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Fritz Mühlenweg
Großer-Tiger und Christian

Signet

Ausgezeichnet mit dem
Friedrich-Gerstäcker-Preis

Fritz Mühlenweg

Großer-Tiger und Christian

Mit einem Geleitwort von Sven Hedin

Titelseite

Herder
Freiburg · Basel · Wien

Diese Neuausgabe enthält den leicht gekürzten Text des Buches
In geheimer Mission durch die Wüste Gobi, das auch in zwei Bänden erschienen ist:
Großer-Tiger und Kompaß-Berg und Null Uhr fünf in Urumtschi

Umschlagzeichnung, Einband- und Titelvignette
von Elisabeth Mühlenweg

Alle Rechte vorbehalten — Printed in Germany
© Herder & Co. GmbH Freiburg im Breisgau 1950
und Verlag Herder KG Freiburg im Breisgau 1963
Herder Druck Freiburg im Breisgau 1963
Bestellnummer 14079

Inhalt

Geleitwort5
Statt eines Vorworts7
Alte chinesische Tageseinteilung in zwölf Doppelstunden7
Fremdwörterverzeichnis8
Erstes Kapitel in dem wir „Großer-Tiger“ und Christian kennenlernen, und wie sie einen Drachenaufstieg beschließen11
Zweites Kapitel das von dem großartigen Aufstieg des Drachen handelt und von seinem bedenklichen Ende13
Drittes Kapitel in dem wir leider die große Schlacht am Nan-Ku-Paß mitmachen müssen17
Viertes Kapitel oder wie es einem ergeht, der nicht zur siegenden Partei gehört19
Fünftes Kapitel in dem wir die ehrenwerte Bekanntschaft des Generals Wu-Pei-Fu machen22
Sechstes Kapitel in dem es Christian und Großer-Tiger gut geht27
Siebentes Kapitel in dem Christian und Großer-Tiger Geheimkuriere werden30
Achtes Kapitel in dem die Reise trotz schlechter Vorzeichen gut beginnt34
Neuntes Kapitel von dem Mann, der in das Waschfaß spuckte38
Zehntes Kapitel in dem wir erfahren, was Kleiner-Schneevogel weiß41
Elftes Kapitel von dem Wirtshaus „Zu den zwei silbernen Schüsselchen“ und von dem Wirt, der ein Rotbart war44
Zwölftes Kapitel in dem es schrecklich hergeht52
Dreizehntes Kapitel in dem wir zum Glück den Vater von Kleiner-Schneevogel finden61
Vierzehntes Kapitel in dem es Nacht ist und man darum nicht alles sehen kann, was vor sich geht67
Fünfzehntes Kapitel mit dem Bericht Bators, der zuerst aus holprigen Sätzen in reines Chinesisch übertragen und dann verdeutscht werden mußte — ein schwieriges Kapitel76
Sechzehntes Kapitel von dem Ring, der seinen Herrn sucht83
Siebzehntes Kapitel von dem Spiel „Kleine Umwälzung“95
Achtzehntes Kapitel von dem Kang, der nicht ausgemauert war100
Neunzehntes Kapitel von dem Geheimnis der Steinchen110
Zwanzigstes Kapitel vom Herrn Mondschein mit dem Säbelhieb116
Einundzwanzigstes Kapitel mit bedenklicher Nachricht über den ehrenwerten Mondschein, und von der Audienz beim König der Sunit-Mongolen122
Zweiundzwanzigstes Kapitel von dem Zauberwort Jabonah und von einer Wolfsjagd, bei der kein Schuß fällt135
Dreiundzwanzigstes Kapitel von dem wilden Lama Donnerkeil148
Vierundzwanzigstes Kapitel mit Nachricht von dem Berg Muruktschich und von dem davonreitenden Donnerkeil158
Fünfundzwanzigstes Kapitel das von Eselsgeschrei und von Drachenknochen handelt und von einer wichtigen Entdeckung164
Sechsundzwanzigstes Kapitel von der Begegnung mit Mateh und dem Karawanenführer175
Siebenundzwanzigstes Kapitel mit der unheimlichen Geschichte vom „Uralten Herrn“ und von der Krankheit Grünmantels194
Achtundzwanzigstes Kapitel das voll von schlechten Vorzeichen ist212
Neunundzwanzigstes Kapitel das schlecht beginnt und mit einem großen Schrecken endet220
Dreißigstes Kapitel von dem, was in Ollon-Torre passierte241
Einunddreißigstes Kapitel von dem, was auf den Bambusstäbchen stand253
Zweiunddreißigstes Kapitel von dem guten Plan der Schatzgräber und mit schrecklicher Nachricht über Schong-Ma und den „Uralten-Herrn“258
Dreiunddreißigstes Kapitel das von dem ersten Fund handelt und von dem Mann, der „Regenschirm“ hieß273
Vierunddreißigstes Kapitel in dem von großen Gefahren und von der Standhaftigkeit Naidangs die Rede ist284
Fünfunddreißigstes Kapitel wie sie das „Kleine Heil“ fanden und einen andern Weg zurückreiten mußten295
Sechsunddreißigstes Kapitel von dem, was Turakina widerfuhr, und wie Glück eine lange Rede hielt315
Siebenunddreißigstes Kapitel in dem wir einem alten Bekannten begegnen319
Achtunddreißigstes Kapitel wie Christian und Großer-Tiger beinahe Rotbärte wurden329
Neununddreißigstes Kapitel in dem wir von Siebenstern und Naidang Abschied nehmen340
Vierzigstes Kapitel wie in dem schönen Tal „Namenlos“ schreckliche Dinge geschahen354
Einundvierzigstes Kapitel wie die Karawane auf dem Pfad der Nachdenklichkeit marschierte369
Zweiundvierzigstes Kapitel von der Mitte der Wüste Gobi, wo Ohnezehen lebte, der ein Verbrecher war375
Dreiundvierzigstes Kapitel mit einem genauen Bericht über Onkel Ohnezehen389
Vierundvierzigstes Kapitel von dem Ring, der seinen Herrn fand404
Fünfundvierzigstes Kapitel in dem man viele wichtige Dinge erfährt411
Sechsundvierzigstes Kapitel wie Christian und Großer-Tiger in der Räuberburg geehrt wurden423
Siebenundvierzigstes Kapitel mit neuer Nachricht von Herrn Grünmantel436
Achtundvierzigstes Kapitel wie Ma und Grünmantel in der Festung „Gewaltiges-Wasser“ um Hilfe schrien449
Neunundvierzigstes Kapitel in dem es allmählich ernst wird467
Fünfzigstes Kapitel in dem das Schicksal rollt479
Einundfünfzigstes Kapitel in dem viele Tränen fließen491
Zweiundfünfzigstes Kapitel das voll von vorhergesehenen und unvorhergesehenen Ereignissen ist502
Dreiundfünfzigstes Kapitel wie es bei einem Staatsempfang zugeht517
Vierundfünfzigstes Kapitel in dem der alte Großvater das Schlußwort spricht532

5

Geleitwort

Es ist für mich eine besonders große Freude, den Wunsch meines lieben Freundes Fritz Mühlenweg zu erfüllen, sein Wüstenbuch mit einigen einleitenden Zeilen zu versehen. Ich tue dies um so lieber, als ich während vieljähriger gemeinsamer Wanderungen durch Nordchina, die innere Mongolei, die Wüste Gobi und die Provinz Sinkiang, von Peking bis Urumtschi täglich und unter gemeinsamen Mühen, Arbeiten und Abenteuern reichlich Gelegenheit hatte, den Verfasser dieses Jugendbuches, sein warmes und echtes Fühlen für die großartige Weite der Wüste und seine aufrichtige Bewunderung für den menschlichen Charme der mongolischen Nomaden, für ihren tapferen Kampf gegen Winterkälte und Sonnenhitze, gegen Schneestürme und wirbelnde Tromben von Flugsand zu beobachten.

Die Schilderung von Natur und Menschen des „Graslandes“, die Mühlenweg seinen jungen Lesern schenkt, beruhen auf seinen eigenen Erfahrungen und sind deshalb zuverlässig und wertvoll. Er bewegt sich in Weltgegenden, die abseits der großen Fahrstraßen liegen und wohin in der vergangenen Zeit nicht viele Europäer ihre Schritte gelenkt haben. Gerade deshalb ist es von großem Interesse für alt und jung, an des erfahrenen Führers Hand einen Besuch in dem verbotenen Land machen zu dürfen.

Ich bin davon überzeugt, daß jeden, der das Buch Mühlenwegs gelesen hat, am Schluß, wenn er zur letzten Seite gekommen ist, ein Gefühl des Bedauerns überkommt, daß das Buch nicht doppelt so groß ist. Die Gefühle, die der Verfasser von seinen Fahrten nach Hause brachte, wird er auch in den Herzen seiner Leser wachrufen.

Das innerste Asien ist eine Welt für sich, ungleich allen anderen Gebieten auf der Erde. Wo gibt es eine Landschaft, die endlosere Weiten, fernere Horizonte als die Wüste Gobi bietet? Wo kann man monatelang streifen, ohne an ein Ende dieser ewig einförmigen, aber gerade darum um so großartigeren Wüste zu gelangen, eines Landes, wo der Horizont wie auf dem Weltmeer dauernd entschwindet? Und genausowenig wie auf dem Meer kann man jemals der gleichförmigen Einsamkeit und Größe der Wüste müde werden. Je tiefer man in ihre rätselvolle Mystik eindringt, um so mehr wird man von ihrer wunderbaren Stimmung berauscht. Man fühlt sich von ihr verzaubert und möchte am liebsten dableiben bis zu seiner letzten Stunde.

Wenn die Sonne in glühendem Brand untergeht, scheint es, als spiegle der ganze westliche Horizont einen fernen Steppenbrand wider. Der rote Glanz färbt die Hänge der Dünen, und man glaubt durch ein Meer 6glühender Lava zu wandern. Aber im Osten hebt sich majestätisch die Nacht in ihrem schwarzen Schleier, und die Sterne flimmern in unvergleichlichem Glanz über die Einöde.

Dann hört man den Klang von Bronzeglocken! Eine chinesische Handelskarawane ist gen Westen unterwegs mit ihren Waren. Wie Gespenster und Schatten tauchen die königlichen baktrischen Kamele im Nachtdunkel auf, und ihr langsames Schreiten geht mit kaum hörbarem Sausen über den Sand. Sie huschen vorbei, und langsam erstirbt der Glockenklang in der Nacht.

Kommt der Wanderer in ein mongolisches Zeltlager, so wird ihm auch hier der Beweis, daß selbst in dieser öden Gegend sich menschliches Leben regt. Hier leben noch die verschiedenen mongolischen Stämme der Ölöt, Oirat, Torgot, Chalcha und wie sie alle heißen, seit Dschingis-Khan über Asien herrschte vor über 700 Jahren. Und noch heute singen die Mongolen zum Saitenspiel „Yatags“ und „Khil-khuurs“ ihre unendlich melodischen und bezaubernden Weisen, Lieder von Heldentaten, Träumen und Liebe, Gesänge, die in zehrender Sehnsucht jahrhundertelang erklungen sind seit den Tagen des großen Welteroberers.

Über dem Feuer in der Jurtenmitte kocht das Schaffleisch und in Kannen der chinesische Ziegeltee. Der Wanderer, der eine solche Jurte betritt, wird mit einer Gastfreundschaft bewirtet, die alles übertrifft.

Das ist die Mongolei, wo die Mongolen ihr frisches und buntes Leben führen in Gemeinschaft mit ihren großen Herden von Schafen, Pferden und Kamelen. Und zu diesem Land und seinem Volk führt der Verfasser dieses Buches seine Leser, und er lehrt sie, den großen majestätischen Frieden zu lieben, der in der größten Wüstenweite der Welt und den grenzenlosen Steppen waltet.

Mit Wehmut denkt ein alter Wüstenmann wie ich an die Zeit zurück, in der wir vor 23 Jahren unsere Wanderungen durch das wunderbare Märchenland begannen, in dem die Karawanenglocken ihre mächtigen und hochgestimmten Lieder in die Ferne singen.

Widmung

7

Statt eines Vorworts

Für die, die es genau wissen wollen: Im Frühjahr 1922 eroberte der General Wu-Pei-Fu Peking. Es war die Zeit der Bürger- und Generalskriege, der erfolgreichen Räuberhauptleute und der ohnmächtigen Staatspräsidenten. Damals gab es eine Menge hervorragende, aber auch einige unerfreuliche Zeitgenossen, die so, wie sie nun einmal waren, in dieser Erzählung auftreten. Viele von ihnen hat der Verfasser kennengelernt, und mit Naidang hat er das Neujahrsfest 1931/32 gefeiert. Von ihm und von Siebenstern erfuhr er das meiste dieser Geschichte, und dafür ist er ihnen Dank schuldig.

Der Verfasser

Alte chinesische Tageseinteilung
in zwölf Doppelstunden

Vormittag Nachmittag 
11—1 UhrStunde der Ratte11—1 UhrStunde des Pferds
1—3 UhrStunde des Ochsen1—3 UhrStunde des Schafs
3—5 UhrStunde des Tigers3—5 UhrStunde des Affen
5—7 UhrStunde des Hasen5—7 UhrStunde des Hahns
7—9 UhrStunde des Drachen7—9 UhrStunde des Hundes
9—11 UhrStunde der Schlange9—11 UhrStunde des Ebers

8

Fremdwörterverzeichnis

AbderDer Kasten (Name eines Berges)
AmbanOrts-, Bezirksvorsteher
Amorchem beino?Fühlst du dich leicht? (Mongolischer Gruß)
Amün-OssuSüßes-Wasser (Brunnenname)
ArgalDung der Tiere, dient als Brennmaterial
  
BelinMongolischer Volksstamm
Belin-WangKönig des Belin-Stammes
BolnaRichtig; So ist es gut!
Bolwo?Ist es so richtig? Geht es so?
  
Chara-ChotoSchwarze-Stadt, früher Edsina
  
DaganMongolischer Fürst, letzter Einiger aller Stämme
Dalai-LamaDer oberste Lama, wörtlich: Meer aller Lamas
DankeskotauFußfall mit Stirnaufschlag
DarhadBerühmte Familie des Ordos-Stammes, Hüter der sterblichen Reste Dschingis-Khans
DaschiorReitpeitsche (Bambusstock mit Lederriemen)
DerresHartes, sehr hohes Steppengras
DiagnoseBestimmung von Krankheiten
Dondur-GolMittlerer Fluß (Arm des Edsin-Gol)
Dreizehn-Korn-ErnährungUngenügende Ernährung
Dschingis-KhanMongolischer Eroberer
DschinilaliGeneral (verballhorntes Wort)
DschusseräMädchenname
DunganeMohammedanischer Chinese
  
Eijen-TschinKarawane
Ene ju beino?Was ist das?
EßstäbchenZwei Stäbchen aus Holz oder Bein, anstelle von Löffel und Gabel
EtschMutter
  
FenKleinstes Maß, etwa 3 mm
FußEtwa 30 cm
  
GegenLebender Gott
Gelbe ZiegenAntilopen
GlacisVorfeld vor Befestigungen
  
HaddakBlaues, seltener weißes Seidentuch, mit dem ein Geschenk überreicht wird
Hamma-guäKeine Sorge; Macht nichts!
9Herr des NordensSchamg-Ti, der Weltenlenker; seine Residenz ist der Nordstern
HoschotMongolischer Volksstamm
Hung-Hu-TseRotbart, soviel wie Räuber
  
ImperialRussische Goldmünze der Zarenzeit
Inschallah!So Gott will!
IschangMantelähnlicher Männerrock
  
Jabonah!Los geht's! Reiten wir! (Fröhlicher Zuruf beim Aufbruch)
JamaZiege
Jirr!Komm!
JurteMongolisches Rundzelt aus Filzen
  
KangChinesisches Ofenbett
KansuChinesische Provinz
KaschgarStadt in Ost-Turkestan
Kerulen-PferdePferde aus dem Kerulen-Tal, berühmt durch Pferdezucht
Khabutu-KhasarBruder Dschingis-Khans
Ko-TauFußfall
KouHund (chinesisch)
KulaneWildesel
KupferkäschKupfermünze
KurultaiGesetzgebende Fürstenversammlung
Kwai, kwai!Schnell, schnell!
  
Lai, lai, lai!Komm, komm, komm!
LamaPriester des Lamaismus, Abart des Buddhismus
LampengrasDocht
Lam-SchowoLama-Vogel (Ente)
Land der AußenseiteAlle Länder außerhalb Chinas
Lebender GottLama-Priester, der zu Lebzeiten göttliche Ehren genießt
Li360 Schritte, etwa 600 m
LößrawineSpalte im Lößboden, durch Wasser, Wind oder Trockenheit entstanden
  
MachorkaGrüner Tabak
MargatterMorgen (mongolisch)
Ming-KaiserChinesisches Herrscherhaus, 1368—1644 n. Chr.
Ming-tienMorgen (chinesisch)
Mongol-JossDas mongolische Gesetz
MullahRufer zum Gebet
  
10Nasch jirr!Komm her!
NephritSchmuckstein
NeungeldNeun Münzen zum Wahrsagen
NochoiHund (mongolisch)
NojenBefehlshaber
  
OboGeschichtetes Steinmal
OrrosFremder
Orte-Golen-SumLang-Fluß-Kloster
OssuWasser
  
Sae-Sotjeno?Sitzt ihr (du) gut? (Mongolischer Gruß beim Eintritt in ein Zelt)
SallamAbkürzung für: Salem aleikum! Friede sei mit euch! (arabisch)
SarteEinwohner von Ost-Turkestan (Turkmene)
Schara-MotGelbholz
SerpentineStraßenwindung
SiebensternMädchenname
Southern-sheetSüdliches-Blatt
SunitMongolischer Volksstamm; es gibt: Tschuun-Sunit = Östliche Sunit und Baron-Sunit = Westliche Sunit
Sunit-WangKönig des Sunit-Stammes
  
TachometerGeschwindigkeitsmesser
Tinger metneDer Himmel weiß es!
TorgotMongolischer Volksstamm
Torgot-WangKönig des Torgot-Stammes
TschortePagode, Tempeltürmchen
Tsogar girr dörent sotjenaAlle sitzen in der Jurte.
Tung-Fu-TzeBerühmter General und Freibeuter der Jahrhundertwende
TupanBezeichnung für den Gouverneur der Provinz Sinkiang
  
Vier-nicht-gleichSagenhaftes Tier
  
WangKönig
Weißer-SteinOrtsname
  
YamenKreisamt, Amtsgebäude
YamenbüttelAmtsbüttel, Ortspolizei

11

Erstes Kapitel
in dem wir „Großer-Tiger“ und Christian kennenlernen,
und wie sie einen Drachenaufstieg beschließen

Ein Junge, der in Peking auf die Welt gekommen ist, muß vieles wissen. Christian war zwölf Jahre alt, und er wußte schon allerlei. Er konnte Deutsch so gut sprechen wie Chinesisch, und obendrein kannte er Tom, mit dem er englisch redete. Weil er ihn aber selten traf, fehlte ihm manchmal ein Wort. Andere Dinge, wie Trense, Steigbügel und mexikanischer Sattel, kannte Christian gut, denn er war oft auf dem Glacis, wo man reiten konnte, wenn man ein Pferd hatte.

Die Hauptsache war, man kam eine oder zwei Stunden von daheim fort, und das war weit schwieriger als alles, weil die alte Ama aufpaßte. Die alte Ama war das Kindermädchen. Sie hatte Christian aufgezogen, und darum tat sie so, als ob er noch ein Baby wäre. Dabei war er ein Junge, der schon in die Lateinschule ging und sich in Peking auskannte.

„Die Ama ist nicht recht gescheit“, sagte Christian zu seinem Freund Großer-Tiger, mit dem er sich auf der Stadtmauer traf, „sie sollte lieber auf meine Schwester aufpassen; die ist noch klein.“

Hu-Ta, der Große-Tiger, nickte.

„Du mußt öfter Sie zu ihr sagen, oder: Ehrwürdiger Wagen.“

„Hilft das was?“

„Ja“, sagte Großer-Tiger, „du wirst sehen, das hilft.“

Christian setzte sich auf die Steinstufe, die von der hohen Stadtmauer zu dem noch höher gelegenen Turm führte, wo die Instrumente aus schwarzer schwerer Bronze standen. Sie gehörten zur alten Sternwarte.

Großer-Tiger setzte sich neben Christian. Er war gleich alt, nur war er etwas kleiner, und er hatte schwarze, glänzende Haare. Während der Neujahrstage hatte er einen grauen Rock getragen, der ihm bis auf die Füße gegangen war, und Christian hatte ihn kaum erkannt, so feierlich hatte Großer-Tiger ausgesehen. Zum Glück war das Neujahrsfest nach drei Wochen vorüber, und jetzt war es März.

Die Sonne schien angenehm warm. Großer-Tiger trug gewöhnliche Hosen aus wattiertem Stoff und dazu einen kurzen Rock mit langen Ärmeln.

„Hast du eine Schnur?“ fragte Christian.

„Ich habe eine Schnur — vierhundert Schritte lang.“

„Dann können wir den Drachen steigen lassen“, sagte Christian. „Morgen ist Mittwoch, da habe ich nachmittags keine Schule.“

„Hier geht es aber nicht“, sagte Großer-Tiger, „der Wind kommt jetzt immer vom Süden. Wir müssen es am Ha-Ta-Men-Tor versuchen.“

12

„Dort geht es auch nicht“, sagte Christian. „Auf der Mauer beim Ha-Ta-Men-Tor führt die Ama meine Schwester spazieren.“

„Entschuldige“, sagte Großer-Tiger, „ich dachte nicht daran. Am besten gehen wir zum Schi-Schi-Men-Bahnhof. Dort gibt es einen großen Platz.“

„Ich war noch nie dort. Ist es sehr weit?“

„Wir gehen gleich nach Mittag fort“, schlug Großer-Tiger vor. „Am Abend sind wir dann zurück.“

„Ich will sehen, was sich machen läßt.“

„Nein, du mußt ja sagen!“

„Ja!“

„Es ist gut“, sagte Großer-Tiger und stand auf.

„Warum mußte ich ja sagen?“ fragte Christian.

Großer-Tiger zögerte.

„Du mußt dein Herz weit machen“, sagte er und blickte Christian an, wie er immer tat, wenn er einen Freundschaftsdienst von ihm brauchte.

Jetzt wird er mich mit meinem Vornamen anreden, dachte Christian, und er freute sich im voraus, weil Chinesenjungen kein „r“ aussprechen können, auch wenn sie sich Mühe geben.

Großer-Tiger gab sich seit langem keine Mühe mehr. Er sagte einfach Kwi-Schan, weil es so ähnlich klang wie Christian und weil es ein prächtiger chinesischer Name war, der soviel bedeutete wie Kompaß-Berg.

„Kwi-Schan“, sprach Großer-Tiger, „du hast morgen nachmittag keine Schule, aber ich habe Schule. Darum mußt du zu meinem Lehrer gehen und sprechen: Ehrwürdiger alter Onkel! Hu-Ta, der Große-Tiger, wohnt zwei Häuser neben mir. Er kann nicht in die Schule kommen, und darum komme ich, sein ärmlicher Freund. Großer-Tiger bedauert, daß sein Körper sich heute nicht wohl befindet. Er wird aber einen Schluck Tee trinken, und morgen wird er wieder zur Schule kommen. Hast du alles behalten?“

„Deine Rede ist lang“, sagte Christian, aber ich habe alles behalten.“

„Hier auf der Mauer, wenn es Mittag schießt.“

„Ich werde da sein“, sagte Christian.

Als Christian daheim anlangte, sah er Großer-Tiger noch immer auf der obersten Stufe der Sternwarte sitzen.

Es ist ein Glück, daß meine Eltern bis zum Sonntag in Tientsin bleiben, dachte Christian und klopfte ans Tor, auf dem ein Messingschildchen in der Sonne glänzte: Dr. med. H. Schneider, praktischer Arzt.

Der Türhüter öffnete ihm. „Beeile dich“, sagte er leise, „die Ama wartet seit einer Stunde auf dich!“

„Ist sie böse?“

„Halb böse“, sagte der Torhüter und schob den Riegel vor.

13

Zweites Kapitel
das von dem großartigen Aufstieg des Drachen handelt
und von seinem bedenklichen Ende

Rums!

Der Mittagschuß hallte über Peking, und wer eine Uhr hatte, die falsch ging, konnte sie richten. Die meisten Leute in Peking haben keine Uhr, und sie brauchen auch keine. Sie brauchen nicht einmal den Mittagschuß, denn die Sonne geht auf und unter, und wer ein bißchen Übung hat, sieht, wo die Sonne steht, und weiß dann, wie spät es ist.

„Wo steht die Kanone, mit der man Mittag schießt?“ fragte Christian, als Großer-Tiger mit seinem Drachen kam.

„Ich weiß es nicht, und es ist mir auch gleich“, sagte Großer-Tiger. „Hast du mit meinem Lehrer gesprochen?“

„Ich habe ihm alles gesagt, und er bedauert dich.“

„Das glaube ich nicht. Wahrscheinlich war er nur höflich gegen dich, weil dein Vater ein Arzt ist, der mehr kann, als nur sagen: Streck die Zunge heraus.“

„So ist es nicht, Großer-Tiger. Es ist anders. Dein Lehrer blickte mich freundlich an, und er seufzte sogar. ‚Großer-Tiger‘, sagte er, ‚ist ein Stück Mensch, das man bedauern muß.‘“

„Verstehst du das nicht?“ rief Großer-Tiger. „Es heißt, daß er mich morgen prügeln wird.“

„Ach so“, sagte Christian, „jetzt verstehe ich.“

„Da gibt es keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger gleichmütig. „Jetzt wollen wir zum Bahnhof gehen.“

Christian nahm die Rolle mit der dünnen Seidenschnur, und Großer-Tiger trug den gelben Papierdrachen, den ihm sein Vater zum Fest „Der Drache erhebt sein Haupt“ geschenkt hatte. Sie gingen auf der Stadtmauer entlang, die um diese Tageszeit verlassen in der Sonne lag. Von hier aus sah man über die Dächer der ganzen Stadt Peking. Die großen mehrstöckigen Gebäude und der Kaiserpalast erhoben sich über dem Grau der niederen Straßenzüge. Die Ziegel der Kaiserstadt leuchteten gelb; Wimpel und bunte Fähnchen flatterten über den Geschäftsstraßen, und in den Gärten blühten die Aprikosenbäume.

Beim „Guten-Beispiel-Turm“ verließen Großer-Tiger und Christian die Stadtmauer.

Jetzt mußten sie aufpassen. In dem Gewimmel der Pferdefuhrwerke, der Fußgänger und der Rikschas konnte man leicht den Weg verlieren. Zudem gab es Automobile mit Soldaten, die große Staubwolken machten. Aber Großer-Tiger kannte sich aus. Er wußte Seitengassen, die 14ruhig waren, und schon nach einer halben Stunde kam die Nordmauer der Kaiserstadt in Sicht.

Auf der Straße marschierten Soldaten in grauen Uniformen, die den gleichen Weg hatten. Sie lachten vergnügt, und einer sagte zu Christian:

„Kleiner fremder Teufel, willst du auch in den Krieg?“

„Ich bin kein fremder Teufel“, sagte Christian, „ich bin in Peking geboren, und ich kann so gut Chinesisch wie du. Aber in den Krieg will ich nicht.“

„Ei ja, kleiner Bruder“, erwiderte der Soldat, „sei nur nicht gleich böse. Wo geht ihr hin?“

„Wir gehen zum Bahnhof Schi-Schi-Men“, sagte Großer-Tiger. „Dort ist ein Platz, wo ein guter Wind weht. Dort steigen die Drachen sehr hoch.“

„Ich will sehen, wie dein Drache fliegt“, sagte der Soldat; und ein anderer rief: „Halt einmal mein Gewehr; es gibt keinen Drachen, von dem ich nicht gleich wüßte, ob er gut steigt oder nicht.“

Großer-Tiger gab ihm den Drachen und trug derweil das Gewehr. Bald hatten viele Soldaten den Drachen in der Hand gehabt, und alle behandelten ihn ehrerbietig, wie sich das gehört, und sie sagten, daß er sehr gut gebaut sei.

Am Stadttor Schi-Schi-Men gab es einen Aufenthalt. Viele Leute warteten, und die meisten kehrten um und gingen in die Stadt zurück, denn es hieß, daß nur Soldaten das Tor passieren dürften. Die Soldaten müßten in den Krieg ziehen, und darum brauchten sie den Bahnhof für sich allein.

„Haltet euch an uns“, sagte der Soldat, dem Großer-Tiger das Gewehr getragen hatte, „wir bringen euch durch.“

„Ehrfurchtsvollen Dank“, erwiderte Großer-Tiger, und: „Ehrfurchtsvollen Dank“, sagte auch Christian.

Aber die Wache am Tor paßte auf.

„Halt!“ rief einer, dem man ansah, daß er mindestens ein Sergeant war. „Wo wollt ihr hin, ihr Galgenstricke? Marsch, zurück!“

„Diese sind keine Galgenstricke“, sprach der Soldat, „es sind meine jüngeren Brüder.“

Der Sergeant deutete auf den blonden Christian: „Ist das auch dein jüngerer Bruder?“ fragte er.

„Ja“, erwiderte der Soldat, „wir sind eine große Familie.“

Damit ging er weiter, und weil der Sergeant viel zu tun hatte, um auf die erwachsenen Leute aufzupassen, schlüpften Christian und Großer-Tiger geschwind durch das Tor.

Da lag nun der Bahnhof Schi-Schi-Men. Sein Blechdach glänzte in der Sonne, aber er war noch weit weg; und der große Platz, auf dem es 15sonst viele Jungen und auch große Leute gab, die ihre Drachen steigen ließen, war ganz leer. Fast war es unheimlich.

„Begleitet uns bis zur Station“, sagten die Soldaten, „wir wollen dabeisein, wenn ihr den Drachen fliegen laßt. In Gesellschaft geht das besser.“

Auf dem Gleis neben dem Bahnhofsgebäude stand ein langer Zug. Die Lokomotive dampfte. Viele Soldaten waren da, und sie verluden Pferde, Wagen und einige Kanonen.

„Was macht ihr mit den Kanonen?“ fragte Christian.

„Wir lassen sie stehen, wenn der Feind kommt. So hat er was zu tun.“ Die Kanoniere lachten.

„Kommt er denn?“ fragte Christian.

„Er wird bald dasein“, sagten die Kanoniere, „wir fahren ihm ein Stück entgegen.“

Christian hätte gerne gewußt, wer der Feind sei und ob es schlimm wäre, wenn er nach Peking käme, allein Großer-Tiger legte just den Drachen auf den Boden und zog den langen Papierschwanz gerade.

Christian machte den Zeigefinger naß, streckte ihn in die Luft und sagte: „Der Wind kommt vom Süden.“

Großer-Tiger nickte, er wußte auch ohne nassen Zeigefinger, daß es ein bißchen aus dem Süden wehte. Er setzte sich neben den Drachen, Christian nahm die Schnur, und als er hundert Meter gegen die Windrichtung gegangen war, begann er zu laufen. Da lief auch Großer-Tiger ein kurzes Stück, bevor er den Drachen losließ. Der Drache war wirklich gut gebaut. Obgleich nur ein ganz kleiner Wind wehte, hob er sich leicht in die Luft, ja er zischte sogar. Die Soldaten standen im Halbkreis daneben, hielten die Hände vor die Augen, riefen: „Ei ja, Ei ja!“, und dann sagten sie zueinander:

„Er ist ein gutes Tier.“

„Man sieht es ihm an.“

„Er zieht kräftig.“

„Der Wind ist klein, aber sein Bauch ist doch voll davon.“

„Jetzt ruht er sich aus, o weh!“

„Wir wollen dem Wind pfeifen.“

„Ja“, riefen alle, und sie pfiffen dem Wind, und die Kanoniere kamen auch und halfen pfeifen und und rufen:

„Lai, lai, lai! Lai, lai, lai! Ni yao lai!“ („Komm, komm, komm! Du bitte komm!“)

Aber der Wind kam nicht. Dafür kam der Hauptmann, klemmte ein Bambusstöckchen unter den Arm und pfiff mit den Soldaten. Aber auch das half nicht. Der Drache schwebte in der Luft und wollte nicht mehr höher steigen.

16

„Wie heißt ihr?“ fragte der Hauptmann.

„Dieser ist Kompaß-Berg, und ich bin Großer-Tiger.“

Der Hauptmann schmunzelte, und dabei kam ihm ein guter Einfall. „Berg und Tiger“, sagte er, „passen gut zueinander. Seid ihr Freunde?“

„Wir sind Freunde“, sagte Christian.

„Wir haben uns lieb“, sagte Großer-Tiger.

„So kommt mit mir zum letzten Wagen. Wir fahren gleich fort, und ihr könnt ein Stück mit uns fahren. Da bekommt der Drache Auftrieb bis zum Himmel.“

„Aber nur ein Stückchen weit“, sagte Christian.

„Wir müssen morgen in die Schule gehen“, sagte Großer-Tiger.

Sie sprachen beide gleichzeitig, aber der Hauptmann lachte und nahm die Drachenschnur selbst in die Hand. Anscheinend verstand er was vom Drachensteigen. Er lief mit tänzelnden Schritten und mit Armbewegungen, die den Drachen heranholten und wieder freiließen, zu dem offenen Güterwagen am Schluß des Zuges. Mit einem Satz war er oben.

„Kommt herauf und habt keine Bange! Euer Lehrer verdrischt euch erst morgen.“

Zu den Soldaten rief er: „Beeilt euch! Los, ihr Kerle! Auf, ihr faulen Schlingel! Steigt ein, ihr hundert Mann Schlafmützen!“

Da sprangen die Soldaten herbei und kletterten auf die Wagen; die Kanoniere setzten sich auf die Kanonen, der Hauptmann pfiff auf einer Trillerpfeife; da gab die Lokomotive Dampf und fuhr langsam aus der Station.

Sogleich straffte sich die Schnur, der Drache zog aus Leibeskräften und stieg in Luftschichten hinauf, wo es viel Wind für ihn gab. Es war ein herrlicher Anblick, wie er dem Zug in immer größerer Höhe folgte.

Der Hauptmann ließ alle Schnur aus.

„Jetzt müssen wir aussteigen“, sagte Christian.

„Bitte laßt den Zug halten, befehlender Herr“, sagte Großer-Tiger.

„Seht“, rief der Hauptmann, „ich hatte euch schon vergessen. Das Drachensteigen ist eine großartige Sache.“

Er band das letzte Ende der Schnur an ein Kanonenrad, nahm die Trillerpfeife aus der Rocktasche und pfiff, so laut er konnte, dreimal, viermal — ach, was sage ich, zehn- und zwanzigmal.

Aber der Zug hielt nicht. Er fuhr nur noch schneller, und bei dem Stampfen der Lokomotive und bei dem Rattern der Räder war es gar nicht möglich, daß der Mann auf der Maschine etwas hören konnte.

Der Drache folgte noch immer dem Zug, aber es machte ihm Mühe, und die Schnur war sehr straff gespannt. Plötzlich gab es einen Ruck. Da war die Schnur abgerissen.

17

Der Drache tat einen Sprung, er taumelte in der Luft, glitt ab, fing sich wieder, aber dann war doch kein Halten mehr. Weit weg stürzte er in eine Gegend von Gemüsefeldern, wo Bauern in blauen Kitteln gruben und hackten. Sie bemerkten nicht, wie der Drache sich in die Erde bohrte, wie die glatten Holzstäbe zersplitterten, wie das schöne gelbe Seidenpapier zerriß und wie sich der lange Schwanz am Boden ringelte.

Christian kamen die Tränen, aber er beherrschte sich, als er sah, daß sein Freund lächelte.

„Da ist keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger.

„Da ist keine Hilfe“, sagte auch der Hauptmann; aber er meinte damit den Zug, der schneller und schneller fuhr und gerade durch die Station Ching-Ho brauste.

Drittes Kapitel
in dem wir leider die große Schlacht am
Nan-Ku-Paß mitmachen müssen

„Vielleicht hält er in Tschang-Ping“, sagte der Hauptmann, „dann könnt ihr den Schienen entlang nach Hause gehen. Es wird allerdings Nacht werden, bis ihr in Peking seid.“

„Da schließen sie die Stadttore“, sagte Großer-Tiger.

„Was wird die Ama sagen!“ dachte Christian.

Aber der Stationsvorsteher von Tschang-Ping wollte keine Soldaten in seinem Bahnhof haben. Darum stellte er das Signal auf freie Durchfahrt, und als er sich vorschriftsmäßig vor dem vorübersausenden Zug verneigt hatte, telephonierte er geschwind seinem Kollegen nach Nan-Ku, daß er es ebenso machen solle.

Da fuhr der Zug auch an Nan-Ku vorbei, und es wurde Abend. Großer-Tiger und Christian sahen sich betrübt an, und Großer-Tiger sagte, so gelassen er eben konnte: „Da ist keine Hilfe.“

„Da ist keine Hilfe“, sagte auch der Hauptmann; „nehmt euch zwei Decken und legt euch schlafen.“

Doch Christian und Großer-Tiger wollten nicht schlafen. Sie hingen sich die Decken um die Schultern, und sie schauten auf die hohen Hsingan-Berge, die sie zum erstenmal sahen. Der Zug fuhr jetzt langsam, denn es ging bergauf. Bald sah man auf Hütten und Felder und auf die Paßstraße hinab, wo Reiter mit Pferden und Lasteseln zu Tal zogen. Auch kleine Trupps Soldaten marschierten und winkten. Sie riefen etwas, aber man konnte ihre Zurufe nicht verstehen. Der Hauptmann zog die Stirne kraus, aber er sagte nichts.

Bald wurde es dunkel. Die Sichel des zunehmenden Mondes stand 18über den westlichen Berggipfeln, und im Tal hörte man einen Hund bellen. Dann wurde es ganz still. Nur das Schnaufen der Maschine und das Rollen der Räder begleitete den Zug.

Plötzlich pfiff die Lokomotive, und gleich darauf wurde es ganz finster. Ein großer Qualm entstand. Christian erschrak, und auch Großer-Tiger fürchtete sich.

„Keine Angst“, sagte der Hauptmann, „wir sind in einem Tunnel. Gleich kommen wir nach Tsing-Lung-Kiao, da müssen wir alle aussteigen. Wenn ihr Glück habt, könnt ihr morgen früh mit den leeren Wagen nach Peking zurückfahren.“

„Und wenn wir kein Glück haben?“ fragte Christian.

„Dann habt ihr eben kein Glück“, sagte der Hauptmann, „da ist kein Ausweg.“

Kaum hatte der Hauptmann das gesagt, glänzten die Sterne wieder über den Bergen, und der Zug fuhr in die Station ein. Nur ein Denkmal und ein niederes Häuschen standen neben dem Gleis. Das Häuschen war der Bahnhof, und das Denkmal war für den chinesischen Ingenieur errichtet, der die Bahn gebaut hatte. Hier mußte jeder Zug halten, weil man die Lokomotive umdrehen mußte.

„Ihr könnt auf dem Wagen bleiben und ein bißchen schlafen“, sagte der Hauptmann. „Wir fahren erst morgen früh weiter, oder wir laden aus, je nachdem.“

„Was heißt je nachdem, befehlender Herr?“ fragte Großer-Tiger.

„Hast du Mut?“ fragte der Hauptmann dagegen.

„Je nachdem, befehlender Herr“, sagte Großer-Tiger.

Da lachte der Hauptmann und sagte, Großer-Tiger sei ein großer Schlingel. Er deutete auf das dunkle Tor des Tunnels, das sie eben durchfahren hatten, und auf ein anderes in ziemlicher Entfernung.

„Dorthinein müssen wir, wenn wir zur Paßhöhe wollen“, sagte er, „aber ich weiß nicht, ob der Feind nicht schon am anderen Ende steht.“

„Wer ist denn euer Feind?“ fragte Christian.

„Unser Feind ist der …“ Doch da konnte der Hauptmann nicht mehr weiterreden, denn plötzlich fuhren Blitze aus der Tunneleinfahrt, und es krachte.

„Da ist er schon!“ rief der Hauptmann. „Springt schnell fort! Wir haben die Schlacht verloren!“

Damit hüpfte er leicht wie eine Feder vom Wagen; die Kanoniere sprangen hinterdrein und ließen ihre Kanonen stehen, so wie sie es gesagt hatten. Im Nu waren alle verschwunden.

Christian wäre auch gern fortgelaufen, aber er wußte nicht, wohin.

„Bleib hier!“ rief Großer-Tiger, „wir müssen uns flach auf den Boden legen; da ist keine Hilfe.“

19

Ach, dachte Christian, was wird die alte Ama sagen! Aber er legte sich gehorsam neben Großer-Tiger auf den Boden des Güterwagens, und ihre beiden Herzen pochten sehr laut. Sie wagten nicht aufzuschauen, und wenn sie es getan hätten, so hätten sie nur das dunkle Rohr der Kanone gesehen und darüber die flimmernden Sterne.

Das dauerte eine gute Stunde, und es war schrecklich, wie still es ringsum war. Die warmgelaufenen Achsen der Wagen knackten, als es kälter wurde; das war alles, und man konnte sich regelrecht fürchten. Obendrein froren unsere beiden Helden jämmerlich, aber aufzuschauen wagten sie nicht.

Viertes Kapitel
oder wie es einem ergeht, der nicht zur
siegenden Partei gehört

Schon eine gute Weile blickten zwei Soldaten der dritten Division, die man die unbesiegbare nannte, auf die beiden Überlebenden der großen Schlacht. Die zwei Soldaten waren brave und tapfere Soldaten.

Sie waren zur gleichen Zeit durch den Tunnel patrouilliert, als der Zug in die Station Tsing-Lung-Kiao, und das heißt Prachts-Drachen-Brücke, eingefahren war.

Just als der Hauptmann sagte: „Unser Feind ist der …“, hoben die beiden Soldaten der dritten Division die Gewehre, und dann schossen sie, und gleich darauf schossen sie noch einmal und noch einmal, damit der Hauptmann wußte, wer der Feind sei.

Hernach schauten sie zu, wie der Hauptmann vom Wagen hüpfte und wie die Kanoniere hinterdreinsprangen.

Als alle fortgelaufen waren, merkten die beiden Soldaten, daß sie mit sechs blinden Schüssen einen ganzen Eisenbahnzug mit Pferden, Wagen und Kanonen erobert hatten. Sie hatten aber keinen einzigen Mann des Gegners fangen können, denn es war keiner dageblieben. Erst als sie zum letzten Wagen kamen, hatten sie Glück.

„Die sind aber noch klein“, sagte der erste Soldat leise.

„Sie müssen erst wachsen“, sagte der zweite Soldat.

„Sind sie am Ende tot?“

„Nein, sie sind nicht aus der Welt gegangen. Sie zittern.“

„Weil wir so frieren“, rief Großer-Tiger und hob den Kopf.

„Steht auf!“ sagte der erste Soldat.

„Wißt ihr, was ihr seid?“ fragte der zweite Soldat.

„Dieser ist Kompaß-Berg, und ich bin Großer-Tiger.“

„Nichts davon“, sagte der erste Soldat.

20

„Ihr seid Kriegsgefangene“, sagte der zweite.

Christian ließ den Kopf hängen und Großer-Tiger auch. Es war traurig, auf einmal ein Kriegsgefangener zu sein.

„Versteht ihr was von einer Lokomotive?“ fragte der erste Soldat.

„Nein“, sagten Großer-Tiger und Christian, „davon verstehen wir nichts.“

„Dumm sind sie auch noch“, sagte der zweite Soldat. „Kommt jetzt mit!“

„Dürfen wir die Decken mitnehmen, befehlende Herren?“ fragte Großer-Tiger.

„Nehmt sie mit, aber sputet euch! Wir haben nur ein paar Minuten.“

Die zwei Soldaten nahmen ihre Gewehre unter den Arm und führten Großer-Tiger und Christian bis zur Mitte des Zuges. Da stand ein Wagen mit einem kleinen Häuschen darauf. Auch eine eiserne Leiter war da, und als sie alle hinaufgestiegen waren, sagte der erste Soldat:

„Seht, hier ist ein Rad mit einem Griff daran.“

„Wir sehen es“, sagte Christian.

„An dem Rad müßt ihr mit aller Kraft drehen, sobald die Lokomotive pfeift. Es ist eine Bremse, und erst wenn es gar nicht mehr geht, dürft ihr aufhören.“

„Wir werden ohne Aufhören daran drehen“, sagte Großer-Tiger.

„Gleich fahren wir zur Paßhöhe hinauf“, erklärte der zweite Soldat. „Wir haben euch erobert, euch zwei Schlingel, und alle Pferde und alle Kanonen. Darum müßt ihr tun, was wir wollen. Vielleicht geht es, vielleicht geht es auch nicht. Es ist gefährlich, aber dafür ist Krieg.“

„Da ist keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger.

Die beiden Soldaten lachten. Dann gingen sie fort. Weil sie die Lokomotive nicht ohne Hilfe drehen konnten, stellten sie nur die Weiche um und stiegen auf die Maschine.

Die zwei Soldaten gehörten zu einem Eisenbahntrupp, und sie verstanden ihr Handwerk. Schon nach einer Viertelstunde sprühte ein gewaltiger Funkenregen aus dem Schornstein.

„Es geht los!“ riefen die Soldaten, „haltet euch fest, ihr da vorne!“

„Wir halten uns fest!“ schrien Christian und Großer-Tiger.

Trotzdem fielen beide gegen die Rückwand des Bremserhäuschens, als die Lokomotive anfuhr. Die Puffer der Wagen prallten heftig aufeinander; danach begannen die Räder gehorsam zu rollen.

Gleich darauf ging es in den Tunnel, aus dem die beiden Soldaten so schrecklich geschossen hatten. Wieder entstand Donner und Qualm, aber der Qualm kam dieses Mal hinterdrein, denn die Lokomotive schob den ganzen langen Zug vor sich her.

Christian und Großer-Tiger wünschten sehr, der Tunnel möchte ein 21Ende nehmen. Allein der Tunnel war lang, und es blieb finster. Die Wagen rollten immer langsamer, und auf einmal ertönte ein greller Pfiff. Es war wie ein Angstschrei.

Sofort drehten Christian und Großer-Tiger an dem Rad. Zuerst ging es leicht; aber nicht lange, so ging es schwer, und sie hatten Mühe.

Am Ende des Zuges hörte man die Maschine schnaufen, ihre Räder rollten wild, und an der Decke des Tunnels jagte ohne Unterlaß der Feuerschein.

Für Sekunden stand der Zug still.

Mit einemmal begannen die Wagen rückwärts zu laufen; ganz langsam und unheimlich ging es bergab.

Großer-Tiger begriff als erster, daß ein Unglück drohte. Er stemmte sich mit der Schulter gegen den Radgriff der Bremse.

„Dieses Halterad gut festhalten!“ sagte er keuchend, „unser leben ist nicht mehr viel wert.“

Da hing sich Christian mit beiden Händen an eine der Radspeichen, und so verharrten beide; und sie strengten sich an, so gut sie es vermochten. Doch die Wagen glitten weiter bergab.

Endlich kam einer der Soldaten gelaufen. Er schwenkte eine Laterne und rief:

„Nicht loslassen, ihr alten Krieger! Festhalten, ihr geschätzten Heldensöhne! Im Vergleich zu diesem gibt es nichts Schlimmes auf der Welt!“

Er rannte von Wagen zu Wagen, nahm die Bremsklötze, die neben den Rädern hingen, ab und schob sie rasch darunter. Die Räder kreischten, das Rückwärtsgleiten wurde langsamer, und schließlich stand der Zug.

Von dem letzten Wagen her kam der Soldat gegangen. Er war schon wieder vergnügt, und seine Laterne strahlte.

„Ihr könnt loslassen!“ sagte er. „Ihr seid wie rechte Männer!“

Von der Maschine kam der zweite Soldat. Er brachte einen Brotbeutel mit, in dem süße Mohnkuchen waren. Mit rotem Zuckerguß waren die Zeichen für Reichtum, Glück und langes Leben darauf gemalt. Zuerst verteilte er die Kuchen, auf denen „Langes Leben“ stand; „denn“, sagte er, „wir waren in arger Bedrängnis.“

Christian und Großer-Tiger hatten schrecklichen Hunger. „Wir danken“, sagten sie; „entschuldigt, wenn wir uns nicht zurückhalten.“

„Ihr sollt essen“, sagten die Soldaten.

„Wir hören und gehorchen.“

Als alle Kuchen verzehrt waren, sprach der erste Soldat: „Ihr seid Kriegsgefangene, doch wir vertrauen euch.“

„Wir haben euer Brot gegessen“, sagte Großer-Tiger, „und wir sind keine Strolche.“

22

„Gut so!“ sagte der Soldat. „Wir beide müssen hier bleiben und den Zug bewachen, der sich nicht mehr bewegen will. Ihr zwei müßt ein Herz haben und durch den dunklen Tunnel gehen bis dahin, wo er aufhört. Dort müßt ihr stehenbleiben und rufen: ‚Sanfter Wind!‘ Sobald man euch antwortet: ‚Bringt Gelingen!‘ könnt ihr weitergehen. Nur nicht vorher, sonst wird mit Kugeln geschossen!“

„Wir hören“, sagte Großer-Tiger.

„Und wir gehorchen“, sagte Christian.

„Die Tunnelwache wird euch fragen: ‚Woher kommt ihr?‘ Antwortet: ‚Guter-Gefährte und Gelber-Pfeil schicken uns.‘ Dann werden sie fragen: ‚Wo wollt ihr hin?‘, und ihr sollt sagen: ‚Zum großen General Wu, dem müssen wir eine Botschaft sagen.‘ Laßt euch nicht weiter ausfragen, seid standhaft und schwatzt nicht. Nur dem General sollt ihr berichten, was ihr wißt und was ihr gesehen habt. Bittet ihn, daß er uns eine zweite Maschine schickt, damit wir nicht hundert Jahre und darüber im Tunnel steckenbleiben. Habt ihr alles verstanden?“

„Wir haben verstanden“, sagte Christian.

„Lebt wohl, alte und ältere Brüder“, sagte Großer-Tiger, „wir gehen jetzt.“

Sie verneigten sich dreimal vor den Soldaten.

„Ihr seid artige Menschen“, sagte Guter-Gefährte. „So was merkt man gleich“, sagte Gelber-Pfeil, „lebt wohl. Wir wünschen zahlreiche Glücksterne.“

Fünftes Kapitel
in dem wir die ehrenwerte Bekanntschaft
des Generals Wu-Pei-Fu machen

Solange die Laterne noch ein bißchen Licht machte, ging alles gut. Doch schon beim letzten Wagen stieß Großer-Tiger gegen ein vorstehendes Brett. Es tat sehr weh.

„Wir werden oft auf die Steine fallen oder auf die eisernen Schienen“, sagte er und befühlte die schmerzende Stelle.

„Ich weiß etwas“, sagte Christian, „gerade fällt es mir ein.“

Er kletterte auf den Wagen und kroch lange im Dunkeln darauf herum, bis er das Bambusstöckchen fand, das der Hauptmann vergessen hatte mitzunehmen, weil er in so großer Eile gewesen war.

„Jetzt schwindet alle Angst“, erklärte Christian. „Gib mir deine Hand.“

Großer-Tiger wunderte sich, aber dann merkte er, wie Christian mit dem Stock in der andern Hand an der Schiene entlangtastete.

23

„Wir gehen zum General Wu-Pei-Fu“, sagte er, „hast du von ihm gehört?“

„Ich kenne ihn nicht“, sagte Christian.

„Wenige kennen ihn“, sagte Großer-Tiger, „aber alle lieben ihn. Er wird den General Tschang-Tzo-Lin schlagen, er wird den Bürgerkrieg beenden, und er wird schönen Frieden bringen.“

Ganz gewiß waren sie schon eine Stunde unterwegs, als sie vor sich eine halbrunde Öffnung erblickten. Man sah einige Sterne und darunter eine Nachtlandschaft mit dem blinkenden Schienenstrang in der Mitte.

Christian blieb stehen. „Weißt du noch das Wort?“ fragte er leise. „Heißt es frischer oder genügsamer Wind?“

„Es heißt sanfter Wind“, sagte Großer-Tiger. „Wir haben das in der Schule gelernt. Der Wind und das Holz sind sanft. Also heißt es sanfter Wind.“

Von nun an achteten sie darauf, kein Geräusch mehr zu machen; und weil sie beide Stoffschuhe mit Filzsohlen trugen, gelang es ihnen auch ganz gut. Trotzdem blieben sie hundert Meter vor dem Tunnelausgang stehen.

„Ruf du“, sagte Christian. Großer-Tiger hob die Hände an den Mund; aber bevor er nur ein Wörtchen hätte sagen können, rief eine scharfe Stimme: „Wer da?“

„Wir sind's“, sagte Großer-Tiger verwirrt.

„Sanfter Wind!“ rief Christian schnell hinterdrein.

„Bringt Gelingen!“ antwortete die Stimme.

„Dürfen wir jetzt weitergehen?“ fragte Großer-Tiger.

„Kommt her“, rief die Stimme, „ihr scheint merkwürdige Vögel zu sein!“

„Wir sind Kriegsgefangene“, sagte Christian.

„Aber wir gehen ohne Bewachung, weil man uns vertraut“, sagte Großer-Tiger.

Sie nahmen sich wieder an der Hand und gingen mit Herzklopfen dem Ausgang des Tunnels zu. Dort standen vier Soldaten, die Pelzmäntel anhatten. Auf dem Kopf trugen sie Mützen mit Fellohren, die nur das Gesicht frei ließen.

„Wo kommt ihr her?“ fragte einer.

„Guter-Gefährte und Gelber-Pfeil schicken uns.“

„So so! Wo wollt ihr denn hin?“

„Bringt uns zum großen General Wu. Wir müssen ihm eine Botschaft sagen.“

„Ihr?“ riefen die Soldaten, und plötzlich begannen sie zu lachen. Sie konnten nicht aufhören damit, und wenn einer zu Ende war, fing der andere wieder an.

24

„Euer werter Name?“ rief einer, aber er konnte vor Lachen kaum reden.

„Dieser ist Kompaß-Berg, und ich bin Großer-Tiger.“

Die vier Soldaten klatschten vor Vergnügen in die Hände.

„Ihr meint wohl“, rief ein anderer, „daß dieser Kohlen-Berg heißt und er selbst Schwarzer-Tiger?“

„O ihr befehlenden jungen Fürsten“, rief ein dritter, „wo ist euer wertes Heimatland?“

„Seid ihr jenseits der Weltmeere geboren, wo die Sonne die Menschen schwarz macht?“ fragte der vierte.

Jetzt merkten Christian und Großer-Tiger, daß mit ihnen etwas nicht stimmte. Sie schauten sich an; und obwohl es dunkel war, sahen sie, daß sie schwarze Gesichter und schwarze Hände hatten und daß ihre Kleider voll Ruß waren.

„Wir sind aber keine Neger“, sagte Christian.

„Es geht weg, wenn wir uns waschen“, versicherte Großer-Tiger. „Gibt es irgendwo Wasser?“

Er blickte sich um und bemerkte ein Bahnwärterhaus in einiger Entfernung. Zugleich erschrak er, denn plötzlich tauchte aus dem Dunkel eine Gestalt in einem weiten Mantel auf. Sie stand auf einmal zwischen ihnen und den Soldaten, und keiner hatte den Fremden vorher bemerkt. Er trug einen grauen Soldatenmantel mit schmalen Achselstücken, auf denen drei Sterne waren.

„Warum lacht ihr so laut?“ fragte der Mann, „ihr seid doch auf Feldwache.“

Die Soldaten griffen erschrocken nach ihren Gewehren und standen still.

„Wir bitten um Eurer Exzellenz Vergebung“, sagten sie.

„Ihr seid unklug“, sprach der Mann, „ihr lärmt und solltet ruhig sein. Ihr seid schlechte Soldaten!“

„Wir bekennen es“, sagten die Soldaten zerknirscht.

Jetzt wandte sich der Fremde an Großer-Tiger und Christian.

„Ich habe gehört, was ihr wollt. Sagt mir eure Botschaft. Ich bin der General Wu-Pei-Fu.“

Großer-Tiger und Christian verneigten sich dreimal sehr höflich und sehr tief, aber eine Begrüßung mit Worten wagten sie nicht. Sie blickten stumm vor sich nieder, weil sie daran dachten, daß sie schwarz wie Mohren waren. Außerdem hatten sie noch immer die Decken um die Schultern geschlagen, und das hinderte sie auch am Reden. Sie kamen sich komisch vor wie Heinzelmännchen.

„Ihr sollt sprechen“, sagte der General.

„Wir haben uns noch nicht gewaschen“, sagte Großer-Tiger.

25

Der General Wu-Pei-Fu wurde heiter. „Im Kriege“, sagte er, „kommt es nicht immer darauf an, ob man sauber ist. Sagt jetzt, was ihr zu sagen habt!“

„Ich heiße Kompaß-Berg“, sagte Christian, „und dieser ist Großer-Tiger, und wir sind Kriegsgefangene.“

„Wie alt seid ihr denn?“ fragte der General. Wenn es nicht so dunkel gewesen wäre, hätte man gesehen, daß er lächelte, denn seine Schnurrbartenden hoben sich ein bißchen.

„Wir sind jeder dreizehn Jahre alt“, sagte Großer-Tiger. „Christian ist zwar nur zwölf, aber das kommt daher, weil seine Eltern das Geburtsjahr nicht mitrechnen wie meine. Gestern abend ließen wir einen Drachen steigen, doch die Schnur riß ab, weil der Zug so schnell fuhr, und da waren wir auf einmal in Tsing-Lung-Kiao, wo das Denkmal steht.“

„Und dann hat es geschossen“, fuhr Christian fort, „und unsere Soldaten sprangen davon.“

„Hatten sie denn soviel Angst?“ fragte der General.

„Sie sagten, die Schlacht sei verloren, da sei keine Hilfe.“

Wieder lachte der General Wu-Pei-Fu ein bißchen und dann sagte er, die Soldaten des Generals Tschang-Tzo-Lin hätten wohl keine Lust mehr zu kämpfen.

„Sie haben den Zug stehenlassen mit vielen Pferden, Wagen und Kanonen“, sagte Christian, „und das alles haben Guter-Gefährte und Gelber-Pfeil erobert, und uns dazu. Jetzt aber stecken sie im Tunnel, denn die Lokomotive tut nicht mehr, und darum schicken sie uns — wir sollten sagen — Sie bitten — Sie möchten — oder der General Wu möchte …“

„‚Eure Exzellenz möchte‘, müßt ihr sagen“, rief einer der Soldaten leise.

„Nein“, sprach der General, „das müßt ihr nicht. Ich werde von Hwai-Lai-Hsien eine zweite Maschine kommen lassen und sie in den Tunnel zur Hilfe schicken. So war es doch?“

„So war es“, sagte Großer-Tiger.

„So ist es“, sagte Christian.

„Da wollen wir uns eilen! Kommt mit mir!“

Die Soldaten standen noch immer beschämt neben ihren Gewehren, aber der General Wu schaute sie gar nicht an. Er grüßte sie auch nicht. Er ging am Bahndamm entlang, und Großer-Tiger und Christian liefen hinter ihm drein. Beim Bahnwärterhaus stand ein Automobil. In dem war der General gekommen.

Neben dem Auto stand auch ein Soldat. Als er den General kommen sah, legte er die Hand an die Mütze und öffnete den Wagenschlag.

26

„Ich fahre selbst“, sagte der General.

„Euer Exzellenz Befehl!“

Der Soldat wollte von der anderen Seite einsteigen.

„Halt!“ rief Wu-Pei-Fu, „die beiden Jungen kommen mit!“

Mit einem Bein war der Soldat schon im Wagen gewesen. Darum war er nicht gerade erfreut, als er es wieder herausnehmen mußte. So blickte er die zwei rußbeschmierten Gestalten böse an, aber etwas zu sagen wagte er nicht. Er öffnete die rückwärtige Wagentür, deckte eine Zeltplane über die Sitze, knurrte etwas dazu, und dann hieß er Christian und Großer-Tiger einsteigen.

Trotz der schlechten Straße fuhr der General rasch und ohne Licht. Erst als es einen halsbrecherischen Weg in scharfen Kurven bergab ging, schaltete er die Scheinwerfer ein und mäßigte das Tempo.

Ein riesenhohes Bauwerk, das einer Felswand glich, überquerte das Tal.

Wu-Pei-Fu wandte sich um.

„Das ist die Große Mauer“, sagte er.

Er hielt vor einer tunnelartigen Toreinfahrt. Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr und mit breiten Schwertern sprangen von beiden Seiten aus dem Graben.

„Sanfter Wind“, sagte der General und stieg aus dem Wagen.

„Bringt Gelingen“, antworteten die Soldaten.

Ein Leutnant trat vor und grüßte.

„Guten Morgen“, erwiderte Wu-Pei-Fu, „wie steht es?“

„Der Feind ist abgezogen. Die Festung ist frei.“

„Gut“, sagte Wu-Pei-Fu, „wir fahren weiter.“

Christian und Großer-Tiger, die im Wagen geblieben waren, rückten beiseite, als sie merkten, daß der General sich zu ihnen setzen wollte.

„Glück“, rief er, „fahre, so schnell du fahren kannst, nach Hwai-Lai-Hsien!“

„Euer Exzellenz Befehl!“ sagte der Soldat Glück.

Wu-Pei-Fu zeigte nach rückwärts.

Der Morgen dämmerte zaghaft, und jetzt konnte man die herrliche Große Mauer mit ihren Türmen und Festungswerken sehen. Sie lief über Berg und Tal, und sie nahm kein Ende.

„Kinder“, sagte der General Wu-Pei-Fu, „man kann leicht wissen, daß das die Große Mauer ist. Aber man kann schwer begreifen, daß sie von Menschen gebaut werden konnte. Es gibt einen Stern, der heißt Mars. Vielleicht gibt es dort Menschen, und wenn es welche dort gibt, können sie mit starken Fernrohren die Große Mauer sehen. Es ist aber das einzige Bauwerk von Menschenhand, das man vom Mars aus wahrnehmen kann.“

27

Christian und Großer-Tiger staunten, und Wu-Pei-Fu lächelte.

Aber da kamen schon die Häuser von Hwai-Lai-Hsien in Sicht, und der Fahrer Glück tutete.

Davon wachten die Einwohner auf.

Sechstes Kapitel
in dem es Christian und Großer-Tiger
gut geht

Zum erstenmal, seit wir die Erlebnisse von Christian und Großer-Tiger verfolgen, geraten wir in Schwierigkeiten. Wir wissen nämlich nicht, was ein Kang ist. Da aber unsere zwei Helden darauf liegen und allem Anschein nach fest schlafen, scheint der Kang eine Bettstatt zu sein.

So ist es auch, und es ist großartig, daß wir das so schnell herausgefunden haben. Der Kang ist eine Art Kiste aus Lehmziegeln, so hoch wie ein normaler Tisch, nur ist er viel größer, und meistens nimmt er zwei Drittel des Zimmers ein. Auf so einem Kang haben viele Leute Platz. Innen ist er hohl, damit man ihn im Winter heizen kann. Er wird dann schön warm wie ein Kachelofen, man legt sich oben drauf, deckt sich zu und schläft.

Als Großer-Tiger und Christian aufwachten, schien die Sonne hell ins Zimmer. Es war ein schönes Zimmer, und die Wände waren mit weißem Papier beklebt. Auf dem Kang lagen Decken, und auf den Decken lagen Großer-Tiger und Christian, ein Sattel und eine Ledermappe.

„Hier schläft der General“, sagte Großer-Tiger.

„Schlafen Generäle mit dem Kopf auf einem Sattel?“ fragte Christian.

„Soldaten machen das so“, erklärte Großer-Tiger.

Er stand auf, rutschte vom Kang herunter auf den Fußboden und schlich zum Fenster, das auf den Hof ging. Das Fenster war aber nicht aus Glas. Es war durch ein hölzernes Gitter in viele Quadrate geteilt, die mit dünnem Reispapier verklebt waren. So kam wohl Licht ins Zimmer, aber hinausschauen konnte man deswegen noch nicht. Man mußte schon den kleinen Finger nehmen und ein Loch durch das Papier stoßen. Großer-Tiger tat es ohne weiteres, denn er wollte wissen, was im Hof vor sich ging.

Zunächst sah er unter dem Vordach den Kübel, in dem sie gleich nach der Ankunft in warmem Wasser gebadet hatten. Im Hof waren Pferde, die gestriegelt wurden, und Soldaten, die Wassereimer trugen und Automobile wuschen. Das eine war der Personenwagen des Generals. Ein anderes war ein großer Lastwagen mit einem hohen Fahrgestell.

„Kwi-Schan“, rief Großer-Tiger, „guck mal, Glück muß den Lastwagen waschen!“

28

„Geschieht ihm recht“, sagte Christian, und er bohrte auch ein Loch in das Papierfenster.

„Kannst du alles sehen?“

„Ich sehe alles. Schau, da kommt Guter-Gefährte!“

„Gelber-Pfeil kommt hinterdrein.“

„Schrei nicht so laut, sonst erschrickst du ihn, und er läßt die Pakete fallen. Er schleppt ja wie ein Lastträger am Neujahrstag!“

„Die kommen hierher“, flüsterte Großer-Tiger; „wir wollen so tun, als ob wir schliefen. Wenn sie dann sagen: ‚Diese armen Kinder sind ganz erschöpft‘, schreien wir laut.“

„Ja“, sagte Christian und kletterte flink auf den Kang, „aber was wollen wir schreien?“

„Was uns einfällt“, sagte Großer-Tiger. „Am besten ist es, wir schreien ‚Wu!‘“

„‚Wu‘ wie ein Hund oder ‚Wu‘ wie ein Mensch?“

„Wie ein Hund ist schöner“, sagte Großer-Tiger. Er warf schnell eine Decke über Christian und eine über sich; dann machten beide die Augen zu.

Bald darauf hörten sie Schritte, die vor dem Zimmer haltmachten. Der Vorhang, der an Stelle einer Tür den Eingang verdeckte, wurde gehoben.

„Sie schlafen“, sagte Gelber-Pfeil leise. „Wir wollen die Geschenke neben sie legen.“

„Ja, so wollen wir tun“, sagte Guter-Gefährte, und er schlich auf Zehenspitzen ins Zimmer.

„Sie können die Körper noch nicht bewegen“, bemerkte Gelber-Pfeil, „sie sind müde und blaß.“

„Diese armen Kinder sind ganz erschöpft“, sagte Guter-Gefährte.

„Wu! Wu!“ schrien Christian und Großer-Tiger, und sie sprangen auf.

„Ich erschrecke sehr“, rief Gelber-Pfeil, und gleich ließ er zwei Pakete fallen, die in rotes Glückwunschpapier eingewickelt waren.

„Seid ihr Menschen, oder seid ihr Hunde?“ fragte Guter-Gefährte.

„Wu!“ rief Christian, „wir sind Hunde.“

„Entschuldigt! Da haben wir uns im Zimmer geirrt.“

„Nein, wir sind Menschen“, sagte Großer-Tiger.

Die beiden Soldaten lachten, und dann baten sie Christian und Großer-Tiger, sie sollten sich auf den Kang setzen.

„Wie dürften wir in eurer Gegenwart sitzen!“ sagte Großer-Tiger.

„Doch“, sprach Guter-Gefährte, „wir bitten darum.“

Da setzten sich Großer-Tiger und Christian auf die Decken, und die zwei Soldaten stellten sich vor ihnen auf und verneigten sich feierlich. Die Pakete hatten sie vorher neben sich auf den Boden gelegt.

29

„Ihr seid unsere befehlenden jüngeren Brüder“, sprach Guter-Gefährte, „und wir verneigen uns vor euch in Dankbarkeit. Ihr habt das Rad gedreht, als es Zeit zu drehen war, und ihr habt es festgehalten, als unsere Lebensgeister wankten. Ihr seid für uns durch den finsteren Tunnel gegangen, und darum verdient ihr großes Lob vor anderen. Wir bitten euch, die schlechten Geschenke, die wir bringen, nicht zu verachten. Hier sind Nudeln und Eier, mit dem Wunsch für langes Leben. Sie sind unschmackhaft, und die Kuchen, die wir haben, sind nicht gut zu essen. Nehmt bitte trotzdem vorlieb damit.“

Als Guter-Gefährte so gesprochen hatte, sprangen Christian und Großer-Tiger schleunigst vom Kang und verneigten sich vor den Soldaten.

Sie nahmen die Pakete und die Tüten in Empfang, und dabei sagte Großer-Tiger: „Wir sind nicht würdig, von euch so dicke Geschenke zu erhalten.“

„Wir verdienen eure Aufmerksamkeit nicht“, sagte Christian.

Dann setzten sich alle miteinander auf den Kang, lachten und schwatzten, und die Soldaten erzählten, daß in den Morgenstunden eine zweite Lokomotive in den Tunnel gefahren kam und sie geholt hatte. Der General war selbst an der Station gewesen, als der Zuf einlief, und er hatte sie beide zum Unteroffizier befördert.

„Wir wünschen zehntausendfaches Glück“, sagten Christian und Großer-Tiger.

Darauf öffneten sie die Tüten, die die Unteroffiziere Guter-Gefährte und Gelber-Pfeil mitgebracht hatten. Alle aßen von den Salzmandeln und Erdnüssen und von den gelben und roten Bonbons, die darin waren.

„Wir müssen jetzt gehen“, sagte Gelber-Pfeil.

„Morgen oder übermorgen müssen wir Peking erobern“, sagte Guter-Gefährte.

„Dürfen wir dabeisein?“ fragte Christian.

„Ich glaube nicht“, erwiderte Gelber-Pfeil zögernd. „Der General hat gesagt, es würde viel geschossen werden. Die Soldaten Tschang-Tzo-Lin's haben neues Silbergeld bekommen, und nun haben sie wieder mehr Mut als vorher.“

„Wir wohnen bei der alten Sternwarte“, sagte Großer-Tiger. „Wenn ihr nach Peking kommt, geht bitte zu meiner Heimstätte. Tretet vor meinen Vater und sprecht: ‚Großer-Tiger, Euer gehorsamer Sohn, sendet Grüße und Wünsche für Wohlergehen. Er wird bald nach Hause kommen.‘“

„Geht auch zu meinem Vater“, bat Christian, „aber ihr müßt sprechen: ‚Dein Sohn Christian ist nicht ungezogen. Er kann nichts dafür, daß er jetzt weit fort ist; er wollte nur einen Drachen steigen lassen. Und die 30alte Ama kann auch nichts dafür, und überhaupt kann niemand etwas dafür. Es ist eben so gekommen.‘“

„Wir werden alles bestellen“, versprach Guter-Gefährte, „ihr seid artige Menschen.“

„Gelber-Pfeil sagte: „Lebt wohl! Wir wünschen zahlreiche Glücksterne.“

Siebentes Kapitel
in dem Christian und Großer-Tiger
Geheimkuriere werden

Im Hof stand der General und sprach mit Glück. Christian und Großer-Tiger saßen auf dem Rand des Waschkübels unter dem Vordach. Sie aßen abwechselnd einen Mohnkuchen und dann ein Bonbon und dann wieder einen Mohnkuchen.

Die Sonne schien warm, die Tauben gurrten, und Christian hätte gern gewußt, was der General mit Glück redete. Aber dafür war die Entfernung zu groß.

„Gut oder schlecht?“ fragte auf einmal eine rauhe Stimme, und als sie sich umblickten, stand ein Mann hinter dem Waschkübel. Er trug eine runde gestickte Mütze, wie selbst Großer-Tiger noch nie eine gesehen hatte.

