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Zu diesem Buch

Im Jahr 1926 startet der Flieger John Robert Shaw mit seiner Maschine, um einen neuen Rekord im Alleinflug aufzustellen. Anfangs ist das Glück auf seiner Seite. Doch nördlich von Alaska wird der blutjunge Pilot von einem Sturm überrascht, muß notlanden und gilt von nun an als verschollen, höchstwahrscheinlich tot. Bis 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, die Amerikaner die Aleuten evakuieren und den Vermißten entdecken: Der Schwerverletzte ist seinerzeit von den Bewohnern einer kleinen Felseninsel, die auf keiner Karte verzeichnet ist, gefunden und gesundgepflegt worden. Siebzehn Jahre hat John mit den Inuit gelebt – am Ende der Welt. Nun wird er abermals gezwungen, ein völlig neues Leben zu beginnen … Ein anrührender Roman über die Macht der Liebe und einen Menschen, der es wagt, seinen Passionen zu folgen und seine Träume zu leben.

Julie Harris, geboren 1957, lebt in Queensland, Australien. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder war unter anderem als Theaterautorin und -regisseurin tätig, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei zuwandte. »Der lange Winter am Ende der Welt« ist ihr dritter Roman. Er erschien erstmals 1996 in deutscher Übersetzung und wurde auf Anhieb ein großer Erfolg.

Julie Harris


Der lange Winter am Ende der Welt


Roman

Aus dem Englischen von Hans-Joachim Maass

Piper München Zürich

Ungekürzte Taschenbuchausgabe
1. Auflage November 2003
7. Auflage Februar 2011
© 1995 Julie Harris
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»The Longest Winter«, St. Martin's Press,
New York 1995
Umschlagabbildung: Caspar David Friedrich
(»Das Eismeer«, 1823–24; akg-images Berlin)
ISBN 978-3-492-23995-0

Zum Gedenken an meinen Vater, Denis und Viv,
die jetzt an einem helleren Himmel fliegen.

Mein Dank gilt Dr. Lowry Ware, Anne G. Clarke,
Louise und Carroll Ferguson
sowie Mary, die uns miteinander bekanntgemacht hat.

Die Ereignisse dieses Romans haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden. Im Mittelpunkt stehen die »Memoiren« eines Mannes, der auf einer Insel vor Alaska von der Außenwelt abgeschnitten ist. In seinen siebzehn Jahren auf dieser Insel waren die einzigen Gefährten John Robert Shaws die dort lebenden amerikanischen Ureinwohner. Wie die meisten Menschen damals war auch Shaw nicht bewußt, daß es Unterschiede zwischen den Menschengruppen gab, die er als »Indianer« und »Eskimos« bezeichnet. Heute sind wir informierter und bezeichnen die verschiedenen Kulturen mit den Begriffen, die sie selbst gewählt haben. Doch dies ist ein historisches Werk, etwa wie Defoes Robinson Crusoe, und als solches muß es im Licht seiner Zeit gesehen werden. Die Verwendung von Begriffen, die heute als unangemessen gelten, ist jedoch nicht als Herabsetzung irgendeiner Gruppe gedacht: Der Leser möge bedenken, daß diese Begriffe in einer früheren und vielleicht weniger aufgeklärten Ära üblich waren.

Im Jahre 1911 bekam ein junger Flieger aus Abbeville in South Carolina den ersten Vorgeschmack vom Fliegen. 1926, zwei Jahre nach dem Tod seines besten Freundes, unternahm der vierundzwanzigjährige John Robert Shaw einen Rekordversuch als Alleinflieger in einer restaurierten Curtiss Jenny von 1923. Von einer Zeitung in Miami gesponsert, schaffte er es am 23. April 1926 bis Anchorage. Damit hatte er die halbe Rekordstrecke zurückgelegt. Am 27. April wurde er von einem Sturm überrascht, mußte notlanden und galt siebzehn Jahre lang als verschollen. Man hielt ihn für tot, bis die Aleuten-Inseln im Mai 1943 evakuiert wurden.
Dies ist seine Geschichte.

INHALTSeite
Prolog 
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Prolog

Ich lernte John im Mai 1943 kenenn, als er mit einer Bootsladung evakuierter Aleuten von einer der Andreanof-Inseln aufs Festland gebracht wurde. Soweit ich damals feststellen konnte, wußte zu der Zeit niemand, daß es die Insel überhaupt auf der Landkarte gab oder daß sie bewohnt war, bis sie von den ersten Wasserflugzeugen angeflogen wurde.

Ich habe viele Wochen im Krankenhaus von Anchorage verbracht, um mir Johns Geschichte anzuhören. Er hätte sie jedem erzählt, der sich die Zeit genommen hätte, ihm zuzuhören. Das taten jedoch nicht viele. Wir befanden uns im Krieg. So lautete jedenfalls die Ausrede.

Seine Geschichte erstand in Bruchstücken. Manchmal konnte er stundenlang erzählen. An seinen schlimmsten Tagen starrte er einfach nur die Wand an, als sehnte er sich nach etwas, was er nicht haben konnte.

Er hatte den größten Teil dessen, was geschehen war, zu Papier gebracht, aber wie bei seinen Erzählungen war alles völlig ungeordnet.

Ich brauchte acht Jahre, um daraus eine Geschichte aus einem Guß zu machen und um mich an die fehlenden Bruchstücke zu erinnern, die er mir vor so langer Zeit erzählt hatte.

Betty-Sue Llewellyn
Anchorage, Alaska
1957

13

1

An dem Tag, an dem er aufwachte und seinen Namen wußte, brach fast die Sonne durch die Wolkendecke. Er erinnerte sich auch fast daran, wie er dorthin gekommen war; er erinnerte sich aber nicht, warum oder wann.

Eine Zeitlang war er überzeugt, sich irgendwo südöstlich von Anchorage zu befinden. Das einzige, woran er sich vage erinnerte, war der Sturm, der sich allmählich zusammenbraute. Er war seit einer halben Stunde unterwegs gewesen und schon wieder auf dem Heimflug, als der Hunderzwanzig-Meilen-Gegenwind, der dann zum Seitenwind und schließlich zum Rückenwind wurde, jede Hoffnung auf eine Zukunft zunichte machte. In diesem Augenblick existierte nichts außer ausströmendem Treibstoff und leckgeschlagenen Ölleitungen, und als die Jenny schließlich, was unvermeidlich war, den Geist aufgab, wurde alles zu einer dunklen, stechenden Stille, bis er die Felswand sah und die erstarrte See. Und dann folgten Sekunden, die ihm wie Stunden vorkamen, bis die Maschine aufschlug und zerschellte.

Bilder erschienen ihm in Wachträumen, zerbrechliche, zerfetzte, verblaßte, nicht greifbare Bilder, die nur allzuoft verwirrend waren, weil es den Anschein hatte, als gehörten sie zu jemand anderem und nicht zu ihm.

Meist drehte sich nur alles in seinem Kopf, da er den Absturz in immer neuen Alpträumen durchlebte, die ihn aufschreien ließen. Wenn er aufwachte, hörte er fremde, glückliche Stimmen singen oder die Laute von spielenden Kindern. Das Echo der Trommeln verscheuchte die Dämonen, bis er wieder die Augen schloß.

Die Frau war allgegenwärtig – die sanfte, beruhigende Stimme, die Berührung der behandschuhten Hand. Gelegentlich zeigten sich die neugierigen, von Pelz umrahmten Gesichter der anderen, die wahrscheinlich sehen wollten, ob er noch am Leben war oder nicht. Er lag dann reglos auf dem Rücken und beobachtete sie. Manchmal lächelte er diese Gesichter an, aber meist wünschte er, sie würden gehen und ihn in Ruhe lassen und den elenden Wind mitnehmen.

Dann, eines Tages, als der Nebel sich so weit gelichtet hatte, um ihm einen Blick auf einen Strand jenseits des Felsens zu ermöglichen, als die 14schmale Öffnung zu dieser unwirklichen Welt aus ständiger Kälte durch einen Hauch von Sommer geöffnet wurde, kam die Frau wieder herein. Sie trug ein schweres Bündel. Sie zog die Felle herunter und versperrte ihm die Sicht. Es war zwecklos, sie zu bitten, die Tür wieder aufzumachen und etwas frische Luft einzulassen. Wann immer er sprach, lächelte sie nur.

»Was hast du diesmal mitgebracht?« fragte er.

Sie wuchtete das Bündel auf den erhabenen Erdtisch, wandte sich ihm zu und grinste.

Es war ein in Seehundfell gewickeltes Paket. Sie öffnete es und lächelte dabei immerzu, als wüßte sie, daß es seinen Schmerzen ein Ende machen würde, wenn er dies zu sehen bekam. Sie hielt eine Allwettertasche hoch, deren Griffe verrostet und zerbrochen waren. Dann förderte sie Sachen zutage – Kuriositäten für sie, aber nicht für ihn. Das Logbuch eines Piloten, Bleistifte, Karten. Ein Kompaß, ein Dosenöffner. Sein Bowiemesser. Gabeln, Löffel. Eine verrostete Konservendose mit Bohnen. Eine gefrorene Orange, Unterwäsche und seine Ersatzmütze.

Vor allem war da Papier – ein Bündel brüchigen, stockfleckigen gelben Papiers.

Vielleicht war dies der Augenblick, in dem er sich zu erinnern, wahrhaft zu erinnern begann. Er nahm als erstes das Logbuch in die Hand; weil es im Meerwasser gelegen hatte, klebten die meisten Seiten zusammen. Manche rissen bei der kleinsten Berührung. Die Tinte war verlaufen, aber hier und da erkannte er ein Wort. Vor allem den letzten Eintrag:

23. April '26. 0700 Uhr. Anchorage verlassen. Vorräte und Treibstoff ausreichend, um nach Vancouver zu fliegen. Nordöstlicher Wind, dreißig Knoten. Teuflischer Sturm, der sich im Nordwesten am Horizont zusammenbraut. Sollte es schaffen bis …

John seufzte. Anchorage. Ihm fiel ein, daß er versucht hatte, aus Alaska seine Schwester anzurufen – per R-Gespräch. Er erinnerte sich, daß Mrs. Johnson ihm sagte, es nehme niemand ab, ob er es wieder versuchen könne? Sie hatte ihr ganzes einfaches Leben in Abbeville, South Carolina, verbracht. Vielleicht glaubte sie, Anchorage liege in Kentucky oder Georgia. Also hatte er Mrs. Johnson die Nachricht hinterlassen – »Sagen Sie Meg, daß ich nach Hause komme« -, und als er auflegte, wußte er, daß Meg die Nachricht nie erhalten würde.

John sah die Frau an. Sie studierte das Bowiemesser, dann den Silberlöffel 15mit dem eingravierten BHS – er gehörte der Familie Shaw seit der Boston Tea Party. Er sah ihr an, daß sie ihn haben wollte, und so nickte er, und das Lächeln, das sie ihm dafür schenkte, war ansteckend.

Sie fand ein Versteck für ihr neues Spielzeug und kam wieder, diesmal mit den beiden Schalen aus Bugholz. Eine enthielt vier Mundvoll erwärmten Seehundbluts und die andere die dicke schwarze Salbe, mit der sie ihn pünktlich zu jeder vollen Stunde einrieb – jedenfalls kam es ihm so vor.

Er wehrte sich nicht mehr. Es führte zu nichts. Das Blut verursachte ihm auch keine Übelkeit mehr wie zu Anfang, und er trank es schnell mit der Würde eines Kindes, das Rizinusöl schluckt.

John vermutete, daß die Salbe so etwas wie ein Antiseptikum der Eskimos war. Was immer es war, es linderte den Schmerz ein wenig. Er saß still, während sie ihm etwas davon ins Gesicht rieb. Er blieb still sitzen, als sie ihm seinen Parka auszog und auch die Brust einrieb. Er wandte jedoch wie immer das Gesicht ab, als die schwarze Salbe sorgfältig und mit sanfter Behutsamkeit auf den Stumpf seines linken Arms getupft wurde. Dann legte er sich hin, wie die Routine es verlangte, nahm das Logbuch in die Hand und versuchte sich auf die Worte zu konzentrieren, während die Frau seinen linken Fuß ergriff und sein linkes Bein bewegte. Er sah nicht allzu viele Wörter – die scharfen, stechenden Schmerzen waren stärker als alles andere, bis das Bein taub wurde. Er hatte sich beim Absturz schwer verletzt – den Arm und fast das Bein verloren. Er hatte sich das linke Schlüsselbein gebrochen, ein paar Rippen und sich auch am Kopf verletzt. An manchen Tagen, wenn sein Sehvermögen beeinträchtigt war und sein Gleichgewichtsgefühl aussetzte, wagte er nicht, sich zu rühren, sondern blieb vollkommen still liegen, denn schon die kleinste Bewegung bereitete ihm höllische Schmerzen. Diese Tage wurden jedoch immer seltener. Er war dabei, sich zu erholen, und das hatte er nur der Frau zu verdanken.

Als sie fertig war, ließ sie ihn allein, aber diesmal schlief er nicht. Er langte in seine Allwettertasche und tastete blind nach einem Bleistift. Er hatte ein bestimmtes Ziel vor Augen.

Vielleicht komme ich hier nie mehr lebend raus, dachte er, aber vielleicht findet eines Tages jemand meine Aufzeichnungen, und dann wird meine Familie wissen, daß ich nicht gestorben bin. Man wird mich vielleicht für verschollen halten, vielleicht sogar für tot, aber ich möchte nicht, daß jemand denkt, ich sei wie Bobby gestorben.

Die größte Angst seiner Mutter, fast Wirklichkeit geworden.

John richtete sich auf dem Bett auf, so gut er konnte, so daß er mit dem 16Rücken gegen das Treibholz gelehnt aufrecht sitzen konnte. Zwei der Kochtöpfe der Frau hingen ihm über die linke Schulter; der Pelz des Saums ihres Winterparka kitzelte ihn im Nacken. Es war bequemer, wenn er das rechte Bein hob, so daß das Logbuch darauf lag, aber es kam ihm fremdartig und fast unmöglich vor, mit der rechten Hand den Bleistift zu halten.

Und es stellten sich keine Worte ein. War es nicht immer so gewesen? Er zeichnete statt dessen ein Flugzeug. Die Linien waren nicht ganz korrekt, aber es war doch die 1923er Jenny, die er seit wann geflogen hatte … Februar? War er im Februar aus Miami abgeflogen?

Er konnte Daumen und Zeigefinger nur zum Teil bewegen – zum Schreiben genügte es aber. Er hatte die rechte Hand nicht mehr benutzt, seit er neun Jahre alt war. Und für John, der sich so lange Zeit bemüht hatte, sich an seinen Namen zu erinnern, kehrte die Kindheit wie eine Flutwelle zurück. So schrieb er sie auf, so schnell er konnte, falls alles wieder verschwinden würde und damit für immer verloren war wie er selbst.

 

Es war der 14. Juni 1911. Wir lebten in der Nähe eines Flugplatzes in Abbeville, South Carolina, obwohl ich es kaum einen Flugplatz nennen kann, denn damals war es nur ein Feld, und in jenen Tagen konnte man überall landen, wo das Gelände flach und baumlos war. Und vierhundertfünfzig Meter waren alles, was Billy Taylor je gebraucht hatte.

Billy Taylor flog meinen Traum, und jeden Tag um fünf nach vier gab sich meine Mutter die größte Mühe, ihren Zorn herunterzuschlucken, wenn er direkt über unser Haus hinwegbrauste. Sie murmelte etwas von neumodischen Erfindungen und fluchte leise vor sich hin, weil die Hühner seit sechs Wochen keine Eier gelegt hatten.

Aber mir waren die Hühner egal.

Da war immer dieser Junge, der auf dem Zaunpfahl balancierte und zusah, wie sein Held eine Maschine landete, die hustete und spuckte und brüllte, und ich rührte mich nie auch nur einen Zentimeter von der Stelle, bis Billy Taylor den Motor abgestellt hatte und herauskletterte.

Ich machte einen Handel mit Gott. Ich sagte etwa, Gott, wenn du mich so fliegen läßt wie Billy Taylor, werde ich freiwillig in die Sonntagsschule gehen. Das wird Ma überraschen, nicht wahr, Gott? Dich auch, nehme ich an. Sir.

Nun, Gott mußte mich gehört haben, aber trotzdem lief nie etwas so, wie ich es mir gedacht hatte.

17

Billy Taylor sah mich nie auf diesem Zaunpfahl balancieren, jedenfalls glaubte ich das, bis zu jenem Tag im Juni, als er etwas zu niedrig über unser Haus hinwegflog, um zu landen.

Ich fiel vom Zaunpfahl und brach mir den Arm.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, John Robert Shaw. Ich wurde an diesem Tag neun.

Mom hörte mich schreien, und ich glaube, Billy Taylor hörte es auch. Alle Nachbarn stürzten aus ihren Häusern. Sie wollten sehen, was das für ein Lärm war.

Der Lieblingsspruch meiner Mutter war »Hab ich's dir nicht gesagt?« Und als sie mich in die Stadt trug, muß sie es zweitausend Mal gesagt haben. Der Arzt machte einen Hausbesuch, um ein Baby auf die Welt zu bringen, so daß seine alte Krankenschwester die Knochen zurechtrückte. Ich erinnere mich vor allem daran, daß ich noch mehr schrie, und als ich aufwachte, lag ich zu Hause in meinem Bett.

Mein Arm war nie mehr so wie zuvor. Aber ich brauchte keinen Bleistift zu halten, um zu wissen, was ich zu tun hatte. Ich mußte fliegen, und ein gebrochener Arm würde mich nicht davon abhalten.

Mein Vater war 1909 nach Alabama gegangen, um sich Arbeit zu suchen. Er kam nie mehr nach Hause. Also war meine Mutter mit zwei Kindern auf sich gestellt, mit mir und meiner kleinen Schwester. Mir war aber nie wirklich klar, was diese Hühnereier für uns Überleben bedeuteten, denn für mich gab es nichts Wichtigeres, als Billy Taylor dabei zu beobachten, wie er jeden Tag um fünf nach vier mit dieser Maschine landete.

Bis zum 15. Juni 1911.

Meine Mutter zog mich an meinem gesunden Arm vom Zaunpfahl herunter und sagte: »Wir werden diesem gottverdammten Mr. Billy Taylor zeigen, was er uns angetan hat. Er hat uns ruiniert!« In der Hand hatte sie den leeren Eierkorb. Ich hatte sie noch nie fluchen hören, jedenfalls nicht, wenn ich in der Nähe war.

Ruinieren. Ich hatte dieses Wort schon oft gehört – ein Stück Rindfleisch wurde durch zuviel Salz runiert; wenn ich Ketchup auf mein einziges gutes Hemd verschüttete, um nicht in die Sonntagsschule gehen zu müssen, es sei denn, ich wußte genau, daß jemand da war, den ich ärgern konnte, war es ebenfalls ruiniert. Folglich wußte ich nicht, was meine Mutter mit diesem »Er hat uns ruiniert« meinte. Außerdem war es mir egal. Ich wußte nur eins: daß wir quer über das Feld auf Billy Taylors Schuppen zuliefen, und je näher wir kamen, um so größer wurde das Flugzeug.

18

Ich hatte noch nie erlebt, daß meine Mutter auf jemanden so wütend war. Dabei war sie diejenige, die mir immer sagte, ich solle tief Luft holen und bis zehn zählen, und wenn ich bei acht sei, würde ich nicht mehr wütend sein. Vielleicht hatte sie an diesem Tag vergessen, was nach fünf kam.

Als sie Billy Taylors Namen geschrien hatte und er sich umdrehte, weinte sie vor Zorn. Und wenn meine Mutter vor Zorn weinte, hielt man sich am besten nicht in ihrer Nähe auf, aber sie hielt meine Hand in einem eisenharten Griff, so daß es kein Entkommen gab. Ich konnte nur eins tun, auf meine Füße zu starren und nicht in Billy Taylors Gesicht. Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nicht so geschämt. Ich hatte von Hunderten von Möglichkeiten geträumt, meinem Helden zu begegnen, doch so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Von Zeit zu Zeit riskierte ich einen Blick, aber er sah mich immer dann an, wenn ich es tat. Ich fühlte mich albern, wie ich barfuß dastand, neun Jahre alt und an der Hand meiner Mutter. Es war wohl das einzige Mal, daß ich so tat, als hätte sie mich gerade am Straßenrand gefunden.

Aus der Nähe sah Billy Taylor etwa so alt aus, wie mein Vater war, als er wegging – um die Fünfunddreißig. Entweder war er höflich oder wußte, daß es keinen Zweck hatte, es zu versuchen, denn er ließ meine Mutter ausreden, bis nichts mehr kam. Da sagte er: »Es tut mir leid, Mrs. Shaw«, doch da legte sie gleich wieder los.

Dann sah er mich an, als sie ihn ansah, und lächelte. Das Lächeln wurde so breit, daß es ansteckend war, etwa so, als würde in meiner Klasse ein Mitschüler gähnen.

Ich glaube, ich liebte Billy Taylor von dem Augenblick an, in dem wir beide lächelten. Er war meinem Daddy zu ähnlich – dieses Zwinkern, wenn er einen ansah, war so gut wie alles, woran ich mich erinnern konnte. Billy Taylor sagte nur »Ja, Mrs. Shaw«, aber auf die gleiche Weise wie mein Daddy gesagt hatte: »Ja, Süße.«

Mein Vater war ein unglaublich hochgewachsener Mann gewesen; ich konnte mich nicht erinnern, ihm je weiter als bis zum Oberschenkel gereicht zu haben, es sei denn, er saß. Billy Taylor schien fast ebenso hochgewachsen zu sein, als er in seinem Ledermantel und den Stiefeln und der Mütze auf dem Kopf dastand. Ich fing wieder an, davon zu träumen, daß ich eines Tages genauso aussehen würde wie er.

Nach einiger Zeit nahmen wir beide die Stimme meiner Mutter nicht mehr wahr. Ich sah, wie sie ihm den leeren Eierkorb unter die Nase hielt, und ich glaube, er sagte, er werde bezahlen. Darauf erwiderte Mom, sie sei aus Prinzip wütend, was immer das bedeutete. Er versicherte ihr, die 19Hühner würden sich an den Lärm gewöhnen, aber sie schwor, das würden sie nicht. Dann hörte ich ihn sagen, er habe das Flugfeld gekauft und besitze eine eigene Flugschule. Dies sei die einzige Stelle, die dafür geeignet sei, und er könne nicht umziehen. Er werde hierbleiben.

Ich fragte mich, wie oft man mit Gott einen Handel machen kann.

Billy Taylor sah mich erneut an; und er mußte in meinen Augen etwas erkannt haben – Hoffnung, Aufregung, irgend etwas. Er sah zu seinem Flugzeug hinüber, und ich tat es auch. Er sagte: »Na geh schon, Junge, sieh sie dir an, aber daß du mir nichts anfaßt.«

Also sah ich mir die Maschine an, aber tu das nicht waren Worte, die in meinem Wortschatz nicht vorkamen. Bei mir bedeutete das »Warum darf ich nicht?«

Ihr Name war Gloria.

Sie stand mit dem Heck auf der Erde da. Sie roch immer noch heiß. Ihr hölzerner Propeller war doppelt so lang wie ich. Er war glatt und glänzend. Nur an ein oder zwei Stellen sah ich einen Fleck, wo irgendein Insekt zerquetscht worden war. Ich drehte mich um. Billy Taylor sah nicht zu mir hin, und Mom hatte aufgehört zu weinen. Was immer er sagte, es funktionierte.

Ich berührte die Tragfläche. Die Oberfläche fühlte sich an wie Stoff, vielleicht Leinen. Ich tippte dagegen. Es fühlte sich hohl an. Ich berührte sie. Streichelte sie wie den Hund, den ich mal gehabt hatte. Sie mochte mich. Gloria mochte mich. Ich hörte sie fast flüstern, na komm schon, steig ein. Laß uns eine Zeitlang so tun, als ob.

Ich drehte mich zu dem Schuppen um, sah die Wörter auf dem Schild an. Ich versuchte sie zu lesen und stotterte mir langsam die Buchstaben vor. Das letzte Wort war immerhin leicht: Schule. Billy Taylors Flugschule.

Vergnügungsflüge. Fünf Dollar für fünfzehn Minuten.

Wenn ich meine Seele für fünf Dollar hätte verpfänden können, hätte ich es getan.

Billy Taylors Flugschule.

Meine Art von Schule.

Ich hörte Billy Taylors Stimme. »Zehn Cent pro Stunde, jeden Tag nach der Schule, an den Wochenenden vier Stunden.«

Das ergab fast einen Dollar in der Woche, was ebensoviel war, wie meine Mutter für den Verkauf ihrer Eier erhielt. Jedenfalls sagte sie das, als sie meine Hand hielt und wir quer übers Flugfeld nach Hause gingen. Ich hielt die Drähte auseinander, so daß sie hindurchklettern konnte, und sie tat das gleiche für mich.

20

»Verstehst du, John Robert?« fragte sie.

Ich sagte nichts; ich hatte nicht zugehört. Sie brauchte nicht auch noch einen dummen Sohn. Ihr genügten eine Tochter, die nichts als Tanzen im Kopf hatte, ein abwesender Ehemann und Hühner, die keine Eier mehr legten.

»John Robert, hast du auch nur ein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe?«

»Ja, Ma, natürlich habe ich das«, erwiderte ich und hoffte, sie würde mehr sagen, damit ich den Anschluß bekam.

»John Robert, du hast einen Job.«

»Wo, Ma?«

»In Billy Taylors Flugschule. John Robert, du hast nicht zugehört.«

Sie gab mir aber keine Ohrfeige; statt dessen nahm sie wieder meine Hand.

Am Abend, als Meg auf der Veranda herumtanzte und tat, als wäre sie eine Primaballerina, dachte ich über diesen Tag nach. Daß ich es bis dahin nicht geschafft hatte, Gott sehr nahe zu kommen. Bis meine Mutter mich packte, mich in die Luft hob und mir einen Kuß auf die Wange schmatzte.

Ich hatte einen Job.

 

»Soso, vom Pfahl gefallen?« fragte Billy Taylor am nächsten Nachmittag um zwanzig nach vier.

»Ja, Sir, das bin ich.«

»Sehr weh getan?«

»Ich habe mir den Arm gebrochen, Mr. Taylor, Sir.«

»Sehr weh getan?« fragte er nochmals.

»Nein«, log ich und versuchte, die knallroten Finger an meiner rechten Hand zu verbergen.

Er grinste mich eine Zeitlang an, als hätte er mich in den letzten sechs Wochen jeden Tag dabei beobachtet, wie ich ihn beobachtete. »Ich hatte mal einen Jungen etwa in deinem Alter.«

»Tatsächlich, Mr. Taylor?« fragte ich, da ich nicht wußte, was ich sonst hätte sagen sollen. Das sagte meine Mutter auch immer, wenn sie nicht weiterwußte. Bei ihr hatte es immer funktioniert.

»Ja. Starb mit seiner Mutter bei einem Feuer. Das ist jetzt sieben Jahre her.«

»Tut mir leid, das zu hören, Mr. Taylor, Sir. tut mir wirklich leid, das zu hören.«

»Deine Mutter hat einen ziemlich starken Willen.«

»Mögen Sie sie, Mr. Taylor, Sir? Finden Sie sie hübsch?«

21

Darauf sagte er nichts. Ich bekam zehn Cent pro Stunde fürs Arbeiten und nicht dafür, über meine Mutter zu sprechen, selbst wenn ich hoffte, er würde sie heiraten. Ich hätte einen neuen Vater gut gebrauchen können, vor allem einen wie ihn.

»Möchtest du fliegen, Junge?« fragte er.

»O ja, Sir. Und ob ich das möchte.«

»Warum?«

Ich hatte nie erwartet, daß er mich das fragte. Warum ich fliegen wollte? Genausogut hätte er mich fragen können, warum die Erde rund ist, obwohl sie platt ist, soweit das Auge reicht. Sie erstreckte sich bis in alle Ewigkeit. Es war mir schon immer schwergefallen, Gefühle in Worte zu kleiden, die andere verstehen konnten, und in diesem Moment hatte ich eine tote Stelle im Gehirn, die etwa die Größe der Appalachen umfaßte. Ich hatte schon immer solche toten Stellen gehabt, vor allem, wenn Mrs. Moriarty mir im Unterricht eine Frage stellte. Ich wußte zwar immer die Antwort, aber nichts kam je richtig heraus.

»Ich habe dich gefragt, warum, mein Junge.«

»Ich weiß es nicht, Mr. Taylor, Sir. Ich weiß es nicht. Aber ich habe zugesehen und mich so manches gefragt, und ich sehe die Vögel fliegen und Sie fliegen und dann denke ich, das kann ich auch. Etwa so. Sir.«

Er hielt mir einen Eimer und einen Putzlappen hin und sagte: »Du gehst da rauf und wischst die Kotze weg, Junge. Und wenn du dann immer noch fliegen willst …«

Ich hörte nichts mehr. Beim Wort »Kotze« blieb mir das Gehirn stehen. Kotze. Ich? Ich sollte Kotze aufwischen?

Ich sah Billy Taylor in die Augen und wußte in dem Moment, daß es Dinge gibt, die alles wert sind, sogar wenn man dafür Kotze aufwischen muß. Ich hoffte nur, meine Mutter würde nie davon erfahren. Sah es so aus, wenn man mit Gott einen Handel machte?

»Du bist jetzt ein Mann, John Robert. Mach mich stolz.« Meine Mutter hatte mir eine kilometerlange Liste von Dingen gegeben, die man tut und die man nicht tut. Ich weiß nicht, woran sie dachte, als sie mir den Hintern tätschelte und mir zusah, wie ich zu dem Flugfeld und der Flugschule losging. Eins weiß ich aber genau. Wenn sie gesehen hätte, wie ich die Kotze vom Vordersitz von Billy Taylors Doppeldecker aufwischte, mit geschlossenen Augen und aufgeplusterten Backen wie bei einem Ochsenfrosch im Frühling, hätte sie mich wohl kaum für einen Mann gehalten, der jemanden stolz macht – natürlich erst, nachdem sie sich halbtot gelacht hätte.

Als ich fertig war und mein Mittagessen endlich aufgehört hatte, den 22Rückweg anzutreten, stellte ich fest, daß ich meine Seele nicht für fünf Dollar zu verpfänden brauchte. »Hast du einen Mantel?« fragte Billy Taylor, als er den Vordersitz seiner Maschine inspizierte. Nirgendwo Kotze.

»Nein, Sir.« Es war Juni. Es war heiß. Ich brauchte keinen Mantel. Ich sagte nicht, daß ich keinen besaß; vielleicht hatte er es erraten. Er kam aus seinem Schuppen mit dem Schild Billy Taylors Flugschule und hatte einen schwarzen Ledermantel mit Pelzkragen über dem Arm. Er roch nach Kotze. Oder vielleicht war ich es, der roch.

Ich zog ihn an. Ich fühlte mich wie ein Flieger mit den Füßen auf dem Erdboden und einem Schwarm wilder Bienen im Bauch.

Und als ich auf den Rücksitz kletterte, war ich zu klein, um über die Seitenwand viel sehen zu können, aber es war verdammt viel besser, als auf einem Zaunpfahl zu stehen und davon zu träumen, wie es sein würde.

»Ich möchte, daß du mir hilfst, mein Sohn«, sagte Billy Taylor, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, mir die Instrumente, Schalter und anderen Dinge anzusehen, die man auf dem glänzenden Holzpaneel direkt vor mir ziehen mußte. »Hauptschalter ein«, sagte er. Ich suchte nach dem Hauptschalter. Ich stellte ihn auf »ein«. Dann aus. Dann ein. Fertigmachen zum Gasgeben. Wie zum Teufel machte man das? Er zeigte es mir. Choke raus, Choke rein …

Ich wollte fliegen? Wie sollte ich all das behalten?

Propeller klar?

Wieso das? Hier würde keinem Menschen der Kopf abgehackt werden, höchstens Billy.

Choke rein?

Kontakt.

Ich legte den Schalter von aus auf ein.

Drosselklappe offen?

Das war sie.

Er zog den Propeller herunter und sprang zurück. Der Motor sprang brüllend an. Das ganze Flugzeug erbebte. Ich machte mir fast die Hosen naß. Meine Knöchel waren schon weiß, und mir sprangen fast die Augen aus dem Kopf. Ich dachte, ich würde gleich sterben. Natürlich hatte ich die Maschine landen und sogar abheben sehen. Doch jetzt saß ich drin. Das war etwas völlig anderes.

Billy Taylor ließ mich auf dem Vordersitz sitzen. Ich sah nichts als den Kreis grauen Nebels; alles, was ich fühlen konnte, war das erwartungsvolle Zittern des Flugzeugs.

23

Als die Hand mich an der Schulter packte, glaubte ich, ich würde sterben. Er hörte mein Schreien nicht. Ich hörte es nicht einmal selbst. Ich versuchte mich an alles zu erinnern, was ich in der Sonntagsschule an mir hatte vorbeirauschen lassen, aber das einzige, was mir in den Sinn kam, war die Stimme meiner Mutter vor dem Abendessen: »Segne, was du uns bescheret hast …«

Billy Taylor hörte mein Schreien nicht, als wir über das Gras auf den Zaun zurasten. Sollte er es doch gehört haben, ignorierte er es. Er hörte mein Schreien auch nicht, als der Erdboden plötzlich nicht mehr da war. Aufsteigen in steilem Winkel, als kletterte ich in den Apfelbaum, und dann wieder runterrutschen und sich festklammern, dann eine scharfe Linkskurve … Ich betete nur, mein Magen möge lange genug an einer Stelle bleiben, damit ich die Augen aufschlagen konnte.

