du würdest nicht gehen.«

Und in diesem Augenblick, als ich Sally mit den Augen verschlang, als sie sich in dem winzigen Raum bewegte, als mein Bauch vom Whiskey warm war und ich saubere Laken unter mir hatte, als ein Sturm draußen und ein ganz anderer in mir tobte, hatte ich auch keine besonders große Lust zu gehen, bevor eine Art Ruhe wiederhergestellt war.

Es kam mir vor, als verlockte mich etwas dazu, die Füße noch etwas länger auf der Erde zu halten. Ich war immer aufsässig gewesen. Ich hatte schon immer alles besser gewußt als jeder andere. Billy Taylor sagte immer: »Du wirst noch lernen, mein Junge. Du wirst noch lernen, oder kaputtgehen.«

Ich trank den Whiskey aus und trennte sie von ihrem unsichtbaren Partner. Barfuß in langen Unterhosen. Ihr Scheitel reichte mir fast bis zur Brust. Ihre Hände waren halb so groß wie meine. Wenn ich sie zu fest hielt, dachte ich, sie würde vielleicht zerbrechen. Doch das tat sie 47nicht. Ich trat ihr zweimal auf die Zehen, dafür trat sie mir auf meine, und so tanzten wir. Ich führte; sie folgte. Sie hätte alles getan, worum ich sie bat oder was ich mir wünschte, aber sie war diejenige, die fragte, und wir beide wollten. Sie konnte sich für ein paar Stunden an etwas klammern, was wirklicher war als eine Erinnerung oder ein Traum. Vielleicht glaubte sie, der einzige Mensch zu sein, der noch auf der Erde lebte, bis ich gerade rechtzeitig ihre Türglocke kaputtmachte.

Sie war süß. Sie roch süß und auch rauchig. Ihre Haut war blasser als meine – ich hatte viel freie Zeit am Strand zugebracht und war ständig sonnengebräunt. Aber ihre Haut fühlte sich auch anders an – weich, so weich. Als ich sie küßte, schmeckte ich Whiskey. Sie sah zu mir hoch, sagte aber nichts. Ein Blick wie der brauchte keine Worte. Sie berührte mein Gesicht, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Du wirst gehen.«

Und ich berührte ihr Gesicht und sagte: »Ja. Ich werde gehen.«

Ich preßte sie nur an mich und dachte, wie anders sie war als Rosanna. »Bin ich so hübsch wie sie?« fragte sie nach einiger Zeit.

Hatte ich laut gedacht? So laut, daß sie es gehört hatte? »Du bist hübscher als sie.« Das war keine Lüge. Ich küßte sie wieder. Ihr Mund öffnete sich ein wenig. Ich hatte Angst, sie würde mich treten, mich beißen oder mir eine Ohrfeige geben, irgend etwas. Aber sie berührte mich. Kleine warme Hände glitten über meine Haut und machten mir eine Gänsehaut, die nichts mit der Kälte zu tun hatte oder dem Sturm, der draußen toste. Und dann legte ich ihr die Hand auf den Hals und dann auf die Schulter. Ich ließ den Handrücken über eine Brust gleiten. Ich sah ihr in die Augen. Sie lächelte nicht, irgendwie schüchtern. »Darf ich?« fragte ich. Meine Stimme versagte mir fast, so daß ich es zweimal sagen mußte.

»Hast du noch nie ein nacktes Mädchen gesehen?«

Himmel, was sollte ich darauf sagen? Ich hatte Bilder gesehen, natürlich. Billy Taylor hatte mich eines Tages dabei erwischt – ich war damals fünfzehn -, wie ich mir ein paar Magazine ansah, die er in New York gekauft hatte. Er schlich sich von hinten an mich heran, während ich starrte und träumte und mich fragte, warum ich im wirklichen Leben noch nie Damen mit solchen Brüsten gesehen hatte. Meg war dreizehn, und mir war aufgefallen, daß sie sich veränderte, aber was da auf dem Zementfußboden vor mir ausgebreitet lag, war unglaublich.

»John!« hatte er gebrüllt. Überflüssig zu sagen, daß ich mir fast in die Hosen machte. Vielleicht hatte ich es sogar getan. »Was zum Teufel hast du da?« Ich konnte nicht mal schnell genug denken, um sie zu verstecken. Er verstand. O Gott, nein. »Wo hast du die gefunden, mein Junge?«

»In dieser Zeitschrift, Sir.«

48

Nun, er versuchte sein Lächeln zu verbergen und sagte mir nur, ich solle sie zurücklegen, wenn ich damit durch sei. Und wenn ich etwas fragen wolle, ich wisse ja, wo er zu finden sei. Aber was konnte Billy Taylor schon wissen? Er flog doch nur Flugzeuge.