„Was macht ihr hier?“ fragte der Mann, und er versuchte freundlich auszusehen. Seine schwarzen Augen blickten unruhig von Christian zu Großer-Tiger; er schaute auf Glück und auf den General, und schließlich schien es, als sähe er nur so ins Leere. Er hatte einen schwarzen Bart, der ihm über die Mundwinkel hing und ihn unheimlich machte. Dabei trug er einen schönen Rock aus schwarzer Seide, und dann fragte er noch einmal:

„Was macht ihr hier?“

„Wir essen jeder ein Bonbon“, sagte Christian, weil ihm nichts Besseres einfiel.

„Dummes Zeug“, brummte der Mann, und er spuckte in das Waschfaß.

„Das Faß ist jetzt nicht mehr sauber“, sagte Großer-Tiger.

„Du bist frech“, erwiderte der Mann, und für einen Augenblick sah er zornig aus. Doch dann besann er sich und probierte noch einmal, wie ein freundlicher Mensch auszusehen.

Er deutete verstohlen auf Wu-Pei-Fu: „Ist das der General?“

„Vielleicht ist er es“, sagte Christian.

„Wir sind erst seit gestern hier“, sagte Großer-Tiger.

31

„Freilich, freilich“, brummte der Mann; „gibt es hier einen Lastwagen?“

„Dort steht einer“, sagte Christian.

„Freilich, freilich“, knurrte der Mann wieder, und dann ging er so leise fort, wie er gekommen war. Er drehte sich noch einmal um, und es schien Christian, als habe er mit Glück ein Augenzwinkern gewechselt. Aber es ging sehr rasch, und Christian hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, weil Großer-Tiger ihm einen Stoß gab.

„Der General kommt!“ sagte er leise.

Christian verschluckte sein Bonbon, und dann stand der General schon vor ihnen in der Sonne.

„Hallo!“ sagte er.

„Selber Hallo“, erwiderte Christian; aber kaum hatte er es gesagt, wurde er rot und verlegen.

„Ich bitte um Vergebung …, meine Rede stimmt nicht …, das wünschte ich nicht zu sagen.“

Wu-Pei-Fu lachte: „Gerade das wollte ich hören, sonst hätte ich nicht Hallo gesagt. Bei uns sagt man nicht Hallo.“

„Bei uns auch nicht“, versicherte Christian, „nur manchmal, und meistens nur Jungen.“

Der General lachte noch immer.

„Und du“, fragte er Großer-Tiger, „kannst du auch Hallo sagen?“

Großer-Tiger verneigte sich: „Der Knabe mit dem wertlosen Namen Großer-Tiger hat es von Kompaß-Berg gelernt.“

„Hallo ist ein hilfreiches Wort“, sprach Wu-Pei-Fu. „Wer schlechte Laune hat, sollte öfter Hallo sagen. Man wird fröhlich davon. Kommt jetzt mit mir. Ich muß mit euch zwei Worte reden.“

Er ging unter dem Vordach entlang und öffnete die nächste Tür. Da war ein Zimmer mit weißen Wänden, aber ein Kang war nicht darin.

Dafür stand in der Mitte ein großer Tisch, und auf dem Tisch lag eine Karte, die ihn ganz bedeckte. Rote und blaue Fähnchen aus Papier steckten in der Karte, und man sah leicht, daß die blauen Fähnchen Wu's eigene Soldaten waren und daß die roten Fähnchen den Feind vorstellten. Eine große rote Fahne wehte über Peking, und das war der General Tschang-Tzo-Lin, der dort sein Hauptquartier hatte. Die blaue Fahne Wu-Pei-Fu's steckte in Hwai-Lai-Hsien.

„Nehmt einen Bleistift“, sprach Wu-Pei-Fu in sanftem Befehlston. „Hier ist ein Stück Papier. Schreibt darauf, wo ihr wohnt. Sobald ich in Peking bin, werde ich euren Eltern sagen, daß ihr gesund seid und wohin ich euch geschickt habe. Könnt ihr schreiben?“

„Wir können schreiben“, sagte Großer-Tiger, und er malte das schöne 32Zeichen für Peking auf das weiße Papier und darunter den Namen der Straße.

„Ich kann es nicht ganz so gut“, sagte Christian.

„Das macht nichts“, sagte der General, „zeigt her!“

Er nahm die Zettel und las.

„Du wohnst bei der Sternwarte, Großer-Tiger. Ich werde deine Heimstätte finden. Kompaß-Berg! Ich lese, dein Vater ist Arzt. War er früher in Loyang?“

„Er war in Loyang“, sagte Christian.

„Dann sind wir alte Bekannte. Dein Vater war der beste Arzt in der Provinz Honan. Ich werde die Freude haben, ihn wiederzusehen.“

„Es wird für meinen Vater ein Glückstag erster Ordnung sein“, sagte Christian höflich.

„Ich hoffe, er wird nicht ungehalten sein, wenn ich ihm sage, daß sein Sohn in die Provinz Sinkiang reist. Wißt ihr, wo das ist?“

„Ich weiß es“, sagte Großer-Tiger; „man muß durch die große Wüste Gobi, und dann ist man dort.“

„So ähnlich ist es“, sagte Wu-Pei-Fu. „Ihr habt gesehen, daß Glück einen Lastwagen sauber macht; der wird das erste Kraftfahrzeug sein, das die Wüste Gobi durchqueren wird. Morgen früh fahrt ihr hier fort; denn auf dem gewöhnlichen Weg kann ich euch nicht nach Hause schicken. Der Krieg beginnt Ernst zu werden. Die Soldaten Tschang-Tzo-Lin's haben sich in den Westbergen verschanzt, und sie werden um Peking kämpfen. Darum müßt ihr diesen Umweg machen. Wollt ihr?“

„Wir wollen“, rief Christian.

„Wir bitten darum“, sagte Großer-Tiger.

„Es ist aber“, sprach Wu-Pei-Fu ernst, „ein weiter Umweg, und ihr habt eine Aufgabe, die nicht leicht ist. Hier ist ein versiegelter Brief, den dürft ihr keinem Menschen zeigen. Ich vertraue darauf, daß ihr verschwiegen seid.“

Er zog einen Brief aus dünnem Reispapier aus der Rocktasche. Auf dem Umschlag waren zwei senkrechte rote Linien gezogen, und dazwischen war mit schwarzen Tuschzeichen geschrieben:

An Seine Exzellenz
Yang-Tsen-Hsin
Marschall von China
Gouverneur der Provinz Sinkiang
TI ' HUA ' FU

Großer-Tiger nahm den Brief mit beiden Händen entgegen, und während er sich verneigte, sagte er: „Niemand anderer als Exzellenz Yang wird diesen Brief sehen und lesen. Kompaß-Berg hat eine verborgene Tasche in seinem Rock, er wird den Brief bei sich tragen.“

33

„Das ist eure Sache. Ihr seid meine Geheimboten; tut, was ihr für richtig haltet.“

„Wir werden ganz geheim sein“, sagte Christian.

„Hier ist Geld für die Reise“, sprach Wu-Pei-Fu. „Wahrscheinlich werdet ihr es nicht brauchen, weil mein alter Freund Yang für euch sorgen wird. Das Geld ist für den Notfall.“

Damit gab er Christian eine Rolle mit fünfundzwanzig großen Silbermünzen, und Großer-Tiger gab er auch eine.

„Vielen Dank! Wir werden uns nur auf das Geld stützen, falls es notwendig ist.“

„So ist es nicht gemeint. Das Geld gehört euch für tapferes Verhalten. Versteckt es. Glück soll nichts davon wissen. Er weiß auch nichts von dem Brief. Er hat nur den Befehl, euch nach Ti-Hua-Fu zu bringen. Vielleicht wird er anfangs unfreundlich sein, weil er lieber mit mir nach Peking gegangen wäre. Macht euch nichts daraus. Glück ist der einzige, der den Weg kennt, darum kann ich niemand anderen schicken. Er stammt aus Sutschou, und er war schon einige Male in Sinkiang.“

„Ist er ein Dungane?“ fragte Großer-Tiger.

„Nein. Du mußt keine Angst haben. Glück ist Chinese wie du und ich. Er ist gutmütig. Trotzdem traue ich ihm nicht ganz, weil er das Geld mehr liebt, als ein Soldat es soll. Darum bin ich froh, daß ich euch habe. Morgen fahrt ihr nach Kalgan, und dann geradewegs durch die Steppe und durch die Wüste bis zum Edsin-Gol. Der Edsin-Gol ist ein Fluß, und wo er fließt, ist die Hälfte des Weges. Am Edsin-Gol gibt es einen Platz, der Ollon-Tolle heißt, oder so ähnlich. Vielleicht kann Kompaß-Berg das Wort aussprechen. Es ist mongolisch.“

„Heißt es Orron-Tolle?“ fragte Christian.

„Nein, es heißt gerade umgekehrt.“

„Dann heißt der Ort Ollon-Torre.“

„Ja, so heißt er, und es ist gut, daß du mein Botschafter bist. Du kannst mit deinem Mund wie die Mongolen machen, als ob ein Hund knurrt.“

„Rrrr!“ machte Christian.

„Du kannst es“, sagte Wu-Pei-Fu belustigt. „An diesem Ort hat mein Verbündeter, der General Feng, ein Benzindepot eingerichtet. Glück kann dort die leeren Fässer wieder füllen. Bis Ti-Hua-Fu gibt es dann keinen Betriebsstoff mehr. Sobald ihr ankommt, geht ihr in den Yamen des Gouverneurs. Ihr gebt ihm meinen Brief, und … das ist alles. Habt ihr mich gut verstanden?“

„Wir haben verstanden“, sagte Christian.

„Und wir gehorchen“, sagte Großer-Tiger.

„Bittet meinen Bruder Yang, er möge freundlich an mich denken.“

34

„Wir werden alles sagen.“

„So lebt wohl“, sprach Wu-Pei-Fu und stand auf. „In eurem Zimmer ist eine Ledertasche. Darin findet ihr das Notwendigste für die Reise. Wenn alles gut geht, seid ihr in zehn Tagen in Ti-Hua-Fu.“

Großer-Tiger und Christian verneigten sich. Sie sagten: „Wir wünschen Freude und zahlreiche Glücksterne.“

„Seid schweigsam, meine Kinder“, sagte der General, „und laßt die andern reden!“

„Wer sind die andern?“ fragte Christian.

„Alle, die euch begegnen“, sagte Wu-Pei-Fu, und er verneigte sich zum Abschied vor Christian und Großer-Tiger wie vor erwachsenen Männern. Da waren beide sehr stolz.

Achtes Kapitel
in dem die Reise trotz schlechter Vorzeichen
gut beginnt

Tüt-tüt-tüt-tüt machte Glück mit der Autohupe, und das hieß: Eilt euch!

Großer-Tiger und Christian beeilten sich.

Es war früh am Morgen, und es war noch kalt und dunkel. Glück lief mit einer Sturmlaterne um den Wagen. Er zählte die Benzinfässer und die Benzinkanister und die Kannen und die Ölflaschen. Nachher drückte er mit dem Daumen auf die Reifen, und dann tutete er wieder.

Christian und Großer-Tiger kamen mit ihren Sachen gelaufen. Sie brachten die Ledertasche, die Schachtel mit den langen Nudeln für langes Leben, die letzte Tüte mit Mohnkuchen, und dann mußten sie noch einmal laufen, und noch einmal, denn da waren zwei warme Pelzmäntel, zwei Fellmützen, zwei Zeltplanen und zwei Schlafsäcke, die ihnen der General durch einen Soldaten geschickt hatte.

„Vorne bei mir könnt ihr nicht sitzen“, sagte Glück grob.

„Wir werden sitzen, wo der Herr befiehlt“, sagte Großer-Tiger.

„Kommt her!“ brummte Glück, und es klang freundlicher als vorher.

Er half Christian auf den Wagen steigen, und er faßte Großer-Tiger unter die Arme und hob ihn hinauf. Die Ladefläche war sehr hoch über dem Boden. In der Mitte gab es einen freien Platz. Er war gerade groß genug für die beiden Schlafsäcke.

Dann zogen sie die Pelzmäntel an und setzten die Fellmützen auf. Ringsherum standen Benzinkanister wie ein Gartenzaun, und im Rücken gegen das Führerhaus waren Eisenfässer aufgestellt. Wenn man sich auf die Zehenspitzen hob, konnte man durch ein Fensterchen Glücks oberen Mützenrand sehen.

35

„Seid ihr fertig, oder gibt es noch eine Sache zu besorgen?“ fragte Glück.

„Wir entdecken keinen Mangel“, sagte Großer-Tiger.

„Ich weiß einen Mangel“, rief Glück; „man sieht ihn aber nicht. Kannst du lesen?“

„Ich kann lesen.“

„Dann lies!“ Er warf Großer-Tiger ein gelbes, zerlesenes Buch in den Schoß. „Du kannst es mir in Kalgan wieder geben. Ein anderer als Glück würde heute keinen Li weit fahren.“

Die Straßen von Hwai-Lai-Hsien waren leer. Trotzdem tutete Glück.

„Warum macht er das?“ fragte Christian.

„Weiß nicht“, sagte Großer-Tiger; „vielleicht will er die Leute aufwecken.“

Als die Häuser nur noch vereinzelt am Straßenrand standen, fuhr Glück langsamer statt schneller, und auf einmal stand der Wagen. Das Tuten hörte auf, nur der Motor lief weiter.

„Bist du endlich da?“ sagte eine rauhe Stimme; „es hat lange gedauert!“

„Steig ein!“ erwiderte Glück kurz.

Christian und Großer-Tiger hörten, wie die Tür des Führerhauses geöffnet wurde und wie ein Mann einstieg.

Glück gab Gas, und der Wagen fuhr weiter.

„Das ist er!“ flüsterte Großer-Tiger.

„Wer?“ fragte Christian.

„Der, der in das Waschfaß spuckte. Ich kenne ihn an der Stimme.“

„O weh!“ sagte Christian.

„Da ist keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger.

Die Stadt Hwai-Lai-Hsien verschwand hinter Hügeln, und weiter weg sah man nur noch die Hsingan-Berge, die den Horizont begrenzten. Der Bodennebel zerflatterte, und die Sonne stieg strahlend in den blauen Himmel. Glück fuhr auf der alten Landstraße, die dem Lauf des Yang-Ho folgte. Tief unten sah man den gelben Fluß. Fast schien es, als ob das kein Wasser wäre, so trüb war es von dem vielen Sand und Lehm.

Hier sah man kein Boot. Die eiligen Wellen blitzten in der Sonne, und einige Wildenten flogen, wenn Glück tutete. Die Pappeln am Ufer trugen noch keine Blätter. Dafür saßen Krähen auf den Ästen, die lärmten und mit den Flügeln schlugen.

„Paß auf!“ sagte Großer-Tiger, „wenn die Krähen nach Osten fliegen, ist es ein gutes Zeichen. — Wenn sie aber nach Westen fliegen, ist es schlecht.“

„Die Krähen fliegen aber nicht“, sagte Christian, „sie schreien nur, und sie schlagen mit den Flügeln.“

36

„Dann geht man einer Gefahr entgegen“, sagte Großer-Tiger. Er nahm das gelbe Buch, das ihm Glück in den Schoß geworfen hatte, und schlug es auf.

„Es ist heute der sechste Tag des zweiten Monats“, sagte Christian.

„Am sechsten Tag des zweiten Monds“, begann Großer-Tiger in dem Kalender zu lesen, „ist es fördernd abzustehen. Man wünscht kräftiges Fortschreiten, aber es gibt Behinderung. Dem Wagen springen die Speichen von den Rädern. Kein Reisetag.

Will man den Fortschritt erzwingen,
wird es uns Unglück bringen.

Man muß sich mit dem Erreichten begnügen. Ein Tag für Vorarbeiten. Nicht Haare schneiden, nicht heiraten. Beharrlichkeit bringt Erfolg.“

„Aha!“ sagte Christian, „darum ist Glück ängstlich.“

„Da ist keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger und klappte das Buch zu.

Glück fuhr jetzt langsam. Die Landstraße zum Fluß hinunter war abschüssig, der Boden war weich und ausgefahren, und eine gelbe Staubfahne folgte dem Wagen. Sobald der Weg vom Wasser abbog, kam man durch Dörfer, die nur wenige Häuser hatten. Es sah aus, wie wenn es keine Bewohner dort gäbe als alte Frauen, die an Stöcken gingen, und Kinder, die den Dung der Pferde und Esel sammelten. Hinter den Bambushecken grünten spärliche Gemüsepflanzungen. Ein schwarzes Schwein stand im Wege, und Glück tutete schrecklich, doch es ging nicht von der Stelle. Da mußte Glück ausweichen, die Eisenfässer schlugen aneinander, und Christian wurde von einem Stoß umgeworfen. Er fiel in die Schachtel, wo die Nudeln für langes Leben darin waren.

„Hoppla!“ sagte Großer-Tiger, „die schlechte Sache beginnt!“

Aber es passierte weiter nichts, und nach zwei Stunden Fahrt war man in der Stadt Hsüan-Hua-Fu. Fu bedeutet Bezirksstadt ersten Ranges, doch davon merkte man wenig. In den Außenbezirken, wo die armen Leute wohnten, waren viele Lehmhütten zerfallen und verlassen, und im Innern der Stadt gab es eine ganze Anzahl Geschäfte, die geschlossen waren. Am meisten fielen die verwahrlosten Gasthäuser auf. Die ausgedehnten Höfe und die Stallungen standen leer, und die Wirtshausschilder waren lange nicht mehr frisch gemalt worden.

„Das macht die Eisenbahn“, sagte Großer-Tiger. „Früher gingen hier Karawanen nach Peking, und jetzt gehen sie nicht mehr.“

Christian, der schon lange neugierig war, machte die Ledertasche auf. Sie war in drei Fächer geteilt, und schon das war eine herrliche Sache. Es gab Notizhefte, Bleistifte, einen Kompaß, ein Lineal und …

„Au fein! Zwei Taschenmesser!“ sagte Christian.

37

„Sie sind eine wertvolle Gabe“, bemerkte Großer-Tiger; „gib mir bitte das mit dem roten Griff.“

„Wie du willst“, sagte Christian und steckte das mit dem schwarzen Griff in die Hosentasche.

Dann war da eine Seife, ein Handtuch, ein Kamm und zwei Landkarten.

„Mongolia — Southern Sheet“ stand auf dem einen Blatt, „Mongolia — Western Sheet“ stand auf dem andern. Neben den Karten lag ein Vergrößerungsglas.

Christian entfaltete das Südliche-Blatt. Gleich fand er Hsüan-Hua-Fu.

„Hier sind wir jetzt“, sagte er.

Man fuhr gerade am Yamen vorüber, wo ein schläfriger Soldat Wache stand. Er wurde munter, als er Großer-Tiger und Christian vorbeifahren sah.

„Wohin geht die Reise der Herren?“ rief er laut.

„Die Herren gehen in die Berge“, rief Christian ebenso laut zurück.

Er sah, und Großer-Tiger sah es auch, wie der Soldat grinsend auf sein Schwert zeigte und dazu die Gebärde des Kopfabschneidens machte.

„Was hat er nur?“ fragte Christian.

„Er meint, du willst ein Räuber werden“, erklärte Großer-Tiger. „In die Berge gehen heißt, daß man ein Räuber werden will.“

„Gibt es hier welche?“

„Hier gibt es noch keine, aber hinter Kalgan gibt es.“

„Wir werden bald in Kalgan sein“, sagte Christian und betrachtete die Karte.

Großer-Tiger hatte noch nie eine Karte in der Hand gehabt, aber er tat, als kenne er Landkarten in- und auswendig, und er sagte so nebenbei: „Dieses Landbild ist englisch, ich kann die Namen nicht lesen.“

Christian begriff, daß er seinem Freund helfen müsse.

„Oben ist Norden“, sagte er. „Die kleinen Kreise sind Dörfer und Städte. Das Blaue sind Flüsse und Seen, die dünnen Striche sind Straßen, und die dicken Striche sind Eisenbahnen.“

„Hier kann man nichts erkennen“, sagte Großer-Tiger, und er zeigte auf weiße Flecke, von denen es viele gab.

„Wo gar nichts steht, ist eben Wüste“, erklärte Christian. „Man muß selbst hingehen, und dann weiß man, wie es in der Wüste aussieht.“

„Wo ist der komische Ort“, fragte er, „von dem der General Wu gesagt hat, dort gäbe es Benzin?“

„Du meinst Ollon-Torre?“ sagte Christian, und er begann zu suchen. Allein er fand Ollon-Torre nicht. Er nahm das Vergrößerungsglas. Es verging eine lange Zeit, und endlich fand er den Edsin-Gol. „Hier ist der Fluß!“ rief er. Er war sehr froh, daß er etwas gefunden hatte.

38

„Wo der Fluß ist, muß auch der Ort sein“, entschied Großer-Tiger; „du mußt weitersuchen.“

„Wir wollen vorher einen Mohnkuchen essen“, schlug Christian vor.

„Gut“, sagte Großer-Tiger, und Christian faltete die Karte Südliches-Blatt zusammen und steckte sie zu dem Westlichen-Blatt in das dritte Fach der Ledermappe. Das Vergrößerungsglas tat er auch hinein, und er war gar nicht mehr neugierig, weil er jetzt alles wußte, was es in der Mappe gab.

Der Wagen fuhr langsam; es ging immer noch bergauf, und man hatte eine schöne Aussicht, weil fast kein Staub aufgewirbelt wurde. Längst waren Hsüan-Hua-Fu und der Yang-Ho nicht mehr zu sehen. Es ging durch viele kleine Dörfer und über ebenso viele Hügel, und auf einmal war die Eisenbahnlinie wieder da.

Das Auto mußte einen steilen Berg hinauffahren, und oben stand eine Festung. Es war aber keine Festung, sondern ein Wohnhaus, um das sich der Besitzer eine Mauer mit einem Wehrgang und mit richtigen Schießscharten gebaut hatte. Von hier aus sah man die Stadt Kalgan und den Bahnhof mit den vielen leeren Gleisen, auf denen kein einziger Wagen stand. Auf dem Bahnhofsplatz machte Glück halt.

„Aussteigen!“ rief er, „wir wollen etwas essen. Habt ihr Hunger?“

„Wir haben Hunger, befehlender Herr.“

Neuntes Kapitel
von dem Mann, der in das Waschfaß spuckte

„Kommt her“, sagte Glück, „ich will euch einem Herrn vorstellen, den ich von der Straße aufgelesen habe, weil man einander helfen muß. Der Herr wird ein Stück Wegs mit uns fahren.“

„Es ist eine Ehre für uns“, sprach Großer-Tiger, und er trat Christian zum besseren Verständnis auf die Zehen.

Der Fremde saß auf dem Trittbrett des Wagens und rührte sich nicht. Sein schwarzer Bart hing traurig über die Mundwinkel, und die gestickte Mütze saß tief in der Stirn. Er blickte finster. Statt des schönen schwarzseidenen Rocks trug er einen abgeschabten grünen Mantel mit einer roten Schärpe.

„Los!“ sagte Glück, „stellt euch nur selber vor; es braucht nicht sehr förmlich zu sein.“

„Mein geringer Name ist Kompaß-Berg“, begann Christian, und er verneigte sich.

„Ich wage nicht, meinen Namen dem Herrn zu nennen. Ich heiße Großer-Tiger.“

39

„Schon recht“, knurrte der Fremde und nickte leicht mit dem Kopf.

„Erlaube“, sprach Glück, „ich möchte den Knaben sagen, daß du der früher geborene Herr Grünmantel bist.“

Damit wäre die Vorstellung beendet gewesen, allein Großer-Tiger hielt Christian am Rockzipfel fest. Beide verneigten sich noch einmal, während Großer-Tiger einen sehr schönen Satz sagte:

„Unser langes Ausschauen nach Eurem Anblick ist endlich gestillt.“

Als Großer-Tiger so gesprochen hatte, lachte der Mann, der Grünmantel hieß. Man wußte aber nicht, ob er es höflich meinte, oder ob es ihn lächerlich dünkte, daß ein Knabe so formvollendete Reden führte. Er stand auf, ging zum Bahnhofsgebäude und setzte sich mit dem Rücken gegen die Mauer in die Sonne.

Nirgends war ein Bahnbeamter, es war überhaupt kein Mensch da, und der Bahnhof sah traurig aus. Von der Fassade war der Kalkbewurf heruntergefallen, es gab Löcher, wo Gewehrkugeln eingeschlagen hatten, die meisten Fensterscheiben waren entzwei, und abgerissene Telefondrähte hingen von einem eisernen Träger bis auf die Straße.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger, und er dachte an Peking, wo jetzt der Krieg war.

Glück rumorte im Führerhaus des Wagens. Er hatte den Deckel von den Sitzen genommen und kramte in den Vorräten. Schließlich brachte er in einem Korb Brot, getrocknete Feigen und Bohnenkäse. Alle setzten sich neben Grünmantel an die Bahnhofsmauer, und Christian und Großer-Tiger zogen ihre Pelzmäntel aus, denn die Sonne schien warm. Es war nicht schlecht, auf Reisen zu sein, fremde Städte zu sehen und dabei gut zu essen.

Grünmantel schien in Kalgan bekannt zu sein. Ein Mann, dem man ansah, daß er ein Kameltreiber sein müsse, ging vorüber und grüßte höflich. Grünmantel nickte herablassend; er knurrte etwas in seinen Bart, das sich wie „Alter Hung-Hu-Tse“ anhörte.

Ich muß mir das Wort merken, dachte Christian, später werde ich Großer-Tiger fragen, was es damit auf sich hat. Er aß Bohnenkäse und Brot und schaute auf den Bahnhofsplatz. In einiger Entfernung hatten sich drei Bettelbuben aufgestellt, aber sie wagten nicht näher zu kommen, obwohl sie auch gerne etwas gegessen hätten.

„Lausevolk“, knurrte Grünmantel; doch dann winkte er dem größten der Betteljungen, der erbärmlich verhungert aussah. Er mochte vierzehn Jahre alt sein, aber genausogut hätte er älter oder auch jünger sein können. Sein Gesicht war grau von Staub und Schmutz, die Kleider waren Fetzen, und als er demütig geschlichen kam, hörte man kaum, wie er murmelte: „Großer alter Onkel, was befehlt Ihr?“

40

„Bring eine Kanne heißes Wasser für den Tee“, befahl Grünmantel.

„Großer Onkel, ich habe keine Kanne.“

„Du hast keine Kanne?“ schrie Grünmantel erbost. Er sprang auf und gab dem Jungen eine schallende Ohrfeige. Der Junge fiel um, war aber geistesgegenwärtig genug, sich flink am Boden so weit fortzuwälzen, um dem nachfolgenden Fußtritt Grünmantels zu entgehen. Dann richtete er sich auf, und ohne den geringsten Schmerzenslaut lief er weg. Die beiden andern folgten ihm.

Wenn ich nur nicht hier wäre und so eine Gemeinheit nicht ansehen müßte, dachte Christian. Auf einmal war ihm die schöne Reise verleidet, von dem guten Frühstück wollte er nichts mehr haben, und er schaute unglücklich auf Großer-Tiger, um zu erfahren, was der wohl dachte. Aber Großer-Tiger saß ganz still da, und erst als er merkte, daß Christian zornige Tränen in den Augen hatte, zwinkerte er ihm zu, und das hieß: „Bleib ruhig und tu, als ob nichts vorgefallen wäre.“ Das war sehr schwer für Christian. Er haßte Grünmantel, und er hätte ihn am liebsten furchtbar verprügelt oder ihm sonst etwas Schreckliches angetan, wenn es irgend möglich gewesen wäre. Doch es fiel ihm nichts ein als das übliche: Es gibt keine Hilfe.

„Hast du was gesagt?“ fragte Glück.

„Ich habe laut gedacht“, erwiderte Christian. Dabei wischte er sich die Tränen aus den Augen.

Grünmantel streifte Christian mit einem bösen Blick.

Von diesem Augenblick an war es eine ausgemachte Sache, daß die beiden sich feind waren.

Einige Minuten vergingen, keiner sagte etwas, und nur Grünmantel hob manchmal den Kopf, als ob er auf jemand warte. Schließlich wurde ihm die Zeit lang, er stand auf, stapfte herum und knurrte: „Keiner taugt mehr“ oder: „Man kann sich auf niemand verlassen.“

„Wen meint er damit?“ flüsterte Christian.

„Wahrscheinlich“, antwortete Großer-Tiger, „meint er den Jungen, den er geschlagen hat.“

Eine kleine Weile verging mit Warten, dann kamen die drei Bettelbuben wieder. Sie trugen eine dampfende Teekanne aus Messing.

„Bist du endlich da?“ sagte Grünmantel; „es hat lange gedauert!“ Dann kramte er eine Münze aus dem Geldbeutel und sagte: „Komm einmal her, ich muß dir noch dies und das sagen.“

Er nahm den Jungen beiseite und redete leise auf ihn ein. Der Junge nickte ein paarmal mit dem Kopf, und dann kam Grünmantel mit ihm zurück.

„Eßt, was übrig ist; es ist eine ganze Menge.“

41

Es war aber nur ein Stückchen Bohnenkäse in dem Korb geblieben, und Glück ging zum Wagen, holte für jeden ein Stück Brot und brachte Tassen für den Tee.

„Du fütterst diese drei Stück Lumpenpack über Gebühr“, bemerkte Grünmantel. „Sie werden dicke Bäuche kriegen, und man kann sie nicht mehr zum Betteln schicken.“

„Stimmt das?“ fragte Glück.

„Nein, Herr, wir betteln für uns selbst. Wir haben die Eltern verloren; der Krieg war bei uns.“

„Eßt“, sagte Glück; „wenn der Hahn zu Mittag ruft, ist der Bauch leer.“

Grünmantel trank hastig eine Tasse und sagte zu Glück:

„Ich habe zwei Augenblicke in der Stadt zu tun. Wenn du alles eingepackt hast, bin ich zurück.“

„Beeile dich“, erwiderte Glück, „du willst ja selbst, daß wir heute in Tsagan-Tscholo übernachten.“

„Freilich, freilich“, brummte Grünmantel, „du hast nicht nötig, mir Vorschriften zu machen.“

Er ging weg, und Glück schaute ihm verdrossen nach. Dann machte er sich am Motor zu schaffen.

Zehntes Kapitel
in dem wir erfahren, was Kleiner-Schneevogel weiß

Christian und Großer-Tiger sahen sich an, und keiner wußte, was er sagen sollte. Wären die drei fremden Jungen nicht dagewesen, hätte Christian gesagt: „Da stimmt etwas nicht“, und Großer-Tiger hätte genickt und geantwortet: „Es gibt keine Hilfe.“ So aber saßen sie auf ihren Pelzmänteln und schwiegen. Endlich fiel Christian etwas ein, und er sagte: „Ihr habt nichts zu essen, aber wir haben etwas zu essen.“

„Kwi-Schan hat recht“, rief Großer-Tiger erfreut.

Sie sprangen auf und liefen zum Wagen. Dann kamen beide wieder, und Großer-Tiger sagte: „Hier sind einige Nudeln. Die Schachtel ist zwar eingedrückt, aber wir bitten euch, damit vorliebzunehmen.“

Die drei armen Jungen hörten auf, Brot zu essen. Sie schauten die Schachtel an, in der die Nudeln für langes Leben waren, und sie schwiegen. Da stand der auf, den Grünmantel geschlagen hatte, verneigte sich artig und sagte:

„Wir sind elend, und wir können keine schönen Worte machen, denn wir sind vom Land. Ihr seid sehr gütig zu uns.“

Dann setzte er sich wieder, und Christian und Großer-Tiger setzten sich neben ihn.

42

„Ich heiße Kleiner-Schneevogel“, sagte er, „und diese sind meine Brüder. Unsere Heimat ist in Dschang-Be vor dem Nordtor. Dort standen fünf Hütten, und eine war unsere, aber jetzt sind alle verbrannt.“

„Wir sind aus Peking“, sagte Großer-Tiger, „und wir fahren nach Sinkiang.“

„Ich weiß es“, erwiderte Kleiner-Schneevogel, „Grünmantel hat es mir gesagt.“

„Kennst du ihn?“ fragte Christian.

„In unseren Hütten kannte ihn jeder. Er kam oft zu uns, wenn er im Dorf Weißer-Stein zu tun hatte. Bei uns gibt es nur wenig Ackerland, und nachher beginnt gleich die Steppe, in der die Mongolen sind. Grünmantel kauft von den Mongolen Felle und Wolle. Dafür gibt er ihnen Salz und Mehl, Tee und Stoffe. Er ist immer unterwegs, und er ist sehr reich. Seine Karawanen ziehen durch die Wüste bis nach Sinkiang, aber niemand hat ihn gern, weil er hart ist. Mein Vater schuldete ihm dreißig Silberstücke.“

„Hat er dich deshalb geschlagen?“

„O nein! Das tut er, weil er meint, daß ihm keiner widerstehen könne.“

„Der Gemeine mißbraucht seine Macht“, bemerkte Großer-Tiger weise.

„Da ist keine Hilfe“, bestätigte Christian.

„Doch“, sagte Kleiner-Schneevogel, „man kann ihn daran hindern. Wir müssen nur einig sein.“

„Wir sind einig!“ rief Christian. „Sage, was du zu sagen hast!“

Kleiner-Schneevogel blickte um sich, ob die Luft rein sei, dann sagte er leise:

„Ich vertraue euch, darum will ich reden. Ihr habt gesehen, daß Grünmantel allein mit mir sprach. ‚Hier hast du ein kleines Silberstück‘, sagte er, ‚du brachtest einen Topf mit heißem Wasser. Du sollst ein großes Stück Silber haben, wenn du herauskriegst, warum die beiden kleinen Lümmel‘ — damit meinte er euch — ‚nach Sinkiang fahren. Ich gehe jetzt für eine Viertelstunde weg, also hast du Zeit genug, herauszufinden, was ich wissen will. Sei schlau, mein Söhnchen, dann kriegst du ein großes Silberstück!‘“

„Warum will er das wissen?“ fragte Christian.

„Davon hat er nicht gesprochen.“

„Die Sache ist schwierig“, sagte Großer-Tiger; „wir reisen nach Sinkiang, weil der General Wu-Pei-Fu nicht wollte, daß wir bei der kämpfenden Truppe blieben. Da er uns aber zu helfen wünschte, fahren wir jetzt mit dem Lastwagen und später mit der sibirischen Eisenbahn, und so werden wir in vier Wochen daheim sein, wenn der Kampf vorüber ist.“

43

„Soll ich ihm das erzählen?“ fragte Kleiner-Schneevogel.

„Es ist die Wahrheit“, sagte Großer-Tiger, „aber die Wahrheit ist zu einfach für Leute wie Grünmantel. Er wird sie nicht glauben.“

„Wir müssen etwas erfinden“, meinte Kleiner-Schneevogel; „soll ich ihm vielleicht erzählen, daß ihr in Sinkiang eine Botschaft ausrichten müßt? Das wird ihm eingehen wie Mandelöl.“

„Wir haben keine Botschaft auszurichten“, rief Christian erschrocken.

Kleiner-Schneevogel stutzte, als er sah, welche Wirkung sein Vorschlag machte.

Dann sagte er ruhig: „In diesem Fall müssen wir etwas anderes ausdenken.“

„Wir müssen die Sache von sämtlichen Seiten betrachten“, sagte Christian. Und dann dachten alle sehr angestrengt nach. Die Sonne schien, und die Fliegen summten, und Glück ging mit einer Kanne Wasser an der schweigenden Gesellschaft vorbei zum Wagen.

„Ich hab's!“ sagte Großer-Tiger plötzlich. „Es gibt eine Erklärung, und Grünmantel wird sie begreifen.“

„Sprich!“ sagte Kleiner-Schneevogel.

„Der General Wu“, setzte ihm Großer-Tiger auseinander, „hat zu uns gesagt: ‚Dies ist das erste Automobil, das durch die Wüste Gobi fährt.‘ Also sagst du zu Grünmantel, der General sende diesen Wagen nach Ti-Hua-Fu, damit der Gouverneur Yang den Vorteil der Schnelligkeit erkenne. Eine Karawane braucht neunzig Tage für die Reise, ein Automobil braucht nur zehn Tage oder weniger. So wird der Gouverneur viele Automobile kaufen, und der Handel mit der Küste geht dann viel schneller als mit Kamelkarawanen. Wu-Pei-Fu wünscht einen aufblühenden Handel zwischen den Provinzen. Verstehst du das?“

„Ich verstehe alles“, sagte Kleiner-Schneevogel, „und Grünmantel wird es auch verstehen, denn er ist ein Handelsmann. Aber sage mir, was habt ihr damit zu tun?“

„Wir? … Nun, eben so …, weiter nichts“, sagte Christian.

„Du mußt ihm erzählen“, erklärte Großer-Tiger, „daß wir mitgenommen wurden, weil der Vater von Kwi-Schan ein großer Arzt ist, ein wertgeschätzter Freund des Generals.“

„Großen Dank. So ist es gut; ich werde mein Silberstück bekommen.“

„Wird Grünmantel es dir geben?“

„Er wird es mir nicht geben wollen, aber ich werde es trotzdem kriegen; mach dir deshalb keine Sorgen.“

„Von mir kriegst du auch eins“, sagte Christian.

„Du verschwendest dein Herz“, sagte Kleiner-Schneevogel. Er hatte noch etwas auf dem Herzen: „Wenn ihr nach Dschang-Be kommt“, sagte er, „erkundigt euch bitte, wo unsere Eltern begraben sind, damit 44wir ihnen die schuldige Ehrfurcht erweisen. Bitte gebt uns durch eine Karawane Nachricht.“

„Wir werden es nicht vergessen“, sagte Christian; und Großer-Tiger fragte:

„Sind deine ehrenwerten Eltern wirklich abgeschieden?“

„Es sind Leute gekommen“, gab Kleiner-Schneevogel zu, „die sagen, sie leben noch; aber ich glaube es nicht, denn ich habe ihren Todesschrei gehört, und ich habe unsere Hütte brennen sehen.“

Tüt-tüt-tüt-tüt, machte Glück mit der Hupe, und es war sonderbar, wie schnell Grünmantel daraufhin zur Stelle war. Er mußte ganz in der Nähe zu tun gehabt haben. Kleiner-Schneevogel ging ihm entgegen und sprach einige Worte, wobei er sich in geziemender Entfernung hielt.

„Freches Stück!“ schrie Grünmantel, und es sah ganz so aus, als wolle er Kleiner-Schneevogel wieder schlagen. Er trat auch einen Schritt vor, aber Kleiner-Schneevogel wich rasch zurück. Da griff Grünmantel in seinen Gürtel und warf ihm ein Geldstück zu, worauf Kleiner-Schneevogel eine ganze Weile redete und Grünmantel zuhörte. Er fragte auch einiges, und er hätte noch mehr gefragt, wenn Glück nicht in einem fort getutet hätte.

„Du hast es mächtig eilig“, sagte Grünmantel.

„Wir müssen zu guter Stunde auf dem Berg sein“, erwiderte Glück trocken.

„Schon recht, aber so …, ich meine, eine Minute oder zwei …“

Doch da setzte sich der Wagen in Bewegung, und Christian und Großer-Tiger winkten Kleiner-Schneevogel und seinen Brüdern. Die drei standen auf dem Platz in der Sonne, der jüngste trug die Schachtel mit den Nudeln unter dem Arm, und alle riefen: „Wir wünschen Bequemlichkeit und gute Reise!“

Elftes Kapitel
von dem Wirtshaus „Zu den zwei silbernen Schüsselchen“
und von dem Wirt, der ein Rotbart war

Die Hauptstraße von Kalgan war breit, und es gab eine Menge Geschäftshäuser darin mit großen vergoldeten Aufschriften. Viele Leute waren unterwegs, und wenn nicht die Hälfte Soldaten gewesen wären, hätte kein Mensch gedacht, daß vor kaum acht Tagen in der gleichen Straße mit Maschinengewehren geschossen worden war. Jetzt saßen Kinder an den Straßenecken und spielten, der Scherenschleifer blies auf der langen Trompete, der Barbier schlug seine Stimmgabel, ein Stoffhändler rief laut: „Zehn Cents der Fuß! nur zehn Cents! oder auch ein 45bißchen mehr!“, und dazwischen tönten die Glocken einer heimkehrenden Kamelkarawane.

Glück mußte ganz langsam fahren. Einmal mußte er sogar anhalten, weil ein Esel scheu geworden war und seinen Reiter abwerfen wollte.

„Du da!“ schrie Glück und beugte sich zum Fenster hinaus, „weißt du nicht, was ein Automobil ist?“

„Ich schon“, antwortete der Mann. „Aber mein Esel weiß es nicht. Sei so gut und lehre ihn die Verschiedenheit.“

„Schlingel!“ rief Glück, „ich werde es ihm beibringen!“, und er tutete so laut, daß den Esel ein großes Entsetzen packte und er mitsamt dem Reiter davongaloppierte.

Glück lachte; aber als das Stadttor in Sicht kam, war die Zollschranke heruntergelassen, und Glück mußte von neuem halten. Er schimpfte, und der Zollwächter schimpfte zurück.

„Du wagst es, einen Militärwagen anzuhalten!“ schrie Glück; „du solltest zittern!“

Der Zollwächter grinste. „Ich wage es“, sagte er, „und ich zittre nicht.“

„Ich werde dir die Knochen zerbrechen!“

„Schrei nicht so laut! Du hast was zu verzollen. Vorhin war ein Mann da mit einem Esel, der hat es mir gesagt.“

„Er lügt!“ schrie Glück; „sein Vater und seine Mutter sind Lügner, und seine Großmutter lügt auch! Weil du ihm aber mehr glaubst als mir, werde ich dir eine Kugel in den Bauch schießen.“

Bei diesen Worten zog Glück die Pistole aus der Pistolentasche. Am Kolben glänzte ein Messingring, und an dem Ring baumelte eine rote Quaste aus gezwirnten Seidenfäden. Das sah prächtig aus.

Als der Zollwächter die Pistole mit der roten Troddel sah, machte er flugs die Schranke auf.

„Böser Mensch!“ rief er dem davonfahrenden Glück nach, „mögen dir die Speichen von den Rädern fallen, du böser Mensch mit bösen Vorfahren!“

Außerhalb des Stadttores standen nur wenige schlechte Lehmhütten. Ein breites Flußbett, in dem es viele Steine und einen schmalen Wasserlauf gab, kam aus einem Seitental, in das Glück den Wagen lenkte.

Christian holte die Karte Südliches-Blatt aus der Ledermappe und versuchte, sich zu orientieren.

„Jetzt sind wir da“, sagte er zu Großer-Tiger und zeigte mit dem Finger in die Gegend von Kalgan; und eine Weile später sagte er: „Jetzt sind wir da.“ Aber ganz sicher war er nicht.

„Wie heißt der nächste Ort?“ wollte Großer-Tiger wissen.

46

Diese Frage kam Christian unerwartet. „Ich muß durch das Vergrößerungsglas schauen“, sagte er.

Nun kam es darauf an, daß Christian, wie man in China sagt, nicht das Gesicht verlor. Auch kleine Jungen haben ein Gesicht, auf das sie achtgeben müssen, damit es nicht durch eine Großsprecherei verdunkelt wird oder ganz verlorengeht.

„Der Wagen schaukelt so, ich kann schlecht lesen“, bemerkte Christian kleinlaut.

„Das kommt“, setzte ihm Großer-Tiger auseinander, „davon, weil wir über Steine und Baumwurzeln fahren.“

Christian sah von der Karte Südliches-Blatt auf, und er erblickte eine Menge dicker Baumstämme mit mächtigen Kronen.

„Schwarzpappeln“, erklärte Großer-Tiger.

Kaum hatte Großer-Tiger „Schwarzpappeln“ gesagt, als Christian ein hilfreicher Gedanke kam. Es fiel ihm nämlich ein, daß es in China nur wenig Wald gibt und in den nördlichen Provinzen so gut wie gar keinen. War es da nicht fast sicher, daß ein solcher Haufen Schwarzpappeln, der beinahe die Bezeichnung Wald verdiente, in dem Südlichen-Blatt eingezeichnet war? Und Christian fand ihn. Gleich im Norden von Kalgan war er. Da war auch der Weg, und hinter den Kreisen, die Wald bedeuteten, war eine Siedlung mit vier oder fünf Häusern angegeben. Ein Name stand dabei.

„Der nächste Ort heißt: ‚Heim in den Felsen‘“, berichtete Christian. „Sobald die Bäume aufhören, werden wir die Häuser sehen.“

„Das, was du da hast“, sagte Großer-Tiger anerkennend, „ist ein gutes Landbild. Es ist nützlich, daß man vorher lesen kann, wohin man nachher gelangt.“

Er sagte noch mehr bewundernde Worte, als der Wald aufhörte und man die Gehöfte von „Heim in den Felsen“ sah. Sie lagen rechts von der Fahrstraße am Berghang, und jedes war mit einer Mauer umgeben. Die großen Tore aus rohbehauenen Bohlen waren geschlossen.

„Das ist wegen Räubern und schlechten Menschen“, erklärte Großer-Tiger.

„Gibt es hier wirklich welche?“ fragte Christian.

„Vielleicht steht es auf dem Geländebild“, meinte Großer-Tiger. „Schau einmal nach.“

„Von Räubern steht nichts geschrieben. Man sieht nur, daß der Weg jetzt hin und her geht, und dann kommt ein Dorf, das heißt Seestadt.“

„Und vorher kommt man nirgends hin?“

„Man gelangt unterwegs an ein Haus, das heißt Silberhaus. Es liegt dort, wo der Weg anfängt, sich wie eine Schlange zu ringeln.“

„Dein Land-Bild ist außerordentlich nutzbringend“, bestätigte Großer-Tiger 47noch einmal. „Am Ende ist Silberhaus ein Räuberhaus, und man weiß es nur nicht.“

Der Wagen holperte über große Steine und über Geröll, die Fässer schlugen aneinander; Großer-Tiger und Christian wurden in die Höhe gehoben und fielen hart zurück.

„Au!“ sagte Christian.

„Au!“ sagte Großer-Tiger.

Dann waren sie auf dem andern Ufer des Flusses angelangt. Das Tal wurde enger, kleine Inseln mit Gesträuch lagen im Flußbett, aber die Berge ringsum waren höher geworden. Über die Felsgrate zogen weiße Wolken, und in den Wolken schwebte ein Adler, und dann sah man auch schon das Ende des Tales. Gar nicht weit weg erhob sich eine schroff abfallende Felswand, auf die der Weg schnurstracks zulief.

Man hörte das ferne Getöse eines Wasserfalls.

Die Berge rückten immer mehr zusammen, dadurch wurde das Rauschen stärker, und der Wagen fuhr auf einem aufgeschütteten Steindamm hoch über dem Flußbett der dunklen Wand entgegen.

„Silberhaus!“ sagte Christian, auf eine Schenke am Wegrand zeigend.

Im selben Augenblick hielt Glück den Wagen an. Wie immer begann er schrecklich zu tuten, und das Geplärr der Hupe tönte im Widerstreit mit dem Wasserfall von allen Bergen wider.

Darauf erschien der Wirt des Gasthauses „Zu den zwei silbernen Schüsselchen“ unter der Tür, und Glück rief: „Geschwind, geschwind, bring Tee!“

„Wie Eure Exzellenz befehlen“, rief der Wirt zurück. Er machte eine sehr schöne Verbeugung, weil er die Uniform sah, und dann verschwand er schleunigst in seinem Bau.

Alle stiegen aus. Grünmantel setzte sich mit griesgrämigem Gesicht auf ein niedriges Mäuerchen neben der Straße.

„Du hattest es doch eilig“, sagte er zu Glück, „warum hältst du hier?“

„Ich sehe, du bist kein Autofahrer“, erwiderte Glück und öffnete die dampfende Motorhaube. „Hier beginnt das steilste Stück Weg unserer Reise. Da muß ich richtig machen, was ich richtig machen kann. Der Motor muß auskühlen. Ich fülle frisches Wasser nach, und du mußt mit den Füßen vorausgehen.“

„Schon recht“, brummte Grünmantel, „ich gehe schon.“

„Wir werden auch vorausgehen“, sagte Christian.

„Wir werden die wirren Mannigfaltigkeiten der Straße beachten“, sagte Großer-Tiger.

„Nein“, bestimmte Glück, „ihr müßt hinterdreingehen.“

Jetzt kam der Wirt mit dem dampfenden Teekessel, machte Bücklinge nach allen Seiten und …

48

„Oh, Herr Glück!“ rief er, „oh, Exzellenz, ich bitte um Vergebung für meine alten Augen. Einen recht guten Tag auch den jungen Herrn. Ich bitte, die Erhabenheit der Gegend zu genießen. Große Dichter, bitte sehr, die bei mir einkehrten, schrieben unsterbliche Worte an die Wand meines Gastzimmers: ‚Der Wasserfall rollt wie Donner über die Berge‘, oder: ‚Seine Schleier schweben über dem Talgrund.‘ Bitte sehr, was für hohe, verdienstvolle Worte! Trinken Sie Tee, Exzellenz, das hält Schaden fern und schafft Wohlbefinden.“

„Sei still!“ knurrte Grünmantel und hob den Kopf.

„Ach!“ rief der Wirt, „welche Freude! Seine Herrlichkeit, der Herr Grünmantel ist ebenfalls abgestiegen! Ich bitte zu befehlen, ehrwürdiger Herr. Der Tee ist heiß und ausgezeichnet; ein besonderes Stück Tee, bitte sehr, ein Glückstee sozusagen mit Akazienblüten.“

„Scher dich fort!“ sagte Grünmantel.

„Alter Hung-Hu-Tse“, brummte Grünmantel, und Christian wunderte sich wieder über das Wort. Nach der zweiten Tasse Tee verschwand Grünmantel in der Tür der Schenke.

„Jetzt sind“, sagte Glück grinsend, „zwei alte Hung-Hu-Tse beisammen.“

Christian faßte sich ein Herz. „Ich bitte um Vergebung meiner Unwissenheit“, sagte er, „Hung-Hu-Tse heißt Rotbart, aber von den beiden Herrn hat keiner einen roten Bart.“

„Du meine Güte!“ rief Glück belustigt, „das ist kaum zu glauben. Du weißt doch sonst alles!“

Christian merkte, wie er rot wurde. „Eben dieses weiß ich nicht.“

„Gut“, sagte Glück, „ich will es dir erklären. Diese zwei schätzbaren Herren waren nicht immer Herren. Es gibt Leute, die behaupten, sie seien früher einmal Rotbärte gewesen. Man weiß es aber nicht genau, weil man nicht darüber spricht, denn ein Rotbart ist einer, der in die Berge ging.“

„Aha!“ sagte Christian, „so ist das? — ein Rotbart ist ein Straßenräuber!“

„Sch! Sch!“ machte Glück, „das habe ich nicht gesagt.“

„Warum nennt da Herr Grünmantel andere Leute Rotbärte, wenn er selbst einmal …“

„Sch!“ machte Glück, „es ist nicht sicher.“

„Aber es ist unhöflich, einen andern Hung-Hu-Tse zu nennen.“

„Das tut er“, sagte Glück, „damit niemand auf den trefflichen Gedanken kommt, er selbst könne einer gewesen sein.“

„Wir müssen die Möglichkeiten ausnützen“, flüsterte Großer-Tiger; und dann gingen beide artig zu Glück und baten um das Vergnügen, für ihn eine Kanne Wasser holen zu dürfen.

49

Großer-Tiger nahm die Kanne, und sie stiegen die Stufen empor. Sie gingen durch den Garten und traten durch die halb offenstehende Tür in die Schenke. Ein rußgeschwärzter Raum mit einer Feuerstelle, über der an Ketten ein Kessel hing, war das Gastzimmer, wo große Dichter, wie der Wirt behauptete, erhabene Gedanken kriegten. Aus dem Nebenzimmer hörte man gedämpft die Stimme Grünmantels.

„Was verlockt dich Trottel, so zu tun, als wären wir alte Bekannte?“

„Wir sind es doch“, verteidigte sich der Wirt; „alte Freundschaft soll man nicht brechen.“

„Ich werde dir den Hals brechen!“ schrie Grünmantel. „Unvorsichtiger! Du trittst dem Tiger auf den Schwanz!“

„Vergebung, Herr Grünmantel! Ich meinte nur, bitte sehr, ich dachte nur ein klein bißchen an frühere Zeiten.“

„Fängst du schon wieder an? Es ist besser, du denkst nicht. Ist die Straße in Ordnung?“

„Sie ist in der vorzüglichsten Ebenmäßigkeit.“

„Unterstehe dich, Wasser darüberlaufen zu lassen!“

„Wie könnte ich so etwas auch nur träumen? Pst! … Bitte sehr, es muß jemand im Gastzimmer sein. Vergebung, ich muß mal eben nachsehen.“

Großer-Tiger hatte die leere Kanne unbedacht auf den Boden gestellt. Christian war mit dem Fuß dagegengestoßen, und nun erschraken beide. Rasch machten sie zwei Schritte rückwärts und standen, als wären sie eben gekommen, im Türrahmen, als der Wirt aus dem Nebenzimmer kam.

„Oh, die beiden jungen Fürsten“, rief er lächelnd, „bemühen sich in meine kalte Hütte, um die Weisheit der Dichter zu verehren!“

„Wir möchten diese Kanne mit Wasser füllen“, sagte Großer-Tiger; „gibt es einen Brunnen hier?“

„Es gibt einen abgründigen Brunnen gleich hinter dem Haus. Darf ich die befehlenden jungen Herren führen? — Nein, nicht hier! Um das Haus herum, bitte sehr.“

Der Wirt ging voran. Hinter dem Haus gab es Stallungen mit Pferden und eine dichte Bambushecke, wo ein Hund schrecklich zu bellen begann.

„Ein mächtiges Stück Hund“, bemerkte der Wirt, „ein Schrecken der Räuber, bitte sehr.“

„Gibt es hier welche?“ fragte Christian schon zum drittenmal an diesem Tag.

„Haufenweise, bitte sehr! Die meisten Herren Soldaten zum Beispiel sind Räuber, das heißt, ich bitte um Vergebung, die Exzellenz des Herrn Glück ist selbstverständlich ausgenommen. An ihm ist keine Spur von 50einem Rotbart, nicht einmal ein Stäubchen. Hier ist der Brunnen, bitte sehr; ich werde den Korb hinunterlassen.“

„Wir haben eine Kanne“, sagte Großer-Tiger.

„Der Himmel bewahre mich vor Leichtsinn“, rief der Wirt, „wie könnte ich ein wertvolles Stück Kanne diesem alten Strick anvertrauen! Nein, wir ziehen lieber zwei Körbe voll Wasser, und die Kanne wird nicht zerkratzt. Bitte sehr! Schon ist der erste Korb unten.“

Man hörte das Aufplatschen des Weidenkorbs im Brunnenschacht.

„Schnell herauf!“ rief der Wirt, „damit sich das Gute zeige. Bitte sehr, das ist die Sprache der Dichter.“

Während er so schwatzte, zog er eifrig am Seil. Das Seil lief über eine Holzrolle, die Rolle drehte sich, und der Korb erschien. Nur wenig Wasser tropfte durch das enge Geflecht. Großer-Tiger zog den Korb herbei und leerte ihn in die Kanne.

„Der halbe Segen ist nicht der ganze“, sprach der Wirt und ließ das Seil von neuem ablaufen, „der vorläufigen Mehrung folgt die Vollendung.“

„Wir danken“, sagte Großer-Tiger, als die Kanne voll war.

„Wozu die Eile?“ fragte der Wirt, „wohin reisen meine jüngeren Brüder?“

„Wir fahren nach Sinkiang.“

„Nicht für einen Wagen voll Teufel würde ich …, Verzeihung; ich meine nur, dieses ist ein schlechter Reisetag. Ich habe heute mit keinem Gast gerechnet. Aber das ist die neue Zeit. Niemand achtet mehr den Kalender.“

„Doch“, sagte Großer-Tiger, „wir haben gelesen, daß heute die Speichen von den Rädern fallen.“

„Oh, ich wußte es ja“, rief der Wirt freudestrahlend, „die jungen Herren sind Gelehrte! Gewiß; die Speichen werden von den Rädern fallen; ganz gewiß werden sie das tun, bitte sehr; es muß ja nicht gleich sein, und die Speichen brauchen es auch nicht zu sein. Man muß das nicht so wörtlich nehmen. Es gibt nämlich eine Menge Unglück von der allerbesten Sorte: es gibt Schneesturm, es gibt Hitze, es gibt Sandsturm, es gibt Überschwemmung, es gibt Donner, Blitz, und es gibt noch viel mehr. Bitte sehr, und es gibt auch Räuber.“

„Wir haben noch keinen gesehen“, sagte Christian.

„Das“, sprach der Wirt mit bedenklicher Miene, „kann man nie wissen. Man sieht es dem Menschen nicht an der Nasenspitze an, ob er einer ist. Die ehrbaren Rotbärte gehen jetzt nach Hause, um das Feld zu bestellen. Die großen Gauner, die entlaufenen Herren Soldaten, gehen aber nicht nach Hause. Sie verursachen Unheil auf allen Wegen. Das muß nicht heute sein, wie gesagt, das kann morgen oder übermorgen sein. Ich jedenfalls wünsche Wohlergehen und gedeihliche Geschäfte.“

51

„Wir haben keine Geschäfte“, sagte Christian.

Der Wirt lachte, als ob er sagen wollte: Mir braucht ihr das nicht weiszumachen.

„Entschuldigung“, sagte Großer-Tiger, „wir müssen gehen. Der Herr Glück wartet.“

Während der Wirt vorausging, versuchte er noch einmal die Rede auf Geschäfte zu bringen, aber Großer-Tiger sagte:

„Wir sind unerfahren in jeder Art von Geschäft.“

„Wir sind jung und unwissend“, bekräftigte Christian.

Da blieb der Wirt stehen, und es war leicht, zu sehen, daß er ärgerlich war, obgleich er lachte und von Segenswünschen überfloß. Schließlich ging er ins Haus zurück.

„Ein alter Schwätzer das“, sagte Glück, als ihm Großer-Tiger die Kanne reichte; „was hat er gesagt?“

„Er meinte, es sei nicht gut, an einem solchen Tag zu reisen, wie wir es tun.“

„Das weiß ich auch. Hast du im Kalender gelesen?“

„Ich habe im Kalender gelesen, befehlender Herr.“

„Was denkst du darüber?“ fragte Glück.

„Ich denke, daß es bald Abend sein wird und daß bis jetzt nichts passiert ist.“

„Recht so! Es wird auch nichts passieren. Wenn aber etwas geschieht, werde ich dem schwatzhaften Burschen ein Loch in den Körper schießen.“

„Tut das bitte nicht“, sagte Christian, „er kann nichts dafür, wenn uns Unheil begegnet.“

„Das verstehst du nicht“, erwiderte Glück. Er schloß die Motorhaube und reinigte die Hände mit einem Lappen. „Ich kenne diesen Halunken so gut, wie ich diese Gegend kenne. Er hat nicht nur eine Schenke, er hat auch einen Stall mit Pferden.“

„Wir haben den Stall gesehen“, bestätigte Großer-Tiger.

„Und einen Hund hat er auch“, sagte Christian.

„Die Pferde“, fuhr Glück fort, „vermietet er an Fuhrleute, die Vorspann brauchen, damit sie die Paßhöhe erreichen. Wenn ein Fuhrmann keine Pferde haben will, geschieht etwas. Seht ihr den kleinen Tempel da oben?“

„Wir sehen ihn.“

„Dort sitzt ein Hütebube, der auf die Schafe des Wirts obachtgeben muß. Sobald ihm der Wirt ein Zeichen macht, muß der Junge an einer kleinen Vorrichtung ziehen. Dann läuft ein Teil des Wassers nicht zum Wasserfall. Es läuft über die Paßstraße, der Wagen des Fuhrmanns bleibt stecken, und der Fuhrmann muß Vorspann nehmen zum doppelten 52Preis. Wenn es spät ist, muß er noch übernachten, und das kostet viel. Obendrein wird ihm ein bißchen was gestohlen, und niemand kann das Gestohlene wieder finden, weil es längst im Hundestall ist, wohin sich keine lebende Seele traut. Ich sage euch, dieser Mensch mit den vielen Worten ist wie zehn Mann Spitzbuben.“ Damit stieg Glück ins Führerhaus, und obgleich er Grünmantel kommen sah, begann er zu hupen, und Grünmantel, obgleich er Glück hupen hörte, beeilte sich nicht. Gravitätisch ging er an dem Lastwagen vorbei, der langsam anrollte.

Zwölftes Kapitel
in dem es schrecklich hergeht

Überall in der Welt gibt es schwierige Bergstraßen, aber die meisten sind für Automobile hergerichtet. Die Straße beim Haus „Zu den zwei silbernen Schüsselchen“ hatte nie ein Automobil gesehen. Zwei tiefe Gleise in der Spurweite chinesischer Karren führten durch das Kiesgeröll des Flußbetts. Als Glück darüberfuhr, zeigte es sich, daß er besser schnell gefahren wäre. Die Reifen drückten den Kies beiseite, die Steine flogen nach rechts und nach links; sie knallten gegen das Schutzblech, und die Räder drehten sich hilflos um die Achsen; aber vorwärts ging es nicht. Glück hatte diesen Fall vorausgesehen, darum hatte er vier starke Bretter, zwei Schaufeln und sogar eine Spitzhacke mit auf die Reise genommen. Sie wurden abgeladen, und Christian und Großer-Tiger halfen den Kies beiseiteschaufeln, bis Glück die Bretter unter die Räder schieben konnte.

„Dieser Wagen ist ohne Kraft“, sagte Grünmantel, der daneben stand, die Daumen drehte und gelegentlich ausspuckte, um sein Mißfallen zu zeigen.

„Dieser Wagen ist gut“, entgegnete Glück, „aber die Straße ist schlecht. Rufe den Wirt. Ihr beide müßt hinten anschieben, sobald ich losfahre, damit die Räder auf die Bohlen kommen.“

„Ich bin schon da, bitte sehr“, rief der Wirt. „An einem solchen Tag wie heute ist es verkehrt, nichtstuend seine Freunde sich selbst zu überlassen. Wer Freunde hat, ist nicht verloren, und das Unscheinbaren Kraft bewegt die Welt.“

„Schweig!“ rief Glück halb zornig, halb lachend, „sonst stehen wir noch da, wenn der Mond scheint.“

„Oh, der Herr Glück meint das Bild des Auftretens: Oben der Himmel, unten der See, und darüber die silbernen Füße des Mondes.“

„Du sollst den Mund halten und hinten anschieben!“ rief Glück. Er saß bereits auf seinem Platz hinter dem Steuer.

53

„Gehen führt in Hemmnisse, bitte sehr, aber das Heil ist nahe!“ schrie der Wirt.

„Es geht los!“ rief Glück, „lai, lai, lai — komm, komm, komm, du bitte komm!“ Er gab Gas, die Räder faßten die Bretter, und der Wagen kam in Bewegung. Ein paarmal noch mußten die Bretter vorgelegt werden, dann war das Flußbett überwunden, und die steinige Bergstraße begann. Glücklicherweise war sie breit genug, und es gab wenige Stellen, an denen der Abgrund nahe war.

„Wenn Seine Exzellenz erlaubt“, sagte der Wirt, „werde ich vorausgehen.“

„Geh immer voraus“, sagte Glück, „du kennst dich hier aus, alter Rotbart.“

„Der Herr Glück belieben zu scherzen.“

„Ich beliebe mit der Pistole zu scherzen, wenn es schiefgeht.“

„Oh, bitte sehr“, rief der Wirt erschrocken, „es wird nicht schiefgehen, und es wird nicht krummgehen.“

Er beeilte sich und stand schon an der ersten Serpentine. Christian und Großer-Tiger kamen hinterdrein. Jeder trug einen schweren hölzernen Hemmschuh, den ihnen Glück gegeben hatte mit der Anweisung, ihn unter die Hinterräder zu schieben, falls der Wagen nach rückwärts rolle.

„Fördernd ist der Südwesten“, rief der Wirt, „noch etwas mehr, bitte sehr! — So, und jetzt … Halt! So geht es nicht. Die Felsen gehen nicht aus dem Weg, etwas zurück und nach Osten!“

„Du sollst links und rechts sagen!“ schrie Glück.

„Seine Exzellenz mäßige Ihren Zorn. Mit rechts und links kenne ich mich nicht aus.“

„Dann zeige mit den Händen!“

„Mit den Händen kann ich nicht zeigen“, behauptete der Wirt, „es könnte hierherum Leute geben, die meinten, ich mache Zeichen.“

„Ich will nicht hoffen, daß es solche Leute gibt“, sagte Glück drohend.

„O weh und o je“, jammerte der Wirt, „da ist keine Hilfe. Vielleicht kann einer der jungen Herrn vorausgehen. Oben bei dem kleinen Tempel sitzt ein Hütebube, der auf meine Schafe achtgibt. Man muß ihm sagen, daß er sich nicht von der Stelle rührt, der kleine Halunke. Sonst könnte er meinen … Bitte sehr, solche Hütebuben meinen oft etwas.“

„Vielleicht“, sagte Glück, „könnte er meinen, du seist noch der alte Spitzbube. Los, Großer-Tiger, lauf hinauf!“

„Darf Kompaß-Berg mit mir kommen?“ fragte Großer-Tiger.

„Ihr müßt wohl immer beisammen sein? Meinetwegen, geht beide. Grünmantel soll die Hemmschuhe nehmen. Aber jetzt lauft!“

Die Straße wand sich in viermaliger Wiederkehr zum Wasserfall hinauf. 54Als sie oben anlangten und in das baumlose Tal blickten, wo sich die Höhenzüge wie Falten eines Gewands in schattige Tiefen auflösten, erinnerte sich Christian plötzlich an seine Schulstunde.

„So sieht es auf dem Mond aus“, sagte er.

Großer-Tiger wunderte sich; aber da keine Zeit zu fragen war, sagte er nichts. Er schaute sich nach dem Hütebuben um, und als er den Tempel am Hang liegen sah, begann er das letzte Stück Weg zu laufen.

Auf der obersten Stufe des Tempelchens lehnte an einer der beiden Holzsäulen, die das vorspringende Dach trugen, ein großer Junge. Er hatte Pelzhosen an und einen offenen Kittel aus Schaffell. Der Oberkörper darunter war nackt, und man sah, daß der Junge kräftig war und daß er um einiges älter sein mochte als Großer-Tiger und Christian. In der einen Hand hielt er einen ansehnlichen Stock, mit der andern beschattete er die Augen. Ein kurzer schwarzglänzender Zopf hing ihm im Nacken.

Der Junge blickte nicht auf Großer-Tiger und nicht auf Christian. Er schaute den Steilhang hinab, wo man den Lastwagen noch immer vor der ersten Serpentine halten sah.

Zwanzig Schritte voraus im Innern der Straßenbiegung stand der Wirt mit offenem Mund und schaute nach oben. Grünmantel war nicht zu sehen.

„Hallo!“ rief Christian, so laut er konnte.

„Wir sind da!“ rief Großer-Tiger.

Gleich darauf begann der Motor zu brummen, man hörte das Geschrei des Wirts, und Steinschlag polterte zu Tal.

„Was habt ihr zu rufen?“ fragte der Hütebube barsch.

„Wir sind gekommen“, begann Großer-Tiger, „um dir zu sagen, du sollst dich nicht von der Stelle rühren.“

Der Hütejunge blickte höhnisch auf Großer-Tiger. „Bist du der Herr Provinzamtmann?“ fragte er. „Geh fort, du verfinsterst mir die Aussicht!“

Er schob Großer-Tiger beiseite und machte Miene, ihn die Stufen hinabzustoßen. Bei alledem blieb sein Blick starr nach unten gerichtet, wo der Wirt den Wagen mit Hand- und Armbewegungen einmal nach links dirigierte und dann wieder nach rechts, bald zum Weiterfahren veranlaßte oder zum Halten brachte.

„Du sollst dich nicht um den Wagen kümmern“, sagte Großer-Tiger.

Der Junge hörte nicht darauf, er grinste nur und faßte seinen Stock fester. Plötzlich fuhr er zusammen.

„Das Zeichen!“ murmelte er, „das Zeichen!“

Wie der Blitz wandte er sich um, riß sich den Fellkittel vom Leib und stieß Großer-Tiger, der ihm in den Weg treten wollte, vor die Brust, 55daß er nach rückwärts in die dunkle Nische fiel und mit dem Kopf gegen den Altar des Tempels schlug.

Mit zwei Sätzen sprang der Junge die Stufen des Tempels hinunter, wo Christian stand.

Das alles ging so geschwind, und der Junge hob den Stock so rasch, um Christian zu schlagen, daß er ihm auch richtig einen tüchtigen Hieb versetzte. Doch im selben Augenblick stürzte er der Länge nach auf die Backsteinfliesen, denn Christian hatte ihm flink ein Bein gestellt. Der Stock fiel ihm aus der Hand. Christian stieß ihn mit dem Fuß weg und warf sich auf den am Boden Liegenden. Der schlug mit Armen und Beinen um sich, fauchte wie eine Katze und versuchte zu beißen. Vor allem wollte er sich umdrehen, um Christian unter sich zu kriegen. Aber Christian kniete ihm auf die Schultern, krallte sich mit beiden Händen in den Zopf fest und drückte so das Gesicht des andern auf die Fliesen.

Der Hütejunge bebte vor Zorn. Alle Glieder taten ihm weh von dem Sturz, die Knie waren aufgeschürft und bluteten, die Adern pochten. Mit einer letzten Anstrengung riß er die Ellbogen an sich und warf, plötzlich emporschnellend, Christian über Schultern und Kopf vor sich auf den Boden.

Nicht loslassen! Nicht loslassen! dachte Christian verzweifelt, aber es half nichts.

Der große Junge hatte jetzt die Hände frei, mit denen er dem vor ihm liegenden Christian ins Gesicht fuhr. Christian mußte den Zopf loslassen, um sich zu wehren, doch schon war der andere über ihm und grub ihm mit wildem Triumph die Fingernägel in die Kopfhaut. Christian schrie.

Da flog ein Schatten über die Kämpfenden, etwas sauste durch die Luft, und dann schlug der Stock des Hirtenbuben ihm selbst auf den Kopf.

Da lag er nun.

Neben ihm stand schnaufend Großer-Tiger mit dem Stecken, und Christian richtete sich mühsam auf. Alle drei waren übel zugerichtet mit Rissen in der Haut, aus denen Blut tropfte, mit Kratz- und Bißwunden und mit ausgerauften Haarbüscheln. Großer-Tiger hatte eine dicke Beule an der Stirn.

„Hast du ihn ganz totgemacht?“ erkundigte sich Christian besorgt.

„Ich weiß es nicht genau; ein Stück Seele wird noch da sein.“

„Dann wollen wir ihm schnell die Füße fesseln, sonst springt er fort und zieht an der Vorrichtung, die das Wasser ableitet.“

„Hast du einen Strick?“

„Ich habe keinen. Der Drache hat alle Schnur mitgenommen.“

„Aber er“, rief Großer-Tiger, „hat einen Lederriemen um den Bauch.“

„Das ist unfair“, sagte Christian.

56

„Was ist das?“ fragte Großer-Tiger.

„Etwas“, erklärte Christian, „was man eigentlich nicht tun darf, ist unfair.“

„Wir müssen es aber tun“, entschied Großer-Tiger, „sonst schlägt er uns mit dem Knüppel tot. Er ist stärker als wir beide, und er ist wild wie zehn Wölfe.“

Ohne einen weiteren Einwand abzuwarten, machte sich Großer-Tiger über den Hirtenbuben her, nahm ihm den Leibriemen, und Christian ließ die Bedenken über fair und unfair fallen. Miteinander banden sie die Füße ihres bösen Gegners zusammen.