Wieder eine Hand auf der Schulter. Dann wußte ich, warum es hier Kotze gab. Billy Taylor machte seinen Passagieren so viel Angst, daß sie gar nicht anders konnten.

Er brüllte etwas, was ich nicht hörte, und ich schlug die erstarrten Augen auf und folgte mit den Blicken seinem Finger. Da in der Ferne lag Abbeville. Aus der Luft sah es anders aus, aufgeräumt, sauber. Mein Haus war näher. Jesus, betete ich, laß mich nicht auf unser Dach kotzen.

Da war das verrostete Eisen; die Dachrinnen, die nach und nach heruntersackten, die gelben Rosen hinterm Haus, Meg, die gerade aus dem Klohäuschen kam. Ich erkannte sie an ihrem roten Haar. Meine Mutter bückte sich gerade, um ins Hühnerhaus zu gehen. Das Gemüsebeet sah von da oben sehr ordentlich aus.

Billy Taylor umkreiste das Haus zweimal und flog uns dann nach Südwesten. Land, Land, soweit ich sehen konnte – in einer Minute flogen wir den Rand des Sumter Forest entlang, in der nächsten blickten wir auf die Wasserfälle bei Calhoun hinunter, und gerade als ich dachte, wir wollten in der Nähe von Antreville landen, neigte sich die Maschine stark zur Seite – so sehr, daß ich dachte, ich würde gleich hinausfallen.

Als ich wieder die Augen aufschlug, sah ich Abbeville. Wir hielten direkt auf die Main Street zu und gingen hinunter, immer mehr hinunter – wir flogen so niedrig, daß ich schon glaubte, er wolle direkt vor der Bank landen. Und bevor ich wußte, wie mir geschah, ging es wieder aufwärts. Wir verpaßten nur knapp das Denkmal, gingen in eine Linkskurve und gingen hinunter – so nahe beim Zaun, daß ich dachte, wir würden ihn umreißen.

Kein Wunder, daß ich hinuntergefallen war. Und in dem Augenblick wußte ich, daß ich gesehen worden war – der Junge auf einem Zaunpfahl, 24der jeden Tag um fünf nach vier dort stand. Ich wußte, daß dieser Flieger mich hatte herunterfallen und mir den Arm brechen sehen.

Ich glaube, mein Herz fing wieder an zu schlagen, als die Räder die Erde berührten und nach ein paar kräftigen Hüpfern schließlich dort blieben. Neben dem Schuppen kam der Propeller zum Stehen. Die Maschine hustete, furzte, und dann kam nichts mehr. Ich konnte die Finger meiner linken Hand kaum bewegen; meine Muskeln hatten sich verkrampft.

Billy Taylor half mir hinunter und hielt mich aufrecht, während meine Knie versuchten, mich zu tragen.

Es war erstaunlich, aber ich hatte mich nicht vollgekotzt und mir auch nicht in die Hosen gemacht. Ich fühlte mich so lebendig, daß ich hätte weinen mögen.

»Nun, Junge, möchtest du immer noch fliegen?«

»Und ob ich das will, Mr. Taylor, Sir. Und ob.« Ich tat so, als hätte mir der Wind die Tränen in die Augen getrieben.

Billy Taylor gab mir zehn Cent und sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen.

Als ich nach Hause ging, dachte ich, daß es wohl der einzige Tag seit einem ganzen Jahr war, daß ich meinen Daddy vermißte. Er hätte sich meine Geschichte angehört. Er hätte vielleicht nicht viel gesagt, aber er hätte zugehört.

Da es nicht um Ballett ging, wollte Meg nicht wissen, wie es mir ergangen war. Sie würde nur zuhören, wenn ich ihr draußen hinter dem Klohäuschen Hände und Füße zusammenband, aber an diesem Nachmittag war ich zu glücklich, um zuzulassen, daß sie mich anspuckte. Ich sagte nur »Ich bin geflogen«, als ich die Treppe hinaufrannte. Meg zog ein Gesicht und wirbelte weiter auf ihren Zehen herum.

Ich gab meiner Mutter das Geld, das ich verdient hatte – mir war immer noch nicht klar, warum ich fürs Fliegen bezahlt worden war -, und sie legte es in die Keksdose. Aber meine Mutter war wie meine Schwester – sie wollte auch nicht Bescheid wissen. »Ich bin geflogen«, sagte ich in der Hoffnung, sie würde etwas sagen, irgend etwas.

»Wie schön, John Robert. Hol mir drei Kartoffeln.«

Das war nicht gerade, was mir vorgeschwebt hatte, aber ich wußte ohnehin nie, was die beiden als nächstes sagen würden. Also ging ich hinten auf den Hof zu dem Sack und brachte drei Kartoffeln. »Es war großartig dort oben, Ma.«

Sie war mir einen Blick zu, den ich nie vergessen werde. Für streunende, hungernde Hunde hatte sie den gleichen Blick.

25»Es ist wirklich großartig da oben.«

Ich konnte das Gefühl von Freiheit nicht anders erklären. Ich kann meist nicht erklären, wie mir zumute ist. Manche Leute können sich gut ausdrücken, andere können gut schreiben. Sollte es je zu einem Krieg mit Wörtern kommen, würde ich wahrscheinlich auf der Stelle kapitulieren.

»Ich kann mir vorstellen, daß es schön da oben ist, John Robert, aber ich habe die Füße lieber auf der Erde. Der Himmel ist für Menschen nicht der richtige Ort. Wenn wir fürs Fliegen geschaffen worden wären, wären wir mit Flügeln auf die Welt gekommen. Merk dir das.«

Ich grübelte über ihre Worte nach. Vielleicht hatte Gott gerade deshalb beschlossen, Flugzeuge erfinden zu lassen, damit die Menschen fliegen konnten.

In der Schule glaubte mir auch niemand. Es machte mir aber nichts aus. Endlich hatte ich etwas Wirkliches, wofür ich leben konnte – jetzt tat sich eine ganz neue Welt vor mir auf. Ich begrüßte den Tag mit einem vor Vorfreude schnell schlagenden Herzen. Ich versuchte sogar, bei Mrs. Moriarty aufmerksam zu sein, und meine Mutter fragte sich, was mit mir nicht stimmte, als ich nicht mehr versuchte, mich um die Sonntagsschule herumzudrücken. Ich ging nur hin, weil der Sonntagmorgen so schneller verging, aber ich glaubte, das ist ihr nach einiger Zeit auch aufgegangen.

Eine Zeitlang wurde Billy Taylor mein Held, bis er mir eines Tages von einem Franzosen erzählte, der den Ärmelkanal überflogen hatte. Das erregte meine Aufmerksamkeit, denn Billy flog nur in South Carolina herum. Folglich fragte ich meine Mutter, wo die Franzosen lebten, weil ich den Franzosen fragen wollte, wie es gewesen war, und am nächsten Tag, als wir in die Stadt gingen, zeigte sie mir in einem Buch Frankreich und den Rest der Welt.

Das Buch, das wir uns ansahen, behandelte ein weit größeres Territorium als South Carolina oder auch nur die Vereinigten Staaten. Ich sah ihr in die Augen und sagte ihr, daß ich eines Tages um die ganze Welt fliegen würde. Und ich würde mit den USA anfangen.

Von da hatte meine Mutter einen anderen Lieblingsspruch. Jetzt gab es kein »Hab ich's dir nicht gesagt?« mehr; jetzt hieß es »Das ist aber nett, John Robert.«

Sie verlor aber nie ganz diesen Ausdruck in den Augen, diesen Blick, mit dem sie sonst nur streunende, hungernde Hunde ansah.

26

 

Das meiste von dem, was er gekritzelt hatte, war unlesbar. Seine Schrift war nie sonderlich gut gewesen, und außerdem mußte er dazu eine Hand benutzen, die ihm seit seinem neunten Lebensjahr den Gehorsam verweigerte. Hier und da fand sich ein Wort, das so etwas wie ein Schlüssel zu dem Sinn des Ganzen zu sein schien. Er fühlte sich wie eine Sekretärin, die die Handschrift ihres Chefs nur anhand der Schleifen eines Konsonanten entziffern kann.

Es gab nicht viel, was einen Sinn ergab. Es war schwierig, in der Kälte zu denken, und fast unmöglich, einen Bleistift zu halten. Die Finger seiner unsichtbaren Hand schmerzten auch. Alles tat weh.

Er hatte das Gefühl, als wäre sein bisheriges Leben – alle vierundzwanzig Jahre – nur ein Traum gewesen, als wäre es etwas Unberührbares, was er nur am Saum zu fassen bekam. Auf diesem Papier stand keine Handschrift. Es war eine durcheinandergewürfelte Masse von Hieroglyphen, die sich allein aus dem Gedächtnis übersetzen ließen. Und alles, was er an Erinnerung besaß, war die eines neunjährigen Jungen – klar, sauber, unschuldig.

Er konnte sich aber nicht an das erinnern, was gestern geschehen war. Auch nicht an den Namen seiner Mutter. Einer der wichtigsten Menschen seines Lebens stand ihm so klar vor Augen, doch ihr Name war für ihn nicht zu fassen.

An Meg erinnerte er sich jedoch. Sie trug das ausgefranste Ballettröckchen, das ihr jemand geschenkt hatte. Fünf Schritte bis zum Ende der Veranda, Drehung, fünf Schritte zurück. Die nackten Holzdielen waren durch das ewige Gleiten bestrumpfter Füße zu einem tiefen Glanz poliert worden. Meg, ohne Vorderzähne, langes, ungebärdiges rotes Haar, strahlend grüne Augen. Meg die Ballerina. In den Augen Sterne einer anderen Art.

Da waren ungetrübte, scharfe Erinnerungen an ein Haus, gesehen aus fünfzehn Meter Entfernung. Und Erinnerungen an einen Freund – Bobby Sullivan, den stets zu Streichen aufgelegten Witzbold, dessen Gesicht jedes Mädchen dazu brachte, sich mehr als nur einmal umzudrehen.

 

Ich war fünfzehn, als ich mit Billy Taylor zum ersten Mal nach Florida fuhr. Mama stand auf dem Bahnsteig, hielt Meg an den Schultern und hob ihre Hand, als der Zug anfuhr. Ich verstand nicht, warum sie weinte; ich würde doch nur eine Woche wegbleiben.

Eine Woche in Florida mit Billy Taylor. Ich rannte mir die Hacken ab, 27um Gesellschaft oder Anschluß zu finden, während er sich ein neues Flugzeug kaufte. Er hatte seine Maschine im Bach gelandet. Er hatte sie in das Wasserloch südlich des Flugfelds gesetzt, als der Motor es nicht geschafft hatte, die Maschine abheben zu lassen. Ich war sofort hingerannt und dachte, er sei tot – Teufel auch, er mußte tot sein -, doch er kletterte heraus, ging eine Zeitlang auf die Seite und versetzte der Maschine dann einen heftigen Fußtritt. Jetzt waren wir in Florida, um nach einer Jenny zu suchen, wie er sie nannte. Einer Curtiss Jenny. Einhundert PS, Spannweite elf Meter, fast neun Meter lang. Fluggeschwindigkeit fünfundsiebzig Meilen pro Stunde, Reichweite zweihundertfünfundzwanzig Meilen. Er sprach von ihr, als wollte er sie heiraten. Ich kannte Billy Taylor jetzt seit sechs Jahren und hatte nie die Hoffnung aufgegeben, daß er meine Mutter heiraten würde. Es funktionierte jedoch fast so, wie ich wollte – er tat, als wäre er mein Vater, und ich spielte seinen Sohn.

Einen wie den, den er beim Brand des Hauses verloren hatte. Doch er erzählte mir nie davon. Manchmal hatte ich das Gefühl, er würde es tun – an manchen Tagen war er still und sah mich so komisch an -, aber dann tat er es doch nicht.

In Florida lernte ich Bobby Sullivan auf einem Flugplatz außerhalb von Miami kennen. »Ich wünschte, mein alter Herr besäße ein Flugzeug«, war das erste, was er mir sagte.

Ich erzählte nicht, daß Billy Taylor mein Chef war und nicht mein Vater. Ich sagte nichts weiter als: »Ich glaube, ich setze mich eine Zeitlang hierher, Sir«, und nachdem Billy losgegangen war, um sein neues Flugzeug zu inspizieren, sah ich Bobby bei dem zu, was auch ich getan hatte, nämlich die Maschinen zu säubern. Er sprach nicht viel, ich aber auch nicht. Doch Bobby grinste, als ich sagte, es gebe nur eins, was ich auf den Tod haßte, nämlich die Kotze von jemand anderem wegzuwischen. Ich nehme an, er hatte das auch zur Genüge kennengelernt.

Ich sah sein Fahrrad; es sah aus, als wäre es von hundert Müttern auf einer Müllkippe geboren. So war es auch. Bobby Sullivan war ärmer als wir. Ich fühlte mich nicht so unwohl. »Hab es selbst zusammengebaut«, sagte er, ob nun mit Stolz oder Scham in der Stimme, konnte ich nicht feststellen.

Bobby Sullivan gefiel mir. Während ich keinen Vater hatte, hatte er keine Mutter, doch das war schon fast alles, was wir gemeinsam hatten, abgesehen von unseren Träumen. »Was ist mit ihr passiert?« fragte ich.

»Sie starb einfach. Pa spricht nicht über sie. Zu sehr damit beschäftigt zu trinken.«

Meine Mutter sprach aber über meinen Vater, meist wenn ich etwas 28Falsches gemacht hatte, und dann hieß es immer: »John Robert, wenn dein Vater noch am Leben wäre, würde er sich im Grab umdrehen, um zu sehen, was du gerade getan hast!«

Ich wurde nie so recht aus ihr schlau. Vielleicht lag es daran, daß sie kaum jemanden in ihrem Alter hatte, mit dem sie sprechen konnte – außer Billy Taylor, und der sprach nur vom Flugzirkus, und dafür interessierte sie sich nicht im mindesten. Ich glaube, es machte ihr Angst. Und Meg hatte nichts als Tanzen im Kopf. Meine Mutter sprach oft mit den Hühnern.

Bobby Sullivan hörte sich alles an, was ich zu sagen hatte. Ich glaube, ich habe lange Zeit nicht mehr soviel mit einem anderen Menschen gesprochen, vielleicht nur mit einem meiner Vettern, doch nach dem Tod meines Vaters habe ich den kaum gesehen.

Bobby ging nicht in die Schule. Sagte, er hätte es einmal versucht. Wenn er schon wie Vieh irgendwo eingepfercht sitzen müsse, würde er lieber die Schlachthöfe besuchen und dort mehr lernen. »Hast du schon mal 'ne Kuh gesehen, bevor sie geschlachtet wird?«

»Nee«, erwiderte ich.

»Die wissen das, verstehst du. Sie wissen es. Es ist Angst in diesen großen schwarzen Augen. Es ist Angst.«

Bobby hatte auch dunkle Augen. Ich hatte noch nie so dunkle Augen bei einem Menschen gesehen. Eine Zeitlang hielt ich ihn für einen Indianer, einen Apachekrieger wie die in einem Buch, das ich einmal gelesen hatte. Cowboys und Kavallerie, wie sie die Indianer getötet haben. Ich erzählte ihm die Geschichte; er hörte zu, und als ich fertig war, sagte er: »Pa sagte, Ma stammte aus Kuba. Sie war keine Indianerin. Sie ist eine Woche nach meiner Geburt gestorben. Das ist alles, was ich je zu hören kriege. Wie ich meine Ma umgebracht habe.«

Mir gefiel der Ausdruck in seinen Augen nicht. »Oh«, war alles, was mir im Augenblick einfiel. »Was zahlen sie dir in Florida?« fragte ich.

»Und was zahlen sie dir, wo du herkommst?« fragte er.

»Einen Dollar fünfundsiebzig in der Woche.«

»Ich kriege fünf.«

Es kam mir nie in den Sinn, Billy Taylor um mehr als einen Vierteldollar pro Tag zu bitten, da sich die Hühner jetzt an den Lärm gewöhnt hatten und wieder Eier legten. Mom machte sich nicht mehr so viele Sorgen, und wir hatten genug zu essen.

»Ich will Pilot werden«, sagte Bobby, als ich mich unter die Tragfläche einer Jenny von 1916 setzte. »Ich spare mein Geld, um mir ein eigenes Flugzeug zu kaufen.«

29

Darauf konnte ich nicht viel sagen. »Hast du gewußt, daß die Brüder Wright mit einer Münze gelost haben? Der Verlierer flog als erster. Hast du das gewußt?« fragte ich in einem Versuch, ihn zu übertrumpfen. Ich wollte ihm erklären, was Billy Taylor mir vor langer Zeit erzählt hatte.

»Natürlich weiß ich das«, erwiderte Bobby. »Woher kommst du übrigens?«

Ich sagte es ihm.

Nun, in South Carolina sei er schon mal gewesen, aber nein, Abbeville kenne er nicht. Er habe aber davon gehört, die Geschichten von den Konföderierten und den Yankees und all dem. Wenn er alles zusammenzähle, sei er in New York und Minnesota gewesen und einmal auch in Cheyenne, und der Staat Washington sei wirklich schön. Die Mädchen dort seien auch hübsch. Er zeigte mir auf einer Karte all die Orte, an denen er gewesen war. Vielleicht glaubte er, beim Lügen nicht erwischt zu werden. Vielleicht fühlte er sich besser so. Ich war aus South Carolina und würde ihn wahrscheinlich nie wiedersehen.

Einige Leute haben jedoch die Gewohnheit, gerade dann wieder aufzutauchen, wenn man es am wenigsten erwartet. Bobby Sullivan war wohl der beste Freund, den ich je hatte.

Und als Billy Taylor von seiner Inspektion der Jenny zurückkam, die er kaufen wollte, sagte Bobby: »Ich werde eines Tages direkt zum Nordpol fliegen.«

»Tatsächlich?« sagte ich und stand auf. Ich wischte mir den Staub von den Kleidern. »Ich werde einmal um die ganze Welt fliegen.«

Bobby Sullivan schaffte es nie, aus Atlanta in Georgia herauszukommen. Ich sah ihn 1924 sterben.

 

John hielt inne und ließ den Bleistift fallen. Die Frau sah zu ihm hoch, neugierig, wenn nicht sogar besorgt. Sie lächelte, und er versuchte ihr Lächeln zu erwidern.

Ihr Gesicht war das erste, das er deutlich wahrgenommen hatte, und nur ihres hatte er seitdem ständig gesehen. Sie lächelte immer, verbarg aber wie seine Mutter nie diesen Blick, der sonst nur streunenden, hungernden Hunden vorbehalten war. Sie wußte nicht, was er war oder warum er es war. Sie hatten jedoch eins gemeinsam: Beide verstanden die Bedeutung eines Lächelns.

»Ich fange an, mich an mehr Dinge zu erinnern.«

Er zeigte ihr, was er geschrieben hatte, aber sie verstand nicht, was er sagte und was er tat. Sie fuhr mit ihrer Arbeit fort – packte ihren Anteil 30an den Vorräten aus. Er sah aus reiner Gewohnheit zu. Noch ein Topf mit Fett – Fett des Medizinmanns -, übelriechend, dick. Außerdem packte sie so viel rohen Fisch aus, daß sie für eine weitere Woche genug zu essen hatten. Für den Geschmack eines Apfels, eines Erdbeermilchshakes oder einer heißen gebackenen Kartoffel hätte er jetzt seine Seele verkauft.

Er hatte die Dose mit Bohnen gegessen und für seine Gier teuer bezahlt. Er hatte ihr etwas davon angeboten, aber allein schon das Aussehen und der Geruch hatten sie zurückschrecken lassen. Der Anblick von rohem Fisch drehte ihm immer den Magen um. »Himmel«, stöhnte er.

Sie äffte dieses »Himmel« nach und lächelte. Sie setzte sich neben ihn und sah ihm in die Augen. Er wußte, daß sie seine Augen mochte. Er wußte, daß sie sein Haar mochte. Sie berührte es immer wieder, als wollte sie sich vergewissern, daß es echt war. Dann brach sie immer in hysterisches Lachen aus.

Sie sah wieder auf das, was quer auf seinen Beinen lag, und fragte, was es sei.

Eskimos kannten keine Schrift.

John wußte aber, wann ihm eine Frage gestellt wurde, selbst wenn er die Sprache noch nicht verstand.

»Erinnerungen«, war alles, was er sagte. Er legte seinen gesunden Arm um sie und zog sie eine Weile eng zu sich heran.

Es gefiel ihr, wenn er das tat.

Seiner Eskimofrau gefiel aber alles, was er tat.

31

2

Kioki redet viel. Es kommt mir vor, als versuchte sie mir Eskimo beizubringen. Sie glaubt wohl, daß noch Hoffnung besteht, weil ich es schließlich geschafft habe, mit einiger Mühe ihren Namen nachzusprechen.

Sie hält einen Gegenstand hoch, gibt mir vier Worte, ihn zu beschreiben, und wenn ich den fremdartigen Lärm zu imitieren versuche, der bei ihnen als Sprache gilt, lacht sie wie hysterisch los. Mir ist nicht klar, was daran so komisch ist, nehme aber an, daß man nur zu glücklich ist, eine Chance zum Lachen zu ergreifen, jede Chance, wenn man in diesem tiefgekühlten Höllenloch leben muß. Ich lache nicht über sie, wenn sie John nicht richtig aussprechen kann.

An dem Tag, an dem ich beschloß, die nähere Umgebung dieses engen Schneehauses zu erkunden (ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll), humpelte ich hinaus und benutzte einen Walknochen als Krückstock. Ich nahm ihn aus der Wand, und das Haus fiel nicht in sich zusammen, obwohl ich es erwartete.

Kioki wollte nicht, daß ich gehe. Ich weiß auch nicht genau, warum ich es tat, denn die Außentemperatur ließ meinen Atem in der Luft gefrieren, und der heulende Wind wehte ihn mir gleich wieder ins Gesicht. Ich wußte erst dann, daß ich einen Schnitt in der Wange hatte, als die Taubheit verschwand.

Erst jetzt weiß ich, was dieser alte Goldsucher aus Anchorage meinte, als er in jener Nacht zu mir sagte: »Sonny, wenn du keinerlei Schmerz spürst, bist du in Schwierigkeiten.« Damals hielt ich ihn für betrunken.

Sogar meine Augäpfel gefroren fast. Ich habe noch nie eine so spiegelglatte Eisfläche gesehen. So weit ich blicken konnte, war das Meer flach und grau. Durch den Wind konnte ich das Grollen, Knacken und Reißen hören, als sich das Eis teilte. Da waren Männer draußen auf dem Eis, etwa acht, die alle um ein Loch kauerten, als warteten sie. Wie schafften sie das? Ich befand mich erst seit wenigen Minuten im Freien und war schon jetzt am ganzen Körper taub.

Ich konnte nicht sagen, wo Norden, Süden, Osten oder Westen war, aber rechts von mir jagte eine schwarzgraue Wolkendecke den dicksten Nebel vor sich her, den ich je gesehen hatte. Er rollte schneller heran als 32jeder Sommersturm vor den Florida Keys, aber von den Jägern da draußen nahm kaum jemand Notiz davon – ich nehme an, sie leben schon länger mit diesem Wetter als ich.

Also machte ich mich auf den Rückweg, wurde von einem Windstoß von hundertdreißig Stundenkilometern erfaßt, verlor den Halt unter den Füßen und trat in mehr als einen Meter dicken Schnee. Ich hörte das Knacken von Knochen, lange bevor ich den Schmerz spürte. Aber ich weiß, daß der Schrei Tote hätte aufwecken können. Was folgte, ist wieder verschwommen. Kioki rief: »Asuluk! Asuluk!« und ich glaube, daß zwei Leute mich wieder hineintrugen, obwohl ich nicht sicher bin.

Der Medizinmann, Asuluk, kam angerannt, zog mich von der Taille an abwärts aus und sang leise vor sich hin. Kioki hielt mir den Kopf, und kalte Hände rückten plötzlich die Knochen wieder zurecht.

Ich weiß noch, daß ich mich aufrichtete und dem, was ich für den Dorfquacksalber hielt, einen rechten Haken verpaßte, und zwar eine halbe Sekunde, bevor ich mich auf ihn übergab. Kioki schrie, und ich auch. Sie zwang mir etwas in den Schlund. Es war bitter, scharf und heiß. Die Welt drehte sich dreimal schneller, als wenn man in achthundert Fuß Höhe ins Trudeln gerät. Ich kann mich nicht erinnern, in Ohnmacht gefallen zu sein.

Doch als ich aufwachte, war ich in dicke warme Felle gehüllt, und Kioki schlief neben mir. Mein Bein fühlte sich schwer an und wie tot, mit Ausnahme eines Juckreizes, den ich durch Kratzen nicht loswurde, und ich konnte es nicht bewegen. Ich sah es mir an. Sie hatten mich mit meinem Krückstock geschient.

Mein einziger Gedanke war, noch sechs Wochen, bevor ich gehen kann. Noch sechs Wochen, bevor ich mir eine Möglichkeit ausdenken kann, hier rauszukommen.

Ich spürte Kiokis warmen Körper ganz dicht bei mir. Ich spürte ihren Atem und wartete auf den Schmerz, an den ich mich gewöhnt hatte. Doch ich spürte fast nur ihren Duft. Ich weiß noch, daß ich dachte, Gott, o Gott, warum kann sie nicht Sally sein? Aber Gott hat mir nie geantwortet, wenn ich eine Antwort am meisten nötig hatte. Kioki wälzte sich herum und kuschelte sich dichter an mich. Sie schlug die Augen auf und lächelte mich an, und ich wußte auch, was in ihren Augen zu sehen war. Also lächelte ich zurück und drückte sie für einen Moment enger an mich. Dann schloß ich die Augen, und es war nicht Kioki, die ich an mich preßte. Es war Sally – Sally, die keinen anderen Namen hatte, weil ich mir nie die Mühe gemacht hatte zu fragen.

Es ist nicht das erste Mal, daß ich Tagträume von ihr habe, und ich 33weiß auch, daß es nicht der letzte sein wird. Es kann zwar sein, daß die Erinnerung auf alten Spuren wandert, aber Tagträume machen immer ein paar Umwege.

Eins weiß ich jetzt jedenfalls genau: daß bei dem Absturz nicht meine gesamte Hydraulik draufging.

Aber jemanden zu wollen, mit dem man erst ein paar Stunden verbracht hat, hilft nicht sehr. Weil sie nicht da ist. Ich weiß, daß ich sie nie wiedersehen werde.

Verdammt. Wenn ich nur Prince Rupert erreicht hätte, dann Vancouver und schließlich Seattle, hätte ich diesmal so lange bei Sally bleiben können, wie ich wollte. Ich hätte vielleicht sogar ihren Namen erfahren.

Ich erinnere mich gut an den Sturm – wieder so ein Sturm, der mich vom Kurs abtrieb und meine Ankunft in Seattle um einen Tag verzögerte. Sicht gleich Null, Nebel so dicht, daß ich kaum die Spitzen der Tragflächen sehen konnte. Mehr durch Glück als durch meine Flugkünste entdeckte ich ein kahles Stück Berghang; in Wahrheit verpaßte ich ihn nur um knapp fünf Meter, als sich plötzlich eine Lücke im Nebel auftat.

Durch den Wald führte ein Weg, der zum Landen zu schmal war. Meine Beine waren vor Kälte verkrampft, und so begann ich zu beten. Das habe ich immer getan, wenn ich keine andere Wahl hatte. Dann sah ich es, zwei Morgen, auf denen kaum ein Baumstumpf zu sehen war, eine Stelle, die Gott nur eigens für mich erschaffen haben konnte.

Ich landete, vergaß Gott und überlegte, was ich als nächstes tun sollte.

Ich ging etwa eine Meile auf einem schmalen, schlammigen Weg und weiß noch, daß ich in dem Moment dachte, jetzt solltest du umkehren. Ich weiß noch, daß ich sagte, Schluß jetzt, nicht mehr weiter. Ich würde Miami anrufen und Sam sagen, daß ich nach Hause kam. Ich übte jedes verdammte Wort ein.

Dann sah ich den Handelsposten. Rauch stieg aus einem Schornstein auf. Rauch, Feuer, Wärme. Zehn Jahre Fliegen hatten mich gelehrt, daß Leute, die weit weg von anderen leben, für jede Gesellschaft dankbar sind.

Mir war nur nicht klar, wie dankbar einige sein konnten.

Zum Laden führten vier Treppenstufen. Ein alter Indianerhäuptling aus Holz, der seit Anbeginn der Zeiten dort gestanden hatte, bewachte die Tür. Die rote Farbe auf seinem Gesicht war so gesprungen wie meine Lippen. Der besiegte Ausdruck in seinen Augen folgte jeder meiner Bewegungen. Ich war hungrig, naß, durchgekühlt, und diese vier Treppenstufen kamen mir vor wie der Mount Everest.

34

Der Laden hatte eine Glocke, die herunterfiel, als der Nordostwind mich ins Haus schob. Ich hätte mehr als ein verblichenes Schild mit der Aufschrift BITTE TÜR SCHLIESSEN dort hingehängt. Ich stemmte mich gegen die Tür und schob sie langsam zu, hob dann die Glocke auf und versuchte zu sehen, wo sie hinpaßte.

Das war nicht ungewöhnlich; ich hatte anderen Leuten schon immer irgendwelche Dinge kaputtgemacht.

»Ganz schön windig da draußen«, sagte eine weiche, mädchenhafte Stimme. Ich hatte das Mädchen weder gesehen noch gehört.

Sie hatte grüne Augen und Haar, das so rot war wie das von Meg. Sie war nur etwa 1,55 Meter groß; sie nahm mir die Glocke aus der Hand, bestieg eine Leiter und hängte sie wieder hin. Das hätte sie gar nicht tun müssen, ich wäre auch so herangekommen. Aber ich habe nie Mühe gehabt, Dinge zu erreichen, an die andere nicht herankamen. Ich war 1,92 Meter groß – ich hatte von meinem Vater alles bis auf einen einzigen fehlenden Zentimeter geerbt. Vor dem Abflug aus Florida hatte ich meiner Mutter versprechen müssen, wiederzukommen. Sie sagte, wenn sie mich ansähe, sehe sie meinen Daddy.

Da fragte ich mich wieder, ob er sie hatte sitzen lassen und nicht gestorben war.

Nun, Mom, sagte ich mir, ich komme jetzt zurück. Du hast am Ende doch deinen Willen durchgesetzt.

»Sind Sie nach Seattle oder Vancouver unterwegs?« fragte das rothaarige Mädchen.

»Nein. Zum Pol«, sagte ich. Ich hatte es satt, wenn Leute mich fragten, wohin ich wollte und weshalb, obwohl es ihnen ohnehin egal war. Als wäre dieser Flug quer durchs Land nur für mich wichtig. Der Glanz dieser persönlichen Trophäe, für die die Zeitung in Miami zahlte, verblaßte allmählich.

»Zum Pol?« fragte sie.

War es eine Stadt, von der sie noch nichts gehört hatte? Ein neues Holzfällerlager? »Ich mußte wegen des Sturms landen.«

»Waren Sie das, der vor einiger Zeit hier herumbrummte?«

»Ich nehme es an.« Es hatte zwei Stunden gedauert, bei beißendem Gegenwind bis hierher zu marschieren. Der peitschende Eisregen hätte genügt, einen Puma zu lähmen, und jetzt schneite es. Es war Frühling, und es schneite. Ich nehme an, es ist durchaus gerechtfertigt zu sagen, daß ich restlos die Schnauze voll hatte. Doch dann sah ich ihr in die Augen, und mein Zorn schmolz dahin. Ich lächelte. Ich konnte es immer noch. Es kam mir vor wie ein Wunder.

35

Meine Mutter sagte immer, ich hätte so eine besondere Art, ein Mädchen anzusehen und zu lächeln und sie erröten zu lassen. Dieses Mädchen hier war keine Ausnahme, doch im Augenblick war ich zu durchgekühlt und angeödet, um es zu bemerken.

»Wie ist es denn?« wollte sie wissen.

»Was?« fragte ich zurück. Die Zähne klapperten mir wie verrückt.

»Da oben am Himmel.«

»Das Richtige für Leute, die mit Federn auf die Welt kommen wollten, nehme ich an.« Das war meine Standardantwort auf die Standardfrage.

»Wo ist der Pol?« fragte sie.

»Es ist die Spitze der Welt, die Arktis.« Ich hatte gerade sagen wollen, daß ich nur einen Spaß gemacht hätte, daß ich von Florida über Land nach San Francisco, Seattle, Anchorage fliegen wollte und von dort quer übers Land nach Maine, zurück nach Florida und allzu vielen Orten dazwischen, doch sie war mir zuvorgekommen.

»Da oben gibt es nichts als Eis.«

Nichts als Eis. Dem kam ich jeden Tag näher. Ich war durchnäßt, ich war durchgefroren. Alles, was ich wollte, war etwas Heißes zu trinken und ein Telefon, bevor Kälte und Erfrierungen mich umbrachten, bevor meine nassen Kleider zu Eis erstarrten. Ich konnte mir bessere Orte zum Sterben vorstellen, und Clearwater Beach, Miami, stand ganz oben auf meiner Liste.

»Wollen Sie etwas kaufen, Mister?«

Ich konnte nirgends ein Telefon sehen, nur Regale an den Wänden des dunklen Ladens – Regale mit ein paar Konservendosen, Flaschen, Blechdosen mit Tabak – und diesen alten Indianer, der mich immer noch anstarrte, obwohl ich ihn nicht sehen konnte. »Was haben Sie mir denn anzubieten?«

Sie errötete wieder. Ich wußte nicht, weshalb sie kicherte. Bobby Sullivan sagte immer, das sei ein gutes Zeichen. Es hätte vielleicht bei ihm funktioniert, aber ich war zu ausgekühlt, um mir etwas daraus zu machen. Ich fühlte mich kalt, durcheinander, angeödet.