»John?« fragte Sally erneut. »Es macht mir nichts aus, wenn ich das erste Mädchen bin, das du je gesehen hast.« Sie zog sich das Nachthemd über den Kopf. Es fiel zu Boden. Sie stand einfach da und beobachtete mich. Dann nahm sie meine Hand. »Du kannst mich berühren.«

Das hätte ich auch, wenn ich nicht am ganzen Körper erstarrt wäre.

Sie nahm meine beiden Hände, legte sie sich auf die Brüste und ließ mich sie berühren. Eine Zeitlang dachte ich, ihr sei kalt. Dann ging mir auf, wie heiß das Feuer das Zimmer gemacht hatte. Von Schweißperlen auf ihrer Stirn liefen kleine Rinnsale herab. Es war meine Berührung, die sie erzittern ließ. Und in mir brüllte es.

»Ist das schön?« fragte sie. Bevor ich antworten oder auch nur wissen konnte, was ich sagen sollte, hob sie die Hände und berührte mein Gesicht. Sie hätte sich auf die Zehenspitzen stellen müssen, um heranzukommen, und so bückte ich mich. Als sie mich küßte, war ihr Mund weit offen. Als wäre sie hungrig, als tobte es in ihr genauso wie in mir. Sie zog mir das Unterhemd aus, und ich glaube, es landete auf einem der Deckenbalken. Ihre Hände waren heiß. Ich wußte nicht, wie lange ich es noch aushalten konnte, ohne zu explodieren. Es würde schlimmer sein als Benzin auf heißer Kohle.

»Komm, legen wir uns hin. Es ist leichter, wenn wir liegen.«

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich auf, Einwände zu erheben. Sie legte sich aufs Bett und zog mich zu sich herunter. Die alte Pritsche quietschte beängstigend. Ich hoffte inbrünstig, ich würde alles richtig machen.

»Sally, ich habe nicht … ich meine, ich habe noch nie …«

Sie berührte wieder mein Gesicht und drehte die Hand dann um. Und dann berührte sich mich – überall. Mir wurde der Mund trocken. Ich schloß die Augen. »Ich habe so etwas noch nie gemacht …«

»Das macht nichts. Du wirst alles richtig machen. Das werden wir beide. Wir haben es nicht eilig …«

Viel mehr hörte ich nicht. Kurz darauf hatte ich das Gefühl, als wäre ich eine Meile bei einem teuflischen Seitenwind gelaufen, und es war mir vollkommen egal. Schlaff, benommen, warm, glücklich, schläfrig. Sie lag neben mir. Meine Schulter war ihr Kissen. Sie hatte ein Bein über meins gelegt und sagte, sie lausche meinem Herzschlag. Teufel, das tat ich auch. Mir sagte er auch so allerlei.

49

Im Kopf konnte ich Bobby Sullivan den »Hallelujah Chorus« singen hören. Vielleicht bildete ich es mir nur ein.

Wir blieben die ganze Nacht im selben kleinen Bett. Ich wußte, daß ich nie wieder und bei keiner Frau wieder so empfinden würde wie jetzt, und lange Zeit hatte ich nicht den Wunsch aufzubrechen. Ich wollte, daß sie bis in alle Ewigkeit so an mich gekuschelt liegenblieb.

Bis in alle Ewigkeit ist aber eine verdammt lange Zeit.

Der Himmel war bedeckt, als ich im Morgengrauen aufwachte – bedeckt, aber es klarte allmählich auf, verdammt. Mein linker Arm war taub – ich hatte mich die ganze Nacht nicht bewegen wollen, um sie nicht zu wecken. Ich dachte auch nicht an die Jenny, die auf Johnsons Feld wartete. Ich beobachtete Sally, als sie schlief – wie sie atmete, spürte diese weiche Wärme, die so dicht bei mir war. Ich wollte dieses Gefühl mitnehmen und wünschte mir, es würde für den Rest meines Lebens bei mir bleiben.

Etwas an ihr erinnerte mich an Bobbys Mädchen, Bess. Zwar hatten Bess und ich nie so etwas gemacht wie das hier, obwohl wir beide vielleicht ein oder zwei Mal daran gedacht hatten … Ich hatte die beiden einmal in dem Büro in Miami überrascht. Bobby hatte beide Hände voll und andere Dinge im Kopf. Bess sah mich, aber ich bin rechtzeitig rausgegangen. Danach konnte ich ihr zwei Jahre nicht in die Augen sehen.

Jetzt wußte ich endlich, weswegen Bobby so glücklich gewesen war – warum er manchmal zu spät zur Arbeit kam und trotzdem keine Schuldgefühle hatte, und warum seine Augen am Sonnabend und am Donnerstag funkelten. Endlich wurde mir klar, wo er am Freitag- und Mittwochabend gewesen war, die ganze Nacht. Und dieses dämliche kleine Lächeln, das er dann aufsetzte … Wenn ich einen Spiegel vor mir gehabt hätte, hätte ich es auch auf meinem Gesicht gesehen, das wußte ich. Wenn ich mich bemüht hätte, genau hinzuhören, hätte ich ihn wahrscheinlich sagen hören, he, Kumpel, das wurde aber auch Zeit. Gratuliere. Bei Gott, das spürte ich selbst auch deutlich genug.