Sie waren kaum fertig damit, als der Junge zu sich kam. Er blickte wild um sich und wollte sofort aufspringen. Da warfen sich Großer-Tiger und Christian auf ihn und rangen ihn mit vereinten Kräften nieder; und jeder setzte sich auf einen Arm des Besiegten.

„Ihr seid zehnmal zehn Feiglinge!“ schrie der Junge. „Laßt mich los, damit ich euch zu Brei zerstampfe!“

„Wir werden uns hüten, dich wieder loszulassen“, sagte Christian.

„Wir würden sehr bedauern, dich totschlagen zu müssen“, versicherte Großer-Tiger; „bleib lieber liegen, so ersparst du uns viele Arbeit.“

„Ihr redet großtönende Worte“, sagte der Junge, „und ihr solltet euch schämen! Ich werde nicht mehr mit euch sprechen.“

Er schloß die Augen zum Zeichen, daß er es nicht der Mühe wert halte, Christian und Großer-Tiger länger anzusehen.

Großer-Tiger sagte: „Du wirst bald wieder reden. Der Wirt ‚Zu den zwei silbernen Schüsselchen‘ wird kommen, und er wird dich fragen, warum du seinen Befehl mißachtest, und auch Grünmantel wird sehr zornig sein. Vielleicht kennst du ihn.“

„Was sagst du da?“ schrie der Junge und schlug die Augen schnell wieder auf. „Grünmantel ist da?“

„Er ist sehr nahe“, versicherte Christian.

„Er ist sehr übler Laune“, bemerkte Großer-Tiger.

„Das ist mir gleich“, rief der Junge hastig; „es gibt Schlimmeres; bitte laßt mich los!“

„Kann nicht geschehen“, sagte Großer-Tiger.

Jetzt verlegte sich der Hirtenjunge aufs Bitten. „Ich werde Frieden mit euch halten, bitte laßt mich gehen. Ich muß augenblicklich fort, ich habe etwas Wichtiges zu tun.“

„Wir wissen, was du tun willst“, sagte Großer-Tiger.

„Du willst das Wasser über die Straße leiten“, sagte Christian.

„Nein!“ rief der Junge, und man sah, daß er mit den Tränen kämpfte; „ich muß woandershin. Laßt mich gehen, wenn ihr von Schuld frei bleiben wollt.“

57

„Du mußt uns sagen, was du vorhast“, bestimmte Großer-Tiger.

„Das kann niemals geschehen.“

Der Junge begann zu weinen. Tränen rollten ihm über das Gesicht und vermengten sich mit dem Staub zu dicken Kugeln. „Ich bin verloren, und Bators Vater ist auch verloren.“

„Wer ist Bator?“ fragte Großer-Tiger.

„Bator ist mein Freund.“

„Und wer bist du?“ fragte Christian.

„Ich heiße Lo-Tjang … Doch wozu erzählen? … Es ist alles aus, und Grünmantel, dieser …“

„Dieser Schuft wolltest du sagen?“

„Ich habe kein halbes Wort sagen wollen.“

„So will ich“, erklärte Christian, „dir sagen, was wir von Grünmantel halten: Hier ist Großer-Tiger, und ich bin Kompaß-Berg. Wir beide denken, daß Grünmantel ein ganz gemeiner Mensch ist. Er reist zwar mit uns, weil der Soldat Glück ihn mitgenommen hat, aber er geht uns nichts an. Wir verachten ihn.“

„Fahrt ihr mit dem Wagen, der von selber geht?“

„Wir fahren mit diesem Wagen.“

„Und Grünmantel“, rief Lo-Tjang voll Angst, „fährt er auch mit euch?“

„Ja“, sagte Christian, „das tut er, ich habe es schon vorhin gesagt.“

Lo-Tjang schluchzte von neuem. „Ich wußte es ja“, rief er verzweifelt, „wir sind alle verloren.“

Christian wechselte mit Großer-Tiger einen Blick, und dann sagte er:

„Wir werden dich loslassen, wenn du versprichst, daß du uns in Frieden läßt.“

„Bei deinem Gesicht“, fügte Großer-Tiger hinzu.

„Bei meinem Gesicht“, sagte Lo-Tjang.

Sie entfernten die Fußfessel, gaben ihm den Leibriemen zurück, und Lo-Tjang, der vorhin noch ungestüm und wild war, saß am Boden und weinte.

„Hast du Kopfschmerzen?“ fragte Großer-Tiger.

„Es tut weh“, sagte Lo-Tjang, „aber das ist es nicht.“

„Was ist es denn?“ fragte Christian.

„Es ist nicht wegen mir“, sagte Lo-Tjang und wischte sich die Tränen fort, „es ist wegen Bators Vater, und wegen seines Gesichts, und wegen der Kamele, und wegen allem, was ihr nicht verstehen könnt.“

„Vielleicht verstehen wir es, wenn du es sagst“, meinte Großer-Tiger.

„Es ist sogar wahrscheinlich, daß wir es verstehen“, sagte Christian.

„Es gibt keine Hilfe“, erklärte Lo-Tjang.

58

Von unten hörte man das Brummen des Motors lauter und das Geschrei des Wirts deutlicher. Man konnte zwar nur einzelne Worte wie „fördernd“, … „Südosten“ … oder „großes Heil“ verstehen, aber es war klar: der Lastwagen machte Fortschritte.

„Sprich“, drängte Christian.

„Rede, solange es Zeit ist“, mahnte Großer-Tiger.

„Ich bin aus Tsagan-Tscholo“, begann Lo-Tjang.

„Dort übernachten wir heute!“ rief Christian.

„Ich dachte es mir“, sagte Lo-Tjang, „weil Grünmantel dabei ist. Er übernachtet immer in Tsagan-Tscholo, denn er will Bators Vater die Kamele wegnehmen.“

„Kann er das?“ fragte Christian.

„Er hat es bis jetzt nicht gekonnt, weil ich ihm stets zuvorgekommen bin und Bators Vater gewarnt habe. Da hat er seine Kamele fortgetrieben. Aber heute fährt Grünmantel mit dem Wagen, der von selber geht, und kein Pferd läuft so schnell, daß es vor ihm am ‚Weißen-Stein‘ wäre. Bators Vater heißt Serrath. Aber alle Leute sagen Dogolon zu ihm, weil er ein lahmes Bein hat.“

„Erzähle schnell!“ bat Großer-Tiger; „hörst du denn nicht, daß sie nahe sind?“

„Sie sind in der dritten Kurve“, sagte Lo-Tjang ungerührt, „und es gibt doch keine Hilfe.“

„Wir könnten Dogolon warnen“, schlug Christian vor.

„Ihr?“ fragte Lo-Tjang, und dabei blickte er wieder so höhnisch wie schon einmal. Doch dann besann er sich. „Ich will euch erzählen“, sagte er schnell.

„Es war vor zwei Jahren um die gleiche Zeit wie jetzt. Da kam Grünmantel mit dreihundert Kamelen aus Sinkiang zu uns nach Weißer-Stein. Sie hatten Baumwolle geladen, aber unterwegs in der Wüste hatte Grünmantel einige Kamele verloren. Er ging zu Dogolon und handelte mit ihm. ‚Verkaufe mir zehn Kamele‘, sagte er, ‚ich ziehe die Paßstraße hinunter nach Kalgan; da muß ich die Lasten verringern und auf mehr Kamele verteilen, sonst geht es nicht. Willst du sechzig Silberbatzen haben?‘ Dogolon hatte noch nie einen so vorteilhaften Handel gemacht, und er verkaufte die zehn besten seiner Kamele, das Stück für sechzig Silberbatzen. Es blieben ihm immer noch zwölf Kamele, denn er besaß zweiundzwanzig. Grünmantel zog am nächsten Tag weiter und machte Lager bei Seestadt. Anderntags wollte er mit der ausgeruhten Karawane den Paß begehen. Da gab es in der Nacht einen Schneesturm, und die Hälfte von Grünmantels Kamelen erfroren, weil sich nicht genug Filzdecken hatten und weil sie von der langen Reise entkräftet waren. Als Grünmantel in Kalgan eintraf, lief er gleich zum Yamen und verklagte 59Dogolon, er habe ihm zehn schlechte Kamele verkauft, sonst wären sie nicht erfroren. Dogolon hat alle die toten Kamele bei Seestadt gesehen, und seine zehn waren nicht darunter. Doch der Richter in Kalgan war ungerecht. Er sandte bewaffnete Büttel …“

„Sie kommen!“ rief Christian und sprang auf.

„Ich wußte es ja. Es gibt keine Hilfe“, sagte Lo-Tjang. Alle drei schauten die Straße hinab, wo der Lastwagen eben um die letzte Biegung fuhr.

Der Wirt lief strahlend voraus, er hüpfte von einem Bein auf das andere, er fuchtelte mit den Armen, und als er Christian und Großer-Tiger erblickte, rief er:

„Wir haben das Unüberwindliche überwunden. Der Abgrund brüllte Hu! Hu!, und die Steine haben getrommelt, aber wir hielten die Kinnladen geschlossen. Jetzt sind wir oben, bitte sehr! Nichts mehr kann die Räder hemmen.“

Lo-Tjang stand dabei, als warte er auf ein Wort des Wirts. Doch der Wirt zuckte die Achseln: „Diesmal gibt es kein Lamm“, war alles, was er sagte. Da ging Lo-Tjang zum Tempel, um seine Felljacke zu holen.

„Ich hoffe, er hat den jungen Herren keine Schwierigkeiten gemacht“, erkundigte sich der Wirt.

„Von Schwierigkeiten kann keine Rede sein“, sagte Großer-Tiger.

„Wir haben uns angeregt unterhalten“, behauptete Christian.

„Da muß ich beipflichten“, erklärte der Wirt; „das Beste auf der Welt ist eine gute Unterhaltung. — Nicht wahr?“ wandte er sich an Glück, der mit dem Lastwagen unterhalb des Tempelchens hielt und ausgestiegen war.

„Mach, daß du fortkommst!“ knurrte Grünmantel. Er war hinter dem Wagen dreingegangen, schnaufte und warf die lästigen Bremsklötze kurzerhand auf die Straße. Großer-Tiger hob sie auf und legte sie an ihren Platz auf den Wagen.

„Habt ihr euch verdroschen?“ fragte Glück, als er Christians zerkratztes Gesicht bemerkte.

„Ich bin ungeschickt gewesen, und ich bin gefallen“, sagte Christian.

„Und du bist wohl aus Versehen gegen einen Felsen gerannt?“

„Es war kein Felsen, befehlender Herr“, sagte Großer-Tiger, „es war Holz.“

Glück lachte. Er wollte etwas über die Gefährlichkeit des Bergsteigens sagen, doch da rief der Wirt vom Straßenrand herüber:

„Darf ich mich von den Exzellenzen und von den jungen Fürsten formlos verabschieden? Es tut mir leid, daß sie die Gastlichkeit meiner geringen Hütte nicht länger in Anspruch nahmen. Ein andermal, bitte sehr, mich wieder zu beehren.“

60

„Gewiß doch“, sagte Glück, „ein andermal, alter Hung-Hu-Tse.“

„Tausend Dank“, riefen Christian und Großer-Tiger.

Grünmantel sagte gar nichts. Er schaute sich nicht einmal um. Der Wirt ging die Straße hinab, viele Male wandte er sich zurück, und als man ihn schon nicht mehr sah, tönte seine Stimme aus der Tiefe: „Mögen Sie glückliche Tage verleben!“

Die Sonne stand im Westen über den Bergen, hoch genug, um noch eine Stunde zu verweilen und eine blasse Vorstellung von Wärme zu erwecken. Es hatte sich aber ein kalter Wind aufgemacht, gegen den die Sonnenstrahlen nichts vermochten. Die wenigen zarten Frühlingsgräser zwischen den Steinen zitterten, und die gebleichten vom Vorjahr legten sich demütig zu Boden.

Glück war mit einem Stock beschäftigt, en er in den Benzintank steckte, um nachzuprüfen, wieviel Betriebsstoff noch da sei.

„In Seestadt müssen wir nachfüllen“, sagte er.

„Reicht es nicht bis Dschang-Be?“ fragte Großer-Tiger.

„Es reicht auch bis Dschang-Be.“

„Dann bitte ich den befehlenden Herrn, bis Dschang-Be zu fahren. Kwi-Schan wird beim Nachfüllen den Trichter halten, und ich werde derweil vor das Nordtor gehen und nach den Eltern von Kleiner-Schneevogel fragen. Wir haben es ihm versprochen.“

„Da müssen wir uns aber mächtig eilen“, sagte Glück, „sonst wird es dunkel.“

„Der Mond ist schon ein bißchen da„, bemerkte Christian.

„Er scheint nicht sehr lange, und heute überhaupt nicht“, sagte auf einmal Lo-Tjang, der abseits gestanden hatte und jetzt näher kam. Er begrüßte Glück mit einem eiligen: „Ich wünsche Ruhe, befehlender Herr“, und dann deutete er auf die Wolkenfahnen, die mit dem Wind gekommen waren. Sie jagten über die Berge, und manchmal verhüllten sie die zerfallenen Wachttürme auf den Höhen.

„Das ist schlecht“, sagte Glück besorgt. „Ist es aber auch wahr?“

„Lo-Tjang sagt die Wahrheit“, rief Christian, „auch wenn Herr Grünmantel ihn einen Lügner schimpft.“

„Ich danke dir“, sagte Lo-Tjang.

„Na, dann vorwärts!“ rief Glück; „alte Schäfer kennen sich mit dem Wetter aus. Schnell! schnell!“

„Ich wünsche viel Glück“, sagte Lo-Tjang leise, „und wenn ihr in Tsagan-Tscholo seid, dann fragt nach Dogolon!“

„Wir werden ihn vor Grünmantel warnen“, versicherte Christian. „Spricht Dogolon chinesisch?“

„Er wird euch verstehen. Aber ihr sollt in allen Dingen vorsichtig sein, denn es wird bald schneien.“

61

Der Motor begann zu brummen, und Glück tutete schrecklich, obgleich kein Mensch im Wege war.

Christian und Großer-Tiger zogen die Pelzmäntel an, weil Lo-Tjang vom Schneien gesprochen hatte. Als sie sich nach ihm umblickten, ging er die Stufen zum Tempel hinauf und holte seinen Stock.

Der Wagen kam rasch in Fahrt. Nach hundert Metern sanfter Steigung war die Paßhöhe erreicht. Hier weideten die Schafe, auf die Lo-Tjang achtgeben mußte. Sie standen gedrängt auf einem Haufen, hoben die Köpfe, als der Wagen vorbeifuhr, und blökten. Ein großes, schwarzes Tier umkreiste sie flink wie ein Teufel, und seine Locken flogen.

Dreizehntes Kapitel
in dem wir zum Glück den Vater von
Kleiner-Schneevogel finden

Bis jetzt hatte es Täler und Höhen, Schluchten, Felsen und viele Steine gegeben, und nun gab es auf einmal gar nichts als eine Hochfläche, auf der Glück rasch vorwärtskam. Eine Zeitlang begleiteten die alten Wachttürme den Weg. Man sah die Reste der „Kleinen Mauer“, die zu den Türmen gehörte, aber viel war nicht von ihr übriggeblieben.

Schon nach zehn Minuten Fahrt war Seestadt erreicht. Eine Stadt war es allerdings nicht, und Glück fuhr zwischen den paar Häusern durch, so rasch es ging. Auch einen See gab es nirgends.

„Das ist komisch“, sagte Christian. Er hatte das Südliche-Blatt vor sich auf den Knien liegen und arbeitete stark mit dem Vergrößerungsglas.

„Nein, das ist nicht komisch“, behauptete Großer-Tiger. „Es ist eben so. Wie heißt der nächste Ort?“

„Pfahlheim“, verkündete Christian.

„Pfahlheim“, sagte Großer-Tiger verächtlich, „ist kein Name. Pfahlheim ist nur eine Bezeichnung. Sicher ist es ein ganz neuer Ort, und wahrscheinlich sind es nur ein oder zwei Häuser, in denen die Leute wohnen, die auf die Telegrafenlinie achtgeben müssen.“

„Trotzdem ist sie nicht in Ordnung“, bemängelte Christian und warf einen schrägen Blick auf die Pfähle mit den zerrissenen oder tief herabhängenden Drähten.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger, „sie ist zerstört.“

Das war sie auch, und sie bot einen trostlosen Anblick. Was früher eine schön ausgerichtete Linie von Telegrafenstangen war, wackelte wüst durcheinander. Manche lagen am Boden, andere waren überhaupt nicht vorhanden, und es gab welche, die an den Drähten in der Luft 62schwebten. Irgend jemand hatte Holz für sein Feuerchen gebraucht, und da hatte er die Stange einfach abgeschnitten, so hoch er langen konnte.

Als Pfahlheim nach einer halben Stunde erreicht war, zeigte es sich, daß es tatsächlich nur aus zwei Häusern bestand. Allein die Häuser waren Ruinen, die Umfassungsmauern waren vielfach durchbrochen, der Brunnen war versandet, und als Glück zu tuten begann, kam niemand zum Vorschein.

Zwei halbverbrannte Bäume, die die Siedler von Pfahlheim in ein Gärtchen außerhalb der Einfriedung gepflanzt hatten, waren noch eine Weile zu sehen. Sie streckten ihre schwarzen Arme hilflos in den Abendhimmel, und sonst war da nichts Lebendes und nichts Totes. Es gab nur die leere Hochfläche.

„Hier kann ein Mensch leicht verlorengehen“, sagte Christian bedrückt. Großer-Tiger nickte.

Glück fuhr auf der Grasnarbe zwischen der eigentlichen Straße und den Telegrafenpfosten. So gab es nur wenig Staub. Auch der Wind hatte nachgelassen. Im Norden und im Westen war der Horizont von einer braunen Wolkenbank umlagert; für die Nacht verhieß sie nichts Gutes. Die Sonne war gelb, und sie stand eine Handbreit hoch über dem Horizont. Als sie in die Wolkenschicht wie in ein weiches Bett sank, tutete Glück, und da waren auf einmal Häuser, eine Stadtmauer und ein Tor, durch das der Wagen polternd fuhr.

„Wir sind in Dschang-Be“, sagte Großer-Tiger.

Christian faltete die Karte Südliches-Blatt zusammen.

Eine breite Straße führte geradewegs vom südlichen zum nördlichen Tor. Bevor man es erreichte, hörten die Häuser auf, und es gab einen freien Platz, so groß, als hätte hier ein ganzes Stadtviertel gestanden. Auf diesen Platz lenkte Glück den Wagen bis in die Mitte, hielt mit einem Ruck, sprang heraus und rief:

„Ihr ehrenwerten Männer, wir sind in großer Eile.“

„Merkst du es endlich?“ knurrte Grünmantel.

Er stieg auf der andern Seite aus, betrachtete nacheinander den Himmel, den weißen Mond darin, die Wolkenbank und das Stadttor, und zu allem schüttelte er den Kopf. Aber Glück ließ sich die gute Laune nicht verderben. Es schien, daß er um so fröhlicher wurde, je mehr Grünmantel sich ärgerte.

„Richtet dem Torhüter aus, er solle bei meinem großen Zorn noch zehn Minuten mit dem Schließen warten.“

„Wir werden es ausrichten“, sagte Großer-Tiger. „Sollen wir hierher zurückkommen?“

„Nein, wir treffen uns vor dem Tor. Macht also schnell!“

63

Christian und Großer-Tiger liefen über den Platz. Er war glatt wie festgestampfter Lehm, ganz eben und sauber.

„Hier könnte man …“, rief Christian.

„... einen Drachen steigen lassen“, ergänzte Großer-Tiger.

Er war so schön gelb, dachte Christian; und er stieg so gut, dachte Großer-Tiger. Aber dann fiel ihnen Kleiner-Schneevogel ein, der mit seinen Brüdern in Kalgan auf der Straße stand und betteln mußte, und Großer-Tiger sagte:

„Wir wollen den Torhüter gleich nach den Eltern fragen.“

Vor dem Tor war der Boden mit Kopfsteinen gepflastert, ein niederes Hüttchen stand an die Stadtmauer gelehnt, und an der Wand der Hütte hing der große Stadtschlüssel an einem Nagel. Drei Soldaten saßen auf einer Bank, und als sie Christian und Großer-Tiger bemerkten, stand einer auf, ging in die Hütte und holte die Gewehre, damit man sah, wie gut sie ihren Dienst verrichteten. Auch ein alter Mann war da, aber er hatte kein Gewehr, und er sah friedfertig aus. Die Soldaten trugen alle gleiche graue Uniform wie überall, und man konnte nicht sogleich erkennen, zu welchem Kriegsvolk und zu welchem General sie gehörten. Dafür hatten sie als Kennzeichen breite weiße Armbinden, wo alles genau darauf stand.

Christian und Großer-Tiger wünschen Bequemlichkeit, Ruhe und einen „Guten Abend“.

„Ich danke“, sagte der alte Mann.

„Wir auch“, sagten die Soldaten, „vielen Dank.“

Der alte Mann stand auf und klopfte sein Pfeifchen auf der Bank aus.

Dann wischte er die Asche mit der Hand wieder weg und sagte einladend:

„Nehmt Platz, ihr jungen Herren, wir wollen ein bißchen plaudern. — Ihr“, wandte er sich an die Soldaten, „macht derweil das Tor zu.“

„Wir bitten, noch eine Zeitlang damit zu warten“, sagte Großer-Tiger.

„Es ist gegen die Vorschrift“, bemerkte ein Soldat und nahm den Stadtschlüssel vom Nagel.

„Die Sonne ist untergegangen“, sagte ein anderer, „da schließen wir.“

„Sie ist noch nicht jenseits der Meere“, behauptete Christian, „sie hat sich hinter einer Wolkenbank versteckt.“

„Hat das auch seine Richtigkeit?“ fragten die Soldaten.

„Mein Freund Kompaß-Berg“, setzte ihnen Großer-Tiger auseinander, „spricht nur über das, was er genau weiß. Außerdem bittet der befehlende Herr Glück, noch zwei Augenblicke zu warten. Er ist derjenige Herr Glück, von dem in allen Hütten gesprochen wird, weil er das Automobil fährt, in dem der große General Wu sitzt.“

„Ist der General angekommen?“ fragten die Soldaten erschrocken.

64

„Nein“, sagte Christian, „der General ist dort, wo niemand weiß, daß er ist.“

„Aber Herr Glück ist hier“, rief Großer-Tiger schnell, „und das ist fast dasselbe.“

„So wollen wir noch zwei Weilchen warten“, sagten die Soldaten. „Fährt dieser befehlende Herr Glück weiter?“

„Ja, er fährt die ganze Nacht weiter, ohne anzuhalten.“

„Das ist erstaunlich“, sagten die Soldaten, denen man anmerkte, daß sie nichts dagegen hatten. „Sagt eurem Herrn Glück, er möge unsere Unkenntnis entschuldigen; wir haben erst vor drei Wochen die Armbinden gewechselt.“

„Die Herren waren früher bei der Armee des Generals Tschang-Tzo-Lin“, erklärte der alte Mann, „aber sie mußten die Stadt übergeben, da war kein Ausweg.“

„Wo kein Ausweg ist, gibt es keine Hilfe“, bestätigte Großer-Tiger höflich.

„Kennt ihr vielleicht Kleiner-Schneevogel?“ fragte Christian.

„Freilich!“ rief der Alte; „lebt er noch, der gute Junge?“

„Er lebt“, sagte Großer-Tiger, „und er bittet um Nachricht, ob seine Eltern aus der Welt gegangen sind oder wo sie weilen.“

„Kleiner-Schneevogel braucht kein Verehrungskleid anzuziehen. Er kann seine Trauer vermindern. Kommt einmal mit.“

Der Alte ging voran, und Christian und Großer-Tiger folgten ihm durch das Tor ins Freie.

Die Landschaft vor dem Nordtor war die gleiche wie vor dem Südtor. Man sah auch hier die unendliche Ebene, auf die sich die Schatten der Nacht senkten, und man sah die Straße darin als einen hellen Strich nach Norden ziehen. Rechts und links gab es in Rufweite einige Mauerreste, ausgebrannte Hütten und wirres Gestänge von verkohlten Dachsparren. Die Mondsichel hing wie ein Feldzeichen über dem traurigen stillen Bild.

„He, Vater Ma!“ rief der Alte, „hörst du mich?“

Aus den Ruinen tauchte der Schatten eines Mannes auf und antwortete: „Ich höre deine Stimme. Was gibt es?“

„Komm unter das Tor. Hier sind zwei würdige Herren mit Botschaft eingetroffen.“

Es dauerte kurze Zeit, und dann kam aus der zunehmenden Dunkelheit ein Mann bedächtigen Schrittes gegangen.

„Du rufst spät“, sagte er, als er vor ihnen stand und den Fellkittel um die frierenden Schultern enger zog.

„Nicht zu spät für eine gute Nachricht. Dein Sohn Kleiner-Schneevogel lebt!“

„Und die Kleinen?“ fragte er Mann ängstlich mit hängenden Armen.

65

„Alle drei sind in Kalgan“, berichtete Großer-Tiger; „sie entbieten den Eltern kindlichen Gehorsam und Gruß. Kleiner-Schneevogel sendet tausend Worte liebevoller Ehrfurcht und bittet den befehlenden Herrn Vater um ein Zeichen.“

Nach dieser einleitenden Ansprache schwieg Großer-Tiger still, und Vater Ma schwieg auch, denn das Glück machte ihn stumm. Der Torwächter, der einen Freudenausbruch erwartet hatte, blickte verständnislos von einem zum andern, er hustete verlegen, und dann sagte er: „Na, na …“ und: „Aber, aber …“ und ähnliche aufmunternde Redensarten.

Darüber fand Vater Ma wieder zu sich. Sein einfaches Gemüt suchte nach Worten, und als er sie nicht fand, warf er sich vor Großer-Tiger auf die Knie, schlug die Stirne auf das Pflaster und weinte.

Großer-Tiger und Christian sprangen herbei und hoben ihn auf.

„Wir tragen schwer an Euerm Dank“, sagte Großer-Tiger.

Dann berichteten beide, wie sie Kleiner-Schneevogel gefunden hatten, sie erzählten von Grünmantel und von allem, was in Kalgan geschehen war.

„Ich werde mich morgen früh aufmachen und die Kinder holen“, sagte Vater Ma. „Alles ist gut. Die Felder sind umgegraben, und wir haben Hirse genug bis zum Frühjahr. Die Hütte ist zwar verbrannt, aber das tut nichts; Kleiner-Schneevogel wird mir helfen neue Lehmziegel machen.“

Er war nun ruhig geworden und erzählte, was in Dschang-Be geschehen war:

„Als die Soldaten des Generals Wu-Pei-Fu näher rückten, schickten wir die Kinder in die Stadt, bevor die Tore geschlossen wurden, denn wir hatten Angst um sie. Ich blieb in der Hütte, und meine Frau blieb bei mir, und die fremden Soldaten sagten: ‚Vater Ma, gib uns zu essen, es geschieht dir nichts.‘ Ich gab ihnen zu essen, und sie sahen, daß wir arm waren, und sie begnügten sich.

Am zweiten Tag ging ein Offizier vor das Tor mit einer weißen Fahne. Da ließen die von drinnen einen Korb über die Stadtmauer, und der Offizier setzte sich in den Korb, und sie zogen ihn hinauf. Er kam aber bald wieder, weil die Soldaten Tschang-Tzo-Lin's die Stadt nicht übergeben wollten. Der Offizier rief uns, die wir vor dem Tor wohnten, zusammen und sprach: ‚Ihr müßt jetzt fortziehen, denn es ist leider Krieg, und wir müssen eure Hütten verbrennen, damit die in der Stadt sehen, es sei Ernst. So harte Sünder kann man nur mit echtem Feuer weichkochen.‘ Er erlaubte uns aber, mitzunehmen, soviel wir tragen konnten, und als es Nacht war, mußten wir bereit sein.

Wir durften kein Wort sprechen. Vier Soldaten zu Pferd begleiteten uns, und wir gaben das Leben verloren. Die Soldaten lachten über unsere 66Angst, aber sie führten uns querfeldein, und wir zitterten noch mehr. Bald darauf sahen wir die Flammen aus unseren Hütten schlagen, und wir hörten ein schreckliches Geschrei vor dem Tor wie von einem großen Morden. Die fremden Soldaten taten, als ob sie uns umbrächten. Einige schrien wie Frauen, andere röchelten, und wieder andere riefen: ‚Schlagt sie tot!‘ Dabei rannten sie hin und her, und das Feuer beschien sie. Da kriegten die Verteidiger von Dschang-Be eine große Furcht, und am andern Morgen öffneten sie die Tore.

Uns führten die Reiter Wu-Pei-Fu's weit fort in ein verlassenes Tal, und erst nach zehn Tagen durften wir zurückkehren, weil der Offizier es so befohlen hatte. Wir fanden unsere Kinder nicht mehr, und wir weinten um sie.“

„Und Eure Söhne weinten um Euch“, sagte Großer-Tiger.

„Aber, aber“, sagte der Torwächter, „jetzt ist doch alles gut.“

Sie standen in dem dunkeln Torweg, und als keiner mehr etwas sagte, wollte Vater Ma von neuem zu einem Dankeskotau auf die Knie fallen, und Großer-Tiger hatte Mühe, ihn daran zu hindern.

Da flammten plötzlich zwei Lichter auf, und es wurde taghell. Glück hatte die Scheinwerfer eingeschaltet, der Motor brummte, und die Hupe plärrte.

„Rettet euch!“ rief der alte Wächter, „diese brüllenden Reisewagen töten mehr Menschen, als sie leben lassen!“

Er rannte in sein Hüttchen, und Großer-Tiger und Christian gingen mit Vater Ma vor das Tor, und Christian sagte:

„Wir gehen jetzt, und wir bitten, unsern älteren Bruder Kleiner-Schneevogel zu grüßen.“

„Das Herz“, sagte Großer-Tiger, „möchte die Entfernung überschreiten; leider ist sie zu groß.“

Vater Ma konnte nicht sprechen. Er verneigte sich tief, damit man seine Tränen nicht sah, und er verharrte in dieser Stellung, bis Großer-Tiger und Christian auf den Wagen geklettert waren und „Wiedersehen! Wiedersehen!“ riefen.

Da kam er eilig gelaufen, als habe er etwas vergessen. Er hob sich auf die Zehenspitzen und sagte leise: „Nehmt euch vor Grünmantel in acht!“

„Keine Sorge!“ rief Christian.

„Ehrfuchtsvollen Dank für die Warnung“, sagte Großer-Tiger.

Glück drückte auf den Gashebel und fuhr davon. Die Flügel des Stadttors von Dschang-Be schlossen sich, und Vater Ma blieb im Dunkel zurück.

67

Vierzehntes Kapitel
in dem es Nacht ist und man darum nicht alles sehen kann,
was vor sich geht

Der Mond wurde plötzlich trüb und orangerot. Er schien von grauen Schleiern umweht, und auf einmal war er hinter der Wolkenbank im Westen verschwunden. Zugleich nahm der Fahrwind an Stärke zu.

„Diese Sache begreife ich nicht“, sagte Großer-Tiger.

„Es schneit!“ rief Christian.

Im Nu war alles in wirbelnden Schnee gehüllt. Großer-Tiger deutete auf das Fensterchen, wo man den Mützenrand Glücks und seine Hände sah, die das Steuer hielten. Jetzt ließ die Rechte das Steuerrad los und griff nach dem Bremshebel. Mit der Linken versuchte Glück die Richtung beizubehalten, aber es war nicht mehr zu machen; der Wagen schlingerte, und dann gab es einen furchtbaren Krach, weil er gegen eine Telegrafenstange gerannt war. Ein Scheinwerfer erlosch, der andere brannte ruhig weiter und beleuchtete die morsche Stange, die schräg über dem Wagen in den Drähten hing.

„Da ist keine Hilfe“, sagte Glück gelassen. „Heute ist kein guter Tag zum Reisen. Es steht im Kalender.“

„Wie?“ schrie Grünmantel, „es gibt keine Hilfe? Du hast mir versprochen, daß wir heute bis Weißer-Stein fahren. Wie steht es damit?“

„Das weiß der Himmel und dieser Telegrafenmast.“

Damit war für Glück vorläufig alles geregelt. Er stieg aus und ging nach vorn, um sich den Schaden anzusehen.

Als er zurückkam, sagte er: „Es ist nicht schlimm. Die Stoßstange ist verbogen, und ein Scheinwerfer ist eingedrückt. Wir werden ein Stündchen schlafen. Habt ihr mich gehört, ihr zwei da oben?“

„Wir haben alles vernommen, befehlender Herr“, antwortete Großer-Tiger.

„Wir wünschen ruhigen Schlaf“, sagte Christian.

Glück war schon wieder eingestiegen; er löschte den übriggebliebenen Scheinwerfer, und dann hörte man, wie er sich bequem zurechtsetzte.

Christian und Großer-Tiger breiteten die Schlafsäcke aus. Sie deckten die Mäntel und eine Zeltbahn darüber, streiften die Schuhe von den Füßen und schlüpften in den Sack, wo es warm war. Die Fellkappe zogen sie über das Gesicht, und dann schliefen sie ein.

Im Führerhaus war es dunkel geworden. Der Wind hatte die Schutzscheiben mit Schnee beworfen, und Grünmantel konnte nicht hinausschauen. Das ärgerte ihn noch mehr. Er hörte zwar, wie der Wind vorüberpfiff und die Drähte surren machte, als ob noch Strom darin wäre; 68er merkte aber nicht, daß der dichte Schneefall längst nachgelassen hatte. Als ihm nach einer halben Stunde endlich einfiel, das Fenster zu öffnen, jagten nur noch einzelne Schneeflocken im Wind.

„He, du Stück Mensch!“ rief Grünmantel aufgeregt, und er rüttelte Glück am Arm: „du sollst aufwachen! Der Schnee hat aufgehört zu schneien!“

Glück war müde. Am liebsten wäre er nach Dschang-Be zurückgefahren, aber Grünmantel gab keine Ruhe. Er schrie so laut, daß auch Christian erwachte: „Du hast mir versprochen, bis Weißer-Stein zu fahren, und du weißt, ich habe dort Geschäfte! In Dschang-Be ist das Tor schon lange geschlossen.“

„Ach was“, erwiderte Glück ärgerlich, „deine Geschäfte in Weißer-Stein gehen mich nichts an.“

„Freilich, freilich“, höhnte Grünmantel, „aber dein Geschäft ist es, besser zu fahren, als du getan hast. Dieser Wagen könnte sehr an Wert verlieren, meine ich.“

„Willst du“, rief Glück laut und zornig, „damit sagen … “ Doch dann besann er sich und dämpfte die Stimme, und Christian konnte nichts mehr verstehen.

Es dauerte zwei oder drei Minuten, dann stieg Glück aus, um den Motor anzukurbeln. Auch Grünmantel betätigte sich, und der Streit schien für diesmal beigelegt. Grünmantel fegte den Schnee von der Haube, er wischte sogar die Glasscheiben sauber und hielt den abgebrochenen Telegrafenmast so lange fest, bis der Wagen weit genug rückwärts gefahren war, um nicht mehr gefährdet zu sein.

Christian lüpfte die Fellkappe ein wenig, stieß Großer-Tiger von der Seite an und fragte: „Hörst du mich, Großer-Tiger?“

„Ich höre dich, Kwi-Schan. Sprich aber schnell, sonst schlafe ich wieder ein, bevor ich hören kann.“

„Sie haben sich gestritten“, berichtete Christian. „Grünmantel hat gesagt, der Wagen könne an Wert verlieren, wenn Glück nicht besser aufpasse.“

„Ist das alles?“

„Ja, das ist alles, und wir sind eingeschneit. Aber ich bleibe liegen.“

„Ich stehe auch nicht auf“, sagte Großer-Tiger.

So blieben sie im Schlafsack und schliefen die meiste Zeit. Nur wenn der Wagen sehr stark rüttelte, oder wenn er über einen Graben fuhr, wachten sie auf, und Großer-Tiger sagte: „Da ist keine Hilfe.“ Dann schliefen sie sogleich wieder ein.

Richtig wach wurden sie erst, als Glück tutete und als der Wagen eine endlose Zeit ruckweise hin und her fuhr. Die Fässer schlugen aneinander; irgendwer rief: „Südwesten! … Halt! … Noch ein Stückchen! …“

69

Christian wußte nicht, ob es der Wirt von den „Zwei silbernen Schüsselchen“ war, der so schrie, und Großer-Tiger träumte, er ginge die Paßstraße hinauf, und oben stünde Lo-Tjang mit einem baumstarken Knüppel. Schnell machte er die Augen auf, und als er nur Dunkelheit sah und Wärme spürte, die ihm das Gesicht kitzelte, schlug er die Fellkappe zurück. Da war er froh, daß Christian neben ihm lag, und Christian war froh, daß er Großer-Tiger sah. Über sich erblickten sie einen finster drohenden Nachthimmel mit ängstlichen Wolkenfetzen. Ein Mann mit einer Papierlaterne lief dem Wagen voraus, und als Glück den Scheinwerfer löschte, schwankte das Laternchen wie ein verlorener Stern. Der Wagen stand, der Motor verstummte, und der Mann kam näher. Es war der Wirt des Gasthauses „Zum fröhlichen Gedeihen“ in Weißer-Stein. Er hob die Laterne, um den späten Gästen ins Gesicht zu leuchten; da fauchte ihn Grünmantel an: „Unterstehe dich, Lümmel! Nimm die Laterne weg! Es braucht niemand zu wissen, daß ich hier bin!“

„Zu Befehl, Euer Gnaden“, stotterte der Wirt erschrocken, „... ich wußte nicht …, wie hätte ich ahnen können …, so früh in der Jahreszeit die hohe Ehre Eures Besuchs in meiner baufälligen Hütte! Dazu in einem Wägelchen, das von selber geht. Da sieht man …“

„Du sollst den Mund halten!“ fuhr ihm Grünmantel in die Rede; „führe uns ins Gastzimmer!“

„Ich bitte um Vergebung …, das Gastzimmer …, ja, das Zimmerchen, von dem wir reden, nämlich das mit dem heizbaren Kang …“

„Selbstverständlich!“ schrie Grünmantel, „kein anderes Zimmer kommt in Betracht!“

„Dieses Zimmerchen, Exzellenz“, jammerte der Wirt, „dieses schöne warme Kämmerchen ist besetzt.“

„Mach es frei!“ befahl Grünmantel.

„Ich wage es nicht. Fünf, sechs Stück Barbarchen, ein ganzer Haufen Mensch schläft darin.“

„Wir werden sie hinauswerfen!“ sagte Glück, und er klopfte mit der flachen Hand auf die Pistolentasche; „geh voran und leuchte!“

„Ich bitte kniefällig um Gnade, es sind gute Gäste.“

„Du meinst, sie bezahlen?“

„Ich bitte um weitherzige Verzeihung. Diese Gäste bezahlen nicht, aber sie hinauswerfen hieße von einer Ameise verlangen, einen gewaltigen Berg zu transportieren.“

„Wer sind diese ehrenwerten Herzöge?“ fragte Grünmantel spottend.

„Sind sie bewaffnet?“ fragte Glück.

Der Wirt tat wichtig. „Keiner der Herren ist bewaffnet“, sagte er leise; „sie wollten auch gar nicht bei mir einkehren, o nein, ich bin viel zu gering, aber der Schneesturm zwang sie dazu.“

70

„Sprich schon!“ drängte Grünmantel.

„Es ist Jolleros-Lama gekommen, der Gegen, der lebende Gott des Klosters Belin-Sum, dazu ein leibhaftiger Prinz, und mit dem Gegen kam sein Gefolge, lauter hohe mongolische Lamas. Ich kann nichts dafür, Exzellenz.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel, und er überlegte einen Augenblick. — „Laß gut sein“, sagte er dann zu Glück. „Es gibt keine Hilfe. Meine Geschäfte, verstehst du, könnten Schaden leiden.“

„Geh zum Teufel mit deinen Geschäften!“ sagte Glück zornig, „ich will schlafen.“

Grünmantel blieb ruhig.

„Führe uns in das andere Zimmer“, befahl er dem Wirt, „du hättest es längst neu ausmauern können. Hast du wenigstens Decken und Felle?“

„Für Eure Exzellenz reiße ich mir Hemd und Hose vom Leib“, beteuerte der Wirt. Er hob die Laterne, leuchtete nach links und rechts, und schließlich fand er sich zwischen verschneiten Gepäckstücken und Ballen zurecht. Grünmantel und Glück folgten ihm.

Als sie die niedere Hausfront erreichten, die den Hof im Norden begrenzte, gingen sie unter dem Vordach entlang bis zur letzten Tür.

„Entschuldige, Großer-Tiger“, flüsterte Christian, „ich bin neugierig.“

Er kroch aus dem Schlafsack und kniete hinter die Barriere der Benzinkanister. Vorsichtig hob er den Kopf, aber er konnte fürs erste nicht mehr erkennen als den schwach beleuchteten Türrahmen, in den Grünmantel und Glück wie Schatten eintraten. Dann fiel die Türe zu.

Ringsum versank alles in tiefes Dunkel, und plötzlich spürte Christian, daß er nicht allein war. Neben ihm kniete Großer-Tiger.

„Kwi-Schan“, flüsterte er, „ich bin auch neugierig. Eigentlich ist es eine Schande.“

„Es verdirbt nichts an unserer Sache. Siehst du etwas?“

„Ich sehe sehr wenig. Es gibt Ballen, die herumliegen, und es gibt ein rundes Ding, von dem ich nicht weiß, was es ist, und es müssen Kamele da sein, die ich nur hören kann.“

„Sie liegen in der südlichen Ecke“, sagte Christian, „ich höre sie auch. Sie tun, als ob jemand Getreide mahle.“

„Sie kauen“, erklärte Großer-Tiger, „während der Nacht noch einmal, was sie am Tag gefressen haben.“

„Kühe tun das auch“, sagte Christian, „aber man hört es nicht so laut.“

Großer-Tiger nickte, und nach einer Weile fragte er bekümmert: „Kwi-Schan, was machen wir jetzt?“

„Ich denke die ganze Zeit daran“, sagte Christian, „es ist eine fatale Sache. Und es ist so dunkel!“

71

„Und es schneit wieder. Wie sollen wir da Dogolon finden?“

„Sei still!“ sagte Großer-Tiger erschrocken und faßte Christian am Arm; „das runde Ding da unten bewegt sich!“

„Es ist ein Faß“, sagte Christian; „Fässer können sich nicht bewegen.“

„Vielleicht, wenn jemand darin sitzt“, gab Großer-Tiger zu bedenken.

„Es schüttelt sich!“ rief Christian entsetzt, „es ist ein Tier!“

Beide schauten auf das runde Etwas vor ihnen im Hof, das sich schüttelte und den Schnee abwarf. Sie fürchteten sich ein bißchen, und sie merkten das deutlich, weil es ihnen manchmal heiß und manchmal kalt den Rücken hinablief. Es war gut, daß sie hier oben saßen und daß das Ding unter ihnen im Hof weit genug weg war und wahrscheinlich nicht fliegen konnte. Als es aufhörte sich zu schütteln, fiel es langsam auf die Seite, und als es auf der Seite lag und sich nicht mehr rührte, krabbelte etwas darunter hervor.

Es ging auf allen vieren und verschwand rasch hinter dem zunächstliegenden Ballen. Dort hob es vorsichtig den Kopf, äugte umher, und als es sich unbeobachtet glaubte, lief es geschwind zum nächsten Ballen, wo es wieder verweilte. Gerade als Christian erleichtert sagen wollte: „Es ist ein Hund“, richtete es sich auf, und es war ein Mensch, der schnurstracks zu ihrem Wagen lief und darunter verschwand.

Christian und Großer-Tiger konnten ihn nicht mehr sehen. Sie hörten aber, wie er schnaufte und ein wenig an der Nummerntafel kratzte. Anscheinend suchte er nach einem Halt für den Fuß, um sich auf die Ladefläche zu schwingen.

„Soll ich schreien?“ flüsterte Christian. Aber Großer-Tiger hielt ihm den Mund zu.

Zwei Hände erschienen auf dem Rand der Brüstung, dann tauchte eine Fellmütze auf und darunter zwei Augen, die sich auf Christian und Großer-Tiger hefteten. Sie blickten ruhig, wie es schien, aber genau konnte man es nicht sehen, weil die Dunkelheit so groß war und weil es wieder schneite. Es war auch ganz still. Nur der Wind pfiff, und die Kiefer der Kamele mahlten, und es war viel schrecklicher als in der Nacht an der Prachts-Drachen-Brücke.

„Da ist keine Hilfe“, murmelte Großer-Tiger.

Er drückte sich enger an Christian, dem dadurch nicht wohler wurde. Wie gebannt blickten beide auf das unheimliche Gesicht, das sich langsam höherschob. Als das Kinn die Brüstung erreicht hatte, sagte eine frische Jungenstimme: „Hamma-guä!“

Sie schien auf Antwort zu warten, denn der Besitzer des Kopfes rührte sich weiter nicht. Christian stieß Großer-Tiger in die Rippen, und dann sagten beide wie auf Verabredung:

„Pu-tschi-tao! Wir verstehen dich nicht.“

72

„Ihr welch ein Chinese sein etwa?“ fragte die Stimme.

„Wir sind aus Peking“, antwortete Christian.

„Das gut. Ich vorhin sagen, nirgends Befürchtung wirkliche vorhanden.“

„Komm herein“, sagte Großer-Tiger entschlossen.

Mit einem Satz schwang sich die bis dahin verborgene Gestalt fast lautlos in den Wagen. Großer-Tiger und Christian staunten.

„Bist du ein Akrobat?“ fragte Christian.

„Nein, ich Mongole sein Stamm Tschachar. Geringer Name Bator. Euer Weg leicht und gut, wünschen ich.“

„Du bist Bator?“ rief Christian. „Dann ist alles gut. Lo-Tjang sendet dir Grüße und Nachricht. Hier ist Großer-Tiger, und ich bin Kompaß-Berg. Setze dich.“

Sie verneigten sich voreinander, und Bator murmelte dabei Worte der Begrüßung, die Großer-Tiger und Christian nicht verstanden.

Großer-Tiger kam dann gleich auf das Wichtigste zu sprechen; er sagte:

„Grünmantel ist angekommen.“

„Ich schlechten Menschen vorhin sehen und großen Schreck erfahren“, sagte Bator.

„Lo-Tjang meint, es pressiert“, fuhr Großer-Tiger fort, „es sei wegen der Kamele, und man müsse vorsichtig sein, weil es schneit.“

„Verstehen“, sagte Bator, „alles verstehen Gesagtes. Vielmals entschuldigen wegen Eile. Ich bald wiederkommen.“

Er stand auf, und Christian sah, daß Bator barfuß war, obgleich seine Füße unter dem langen Pelzmantel fast verschwanden.

„Hast du keine Schuhe?“

„Hamma-guä“, sagte Bator, „meine Stiefel stehen unter Wagen. Kein Schnee eintreten dort etwa. Ich bald wieder hier sein.“

Mit dem Schwung des geübten Reiters, der auf sein Pferd springt, setzte er über die Wagenbrüstung. Der Mantel flatterte wie eine Fahne, und von seinem Aufsprung war fast nichts zu hören.

Christian und Großer-Tiger schauten ihm nach, wie er über den Hof huschte. Jedes Ding benützte er geschickt als Deckung, und bald war er in der südlichen Ecke des Hofes angelangt, wo es dunkel war, und wo die Kamele lagen, und wo niemand sehen konnte, was vor sich ging. Eine Weile war alles ruhig. Dann ertönte der unwillige Schrei eines Kamels, das man zum Aufstehen zwingt, wenn es lieber liegenbleiben möchte. Gleich darauf erschien der Schatten eines Menschen im wehenden Mantel auf der Hofmauer. Er hantierte mit einem Seil, doch das dauerte nur einige Augenblicke. Dann verschwand Bator, und alles war wie vorher. Die Kamele kauten, was sie am Tag gefressen hatten, der 73Wind pfiff über das Dach der Herberge „Fröhliches Gedeihen“, und der Schnee wirbelte in kleinen Flocken durch die Nacht.

„Der kann turnen“, sagte Christian anerkennend.

„Was kann er?“ fragte Großer-Tiger.

„Ich meine, daß Bator leicht über Mauern springen kann.“

„Er kann nicht über Mauern springen, denn er ist kein Vogel Huhn. Hast du gehört, wie das Kamel schrie?“

„Ich habe es gehört.“

„Es schrie, weil es ärgerlich war, und es war ärgerlich, weil es aufstehen mußte.“

„Du meinst, daß Bator es aufgeschreckt hat?“

„Ich weiß, wie man so was macht“, erklärte Großer-Tiger; „und was ich nicht weiß, denke ich mir dazu.“

„Mein Vater nennt das eine Diagnose“, sagte Christian; „manchmal ist es so, und manchmal ist es nicht so.“

„Gut“, sagte Großer-Tiger, „ich sage Diagnose, daß die Kamele sehr nahe an der Mauer liegen. Dort gibt es eine Leine, die am Boden festgepflockt ist. An diese Leine binden die Männer die Kamele mit dem Nasenstrick kurz an, damit sie liegenbleiben und kauen, was sie am Tag gefressen haben, und damit sie schlafen, wenn sie müde sind. Manchmal aber gibt es Leute, die nachts geschwind fortwollen, und dann ist das Tor geschlossen. Weil der Wirt auch schlafen muß, weckt man ihn nicht extra auf, sondern man geht zu dem Kamel, das ganz an der Mauer liegt. Man bindet den Nasenstrick locker, und das Kamel schaut, weil es sich wundert. Dann setzt man sich auf das Kamel, und trommelt ihm mit den Füßen ein bißchen auf den Bauch. Da weiß das Kamel, es gibt keine Hilfe, und es muß aufstehen; aber weil es Nacht ist, schreit es. Vielleicht kommt dann einer und will sehen, was los ist; aber manchmal weht ein Wind, und es schneit, und dann kommt keiner. Das ist natürlich viel besser, als wenn einer es merkt und ein Geschrei macht, als ob die Sterne vom Himmel fielen, und dabei will ein anderer nur leise fort, damit niemand gestört wird.“

„Ja, das ist viel besser“, bestätigte Christian; „aber was dann?“

„Wenn das Kamel aufgestanden ist, steigt man flink auf seinen Rücken, und von da ist man gleich auf der Hofmauer, und das ist alles, weil man auf die andere Seite hinunterspringen kann.“

„Wenn man aber wieder zurückwill?“ fragte Christian.

„Dann muß man ein Seil mitnehmen, das man vorher irgendwo angebunden hat, an einen Pflock, oder an ein Wagenrad, oder an etwas, was herumliegt. Das Seil wirft man über die Mauer, und so hat man einen bequemen Rückweg, und man braucht zu niemand sagen: Zehntausendfachen Dank für liebevolle Bemühung.“

74

„Und du denkst, daß Bator alles so gemacht hat, wie du sagst, und daß er bald wieder hier sein wird?“

„Das denke ich“, sagte Großer-Tiger.

„Wir wollen so lange in den Schlafsack“, schlug Christian vor.

Im Schlafsack war es noch warm, aber die Fellkappe, die sie vergessen hatten zu schließen, war voll Schnee.

„Puh!“ sagte Großer-Tiger, „wir müssen einen Schneeschutz erfinden, ein Dach oder so etwas.“

„Das wird nicht nötig sein“, meinte Christian, „wir kommen bald in die Wüste, da schneit es nicht. In der Wüste ist es heiß.“

„In der Wüste Gobi ist es nicht immer heiß“, behauptete Großer-Tiger.

„Wir wollen Bator fragen, sobald er kommt. Ich bin dafür, daß es in der Wüste heiß ist.“

„Ich bin dafür und dagegen“, sagte Großer-Tiger.

„Kann man beides sein?“ fragte Christian erstaunt.

Großer-Tiger bedachte sich und sagte:

„Im armseligen Reich der Mitte denkt man, daß es vorteilhaft sei, manchmal beides zu sein.“

„Wollen wir ein Stückchen schlafen?“ fragte Christian.

„Ich bin dafür“, sagte Großer-Tiger.

„Ich auch; sind wir uns einig?“

„Wir sind uns immer einig.“

„Auch wenn es in der Wüste heiß sein wird?“

„Wir sind doch Freunde“, sagte Großer-Tiger.

Sie schliefen sehr fest, und sie merkten nicht, daß der Schnee aufhörte zu schneien und daß der Wind einschlief. Die letzten Wolken verzogen sich, und die Sterne kamen gegangen, einer nach dem andern, und der Nordstern war auch da, und es wurde kalt.

Bator kam lange nicht. Er hatte viel zu tun gehabt, und als er endlich an dem Seil auf die Hofmauer von „Fröhlichem-Gedeihen“ kletterte, betrachtete er die Sterne über sich und merkte, daß es schon gegen drei Uhr morgens war.

Es ist die Stunde des Tigers, dachte Bator, und wenn sie vorüber ist, wird der Gegen mit seinem Gefolge aufbrechen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit. Er schaute in den Hof hinab, wo das Kamel neben der Mauer sich wieder zu den andern gelegt hatte. Ihm auf den Rücken springen ging nicht; also rutschte Bator ein Stückchen auf der Mauer entlang, bis er eine passende Stelle zum Abspringen fand.

Der Lastwagen stand gleich neben der Einfahrt. Die Radspur und jeder Tritt vom Abend vorher waren weiß verschneit. Man würde neue Fußspuren sehen. Aber Bator tröstete sich damit, daß beim Aufbruch 75des Gegen viele Leute und viele Kamele noch während der Dunkelheit im Hof und draußen herumtappen würden. Als Verräter seiner nächtlichen Wanderung blieb lediglich das kurze Stück Mauer, wo er den Schnee beim Vorwärtsrutschen weggefegt hatte.

Er schwang sich auf den Wagen. Von den beiden Schläfern waren nur die Nasenspitzen zu sehen; alles übrige war unter der Fellkappe verborgen. Bator war unschlüssig, was er tun solle, um Christian und Großer-Tiger zu wecken. Am liebsten hätte er sie in die Nase gezwickt, aber dazu waren sie nicht gut genug bekannt. So entschloß er sich, laut „Sä untawo?“ zu sagen. Das heißt soviel wie: „Hast du gut geschlafen?“, und damit wissen wir bereits mehr als Christian und Großer-Tiger, die von der mongolischen Sprache noch immer keine Ahnung haben. Trotzdem erwachten sie, und Großer-Tiger sagte:

„Guten Morgen! Wie geht es dir, Bator, und wie geht es zu Hause?“

„Wir Haus haben abgebrochen und eingepackt“, antwortete Bator, „alles das auf Kamel etwa fortschaffen bald.“

Christian, der nicht gleich mitkam, setzte sich betroffen auf.

„Euer Haus“, fragte er, „kann man das abbrechen und einpacken?“

Jetzt kam Bator nicht mit, und Großer-Tiger erklärte: „Er meint das Zelt; sie haben das Zelt eingepackt.“

Bator schüttelte den Kopf: „Zelt nicht vorhanden sein. Du und du müssen mongolisches Wort lernen. Unser Haus nennen ‚Girr‘. Mongolischer Mensch machen aus Filz und Stangen rund wie Sonne etwa und warm und schnell einpacken.“

„Wir nennen das Jurte“, sagte Christian.

„Wissen“, sagte Bator, „alle fremden Stück Mensch nennen Jurte, was eigentlich heißen Girr. Wir Mongolen …“

„Halt!“ sagte Großer-Tiger. „Kwi-Schan und ich werden Mongolisch lernen. Aber jetzt ist nicht die richtige Zeit. Bitte sage uns, was du zu sagen hast.“

Bator kratzte sich hinter dem Ohr. Er sah zum Sternenhimmel hinauf und meinte: „Sagen können viel, bis Hasenstunde noch lang. Bator aber sehr kalte Füße haben, zittern etwa.“

„Setz dich neben mich“, sagte Christian und hielt den Schlafsack auf. „Hier drinnen ist es warm. Streck deine Füße hinein. Wir haben beide Platz.“

„Tausendmal tausend Dank“, sagte Bator, „jetzt erzählen leicht und gut.“

76

Fünfzehntes Kapitel
mit dem Bericht Bators, der zuerst aus holprigen Sätzen
in reines Chinesisch übertragen und dann verdeutscht werden mußte —
ein schwieriges Kapitel

„Ich bin sechzehn Jahre alt, aber von meinem ersten Lebensjahr weiß ich wenig, weil ich da noch nicht auf der Welt war. Mein Vater heißt Serrath, und mein toter Großvater hieß Gombo. Er war ein weitgereister Mann, einer von den Alten, die noch Zöpfe trugen, und er hatte überall Freunde. Großvater Gombo wallfahrtete nach Kumbum, wo der wunderbare Baum mit den Blättern wächst, auf denen Gebete stehen; er reiste nach Uljassutai, wo es die vielen Kaufleute gibt, er kannte die Götterstadt Urga, und wenn ihn jemand fragte: ‚Gombo, wo warst du noch nicht?‘, so antwortete er: ‚Nicht gibt es nicht.‘

Bald hieß mein Großvater nicht mehr Gombo, sondern ‚Nicht-gibt-es-nicht‘.

Als mein Vater acht Jahre alt war, kam Großvater Nicht-gibt-es-nicht von einer Reise an den Edsin-Gol nach Hause. Dort hatte er einen neuen Freund gekriegt, der hieß Naidang, und weil Nicht-gibt-es-nicht gern Sachen machte, die weitab von jedem Herkommen lagen, sagte er, kaum daß er aus dem Sattel gestiegen war, zu meinem Vater: ‚Mein Sohn, ich habe eine Braut für dich gefunden.‘

Das wäre eigentlich sehr gut gewesen, denn bei uns verlobt man die Kinder, wenn sie sieben oder acht Jahre alt sind. Also freute sich mein Vater, wie es einem gehorsamen Sohn geziemt. Er kniete nieder und sagte: ‚Ich bin deiner Güte nicht wert.‘

Aber Großmutter freute sich nicht. ‚Ein Mongole vom Stamm Tschachar‘, sagte sie, ‚nimmt ein Tschachar-Mädchen zur Frau und keine Fremde. Was sind das für Leute am Edsin-Gol?‘

‚Sie sind vom Torgot-Stamm‘, sagte Nicht-gibt-es-nicht.

‚Da haben wir es!‘ rief Großmutter; ‚die Torgot-Mongolen sind Herumtreiber. Vor ein paar hundert Jahren waren sie in Rußland, und vor wieder ein paar hundert Jahren kamen sie zurück. Sie haben kein Empfinden für gute Sitte, und du warst so lange bei ihnen und weißt auch nicht mehr, was sich gehört.‘

Das sagte sie, weil sie während der Abwesenheit von Großvater ein wenig Umschau nach einer passenden Schwiegertochter gehalten hatte. Allein Nicht-gibt-es-nicht blieb fest bei dem einmal gefaßten Vorsatz, und so heiratete mein Vater ein Torgot-Mädchen, als er achtzehn Jahre alt war. Die gute Großmutter hatte viel Kummer mit dem Großvater. Statt daß er die Braut hierher zum Weißen-Stein gebracht hätte, nahm 77er meinen Vater, als die Zeit zur Heirat kam, mit an den Edsin-Gol. Dort gab es, wie Großmutte zeitlebens behauptete, eine ziemlich formlose Hochzeit. Das sagte sie, weil sie nicht dabei war und weil Nicht-gibt-es-nicht über ein Jahr am Edsin-Gol blieb.

Als er endlich heimkehrte, sagte er: ‚Es war eine in jedem Betracht formvollendete Hochzeit, denn sie hat ein ganzes Jahr gedauert.‘

Solche Späße liebte Großmutter nicht, allein sie freute sich, als meine Mutter ihr gleich ein Kind von der Reise mitbrachte. Dieses Kind war ich. Ich heiße Bator. Einer der Nachkommen Dschingis-Khans hieß auch so. Geboren bin ich in der Wüste an einem Brunnen, der nur schlechtes Salzwasser führt. Die Wasserstelle heißt der Kasten-Brunnen, weil ein Berg in der Nähe ist, den man Abder, den Kasten nennt. Wahrscheinlich sieht er so aus, und allgemein zählt man ihn zu den gefährlichen Bergen. Ich bin nie wieder hingekommen, obgleich ich es gerne möchte, denn es ist traurig, wenn man seinen Geburtsort nicht kennt, auch wenn er gefährlich ist.

Während all den vielen Jahren seit meiner Geburt stand unsere Jurte tausend Schritte von hier entfernt am Fuße des Hügels Weißer-Stein. Vor einer Stunde haben wir sie abgebrochen.

Einen Steinwurf von unserer Jurte entfernt ist der Brunnen, der auch Weißer-Stein heißt. Das Wasser darin ist gut, und es geht nie aus. Damit es immer schön klar bleibe, machte Großvater Nicht-gibt-es-nicht eine ausgezeichnete Sache. Er holte von weither dicke und dünne Weidenzweige, und aus diesen Zweigen flocht er ein dichtes Geflecht rings um den Brunnenschacht bis ganz hinunter, wo das Wasser anfängt. Niemals fällt seither ein Brocken Erde in den Brunnen. Als Nicht-gibt-es-nicht fertig war, rief er meinen Vater und redete sehr ernst mit ihm, und er verlangte, daß er die Worte seinem Sohn, das bin ich, getreulich weitergeben müsse; und dieser, das bin ich auch, solle sie für fernere Söhne bewahren bis an das Ende aller Zeit.

So habe ich von meinem Vater erfahren, was mein Großvater sprach: Er sagte: ‚Mein Sohn! Betrachte dieses Brunnenloch, das ich mit tausendmal tausend Zweigen fest umkleidet habe. Es fällt keine Erde mehr hinein, und kein Stein kann sich lösen. Es war eine schreckliche Arbeit. Deine Mutter ist glücklich und stolz, weil wir jetzt einen Brunnen haben, wie ihn weitherum niemand besitzt. Aber deine Mutter ist eine unverständige Frau. Ich bin so viele Male in den Brunnen gestiegen und an dem Seil wieder herausgekrabbelt, daß ich deutlich spüre, wie ich dabei mein Gesicht verloren habe. Es war eine Arbeit, die eines freien Mongolen unwürdig ist. Hätte ich zu Anbeginn gewußt, was ich jetzt weiß, ich hätte nie damit begonnen. Ich sagte schon, daß deine Mutter eine unverständige Frau ist, und es bleibt dabei. Aber sie hatte recht, als 78sie einmal sagte, daß die Torgot-Mongolen von guter Sitte nichts wissen. Bei ihnen am Edsin-Gol sah ich solche Brunnen, und da wollte ich auch einen haben. Also ließ ich mich hinreißen, niedrige Arbeit zu verrichten. Die Torgoten sind gute Leute, aber ich habe eingesehen, daß sie kein Ehrgefühl besitzen. Sie müssen es verloren haben, als sie so lange an der Wolga lebten. Ich verlasse euch jetzt für einige Jahre, denn wie könnte ich einen freien Tschachar-Mongolen ansehen, ohne vor Scham zu erröten! Wenn ich wiederkomme, ist hoffentlich Gras über die Sache gewachsen. Du, mein Sohn, vergiß nicht, was dein Vater zu dir spricht. Hüte die Pferde und erschlage den Wolf, wo du ihn triffst, züchte Kamele und reite meinetwegen bis dahin, wo die Welt aufhört. Aber beschmutze deine Hände nicht mit unwürdiger Arbeit!‘

Das sind die Worte meines Großvaters, den man Nicht-gibt-es-nicht nannte. Er ritt fort, und er starb unterwegs im Schnell-Schwarzwasser-Tal, und weil ich noch klein war, kann ich mich kaum an ihn erinnern.

Als man uns berichtete, daß er tot sei, dauerte es nicht mehr lange, bis auch Großmutter starb. ‚Was soll ich noch bei euch?‘ sagte sie; ‚ich habe alle meine Tage auf Nicht-gibt-es-nicht gewartet. Das brauche ich jetzt nicht mehr zu tun.‘

Um diese Zeit fing unser Unglück an.

Es kam nämlich ein Chinese aus Kalgan. Niemand kannte ihn, und wo sein Heimatland war, sagte er nicht. Er gab uns viele schöne Worte, und weil wir keinen Fürsten mehr hatten, der es verbieten konnte, schlug er sein Zelt auf, wo jetzt das Gasthaus ‚Zum fröhlichen Gedeihen‘ steht.

Er kaufte Felle und Wolle, und er gab uns Mehl, Salz und Tee dafür. Weil er einen grünen Mantel trug, nannte man ihn Grünmantel, und so heißt er heute noch. Er blieb nicht lange am Weißen-Stein. Niemand wollte Handel mit ihm treiben, weil er die Menschen betrog. Das Mehl, das er verkaufte, war schlecht, und die Waage, mit der er wog, stimmte nicht.

Eines Tages brachte er einen andern Chinesen mit, der ihm viel Geld gegeben hatte für das Land, von dem Grünmantel behauptete, es gehöre ihm.

Grünmantel verschwand, und bald hörte man, daß er unter die Rotbärte gegangen sei. Der andere Mann fing an, unser Grasland umzupflügen; er säte Hirse, und er baute eine Hütte für sich und die Seinen. Mein Vater sprach davon, daß es gut wäre, man schlüge ihn tot. Aber wir unterstehen dem strengen Amban in Kalgan, und so blieb der Fremde am Leben. Er heißt Hagelkorn. Ob er wirklich so heißt, weiß ich nicht. Wir nannten ihn so, weil er oft auf dem Acker stand und ängstlich am Himmel etwas suchte, was es bei uns nicht gibt. Großvater 79Nicht-gibt-es-nicht, der ein weitgereister Mann war, hatte uns zwar erzählt, so was gäbe es, und er habe diese Sache erlebt, aber sie sei selten und kostbar und dabei unangenehm.

Hagelkorn ist ein friedlicher Mensch. Trotzdem nahm er immer mehr von unserem Grasland, das er sein eigen nannte, weil er Grünmantel Geld dafür gegeben hatte. Nach ihm kamen noch drei Familien aus Schensi, und sie wohnen hinter dem Hügel. Da fanden unsere Schafe nicht mehr genug Futter, und wenn wir früher zweihundert hatten, besaßen wir nur noch vierzig, als Hagelkorn ein Gasthaus baute.

Es war an einem Neujahrstag, als er es einweihte; und es kam ein Mensch aus Kalgan, der auf ein schwarzes Schild mit goldener Schrift etwas malte, was Fröhliches-Gedeihen hieß. Hagelkorn klebte glückbringende rote Papierstreifen ans Tor der Herberge und sagte, daß er ein guter Nachbar sei. Darum wünsche er, Vater Serrath solle bei der Eröffnung drei Becher wäßrigens Weines mit ihm trinken. ‚Das kann geschehen‘, sagte mein Vater.

Am Neujahrstag ist es bei uns üblich, Verwandte und Freunde zu besuchen. Man reitet im Galopp von Zelt zu Zelt, man trinkt Wein, der aus Stutenmilch gemacht wird, und man ist fröhlich. Wer am weitesten reitet und dazu die wenigste Zeit braucht, hat ein ‚Großes Gesicht‘ für das ganze Jahr. Von seinem Pferd sagt man, es sei ein Enkel von Bosafabo. Bosafabo aber war ein Hengst des Großen Khans, und schon die kleinen Kinder singen Lieder von ihm.

Mein Vater war einer der ersten Pferdehirten des Stammes Tschachar, und er hatte ein nußbraunes Pferd mit einem weißen Stern auf der Stirn wie Bosafabo. Die Herde, die mein Vater hütete, zählte dreihundertsechzig Pferde. Am Neujahrstag ritt er bis zu den Zelten der benachbarten Sunit-Mongolen, und als er zum Weißen-Stein kam, hatte er alle anderen Pferde und alle Reiter weit hinter sich gelassen. Er trank mit Hagelkorn drei Freundschaftsbecher und machte sich in der Nacht auf den Rückweg zu seiner Herde, denn er war ein Märin; das ist einer, der auf dreihundertsechzig Pferde obachtgeben muß. Mein Vater ließ sich auf dem Sattel festbinden, denn er hatte viel trinken müssen; und als er fortritt, sang er von Bosafabo, dem Hengst des Großen Khans. Es schneite, und es wehte, und das Pferd mit dem weißen Stern auf der Stirne wußte den Weg; und es galoppierte, weil kein Pferd am Neujahrstag im Schritt gehen darf. Unterwegs stürzte das nußbraune Pferd in eine Lößrawine, die von einer Schneewehe verdeckt war, und der Gesang meines Vaters endete plötzlich mittendrin. Das Pferd brach ein Bein, und es starb in der Nacht vor Erschöpfung. Mein Vater brach auch ein Bein. Als man ihn fand, lag er halb erfroren unter dem toten Pferd. Das Bein blieb steif, und man nannte ihn nicht mehr Serrath und 80nicht mehr Märin wie vorher; man gab ihm den schmerzlichen Namen Dogolon, der Hinkende. Weil er keine Pferde mehr hüten konnte, verkaufte er die zwölf, die ihm gehörten. Für das Geld erwarb er Kamele.

Wir hatten ohnehin das meiste Grasland an die Chinesen verloren, und so war es gleich, ob wir eine oder zehn Tagereisen weit weg die Kamele weideten. Über die Sommermonate war mein Vater von da an fort. Er führte die Kamele dorthin, wo die Steppe aufhört und wo die Wüste beginnt. In der Steppe gab es grünes Gras und Kräuter, und wenn die Kamele in die Wüste kamen, fraßen sie trockene Derres-Halme und Gelbholz. Sie benagten die Tamarisken, und dabei wurden sie kräftig und fett zugleich. Viele Händler kamen und kauften; wir hatten zu essen, und in der Truhe meines Vaters lagen einige Silberschuhe. Er hatte mit zehn Kamelen begonnen, und wir besaßen zweiundzwanzig, als vor zwei Jahren Grünmantel zu uns kam. Grünmantel war ein reicher Kaufherr geworden, aber es gab Leute, die sich darüber wunderten und die Köpfe schüttelten und ‚Aha‘ sagten und: ‚Wir wissen schon, weshalb‘.

Unsere Kamele waren noch auf der Winterweide ein paar Stunden von hier, und Lo-Tjang und ich waren als Hüter bei ihnen. Lo-Tjang ist der älteste Sohn einer der drei Familien aus Schensi, und weil er arm war, gab ihm mein Vater zwei Silberbatzen im Monat. Dafür hütete er im Winter die Kamele mit mir und im Sommer die Schafe, und wir wurden Freunde. Wir verscheuchten den Wolf, und wir kannten das Grasland und alle guten Brunnen ringsum.

An dem Abend, als Vater Dogolon mit Grünmantel den Handel machte, den er später bereute, kamen beide zu uns auf die Weide. Sie suchten die zehn besten Kamele aus, und als das geschehen war, sagte Grünmantel zu Lo-Tjang: ‚Wer bist denn du?‘ Dabei schob er die Augenbrauen auseinander und versuchte wie ein freundlicher Mensch auszusehen. Lo-Tjang sagte, wer er sei und woher er war. Da tat Grünmantel erstaunt und sagte: ‚Komm einmal her, ich muß dir dies und das sagen.‘ Er nahm Lo-Tjang beiseite und sprach mit ihm, ohne daß wir es hören konnten.