»Haben Sie irgendwas Heißes?«

»Aber sicher. Sie sollten sich lieber abtrocknen, bevor Sie sterben. Der Erdboden ist immer noch viel zu schlammig. Wir könnten Sie gar nicht begraben. Es ist ein langer Winter gewesen.« Sie sagte es mit einem Lächeln und führte mich am hinteren Ende des Ladens in einen kleinen Raum mit Blockhauswänden. Ein Tisch, zwei Stühle, Regale an der Wand und zwei Pritschen. Als erstes fiel mir das brüllende Kaminfeuer auf. Es zog mich an wie das Licht eine Motte.

36

Sie machte mir einen Kaffee – heiß, stark und süß -, und ich setzte mich in einer winzigen Küche neben das Feuer und sah zu, wie sie mit dem weitermachte, was sie vorhin begonnen hatte, als ich, der hochgewachsene Fremde, aus dem Blizzard hereinkam. Sie war dabei, ein Abendessen zu kochen, und es roch wie eine Art Eintopf. Es roch phantastisch.

»Papa ist in Seattle«, sagte sie. »Ich bin allein hier.«

Wenn sie es in einem anderen Tonfall gesagt hätte, hätte es mich besorgt gemacht.

»Ziehen Sie die Kleider aus. Vielleicht passen Ihnen ein paar von diesen Sachen.« Sie nahm ein Hemd, das fünf Nummern zu groß aussah, und einen Lumberjack, die an Haken hinter der Tür hingen, und wühlte in einem Kasten unter einem der Betten, bis sie ein paar Hosen hervorzog. Dann widmete sie sich wieder ihrem Essen und ignorierte mich, während ich die nassen Sachen auszog und sie auf den Stuhl neben dem Feuer legte. Meine Füße waren blau. Mit einem Fußtritt schickte sie ein paar Mokassins zu mir hinüber.

Ich zog mich an, streifte die Slipper über und setzte mich auf eine Holzkiste in der Nähe des Feuers. Sie erinnerte mich an eine jüngere Meg, aber Meg war nie so schön gewesen – jedenfalls war dies mein Eindruck. Dieses Mädchen war genauso unkompliziert. Würde kaum mit der Wimper zucken, wenn das Dach einstürzte. Hatte mich, einen Fremden, der vor einem Sturm Schutz suchte, bei sich aufgenommen. Teufel, ich hätte sonstwer sein können. Sonstwer.

Sie trug ein verblichenes rotes Kleid mit einem eingerissenen schwarzen Spitzenkragen und einem Cardigan; ihre Beine waren von den Knien bis zu den Knöcheln nackt. An den Füßen trug sie Mokassins.

»Wo ist Ihr Flugzeug?« fragte sie, genau wie Meg. Kam gleich zur Sache.

»Eine Meile weiter südlich.«

»Eine Meile weiter südlich … das müßte Johnsons Farm sein?«

Johnsons Farm. Ich hatte in der Nähe dieses gerodeten Stücks Land eine verlassene Hütte gesehen und war zu dem Schluß gekommen, daß ich trockener bleiben würde, wenn ich unter der Jenny schlief. »Mag sein.«

»Was werden Sie heute abend tun?«

»Ich muß mir was ausdenken.«

»Das Holzfällerlager ist geschlossen.«

»Ja, ich bin direkt daran vorbeigegangen.«

»Heutzutage kommt kaum noch jemand hier vorbei. Aus diesem Grund ist Papa in Seattle. Freitags kommt er jedoch immer nach Hause.«

Ich nahm an, daß es Mittwoch war. Aber wenn man allein in einem 37solchen Haus lebt, verliert man vielleicht leicht die Übersicht über die Wochentage.

Sie hob den Topf auf und stellte ihn auf den alten eisernen Herd. In dem Stapel unter dem Feuer waren nicht mehr viele Scheite übrig. Sie bückte sich, nahm ein Stück Holz und warf es ins Feuer. Sie hatte hübsche Beine.

»Der Sturm könnte zwei oder drei Tage anhalten. Es gibt ein paar Dinge, bei denen Sie mir helfen könnten, wenn ich Ihnen Kost und Logis biete.«

Sie hatte den gleichen Ausdruck in den Augen wie meine Mutter, wenn sie Billy Taylor zu Gesicht bekam, wann immer er zum Essen kam und etwas für sie reparierte. Allerdings reparierte er nie das Herz, das es nötig gehabt hätte. Und so sagte ich: Hört sich gut an. Mein Name ist John Robert Shaw.«

»Ich bin Sally. Mögen Sie Eintopf, John Robert Shaw?«

Eintopf? Teufel, ja. Ich hatte seit vier Tagen nur kalte Bohnen gegessen. Aber der Eintopf war noch nicht fertig, und so gingen wir hinter dem Haus durch den Schnee zum Holzschuppen.

Ich fragte mich, ob ich an diesem Tag der einzige Kunde gewesen war, als sie sagte: »Es war früher ein Handelsposten«, als sie sich mit mir zum Schutz vor dem Schnee unterstellt und mir beim Holzhacken zusah.

Inzwischen war es spät geworden; der Wind heulte nicht mehr so sehr, aber die Hagelkörner, die aufs Dach prasselten, hörten sich an, als würden Basebälle vom Himmel fallen. Sie hielt die Lampe, während ich hackte. Ich weiß noch, daß ich dachte, du kannst dich glücklich schätzen, dieses Haus gefunden zu haben. Ich fragte mich sogar, wie groß die Chancen gewesen waren.

»Papa hat den Posten übernommen, als sein Vater starb. Jetzt leben nur wir beide hier.« Sie kauerte sich frierend in einer Ecke zusammen und versuchte, höflich Konversation zu machen.

Ich sagte ihr, sie solle ins Haus gehen. Es sei unsinnig, wenn wir beide an Kälte stürben, aber sie wollte nicht gehen, nicht, bis ich fertig war. Als ich genug Holz für sie gehackt hatte, schwitzte ich, und auch das war ein gutes Gefühl.

Wir rannten schnell die fünfzig Meter zum Haus zurück. Es schneite immer noch. »Sie sind nicht von hier, oder?« fragte sie, als mein Mantel und die Stiefel am Feuer trockneten.

»Nein, ich bin aus Florida. Ursprünglich aus South Carolina.«

»Ist das weit weg?«

Ich vermutete, daß sie nie eine Schule besucht hatte, aber genug Wörter 38und Zahlen kannte, um damit durchzukommen. Also nahm ich nach dem Essen eine meiner Karten aus der Tasche, breitete sie auf dem Fußboden aus und zeigte ihr, wo Seattle lag, dann South Carolina und Florida. Ich zeigte auf all die Orte, in denen ich bisher gewesen war, als sie neben mir auf dem Fußboden kauerte. Die Karte sagte ihr nichts. Ich konnte spüren, wie sie mich beobachtete, als sie glaubte, ich sähe nicht hin, und ich mußte etwas tun, etwas sagen. Also erzählte ich ihr, wie viele Wochen es gedauert hatte, bis hierher zu kommen, versuchte zu erklären, wie weit das Flugzeug fliegen konnte, bevor ich nachtanken mußte.

»Aber warum?«

Ich faltete die Karte zusammen. »Warum was?« fragte ich, sah sie an und entdeckte wieder, wie hübsch sie war.

»Warum fliegen Sie so im Land herum? So ganz allein?«

Ich nehme an, das war eine gute Frage, denn immerhin begann ich inzwischen selbst, die Logik des Fluges in Frage zu stellen. Warum tat ich dies? Wollte ich wirklich so eine Art schnell vergessener Held werden? Lohnte es sich, nur um mein Bild in die Zeitungen von Miami zu bekommen? Dieses Mädchen wußte nicht einmal, wo Miami liegt. Teufel, ich hätte gestern in Seattle sein sollen. Jetzt würden keine Zeitungsleute auf dem Flugplatz auf mich warten. »Ich habe das mit einem Freund geplant, seit wir Kinder waren. Von Florida nach Florida. Aber er ist am Silvesterabend '24 gestorben. Deshalb fliege ich allein.«

»Tut mir leid. Tut mir wirklich leid. Ich weiß, wie es ist, wenn jemand stirbt.«

Ich sah sie an, als sie zur Seite trat. Und da wußte ich, daß ihr Vater nicht in Seattle war und freitags auch nicht nach Hause kam.

»Wie hieß Ihr Freund?«

»Bobby.«

»Tut weh, nicht wahr? Tut sehr weh. Sie haben ihn sterben sehen, nicht wahr?«

Mehr als das, dachte ich. Mein Gesicht war das letzte, das er gesehen hat.

»Tut Ihnen sehr weh.«

Ich erwartete, daß ihr Vater jetzt jeden Moment durchgefroren und wütend aus Seattle zurückkommen konnte, obwohl ich wußte, daß er nicht kommen würde. Ich erwartete, in den Regen hinausgeworfen zu werden, obwohl ich wußte, daß es nicht passieren würde.

Sie zerzauste mir das Haar und hielt die Finger zu lange darin. »Ich wünschte, meins hätte diese Farbe.«

39

Ich betrachtete ihr Haar und versuchte zu lächeln. »Mit Ihrem Haar ist alles in Ordnung, Sally.« Das sagte ich rothaarigen Mädchen immer. Aber diesmal wollte ich es berühren und spüren, wie weich es war.

Statt dessen gab sie mir noch einen Kaffee und kletterte dann auf eine Kiste und nahm ein Fotoalbum vom Regal über dem Feuer. Sie legte es auf den Tisch. Jetzt war sie an der Reihe, etwas zu zeigen und zu erzählen. Schwarze Seiten mit Erinnerungen wurden umgeblättert, Erinnerungen anderer, da sie keinen der Leute in der Kleidung des vorigen Jahrhunderts wiedererkannte. Ich sah es ihr an, denn ich betrachtete sie mehr als die Fotos. Dann zeigte sie auf ein Hochzeitsfoto, und ich mußte hinsehen.

Es war aufgenommen worden, bevor man das Lächeln erfunden hatte. Ein bärtiger, dunkelhaariger Mann in einem dreiteiligen Anzug und seine blonde Braut, eine hübsche Dame mit verängstigten Augen, die mir vorkam, als würde sie bei einer steifen Brise wegwehen.

»Das ist meine Mutter«, sagte sie. »Papa sagt, ich sähe genauso aus wie sie.«

Ich tat also, was von mir erwartet wurde. Ich sah erst ihr Gesicht an, dann das Foto. »Nein. Sie sehen besser aus als Ihre Mutter.«

Ein solches Lächeln hate ich noch nie gesehen. »Papa sagt, sie sei verrückt gewesen, aber ich glaube, dieses Haus hat sie verrückt gemacht. Sie kam aus Washington, müssen Sie wissen. Washington, D.C.«

Blödsinn, dachte ich, aber vielleicht ist die Phantasie alles, was sie noch hat.

»Pa hat mir alles von ihr erzählt. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, nur an den Tag, an dem ich sie im Holzschuppen fand. Sie hatte sich erhängt. War ganz angeschwollen. Ich glaube, ich war fünf. Daher weiß ich, wie es ist, verstehen Sie, wenn jemand stirbt, den man geliebt hat. Papa sagte, sie sei verrückt gewesen, aber ich glaube, daß sie einsam war.«

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Um ein Haar hätte ich ihr von Bobby erzählt, aber ich wußte, daß ich nie aufhören und keinen Schlaf bekommen würde, wenn ich einmal anfing. Wenn ich mich erinnerte. Ich hatte Schlaf nötig.

Aber Sally hatte Gesellschaft noch nötiger.

»Wenn Sie sich waschen wollen, da ist heißes Wasser. Papa wäscht sich dort«, sagte sie und zeigte auf das andere Ende der Küche. »Und ich wasche mich hier.«

»Oh. In Ordnung. Ich kann solange rausgehen, wenn Sie …«

»Wozu? Draußen ist es zu kalt. Himmel, Sie haben nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.«

Sie füllte zwei Schüsseln mit heißem Wasser und ging dann zu einem 40Ende des Zimmers, ich zum anderen. Ich zog mir das Hemd aus, hängte es an einen Haken und legte die schnellste Wäsche der Geschichte hin. »Sie können in Papas Bett schlafen.«

Ich möchte gern wissen, woher sie wußte, was ich dachte.

Sie kam zu mir herüber, löste beim Gehen die Zöpfe und zog die Decken auf der Pritsche zurück. »Die Bettwäsche ist sauber.«

»Danke, Sally.«

Ihr Haar fiel ihr wie eine Wolke über nackte weiße Arme. Ich holte tief Luft; sogar mein Atem zitterte. Sie ging wieder in ihre Ecke zurück. Ich berührte die Laken. Sauber. Ich hatte seit Wyoming keine saubere Bettwäsche mehr berührt. Ich sah wieder in ihre Ecke. Sie hatte dieses verblichene Kleid heruntergestreift und trat jetzt aus ihm heraus.

Folglich betrachtete ich die Wand, während ich mich auszog und dann schnell auf die Pritsche stürzte. Im Bett lag eine Flasche mit heißem Wasser.

Sie wußte, daß ich bleiben würde – entweder das, oder sie hoffte, es wäre Freitag.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sie nach einem Nachthemd an einem Haken griff. Sie sah aus, als wäre ihre Haut noch nie von einem Sonnenstrahl berührt worden. Ich sah wieder hin. Nur so ein schneller Blick aus dem Augenwinkel – die schlimmste Art, einen Blick zu riskieren. Man sieht Dinge, die in Wahrheit gar nicht da sind, oder Dinge, von denen man zu Gott betet, sie möchten da sein. Also starrte ich an die Decke, die Deckenbalken, und fragte mich, ob diese blonde Dame mit den verängstigten Augen sich in diesem Zimmer erhängt hatte und nicht im Holzschuppen.

»Wie kommt es, daß Sie nie viel reden?« fragte sie. Ich drehte mich zu ihr um, da ich davon ausging, daß es jetzt sicher war, sie anzusehen, da sie mit mir sprach. Sie saß auf der zweiten Pritsche auf der anderen Seite des Zimmers. Ihr Kopf war unten zwischen den Knien, und sie bürstete sich ihr langes rotes Haar. Ich hätte das liebend gern für sie getan, doch statt dessen faltete ich die Hände unter dem Kopf. Es wäre ein Wunder, wenn ich überhaupt zum Schlafen kam.

»Vielleicht spreche ich nur, wenn ich muß. So bekommen die Leute keine falsche Vorstellung.«

»Papa sagt nie viel, höchstens ›Was kochst du, Mädchen? Wie lange wird es dauern? Hast du die Socken schon gewaschen, Mädchen?‹« Ich lächelte. Sie war eine gute Imitatorin. »Und wenn man zu reden versucht, wird einem gesagt ›Das braucht kein Mädchen zu wissen. Koch du nur, mach die Wäsche. Das ist alles, was du können mußt.‹«

41

Ich fragte mich, was sie seiner Ansicht nach noch wissen und können mußte. Mir gingen allerlei Dinge im Kopf herum. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte; ich wußte, daß diese Gedanken ungehörig waren, aber ich hatte dieses Foto gesehen. Ich hatte gewußt, daß er ein gemeiner alter Scheißkerl war und sie vermutlich das einzige weibliche Wesen im Umkreis von Meilen.

»Wissen Sie, was ich gemacht habe?« fragte sie leise.

»Nein, keine Ahnung«, erwiderte ich. Ich fragte mich, ob sie ein Gewehr genommen und ihrem Vater eines Abends den Kopf weggepustet hatte. Himmel, ich hatte Schlaf wirklich nötig. Die Phantasie ging wieder mit mir durch. »Was haben Sie gemacht?«

»Ich habe mir das Lesen beigebracht. Hab Ärger bekommen, weil ich las und nicht arbeitete. Daher weiß ich, daß es da oben am Pol nichts als Eis gibt. Was sagen Sie dazu?«

Ich lächelte. Und ich fragte mich, was ein anderer in meiner Lage getan hätte. Billy Taylor sagte immer, Frauen hörten Wörter, die man nicht sagte, und sähen Dinge, die man selbst nie sah. Er glaubte, sie würden alles tun, wenn sie das Gefühl hätten, geliebt zu werden, oder wenn sie geliebt zu werden wünschten. Daß es einen Unterschied zwischen Motiv und Absicht gebe. Das Motiv der Frauen sei es, geliebt zu werden, und der Mann habe die Absicht zu lieben. Manchmal träfen sie sich in der Mitte.

Ich hatte das Gefühl, daß wir uns schon sehr bald treffen würden, und der Gedanke erschreckte mich mehr als mein erster Flug.

»Und ich habe gelesen, daß das Haar wächst, wenn man es jeden Abend hundert Mal bürstet. Macht es glänzend.«

Sie warf diese Mähne in den Nacken, und ich mußte etwas tun oder sagen. Ich hustete, dann gähnte ich und tat, als streckte ich mich.

»Möchten Sie einen Whiskey?« fragte sie. »Hört sich an, als hätten Sie sich eine Erkältung geholt, John Robert.«

Sie wischte die Kaffeetasse aus und griff nach einer staubbedeckten Whiskeyflasche. Ich hoffte, es wäre selbstgebrannter, und dann wieder nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich mit Bobby eineinhalb Tage lang in irgendeiner gottverlassenen Gegend in Kentucky festgesessen, und die Leute, bei denen wir übernachteten, fuhren einmal im Jahr in die Stadt, um eine neue Rolle Kupferdraht zu kaufen. Bobby und ich hätten bei dieser Fahrt sterben können. Sterben. Oder wenn wir von der Polizei erwischt worden wären …

Der Whiskey, den sie mir reichte, roch wie selbstgebrannter. »Papa sagt, er ist so gut, daß er mehr kribbeln läßt als nur die Zehen.«

42

Ich brauchte etwas, was mehr kribbeln ließ als die Zehen. Vielleicht wußte sie nicht, was sie tat, als sie so in einem durchsichtigen Nachthemd herumspazierte. Ich wußte nicht, wohin ich blicken sollte. Ihre Augen waren auch kein sicheres Territorium. Bobby hätte für eine solche Chance sein Flugzeug hergegeben, und ich rutschte unruhig hin und her.

»Hat Papa beim Einschlafen geholfen«, sagte sie, nachdem sie mir den Whiskey gegeben hatte.

Ich richtete mich im Bett auf und probierte ihn. Mir traten Tränen in die Augen, und das Getränk brannte einen Pfad bis in die Zehenspitzen. Ich war wieder in dieser gottverlassenen Gegend von Kentucky mit Bobby und dieser ungeheuren Familie von Hillbillies, und es wurde geschossen, und … Das alles verschwand, als sie sagte: »Sie sind nett, John Robert.«

Wie oft hatte ich diese Worte gehört? Ich nehme an, daß man sich auf schlimmere Weise an mich erinnern kann. »Sie auch, Sally.«

»Wirklich?«

»Jaha.«

»Haben Sie es gemeint, als Sie sagten, ich sei hübscher als meine Mutter?«

»Warum sollte ich Sie anlügen?« fragte ich.

»Einer Fremden kann man eine Menge erzählen. Eine Fremde weiß nicht genug über Sie, um es zu beurteilen.«

»Ich beurteile Menschen nie, und hübsch kann eine Frau auf viele Arten sein.«

»Nett ist auch so ein Wort. Nett kann angenehm sein. Nett kann langweilig sein. Nett kann auch eine Lüge sein.«

Sie setzte sich auf mein Bett und inspizierte ihre Füße. Rieb die Finger zwischen den Zehen und sah mich an. Ich wünschte, sie würde das nicht tun, so eng und so auf diese Weise bei mir sitzen. Ihre Beine waren schmal und wohlgeformt und glatt auch. »Ich erzähle den Leuten immer, daß Papa bald nach Hause kommt.«

»Aber das wird er nicht.«

»Nein. Er ist letzten Winter gestorben.«

Ich sagte nichts. Wenn ich weiß, daß ich recht habe, versuche ich, es für mich zu behalten.

»Möchten Sie wissen, wie er gestorben ist?«

»Nur wenn Sie es mir erzählen wollen.«

»Wir aßen gerade, und da fängt er an zu würgen. Aber er hatte sich nicht am Essen verschluckt. Er griff sich an den Arm und die Brust, etwa 43so.« Als nächstes kam eine Imitation eines Menschen, der einen Herzanfall hat. »Und er konnte nicht atmen, und die Augen quollen ihm aus dem Kopf. Er wurde irgendwie blau und fiel einfach rückwärts auf den Fußboden. Machte ein paar schreckliche seltsame Geräusche. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich starrte ihn nur an, als er so dalag. Tot. Ich fühlte nichts. Nichts. Wollen Sie wissen, was ich dachte?«

Himmel, mußte ich das unbedingt wissen?

»Ich dachte, der Erdboden ist zu schlammig. Kann ihn erst im Frühjahr begraben.«

Sie schwieg eine Zeitlang. »Wissen Sie, was er ein paar Minuten vor seinem Tod sagte? Er sagte, wir würden ein Telefon bekommen. Er wolle das erledigen, wenn er das nächste Mal nach Seattle fahre.«

Dann sagte sie eine Zeitlang nichts, und ich schwieg ebenfalls. Bis sie es erwähnte, hatte ich vergessen, daß ich zu Hause anrufen mußte.

»Das war's, wonach Sie gesucht haben, nicht wahr? Ein Telefon. Das wollen die meisten Menschen, wenn sie sich hier draußen verirren. Obwohl nicht gerade viele Leute vorbeikommen.«

Dann schwieg sie wieder.

»Ich wollte Sie nicht anlügen, John Robert. Manchmal muß ich es tun. Manchmal weiß man einfach nicht, wer als nächster durch diese Tür da kommt. Verstehen Sie?«

»Das kann ich verstehen.«

»Aber ich habe Sie angesehen, als Sie reinkamen, und da wußte ich, daß Sie kein Holzfäller sind. Die wollen alle immer das gleiche. Und als Sie sprachen, wußte ich wirklich, daß Sie in Ordnung sind.«

Vielleicht vertraute sie zu sehr auf erste Eindrücke. Für wen hielt sie mich? Glaubte sie, ich wäre von der Taille abwärts tot? Ich hatte solche Angst vor dem, was unfehlbar kommen mußte, daß ich schwitzte. Sie bemerkte es nicht.

»Es war alles gut, bis die Holzfäller verschwanden. Manchmal hoffe ich, sie kommen zurück. Sie sind in eine Gegend gegangen, die … mehr …«

»Zugänglicher ist.«

»Ja. Wie ich höre, flößen sie die Baumstämme jetzt stromabwärts. Spart Zeit und Geld. Das ist alles, woran die Leute heute denken – Geld und Zeit. Wenn man kein Geld hat, hat niemand Zeit. Und wenn es das ist, worauf es in der Welt letztlich ankommt, ist es wohl besser, wenn ich hier draußen allein lebe, denke ich. Nur ich und der Hund.«

Sie schwieg erneut. Ich wußte nicht, was von mir erwartet wurde, und so nippte ich noch einmal an dem Whiskey und fragte mich, ob ich ihr die 44Geschichte aus Kentucky erzählen sollte, denn ich spürte, wie sich eine große schwarze Wolke des Unheils über uns zusammenbraute.

»Aber der Hund kann nicht sprechen. Ich fühle mich manchmal schrecklich einsam und wünsche mir, mit jemandem zu sprechen.«

»Das tut jeder manchmal.«

Sie wandte mir das Gesicht zu und nagelte mich mit diesen grünen Augen an der Wand fest. »Manchmal ist nicht immer«, sagte sie, und auch ihre Stimme bebte.

O Gott. O Gott, gleich würde sie weinen. Mir wurde der Mund trocken. Es war eine Reflexhandlung, ihre Hand zu berühren, und sie drückte sie so, bis kein Leben mehr drin war. Was wollte sie? Was erwartete sie von mir? Ich wußte, was ich tun wollte. Ich wollte sie ein wenig an mich drücken, dieses Haar berühren, tun, was meine Mutter mit mir tat, als ich klein war und wegen etwas durcheinander war, was nur ein Kind aufregen kann. Sie würde mich halten und mir sagen, daß alles wieder gut werden würde. Aber in einer Lage wie jetzt hatte ich mich noch nie befunden, und bisher hatte ich einer verwirrten Frau höchstens die Hand gedrückt und war dann um mein Leben gerannt. Und mit Rosie …

Rosie. Rosanna, wie sie sich lieber nennen ließ. Ich nannte sie nur Rosie, um sie wütend zu machen. Ihr hatte ich höchstens einen Kuß auf die Wange gedrückt. Eine zufällige Berührung. Einmal hatte ich versucht, ihr Bein zu drücken, als wir auf der Verandaschaukel ihres Daddy saßen. Verdammt, hatte ich dafür büßen müssen.

»Weinen Sie nicht, Sally. Es wird etwas Gutes geschehen. Vielleicht müssen Sie einfach nur etwas länger warten.«

Ich hielt ihre Hand fest in meiner. Dann lehnte sie sich an mich, und bevor ich mich's versah, hielt ich sie im Arm.

Was tat ich? Ich hatte zu Hause ein Mädchen. Auch wenn sie immer zu allem nein sagte, es sei denn, es war ein Abschiedskuß. Sie wollte einen Ring am Finger haben, bevor sie mir auch nur das geringste erlaubte. Sie wollte mich nicht mal gucken lassen. Ich fragte sie eines Tages; da rannte sie heulend davon und nannte mich einen perversen Lumpen – was immer das sein mochte.

Ich hatte versprochen, sie bei meiner Rückkehr zu heiraten, und jetzt saß ich hier und hielt ein anderes Mädchen in den Armen. Und plötzlich wußte ich, daß ich dieses Versprechen nur gegeben hatte, damit sie aufhörte, an mir herumzunörgeln. Daß ich sie bei meiner Rückkehr immer wieder nur hinhalten würde. Rosanna löste bei mir nie so etwas aus wie Sally. Wenn Rosanna dicht bei mir saß, fühlte ich nicht sonderlich viel – ich fragte mich höchstens, was sie wollte.

45

»Du bist mir nicht böse, weil ich dich angelogen habe?« fragte Sally, als sie sich frei machte und die Augen am Ärmel abwischte.

»Nein.« Ich bot ihr meine Tasse an.

»Nein. Ich kann nicht. Das Zeug macht mich verrückt.«

»Das tut uns von Zeit zu Zeit ganz gut.«

Sie nippte daran und sah mich eine Zeitlang an. »Was ist das?« fragte sie und berührte das Medaillon, das ich am Hals trug.

»Der Heilige Christophorus.«

»Wozu ist es?«

»Bringt mir Glück.«

»Hat Bobby es dir geschenkt?« fragte sie, als wüßte sie es schon durch die bloße Berührung.

»Ja, er hat es mir geschenkt.«

»Ihm hat es kein Glück gebracht.«

Das war mir schon tausend Mal durch den Kopf gegangen. Ich sah Bobby vor mir, wie er sterbend auf meinem Schoß lag. Um uns herum Leute wie ein Bienenschwarm, die einen Blick risierten und einen Mann sterben sahen. Aber die habe ich nie gesehen, nie gehört. »Nimm es, mein Freund, nimm es«, sagte er. Also nahm ich es …

Solange ich es trug, würde Bobby bei mir sein. Ich konnte ihn fühlen, meinte zu sehen, wie er mich wieder anlachte. Wie er über meine Schüchternheit lachte. Er sagte immer, ich fühlte zu viel.

»Spricht er mit dir?« fragte sie.

»Er ist tot. Er kann nicht mit mir sprechen.«

Sie lächelte ein wenig, als wüßte sie es besser, gab mir die Tasse zurück und sagte: »Ich sollte nicht trinken. Dann sage ich immer dumme Sachen. Wenn ich trinke, möchte ich tanzen.«

»Was ist daran falsch, tanzen zu wollen? Nichts ist falsch, wenn man sich gut dabei fühlt.« Ich fragte mich, warum ich das gesagt hatte. Das war eine Replik, wie sie von Bobby kommen konnte, aber nicht von mir.

»Ich kann nicht sehr gut tanzen.«

»Zeig's mir. Ich werde dir sagen, ob du es kannst oder nicht. Ich habe mein halbes Leben damit zugebracht, meiner Schwester beim Tanzen zuzusehen, also sollte ich ein Experte sein.«

Ich grinste sie an, und sie grinste zurück. Sie goß sich einen Whiskey ein, und ich setzte mich mit dem Rücken an der Wand aufs Bett. Es war leicht, mit Sally zu sprechen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, sie schon ewig zu kennen und nicht nur ein paar Stunden.

»Wie alt ist deine Schwester?« fragte sie.

Zwei Jahre jünger als ich, also müßte sie … »Fast zweiundzwanzig.«

46

»Ich habe nie eine Schwester oder einen Bruder gehabt.«

»Ich hätte Meg jederzeit gegen einen Bruder eingetauscht.«

»Meg?«

»Kosename für Margaret.«

Sally trank den Whiskey in einem Zug aus. Soso, sie trank also nicht. Und sie konnte nicht sehr gut tanzen. Worüber würde sie mich sonst noch anlügen?

Sie fing an, sich zu bewegen. Falls Musik gespielt haben sollte, habe ich sie nicht gehört. Auch ich konnte so tun, als ob. Ich wußte, daß ich lieber nicht singen sollte; der Hund, der am Holzschuppen festgebunden war, hätte unweigerlich zu heulen begonnen. Also saß ich nur da, warm, ruhig, benommen. Sie war keine Fremde mehr. Ich mochte sie, auch wenn sie log. Und mit jedem Nippen an diesem Whiskey gefiel sie mir etwas mehr.

»Lachst du über mich, John Robert Shaw?«

»Nein, ich bin nur glücklich. Es ist das erste Mal, daß ich darüber glücklich bin, daß ich wegen eines Sturms landen mußte.«

»Landen?«

»Das Flugzeug landen.«

Sie begann mit ihrem imaginären Partner zu tanzen. »Wenn morgen ein schöner Tag ist, wirst du gehen.«

»Ich muß.«

»Zum Pol.«

»Man kann nie wissen. Wenn dieser Wind sich hält, fliege ich vielleicht über den Pol nach Maine.«

»Ich wünschte, du würdest nicht gehen.«

Und in diesem Augenblick, als ich Sally mit den Augen verschlang, als sie sich in dem winzigen Raum bewegte, als mein Bauch vom Whiskey warm war und ich saubere Laken unter mir hatte, als ein Sturm draußen und ein ganz anderer in mir tobte, hatte ich auch keine besonders große Lust zu gehen, bevor eine Art Ruhe wiederhergestellt war.

Es kam mir vor, als verlockte mich etwas dazu, die Füße noch etwas länger auf der Erde zu halten. Ich war immer aufsässig gewesen. Ich hatte schon immer alles besser gewußt als jeder andere. Billy Taylor sagte immer: »Du wirst noch lernen, mein Junge. Du wirst noch lernen, oder kaputtgehen.«

Ich trank den Whiskey aus und trennte sie von ihrem unsichtbaren Partner. Barfuß in langen Unterhosen. Ihr Scheitel reichte mir fast bis zur Brust. Ihre Hände waren halb so groß wie meine. Wenn ich sie zu fest hielt, dachte ich, sie würde vielleicht zerbrechen. Doch das tat sie 47nicht. Ich trat ihr zweimal auf die Zehen, dafür trat sie mir auf meine, und so tanzten wir. Ich führte; sie folgte. Sie hätte alles getan, worum ich sie bat oder was ich mir wünschte, aber sie war diejenige, die fragte, und wir beide wollten. Sie konnte sich für ein paar Stunden an etwas klammern, was wirklicher war als eine Erinnerung oder ein Traum. Vielleicht glaubte sie, der einzige Mensch zu sein, der noch auf der Erde lebte, bis ich gerade rechtzeitig ihre Türglocke kaputtmachte.

Sie war süß. Sie roch süß und auch rauchig. Ihre Haut war blasser als meine – ich hatte viel freie Zeit am Strand zugebracht und war ständig sonnengebräunt. Aber ihre Haut fühlte sich auch anders an – weich, so weich. Als ich sie küßte, schmeckte ich Whiskey. Sie sah zu mir hoch, sagte aber nichts. Ein Blick wie der brauchte keine Worte. Sie berührte mein Gesicht, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Du wirst gehen.«

Und ich berührte ihr Gesicht und sagte: »Ja. Ich werde gehen.«

Ich preßte sie nur an mich und dachte, wie anders sie war als Rosanna. »Bin ich so hübsch wie sie?« fragte sie nach einiger Zeit.

Hatte ich laut gedacht? So laut, daß sie es gehört hatte? »Du bist hübscher als sie.« Das war keine Lüge. Ich küßte sie wieder. Ihr Mund öffnete sich ein wenig. Ich hatte Angst, sie würde mich treten, mich beißen oder mir eine Ohrfeige geben, irgend etwas. Aber sie berührte mich. Kleine warme Hände glitten über meine Haut und machten mir eine Gänsehaut, die nichts mit der Kälte zu tun hatte oder dem Sturm, der draußen toste. Und dann legte ich ihr die Hand auf den Hals und dann auf die Schulter. Ich ließ den Handrücken über eine Brust gleiten. Ich sah ihr in die Augen. Sie lächelte nicht, irgendwie schüchtern. »Darf ich?« fragte ich. Meine Stimme versagte mir fast, so daß ich es zweimal sagen mußte.

»Hast du noch nie ein nacktes Mädchen gesehen?«

Himmel, was sollte ich darauf sagen? Ich hatte Bilder gesehen, natürlich. Billy Taylor hatte mich eines Tages dabei erwischt – ich war damals fünfzehn -, wie ich mir ein paar Magazine ansah, die er in New York gekauft hatte. Er schlich sich von hinten an mich heran, während ich starrte und träumte und mich fragte, warum ich im wirklichen Leben noch nie Damen mit solchen Brüsten gesehen hatte. Meg war dreizehn, und mir war aufgefallen, daß sie sich veränderte, aber was da auf dem Zementfußboden vor mir ausgebreitet lag, war unglaublich.