Mir gingen alle möglichen Gedanken im Kopf herum, als Sally schließlich die Augen aufschlug und sah, wie ich auf sie herunterschaute. »Morgen«, sagte sie. Die Stimme versagte mir schon wieder. Verdammt.

Sie kletterte auf mich, streckte sich aus, und ich schob ihr das Haar von den Schultern. Sie sah auf mich hinunter. »Willst du immer noch gehen?«

»Ich muß.« Ich zog sie zu mir herunter und küßte sie, und sie blieb eine Zeitlang auf mir liegen.

50

»Hast du Hunger?« fragte sie mit einem Flüstern.

»Ja.« Aber mir schwebte dabei nichts zu essen vor.

Wir frühstückten eine halbe Stunde später. Es waren die besten Pfannkuchen, die ich je gegessen habe. Aber während wir aßen, sagte sie kein Wort, sondern sah mich nur mit traurigen, gequälten Augen an. Falls sie versuchte, mir Schuldgefühle einzugeben, funktionierte es.

»Sally, ich muß gehen.«

»Ich wünschte, du würdest bleiben.«

»Ich wünschte mir auch mehr als alles andere, ich könnte hier bei dir bleiben …«

»Aber«, erwiderte sie, als hätte sie es schon hundert Mal gehört.

Sie begleitete mich den ganzen Weg zu Johnsons Feld. Ihr Hund lief durch den Schlamm vor uns her. Vielleicht dachte sie, ich würde es mir anders überlegen und noch einen Tag bleiben.

Als sie die Jenny sah, hielt sie abrupt inne. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ich glaubte, sie würde in Ohnmacht fallen.

»Was ist?«

Sie stand nur da und schüttelte mit Furcht in den Augen den Kopf.

Beim Frühstück am Morgen hatte ich ihr einen kleinen Rundflug angeboten, weil ich mich daran erinnerte, wie sie gefragt hatte, wie es da oben am Himmel sei. Sie hatte gesagt, vielleicht. Doch das war vor einer Stunde, und in einer Stunde bei einem langsamen Spaziergang durch den Schlamm kann eine Menge passieren. »Möchtest du nicht mitfliegen?«

»O Himmel, nein. Nicht in dem Ding da.«

Ich versuchte ihr zu erklären, daß das Flugzeug nicht abstürzen würde, aber etwas in ihren Augen sagte mir, daß sie es besser wußte. Sie ergriff meinen Arm, und ich sah in ihre verängstigten Augen, die so aussahen wie die ihrer Mutter auf diesem Hochzeitsfoto.

Und den gleichen Ausdruck hatte ich in Megs Augen gesehen, als ich ihr auf dem Flugplatz in Miami einen Abschiedskuß gab, und auch in den Augen meiner Mutter. Rosanna kam nicht; sie sagte, wenn ich losflöge, um irgendeinen Traum zu finden, würde er sich für uns beide nur in einen Alptraum verwandeln. Wenn ich sie liebte, würde ich bleiben.

Ich spürte den festen Griff an meinem Arm – einen Griff der Angst, den ich schon kannte, und ich drückte Sally an mich. Wieder hatte ich das Gefühl, daß ich vielleicht nicht losfliegen sollte.

»Bleibst du noch einen Tag?«

Aus diesem Tag würde noch einer und dann noch einer werden. Zuviel von Sally, und ich würde nie mehr den Wunsch haben zu gehen. Und ich 51wußte, daß es bessere Orte gab, an denen ich den Rest meines Lebens verbringen konnte. Nein. Nein, ich hatte noch zuviel vor, um mich von einem verängstigten, einsamen Mädchen mit grünen Augen ablenken zu lassen. Vielleicht würde ein anderer auftauchen, der so war wie ich. Vielleicht würde er bleiben. Vielleicht würde sie finden, was sie so verzweifelt brauchte. Ich war nicht die Antwort auf ihre Einsamkeit, selbst wenn ich es in den wenigen Stunden einer Nacht hatte sein wollen.

»Ich kann nicht, Sally. Ich muß los. Das weißt du. Du weißt, was ich tun muß.«

»Für einen toten Mann.«

»Nein, für mich. Ich muß etwas für mich tun.«

Ich berührte ihr Gesicht; ich küßte sie. Aber sie erwiderte den Kuß nicht.

Sie sagte auch nicht auf Wiedersehen. Sie sah nur zu, als ich abhob und nach Seattle flog, wo ich auftanken wollte, um dann wieder nach Nordwesten zu fliegen, nach Anchorage.

Mein Gott, wie ich mir wünschte, sie hätte auf Wiedersehen gesagt.

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