Er sagte: ‚Du mußt ein armer Hund sein, da du bei einem Mongolen Dienst tust. Ich weiß dir eine bessere Stelle. Ein Freund von mir wird dir vier Silberbatzen im Monat geben und gutes Essen. Wenn du geschickt bist, wirst du dir allerhand nebenbei erwerben, aber du mußt verschwiegen sein. Wie denkst du darüber?‘

Da bedachte Lo-Tjang, daß er seinen Eltern schuldig wäre, mehr Geld zu verdienen, und er sagte: ‚Euer Freund kann über mich bestimmen.‘

Am nächsten Morgen ging er mit Grünmantel fort, und mein Vater sagte: ‚So sind die Chinesen. Für Geld verlassen sie ihre Freunde!‘

81

Es war aber nicht so. Lo-Tjang tat, was er als guter Sohn tun mußte, und er vergaß auch uns nicht. Schon am Tag darauf sandte er geheime Botschaft von dem Schneesturm bei Seestadt und von dem großen Kamelsterben, das über Grünmantels Karawane gekommen war. Wir erfuhren, daß unsere verkauften Kamele am Leben waren, und Vater Dogolon ritt nach Seestadt, um mit eigenen Augen die toten zu sehen.

Später, als Grünmantel meinen Vater beim Amban in Kalgan verklagte und als er nacheinander bewaffnete Büttel des Yamen schickte, kam Lo-Tjang immer in der Nacht vorher und warnte uns. Wir schenkten ihm jedesmal ein Lamm, und Lo-Tjang brachte es dem Wirt von den ‚Zwei silbernen Schüsselchen‘, der ihm das Pferd zu dem Ritt geliehen hatte.

Wir konnten die Kamele weit forttreiben, und meine Mutter blieb allein am Weißen-Stein. Sie gab den Yamen-Bütteln ein paar Silberbatzen, damit sie in Kalgan meldeten, daß sie überall gesucht, aber niemand angetroffen hätten. So ging es allezeit gut. Aber jetzt geht es nicht mehr. Es muß anders gehen; aber wie das sein wird, weiß der Himmel. Es fing an, als ich gestern abend die Sonne sah, die gelb war. Ich sah die braune Wolke, und meine zwölf Kamele sahen die Sonne und die Wolke auch. Sie kamen zu mir, ohne daß ich sie rufen mußte, und sie taten alles, damit ich ihre Angst begriffe. Sie schüttelten die Köpfe und warfen dabei die Oberlippe hin und her, als ob sie viel Wasser getrunken hätten. Sie fraßen auch nicht mehr.

‚Ihr klugen Kamele‘, sagte ich, ‚es wird Schnee vom Himmel fallen. Wir wollen zum Weißen-Stein gehen, damit ich euch mit Filzdecken vor der Kälte bewahre.‘

Ich sattelte eine flinke Stute, und bei Sonnenuntergang kamen wir daheim an. Vater Dogolon lobte meine Vorsicht, und ich lobte die Kamele. Während wir sie für die Nacht an eine Leine banden, kam ein langer Zug mit vornehmen Leuten, die es eilig hatten. Voran ritt ein Bannerträger, dann kam einer mit einem großen runden Schirm, obgleich die Sonne nicht mehr schien. Hinterdrein ritten Männer mit roten Fransen auf den Hüten, und das waren Beamte des Belin-Wang, der ein König ist. Hohe Lamas waren unter ihnen und ein junger Mann auf einem weißen Pferd; und sie begleiteten einen herrlichen Wagen, den ein Kamel zog. Sie suchten Zuflucht vor dem nahenden Sturm, und Hagelkorn lud sie freundlich ein, bei ihm zu bleiben.

Ich bat Vater Dogolon, mich eine Weile ins Gasthaus zu lassen, weil ich alles sehen wollte, was es zu sehen gab. Er erlaubte es mir, und ich lief hin, und ich sprach mit dem Wärter der Kamele. Er sagte mir, der Lebende Gott vom Kloster Belin-Sum sei gekommen, und er heiße Jolleros-Lama. Er fährt in dem schönen Wagen mit den langen Deichseln, 82den ein Kamel zieht, und neben ihm reitet der älteste Sohn des Königs der Belin-Mongolen auf einem weißen Pferd.

Gestern abend konnte ich den Gegen und den Prinz nicht mehr sehen. Sie waren schon in dem schönen Zimmer, wo sie auf dem warmen Kang lagen und sich ausruhten. Weil ich aber den Fußfall vor Jolleros-Lama machen und seinen Segen haben wollte, blieb ich im Hof, bis das Tor geschlossen wurde. Dann begann es zu schneien, und ich verkroch mich unter den großen runden Schirm, den man vor Königen und Heiligen herträgt, auch wenn die Sonne nicht scheint. Ich war schon eingeschlafen, als ihr kamt, und anfänglich hatte ich Furcht vor dem schrecklichen Gebrüll, das der Wagen machte.

Einen Wagen, der von selber geht, hatte ich noch nie gesehen, und eigentlich war ich dem Himmel dankbar für so viele Neuigkeiten auf einmal. Geschwind machte ich ein kleines Loch in den Schirm. Da sah ich den Wagen, und ich sah den fremden Soldat mit der Pistole, und Hagelkorn, der Angst hatte, und Grünmantel, der zornig war. Als sie weggingen, merkte ich, daß noch wer auf dem Wagen sei. Ich schaute genau, und ich sah eure Köpfe über dem Wagenrand, und ich hörte euch sprechen.

Einer von euch sagte: ‚Wie sollen wir da Dogolon finden?‘

Welche Freude! dachte ich, hier sind Freunde, und ich muß sie begrüßen!

Also lief ich geschwind über den Hof, und ich zog meine Stiefel aus, damit ich besser auf den Wagen klettern konnte, und jetzt bin ich bei euch, und das ist alles.“

„Du mußt uns noch erzählen“, bat Großer-Tiger, „warum ihr die Jurte abgebrochen habt, die so lange am Weißen-Stein stand, und was dein Vater jetzt vorhat.“

„Als ich euch verließ, mußte ich über die Hofmauer klettern. Dann lief ich heim, und Vater Dogolon sagte: ‚Du kommst spät.‘

Ich rieb mir die Füße warm und berichtete derweil, was ich wußte.

Mein Vater sagte: ‚Hamma-guä!‘, und dann weckte er die Mutter.

Als sie alles erfahren hatte, sagte Mutter: ‚Du wirst gleich die Jurte abbrechen und einpacken.‘

Dogolon erschrak heftig, und ich erschrak noch mehr, aber wir ließen uns nichts anmerken.

‚Bolna, es wird geschehen‘, sagte Dogolon.

‚Bator‘, fuhr meine Mutter fort, ‚wird die Kamele satteln, und ich werde zu den Schensi-Leuten hinter den Hügel gehen und ihnen die Schafe gegen Mehl verkaufen. Es wird ein schlechter Tausch sein, aber wir können die Schafe nicht mitnehmen, weil wir zum Edsin-Gol ziehen.‘

‚Bolna‘, sagte Dogolon, ‚es wird geschehen.‘

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‚Wenn alles fertig gepackt ist‘, setzte uns Mutter auseinander, ‚werden wir mit dem Aufladen warten, bis die Leute des Gegen aufbrechen. Wir werden um die Erlaubnis bitten, ein Stück Wegs mit ihnen zu ziehen. So verwischen sich unsere Spuren mit den ihren, und Grünmantel wird nicht herauskriegen, wo wir sind. Er würde es auch nicht wagen, etwas von uns zu fordern, solange wir in der Gesellschaft des heiligen Mannes reisen. Es gefällt mir schon lange nicht mehr am Weißen-Stein, und so wollen wir weit fort, bis dahin, wo das Land frei ist, und wo es keinen Amban gibt, der ungerechte Urteile spricht. Am Edsin-Gol lebt Großvater Naidang, und er wird uns willkommen heißen. Er hat das Ohr des Torgot-Wang, wir werden bessere Weideplätze für die Kamele haben.‘

Von diesen Worten war mein Vater überwältigt. Er kniete vor meiner Mutter nieder und sagte: ‚Es ist alles zum besten gediehen, und der Himmel weiß, was er tut.‘

Dann gingen wir an die Arbeit, und wir packten und verschnürten unsere Habe. Wir arbeiteten bis zur Stunde des Tigers. Da waren wir fertig, und ich sagte: ‚Jetzt muß ich gehen und meinen Freunden zwei Worte sagen. Sie warten auf mich.‘

‚Geh‘, sagte meine Mutter, ‚und wenn der heilige Mann in den Reisewagen steigt, so wirf dich vor ihm aufs Knie, bitte ihn um seinen Segen und um die Gnade, daß wir eine Zeitlang mit ihm ziehen dürfen.‘

‚Ich werde tun, wie du sagst‘, erwiderte ich und ging fort. Dann bin ich über die Mauer geklettert. Es ist alles zum besten gediehen“, sagte Bator.

Sechzehntes Kapitel
von dem Ring, der seinen Herrn sucht

Die Geschichte Bators hatte Christian und Großer-Tiger betrübt gemacht. Sie hatten noch nie von den Tschachar-Mongolen gehört, die durch die chinesischen Einwanderer von ihren Weideplätzen vertrieben wurden und sich in die magere Steppe bis an den Rand der Wüste zurückziehen mußten. Selten genug hatten Christian und Großer-Tiger in den Straßen Pekings einen Mongolen gesehen, der die fremden Schätze der Kaufläden bestaunte. Er trug ein farbiges Gewand, hielt eine Gebetskette in der Hand, und wenn er in den schweren Reiterstiefeln weiterschaukelte, hatten sie ihm verstohlen nachgeblickt, und die Erwachsenen hatten gelächelt und achselzuckend gesagt: „Ein Barbarchen!“

„Du hast unser Herz beschwert“, sagte Großer-Tiger bekümmert.

„Hamma-guä!“ rief Bator, „wir Tschachar-Mongolen haben wenig mehr Grasland, aber viel genug Wüste. Überall fröhlich sein wie Vogel Lerche.“

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„Aber in der Wüste ist es heiß“, sagte Christian, und er gab Großer-Tiger einen freundschaftlichen Rippenstoß.

„Große Hitze nicht anwesend“, erklärte Bator, „jetzt viel mächtig kalt in Wüste und freundliche Sonne schwach. Vater Dogolon sagen, wir zwei Monde zum Edsin-Gol wandern etwa, dann erst schön warm. Jetzt aber gute Reisezeit sein. Hasenmond ist kalt und Drachenmond kühl. Kamele brav gehen da und nicht müde werden.“

Großer-Tiger gab Christian den Rippenstoß zurück, und das hieß soviel als: „Hast du es gehört?“ Laut sagte er: „Wir fahren auch zum Edsin-Gol, aber wir sind früher dort, wenn die Speichen nicht von den Rädern fallen.“

„Keine Befürchtung wirkliche vorhanden“, behauptete Bator, „heute sehr guter Reisetag und morgen auch. Du wieviel Tage reisen?“

„In fünf oder sechs Tagen werden wir dort sein, sagt Glück.“

„Dieser Glück Soldat mit kleinem Gewehr sein etwa?“

„Ja“, sagte Christian, „er ist ein Soldat des Generals Wu, und er fährt den Wagen, der von selber geht, und im Gürtel hat er eine Pistole.“

„Gut oder schlecht Mensch?“ fragte Bator.

„Halb gut“, sagte Großer-Tiger.

„Und Grünmantel auch mit euch fahren etwa?“

„Wir wissen es nicht“, gab Christian zu; „Glück sagt, Grünmantel fahre ein Stück Wegs mit uns. Wo dieses Stück Weg zu Ende sein wird, hat er nicht gesagt.“

„Das herauskriegen sehr wichtig sein. Wir gleich diese Arbeit ausgezeichnet beginnen.“

Christian staunte, und Großer-Tiger sagte: „Da ist keine Hilfe. Wir wagen nicht zu fragen.“

„Fragen nicht gut“, erklärte Bator, „besser viel erfahren ohne Fragen, Mensch Wahrheit leicht sagen, wenn gut geschlafen etwa.“

Christian und Großer-Tiger schauten sich verdutzt an; sie wußten nicht, wohinaus Bator wollte, der freundlich grinsend dasaß und behauptete: „Sobald Sonne aufgeht, wir genau wissen sehr wünschenswerte Auskunft.“

Während er das sagte, wurde es im Hof lebendig. Ein Mann ging mit einem Windlicht zu den Kamelen. Sie wurden unruhig; einige sprangen auf, aber der Mann redete mit ihnen, und wenn es welche gab, die sich nicht wieder legen wollten, schrie er sie an: „Zuck, zuck, zuck, zuck!“ Da legten sie sich und bekamen einen Beutel um den Kopf gehängt.

„Was ruft der Mann?“ fragte Christian.

„Er ‚Zuck, zuck!‘ vielmals sagen“, erklärte Bator, „da verstehen Kamel, daß muß sich legen sogleich.“

„Bekommen sie was zu fressen?“

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„Kriegen bißchen weiche Bohnen, weil Belin Prinz und Gegen reisen geschwind. Das sehr gut, wenn Mensch haben Geld dazu. Wir Tschachar-Mongolen haben kein Silber für Bohnen. Unsere Kamele fressen, was finden, dabei werden schlau wie Fuchs etwa. Das kosten gar nichts. Aber jetzt ich bitten weitherzig entschuldigen mich, da fortmüssen.“

„Dürfen wir mit dir gehen?“ fragte Großer-Tiger.

„Bolna“, sagte Bator, „sehr große Verehrung erweisen heiligem Mann Jolleros-Lama. Das gut für alle Fälle.“

Großer-Tiger schaute Christian an, und Christian fragte: „Was müssen wir sagen?“

„Ihr gar nichts sagen, ich sehr gute Worte sprechen für alle. Ihr nur hübsch niederknien wie Kamel etwa.“

„Bolna“, sagte Christian; und Großer-Tiger sagte: „Wir werden einen Fußfall der Verehrung machen und ‚Zehntausendfaches Glück‘ wünschen.“

Bator nickte zufrieden.

Darauf zogen Großer-Tiger und Christian die Stoffschuhe mit den Filzsohlen an, und als sie fertig waren, murmelte Bator beifällig: „Für vorhabende Arbeit diese Art Schuhe sehr ausgezeichnet gut, viel besser als meine.“

Dann kletterten alle drei vom Wagen herunter, und da standen zwei hohe schwarze Reiterstiefel, und Bator schlüpfte hinein. An den Spitzen waren sie aufgebogen wie kleine Kähne, und die Schäfte waren mit grünem und braunem Leder verziert.

„Du und du“, ordnete Bator an, „am Wagen von Gegen warten. Ich noch mit Kamelmann zwei Worte reden und dann auch kommen.“

Aus einem der Räume unter dem Vordach schimmerte Licht. Der flackernde Widerschein eines Feuers lief an dem Papierfenster auf und nieder. Dort war die Küche. Man hörte Stimmen, aber die Stimmen sprachen mongolisch, und nur wenn Hagelkorn etwas auf chinesisch sagte, antwortete man ihm ebenso.

Christian und Großer-Tiger blieben stehen.

„Hier ist der Tee für die Exzellenzen“, hörten sie Hagelkorn sagen, „und dann die Tassen für die höchsten Herrschaften.“

„Wir brauchen deine Tassen nicht“, wurde ihm geantwortet, „der Gegen und der Prinz haben Silberschalen bei sich.“

„Ich muß mich wegen Vergeßlichkeit tadeln; selbstverständlich haben die Fürsten silberne Schälchen oder goldene. Aber wie wäre es mit einem oder zwei Blättchen Safran für langes Leben?“

„Du kannst sie auf den Teller legen; jetzt mach die Tür auf!“

Christian und Großer-Tiger merkten, daß es Zeit war, zu verschwinden. Sie eilten unter dem Vordach entlang, und als sie schon an zwei 86Türen vorbeigelaufen waren, stolperten sie über die langen Deichseln eines Karrens, die in den überdachten Gang hereinragten.

„Das Fuhrwerk des Gegen!“ flüsterte Christian und blieb stehen.

„Einsteigen!“ sagte Großer-Tiger entschlossen, „es gibt keine Hilfe.“

Er kletterte behend voran, und Christian folgte mit klopfendem Herzen, weil er befürchtete, der Karren müsse jeden Augenblick nach hinten überkippen.

„Keine Angst“, flüsterte Großer-Tiger, „ich habe nachgesehen; hinten hat er eine Stütze.“

Der Karren war fest und plump gebaut und hatte zwei große gebuckelte Räder. Statt der üblichen Seitenwände trug er einen Aufbau, der wie ein Häuschen war, das nach vorne offenstand. Rechts und links gab es winzige Fenster, vor denen dunkle Vorhänge hingen. Im Innern des Häuschens lag eine Menge Kissen, auf die Christian und Großer-Tiger sich setzten. Sie hätten sich behaglich gefühlt, wenn ihnen nicht eingefallen wäre, daß am Ende einer kommen könnte und ein Geschrei machen würde, wenn er sie im Fuhrwerk des heiligen Mannes entdeckte.

Sie hätten nicht einmal fortlaufen können.

„Es gibt keinen Ausweg“, sagte Großer-Tiger, „wir sind wie die Grille im Käfig.“

„Still!“ sagte Christian, „es kommt wer.“

Man hörte die schlurfenden Schritte mongolischer Reiterstiefel, und plötzlich sah Christian, daß gegenüber eine Tür war, und Großer-Tiger durchfuhr bei der gleichen Entdeckung ein jäher Schrecken. Kaum drei Schritte trennten sie von der Schlafkammer Jolleros-Lamas und des Belin-Prinzen. Es blieb keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, denn es kamen zwei Männer in langen Gewändern mit breiten Schärpen um den Bauch und mit Fuchsfellmützen auf dem Kopf. Einer trug eine dampfende Teekanne, der andere ein Tablett mit verschiedenen Schüsselchen. Sie traten ohne weiteres in die Kammer ein und schlossen die Türe hinter sich. Christian und Großer-Tiger hörten Begrüßungsworte; sie sahen auch, daß Licht gemacht wurde, und als sie anfingen, sich zu überlegen, ob sie nicht doch lieber ihr Versteck mit einem andern vertauschen sollten, traten die beiden Männer wieder aus der Kammer. Sie wären weitergegangen, aber da kam Hagelkorn gelaufen und fragte: „Wie fühlen sich die Exzellenzen? Haben sie gut geschlafen?“

„Sie haben gut geschlafen.“

„Und der Tee? Was sagen sie zu meinem Blattspitzen-Teechen?“

„Sie sagen nichts. Der Prinz steht eben auf, und der Gegen betet seit einer Stunde.“

„Vielleicht auch ein bißchen für mich?“

„Er betet für das Wohl aller lebenden Wesen.“

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„Ich denke“, sagte Hagelkorn, „man könnte dabei kleine Ausnahmen machen.“

„Es gibt keine Ausnahme“, sagte einer der Männer streng. Er trug das rote Gewand eines Lama-Priesters. Und er wandte sich ab, gab seinem Begleiter ein Zeichen, und beide entfernten sich nach der Küche.

Hagelkorn schaute ihnen nach, und als die Schritte verklungen waren, zuckte er geringschätzig mit den Achseln und näherte sich dem Karren. Offenbar wollte er etwas Verbotenes tun, denn er blickte noch einmal verstohlen in die Runde, ob ihn auch keiner beobachte. Dann machte er einen Schritt vorwärts, und dann noch einen; und als er den dritten machen wollte, um den neugierigen Kopf in das Häuschen zu strecken, flog ihm ein schwarzes rundes Ding ins Gesicht. Obgleich es weich war und nicht weh tat, erschrak er fürchterlich und ließ sich mit einem Schrei zu Boden fallen.

Im selben Augenblick gab es ein Gerumpel, und zwei dunkle Gestalten kamen aus dem Karren. Großer-Tiger und Christian waren in Eile; darum konnten sie auf den zwischen den Deichseln liegenden Hagelkorn nicht besonders achtgeben. Einer trat ihm auf die Brust, der andere ins Gesicht, und Hagelkorn, dem so eine Behandlung noch nicht vorgekommen war, hielt sich für verloren. Er schloß die Augen und blieb liegen.

Auf den Schrei Hagelkorns hatte sich die Tür gegenüber geöffnet, und der junge Mongolenprinz trat aus der Kammer. Aus der Küche kamen Leute gelaufen, und einer fragte den andern: „Was gibt's? Was ist los?“ Weil es aber noch völlig Nacht war, bemerkte niemand den halb unter dem Karren liegenden Hagelkorn, und alle schwatzten durcheinander.

„Wir wissen es nicht“, sagten die Leute aus der Küche.

„Wir sehen keinen“, sagte der Prinz.

„Aber es hat wer geschrien“, entschied der Lama, der keine Widerrede duldete.

Jetzt kam der Kamelmann mit dem Windlicht, und hinter ihm drein marschierte Bator.

„Hier liegt der, der geschrien hat!“ rief er.

„Es ist Hagelkorn“, sagte der Kamelmann und schwenkte das Windlicht. „Hierher, ihr Männer!“

„Steh auf!“ befahl der Mongolenprinz; „fehlt dir etwas?“

„Ich bin tot“, sagte Hagelkorn sanft.

„Du irrst“, versicherte der Prinz, „du hast die Welt noch nicht verlassen.“

„Zu neun Zehnteln bin ich gestorben“, behauptete Hagelkorn hartnäckig und ächzte.

88

Der mitleidige Kamelmann kniete neben ihm nieder. „Du mußt“, riet er ihm, „deine Glieder der Reihe nach probieren. Wenn du alle bewegen kannst, ist es nicht schlimm.“

„Es gibt keine Hilfe“, wimmerte der Wirt vom „Fröhlichen Gedeihen“.

Trotzdem versuchte er sich aufzurichten. Als er merkte, daß es ging, zog er die Beine an; und als das auch ging, stand er auf.

„Ich lebe“, sagte er erleichtert; „aber es war fürchterlich.“

„Was war fürchterlich?“ fragte der Prinz.

„Der neunschwänzige Fuchs“, berichtete Hagelkorn, „war da. Er fuhr auf mich los, als ich zwischen den Deichseln des Wagens stand und die Sterne zählte. Er warf mir einen entsetzlichen Stein an den Kopf, davon bin ich ohnmächtig geworden, und dann bin ich umgefallen wie ein Stück Sack. Darauf stampfte mir der Fuchs ins Gesicht, und da bin ich gestorben bis jetzt. Ich sage zehntausendfachen Dank für große Hilfe und Lebensrettung.“

„Hier ist der Stein!“ rief Bator und hob das Kissen auf, das im Schnee gelegen hatte.

Alle lachten; aber Bator bereute schnell sein vorschnelles Wort, denn der Belin-Prinz gebot Ruhe und sagte: „Es ist wer im Wagen seiner Heiligkeit gewesen.“

Bator erschrak; er konnte sich denken, wer das gewesen war, und die Leute aus der Küche sagten: „Man muß schauen, wo der Kerl steckt.“

„Man muß ihn sofort suchen“, befahl der Lama streng.

„Nein“, sagte Bator, und er trat dem Kamelmann wie aus Versehen geschwind auf den Fuß, „man muß ihn nicht suchen. Ich bin es gewesen.“

„Du?“ fragte der Kamelmann verwundert. Aber da trat ihm Bator noch einmal auf den Fuß, und der Kamelmann schwieg.

„Du?“ fragte der Prinz, und dabei blickte er auf Bator und dann wieder auf Hagelkorn; und als er beide angeschaut hatte, mußte er lachen. „Du bist also der neunschwänzige Fuchs, der andern Leuten ins Gesicht stampft?“

„Ich stampfte aus Versehen“, sagte Bator kleinlaut, „und ich bitte um Nachsicht, weil es so dunkel war.“

„Dafür gibt es keine Nachsicht“, rief der Lama, „es ist gegen den Anstand, wenn man in den Wagen des Gegen steigt. Man muß dem Verbrecher Stockhiebe geben.“

Bator wurde ängstlich. Er schaute auf den Prinz, doch der Prinz lachte nicht mehr, und es sah ganz so aus, als ob ein peinliches Gericht stattfinden würde.

Da kam plötzlich Großer-Tiger, der hinter der nächsten Säule des Vordachs gesteckt hatte, gelaufen, und nach ihm kam Christian gerannt, 89der hinter der übernächsten Säule gestanden hatte, und beide beugten artig ihre Knie vor dem Belin-Prinzen und riefen miteinander: „Gerechtigkeit!“

„Wer seid ihr?“

„Dieser ist Kompaß-Berg, und ich bin Großer-Tiger, und wir haben uns in den Wagen verkrochen, weil …“

„Weil es so kalt war“, sagte Christian.

„Und weil wir dem Gegen einen Fußfall der Verehrung machen wollten“, sagte Großer-Tiger.

„Deswegen hättet ihr euch nicht verstecken müssen“, bemerkte der Prinz.

„Manche Leute“, setzte ihm Großer-Tiger auseinander, „brauchen nicht zu wissen, daß wir schon wach sind und herumlaufen. Wir sollten nämlich noch schlafen.“

„Diese Sache scheint schwierig“, sagte der Prinz; „steht auf!“

„Wir wagen es nicht“, entgegnete Großer-Tiger.

„Steht trotzdem auf“, befahl der Prinz, „ihr seid höfliche Menschen, das macht vieles wieder gut.“

„Aber nicht dieses“, rief der Lama und schlug sein rotes Gewand empört über die Schulter.

„Es ist noch nichts entschieden“, erklärte der Prinz. „Wir wissen nicht, wer im Wagen war, einer, oder zwei, oder drei, oder am Ende keiner. Wir haben Uns jedoch entschlossen, diese Verwicklung sofort zu entwirren. Geht alle an eure Arbeit! Ihr drei kommt mit mir!“

„Wir hören und gehorchen“, sagten Großer-Tiger und Christian.

„Bolna!“ murmelte Bator für sich, „es wird gewiß schiefgehen.“

„Hast du was gesagt?“ fragte der Prinz; und weil er mongolisch fragte, merkte Bator, daß er gemeint sei.

„Ich habe gesagt, daß ich Eurer Herrlichkeit dankbar bin.“

„Wir denken vielmehr“, sagte der Prinz, „daß du ein Schlingel seist.“

Er öffnete die Tür der Kammer, trat ein, und nach ihm kam Großer-Tiger; dann kam Christian, und zum Schluß Bator. In der Kammer war es warm, ein trübes Talglicht brannte, und als der Prinz zur Seite trat, sahen Christian und Großer-Tiger einen Kang. Bator schlug die Augen nieder, und darum sah er nur ein bißchen schwach beleuchteten Fußboden. Der Kang war mit schönen Teppichen belegt, und auf den Teppichen saß aufrecht und unbeweglich ein sehr alter Mann im roten Lamagewand. Sein kahler Kopf war leicht nach vorn geneigt, und durch die Finger glitt die Perlenkette der Andacht.

„Wie der Nephrit Kaiser in Peking“, flüsterte Großer-Tiger.

„Nur nicht so dick“, sagte Christian leise.

Bator, der bisher im Hintergrund gestanden hatte, drängte sich vor 90und warf sich dem Greis zu Füßen. Da beugten auch Christian und Großer-Tiger ihre Knie zum Fußfall der Verehrung. Jolleros-Lama unterbrach sein stummes Gebet; die Perlenkette hörte auf, durch die Finger zu gleiten, und es wurde ganz still.

„Drei Knaben sind gekommen“, sprach der Belin-Prinz, „sie bitten um den Segen für lange Wanderschaft.“ Er sprach chinesisch, um dem Gegen anzudeuten, daß Christian und Großer-Tiger das Mongolische nicht bekannt sei.

Jolleros-Lama erhob sich. Er war groß, hager und sehr ernst, und seine Augen waren dunkel. Als er die Hand zum Segen auf die verwirrten Knabenköpfe gelegt hatte, sprach er: „Steht auf, meine Kinder!“

Es klang wie ein Befehl, und Christian und Großer-Tiger folgten sogleich. Nur ein geschwindes: „Wir wagen es nicht“ murmelten sie.

„Du da“, sagte der Gegen auf mongolisch zu Bator, „hörst du meine Rede?“

„Ich höre sie“, antwortete Bator, ohne aufzuschauen.

„So tu, was ich dir sage. Wir sind allein. Du brauchst meinen Stockmeister nicht zu fürchten.“

„Es ist gegen jedes Herkommen“, entschuldigte sich Bator und stand auf; doch hielt er den Kopf geneigt, die Augen geschlossen, und die Fäuste legte er wie zum Gruß vor die Brust.

„Bolna“, sagte Jolleros-Lama lächelnd, „ich tadle deine Beharrlichkeit nicht.“ Dann besann er sich und sprach: „Wir wollen chinesisch reden, damit jeder das Wort des anderen verstehe. Sprichst du diese Sprache?“

„Ich ausgezeichnet gut sprechen Reich-Mitte-Sprache“, sagte Bator.

Der Belin-Prinz war nahe daran, zu lachen, aber er unterdrückte es, und Jolleros-Lama setzte sich wieder auf den Kang.

„Wir haben hier drei angehende Übeltäter“, sagte der Prinz, „aber Wir wissen nicht, wer wirklich einer ist.“

„Es sind diese beiden“, sprach der Gegen.

Großer-Tiger und Christian erschraken, denn sie hatten oft gehört, daß hohe und alte Lamas mehr wissen als andere Menschen.

Der Gegen lächelte. „Die Sache ist einfach“, sagte er; „ich hörte, wie ihr gelaufen kamt. Vor meiner Tür seid ihr über die Karrendeichseln gestolpert, und dann sagte einer von euch: ‚Es ist das Fuhrwerk des Gegen.‘“

„Das war ich“, sagte Christian.

„‚Einsteigen‘, flüsterte der andere, ‚es gibt keine Hilfe.‘“

„Das war ich“, gab Großer-Tiger zu.

„Ich weiß noch mehr“, sagte Jolleros-Lama. „Der Prinz hat euch nach euren Namen gefragt, und so erfuhr ich, wie ihr heißt; mein Stockmeister 91hat mir berichtet, was er von dem Wirt Hagelkorn erzählt bekam, und so ist mir von eurer Fahrt mit dem Soldaten Glück vieles bekannt geworden, ohne daß ich einen Schritt gehen oder euch fragen mußte. Aber etwas weiß ich nicht, und es ist vielleicht gut, wenn ihr es mir sagt.“

„Wir sagen alles“, erklärte Großer-Tiger.

„Nur eines nicht“, entfuhr es Christian.

„Wahrscheinlich ist es gerade das, was ich wissen möchte“, sagte der Gegen freundlich. „Wohin fahrt ihr mit dem Wagen, der von selber geht und der dem General Wu gehört?“

Christian atmete erleichtert auf, und Großer-Tiger sagte: „Wir fahren durch die Wüste bis nach Urumtschi.“

„Das ist ein weiter Weg, meine Kinder“, sagte Jolleros-Lama, „und ihr müßt achtgeben, weil ihr einen Mann bei euch habt, von dem ich nichts Gutes hörte.“

„Das Grünmantel sein, sehr schlechter Mensch etwa“, bestätigte Bator.

„Schweig!“ rief der Belin-Prinz, „und sprich, wenn du gefragt wirst!“

Bator schwieg zerknirscht und senkte den Kopf noch mehr; aber der Gegen sagte: „Laßt ihn, Prinz, ich sehe, er hat etwas auf dem Herzen. Er wird es mir gleich sagen, aber ich möchte der Reihe nach fragen. Großer-Tiger hat mir geantwortet, und jetzt frage ich seinen Freund Kompaß-Berg. Komm zu mir, mein Kind, und sage mir leise, wenn du es nicht laut sagen willst, warum euch der General Wu mit dem Soldat nach Urumtschi schickt?“

Christian erschrak von neuem und suchte in großer Angst nach einer Antwort. Er hätte es unmöglich fertiggebracht, den Gegen anzulügen; und der Gegen, das wußte er, hätte jede Unwahrheit bemerkt. Am liebsten hätte Christian geschwiegen und den Kopf gesenkt wie Bator.

„Der General Wu-Pei-Fu“, stotterte er schließlich, „schickt uns auf einem Umweg nach Hause. Wir sind nämlich aus Peking, aber dort ist eine große Schlacht, und weil das gefährlich für Jungen ist, müssen wir über Urumtschi fahren.“

Der Gegen lächelte mild. „Du hast die Wahrheit gesprochen, Kompaß-Berg, aber nicht die ganze Wahrheit. Du verbirgst etwas vor mir.“

„Der General Wu“, sagte Christian, „hat mir nicht erlaubt, darüber zu sprechen.“

„Dann gibt es keine Hilfe“, sprach der Gegen. „Bewahre dein Geheimnis, aber bewahre es besser als vor mir. Sollte wieder einmal wer fragen, weshalb dich der General Wu nach Urumtschi schickt, so darfst du nicht verlegen werden. Antworte ohne Zögern, damit man dir Glauben schenke. Mir ist dein Geheimnis bekannt, und wahrscheinlich weiß 92ich mehr davon als du, denn der General Wu ist mein Freund, und seine Gedanken sind mir nicht verborgen. Darum will ich dir und Großer-Tiger meinen schwachen Arm zur Hilfe leihen. Ich habe einen Ring, den ich seit zwanzig Jahren trage, obgleich er mir nicht gehört. Jetzt spüre ich, daß die Zeit gekommen ist. Der Ring sucht seinen Herrn. Nimm ihn von mir und gib ihn dem, der danach mit großem Verlangen begehrt. Er wird euch hilfreich sein, wenn ihr in Not seid.“

Bei diesen Worten streifte Jolleros-Lama einen Silberreif vom Finger und reichte ihn Christian, der sich sehr tief verbeugte.

„Am rechten Daumen wird er dir passen“, sagte der Gegen.

Christian probierte, und es war so, wie Jolleros-Lama gesagt hatte.

„Aber“, fragte Christian verlegen, „wie soll der Ring seinen Herrn finden, wenn ich nicht weiß, wie der Herr des Ringes aussieht? Am Ende sagt einer: ‚Gib her‘, und es ist der Falsche.“

„Setzt euch zu mir“, sprach Jolleros-Lama, „ich muß leise mit euch reden, denn die Wände könnten Ohren haben.“

Christian und Großer-Tiger kletterten auf den Kang; Christian setzte sich links, und Großer-Tiger setzte sich rechts neben den Gegen.

„Ein Platz ist noch frei“, bemerkte Jolleros-Lama zu Bator; „setz dich mir gegenüber, mein Sohn, und sage mir, wer du bist.“

„Mein geringer Name Bator sein, Sohn von Vater Dogolon und Sohnessohn von Großvater Nicht-gibt-es-nicht. Das alles wie Windhauch etwa, der vorüberwehen, und nicht wert sein, zu reden davon.“

Während Bator das sagte, schien es, als ob der Gegen einen Augenblick überrascht auf Bator blickte; doch er sprach ruhig wie zuvor: „Schau mich an, Sohnessohn des Mannes Nicht-gibt-es-nicht. Hier ist der Platz, auf den du dich setzen sollst.“

„Große Ehrfurcht sagen: Nein“, erwiderte Bator, „Herz sagen: Ja“, und er schlug zaghaft die Augen auf. Dann setzte er sich gehorsam auf den ihm angewiesenen Platz.

„Prinz“, sprach Jolleros-Lama, „ich danke Euch, daß Ihr mir die drei Übeltäter zugeführt habt. Hört auch Ihr, wie sich in dieser Stunde fügt, was lange Jahre trennte.“

Der Belin-Prinz verneigte sich leicht und sagte leise: „Wir vernehmen in Ehrfurcht Eure Worte.“

„Vor zwanzig Jahren“, sprach Jolleros-Lama, „reiste ich nach Urga zum Fest der Sieben Staaten. Auf allen Wegen ritten fröhliche Menschen in seidenen Gewändern und auf ihren besten Pferden. Am vierten Tag rastete ich mit meinen Begleitern am Brunnen Gelber-Hügelriß. Dort traf ich einen jungen Mann, der traurig war, und seine Augen blickten finster, denn er hatte einen schrecklichen Eid geschworen, viele Menschen zu töten als Vergeltung für das, was ihm widerfahren war.

93

Er trat in mein Zelt, und ich sagte: ‚Du verfinsterst das Licht, so lebt kein Edler.‘

Aber der Mann schwieg.

Ich sagte: ‚Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben.‘

Da warf sich der Mann zu Boden, zog einen Ring vom Finger und sagte: ‚Nimm diesen Ring des Zorns, bei dem ich mit zwanzig anderen geschworen habe, aber verlange nicht mehr von mir.‘

Ich betrachtete den Ring, und es war eine Schlange aus Silber, die sich in einem Doppelreif um den Finger wand.

‚Die Schlange‘, sagte ich, ‚ist nicht allein das Bild des Zorns; die Schlange ist auch ein verachtetes Tier, weil sie an der Erde kriecht, und so ist sie das Bild der demütigen Bescheidenheit. Ich will deinen Ring tragen, damit ich stets der Demut eingedenk bleibe.‘ Da weinte der Mann, und ich wußte, daß er den Ring um der neuen Deutung willen gern wiedergehabt hätte. Er wurde sanft wie der Wind, und in diesem Augenblick lag sein Leben vor mir wie ein offenes Buch. ‚Ich will dir den Ring wiedergeben‘, sagte ich, ‚wenn meine Tage gezählt sind. In der Stunde, da du die demütige Schlange wieder in Händen hältst, gedenke meiner als eines, der aus der Welt ging.‘“

Jolleros-Lama schwieg, und alle schwiegen.

Christian betrachtete heimlich den Ring, der eine Schlange war, und er freute sich nicht mehr so viel darüber wie vorher. Der Belin-Prinz schlug die Fäuste vor das Gesicht, weinte und sprach mongolisch, und Bator erzählte später, er habe gesagt: „Mit Euch wird das Licht in die Erde sinken; wie sollen wir da weiterleben?“

Jolleros-Lama erwiderte nichts auf die Klage des Prinzen. Er sagte einfach:

„Das ist die Geschichte des Ringes; sie ist aber noch nicht zu Ende. Der Mann dankte mir und wollte weiterreiten, doch ich sagte: ‚Warte noch eine Stunde. Du hast mir einen Ring gegeben, ich will dich nicht ohne eine Gegengabe ziehen lassen. Weil ich aber nichts besitze, mußt du bleiben, bis einer kommt und mir etwas schenkt.‘ Wir setzten uns, und wir tranken Tee, und nach einer Stunde kam ein fröhlicher Mensch auf einem Kamel. Er sang, und als er mein Zelt sah und von meinen Begleitern erfuhr, wer ich war, stieg er ab und bat mich um den Reisesegen. Ich gab ihn gerne, und ich fragte den Fröhlichen, wie er heiße. ‚Ich bin Nicht-gibt-es-nicht‘, sagte der Mann, ‚und ich danke für kräftigen Segen, so kann ich immer vergnügt sein.‘

‚Nicht-gibt-es-nicht‘, fragte ich, ‚hast du mir etwas mitgebracht?‘ ‚Ich bitte um Entschuldigung für große Vergeßlichkeit‘, rief Nicht-gibt-es-nicht und griff in seinen Gürtel. Dort verwahrte er ein kleines Buch, und in dem Buch lagen drei trockene Fliederblätter. Er gab sie mir, und 94er sagte, daß er sie von dem heiligen Baum in Kumbum gepflückt habe, und obwohl er nur eines habe nehmen dürfen, seien es auf einmal drei gewesen, und er wisse nicht, wie das geschehen sei. Ich nahm die Blätter und sagte zu dem Mann, der traurig war: ‚Nimm dieses Blatt mit dir, damit du weißt, daß es fröhliche Menschen gibt, die ohne Arg sind.‘ Das zweite Blatt gab ich Nicht-gibt-es-nicht zurück, und ich sagte: ‚Du Schalk bedarfst keiner Ermahnung; bewahre das Blatt, bis du eines Tages in das Schnell-Schwarzwasser-Tal kommst, dann magst du es in den Wind werfen.‘ Er verstand nicht, was ich meinte, und ich war froh darüber und behielt das dritte Blatt für mich. Heute morgen entfiel es meiner Hand, und als ich es aufheben wollte, zertrat ich es aus Ungeschick. Da stand mit einemmal vor meinen Augen, was am Gelben-Hügelriß geschehen war, und darum habe ich es euch berichtet. Ein anderer wird das Fehlende dazutun.“

„Aber wenn ein Falscher den Ring haben will?“ fragte Christian wieder, „wie soll ich das machen?“

Jolleros-Lama lächelte. „Du hast an einer Botschaft schwer genug zu tragen“, sagte er; „es war unklug von mir, dir eine zweite aufzubürden.“

Christian wurde rot und schämte sich sehr, und der Gegen befahl: „Gib den Ring deinem Freund Großer-Tiger. Er hat ohnehin einen viel zu prächtigen Namen, so kann ihm eine Minderung durch die Schlange nur nützen.“

Da gab Christian den Ring an Großer-Tiger weiter, und Großer-Tiger verneigte sich und sagte: „Zehntausendfachen Dank für ehrenwertes Vertrauen.“

„Der, dem der Ring gehört“, sprach der Gegen, „wird sehr erschrecken, wenn er ihn an deinem Finger sieht. Daran magst du den Rechten erkennen.“

Jolleros-Lama schwieg, dann blickte er auf Bator und fragte:

„Bator, was hast du mir zu sagen?“

„Ich sagen große Verehrung und große Bitte von Vater Dogolon. Wir sein Reise vorhabend. Kamele warten, und Dogolon warten auch, ob dürfen sich anhängen für zwei Tage etwa an ehrenwerten Reisezug von heiligem Gegen Jolleros-Lama?“

„Dogolon mag mit uns reisen, solange er will“, sprach der Gegen, „es ist keine Hinderung vorhanden.“

Darauf senkte er die Augenlider. Christian und Großer-Tiger merkten, daß sie entlassen waren, und Bator stand auch auf. Bevor sie die Kammer verließen, beugten sie noch einmal die Knie zum Fußfall der Verehrung. Aber Jolleros-Lama hielt die Augen geschlossen. Die Perlenkette der Andacht glitt durch seine Finger, und der Belin-Prinz 95zupfte Christian und machte ihm ein Zeichen, daß sie leise gehen sollten.

Da ging einer nach dem andern in den Hof, über dem der kalte Morgenstern funkelte.

Siebzehntes Kapitel
von dem Spiel „Kleine Umwälzung“

Hagelkorn, der unter dem Vordach spazierte und gelangweilt überall herumguckte, wurde plötzlich lebhaft. Er kam über den Hof gelaufen und murmelte vor sich hin: „Frechheit — Schwere Not!“ und ähnliche furchtbare Worte. Er streifte die Jungen mit einem bösen Blick; aber Bator stand unternehmend auf und bat ihn, das Tor zu öffnen. Er möchte nach Hause zu seinem Vater, sagte er.

„Nichts da!“ rief Hagelkorn, „vorher müssen wir den Dieb fangen.“

„Was für einen Dieb etwa?“ forschte Bator.

„Einen Einbrecher!“ schrie Hagelkorn.

„Wenn Herr Hagelkorn befehlen“, erbot sich Bator, „wir Diebe und Einbrecher fangen ausgezeichnet haufenweise.“

Aber Hagelkorn wollte nichts hören. Er lief aufgeregt weiter und weckte den Knecht, der im Torhäuschen schlief. Beide kamen mit Petroleumlampen wieder, die Hagelkorn vor kurzem in Kalgan gekauft, aber aus Sparsamkeit noch nie verwendet hatte. Sie liefen an der Hofmauer entlang, und dann blieb Hagelkorn stehen und hob die Laterne, so hoch er konnte.

„Hier!“ rief er laut, damit auch die Mongolen aufmerksam würden, „hier ist der Dieb über die Mauer gestiegen! Man sieht es ordentlich! Das freche Stück Mensch ist auf meinem guten Mäuerchen herumgerutscht! Ei ja, man hat mich bestohlen!“

Der Kamelmann war eben mit Füttern fertig geworden. Er horchte zu, was Hagelkorn sagte, und kam herbei. Der Bruder Stockmeister ordnete die Kissen im Wagen des Gegen, aber er hörte auf damit, als er das Geschrei Hagelkorns vernahm.

„Ich muß nach dem Rechten sehen“, sagte er streng. Und dann kamen auch die Leute aus der Küche. Sie standen im Halbkreis um Hagelkorn, und sie betrachteten die Hofmauer, wo der Schnee abgefallen war; und wenn sie lange hinaufgeschaut hatten, schauten sie auf den Boden und studierten die Fußspuren im Schnee, wo Bator aufgesprungen war.

„Ein Dieb“, erklärte Hagelkorn, „klettert über die Hofmauer, weil er etwas stehlen will. Ich bin also bestohlen worden, das spüre ich deutlich.“

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„Unsinn“, knurrte der Lama, „es sind Fußspuren von einem Menschen, der barfuß ging. Man sieht die Zehen im Schnee abgebildet.“

„Man sieht die Zehen“, wiederholte Hagelkorn nachdenklich, und er blickte heimlich im Kreis umher; aber alle, die da standen, hatten Schuhe oder Stiefel an.

„Die Zehen werden ihm erfrieren, das ist die Strafe“, sagte der biedere Kamelmann.

„Man muß ihn sofort suchen“, sagte der Bruder Stockmeister.

„Wo?“ fragte Hagelkorn und hob die Laterne wieder in die Höhe.

„Hagelkorn, mach das Tor auf!“ befahl der Prinz, der aus der Kammer trat, Hagelkorns Geschrei gehört hatte und ärgerlich war, daß schon wieder was nicht stimmte, „draußen wird man sehen, ob es nur eine Spur gibt, die hereinführt, oder ob es zwei Spuren gibt und die zweite geht wieder fort.“

„Ja“, riefen die Leute aus der Küche, „das muß man sehen! Mach das Tor auf!“ Hagelkorn war auf einmal einverstanden. „Man wird obendrein bemerken“, sagte er listig, „wohin der Dieb gegangen ist und woher er kam.“

„Man wird ihn fangen und mit dem Bambusprügel bekannt machen“, sagte der Bruder Stockmeister.

Bator erschrak. Er sah Christian an, der verzweifelt auf Großer-Tiger blickte, und Großer-Tiger sagte leise: „Es gibt keine Hilfe.“

„Aber“, rief Bator plötzlich so laut, daß alle stehenblieben, „wenn der Dieb gar kein Dieb sein, sondern nur ein Stück Mensch vielleicht, das spazierengehen in der Nacht ein bißchen etwa?“

„Ach“, sagte der Kamelmann, „daran habe ich auch schon gedacht.“

„Was erzählst du da?“ fragten die Leute aus der Küche, die schwer von Begriff waren.

„So einen gibt es nicht“, rief Hagelkorn.

„Doch“, sagte der Prinz, „so einen gibt es, denn der Bock stößt gegen die Hecke.“

„Ich sehe keinen Bock“, sagte der Lama, der alles wörtlich nahm.

„Hier ist er“, sagte der Prinz und faßte Bator am Ohr. „Das ist das schreckliche Stück Mensch, das nachts ein bißchen spazierengeht.“

„Unsinn, barer Unsinn!“ rief Hagelkorn, „der Lausejunge will Eurer Erhabenheit ein Ding aufschwätzen, das es nicht gibt; ganz wie vorhin. Da war es auch so.“

Aber der Prinz hörte nicht auf Hagelkorn. Er nahm Bator beiseite und fragte ihn dies und das mongolisch, und Bator antwortete. Da lachte der Prinz, und der Kamelmann lachte auch, obwohl er nicht wußte, weshalb. Nur der Lama blickte böse und entfernte sich, weil er gekränkt war, daß man eine Strafsache so leicht nahm.

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„Beladet die Kamele!“ befahl der Prinz, „macht den Wagen fertig und sattelt mein Pferd! Wir wollen gleich aufbrechen. — Du“, sagte er zu Hagelkorn, „öffne das Tor, damit du nicht länger glaubst, ein Dieb habe dir was gestohlen.“

Während Hagelkorn den Schlüssel aus dem Gürtel kramte und aufschloß, schob der Knecht den Balken und die Riegel weg. Der Kamelmann trollte sich und nahm den Kamelen die leeren Futterbeutel ab. Die Leute aus der Küche gingen, wohin sie gehörten, und der Belin-Prinz trat vor das Tor.

Dort war es viel kälter als im Hof der Herberge. Der Himmel war dunkel wie um Mitternacht, und die Schneeluft stand still, als hätte nie ein Lüftchen geweht. Über den Hügeln im Westen schwamm der Siebenstern.

„Das ausgezeichnet“, versicherte Bator leise, „erst um Drachenstunde hell etwa.“ Er war schon wieder fröhlich und marschierte hinter dem Prinzen, der sich von Hagelkorn leuchten ließ. Dann kamen Großer-Tiger und Christian, und hinterdrein trottete der Knecht mit der zweiten Laterne, und er war womöglich noch mißtrauischer als sein Herr.

„Hier!“ rief Hagelkorn plötzlich, „hier ist der Dieb! … Vergebung, mein Fürst, ich meinte, daß hier zwei Spuren sind, ganz dicht nebeneinander. Die eine kommt, und die andere geht. Hier ist das Stück Mensch über die Mauer geklettert, und da ist es wieder weggelaufen.“

„Umgekehrt“, verbesserte der Prinz, „hier ist Bator weggelaufen, und hier ist er wiedergekommen.“

„Warum“, fragte Hagelkorn, „bist du in der Nacht fort?“

„Weil einfallen mir, daß bißchen in warmer Jurte schlafen besser als in kaltem Hof.“

„Du willst mich in ein Fell wickeln“, sagte Hagelkorn und wandte sich ab.

„Man muß den Spuren folgen“, rief der Knecht, „dann wird sich die Wahrheit zeigen.“

„Das ganz unnötig sein“, sagte Bator geschwind; „wenn liebe Sonne scheinen, alles von hier aus sehen ohne Bemühung zu Fuß gehende.“

„Bator hat recht“, stimmte ihm der Prinz bei, der den Zusammenhang rasch herausfand.

„Ich will mich überzeugen“, beharrte Hagelkorn, und er winkte dem Knecht. „Du folgst dieser Spur, ich folge der anderen.“

„So ist es gut“, sagte der Knecht, „man muß wissen, woran man ist in diesen Zeiten.

„Es gibt keine Hilfe“, flüsterte Großer-Tiger.

Hagelkorn und der Knecht gingen mit den Laternen voraus, und sie paßten genau auf, ob sich die Spuren trennten. Aber die Spuren liefen 98brav nebeneinander her und trennten sich nicht. Bator stapfte mit dem Belin-Prinzen hinterdrein, und den Schluß bildeten Großer-Tiger und Christian. „Ich sehe das Filzzelt Dogolons nicht“, sagte Hagelkorn, als er so weit gegangen war, daß man es in der Nacht und selbst ohne Licht hätte sehen müssen.

Das komme davon, sagte Bator, daß es nicht mehr vorhanden sei. Es sei zwar noch da, aber zusammengerollt und verschnürt, denn sein Vater habe ganz plötzlich Lust gekriegt, eine Reise zu machen.

Hagelkorn war sprachlos, und als er wieder reden konnte, sagte er nur: „So ist das?“ und: „Das habe ich mir gleich gedacht“. Dabei schnalzte er mit der Zunge, und dann sah man auch schon die Kamele an der Leine liegen, und man hörte sie schnaufen. Dogolon kam den Nachtwanderern das letzte Stück entgegen. Er begrüßte sie höflich; aber erst als er sah, daß Grünmantel nicht dabei war, wurde er unbefangen. Bator flüsterte ihm zu, daß der vornehme Mann der Prinz vom Belin-Stamm sei und daß sie sich dem Zug des Gegen und des Prinzen anschließen dürften, solange sie wollten. Da wurde Dogolon sogar fröhlich und bedankte sich bei dem Prinzen; zu Hagelkorn sagte er: „Entschuldigt, daß ich mich etwas formlos verabschiede, aber es ist wegen der Gelegenheit, ein Stück in Gesellschaft zu reisen. Da mußte ich ohne langes Überlegen einpacken.“

„Ich verstehe“, sagte Hagelkorn und tat zutraulich, „man kann nicht leben und zugleich Angst haben. Das geht eine Zeitlang, aber nicht länger, und die schönen Kamelchen würde er doch nur erfrieren lassen, der Lump.“

„Sie gehören ihm nicht“, sagte Dogolon.

„Das ist es“, rief Hagelkorn; „aber so macht er es mit jedem. Ihr seid nicht der einzige, Vater Dogolon. Paßt nur auf, daß er Euch unterwegs keinen Prügel zwischen die Beine wirft.“

„Wir reisen mit dem Prinzen von Belin und mit dem Gegen“, sagte Dogolon.

„Dann ist es gut“, rief Hagelkorn, „jetzt bin ich beruhigt. Schon lange machte ich mir Sorgen wegen Euch, guter Dogolon. Wohin verlegt Ihr denn Euren Wohnsitz?“

„Ich weiß es nicht. Wir reisen, und wo es uns gefällt, da bleiben wir.“

„Das nenne ich wahrhaftige Heiterkeit; so will es der Himmel, und so entspricht es den Menschen. Ich wünsche Glück auf allen Wegen.“

Während Hagelkorn so schwatzte, um die Enttäuschung zu verbergen, daß er nicht mehr erfahren hatte, standen Christian und Großer-Tiger bei den Kamelen. Bator kam zu ihnen und zeigte auf eines, das einen dichten schwarzen Behang hatte, dazu einen kleinen Kopf, und der Hals schien länger zu sein als bei den übrigen.

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„Das ist mein Kamel“, sagte Bator stolz.

Es war ein prächtiges Tier, aber es war ein wenig aufgeregt, denn der Knecht Hagelkorns lief mit der Laterne herum und leuchtete dahin und dorthin, ob er nicht doch was Gestohlenes fände.

Bator wurde ärgerlich. „Du gestrigen Tag suchen etwa?“ fragte er. Aber der Knecht gab keine Antwort. Er ging die Reihe der angepflockten Kamele entlang, bückte sich und spähte in die Zwischenräume. Als er bei Bators Kamel anlangte, war die Reihe zu Ende, und er richtete sich auf. Da erschrak das Kamel vor dem Laternenlicht, und der Knecht Hagelkorns schrie, weil ihm das Kamel plötzlich einen grünen stinkenden Brei mitten ins Gesicht spie.

„Das aus Magen heraufholen, vortrefflich“, sagte Bator.

Der Knecht wurde schrecklich zornig. Als er sich die Augen ausgewischt hatte, suchte er nach einem Stock, um das Kamel zu prügeln, und als er keinen fand, hob er eine Menge Steine auf. Das ging flink; aber Bator schlug ihm die Steine aus der Hand, bevor er einen werfen konnte, und das ging auch sehr schnell.

Darauf sah es ganz so aus, als ob der Knecht auf Bator los wollte. Er stellte die Laterne in den Schnee, und Bator duckte sich und ballte die Fäuste.

„Hund!“ knirschte der Knecht und wollte wieder Steine aufheben. In diesem Augenblick nahm Großer-Tiger die Laterne, lachte dem Knecht höhnisch ins Gesicht, nannte ihn einen Stinktopf und warf ihm eine Handvoll Schnee in den offenstehenden Mund. Dann rannte er weg. Christian begriff, daß „Kleine Umwälzung“ gespielt werden sollte, und es kam nur darauf an, ob der Knecht mittat. Der Knecht war nicht aus Peking; daher kannte er so abgekartete Spiele nicht wie „Kleine Umwälzung“ oder „Fliegender Berg“, zu denen man einen Dummen brauchte. Er machte begeistert mit. Ohne weiteres ließ er Bator stehen, wo er stand, und rannte Großer-Tiger nach, der die kostbare Petroleumlaterne schwenkte und „Lauf schneller, du Laubfrosch!“ rief.

Da lief der Knecht schneller und wütender, und Großer-Tiger rannte zwischen den Traglasten durch. Dabei rief er „See“, worauf Christian „Feuer“ antwortete, und nun war alles klar und aufs beste verabredet. Christian wußte, daß Großer-Tiger einen Bogen laufen würde, das gab Zeit zum Verstecken; und nachher, wenn Großer-Tiger wieder durch die Gasse der Traglasten rannte, mußte die Umwälzung geschehen.

Die Sache war einfach, weil es Nacht war, und weil überall Stangen lagen, die Vater Dogolon zur Herstellung der Packsättel benötigte. Mit einer solchen Stange wartete Christian hinter einem Ballen, bis Großer-Tiger gelaufen kam und tat, als ob er nicht mehr recht könnte. Der Knecht rannte hinter ihm drein und dachte an nichts anderes, als wie er 100Großer-Tiger verhauen würde. Er streckte die Hände nach ihm aus, und: „Habe ich dich endlich!“ wollte er rufen; aber da warf ihm Christian die Stange zwischen die Beine, und der Knecht fiel um. Es ging schrecklich schnell, und es platschte ordentlich, wie er mit voller Wucht und mit ausgestreckten Armen in den Schnee fiel. Da stellte Großer-Tiger die Laterne neben ihn, als ob nichts vorgefallen wäre, und ging Hagelkorn entgegen, der wissen wollte, ob was passiert sei.

„Ich weiß nicht“, sagte Großer-Tiger, „was mit Eurem Knecht ist. Erst suchte er ringsumher emsig nach Spuren, und da habe ich ihm geleuchtet, aber es ging ihm nicht schnell genug. Da bin ich gelaufen, und er ist auch gelaufen, aber auf einmal wollte er nicht mehr. Jetzt liegt er auf der Erde, und vielleicht hat er eine Spur gefunden und studiert, wie sie aussieht.“

„Vielleicht wäscht er sich das Gesicht“, sagte Christian nachdenklich, „ein Kamel hat ihn angespuckt.“

„Aber er stöhnt“, rief Hagelkorn, „man hört es.“

„Das Kamel“, erläuterte Christian, „hat ihm in den Mund gespuckt, da wird ihm übel sein.“

„Ach“, rief Hagelkorn, „das ist schrecklich!“ Und er lief dahin, wo die Laterne stand, und daneben lag der Knecht, der sich erst etwas erholen mußte, bevor er sprechen konnte.

Als er damit anfing, waren Christian und Großer-Tiger schon wieder bei Bator, und dann gingen sie ein wenig abseits in die Dunkelheit, wo es eine Schneewehe gab, hinter die sie sich setzten, denn sie wollten niemand Ungelegenheiten machen.

Der Prinz hatte sich das Spiel „Kleine Umwälzung“ aus der Ferne angesehen; und als Hagelkorn mit dem Knecht und mit den beiden Laternen kam, fragte der Prinz gar nicht, was passiert war, denn er hatte die Spielregel von „Kleiner Umwälzung“ auch ohne Erklärung begriffen. Er verabschiedete sich von Dogolon und sagte: „Ladet auf, Dogolon, Wir marschieren ab. Wir freuen Uns, daß Ihr mit Uns kommt, da müßt Ihr Uns von Euerm Vater ‚Nicht-gibt-es-nicht‘ erzählen. Von dem haben Wir schon viel gehört.“

„Es ist eine große Ehre für mich“, sagte Dogolon.

Achtzehntes Kapitel
von dem Kang, der nicht ausgemauert war

„Sind das deine Freunde?“ fragte die Mutter Bators, die bei den Schensi-Leuten hinter dem Brunnen-Hügel gewesen war und die Schafe verkauft hatte.

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„Ja“, sagte Bator, „diese hier sind meine Freunde, und wir ruhen uns ein wenig aus.“

Großer-Tiger und Christian standen auf und verneigten sich.

„Kinder“, fragte die Mutter, „wie heißt ihr?“

Großer-Tiger und Christian nannten ihre Namen.

„Mich könnt ihr Etsch nennen. Etsch heißt Mutter, und weil ihr hier keine habt, will ich nach euch schauen, sonst macht ihr Dummheiten.“

„Diese beiden sehr erwachsene Stück Menschen sein“, erklärte Bator, „Dummheiten überhaupt nicht vorkommen etwa.“

„Bator!“ rief Dogolon laut. „He, Bator! Wo steckst du?“

„Ich stecke hier“, antwortete Bator, „aber ich komme.“

„Wir auch“, bat Christian; dürfen wir aufladen helfen?“

„Kommt nur mit“, sagte die Etsch, und dann gingen alle zu Dogolon, der die Reitkamele schon gesattelt hatte und die übrigen mit den Nasenstricken aneinanderband.

Dogolon faßte das Leitkamel; da stand es auf, und mit ihm standen die andern Kamele auch auf. Dann führte Dogolon eines hübsch hinter dem andern in die Gasse der Traglasten, und als das vorderste Kamel zwischen den beiden Mehlsäcken stand, die es tragen sollte, standen die übrigen acht im richtigen Abstand zwischen den Ballen und den verschnürten Holzgittern der Filzjurte, jedes an seinem Platz. Dogolon zog zweimal kurz am Nasenstrick des Leitkamels und rief: „Zuck, zuck, zuck, zuck!“ Da legte es sich gehorsam, und die übrigen acht legten sich auch.

„Nimm diesen Holzpflock“, sagte Dogolon zu Christian, „den steckst du durch die Seilschlaufen.“

„Bolna“, sagte Christian, und Dogolon lobte ihn und sagte, er spreche schon ganz geläufig Mongolisch.

Dann wurde aufgeladen, und das ging, wie wenn man eins, zwei, drei zählt.

Dogolon und Bator arbeiteten zusammen: Sack aufstellen, Sack aufs Knie legen, Knie mit dem Sack ein wenig anheben, und schon lagen von rechts und links gleichzeitig je ein Sack auf dem Kamelrücken. Christian faßte die Seilschlaufen, schob sie zwischen den Höckern ineinander und steckte den Pflock durch. Da lag die Last fest, und Großer-Tiger hielt derweil das Kamel am Strick, damit es nicht aufstand. Nach zehn Minuten war die kleine Karawane abmarschbereit.

„Wir gehen“, sagte Dogolon; „euer Weg sei leicht und gut.“

„Auf Wiedersehen, Kinder!“ sagte die Etsch, „ich kann leider nicht auf euch aufpassen, wie ich dachte. Macht trotzdem keine Dummheiten. Komm, Bator!“

„Liebe Mutter“, flüsterte Bator.

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„Söhnchen“, sagte die Etsch laut, „ich merke, du willst was.“

„Ich möchte“, antwortete Bator — und dann sprach er sehr schnell und zeigte bittend auf Christian und Großer-Tiger. Er redete in einem fort, und als er geendet hatte, schaute Dogolon auf die Etsch, und die Etsch schaute auf Dogolon, der sich nicht entschließen konnte, ja oder nein zu sagen.

Endlich sagte die Etsch: „Bolna, er kann so lange hierbleiben.“

„Aber nur, bis es hell wird“, fügte Dogolon hinzu und stieg in den Sattel. Dann führte er das Leitkamel langsam an, die übrigen folgten, und am Schluß ritt die Etsch. „Vergiß nicht“, mahnte sie, „was du versprochen hast.“

„Ich werde es nicht vergessen“, sagte Bator.

Er nahm das Kamel mit dem schönen schwarzen Behang am Strick und ging mit Christian und Großer-Tiger hinter die Schneewehe. Dort waren sie verborgen und konnten doch die Herberge „Fröhliches Gedeihen“ sehen. Es dauerte nicht lange, da kamen zwei Reiter zu Pferd heraus. Der eine trug den runden Schirm und der andere das entrollte Banner, und es sah feierlich aus, obwohl es dunkel war und niemand die Schrift lesen konnte. Den beiden Reitern folgten fünf andere, unter denen der Bruder Stockmeister war. Er ritt sehr aufrecht und schaute nach keiner Seite. Dann hörte man den Wagen des Gegen durch den Torweg rollen. Dogolon stieg ab und beugte das Knie zum Fußfall der Verehrung, und der Prinz, der auf dem weißen Pferd neben dem Wagen ritt, nickte freundlich. Nachher kam der Zug der Lastkamele, und als sie vorüber waren, schlossen sich Dogolon und die Etsch mit den ihren an. Die Karawane verschwand in der Dunkelheit, man hörte die Torflügel knarren, und Großer-Tiger sagte besorgt: „Der Knecht schiebt die Bohlen vor.“

„Wie kommen wir da wieder hinein?“ fragte Christian.

„Hamma-guä“, erwiderte Bator, „nirgends Befürchtung wirkliche vorhanden.“

Er nahm einen dünnen, festgeflochtenen Strick aus Ziegenhaar, von denen er viele am Sattel hängen hatte, ließ sein Kamel niederknien und schlug ihm drei-, viermal das Seil um das linke Knie.

„Du hübsch liegenbleiben“, sagte er und kraulte das Kamel hinter den Ohren; „gar nicht aufstehen versuchen, geht doch nicht, hörst du?“

Dann wandte er sich an Großer-Tiger und Christian: „Wir vorhabende Arbeit jetzt ausgezeichnet beginnen. Du und du und ich, wir alle zusammen kein Wort mehr verlieren, und auch nicht husten etwa.“

„Wir husten nicht“, sagte Christian.

„Unsere Arbeit pressieren“, erklärte Bator und deutete auf den hell erleuchteten Morgenstern; „schnell verrichten besser als Worte sagen.“

103

Er steckte die Hände in die Mantelärmel und ging, als ob alles klar wäre, der Herberge zu. Christian und Großer-Tiger folgten ihm, obgleich sie gerne gewußt hätten, was Bator vorhabe. Das Kamel hob den Kopf und schaute ihnen nach.

„Das sehr gutes Kamel“, flüsterte Bator, „verstehen genau, was los sein etwa.“

Christian sagte leise, er wisse nicht, was los sei, aber Bator gab keine Auskunft mehr.

Als sie an der Hofmauer anlangten, wo Bator hinaufgeklettert war, schwenkten sie um und gingen bis zur nächsten Ecke. Hier hörte die Mauer auf und ging in die Rückwand der Wohngebäude über. Drei viereckige Löcher waren im Abstand von einigen Metern vom Boden aus in die Wand eingelassen. Zwei waren verräuchert, und vor den Löchern lag eine Menge verschneites Kleinholz und Reisig. Christian und Großer-Tiger wußten, wozu das war. Man schob das Reisig in die Löcher, zündete es an, und dann erwärmte sich drinnen in der Stube der Kang.

Bator ging jetzt sehr vorsichtig und machte Zeichen, daß man furchtbar aufpassen müsse. Als er bei dem ersten Loch anlangte, wo es kein Reisig und keine rauchgeschwärzten Ränder gab, blieb er stehen, zog den Pelzmantel aus und legte ihn auf den Boden halb in das Loch hinein, damit kein Geräusch entstand, wenn doch irgendwo ein Hölzchen liegen sollte.

„Das ist die Stube mit dem Kang, der nicht ausgemauert ist“, flüsterte Christian, und Großer-Tiger nickte.

Bator, der schon niedergekniet war, hob beschwörend den Zeigefinger zum Mund. Einer nach dem andern kroch auf allen vieren in das dunkle Loch, das sich zu einem Hohlraum erweiterte, in dem man zur Not gebückt sitzen konnte. Runde Stangen und querlaufende Knüppel bildeten die Decke. In die Zwischenräume war Stroh gestopft und Lehm geschmiert; aber die Arbeit war nachlässig gemacht, und niemals hätte man einheizen können. Bator angelte seinen Pelzmantel, legte ihn um die Schulter, und dann wartete er, ob sich nichts rege, Christian und Großer-Tiger warteten auch. Sie waren mäuschenstill, und man hörte nur die Atemzüge von zwei Schläfern. Das waren Glück und Grünmantel. Einmal wälzte sich einer im Schlaf auf die andere Seite, und dabei gab es einen dumpfen Schlag. Vermutlich war es Glück, der die Pistolentasche mit der Pistole darin auch nachts nicht ablegte. Dann war es wieder ruhig, bis ein leises Fingerkrabbeln begann; und es war furchtbar aufregend, weil jeden Augenblick etwas geschehen konnte.

Es geschah aber nichts. Bator bückte sich hin und wieder und schaute durch das Loch ins Freie, um zu erfahren, ob es draußen hell würde. Als man denken konnte, das Schwarz des Himmels sei vielleicht nicht 104mehr ganz so schwarz und der Schnee sei nicht mehr so grau wie vorher und am Ende seien die Sterne ein wenig blasser geworden und die Nacht wiche, ging die Tür der Kammer auf, und jemand trat vorsichtig ein. Augenblicklich hörte das Fingerkrabbeln auf. Christian hörte es, und Großer-Tiger und Bator hörten es auch, und keiner wagte zu atmen, so großmächtig war die Stille und das Herzklopfen.

„Ich wünsche den Exzellenzen Ruhe und Behaglichkeit“, sagte die Stimme Hagelkorns.

Darauf war es eine Weile still wie vorher. Endlich hörte man Glück verdrießlich sagen: „Es ist mitten in der Nacht. Weshalb störst du uns?“

„Scher dich zum Teufel!“ knurrte Grünmantel; doch man hörte, daß er schon vorher wach gewesen war. Die Stimme klang gar kein bißchen nach Schlaf.

„Wer zu Tür und Tor hinausgeht, wird zu klagen haben“, bemerkte Hagelkorn bescheiden.

„Was soll das heißen?“ schrie Grünmantel, und man merkte, wie er sich aufrichtete, denn Sand und kleine Lehmstückchen rieselten von der Decke und fielen Christian und Großer-Tiger ins Genick.

„Hinaus!“ rief Glück. „Hast du noch nie gehört, daß der Schlaf des Menschen heilig sei?“

„Ich werde wiederkommen, wenn der Hahn kräht“, sagte Hagelkorn. Er ging beleidigt.

„Dieses Bündel von Mensch kommt immer zur unrechten Zeit“, bemerkte Grünmantel; „aber es hat etwas sagen wollen.“

„Wird was Rechtes sein“, tat Glück verächtlich.

„Sachte! Vielleicht war es wichtig, und du hast ihn mit deinem Gebrüll am Sprechen verhindert.“

„Du hast auch gebrüllt wie ein Ochse.“

„Suchst du Streit mit mir?“ erkundigte sich Grünmantel.

Glück lenkte ein. „Nein“, sagte er, „Streit möchte ich nicht; ich will eine andere Sache. Du hast mir eine Anzahlung versprochen, sobald wir in Weißer-Stein ankämen. Wir sind angekommen. Wie steht es damit?“

„Aha!“ sagte Grünmantel, „du willst Geld haben!“

„Zweihundert Silberbatzen, und ich erinnere dich daran, weil du vergeßlich bist.“

„Man muß“, sprach Grünmantel belehrend, „alles der Reihe nach tun. Sobald der Tag anbricht, werde ich Dogolon aufsuchen. Er ist so ein Halunke, der hier wohnt und mir zehn Kamele schuldet. Weil er ein schlechter Mensch ist, wich er mir immer aus, sobald es ans Zahlen ging, doch gestern abend erfuhr ich von Hagelkorn, daß Dogolon hier ist. Ich werde ihn also treffen, und der Bursche muß froh sein, wenn ich stat der Kamele nur Geld haben will. So bekommst du dein Teil.“

105

„Wenn dieser Dogolon aber kein Geld hat?“

„Er hat Geld, verlaß dich darauf! Diese Mongolen sind Geizkragen. Jeder hat einen Haufen Silber, auf dem er sitzt.“

„Wenn es so ist, wie du sagst“, erwiderte Glück, „wird er dir kein Geld geben.“

„Er muß es mir geben. Ich habe einen Haftbefehl vom Amban in Kalgan in der Tasche.“

Glück lachte: „Dieser Dogolon wird ein überirdisches Vergnügen haben, wenn er den Haftbefehl sieht. Wer soll ihn denn in Weißer-Stein verhaften, he?“

„Du natürlich! Du trägst eine Uniform, und du hast eine Pistole. Also wirst du ihn verhaften.“

„Ich werde es bleibenlassen. — Ich bin ein Soldat und kein Polizist, und ich menge mich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute.“

„Du sollst bloß mit mir gehen, damit der Kerl Angst kriegt.“

„Meinetwegen“, sagte Glück, nachdem er sich eine Zeitlang besonnen hatte, „ich werde mit dir gehen, und nachher gibst du mir gleich die zweihundert Silberbatzen.“

„Ich gebe dir“, sagte Grünmantel sehr langsam und sehr betont, „zweihundert Silberbatzen, wenn auch der Wagen sehr an Wert verloren hat.“

„Mir scheint“, sagte Glück, „jetzt bist du es, der Streit mit mir sucht.“

„Das kommt, weil du nicht mehr weißt, was wir verabredet haben. Unsere Abmachung war, daß der Wagen so sei, wie ich ihn in Hwai-Lai-Hsien gesehen habe. Seither hat er sich verändert.“

„Eine Laterne hat er weniger, das ist alles. Man kann überall eine neue kaufen.“

„Hier nicht“, sagte Grünmantel.