»John!« hatte er gebrüllt. Überflüssig zu sagen, daß ich mir fast in die Hosen machte. Vielleicht hatte ich es sogar getan. »Was zum Teufel hast du da?« Ich konnte nicht mal schnell genug denken, um sie zu verstecken. Er verstand. O Gott, nein. »Wo hast du die gefunden, mein Junge?«

»In dieser Zeitschrift, Sir.«

48

Nun, er versuchte sein Lächeln zu verbergen und sagte mir nur, ich solle sie zurücklegen, wenn ich damit durch sei. Und wenn ich etwas fragen wolle, ich wisse ja, wo er zu finden sei. Aber was konnte Billy Taylor schon wissen? Er flog doch nur Flugzeuge.

»John?« fragte Sally erneut. »Es macht mir nichts aus, wenn ich das erste Mädchen bin, das du je gesehen hast.« Sie zog sich das Nachthemd über den Kopf. Es fiel zu Boden. Sie stand einfach da und beobachtete mich. Dann nahm sie meine Hand. »Du kannst mich berühren.«

Das hätte ich auch, wenn ich nicht am ganzen Körper erstarrt wäre.

Sie nahm meine beiden Hände, legte sie sich auf die Brüste und ließ mich sie berühren. Eine Zeitlang dachte ich, ihr sei kalt. Dann ging mir auf, wie heiß das Feuer das Zimmer gemacht hatte. Von Schweißperlen auf ihrer Stirn liefen kleine Rinnsale herab. Es war meine Berührung, die sie erzittern ließ. Und in mir brüllte es.

»Ist das schön?« fragte sie. Bevor ich antworten oder auch nur wissen konnte, was ich sagen sollte, hob sie die Hände und berührte mein Gesicht. Sie hätte sich auf die Zehenspitzen stellen müssen, um heranzukommen, und so bückte ich mich. Als sie mich küßte, war ihr Mund weit offen. Als wäre sie hungrig, als tobte es in ihr genauso wie in mir. Sie zog mir das Unterhemd aus, und ich glaube, es landete auf einem der Deckenbalken. Ihre Hände waren heiß. Ich wußte nicht, wie lange ich es noch aushalten konnte, ohne zu explodieren. Es würde schlimmer sein als Benzin auf heißer Kohle.

»Komm, legen wir uns hin. Es ist leichter, wenn wir liegen.«

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich auf, Einwände zu erheben. Sie legte sich aufs Bett und zog mich zu sich herunter. Die alte Pritsche quietschte beängstigend. Ich hoffte inbrünstig, ich würde alles richtig machen.

»Sally, ich habe nicht … ich meine, ich habe noch nie …«

Sie berührte wieder mein Gesicht und drehte die Hand dann um. Und dann berührte sich mich – überall. Mir wurde der Mund trocken. Ich schloß die Augen. »Ich habe so etwas noch nie gemacht …«

»Das macht nichts. Du wirst alles richtig machen. Das werden wir beide. Wir haben es nicht eilig …«

Viel mehr hörte ich nicht. Kurz darauf hatte ich das Gefühl, als wäre ich eine Meile bei einem teuflischen Seitenwind gelaufen, und es war mir vollkommen egal. Schlaff, benommen, warm, glücklich, schläfrig. Sie lag neben mir. Meine Schulter war ihr Kissen. Sie hatte ein Bein über meins gelegt und sagte, sie lausche meinem Herzschlag. Teufel, das tat ich auch. Mir sagte er auch so allerlei.

49

Im Kopf konnte ich Bobby Sullivan den »Hallelujah Chorus« singen hören. Vielleicht bildete ich es mir nur ein.

Wir blieben die ganze Nacht im selben kleinen Bett. Ich wußte, daß ich nie wieder und bei keiner Frau wieder so empfinden würde wie jetzt, und lange Zeit hatte ich nicht den Wunsch aufzubrechen. Ich wollte, daß sie bis in alle Ewigkeit so an mich gekuschelt liegenblieb.

Bis in alle Ewigkeit ist aber eine verdammt lange Zeit.

Der Himmel war bedeckt, als ich im Morgengrauen aufwachte – bedeckt, aber es klarte allmählich auf, verdammt. Mein linker Arm war taub – ich hatte mich die ganze Nacht nicht bewegen wollen, um sie nicht zu wecken. Ich dachte auch nicht an die Jenny, die auf Johnsons Feld wartete. Ich beobachtete Sally, als sie schlief – wie sie atmete, spürte diese weiche Wärme, die so dicht bei mir war. Ich wollte dieses Gefühl mitnehmen und wünschte mir, es würde für den Rest meines Lebens bei mir bleiben.

Etwas an ihr erinnerte mich an Bobbys Mädchen, Bess. Zwar hatten Bess und ich nie so etwas gemacht wie das hier, obwohl wir beide vielleicht ein oder zwei Mal daran gedacht hatten … Ich hatte die beiden einmal in dem Büro in Miami überrascht. Bobby hatte beide Hände voll und andere Dinge im Kopf. Bess sah mich, aber ich bin rechtzeitig rausgegangen. Danach konnte ich ihr zwei Jahre nicht in die Augen sehen.

Jetzt wußte ich endlich, weswegen Bobby so glücklich gewesen war – warum er manchmal zu spät zur Arbeit kam und trotzdem keine Schuldgefühle hatte, und warum seine Augen am Sonnabend und am Donnerstag funkelten. Endlich wurde mir klar, wo er am Freitag- und Mittwochabend gewesen war, die ganze Nacht. Und dieses dämliche kleine Lächeln, das er dann aufsetzte … Wenn ich einen Spiegel vor mir gehabt hätte, hätte ich es auch auf meinem Gesicht gesehen, das wußte ich. Wenn ich mich bemüht hätte, genau hinzuhören, hätte ich ihn wahrscheinlich sagen hören, he, Kumpel, das wurde aber auch Zeit. Gratuliere. Bei Gott, das spürte ich selbst auch deutlich genug.

Mir gingen alle möglichen Gedanken im Kopf herum, als Sally schließlich die Augen aufschlug und sah, wie ich auf sie herunterschaute. »Morgen«, sagte sie. Die Stimme versagte mir schon wieder. Verdammt.

Sie kletterte auf mich, streckte sich aus, und ich schob ihr das Haar von den Schultern. Sie sah auf mich hinunter. »Willst du immer noch gehen?«

»Ich muß.« Ich zog sie zu mir herunter und küßte sie, und sie blieb eine Zeitlang auf mir liegen.

50

»Hast du Hunger?« fragte sie mit einem Flüstern.

»Ja.« Aber mir schwebte dabei nichts zu essen vor.

Wir frühstückten eine halbe Stunde später. Es waren die besten Pfannkuchen, die ich je gegessen habe. Aber während wir aßen, sagte sie kein Wort, sondern sah mich nur mit traurigen, gequälten Augen an. Falls sie versuchte, mir Schuldgefühle einzugeben, funktionierte es.

»Sally, ich muß gehen.«

»Ich wünschte, du würdest bleiben.«

»Ich wünschte mir auch mehr als alles andere, ich könnte hier bei dir bleiben …«

»Aber«, erwiderte sie, als hätte sie es schon hundert Mal gehört.

Sie begleitete mich den ganzen Weg zu Johnsons Feld. Ihr Hund lief durch den Schlamm vor uns her. Vielleicht dachte sie, ich würde es mir anders überlegen und noch einen Tag bleiben.

Als sie die Jenny sah, hielt sie abrupt inne. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ich glaubte, sie würde in Ohnmacht fallen.

»Was ist?«

Sie stand nur da und schüttelte mit Furcht in den Augen den Kopf.

Beim Frühstück am Morgen hatte ich ihr einen kleinen Rundflug angeboten, weil ich mich daran erinnerte, wie sie gefragt hatte, wie es da oben am Himmel sei. Sie hatte gesagt, vielleicht. Doch das war vor einer Stunde, und in einer Stunde bei einem langsamen Spaziergang durch den Schlamm kann eine Menge passieren. »Möchtest du nicht mitfliegen?«

»O Himmel, nein. Nicht in dem Ding da.«

Ich versuchte ihr zu erklären, daß das Flugzeug nicht abstürzen würde, aber etwas in ihren Augen sagte mir, daß sie es besser wußte. Sie ergriff meinen Arm, und ich sah in ihre verängstigten Augen, die so aussahen wie die ihrer Mutter auf diesem Hochzeitsfoto.

Und den gleichen Ausdruck hatte ich in Megs Augen gesehen, als ich ihr auf dem Flugplatz in Miami einen Abschiedskuß gab, und auch in den Augen meiner Mutter. Rosanna kam nicht; sie sagte, wenn ich losflöge, um irgendeinen Traum zu finden, würde er sich für uns beide nur in einen Alptraum verwandeln. Wenn ich sie liebte, würde ich bleiben.

Ich spürte den festen Griff an meinem Arm – einen Griff der Angst, den ich schon kannte, und ich drückte Sally an mich. Wieder hatte ich das Gefühl, daß ich vielleicht nicht losfliegen sollte.

»Bleibst du noch einen Tag?«

Aus diesem Tag würde noch einer und dann noch einer werden. Zuviel von Sally, und ich würde nie mehr den Wunsch haben zu gehen. Und ich 51wußte, daß es bessere Orte gab, an denen ich den Rest meines Lebens verbringen konnte. Nein. Nein, ich hatte noch zuviel vor, um mich von einem verängstigten, einsamen Mädchen mit grünen Augen ablenken zu lassen. Vielleicht würde ein anderer auftauchen, der so war wie ich. Vielleicht würde er bleiben. Vielleicht würde sie finden, was sie so verzweifelt brauchte. Ich war nicht die Antwort auf ihre Einsamkeit, selbst wenn ich es in den wenigen Stunden einer Nacht hatte sein wollen.

»Ich kann nicht, Sally. Ich muß los. Das weißt du. Du weißt, was ich tun muß.«

»Für einen toten Mann.«

»Nein, für mich. Ich muß etwas für mich tun.«

Ich berührte ihr Gesicht; ich küßte sie. Aber sie erwiderte den Kuß nicht.

Sie sagte auch nicht auf Wiedersehen. Sie sah nur zu, als ich abhob und nach Seattle flog, wo ich auftanken wollte, um dann wieder nach Nordwesten zu fliegen, nach Anchorage.

Mein Gott, wie ich mir wünschte, sie hätte auf Wiedersehen gesagt.

52

3

Ich weiß nicht, wer das Flugzeug als erster hörte – der Motorlärm konnte es nicht sein, denn mir war der Treibstoff ausgegangen. Vielleicht war es das Heulen des Gleitflugs. Ich befand mich nur noch drei Meter über dem Boden, als sich der Nebel lichtete. Ich hatte die Wahl zwischen einem schneebedeckten Felsen, der nur Zentimeter von der rechten Tragfläche entfernt war, oder einer Eisscholle. Ich kämpfte, um die Maschine nach links zu ziehen.

Eine Art Strand tauchte kurz in meinem Blickfeld auf – ein Strand und neun Meter von ihm entfernt Packeis. Ich erinnere mich, einmal tief Luft geholt zu haben, und dann senkte sich eine Welle der Stille herab. Etwas tief in meinem Inneren sagte mir, das wär's. Wenn ich sterben muß, werde ich ruhig und gefaßt sterben. Ich glaube, ich murmelte etwas Dummes vor mich hin – Sally, ich liebe dich.

Dann durchschnitt ich eine Welle aus weißem Schnee, und harte Eiskristalle sprühten auf wie Gischt. Ich spürte einen plötzlichen und heftigen Schmerz. Ich erinnere mich, daß ich danach nichts mehr fühlte, denn was dann kam, erschien mir wie ein Traum.

Es war jedoch zu wirklich, um ein Traum zu sein.

Es gab keinen Laut, kein Licht – nur ein regloses graues Vakuum.

Als nächstes nahm ich wahr, daß ich auf dem Eis stand. Ich konnte die Furche sehen, die die Jenny in den Schnee gepflügt hatte, und in einiger Entfernung sah ich das Wrack. Die Maschine hatte kein Heck und keine linke Tragfläche mehr. Aber vielleicht war sie doch noch da und steckte nur im Schnee. Ich weiß noch, daß ich dachte, wie soll ich hier nur rauskommen?

Ich sah mich um; links konnte ich Meile um Meile nur Eis sehen. Ich vermutete, daß es Süden sein mußte, und rechts sah ich nur kahle Felsen und Klippen – im Norden, wie ich glaubte.

Dann hörte ich, wie eine vertraute Stimme meinen Namen rief. Ich drehte mich um. Es war Bobby. Bobby? Ich hätte ihn überall erkannt. Über einen Meter achtzig groß, Moleskin-Hosen, Stiefel, die Mütze in der Hand, die Fliegerjacke mit dem Emblem unserer Firma auf der Brust. Ich trug es auch. Ich berührte es. Meine Jacke war zerrissen.

»Wieder mal übers Ziel hinausgeschossen, was?« sagte er. Es war 53nicht mal eine Frage. Als er auf mich zuging, nahm er die Hände nicht aus den Taschen. Typisch Bobby. »Du hättest in dem Handelsposten bleiben sollen, John. Ich habe es mit allem probiert, was mir nur einfallen konnte, um dich zum Bleiben zu bewegen. Dies hätte nicht passieren sollen. Ich habe auch alles probiert, damit du in Anchorage bleibst. Du kannst es einem wirklich schwer machen. Manche Dinge ändern sich nie, nicht wahr?«

Er betrachtete die Aussicht, und ich sah seinem Gesicht an, daß sie ihm nicht sehr gefiel.

»Du kannst nicht hier sein.«

»Wer sagt das? Ich bin die ganze Zeit bei dir gewesen.«

»Quatsch. Du bist tot.«

»Du etwa nicht?« war alles, was er sagte.

Ich sah an mir hinunter. Mir fiel wieder ein, daß ich so etwas wie Schmerz gespürt hatte, als hätte etwas an mir gezerrt – an dem linken Bein, dem linken Arm. Meine Brust fühlte sich an, als käme sie mir zu den Ohren raus. Doch in diesem Moment fühlte ich mich so wie mit Sally auf dieser schlammigen kleinen Straße, als sie meine Hand gehalten hatte. Ich fühlte mich großartig. Nichts ergab einen Sinn.

»Du mußt wieder in dieses Flugzeug zurück, John.«

»Soll das ein Scherz sein?«

»Nein. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du hast noch etwas zu tun. Weißt du. Ich lüge dich nicht an. Glaubst du mir immer noch nicht?«

Er drehte sich um. Über das Eis kam ein Mann auf mich zu, den ich von irgendwoher kannte, aber ich konnte ihn nicht unterbringen, jedenfalls nicht gleich. Doch als er näherkam, war da etwas an der Art, wie er ging, wie er gekleidet war... »Dad?«

Er stellte sich neben Bobby und lächelte mich an. Er sah genauso aus, wie ich ihn seit unserer letzten Begegnung in Erinnerung hatte. Er hatte den Kopf aus dem Zugfenster gesteckt und winkte uns zum Abschied zu. Er sah genauso aus wie ich. Nein, ich sah so aus wie er. Aber er war auch tot. Was zum Teufel ging hier vor? »Deine Zeit ist noch nicht um, mein Sohn. Das ist erst in dreißig Jahren soweit. Du kannst noch nicht mit uns kommen.«

Bobby und mein Vater blickten zu der Jenny hin, und ich tat es auch. Wir sahen zu der Person hin, dem Mann, der sich dort in den Gurten verfangen hatte. Sein Kopf hing in einem komischen Winkel nach hinten. Ich konnte sein Gesicht vor lauter Blut nicht sehen. Er sah tot aus. Er sah merkwürdig aus. Dann ging mir auf, wer der arme Kerl war.

54

Ich war es.

Aber ich konnte nicht an zwei Orten zugleich sein. Das war nicht möglich. Ich hörte Bobbys Stimme wie von fern: »Ich werde nicht weit weg sein.«

Dann entstand ein Vakuum, das mich nach unten zog. Ich versuchte, dagegen anzukämpfen. Ich konnte nicht atmen. Ich war dabei, in Eiswasser zu ertrinken; ich kämpfte und wehrte mich dagegen. Dann fühlte ich riesige Hände, die mich aus dem Gewirr aus Holz und Metall herauswuchteten. Ich schleppte mich aufs Eis. Vom Hals an abwärts war alles taub. Etwas Warmes lief mir übers Gesicht. Blut auf dem Eis. Ich versuchte den Kopf zu heben; ich konnte mich aber nicht bewegen. Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen. Doch ich versuchte es. Denn ich wußte, daß ich nicht erfrieren würde, wenn ich ständig in Bewegung blieb. Das war mein einziger Gedanke: Ich möchte nicht erfrieren.

Dann vernahm ich Stimmen, Geräusche, das Knirschen von Schritten auf Schnee. Ich schlug die Augen auf. Die Sonne schien so strahlend hell, daß ich nicht richtig sehen konnte, aber ich sah genug. Fellstiefel. Eine Hand langte hinunter und berührte mich, und ich hörte noch eine Stimme. Merkwürdig. Ich versuchte zu sprechen, begann aber statt dessen zu husten.

Um mich herum stand ein Kreis von Menschen. Ich wußte, was sie waren. Sie waren Eskimos. Und nicht konnte mich vor dem bewahren, was dann folgte.

Einer von ihnen drehte mich auf den Rücken. Ich versuchte zu schreien, aber ich brachte keinen Laut hervor. Sie zogen mir die Lederjacke aus. Ich konnte genug sehen, um zu wissen, warum ich im linken Arm nichts spüren konnte. Er war unterhalb des Ellbogens fast in zwei Stücke gerissen; mein Arm hing an einem seidenen Faden.

Ich sah so etwas wie ein glänzendes Beil und schrie, aber es war nicht mein Kopf, den sie nehmen wollten; es war der Arm.

Falls sonst noch etwas geschah, kann ich mich nicht daran erinnern.

Nur an das Gesicht der Frau, den Klang ihrer Stimme, die Berührung ihrer Hände. Und Wärme. Endlich spürte ich Wärme.

Lange, lange Zeit wurde ich immer wieder bewußtlos und war nur kurze Zeit wach. Ich weiß es wegen der Haare im Gesicht und auf dem Kopf. Sie sind jetzt lang, sehr lang. Aber ich habe überlebt, und allein das scheint mir ein wahres Wunder zu sein.

Man braucht lange Zeit, sich an diesen Ort zu gewöhnen.

Die Nacht, falls es sie hier gibt, scheint nur ein paar Stunden zu dauern, so daß wohl der Sommer vor der Tür steht und damit ständiges 55Licht. Mir ist jedoch nicht nach Sommer zumute, nur dann, wenn Kioki und ich allein und zusammen sind und die Luft in dem Schneehaus warm ist – jedenfalls so warm, daß man die Kleidung lockern kann.

Ich habe Weiß nie so recht für eine Farbe gehalten, bevor ich mich hier wiederfand. Es gibt zuviel davon und wird nur durch das blaugrüne Wasser des Meeres unterbrochen, oder man sieht gelegentlich ein Stück blauen Himmel, bis wieder ein Sturm heulend herantost.

Die Stürme hier entstehen aus dem Nichts und sehr schnell. Wenn ich kann, beobachte ich sie. Das ist mir schon seit langer zeit zur Gewohnheit geworden. Schon als Kind hatte ich beobachtet, wie sich Stürme zusammenbrauen. Aber die Stürme hier sind nicht wie die zu Hause – diese heulenden Ungeheuer töten. So wie der, der mich hierherbrachte. Wenn ich also sehe, wie sich ein Sturm zusammenbraut, denke ich nicht an zu Hause. Ich denke entweder an den Absturz oder frage mich, wie viele Menschen da draußen im Sturm festsitzen und darin sterben.

Alberne, unbedeutende Dinge lassen mich an zu Hause denken. Manche Dinge sind jedoch nicht so sinnlos.

Heute bin ich zu einem kurzen Spaziergang draußen gewesen, da ich hoffte, etwas blauen Himmel zu sehen. Ich darf zwar nicht sehr weit laufen, aber Kioki half bei einer Geburt, und was sie nicht wußte, konnte mir nicht schaden. Ich beschloß, von dem hohen Felsen aus aufs Meer zu blicken, da der Wind heute nicht so schlimm war.

Einer der kleinen Jungen aus dem Dorf stand da unten und wartete auf die Rückkehr seines Vaters. Nur ein einsames Kind, das auf einem Felsen stand und wartete. Ich spürte in mir, daß sein Vater nicht nach Hause kommen würde; daß sein Vater bei dem gestrigen Sturm umgekommen war. Der Junge würde auf keinen Menschen hören. Ich humpelte zu ihm hinunter. Ich sagte kein Wort. Ich versetzte mich in die Vergangenheit, als meine Mutter mich auf der Vorderveranda fand, wo ich darauf wartete, daß Daddy die Straße entlang nach Hause kam. Ich verstand die Sprache vielleicht noch nicht, aber ich wußte genau, was dieser Junge fühlte.

Er tat, als wäre ich nicht da.

Also berührte ich seine Hand. Es wurde kein Wort gesprochen. Er blickte noch einmal lange bis zum Horizont, sank dann auf die Knie und fing an zu weinen. Ich legte ihm die Hand auf den Kopf, und er klammerte sich an mich.

So wie ich mich damals an dem Abend an meine Mutter geklammert hatte, als mir schließlich aufging, daß ich meinen Daddy nie wiedersehen würde. Damals hatte sie auch nichts weiter getan, sondern mir nur die 56Hand auf den Kopf gelegt. Ich brauchte damals ein ganzes Jahr, bis ich die Hoffnung aufgab.

Ich weiß immer noch nicht, wie diese Menschen den Tod empfinden. Ich weiß, daß sie trauern. Sie klagen und stimmen ihren Singsang an, aber dann ist es schon recht bald vorbei. Die Lücke ist gefüllt.

Ich war dreizehn, als ich zum ersten Mal einen Mann sterben sah. Seitdem habe ich noch ein paar sterben sehen, aber der erste wird mir nie mehr aus dem Kopf gehen.

Ein Betrunkener namens Ed Maginley rutschte mit seinem Lastwagen seitlich um unsere Ecke und überschlug sich. Er riß dabei den Telefonmast um, der unseren Zaun und unsere Veranda mitnahm.

Das weckte mich aus einem angenehmen Traum.

Der Lärm des Unfalls hatte an jenem Sonntagmorgen viele Leute zu früh auf die Straße gelockt. Die meisten hatten noch ihre Nachthemden und lange Unterhosen an. Der stellvertretende Polizeichef Freddie Larsen, der auf der anderen Straßenseite drei Häuser weiter wohnte, kam herausgerannt. Er hatte nichts weiter an als ein Handtuch, das er sich um die Hüften geschlungen hatte, und war im Gesicht voller Rasierseife. Ich erinnere mich aber nicht, ihn selbst so gesehen zu haben, und wenn ich es doch tat, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Ich erinnere mich überhaupt nur an wenig, weiß aber noch, daß ich mich kerzengerade im Bett aufrichtete, weil ich glaubte, Billy Taylor hätte auf unserem Dach eine Bruchlandung gemacht. Das ganze Haus erbebte. Ich rannte halbnackt hinaus, um zu sehen, was zum Teufel da passiert war. Der Telefonmast lag quer über den Zaun und unsere Veranda.

Ich lief auf die Straße, und da lag er – Ed Maginleys Lastwagen. Er hatte sich ein paarmal überschlagen, bis er auf der Seite liegenblieb.

Ich kniete mich hin, lugte hinein, fragte Ed Maginley, ob alles in Ordnung sei. Ich fragte, bevor ich richtig hingesehen hatte. Er war aufgespießt worden. Er wandte den Kopf zu mir und öffnete den Mund, doch es kam nur Blut heraus. Dann fühlte ich die Hand an meinen Hosen und rutschte auf Knien durch den Straßenschmutz. Es war Freddie Larsen, der mir sagte, ich solle losrennen, den Arzt holen und den Sheriff. Ich konnte nichts weiter tun, als mich zu übergeben, und so brüllte er statt dessen jemand anderen an.

Ich kann mich nicht erinnern, was ich fühlte, da es mir nicht wirklich erschien. Meine Mutter kam und schleifte mich nach Hause. Sie wollte nicht, daß ich mir solche Dinge ansehe, ein Junge in meinem Alter.

Ich fiel die Treppe hinauf; meine Füße versagten mir den Dienst und wollten nicht so wie ich. Dann fand ich mich auf meinem Bett sitzend 57wieder und sah durch das Fenster hinunter. Ich schwitzte und zitterte. Und ich wußte, wenn Ed Maginley noch am Leben gewesen war, als er mich ansah, so mußte er inzwischen tot sein. Ich vermutete, daß er schon tot war, als sie ihn herauszogen, als viele der Nachbarn den Lastwagen hochwuchteten und wieder auf die Räder stellten.

Sie legten Ed Maginley auf die Straße; jemand deckte ihn mit einer Pferdedecke zu. Ich wußte, daß er tot war.

Dann legten sie ihn auf die Ladefläche eines anderen Lastwagens und fuhren mit ihm weg; sein Lastwagen wurde von Denny Jones abgeschleppt, der den einzigen Traktor der Stadt besaß.

Damit war alles vorbei.

Ich legte mich auf mein Bett und starrte auf das Flugzeugmodell aus Balsaholz, das ich gemacht hatte. Es hing an einer Schnur an der Decke und flog, wann immer eine Brise durchs Fenster hereinwehte. Ich hatte es gelb und rot und grün angemalt und tat immer so, als würde ich eines Tages ein richtiges Flugzeug besitzen. Doch als ich an jenem Morgen mein Modell betrachtete, dachte ich: Wenn ein Lastwagen umstürzen und das mit einem Menschen anrichten kann, was passiert, wenn ein Flugzeug sich mit achtzig oder hundert Meilen pro Stunde in die Erde bohrt?

Eine Zeitlang wollte ich die Antwort nicht erfahren.

Dann sah ich, wie der Sheriff auf meine Mutter zuging und dann auf unser Haus zusteuerte. Ich saß auf meinem Bett und starrte immer noch das Flugzeugmodell an, als er ohne anzuklopfen in mein Zimmer kam.

»John«, sagte er mit seiner tiefen, barschen Stimme, die irgendwann schon jedes Kind in Abbeville erschreckt hatte.

»Sir.«

»Was ist da draußen passiert, mein Junge?«

Ich sah ihn an. Mir wurde wieder übel, da sein Hemd blutdurchtränkt war. Ich zuckte die Achseln. »Ich liege im Bett und schlafe, höre einen unheimlichen Krach und gehe raus. Die Veranda ist kaputt; der Zaun ist umgekippt. Ich sehe Mr. Maginleys Lastwagen auf der Seite liegen, renne hin und frage: ›Alles okay, Mr. Maginley?‹ Aber er konnte nicht sprechen, Sir, denn er hatte sich an dem Schalthebel aufgespießt, der aus dem Rücken wieder rauskam. Hier.« Ich zeigte es dem Sheriff. »Er lebte noch. Ich weiß, daß er noch lebte. Er hatte diesen wirklich komischen Ausdruck in den Augen, als wollte er, daß ich etwas tue, aber ich konnte nur kotzen.«

Meine Augen brannten.

»Du hast nicht gesehen, wie der Unfall passierte?«

58

»Nein, Sir. Hab ihn nur gehört.«

»Du warst als erster da?«

»Ja, Sir.«

»Sonst hast du niemanden gesehen? Keine anderen Fahrzeuge?«

»Nein, Sir. Für Billy Taylor ist es noch zu früh. Er kommt erst später, Sir.«

Er schwieg eine Zeitlang und beobachtete mich. »Mit dir alles in Ordnung, John?« fragte er.

Weil er Ed Maginleys Blut überall an seiner Kleidung hatte, sah ich starr auf meine Füße. Wenn der Sheriff wieder okay sein konnte, nach dem, was er soeben getan hatte – Ed Maginley von diesem Schalthebel loszubekommen -, konnte ich es auch. »Ich nehme an, es ist alles mit mir in Ordnung, Sir«, log ich.

»Bist du dir da sicher, mein Junge?«

»Ja, Sir«, log ich erneut. Diese verdammte Stimme. Sie war entweder zu hoch oder zu tief, oder ich brachte gar nichts heraus. Im Moment konnte ich nur leise krächzen. Wie bei diesen Ratten, die ich aus dem Hühnerfutter verjagte, die immer quiekten, wenn ich ihnen mit dem Besenstiel eins überzog.

Der Sheriff packte mich am Kinn und hätte mir fast das Genick gebrochen, als er mir das Gesicht hochhob, damit ich ihm in die Augen sah. Aber ich versuchte, die Tränen zurückzuhalten.

Ich hatte Leute sagen hören, man könne den Sheriff nicht anlügen, und dies war das erste Mal, daß er überhaupt mit mir gesprochen hatte. Ich wußte nicht, woher er meinen Namen kannte. Und ich fragte mich, was ihn dazu brachte, mir das Haar zu zerzausen und mir eine Hand auf die Schulter zu legen, bevor er ging. Ich fragte mich, was ihn dazu brachte, erst das Flugzeugmodell und dann mich anzusehen, zu lächeln und leise die Tür zu schließen. Ich konnte ihn draußen mit meiner Mutter sprechen hören.

Ich ging an jenem Tag wie immer zu Billy Taylor, um zu arbeiten, aber er wurde wütend auf mich, weil ich unaufmerksam war. »Was ist heute mit dir los, Johnny?«

Er war der einzige Mensch auf der Welt, der mich Johnny nennen durfte. Er fragte mich dreimal, bevor ich weinte. Ich glaubte schon, ich würde nie damit aufhören.

Billy hatte nichts von Ed Maginleys Unfall gewußt. Er war an diesem Tag auf einem anderen Weg zum Flugplatz gefahren.

Er fragte, ob ich über das sprechen wolle, was ich gesehen hätte, und ich sagte nein, es sei alles in Ordnung. Er setzte mich aber auf den Sozius 59seines Motorrads und fuhr mich trotzdem nach Hause. Denny Jones war gerade dabei, den Telefonmast von unserem Zaun herunterzuziehen, und Arbeiter der Telefongesellschaft richteten gerade einen neuen Pfahl auf. Den alten ließen sie auf unserem Bürgersteig liegen, brachten die Telefone der Leute in unserer Straße in Ordnung, die eins hatten, und dann fuhren alle weg.

Der Lastwagen war nicht mehr da, aber ich konnte ihn immer noch jedesmal sehen, wenn ich die Augen schloß.

Und ich konnte meine Mutter und Billy in der Küche hören. Ich hatte sie noch nie weinen hören, und so machte ich die Tür einen Spaltbreit auf und sah hinein. Billy hielt sie eng an sich gedrückt und sagte ihr, es werde alles gut werden, er wolle helfen, so gut er könne.

Er hob ihr Gesicht hoch, aber nicht so, wie der Sheriff es bei mir getan hatte, und mein Herz blieb kurz stehen, als er sie küßte. Ich weiß nicht, was sonst noch vielleicht passiert wäre, denn sie sah mich plötzlich in der Tür stehen, und da ließ Billy sie sehr schnell los.

Danach war er wochenlang nicht mehr zu uns ins Haus gekommen. Ich brauchte noch länger, um zu verstehen, warum.

Meine Mutter weinte zwei ganze Tage lang, und das lag auch nicht daran, daß Ed Maginley gestorben war. Wenn ich an sie denke, sehe ich eine Frau, die allein im Dunkeln sitzt und ins Leere starrt. Meg versuchte ab und zu, ihr auf den Schoß zu klettern, bekam aber nur zu hören: »Jetzt nicht. Laß mich ein Weilchen in Ruhe …« Zwei Abende hintereinander mußt ich Meg ihre Gutenachtgeschichte vorlesen, irgendeine alberne Geschichte über eine Tänzerin. Wenn ich versuchte, ein Wort auszulassen, merkte sie es sofort. Ich fand, daß sie viel zu lange in Baby blieb, bis mir klar wurde, daß die Schlafenszeit die einzige Zeit war, zu der sie Mom für sich hatte.

In Megs Zimmer war eine Wand voller Bilder von Ballerinen. Ihre Freundinnen sammelten für sie. Und während ich mein Flugzeug betrachtete, hatte sie ihre Ballettmädchen. Ich fragte mich, was Mom hatte. »In letzter Zeit weint sie dauernd«, sagte Meg an jenem Abend, und ich war überrascht, daß es ihr überhaupt aufgefallen war.

»Sie vermißt Pa.«

»Warum?«

»Er würde wissen, was zu tun ist. So, und jetzt halt den Mund. Ich versuche, dir eine Geschichte vorzulesen.«

Als Meg schlief, machte ich leise ihre Tür zu.

Dann öffnete ich die von meiner Mutter. Sie drehte sich nicht um. Sie bewegte sich nicht, senkte nur den Kopf ein wenig.

60

Sie saß im Schaukelstuhl meines Vaters am Fenster, aber die Vorhänge waren nicht zur Seite gezogen. Sie sah verängstigt, einsam und hübsch aus. Es wirkte irgendwie komisch. Sie hatte langes Haar, das sie immer hochgesteckt trug. An diesem Abend hatte sie es aufgelöst. Es hatte eine hellbraune Farbe, die in der Sonne immer wie Gold leuchtete. Sie hatte dunkelblaue Augen, die schwarz wurden, wenn sie wütend war, und ihre Nase war klein und spitz. Einer ihrer Vorderzähne war schief, und ihr Lächeln war es auch.

Vielleicht hatte ich meins von ihr.

Sie weinte nie laut. Sie schaffte es irgendwie, Tränen hinter einem Lächeln zu verbergen, und wenn ich fragte, was los sei, sagte sie nur: »Sei nicht albern. Alles ist in Ordnung.« Dann fühlte ich mich noch schlimmer, als wäre alles meine Schuld.

Ich liebte sie mehr als alles andere auf der Welt und haßte es, sie so zu sehen.

»Es ist spät, John Robert.«

Alle nannten mich John, nur sie nicht. Ich hatte den Vornamen meines Vaters, und ich redete mir ein, daß sie beide Namen nannte, damit niemand sie mißverstand.

Ich ging über den Fußboden eines Zimmers, das ich nur selten betrat, und stellte mich eine Weile neben meine Mutter. Ich wollte ihr Haar berühren. Ich hätte auch eine Umarmung nötig gehabt, aber in letzter Zeit umarmte sie mich nur noch selten. Sie sagte, ich bestünde nur aus Armen und Beinen und passe nicht mehr auf ihren Schoß. Statt ihr zu sagen, was ich am meisten brauchte, fragte ich: »Warum sitzt du immer im Dunkeln?«

»Das hilft mir beim Nachdenken.«

Sie legte das Kissen hin, das sie in der Hand hielt. Ich sah zum Bett hin; das Kopfkissen auf ihrer Seite war noch da. Es ist das von Pa, dachte ich. Ich hatte recht – sie vermißte ihn.

»Soll ich versuchen, den Zaun für dich zu reparieren?« fragte ich leise.

»Kann mir die Holzlatten nicht leisten, John Robert.«

»Vielleicht würde Billy Taylor …«

»Nein! Nein, daran darfst du nicht mal denken, und wage es nicht, ihn darum zu bitten!«

Ich wich zurück. Ich haßte es, wenn sie mich so anbrüllte. Ich hatte doch nur versucht zu helfen, einen Ausweg aus dieser schrecklichen Traurigkeit zu finden, die sie seit kurzem immer ausstrahlte.

»Wir können auch ohne Wohltätigkeit zurechtkommen.«

61

Sie sah dünn und krank aus. Unter den Augen hatte sie große schwarze Ringe. Ihre Hände zitterten, wenn sie sich die Nase putzte. Außerdem hustete sie ständig. Ich konnte immer ihr Keuchen hören, wenn ich an ihr vorbeiging. »Bist du krank, Ma?«

»Nein, ich werde wieder auf die Beine kommen. Es ist nur eine Erkältung. Geh ins Bett, mein Sohn. Dies ist die Zeit, in der ich gern allein bin.«

Ich bewegte mich nicht. Ich erkannte, daß sie zuviel allein war. Außerdem mußte ich etwas erfahren, denn immer dann, wenn ich die Augen schloß, sah ich nur Ed Maginley, der von dem Schalthebel durchbohrt war, der ihm aus dem Rücken ragte. Ich dachte später, daß er vielleicht etwas vom Wagenboden hatte aufheben wollen, als die Hausecke zu schnell auf ihn zukam. Aber ich wollte nicht mehr über Ed Maginley erfahren. Mich beschäftigte etwas anderes.

»Mom?«

»Was …«

»Ist mein Daddy wirklich tot?« fragte ich.

»Natürlich ist er das.«

Ich blickte auf die Füße, da ich nicht wußte, wie ich die wichtige Frage stellen sollte, obwohl ich wußte, daß ich es früher oder später tun mußte.

»Wie ist er gestorben?« fragte ich, und meine Stimme zitterte dabei.

Sie warf mir einen schnellen Blick zu. Ich wollte nicht weinen; ich hatte es nicht vorgehabt. Aber ich konnte es nicht ändern. Die Tränen quollen hervor und brannten in den Augen.

»Ist er wie Ed Maginley gestorben?«

»John Robert, bitte geh ins Bett.«

»Ich muß es wissen.«

Bis dahin hatte ich gedacht, ich sei ein Mann. Ich arbeitete hart und gab ihr das gesamte Geld, das ich verdiente. Ich befand mich im Stimmbruch. Ich hatte seltsame Träume. Ich war auf der Suche nach Mädchen, die ich ärgern konnte. Aber an jenem Abend fühlte ich mich hilflos und verwirrt. Statt mich wieder auszuschimpfen und mir zu sagen, ich solle mich meinem Alter entsprechend verhalten, ergriff mich meine Mutter, zog mich auf ihren Schaukelstuhl und drückte mich an sich.

Ich erzählte ihr, was ich gesehen hatte. Vielleicht glaubte ich, mein Vater sie auf so schreckliche Weise gestorben, weil sie nie ein Wort über ihn sagte. Sie sagte immer, es sei wichtig, daß wir wüßten, wie man leben, und nicht, wie man sterben muß. Aber wenn es so wichtig war zu leben, warum saß sie dann in der Dunkelheit und weinte?

Sie wiegte mich, wie sie es früher getan hatte, als ich sehr klein war. Sie war weich und warm und roch wie immer – nach Spanischem Flieder. 62Ihr Herzschlag war laut an meinem Ohr, und ihre Stimme klang sehr tief, weil sie von innen heraus kam, als sie sagte: »Dein Vater ist nicht wie Ed Maginley gestorben. Er versuchte, in Mobile drei Jungen aus einem Fluß zu retten, der gerade Hochwasser führte. Er rettete zwei von ihnen, aber er und der dritte Junge wurden von der Strömung mitgerissen. Dein Daddy ist als Held gestorben.«

Obwohl sie ihn lieber lebendig bei sich hätte. Ich auch.

»Mobile, Alabama?« fragte ich.

»Er hat dort gearbeitet.«

»Wer hat dir von seinem Tod erzählt?«

»Die Polizei kam. Der Sheriff, Fred Larsen. Reverend Willis. Aber ich wußte es. Ich wußte …«

»Wie?«

»Ich wußte es einfach. John Robert, dein Daddy würde nicht wollen, daß wir weinen, weil er nicht da ist.«

»Aber du tust doch nichts anderes.«

»Er fehlt mir, mein Kleiner.«

»Mir auch, Mom.«

»Das weiß ich.«

»Er war ein guter Vater.«

»Und vergiß mir das nie.« Sie strich mir mit der Hand übers Gesicht und sah mir in die Augen. »Wenn ich dich ansehe, sehe ich ihn.«

»Bist du sicher, Mom?«

»Natürlich bin ich sicher. Du bist das Abbild deines Vaters.«

»Nein, ich meine wegen …«

»Er ist nicht wie Ed Maginley gestorben.«

Ich schwieg eine Zeitlang. »Ich habe noch nie so viel Blut gesehen.«

»Ich weiß.«

Ich schwieg. Sie hatte mir nicht wieder gesagt, ich solle ins Bett gehen. »Er sah mich an.«

»Wer?«

»Ed Maginley. Er konnte nicht sprechen. Er versuchte es aber.«

»Was hat dir der Sheriff gesagt? Was sollst du tun?«

»Nichts. Er wollte nur wissen, ob mit mir alles in Ordnung ist.«

»Was hast du gesagt?«

»Ich hab ihm gesagt, daß es das ist. Und das stimmt auch … Einigermaßen. Ich sehe nur immer dieses Gesicht vor mir, das ist alles. Als wollte er, daß ich ihm helfe.«

Darauf sagte sie nur: »Ich glaube nicht, daß wir beide heute nacht viel Schlaf bekommen.«

63

Als ich am nächsten Tag aufwachte, hielt sie mich noch immer in den Armen.

 

Warum sind es immer die schlechten Dinge, die zurückkommen, um uns heimzusuchen? Es ist nie das Gute. Die guten Dinge kommen und gehen, lassen einen lächeln und dann mit einem Schmerz zurück, weil sie alle nicht mehr da sind.

Ich wünschte, es gäbe hier jemanden, mit dem ich sprechen kann. Es wäre gar nicht schlecht, wenn jemand einfach nur versuchen könnte, mich zu verstehen. Es gibt soviel, was ich diesen Menschen beibringen könnte, wenn sie mir nur eine Chance dazu gäben.

Vor einiger Zeit hatte ich geglaubt, einen Meilenstein erreicht zu haben, als ich Kioki beibrachte, wie man Käsekästchen spielt. Ich ließ sie zunächst lange Zeit gewinnen. Schon bald brauchte sie keine Hilfe mehr, um zu gewinnen. Das braucht sie noch immer nicht. Inzwischen spielen sie alle dieses Spiel, vor allem wenn das Wetter nichts weiter erlaubt als zu schlafen.

Manchmal wache ich in der Hoffnung auf, meine Gebete um ein Kartenspiel würden erhört werden.

Sie sieht mir beim Schreiben zu und lauscht meinen Selbstgesprächen. Weil ich beim Schreiben spreche. Das habe ich früher nie getan; vielleicht habe ich Angst, das einzige zu verlieren, was ich noch habe – meine Sprache. Ich möchte ihr gern die Dinge beibringen, die ich weiß, und ihr von den Orten erzählen, an denen ich gewesen bin, damit sie erfährt, daß es noch mehr gibt als diese kalte Hölle. Ich frage mich allerdings, ob es sie überhaupt interessieren würde. Sie hat doch Augen im Kopf und muß erkennen, daß ich anders bin. Teufel, schließlich bin ich aus einem Schneesturm in so einem hochfliegenden Vogel vom Himmel gekommen, oder etwa nicht?

64

4

Vor ein paar Tagen gab es einen kurzen Wetterumschwung – einen ganzen Tag lang Sonnenschein. Der Wind flaute zu sanften zehn Knoten ab, und ich konnte hinausgehen, den Parka etwas lockern, mir ein paar Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen lassen und von dem neun Meter hohen Felsen aufs Meer hinaussehen. Diesmal war kein kleiner Junge da, nur das schmelzende und zerbröselnde Eis im offenen Meer. Ich vermutete, daß es entweder der Aleutengraben oder die Beringsee war. Es fällt mir äußerst schwer, mich hier auch nur im mindesten zu orientieren, ob nun bei schönem oder schlechtem Wetter. Wenn ich nach dem Gefühl gehe, bin ich sicher, daß das Dorf nach Süden hin liegt. Anhand der Sterne kann ich es nicht sagen, weil der Nachthimmel nur selten sichtbar ist. Meist herrscht so dichter Nebel, daß man nicht einmal die eigenen Stiefel sieht, oder es zeigen sich Sturmwolken, der Alptraum jedes Piloten oder Seemanns.

Doch heute gab es Sonnenschein und wärmeres Wetter; das Packeis schmolz, und der gute Fang der letzten Tage – Seehund, Walroß, ein paar Seemöwen, die zur richtigen Zeit durch den falschen Luftraum geflogen waren, sowie Körbe voller Fische – sicherten zwei Dinge: Das gesamte Dorf hatte für lange Zeit genug zu essen, und außerdem würde es zu Ehren des kommenden Sommers ein Fest geben.

Ich hatte noch nie mit Eskimos gefeiert und erfuhr erst später, daß mit einem solchen Fest der Umzug auf die Sommerseite der Insel angekündigt wird. Die Feier war wie jede Party, die ich je besucht hatte – Essen, Scherze, Musik, Tanz. Wir zogen alle von einem Haus zum nächsten, dann zum übernächsten, und so weiter … Asuluk, der zu mir Distanz hielt, seit ich ihm einen rechten Haken verpaßt hatte, hielt mit seinen Geschichten die Aufmerksamkeit aller gefangen. Ich verstehe aber noch nicht, was die Leute sagen. Ein Wort oder zwei, ja.

Ich werde nicht wie der Außenseiter behandelt, als der ich mich fühle. Entweder ich mache mit bei dem, was sie für Spaß halten, oder nicht. Wenn ich da bin, werde ich akzeptiert; wenn ich nicht da bin, vermißt man mich nicht. Ich werde immer noch schnell müde, so daß ich nach Hause ging, um ein Nickerchen zu machen. Ich beschloß, wieder bei dem Fest mitzumachen, falls ich rechtzeitig aufwachte.

65

Kioki weckte mich mit ihrem Packen. Sie packte Töpfe, Schüsseln, Messer, Schaber, Häute und Kleider ein. Sie packte auch meine Ausrüstung: die beiden Parkas, die sie für mich gemacht hatte, mein zweites Paar Stiefel, das in Seehundfell gewickelte Bündel. Erst da ging mir auf, daß wir alle umzogen. Die meisten anderen waren schon verschwunden – sie konnten schneller packen und weiterziehen als ein Pfadfindertrupp.

Ein paar Kinder erschienen am Strand, um Treibholz zu sammeln. Ich wette, keins von ihnen hat je einen Baum gesehen. Sie verwendeten das Treibholz als Baumaterial und nicht als Brennstoff. Ich wollte hinuntergehen und mir näher ansehen, was die Kinder da unten taten. Ich wußte, daß es mir leichtfallen würde, hinunterzugehen; allein den Felsen hochzuklettern war jedoch etwas völlig anderes.

Ich sah den Jungen zu lange zu. Jemand erschien und rief, sie sollten sich beeilen – zumindest hörte es sich so an, und der Ruf hatte auch genau diese Wirkung. Die Jungen zerstreuten sich, da sie nicht zurückbleiben wollten. Das wollte ich auch nicht.

Kioki war schon aufgebrochen. Ich konnte nur sehen, wie sie beim Ziehen ihres Schlittens dahinwatschelte und wie tiefe Spuren die Kufen in dem tauenden Schnee zurückließen.

Ich brauchte lange, um sie einzuholen, und den größten Teil der Strecke humpelte ich schweigend neben einer sehr alten Frau her, die ich ein paarmal gesehen hatte. Aber wir hatten zuvor noch nicht einmal ein Lächeln gewechselt. Ich weiß nicht, wer sie war oder zu welcher Familie sie gehörte. Die anderen nahmen von ihr nicht mehr Notiz als von mir. Ich bot ihr an, ihr durch den Schlamm zu helfen, sobald wir auf der winddurchtosten Ebene waren, aber sie ließ es nicht zu.

Kioki wurde langsamer. Von Zeit zu Zeit sah sie sich um, um zu sehen, wo ich war. Dann rief sie etwas. Auf diesen Ebenen tragen Laute fast so weit wie auf Wasserflächen.

In meinen jüngeren Jahren, als ich noch einen gesunden Arm hatte, hätte ich einen Baseball quer über die Breite der Insel werfen können oder zumindest vom Süd- bis zum Nordufer. Ich hätte die Strecke laufend zurücklegen können. Aber bei dem Marsch jetzt hatte ich das Gefühl, als wären es hundert Meilen. So ließen wir die Erdhöhlen zurück, die wir im Winter bewohnt hatten. Und jedesmal, wenn ich innehalten mußte, um wieder zu Atem zu kommen, fragte ich mich, in was für Unterkünften sie auf der anderen Seite lebten. Ich war seit dem Absturz noch nie so weit gegangen, und das Atmen fiel mir immer schwerer. jetzt glaube ich, daß das der Grund war, warum Kioki sich immer wieder nach mir umsah. Sie machte sich nicht wegen der alten Dame Sorgen, die 66neben mir her trottete. Sie machte sich meinetwegen Sorgen. Ich erinnerte mich an das, was dieser alte Goldsucher aus Anchorage mir erzählt hatte. Meine Füße waren zwar naß, aber solange sie weh taten, wußte ich, daß ich nichts zu befürchten hatte.

Dann hörte ich den dumpfen Aufprall und das Platschen von etwas, was dicht hinter mir in den Schlamm gefallen war. Die alte Dame war hingefallen. Mir schoß der Gedanke durch den Kopf, daß das nicht passiert wäre, wenn ich ihr die Hand hätte halten dürfen. Sie lag mit dem Gesicht nach unten und hustete und schnaufte. Ich rief um Hilfe, aber niemand drehte sich auch nur um. Jemand begann zu singen; es war wohl eher eine Art Singsang, der ansteckend wirkte. Ich wußte nicht, was geschah. Ich konnte die Frau nicht einfach dort liegen lassen. Ich versuchte, ihr Gesicht aus dem Schlamm zu bekommen, und bemühte mich nochmals, laut zu rufen, damit mich jemand trotz dieses verdammten Singsangs hörte. Da saß ich nun in fünfzehn Zentimeter tiefem Schlamm, drehte die alte Dame um und versuchte sie zu stützen, damit sie nicht erstickte. Zunächst wurde sie wütend, und ich wußte nicht warum. Dann ging mir auf, daß sie im Sterben lag. Offenbar legten sich die Eskimos gern so zum Sterben nieder – allein und ohne viel Aufhebens.

Ich betrachtete ihr altes, wettergegerbtes Gesicht. Ich konnte nicht verstehen, warum ich bei ihr war und nicht ihre Söhne oder Töchter. Sie blickte zu mir hoch. Ihr ganzer Zorn war inzwischen verraucht, und sie lächelte. Sie hatte nicht mehr allzu viele Zähne. Wenn man fünfzig oder sechzig Jahre auf Mukluk herumkaut, nutzt sich jedes Gebiß ab. Sie griff nach meiner Hand, sagte etwas zu mir und hörte dann auf zu atmen. Ich hatte ein paar Stunden in Erster Hilfe genommen – das hatte ich tun müssen, um meine Fluglizenz zu bekommen. Um ein Haar hätte ich bei ihr Wiederbelebungsversuche gemacht, doch etwas hielt mich davon ab. Ich weiß nicht genau, was es war. Ich sah sie nur an und wußte aus irgendeinem Grund, daß das, was ich vorhatte, falsch war.

Diese alte Dame war der zweite Mensch, der in meinen Armen starb. So etwas vergißt man nie, niemals. Sie starb mit diesem Lächeln auf dem Gesicht, als wäre sie zufrieden, daß es zu Ende war. Und ich fühlte mich nicht traurig. Vielleicht lag es daran, daß ich sie nie gekannt hatte. Trotzdem hatte sie sich einen guten Tag zum Sterben ausgesucht.

Ich legte die alte Dame wieder in den Schlamm und blickte hoch. Knapp hundert Meter entfernt sah ich einen Halbkreis von Eskimos, und es herrschte eine sehr laute Stille. Als hätte jeder einzelne von ihnen um den Augenblick gewußt, in dem sie starb. Dann wandten sich alle ab und gingen weiter, alle außer Kioki.

67

Sie wartete auf mich. Wieder einmal.

Das gab mir reichlich Stoff zum Nachdenken. Wenn das ihren alten Menschen passierte, wenn sie nicht mehr von Nutzen waren, warum um Gottes willen gaben sie sich dann die Mühe, mich zu retten? ich bin nicht von großem Nutzen, selbst wenn ich mein Bestes gebe; wenn es mir besser geht, werden sie von mir erwarten, daß ich mit den anderen Männern auf die Jagd gehe und zum Fischen, das weiß ich. Wenn ich richtig gehen könnte und zwei Arme und zwei gesunde Hände hätte, wäre ich jetzt mit ihnen draußen. All diese Wenns.

Allerdings kann ich mir selbst noch nicht wieder trauen. An manchen Tagen ist die Erinnerung an das verschwunden, was erst gestern geschehen ist. An manchen Tagen kenne ich meinen Namen nicht. An anderen weiß ich nicht einmal, wer Kioki ist. Aber ich glaube irgendwie, daß ich gesehen habe, wie all diese Menschen sich umdrehten und dann weitergingen … nun, das werde ich niemals vergessen, nie.

Ich weiß noch, daß ich Kioki bei der Hand nahm und mit ihr ging, aber was danach geschah, kann ich nur vermuten. Als wir in dem anderen Dorf eintrafen, hatte ich die alte Dame, die da draußen tot im Schlamm lag, schon so gut wie vergessen.

Ich kann mich vage daran erinnern, die Sommerseite der Insel gesehen zu haben. sie sah kaum anders aus als die Winterseite, wenn man davon absieht, daß es hier keinen Strand gibt. Das Meer trifft auf Felsen, und ein Blick auf das Wasser verrät mir, daß es ein ziemlich großer Schritt hinunter wäre. Wahrscheinlich ohne Ende. Sturmwolken zogen von Norden heran, und eine Weile glaubte ich da draußen im Norden oder Nordnordosten Inseln zu sehen. Was ich zu sehen glaube, ist oft nicht da, aber ich werde es schon früh genug erfahren.

Die Häuser hier sind fast genauso wie die anderen; sie werden in den Erdboden gegraben und sind etwas größer. Jedenfalls sind es ganz gewiß keine Iglus. Diese Menschen können in ein paar Stunden eine Unterkunft bauen. Die Erdwohnungen werden nur vorübergehend bewohnt und benutzt, wenn die Jagd die Eskimos für längere Zeit von zu Hause wegführt. Vielleicht leben manche weiter nördlich in Iglus; ich weiß nur, daß diese Menschen es nicht tun.

Kioki und ich leben in einem Raum zusammen, der etwa 4,2 Meter Durchmesser hat, und die Decke ist so hoch, daß ich aufrecht stehen kann. Ich bin vermutlich der hochgewachsenste Mann, den die Leute hier je gesehen haben. Das Bett ist wieder eine erhabene Plattform; der Tisch, an dem wir sitzen und essen, besteht auch aus festgestampftem trockenem Lehm in mehreren Schichten. In diesem Haus wird es durch 68die Lampe und die Körperwärme so warm, daß wir einige Kleidungsstücke ablegen können. Es ist jedoch nicht die Wärme, an die ich gewöhnt bin.

Da ich gerade von Wärme spreche: Kioki nennt mich nicht John. Sie nennt mich Floreeda. Vielleicht spreche ich so viel von Florida, daß sie das irrtümlich für meinen Namen hält.

Ich weiß nicht, wessen Kleider ich trage. Ich beobachte Kioki manchmal verstohlen und frage mich, ob sie verheiratet war und er auf der Jagd oder in einem Sturm gestorben ist. Der Himmel weiß, daß das Wetter hier der schlimmste Feind von allen ist. Ich kann mich fragen, soviel ich will. Ich werde wahrscheinlich nie sehr viel über diese Frau wissen. Kioki. Besser kann ich nicht ausdrücken, wie ihr Name klingt. Und dazu muß ich ihn sogar ein wenig abkürzen.

Ich verstehe nicht, warum ich hier mit ihr lebe. Eines Tages finde ich vielleicht einen Grund für all das. Eines Tages.

Manchmal lacht sie ohne ersichtlichen Grund. Dann werden diese kleinen Augen lebendig. Manchmal fühle ich mich seltsam, weil ich keinen Grund finden kann, ihre Freude zu teilen, und wenn ich nicht mit ihr lache, verletze ich ihre Gefühle. Das möchte ich nicht, aber ein großer Schauspieler bin ich auch nie gewesen.

Ich verbringe viel Zeit mit Schlaf. Wenn ich starke Schmerzen habe, fällt es mir schwer, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Sie wird mir etwas von dieser bitteren, heißen Mischung geben, und nach einer Minute oder so dämmere ich hinüber.

Ich spüre immer noch den Arm, den sie mir abgenommen haben. Meine Hand juckt. Ich versuche, sie zu kratzen, aber sie ist nicht da. Ich versuche, ohne den Walknochen zu gehen, kann aber nicht verhindern, daß mein Bein schleift. Ich kann es jetzt überhaupt nicht mehr beugen. Ich versuche es, aber der Schmerz wird dann so stark, daß ich entweder ohnmächtig werde oder mich übergebe, was immer als erstes passiert. So gut wie immer habe ich das Gefühl, als würde mir der Kopf in fünf Stücke zerspringen. Und wenn es schlimm kommt, kann ich wegen des Nebels, der nichts mit dem Wetter draußen zu tun hat, überhaupt nichts sehen.

Und wenn meine Gefühle ins Trudeln geraten, bin ich ebenso außer Kontrolle wie das Flugzeug von Bobby Sullivan, der bei dieser Flugschau abgestürzt ist.

Manchmal wache ich mit einer solchen Gier auf eine Orange auf, daß ich sie riechen kann. Sie haben im Wrack aber nur eine gefunden. Und als ich es endlich geschafft hatte, sie aufzutauen, war sie innen verfault. 69Ich weiß, daß ich in der Jenny einen ganzen Beutel mit Orangen hatte. Dazu Konservendosen mit Bohnen, Dosenfleisch, trockene Kekse, Kleidung, Geld. Ich hatte sogar einen Revolver, einen sechsschüssigen Colt .45. Der Himmel weiß, wo die Sachen geblieben sind.

Mein Haar ist jetzt länger und wächst mir schon über die Ohren, und einen Bart habe ich früher nie gehabt. Ich beschloß, mir einen wachsen zu lassen, nachdem mein Gesicht damals vom Eis zerschnitten worden war. Wenn ich es mir überlege, müßte ich inzwischen rund ein Jahr hier sein.

Komisch, daß ich das Gefühl habe, es wären zehn.

Ich bin im April aus Anchorage abgeflogen. Miami muß ich im Februar verlassen haben. Es steht in meinem Logbuch, aber die ersten zwanzig Seiten kann ich abschreiben. Ich weiß nicht, wo sich die Maschine befindet; sie landete vermutlich in der Schneeschmelze oder ist mit dem Packeis abgetrieben und klopft inzwischen an der sibirischen Küste an.

Meine Träume werden eigenartiger. Ich kann mich nicht erinnern, was gestern geschehen ist, aber an die Zeit vor zwanzig Jahren erinnere ich mich mühelos. Und jetzt verfolgen mich den ganzen Tag Träume. Der häufigste Traum, zugleich der, den ich am meisten hasse, sieht so aus: Ich stehe auf dem Packeis und schreie zu einer de Havilland hoch, die in fünfundzwanzig Meter Höhe über mich hinwegfliegt. Die Besatzung sieht mich nicht. Ich habe auf dem Eis mehrere Feuer gemacht. Der gelb-grünen Jenny ist nur der Treibstoff ausgegangen. Ich habe sogar einen Landstreifen freigemacht, um abheben zu können. Ich schreie um einen Tropfen Treibstoff, und die de Havilland legt sich in die Kurve und verschwindet.

Niemand nimmt mich wahr.

Ich wache weinend auf, und dann ist sie da, um mich zu berühren und mich zu halten.

Die Träume werden so schlimm und so quälend, daß ich nicht mehr schlafen möchte. Aber wenn ich gegen den Schlaf ankämpfe, hat mein wachender Geist ganz eigene Träume.

Ich hätte Kioki fast umgebracht, weil ich glaubte, etwas gesehen zu haben. Ich war immer noch dabei, mich an dieses neue Haus zu gewöhnen und den veränderten Tagesablauf. Sie kam mit neuen Vorräten herein, hauptsächlich rohem Fisch, was uns für ein paar Tage genug Essen sicherte, und außerdem hatte sie einen Beutel voller Beeren bei sich, welche die Kinder gepflückt hatten. Sie nannten es sue wuk; mir kommen sie ein wenig wie Blaubeeren vor, und sie schmecken auch so.

70

Sie hatte etwas Neues am Hals. Ich konnte zunächst nicht sehen, was es war, jedenfalls nicht deutlich. Und vor der Tür stand ein Schlitten, den ich noch nie gesehen hatte, aber etwas daran war mir vertraut.

Ich sah genauer hin.

Der Propeller der Jenny war in zwei Stücke zerhackt worden. Aus dem Propeller waren Schlittenkufen geworden.

Ich habe nie zuvor einen solchen Zorn gespürt und möchte ihn auch nie wieder spüren.

Vielleicht hatte ich diese verrückte Vorstellung oder Hoffnung, irgendwann, wenn ich wieder mehr als fünfzig Meter auf einmal gehen konnte, das Flugzeug, wo immer es sich befand, irgendwie auf die Insel bringen zu können, um es irgendwie wieder flugtüchtig zu machen und von hier wegzufliegen.

Ich schrie Kioki an. Sie sah mich daraufhin nur mit einem leeren Blick an. Hinter diesen kleinen Knopfaugen war niemand zu Hause. Ich haßte es, wenn sie diesen leeren, starrenden Blick hatte. Dann zwinkerte sie und begann, die Vorräte auszupacken. Sie ignorierte mich. Das war schlimmer.

Wut hatte ich schon erlebt, aber niemals Haß, und ich war noch nie gewalttätig geworden. Doch jetzt war kein Raum für ein Warum, und es konnte auch keine Rede davon sein, bis zehn zu zählen. Ich sah buchstäblich rot.

Ich hatte noch nie eine Frau geschlagen, aber diesmal konnte ich nicht aufhören. Schlimmer noch, ich wollte es auch gar nicht. Und während ich mich immer mehr in meinen Zorn hineinsteigerte, sah ich überall Stücke meines Flugzeugs, Stücke von der Tragflächenleinwand, die jetzt zu Flicken auf Kiokis Mantel geworden waren. Ich sah Vorhänge aus Tragflächenleinwand vor nicht existenten Fenstern. Der schlimmste Anblick aber war, glaube ich, der Öldruckmesser, der an geflochtenem Draht an ihrem Hals hing. Ich wollte ihn wiederhaben, aber das verdammte Ding wollte sich nicht lösen.

Ich weiß noch, daß ich sie mit Fußtritten traktierte, als sie zu Boden sank. Ich hörte ihre Schreie nicht – meine waren zu laut.

Sie schrie, weil ich dabei war, sie umzubringen.

In diesem Augenblick müssen die Männer gekommen sein. Es waren etwa drei von ihnen nötig, mich von ihr loszureißen und niederzuhalten. Sie tauchten aus dem Nichts auf wie diese arktischen Stürme. Die Männer waren klein, dicklich, und jeder von ihnen schien jünger zu sein als ich und dazu doppelt so stark. Und derjenige, der mich geschlagen hatte, hatte nur ein gesundes Auge.

71

Es war dieser Schlag, der dem Alptraum ein Ende machte. Ich lag im Regen auf der Erde und fragte mich, was zum Teufel passiert war.

Von Kioki habe ich nur noch in Erinnerung, daß ihr Gesicht angeschwollen und voller Kratzer war, daß ihre Nase blutete, ihre Augen schwarz waren und daß man an ihrer Kehle rote Würgemale sah, als Asuluk sie hinaustrug.

Dann schleiften sie mich weg. Auf der Stelle.

Ich nehme an, Gottes Strafe besteht darin, daß ich mich ganz genau an alles erinnere.

Sie schleppten mich in ein kleines Verlies von der Größe einer Hundehütte – dunkel, eng, stinkend. Der Mann, der etwa so alt war wie ich, der mit dem einen Auge, versetzte mir mit seinem Stiefel noch einen Tritt, bevor er ging.

Ich blieb sehr lange allein in der Dunkelheit liegen, bevor Asuluk hereinkam. Sie hatten mich ziemlich verprügelt; ich konnte nichts weiter tun als dazuliegen und mir den Tod zu wünschen, damit alles vorbei war.

Der Medizinmann setzte sich und starrte mich eine Zeitlang an.

In den Händen hielt er eine Sammlung von Steinen. Er begann mit seinem Singsang, warf die Steine in die Luft, beobachtete, wie sie fielen, und verstummte. Er streckte die Hand aus und berührte mein Gesicht. Ich zuckte zusammen, er aber auch. Er sagte etwas, was sich anhörte wie: »Lieg still. Ich tu dir nicht weh.«

Er drehte meinen Kopf und berührte genau die Stelle, wo der Schmerz mich fast wahnsinnig werden ließ. Dann stimmte er wieder seinen Singsang an.

Ich beruhigte mich beim Klang seiner Stimme, diesem leisen, fernen Summen. Er wühlte in seinen Kleidern, fand ein Stück eines Walroßstoßzahns mit Schnitzereien und rieb es an meinem Kopf.

»Kioki? Wo ist sie?«

Er sah mich an und sagte nichts, aber ich sah seinen Augen an, daß er jedes meiner Worte verstanden hatte. Aber wie soll man Gefühle beweisen? Ich brauchte eine Antwort. Ich mußte Bescheid wissen. Ich wußte nicht, ob ich sie umgebracht hatte oder nicht. Ich wollte nur eins, ihr Gesicht sehen, um sicher zu sein, daß sie wohlauf war.

Asuluk sagte nichts. Er stimmte wieder seinen Singsang an. Seine Stimme klang leise, summend, wurde aber stetig höher, und das bißchen Tageslicht, das ich gesehen hatte, war bald verschwunden.

Als ich aufwachte, lag ich immer noch in der Hundehütte und war immer noch allein. Vielleicht war dies die Eskimo-Entsprechung der Gefängnisse des weißen Mannes.

72

An der niedrigen Decke hingen Stoffstreifen, die grob aus Wolle gewebt waren; vielleicht war es auch Fell oder Gras.

Ich sah eine Flamme, die aus einer Blechdose loderte. Ich war nackt und nur mit einem Bärenfell zugedeckt. Es war das gleiche Fell, das ich Asuluk hatte tragen sehen. Auf meiner Brust lag ein Kreis aus Steinen, die dort mit irgendeinem klebrigen dunklen Zeug befestigt waren. Doch inzwischen war alles Böse eines natürlichen Todes gestorben. Ich war wieder ich selbst, jedenfalls bis mich etwas anderes in einen Dämon verwandelte. Wenn ich nur wüßte, wann es wieder soweit ist. Dann könnte ich mich von diesen Menschen entfernen. Ich habe in meinem ganzen Leben niemandem weh tun wollen. Ihr am allerwenigsten.

Ich rief, doch niemand kam. Halb erwartete ich auch nicht, daß jemand erschien. Ich richtete mich auf. Ich hatte am ganzen Körper Kratzer und kleine Wunden; meine Oberlippe war zu doppelter Größe angeschwollen und aufgeplatzt. Ich betrachtete eine Zeitlang die Blechdose und beobachtete die Flamme, die von dem Fett gespeist wurde. Die Dose war durch jahrelangen Gebrauch geschwärzt. Ich bewegte mich ein wenig, um besser zu sehen, und erkannte eine Schrift, ein Wort.