Glück brummte etwas als Antwort, das so ähnlich wie „Hol dich der Teufel!“ klang, und dann war es ruhig.

Bator grinste vergnügt; Christian aber fror und wäre lieber im warmen Schlafsack gewesen. Er schaute hinaus, ob es nicht bald Tag würde; doch da begann Grünmantel von neuem zu reden, und Christian vergaß, daß er kalte Füße hatte. Es wurde ihm sogar warm, und vor lauter Aufregung kriegte er einen roten Kopf, als Grünmantel sagte: „Es gibt noch etwas, über das ich sprechen muß.“

„Sprich nur“, sagte Glück, „es wundert mich, dein ‚Noch etwas‘, das es gibt.“

„Es sind“, begann Grünmantel, „diese beiden frechen Lümmel. Sie sitzen auf ihren Plätzen, als ob sie dahin gehörten — sie gehören aber nicht dahin, und du mußt sie irgendwo vom Wagen werfen. Die Wüste Gobi ist groß.“

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„Wie kommt es“, fragte Glück, „daß du dich auf einmal so freundlich um die zwei Buben annimmst?“

„Das will ich dir sagen. Wir haben ausgemacht, daß du mir den Wagen in Hsing-Hsing-Hsia gibst …“

„Wir haben ausgemacht“, unterbrach ihn Glück, „daß mir der Wagen in Hsing-Hsing-Hsia nachts in der Herberge gestohlen wird, daß ich nichts davon weiß und daß du mir dann stillschweigend tausend Silberbatzen gibst. So lautet unsere Abmachung, und darüber gibt es kein ‚Noch etwas‘.“

„Höre mich“, sagte Grünmantel.

„Es gibt auch kein ‚Höre mich‘“, unterbrach ihn Glück heftig.

„Gut“, rief Grünmantel bösartig, „ich werde dir sagen, was es alles gibt. Es gibt einen Amban in Kalgan, und es gibt einen Richter in Maumu, und überdies gibt es ein Militärgericht. Alle drei würden sich freuen, ein Mitglied der ehemaligen Bande vom roten Berg kennenzulernen.“

„Kommst du mir so“, rief Glück mit zornbebender Stimme, „und merkst du nicht, du Rübengesicht, wie lächerlich du dich machst?“

„Es kommt dir nicht zu, so zu reden“, erwiderte Grünmantel kalt.

„Darüber läßt sich viel sagen“, höhnte Glück; „zwei Worte von mir genügen, und du trinkst aus dem gleichen Becher.“

„Du könntest viele Worte reden, aber niemand würde sie glauben. Nehmen wir an, es gibt irgendwo einen ehrsamen Kaufmann, der in dem guten Glauben, gleich ehrenwerte Herren vor sich zu haben, euch Lumpengesindel vom roten Berg einige Male Ware abkaufte. So was kommt vor, aber deshalb ist es noch lange kein Verbrechen. Der brave Mann wurde eben getäuscht. Sollte er aber zufällig einen der Gesetzesbrecher von damals treffen, dann ist es ein Verdienst, wenn er diesen Menschen anzeigt. Ich glaube, man würde dem ehrsamen Kaufmann obendrein eine Belohnung geben. Meinst du nicht auch?“

Christian und Großer-Tiger, die jedes Wort verstanden hatten, begannen zu zittern. Es war nicht nur der Kälte wegen, das spürten sie genau; es war auch, weil ihnen das Herz bis zum Hals schlug, und es war, weil sie erwarteten, daß Glück jetzt aufbrausen, über Grünmantel herfallen und ihn wahrscheinlich erschlagen würde.

Nichts dergleichen geschah. Glück knirschte zwar mit den Zähnen und sagte hintereinander Worte wie: „Hund — Verräter — schwarzgesichtiger Schuft“ — bis er plötzlich befreit lachte und mit der Hand auf die Pistolentasche schlug. „Hier ist die Belohnung für den ehrsamen Kaufmann“, rief er, „er kann sie jederzeit kriegen!“

Grünmantel schien nicht schreckhaft zu sein, denn er lachte auch; aber es klang verächtlich, und gerade als er sagen wollte, daß er sich vor 107einer Pistole nicht fürchte, krähte im Hof ein Hahn. Darum erwähnte er die Pistole erst gar nicht, und auch davon, daß er keine Angst habe, sprach er nicht. Er hustete einige Male, und dann sagte er leise und begütigend zu Glück: „Gleich wird dieses Schafsgesicht kommen. Sei vernünftig, Glück, ich werde dir ein andermal erklären, warum wir die beiden vorlauten Bürschchen abschaffen müssen.“

„Deine Rede ist lang, und sie hat Fehler“, widersprach Glück.

„Du wirst noch einsehen, daß sie keine Fehler hat“, sagte Grünmantel, und dann hörte man Hagelkorn den Gang entlangkommen. Vor der Tür hielt er einen Augenblick inne, und als der Hahn zum zweitenmal krähte, trat er ein.

Grünmantel tat unwillig. „Bist du schon wieder da?“ fragte er und gähnte laut.

„Ich bin wieder da, damit ich erfahre, ob ich für den gnädigen Herrn das Pferd Han-Kan satteln muß. Auch wünsche ich den Exzellenzen einen ersprießlichen Morgen.“

„Was soll dein Geschwätz von dem Pferd Han-Kan?“ fragte Grünmantel.

„Es ist das schnellste Pferd in meinem Stall. Es hat Mut und dünne Hufe. Vielleicht wäre es imstande, Dogolon einzuholen.“

„Was sagst du da?“ schrie Grünmantel und sprang auf. „Willst du damit sagen, daß Dogolon nicht mehr hier sei?“

„Genau das möchte ich sagen“, erklärte Hagelkorn.

„Halunke!“ schrie Grünmantel. „Alles Halunken! Aber so kommt mir Dogolon nicht aus den Fingern. Ich werde seiner Frau das Silber abnehmen!“

„Dogolon hat“, berichtete Hagelkorn sanft, „seine Frau mitgenommen, dazu das Zelt und alle Kamele. Die Truhe war auch dabei, und wahrscheinlich hat er das Silber nicht hier liegenlassen, obwohl er in Eile war. Es gab nur einen formlosen Abschied.“

„O du verfluchter Trottel!“ rief Grünmantel, „warum hast du das nicht früher gemeldet?“

„Reg dich nicht auf“, mischte sich Glück ein, „wir werden diesen Dogolon mit unserm Wagen sehr rasch einholen.“

„Daran dachte ich nicht“, sagte Grünmantel. „Es ist gut. Hagelkorn, du kannst gehen.“

„Ich könnte gehen, aber die Pflicht gebietet mir, Eurer Erhabenheit noch zwei Worte über die näheren Umstände zu sagen.“

„Rede keinen Unsinn, ich weiß genug.“

„Ei ja“, jammerte Hagelkorn, „man verliert den Bock mit Leichtigkeit, und es ist besser, einzuhalten, wenn des Großen Macht zutage tritt. Dogolon reist nämlich nicht allein.“

108

„Wir wissen, daß Dogolon seine Frau bei sich hat“, fuhr ihm Grünmantel dazwischen. „Dazu hat er einen Lausejungen, der Bator heißt. Da reist er freilich nicht allein.“

„Ihr mißversteht mich. Euch zuliebe habe ich die ganze Nacht durchwacht. Dabei habe ich alles herausgekriegt, was ihr wissen müßt.“

„Sprich schon“, sagte Glück, „aber sprich nicht mehr als zwei Worte.“

„Ich habe“, begann Hagelkorn, „Dogolon mit der Laterne ins Gesicht gleuchtet, und ich habe gesagt: ‚Willst du uns verlassen?‘ ‚Ja‘, antwortete er, ‚es ist wegen der guten Gelegenheit.‘ ‚Du willst wohl‘, sagte ich, ‚mit dem Belin-Prinz und mit dem Gegen zusammen reisen?‘ ‚Ja‘, sagte das schlechte Stück Mensch, ‚das will ich tun; ich reise unter ihrem Schutz.‘ Dann sind sie alle im Sternenlicht abgezogen, und der Belin-Prinz ritt neben Dogolon wie neben einem Freund. Doch die Exzellenzen wünschen ja nicht, daß ich mehr als zwei Worte sage.“

Hagelkorn schwieg, und Grünmantel sagte auch nichts. Man hörte ihn aber schnaufen, und Christian, dem wieder Sand ins Genick rieselte, merkte, daß Grünmantel sich auf den Kang gesetzt hatte.

„Ich verstehe nicht“, sagte Glück, „was ihr für ein Aufhebens davon macht, ob dieser Dogolon allein oder in Gesellschaft reist.“

„Freilich, das verstehst du nicht“, knurrte Grünmantel; „aber es gibt keine Hilfe. Meine Geschäfte könnten Schaden leiden.“

„Schon wieder mal“, höhnte Glück; „ich verstehe, daß man mit einem lebenden Gott nicht anbinden kann; aber ich verstehe auch, daß ich kein Geld kriege und daß ich Hunger habe. Marsch, Hagelkorn, richte ein Frühstück für vier ausgewachsene Männer.“

„Zu Diensten, Herr Glück. Ich eile, ich laufe. Der Knecht wird frisches Wasser für den Tee holen. Das Feuer im Herd brennt, und die Hirse ist …“

„Hirse?“ schrie Glück. „Du wagst es, uns Hirse vorzusetzen? Schaff Reis, sage ich dir, oder …“

Mehr hörten Christian und Großer-Tiger nicht, denn Bator machte Zeichen, daß es eilig sei, aus dem Loch zu verschwinden. Er kroch als erster ins Freie und vergaß nicht, den Pelzmantel als schalldämpfende Unterlage auszubreiten. Einer nach dem andern kam leise aus der Dunkelheit, schüttelte sie ab, richtete sich auf und streckte die Glieder. Da war der Morgen angebrochen. Im Osten stand der klarste Tag über dem verschneiten Hügel von Weißer-Stein; ein rosenroter Hauch umwehte ihn und machte warm, was eigentlich kalt war. Es war wie an einem hohen Feiertag.

„Er kommt!“ sagte Christian, „ich höre ihn!“

„Er das Tor aufmachen großmächtig“, sagte Bator.

„Wenn er es nur nicht wieder schließt!“ flüsterte Großer-Tiger.

109

Christian, der mit einem Auge um die Ecke schielte, zog schnell den Kopf zurück.

„Er trägt zwei Wasserkübel an einer Tragstange“, meldete er, „und er geht behend wie ein Wiesel.“

„Also wieder gesund sein viel genug“, bemerkte Bator trocken.

„Er wird ein Geschrei machen, wenn er uns sieht“, gab Großer-Tiger zu bedenken.

„Dazu müßte er sich umwenden“, sagte Christian; „das ist unwahrscheinlich.“

„Doch“, widersprach Bator, „das sehr wahrscheinlich sein. Wenn Mensch im Rücken Blicke spüren, dann sich drehen flink wie Kreisel etwa. Wir besser das Gesicht in Schnee legen, sehr kalten, und nicht denken an Knecht widerwärtigen.“

„Bolna“, sagte Christian, und alle drei nahmen den Kopf in den Arm und legten sich in den Schnee. Christian zählte in Gedanken bis zweihundert, denn so viele Schritte, dachte er, müßten es sein, damit er den Knecht oder der Knecht ihn nicht mehr sehen könnte. Am Ende sind zweihundert zu wenig, überlegt Christian, es ist besser, ich gebe noch einige dazu. Bei zweihundertzweiundvierzig hielt er es nicht mehr aus. Er hob den Kopf, ganz langsam und blinzelte über den Arm in die Richtung des Hügels Weißer-Stein. Da sah er den Knecht eilig durch den Schnee stapfen. Die Tragstange mit den Wasserkübeln wippte, und obgleich die Entfernung gute zweihundert Meter betrug, glaubte Christian, der Knecht schiele nach der Stelle, wo die Kleine Umwälzung geschehen war. Doch ging er stetig weiter, wurde kleiner und verschwand hinter dem Hügel Weißer-Stein, wo es den Brunnen gab, den Großvater Nicht-gibt-es-nicht mit Weidengeflecht ausgekleidet hatte.

„Auf!“ rief Christian; „Auf!“ rief Bator; „Er ist weg!“ sagte Großer-Tiger.

Da merkten sie, daß jeder von ihnen ein wenig geblinzelt hatte, und sie schauten sich verlegen an und lachten.

„Männer!“ sprach Bator, „wir schmerzlichen Abschied nehmen eilig; ich fortreiten zu Vater Dogolon, ihr sehr eins, zwei, drei durch das Tor!“

„Auf Wiedersehen!“ sagte Christian und verneigte sich.

„Euer Weg eben Friede!“ rief Bator. Als er zwei Schritte gegangen war, wandte er sich zurück. „Ihr mein Herz fröhlich machen, wenn schreiben sehr langen Brief, etwa von Ring, der seinen Herrn fand, und von Grünmantel, den müssen totschlagen du und du notwendig bald, und vom Wagen Einauge, und das alles schreiben genau an Bator, Torgot-Stamm Edsin-Gol bei Großvater Naidang etwa.“

„Bolna!“ riefen Christian und Großer-Tiger, und dann rannten beide zum Tor der Herberge „Fröhliches Gedeihen“, das zum Glück nur angelehnt 110war. Sie schlüpften hinein, kletterten unbemerkt auf den Wagen, zogen die Filzschuhe aus und krochen in den Schlafsack.

„Großer-Tiger“, sagte Christian feierlich, „ich muß dich etwas fragen.“

„Kwi-Schan, ich höre dich.“

„Großer-Tiger, hast du Angst?“

„Ich habe Angst, Kwi-Schan, aber das geht vorüber. Vorwärts und rückwärts ist Abgrund. Wir wissen es, nur darf es uns niemand anmerken.“

„Hast du viel oder wenig Angst?“ erkundigte sich Christian.

„Nicht sehr viel und nicht sehr wenig, gerade nur so“, sagte Großer-Tiger; „wir müssen tapfer sein wie die Alten vom Berge, da ist keine Hilfe.“

„Es ist schwer, tapfer zu sein“, sagte Christian.

„Nicht, wenn man es muß“, behauptete Großer-Tiger, „du wirst schon sehen; wir sind ja zu zweit.“

Neunzehntes Kapitel
von dem Geheimnis der Steinchen

„Steht auf, ihr Galgenstricke!“ rief Glück, der auf den Wagen gestiegen kam, „das Frühstück ist fertig!“

„Oh, der befehlende Herr Glück“, sagte Großer-Tiger und rieb sich die Augen.

„Ihr braucht mir nichts vorzumachen“, bemerkte Glück, „man erfährt manches, während man schläft. Zum Beispiel gibt es Jungen, die nachts auch schlafen sollten, aber sie treiben Unfug. Hagelkorn hat einen Bauch voll Zorn deswegen. Er beklagt sich, sein Gesicht wäre zerstampft, ihr hättet ihm die Rippen eingetreten und dazu den Knecht in den Schnee geworfen. Als er euch bestrafen wollte, wart ihr verschwunden.“

„Wir können nicht verschwinden wie Rauch“, gab Christian zu bedenken.

„Wir sind nicht unsichtbar wie der neunschwänzige Fuchs“, sagte Großer-Tiger zweideutig.

„Nehmt euch vor ihm in acht!“ warnte Glück, „er will euch verdreschen.“

„Wir bitten um den Schutz des befehlenden Herrn“, bat Großer-Tiger.

„Wir sind sehr unschuldig“, fügte Christian hinzu.

„Manche Menschen“, behauptete Großer-Tiger und zog die Schuhe an, „sind schwach auf den Beinen.“

111

„Sie stolpern und fallen um“, sagte Christian, „und dann deuten sie auf zwei unschuldige Jungen und sagen: Diese Verbrecher muß man bestrafen.“

Glück lachte. „Ich kenne das“, sagte er; „seid ihr fertig?“

Der Hof lag still im Frühlicht, und das Tor stand halb offen. Die Sonne schien herein, einige Spatzen lärmten, und im Stall hörte man das Pferd Han-Kan scharren. Chrisitan und Großer-Tiger stapften hinter Glück der Küche zu. Unter dem Vordach fegte der Knecht, aber er hörte auf, stützte sich auf den Besen und rief laut: „Da geht das Lumpenpack.“

„Von wem sprichst du?“ fragte Glück und blieb stehen.

„Vergebung, Herr Soldat“, antwortete der Knecht grob, „ich fege den Boden trotz meiner klaffenden Stirnwunde, an der zwei durchtriebene Spitzbuben schuld sind.“

„Niemand soll eine Lüge loslassen“, warnte Glück mit finsterem Gesicht.

Der Knecht schwieg und blickte böse, aber Glück kehrte sich nicht weiter daran. Er ging zur Küche, und Christian und Großer-Tiger folgten ihm.

„Ich kann euch“, sagte Glück leise, „nicht immer in Schutz nehmen, wenn ihr solche Geschichten anrichtet.“

Er öffnete die Küchentür, aber er mußte stehenbleiben und husten, weil ihm Dampf und Rauch entgegenschlug. Ein schwaches Feuer flackerte in dem gemauerten Herd, der aus allen Fugen qualmte.

„Die Sonne scheint aufs Kamin“, erklärte Hagelkorn und rührte die Glut durcheinander.

„Sie scheint dir ins Gehirn“, rief Glück. Er stieß die Türe auf, und als der Rauch sich verzogen hatte, sah man eine Reihe schwarzer Kochtöpfe an der Wand hängen. Darunter war ein schwarzer Tisch, und nebendran war eine Bank, auf der Grünmantel saß. Er hatte eine große Schüssel Reis vor sich stehen.

„Stell sie auf den Tisch“, sagte Glück, „wir wollen auch essen.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel und kaute weiter. „Auf mich kommt es ja nicht an! Los, schlagt euch die Bäuche voll!“

„Guten Morgen, Herr Grünmantel!“ sagte Christian.

„Ich wünsche Ruhe und Bequemlichkeit“, sagte Großer-Tiger höflich.

Grünmantel erwiderte nichts. Er schob die Augenbrauen ein bißchen enger zusammen, aber es war nur für einen Augenblick. Dann stellte er die Schüssel auf den Tisch und rief: „Hagelkorn, bring Schalen! Die jungen Herren wollen essen. — Los!“ fuhr er fort und lachte, „wie ich schon sagte: Schlagt euch die Bäuche voll! Heute gibt's noch was zu essen; morgen sind wir in der Wüste. Das Sandmeer 112ist groß, ihr Herren. Eßt, damit ihr nicht vom Wagen fallt. Ha! ha!“

Christian und Großer-Tiger wurden ängstlich, als sie ihn so reden hörten. Dabei hatten sie sich vorgenommen, tapfer zu sein.

Großer-Tiger versuchte unbefangen zu tun. „Wir essen“, sagte er nachlässig, „weil wir Hunger haben.“

„Freilich, freilich“, nickte Grünmantel eifrig, und er drehte sich nach Hagelkorn um, der Schalen und Eßstäbchen auf den Tisch legte. „Du Tropf!“ schalt er ihn, „wo sind die frischgelegten Eier?“

„Der Herr Grünmantel haben keine befohlen.“

„Eier gehören zum Frühstück. Marsch, hinaus! Und daß du nicht ohne ein halbes Dutzend wiederkommst!“

Hagelkorn staunte. Aber was half das? Er ging. Glück wunderte sich auch. Weil es aber nicht seine Sache war, über die veränderliche Gemütsstimmung anderer Leute nachzudenken, setzte er sich an den Tisch, und dann aßen alle von dem guten Reis. Als Hagelkorn die frischgelegten Eier brachte, waren es statt sechs nur fünf. Da wollte Grünmantel auf einmal keines haben, und Glück schwor, er habe mit einem genug. So kriegten Christian und Großer-Tiger jeder zwei Eier.

„Es fällt mir ein“, sagte Glück zu Hagelkorn, „ich habe dich heute nacht schreien hören. War das nicht so?“

„Du hast gebrüllt wie ein Drache im Finstern“, bemerkte Grünmantel. „Ich glaube, ich bin sogar aufgewacht.“

Hagelkorn tat, als ob er sich nur mühsam erinnern könnte. „Es geschah“, sagte er gedehnt, „wie ich hörte, daß Dogolon aufbrechen wolle. Da schrie ich laut vor Schreck, denn ich dachte an Euer Exzellenz Verlust und an die Kamele, die von Rechts wegen Euch gehören.“

„Du hättest mich lieber wecken sollen“, erklärte Grünmantel. Er war mit Essen fertig und spielte mit der Rechten in seiner Rocktasche mit Steinchen oder mit kleinen Kugeln. Wenn sie aneinanderschlugen, schaute er vergnügt auf Glück, der tüchtig aß und genauso guter Laune war wie er.

„Wie hätte ich Euch wecken können?“ fragte Hagelkorn weinerlich; „mein Schreck war derart, daß ich umfiel wie ein Flaschenkürbis. Als ich sterbend am Boden lag, stampfte man mir ins Gesicht, und man trat meine Rippen in viele Stücke.“

„Wir bitten um Vergebung“, sagte Christian leise und aß den guten Reis tapfer weiter.

Großer-Tiger legte die Eßstäbchen beiseite, stand auf und verbeugte sich kurz: „Es geschah durch unverschuldete Eile. Wir bitten um gütige Nachsicht.“

Während er sich wieder setzte, fiel Grünmantel eines der Steinchen, 113mit denen er spielte, aus der Rocktasche. Das Ding blinkte metallisch, und Großer-Tiger stellte geschwind den Fuß darauf.

„Hagelkorn“, sagte Glück, „du siehst, diese zwei Buben sind höfliche Menschen. Was können sie dafür, wenn du umfällst und deine Leiche liegt im Finstern herum?“

„Die Ehrfurcht vor dem Alter schwindet“, erwiderte Hagelkorn, „das ist es, was ich darüber zu sagen habe.“

Als alle gegessen hatten, verlangte Glück heißes Wasser. Christian stand geschwind auf, um ihm tragen zu helfen, und Großer-Tiger ließ in der Eile die Eßstäbchen fallen. Er bückte sich, um sie aufzuheben, und dabei langte er nach dem Steinchen unter seinem Fuß. Es war aber kein Steinchen, sondern ein walzenförmiges Ding aus Messing mit einer abgerundeten Spitze. Großer-Tiger steckte es ein, und dann half er mit Christian beim Einfüllen des heißen Wassers in den Kühler.

„Wie heißt der Ort, wohin wir heute fahren?“ fragte Christian.

„Er heißt gar nicht“, erwiderte Glück, „wir fahren, bis die Sonne untergeht, und weiter fahren wir nicht.“

„Aber es gibt doch Orte, die einen Namen haben, oder Brunnen, die nicht nur Brunnen heißen, und vielleicht gibt es auch Berge, die man anders nennt als bloß Berg.“

„Ja“, sagte Glück, „das gibt es haufenweise. Die Namen fallen mir aber erst ein, wenn ich sehe, wo ich bin. — Halt einmal! Es gibt einen Brunnen, der heißt Amün-Ossu, aber den sehen wir nicht, weil wir vorher abbiegen. Und dann gibt es den Beien-Obo, den sehen wir, weil er ein Berg ist; aber wir lassen ihn links liegen, und es ist besser, von alledem nicht zu sprechen, sonst fallen die Speichen von den Rädern, oder es passiert sonst was. — Warum fragst du danach?“

„Weil ich eine Karte habe“, gestand Christian. „Der General hat sie mir geschenkt.“

„Karten taugen nicht“, behauptete Glück. „Es ist am besten, du wirfst sie weg. Zum Beispiel, du suchst einen Brunnen, und der Name steht großmächtig auf dem Papier. Du findest den Brunnen aber nicht, weil er versandet ist. Da stehst du in der Wüste und hast Durst, aber kein Wasser, und schuld ist die Karte, die nicht taugt. Oder wenn auf der Karte steht: Zeltlager eines Mongolenfürsten, dann ist er umgezogen, bis du hinkommst.“

„Aber die Berge“, wandte Christian ein, „verändern sich nicht.“

„Die Berge stürzen ein, und die Hügel werden mit Leichtigkeit versetzt. Das machen diese mongolischen Zauberer täglich beim Morgenessen. Nimm dich nur in acht!“

„Grünmantel“, warf Großer-Tiger unerschrocken ein, „hat auch gesagt, wir müßten uns in acht nehmen, sonst fielen wir vom Wagen.“

114

„Grünmantel ist ein Esel“, sagte Glück betreten; „solange ich fahre, gibt es keine Bedenken. Ich fahre vorsichtig, und niemand fällt da vom Wagen.“

Er ging schnell zum Führerhaus und drückte auf die Hupe. Sogleich kam Grünmantel gelaufen, und Hagelkorn verneigte sich, weil Glück ihm das Geld für die Übernachtung gab.

Christian und Großer-Tiger hatten es sich bequem gemacht. Sie hatten die Schuhe ausgezogen, die Beine in den Schlafsack gesteckt, und so saßen sie in den Pelzmänteln, an die eisernen Fässer gelehnt.

Großer-Tiger langte umständlich in die Hosentasche und brachte das Ding heraus, das Grünmantel verloren hatte. „Was ist das?“ fragte er so nebenbei.

„Eine Patrone!“ rief Christian; „es ist eine richtiggehende Patrone! Wo hast du sie her?“

„Sie lag unter dem Tisch“, berichtete Großer-Tiger, „und Grünmantel hat sie verloren. Er muß noch viele davon haben, denn er hat damit gespielt.“

Großer-Tiger erzählte, wie alles zugegangen war; dann nahm Christian die Patrone in die Hand und sagte, daß sie zu einer Pistole gehöre. „Ich habe schon einmal Patronen gesehen. Sie lagen in der Schublade meines Vaters, und er hat mich dabei erwischt.“

„Bei was?“ fragte Großer-Tiger, der alles wissen wollte.

„Beim Abzählen“, gab Christian zu. „Ich wollte wissen, wie viele es wären und ob man merken würde, wenn später eine fehlte. Es waren vierundzwanzig. Nachher waren die Patronen aber nicht mehr da, und ich weiß nicht, wohin mein Vater sie getan hat. Das sei nichts für Jungen, sagte er.“

Großer-Tiger meinte, das sei so eine Redensart der Väter und die großen Leute würden wunders wie wichtig tun, wenn sie Patronen hätten, nur die Soldaten nicht. Die würden Patronen herzeigen und leichtsinnig damit umgehen. „Ich hab's!“ rief er plötzlich: „Oh, Kwi-Schan, ich habe ein Geheimnis entdeckt!“

„Sag es mir“, bat Christian, „damit ich es auch weiß.“

„Du mußt es sogar wissen“, flüsterte Großer-Tiger ganz leise, obgleich die Fässer klirrten und der Motor Radau machte. „Als wir mit Bator unter dem Kang saßen und warteten, ob etwas passiere, und als es so schrecklich still war, hast du da nichts gehört? — ich meine, so ein klein bißchen was?“

„Ja“, rief Christian, „so ein Fingergekrabbel oder so wie Mäuse.“

„Das war Grünmantel“, versicherte Großer-Tiger, „und er hat Glück die Patronen heimlich aus der Pistolentasche gestohlen. Das tat so wie Mäuse, und dann war er die ganze Zeit vergnügt. Und er hat gesagt: 115‚Schlagt euch die Bäuche voll‘, weil er dachte, jetzt kann ihm Glück nichts tun, wenn er Streit mit ihm kriegt.“

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Christian, „du hast recht.“

Er schaute beklommen auf Großer-Tiger; aber Großer-Tiger schwieg. Die Sonne stieg höher, und der Himmel stand blau über den sanften Wogen der Steppe.

Plötzlich fuhr der Wagen langsamer, und Christian hörte, wie Glück das Fenster öffnete und „Hier!“ rief. Großer-Tiger, der eingeschlafen war, wurde munter, und da sahen beide die Räderspuren eines Karrens, die nach Süden abzweigten, und daneben gab es viele Fußstapfen von Kamelen und einige Abdrücke von Pferdehufen.

„Da gehen meine zweihundert Silberbatzen“, sagte Glück.

„Weiter!“ rief Grünmantel ärgerlich, „fahr weiter, es ist nichts zu machen.“ Glück schlug das Fenster zu und gab Gas.

„Jetzt streiten sie wieder“, sagte Christian.

Allein Großer-Tiger war zu keiner Unterhaltung aufgelegt. Er zog den Mantel aus und kroch in den Schlafsack. Christian machte es ihm nach, und es dauerte nur wenige Augenblicke, da schliefen beide fest. Eine Stunde verging, und noch eine, und Glück fuhr noch immer nach Norden. Die letzten chinesischen Lehmhütten verschwanden in einem Tal hinter steil abfallenden Lößhalden.

Wieder verging eine Stunde, da gab es keine Täler mehr. Es gab nur die flache Steppe mit den gelben Gräsern vom Vorjahr. Der Schnee schmolz unter der steigenden Sonne, und in der Luft schwebte ein Adlerpaar. Glück wurde fröhlich trotz Grünmantel, der verdrossen neben ihm saß und den schönen Gottesmorgen nicht bemerkte. Als die ersten Mongolenjurten auftauchten, konnte Glück sich nicht versagen, laut zu tuten; es zeigte sich aber niemand. Die Jurten waren weit weg, und die beiden Pferde, die angekoppelt neben den Zelten standen, wandten die Köpfe und schlugen mit den Schweifen. Da sah Glück, daß man sich aus einem Auto hierzulande nichts machte. Auf dem Zähler konnte man ablesen, daß der Wagen beinah hundertfünfzig Kilometer seit „Fröhlichem Gedeihen“ zurückgelegt hatte, und Glück bekam eine große Hochachtung vor sich selber. Als ein niedriger Höhenzug im Westen auftauchte, begann er jede Erhebung zu beachten, bis er auf einem Ausläufer einen kunstvoll geschichteten Steinhaufen bemerkte. Da bog er von der Telegrafenlinie ab und fuhr in die offene Steppe hinein.

„Warum fährst du nicht bis Amün-Ossu?“ fragte Grünmantel, „dort geht der Karrenweg.“

„Ich bin keine Karawane“, antwortete Glück hochfahrend, „ich bin ein Auto!“

116

„Du solltest dich trotzdem an sichere Wege halten.“

„Ich halte mich an das, was ich weiß“, entgegnete Glück und deutete auf den Hügel, wo der Steinhaufen war. „Siehst du das Obo?“

„Ich sehe das Obo, aber ich kenne es nicht.“

„Du mußt noch viel lernen“, belehrte ihn Glück; „das beste ist, du hältst den Mund, denn ich muß jetzt geradezu nach Westen fahren. Das ist keine leichte Sache.“

Zwanzigstes Kapitel
vom Herrn Mondschein mit dem Säbelhieb

Christian und Großer-Tiger schliefen fest. Sie merkten nicht einmal, daß der Wagen hielt und daß ihnen die Sonne ins Gesicht schien. Erst als Glück „Heda!“ rief und „Auf, ihr faulen Schlingel!“, wachte Christian auf.

„Was wünscht der befehlende Herr Glück?“ fragte Großer-Tiger und rieb sich die Augen.

„Ich wünsche allerlei.“ Glück hielt einen Korb in der Hand, der nicht gerade sauber war. „Ich muß euch dies und das sagen“, erklärte er; „seht euch um.“

„Der Schnee ist fort!“ rief Christian erstaunt.

„Mittag ist vorüber“, setzte Glück ihnen auseinander, „und wir sind in der Mongolei. Die Sonne scheint, der Schnee ist weggetaut, und wir wollen etwas essen.“

„Ja“, rief Christian, „das wollen wir tun!“

„Dazu brauchen wir ein Feuer“, fuhr Glück fort, „und damit es brennt, brauchen wir Argal.“

„Was ist das, befehlender Herr?“ fragte Großer-Tiger.

„Argal ist trockener Mist, und ihr müßt welchen suchen. Nehmt aber nur Kamelmist, der brennt am besten. — Hier“, und dabei zeigte er in den Korb, „ist eine Probe. In zehn Minuten muß der Korb voll sein. Zieht eure Mäntel aus, schnell, schnell! Kwai, kwai!“

Christian und Großer-Tiger warfen die Mäntel auf den Wagen und nahmen den Korb, in dem hübsche runde Bällchen lagen, die ganz leicht und trocken waren.

„Beim Brunnen gibt es am meisten!“ rief ihnen Glück nach.

Sie hätten zwar gerne gefragt, wo es hier einen Brunnen gebe, denn Christian sah ihn nicht, und Großer-Tiger wußte auch nicht, wo er war. Aber da sie nun einmal Prärie- und Wüstenreisende waren, stapften sie drauflos.

Der Wagen stand in einer flachen Senke. Ringsherum gab es niedere 117Hügel mit verblichenem Steppengras, aber es gab keinen einzigen Baum. Im Westen schaute die runde Kuppe eines Berges über den flimmernden Horizont. Von dort liefen mehrere Trampelpfade durch das gelbe Gras und trafen sich an einem hellen Fleck ungefähr in der Mitte der Senke.

„Wahrscheinlich ist da der Brunnen“, sagte Christian.

Als sie sich dem hellen Fleck näherten, kam über die Hügelwelle im Westen ein Reiter auf einem Kamel, dem ein zweites folgte, das auf jeder Seite ein Wasserfaß trug. Der Mann traf mit Christian und Großer-Tiger zusammen, gerade als Christian das Brunnenloch entdeckte und „Hier ist der Brunnen!“ rief.

„Es gibt noch einen“, sagte der Mann und deutete mit dem Reitstock auf ein zweites Wasserloch in geringer Entfernung, neben dem ein langer hölzerner Trog aufgestellt war.

Der Mann sprang aus dem Sattel. Er trug einen blauen Mantel, der ihm bis auf die Stiefelspitzen reichte. Statt eines Gürtels hatte er eine dunkelrote Seidenschärpe um den Bauch gewickelt, an der eine gestickte Tasche und ein Messer mit einem Silbergriff hing. Auf dem Kopf trug er einen spitzen Seidenhut, der auch dunkelrot war; aber das sah man nicht, denn rings um den Hut lief ein Fuchsfell, unter dem das kupferbraune mongolische Gesicht freundlich grinste.

Christian und Großer-Tiger verneigten sich stumm.

„Amorchen beino?“ grüßte der Fremde.

„Bolna“, antwortete Christian.

Da lachte der Mongole. „Ich merke“, sagte er, „mit euch muß ich chinesisch reden.“

„Es ist besser“, gab Großer-Tiger zu.

„Ihr habt Glück gehabt, daß ihr mich trefft“, sagte der Mongole, „hierherum sprechen wenige Stück Menschen chinesisch. Ihr solltet Mongolisch lernen.“

„Wir möchten es gerne tun“, sagte Großer-Tiger.

„Wir wissen nur nicht, wie man es anstellt“, sagte Christian.

„Es ist einfach“, erklärte ihnen der Mann; „ihr müßt fragen: ‚Ene ju beino?‘ Wenn ihr so fragt, sagt euch jeder, den ihr trefft, was ihr wissen wollt.“

„Was heißt ‚Ene ju beino‘?“ fragte Christian.

„‚Ene ju beino‘ heißt ‚Was ist dieses?‘“

„Aha!“ sagten Christian und Großer-Tiger, und dann deuteten sie gleich auf das Brunnenloch und fragten: „Ene ju beino?“

„Hotog“, erwiderte der Mann.

„Hotog!“ wiederholten Christian und Großer-Tiger, und der Mongole nickte vergnügt. Plötzlich faßte er Christian unter die Arme, hob ihn hoch und setzte ihn auf sein Kamel. Dann deutete er mit dem Reitstock 118in die Richtung, aus der er gekommen war, und dazu sagte er mehrere Male: „Wang! Sunit-Wang!“

„Ich auch“, bat Großer-Tiger, „bitte ich auch.“

Der Mongole setzte ihn neben Christian in den Sattel, und von da oben sahen sie über dem Hügelrand die gelblasierten Ziegeldächer einiger Häuser.

„Wang!“ wiederholte der Mongole, und dann zeigte er wieder auf das Brunnenloch und sagte: „Wang'ne Hotog.“

Christian ging ein Licht auf. „Wang“, sagte er, „heißt der Mann, der dort wohnt.“

„‚Wang‘ heißt ‚König‘“, erklärte der Mongole stolz.

„Und das ist der Brunnen des Königs“, sagte Großer-Tiger, dem auch ein Licht aufging.

Der Mongole nickte, und Christian und Großer-Tiger sprangen vom Kamel. Dann unterhielten sie sich mit dem Mongolen in freundschaftlicher Weise über alles, was es gab, und wenn Christian: „Ene ju beino?“ fragte, dann sagte der Mongole, daß der Reitstock „Daschior“ heiße und daß ein Kamel ein „Temmen“ sei.

Während sie sprachen, füllten sie die Wasserfässer, und als sie damit fertig waren, zeigte ihnen der Mongole, daß es am nächsten Brunnen viel Kamelmist gab, weil dort die Viehtränke war. Da sie ihm beim Wasserschöpfen geholfen hatten, half er ihnen beim Argalsammeln, und der Korb wurde schnell voll.

„Wo kommt ihr denn her, und wo geht ihr hin?“ fragte der Mongole.

„Wir kommen daher, und wir gehen dorthin“, sagte Großer-Tiger, der bei sich beschlossen hatte, vorsichtiger zu sein, und er zeigte mit der Hand nach Osten und dann nach Westen.

Der Mongole zuckte zusammen, und Großer-Tiger dachte schon, er habe ihn mit seiner Antwort beleidigt; aber es war nicht so, sondern anders.

„Du sprichst wie einer, der schon im Grasland war“, sagte der Mongole bedächtig, und dann senkte er den Blick. „Ich muß dich um etwas bitten. Zeige mir den Ring an deiner rechten Hand.“

Großer-Tiger erschrak, und seine Hand zitterte, als er sie in die des Mongolen legte.

„Es ist so“, murmelte der Mann. Eine Blutwelle schoß ihm in das kupferfarbene Gesicht. Er schob den Hut mit dem Fuchsfell aus der Stirn, und da sahen Großer-Tiger und Christian kurz unter dem Haaransatz die breite, kaum verheilte Narbe eines Säbelhiebes. Sie lief wie ein feuerrotes Band von einer Schläfe zur andern, und sie sah so schrecklich aus, daß Christian und Großer-Tiger überlegten, ob sie sich jetzt fürchten müßten.

119

„Woher hast du den Ring?“ fragte der Mongole erregt, und die Narbe auf der Stirn wechselte von Rot in Blau.

„Er gehört nicht mir“, erwiderte Großer-Tiger ausweichend.

Das war keine Antwort für den Mongolen. „Ich weiß es“, rief er, „aber ich kann dich kein andermal danach fragen. Darum sage mir gleich jetzt, wie der Ring an deine Hand kam.“

„Ein heiliger Mann gab ihn mir und sagte: ‚Dieser Ring sucht seinen Herrn.‘ Deshalb trage ich ihn am Daumen.“

„Wir wollen uns setzen“, schlug der Mongole vor. Er langte eine Pfeife mit dünnem Rohr und mit nephritnem Mundstück aus dem Stiefelschaft, stopfte den winzigen Silberkopf mit Tabak voll und begann zu rauchen.

„Man erwartet uns“, sagte Christian.

„Wir sind pressant“, entschuldigte Großer-Tiger.

„Es gibt nichts, das eilig wäre“, widersprach der Mongole gelassen. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich will nicht wissen, wer dein heiliger Mann ist.“

Da setzten sich Christian und Großer-Tiger, wie sie es gewohnt waren, in der Kniehocke neben den Mongolen. Sie warteten darauf, was er sagen würde, aber er paffte blaue stinkende Rauchwolken in die Luft.

„Ich heiße Mondschein“, begann er endlich. „Ich bin einer von den zwanzig Männern, die den Ring an deinem Daumen kennen.“

„Wir haben von den zwanzig Männern gehört“, sagte Großer-Tiger.

„Der heilige Mann hat gesagt, sie hätten einen Schwur geschworen“, fügte Christian beklommen hinzu.

Mondscheins Gesicht verfinsterte sich. „Wißt ihr noch mehr?“ fragte er; „wißt ihr, wie der heißt, dem der Ring gehört?“

„Wir wissen es nicht“, sagten Großer-Tiger und Christian miteinander.

„Dann steht es mir nicht zu, euch seinen Namen zu nennen. Wenn ihr ihn aber trefft und er sollte euch fragen: ‚Habt ihr den oder den gesehen?‘, so antwortet: ‚Mondschein lebt. Er blieb im elften Monat des vergangenen Jahres für tot liegen an dem See, der Gaschu-Nor heißt.“

„Ene ju beino?“ fragte Großer-Tiger sachlich.

„‚Gaschu-Nor‘ heißt ‚Bittersee‘, und der Bittersee ist groß wie das Meer. An seinem Ufer hätten mich die Wölfe gefressen, denn ich war mehr tot als lebend, wie ihr euch denken könnt.“

„Wir können es uns denken“, gab Christian zu. Er schaute auf die Narbe, aber sie war nicht mehr so blau wie vorher.

„So was kommt vor“, sagte Mondschein; „es ist nicht besonders hübsch, nicht wahr? Man kann dabei verbluten. Zum Glück kamen vier Männer, die auf einer Wallfahrt gewesen waren. Sie nahmen mich 120mit, und sie pflegten mich. Als ich gesund war, baten sie mich, ich sollte bei ihnen bleiben. Ich sagte: ‚Ich bleibe vier Monde bei euch, dann kehre ich in die Wüste zurück.‘ Die Männer merkten, was ich für sie tun wollte, und sie sagten: ‚Wir brauchen keinen Dank.‘ Allein ich bat sie, ihre Herzen weit zu machen; ich sagte: ‚Ihr habt eine lange Reise gemacht, und ihr sollt euch ausruhen. Gestattet deshalb, daß ich den Jahresdienst beim Wang für euch verrichte.‘ Sie wollten es nicht haben, aber ich bestand darauf, und ich ging zum Wang, der dort hinter dem Hügel wohnt. Ich bat ihn, daß ich für jeden meiner Lebensretter den Dienst eines Monats ableisten dürfte, den sie dem Wang jährlich schulden. Der Wang erlaubte es, und so tue ich Dienst an seinem Hof bis zum ersten Tag des fünften Monats. Da werde ich frei sein und zu dem zurückkehren, dem der Ring gehört.“

Mondschein klopfte die Pfeife aus und steckte sie umständlich in den Stiefelschaft.

„Wir haben alles vernommen, früher geborener Herr Mondschein“, sagte Großer-Tiger und griff nach dem Korb.

„Wir werden nichts vergessen“, beteuerte Christian und stand auf.

„Nur keine Eile“, sagte Mondschein, „ich gehe mit euch. Ihr braucht frisches Wasser zum Kochen, das kann ich euch geben; so müßt ihr nicht zweimal zum Brunnen laufen.“

„Großen Dank“, sagte Christian, „es ist mehr, als wir erwarten dürfen.“

„Nichts da“, erwiderte Mondschein, „ich will mir die Menschen ansehen, mit denen ihr reist.“

„Einer heißt Glück“, sagte Großer-Tiger, „und er ist ein Soldat des Generals Wu.“

„So, so“, brummte Mondschein; allein sein Gesicht verriet nicht, was er über Soldaten im allgemeinen oder über Glück im besonderen dachte. Er führte die beiden Kamele nebeneinander am Strick und tat gleichgültig.

„Und der andere?“, fragte er, „ist da noch einer?“

„Es ist noch einer da“, sagte Christian und blickte verstohlen nach Großer-Tiger.

„Es gibt noch einen zweiten“, bestätigte Großer-Tiger. Dabei blieben sie stehen, als ob ihnen der Korb zu schwer werde. Dann schauten beide, was für ein Gesicht Mondschein machen würde, wenn sie jetzt sagten, wer der andere sei.

„Er gibt sich für einen Kaufmann aus“, begann Christian.

„Und die Leute nennen ihn Grünmantel“, platzte Großer-Tiger heraus.

„Das freut mich“, sagte Mondschein, ohne eine Miene zu verziehen, 121„das freut mich aufrichtig. Ich wünschte schon lange, diesem Herrn zu begegnen. Aber hört einmal, es ist besser, wenn er meinen Namen nicht erfährt. Auch der Soldat Glück braucht ihn nicht zu wissen. Könnt ihr schweigen?“

„Wir sind in der Geheimhaltung von Namen sehr erfahren“, behauptete Christian.

„Das habe ich gemerkt“, sagte Mondschein lachend, „ihr seid zwei tüchtige Burschen und für das Grasland wie geschaffen. Es gilt also: Keiner von euch weiß, wie ich heiße!“

„Wir haben es bereits vergessen“, erklärte Großer-Tiger.

Sie kamen zu dem Lastwagen, wo Glück in gehöriger Entfernung ein Feuerchen gemacht hatte. Er war ungeduldig geworden; aber als er sah, daß der Mongole Wasser brachte, nickte er zufrieden. Mondschein schob den Hut in die Stirn, und dann begrüßte er Glück und Grünmantel mit einem: „Habt ihr eine gute Reise gehabt?“

Glück sagte, bis jetzt sei es leidlich gegangen und er habe nur eine Laterne am Wagen eingebüßt.

„Ich hörte mit Vergnügen“, wandte Mondschein sich an Grünmantel, „daß Ihr der berühmte Kaufherr Grünmantel seid.“

„Der bin ich. Was willst du von mir?“

„Oh, nichts. Ich wüßte nicht. Nein, wahrhaftig, ich glaube, ich will wirklich nichts von Euch haben.“

„Dummes Zeug!“ rief Grünmantel ärgerlich; „weshalb redest du da mit mir?“

„Euer Ruhm schallt bis zu den Wolken“, behauptete Mondschein, „da wollte ich die Gelegenheit nicht versäumen, zwei Begrüßungsworte mit Euch zu wechseln.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel und blickte zum Himmel, als ob es bald regnen würde.

Mondschein kniff die Augen zusammen und grinste: „Ein wortkarger Herr, Euer Herr Grünmantel“, sagte er leise zu Glück. Dann hieß er das Kamel mit den Wasserfässern niederknien, und sobald Glück zwei Eimer gefüllt hatte, stieg Mondschein in den Sattel.

„Ich wünsche Behaglichkeit zu allen Stunden“, rief er; „lebt wohl!“

„Auf Wiedersehen!“ riefen Großer-Tiger und Christian.

Glück schaute dem Davonreitenden lange nach; er kratzte sich den Kopf und schob die Mütze nachdenklich von einem Ohr auf das andere. Aber dann wurde er plötzlich geschäftig; er setzte den Kochtopf auf das eiserne Dreibein über das Feuer und rief: „Bring das Nudelbrett, Kompaß-Berg! Hol den Nudelwalker, Großer-Tiger!“

Während sie zum Wagen liefen, begann er den Teig zu kneten, und Grünmantel setzte sich neben ihn und schaute zu.

122

„Höre“, sagte Glück leise; „den Kerl habe ich schon einmal gesehen.“

„Ich nicht“, erwiderte Grünmantel abweisend und blickte wieder zum Himmel.

Allein der Himmel war blau, die Sonne schien, und das Wasser im Kochtopf begann zu summen.

Einundzwanzigstes Kapitel
mit bedenklicher Nachricht über den ehrenwerten Mondschein,
und von der Audienz beim König der Sunit-Mongolen

„Gefällt es euch in der Mongolei?“ fragte Glück, als sie um den Kochtopf saßen und die langen Nudeln, die Glück zubereitet hatte, aus dem Salzwasser fischten.

„Es gefällt uns, befehlender Herr“, sagte Großer-Tiger.

„Die Nudeln sind gut“, fügte Christian hinzu.

Glück hörte das gern. Man merkte aber auch, daß er ein begabter Koch war. Wenn er Feuer mit Kamelmist machte, brannte es sogleich hell; wenn er den Teig mit dem Wellholz bearbeitete, wurde er dünn wie Reispapier. Dabei war das Wellholz nur ein runder Prügel, und das Messer, mit dem Glück die Nudeln schnitt, war ein gewöhnliches Messer; aber sie waren wie mit einem Lineal geschnitten. Für Kenner machte das einen gewaltigen Unterschied.

Grünmantel achtete auf nichts dergleichen. Er aß die guten Nudeln hastig wie immer, legte die Eßstäbchen weg und saß verdrießlich da.

„Die Mongolei“, sagte Glück, „ist wie das Meer. Das Herz wird eng, wenn man nicht da ist, und das Herz sagt Freude über Freude, sobald es das Grasland sieht und die Steine der Wüste.“

Christian und Großer-Tiger schauten verwundert, und Glück wurde verlegen, als hätte er etwas gesagt, was er lieber hätte für sich behalten sollen.

„Du mußt sagen: die ‚roten Steine‘ der Wüste“, bemerkte Grünmantel anzüglich, und Glück wurde noch verlegener.

„Merkst du jetzt“, höhnte Grünmantel, „was für dummes Zeug du sprichst?“

„Kein dummes Zeug“, sagte Großer-Tiger mutig. „Herr Glück hat zwei sehr schöne Worte über das Grasland und über die Wüste gesprochen.“

„Wie“, schrie Grünmantel, „du freches Stück Mensch drängst dich in meine Rede, die du nicht verstehst! Ich sollte dich nach Gebühr bestrafen!“

„Tu das nicht“, warnte Glück gereizt.

123

„Ich sehe schon, mit wem du es hältst“, entgegnete Grünmantel und zog die Mundwinkel abwärts. „Denke ein bißchen nach, vielleicht fällt dir ein, an welchem Stein du dem Kerl mit den Wasserfässern begegnet bist.“

Als er das gesagt hatte, stand Grünmantel auf, strich den schwarzen herabhängenden Bart, daß die Spitzen ganz spitz wurden, und dann ging er zum Wagen, wo er sich auf einen Stein in die Sonne setzte.

Glück schwieg grimmig. Er war fröhlich gewesen; aber das ging jetzt nicht mehr, denn er mußte nachdenken.

„Hört einmal“, sagte er, „ihr habt doch vorhin mit dem Mongolen über dies und das gesprochen. Hat er euch gesagt, wie er heißt?“

„Wenn Ihr den meint“, begann Großer-Tiger vorsichtig, „mit dem wir hierhergekommen sind, der hatte eine breite Narbe quer über der Stirn wie von einem Säbelhieb.“

„So“, sagte Glück verwundert, „ich habe nichts derart bemerkt.“

„Man sieht die Narbe nicht gleich“, erklärte Christian, „nur wenn er sich den Kopf kratzt, oder wenn der Hut verrutscht.“

„Dann ist er es nicht“, sagte Glück. „Trotzdem aber wäre es gut, wenn ich seinen Namen wüßte.“

„Haben Mongolen Namen wie wir?“ erkundigte sich Großer-Tiger höflich.

„Nein“, setzte ihm Glück auseinander, „sie haben keine Familiennamen wie wir. Sie haben nur einen Namen, den sie bald nach der Geburt kriegen. Aber er nützt ihnen nicht viel. Die meisten Mongolen laufen mit einem Spitznamen herum. Schließlich weiß das Stück Mensch selbst kaum mehr, wie es eigentlich heißt. Es weiß nur noch seinen Spitznamen.“

„Aha“, sagte Christian, „da hat also jeder Mongole doch zwei Namen, einen richtigen und einen anderen.“

„Beinah jeder“, bestätigte Glück, „oder wenigstens sehr viele. Ich habe mal einen gekannt, der hieß Mondschein. Er war stolz auf seinen Namen, und er sagte jedem, dr es wissen wollte oder nicht wissen wollte, daß er Mondschein hieße. Aber die Menschen nannten ihn deshalb noch lange nicht Mondschein. Sie nannten ihn Pfötchen.“

„Ist“, fragte Christian, „der Herr Mondschein unzufrieden damit? Das heißt … ich meine ja nur … ich möchte wissen, warum man ihn Pfötchen nennt.“

„Das ist eine alberne Geschichte“, antwortete Glück. „Dieser Mondschein, müßt ihr wissen, macht gern Spaß wie alle Mongolen. Wenn ihm aber was passiert, worüber die Leute lachen, dreht er es herum, und dann ist es auf einmal ehrenvoll für ihn. Im Winter vor ein paar Jahren war er nachts mit Kamelen unterwegs. Weil ihn an die Füße fror, stieg er ein 124Weilchen aus dem Sattel und trottete hinterdrein. Da gab es einen Aufenthalt, und der ganze Zug blieb stehen. Nur Mondschein marschierte im Halbschlaf weiter und rannte richtig von hinten gegen das letzte Kamel, das sofort ausschlug und Freund Mondschein derart vor die Brust traf, daß er gar nicht erst aufwachte. Zwei andere Mongolen, die ihn umfallen sahen, kamen herbei und brachten ihn wieder zu sich. ‚Was ist los?‘ fragte Mondschein, ‚warum liege ich hier und blicke in den Mond?‘ ‚Das Kamel hat dich getreten‘, wurde ihm berichtet. ‚Ach, ich erinnere mich‘, sagte Mondschein, ‚das gute Tier wollte mir Pfötchen geben.‘ Seither nennt man ihn Pfötchen statt Mondschein, aber er hört es nicht gern; und überhaupt ist es besser, man begegnet ihm nicht.“

„Warum ist es besser?“ wollte Christian wissen.

„War er es am Ende doch?“ fragte Glück dagegen und fixierte Christian scharf.

„Wer?“ tat Großer-Tiger verwundert, „der Mongole mit der Narbe etwa?“

„Ach so!“ erinnerte sich Glück, „ich vergaß die Narbe. Wenn er die nicht hätte, würde ich glauben, es wäre Mondschein gewesen, der hier war. Nun, man kann sich irren.“

„Man kann sich sehr leicht irren“, gab Großer-Tiger zu.

„Ihr seid vernünftige Jungen“, sagte Glück, „mit euch lassen sich zwei verständige Worte reden; darum will ich euch sagen — es ist ja kein Geheimnis —, also dieser Mondschein nämlich, von dem ich rede, ist ein richtiggehender Räuber.“

„Möchte der befehlende Herr Glück“, bat Christian, „uns nicht ein bißchen von ihm erzählen?“

„Jetzt ist nicht die richtige Zeit. Los, wir wollen einpacken!“

„Schade“, sagte Christian.

„Sobald wir an den Edsin-Gol kommen, kannst du mich daran erinnern“, sagte Glück, „da machen wir einen Tag Rast, und ich werde euch von Mondschein erzählen.“

Die Fahrt ging weiter. Grünmantel hatte bis zuletzt mit dem Einsteigen gewartet. Während Christian und Großer-Tiger schon lange auf ihren Plätzen waren, saß er immer noch auf dem gleichen Fleck, dachte nach und tat unbeteiligt wie ein Fremder. Endlich, als Glück schon auf den Gashebel trat, stieg er ein. Gesprochen wurde kein Wort.

Als die Fässer leise klirrten und die Blechkannen aneinanderschlugen, fragte Christian Großer-Tiger, ob sie nicht besser getan hätten, Glück zu sagen, daß der Mann mit der Narbe Mondschein gewesen war.

„Nein“, entschied Großer-Tiger, „wir haben Mondschein Stillschweigen versprochen.“

„Aber wenn er ein Räuber ist?“

125

„Räuber sein ist ein ehrenwerter Beruf“, sagte Großer-Tiger, „und Ehrenmännern muß man Wort halten. Zudem hat Glück Geheimnisse vor uns. Warum sollten wir nicht auch Geheimnisse vor Glück haben? Wir wollen warten; im Warten liegt Heil.“

„Sagt das dein Lehrer?“

„Nein, das sagt mein Großvater. Er sagte auch oft: Jugendtorheit ist rasch, sie bringt Durcheinander.“

„Meine Ama sagte anders“, warf Christian ein; „sie schüttelte vielmal den Kopf, wenn sie mich sah, und sie sprach: Kindliche Torheit hat Gelingen.“

„Das ist längst vorüber“, widersprach Großer-Tiger ernst, „jetzt sind wir Männer. Wir müssen tun, was Männern zu tun geziemt.“

„Geziemt es uns da, Grünmantel totzuschlagen?“

„Vielleicht. Bator hat auch gemeint, es wäre notwendig.“

„Ich kann es aber nicht tun.“

„Ich auch nicht“, gab Großer-Tiger freimütig zu.

„Also“, seufzte Christian, „müssen wir Grünmantel leben lassen.“

Mittlerweile war Glück um den Hügel gefahren, auf dem die Häuser des Wang mit den gelblasierten Ziegeldächern standen. Die Dächer blitzten in der Sonne; aber mehr sah man nicht, denn die Entfernung war groß, und die erwärmte Luft schwebte auf und nieder wie an einem heißen Sommertag.

Die runde Bergkuppe im Westen kam näher, und auf einmal war sie gar nicht mehr so hoch. Das kam, weil die Steppe langsam anstieg. Bald darauf fiel sie in ein breit ausladendes Tal ebenso sanft wieder ab. Da wurde der Berg wieder mächtig, und Christian und Großer-Tiger, die ihn noch lange vor Augen hatten, betrachteten das steinerne Mal auf dem Gipfel, in dem eine Stange mit blassen Wimpeln steckte.

„Das ist der Berg Beien-Obo“, sagte Christian, der das Südliche-Blatt studierte. „Aber jetzt ist die Karte weiß, und es kommt lange nichts mehr, was einen Namen hat.“

„Es wird schon so sein, wie Glück sagt“, meinte Großer-Tiger; „so eine Karte taugt nicht.“

„Der General“, widersprach Christian, „hätte uns die Karte nicht gegeben, wenn sie unnütz wäre.“

Diesem Einwand war Großer-Tiger nicht gewachsen, doch sein Vertrauen war durch die Voreingenommenheit Glücks geschwunden. „Wie kann“, sagte er, „das Südliche-Blatt weiß sein, wenn hier ein Flußbett ist? Es ist zwar kein Wasser und auch sonst nichts darin als viele Steine, aber am Rande gibt es grüne Büsche, und vielleicht leben hier sogar Tiere.“

„Ja“, rief Christian aufgeregt. Er zeigte auf ein Rudel aufgescheuchter 126Antilopen, die aus dem immergrünen Schara-Mot-Gestrüpp flüchteten. Sie sprangen aber nicht einfach fort, sondern rannten in langen Sätzen und in geringer Entfernung wie geübte Wettläufer neben dem Wagen her. Glück fuhr gewaltig drauflos, doch es war von vornherein ein aussichtsloses Rennen für den plumpen Lastwagen. Die Antilopen überholten ihn spielend und wechselten dann mit hohen Luftsprüngen auf die andere Seite. Dort begannen einige ruhig zu äsen. Die Flucht war beendet, der Wagen war überholt; anscheinend hatte man es mit keinem gefährlichen Gegner zu tun.

„Du siehst“, sagte Großer-Tiger, „es gibt hier Tiere, aber in dem Südlichen-Blatt ist nichts davon zu lesen.“

„Auf Landkarten stehen keine Tiere“, verteidigte sich Christian. „Weißt du, wie die da heißen?“

„Es sind gelbe Ziegen; ich kenne sie von Bildern.“

„Sie heißen auch Antilopen“, erinnerte sich Christian; „aber es ist ein schwieriges Wort, von dem man nie weiß, ob man es richtig oder falsch schreibt. Gelbe Ziegen ist besser.“

„Wo gelbe Ziegen sind, gibt es Wölfe“, behauptete Großer-Tiger.

„Ich möchte mal einen Wolf sehen“, sagte Christian.

„Aber besser nicht in der Nähe“, meinte Großer-Tiger.

„Vielleicht wenn man auf einem Baum sitzt und der Wolf geht unten vorbei.“

„Er kann“, sagte Großer-Tiger, „nicht unten vorbeigehen, wenn es oben keinen Baum gibt. Seit ‚Heim in den Felsen‘ hate ich nie mehr einen Baum gesehen.“

„In diesem Fall“, schlug Christian vor, „ist es am besten, der Wolf geht vorbei, solange wir auf dem Wagen sitzen.“

Christian holte aus der Ledertasche ein Heft, das darin war, und einen Bleistift. Den Bleistift spitzte er sorgfältig mit dem neuen Taschenmesser, bis er ganz fein damit schreiben konnte.

„Was willst du tun?“ fragte Großer-Tiger.

„Ich mache ein Wörterbuch“, erklärte Christian, „damit ich Mongolisch lernen kann.“ Er faltete eine Anzahl Blätter in der Mitte, und dann schrieb er

auf die eine Hälfte: auf die andere Hälfte:
Bittersee=Gaschu-Nor
darunter schrieb er:  
Reitstock=Daschior
Kamel=Temmen
König=Wang

Er las Großer-Tiger vor, was er geschrieben hatte, und fragte ihn, ob etwas fehle.

127

„Du hast ‚Hotog‘ vergessen“, erinnerte Großer-Tiger. Da schrieb Christian gehorsam in das Heft:

Brunnenloch=Hotog

Und dann sagte er fröhlich: „Nun wissen wir schon viele Wörter. Wenn es hundert sind, fangen wir an zu reden, mit dreihundert unterhalten wir uns, und wenn wir fünfhundert Wörter können, dann geben wir andern Nachhilfestunden, die weniger wissen als wir.“

Während sich Christian und Großer-Tiger über diese wichtigen Dinge unterhielten, fuhr Glück wortlos durch die Steppe und achtete auf die Sonne wegen der westlichen Richtung und auf den Boden wegen der Löcher, die die Murmeltiere und die Füchse machten. Als es Abend wurde, hörten sie auf, und Glück erkannte, daß er nicht weit von einem Kloster war, das Orte-Golen-Sum hieß.

„Weshalb fährst du auf einmal so schnell?“ fragte Grünmantel.

„Weil es bald Nacht sein wird.“

Grünmantel wollte zornig erwidern, daß er das auch bemerke, aber er unterdrückte den Zorn und fragte freundlich, ob Glück vielleicht wisse, wo er sich befinde und was für eine Gegend das sei.

„Es gibt hier“, sagte Glück geschmeichelt, „ein Kloster, und in zehn Minuten sind wir dort. Das Kloster ist klein, aber es hat zwei gute Brunnen, einen lebenden Gott, der noch ganz klein ist, und freundliche Mönche.“

„Freilich, freilich“, brummte Grünmantel beifällig und unterdrückte wieder, was er sagen wollte, nämlich daß Glück ein alter Hung-Hu-Tse sei und daß es deshalb kein Wunder wäre, wenn er sich in der Mongolei besser auskenne als andere Leute, und daß er sich nichts darauf einzubilden brauche; im Gegenteil. Allein, er hatte einen neuen Plan ausgedacht, und darum schwieg er still.

„Laß das dumme Grinsen“, sagte der ahnungslose Glück, „du wirst gleich sehen, daß ich recht habe.“

Grünmantel erwiderte, daß er nicht daran zweifle und daß er Glück sowieso bewundere, weil er soviel wisse.

Im Westen schwebte die Sonne über den Zackenrändern ferner Berge. Sie war groß und rot wie eine feurige Kugel, die über eine Welt rollte, von der man nicht glauben konnte, daß sie schon fertig sei. Es gab Bodenwellen und niedere Hügel, die aussahen, als ob sie morgen ebensogut irgendwo anders sein könnten. Risse zogen durch die Erde. Der magere Graswuchs erschien als der sinnlose Versuch, Leben in eine Gegend zu bringen, die kein Leben duldete. Wahrscheinlich war morgen das Gras verdorrt, und man erwachte zwischen Blöcken von Urgestein und rieselndem Sand, wenn es überhaupt ein Erwachen gab.

Es war gut, daß Glück die Sache anders ansah. Für ihn war der Boden 128verläßlich fest, und die Steppe war eine Rennbahn, über die man fuhr. Er machte tüt, tüt, tüt, tüt, und das hieß: „Habe ich recht gehabt? — Wir sind da!“

Christian und Großer-Tiger standen neugierig auf und schauten durch das Fensterchen im Führerhaus. Da sahen sie eine graue Berglehne und darunter auf halber Höhe zehn oder zwölf weiße Häuser mit flachen Dächern und mit roten Kanten. Die Häuser waren ebenerdig mit Ausnahme von einem, das in der Mitte stand und die andern überragte. In der Einöde sah es aus wie ein Leithammel mit weißen Schafen, die sich fürchteten.

„Es sind auch Zelte da!“ rief Christian.

„Und neben den Zelten stehen viele Pferde!“ sagte Großer-Tiger, „und sie schlagen mit den Schweifen.“

Kaum hatte Großer-Tiger ausgesprochen, als Glück aufhörte zu tuten. Er hatte die blauen Zelte und die Pferde auch bemerkt und wußte nicht recht, was er davon zu halten hatte. Darum fuhr er nicht mehr schnell. Der Wagen rollte zögernd und immer langsamer über die ausgedehnte Kiesfläche.

Bis zum Kloster waren es nicht viel mehr als fünfhundert Meter; aber Glück hatte plötzlich keine Lust, bei den freundlichen Mönchen zu übernachten. Er begann im stillen die blauen Wanderzelte zu zählen, und als er sechzehn herausgebracht hatte, machte er einen raschen Überschlag: Sechzehn kleine Zelte beherbergten hundertfünfzig Männer, auch wenn man einen Fürsten und zwei oder drei Adlige mitrechnete, die ein Zelt für sich hatten. Glück war sicher, daß es Sunit-Mongolen waren, mit denen er nie etwas zu tun gehabt hatte. Aber war dieser Kerl mit dem kupferbraunen Gesicht heute mittag nicht doch Pfötchen gewesen? Und wenn er es gewesen war, wie kam er hierher nach Sunit?

Glück schaute zum Seitenfenster hinaus. Links war die graue Kiesebene, geradeaus war sie auch, und dann kam die Berglehne mit dem Kloster und in einigem Abstand die Zelte mit den schweifschlagenden Pferden. Auch einige Männer konnte man erkennen, die hin und her gingen oder stehenblieben, weil sie den Wagen bemerkt hatten. Rechts gab es eine sanfte Anhöhe mit schütterem Graswuchs, und oben entdeckte Glück eine Jurte. Gleich drehte er das Steuerrad. Christian und Großer-Tiger wären beinahe umgefallen, so hart war die Wendung. Dann ging es rasch das kurze Stück bergauf, und der Wagen stand.

Christian und Großer-Tiger sprangen herunter. Sie standen schon neben dem Schlag, als Glück noch im Führerhaus saß, den linken Arm halb zum Fenster heraushängen ließ und in die untergehende Sonne starrte.

„Gibt es was zu bedenken, befehlender Herr?“ fragte Großer-Tiger.

129

„Es gibt vieles zu bedenken“, antwortete Glück, „aber in der Mongolei kann man sich nichts vornehmen; es kommt, wie es kommen muß. Wollt ihr Wasser holen?“

„Wir wollen Wasser holen“, rief Christian. „Hat dieser Ort einen Namen?“

„Dieses ist kein Ort“, sagte Glück, „es ist ein Kloster und heißt Orte-Golen-Sum.“

„Und die vielen Zelte?“

„Die Zelte“, ließ sich plötzlich Grünmantel vernehmen, „gehören Mongolen, und die Mongolen sind gekommen, weil in dem Kloster ein Fest ist. Ich kenne das.“

„Du kennst das nicht“, sagte Glück, „oder nicht gut. Wenn es ein Fest im Kloster gäbe, wären die Zelte prächtiger, und es wären auch ein paar Jurten dabei. Jetzt ist nicht die richtige Zeit für ein Klosterfest.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel nachgiebig, „du kennst dich ja aus. Also sprich! Was gibt es da drüben? Du bist so ein alter …, ich meine, hast du einen guten Gedanken?“

„Ich denke“, sagte Glück, „es gibt morgen eine ganz gewöhnliche Wolfsjagd.“

„Bolna!“ rief Christian erfreut.

Glück wandte sich erstaunt nach ihm um. „Ich höre dich mongolisch reden. Sprichst du diese Sprache?“

„Wir wollen sie lernen“, erklärte Großer-Tiger, „aber sie ist nicht leicht.“

„Ich mache ein Buch darüber“, sagte Christian, „es stehen schon viele schwierige Wörter darin, zum Beispiel ‚Hotog‘.“

Glück mußte lachen. „Was gibt es noch für schwierige Wörter in deinem Buch außer Hotog?“ fragte er.

„Eines heißt ‚Wang‘, und ein Wang ist ein König.“

„Sehr gut“, lobte Glück; „nehmt jetzt die beiden Wassereimer, und wenn ihr bei den Zelten einem Wang begegnet, dann ist es der Baron-Sunit-Wang. Ihr müßt ihm einen Fußfall der Verehrung machen, aber nachher könnt ihr mit ihm reden wie mit mir.“

Großer-Tiger holte die Wassereimer, während Christian geschwind auf den Wagen kletterte und das Heft aus der Ledermappe nahm. Damit ging er zu Glück und bat ihn, ihm die Wörter zu erklären.

„‚Baron‘“, sagte Glück, „heißt westlich; ‚Sunit‘ ist der Name des Stammes; Baron-Sunit-Wang heißt also: der ‚Westliche Sunit-König‘.“

Christian schrieb die Worte sauber in das Heft, steckte es ein und sagte: „Wir gehen jetzt zum Westlichen Sunit-König und holen Wasser.“

„Nehmt einen tüchtigen Prügel mit“, warnte Glück, „vielleicht gibt es dort Hunde, und die mongolischen Hunde sind beinah so gefährlich 130wie Wölfe.“ Er ging ins Führerhaus, kramte eine Weile unter dem Sitz und kam mit einem Bambusprügel wieder, an dem ein Lederriemen hing.

„Nehmt dieses Ding“, sagte er, „es ist ein Reitstock.“

„Aha“, sagte Christian, „ein Daschior.“

„Ich bleibe vor Bewunderung stumm“, rief Glück; „du weißt sehr viele Wörter.“

„Keine Erwähnung deswegen“, tat Christian bescheiden, und dann ging er mit Großer-Tiger dem Kloster und den Zelten entgegen.

Unterwegs besprachen sie wieder wichtige Dinge.

„Wie kommt es“, fragte Christian leise …

„Eben dieses wollte ich dich fragen“, flüsterte Großer-Tiger; und dann sprachen sie über Glück, der anscheinend Mongolisch konnte, es aber bisher verschwiegen hatte.

„Er hat mit Mondschein nur chinesisch gesprochen“, sagte Christian, „ich habe aufgepaßt.“

„Das tat er“, setzte ihm Großer-Tiger auseinander und blieb einen Augenblick stehen, „weil er nicht genau wußte, ob Mondschein wirklich Mondschein war, und weil er dachte, daß auch Pfötchen nicht sicher wisse, ob Glück wirklich Glück sei oder ein anderer. Das alles ist schwer zu sagen; aber man begreift es leicht, weil sich beide mißtrauen und Angst voreinander haben.“

„Mondschein hat keine Angst“, rief Christian, „er sieht nicht so aus.“

„Dann ist es eben Glück“, sagte Großer-Tiger.