Es war Russisch.

Russisch? Waren hier schon andere durchgekommen? Natürlich. Was hatte ich erwartet? Pelzhändler im letzten Jahrhundert. Die promyschlennitski. Wie weit vom Festland Alaskas befand ich mich denn?

In der Hundehütte war es dunkel, aber ich konnte an der Innenwand dieser Hütte erkennen, daß sie nicht nur aus Treibholz bestand. Über meinem Kopf sah ich gekreuzte Deckenbalken und maschinengeglättete Winkel. Ich streckte die Hand aus und berührte das Holz. Es sah aus und fühlte sich an wie poliertes Mahagoni.

Von einem Flugzeug?

Nein.

Einem Schiff? Schon wahrscheinlicher.

Aber gab es auf einem Fischerboot Mahagoni? Vielleicht von einem Walfänger?

Wohl kaum.

Ein Dampfer? Ein Passagierschiff? Vielleicht sogar ein Eisbrecher?

Wahrscheinlich.

War ein russisches Schiff gesunken? Hatte es im Packeis festgesessen?

Ob ich es wohl je erfahren würde?

Ich versuchte aufzustehen. Es war fast unmöglich. Ich war von den gleichen Steinen eingekreist, die der Medizinmann mir auf die Brust gelegt hatte. Ich hüllte mich in das Bärenfell, so gut es ging, und mußte 73blinzeln, als ich ins Licht hinaustrat. Es regnete wieder. Meine nackten Füße waren taub. Ich stand halb bis zu den Schienbeinen im Schlamm, und das Haar wehte mir ins Gesicht. Wenn es mir nicht bald gelang, es zu schneiden, würde mir jemand diese verdammten Strähnen zu einem Zopf flechten müssen. Mein Bart juckte. Ich konnte nicht richtig sehen. Fühlte mich benommen.

Ich rief wieder etwas. Keine Reaktion. Es gab sechzehn Häuser wie unseres. Häute und Stoff bedeckten die Eingänge. Das gesamte Dorf war menschenleer. Ich sah keine Hunde, keine Schlitten, keine Kinder. Niemanden, keinen Menschen. Sie waren verschwunden. Es war eins der schlimmsten Gefühle, die ich bisher hatte ertragen müssen – die plötzliche Erkenntnis, sehr allein und hilflos zu sein.

Ich geriet in Panik. Das letzte Mal war ich beim Tod Bobbys in Panik geraten, doch das war eine stille, innere Panik geworden, die zu einem Schrei der Verleugnung geworden war, als die Maschine auf der Erde aufschlug. Es war keine Panik wie diese. Ich rief erneut – ich weinte. Ich schrie und weinte so sehr, daß meine Stimme heiser wurde. Und immer noch kam niemand.

Mein Verstand sagte mir, daß ich wieder zum Feuer hineingehen mußte, ins Trockene, daß niemand mich im Stich gelassen hatte. Vielleicht hatten sie einen Wal getötet.

Natürlich. Das war es. Es mußte so sein. Wenn ein Wal getötet wurde, ging das ganze Dorf hin. Ja, es war ein Wal. Mußte es sein. Sie hatten mich aufgenommen, hatten mir geholfen, mich ernährt, mich mit ihrem Singsang vom Tod ins Leben zurückgeholt, hatten mit mir zu kommunizieren gesucht, mir vorgesungen und lange Geschichten erzählt, von denen ich nichts verstand, aber über die ich lachte, wenn es alle anderen taten, und folglich würden sie mich jetzt nicht im Stich lassen. Teufel, sie wußten, wer ich war, was ich war. Nur weil ich ab und zu ein bißchen verrückt wurde … das würden sie mir doch nicht antun, bei Gott doch nicht? Ich kannte sie.

Und ich kannte Kioki. Sie würde nicht zulassen, daß sie mich verlassen, nicht jetzt.

Also ging ich wieder hinein und stzte mich in den Kreis aus Steinen und legte diejenigen, die ich beim Verlassen der Höhle zur Seite getreten hatte, wieder an ihren Platz zurück. Ich zog das Bärenfell enger um mich.

Und dachte nach.

Wenigstens dieses eine Mal dachte ich klar. Zumindest versuchte ich es, weil ich mich hier drinnen fast sicher fühlte.

74

Vielleicht lag es an dem Kreis aus Steinen. Es ist schwer zu sagen; ich bin nie sehr abergläubisch gewesen.

Ich betrachtete die Dose, und allmählich kehrte die Wärme zurück. Es war jedoch nicht die Wärme, die ich wollte. Was ich mir am meisten wünschte, würde ich nie wieder haben, das wußte ich. Ich wollte, daß jemand, den ich kannte, zur Tür hereinspazierte und mir sagte, ich hätte nur einen bösen Traum gehabt. Ich wollte, daß es meine Mutter war. Ich wollte wieder ein Kind sein. Ich dachte an meine Familie. Teufel, wenn Rosanna in genau diesem Augenblick hereingekommen wäre, wäre ich mit ihr weggelaufen. Warum dachte ich nur selten an sie? Warum wollte ich ein Mädchen, das ich nur aus einer Nacht kannte, und nicht das Mädchen, das ich heiraten sollte?

Was würde Rosanna sagen, wenn sie mich jetzt sehen könnte? Acht Wörter ganz bestimmt: Du liebe Güte, sieh dich doch nur an.

Dann würde sie mir vermutlich etwas zeigen wollen, was ihr Daddy ihr gekauft hatte. Daddys kleiner Engel. Doch Daddy kannte sie nicht so gut. Er starb, bevor er die Chance dazu erhielt.

Ihr Vater, der Oberst. Der kleine Mann mit der Sammlung von Schwertern und Handfeuerwaffen, der kleine Mann mit dem stahlgrauen Haar und dem Herzen, das so warm war wie ein Winter in Alaska.

Er war im Ersten Weltkrieg verwundet worden und hatte bei der Rückkehr zu Hause einen anderen Krieg vorgefunden. Ich habe nie die ganze Geschichte erfahren und wußte auch nicht, weshalb er für die Zeitung an der Columbia University zu schreiben begann und beim Ku Klux Klan Mitglied wurde, bevor er sich im Dezember 1924 erhängte.

Mir, dem Jungen, der seiner Tochter den Hof machte, kam er nicht vor wie ein Mann, der Selbstmord begeht; er kam mir eher wie ein Mann vor, der viele Feinde hat. Ich habe ihn jedoch nie kennengelernt; Rosanna aber auch nicht, wie ich glaube. Der Daddy, von dem sie so viel sprach, schien beim Vergleich mit dem launischen alten Scheißkerl, den ich kannte, eher das Produkt einer übererregten Phantasie zu sein. Die meisten Menschen fürchteten ihn; mit der Furcht ging Respekt einher, aber Respekt, der aus Furcht geboren ist, ist nicht wirklich Respekt. Viele Menschen waren froh, als sich dieser Sarg ins Grab senkte, und der Ehrensalut war so etwas wie ein zärtliches Lebewohl. Es ist schwer, einen Fremden zu betrauern; vielleicht ist das der Grund, weshalb Rosanna nie weinte.

Ich möchte gern wissen, ob sie jetzt um mich weint. Ich möchte auch gern wissen, ob sie überhaupt an mich denkt.

75

Wir waren gemeinsam zur Schule gegangen, bis sie dreizehn war und mit ihrer Familie nach London zog. Ich sah sie erst vier Jahre später wieder, als sie mit ihrem Vater nach South Carolina zurückkehrte. Ich hatte sie in dieser Zeit nicht vermißt. Ihre Mutter hatte sich entschlossen, lieber in London zu bleiben. Ich sah Rosanna im Café von Abbeville wieder. Es war an einem heißen Tag im Juli. Ich war gerade von Alabama zurück – nach einem der wenigen Alleinflüge für Billy Taylor. Mir war warm, und ich fühlte mich ausgedörrt, und Mickey Gill machte die besten Eiscreme-Sodas in vier Staaten. Sie fiel mir natürlich auf; es wäre schwierig gewesen, sie zu übersehen. Nicht viele Mädchen kleideten sich so wie sie. Ihre Perlen waren echt, ihre Fingernägel waren lang, und außerdem hatte sie nicht den schleppenden Tonfall der meisten Mädchen aus dem Süden – es sei denn, sie regte sich auf und vergaß, daß sie eine Dame war. In der Schule saß sie neben mir und brachte mir noch mehr Ärger mit der Lehrerin.

In vier Jahren kann viel passiern. Rosanna saß allein in einer Nische und las in einem Buch, als ich hereinspaziert kam. Ich unterhielt mich eine Weile mit Mickey und drehte mich um, als ich ihr Starren spürte. Ich wußte schon beim ersten Blick, wer sie war. Ich lächelte zurück und fragte mich, weshalb sie mich anlächelte. Ich dachte, sie hätte mich immer gehaßt.

»Hallo, John.«

»Rosanna.«

»Wie ich höre, fliegst du jetzt für Billy Taylor?«

»Ich dachte, du lebst in England.«

Sie legte ihr Buch weg und forderte mich auf, mich ihr gegenüber hinzusetzen. Ich brauchte ein Bett, ich brauchte Schlaf und davor eine der riesigen Mahlzeiten meiner Mutter, aber da war etwas in Rosannas Augen, was mich veranlaßte, mich hinzusetzen und mich eine Zeitlang in ihrer Stimme zu suhlen.

Wir plauderten über alte Zeiten.

Ich sah wieder, wie hübsch sie geworden war – nicht schön, aber hübsch. Ich mochte ihre Stimme; das hatte ich schon immer. Ihre Augen trübten sich bei etwas Traurigem, und blitzten bei etwas Glücklichem. Die Eiscreme-Sodas und vier Stücke Blaubeerpie kosteten mich dringend benötigten Schlaf und viel künftigen Kummer. Ich nahm sie zu einem zehnminütigen Flug über Abbeville mit, und danach beschloß Rosanna, daß ich ihr Mann fürs Leben war – ob ich es so haben wollte oder nicht.

Rosanna bekam meist, was sie wollte, aber nie, was sie brauchte.

Ich konnte nie nein zu ihr sagen; ich hatte es einmal versucht, doch da 76weinte sie. Ich konnte ihr nie erzählen, was ich wollte oder brauchte. Vielleicht hatte ich einfach nicht den Schneid zu sagen, was ich auf dem Herzen hatte. Es hat mir nie gefallen, die Gefühle von Menschen zu verletzen, nicht mal die von Menschen, die ich gar nicht so sehr mag.

Ich werde etwas traurig, wenn ich daran denke, was vielleicht passiert wäre, wenn ich nicht hinter irgendeinem wilden Traum hergejagt wäre. Aber was wäre eine schlimmere Hölle gewesen? Ein Mädchen zu heiraten, das ich nie geliebt habe, oder den Rest meines Lebens damit zu verbringen, im Schnee zu sitzen und mir den Arsch abzufrieren? Die Zukunft sieht ungefähr genauso strahlend aus, wie ich es auch betrachte.

Ich würde lieber Kioki zuhören. Ich habe vergessen, wie Rosannas Stimme klang. Ich habe fast vergessen, wie sie aussah. Ich weiß noch, daß sie etwa 1,58 Meter groß war, dunkles lockiges Haar hatte und dunkelblaue Augen. Und dünn war sie. Und immer piekfein gekleidet. Sie sang viel, aber nie die Art von Liedern, die ich mochte. Mir gefielen Songs, die etwas vom wirklichen Leben erzählten, und nicht Opernarien, die ich nie verstand. Tragödien haben mir nie sehr zugesagt. Für mich mußte es immer ein Happy End geben.

 

Als erstes hörte ich die Hunde. Ich mußte geschlafen haben, denn ich wachte voller Angst auf, und das Herz pochte mir bis zum Hals. Hunde, Kinder – die normalen Laute, von denen ich mir eingeredet hatte, ich würde sie nie mehr hören.

Ich ging hinaus und sah sie zurückkommen. Ja, es war ein Wal gewesen. Fünfunddreißig Menschen, alte, junge, alle, hatten sich am Erlegen des Wals beteiligt. Die Frauen schleppten, was das halbe Dutzend Schlitten nicht schaffte, und alle blieben stehen und starrten, als sie mich sahen, den nackten weißen Mann, der bis zu den Knien im Schlamm stand und vor Glück weinte.

Asuluk ging auf mich zu. Er hielt eine Harpune in der Hand. Er schleuderte sie; sie landete fünf Zentimeter neben meinem rechten Fuß. Er war zornig. Er zeigte auf die Hundehütte, und ich gehorchte schweigend. Ich war wieder allein, viel zu lange, fühlte mich aber etwas besser. Im Kopf ging es wieder normal zu; ich wußte, wer ich war.

Ich erwartete, daß Kioki hereinkam.

Doch da hatte ich zuviel erwartet.

Statt dessen schickten sie eine alte Frau zu mir. Sie sah aus wie eine von Asuluks Frauen. Sie setzte sich hin, zog eine Art Shaker hervor und begann zu wehklagen. Vielleicht war der Teufel noch nicht verschwunden. 77Schließlich rannte hier niemand nackt in dem tauenden Schnee herum, jedenfalls niemand, der seine fünf Sinne noch halbwegs beisammen hatte.

»Kioki?« fragte ich. »Ist sie wieder gesund?« Sie lächelte – oder jedenfalls beinahe. »Bitte, du mußt mir sagen, wie es ihr geht. Bitte.« Sie verstand kein Wort, bis ich sie bat, Asuluk zu holen. Ich weinte wieder. Ich konnte nicht aufhören.

Die alte Frau hörte mit ihrem Singsang auf. Sie legte den Kopf auf die Seite, und ich legte mich einfach hin und drehte mich zur Seite. Es war zwecklos, vergeblich. Sie schüttelte mich an der Schulter, worauf ich die Hand hob. Verschwinde. Sie tat es. Sie ging.

Dafür kam Asuluk herein. Er stieß mich sacht mit seinem Fellstiefel an, sah meine Tränen, worauf ihm ein Ausdruck tiefen Abscheus über das Gesicht huschte. Sie wußten einfach nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Nun, da waren sie nicht die einzigen.

Er warf mir meine Kleider zu und bellte etwas, was »Komm mit« bedeutete. Es war das gleiche Wort, mit dem sie die Hunde riefen. Die riefen sie allerdings in einem freundlicheren Tonfall. Himmel, hatte ich das gerade jetzt verdient?

Ich zog mir die Kleider an, die Kioki für mich gemacht hatte, und Asuluk sah ungeduldig zu, als ich mir die Stiefel mit einer Hand an den Schienbeinen festband. Ich folgte ihm hinaus; er verlangsamte meinetwegen nicht das Tempo. Sie tat es immer. Es kam mir vor, als würde sich außer ihr kein Mensch um mich Gedanken machen. Wenn ich ihnen völlig gleichgültig gewesen wäre, hätten sie mich aber wohl schon vor langer Zeit einfach sterben lassen.

Asuluk blieb vor seinem Haus stehen und sagte etwas, allerdings so schnell, daß ich es nicht verstehen konnte. Inzwischen begann ich hier und da mal ein Wort aufzuschnappen und zu verstehen. Jetzt bekam ich nur mit, daß er vor mir Abscheu empfand. Er schob mich hinein, blieb aber selbst draußen in der Kälte stehen.

Etwas Aromatisches wurde verbrannt; es roch beißend und vertraut. Es war der Rauch, den Asuluk über mir ausgeblasen hatte, als ich auf meinem Krankenlager lag und nicht atmen konnte.

Kioki lag auf einem breiten Bett. Ich hatte Mühe, sie wiederzuerkennen. Sie konnte kaum sehen, wandte aber schweigend den Kopf und starrte mich an. Ihre Augen sagten: Sieh dir an, was du angerichtet hast.

Ich wollte mir einreden, sie habe so etwas wie einen Unfall erlitten.

Aber ich bin nie ein guter Lügner gewesen, nicht einmal mir selbst gegenüber.

78

Dann sagte sie etwas zu der alten Dame – etwas, was sich anhörte wie: Zeig's ihm, Mutter. Zeig ihm, was er getan hat.

Ich erstarrte. Ich konnte mich keinen Zentimeter bewegen, in keiner Richtung. Es war Zeit, mit Gott einen neuen Handel abzuschließen.

Die alte Mama zog die Felle zurück, die ihre Tochter bedeckten, und ließ mich sehen, was ich angerichtet hatte.

Ich hatte nicht gewußt, daß Kioki schwanger war. Für mich war sie immer klein und rund gewesen. Der Grund für diesen geschwollenen Bauch war unverkennbar.

Es gelang mir jedoch ums Verrecken nicht, einen Grund zu finden, der die Mißhandlung erklärte.

Ich versuchte neben ihr niederzuknien, aber ihre alte Mutter schlug mir mit einem Kochtopf auf die Schulter. »Ich werde ihr nicht weh tun. Ich möchte nur, habe nur …« Sie schlug mich wieder, bis Kioki die Hand hob und der alten Frau ein Zeichen gab. Und sie berührte mein Gesicht.

»Ich wollte das gar nicht. Ich wußte nicht, was ich tat. Ich weiß nicht mal warum …«

Die alte Dame machte Anstalten, erneut zuzuschlagen, diesmal härter. Ich wünschte, sie hätte es getan. Ich berührte Kiokis Hand, wohl der einzige Teil von ihr, der nicht verletzt war, soweit ich sehen konnte. Sie strich mir über das Gesicht, sah sich meine Tränen mit distanziertem Interesse an und schlief dann wieder ein.

Die alte Dame scheuchte mich hinaus. Ich konnte nicht bleiben.

Asuluk wartete immer noch und schien glücklich zu sein, mich so bekümmert zu sehen. Er ging wieder los und gab mir ein Zeichen zu folgen. Ich packte ihn jedoch am Arm. Es war ein Fehler, ihn zu berühren. Da ließ ich ihn schnell wieder los. Ich sagte in Eskimo, so gut ich konnte: »Ich habe nicht gewußt, daß sie deine Tochter ist.« Das war vermutlich ein Fehler. Doch die Tränen in meinen Augen sagten mehr, als es Sprache je vermocht hätte. Er musterte mich, als wäre ich eine neue Käferart, die er noch nie gesehen hatte. Dann bellt er mich an, ich solle mitkommen, und spie auf die Erde.

Ich folgte ihm, auch diesmal langsam, und benutzte dabei den Walknochen als Krückstock. Er ging mit mir zur anderen Seite der Insel, die mir vertrauter war, und zeigte über eine weite tiefblaue Wasserfläche auf einen Eisberg. Und am Rand dieses Eisbergs, im Eis festgefroren, sah ich mein Flugzeug – das, was davon übriggeblieben war. aus seinem Mantel zog er ein uraltes Fernrohr – es schien mir ein Relikt aus dem neunzehnten Jahrhundert zu sein – und reichte es mir.

Das Flugzeug war nur noch ein Skelett, von allem entblößt, was für 79diese Menschen nützlich sein konnte. Das Holz hatten sie als Baumaterial verwendet, den Stahl für Waffen, den Draht für der Himmel weiß was. Ich hätte wissen müssen, daß das Flugzeug auf einer Eisscholle wieder aufgetaucht war, als Kioki mit all diesem Papier ankam, meinem Logbuch, den Bleistiften und den wenigen Kleidungsstücken, die ich mitgenommen hatte. Dinge, die mir gehört hatten, wurden mir pflichtschuldigst zurückgegeben. Sie waren keine Diebe. Ich wußte, daß etwas das Flugzeug daran hinderte, in die Tiefe zu sinken, obwohl ich es nicht mit Sicherheit sagen konnte. Es hatte sich wahrscheinlich an einem Eisvorsprung verfangen, wie ich vermutete. Jetzt war die Jenny wieder aufgetaucht, jedenfalls das, was von ihr übrig war.

Asuluk nahm sein Fernrohr in Empfang, sagte etwas und ließ mich allein. Ich starrte auf das, was von meinem Leben, meiner Liebe, meinem Flugzeug übriggeblieben war. Eine verstümmelte Erinnerung, und so weit weg.

Asuluk ließ mir Zeit zum Überlegen. Um vielleicht zu einem Menschen zu werden. Und vielleicht zu dem Schluß kam, daß es sich nicht mehr lohnte zu kämpfen. Ich war hier. Ich mußte aus dem wenigen, das mir geblieben war, das Bestmögliche machen. Und das an einem Ort, der nichts bot und noch weniger gab, an einem Ort, an dem angeblich kein Mensch lebte, und doch residierten diese Menschen hier schon seit Jahrhunderten. Und sie waren glücklich. Sie waren zufrieden. Weil sie es nicht besser wußten.

Aber ich, der ich es besser wußte …

Ich dachte daran, wer ich war, was ich war, jedoch nicht an die Vergangenheit oder an Menschen, die ich einmal gekannt und geliebt hatte.

Ich befand mich jetzt in einer anderen Welt.

Ich blickte auf das Dorf auf der anderen Seite der Insel zurück; der Wind wehte die Laute spielender Kinder herüber. Ich blickte vom Felsen auf die Blutflecken auf dem Strand da unten – Blut des Wals, der uns in den nächsten sechs Monaten alle am Leben erhalten würde. Ich sah ein paar Seemöwen, die sich um die wenigen Überreste balgten.

Sie verlangten nichts von mir, hatten mir aber zuviel gegeben. Und wie hatte ich das vergolten?

Ich ging zu Kiokis Haus, nahm mein Bett und brachte es zu Asuluks Haus. Ich würde dort bleiben, bis es Kioki besser ging. Ich würde sie pflegen, bis sie sich erholt hatte. Ich würde für sie tun, was sie für mich getan hatte. Das stellte ich mir jedenfalls vor. So war mein Plan.

Bis Kioki mich in der Tür stehen sah und zwei Worte zu mir sagte: »Floreeda. Nein.«

80

Und unter großen Schmerzen wandte sie mir den Rücken zu.

Also ging ich weg. Ich weiß nicht, wohin ich ging, weiß nicht einmal mehr, wie weit ich gekommen war, als ich die Berührung auf meiner Schulter fühlte und mich umdrehte.

Es war Asuluk, der mir schweigend zu verstehen gab, ich solle zurückkommen. Ich schüttelte den Kopf. Er nickte. Etwas von seinem Abscheu war aus den Augen verschwunden, denn was ich statt dessen dort sah, war eine Art Neugier, so etwas wie Sanftheit. Vielleicht auch die Bereitschaft zu vergeben.

Vielleicht wußte der Medizinmann genau, wie mir zumute war, vielleicht wußte er genau, was zu tun war.

Er nahm mich bei der Hand und führte mich ins Dorf zurück. Und während wir gingen, sprach er. Es war wieder so eine lange, sehr lange Geschichte, aber ich will verdammt sein, wenn ich sie verstanden habe.

81

5

Jetzt ist es fünf Tage her. Ich habe allein in diesem leeren Haus gesessen, ohne zu wissen, wie es ihr geht, und zu begreifen versucht, warum ich so bin, warum ich versuche, zu schnell zu viel zu erfassen. Ich habe sie jeden Tag gesehen, aber niemand läßt mich allzu nahe an sie heran.

Ich habe zuviel Zeit zum Nachdenken, und meist denke ich an meine Ängste, an Dinge, vor denen ich mich immer gefürchtet habe, an Dinge, über die ich dem Anschein nach lache, die mich in Wahrheit aber innerlich zerreißen. Hauptsächlich habe ich über den Silvesterabend 1924 nachgedacht. Damals fühlte ich mich genau wie jetzt: innerlich tot.

Ich weiß noch, daß ich auf einer Parkbank saß und einen Garten betrachtete. Es war in Miami – in einer Nervenheilanstalt, einem Bau aus rotem Backstein mit Gittern an den Fenstern und makellosen Rasenflächen. Man hätte meinen können, das Gras wäre Halm für Halm einzeln geschnitten worden. In diesen Gärten wurden Menschen herumgeführt, ganz in der Nähe meiner Bank. Es waren Menschen, die nicht wußten, wo sie waren, wer sie waren, was sie waren. Sie existierten einfach nur – sie atmeten, aßen, schliefen, und dazwischen geschah nicht viel, wovon sie wußten. Leben konnte man das nicht nennen. Sie lebten nicht. Sie wurden vom Personal herumgeführt, von Menschen, die besseres zu tun hatten und lieber woanders waren, sobald ihre Schicht beendet war. Dann konnten die Angestellten ihre weißen Kittel ausziehen und endlich nach Hause gehen und in die reale Welt zurückkehren.

Ich konnte diese Patienten nicht ansehen und beneidete jeden, der mit ihnen arbeiten konnte, sowie die Verwandten, die es über sich brachten, die Kranken zu besuchen und zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich vermute, daß ich mich so unbehaglich fühlte, weil ich mich innerlich fürchtete, vor der Fremdheit des Lebens fürchtete, der fehlenden Beherrschung und dem Mangel an fast allem, was einen Menschen zum Menschen macht.

Wenn mich einer dieser Patienten ansah und lächelte, starrte ich auf meine Stiefel. Ich trug den Ledermantel mit dem Emblem von Sullivan und Shaw. Ich nehme an, ich wartete darauf, daß sich ein wenig Mut einstellte, damit ich hineingehen und Bobbys Vater von dem Unfall erzählen konnte.

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Ich wollte nicht, daß die Polizei es ihm sagte. In einem Fall von Verrücktheit hatte ich gesagt, nein, nein, ich würde es ihm selbst sagen. Es sei besser so.

Ich war Bobbys altem Herrn einmal vorher begegnet und erinnere mich noch, daß Bobby mich davon abhalten wollte, dieses dunkle, schmutzige Haus am Rande von Hialeah zu betreten. Bobby wurde nur von zwei Dingen heimgesucht, deren er sich wirklich schämte, seinem Vater und seiner Herkunft. Ich kannte Bobby seit unserer Kindheit. Wenn ich heute zurückblicke, glaube ich, daß ich ihn viel besser kannte als mich selbst. Er sah Dinge in mir, für die ich blind war, und umgekehrt. Er sah und sagte Dinge, mit denen nur ein wahrer Freund durchkommen kann.

Ich nahm den Anruf bei der Arbeit entgegen. Bobs alter Herr dachte, ich wäre sein Sohn. Wenn er sich verwählt hätte, hätte er jeden für seinen Sohn gehalten. Ich ging zu Bobby hinaus; er arbeitete mit Sam, dem Mechaniker, an einer verstopften Treibstoffleitung. Als ich ihm sagte, sein alter Herr wolle ihn sehen, zuckte Bobby mit keiner Wimper.

»Hast du mich verstanden?«

»Ja …«

»Ich hab ihm gesagt, du würdest kommen.«

»Das ist dein Problem.«

»Bob!«

»Was denn? Um Himmels willen, was denn?«

Er haßte es, bei der Arbeit gestört zu werden.

»Er braucht dich.« Eine Weile glaubte ich, er werde mir einen Schlag auf die Nase geben. »Er hört sich krank an.«

Bobby blickte zur Seite. Ich konnte nicht verstehen, warum er sich dagegen wehrte und sich so gleichgültig zeigte. Nichts war auf diesem Gesicht mit den dunklen Augen zu lesen.

»Hör mal, ich komme mit. Wie lange kann es denn schon dauern?«

Ich setzte mich auf den Sozius von Bobbys Motorrad – er hatte eine Harley, die ein Jahr jünger war als meine -, und wir fuhren nach Hialeah hinauf. Als ich glaubte, wir hätten die Stadt schon seit fünf Minuten hinter uns, fuhr Bobby immer noch weiter. Er mußte in der Kindheit auf seinem alten Fahrrad jeden Tag mehr als eine Stunde gebraucht haben, um nach Miami und wieder zurück zu fahren.

Wir fuhren an dem stinkenden Schlachthof vorbei, in dem er anscheinend früher einmal – wirklich nur einmal – gearbeitet hatte.

Und dann waren wir da. Wir parkten vor einem ungestrichenen Holzhaus, das nur halb so groß war wie meins in Abbeville. Es hatte ein 83verrostetes Dach, und Gras und Unkraut waren nicht mehr gemäht worden, seit wir Menschen alle grunzend aus unseren Höhlen aufgetaucht waren. Ein alter, halb verhungerter Hund lief Bobby entgegen. Er war verkrüppelt und fast blind. Eine Kugel zwischen die Augen wäre gnädiger gewesen, aber Bobby tätschelte ihm den Kopf, sprach mit ihm und trat durch das Tor. Er schenkte diesem alten Hund mehr Aufmerksamkeit, als ich es ihn je bei einem anderen Menschen hatte tun sehen. Ausnahmen waren nur seine Flugzeuge und seine Mädchen, vor allem Bess.

Und Bess hatte mir mal gesagt, daß Bobby Sullivan keine Eltern mehr habe. So war es offenbar sicherer für ihn. Jetzt weiß ich, warum er mir einmal gedroht hatte, mich umzubringen, falls ich ihn je mit dieser einen Lüge bloßstellte.

Ich tätschelte den Hund auch und spürte den Geruch noch Stunden später an mir. »Ich möchte nicht, daß du mit reinkommst«, sagte Bobby. »Du hättest nicht mal mitzukommen brauchen.«

Darauf sagte ich, das hätte er gleich sagen können.

»Ich habe versucht, dich zu warnen«, war alles, was er darauf sagte. Der Hund und ich folgten ihm ins Haus.

»Wo bist du?« rief Bobby. Ein bißchen von der Freundlichkeit, die er dem Hund gezeigt hatte, wäre bei seinem Vater angebrachter, dachte ich. Bobby verschwand und suchte in jedem Zimmer, in dem sein Vater sein konnte. Nichts. Schließlich hörte ich »John!« Der Klang dieses Rufs gefiel mir nicht.

Bobbys Vater, dessen Alter schwer zu schätzen war, lag drei Schritte vom Klohäuschen entfernt platt auf dem Gesicht. Er hatte es in mehr als nur einer Hinsicht nicht ganz geschafft. Ich hielt ihn für tot; vielleicht hoffte ich es nur. Wenn er es war, wäre er für jemand anderen ein Problem. Na klar, ich würde ihn auch berühren – aber nur, wenn meine Hand sich am anderen Ende eines langen Stocks befand.

Bobby war mit diesen Dingen aufgewachsen, und die beste Methode, den alten Herrn aufzuwecken, bestand darin, ihn mit einem Eimer Wasser zu übergießen. Soweit ich sehen konnte, würde er dann zum ersten Mal seit Wochen, wenn nicht Monaten mit Wasser in Berührung kommen. Wenn nicht seit einem Jahr.

Ich ging ins Haus und wühlte in dem Unrat, bis ich einen Blecheimer ohne Löcher fand. Ich sah Teller, die immer wieder benutzt worden waren, um später dann vielleicht nochmals hervorgekramt zu werden. Ohne abgewaschen worden zu sein. Bobbys Vater hatte in der Küche Kaninchen ausbluten lassen, gehäutet und ausgenommen. Es wimmelte überall von Maden.

84

Es lagen so viele leere Schnapsflaschen herum, daß ich mir mit Fußtritten einen Weg bahnen mußte. Der Himmel allein weiß, wie oft der alte Sullivan festgenommen worden war; vielleicht hatte die Polizei es sich schon zur Gewohnheit gemacht, ihn für ein paar Tage ins Gefängnis zu stecken, um ihn zu waschen, ihm etwas zu essen zu geben und ihn ausnüchtern zu lassen, bis man ihn zu seiner Müllkippe nach Hause schicken konnte, wo er wieder von vorn anfing.

Nachdem wir ihn also notdürftig gesäubert hatten und Bobby ihn so zu Bett gebracht hatten, daß er nicht an seiner eigenen Kotze ersticken konnte, unternahmen wir einen Versuch, das Haus aufzuräumen. Ich fragte mich, wo wir anfangen sollten, als Bobby fragte: »Hast du Streichhölzer bei dir?« Ich gab darauf keine Antwort. Ich glaubte, Tränen in seinen Augen zu sehen, und so stellte ich mich blind. Wir wechselten kaum ein Wort miteinander. Er wollte leise sein, falls sein alter Herr aufwachte.

Bis zu diesem Tag hatte ich nie verstanden, weshalb Bobby lieber allein in diesem gemieteten Haus in der Nähe des Flugplatzes von Miami lebte.

In den nächsten zwei Stunden räumten wir den Schweinestall auf und gaben dem alten Hund etwas zu fressen. Als der alte Herr aufwachte, wollte Bobby mich nicht mehr auch nur in die Nähe seines Vaters lassen. Ich setzte mich mit dem Hund zu Füßen auf die Vordertreppe und gab mir Mühe, den Streit nicht zu hören. Das alles ging mich nichts an, aber es tat trotzdem weh, es mitanzuhören. Für Bobby gab es nur eine Möglichkeit zu flüchten: Er mußte versprechen, am Wochenende wiederzukommen.

An jenem Tag sprach ich zwei Worte zu Casey Sullivan. Ich nickte und sagte seinen Namen. Er nickte zurück, und das war das letzte, was ich von ihm sah. Er lehnte am Zaun, versuchte zum Abschied zu winken, drehte sich um und übergab sich.

Ich war froh, wegfahren zu können, sehr froh.

Meine Mutter wäre in Ohnmacht gefallen, wenn sie all das gesehen hätte, was ich gesehen hatte. Seit wir Teenager waren, hatte ich Bobby immer wieder mit nach Hause gebracht; sie sagte immer, es sei eine Freude, ihn unter ihrem Dach zu haben. Er tat alles für sie und gab sich die größte Mühe, nur um ein Lächeln von ihr zu bekommen. Damals rannte ich immer weg, bevor sie mich berühren konnte – es gehörte sich nicht, sich von einer Mutter umarmen zu lassen -, aber Bobby würde sonst etwas tun, nur um die Berührung ihrer Hand auf seinem Kopf zu spüren. Er log uns so viel über seine Familie und sein Haus vor, daß 85selbst ich ihm glaubte – bis ich die Wahrheit erfuhr. Die habe ich meiner Mutter aber nie erzählt. Dazu liebte ich Bobby zu sehr, nehme ich an. Sie auch.