„Er sieht auch nicht so aus“, sagte Christian.

Die Anhöhe senkte sich, und je mehr es dem Tal zuging, um so weniger gab es Gräser. Schließlich wurde der Boden glatt wie eine Tenne, und man sah die zwei Brunnen, von denen Glück gesprochen hatte, als dunkle, kreisrunde Punkte. Nicht weit davon hatten die Mongolen ihre Zelte an der Berglehne errichtet. Vor den weißen Klostergebäuden standen die Pferde in langen Reihen. Sie waren mit dem Zaumzeug an Stricke gebunden, die nach der Art von Wäscheleinen über Pfähle liefen.

Das letzte Licht wich der Dunkelheit. Die Sterne traten nacheinander an ihre Plätze, und der Mond war auch da, als Christian und Großer-Tiger bei dem Brunnen anlangten.

Es war wie in Wang'ne-Hotog. Neben dem ersten Brunnen lag ein ausgehöhlter Baumstamm, in den ein Mongole Wasser schöpfte. Vom Berghang kamen zwei andere Männer mit einer Anzahl Pferde zur Tränke. Der Brunnen daneben blieb frei, und Christian ließ an einer Kette, die dalag, den ersten Eimer hinunter. Die Mongolen schauten zu, stießen sich an und lachten. Christian wußte nicht, warum, aber er merkte es bald, denn die Kette klirrte am Boden, und als er den Kübel heraufziehen wollte, war er leer.

131

„Nasch-jirr!“ rief einer der Mongolen, und er winkte Christian und Großer-Tiger, sie sollten bei ihm Wasser holen. Er ließ auch gleich eine lange Stange mit einem Leinensack daran in den Brunnen. Als er ihn heraufgezogen hatte, goß er das Wasser in die Eimer.

„Sie sind voll“, sagte Großer-Tiger artig, „und wir danken.“

„Bolna!“ rief Christian fröhlich.

Diesmal paßte das Wort vortrefflich, denn es hieß „Gut so“ oder „Jetzt ist es recht“. Darüber freuten sich die Mongolen. Einer nach dem andern kam und fragte lange und schöne Fragen, aber Christian gab keine Antwort. Da klopften ihm die Mongolen zutraulich auf die Schultern und sagten, er sei wohl ein bißchen schüchtern. Doch Christian blieb stumm, und die Mongolen merkten, daß er nicht fließend sprechen konnte. Die Unterhaltung hätte ganz aufgehört, wenn Christian nicht eingefallen wäre, daß er ein neues Wort gelernt hatte. Er faßte sich ein Herz und sagte deutlich: „Baron-Sunit-Wang.“

Die Wirkung, die das machte, war groß. Ob sie gut oder schlecht war, konnte man freilich nicht gleich erkennen, denn die Mongolen steckten die Köpfe zusammen und redeten eine ganze Zeitlang unter sich. Endlich kam der, der das Wasser geschöpft hatte, faßte Großer-Tiger und Christian freundschaftlich am Ohr und sagte wie schon einmal: „Nasch-jirr!“

Christian antwortete: „Bolna!“, und dann folgten sie dem Mongolen, der mit ihnen zum Zeltlager ging.

Unterwegs nahm ihnen der Mongole die schweren Wasserkübel ab, und Großer-Tiger, der einen schlechten Ausgang des Abenteuers befürchtete, faßte wieder Mut. Er schaute zum Mond, dem gewaltigen Tröster der Seelen, und da war ihm, als ob nur noch ein gewisses Wort fehle, und alles wäre gut.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger und lächelte.

Da wurde auch Christian fröhlich zumut, und dann standen sie vor dem ersten der sechzehn Zelte, die alle blau waren. In dem schwachen Mondlicht erschienen die Zelte schwarz wie eine Schar Trauerfalter, die auf dem hellen Kiesboden mit ausgebreiteten Flügeln hockte, um die Nacht zu überdauern.

Der Mongole setzte die Wasserkübel auf die Erde, bedeutete Christian und Großer-Tiger zu warten, und dann trat er in das Zelt, in dem ein Feuer brannte. Es dauerte gar nicht lang, da kam er wieder, grinste freundlich und sagte etwas Ähnliches wie eine Einladung.

Christian und Großer-Tiger faßten sich an der Hand und betraten gemeinsam das Zelt. Es war klein, aber es war hell und freundlich darin. Innen war es weiß gefüttert, und in der Mitte zwischen den beiden Zeltstangen brannte ein Feuer in einem runden Eisengestell, auf dem der 132Teekessel brodelte. Rechts und links lagen Teppiche; im Hintergrund saßen zwei Männer mit Fellhüten auf dem Kopf, wie Mondschein einen gehabt hatte, nur waren sie prächtiger.

Christian und Großer-Tiger machten schweigend den Fußfall der Verehrung und sagten leise: „Wir wünschen zehntausendfaches Glück.“

Hernach schauten sie auf die beiden Männer, und Christian dachte gleich, der ältere müsse der König sein, denn er sah sehr würdig aus. Doch dann verfinsterte sich das Gesicht des älteren, und Christian wünschte schnell, der jüngere wäre der König, denn der lächelte verschmitzt und blinzelte sogar ein bißchen. Aber er sagte kein Wort. Da war es gewiß, daß der alte böse Mann der König war, und das schien besonders schlimm für Christian zu sein, weil er ihn in einem fort zornig anblickte. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Zorn des alten Mannes so groß wurde, daß er grollend rief: „Geht beide hinaus!“

„Nein“, widersprach der jüngere im schönen Peking-Chinesisch, „diese beiden sind unschuldige Jungen; sie sind nur unerfahren. Ich denke, sie sind gute Personen.“

Dann wandte er sich an Christian und fragte ihn, wie er heiße. Als er es erfahren hatte, sagte er, daß er Kompaß-Berg für einen seltenen und sehr schönen Namen halte.

„Dieser ist Großer-Tiger“, stellte Christian vor, „und er ist mein Freund.“

„Aha!“ sprach der jüngere der beiden Männer, „jetzt kenne ich euch beide. Ich bin der Sunit-König, und neben mir sitzt mein älterer Vetter. Er ist böse auf Kompaß-Berg, weil er den Daschior ins Zelt mitgebracht hat. Das darf man nicht tun.“

„Es geschah aus Unwissenheit und wegen der Hunde“, entschuldigte sich Christian, und er warf den Bambusknüppel mit der Lederschlaufe daran schnell hinter sich ins Freie.

„Nirgends ist eine Befürchtung“, sagte der Sunit-Wang. „Wir haben keine Hunde bei uns, denn wir gehen morgen auf die Wolfsjagd.“

„Braucht man da keine Hunde?“ fragte Großer-Tiger verwundert.

„Wir Mongolen jagen den Wolf ohne Hund“, erklärte der Sunit-Wang. „Setzt euch und trinkt eine Schale Tee mit uns.“

„Wir wagen es nicht“, murmelten Großer-Tiger und Christian; aber dann setzten sie sich, wie sich das gehörte, auf die rechte Seite und nahe beim Zeltausgang.

Als er dieses artige Benehmen sah, wurde auch der alte Vetter des Königs wieder freundlich. Er sagte, man könne von Fremden nicht immer das Beste annehmen; zum Glück gebe es auch Ausnahmen, und schließlich stand er auf und führte Großer-Tiger und Christian auf den Ehrensitz an die linke Seite des Königs. Er selbst setzte sich rechts. Der 133König und sein Vetter tranken Tee aus Schalen, die aus Wurzelholz gedreht und innen mit Silber ausgeschlagen waren. Als sie merkten, daß Christian und Großer-Tiger keine Trinkgefäße bei sich hatten, ließ der alte Vetter zwei Schalen bringen. Dann unterhielten sie sich über die bevorstehende Reise nach Sinkiang, und Christian sollte von dem Leben in Europa berichten. Aber er wußte nicht mehr davon als der Sunit-König, und viel weniger als der alte Vetter, der in Peking studiert hatte und sehr klug war.

„Wir sind beide in Peking geboren“, sagte Großer-Tiger entschuldigend, „und das Große-Wasser haben wir noch nie gesehen. Wir wissen wenig von der Welt.“

„Wir sind vor vier Tagen zum erstenmal mit der Eisenbahn gefahren“, gestand Christian, „und es ist schlecht ausgegangen.“

Der Sunit-König sagte: „Nein, es ist gut ausgegangen, denn ihr dürft jetzt das Grasland und die Wüste sehen. Nirgends in der Welt ist das Leben so schön wie hier.“

„Glück meint das auch“, berichtete Großer-Tiger; „er sagt, die Mongolei sei wie das Meer, man habe immer Heimweh danach.“

„Wer ist dieser Mann, der Glück heißt?“ fragte der Sunit-Wang, „und wo kommt er her?“

Großer-Tiger und Christian erzählten, was sie wußten. Der Sunit-Wang hörte aufmerksam zu und wollte alles genau wissen, und wenn ihm etwas unklar schien, fragte er sorgfältig.

„Es gibt Millionen Menschen in China, die Glück heißen“, meinte der alte Vetter, „ich sehe nirgends eine wirkliche Befürchtung.“

Aber der Wang gab sich damit nicht zufrieden.

„Spricht dieses Stück Mensch mongolisch?“ fragte er.

„Ich glaube, es spricht diese Sprache“, antwortete Christian.

„Dann“, sagte der Wang zu seinem Vetter, „werde ich Mondschein fragen; er kommt morgen früh, bevor die Jagd beginnt.“

„Wir müssen jetzt gehen“, sagte Großer-Tiger schnell, „und wir danken für unverdiente Gastfreundschaft.“

„Mein Kind“, sprach der alte Vetter, „die Gastfreundschaft ist im Grasland etwas, das keiner Erwähnung bedarf. Mein Zelt ist dein Zelt, und meine Speise gehört auch dir. So ist es bei uns. Doch bevor du gehst, zeige mir den Ring an deiner Hand.“

„Es ist nur eine Schlange“, sagte Großer-Tiger nachlässig, „ich trage den Ring, damit mein Name eine Minderung erfährt.“

„Wer hat dir dazu geraten?“ fragte der alte Vetter, und er betrachtete den Ring, den ihm Großer-Tiger reichte.

„Ein heiliger Mann“, sagte Großer-Tiger.

Der alte Vetter beugte sich vor, um den Ring im Schein des Feuers 134besser zu sehen. Dabei wurde sein Gesicht traurig, und als er den Ring dem König gab, damit er ihn auch betrachte, standen ihm die Tränen in den Augen.

„Ich glaube“, sagte Großer-Tiger bedrückt, „daß dieser Ring ein schlimmer Ring ist.“

„Kein Ding ist schlimm“, sprach der alte Mann, „allein der Mensch gibt den Dingen Bedeutung und Botschaft. Habt ihr noch Zeit, zwei Worte zu hören?“

„Es gibt nichts, das eilig wäre“, versicherte Christian.

„Die Erfahrung der Alten zu hören ist fördernd“, sagte Großer-Tiger.

„Vor zwanzig Jahren“, begann der alte Vetter mühsam, „reiste ich zum Fest der Sieben Staaten nach Urga. Dort traf ich Jolleros-Lama, den Abt des Klosters Belin-Sum. Wir waren schon immer Freunde, und wir hatten gute Tage miteinander. Als wir Abschied nahmen, bat ich ihn um ein Wiedersehen. ‚Nur vier Tagereisen nach Südwesten trennen dich von mir‘, antwortete Jolleros-Lama, ‚warum fragst du da?‘ Ich entschuldigte mich mit dringenden Geschäften, die mich nach Peking riefen. Er lächelte und sprach: ‚Die geringen Entfernungen sind die größten Hindernisse für Freunde, die beisammen sein möchten. Sollten wir darüber alt werden, so will ich dir ein Zeichen geben. Sieh diesen Ring!‘ Er hob die Hand, und ich erblickte den Ring, den du, Großer-Tiger, jetzt am Daumen trägst. ‚Der Ring gehört mir nicht‘, sagte Jolleros-Lama, ‚eines Tages muß ich ihn zurückgeben. Bevor er aber seinen Herrn findet, wirst du ihn sehen, und dann sollst du wissen, daß ich dich rufe, weil ich nachher in wenigen Tagen die Welt verlasse. Wir werden uns also sehen, ehe es zu spät ist.‘“

Der alte Vetter schwieg und wischte sich mit dem Ärmel des Gewands die Tränen aus den Augen; doch sie kamen immer wieder. Der Sunit-König gab Großer-Tiger den Ring zurück. Dann legte er seine Hände tröstend auf die Knie des alten Vetters und sagte: „Wir reiten in einer Stunde. Ich werde den Herzog von Hanta bitten, daß er die Jagd leite. In zwei Tagen und zwei Nächten werden wir in Belin-Sum bei Jolleros-Lama sein.“ Der alte Vetter nickte, und Großer-Tiger und Christian standen auf, um sich zu verabschieden.

„Ich muß euch beide“, sprach der alte Vetter, „um weitherzige Verzeihung bitten. Ich war unfreundlich zu euch. Du, Großer-Tiger, bist der Bote des heiligen Mannes Jolleros-Lama. Nimm diese Schale zur Erinnerung an deinen älteren Freund, den Herzog der Sunit.“

Während er das sagte, zog er einen Streifen himmelblauer Seide aus dem Gürtel, breitete ihn über beide Handflächen, legte die Silberschale, aus der er den Tee getrunken hatte, darauf und bot sie Großer-Tiger mit geneigtem Haupt zum Geschenk.

135

„Du mußt sie nehmen“, flüsterte der Sunit-Wang, und Großer-Tiger nahm sie und murmelte: „Zehntausendfachen Dank.“

„Der Haddak gehört dazu“, flüsterte der Sunit-Wang, und Großer-Tiger nahm auch den Streifen blauer Seide aus den Händen des alten Vetters.

„Kompaß-Berg“, sprach der Sunit-Wang, „ich sehe, auch du hast keine Schale. Wir Mongolen tragen sie stets im Gürtel bei uns, damit wir in jedem Zelt bewirtet werden können. Nimm meine Schale zum Andenken und zum Gebrauch!“

Er reichte sie Christian, wie der alte Vetter es getan hatte, mit einem blauen Seidenstreifen.

„Ene ju beino?“ fragte Christian.

Ein Lächeln flog über das Gesicht des Königs, und auch der alte Vetter lächelte wehmütig.

„Der seidene Streifen“, erklärte der Sunit-Wang, „ist ein Haddak, und ohne ihn darf kein Mongole ein Geschenk geben oder nehmen. Die Schale heißt ‚Aich‘; mögest du lange und gesund daraus trinken!“

Da dankten Großer-Tiger und Christian mit einem Fußfall der Verehrung und wollten gehen. Aber der alte Vetter und der König waren schneller als sie; beide standen auf und waren schon vor dem Zelt, als Großer-Tiger und Christian heraustraten. Dann erst verabschiedeten sie sich mit Segenswünschen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel
von dem Zauberwort Jabonah und von einer Wolfsjagd,
bei der kein Schuß fällt

Als der Sunit-Wang und sein alter Vetter wieder im Zelt waren, stopften Christian und Großer-Tiger die Silberschalen mitsamt den Haddaks in die Rocktaschen. Doch die Taschen waren zu klein, die Schalen waren ein wenig zu groß, und deshalb schaute der obere Rand heraus.

Christian hob den Daschior auf; dann nahmen sie die Wasserkübel und machten sich auf den Heimweg. Es ging aber sehr langsam, denn sie mußten die schweren Eimer oft absetzen. Auf halbem Weg kam ihnen Glück mit einem Mongolenjungen entgegen, der eine Schar Ziegen vor sich hertrieb.

„Ihr kommt spät“, schalt Glück; „Grünmantel ist wütend, weil er noch kein Essen hat.“

„O weh!“ rief Christian.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Glück, „gebt die Wasserkübel her! Ich werde sie tragen. Was habt ihr denn in euren Taschen?“

136

„Wir haben jeder ein Geschenk gekriegt“, sagte Großer-Tiger.

„Das macht“, erklärte Christian, „weil wir mit dem Sunit-Wang und mit seinem alten Vetter befreundet sind.“

„Was seid ihr?“ fragte Glück verwundert.

„Zuerst waren wir es nicht“, gab Großer-Tiger zu, aber jetzt sind wir es.“ Er zeigte die Silberschale, und Christian ließ die seine auch sehen. Glück konnte vor Staunen nur „Aber so was“ und „Es ist kaum zu glauben“ sagen. Der Mongolenjunge stand voller Ehrfurcht stumm daneben.

„Das ist alles sehr wunderbar“, meinte Glück; „aber jetzt trage ich die Wasserkübel in unser Lager. Ihr begleitet diesen Burschen, der nebendran in der Jurte wohnt. Helft ihm die Ziegen zum Kloster treiben, denn morgen früh wird hier der Wolf gejagt, und da müssen sie in Sicherheit sein. Macht schnell, es gibt Nudeln!“

Als sie auf den Hügel zurückkehrten, wo der Wagen stand, war es dunkel und still. Es gab keinen Glück und keinen Grünmantel; es gab kein Feuerchen, keinen Kochtopf und also auch nichts zu essen. Christian und Großer-Tiger schauten betrübt umher. Doch der Mongolenjunge lachte und winkte, und Christian und Großer-Tiger folgten ihm. Die Jurte sah in der Dunkelheit wie ein gewaltiger Maulwurfshügel aus, auf den der Mond schien. Als sie davorstanden, bückte sich der Junge und hob den Teppich vom Eingang. Christian legte den Daschior geschwind beiseite.

„Orr! Orr!“ rief drinnen eine tiefe Männerstimme.

Das bedeutet „Herein“, dachte Christian, und Großer-Tiger dachte das gleiche. Obwohl er nicht groß war, mußte er sich bücken, denn der hölzerne Rahmen, der die Tür vorstellte, war niedrig.

„Nicht stolpern!“ rief ihnen Glück entgegen, „sonst ist es ein schlechtes Zeichen.“

Großer-Tiger und Christian hoben folgsam die Füße, und dann standen sie in dem runden Filzzelt. In der Mitte brannte ein Feuer in dem gleichen Eisengestell wie beim Sunit-Wang. Rundherum war die Erde festgestampft. Dann kamen glattgeschliffene Knüppel, die, zu einem Viereck gefügt, am Boden lagen. Alles übrige war mit Teppichen belegt, und unter den Teppichen lagen weiche Filzdecken. Es war eine angenehme Wohnung.

Dem Eingang gegenüber saß der Mongole, der „Orr! Orr!“ gerufen hatte. Links auf den Ehrenplätzen saßen Glück und Grünmantel, und die Sitze auf der rechten Seite des Hausherrn waren für Christian und Großer-Tiger aufgehoben. Sie verneigten sich, und sie wollten sagen: Wie befindet sich der früher geborene Herr? und: Haben Sie gut gegessen?, doch da fiel ihnen Glück in die noch nicht begonnene Rede.

137

„So geht das nicht“, sagte er; „zwei Stück Menschen, die mit Mongolenfürsten befreundet sind, müssen sprechen: ‚Amorchen sän sotje beino?‘“

„Amorchen sän sotje beino?“ sagten Christian und Großer-Tiger.

„Gut“, lobte Glück, „für den Anfang mag es gelten. Wißt ihr, was es heißt?“

„Wir wissen es nicht, befehlender Herr.“

„Es heißt: ‚Sitzt ihr leicht und gut?‘ Das ist ein mongolischer Gruß. Und jetzt setzt euch selbst, aber ja nicht mit den Füßen gegen das Feuer!“

„Ist das verboten?“ fragte Christian.

„In der Mongolei ist nichts verboten“, sagte Glück, „aber es gibt Dinge, die nicht erlaubt sind, weil es unhöflich wäre, sie zu tun.“

„Wir bedauern außerordentlich“, sagte Christian.

„Entschuldigt unsere Begriffsstutzigkeit“, sagte Großer-Tiger.

„Das Feuer“, erklärte Glück, „ist ein Gott. Wenn man ihm die Füße entgegenstreckt, ist es beleidigt, und mit ihm ist der Hausherr und die ganze Familie beleidigt. Obendrein zeigt es, daß man nichts von Umgangsformen versteht, und dann verliert man das Gesicht, und kein Mensch schaut einen mehr an. Ihr zwei habt heute abend ein Großes Gesicht gekriegt. In allen Zelten wird man davon reden, daß euch der Wang ein dickes Freundschaftsgeschenk gemacht hat. Also müßt ihr euch besonders gut benehmen.“

„Wir wünschen uns ausgezeichnet zu betragen“, versicherte Großer-Tiger.

„Wir werden von heute an sehr artig sein“, stimmte Christian bei.

Jetzt mischte sich der Mongole ins Gespräch. Er zeigte auf den Kochtopf, sprach höfliche Worte und forderte zum Essen auf.

Christian und Großer-Tiger zogen die Silberschalen aus den Taschen. Da machte Grünmantel große Augen; er schob die Kinnlade nach vorn und zupfte an den Bartspitzen. Glück füllte die Schalen mit der versprochenen Nudelsuppe. Es schwammen aber Fleischstücke darin, von denen der Hausherr die größten herausfischte und oben drauflegte.

„Eßt jetzt“, sagte Glück.

„Ich wage es nicht“, erwiderte Christian leise. Er blinzelte zum Eingang, neben dem eine Frau und ein kleines Mädchen saßen, die er eben erst bemerkt hatte.

„Macht nichts“, sagte Glück, „du sollst ruhig essen.“

„Wegen der Frauen darf man kein Aufhebens machen“, flüsterte Großer-Tiger.

Dann aßen sie, und der Mongolenjunge Odburrung kriegte auch sein Teil. Mit der Zeit stellte sich heraus, daß sein Vater Sertschi hieß, und Glück sagte, das sei tibetisch und bedeute soviel wie Goldpanzer.

138

„Spiel dich nicht mit deinen Kenntnissen auf“, sagte Grünmantel mürrisch.

„Mein geringes Wissen“, antwortete Glück, „hat dir ein gutes Essen mit Fleisch verschafft.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel, und auf einmal nickte er freundlich, weil ihm sein neuer Plan eingefallen war. Er strich den Bart beiseite, und dann versuchte er einnehmend auszusehen.

„Die jungen Herren“, sagte er, „verkehren bei regierenden Fürsten, wie ich höre.“

„Wir können nichts dafür“, entschuldigte sich Christian; „man hat uns in ein Zelt geführt, dort saß der König, und sein alter Vetter saß neben ihm. Da haben wir gesagt, wer wir sind.“

„Als wir uns dann näher kannten“, erzählte Großer-Tiger weiter, „haben wir diese Silberschalen zum Andenken gekriegt.“

„Zeigt einmal her“, sagte Grünmantel.

Großer-Tiger und Christian, die mit Essen fertig waren, schleckten die Schalen sauber aus und ließen sie Grünmantel sehen. Innen waren sie vertieft, schön glatt poliert, und um den Rand lief ein Ornament aus silbernen Blättern. Dann sah man das Wurzelholz, und nachher kam wieder eine silbergetriebene Ranke. Der Boden war besonders schön gearbeitet. Da gab es springende Antilopen und Hirsche, Bäume, in denen Vögel saßen, und alles war aus Silber gemacht und glänzte.

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel anerkennend, „das kriegt man also von einem König, wenn man sagt, wer man ist.“

„Ein wenig haben wir uns auch unterhalten“, ließ Christian durchblicken, „aber nicht sehr.“

Grünmantel gab die Schalen freundlich grinsend zurück. Gerne hätte er: „Ihr verdammten Lügenbeutel!“ geschrien und: „Mir braucht ihr keine Laus mit Sattel zu zeigen und sagen, sie sei ein Pferd“; aber das wäre gegen seinen Plan gewesen. „Hoppla!“ rief er darum scherzhaft, „laßt die Schalen nicht fallen, es wäre ein nicht wieder gutzumachendes Elend. Was für einen prächtigen Ring du hast, Großer-Tiger!“

„Ich habe ihn auch schon bemerkt“, sagte Glück, „du trägst ihn noch nicht lange.“

„Ich trage ihn erst seit heute“, sagte Großer-Tiger nachlässig.

„Hat ihn dir am Ende auch wer geschenkt?“ wollte Grünmantel wissen.

„Diesen Ring hat mir niemand geschenkt.“

„Aber woher hast du ihn denn, mein Söhnchen?“

„Ich habe ihn eben“, sagte Großer-Tiger gedehnt. Eigentlich wollte er nichts weiter sagen, doch weil alle schwiegen und neugierig auf den Ring blickten, war ihm so, als ob es Zeit wäre, eine Lüge loszulassen.“

139

„Mein Großvater“, begann er tapfer, „gab mir diesen Ring, damit mein glänzender Name eine Minderung erführe.“

„Ein ausgezeichneter Mann, dein Großvater!“ lobte Grünmantel.

„Er sagte“, fuhr Großer-Tiger fort, „Minderung, verbunden mit hoher Wahrhaftigkeit, wirke erhabenes Heil.“

„Bravo!“ rief Grünmantel, „dein ehrwürdiger Großvater ist ein Gelehrter ersten Ranges.“

„Warum trägst du den Ring erst heute?“ fragte Glück.

„Das kommt“, erklärte Großer-Tiger, „weil ich ihn nur trage, wenn der Mond im ersten Viertel steht, oder wenn er es überschritten hat. Manchmal trage ich ihn auch bei abnehmendem Mond, oder wenn er rund ist wie ein Silberbatzen, das Ganze ist ein schwieriges Geheimnis.“

„Ich kenn das“, rief Grünmantel, „du hast einen Glücksring!“

„Davon spreche ich nicht“, sagte Großer-Tiger bescheiden.

„Das Söhnchen hat recht“, meinte Grünmantel, „man muß vorsichtig sein.“

„Man soll“, meinte Christian ablenkend, „in die geheime Werkstatt der Natur nicht eindringen. Es gibt Glücksringe, von denen keiner was versteht; aber es gibt auch Zauberworte, die man nicht kennt, und unterwegs habe ich eines gehört.“

Sonst hätte Grünmante höchstens grämliche Mundwinkel gemacht und „Unsinn“ geknurrt.

„Wie heißt das Zauberwort?“ fragte er jetzt gespannt, wie wenn ihm nichts Besseres passieren könnte, als es geschwind zu erfahren.

„Es heißt Jabonah“, sagte Christian.

Bis dahin hatte der Hausvater Sertschi geschwiegen, denn er verstand von der Unterhaltung seiner Gäste kaum ein Wort, weil er nicht Chinesisch konnte. Jetzt wurde er munter, schlug sich begeistert auf die Schenkel und rief: „Jabonah!“ Dann fragte er Glück mancherlei, und auch Odburrung mischte sich ein.

„Du kannst dein Heft aus der Tasche langen“, sagte Glück, „und ‚Jabonah‘ hineinschreiben. Jabonah heißt eigentlich nur ‚gehen‘, natürlich nicht zu Fuß, weil in der Mongolei niemand zu Fuß geht, solange er reiten kann. Es heißt auch ‚aufbrechen‘, oder: ‚Jetzt geht die Reise los‘; und weil nichts schöner ist, als eine Reise tun, freut sich jedermann, wenn ‚Jabonah‘ gerufen wird.“

Sertschi erzählte, die Jagd beginne eine Stunde vor Sonnenaufgang, wenn es noch dunkel sei. Dann werde man den Wolf in einem weiten Gebiet einkreisen, und das Kloster Orte-Golen-Sum liege etwa in der Mitte. Am Nachmittag werde am Gelben Hügelriß gejagt und am Abend wieder woanders. Das täten sie, um die vielen Wölfe zu töten, die im Winter aus dem Norden gekommen seien.

140

Nachdem Glück die zwei Worte Sertschi's übersetzt hatte, war das Feuer heruntergebrannt, und Sertschi zog an einem Strick. Da fiel eine Filzkappe über die runde Öffnung im Jurtendach, durch die der Rauch bisher abgezogen war.

„Jetzt bleibt es schön warm“, sagte Glück, „wir wollen schlafen. Holt eure Decken und die Schlafsäcke.“

Christian und Großer-Tiger gingen zum Wagen. Kaum war Großer-Tiger oben, um Christian die Schlafsäcke herunterzureichen, begann ein gräßlich ansteigendes Geheule. Es war, als ob der ganze Jammer der Welt aus einem Wolfsrachen käme und kein Ende nehmen wollte. Wenn der Wolf Luft holte, glaubte man das Pfeifen zu hören, und wenn er von neuem losheulte, war es, als stände er ganz nah hinter der Jurte, und gleich müßte man seine grünen Lichter sehen, die Atemwolken und den buschigen Schweif.

Großer-Tiger und Christian fuhren gewaltig zusammen. Christian war nahe daran, auf den Wagen zu klettern, aber Großer-Tiger sagte: „Dieses Stück Vieh ist weit weg, es gibt nichts zu befürchten.“

„Warum heult es denn so?“ fragte Christian.

„Es stülpt die Eingeweide um“, belehrte ihn Großer-Tiger, ohne sich lang zu besinnen.

Weitere Fragen wartete er nicht ab. Er sprang flink vom Wagen, und dann kehrten beide in die Jurte zurück. Dabei gingen sie etwas schneller als gewöhnlich, denn es war kalt geworden, die Sterne blinkten, und der Wolf hatte aufgehört zu heulen. Wahrscheinlich schlich er jetzt näher, um den Wagen zu betrachten, oder er kam herbei, weil es noch nach Ziegen roch.

In der Jurte bot Sertschi seinen Gästen immer und immer wieder die besten Plätze an; und wenn sich einer weigerte, in der Mitte zu schlafen, und lieber am Rand liegen wollte, dann sagte er: „Es ist mir nicht einerlei, was mit dir geschieht. Viele Leute erfrieren geschwind, wenn sie am Rand liegen; aber morgen früh muß ich auf die Jagd gehen, da kann ich mich nicht um die Gestorbenen kümmern.“

Dabei teilte er in einem fort Filzdecken und Felle aus, und als jeder eine bequeme Lagerstätte hatte, sagte er:

„Schlaft leicht und gut!“

Das geschah auch, denn alle waren sehr müde. Christian lag noch eine Weile wach. Er wollte achtgeben, ob er den Wolf schleichen hörte; aber währenddem fielen ihm die Augen zu. Draußen zog die Nacht still vorüber, der Mond ging unter, und die Steine rührten sich nicht.

Sertschi stand leise auf; er weckte Odburrung, und es dauerte nicht lange, bis Hufschlag ertönte, der erst vor der Jurte haltmachte. Sertschi und Odburrung gingen hinaus; eine rauhe Stimme sagte: „Jabonah!“ 141Da stiegen Sertschi und Odburrung in den Sattel und ritten mit dem Unbekannten, der die Pferde gebracht hatte, fort.

„Wer war der Mann, der ‚Jabonah‘ sagte?“ fragte Christian.

„Es war Pfötchen“, flüsterte Großer-Tiger.

„Ich glaube, es war Mondschein“, sagte Christian.

Als wieder eine Stunde vorüber war, wurde Glück munter. Gewöhnlich schlief er acht Stunden ohne Aufhören in einem fort. Wenn er dann erwachte, gähnte er nicht lange. Er schlug die Augen auf, schaute sich um, wo er war, sprang auf und begann mit einer nützlichen Tätigkeit. Er machte Feuer, holte Wasser, füllte Benzin in den Tank und war fleißig.

Das alles erlaubte ihm die Hausfrau Sertschi's nicht. „Bleib liegen“, sagte sie, „und ruhe dich aus.“

„Ich will aber nicht liegenbleiben“, widersprach Glück.

„Du mußt“, sagte die Mongolin lachend und setzte sich kurzerhand auf Glück, als ob er eine Bank wäre. „Du bist unser geehrter Gast und mußt folgsam sein.“

Sie entfernte die Asche von der Feuerstelle und entfachte das bißchen Glut, das noch da war, zu einem tüchtigen Feuer. Nachher füllte sie den Kochtopf mit Wasser, warf einen Brocken Ziegeltee und eine ordentliche Prise Salz hinein, und dann war sie geschäftig mit Saubermachen und Aschehinaustragen, bis der Tee aufwallte. Dazwischen zog sie an dem Strick, aber vorsichtig, damit das Rauchloch nur ein Stückweit aufgedeckt wurde.

Christian, der den Hantierungen der Frau folgte, sah, daß es draußen noch dunkel war. Also konnte man liegenbleiben und über etwas reden, wie es die alten Römer gemacht hatten, die sogar im Liegen gegessen und getrunken haben, ohne daß einer kam und sagte: „Sitz aufrecht!“ Aber gerade als Christian sich eine schöne Frage zurechtlegte, um ein Gespräch über die Wolfsjagd vom Zaun zu brechen, sagte Glück: „Steht auf, Männer! Rollt eure Schlafsäcke zusammen. Wir fahren!“

„Es ist noch dunkel“, gab Christian zu bedenken und deutete auf den Rauchfang, durch den blasse Sterne schienen.

„Wir müssen fort“, sagte Glück, „sonst stören wir die Jäger, und es gibt Aufenthalt.“

„Ich möchte“, gestand Christian, „gerne einen Wolf sehen oder auch zwei.“

Dazu hatte Glück leider keine Lust. Er sagte, die Jagd beginne bei Sonnenaufgang, aber um diese Zeit müßten sie schon unterwegs sein, denn er wolle heute bis Küh-Wasser fahren, und das sei ein weiter Weg, mindestens siebenhundert Li.

Da standen Christian und Großer-Tiger willig auf, und Grünmantel sagte freundlich: „Guten Morgen, ihr jungen Fürsten!“

142

Dann kriegten sie ihre Schalen mit Tee gefüllt, und obendrauf streute ihnen die Hausfrau eine Handvoll gelber Hirsekörner. Christian wunderte sich, und Großer-Tiger hielt die dampfende Schale in den Händen und wunderte sich auch.

„Was macht man damit?“ fragte Christian leise.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte Großer-Tiger, „ich bin kein Vogel Huhn.“

„Nur zu“, rief Glück ermunternd, „dies ist ein Frühstück zum Essen und zum Trinken.“ Er hob die Schale, trank einen Schluck Tee, und hinterher kaute er die Hirse, die ihm mit dem Tee in den Mund geschwommen war.

„Ich kenne das“, bemerkte Grünmantel, „es ist mongolisch.“

„Wir kannten es nicht“, sagte Großer-Tiger, Hirse kauend; „jetzt kennen wir es auch, und es schmeckt gut.“

Als Glück aufstand, um hinauszugehen, beeilten sich die Frau und das Mädchen, vor ihm draußen zu sein, und Glück sagte, das sei hierzuland Sitte, und es gehöre zum Mongol-Joß.

„Ene ju beino?“ fragte Christian.

„Das Mongol-Joß“, erklärte Glück, „ist das Gesetz der Steppe. Es stammt aus der Zeit Dschingis-Khans, und man muß danach leben, sonst ist man kein Ehrenmann.“

Sie gingen zum Wagen, und Glück goß heißes Wasser in den Kühler wie am Morgen in Weißer-Stein. Aber der Motor wollte nicht anspringen.

„Gebt mir die kleine Kanne mit dem roten Strich!“ rief Glück.

Christian reichte sie ihm vom Wagen herunter und beobachtete, wie Glück eine Spritze nahm, sie aus der Kanne füllte und in jeden Zylinder etwas von der Flüssigkeit drückte.

„So“, sagte Glück befriedigt, „gleich wird der Motor hüpfen wie eine Gelbe Ziege!“ Er reichte Christian die Kanne zurück und ging wieder nach vorn.

„Wie heißt das Wasser in diesem Gefäß?“ fragte Großer-Tiger.

„Ich werde nachsehen, was es ist“, sagte Christian, sagte Christian, öffnete den Schraubverschluß und steckte die Nase hinein. Aber er fuhr sofort zurück.

„Äther“, sagte er hustend, „es ist Äther. Mein Vater nimmt das, wenn er den Leuten die Bäuche aufschneidet.“

„Tut er das öfters?“ erkundigte sich Großer-Tiger.

„Beinahe jeden Tag“, sagte Christian; „natürlich nur, wenn jemand es haben will.“

„Obachtgeben!“ schrie in diesem Augenblick Glück; „der Wurzelherr der Steppe naht! Bleibt oben!“ Er lief ins Führerhaus und schlug die Türe zu.

143

„Was ist los?“ fragte Christian und ließ den Schraubdeckel fallen.

„Glück meint den Wolf“, sagte Großer-Tiger ruhig.

Christian sprang auf. Rings über den Hügeln stand der Morgenhimmel in festlichem Glanz. Die Sonne zögerte noch, und in den Tälern schwebten hauchdünne Nebelstreifen, aus denen hin und wieder galoppierende Reiter auftauchten. Es wurden immer mehr, und sie schrien laut und schwenkten Lassos, die an Stangen festgemacht waren. In wenigen Augenblicken war rund um die Anhöhe der Teufel los.

„Die Jäger kommen!“ rief Christian, Großer-Tiger jedoch schüttelte den Kopf.

„Du denkst wohl“, rief Christian, „der Wolf käme von allein hier herauf?“

„Das tut er“, versicherte Großer-Tiger, „mein Onkel sagt, daß der Wolf auf Hügel und Berge springt, wenn er verfolgt wird.“

„Er kommt!“ rief Christian. „Nein, sie kommen! Es sind zwei!“

Großer-Tiger schaute neugierig über die Fässer. Da kamen den Hang herauf, auf dem gleichen Weg, den sie gestern abend mit den Ziegen zum Kloster gegangen waren, zwei Wölfe in voller Flucht. Ein Reiter mit Lasso folgte ihnen. Er trieb sein Pferd mit dem Daschior in der Linken zu höchster Eile, die Rechte hielt das Lasso wurfbereit; aber die Wölfe liefen um ihr Leben. Da hob sich der Mann in den Steigbügeln, und das Pferd galoppierte; es lief, ja beinahe flog es. Aber die Wölfe liefen auch, bis einer nicht mehr konnte und ihn das Lasso des Reiters erreichte. Es gab einen gewaltigen Ruck; das Seil straffte sich und hob den Wolf vom Erdboden. Er fiel auf den Rücken und kam von da an nicht mehr auf die Beine, denn der Reiter und sein Pferd waren von der gleichen Raserei besessen. Sie schleiften den Wolf hügelab im Galopp hinter sich drein. Er überschlug sich mehrere Male und blieb tot liegen.

Der andere Wolf hatte die Anhöhe erreicht. Er stand erschöpft mit bebenden Flanken keine zehn Schritt weit von dem Wagen und blickte auf seine Feinde rundum, die jetzt mit verhängten Zügeln die Anhöhe heraufpreschten.

Der Wolf wollte von neuem fliehen, aber er konnte nicht, denn auch hinter der Jurte kamen plötzlich Reiter zum Vorschein. Da sah der Wolf, daß er eingeschlossen war. Er stemmte sich mit gekrümmtem Rücken und steifen Vorderläufen gegen die Erde, seine Zähne schlugen aufeinander, er knurrte heiser aus offenem Rachen, und dann klappte er das Gebiß wieder zusammen, daß es krachte.

Großer-Tiger lief ein Schauer über den Rücken, und Christian lag nicht mehr viel daran, einen Wolf in nächster Nähe zu haben. Beide blickten gebannt auf ihn, wie er sich noch tiefer duckte und dabei anfing, rückwärts zu kriechen.

144

Als der erste Jäger mit wurfbereitem Lasso vorüberjagte, war der Wolf verschwunden.

„Er sitzt unter dem Wagen!“ flüsterte Christian.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger gefaßt.

Der Kreis der Jäger hatte sich geschlossen. Die Pferde schnaubten, weißer Schaum troff von den Mäulern, die Hufe stampften den Boden, und die Reiter schrien eine Art Jagdgeheul aus vollem Hals. Einige stocherten mit den Lassostangen unter den Wagen, aber der Wolf ließ sich nicht vertreiben. Trotz des Lärms hörte man seinen pfeifenden Atem und das Schnappen der Zähne.

Glück öffnete das Fensterchen der Rückwand. „Was gibt's?“ fragte er.

„Der Wolf sitzt unter dem Wagen“, berichtete Großer-Tiger sachlich.

Grünmantel grinste. Er saß in Sicherheit und hatte leicht vergnügt sein.

„Fahr zu“, sagte er zu Glück, „es ist ohnehin Zeit.“

„Gern, wenn du die Kurbel drehst.“

„Du weißt, ich kann das nicht sehr gut“, erwiderte Grünmantel betreten.

„Ich zeige es dir“, sagte Glück bereitwillig und öffnete die Tür des Führerhauses ein wenig.

„Hilfe!“ schrie Grünmantel, „er will den Wolf auf mich hetzen!“

„Schrei nicht so!“ sagte Glück lachend und schloß die Türe wieder.

Jetzt löste sich aus dem Getümmel ein Reiter in blauem Mantel und mit einem fellverbrämten Seidenhut, der tief in der Stirn saß. Er hatte wohl als einziger kein Lasso. Dafür schlang sich ein Riemen um das rechte Handgelenk, und am Ende des Riemens war ein Ledertäschchen, das mit etwas Schwerem gefüllt sein mußte, denn es hing senkrecht und schwankte kaum.

„Mondschein!“ flüsterte Christian.

„Da ist keine Hilfe“, murmelte Großer-Tiger, „es ist Pfötchen.“

Der Reiter zwang sein widerstrebendes Pferd bis dicht an den Wagenschlag und klopfte mit der Zügelfaust hart an das Fenster.

„Ich bin's“, rief er halblaut chinesisch, „mach auf!“

Glück wurde blaß, aber er gehorchte mechanisch. Kaum hatte er das Fenster geöffnet, da sagte Mondschein in einem Ton, der keine Widerrede duldete: „Denk an dein Versprechen!“

„Ich denke daran“, antwortete Glück.

„So steig aus und mach den Wagen laufen! Schnell!“

Mondschein wartete auf keine Erwiderung. Er ließ seinem Pferd die Zügel schießen, parierte es aber sofort wieder und hielt sich von da an in wenigen Metern Entfernung hinter dem Wagen.

145

Christian und Großer-Tiger wurde das Herz schwer. Sie schauten abwechselnd auf Glück und dann wieder auf Mondschein, der mit gesenktem Blick zwischen die Hinterräder des Wagens starrte und den Lederriemen mit dem schweren Beutel hin- und herschwingen ließ.

Glück war bleich, aber vollkommen ruhig ausgestiegen. Beinah traumverloren ging er nach vorn, bückte sich und riß die Kurbel herum. Sofort begann der Motor zu hämmern, der Wagen zitterte leise, und Glück ging, als ob es keinen Mondschein und keinen Wolf gäbe, ins Führerhaus zurück. Er schloß das Fensterchen in der Rückwand, dann löste er die Bremsen und gab Gas. Der Wagen ruckte ein paarmal, die Fässer schlugen gegeneinander, und das Jagdgeheul der Reiterhorde brauste zum Himmel. Christian und Großer-Tiger sahen, wie das Pferd Mondscheins stieg, wie ein grauer Schatten unter dem Wagen hervorschoß und einen Augenblick lang in den Zügeln des schlagenden Pferdes hing. Sie sahen auch den erhobenen Arm Mondscheins, und sie hörten das Sausen des Lederriemens mit dem bleigefüllten Beutel am Ende. Aber der Schlag ging ins Leere. Der Wolf hatte in blindem Ansprung die Zügel durchgebissen, seine Krallen, die den Rist suchten, griffen zu kurz. Sie durchfurchten die Brust des steigenden Pferdes und machten blutende Risse. Der Wolf fiel, rollte am Boden, kam wieder hoch, und plötzlich hing er mit den Vorderpfoten auf dem Rand der Wagenbrüstung.

Christian und Großer-Tiger vergaßen vor Schreck zu atmen, denn gleichzeitig mit den Pfoten erschien der Kopf mit dem entblößten Gebiß und den verzweifelt funkelnden Augen. Mit letzter Kraft versuchte der Wolf die Hinterhand hochzureißen, und Großer-Tiger und Christian sahen entsetzt, daß ihm der Klimmzug gelingen würde. Die Schulterblätter hoben sich, und zwischen ihnen schob sich der Kopf und die spitze Schnauze weit nach vorn. Da griff Christian ohne Besinnen nach der Kanne mit dem roten Strich und warf dem Wolf einen ordentlichen Guß in den Rachen. Dann schloß er die Augen, und als er sie wieder öffnete, war der Wolf verschwunden. Die sonderbare Waffe Mondscheins zischte durch die Luft; es gab einen kurzen harten Schlag, und dann brach ein Jubelschrei aus hundert Kehlen.

Glück, der noch nicht vom Fleck gekommen war, drückte auf die Hupe und wollte sich einen Weg durch die andrängenden Reiter bahnen; aber es war unmöglich.

Während er überlegte, wie er auf eine gute Art schnell wegkommen könnte, klopfte Mondschein wieder ans Fenster.

„Steig aus“, sagte Mondschein ernst.

Glück öffnete gehorsam die Tür, und Mondschein sprang aus dem Sattel.

146

Odburrung, der die ledigen Reservepferde führte, kam herbei, nahm sich des verwundeten Tieres an und sattelte für Mondschein frisch. Die meisten Jäger saßen ab, um den toten Wolf aus der Nähe zu betrachten.

„Er hat ihm den Schädel eingeschlagen“, sagte Großer-Tiger, der mit Christian auf dem Wagen geblieben war, weil sie von da oben die beste Aussicht auf alles hatten, was sich ereignete.

„Komm einmal her“, flüsterte Christian und zupfte Großer-Tiger am Arm. Er deutete verstohlen auf Mondschein und dann auf Glück. Die beiden mußten sich etwas Wichtiges zu sagen haben, denn sie gingen ein Stück seitab, bis sie außer Hörweite waren. Großer-Tiger und Christian standen hinter den Fässern und schauten zu. Auch Grünmantel beugte sich neugierig vor, und weil er sich unbeobachtet glaubte, öffnete er leise das Fenster an seiner Seite. Doch deswegen hörte er noch lange nicht, was Glück und Mondschein miteinander verhandelten. Mondschein redete auf Glück ein. Dann trat er einen Schritt zurück, verneigte sich, griff in seinen Gürtel und zog etwas heraus, das er mit beiden Händen Glück darbot, der es mit ehrfürchtiger Bewegung ergriff, zur Nase führte und dann wieder in die Hände Mondscheins legte. Darauf verneigten sie sich voreinander und kehrten zu den übrigen zurück, lachten und waren auf einmal die besten Freunde. Grünmantel schloß das Fenster wieder zu.

„He, ihr Hüttenbrüder!“ rief Glück fröhlich, „wo steckt ihr denn?“

Großer-Tiger und Christian traten hinter den Fässern vor.

„Wir sind hier“, sagten sie; „was steht zu Diensten, befehlender Herr?“

„Kommt herunter!“ rief Mondschein, „ihr seid wohl stolz?“

„Die Kleinen“, erwiderte Großer-Tiger höflich, „wünschen nicht, sich vorzudrängen.“

Glück schnupperte und blähte die Nasenflügel, als er dem Wagen näher kam. „Habt ihr die Kanne mit dem roten Strich umgeworfen?“ fragte er.

„Was das anlangt“, gab Christian zu, „so ist etwas verschüttet worden.“

„Aber nicht viel“, sagte Großer-Tiger schnell. Dann erzählte er, wie es mit dem Wolf gewesen war, den Christian betäubt hatte, und Mondschein sagte zu Glück: „Deine beiden jüngeren Brüder sind Helden und Söhne von Helden. Man muß ihnen zwei Worte Ehre sagen.“

„Meinetwegen“, brummte Glück, „aber sie haben genug verschüttet, um zehn Wölfe ohnmächtig zu machen.“

Er kletterte auf den Wagen, weil er in die Kanne schauen wollte, ob noch etwas darin wäre, und Mondschein hob Christian und Großer-Tiger herunter. Er führte sie durch die Menge der Reiter und Pferde zu dem 147Mann, der die zwei Wölfe im Anfang allein gejagt und dann den einen mit dem Lasso getötet hatte.

Sie verneigten sich artig, und Großer-Tiger sagte: „Wir grüßen den Herzog von Hanta, und wir wünschen ihm Reichtum, Glück und langes Leben.“

„Meine Söhne“, sprach der Herzog, „woher wißt ihr, wer ich bin?“

„Der Sunit-Wang“, berichtete Christian, „hat gesagt: ‚Ich werde den Herzog von Hanta bitten, daß er die Jagd leite.‘ Da Ihr sie eröffnet habt, müßt Ihr der Herzog sein.“

„Der Himmel weiß, was ihr für Burschen seid!“ rief der Herzog erstaunt; „wollt ihr mit mir reiten?“

„Ich bin noch nie auf einem Pferd gesessen“, sagte Großer-Tiger kleinlaut.

„Wir bitten um weitherzige Entschuldigung“, sagte Christian, „wir müssen heute noch bis Küh-Wasser fahren.“

„Bis Küh-Wasser?“ rief der Herzog unmutig; „was wollt ihr dort?“

„Vielleicht“, sagte Großer-Tiger, „gibt es in Küh-Wasser ein Zelt, in dem wir schlafen können.“

Ein Zelt gäbe es allerdings, warf Mondschein ein, und als ihn der Herzog fragend anblickte, fügte er hinzu: „Der Kaufmann Grünmantel fährt auch in dem Wagen, der von selber geht, da wird er in Küh-Wasser bei seinen Angestellten über Nacht bleiben wollen.“

„Nehmt euch in acht“, warnte der Herzog, „ihr seid in keiner guten Gesellschaft!“

„Wir wissen es“, sagte Christian traurig.

„Wir sitzen bedrängt unter einem kahlen Baum“, sagte Großer-Tiger.

„So bleibt bei mir“, schlug der Herzog vor, „in meinem Zelt seid ihr sicher. Jeder kriegt ein Pferd, und ich lehre euch, wie man den Wolf mit dem Lasso fängt.“

„Wir danken für übermäßige Güte“, sagte Großer-Tiger.

„Wir müssen nämlich heim“, sagte Christian, „mein Vater wartet, meine Mutter wartet, und die alte Ama wartet auch auf mich. Wenn ich nicht nach Hause komme, wird man sagen: ‚Diese Ama ist schuld, daß Kompaß-Berg verlorenging.‘ Man wird sie entlassen, und sie wird ihr Gesicht verlieren.“

„Da die Sache so ist“, gab der Herzog zu, „müßt ihr freilich nach Hause eilen, so schnell es geht. Der Wang hat mir gesagt, ihr reist über Sinkiang?“

„Wir reisen auf diesem Weg“, bestätigte Christian.

„Bis Urumtschi ist es weit“, meinte der Herzog besorgt, und er wandte sich an Mondschein: „Wie steht es mit dem Weg?“

„Hamma guä! Es ist keinerlei Befürchtung vorhanden.“

148

„Wirklich nicht? Du weißt, was ich meine, Pfötchen.“

„Jenseits des Edsin-Gol ist des Himmels Unterseite in fester Hand“, erwiderte Mondschein, und er fügte einige Worte mongolisch hinzu. Da war der Herzog beruhigt, und er rief nach Odburrung, der auf sein Geheiß zwei Säckchen brachte.

„Hier ist eine wertlose Gabe“, sprach der Herzog. Er nahm einen himmelblauen Haddak aus dem Gürtel, reichte ihn höflich und sagte: „Nehmt mein schlechtes Geschenk mit Wohlwollen auf.“

Christian und Großer-Tiger verneigten sich tief. Als sie „Zehntausendfachen Dank“ murmelten, fiel Christian plötzlich der Sunit-Wang ein, und daß er gesagt hatte, kein Mongole dürfe ein Geschenk ohne einen Haddak geben oder nehmen. Deshalb griff er geschwind in die Tasche, und während Großer-Tiger das himmelblaue Stück Seide aus den Händen des Herzogs entgegennahm, bot Christian den Haddak, den er vom Sunit-König bekommen hatte, als Gegengabe an. Der Herzog von Hanta nahm ihn mit Dank und versorgte ihn in seinem Gürtel.

Hinter dem Herzog stand Mondschein. Er schmunzelte und hob mehrere Male den Daumen der rechten Hand, und das hieß: Gut so, Kompaß-Berg!

Dann verabschiedeten sich Christian und Großer-Tiger. Mondschein begleitete sie zum Wagen; und als er sie hinaufgehoben hatte, machte Glück: Tüt, tüt, tüt, tüt. Die Räder drehten sich schwerfällig, die Mongolen wichen zurück, hoben ihre Lassostangen wie Speere zum Himmel und machten ein großes Geschrei.

„Jabonah!“ brüllten sie im Chor. „Sä jabonah!“ — „Reisen! Gut reisen! — Gehen! Gut gehen!“

Es rollte wie ein Donner über die Kiesebene, und die Hügel gaben Antwort.

Mitten unter den Reitern und Pferden stand Mondschein, und weil er keine Lassostange hatte, riß er den Fellhut vom Kopf, schwenkte ihn, und die rote Narbe über der Stirn würde dunkelrot und beinah blau, weil er so laut und herzlich schrie: „Jabonah! Sä jabonah!“

Dreiundzwanzigstes Kapitel
von dem wilden Lama Donnerkeil

Die Reiter auf der Anhöhe wurden kleiner und kleiner, die Jurte verschwand, und als der Wagen an den Brunnen von Orte-Golen-Sum vorüberfuhr, stieg die Sonne über die fernen Grashügel im Osten und brachte die Gewißheit von Wärme und Licht und von der Herrlichkeit des Reisens mit.

149

Ein langsam anschwellendes Dröhnen begann den Talgrund zu füllen. Es klang wie Wolfsgeheul und Posaunenruf, und man konnte nicht gleich wissen, woran man war und ob es schauerlich oder schön sei.

„Gibt es was zu fürchten?“ fragte Großer-Tiger beklommen.

„Ich glaube, es ist bloß so“, sagte Christian, denn er merkte, daß Glück ruhig weiterfuhr.

Die weißen Mauern des Klosters strahlten in der Sonne, und dazwischen standen die Häuser wie Würfel. Die Mongolenzelte lagen zusammengefaltet in Reihen. Zwei alte Männer beluden einige Kamele, die dalagen und die Hälse reckten, als das auf- und abschwellende Dröhnen begann. Die beiden Alten schauten zu der Berglehne empor. Als Großer-Tiger und Christian ihrem Blick folgten, sahen sie vier Mongolen im roten Lamagewand oben stehen. Die jungen Mönche hatten kahlgeschorene Köpfe, die vor Anstrengung auch rot waren, denn sie bliesen auf gewaltigen Hörnern, und wenn einem die Luft ausging, fing der andere von vorne an.

„Diese Hörner stöhnen und brüllen“, sagte Großer-Tiger; „warum tun sie das?“

„Sie stöhnen“, setzte ihm Christian auseinander, „weil man hineinbläst, und man bläst hinein, weil die Sonne aufgeht.“

Das Kloster Orte-Golen-Sum verschwand, und das Hu-uh der Bläser hörte man auch nicht mehr. Die Fahrt ging über eine ausgedehnte Hochfläche mit wenig Gras und vielen kleinen Steinen, die schön gleichmäßig verstreut waren wie auf den Kieswegen der kaiserlichen Gärten in Peking.

„Wir wollen nachsehen“, schlug Großer-Tiger munter vor, „was in den Säcken ist.“

„Vielleicht ist es was zu essen“, sagte Christian, und er machte den weißen Leinensack auf.

„Bei mir“, rief Großer-Tiger, „sind runde weiße Scheiben drin mit einem geriffelten Rand, und oben ist eine Blume eingeprägt; es kann aber auch ein Zeichen sein.“

„Am Ende ein Geheimzeichen!“ meinte Christian.

„Diese Zeichen“, sagte Großer-Tiger, „sind rund und in der Mitte geteilt, also sind es Glückszeichen.“

„Ich habe gehört, das Glück sei rund.“

„Es ist rund wie die Sonne am Mittag“, erklärte Großer-Tiger; „allein das dauert nur einen winzigen Augenblick; die übrige Zeit ist das Glück geteilt, aber deshalb ist es doch schön.“

„Bei mir“, bemerkte Christian zufrieden, „sind braune Würfel im Sack; sie riechen nach Honig.“

„Dann kann man sie essen“, sagte Großer-Tiger.

150

Beide setzten sich bequem zurecht, und während sie auf die endlose Ebene blickten, wo es keine Tiere gab, sondern bloß Steine, kauten sie die Würfel, die süß nach wildem Honig schmeckten.

Dann begann Großer-Tiger an einer der weißen Scheiben mit dem geriffelten Rand zu nagen. „Dieser Stein schmeckt nicht gut“, sagte er.

Christian klopfte an das Fensterchen im Führerhaus, und als Glück es öffnete, reichte er ihm eine Scheibe und fragte: „Ene ju beino?“

„Es ist Schafkäse“, rief Glück; „woher hast du ihn?“

„Wir haben ihn geschenkt gekriegt“, erklärte Großer-Tiger.

„Das macht“, erklärte Christian beiläufig, „weil wir mit dem Herzog von Hanta befreundet sind.“

„Meine Hochachtung“, knurrte Grünmantel, „ich habe von den jungen Herrn nichts anderes erwartet.“

„Mongolischer Schafkäse“, sagte Glück, „ist eine wundervolle Speise; man beißt ein kleines Stück ab, läßt es im Mund quellen, dann schluckt man es und ist satt für den halben Tag.“

„Dürfen wir den befehlenden Herren von dieser Nie-mehr-Hunger-Speise anbieten?“ fragte Großer-Tiger höflich.

„Her damit!“ rief Glück und biß ein Stück ab. „Schafkäse ist gut wie Brot und besser.“

„Ich danke“, sagte Grünmantel kühl, „ich kenne das.“

Nach zwei Stunden Fahrt begann sich die Gegend zu beleben. Obwohl die Hochfläche nur wenig abfiel, gab es Gras und immergrünes Schar-Mot-Gestrüpp. Glück mußte langsam fahren, weil der Boden nicht mehr so hart war. Rote Lößhalden schlossen sich in der Ferne zu einem Ring, aus dem es nur einen schmalen Durchlaß nach Westen gab. Dahin steuerte Glück, und als es Mittag wurde, tauchten kurz vor dem Engpaß zwei Jurten auf. Das Schar-Mot-Gestrüpp wurde höher, es gab Büsche davon, und manchmal sah es aus wie niedrige Bäumchen, von denen weidende Kamele nur die nackten Zweige übrigließen. Kleine Kamelfüllen waren mit ihren Müttern auf der Weide. Sie trugen Mäntelchen und Mützen aus Filz, weil es morgens noch kalt war, und als Glück tüt, tüt machte, hüpften sie mit allen vieren zugleich in die Luft.

Von den Jurten her kamen einige Hunde gerannt, wild und zähnefletschend und so außer Atem, daß sie kaum ein röchelndes Gebell fertigbrachten.

Glück hielt nahe bei der ersten Jurte und stieg aus. Ein junger Mongole trat aus dem Filzzelt und rief die Hunde zurück. Sie begannen aber wieder zu knurren, als Grünmantel ausstieg.

„Kommt herunter!“ rief Glück, „die Hunde tun euch nichts.“

„Hamma guä!“ rief der Mongole, „es ist keine Befürchtung vorhanden.“

151

„Fühlst du dich leicht und gut?“ grüßte Glück freundlich.

„Ich befinde mich leicht und gut“, antwortete der junge Mann; „und du, hast du eine leichte und gute Reise gehabt?“

Nach dieser Einleitung griff Glück in die Tasche und brachte eine gewöhnliche Schnupftabakflasche zum Vorschein, die einen in Silber gefaßten Stöpsel hatte. Der Mongole nahm aus seinem Gürtel auch eine Schnupfflasche, aber sie war ganz aus Silber getrieben, und der Stöpsel mit der dünnen Holzschaufel daran war oben mit einer Koralle verziert.

Glück und der Mongole stellten sich in den richtigen Abstand; sie verneigten sich wie zwei Würdenträger voreinander und boten sich gegenseitig die Schnupfflaschen mit ausgestreckten Fäusten. Aber keiner nahm eine Prise, wie Christian dachte. Jeder roch nur an der fremden Flasche und gab sie feierlich zurück. Dabei murmelten sie einen Segenswunsch oder eine geheime Formel, und nachher sie sich an wie Freunde. Glück und der Mongole steckten ihre Schnupfflaschen wieder ein, und Großer-Tiger flüsterte Christian zu: „Jetzt haben sie Freundschaft geschlossen.“

„Wie mit Mondschein nach der Wolfsjagd“, sagte Christian leise.

„Los“, rief Glück, „jetzt kommt Kompaß-Berg dran! Ich leihe dir meine Schnupfflasche.“

Christian nahm sie, und weil ihm einfiel, was er am Abend vorher in Sertschi's Zelt gelernt hatte, sagte er geschwind: „Sitzest du leicht und gut?“

„Gut“, erwiderte der Mongole; „hast du eine leichte und gute Reise gehabt?“

„Gut“, versicherte Christian; aber dann wußte er nicht mehr weiter und blickte hilfesuchend auf Glück, der neben ihm stand und sich über den gelehrigen Schüler freute. Er zeigte Christian bereitwillig, wie man die Schnupfflasche in die Hand nehmen mußte, und sprach ihm vor: „Befindet sich dein Körper wohl? Ist dein ganzer Viehstand wohlauf?“

Während Christian die Worte nachsprach, tauschte der Mongole mit ihm die Schnupfflasche. Christian führte sie an die Nase, und als er sie zurückgegeben und die von Glück wieder erhalten hatte, war die Begrüßung zu Ende.

Nach ihm kam Großer-Tiger an die Reihe, und dann sagte Glück zufrieden: „Jetzt könnt ihr euch einigermaßen benehmen, wie es sich gehört. Wer diesen Gruß mit einem Mongolen gewechselt hat, ist seiner Freundschaft sicher.“

„Und Grünmantel?“ fragte Christian.

„Er glaubt“, antwortete Glück, „er sei zu vornehm, um mongolische Bräuche zu achten.“

„Ist das nicht unhöflich?“ fragte Großer-Tiger.

152

„Es ist sogar dumm“, erwiderte Glück; aber er sagte es leise, denn Grünmantel kam gerade herbei und fragte, ob es was zu essen gebe, er habe Hunger.

„Ich will mal sehen“, sagte Glück, lehnte den Daschior gegen die Filzwand der Jurte und trat ein. Christian und Großer-Tiger folgten ihm, und Grünmantel stapfte hinterdrein.

Der junge Mongole ging als letzter. „Ich bin ein Hirte“, sagte er zu Glück, „darum kann ich euch leider nur ein Stück Fleisch anbieten. Meine Brüder und zwei andere von unserem Klan hüten die Pferde und die Kamele des reichen Pandiriktschi, dem diese beiden Jurten gehören.“

„Pandiriktschi?“ fragte Grünmantel und zog die Brauen zusammen.

„Warte zwei Augenblicke“, antwortete Glück unwillig.

Alle setzten sich in die Jurte, wo braune Filze aus Ziegenhaar und Kamelwolle am Boden lagen. Statt Sitzkissen wie beim Sunit-Wang gab es Satteldecken.

„Ich heiße Dascha“, sagte der junge Mongole, „und ich denke, ich kenne den Herrn, der mich nicht gegrüßt hat.“

„Es ist der Kaufmann Grünmantel, und ich bitte dich um Entschuldigung für sein unhöfliches Betragen.“

„Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben“, sagte Dascha, und er hob den Holzdeckel von dem eisernen Kochtopf, unter dem ein schwaches Feuer brannte. „Ich habe für zwei Tage Fleisch gekocht; bitte greift zu.“ Er nahm eine Gabel und legte jedem ein großes Stück gekochtes Hammelfleisch in die Eßschale.

„Vielmals entschuldigen“, sagte Dascha verlegen lächelnd, „wir sind schlechte Menschen.“

„Weshalb?“ fragte Glück, der nicht mitkam. „Du gibst uns ein dickes Gastmahl; wo ist da die Schlechtigkeit?“

„Wir Mongolen“, bekannte Dascha, „sollten erst im vierten Mond schlachten; aber schließlich sind wir ja keine Lamas; wir sind schwarze Männer, die sich nicht so ganz an die Vorschriften halten.“

Glück lachte. „Heil euch schwarzen Männern!“ sagte er; „gestern haben wir auch bei einem schwarzen Mann gegessen.“

„Ich weiß“, gab Dascha zu, „daß ich nicht der einzige bin; trotzdem ist es nicht gut. In den Klöstern fasten die Lamas jetzt, und manche kriegen davon die Krankheit, die dicke Beine und dicke Köpfe macht.“

„Was ist mit Pandiriktschi?“ fragte Grünmantel dazwischen. „Ich muß es wissen.“

„Wer ein gutes Gewissen hat“, belehrte ihn Glück, „dessen Herz erschrickt nicht, wenn um Mitternacht an die Tür geklopft wird.“

Plötzlich schlugen draußen die Hunde an, und gleich darauf hörte man den kurzen Trab eines Mongolenpferdes. Man hörte den Reiter 153fluchen, das Pferd schlagen, und einer der Hunde begann zu jaulen. Anscheinend hatte ihn das Pferd getreten. Dann vernahm man den Absprung des Reiters und den schweren Tritt von Stiefeln.

„Ich kenne den Menschen nicht“, sagte der lauschende Dascha. Er wollte aufstehen, aber da wurde der Filzteppich des Eingangs zurückgeschlagen, und in dem Türrahmen erschien die massige Gestalt eines wilden Mannes. Er trug einen Mantel aus Schafpelz mit dem Fell nach innen und mit dem Leder nach außen. Das Leder war einmal weiß gewesen, aber es war nicht mehr weiß, sondern schwarz von dem Rauch vieler Lagerfeuer. Als Gürtel hatte er eine gelbe Schärpe, die auch nicht mehr gelb war. Ein Tabakbeutel hing daran, ein Dolch und ein mondförmiger Stahl zum Feuerschlagen. Die Kleidung war selbst für mongolische Begriffe schäbig; aber man dachte nicht an die geplatzten Nähte, und man vergaß die fehlenden Messingknöpfe, wenn man den Hut des Mannes betrachtete, der aus gelber Seide und Silberfuchsfell gemacht war. Es war ein Prachtstück.

„Sitzt ihr leicht und gut?“ fragte der Mann mit rollendem Baß, und sein Blick eilte von einem zum andern der merkwürdigen Gesellschaft, die um den Feuerplatz saß. Als er bei Glück ankam und die Uniform sah, hielt er still. Mit einemmal wurde das Gesicht des Fremden feindselig. Die steilen Falten zwischen den Augenbrauen vertieften sich, und der schwarze Bart über der Oberlippe zitterte von dem Luftzug, der durch die Nasenlöcher fuhr.

„Chinesenmensch“, fragte der Mann barsch, „gehört dir der Wagen, der von selber geht?“

„Der Wagen gehört dem großen General Wu“, entgegnete Glück unerschrocken, „und ich heiße nicht Chinesenmensch.“

„Dieser Krieger“, warf Dascha vermittelnd ein, „hat mit mir den Gruß der Freundschaft gewechselt.“

„Hm!“ knurrte der Fremde, „so ist das.“ Er setzte sich, griff in den Gürtel und tauschte mit Dascha die Schnupfflaschen.

„Iß“, bat ihn Dascha nachher, „ich sehe, du hast einen weiten Weg gemacht.“

Der Fremde blickte auf seine staubigen Stiefel, zog eine Eßschale aus dem Mantel und füllte sie mit Fleischbrühe.

„Das ist genug“, sagte er, „ich esse kein Fleisch.“

Dann war es eine Weile sehr still. Man hörte das Feuer knistern und das leise Sieden im Kessel, und Großer-Tiger und Christian begannen sich zu fürchten.

„Warum ißt er nicht?“ flüsterte Christian, der neben Glück saß.

„Er ist ein Lama“, gab Glück ebenso leise zurück, „er darf jetzt kein Fleisch essen.“

154

Christian wunderte sich, und es wurde ihm noch ängstlicher zumut als vorher. Er dachte an Jolleros-Lama, der gütig gewesen war wie in Vater, und er dachte an den alten Vetter, der Tag und Nacht in einem fort ritt, um seinen Freund noch einmal zu sehen. Wozu mochte dieser grobe Klotz, der auch ein Lama war, über Land reiten?

„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Christian, dem etwas eingefallen war, „ich komme gleich wieder.“

Draußen schaute er zuerst nach den Hunden; aber sie lagen faul in der Sonne, ließen die Zunge heraushängen und atmeten schnell. Trotzdem ist es besser, ich nehme den Daschior mit, dachte Christian, und er schaute, wo Glück ihn gelassen hatte. Der Daschior lehnte gegen die Zeltwand; nebendran lehnte ein zweiter, der groß wie ein Prügel war, und neben dem Prügel lehnte ein Gewehr, ein richtiges Gewehr. Es war ein moderner Reiterkarabiner. Der polierte Schaft glänzte in der Sonne, und aus dem Lauf schaute ein Busch rotgefärbter Roßhaare heraus. Christian warf einen scheuen Blick darauf, nahm den Daschior Glücks fest in die Hand und ging das kurze Stück bis zum Wagen.

Die Hunde rührten sich nicht. Kaum daß einer den Kopf hob und ein bißchen hinter ihm dreinknurrte.

An der Türklinke des Führerhauses war das Pferd des streitbaren Mönchs angebunden. Es war ein Schimmel, der klein und wild und stämmig war wie sein Herr. Ein Kranz von weißen Haaren umrahmte die Fesseln und fiel bis auf die Hufe, die dadurch wie Pranken aussahen. In die Mähne waren Bänder geflochten, und der Schweif fegte den Boden. Christian machte einen Bogen um das wilde Pferd, das richtig mit beiden Hinterbeinen ausschlug, als Christian auf den Wagen kletterte.

Er nahm drei Schafkäse aus dem einen Säckchen und eine Handvoll Honigbrotwürfel aus dem andern. Damit kehrte er zur Jurte zurück.

Dort herrschte das gleiche düstere Schweigen wie vorher. Jeder aß gekochtes Hammelfleisch, kaute bedächtig, und der Lama blies über die Brühe, damit sie nicht so heiß wäre.

Christian setzte sich auf seinen Platz, und als er saß, stupfte er Großer-Tiger. „Ich habe etwas Ausgezeichnetes vor“, flüsterte er; „gib mir einen Haddak.“

Großer-Tiger langte in die Tasche und gab ihm das himmelblaue Stück Seide, das er von dem Herzog von Hanta bekommen hatte. Christian breitete es vor aller Augen aus, legte den Schafkäse und die Honigbrotwürfel darauf, und dann faßte er das Seidentuch an beiden Enden. Er verneigte sich artig vor dem wilden Lama. Zuerst suchte er nach ein paar passenden mongolischen Worten, aber da er in der Eile keine fand, sagte er in gewähltem Peking-Chinesisch: „Ich bitte den Großen Alten Vater, mein minderwertiges Geschenk nicht von sich zu stoßen.“

155

Während Christian diese zwei schönen Worte sprach, fiel ihm ein, was er suchte, und er beendete seine Rede strahlend mit dem eindrucksvollen Wort: „Bolna!“

„Du hättest ‚Bollwo?‘ sagen müssen“, flüsterte Glück.

Der Lama hörte auf, über die Fleischbrühe zu blasen. Er setzte die Schale ab, blickte auf den Haddak und von da auf Christian, und dabei glättete sich seine Stirn. Schließlich grinste er von einem Ohr zum andern.

„Ich haben?“ fragte er, und man merkte, daß sein Chinesisch noch schlechter war als das von Bator.

„Meine Gabe ist gering, Exzellenz“, sagte Christian, „ich bitte deshalb um Vergebung. Bollwo?“

Der Lama schnaufte, griff in den Gürtel und brachte einen verblichenen Haddak zum Vorschein, den er mit einer ernsten Verbeugung Christian reichte. Dann nahm er das Geschenk in Empfang.

„Söhnchen“, fragte er, und seine Stimme dröhnte wohlgelaunt; „du Freund von Sunit-Wang etwa?“

Dabei deutete er auf die Oberseite des Schafkäses, wo das eingeprägte Zeichen war, das Großer-Tiger für ein Glückszeichen gehalten hatte.

„Der Sunit-Wang ist unser hochgeschätzter Freund“, sagte Christian.

„Und sein alter Vetter auch“, bekräftigte Großer-Tiger, und er ließ den wilden Mann die Silberschale sehen.

„Große Ehrfurcht sagen!“ rief der Lama. Er verneigte sich, und man wußte nicht, ob vor Großer-Tiger oder vor der Silberschale oder vor beiden. Christian bedauerte, daß seine Schale noch nicht leer war; aber der Lama merkte ohnehin, woher sie kam. Er wurde aufgeräumt und fragte mongolisch und chinesisch durcheinander, bis Glück aufhörte, beleidigt zu sein, und ihm auf mongolisch auseinandersetzte, woher sie kamen und wohin sie fuhren und wie das mit der Wolfsjagd gewesen war.

„Wo ist der Sunit-Wang jetzt?“ wollte der Lama wissen.

Glück zuckte die Achseln.

Der Lama fluchte zwischen den Zähnen. Dann rief er mit einem Trauerbaß, der die ganze Jurte füllte: „Himmel und Erde kommen zusammen, aber das Wasser auf dem Berg findet man nicht. Ich habe zehn Pferde zuschandengeritten, damit meine Augen den König der Sunit sehen, und nun ist er ‚ich weiß nicht wo‘.“

„Warum grölt er so traurig?“ fragte Großer-Tiger.

„Das kommt“, erklärte ihnen Glück, „weil er nicht weiß, wo er den Sunit-Wang finden soll.“ Christian schaute Großer-Tiger an, und Großer-Tiger merkte, daß er reden sollte, wenn er es für gut hielte.

„Gestern“, begann Großer-Tiger langsam, „haben wir geglaubt, es sei ein Geheimnis; aber vielleicht ist es gar keines, und man kann es sagen.“

156

„Man kann es sagen“, bestätigte Christian.

„Wovon redet ihr da?“ fragte Glück, der wieder nicht mitkam.

„Wir sprechen von einem Geheimnis, das kein Geheimnis ist, und darum kann man es ruhig sagen“, erklärte Christian.

„Unsinn!“ rief Grünmantel ärgerlich; aber dann besann er sich geschwind und fing an, schmierig zu lächeln.

„Du da“, fragte der Lama und streckte den Zeigefinger nach ihm aus, „welch Mensch sein etwa du?“

Grünmantel tat, als habe er nicht verstanden, und Großer-Tiger sagte: „Der Westliche-Sunit-König ist gestern abend mit seinem Vetter zum Kloster Belin-Sum und zum heiligen Mann Jolleros-Lama geritten.“

„Woher weißt du das?“ wollte Glück fragen, aber der Lama ließ ihn nicht aussprechen. „Du sagen, Sunit-Wang in Belin-Sum“, rief er aufgeregt; „das Wahrheit etwa ganz wahrhaftige?“

„Mein Freund Großer-Tiger“, sagte Christian überzeugend, „hat noch nie eine Lüge losgelassen.“

„Du kleiner Fremder“, rief der Lama und zeigte wieder mit dem Zeigefinger, „welch Name etwa?“

„Ich heiße Kompaß-Berg.“

„Das gut. Alles wissen jetzt Dordschi.“ Dabei deutete er auf sich und grinste freundlich.

„Ene ju beino?“ fragte Großer-Tiger.

Der Lama fiel von einem Staunen ins andere. „Warum“, rief er donnernd, „hast du nicht gleich gesagt, daß du Mongolisch sprichst wie zehn Mongolen-Menschen? Mein Name ist Dordschi, wenigstens nennt man mich so. Das ist freilich ein tibetischer Name, und du kannst nicht wissen, daß er Donnerkeil bedeutet. Aber du solltest aufrichtig zu Donnerkeil sein, der dein Freund ist.“

„Entschuldige, Dordschi-Lama“, sagte Glück besänftigend, „dieser junge Mensch kann nur ‚Ene ju beino‘ sagen, mehr kann er nicht.“

„Wenn das so ist“, brummte Donnerkeil, „will ich nichts gesagt haben.“ Er schob die drei Schafkäse in den Gürtel, aß einige Honigbrotwürfel und rüstete sich zum Aufstehen. Um alles wiedergutzumachen, wandte er sich noch einmal schnaubend an Großer-Tiger: „Du ‚Ene ju beino‘ sagen vortrefflich; wer dir etwa lernen das?“

„Ein Mann“, sagte Großer-Tiger.

„Mondschein“, platzte Christian heraus.

„Ha!“ brüllte Lama Donnerkeil entzückt, „kleiner Mensch aus Land der Außenseite, du mir großes Licht anzünden. Du auch mein Freund. Wo Mondschein steckt etwa?“

„Mondschein“, sagte Glück, „ist mit dem Herzog von Hanta und mit den Männern von Sunit auf der Wolfsjagd. Heute früh waren sie beim 157Kloster Orte-Golen-Sum, doch jetzt zieht die Jagd bis zum Gelben-Hügelriß und weiter.“

„Es ist wunderbar, daß ich euch traf“, rief Donnerkeil, „ich muß nur noch eines wissen: Ist Mondschein ganz, oder fehlt ihm ein Stück? Ein Stück Arm, meine ich, eine Hand oder so was?“

„Mondschein ist ganz“, sagte Glück, „die Gehirntasche war entzwei, aber man hat sie geflickt.“

„Großen Dank! Alles hat sich zum Guten gewendet“, sprach Donnerkeil gerührt; „mein Mondschein, mein Pfötchen, ich werde dich wiedersehen!“

Er stand auf, preßte die Fäuste zum Gruß zusammen, daß die Finger knackten, und rief dröhnend: „Jabonah!“

„Jabonah!“ rief Glück ebenfalls und stand auf.

Dascha beeilte sich, als erster draußen zu sein. Während die übrigen nacheinander die Jurte verließen, hielt Christian Großer-Tiger am Rockzipfel fest.

„Warum hast du den Ring vom Finger genommen?“ flüsterte er.

Großer-Tiger zögerte mit der Antwort.„Es war mir so“, sagte er endlich, „als ob dieser Lama Donnerkeil den Ring kennen würde.“

„Es war mir auch so“, gab Christian zu; „aber wenn der Ring am Ende ihm gehört?“

Großer-Tiger zuckte die Achseln. „Dann gibt es keine Hilfe“, sagte er kleinlaut, und er ging den andern nach.

Christian begriff gut, daß Großer-Tiger den Ring versteckt hatte, und er wußte auch, warum. Wenn der Lama Donnerkeil den Ring kannte, hätte er es laut hinausgebrüllt, und Glück und Grünmantel hätten etwas gemerkt. Sie hätten gesagt: „Großer-Tiger hat eine Lüge losgelassen, und sein Großvater lügt auch. Beide haben ihr Gesicht verloren; es ist ganz schwarz geworden, und man kann die Familie nicht mehr anschauen, so erbärmlich sieht sie aus.“

Auch vor der Jurte im Sonnenschein sah sich die Sache nicht besser an. Die Hunde standen auf und wedelten mit dem Schweif, als sie Dascha erblickten. Nebenbei knurrten sie ein wenig wegen der vielen fremden Männer. Der Lama Donnerkeil nahm das Gewehr, als ob es eine ganz gewöhnliche Sache wäre, daß er bewaffnet herumlief. Glück tat auch nicht dergleichen, und Grünmantel schaute in die Luft, wie wenn er Regen erwarte.

„Gehen! Gut gehen!“ rief der Lama Donnerkeil, und klatschte mit dem Daschior gegen seine Stiefel. Da fingen die Hunde zu bellen an; aber sie hielten sich in respektvoller Entfernung. Erst als der wilde Lama zu Pferd stieg und davontrabte, rannten sie ihm nach. Sie versuchten den Schimmel zu beißen oder taten doch so. Das Pferd schlug nach allen 158Seiten, und der Reiter flog im Sattel. Das Gewehr blinkte in der Sonne, die roten Roßhaare schossen aus dem Lauf wie bei Dauerfeuer, und Donnerkeil brüllte: „Jabonah! — Sä jabonah!“

Dann gab er dem Schimmel einen gewaltigen Streich mit dem Daschior und sprengte davon.

Glück ging ein Stückchen hinterdrein und betrachtete die Spuren sorgfältig, und Christian schaute zu und fragte: „Warum reitet Donnerkeil dahin, woher er gekommen ist?“

„Du merkst auch alles“, sagte Glück. „Aber es ist nicht ganz so, wie du denkst. Der Lama hat eine weite Reise hinter sich, das hat er selbst gesagt. Er kommt aus dem Westen, und er reitet wieder nach dem Westen. Wir werden auch nach Westen fahren. Siehst du die roten Lößbastionen?“

„Ich sehe sie“, sagte Christian.

„Wo sie zusammentreten“, fuhr Glück fort, „und wo es eng hergeht, fast so, daß man mit dem Wagen nicht durchkommt, dort beginnt eine neue Welt mit vielem schönem Gras und mit sanften Hügeln. Man sieht sehr weit, beinah bis dahin, wo alles Grasland aufhört, und man nennt diese Gegend das Tal Schara-Murin. Wenn du gut achtgibst, wirst du bald sehen, wohin Freund Donnerkeil geritten ist.“

„Nach Norden oder nach Süden?“ fragte Christian.

„Natürlich nach Süden. Ich werde tüt, tüt machen“, versprach Glück, „sobald wir an die Stelle kommen.“

„Und bis Küh-Wasser“, fragte Christian, „ist es da noch weit?“

„Habt ihr Lust auf ein gutes Essen?“

„Wir haben sehr große Lust“, antwortete Christian, und er gab Großer-Tiger einen Schubs, damit er auch was sage.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger, der nicht aufgepaßt hatte, weil er immerfort an den Ring denken mußte.

„Doch“, rief Glück, „wir werden in Küh-Wasser zu Abend essen; ich werde so schnell fahren, wie Donnerkeil reitet.“

Vierundzwanzigstes Kapitel
mit Nachricht von dem Berg Muruktschich und von dem
davonreitenden Donnerkeil

„Wie ist das mit Pandiriktschi?“ fragte Grünmantel hartnäckig, bevor er einstieg. Glück, der einige Kannen Benzin in den Tank goß, sagte: „Ach so!“ und „Warte zwei Augenblicke!“ und winkte Dascha herbei.

„Wir fahren weiter“, sagte Glück, „und wir danken dir für gutes Essen.“

159

„Ich ertrage deine Worte nicht“, erwiderte Dascha bescheiden.

„Dann bestelle sie deinem Herrn, dem reichen Pandiriktschi.“

„Pandiriktschi kommt erst in zwei oder drei Tagen“, sagte Dascha und zwinkerte bedeutungsvoll; „er ist in die Blaue-Stadt zum Amban geritten.“

„Wegen dem da?“ fragte Glück und warf einen Blick auf Grünmantel.

Dascha nickte und legte einen Finger auf den Mund.

„Hamma guä“, sagte Glück leise, „es ist keine Befürchtung vorhanden.“

„He, Grünmantel!“ rief er laut, „komm einmal her! Dein Pandiriktschi ist wegen einer gewissen Sache nach Kwei-Hua zum Amban geritten.“

„Ich kenne das“, sagte Grünmantel friedfertig. „Sage diesem Dascha, sein Herr solle sich nicht mehr um die Angelegenheit kümmern. Ich ziehe die Klage zurück. Mein Angestellter aus Küh-Wasser wird kommen und die Sache so regeln, wie Pandiriktschi es haben will.“

Nach diesen Worten seufzte Grünmantel, als habe er ein Königreich verschenkt, und ging würdevoll auf seinen Platz im Führerhaus. Die Federung der Polster krachte, und die Tür wurde zugeschlagen.

Glück richtete dem erstaunten Dascha die Worte Grünmantels aus, und Dascha zeigte sich erfreut, seinem Herrn eine gute Botschaft ausrichten zu dürfen.

„Warum ist Grünmantel jetzt so nachgiebig?“ fragte er.

„Ich weiß es nicht“, sagte Glück. „Um was handelt es sich?“

„Der Streit geht um vier Kamele, und wenn du es wissen willst …“

„Ja“, sagte Glück, „ich möchte es wissen. Habe ich nicht in der Jurte was liegenlassen? Es ist mir so.“

„Wir wollen nachschauen“, sagte Dascha.

Dann gingen beide nicht eben eilig in die Jurte zurück, und Dascha erzählte:

„Es war vor drei Jahren im dritten Mond, da kam Grünmantel zum reichen Pandiriktschi und sagte: ‚Ich höre, du willst deine Tochter verheiraten; da brauchst du Geld.‘ ‚Ich brauche dein Geld nicht‘, sagte Pandiriktschi. ‚Du könntest mir Kamelfüllen verkaufen‘, schlug Grünmantel vor; ‚ich zahle bar, und du verlierst keinen Silberbatzen, wenn eines stirbt.‘ Pandiriktschi wunderte sich, denn wozu braucht ein Kaufmann Kamelfohlen? Ein Kaufmann braucht Kamele, die Lasten tragen können; aber dazu müssen sie drei oder vier Jahre alt sein, und dann kosten sie sechzig oder siebzig Silberbatzen. Doch Grünmantel wollte unbedingt Fohlen haben, das war nun einmal so. Er bot dreißig Batzen für das Stück. Da verkaufte Pandiriktschi zwanzig Fohlen und strich 160das Geld ein, denn er brauchte es, obwohl er vorher gesagt hatte, es wäre nicht an dem.

‚Ich kann die Fohlen jetzt nicht mitnehmen‘, sagte Grünmantel, ‚führe sie noch ein wenig auf die Weide, ich hole sie im Herbst.‘ Pandiriktschi war einverstanden, und im Herbst waren aus den Fohlen schöne Jungtiere geworden.

Grünmantel kam und brannte ihnen sein Zeichen auf die Wange. ‚Ich kann sie jetzt nicht mitnehmen‘, sagte er, ‚es ist anders gekommen, als ich dachte. Im Frühjahr hole ich sie. Hüte sie gut, damit der Wolf keines frißt.‘ Auch damit war Pandiriktschi zufrieden.“

„Aha!“ sagte Glück.

„Warum sagst du Aha?“ fragte Dascha.

„Weil ich genau weiß, was kommt.“

„Du kannst es nicht wissen.“

„Doch“, sagte Glück, „das ist leicht zu wissen: Im nächsten Frühjahr kam Grünmantel wieder, und im Herbst kam er auch, und jedesmal sagte er: Ich kann die Kamele nicht mitnehmen.“

„Es geschah, wie du sagst“, rief Dascha erstaunt; „wie kannst du wissen, was du nicht gehört und was du nicht gesehen hast?“

„Die Gedanken eines schlechten Menschen“, erwiderte Glück, „kann man leichter erraten als die eines guten. Erzähle weiter.“

„Als Grünmantel“, fuhr Dascha fort, „das letztemal hier war, sagte Pandiriktschi zu ihm: ‚Es ist billig, daß du mir ein kleines Aufgeld zahlst.‘ ‚Du willst mich betrügen!‘ schrie Grünmantel; ‚drei Jahre lang hast du die Wolle meiner Kamele gehabt, und das Futter kostet dich nichts. Von Geld kann nicht gesprochen werden.‘ ‚So gib mir vier von den Kamelen als Entgelt‘, sagte Pandiriktschi, ‚meine Leute haben sie drei Jahre gehütet und großgezogen, und wenn es kalt war, haben wir sie mit Filzen bedeckt.‘ ‚Auch davon kann nicht gesprochen werden!‘ schrie Grünmantel zornig, ging fort und verklagte meinen herrn beim Amban in der Blauen-Stadt.“

„Aha!“ sagte Glück.

„Warum sagst du Aha?“ fragte Dascha.

„Weil Grünmantel das immer tut“, sagte Glück; „aber es ist das erstemal, daß er eine Klage zurücknimmt. Ich wundere mich, und ich werde darüber nachdenken müssen. Lebe wohl, Dascha, ich wünsche dir eine leichte und gute Zeit.“

„Leicht und gut reisen!“ erwiderte Dascha.

Glück wäre gern mit großer Geschwindigkeit fortgefahren, um Dascha zu zeigen, was für einen prächtigen Wagen er hatte, aber das ging nicht, denn der Boden war weich, und die roten Lößfelsen kamen näher. An ihrem Fuß war Sand angeweht, und als der Wagen in die enge 161Durchfahrt bog, gab es auf beiden Seiten nur wenige Zentimeter Platz; aber deswegen streiften die Kanten der Ladefläche kein bißchen, und auch die Felsen blieben heil.

Jenseits des Felsentors öffnete sich das, was Glück eine andere Welt genannt hatte. Ein sanfter Hang glitt in ein weites Tal, in dem eine große Pferdeherde weidete. Es mochten vierhundert Pferde sein. Drei Reiter hüteten sie, und wahrscheinlich war der Bruder Daschas dabei. Die Sonne glänzte auf dem gelben Wintergras, und die zahllosen Hügel in der Ferne waren auch gelb und glänzten. Nur die Nordseite der Hügel war kalt und dunkel, und manchmal gab es einen weißen Fleck, wo der Schnee vom Tag vorher nicht vergangen war. Im Süden, ganz am Rand der unfaßbar weiträumigen Landschaft, lagerten Gebirgsketten, die verwirrend viele Zähne und Zacken hatten. Sie flimmerten in der Sonne, und wenn man genau hinschauen wollte, begannen sie auf und ab zu hüpfen.

Das war also das Tal Schara-Murin. Für ein Tal war es eigentlich viel zu groß, weil alles, was es rundherum zu sehen gab, eben dieses Tal war. Aber es gab keinen Fluß und nicht einmal einen Bach darin; kein kleines Rinnsal war da, nur leere Steinbette. Ab und zu schob sich zwar im Norden zwischen die Hügel ein blauer, lebhafter Streifen, der wie ein Gewässer aussah, aber wer die Mongolei und die Wüste Gobi kannte, wußte gleich, daß es ein Schwindel war, auf den niemand hereinfällt. Die geschwätzigen Araber nennen das eine Fata Morgana; die Mongolen verlieren kein Wort darüber.

In der Mitte von Schara-Murin lag ein breiter, dunkler Klotz, gar nicht hoch, aber wild zerklüftet und fremd in dieser Gemeinschaft sanfter Hügel. Von der Höhe des Felsentores sah man in die Klüfte wie in ein aufgeklapptes Labyrinth. Das ganze Massiv war aus schwarzgrünem Stein gemacht, und so wild wie sein Aussehen war auch sein Name: es hieß Muruktschich. Aber wie sollen wir glauben, daß den Gebirgsstock den schönen und ungebärdigen Namen Muruktschich führt, wenn erstens feststeht, daß er so heißt, und wenn zweitens ganz sicher ist, daß er nicht so heißt!

Großer-Tiger und Christian wußten nichts davon; aber Glück, der es ihnen später erklärte, sagte: „Es ist ähnlich wie mit den Mongolenmenschen. Die Berge haben zwar Namen, aber man spricht sie nicht aus, wenn man den Berg vor sich hat. Solange er weit weg ist und man ihn nicht sieht, kann man ohne Gefahr von ihm reden. Anders ist es, wenn man ihn vor Augen hat, wie diesen schrecklichen Muruktschich … Auf allen Bergen, besonders aber auf den wilden und hohen, wohnen Dämonen, die nicht haben wollen, daß man ihren Wohnsitz mit Namen nennt. Darum hilft man sich mit einer harmlosen Bezeichnung. Muruktschich 162heißt soviel wie zerklüftete Gegend. Wenn das die Dämonen hören, haben sie keine Ahnung, daß man von ihrem Berg spricht, der natürlich ganz anders heißt. Würde man den richtigen Namen sagen, gäbe es bald ein Unglück von der allerbesten Sorte.“

Jetzt blickten sie mit Staunen in die ungeheure Weite, und sie fuhren zusammen, als Glück tüt, tüt machte. Die Pferde, die in der Nähe weideten, stoben davon, und Christian und Großer-Tiger schauten, was es gebe. Sie sahen auch sofort, was Glück meinte.

Ein schmaler Pfad zweigte nach Süden ab, und wenn man scharf hinsah, erblickte man die frische Hufspur eines Pferdes. Ganz weit weg sah man den Reiter, und das war der Lama Donnerkeil, der es eilig hatte, dem Sunit-Wang zu begegnen.

Die Fahrt ging munter voran. Glück konnte so schnell fahren, wie er wollte, nirgends gab es ein Hindernis. Der Motor surrte, und Glück trällerte ein Lied, so fröhlich war er. Nach zwei Stunden kam aus dem Süden ein ausgetretener Kamelpfad. Da öffnete Glück das Fensterchen, und als Großer-Tiger und Christian aufstanden und hören wollten, was es gebe, sagte Glück:

„Hier ist der große Karawanenweg von Kwei-Hua nach Hami. Steht er auf deinem Geländebild geschrieben, Kwi-Schan?“

„Ich werde nachsehen, befehlender Herr.“

„Halt einmal zwei Augenblicke“, sagte Grünmantel freundlich, „bleibt es dann dabei, daß wir bis Küh-Wasser auf diesem Wege fahren?“

„Wir fahren auf diesem Weg“, erwiderte Glück, „und wir werden auf ihm nach Sinkiang fahren. Es gibt zwar ein paar Abweichungen …“

„Bei den Vier-Bäumen zum Beispiel“, sagte Grünmantel weise.

„Ich merke, du kennst dich aus“, lobte Glück.

„Ja“, sagte Grünmantel selbstgefällig, „von jetzt an kenne ich mich aus. Deshalb sollst du halten, wenn wir wollen die Plätze wechseln.“

„Wie!“ rief Glück, „verstehe ich dich richtig oder falsch?“

„Wir haben doch darüber gesprochen“, erwiderte Grünmantel leise und schloß das Fensterchen.

Bald darauf hielt der Wagen. Glück und Grünmantel wechselten die Plätze, und nachdem er ein bißchen holprig geschaltet hatte, fuhr Grünmantel los, als ob er ein alter Fahrer wäre. Im Anfang ging es etwas hin und her; aber das dauerte nur kurze Zeit, und hernach folgte der Wagen schnurgerade dem Kamelpfad.

Christian und Großer-Tiger setzten sich still auf ihre Plätze. Obwohl es gar nicht kalt war, zogen sie die Mäntel enger um die Schultern und schlugen die Pelzkragen hoch.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger düster.

„Es gibt keine Hilfe“, bestätigte Christian.

163

„Wie?“ rief Großer-Tiger, „du sagst auch, es gibt keine Hilfe? Das darfst du nicht tun. Du mußt etwas anderes sagen.“

„Es fällt mir nichts anderes ein.“

„Kwi-Schan!“ rief Großer-Tiger flehend, „es muß dir etwas einfallen! Es geht nicht, daß wir beide mutlos sind.“

„Dann“, sagte Christian, „müssen wir einen Vertrag machen: Nur einer von uns darf verzweifelt sein und ‚Es gibt keine Hilfe‘ sagen.“

„Es ist mir recht“, erklärte Großer-Tiger, „und ich sage als erster: ‚Es gibt keine Hilfe‘.“

Großer-Tiger schaute, was Christian für ein Gesicht mache, und dann mußten beide lachen.

Christian öffnete die Ledermappe. „Ich werde“, schlug er vor, „auf dem ‚Südlichen-Blatt‘ nachsehen, wie unsere Sache steht.“

„Kannst du in dem ‚Südlichen-Blatt‘ lesen?“

„Wir können es zusammen lesen. Sieh, hier steht Schara-Murin geschrieben; da sind wir jetzt, und hier ist die Karawanenstraße, von der Glück gesprochen hat. Rundherum ist alles grün. Nachher ist alles weiß oder braun, und es kommt nichts Grünes mehr bis zum Edsin-Gol, wo es einen schmalen Streifen davon gibt. Also beginnt gleich hinter Küh-Wasser die Wüste, und unsere Sache steht schlecht.“

„Warum steht sie deshalb schlecht?“ wollte Großer-Tiger wissen.

„Denke daran, was Grünmantel in Weißer-Stein gesagt hat“, erinnerte ihn Christian. „Außerdem ist er in der letzten Zeit so freundlich zu uns, das ist ein schlimmes Zeichen.“

„Für Glück aber auch“, meinte Großer-Tiger. „Grünmantel sagt ihm kein böses Wort mehr.“

„Vielleicht“, sagte Christian nachdenklich, „ist es so; vielleicht ist es anders.“

Dann schwiegen beide eine Zeitlang.

„Wie wäre es“, schlug Großer-Tiger vor, „wenn ich Glück bei Gelegenheit die Patrone sehen ließe? Dann fragt er mich, woher ich sie habe, und ich werde sagen: ‚Dieses Flintenkind habe ich gefunden; und vielleicht paßt es in die Pistole des befehlenden Herrn.‘ Da wird er probieren, ob die Patrone paßt, und dabei wird er merken, daß man ihm die übrigen gestohlen hat, und er wird ein großes Geschrei machen.“

„Und dann?“ fragte Christian.

„Dann werde ich sagen: Man weiß nicht, wer es getan hat, aber Grünmantel hat welche in der Hosentasche, und sie sehen so aus wie diese, und es ist eine ganze Menge.“

„Ich fürchte“, sagte Christian, „das ist kein sehr guter Gedanke.“

„Doch“, beharrte Großer-Tiger, „laß mich nur machen!“

„Grünmantel muß aber weit weg sein, wenn du das sagst.“

164

„Dann“, sagte Großer-Tiger, „wäre es das beste, du gingst mit ihm so lange spazieren, bis ich alles gesagt habe, was Glück wissen muß.“

„Vielleicht will er gar nicht mit mir spazierengehen.“

„Er muß“, sagte Großer-Tiger, „einen andern Ausweg gibt es nicht.“

Christian erwiderte nichts mehr. Er dachte darüber nach, wie unangenehm es sein müsse, mit Grünmantel spazierenzugehen, und ob sie sich über das Wetter oder über Gelbe-Ziegen unterhalten sollten. Wahrscheinlich würde er sich fürchten, so lange wie eine halbe Stunde mit Grünmantel allein zu sein. Aber das wollte er nicht laut sagen, und darum betrachtete er die schwarzen Felsen von Muruktschich, die näher kamen.

Als es Abend wurde, war das Tal Schara-Murin durchquert. Christian deutete auf das „Südliche-Blatt“ und sagte: „Jetzt ist es nicht mehr weit bis Küh-Wasser.“

Eine Stunde später tauchten zwei Jurten am rechten Talrand auf. Der bleiche Mond stand weiß in dem reinen Frühlingshimmel über dem Berg Muruktschich, und wer das sah, konnte nicht mutlos bleiben.

Fünfundzwanzigstes Kapitel
das von Eselsgeschrei und von Drachenknochen handelt
und von einer wichtigen Entdeckung

Der eine hieß Tschen, und der andere hieß Tschin.

Der große Tschen verbeugte sich und sagte: „Wir grüßen den ehrwürdigen Herrn Grünmantel.“

Der kleine Tschin sagte: „Ehrenwerter, großer alter Vater!“ Dabei gluckste er, denn er war nicht sehr gut erzogen.

„Schon recht“, sagte Grünmantel herablassend. Er saß hinter dem Steuer und genoß ausgiebig die Verblüffung seiner Angestellten, die in ihrer Verbeugung verharrten; so eine Hochachtung hatten sie gekriegt beim Anblick des Wagens und ihres Herrn, der imstande war, das Ungetüm zu lenken. Glück stieg als erster aus.

„Komm herunter von deinem Thron!“ sagte er.

Grünmantel ärgerte sich, aber er erwiderte nichts. Erst als er bei Tschen und Tschin stand, die den Wagen betrachteten und viele Worte der Bewunderung verloren, bemerkte er ziemlich laut: „Es ist schade, daß dieser Wagen sein herrliches Aussehen eingebüßt hat. Der Soldat Glück, den ihr begrüßen müßt, ist einer Telegrafenstange nicht aus dem Weg gegangen. Es geschah aus mangelnder Umsicht.“

Tschen und Tschin verneigten sich: „Wie befindet sich Euer geehrter Körper?“ fragten sie höflich.

165

„Schon recht“, antwortete Glück, wandte sich ab, und man merkte gut, daß er wütend auf Grünmantel war.

„Zwei junge Fürstensöhne“, fuhr Grünmantel ungerührt fort, „sind mit mir gekommen; sie heißen Kompaß-Berg und Großer-Tiger.“

Tschen und Tschin verneigten sich gehorsam noch einmal, und Christian und Großer-Tiger taten das gleiche.

„Wir wünschen zehntausendfaches Glück“, sagten sie ernst.

Der große Tschen war ein vierschrötiger Mann im schwarzen, abgetragenen Kaufmannsrock; außerdem stieß er ein wenig mit der Zunge an, und man mußte aufpassen, um ihn zu verstehen.

Dieser Tschin war mit dreizehn Jahren als Lehrling nach Küh-Wasser gekommen. Jetzt war er ein Bürschchen von vierzehn, und obgleich er Tschin hieß, wurde er von seinem Onkel „Drachenzahn“ gerufen, denn Drachenzähne waren neben Kamel und Schafwolle eine wichtige Handelsware von Küh-Wasser.

„Drachenzahn!“ rief Onkel Tschen, „geh und bereite das Essen!“

„Soll ich Fleischtaschen machen?“ fragte Drachenzahn.

„Ja“, rief Glück, „mach Fleischtaschen und würze sie gut!“

„Wir haben Panzerfischtunke mit Sonnenwurzel“, sagte Drachenzahn; „aber wenn es nicht langt, haben wir auch geschnittene Frostbeulen.“

„Freches Stück!“ schalt Onkel Tschen und hob einen Stein auf. Allein Drachenzahn war bereits in der Jurte verschwunden.

„Ich bedaure“, sagte Onkel Tschen und stieß mit der Zunge an, „mein mißratener Neffe verdient Tadel und Schläge.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel. Er nahm Tschen beiseite. „Kein Wort vom Geschäft!“ sagte er, „in Anwesenheit der drei Spitzbuben, die sich mir an den Hals gehängt haben.“

„Ich verstehe“, erwiderte Tschen leise. „Ach, ich sehe Euch ungern in der Begleitung von Nichtswürdigen, verehrter Herr.“

Dann gingen sie in die Wohnjurte, aus der ein dünner Rauch aufstieg.

Christian und Großer-Tiger halfen Glück beim Tanken und bei anderen notwendigen Arbeiten. „Wir müssen alles bedenken“, sagte Glück, und er schaffte Filzteppiche herbei, mit denen er die Motorhaube zudeckte. „Von heute an müssen wir Wasser mitnehmen“, sagte er, und Christian füllte drei leere Kannen damit.

Als alle Arbeiten gemacht waren, brach die Nacht herein. Der Mond schien hell, der Nordstern strahlte, und der Berg Muruktschich lag schwarz und schweigend zwischen den sanften Hügeln. Die Luft stand still. Aus der Ferne rief ein Käuzchen.

„Paßt mal auf!“ sagte Glück. „Ich nehme an, daß ihr schweigen könnt.“

166

„Der befehlende Herr nimmt stets das Richtige an“, sagte Großer-Tiger.

„Wir sind vorzüglich im Mundhalten“, versicherte Christian.

„Es gibt nämlich etwas“, begann Glück, „was mir nicht gefällt.“

„Es gefällt uns auch nicht“, sagte Christian.

„Was?“ fragte Glück überwältigt, „was meinst du?“

„Ich meine“, sagte Christian bedächtig, „es könnte zum Beispiel das sein, was Grünmantel jetzt mit den Herren Tschen und Tschin ausbrütet.“

„Da es uns nicht gefällt“, fügte Großer-Tiger bescheiden hinzu, „gefällt es vielleicht auch dem befehlenden Herrn nicht.“

„Ihr seid Mordskerle!“ rief Glück. „Ja, es ist, wie ihr sagt. In der Nähe fauler Fische fängt es an zu stinken. Paßt also ein wenig auf, was hier vor sich geht, und wenn ihr etwas herauskriegt, dann sagt es mir.“

„Bolna!“ sagte Christian.

„Wird der befehlende Herr zu uns halten?“ fragte Großer-Tiger vorsichtig.

„Ich werde euch nicht im Stich lassen“, versprach Glück.

In der Jurte saß Grünmantel obenan auf dem Ehrensitz. Tschen saß neben ihm und redete, aber er unterbrach seine Rede, als Glück eintrat. Christian, der nachher kam, stolperte über das Wellholz, das ihm Tschin, der neben dem Eingang am Boden hockte, zwischen die Beine schob. Er wäre gefallen, aber Großer-Tiger hielt ihn fest. Am liebsten hätte Großer-Tiger Tschin verprügelt, doch es ging nicht wegen der Höflichkeit in einem fremden Zelt. Er begnügte sich daher, Tschin einen kräftigen Fußtritt zu versetzen.

„Ich bitte um Vergebung“, sagte er dann, „ich bin ausgerutscht. Wahrscheinlich lag da ein Stück Teig, wenn es nicht etwas anderes war.“

„Setzt euch“, bat Tschen, „es wird gleich zu essen geben. Seid ihr hungrig?“

„Die jungen Herren sind immer hungrig“, bemerkte Grünmantel wohlwollend.

Dann sprach er über das Wetter, und daß es noch immer kalt sei; und Tschen stieß mit der Zunge an und sagte, die Kamele hätten heuer ein besonders dichtes Fell.

„Laß mich die Wollvorräte sehen“, befahl Grünmantel; „ist es viel?“

„Ziemlich“, sagte Tschen; aber dann zog er das Gesicht in betrübte Falten und behauptete, er habe leider keine Laterne, nur eine gewöhnliche Öllampe.

Glück stand auf, sagte: „Warte mal!“ und kam bald mit einer schönen Sturmlaterne wieder, die er aus Hwai-Lai-Hsien mitgebracht hatte.

„Ich werde euch leuchten“, sagte er zuvorkommend und war schon 167wieder draußen, bevor Grünmantel etwas erwidern konnte. Tschen blickte auf Grünmantel, und Grünmantel zuckte die Achseln.

„Laß gut sein“, flüsterte er, „ich werde dir das Notwendige nachher sagen.“

Dann standen beide auf und folgten Glück, der vor der zweiten Jurte wartete, in der Tschen die aufgekaufte Wolle, die Felle und die Drachenzähne verwahrte, die ihm gelegentlich von Mongolen gebracht wurden.

Der alleingelassene Tschin knetete den Teig für die Fleischtaschen. Seine mageren Schultern hoben und senkten sich, und man hörte das regelmäßige Klatschen, wenn er den Teig wendete.

„Sollen wir dich jetzt verhauen?“ fragte Großer-Tiger freundlich.

Tschin drehte den Kopf halb herum und grinste verächtlich. „Es wäre schade um das gute Essen“, sagte er, „es könnte verdorben werden. Zu allem hin wäre es feig, denn ihr seid zu zweit.“

„Wisch dir die Hände ab und komm mit mir hinaus“, schlug Großer-Tiger vor, „mein Freund Kompaß-Berg wird so lange hier bleiben.“

„Mir scheint“, sagte Tschin, „ihr versteht keinen Spaß.“

„Wir verstehen eine Menge davon“, sagte Großer-Tiger, „aber das war kein Spaß.“

„Es hätte einer werden sollen“, entschuldigte sich Tschin, „aber du hast ihn verdorben. Wenn dieser da, den du Kompaß-Berg nennst, ein wenig besser gestolpert wäre, hätte er den Kochtopf umgeworfen. Dann wäre Onkel Tschen naß geworden, ohne daß er mich hätte prügeln dürfen. Dann wäre es ein sehr schönes Fest geworden.“

„Haut er dich denn?“ fragte Christian.

Tschin seufzte. „Ihr habt keine Ahnung, wie das hier ist“, sagte er düster.

Er formte den Teig zu einem Ballen und griff nach dem Nudelwalker. „Du könntest derweil das Fleisch schneiden“, wandte er sich an Großer-Tiger; „aber du mußt ganz kleine Würfel machen, sonst kriege ich's nachher.“

„Ich weiß, wie man das macht“, sagte Großer-Tiger, „gib her!“

Tschin reichte ihm ein Brett, das er aus den Gitterstäben der Jurte zerrte, dazu ein Messer und ein gehöriges Stück fettes Hammelfleisch. Während Großer-Tiger den Rock auszog und das Messer in die Hand nahm, sagte Tschin: „Heute ist ein Glückstag. Solange ihr hier seid, kann er sich nicht betrinken.“

„Meinst du deinen Onkel?“ fragte Christian.

„Wen sonst?“ rief Tschin. „Merkt ihr nicht, wie er spricht?“

„Es ist wahr“, sagte Großer-Tiger, „er hat den Zungenschlag.“

„Wenn er betrunken ist“, erklärte Tschin, „versteht man überhaupt nicht, was er spricht. Dann wird er böse und schlägt mich.“

168

„Ich würde ihm davonlaufen“, sagte Christian.

Tschin schüttelte heftig den Kopf. „Du weißt nicht, was du redest“, sagte er. „Soll ich meiner Familie Schande machen?“

„Tschin hat recht“, gab Großer-Tiger zu, „das Herz mag begehren, was es will, es muß stillhalten.“

„Manchmal“, versuchte Christian zu trösten, „gibt es eine Änderung, ehe man sich's versieht.“

„Das Glück kommt nicht paarweise“, widersprach Tschin, „es ist genug, daß ihr gekommen seid und daß ich morgen den ganzen Tag wegen des Blitzbriefes fort sein werde.“

„Wegen was?“ fragte Großer-Tiger.

„Hier gibt es doch keinen Telegraphendraht!“ sagte Christian zu den beiden.

„Aber in Aschan gibt es welchen“, erklärte Tschin. Er legte das Nudelholz beiseite, strich den Teig von den Fingern und langte in seinen Rock, der neben ihm am Jurtengitter hing.

„Könnt ihr lesen?“ fragte er leise.

„Wir können lesen und schreiben“, sagte Großer-Tiger, „bis auf die schwierigen Worte.“

„Dann sagt mir geschwind, was hier geschrieben steht! Aber es muß rasch gehen!“

„Es gibt nirgends eine Befürchtung“, warf Christian ein, „wir hören es, wenn sie zurückkommen.“

„Aber nur“, sagte Tschin kläglich, „wenn der Esel nicht schreit. Lies bitte schnell!“

„Stimmt“, sagte Tschin befriedigt, „Li ist ein Geschäftsfreund von Grünmantel.“

„Lies weiter!“

„Sendet“, fuhr Großer-Tiger fort, „vierzig Kannen Benzin nach Hsing-Hsing-Hsia eilig! Schong-Ma.“

„Ist das alles?“ fragte Tschin enttäuscht.

„Mehr gibt es nicht“, sagte Großer-Tiger und gab Tschin den Zettel zurück. „Wer ist dieser Schong-Ma?“

„Schong-Ma“, sagte Tschin — „ah! ihr wißt nicht, wer Schong-Ma ist? Gestern war auch einer da, der nach Schong-Ma fragte, aber Onkel Tschen hat ihm gesagt, er kenne keinen, der so heiße.“

„War das einer mit einem Gewehr und mit einer gelben Mütze?“ fragte Großer-Tiger.

„Woher weißt du das?“ rief Tschin erschrocken.

„Wir wissen eben alles“, setzte ihm Christian auseinander, „und wir wissen auch, daß dein Schong-Ma Grünmantel ist.“

169

„Warum fragt ihr mich“, klagte Tschin, „wenn ihr seinen Familiennamen doch kennt?“

„Das macht man so“, erklärte Großer-Tiger, „damit eine angeregte Unterhaltung zustande kommt.“

„Keine Erwähnung ihm gegenüber“, bat Tschin; „er will nicht, daß wer anderer seinen Namen weiß. Alle nennen ihn Grünmantel, und mehr soll niemand wissen.“

„Sorge dich nicht“, beruhigte Christian, „wir sind gewohnt, dichtzuhalten.“

„Ich hatte gehofft“, sagte Tschin, „es würde was anderes in dem Blitzbrief stehen, etwa daß wir hier wegziehen würden. Aber ich sehe schon, alles bleibt, wie es ist. Da gibt es keine Hilfe.“

„Morgen“, tröstete Großer-Tiger, „hast du die Reise vor dir. Ist es sehr weit bis Aschan?“

Tschin lachte. „Bis Aschan sind es zwei Tagesritte mit einem guten Pferd. Ich habe nur einen Esel.“

„Ich verstehe“, sagte Großer-Tiger und überlegte in einem fort, wo Aschan liegen könne; „mit dem Esel geht es nicht. Wie machst du das? Ich meine, wohin bringst du den Blitzbrief?“

„Ich reite nach Muruktschich hinüber“, erklärte Tschin, „dort wohnt seit einem Monat der Dondur-Wang. Der Wang hat Soldaten, die sich gerne etwas verdienen. Einem von ihnen gebe ich den Blitzbrief, dann reitet er nach Aschan, und wenn er nach vier Tagen zurückkommt und die Quittung des Postamtes bringt, gibt ihm Onkel Tschen so viel, daß er sich ein Vergnügen gönnen kann. Gewöhnlich betrinken sich beide.“

„Und du?“ fragte Christian.

„Still! sie kommen!“ flüsterte Tschin.

Ein kurzes Schweigen entstand, und Christian bewunderte im stillen Tschin, der die Tritte gehört hatte, obwohl alle, Glück, Grünmantel und Onkel Tschen, Schuhe mit Filzsohlen trugen. Grünmantel hörte man draußen reden.

„Du solltest“, sagte er zu Glück, „die Lampe ausmachen, damit das Petroleum nicht vergeudet wird.“

„Es ist meine Lampe und mein Petroleum“, erwiderte Glück unfreundlich.

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel, und dann hob er den Teppich vom Eingang, blinzelte und raffte den Rock zusammen, um an Tschin und Großer-Tiger vorbeizukommen.

„Aha!“ rief Onkel Tschen anerkennend, „zwei Arbeiter schaffen mehr als einer!“

„Drei mehr als zwei“, verbesserte Glück, setzte die Laterne auf den Boden, streifte die Rockärmel hoch und nahm die Mütze ab. „Drachenzahn!“ 170rief er, „du mußt das Feuer besser in Gang bringen, das Wasser soll sieden! Komm, laß mich an deinen Platz! Kochen ist nun einmal meine Leidenschaft.“

Alle schauten zu, wie Glück den Teig in Vierecke schnitt, die ganz gleich groß waren. Dann würzte er das Fleisch mit Schildkrötentunke und Knoblauch, überall kam ein Körnchen Salz dazu, und als er schließlich feingemahlenen Ingwer mit einem Lufthauch darüberstäubte, war alles getan, um aus dem Fleisch kleine Kugeln zu formen, die in die Vierecke gelegt wurden.

„Ich gäbe etwas um eine Prise Zucker“, jammerte Glück und schlug betrübt mit einem breiten Messer leicht auf die Fleischkugeln, damit sie etwas flacher wurden. Das geschah wegen des schönen Aussehens, das die gefüllten Dreiecke kriegen sollten, die jetzt aus den Vierecken geformt wurden. Es war wie Zauberei.

Als sich alle zum Essen bereit machten, vergaß der kleine Drachenzahn, daß er eigentlich unglücklich war. Glück legte ihm immer neue Fleischtaschen in die Holzschale, und als alle satt waren, stieß Onkel Tschen laut auf. Damit wollte er Glück zeigen, wie herrlich es ihm geschmeckt habe und wie sehr er ihn als Koch verehre.

„Wie wäre es mit einem kleinen Schluck?“ fragte er nachher, und er schielte nach der Messingkanne, die hinter ihm an der Zeltwand auf einer flachen Truhe stand; „ich meine ja nur wegen der Gesundheit oder so …“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel, „nur wegen der Gesundheit.“

„In meiner armseligen Hütte gibt es leider nur wäßrigen Wein“, klagte Onkel Tschen, „es ist ein Ja … Jammer.“

„Gib schon her!“ sagte Glück grob.

Onkel Tschen holte mit dem Schürhaken etwas Glut aus dem Eisenring, breitete sie aus und stellte die Kanne hinein.

„Wenn der Wein wa … warm ist“, behauptete er, „ist er der Gesundheit am zuträglichsten.“ Er teilte kleine Becher aus, schenkte sich einen davon voll, trank ihn aus und erklärte: „Der Wein ist zu kalt, ich habe ihn für euch probiert.“

Onkel Tschen wurde durch ein langdurchdringendes Geschrei unterbrochen. Grünmantel schüttelte sich.

„Dieses Eselsgeschrei geht mir auf die Nerven“, sagte er.

„Es zerstört die zwölf Eingeweide“, pflichtete Onkel Tschen bei.

Doch der Esel schrie wieder. Tschin grinste heimlich, und Onkel Tschen erboste sich. „Du lachst?“ rief er zornig. „Du kleiner widerlicher Teufel! Ich sah es deutlich, du hast gelacht! Geh sofort und mach, daß der Esel aufhört zu schreien!“

171

Tschin stand gehorsam auf. „Das letztemal hat er mich getreten“, sagte er weinerlich.

„Ich begleite dich“, sagte Glück und nahm die Laterne; „es passiert dir gewiß nichts.“

„Dürfen wir auch dabei sein?“ fragte Christian.

„Kommt nur mit“, sagte Glück, „man muß vieles lernen.“

Nacheinander traten sie aus der Jurte. Die Laterne schien hell. Aber auch der Mond leuchtete, so gut er konnte. Die Sterne umringten ihn. Obendrein war es kalt.

„Wo steckt der Esel?“ fragte Glück.

Als Antwort ertönte ein langgezogener Schrei hinter der Vorratsjurte.

„Seid bitte vorsichtig, befehlender Herr“, bat Tschin. „Am Tage ist er ganz zahm und gut, aber nachts wird er wild und schlägt aus.“

„Keine Angst“, sagte Glück, „dies ist nicht der erste Esel, dem ich einen Stein an den Schwanz hänge.“

„Warum tut man das?“ fragte Christian.

„Wenn der Esel schreit“, belehrte ihn Glück, „hebt er den Schwanz. Sobald er den Schwanz nicht mehr heben kann, kann er auch nicht schreien. Das ist alles, aber es nützt.“

Tschin war vorausgelaufen, blieb stehen, und: „Da ist er“, sagte er.

„Halte die Laterne, Kompaß-Berg“, befahl Glück, „und du gib mir den Stein!“

Tschin bückte sich und hob einen dicken Stein auf, um den ein Strick kreuzweise gebunden war. Als der angepflockte Esel diese Vorbereitungen sah, hob er die Ohren, zerrte an der kette und machte abwehrbereite Sprünge nach hinten.

„So geht das nicht“, sagte Glück, „der Stein ist viel zu schwer; er reißt dem Esel mit der Zeit den Schwanz heraus. Du mußt einen andern Stein suchen, Drachenzahn, und den Strick daranbinden. Wenn du damit fertig bist, bin ich wieder zurück.“

Glück ging in der Richtung auf die Wohnjurte fort; aber genausogut konnte er zum Wagen gegangen sein, um etwas zu holen.

„Vielleicht ist dieser Stein richtig?“ fragte Christian lauter, als nötig war.

„Er darf nicht rund sein“, widersprach Tschin, „sonst hält der Strick nicht.“

„Aha“, sagte Christian und machte Großer-Tiger ein Zeichen, „wir müssen einen passenden Stein suchen.“ Er nahm die Laterne und ging ein gutes Stück seitab dem Karawanenweg entgegen. Dabei sagte er zwei- oder dreimal: „Es ist nicht leicht, nachts einen passenden Eselstein zu finden.“ Hin und wieder hob er einen auf, von dem er wußte, daß Tschin sagen würde, er tauge nicht; ein andermal tat Großer-Tiger das 172gleiche; und als Tschin selber einen Stein fand, der ihm angemessen vorkam, waren ein paar Minuten vergangen. Dann vergingen noch ein paar, bis der Strick festgemacht war, und jetzt kehrten sie zu dem Platz zurück, wo der Esel sich so weit beruhigt hatte, daß er den Schwanz hob und losschrie.

Glück trat aus dem Dunkel: „Habt ihr einen passenden Stein gefunden?“

„Wir haben einen Stein von richtiger Größe und von gutem Gewicht“, sagte Großer-Tiger; „der Strick ist auch schon dran.“

Glück nahm den Esel am Halfter und kraulte ihn zwischen den Ohren. Dann sprach er mit ihm und klopfte ihm den Hals. Der unzugängliche Esel probierte wieder nach hinten auszuschlagen, aber Glück stand dicht an seiner Seite, erwischte den Schwanz und band den Stein fest. Der Esel schaute betrübt nach seinem Hinterteil, stellte sich breit auf alle viere und schüttelte sich.

„Jetzt wollen wir schlafen gehen“, sagte Glück.

Tschin beeilte sich, in die Jurte zurückzukehren. Unterdessen gingen Großer-Tiger und Christian zum Wagen, und Glück half ihnen die Schlafsäcke holen und die Decken.

„Habt ihr was erfahren?“ fragte er.

„Wir haben etwas erfahren“, sagte Christian eifrig.

„Aber“, mischte sich Großer-Tiger ein, „wir wissen erst die Hälfte. Wir müssen Tschin noch einmal fragen, damit er uns die andere Hälfte sagt. Es muß“, flüsterte Großer-Tiger wichtig, „ein Telegramm sein. Wenn ich ihm einen Silberbatzen gebe, hat Tschin gesagt, will er mich den Blitzbrief sehen lassen.“

Glück langte in die Tasche. „Da“, sagte er, „hast du den Silberbatzen. Merke dir gut, was in dem Blitzbrief steht, und auch, an wen er gerichtet ist.“

„Das weiß ich schon“, sagte Großer-Tiger schlau, „der Mann heißt Li-Yüan-Pei, und er wohnt in Hami.“

„Aha!“ sagte Glück, dabei setzte er sich einen Augenblick auf den Schlafsack von Christian und schnaufte ein bißchen.

„Hat es was zu bedeuten?“ erkundigte sich Großer-Tiger.

„Ach“, seufzte Glück, „nicht gerade viel, und eigentlich dachte ich es mir, denn es ist ganz in der Ordnung. Nur, verstehst du, ich habe es satt, mich mit diesen Gaunern herumzuschlagen.“

„Ist dieser Li so einer wie Grünmantel?“ fragte Christian.

„So ähnlich, nur ein wenig feiner“, erklärte Glück, „und ein bißchen geriebener.“

„Hat der befehlende Herr auch etwas erfahren?“ fragte Großer-Tiger geradeheraus.

173

„Ich habe zwei Augenblicke lang zugehört. Es scheint, daß Grünmantel die Niederlassung in Küh-Wasser aufgeben will.“

„Tschin wird sich freuen“, meinte Christian.

„Davon dürft ihr ihm nichts sagen; er erfährt es noch früh genug.“

„Warum“, bohrte Großer-Tiger weiter, „will Grünmantel das Geschäft hier nicht mehr betreiben?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Glück, „vielleicht wird ihm der Boden zu heiß. Es muß einer dagewesen sein und nach ihm gefragt haben.“

„Wir werden das herauskriegen“, versprach Christian.

Großer-Tiger nahm den Schlafsack unter den Arm, und Christian nahm den andern, auf dem Glück gesessen hatte. Sie gingen die wenigen Schritte bis zur Jurte schweigend.

„Da seid ihr ja!“, rief Onkel Tschen; „ich fürchtete schon, ihr wä … wärt verlorengegangen.“

„Wir haben die schattige Kraft des Mondes bewundert“, sagte Großer-Tiger, „er ist im Zunehmen.“

„Wir haben unser Bettzeug mitgebracht“, sagte Christian.

„Das hat noch Zeit“, rief Onkel Tschen, und er nahm die Messingkanne aus der Glut. Glück trank einen Becher, aber er schüttelte sich und machte brr! Man stehe nicht gut auf einem Bein, belehrte ihn Onkel Tschen; doch Glück erwiderte, es sei jetzt nicht die richtige Zeit, um Dreimännerwein zu trinken.

„Glück hat recht“, sagte Grünmantel und nahm Onkel Tschen die Kanne weg.

„Ganz wie der ehrenwerte Herr denkt“, sagte Onkel Tschen ergeben. „Die Mäßigung erlangt den Himmelsweg. Es war auch nur wegen der Gesundheit.“

Dann verteilte er die Liegeplätze, und Grünmantel erhielt den besten Platz und die meisten Decken und Kissen. Christian und Großer-Tiger krochen in ihre Schlafsäcke; aber sie nahmen Tschin zwischen sich, um vor dem Einschlafen noch dies und das mit ihm zu reden.

„Was habt ihr da zu wispern?“ fragte Grünmantel streng.

„Ich habe gefragt, was ein Drachenzahn ist“, entschuldigte sich Christian, „weil ich noch nie einen gesehen habe.“

Onkel Tschen lachte. Er war nur ein ganz klein wenig betrunken und gut gelaunt. „Wir haben“, sagte er, „keinen Drachenzahn als den, der neben euch liegt und schwatzt. Ha! ha! Drachenzähne sind hierherum selten geworden. Es gibt nur minderwertige Stücke. Ei ja! Es ist ein Elend.“

„Sei endlich still!“ knurrte Grünmantel; „wie soll man bei deinem Geschwätz schlafen?“

Die letzte Glut erlosch, und als alles finster war, griff Großer-Tiger 174heimlich nach der Hand von Tschin, legte den Silberbatzen hinein und flüsterte ihm ins Ohr, er solle noch eine Stunde wach bleiben, und wenn alle schliefen, möchte er mit ihm zwei Worte reden.

„Gut“, flüsterte Tschin, und er begann regelmäßig und kräftig zu atmen wie ein müder Schläfer. Er brauchte nicht einmal eine Stunde zu warten, denn Glück schlief gleich ein, Onkel Tschen ebenfalls, und als Grünmantel zu schnarchen anfing, war keine Gefahr mehr, daß ein leises Wort gehört würde.

„Ihr zieht von Küh-Wasser weg“, begann Großer-Tiger, „freust du dich?“

„Ich freue mich“, sagte Tschin und gluckste vergnügt; „woher weißt du das schon wieder?“

„Wir wissen eben alles“, flüsterte Christian, „aber ihr müßt leiser reden.“

„Wir reden wie die alten Könige inmitten der Erde“, sagte Großer-Tiger.

„Keine Angst“, flüsterte Tschin, „Onkel Tschen schläft wie ein Drache auf dem Berg Muruktschich.“

„Warum zieht ihr von Küh-Wasser fort?“ fragte Großer-Tiger.

„Grünmantel will sein Geschäft in die Provinz Kansu verlegen“, sagte Tschin; „er wollte es schon lange, aber als er hörte, daß der Mann mit dem Gewehr nach ihm gefragt habe, war er plötzlich entschlossen, alles abzubrechen. Sobald ich den Blitzbrief besorgt habe, holen wir sechzehn Kamele, die uns der Mongole Pandiriktschi schuldet, und dann ziehen wir nach Sutschou. Das ist eine Stadt, die zwischen Lantschou und dem Ort liegt, von dem in dem Blitzbrief die Rede ist.“

„Hsing-Hsing-Hsia“, sagte Christian.

„Ja“, flüsterte Tschin, „so heißt das Nest. Dort ist die Seidenstraße. Grünmantel sagt, es gebe dort ein besseres Geschäft, nicht bloß mit Wolle und mit Drachenknochen.“

„Vielleicht“, sagte Großer-Tiger nachlässig, „will er mit Wagen fahren, die von selber gehen; auf der Seidenstraße kann man das.“

„Onkel Tschen meint auch, daß es ginge“, sagte Tschin eifrig; „ich wäre froh, wenn es so wäre, da dürfte ich auch einmal mitfahren.“

„Es geht bestimmt“, versicherte Christian; „ich möchte bloß wissen, warum Grünmantel sich nicht Schong-Ma nennt, wenn er schon so heißt. Ich finde Grünmantel albern.“

„Manche Leute“, erklärte Tschin, „haben zwei Namen. Wenn einer nicht mehr taugt, nimmt man den andern. Vielleicht ist Schong-Ma abgebraucht.“

„Es wird wohl so sein“, meinte Großer-Tiger schläfrig.

„Gehört der Silberbatzen mir?“ fragte Tschin aufgeregt.

175

„Er gehört dir“, sagte Großer-Tiger.

„Weshalb schenkst du ihn mir?“ wollte Tschin wissen; „ich kann dir nichts dafür geben.“

„Aus Freundschaft und zur Überraschung“, sagte Großer-Tiger; „am Ende hast du bald Geburtstag.“

„Ich weiß nicht, wann mein Geburtstag ist“, erwiderte Tschin.

„Um so besser, dann ist er heute.“

„Ich glaube“, sagte Tschin, „er muß wohl heute sein — so ein schöner Freudentag ist heute. Ich habe noch nie einen ähnlichen erlebt.“ Tschin schluckte vor übergroßem Glück, und er wurde sogar rot; aber das sah man nicht, weil es in der Jurte dunkel war.

„So ein schöner Freudentag ist heute“, murmelte Tschin noch einmal beglückt, und dann schlief er ein.

Sechsundzwanzigstes Kapitel
von der Begegnung mit Mateh und dem
Karawanenführer

Glück war ein überzeugter Frühaufsteher. Daher kam es, daß alle schon beim Tee saßen, während es noch dunkel und kalt war.

Onkel Tschen, der andere Gewohnheiten hatte, hielt die Hände über das Feuer. Obwohl er auch im Rücken fror, machte er ein liebenswürdiges Gesicht und sagte feierlich: „Ich wünsche den Herren Wohlergehen!“

Und er blickte prüfend auf Tschin, der einen gelblichen Teig aus geröstetem Gerstenmehl knetete und Butter und Tee dazutat. Der Teig wurde dick und löste sich, ohne daß etwas hängenblieb, von der Schüssel.

„So muß er sein“, verkündete Glück. „Man kann den Brei essen, wie er ist, oder auch mit Tee verdünnen. Und man kann ihn“, fuhr Glück fort, „anständig oder unanständig essen, ganz nach Belieben.“

„Ist das eine mongolische Speise?“ fragte Christian.

„Diesmal nicht“, engegnete Glück, „es ist eine tibetische Speise, und sie heißt Tsamba. Eßt nur! Tsamba ist das richtige Futter für alte Karawanenmänner.“

Christian und Großer-Tiger stocherten anfangs ungeschickt mit den Eßstäbchen in dem Brei herum, aber dann entschlossen sie sich, es so zu machen wie Tschin, der die Schale an den Mund setzte und mit den Stäbchen den Brei hineinschob.

Wenn das die Ama sähe, dachte Christian; aber er kam nicht dazu, sich ihre tadelnden Worte über schlechtes Benehmen bei Tisch auszumalen, denn Glück sagte unerschrocken:

176

„Es ist das beste, man läßt Tsamba in sich hineinlaufen.“

Dieser einfachen Erklärung folgten alle, und Christian und Großer-Tiger taten es auch, denn Tsamba schmeckte süß.

„Ich gab euch“, sagte Onkel Tschen gönnerhaft, „von der allerbesten Sorte, mit etwas Zucker drin. Ein Luxus ohnegleichen, sage ich, die reinste Schlemmerei!“

Mehr wurde nicht gesprochen, und es war auch nicht möglich, denn bei deiser Art des Essens wäre eine Unterhaltung hinderlich gewesen.

Nachher zündete Glück die Laterne an, und Onkel Tschen ging voraus zu der Vorratsjurte, hinter der der Esel sich niedergelegt hatte.

„Alter Schreihals“, sagte Onkel Tschen, „du wirst mich nicht mehr lange stören.“

Grünmantel stieß Onkel Tschen in die Seite: „Halte den Mund!“

„Ich meinte ja nur“, entschuldigte sich Onkel Tschen; „man wird ihm nächstens zwei Steine anhängen — ja, das wollte ich sagen.“

Am östlichen Himmelsrand wurde es hell, ein Stern nach dem andern erblaßte, und man konnte schon gut erkennen, wie schwarz die Felsen von Muruktschich und wie hell die Hügel waren, und auch, daß es einen schönen Tag gebe.

Darüber wurde Glück fröhlich, und er rief: „Der Himmel ist uns wohlgesinnt. Geht auf eure Plätze, ihr Männer, das Licht will aus der Erde steigen.“

Christian langte geschwind in den Sack und gab Tschin eine Handvoll Honigbrotwürfel; dann machte Glück tüt, tüt, tüt! Der Motor sprang sofort an. Tschen und Tschin verneigten sich, und so standen sie lange am Rand der Karawanenstraße. Erst als die Jurten von Küh-Wasser kleiner wurden, sah man Onkel Tschen in die Jurte gehen und Tschin davonhüpfen.

„Jetzt wird er dem Esel den Stein abnehmen“, sagte Großer-Tiger.

„Und dann wird er den Blitzbrief besorgen“, sagte Christian bekümmert.

„Ei ja, es ist ein Elend“, seufzte Großer-Tiger niedergeschlagen.

Christian steckte den Kopf in den Pelzmantel und dachte betrübt nach, wie schwierig manche Sachen waren. Warum hatte ihn Großer-Tiger gestern abend nicht ausreden lassen, und warum hatte er Glück schon wieder angelogen und gesagt, er wisse erst die Hälfte des Blitzbriefes? Christian verstand nicht, weshalb Großer-Tiger so viele Lügen losließ.

Großer-Tiger dachte auch nach. Dann sagte er: „Du mußt dein Herz weit machen, Kwi-Schan!“

„Ich höre, Großer-Tiger“, sagte Christian.

„Du und ich“, begann Großer-Tiger, „wir beide wissen viel, aber wir dürfen niemand ein Stückchen davon erzählen.“

177

„Ganz besonders Grünmantel nicht“, sagte Christian.

„Nein, ganz besonders Glück nicht“, widersprach Großer-Tiger.

„Wieso?“ fragte Christian, und er überlegte, weshalb gerade Glück nichts wissen dürfe.

„Den Mund aufmachen ist gefährlich“, erklärte Großer-Tiger, „den Mund geschlossen halten ist gefahrlos. Glück darf niemals erfahren, daß wir von seinem Handel mit Grünmantel etwas wissen.“

„Aha!“ sagte Christian; „und warum niemals?“

„Weil Glück sein Gesicht verlieren würde. Das darf nicht sein, und darum müssen wir es so einrichten, daß er immer als Ehrenmann dasteht. So erhalten wir ihn uns als Freund. Ich habe deshalb …, verstehst du?“

„Jetzt verstehe ich“, sagte Christian.

„Wer einmal lügt, muß vielmal lügen“, sagte Großer-Tiger traurig. „Wundere dich nicht, Kwi-Schan, wenn du mich Lügen loslassen hörst.“

„Ich werde mich nicht mehr wundern“, versprach Christian.

„Wir dürfen zu Glück nichts von dem Benzin und nichts von Hsing-Hsing-Hsia sagen. Darum muß ich jetzt nachdenken, was ich ihm erzähle, sobald er mich fragt: Was stand in dem Blitzbrief geschrieben?“

„Ich werde auch nachdenken“, sagte Christian; „am Ende fällt mir etwas ein, und du mußt nicht allein Lügen loslassen.“

Er kroch tiefer in den Pelzmantel, zog die Fellmütze über die Ohren, und Großer-Tiger machte es ihm nach. Sie schauten nach den rosa Wölkchen im Osten; aber die Wölkchen waren bleich geworden und dünn, und als die Sonne feierlich in den reinen Himmel schwebte, lösten sie sich vollends auf.

Eine Stunde später hörte der Graswuchs auf. Es gab immer mehr Steine, und es gab einen flachen Bergrücken, der von Norden her seine Ausläufer in das Tal schob wie eine ausgebreitete Hand die Finger. Der erste Ausläufer verhieß einen bequemen Aufstieg, und man sah die Karawanenstraße den sanften Hang hinaufziehen. Trotzdem verließ Glück hier den Weg und bog auf einer wenig einladenden Geröllhalde nach Süden ab. Der Wagen wackelte eine Zeitlang über grobes Gestein, bis er eine breit ausladende Senke erreichte, die aber nur den Anstieg zu einem zweiten Schutthang vorbereitete.

So wechselte es einige Male, bis sich ein Tal öffnete, in dem der scharfe Einschnitt eines Wasserlaufs die Eintönigkeit unterbrach. Drei bis vier Meter hohe rote Lößbastionen säumten das Flußbett und ließen die Gewalt des Wassers ahnen, das sich hier Bahn gebrochen hatte. Allein das Bett war mit Steinen gefüllt statt mit Wasser, und erst als das Tal sich weitete, sah man Schilfwiesen und hie und da einen Tümpel. Der Bergrücken im Norden sprang in einem wie vom Zirkel gezogenen 178Halbkreis zurück und verflachte dann. Aus dem Halkbreis kam die Karawanenstraße durch eine Felsenschlucht in die Niederung, und es war leicht, einzusehen, weshalb Glück sie verlassen hatte. Am Rand der Schilfwiesen stand eine Jurte, Schafe weideten am Berghang, und aus dem Schilf tauchten die Köpfe von einigen Kamelen auf. Es mochte kurz vor Mittag sein, als Glück bei der Jurte haltmachte.

„Aussteigen!“ rief er, „wir sind im Schnell-Schwarzwasser-Tal, und wahrscheinlich ist dies die letzte Jurte, die wir zu sehen kriegen, bevor wir den Edsin-Gol erreichen.“

„Bolna!“ sagte Christian und schlüpfte aus dem Pelzmantel.

„Ist dir was eingefallen?“ flüsterte Großer-Tiger.

„Ich weiß, was man sagen muß; bitte laß mich reden, wenn Glück uns fragt.“

„Hast du auch alles bedacht?“ fragte Großer-Tiger ängstlich; „es muß eine gute Lüge sein.“

„Es ist eine sehr gute Lüge, weil sie ganz einfach ist“, entgegnete Christian zuversichtlich.

Beide stiegen vom Wagen. Ein alter Mann stand da und begrüßte sie wie langerwartete Freunde. Seine Frau verscheuchte zwei zähnefletschende Hunde, die groß und wild waren, wie Hunde sein müssen, die den Wolf ohne Geheiß angreifen. Sie waren braun und weiß und hatten dicke Halskrausen wie junge Löwen.

Nach der Begrüßung, die Christian und Großer-Tiger beinahe ohne Stocken zuwege brachten, bat sie der alte Mann, in die Jurte zu treten. Statt mit dem Teppich war der Eingang mit einer kleinen zweiflügligen Tür versehen, die offenstand und bescheidenen Wohlstand verkündete. Glück und Grünmantel gingen hinein, dann kamen Großer-Tiger und Christian, und zum Schluß folgte der Hausherr. Als sie schön der Rangordnung nach auf den Plätzen saßen, kam auch die Frau, schürte das Feuer und setzte frisches Teewasser auf. Christian und Großer-Tiger betrachteten die Jurte; sie war anders und bei weitem herrlicher als das arme Zelt Sertschi's oder die verräucherte Filzjurte Onkel Tschen's.

„Hier möchte ich bleiben“, flüsterte Christian.

„In diesem werten Palast wohnt das Glück“, sagte Großer-Tiger leise.

Die Filzwände waren neu und weiß und an den Rändern blau eingefaßt. Sie schimmerten durch das schwarze Gitterwerk, an dem neben der Tür ein Brett hing. Auf dem Brett standen der Reihe nach blanke Kupferkannen. Der Boden war mit Teppichen belegt, und auf den Teppichen lagen rote Sitzkissen, von denen es einen ganzen Stapel gab. Im Hintergrund war eine geschnitzte Truhe ehrwürdigen Alters, auf der ein gemusterter blauer Haddak lag. Zwei brennende Butterlämpchen standen darauf, hinter denen mehrere zwischen Brettchen gepreßte und 179in Seide gebundene Bücher lagen. An erhöhter Stelle thronte ein Buddha aus Bronze mit den großen Ohren der vollkommenen Weisheit. Es roch unaufdringlich nach Weihrauch und stillem Glück.

Nachdem eine Weile ausgiebig geschwiegen worden war, begann der alte Mongole zu reden. Er sprach mit tiefer Stimme, ohne sie zu heben oder zu senken, und er wandte sich an Christian: „Bist du schon lange im Mongolenland?“ fragte er.

Glück mußte einspringen: „Der armselige Ausländer“, sagte er, „kennt das Grasland erst seit vier Tagen.“

„Ich bedaure ihn aufrichtig“, erwiderte der Alte.

„Wie traurig muß es sein“, sagte die Frau, „nicht als Mongole geboren zu sein!“

„Gewiß“, bestätigte der Alte, „es ist ein Unglück; aber welch ein Glück für ihn, daß er den Weg zu uns gefunden hat!“

Als der Tee fertig war, gab es Hirse und frischen Rahmkäse, und der Alte nahm das Gespräch wieder auf. „Ich heiße Mateh“, sagte er, „und ich komme in jedem Jahr, wenn der Winter vorüber ist, in das Schnell-Schwarzwasser-Tal. Seit vier Tagen bin ich hier. Das Wasser ist gut, die Kamele und die Schafe finden genug zu fressen; mehr brauche ich nicht.“

„Wie ist es mit dem Wolf?“ fragte Glück; „ich sehe, deine Schafe weiden am Berghang, und es ist niemand bei ihnen.“

„Der Wolf kommt selten hierher, weil es keine Antilopen gibt. Auch die Hasen sind rar, und die großen Wildschafe leben in den Bergen. Sie haben Hörner, die der Wolf nicht liebt, und sie sind flink wie der Vier-nicht-gleich.“

„Vier-nicht-gleich?“ fragte Grünmantel lebhaft. Er hatte das seltsame Wort verstanden, denn es gehörte zu den wenigen, wie Wolle, Mehl und Salz, die er sich angeeignet hatte. „Was ist mit dem Vier-nicht-gleich?“

„Der Vier-nicht-gleich“, erklärte Mateh, „war ein Hirsch; aber er war doch kein Hirsch, obwohl er ein Geweih trug. Er hatte Füße wie ein Rind. Haare wie ein Maultier und den Schwanz eines Esels. Darum nannte man ihn den Vier-nicht-gleich, und er lebte in den Wäldern des Nordens, wo die Mongolei zu Ende geht. Ich habe ihn nie gesehen; aber vor sieben Jahren besuchte mich ein weitgereister Mann, der alles kannte, was es auf der Welt gibt. Er hatte den Vier-nicht-gleich gesehen, und er sagte, es sei ein schreckliches Vieh mit traurigen Augen.“

„Es ahnte wohl, daß es aussterben würde“, meinte Glück, und er übersetzte den Bericht Matehs ins Chinesische. Da kam Christian eine Erleuchtung, und er rief: „Der weitgereiste Mann war Nicht-gibt-es-nicht.“

Christian merkte zwar gleich, daß er etwas Verkehrtes gesagt hatte, 180allein es war zu spät. Er hatte die Warnung Großer-Tigers vergessen, daß es gefährlich sei, den Mund zu öffnen.

„Nicht-gibt-es-nicht?“ rief der alte Mateh — „mein Kind, was weißt du von diesem würdigen Mann?“

„Woher kennst du ihn?“ fragte Glück.

„Wahrscheinlich ist es wieder ein befreundeter Fürst“, sagte Grünmantel spöttisch.