Ich kann mir nicht erklären, weshalb ich mich freiwillig erbot, Bobbys Vater die Nachricht zu überbringen. Bob hatte seinen alten Herrn in dieses komische Heim gesteckt. Der letzte Ausweg, nehme ich an. Ein Leben mit hochprozentigem Alkohol und gelegentlich sogar Methylalkohol, wenn nichts anderes zu haben war, hatte ihm das Gehirn weggefressen.

Soviel ich weiß, ist er immer noch am Leben. Wird einmal am Tag spazierengeführt. Er weiß aber nicht, wer er ist oder auch nur, warum er lebt.

Neujahr 1924. Da saß ich nun in einem hübschen Garten auf einer Bank und wußte, daß ich hineingehen und nach Casey Sullivan fragen mußte, um ihm zu sagen, daß sein einziger Sohn tot war.

Ich nehme an, ich sah mich einer meiner Ängste gegenüber. Schon bald würde ich von hirntoten Menschen umgeben sein, hirntot durch einen Unfall oder durch eigene Schuld.

Also ging ich hinein und fragte nach Casey Sullivan.

Ob ich ein Verwandter sei?

Nein. Aber es sei wichtig.

»Er spricht mit niemandem, Mr. Shaw.«

»Mit mir wird er sprechen.«

Die Schwester rief einen der Pfleger, der mich nach oben brachte und in einen Aufenthaltsraum führte, in dem überall große, kräftige Männer in weißen Kitteln herumstanden und gelangweilt rauchten oder sich die Fingernägel säuberten. Es war ein langer, schmaler Raum, kahl bis auf einen grauen Linoleumfußboden und Gitter an den Fenstern. Außer den Pflegern nahm mich kaum jemand wirklich wahr. Man zeigte mir Casey Sullivan. Er stand am Fenster und starrte ins Leere. Ich ging zu ihm.

»Mr. Sullivan?«

Er zwinkerte; vielleicht bedeutete das, daß er mich gehört hatte.

»Mr. Sullivan, ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.«

Er sah mich an. Er wußte nicht, wer ich war. Er sah meine Lederjacke an, erkannte etwas an dem Emblem, und trat wieder ans Fenster.

Ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte. Wahrscheinlich war es besser für uns beide, wenn ich gleich zur Sache kam. »Es ist wegen Bobby, Sir. Bobby ist gestern ums Leben gekommen.«

Etwas trübte ihm den Blick, als wäre nach einem schlechten Einakter 86der Vorhang gefallen. Er sagte ein Wort, das jedoch lange brauchte, ehe es ihm über die Lippen kam. »Flugzeug?«

»Ja, Sir. Bei einer Flugschau in Atlanta.«

»At … Atlanta?«

»In Georgia, Sir.«

»Wie?« fragte er und sah mich dabei nicht an. Er hatte ein paar Worte gesprochen, wohl mehr als zu sonst jemandem in den letzten Monaten.

»Er versuchte einen doppelten Looping und dann eine Sturzflugspirale. Er verlor die Kontrolle über die Maschine, Sir. Er schaffte es nicht.«

Ich vermute, daß der alte Mann es vor sich sehen konnte. Ich wollte nichts mehr sagen. Ich hatte schon zuviel gesagt. Riesige Tränen quollen dem alten Mann in die Augen. »Ist er schnell gestorben?« fragte er.

»Ja, Sir«, log ich. »Er kann kaum etwas gemerkt haben.«

»Wann?«

»Gestern, Sir. Er wurde heute morgen in Atlanta beigesetzt.«

Der alte Mann sah mir in die Augen, und ich versuchte nochmals ohne Erfolg, meine Tränen zurückzuhalten.

»Er hat Sie mehr geliebt als mich.«

Damit sank mein Mut ins Bodenlose, und ich streckte die Hand aus, um den Arm des alten Mannes zu berühren, aber er entzog sich und sprach ein letztes Wort – »Raus!« -, bevor er an der Wand hinunterrutschte und sich weinend auf den Fußboden setzte.

Ich rannte.

Es kommt mir vor, als würde ich nie etwas anderes tun.

Ich weiß, daß mein Gehirn beim Absturz etwas abbekommen hat. Daß es dabei starb. Ich weiß, daß ich bei dem Absturz starb, und niemand kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich weiß, daß ich Bobby gesehen habe; ich weiß, daß ich mit ihm gesprochen habe. Ich habe sogar mit meinem Vater gesprochen, und der ist schon lange tot. Entweder ist es so passiert, oder auch ich bin verrückt geworden. Ich spüre in mir, daß es passiert ist, denn selbst jetzt, in diesem Augenblick, kann ich spüren, daß Bobby mir nahe ist.

Aber da ist eine Verrücktheit, die ich nicht kontrollieren kann. Ich gehe an und aus wie ein Lichtschalter. In jüngster Zeit passiert es nicht mehr so oft, aber wenn ich durchdrehe, habe ich keine Kontrolle mehr über mich. Ich bin nicht besser als Casey Sullivan, der sich um seinen Verstand trank.

Und wie Casey weiß ich nicht, was ich tun soll.

Seit sie nein gesagt hat.

Das einzige Wort, das sie versteht: nein. Wahrscheinlich das 87schlimmste Wort der englischen Sprache, und ausgerechnet das kennt sie.

Ich hatte es satt, mich so elend zu fühlen, und so machte ich einen Spaziergang.

Ich beobachtete aus einiger Ferne, wie sich ein Dutzend Männer bereitmachten, in einem Dutzend Kajaks aufs Meer zu fahren. Mit Speeren, Keulen, Harpunen. Von Feuerwaffen war nichts zu sehen. Sie jagten noch immer wie ihre Vorfahren, und ich hatte den Eindruck, daß sie von dem weißen Mann noch relativ unberührt waren. Asuluk war dabei, und so beschloß ich, mich etwas näher heranzuwagen. Ich hoffte, daß sie mich entdeckten und vielleicht aufforderten mitzukommen. Er sah mich, ignorierte mich aber, bis elf Boote verschwunden waren. Eins war übrig.

Ich humpelte zu dem Felsen hinunter. Als ich mit einem Lächeln guten Morgen sagte, drehte er sich um, um zu sehen, mit wem ich sprach. »Nein, ich meine dich. Ich wünsche dir einen guten Morgen, Asuluk.«

»Dir«, wiederholte er.

»Dir. Mir.« Ich zeigte auf mich. Es war die einzige Möglichkeit, mich Kioki und ein paar Kindern verständlich zu machen, also warum sollte es bei ihm anders sein?

Er schmetterte ein paar zungenbrecherische Worte und endete mit Floreeda.

»Nein, mein Name ist John. Nicht Florida. Ich bin aus Florida.«

Er musterte mich von oben bis unten, nahm seinen Bogen und zeigte auf das Kajak. Nach ein paar Augenblicken irreparabler Verwirrung schüttelte er den Kopf, seufzte und sagte: »Komm. Du komm.«

Also hatte er mir doch zugehört. Er hatte ein paar Wörter aufgeschnappt, die wir beide vollständig verstanden.

Es war die Aufforderung, nach der ich mich monatelang gesehnt hatte. Ich nickte und lächelte. »Höchste Zeit«, sagte ich.

»Z … Zeit?«

»Macht nichts.«

Bis auf ein gelegentliches Untertauchen an einem heißen Sommertag hat mir das Wasser noch nie sonderlich gefallen. Ich zog es vor, die Mädchen am Clearwater Beach zu beobachten, die zu den Inseln vor den Florida Keys hinüberfuhren. Als ich noch ein Kind war, hatte unsere Bande eine zum Baden geeignete Bucht mit Flößen und Kanus … Fliegen war mir lieber, als naß zu werden.

Das Wasser war ruhig, bis wir die Spitze der Insel umrundeten. Ich hielt nach den unvermeidlichen Sturmwolken Ausschau, doch da waren 88keine, jedenfalls jetzt noch nicht. Nachdem ich einigen Felsen ausweichen mußte, die ich bei meiner Bruchlandung nicht gesehen hatte, da dieser gesamte Meeresabschnitt mit Eis bedeckt gewesen war, sah ich zur Insel zurück. Nirgends ein Anzeichen von Leben. Nicht einmal die Dächer der Winterhäuser waren zu sehen.

»Kulowyl«, sagte Asuluk und zeigte auf den Strand.

»Kulowyl«, wiederholte ich. Ich fragte mich, ob eine Insel namens Kulowyl auf irgendeiner Karte verzeichnet war. Ich würde meine Karten durchsehen, sobald ich wieder zu Hause war. Wenn ich Glück hatte, würde ich genau erfahren, wo ich mich befand, vorausgesetzt, Eskimos und Kartenzeichner verwendeten den gleichen Namen für die Insel.

Fünf Tage zuvor war er mit mir auf die Winterseite gegangen und hatte mir die Jenny gezeigt. Es hatte ihm jedoch nicht genügt, sie mir zu zeigen. Er brachte mich hin, wobei er einen Bogen um vulkanische Felsen und Treibeis machte und ein Walroß ignorierte, das sich schlafend auf einem Felsen sonnte, der für das Tier kaum groß genug war. Da hing das Tier, ein großer Fettkloß, wohl das dämlichste Geschöpf, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Es zuckte nicht einmal, als wir vorbeipaddelten. Das Walroß hatte Glück an jenem Tag, denn unsere Vorratsschuppen waren schon voll.

Wir landeten mit einem dumpfen Aufprall an einer neunzig Zentimeter hohen Eisscholle, die etwa achtundzwanzig Meter breit und achtzehn Meter tief war. Asuluk kletterte als erster heraus, half mir, und gemeinsam zogen wir das Kajak aus dem Wasser.

Es fiel mir schwer zu glauben, daß ich hier vor mehr als einem Jahr gelandet war, als das Eis noch dicker war und sich bis zu dem Brackwasserstrand der Insel erstreckte, die Asuluk Kulowyl nannte.

Da war sie, wie ich sie durch dieses antike Fernrohr gesehen hatte: Schnauze nach unten, Heck fast in zwei Teile zerrissen, linke Tragfläche verschwunden. Verrottete Leinenfetzen flatterten im Wind, und für meine Ohren schien sie zu weinen. Das Geräusch von Wind durch Metall hat mir noch nie gefallen.

Die Farbe war verblichen, der Rumpf verrostet. Sie war nur noch ein Skelett.

Sie ragte aus dem Eis hervor wie irgendein schrecklicher Alptraum eines Bildhauers.

Asuluk beobachtete mich und las ganz zweifellos meine Gedanken.

Ich kletterte in das Wrack. Der Motorblock lag jetzt auf dem Vordersitz. Was ich zunächst für Fett hielt, erwies sich als Blutflecken auf dem zertrümmerten Rücksitz, aber ich schaffte es trotzdem irgendwie, mich 89darauf zu setzen, und fragte mich erneut, wie zum Teufel ich es geschafft hatte, lebendig aus der Maschine herauszukommen.

Das Morsegerät schien intakt zu sein, doch die Batterie war völlig korrodiert.

Als ich so dasaß, fiel mir wieder ein, wie mir zumute gewesen war, als ich auf die Startbahn des Flugplatzes von Miami rollte. Ich dachte an all diejenigen, die mich hatten abfliegen sehen wollen, Freunde, Familienmitglieder, alle. Da war keine Furcht an jenem Tag im Februar, nur Erwartung, Vorfreude, Aufregung. Teufel, ich hatte es gar nicht abwarten können, endlich wegzukommen.

Jetzt fühlte ich mich nur einsam und verlassen.

Also verscheuchte ich meine trüben Gedanken, bevor sie übermächtig wurden, und tastete hinter meinem Sitz nach dem Werkzeugbeutel. Ich tastete blind herum, berührte verrottete Leinwand und zog sie heraus. Inzwischen war Asuluk heraufgeklettert und riskierte einen neugierigen Blick. Ich öffnete den Beutel, doch er löste sich auf. Eine Zange, Schraubenschlüssel, Schlegel, Blechschneider, ein Hammer, sogar ein zweiter Rasierapparat. Und der sechsschüssige .45er Colt. Die Kugeln rollten auf dem Boden herum. Ich sammelte alle auf, die ich erreichen konnte, stopfte sie mir in den Mantel und sah dann Asuluk an.

Es gab keinen Zweifel. Er wußte genau, was ein Revolver ist. Wir blickten uns lange an, und in seinen Augen flackerte eine Erinnerung daran auf, was ich vor kaum einer Woche seiner Tochter angetan hatte. Vielleicht war es ein Anflug von Angst oder ein Spiegelbild meiner Furcht, aber ich reichte ihm den Colt. Und er nahm ihn. Imitierte das Geräusch, das er macht. Peng.

Ich ahmte den Effekt eines Schusses nach. Volltreffer. Du hast mich erwischt.

Er hielt das für komisch, doch dann erstarb sein Lachen, und er sah mich wieder an. Ich glaube, das war der Augenblick, in dem wir Freunde wurden.

Ich traute zwar mir selbst nicht, aber ihm. Das hatte ich damit bewiesen, daß ich ihm die Waffe gab.

Ich verbrachte fast eine Stunde damit, alles aus der Maschine auszuräumen, was ich eines Tages vielleicht gebrauchen konnte: Schrauben, ein paar Bolzen – U-Bolzen -, Draht, Gummidichtungen. Das Radio – Kioki hatte vielleicht Verwendung dafür. Wir saßen kurze Zeit so da, der Medizinmann und ich, und er sah mal mich an, mal die Aussicht. Lange Zeit wurde kein Wort gesprochen, dann blickte er nach Westen.

Es war höchste Zeit. Es war schon wieder ein Sturm unterwegs. Asuluk 90mußte im Wind den Regen gerochen haben. Das Walroß ebenfalls, denn es war inzwischen verschwunden. Ich empfand nicht viel, als wir lospaddelten. Keine Traurigkeit, keine Einsamkeit, nicht einmal den Schmerz des Verlustes; ich fragte mich aber, wie lange die Jenny so in Eis erstarrt bleiben würde, mit der Schnauze in einem Eisvorsprung unter Wasser. Der Himmel weiß, wie tief sie sinken würde, wenn das Eis irgendwann zerbröckelte.

Wir hatten kaum den halben Rückweg zurückgelegt, als Asuluk zu paddeln aufhörte. Er griff nach seinem Bogen. Ich sah mich um, konnte aber nichts weiter sehen als den teuflischen Sturm, der sich da heranwälzte.

Es war so schnell vorbei, daß ich kaum etwas hörte oder sah. Ein Zischen, und eine Möwe fiel links von mir ins Wasser und trieb dann mit dem Bauch nach oben; der Pfeil des Medizinmannes hatte sie im Flug getroffen. Asuluk paddelte hinüber, langte ins Wasser, ergriff den Pfeil und warf mir die Möwe zu.

Wie es schien, konnte ich mich jetzt nützlich machen. Ich zog den Pfeil heraus, tauchte ihn ins Wasser, bis er sauber war, und steckte ihn wieder in Asuluks Köcher.

Asuluk führte während des restlichen Rückwegs Selbstgespräche. Vermutlich dankte er seinem Gott oder dem Vogel für dieses so passende Opfer. Er hatte das Walroß am Leben gelassen und dafür den Vogel geschossen, den ich nicht mal gesehen hatte. Vielleicht war Asuluk nach Abwechslung zumute. Ich sah mir den Vogel an, und statt ihn zu bedauern, fragte ich mich, ob er wohl wie Huhn schmeckte. Die Aussicht, daß die Möwe über einem offenen Feuer geröstet wurde, war gleich null. Wahrscheinlich würde er sie roh essen wie alles andere. Roh.

Wir wurden von einem Schwarm aufgeregter Kinder empfangen, Kindern in allen Altersstufen von zehn bis drei. Sie halfen uns dabei, den merkwürdigen Fang von heute zu entladen, die Werkzeuge, den Draht, das Radio. Um sie von den Schlegeln und Schrauben abzulenken, legte ich das Morsegerät hin, und die klickenden Laute, die es machte, unterhielten sie eine Zeitlang.

Ein kleines Mädchen hatte sich verspätet und rannte zu Asuluk hin. Sie benutzte das Wort, von dem ich jetzt weiß, daß es »Großvater« bedeutet. Man sah ihr an, daß sie einer seiner Lieblinge war. Er gab ihr den Vogel, worauf sie die tote Möwe an den Mund preßte und ins Dorf rannte. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, wie diese Menschen so Blut trinken können.

Sieben Kinder folgten mir nach Hause. Ich glaube, Asuluk hatte jedem 91von ihnen befohlen, etwas für mich zu tragen. Als wir ankamen, ging keins von ihnen weg. Sie verhielten sich vollkommen still, allzu still, aber das lag wohl daran, daß sie mich noch nie aus der Nähe gesehen hatten. Ich bat sie herein und setzte mich auf den Fußboden meines Hauses, um mich herum ein Halbkreis von Kindern, die mich alle anstarrten. Wir saßen da und sahen uns lange Zeit nur an, als plötzlich das Mädchen hereingeschlittert kam. Es hatte sich wieder verspätet. Sie hatte sich eine weiße Feder ins Gesicht geklebt. Ich streckte den Arm aus, und sie zog sich nicht zurück.

»Feder«, sagte ich und hielt sie hoch. Sie versuchte das Wort zu wiederholen, schaffte es irgendwann, worauf ich ihr zuzwinkerte. Sie versuchte zurückzuzwinkern. Mir kam die Idee, den Kindern Englisch beizubringen, als das älteste, ein etwa zehnjähriger Junge, die Hand ausstreckte und meinen Bart berührte. Er berührte sein Gesicht und dann mein Haar. Er sah sich meine Augen genau an.

»Blau«, sagte ich. »Ich habe blaue Augen; du hast braune.«

»Blaue … braune …«, versuchten es ein paar Stimmen.

Dann kam die Attacke. Kleine Finger machten meinen Parka auf; beim Anblick der Brustbehaarung wurden kleine Augen plötzlich doppelt so groß. Das Mädchen, das ich Feder nenne, trat vor und setzte sich neben mich. Sie schmiegte sich ganz eng an mich. Sie versuchte, einen besseren Blick auf meinen Zahn zu erhaschen, den einen, den ich mit einundzwanzig Jahren hatte mit Gold überkronen lassen.

All diese Kinder so eng, so eng bei mir, so neugierig, so freundlich …

Nun, ich glaube, wir nahmen uns nach und nach fast jeden sichtbaren Teil des menschlichen Körpers vor. Kinderstimmen wiederholten meine Worte, und ich versuchte, ihre Worte zu wiederholen.

Dann nannte mich jemand Floreeda.

»Nein. John«, sagte ich. »Mein Name ist John.«

Die Kinder nennen mich jetzt John. Für alle anderen bin ich nach wie vor Floreeda. Wenn ich wirklich Glück habe, heißt es Floreeda John.

Aber das dürfte eine Ausnahme bleiben.

Die Kinder blieben bei mir, bis Asuluk erschien und sie wegschickte. Ich fuhr mit meiner Arbeit fort und flocht Draht zu einem langen Griff für Kiokis Schlitten. So würde sie ihn mit einer Hand ziehen können und brauchte sich nicht ständig Sorgen zu machen, das Seil könnte reißen. Ich benutzte dabei die rechte Hand sowie die Zehen meines linken Fußes, und Asuluk sah mir lange Zeit zu.

Er wollte sich mit mir unterhalten, war aber wie ich allmählich all der Scharaden überdrüssig. Ich dankte ihm jedenfalls dafür, daß er mich mit 92dem Kajak mitgenommen hatte, und ich glaube, er verstand mich. Er nickte. Dann nahm er den Revolver aus dem Parka, und ich suchte in meinen Taschen nach den Kugeln. Ich wollte sie ihm geben. Er schüttelte den Kopf und wollte mir die Waffe zurückgeben.

»Nein, Asuluk. Nein. Sie gehört dir. Dir.«

Er wollte mir etwas dafür geben, aber ich lehnte ab. Es war an mir, meine Dankbarkeit zu zeigen. Er würde den Revolver weit besser brauchen können als ich.

»Komm«, sagte er.

»Was, jetzt?«

»Komm!« wiederholte er. Dieser Tonfall duldete keinen Widerspruch. Ich beendete meine Arbeit in aller Hast und ging mit ihm hinaus. Ich kam zu dem Schluß, daß ich genausogut gleich den neuen Griff an dem Schlitten ausprobieren konnte. Kinder tauchten wie aus dem Nichts auf und sprangen hinein, um sich ziehen zu lassen.

Wenn mir der Gedanke gekommen oder ich dazu überhaupt fähig gewesen wäre, hätte ich aus den Rädern des Flugzeugs einen Karren für sie machen können, trotz der abgefahrenen Gummireifen.

Während ich zusah, wie zwei Jungen eine ganze Bande von Kindern auf dem Schlitten im Dorf herumzogen, und darüber nachgrübelte, was ich sonst tun konnte, fiel mir auf, daß Asuluk verschwunden war. Wahrscheinlich wartete er hinter der nächsten Ecke auf mich und wurde mit jeder Minute ungeduldiger. Ich wollte gerade seinen Namen rufen, als jemand meine Schulter berührte.

Kioki.

»Zeig mir«, sagte sie langsam und fast klar.

Ich konnte es kaum glauben. Sie hatte zwei Worte gesprochen, zwei Worte von allzu vielen, die ich ihr beizubringen versucht hatte.

»Dir zeigen?« fragte ich.

»Zeig mir. Mir.« Sie tippte sich an die Brust. »Mir.« Sie berührte mich. »Du, zeig mir.«

Was, hielt sie mich etwa für dumm?

Asuluk rief etwas. Seine Stimme hörte sich körperlos an. Seine Tochter antwortete. Was immer er von mir wollte, es konnte warten. Ich pfiff den Kindern, die den Schlitten zurückbrachten. Kioki sah den geflochtenen Draht und dann mich an.

Sie lächelte, nickte und wandte sich ab. Sie ging auf unser Haus zu.

Ich wußte, was passieren würde, wenn sie sah, in welchem Zustand es sich befand.

»Ich weiß, daß es schrecklich aussieht. Es tut mir leid.«

93

Sie grunzte mich an und begann aufzuräumen.

»Nein, ich werde das tun.«

Sie ignorierte mich. Sie war eine ebenso stolze Hausfrau wie meine Mutter. Alles hatte seinen Platz. Sie war überhaupt sehr wie meine Mutter Lily. Oder vielleicht bemühte ich mich nur, Ähnlichkeiten zu finden. Ich weiß, daß ich mir die größte Mühe gab, Entschuldigungen zu finden.

»Kioki, ich werde das machen. Es ist meine Unordnung.«

Sie ignorierte mich immer noch.

Ich berührte ihre Schulter, und da blitzte Furcht in ihren Augen auf. Ich ließ sie sofort los. Großartig, jetzt hatte sie auch noch Angst vor mir. Ich würde sie nie mehr berühren können. »Du setzt dich. Setz dich.« Ich nahm ihre Hand und ließ sie sich setzen. Ich schob mit dem Fuß meine Lederstücke und -schnipsel, den geflochtenen Draht und den Hammer, die Zange und die Metallschneider zusammen. Dann nahm ich ein kleines Stück Seehundfell, das sie als Matte benutzte, und deckte alles damit zu. Ich sah sie an, grinste und sagte: »Alles erledigt.«

Sie grunzte und kam mit der Anmut eines dreibeinigen Elefanten auf die Beine. Sie sagte, ich solle mich setzen. Dann fütterte sie mich, und ich machte mir keine Gedanken, wie der Fisch schmeckte. Was ich sonst mit großer Mühe herunterwürgte, hatte einfach nicht den gleichen Geschmack, wenn Kioki es in meine Schüssel legte. Ich beobachtete, wie sie alle meine kleinen Habseligkeiten einpackte, mit einer dünnen Schnur umwickelte und säuberlich in einer Ecke verstaute. Dann war sie zufrieden. Und dann aß sie. Es war so still. Lange Zeit waren wir wie Fremde.

Ich fragte, wie es ihr gehe. Sie sah mich an und sagte: »Gut.«

Wir waren wie Fremde, bis ich den Arm nach ihrer Hand ausstreckte, ihr in die Augen sah und ihr sagte, wie sehr ich bedauerte, was ich getan hätte.

Sie drückte mir die Hand, lächelte ein wenig und legte sich hin, um zu ruhen.

Ich betrachtete sie lange Zeit und fragte mich, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten und ob es wohl mein Kind war. Alberner Gedanke. Es mußte meins sein. Und als ich mich gerade bereitmachte, mich selbst auf dem Fußboden zur Ruhe zu legen, drehte sie sich um, tätschelte die Felle neben ihr und drehte sich dann wieder zur Wand um.

Wie es schien, hatte sie mir vergeben. Schwieriger war es schon, mir selbst zu vergeben. Mir war nicht klar, wie sehr ich sie vermißt hatte, bis ich neben sie krabbelte, den Arm um sie legte und sie an mich drückte. Diesmal dachte ich nicht an Sally.

94

Ich sagte Kioki, daß ich sie liebte, aber sie wußte wahrscheinlich noch nicht, was dieses Wort bedeutet.

Sie schlief nicht gut, ich aber auch nicht. Sie sprach viel im Schlaf und weckte sich allzuoft mit einem unterdrückten Schrei. Ich fragte mich erneut, was ich angerichtet hatte. Die äußeren Kratzer und Verletzungen waren verblaßt, aber die Narben in ihr, die Narben in ihrer Seele, wie stand es mit denen? Ich fragte mich, ob sie je verheilen würden. Ich konnte nichts weiter tun, als sie so zu halten, wie meine Mutter mich früher gehalten hatte – eng an mich gedrückt.

Ich glaube sogar, daß ich ihr etwas vorsang, ein französisches kleines Wiegenlied, obwohl ich nicht sehr gut singen kann. Vielleicht war es mein Herzschlag, den sie hören wollte.

Ich wußte nur eins – daß sie es brauchte, gehalten zu werden.

Jetzt lag es an mir, ein wenig zu geben. Und in diesem Augenblick beschloß ich, es zu überwinden. Ich würde diesen dunklen, verzehrenden Zorn überwinden, und wenn es mich das Leben kosten sollte. Ich würde lernen, seine Gegenwart zu erkennen, bevor er sich äußerte, bevor er mich total einhüllte. Ich würde hinausgehen, weg, weit weg, denn da draußen gab es nur die Insel, die Seehunde, gelegentlich ein Walroß und im Sommer die Vögel.

Wenn ich das tat, würde ich niemandem weh tun können.

95

6

Die Zeit, wie ich sie einmal gekannt hatte, hörte auf zu sein. Diese Menschen leben nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und nach den Jahreszeiten und nicht nach meinen Wochen, Tagen oder Stunden. Bis jetzt war mir nie bewußt gewesen, wie sehr die Zeit mein Leben bestimmt hatte.

Ich war immer ein Mann gewesen, der nach Stundenplan lebte. Das Leben meiner Mutter war zeitlich streng eingeteilt, und Meg und ich mußten uns dem anpassen, ob wir wollten oder nicht.

»Es ist Zeit aufzustehen.«

»Es ist Zeit, in die Schule zu gehen, und komm ja nicht zu spät nach Hause.«

»Es ist höchste Zeit, zur Arbeit zu gehen.«

Die einzige Zeit, die mir gefiel, war fünf nach vier. Mein Job bei Billy Taylor war in mancherlei Hinsicht wie der Schaukelstuhl meines Vaters – er war immer da gewesen, auch als Billy zum Davis Field umzog. Es bedeutete nur, daß ich einen etwas längeren Weg hatte, das war alles. Und wenn der Herbst kam, unternahm Billy von den Rummelplätzen aus viele Vergnügungsflüge. In jenen Tagen schien ich weiter nichts zu tun zu haben als zu laufen. Billy schien etliche Damen mit in die Luft zu nehmen, was vielen anderen Piloten damals nicht in den Kram paßte.

Ich hielt es für selbstverständlich, daß mein Job auf ewig erhalten blieb. Billy brachte mir das Fliegen bei. Er brachte mir überhaupt eine Menge bei. Er war immer da, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß es mal eine Zeit geben würde, in der er nicht mehr da war. Eine Woche, nachdem ich meine Fluglizenz erhalten hatte, fuhr Billy Taylor nach Europa. In seiner Abwesenheit hielten Bobby und ich die Firma über Wasser.

Die meisten Leute sagten, er werde nie zurückkommen. Ich wußte es besser.

Ich hatte Alleinflüge unternommen, seit ich sechzehn war, und die Luft hatte eine besondere Magie für mich, war eine Besessenheit. Alles andere existierte nicht mehr, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Wenn etwas nicht stimmte, entfloh ich in den Himmel. Nichts folgte mir. In zwölfhundert Fuß Höhe konnte niemand an mir 96herumnörgeln. Seit ich siebzehn war, unternahm ich Frachtflüge für Taylor's Air – bediente vor allem die Strecken nach Alabama, Kentucky oder Florida. Manchmal Georgia. Meist übernahm Bobby diese Strecke, doch ich wußte erst mit achtzehn, warum er so oft ausgerechnet diese Flüge machte.

Bess war der Grund. Sie lebte in Atlanta.

Bobby flog schon ein Jahr früher als ich – er war ein Jahr älter, aber zwanzig Jahre weiser.

Viele Leute hielten uns für Brüder. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie sie zu dieser Schlußfolgerung gekommen sind. Wir waren so gegensätzlich, wie zwei Menschen nur sein können.

Seit meine Schwester dreizehn war, sagte sie mir immer wieder, wenn sie sich über etwas aufregte, sie würde mich jederzeit gegen Bobby eintauschen. Aber es war kein Bruder, den sie an Bobby haben wollte. Ich nehme an, das hat er auch von Anfang an gewußt.

Meg hatte ich mein Leben lang ebenfalls für selbstverständlich gehalten – bis um zwölf Uhr mittags an meinem zwanzigsten Geburtstag, als ich schließlich in Tampa landete.

Bobby wartete auf mich. Er druckste ziemlich herum. Das bedeutete, daß ihm zwar etwas auf dem Herzen lag, er aber nicht wußte, wie die Worte herauskommen würden. Es war ein kleines Rätsel, daß er wußte, wo ich sein würde. Damals wußte ich noch nicht, wie viele Leute an der Suche nach mir beteiligt gewesen waren. Ich sollte Kisten mit Alligatorenhäuten abholen und bei Anbruch der Nacht in Orlando abliefern. Ich war schon jetzt spät dran. Da war es gar nicht gut, Bobby zu sehen. Wir waren nie weniger als drei Stunden zusammen, und für uns vergingen drei Stunden wie im Fluge.

Ich hatte nicht mal Zeit, hallo zu sagen. Ich kletterte aus der Maschine und wollte mir gerade die Beine vertreten, als ich hörte: »Du mußt nach Hause, John.«

Alles in mir erstarrte. Jeder kennt das, dieses Gefühl, wenn man Worte hört, die man schon zu lange erwartet hat. Trotzdem ist es ein Schock, sie zu hören.

Ich wußte, daß es meine Mutter war. Lily. Mein Herz machte einen Satz und wollte sich nicht wieder beruhigen.

Was sie anging, wollte ich es einfach nicht wahrhaben, und so stellte ich mich blind, taub und dumm, und am Himmel konnte mich nichts erreichen. Sie wurde mit jedem Tag dünner und war nur noch ein Strich in der Landschaft. Ich wußte, es war dieser verdammte Husten. Einer ihrer Brüder war an Tuberkulose gestorben. Die wenigen Male, die sie 97zum Arzt gegangen war, hatte er ihr irgendeinen zähflüssigen roten Trank gegeben; er brachte sie nur dazu, noch mehr zu husten und zu kotzen.

»Es ist meine Mutter, Himmel, nein …« sagte ich mit zitternder Stimme.

»Nein, Kumpel. Es ist Meg.«

Meg? Meg war tot?

»Was?« Meine Stimme war ein Krächzen.

Bobby wollte nicht mehr sagen, wußte aber, daß er es lieber tun sollte. Er wußte, wie lange es dauert, nach Hause zu fliegen. Er wußte auch, welche Sorgen ich mir schon bei der kleinsten Kleinigkeit machte. »Es ist Kinderlähmung, Kumpel.«

»Kinderlähmung? Was zum Teufel ist das?«

»Hör mal, deine Mutter will, daß du nach Hause kommst. Jetzt.«

Aber ich mußte doch diese Fracht abliefern … Bobby las meine Gedanken. »Ich übernehme deinen Flug. Sieh zu, daß du mit dem Arsch nach Hause kommst.« Er legte mir eine Hand auf die Schulter und drehte mich zu seinem Flugzeug um. Er war hergeflogen, um mich hier zu treffen. Meine Mutter mußte ihn in ihrer Verzweiflung gerufen haben.

Ich muß Bobby mehr vertraut haben, als ich dachte. Ich habe nie eine Menschenseele mein Flugzeug anrühren lassen. »Ich muß, ich muß …« In meinem Gehirn drehte sich alles im Kreis, als ich zum Waschraum lief, Bobby immer zwei Schritte hinter mir. »Was ist das, diese Kinderlähmung? Was ist es?«

»Irgend so ein Bazillus. Manche Menschen bekommen ihn, andere nicht.«

»Aber es ist ernst, nicht wahr? Wenn es das nicht wäre …«

»Es ist ernst.« Bobby kratzte sich den Kopf. »Manche Menschen werden dabei zu Krüppeln.«

Bei diesem Wort blieb mir das Gehirn stehen. Ein Krüppel? Meg? Nein. Unmöglich. Sie hatte immer Ballerina werden wollen. Sie war auch verdammt gut.

Meg. Etwas in mir begann zu zittern.

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie mein Vater mich auf seine Schultern hebt und mich durch eine Glasscheibe auf alle diese säuberlich aufgereihten Babys blicken läßt, während eine Krankenschwester so einen seltsamen Drahtkorb näher an die Scheibe schiebt. Mein Vater sagte mir, dies sei meine neue Schwester. Eine neue Schwester interessierte mich nicht die Bohne; ich wollte nur meine Mama wiederhaben.

98

Diese neue Schwester sah so häßlich aus wie ein alter Mann kurz vor dem Tod. Ihre Haut schälte sich, und sie hatte ein rotes Gesicht. Sie schrie. Sie sah aus wie ein gehäutetes Kaninchen. Ich sah meinen Vater an. Er muß sie wohl für schön gehalten haben. Was immer ich an jenem Tag in seinen Augen sah, ich weiß, daß ich es später nie wieder gesehen habe. Es flackerte einmal auf und verschwand dann für immer.

Als ich Meg das nächste Mal sah – ich nannte sie Magget, denn das war das Böseste, was mir zu Margaret einfiel* -, lag sie auf meiner Pritsche neben dem Bett meiner Mutter. Es war meine Pritsche. Das war mein Bett, nicht ihrs. Jetzt mußte ich allein draußen in dem dunklen Zimmer neben der Veranda schlafen. Als sie einzog, änderte sich alles.

* »Magget« klingt wie maggot = Made (Anmerkung des Übersetzers).

Ich wollte dieses Wesen nicht berühren, nicht halten, nicht nett zu ihm sein. Es schrie nur dauernd und lutschte an seiner Hand. Mom verbrachte viel Zeit allein mit ihm in ihrem Zimmer, und wenn diese Tür geschlossen war, durfte ich nicht in die Nähe meiner Mutter kommen. Wenn mein Daddy von seinem Gin nach Hause kam, war es besser. Ich folgte ihm auf Schritt und Tritt. Ich gab mir die größte Mühe, diese neue Schwester zu ignorieren.

Das war nicht leicht. Bevor ich mich versah, lächelte sie mich ständig an. Egal, was ich tat, wenn Mom nicht hinsah, sie lächelte mich trotzdem an. Sie war zwar dumm, aber ich fing an, sie zu mögen. Ich wollte es nicht; es passierte einfach. Als sie anfing, allein zu essen, hatte Mom mehr Zeit für mich, aber inzwischen krabbelte dieses Baby dauernd hinter mir her und folgte mir überallhin wie ein Hündchen. Manchmal roch sie schlimmer als ein Hund.

Von Zeit zu Zeit trug ich sie, vor allem wenn sie vor dem verschlossenen Gartentor stand. Sie zog sich am Zaun hoch, rüttelte daran und schrie, als wollte sie auch die Hühner füttern. Ich wollte nur noch abwarten, bis sie alt genug war, den Eimer zu halten; dann sollte sie gern alle meine Hausarbeiten übernehmen, und ich konnte zusehen.

Doch dazu kam es nie.

Meg. Auch sie war ein wenig wie Dads Schaukelstuhl. Sie war immer da. Als sie zwei war, sagte Mom: »Sieh mal, John Robert. Sie versucht zu tanzen.«

Dann hieß es: »Sie ist so eine wundervolle Tänzerin.«

Ich war in gar nichts wundervoll.

Als sie sieben war, bekam sie ein altes Ballettröckchen zum Geburtstag. 99Danach glänzte die Veranda immer wie poliert. Fünf Schritte hin, Drehung auf den Zehen, fünf Schritte zurück.

An dem Tag, an dem ich Reißzwecken in die Bodendielen steckte, brachte sie mich fast um. Ich hatte gar nicht gewußt, wie schnell sie rennen konnte. Sie griff mich an. Ich hätte ihr nie beibringen dürfen, wie man das macht. Und Mom sah zu, während sie mich verprügelte. Es tat nicht weh. Ich mußte so lachen, daß ich zu sterben glaubte. Je mehr ich lachte, um so härter stieß, trat und biß sie.

Meg hatte niemandem je zu irgend etwas viel zu sagen. Aber wenn sie mal anfing, benutzte sie hochtrabende Worte zu hundert Dollar das Stück und nörgelte damit an mir herum, denn sie wußte, daß mein Wortschatz nie über fünfzig Cent hinauskam – insgesamt.

Ich weiß noch, wie ich Bobby ansah, der in diesem Klohaus in Tampa neben mir stand. Er wollte, daß ich etwas sagte, irgendwas. Aber ich konnte nicht. Alles verschwamm mir vor den Augen; mir zitterten die Hände.

»So etwas kann einfach nicht passieren«, sagte ich. »Als ich sie das letzte Mal sah, war sie noch gesund.«

Bobby sah mich an – es war ein halbes Blinzeln, und er hatte eine Augenbraue gehoben. Der Scheißkerl konnte immer direkt in mich hineinsehen.

Na schön, sie hatte schon lange über Müdigkeit geklagt, doch das lag an der Schule. Sie war fast achtzehn und schlief abends über ihren Büchern ein. Wenn ich gegen Mitternacht Licht unter ihrer Tür sah, ging ich zu ihr hinein. Inzwischen hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht zu sagen: »Meg. He da. Du solltest im Bett schlafen.«

Damit lotste ich sie zu ihrem Bett. Wann war das gewesen, als sie sich hinlegte und sagte, der ganze Körper tue ihr weh? Ich sagte ihr, es sei wahrscheinlich eine Erkältung, und deckte sie zu. Sie jaulte auf; ich hätte ihren Beinen weh getan.

Ich nahm keine Notiz davon.

Meine Schwester und Mary Jo Batten, ihre Tanzpartnerin und beste Freundin, hatten ihre Muskeln nur mal wieder überanstrengt.

Eine durchaus vernünftige Annahme.

Der Tanz war ihr Leben. Wenn sie nicht Tänzerin werden konnte, wollte sie Rechtsanwältin werden. Eine tanzende Anwältin, sagte sie, wobei diese grünen Augen blitzten. Sie hatte mehr Grips als ich. Himmel, jeder konnte das sehen. Ich war derjenige, der von der Schule abgehen, sich einen Job suchen und die Familie ernähren mußte. Doch das machte mir nichts aus. Die Schule hatte mir nie was gebracht. Ich lernte 100da eine Menge Unsinn, der für die wirkliche Welt nicht taugte. Ich bekam Daddys Aussehen mit; sie seinen Grips. Einen Verstand, von dem er nie viel Gebrauch machte; sonst hätte er nicht versucht, zwei Neger davon abzuhalten, sich unten an der Mühle gegenseitig umzubringen. Wenn er Grips gehabt hätte, wäre er jetzt Chef dieser Mühle. Statt dessen verlor er seinen Job, weil er versuchte, zwei Schwarze davon abzuhalten, sich gegenseitig umzubringen. Er bekam einen anderen Job bei der Eisenbahn in Alabama, versuchte ein Held zu sein und starb.

»Alles in Ordnung mit dir?« fragte Bobby.

»Ich kann nicht nach Hause. Ich kann ihr nicht unter die Augen treten, Bob. Ich kann es nicht.«

»Du mußt.«

Ende der Geschichte. Du mußt. Ich wußte es; er wußte es. Meine Mutter war allein; ich wußte nicht, wie sie damit fertig werden sollte. Ihre Kinder waren ihr Leben. Sie hätte sich einem Berglöwen mit bloßen Händen entgegengestellt, wenn sie geglaubt hätte, einer von uns würde von dem Tier angegriffen werden.

»Ich habe mit Doc Brown gesprochen. Er hat gesagt, es gebe drei Arten von Kinderlähmung. Vielleicht hat sie die mildere Form. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm.«

Ich sah ihn an. Meine Familie hatte noch nie halbe Sachen gemacht. »Was hat er sonst noch gesagt?«

»Himmel, John. Wie wär's wenn du einfach nach Hause fliegst.«

Ich muß völlig verängstigt ausgesehen haben, denn er sagte: »Ich werde heute abend da sein, okay? Ich werde irgendwie hinkommen.«

Das Wissen, daß er da sein würde, machte es etwas leichter. Vielleicht wäre es aber auch leichter gewesen, ohne Augenbinde vor einem Erschießungskommando zu stehen.

Meg würde sich freuen, ihn zu sehen, das wußte ich. Er war ihre erste Liebe. Sie war fast dreizehn gewesen, als ich Bobby zum ersten Mal nach Hause brachte. Ich hatte mir nichts dabei gedacht; er brauchte einen Platz zum Schlafen. Seit ich mit Billy nach Florida gefahren war, hatten sein Boß und meiner ein paar geschäftliche Vereinbarungen getroffen.

Mom geriet wegen des unerwarteten Besuchers in Panik. Es war halb neun, als wir hineinspazierten. »Hast du was dagegen, wenn Bobby über Nacht bleibt?«

Meg saß im Nachthemd am Küchentisch und zerschnitt ein Ballettprogramm, das jemand ihr geschenkt hatte – im Opernhaus der Stadt zu tanzen, war alles, was sie sich je gewünscht hatte.

101

Sie drehte sich zu Bobby um; sie riß die Augen auf, was sie sonst nur tat, wenn sie eine Spinne an der Wand sah. Sie errötete, nahm die Farbe überreifer Erdbeeren an und tauchte unter den Tisch.

Bobby war sechzehn, sah aber wie zwanzig aus. Er war schon jetzt über einen Meter achtzig groß; er hatte kurzes dunkles Haar und ein Aussehen, an dem sich Mädchen nicht sattsehen konnten. Er setzte sich und sagte nur etwas, wenn er angesprochen wurde, was bei meiner Mutter bedeutete, daß er in einer halben Stunde mehr sagte als in der ganzen Zeit, in der ich ihn kannte.

Ich verlor kein Wort darüber, daß meine Schwester sich unter dem Tisch versteckte, und Bobby auch nicht. Sie tat immer seltsame Dinge. Er erzählte Mom von Hialeah, wo er wohne, und erwähnte, daß sein Pa seinen Lebensunterhalt damit verdiene, daß er mit Alligatoren ringe. Bobby konnte sehr gut lügen, so daß ihm jeder glaubte. Sogar ich war zunächst auf seine Geschichten hereingefallen.

Und Meg, die unter dem Tisch hockte, hatte keine Fluchtmöglichkeit. Sie piekte mich mit ihrer Schere ins Bein. Ich gab ihr einen Tritt und tat, als hätte ich einen Löffel fallen lassen. Sie reichte mir einen Zettel. Ich sah nichts weiter als Bobbys zappelnde Beine und ihre verängstigten Augen. Auf dem Zettel las ich: »Hol meinen Morgenmantel.« Ich lächelte ihr zu und blieb, wo ich war.

Als Mom dann die Pfannkuchen auf den Tisch stellte und den Sirupkrug hervorholte, der für besondere Anlässe reserviert war, sagte sie: »Meg, komm unter dem Tisch hervor. Wir haben einen Gast.«

Meg piekte mich wieder gegen das Bein. Sie schoß unter dem Tisch hervor und durchquerte den Flur wie ein geölter Blitz. Dann knallte sie ihre Zimmertür zu, und das war zunächst das letzte, was wir von ihr hörten.

Bobby verbarg sein Grinsen den ganzen Abend.

Ich zeigte ihm um Mitternacht den Weg zum Klohäuschen, und Mom stand neben mir an der Hintertür und sagte: »Was für ein netter junger Mann.«

Auch sie hatte Sterne in den Augen.

Da wünschte ich mir nicht zum ersten Mal, ich hätte auch etwas von dem, was er hatte, was immer es sein mochte.

Bobby schlief in meinem Zimmer auf dem Fußboden, auf einer alten Matratze, die unter meinem Bett lag. Zum letzten Mal hatte vor zwei Jahren Bawler Johnson darauf geschlafen, als er über Nacht blieb. Er pinkelte ins Bett. Das habe ich Bobby jedoch nicht erzählt. Ich schlief schon fast, als er sagte: »Du hast eine nette Familie.« Als hätte ich ihn 102angelogen. Und er meinte es sogar. Damals kannte ich seinen Vater noch nicht. Ich hielt ihn für glücklicher, weil er einen hatte.

Meg war am nächsten Morgen früh auf den Beinen, und Bobby ebenfalls. Ich wachte auf, als ich die Stimmen auf der Veranda hörte.

»John hat mir erzählt, daß du gern tanzt.«

Ah, tanzen. Jetzt gibt es für sie kein Halten mehr. Doch sie sagte nichts, und ich stellte mir vor, wie ihr Gesicht wieder die Farbe überreifer Erdbeeren annahm. »Hast du Schwestern?« fragte sie schließlich mit einer schüchternen Stimme, die ich noch nie gehört hatte.

»Nein.«

Vielleicht versuchte er nur, meine kleine Schwester kennenzulernen. Aber als sie losging, um ihm Frühstück zu machen, wußte ich, daß sie sich verliebt hatte. Mir hatte sie immer nur gesagt: »Mach es dir selbst. Ich habe zu tun.« Ich lag da und dachte, daß ich ihn ermorden würde, wenn er meine Schwester anrührte. Ich war nicht dumm. Ich hatte gesehen, mit was für Augen die Jungen Meg ansahen. Ich wußte auch, was ihnen vorschwebte. Schließlich dachte ich genauso. Aber sie war meine Schwester. Das machte einen Unterschied.

Als er mich später fragte, wie alt sie sei, gingen wir gerade über das Feld zu Taylor's Air. Dieser Firmenname hatte schon längst das Schild FLUGSCHULE ersetzt. Ich sagte ihm, er solle die Hände von ihr lassen – im Blut der Shaws hätten Kubaner nichts zu suchen.

Er lachte mich aus. Er dachte, ich machte einen Witz. Er lachte jedoch nicht, als ich sagte: »Sie ist dreizehn.« War es meine Schuld, daß sie älter aussah?

All diese Dinge schossen mir durch den Kopf, als ich Bobbys Flugzeug nach Hause flog – nach Hause zu Davis Field, wo meine Harley auf mich wartete.

Es war fast elf, als ich im Krankenhaus ankam und sie mich einließen. Die Klinik war neu – alt, aber neu. Es war eine Schule für schwarze Mädchen gewesen, bis das County den Bau kaufte. Als ich ankam, wischte eine Krankenschwester, mit der ich zur Schule gegangen war, den Fußboden. Ich sagte ihr, gegen Mitternacht oder ein Uhr werde wahrscheinlich noch jemand kommen.

Es muß die Poliostation gewesen sein, zu der sie mich führte.

Ich mag Krankenhäuser nicht, habe sie nie gemocht. Ich kann die Krankheiten und die Schmerzen aller Patienten geradezu fühlen. Kalter Schweiß brach mir aus, und mir drehte sich der Magen um. Ich wußte nicht, wie Meg aussehen würde, oder auch nur, wo sie sich in diesem Raum voller Leid und Schmerz befand.

103

Dann sah ich im Halbdunkel die Silhouette meiner Mutter. Diese magere Frau, die so alt aussah, so alt und erschöpft, saß am Bett ihrer Tochter und strich ihr mal über die Hand, mal über die Stirn.

Meine Füße waren an dem gebohnerten Fußboden wie festgeklebt. Da sieht man, wie mutig ich bin. Doch sie wandte den Kopf; sie wußte immer, wann ich da war. Ich sah sie an, sah meine Schwester an. Meg schlief. Sie sah mehr als nur krank aus. Sie machte den Eindruck, als läge sie im Sterben.

Ich drehte mich um und rannte hinaus, ohne zu wissen, was ich tat. Meine Mutter, die selbst so krank war, versuchte hinter mir herzulaufen. Ich blieb erst stehen, als ich die Nachtluft von Abbeville einatmete und nicht mehr den Krankenhausgestank, Krankheit, Schmerz. Krankheit und Schmerz hatten nicht das Recht, wie antiseptische Flaschen zu riechen.

Selbst als sie mich rief, hörte sich ihre Stimme erschöpft an. »John Robert! Wo wolltest du hin?«

»Das ist nicht meine Schwester da drinnen. Das ist nicht meine Schwester …«

»John Robert, bitte …«

»Mein Name ist John, und das da ist nicht meine Schwester!«

Ich starrte auf eine Fremde hinunter, eine Fremde, die ich mein ganzes Leben gekannt hatte. Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagte, oder ob ich meinen Gedanken überhaupt erlaubte, zu Worten zu werden. Alles, was je schiefgegangen war, hatte sich in einer Gewitterwolke um mich herum versammelt, und ich traf meine Mutter mit dem Blitzstrahl.

Ich glaube, ich warf ihr vor, nicht gesehen zu haben, daß Meg krank war. Ich dachte wohl, meine Mutter hätte die Krankheit aufhalten oder ihrer Tochter früher helfen lassen können. Was für eine Mutter war sie?

Wußte sie nicht, daß ich zwanzig Jahre alt und kein Kind mehr war? Wenn sie den Namen John nicht mehr aussprechen konnte, war es vielleicht an der Zeit, sich einzugestehen, daß er tot war – ja, mein Daddy war tot, und ich war ich. Ich war nicht er. War es nie gewesen, würde es nie sein. Ich hatte die Familie mehr als zehn Jahre lang ernährt, nicht er. Ich ernährte und kleidete sie. Ich hatte dafür bezahlt, daß meine Schwester die Schule und jetzt das College besuchen konnte, damit sie das alles vergeuden konnte, indem sie den erstbesten gutaussehenden Jungen heiratete, der ihr über den Weg lief. An den Kauf eines eigenen Flugzeugs war jetzt nicht mehr zu denken; das ganze Geld würde für Arztrechnungen draufgehen. Wer zahlte dies alles ohnehin, wenn nicht ich?

Wahrscheinlich hätte ich noch weit mehr gesagt. Ich hätte es getan, 104wenn sie mich nicht geschlagen hätte. Sie hatte mich nicht mehr geschlagen, seit ich mit zehn Jahren einmal versucht hatte, unter dem Haus Feuer zu machen. Doch in jener Nacht tat sie es. Und noch Jahre später trug ich den stechenden Schmerz wie etwas Ekelhaftes und Häßliches, das in ein Taschentuch eingewickelt ist, mit mir herum. So ekelhaft und häßlich, daß selbst ein Loch im Erdboden es sofort wieder ausspucken würde.

Ich konnte ihr nicht sagen, wie mir zumute war, und so ließ ich statt dessen meinem Zorn freien Lauf. Ich konnte nicht sagen, daß ich mich um sie sorgen und für sie sorgen würde bis zu meinem Tod.

Da war nichts als fruchtloser, hilfloser Zorn. Dann schlug sie mich. Und urplötzlich war es still. Wir starrten uns an. Sie konnte nicht glauben, daß sie mich geschlagen hatte, ihren einen Meter einundneunzig großen Sohn; und ich konnte nicht glauben, daß ich gesagt hatte, was ich mir hatte entschlüpfen lassen.

Als sie fünf Worte sprach – »Du bist nicht mein Sohn« -, zerbrach etwas in mir.

Der Tag, an dem meine Schwester Kinderlähmung bekam, war der Tag, an dem ich lernte, was eine Entschuldigung ist. Ich versuchte meine Mutter zu umarmen. Sie schob mich weg. Ich glaubte, müde zu sein, bis ich ihr in die Augen sah.

Sie sah mich weinen. Kurze Zeit ließ sie mich weinen. Dann sagte ich, es tue mir leid. Es war das einzige, was mir einfiel, doch es war nicht genug. Es schien nicht genug zu sein und hörte sich auch nicht richtig an.

Sie war damals etwa achtunddreißig. Achtunddreißig, und sie sah aus wie fünfzig.

Ich war auf meine schöne, mutige Witwe von Mutter immer so stolz gewesen, daß ich bis zum letzten Atemzug gegen jeden gekämpft hätte, der etwas anderes sagte. Über die Witwe Shaw wurde nämlich immer etwas gewispert – Klatsch kleiner Geister, Getratsche von Menschen, die sich die Not, den Schmerz und das Unglück anderer zunutze machten. Meist ging es bei diesem Gerede darum, daß zu jeder Tages- und Nachtzeit Männer unser Haus betraten oder verließen.

Während meine Mutter allein im Dunkeln saß.

Immer allein.

Der einzige Mann, den ich sie einmal seltsam hatte anblicken sehen, war Billy Taylor. Sie hatte versucht zu lächeln, als ich ihr erzählte, er habe mir geschrieben, er wolle eine reiche englische Witwe heiraten. Dann ging sie in ihr Zimmer und blieb mehrere Stunden dort. Ich nehme an, daß sie weinte.

105

Und jetzt dachte sie, daß der zweite Mann, den sie liebte, ihr Sohn, sie ebenfalls im Stich gelassen hatte.

Ich sagte ihr, daß ich sie liebte. Ich sagte ihr, daß ich alles in meiner Macht stehende tun würde, um ihr zu helfen, selbst wenn ich nichts weiter tun konnte, als ihr das Geld zu geben, das ich für mein Flugzeug gespart hatte. Es machte nichts, daß mich das in meinen Plänen drei Jahre zurückwerfen würde; ich würde trotzdem tun, was ich konnte.

Aber Geld oder dessen Fehlen war nicht das, was sie beschäftigte.

»Setz dich zu ihr, John.«

Sie nannte mich John.

»Sie braucht dich. Ich auch.« Und dann lehnte sie sich an mich, als bemühte sie sich allzusehr, mich dazu zu bringen, etwas von dem abzugeben, wovon ich ihrer Meinung nach zuviel hatte – Kraft. Weil sie ihre ganze aufgebraucht hatte.

Ich brachte sie nach Hause; vielleicht ging ihr gar nicht auf, daß sie auf dem Sozius dieses Motorrads saß, das sie so haßte. Sie sagte immer, wenn ich nicht in einem Flugzeug stürbe, werde dieses Motorrad mir den Tod bringen.

Ich brachte sie zu Bett. Dann fuhr ich wieder zum Krankenhaus, setzte mich zu meiner Schwester und hielt ihre Hand, bis sie kurz vor Tagesanbruch endlich aufwachte.

Ich glaube, sie war überrascht, mich zu sehen. Sie mußte all ihre Kraft aufbieten, um zu sagen: »Ich denke, du bist in Florida.«

»Ja, ich weiß.«

Sie regte sich darüber auf, daß Mom mich hatte kommen lassen. Sie schämte sich, war verlegen, irgend etwas. Wir sahen uns lange Zeit an – wobei ich nervös hin und her rutschte, da ich nicht wußte, was ich sagen oder tun sollte.

»Warum ich?« fragte sie schließlich.

»Ich weiß nicht. Ich frage mich das schon den ganzen Tag.«

Sie drückte mir die Hand, sah mir in die Augen und sagte: »Dr. Davis sagt, daß ich nie mehr tanzen werde.«

Ich blickte an die Decke. Die Kehle schnürte sich mir zu. Ich würde um keinen Preis zulassen, daß meine kleine Schwester mich weinen sah. Ich wußte, wie ihr zumute war. Ich wußte, wie ich mich fühlen würde, wenn jemand sagte: »Du wirst nie mehr fliegen.« Es kam mir vor, als sähe ich zu, wie ihr ganzes Leben sich in Luft auflöst, und in dem Wissen, daß sie es nie zurückbekommen konnte. Alles entglitt ihr.

»Kann die Beine nicht bewegen. Von der Taille abwärts kann ich nichts mehr fühlen.«

106

Ich bemerkte, daß die Zimmerdecke mit Stuckornamenten verziert war. Ich konnte da Dinge erkennen, die nur Patienten des Krankenhauses je gesehen hatten, Krankenhauspatienten und vor langer Zeit vielleicht irgendein gelangweiltes schwarzes Mädchen.

»Ich wollte nicht, daß du es weißt.«

»Warum?« fragte ich.

»Du hast auch so schon genug Sorgen.«

Als wäre sie nicht wichtig.

Dann hörten wir es beide: Bobbys Stimme, die mit einer der Schwestern stritt. Vielleicht war es die Oberschwester, mit der er sich angelegt hatte.

»Ich bin praktisch ein Verwandter, Lady!«

»Ich kann ihn nicht empfangen. Er darf mich so nicht sehen. Das darf er nicht.«

»Willst du ihn etwa aufhalten?« fragte ich in einem Versuch, einen Scherz zu machen. Ich drückte ihr die Hand und konnte ihre Augen im Rücken spüren, als ich zur Tür ging, um ihn zu begrüßen. Viele Menschen sahen zu.

Bobby kam herein, und die Schwester, die am Ende des Saals am Tisch saß, starrte ihn die ganze Zeit an. Er lehnte sich ans Fußende des Krankenbetts meiner Schwester und sagte: »Was hast du denn diesmal angestellt?«

Er war derjenige, zu dem sie ging, um sich ein aufgeschlagenes Knie verbinden zu lassen, damit er einen Splitter herauszog, ein gebrochenes Herz heilte, und dem sie Fragen wegen Jungen stellte. Manchmal gingen sie stundenlang spazieren und unterhielten sich nur dabei. Ich denke, daß er sie vielleicht auch einmal geküßt hat, während einer dieser Zeiten, in denen sie immer klagte: »Ich bin so häßlich, ich hasse mich«, die mit ärgerlicher Regelmäßigkeit wiederkehrten. Wenn sie mir mit so etwas kam, habe ich immer nur zugestimmt, ja, du bist häßlich, und ja, du solltest dich wirklich hassen.

»Komm schon. Was hast du diesmal angestellt?«

Sie hielt sich gut, bis er sich auf die Bettkante setzte und ihre beiden Hände in eine seiner nahm. Da weinte sie – endlich.

Da waren sie nun, mein bester Freund und meine einzige Schwester, und ich sah Meg weinen.

Ich hatte Meg noch nie weinen sehen. Ich hätte den ganzen Tag und die halbe Nacht auf sie einreden können, um ihr vielleicht Hoffnung zu geben, letztlich doch noch eine Zukunft zu haben, daß es im Leben vielleicht noch mehr gab als nur das Tanzen.

107

Sie hätte meinen Lügen nur zugestimmt, diesen Halbwahrheiten, die ihr eingefallen wären. Wir hätten beide eine Liste machen können, eine schriftliche Wiederholung all dieser ungeschriebenen Ziele und aller ehrgeizigen Pläne, diese Liste, mit der jeder von uns auf die Welt kommt und die mit uns unerledigt stirbt. Ich bin froh, daß wir diese Liste nie angefertigt haben. Mir fiel nichts, absolut nichts ein, was ein gelähmtes Mädchen 1922 hätte tun können.

Sie konnte nicht mal das College besuchen. Colleges waren für vollständige Menschen gedacht und nicht für Krüppel.

Sie konnte nicht einmal Bücher schreiben. Meg besaß zuviel Intelligenz, aber nicht genug Phantasie. Sie konnte nicht den Finger auf die Ursache der Traurigkeit legen, die hinter den Augen irgendeines Menschen verborgen war. Sie erkannte nicht einmal Trauer, höchstens ihre eigene. Sie sah nie Elefanten oder Drachen in den Wolken und sah mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost, wenn ich sagte: »He, sieh mal! Da ist ein Hexengesicht, ein Pferd, ein Pferdewagen, eine große dicke Bulldogge, und jetzt ist es ein …«

Manchmal fällt es mir schwer, all dies zu Papier zu bringen. Manchmal paßt rein gar nichts. Was ich fühle, klingt dann zu trocken, zu abgestanden, zu leer. Etwas fehlt. Dann steht da nicht das, was ich bin oder mal war, aber näher komme ich nicht an das heran, was in mir vorgeht.

Auf das, was ich einmal gewesen bin, kommt es nicht mehr an. In der wirklichen Welt kam es früher darauf an, was man tat, und manchmal darauf, wie man aussah. Hier ist wichtig, wer man ist, wie man sich anpaßt, was man tun kann und will.

Ich bin zwar guten Willens, aber mit einer fast nutzlosen rechten Hand, die ich nicht mehr gebrauchen kann, seit ich als Kind von einem Zaunpfahl fiel, und einer linken Hand, die irgendwo da draußen auf dem Eis liegt, und einem zweimal gebrochenen Bein, das nicht verheilt ist, und einem Gehirn, das immer dann aussetzt, wenn ich es am wenigsten erwarte, gibt es nicht viel, was ich tun könnte, ob willens oder fähig.

Ich kann noch nicht einmal das, was von meinen Bleistiften übrig ist, anspitzen. Was gäbe ich darum, etwas Tinte zu haben.

Mein Vater hatte einen Gänsekiel, den er in seiner Kommode aufbewahrte, und eine Flasche Tinte. Der Federkiel hatte seinem Großvater gehört und war mehr als hundert Jahre alt. Er kam aus England. Die Feder war noch so gut wie intakt. Ich durfte sie nie berühren. Ich saß ihm am Tisch gegenüber und sah im beim Schreiben zu. Er ließ mich zusehen, vorausgesetzt, ich hielt den Mund. Er schrieb meist Gedichte, die er meiner Mutter vorlas. Sie sagte, er verstehe sich darauf. Für mich waren 108es phantasievolle hübsche Worte, die keinen Sinn ergaben, es sei denn, es gab mal einen komischen Reim über Meg und mich.

Ich wünschte, ich könnte mich an das Gedicht erinnern, das er über die Schlange im Klohäuschen schrieb. Das war mein Lieblingsgedicht. Ich konnte es früher auswendig hersagen. Es bedeutete mir mehr als sechs gute Mahlzeiten. Ich nehme an, es wäre immer noch so, wenn ich noch eins davon beherrschte.

Ich vermute, daß dieser Federkiel eines Tages mir gehört hätte. Er sollte immer vom ältesten Sohn der Shaws geerbt werden. Das Haus ebenfalls. Es war ein altes Haus, das schon in meiner Kindheit alt gewesen war. Wie die Weiden am See und die Eichen in dem Wald, den ich durchstreifte, aber wenn ich es tat, war ich nicht ich selbst. Ich war ein Offizier, der eine eigene Armee führte.

Wir waren zu sechst. Ich spielte jedesmal einen Rebellenoberst, und die Yankees haben auch kein einziges verdammtes Mal gewonnen. Dann fing Henry »Bawler« Johnson an zu weinen, weil wir uns verlaufen hätten. Oder wenn die Sonne allmählich unterging, fing er an, nach seiner Mama zu schreien. Der Junge hatte keinen Sinn für Abenteuer. Komisch, daß ich mich nur an Bawler erinnern kann. Er roch komisch. Hatte große Ohren, kleine Augen und einen dicken Bauch. Er war so dick, daß seine Hosen nie sehr lange oben blieben. Er versuchte zu laufen. Er versuchte es wirklich … Was soll's wahrscheinlich hat er inzwischen schon einen zweiten Eisenwarenladen.

Ich wollte Soldat werden, bevor ich die Magie des Flugzeugs entdeckte. Ich war zu jung, in den Krieg zu ziehen, aber Billy Taylors Bruder war es nicht. Er schloß sich drüben in England dem Royal Flying Corps an, und Billy sah ihn nach dem Krieg zufällig wieder. Er sprach nie viel darüber, sondern sagte nur, er vermisse etwas in den Augen seines Bruders – etwas Wichtiges.

Für einen Mann, der behauptete, einmal verheiratet gewesen zu sein, war Billy bei Damen schrecklich schüchtern – besonders bei meiner Mutter. Als Meg erkrankte, war er wieder bei uns in der Gegend. Doch nur eine Zeitlang – er war dabei, noch ein paar Dinge zu erledigen, bevor er nach England zurückging, um seine neue Lady zu heiraten.

Aber ich weiß, daß er meine Mutter mochte – und zwar sehr. Ich weiß, daß er am Abend des Tages nach Ed Maginleys Unfall mit dem Lastwagen bis drei Uhr morgens mit ihr zusammensaß. Und ich weiß auch, daß er sie jeden Tag ins Krankenhaus fuhr, damit sie Meg besuchen konnte, aber er wollte nicht mit reinkommen. Er blieb stundenlang draußen sitzen, bis meine Mutter fertig war, so lange, wie es nötig war. Außerdem 109erbot er sich, Meg einen Rollstuhl zu kaufen, doch meine Mutter weigerte sich, das anzunehmen. Da half er auf andere Weise. Er verkaufte sein Geschäft an Bobby und mich und ging dann nach England zurück zu der Dame, die er dort kennengelernt hatte.

Ich weiß noch, daß ich nach New York fuhr und ihn am Schiff verabschiedete. Ich stand mit Hunderten von Menschen auf dem Quai. Die meisten von uns taten so, als wären wir glücklich, weil ein geliebter Mensch abreiste. Als ich wegging, fragte ich mich, wie dieses große Loch in mir ausgefüllt werden sollte. Seine letzten Worte an mich waren: »Vergiß eins nicht, Johnny … Eine Maschine kannst du immer ersetzen. Von den Toten kannst du nichts zurückkaufen. Ich weiß es.«

Er schüttelte mir die Hand, umarmte mich und rannte fast die Laufplanke hinauf. Ich verlor ihn in der Menge, wartete aber, bis all die Passagiere nur noch kleine Stecknadeln waren, bevor ich wegging.

Billy hatte mir erzählt, meine Mutter brauche einen Freund. Ich hätte mir vielleicht etwas Falsches eingebildet, aber das sei alles, was er für sie wäre. Er wußte nicht, daß mir diese falsche Vorstellung sehr willkommen gewesen wäre. Von all den Dingen, die ich diesem Mann hätte sagen sollen, war dies das erste auf meiner Liste.

Ich habe denen, die mir wichtig waren, nie erzählt, wieviel sie mir bedeuteten.

Ich setzte voraus, daß sie es schon wußten.

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