„Wir haben diesen Namen gehört“, erklärte Großer-Tiger schnell, „weil sein Träger ein berühmter Mann war, von dem man in allen Zeiten spricht. Er soll im Schnell-Schwarzwasser-Tal gestorben sein. Dies haben wir vernommen, und mehr wissen wir nicht.“

Mateh hatte aufmerksam zugehört. „Es ist, wie du sagst“, rief er, „und man muß des Mannes Nicht-gibt-es-nicht mit Ehrfurcht gedenken.“

Für einige Augenblicke war es ganz still. Man hörte das Feuer knistern. Draußen tappten die Kamele durch das nahe Schilffeld, und einer der beiden Hunde begann zu knurren.

„Eijen-Tschin!“ sagte die Frau Mateh's leise, und darauf wurde es womöglich noch stiller. Man hörte ein feines, fernes Läuten, und jedesmal, wenn es etwas näher klang, knurrten die Hunde lauter.

„Eine Handelskarawane“, sagte Grünmantel und machte Anstalten, aufzustehen.

Sofort erhob sich Mateh und war mit seiner Frau zur Tür hinaus, bevor Grünmantel recht auf den Beinen war.

„Ist das deine ganze Höflichkeit?“ fragte Glück zornig; aber Grünmantel machte sein hochmütiges Gesicht, gab keine Antwort und ging.

„Da ist keine Hilfe“, seufzte Glück, „man muß die Ungebildeten mit Geduld ertragen.“

„Wohin will er denn?“ fragte Christian.

„Er ist ein neugieriges Stück Mensch“, sagte Glück verächtlich, „und er schämt sich nicht, seine Unbeherrschtheit zu zeigen. Hört ihr die Glocken? Es sind zwei — nein“, verbesserte Glück, „es sind drei. Also ist es eine große Karawane. Sie kommt die Schlucht herab, und Grünmantel will wissen, wer es ist und woher sie kommen, was sie geladen haben und wohin sie gehen.“

„Nimm den Daschior mit!“ hörte man draußen Mateh sagen, und Grünmantel knurrte: „Weiß schon“ und: „Freilich, freilich!“ Dann ging er fort. Mateh rief die Hunde, die ihm nachstürzen wollten, und dann kam er mit seiner Frau zurück.

„Ist dein würdiger Begleiter ein Handelsmann?“ fragte Mateh.

„Er betreibt dieses heruntergekommene Gewerbe“, bestätigte Glück.

„Die Handelsleute“, sagte die Hausfrau entschuldigend, „müssen dem 181Kleinen nachjagen, damit sie das Große erlangen.“ Sie füllte drei Schalen mit Milch, und Mateh holte aus der Truhe drei weiße Haddaks. Dann bot er kniend seinen Gästen nacheinander Milch und Haddak.

„Zuviel der Ehre“, sagte Glück.

„Wir sind unwürdig“, sagten Großer-Tiger und Christian. Sie tranken ein klein bißchen von der Milch und schauten zu, wie Glück den Haddak zur Stirn hob und dann in den Gürtel steckte. Da machten sie es ebenso, und Glück sagte: „Wir verdienen nicht geehrt zu werden, wir sind kümmerliche Reisende.“

Das ließ Mateh nicht gelten. Sie seien bereits sehr enge Freunde, behauptete er und sprach in gewählten Redewendungen, die Glück nicht alle verstand, von dem Glanz, den sie in seine Jurte brächten. „Wer meinen teuren Freund Nicht-gibt-es-nicht kennt“, rief Mateh, „steht nah an meinem Herzen.“

„Das bist du“, sagte Glück, und er gab Christian einen Schubs.

„Ich kenne ihn aber nicht“, versicherte Christian unglücklich; „Nicht-gibt-es-nicht ist schon lange tot.“

„Wir bitten den befehlenden Herrn Glück“, sagte Großer-Tiger, „unsere Bedrängnis nicht zu verraten. Es wäre nämlich nicht gut, wenn Grünmantel erführe, daß wir mit dem Sohn und dem Sohnessohn des Mannes Nicht-gibt-es-nicht befreundet sind. Der eine heißt Dogolon, der andere heißt Bator.“

„Aha!“ knurrte Glück, „ihr scheint feine Bekannte zu haben; von diesem Dogolon habe ich schon gehört.“

„Er ist aber kein schlechter Mensch!“ rief Christian.

Glück zog die Augenbrauen hoch. Er warf einen prüfenden Blick auf Großer-Tiger und Christian, sagte aber weiter nichts, sondern begann Mateh auseinanderzusetzen, daß Dogolon ein Sohn von Nicht-gibt-es-nicht und Bator ein Sohn von Dogolon sei.

„Ich weiß es“, erwiderte Mateh arglos. „Wie geht es Dogolon, und wohnt er noch am Weißen-Stein?“

„Vor drei Tagen ist er weggezogen“, sagte Glück ärgerlich.

„Er wandert zum Edsin-Gol“, erklärte Großer-Tiger, „dort wohnt der Mann Naidang, der auch ein Großvater von Bator ist. Christian und ich wollen ihn besuchen, wenn wir ihn finden.“

„Die Vergangenheit“, sprach Mateh, „dringt empor wie das Holz aus der Erde.“

„Habt ihr zwei Augenblicke Zeit?“

„Wir haben sie“, sagte Glück mürrisch; aber dann besann er sich und fügte höflich hinzu: „Wir haben einen ganzen Sack davon.“ Dabei lächelte er zutunlich, denn er wollte seine Unhöflichkeit schnell vergessen machen.

182

„Vor sieben Jahren“, begann Mateh, „kam Nicht-gibt-es-nicht zu uns. Es war zeitig im Frühjahr, und die Nächte waren kalt. Nicht-gibt-es-nicht kam spät am Abend, und nachdem wir uns kennengelernt hatten, gingen wir zur Ruhe. Am nächsten Morgen wollte er weiterreiten, doch wir baten ihn, zu bleiben, und da blieb er, und wir erfuhren von allem, was es in der Welt gibt. Wir hatten gemeinsame Bekannte, von denen wir reden konnten, und als es wieder Abend wurde, kam das Gespräch auf Jolleros-Lama.“

„Wir haben den Gegen in Weißer-Stein gesehen“, sagte Christian.

„Er ist wie Vater und Mutter“, sagte Großer-Tiger.

„Er ist gütig zu Mensch und Tier“, bekräftigte Mateh. „Von ihm hatte Nicht-gibt-es-nicht ein Blatt des heiligen Baumes in Kumbum, das sollte er im Schnell-Schwarzwasser-Tal in den Wind werfen. Es ging aber kein Wind. Am Abend des vierten Tages zog Nicht-gibt-es-nicht ein schmales Buch aus dem Gürtel, darin lag das Blatt, und viele Seiten des Buches waren beschrieben. ‚Ich bin ein schlechter, neugieriger Mensch‘, sagte Nicht-gibt-es-nicht, ‚kannst du lesen?‘ ‚Diese Kunst verstehe ich nicht‘, sagte ich. ‚Aber du hast viele Bücher‘, erwiderte er, ‚wie kommt es, daß du sie bewahrst?‘ ‚Sie gehören meinem erstgeborenen Sohn, er ist ein Lama im Kloster Orte-Golen-Sum.‘“

„Dort waren wir auch“, sagte Glück, „wir sind aber vorbeigefahren.“

„Das ist schade“, rief Mateh, „in Orte-Golen-Sum ist die Blüte der weisen Männer von Ordos und Sunit.“

„Der Sunit-Wang war dort“, bemerkte Großer-Tiger, „und sein alter Vatter war auch zu Besuch. Er ist sehr klug.“

„Der alte Vetter ist ein vollkommener Weiser“, sagte Mateh. „Bei ihm war Nicht-gibt-es-nicht auch gewesen, und der gelehrte Mann schrieb ihm mancherlei in das schmale Buch, damit Naidang es lesen sollte, sobald Nicht-gibt-es-nicht zum Edsin-Gol käme. Allein des Himmels Beschluß wollte es anders. In der vierten Nacht, als ich schlief, weckte mich Nicht-gibt-es-nicht. Ein Sturm war aufgekommen und brauste durch das Schnell-Schwarzwasser-Tal. ‚Ich möchte das Gebot des heiligen Mannes erfüllen‘, sprach Nicht-gibt-es-nicht, ‚und ich bitte dich, mein Zeuge zu sein.‘ Wir traten vor das Zelt, wo die Hunde im Windschatten lagen. Sie hoben die Köpfe, und der Himmel war schwarz bis auf ein Stückchen trüben Mondes. Nicht-gibt-es-nicht griff in den Gürtel, nahm das schmale Buch heraus und warf das Blatt des heiligen Mannes in den Wind. Es flog davon, und mit ihm flog ein Blatt des dünnen Reispapiers fort, aus dem das Buch gemacht war. Ich griff danach, aber es war längst in die rauschende Nacht gewirbelt. ‚Hamma guä!‘ rief Nicht-gibt-es-nicht, ‚man soll Geschriebenem nicht nachlaufen.‘ Wir gingen ins Zelt zurück, und ich schlief, bis ich erwachte. Nicht-gibt-es-nicht 183 aber wachte nicht auf; er war schon ganz tot, als ich ihn wecken wollte, so geschwind war er gestorben. Wir waren traurig, und als wir um ihn geweint hatten, ließen wir einen Lama kommen, der den Platz für Nicht-gibt-es-nicht in den Bergen bestimmte.“

„Liegt er weit von hier begraben?“ fragte Christian.

„Wir möchten seinem Grabe den Fußfall kindlicher Verehrung erweisen“, sagte Großer-Tiger.

Glück schüttelte den Kopf. „Das geht nicht“, erklärte er, „weil es kein Grab gibt.“

Mateh, der zugehört und verstanden hatte, wovon die Rede war, sagte: „Wir Mongolen begraben die Toten nicht. Wir legen sie weit weg auf einen Platz, den uns der Lama zeigt, und dann warten wir drei Tage und beten, daß die irrende Seele im Jenseits wohl aufgenommen werde. Der Körper dient den Wölfen und den Adlern zur Speise. Von Nicht-gibt-es-nicht gab es nur noch die Knochen, als wir am dritten Tag seine Stätte besuchten. Er war ein guter Mensch, sonst wäre mehr übriggeblieben.“

„Und dann?“ fragte Christian.

„Was tut man dann?“ fragte Großer-Tiger entsetzt.

„Man tut nichts“, sagte Mateh, „man läßt die Knochen liegen, wo sie sind.“

„Aber die Angehörigen?“ fragte Großer-Tiger.

„Ich sandte ihnen Nachricht“, antwortete Mateh, „und ich gab dem Boten das Kamel mit und was Nicht-gibt-es-nicht sonst noch besessen hatte. Allein der Bote brachte alles wieder, weil Dogolon es mir schenken wollte. So bekam ich die Kamelstute, die Nicht-gibt-es-nicht geritten hatte, und sie wurde die Stammutter unserer kleinen Herde. Das Glück kehrte bei uns ein. Wir verloren seither kein Schaf durch den Wolf, und wenn wir im Winter nach anderen Weideplätzen ziehen, so kehren wir doch in jedem Frühjahr ins Schnell-Schwarzwasser-Tal zurück.“

„Ihr tut gut daran“, sagte Glück, „sonst hätten wir euch nicht getroffen, und wir wären ohne deine Belehrung geblieben.“

Nach diesen höflichen Worten trank Glück die Milch aus, und damit war das Zeichen zum Aufbruch gegeben.

„Entschuldige“, bat Mateh, „wenn ich dich mit einer Bitte belästige.“

„Von einer Belästigung kann nicht gesprochen werden“, sagte Glück.

„Ich möchte“, sprach Mateh, „daß der junge Herr das Buch zum Edsin-Gol mitnimmt, damit Naidang die zwei Worte des alten Vetters erfahre. Vielleicht braucht Naidang diese Nachricht dringend.“

„Keine Befürchtung“, tröstete Glück, „im Grasland wird eine Botschaft nicht alt.“

Da nahm Mateh das schmale Buch von der Truhe, und Christian ergriff184 es ehrerbietig mit beiden Händen. „Wir werden Grüße von Euch bestellen“, sagte er.

„Halt einmal“, rief Glück, „wo wohnt dieser Naidang ungefähr?“

„Man hat mir gesagt, er wohne am Närin-Gol“, sagte Mateh, „mehr weiß ich nicht.“

„Wir werden Naidang finden“, versicherte Glück; „iich weiß, wo der Närin-Gol fließt. Mögest du in Frieden wohnen.“

Dann warf Glück den Motor an, und Christian und Großer-Tiger wunderten sich, daß er ohne Grünmantel abfahren wollte.

„Keine Angst“, sagte Glück, „wir treffen ihn unterwegs, er wird nicht weit sein. Steigt vorne ein. Nachher könnt ihr die Plätze wieder wechseln.“

Glück fuhr; aber er fuhr ganz langsam, obwohl es genug ebenen Boden gab. Als man schon die Karawanenstraße sah und wahrscheinlich das Geläut der Kamelglocken gehört haben würde, wenn der Motor keinen solchen Lärm gemacht hätte, sagte Glück: „Wie ist das mit dem Blitzbrief? Habt ihr ihn zu sehen gekriegt?“

„Wir haben ihn gesehen“, sagte Großer-Tiger.

„Wir haben ihn auch gelesen“, sagte Christian.

„Was stand denn darin?“ fragte Glück.

„Es waren keine sehr schwierigen Worte“, sagte Großer-Tiger.

„Von vorne angefangen“, setzte ihm Christian auseinander, „hießen sie: ‚Nicht mehr Küh-Wasser, sondern Sutschou. Grünmantel.‘“

„Ist das alles?“ fragte Glück enttäuscht; „und stand da kein anderer Name?“

„Nein“, sagte Christian, „da stand nichts weiter, nur Grünmantel.“

„Hat Grünmantel denn zwei Namen?“ forschte Großer-Tiger.

„Das nicht“, erwiderte Glück, „ich dachte nur, versteht ihr, es ist etwas wenig, nur sechs Worte.“

„Sie bedeuten, daß Onkel Tschen nach Sutschou zieht“, erklärte Christian stolz, „das haben wir herausgekriegt.“

„Nicht gerade viel“, brummte Glück und begann geschwinder zu fahren.

„Wo liegt Sutschou, befehlender Herr?“ fragte Großer-Tiger.

„An der Seidenstraße“, gab Glück zurück; „aber ihr habt ja ein Landbild, da könnt ihr nachsehen.“

Christian wollte höflich erwidern, daß sie es ganz gewiß tun würden, aber da senkte sich auf einmal der Wagen, denn Glück durchquerte das Flußbett des Schnell-Schwarzwasser-Tals. Christian und Großer-Tiger mußten sich festhalten, damit sie nicht mit dem Kopf gegen die Scheibe schlugen, und nachher fielen sie gegen die Rückwand, weil der Wagen an der andern Seite steil hinauffuhr. Glück mußte einige Male schalten.

185

„Das ging gerade noch“, sagte er, als sie oben anlangten.

Vor sich sahen sie die Karawane, und das letzte Kamel trug eine große Glocke aus Kupferblech mit einem Holzklöppel darin, der bei jedem Schritt schwermütig anschlug. Hinterdrein ging ein Mann, der ein Pferd am Zügel führte, und neben ihm ging Grünmantel, mit dem er sich unterhielt. Als die beiden den Lastwagen kommen sahen, blieb Grünmantel stehen, und sein Begleiter sprang eilends in den Sattel. Er ritt, mit beiden Armen fuchtelnd, dem Wagen entgegen und machte schon von ferne Zeichen, daß Glück halten solle.

„Na, na!“ brummte Glück und fuhr noch ein Stückchen; „aufgeregtes Volk!“ Dann zog er die Bremse an.

Der Mann auf dem Pferd war ganz außer Atem. „Hörst du denn nicht“, schrie er erbost, „und siehst du nicht …?“

„Ich höre“, sagte Glück ruhig, „und sehe, daß du ein Rüpel bist. Mit Recht heißt es, man soll sich nicht mit solchen Menschen unterhalten.“

„Exzellenz“, rief der Mann und sprang vom Pferd, „ich bitte um Vergebung und Gnade.“

„Unter diesen Umständen“, sagte Glück, „werde ich hören, was du willst. Aber mach es kurz!“

„Ich bitte, mich nicht zugrunde zu richten“, bat der Mann. „Unsere Kamele gehen mit schweren Lasten, aber sie werden erschrecken und alles abwerfen und davonrennen, wenn sie den Wagen Eurer Exzellenz aus der Nähe sehen und sein Gebrüll hören. Darum bitte ich, einen kleinen Umweg zu machen und uns in Frieden ziehen zu lassen.“

„Meine Augen“, behauptete Glück, „sind matt, und meine Ohren sind schwach geworden von deinem Geplärr. Hast du ein Mittel gegen diese Krankheit?“

„Wir haben verschiedene Mittel“, sagte der Mann kleinlaut.

„So bring ein Säckchen mit zwanzig Pfund Reis, aber gut gewogen!“

„Es wird sofort geschehen“, rief der Mann erleichtert und sprengte davon.

Glück folgte langsam mit dem Wagen. Als er bei Grünmantel anlangte, hielt er an.

„Du hast einen langen Fußmarsch hinter dir“, sagte Glück; „hast du dich gut unterhalten?“

„Das habe ich getan“, antwortete Grünmantel, „und es ist richtig, wenn man sagt, man solle sich nur mit seinesgleichen einlassen.“

„Meinst du den Flegel mit dem Pferd?“ fragte Glück freundlich.

„Er ist der Führer dieser großen Karawane, und er ist ein tugendreicher Herr. Wie kannst du ihn einen Flegel nennen?“

„Hat er dir ein Gastgeschenk dagelassen?“ fragte Glück.

186

„Es ist nicht üblich, sich unterwegs Geschenke zu machen“, sagte Grünmantel streng.

„Damit ist es vorbei“, belehrte ihn Glück; „du wirst gleich sehen, was heutzutage üblich ist.“ Und er setzte sich neben Grünmantel an den Rand des Kamelpfades.

Christian und Großer-Tiger stiegen auch aus. Als sie den Reiter wieder kommen sahen, kletterten sie flink auf den Wagen, und dann hörten sie, wie er das Pferd parierte und wie er sagte:

„Ich bin in großer Eile, damit ich Euch, Verehrtester, noch einmal sehe, bevor Ihr uns überholt. Bitte nehmt meine geringe Gabe.“

„Du kannst sie auf den Wagen legen“, sagte Glück gnädig.

Christian und Großer-Tiger machten sich bereit, dem Mann zu helfen. Er wollte den Sack über den Wagenrand heben, aber sein Pferd war unruhig und schreckte vor dem laufenden Motor zurück. Endlich brachte er es nahe genug, und Christian faßte den Sack an einem Ende und Großer-Tiger am andern. Sie sagten: „Zehntausendfachen Dank!“ Doch das nützte wenig; der Mann war zornig, seine Augen funkelten haßerfüllt, er knirschte: „Kleine Halunken!“ zwischen den Zähnen und gab seinem Pferd einen Hieb mit dem Daschior. Dann galoppierte er davon.

Glück zwinkerte vergnügt und klopfte Grünmantel auf die Schulter. „Merkst du jetzt“, fragte er ihn, „was üblich ist, wenn man sich unterwegs begegnet?“

„Alter Hung-Hu-Tse!“ knurrte Grünmantel, und dann wollte er sich hinter das Steuer setzen.

„Daraus wird nichts“, rief Glück, „von hier bis Durben-Mot ist die Strecke viel zu schwierig für Anfänger.“

Grünmantel lächelte gezwungen.

„Entschuldige“, sagte er, „ich bin ganz deiner Meinung.“ Glück fuhr zuerst ein Stück geradeaus, und weil es auf beiden Seiten des Kamelpfads gleichmäßig viel Platz gab, entschloß er sich, nach links auszubiegen. Zu seiner Ehre muß gesagt werden, daß Glück einen großen und weiten Bogen um die Karawane machte, so daß er keines der Kamele auch nur ein bißchen erschrecken konnte. Weil sie so weit weg war, konnte man die ganze Karawane vom Kopf bis zum Schwanz überblicken. Sicher waren es mehr als dreihundert Kamele, und Christian versuchte sie zu zählen; aber sobald er dreiundzwanzig oder vierundzwanzig sagte, wurde er unsicher und fing von vorne an.

„Du mußt die Treiber zählen“, riet Großer-Tiger.

„Es sind fünfundzwanzig mit dem, der vorausgeht“, meldete Christian.

„Dann“, sagte Großer-Tiger und machte eine Pause, „dann — sind es dreihundertfünfundzwanzig Kamele oder einige mehr.“

187

Christian staunte; doch da die meisten Chinesenjungen gut rechnen können, ließ er sich nichts anmerken und fragte nachlässig:

„Wieso?“

„Das kommt“, setzte ihm Großer-Tiger auseinander, „von der Zahl dreizehn. Man bindet meistens dreizehn oder höchstens fünfzehn Kamele mit dem Nasenstrick hintereinander, und zu ihnen gehört ein Mann, der sie führt. Man braucht also nur fünfundzwanzig Männer mal dreizehn zu rechnen, und dann weiß man, wieviele Kamele es sind.“

„Ach so!“ sagte Christian; „aber der mit dem Pferd?“

„Das ist der Karawanenführer, den rechnet man nicht mit, und hoffentlich begegnen wir ihm nie mehr. Er hatte einen gewaltigen Zorn auf uns.“

„Wir hätten nicht ‚Zehntausendfachen Dank‘ sagen sollen; das nahm er übel.“

„Wir hätten“, erklärte Großer-Tiger, „beim Sack-auf-den-Wagen-Legen nicht helfen dürfen. Jetzt hält er uns für angehende Rotbärte. Hast du seine Augen gesehen?“

„Sie waren wie feurige Kohlen.“

„Und seine Haare“, sagte Großer-Tiger, „sträubten sich so sehr, daß sie den Hut vom Kopf hoben.“

„Laß ihn“, tröstete Christian, „er ist weit weg.“

Sie schauten noch einmal auf die Karawane, die wie ein zappelnder Tausendfüßler zurückblieb. Dann fuhr Glück wieder auf den Kamelpfad, und es dauerte nicht lange, da begann die glatte Hochfläche holprig zu werden. Es gab unendlich viele niedrige Kuppen, zwischen denen sich der Pfad durchwand, und mehrmals stand der Wagen schief, wenn die Fahrbahn nicht breit genug war. Am Fuß der kleinen Erhebungen lagen Sandwehen, die das Vorwärtskommen noch schwerer machten. Glück atmete auf, als das Gelände anstieg und das Gewirr der Hügelchen verließ.

In einem Kessel, in den der Weg unmerklich führte, gab es einen Brunnen, und rund um die Wasserstelle war genug Lagerplatz selbst für große Karawanen. Aber die Sicht war plötzlich nach allen Seiten verstellt. Man sah zwar den Weg, der scharf nach Norden bog, allein das war auch alles. Er verschwand bald hinter Felsbrocken, tauchte in Einschnitten wieder auf und tat, als ob er in diesem Tumult der einzig gangbare Pfad wäre.

Glück verachtete ihn. Er fuhr entschlossen auf einen Abhang zu, der beim Näherkommen nicht so steil war, wie er glauben machte. Trotzdem bedurfte es der hohen Fahrkunst Glücks, um nach einer beschwerlichen Stunde zum Fuß eines Bergzuges zu gelangen, der nach Westen führte. Der Süden lag offen da.

188

„Sand!“ rief Christian bestürzt; „wo kommt der viele Sand auf einmal her?“

Er langte das „Südliche-Blatt“ aus der Mappe und griff nach dem Vergrößerungsglas. Da bemerkte er die feinen, dicht beisammenliegenden Pünktchen, die an einen namenlosen Höhenzug grenzten. Nicht allzu weit davon war ein blauer Halbkreis angegeben, der „Brunnen“ bedeutete, und nebendran stand: Durben-Mot.

„Jetzt sind wir in der ganz richtigen Wüste“, sagte Christian beklommen.

„Das Sandmeer ist nur für die Furchtsamen schrecklich“, bemerkte Großer-Tiger; aber es klang nicht sehr mutig. „Man muß sich wundern …“

„ … wie Glück sich hier auskennt“, vollendete Christian den angefangenen Satz.

Großer-Tiger nickte, und dann schauten beide auf die langen Wellen der Dünen, die gegen den Hang brandeten. Der Sand blendete die Augen. Es war erst später Nachmittag, und Glück fuhr drauflos, als gälte es das Leben. Dabei mußte er gut obachtgeben, denn der Wagen lag immer ein klein wenig schief gegen die Berglehne, wenn es auch nicht viel ausmachte.

Später trat der Sand etwas zurück, die Dünen verflachten, und dann gab es zum Schluß eine breite Rennbahn, die geradewegs auf eine zerfetzte Baumgruppe führte. Das war Durben-Mot, der Ort der „Vier Bäume“, und der Brunnen, der dazugehörte, war auch da.

Glück fuhr jetzt langsamer, denn es kam, das wußte er im voraus, ein kiesgefülltes Becken, an dessen Rand er haltmachte und den dampfenden Motor abstellte.

„Schluß für heute“, sagte Glück.

„Es ist niemand da“, bemerkte Grünmantel, als er ausstieg, „wo soll ich heute nacht schlafen? Du hättest ein Zelt mitnehmen sollen.“

„Komischer junger Mann“, sagte Glück und ließ Grünmantel stehen. Das war eine große Beleidigung, und Glück lachte auch noch dazu. Dann begann er zu arbeiten. Er goß Wasser nach, und als das geschehen war, deckte er die Motorhaube sorgfältig zu. Christian und Großer-Tiger halfen dabei.

„Ihr müßt frisches Wasser holen“, sagte Glück, „gleich neben den Bäumen ist das Brunnenloch. Nehmt einen Strick mit, hier gibt es keine Kette und keine Schöpfstange.“

Die Bäume waren alte und sturmgebeugte Schwarzpappeln. Drei lagen am Boden, und nur eine hielt sich mühsam aufrecht. Man konnte nicht begreifen, wie sie zwischen Kies und Sand und ein klein wenig Erde Wurzel gefaßt hatten und Bäume geworden waren und wie die 189Stämme es machten, immer wieder zu treiben, auch wenn die Wipfel am Boden lagen und im angewehten Sand verdarben.

Die Pappeln wuchsen auf der andern Seite des Kiesbeckens, wo es schmal wurde und wo der feste Boden wieder begann. Einen Steinwurf entfernt wälzten sich die Dünen vom Süden her dem Hang entgegen. Aus dem Norden kam der Geröllstrom. Er stieg aus dem breiten Bett allmählich und dann plötzlich steil bis zur halben Bergwand empor. Dort verschwand er in einer Felsenschlucht, aus der der Karawanenweg in Serpentinen zu Tal zog.

Glück kam ihnen über das Kiesfeld nachgelaufen und brachte eine Schaufel mit. „Halt einmal!“ rief er von weitem, „so geht das nicht. Erst muß man sauber machen.“

Der Brunnen war mit ein paar Brettern zugedeckt, von denen Glück vorsichtig den Sand entfernte, und dann schaufelte er rundherum den Kies beiseite.

„Wenn das jeder täte“, erklärte er, „gäbe es nicht so viele verschüttete Brunnen.“

Als Glück die Bretter abhob, sah man den Wasserspiegel kaum drei Meter unter dem Brunnenrand glänzen. Das Wasser war so klar, daß jedes Steinchen am Grund deutlich wurde; aber als Christian den Kübel hinabließ, legte sich der Kübel quer und füllte sich kaum zur Hälfte. Da mußte Christian mehrmals schöpfen, bis ein Eimer voll wurde.

„Die meisten Karawanen“, sagte Glück, „gehen eine Wegstunde weiter. Da gibt es einen zweiten Brunnen, der haufenweise Wasser hat, aber das Wasser ist sodahaltig, und man kriegt Bauchweh davon.“

„Da wollen wir lieber hierbleiben“, sagte Christian.

„Wo wird Grünmantel schlafen?“ fragte Großer-Tiger boshaft; „er sagte, er brauche ein Zelt.“

„Wir haben kein Zelt“, sagte Glück, „und darum brauchen wir auch keins. Seht euch einmal um … Na, gibt es etwas Besseres?“

„Es ist ein ausgezeichneter Platz“, bemerkte Christian zuvorkommend.

„Ich habe selten einen Platz gesehen, der so vortrefflich war wie dieser“, bestätigte Großer-Tiger.

„Ich meine zum Lagern“, sagte Glück; „es ist alles da.“

„Ach so“, sagte Christian, „natürlich zum Lagern.“ Er blickte umher, aber er sah nicht, was Glück meinte, und deshalb nahm er die Wassereimer in die Hand.

„Laß sie stehen“, befahl Glück, „wir bleiben auf diesem Ufer. — Der Wagen“, fuhr er fort, „muß heute weiter weg sein als sonst, weil wir Holz zum Feuern haben. Deshalb brauchen wir auch kein Zelt, es wäre rein überflüssig. Aber das begreift Grünmantel nicht. Wie sollte er auch? Hat sich immer herumgetrieben, wo es fein herging, mit Zelt und so, 190und dabei immer hübsch am Rand der Wüste, immer auf dem Sprung. So ein Feigling ist das. Und faul ist der Kerl“, sagte Glück, „sitzt da drüben wie an die Wand gemalt. Man könnte die Lust zur Arbeit verlieren. Pfui!“ Und Glück spuckte aus.

„Soll ich Grünmantel fortschaffen?“ erkundigte sich Christian und trat Großer-Tiger zufällig auf den Fuß.

„Vielleicht für eine halbe Stunde?“ fragte Großer-Tiger.

Glück lachte. „So was“, sagte er, „bringt ihr nicht fertig.“

„Wir sind zu allem imstand“, erklärte Christian bereitwillig.

„Wir nehmen die schwierigsten Aufträge entgegen“, behauptete Großer-Tiger; „ich bitte den befehlenden Herrn, Wünsche auszusprechen.“

„Dann“, sagte Glück belustigt, „probiert, ob ihr ihn für eine halbe Stunde fortschaffen könnt, oder so lange, bis der Reis gargekocht ist.“

„Kompaß-Berg wird diese Sache übernehmen“, sagte Großer-Tiger.

„Bolna“, sagte Christian und nahm die beiden Wassereimer.

„Was willst du tun?“ fragte Großer-Tiger leise.

„Du wirst schon sehen“, sagte Christian.

„Wenn der Wind nicht weht“, gab Großer-Tiger zu bedenken, „bewegen sich die Bäume nicht.“

„Darüber habe ich nachgedacht“, sagte Christian, und er ging, als wolle er sich die Gegend ein bißchen betrachten, über das Geröllfeld der Schlucht entgegen.

Großer-Tiger schaute ihm nach, und Grünmantel, der das Rollen der Kiesel und das Poltern der Steine hörte, schaute auch. Als Großer-Tiger das Eisengestell zum Feuermachen vom Wagen holte und hernach den Kochtopf sauber machte, gab es plötzlich ein Geschrei. Es war weit weg, aber man konnte die Worte noch verstehen.

„Hallo!“ schrie Christian, „man muß sich wundern!“

„Was gibt es?“ rief Großer-Tiger zurück.

„Du wirst es mir nicht glauben, aber später werde ich es dir zeigen!“

„Was willst du mir zeigen?“

„Silberbatzen! Hier liegen welche herum! Es ist merkwürdig, und ich komme erst, wenn das Essen fertig ist!“

„Ich werde dich rufen.“

„Du mußt aber laut rufen“, schrie Christian, „ich gehe noch ein Stück bergauf!“

„Ich werde auf die Hupe drücken! Hörst du das?“

Großer-Tiger lief ins Führerhaus, und als er tüt, tüt machte, stand Grünmantel langsam auf. „Du machst einen unerträglichen Lärm“, tadelte er, „das gehört sich nicht.“

Da machte Großer-Tiger noch einmal tüt, tüt, und Grünmantel hielt sich die Ohren zu und sagte: „Ich kann dieses Geplärr nicht ausstehen.“

191

Er ging oftmals rutschend, aber doch mit Würde über das Kiesbecken auf die Geröllhalde zu. Oben stand Christian und winkte ihm aufgeregt. Er lief ihm auch ein Stück entgegen.

„Herr Grünmantel!“ sagte Christian, „ich bitte um Aufklärung, aus welchem Jahr der Regierung ist dieser Silberbatzen?“

„Er ist aus dem dritten Jahr der Regierung Yüan-Schi-Kais“, erklärte Grünmantel, „damals haben sie das beste Silber geprägt.“

„Das habe ich auch schon gehört“, sagte Christian; „jetzt machen sie kein gutes Silber mehr, sie tun zuviel Kupfer hinein, diese Fälscher.“

„Woher hast du den Batzen?“ fragte Grünmantel.

„Er lag zwei Schritte neben der Karawanenstraße, da wo es in die Schlucht geht. Wir sollten ein bißchen suchen“, schlug Christian vor, „es könnte sein, hier ging einer und hatte ein Loch in der Tasche.“

„Schon recht“, sagte Grünmantel, und dann stiegen beide bis zu dem Eingang der Schlucht und schauten nach links und nach rechts und überallhin.

„Hier ist nichts“, sagte Grünmantel.

„Christian blieb einige Schritte zurück, langte in die Tasche und nahm drei Silberstücke heraus. Dann bückte er sich flink, und sogleich rief er: „Hier liegen drei auf einem Haufen!“

Er zeigte sie Grünmantel, der sauersüß lächelte und „Meinen Glückwunsch zu unverhofftem Reichtum“ murmelte.

Dann ging Christian voran in die Schlucht, wo die Abendschatten der Felsen über den Weg fielen und das Suchen nach Silberstücken erschwerten.

„Man muß sich nur bücken“, riet Christian, „dann sieht man noch ganz gut.“

Grünmantel bückte sich, und ganz gewiß hätte er einen Silberbatzen gefunden, wenn einer dagelegen wäre. Aber es gab keinen. Erst mußte Christian ein Stückchen vorausgehen. Er hatte die Silberstücke wieder in die Tasche gesteckt bis auf eines, das er in der Hand behielt. Als er um die nächste Wegkehre bog und Grünmantel ihn nicht mehr sehen konnte, lief er flink bergauf.

„Du solltest“, rief Grünmantel von unten, „nicht so weit vorauslaufen! Du könntest stürzen und die Knochen brechen!“

„Daran habe ich nicht gedacht“, rief Christian zurück. Er legte geschwind einen Batzen seitlich des Wegs in den lockeren Kies, aber so, daß man ihn finden mußte. Dann ging er zurück und traf in der Spitzkehre mit Grünmantel zusammen.

„Ich glaube, weiter oben gibt es nichts mehr“, sagte Christian; „wenn Ihr erlaubt, setze ich mich hierher und ruhe mich ein wenig aus.“

„Schon recht“, brummte Grünmantel, „ich werde mir noch etwas 192Bewegung machen; man wird ganz steif von dem Immer-auf-dem-Kutschbock-Sitzen.“

Er ging suchend weiter, und Christian beobachtete verstohlen, wie er sich hastig bückte und etwas aufhob. Da schaute Christian ins Tal, wo der Wagen stand und die sinkende Sonne über den Dünen glänzte. Alles, was es da unten gab, war in der Schärfe des späten Lichts und der zunehmenden Schatten deutlicher als am Tag. Die Geröllhalde ergoß sich wie ein Strom in das steinerne Becken, das überfloß und für ein kurzes Stück zwei Ufer bildete. Auf dem einen stand der Wagen, auf dem andern Ufer waren die Bäume, und dort sah Christian einen blauen Rauch steil in den Himmel steigen. Die langen Sonnenstrahlen beleuchteten zwei Gestalten, die neben dem Feuer hockten.

Das waren Glück und Großer-Tiger. Sie unterhielten sich ausgezeichnet über die beste Art der Reiszubereitung, und nebenher erzählte Großer-Tiger verschiedenes.

„Ich habe einmal“, begann Großer-Tiger und kramte umständlich in der Hosentasche, „etwas gefunden. Es sieht aus wie eine Patrone; aber ich weiß nicht, wem sie gehört.“

„Zeig her“, sagte Glück.

Großer-Tiger gab sie ihm und bemerkte dabei, daß die Patrone ein sehr kleines Flintenkind sei und deshalb vielleicht in die Pistole des befehlenden Herrn passe. Er solle nur probieren, dann habe er einen Schuß mehr, falls es zu einem Feuergefecht käme.

Da nahm Glück die Pistole aus der Ledertasche, und als er den Ladestreifen aus dem Kolben springen ließ, war das Magazin leer, und Glück schaute. Er riß den zweiten Ladestreifen aus der Reservetasche, aber auch da gab es keine Patrone mehr.

„Ha!“ schrie Glück, und dann noch einmal: „Ha!“ und dann auf einmal: „Halunken! Jawohl, es gibt Halunken, die haben mich bestohlen! Meine Patronen sind fort!“

„Man weiß nicht“, sagte Großer-Tiger gelassen, „wer das getan hat, aber Grünmantel hat welche in der Hosentasche — es ist eine ganze Menge.“

„Ich werde ihn totschießen!“ schrie Glück und stieß die Patrone in den Lauf; „ganz gewiß werde ich das tun! Es gibt keinen größeren Gauner als dieses übelriechende Stück Mensch, und mich wundert nur, daß der Kerl hier herumgeht und lebt. Himmel und Erde sind grenzenlos, aber dem Menschen ist ein Ziel gesetzt. Hier ist ein guter Ort und sehr geeignet dafür.“

„Vielleicht wartet der befehlende Herr ein bißchen damit“, sagte Großer-Tiger.

„Wozu warten?“ rief Glück; „wenn du wüßtest, was ich weiß, würdest 193du nicht von Warten reden. Ich kenne meine Patronen, und diese ist eine davon. Jetzt habe ich sie in die Pistole geladen, und wenn Grünmantel kommt, wird er sich wundern, wie schnell das Totschießen geht!“

„Die Klugheit verbietet den Zorn“, wandte Großer-Tiger ein.

„Das ist ein Spruch deines Großvaters“, höhnte Glück.

„Mein Großvater sagt, man bekommt keine jungen Tiger, wenn man die alten Tiger vorzeitig umbringt. Am Ende würde uns Grünmantel nützlich sein; man kann das nie wissen.“

Damit schwieg Großer-Tiger; Glück war auch still, und jeder hatte seine eigenen Gedanken. Großer-Tiger merkte, daß Glück an das viele Geld dachte, das er von Grünmantel gern gehabt hätte. Plötzlich rief er: „Der Reis brennt an!“

Glück sprang entsetzt auf. „Das Holzfeuer ist zu stark!“ jammerte er; „ei ja, daß mir so etwas passieren muß! Ich habe es gewußt. Die Eile steckt voller Fehler. Ich werde mein Gesicht verlieren. Was wird Grünmantel sagen, wenn er den angebrannten Reis schmeckt!“

„Er wird gar nichts sagen“, wandte Großer-Tiger ein, „er wird als Leiche hier herumliegen.“

Glück zog die Stirne kraus; er wollte sprechen, aber es ging nicht. Die Sonne schwebte feuerrot über dem Sandmeer, und alle Schatten wurden tief und violett.

„Der befehlende Herr“, gab Großer-Tiger zu bedenken, „hat jetzt eine Patrone. Damit kann er Grünmantel totschießen, sobald es pressiert. Grünmantel aber weiß nichts davon und denkt, es kann ihm nichts geschehen. Darum wird er vorlaut und unbedacht sein, und der Herr Glück hat den Vorteil. Ich denke, das ist klar wie der Sand auf dem Grund des Wassers.“

„Du hast“, sagte Glück zögernd, „einen guten Gedanken. Ich werde also zwei Augenblicke mit der großen Amtshandlung warten.“

„Wird sich der befehlende Herr auch nichts anmerken lassen?“

„Ich werde mir nichts anmerken lassen.“

„Dann werden Kompaß-Berg und ich versuchen, Grünmantel bei Gelegenheit die übrigen Patronen heimlich wegzunehmen.“

„Was wollt ihr? Wie wollt ihr?“ rief Glück kopfschüttelnd; aber er unterbrach seine Rede. „Ich glaube“, sagte Glück, „daß ihr mit der Zeit richtige Teufelsbraten werdet.“

„Wir nehmen sehr schwierige Aufträge entgegen“, versicherte Großer-Tiger. „Ist der Reis gar?“

„Er ist fertig“, seufzte Glück, „man kann ihn essen; aber er schmeckt nicht sehr gut.“

„Wir essen Angebranntes mit Vorliebe“, sagte Großer-Tiger und ging zum Wagen. Dort setzte er sich auf den Führersitz hinter das 194Steuer und drückte viermal auf die Hupe, wie Glück es machte: Tüt — tüt — tüt — tüt.

Christian hörte es; aber Grünmantel war alle sechs Serpentinen bis zur Höhe hinaufgekrochen, und darum hörte er es nicht.

„Tschö-Fan — Essen! essen!“ rief Christian laut; doch er bekam keine Antwort.

Vielleicht hat Grünmantel „Schon recht!“ geknurrt, dachte Christian, und weil er nicht sehr besorgt um ihn war, hüpfte er fröhlich von Stein zu Stein und in großen Sprüngen über die Geröllhalde ins Tal.

„Es gibt Reis!“ rief ihm Großer-Tiger entgegen und lachte vergnügt. Da wußte Christian, daß ihre Sache um zwei Zehntel besser stand als eine halbe Stunde vorher.

Siebenundzwanzigstes Kapitel
mit der unheimlichen Geschichte vom „Uralten Herrn“
und von der Krankheit Grünmantels

„Recht so!“ knurrte Grünmantel, der durch die Dunkelheit gestolpert kam, „ich wünsche gute Verdauung. Es ist nicht weiter schlimm, ich esse auch kaltes Essen.“

„Vergebung“, sagte Großer-Tiger, „ich habe viermal gehupt.“

„Ich rief sehr laut: ‚Essen! essen!‘“ sagte Christian.

„Setz dich“, bat Glück friedlich, „wir haben ein schönes Feuer. Meinen Glückwunsch übrigens zu unerwarteten Reichtümern. Hast du viele Silberbatzen gefunden?“

„Ich habe keine gesucht“, erwiderte Grünmantel mit Würde, „also habe ich auch keine gefunden. Ich machte mir etwas Bewegung, das ist alles.“

„Lang zu“, sagte Glück, „du wirst Hunger haben.“

„Der Reis ist angebrannt“, bemerkte Grünmantel und legte die Eßstäbchen weg.

„Ich werde nie darüber hinwegkommen“, jammerte Großer-Tiger, „es ist meine Schuld; ich habe das Feuer zu groß werden lassen. Bitte, mäßigt Euern gerechten Zorn.“

„Freilich, freilich“, murmelte Grünmantel, und er verzog sein Gesicht zu einem nachsichtigen Lächeln.

„Kommt, Männer“, sagte Glück, „wir wollen für das Nachtlager sorgen.“ Er stand auf und ging mit Christian und Großer-Tiger zu einer der Pappeln, die durch Hitze und Kälte geborsten war und im Sturz die Hauptäste verloren hatte. Glück packte das dicke Ende, an die Nebenäste stellte er Großer-Tiger und Christian. „Holz anfassen! eins, zwei!“ 195rief Glück und: „Holz anfassen! drei, vier!“ Bei „zweiundzwanzig“ waren die Äste endlich frei von Sand, und dann schleiften sie einen nach dem andern zu der Kochstelle.

Dann machte er sich daran, die großen Äste zu zerhacken. Von den dicksten Stücken machte er ordentliche Scheiter, und Großer-Tiger sägte überall die Gabelungen durch. So gab es einen ansehnlichen Holzstoß, und Glück zündete ihn an.

„Willst du einen Ochsen braten?“ fragte Grünmantel, „oder willst du Räubern den Weg zu uns weisen?“

„Ich habe keine Schätze zu verlieren“, entgegnete Glück.

„Wegen Räubern ist keine Befürchtung vorhanden“, sagte Großer-Tiger waghalsig, „der befehlende Herr hat eine Pistole mit vielen Patronen, da kann uns nichts passieren.“

Grünmantel verzog die Mundwinkel geringschätzig und sagte, er kenne das, und im richtigen Augenblick würde so ein Ding doch nicht losgehen.

„Du irrst“, erwiderte Glück scharf, „auch ein ungeladenes Gewehr kann losgehen!“ Und er griff nach der Pistolentasche.

Großer-Tiger wurde himmelangst; er fiel Glück in den Arm: „Nicht schießen!“ rief er, „bitte, nicht schießen! Ich kann Schießen nicht ertragen!“

„Ich auch nicht!“ rief Christian und hing sich von der andern Seite an Glück.

„Na, na“, brummte Glück besänftigt, „ich habe nicht gewußt, daß ihr so schreckhaft seid.“

„Wir haben sehr empfindliche Nerven“, sagte Großer-Tiger.

„Puh!“ rief Grünmantel und stand auf, „diese Hitze hält niemand aus. Weshalb verbrennst du unnütz einen solchen Haufen Holz?“

„Zu deiner Bequemlichkeit“, erwiderte Glück, setzte sich abseits und sah zu, wie die Flammen rauschend in die Nacht schlugen. Als das Feuer zusammensank und die glühenden Reste am Boden waberten, holte Glück eine Schaufel und begann die Glut auf ein großes Viereck auszubreiten. Dann warf er drei Finger hoch Sand darauf und strich ihn glatt. Da war es auf einmal dunkel. Der Mond, auf den keiner groß geachtet hatte, war ein schöner Halbmond geworden, der kalt über dem schweigenden Sandmeer stand und die Felsen von Durben-Mot mit silbernen Kanten zierte.

„Der Kang ist geheizt“, rief Glück, „ich wünsche ruhigen Schlaf.“

„Soll ich mich“, fragte Grünmantel patzig, „in den Sand legen, damit mich die Flöhe beißen?“

„Deine Rede kümmert mich nicht“, antwortete Glück, nahm den Mantel, legte sich auf den warmen Sand und deckte sich zu. — 196„Kommt!“ forderte er Großer-Tiger und Christian auf, „holt eure Schlafsäcke und legt euch neben mich. Wir werden heute nacht nicht frieren.“

„Dieses ist eine wunderbare Erfindung“, sagte Christian, als er sich neben Glück ausstreckte und die Wärme von unten spürte, „wir werden schlafen wie Fürst Tschao.“

„Wie war es mit dem?“ fragte Glück.

„Weiter nichts“, erwiderte Großer-Tiger, „als daß man in der Schule ein Gedicht auswendig lernen muß, und Kwi-Schan kann es auch, weil ich es ihm vorgesagt habe.“

„Sage mir das Gedicht“, bat Glück, „damit ich es auch lerne.“

Da sagte Großer-Tiger das Gedicht vom Prinzen Tschao auf, der unter dem Pflaumenbaum schlief, und Glück sagte, das Gedicht gefalle ihm und Großer-Tiger solle es morgen und übermorgen und überhaupt so lange wiederholen, bis er es auch könne.

„Unfug“, sagte Grünmantel düster. Er war nun doch gekommen, hatte sich neben Großer-Tiger auf die warme Sandunterlage gebettet und mit seinem grünen Mantel zugedeckt. „Gedichte“, erklärte Grünmantel, „sind zu nichts nütz, also taugen sie auch nicht. Wozu soll das gut sein, wenn einer sagt: ‚Regen fällt herab‘ oder ‚Winterchen Schnee schneit‘, und man weiß ohnehin, daß der Schnee schneit und daß der Regen fällt.“

„Ein Gedicht reimt sich“, entgegnete Christian, „darum ist es schön.“

„Man kann es singen“, sagte Glück, „das macht es aus.“

„Wenn ein Gedicht geschrieben ist“, sagte Großer-Tiger, „kann man es betrachten, und dann ist es wie ein Bild und manchmal schöner.“

„Ach was!“ brummte Grünmantel, „sage mir lieber, bis wohin wir morgen fahren.“

„Das hängt“, sagte Glück, „von dem Sandmeer ab. Man weiß nie, wohin es wandert und wo es einen Durchlaß gibt. Vielleicht kommen wir bis Abder, vielleicht erreichen wir Yingen-Ossu, vielleicht fahren wir nur bis zum ‚Einsamen Baum‘, oder wir bleiben irgendwo stecken und kommen gar nirgends hin.“

„Du hast viele Vielleicht in deinem Vorrat“, sagte Grünmantel mürrisch, drehte sich um und begann zu schnarchen.

„Abder!“ flüsterte Christian, „ist das der Kasten-Berg?“

„Sch!“ machte Glück, „daß du mir nicht davon sprichst! Der Kasten-Berg ist ein gefährlicher Berg, und er ist nicht mehr weit von hier.“

„Ich weiß es“, sagte Christian, „werden wir ihn sehen?“

„Wir fahren ganz nah an ihm vorüber, wenn …“

„Wenn die Speichen nicht von den Rädern fallen“, sagte Großer-Tiger trocken.

197

„Sch!“ warnte Glück; „ich bin nicht abergläubisch, aber man kann nie wissen. Gute Nacht!“

„Wir wünschen Ruhe und Behaglichkeit“, sagten Großer-Tiger und Christian, und dann wurde es still.

Die Nacht wanderte über das Himmelsgewölbe. Mit jedem ihrer lautlosen Schritte häufte sie den Trost der Einsamkeit so gewaltig, daß er sich in Furcht gewandelt hätte, wenn Christian und Großer-Tiger nicht so müde gewesen wären. Kein Nachtvogel schrie, und kein Wolf schlich. Es war einsamer als auf Robinsons Insel. Glück wälzte eine Zeitlang häßliche Rachegedanken, aber dann sagte er sich zwei- oder dreimal das Trostwort „Es gibt keine Hilfe“ vor. Da schlief er ein und wachte nicht eher auf, als bis ihn der kalte Anhauch des Morgens weckte. Sofort stand Glück auf. Er nickte dem Morgenstern vertraulich zu und machte sich an die Arbeit, das Feuer wieder in Gang zu bringen. Dann holte er frisches Wasser, und als die Flamme loderte und der Tee kleine Blasen warf und Glück gerade: „Erhebt euch, ihr Männer, die Nacht weicht!“ rufen wollte, sah er im Schein des Feuers auf dem schlafenden Grünmantel eine kleine graue Schlange. Sie lag friedlich zusammengerollt auf dem Oberschenkel, und nur wenn Grünmantel sich ein wenig rührte, hob sie den Kopf, wiegte ihn hin und her und züngelte.

„Recht so!“ dachte Glück rachsüchtig; aber dann fiel ihm ein, daß neben Grünmantel Großer-Tiger lag und daß Großer-Tiger bei einer jähen Bewegung so gut gebissen werden konnte wie Grünmantel.

Ich habe vergessen, eine Feuerzange mitzunehmen, und nicht einmal Lederhandschuhe habe ich, dachte Glück. Aber dann kam ihm bei, daß es eilig wäre, denn jeden Augenblick konnte einer der Schläfer aufwachen. Es wurde Glück heiß und kalt vor Ratlosigkeit, und schon wollte er die Pistole ziehen und einen Schuß versuchen, als ihm eine großartige Idee kam. Eilends lief er zum Wagen und holte den Daschior. Als er damit zurückkam, näherte er sich behutsam Schritt für Schritt dem schlafenden Grünmantel, und endlich stand er neben ihm. Die kleine graue Schlange lag ruhig. Da nahm Glück den Bambusprügel verkehrt in beide Hände, holte tief Luft, hob ihn hoch, zielte, und dann tat er mit Genuß einen entsetzlichen Hieb. Der Kopf der Schlange wurde zermalmt und das Rückgrat mehrere Male gebrochen. Sie war sofort tot. Dafür erwachte Grünmantel mit einem furchtbaren Schrei. Christian fuhr empor, und Großer-Tiger kroch eilends aus dem Schlafsack.

„Was gibt's?“ fragte Christian.

„Hilfe! Mörder!“ schrie Grünmantel gellend und versuchte sich aufzurichten. Aber er ließ sich mit dumpfem Brüllen wieder fallen.

„Ist eine plötzliche Beschädigung eingetreten?“ fragte Großer-Tiger sachlich.

198

„Er schlägt mir die Knochen entzwei!“ schrie Grünmantel.

„Ich habe ihm das Leben gerettet“, sagte Glück, nahm die leblose Schlange auf den Daschior und warf sie Grünmantel vor die Nase. „Da“, rief er, „deine zweite Lebenshälfte hing an einem Zwirn.“

„Eine Sandviper!“ rief Christian.

„Wer von ihr gebissen wird, stirbt sehr geschwind“, erklärte Großer-Tiger.

„Es gab keinen Ausweg“, behauptete Glück, „ein tüchtiger Hieb mußte in guter Absicht geführt werden.“

„Man nennt das die Arbeit des unerwarteten Erfolgs“, sagte Großer-Tiger weise.

Aber Grünmantel ließ sich nicht überzeugen. Er wimmerte in einem fort.

„Laß sehen“, bat Glück gutmütig, und er begann Grünmantel die Hose herunterzuziehen.

„Die Haut ist geplatzt“, tröstete Glück, „aber das Bluten wird aufhören, sobald die Geschwulst zunimmt. Es geht dir also vortrefflich, und du solltest das Geschrei beenden. Komm, der Tee ist fertig.“

Grünmantel setzte sich stöhnend aufrecht. Er rutschte die paar Schritte bis zum Feuer und ließ sich wieder fallen.

„Du hast mich zuschandengeschlagen“, sagte er mit schwacher Stimme; „aber warte nur, es gibt einen Tag des Fischens und eine Stunde des Netztrocknens!“

„Ist das dein Dank für Hilfe in großer Not?“ fragte Glück empört. „Du solltest ‚Zehntausendfachen Dank‘ sagen, oder: ‚Bleibe glücklich wie bisher.‘ Auch ein kleiner Fußfall der Verehrung wäre nicht übel.“

„Schweig!“ schrie Grünmantel, „du hättest diese Blindschleiche mit der Schaufel entfernen können, das weiß jedes Kind.“

„Es war eine giftige Viper, verehrter Herr“, sagte Christian.

„Sie war durch die Wärme aus dem Winterschlaf erwacht“, setzte ihm Großer-Tiger auseinander, „da sind die Schlangen besonders giftig, und man muß sie totschlagen.“

Grünmantel hielt sich die Ohren zu. „Ich war gesund“, rief er, „und jetzt habe ich eine schwere Krankheit. Das ist es, was dazu zu bemerken ist.“

Er trank den heißen Tee, aber Hirse wollte er keine haben. Da lief Christian zum Wagen und holte Honigbrotwürfel.

„Schon recht“, ächzte Grünmantel mit einem bösen Blick auf Glück, und er aß viele Honigbrotwürfel. „Ich kann heute nicht im Wagen sitzen“, sagte er, „weil ein Verbrechen passiert ist.“

Glück hob den Blick, blies über den Tee und sagte: „Davon weiß ich nichts.“ Dann frühstückte er ruhig und füllte zwischendurch heißes 199Wasser in den Kühler. Als er fertig war, begann er den Wagen zu beladen. Großer-Tiger trug die Schaufel, Christian trug den Kochtopf, und Glück schleppte zwei dicke Äste herbei, die er auch auflud.

„Sie sind für heute abend“, sagte Glück, „und Grünmantel hat noch genug Platz daneben. Ihr kommt zu mir nach vorn.“

Nachdem alles verstaut war, kam Grünmantel hinkend über die Steine und sagte noch einmal, daß ein Verbrechen geschehen sei. Aber keiner gab ihm eine Antwort.

Großer-Tiger hatte die beiden Schlafsäcke übereinandergelegt. Er sprach einladend: „Das Lager ist weich, ich wünsche Bequemlichkeit.“

„Schon recht“, ächzte Grünmantel und kletterte hinauf.

Im Anfang sei es kalt hier oben, setzte ihm Großer-Tiger auseinander, aber das werde sich geben, sobald die Sonne aufgehe, und der Herr Grünmantel möge deswegen nicht ungeduldig werden. Als er ihn so getröstet hatte, hüpfte Großer-Tiger vom Wagen. Glück warf den Motor an, und Christian und Großer-Tiger setzten sich in das Führerhaus auf Grünmantels Platz.

„Wie war es mit den Patronen?“ fragte Christian.

„Zuerst“, flüsterte Großer-Tiger, „wollte er Grünmantel sofort erschießen, nachher ein bißchen später, und dann hat er die große Amtshandlung verschoben.“

Mehr konnte er darüber nicht sagen, denn Glück stieg ein und fuhr los.

Der Himmel stand in durchsichtiger Klarheit über der Schlucht von Durben-Mot, die noch ganz im Dunkel lag. Ihre Ränder waren scharf in das Morgenlicht gezeichnet.

Doch das konnte nur Grünmantel sehen. Großer-Tiger und Christian hatten das Sandmeer vor sich, und Glück steuerte ihm langsam entgegen. Nirgends gab es einen Durchlaß, wenigstens keinen, den man sehen konnte. Vorerst fuhr Glück an dem Kiesbett entlang, bis es aufhörte und von Sand überflutet wurde. Dann sah man den Karawanenweg noch ein Stück weit, aber dann sah man ihn nicht mehr, denn der Sand wurde tiefer, und Glück zog die Stirn in Falten.

„Es gibt keinen Ausweg“, sagte Glück, „wir müssen durch bis zum Sodabrunnen.“

Da begann der Wagen den niederen Ausläufer der ersten Düne zu erklimmen. Er fraß sich durch, so gut es ging. Er warf viel Sand hinter sich, und dann rutschte er in die erste Furche, die die bogenförmigen Dünen trennte. Dort gab es wieder festen Boden, der Karawanenweg wurde sichtbar, und Glück pfiff vergnügt. Aber schon nach hundert Metern schob sich der zweite Ausläufer in den Weg, und der Motor hatte schwere Arbeit.

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„Diese gesegneten Barchane!“ sagte Glück verdrossen.

„Ene ju beino?“ fragte Großer-Tiger.

„Wenn die Dünen Halbmonde bilden“, erklärte Glück, „statt gerade zu verlaufen, wie ehrenwerte Dünen tun, nennt man sie Barchane. Barchane sind nicht wert, daß die Sonne sie bescheint.“

Christian schaute empor, aber die Sonne verbarg sich noch hinter den Felsen von Durben-Mot. Die Kuppel des Himmels wölbte sich in dem glanzvollen Grau des Morgens, das im Zenit zaghaft blau wurde. Auch die Dünen hatten noch keine Farbe; aber je weiter sich Glück in ihre Täler vorarbeitete, um so höher stiegen sie, und ihre geschwungenen Ausläufer erhöhten sich auch. Der feste Boden brach nirgends mehr durch, und schließlich gab es nur noch Sand. Die Karawanenstraße verschwand endgültig, und Glück mußte aufs Geratewohl weiterfahren. Er hätte es gerne getan, und es würde ihm weiter nichts ausgemacht haben, eine Zeitlang ohne Orientierung zu sein, wenn er nur hätte fahren können. Aber es ging nicht mehr.

Zwei Barchane, die ihre Ausläufer zu einem vereinigt hatten, bildeten eine Sandbarriere, an der jede Fahrkunst scheiterte. Die Vorderräder wühlten im Sand, die Hinterräder machten es ebenso, und Glück stellte den Motor ab.

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger, „wir sitzen fest wie der Fuchs im Eis.“

„Auf, ihr Männer!“ rief Glück. „Nehmt die Schaufeln und die Bretter, wir müssen einen großen Berg transportieren.“ Sie machten sich gemeinsam an die Arbeit, und der Sand flog nach beiden Seiten.

„Ihr wißt“, sagte Glück, nachdem die Durchfahrt halbwegs freigelegt war, „jetzt fehlt nicht mehr viel, bis man die Bretter unter die Räder schieben kann. Schaufelt das letzte Stück frei. Ich gehe einstweilen voraus, damit ich sehe, ob wir den Sand durchqueren können oder ob wir umkehren müssen.“

„Die Anfangsschwierigkeit bewirkt erhabenes Gelingen“, sprach Großer-Tiger weise.

Ein leichter Morgenwind fegte breite Staubfahnen von den Dünenkämmen. Die Sonne ging auf, der Himmel färbte sich strahlend blau, und von allen Barchanen wehte der Sand wie gelber Rauch.

Glück kam nach einer halben Stunde fröhlich zurück.

„Du hast“, sagte Großer-Tiger, „einen Ring, der alle Hemmnisse beseitigt. Wir müssen zwar noch einige Male schaufeln, doch dann wird die Beharrlichkeit belohnt werden.“

„Heda!“ rief Grünmantel von oben, „ihr seid wohl steckengeblieben?“

„Wir schaufeln“, antwortete Glück, „damit wir deinen werten Körper heil durch die Wüste schleifen.“

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„Er ist durch boshaftes Verschulden schwer beschädigt worden.“

„Darüber wird ein andermal gesprochen werden“, antwortete Glück erzürnt.

„Schon recht“, knurrte Grünmantel; aber es klang weit bösartiger als sonst.

Glück achtete nicht darauf, denn er schob zwei Bretter unter die Vorderräder, warf einige Äste und Zweige, die er aus Durben-Mot mitgebracht hatte, unter die Hinterräder, und dann befahl er Christian und Großer-Tiger, die übrigen Bretter bereitzuhalten und so lange vorzulegen, bis es befahrbaren Boden gäbe.

„Wir hören und gehorchen“, sagten Christian und Großer-Tiger.

Da warf Glück den Motor an, und als er lief, ging Glück um den Wagen herum, wie alte Fahrer es machen, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung sei. Es gab aber nichts, das in Unordnung war, und Glück hatte auch nichts anderes erwartet. So stieg er befriedigt ein, und „Eigentlich müßte es gehen“ murmelte er vor sich hin. Da ging es auch, und Glück fuhr ganz langsam von Brett zu Brett; Großer-Tiger und Christian aber mußten laufen und die Bretter von hinten nach vorne tragen. Das war ein heilloses Geschäft.

Endlich rief Glück: „Genug“, und fuhr bis zur nächsten Sandverwehung, wo das Spiel von vorne mit Schaufeln anfing und mit Brettertragen endete. Die Sonne stieg über die Dünen, und Grünmantel knurrte, daß sie ihm lästig sei. Aber Großer-Tiger und Christian antworteten nichts darauf, und Glück sagte auch nichts, denn sie schaufelten Sand und trugen Bretter von hinten nach vorn, und darüber verging der Vormittag.

Endlich wurden die Mondspitzen der Barchane niedriger, und Glück meinte, man könne die Bretter auf den Wagen lagen und die Schaufeln versorgen. „Bolna!“ riefen Christian und Großer-Tiger fröhlich. Glück war auch kaum einen Li oder zwei gefahren, da öffnete sich inmitten der Dünen eine Ebene, und wenn sie auch mit Sand bedeckt war, riefen Christian und Großer-Tiger dennoch „Ah!“ und noch einmal „Ah!“ wie nach einer großen Befreiung. Glück mußte lachen; aber man sah ihm an, daß er sich genauso über den weiten Rundblick und über den festen Boden freute, den er unter den Rädern spürte.

„Die Gefahren der Erde“, sagte Glück, „sind die Berge und Flüsse, aber der Sand ist ihnen weit überlegen.“

Jetzt sah man auch die Karawanenstraße wieder. Sie lief auf die Mitte der Ebene zu, und dort gab es Schilfgräser, die über eine weißlich schimmernde Fläche verstreut waren.

„Soda“, rief Glück, „hier ist der Brunnen mit dem vielen Wasser, von dem man Bauchweh kriegt.“ Er deutete auf ein Brunnenloch, das von 202einem niedrigen, festgestampften Wall umgeben war, damit es bei einem Sandsturm nicht überflutet wurde. Überall gab es Spuren von Karawanen, die hier gelagert hatten. Da waren die Dunghäufchen der Kamele, die in sauber ausgerichteten Linien eins neben dem andern lagen und weite Flächen bedeckten. Da waren die verlassenen Lagerfeuer, und es gab bleiche Knochen und manchmal ganze Tiergerippe. Durch die offenen Seitenfenster des Wagens strömte die warme Luft, und sie roch nach allem, was alten Karawanenmännern ans Herz greift: sie roch nach Staub und trockenem Mist, nach faulem Wasser, nach Asche und nach all den andern Herrlichkeiten, die den Wanderer beglücken, wenn die Mitternacht vorüber ist und die Zelte aufgeschlagen werden. Glück schnupperte andächtig.

Plötzlich ließ er das Steuer los, öffnete die Hand zu einer verächtlichen Bewegung und sagte:

„Diese neumodischen Selbstgehwagen sind eine brennende Schande. Ich schäme mich, daß ich einen benütze.“

Nach dieser Selbstanklage fuhr er aber ruhig weiter, und Christian konnte sich nicht zusammenreimen, was für Gedanken Glück im stillen bewegten. Bald verließ er die Karawanenstraße wieder, die nach Westen zog und in dem Sandmeer verschwand.

„Wir müssen einen großen Umweg machen“, sagte Glück und fuhr entschlossen mit hoher Geschwindigkeit nach Norden. Rings um die Ebene wogten die hochgehenden Wellen der Dünen und Barchane, aber im Norden war ihre Kette unterbrochen, und dahin fuhr Glück.

Als er den Durchgang erreicht hatte, strich der Mittagswind über eine große Hochfläche, die im Süden und im Osten von den Dünen begrenzt wurde. So weit man nach Westen sehen konnte, gab es Kies und darin vereinzelte Tamarisken. Es waren sturmzerfetzte starre Knüppel mit rissiger Rinde, die kaum aus dem Erdboden ragten und hie und da ein paar Äste trugen. An ihrem Wurzelwerk lag der angewehte Sand, den der Wind klingend über das trostlose Land führte. Nach zwei Stunden Fahrt hörte die Begrenzung durch die Dünen auf, und man kam in eine Mulde, die den Weg nach Süden freigab.

„Ei ja!“ rief Glück, „das ist der Weg, den wir brauchen! Hast du deine Karte, Kompaß-Berg?“

„Sie liegt bei Grünmantel auf dem Wagen.“

„Schade“, sagte Glück, „du könntest in das Landbild einen Brunnen eintragen, den wir erreichen werden. Er heißt Cheur-Ampt. Dort treffen wir die Karawanenstraße wieder, und dann dauert es nicht lange, bis wir zum „Einsamen-Baum“ kommen, von dem man sagt, daß er auf den ältesten Landbildern gezeichnet sei und daß schon Dschingis-Khan in seinem Schatten geschlafen habe.“

203

„Und dann?“ fragte Christian, „was kommt nachher, wenn wir den Einsamen-Baum gesehen haben?“

„Dann kommt der Berg, von dem wir gesprochen haben, und wenn die Speichen nicht von den Rädern fallen, werden wir zur Nacht dort bleiben. — Habt ihr Hunger?“

„Wir haben Hunger, befehlender Herr.“

„Hilft nichts“, sagte Glück. „Reiche Leute, die viel Muße haben und viel Geld besitzen, essen dreimal am Tag. Wir sind aber nicht reich, und so essen wir zweimal, und vor heute abend gibt es nichts.“

Dann dauerte es nicht mehr lange, bis sie zum Brunnen Cheur-Ampt kamen, wo der Karawanenweg in der Sonne lag und darauf wartete, daß Glück ihm bis zum Einsamen-Baum folge. Aber der Weg war schlecht, und es gab immer wieder Sandstrecken, und Glück brauchte für die vierzig Li mehr als drei Stunden. Der Einsame-Baum stand am Fuß eines Hügels. Es war eine Schwarzpappel mit einem dicken Stamm und mit einer traurigen Krone. Die Äste waren vom Sturm gebrochen, und der Wipfel bestand nur noch aus kümmerlichen Zweigen und aus den Stümpfen des mächtigen Astwerks. Zwanzig Schritte daneben war ein Brunnen, aber Glück sagte, er sei halb versandet, und das komme von der schlechten Zeit und weil die großen Karawanen ihn nicht mehr benützten. Zu Lebzeiten Dschingis-Khans sei das anders gewesen. Damals habe der Baum im Sommer und im Winter Blätter getragen, und die Vögel des Himmels seien auf seinen Zweigen herumgehüpft und hätten unaufhörlich gesungen.

„Da war“, sagte Glück, „auch eine schöne Wiese mit seltenen Blumen, und es war ein Wunder mitten in der Wüste. Aber jetzt ist eine würdelose Zeit, darum ist alles verdorrt und fortgeflogen. Seht euch den Einsamen-Baum an“, sagte Glück und zog die Bremsen fest, „damit ihr daheim von ihm erzählen könnt.“

Christian und Großer-Tiger stiegen aus, und Glück kam hinterdrein.

„Dürfen wir einen kleinen Zweig zum Andenken mitnehmen?“ fragte Christian ehrfurchtsvoll.

„Es gibt keine Hinderung“, meinte Glück, und er hob Christian auf seine Schultern.

Christian brach drei kleine Zweige ab, und Glück steckte seinen gleich an die Mütze. Die beiden andern versorgte Christian in der Ledermappe, die er sich von Grünmantel geben ließ.

„Hier ist die Karte“, sagte nun Christian. Er faltete das Südliche-Blatt auseinander, und dann suchte er nach dem Einsamen-Baum, aber er fand ihn nicht.

„Dieses Landbild taugt nicht“, sprach Glück entschieden, „es ist vollkommen wertlos.“

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„Vielleicht muß man nur lange genug suchen“, schlug Christian vor; „gestern habe ich Durben-Mot gefunden, und hier ist der viele Sand; und wenn der befehlende Herr zuerst nach Westen und dann nach Norden und nachher nach Süden gefahren ist und jetzt wieder nach Westen, dann sind wir hier, und der Ort heißt Gantzen-Mot, und es ist ein Brunnen dabei.“

„Ich staune“, rief Glück, „und es ist richtig, wenn man sagt, daß man mit Worten sparsam umgehen soll. Gantzen-Mot ist mongolisch, es heißt Einsamer-Baum, und ich bitte um Entschuldigung wegen vorschneller Rede.“

„Davon kann nicht gesprochen werden“, sagte Christian höflich, aber er freute sich sehr.

Bei der Weiterfahrt zeigte er Glück den Kompaß. Glück sagte anerkennend, der Kompaß sei ein sehr nützlicher Gegenstand und kolossal brauchbar, nur wisse er nicht, wozu, denn am Tage scheine die sonne, und in der Nacht sitze der Herr des Nordens auf seinem Thron. So ein Kompaß sei eigentlich nichts weiter als die Bestätigung, daß die bewährte Weltordnung noch bestehe — „auch wenn“, wiederholte Glück nachdrücklich, „wir in einer würdelosen Zeit leben.“

„Aber bei einem Sturm“, fragte Großer-Tiger, „wenn sich der Himmel verfinstert, wie ist es da?“

„Da muß man bleiben, wo man ist“, setzte ihm Glück auseinander; „ein Sturm bringt in der Wüste so viel Sand mit, und er weht so heftig, daß die Kamele sich niederlegen, und ein Wagen, der von selber geht, kann auch nicht fahren, weil man keine zehn Schritte weit sieht. Man fiele in eine Lößrawine oder in das nächstbeste Brunnenloch, und die herumfliegenden Steine schlügen die Scheiben entzwei. Man kann auch die notwendigen Umwege nicht machen“, sagte Glück, „und darum ist es besser, man deckt den Motor zu, damit er nicht versandet.“

„Wenn es aber regnet?“ fragte Christian.

Glück lachte: „Nebel und Regen, Hagel, Blitz, Donner und Tau sind seltene Kostbarkeiten in der Wüste, vor denen man sich verneigt, und dazu braucht man keinen Kompaß.“

Da steckte Christian den Kompaß wieder in die Ledertasche, und dann sprachen sie über andere dinge; und als die Sonne schon ein wenig schräg am Himmel stand, tauchte in der Ferne ein grauer langgestreckter Tafelberg auf. Vor ihm erhob sich ein feuerroter Klotz, vierkantig und ganz für sich allein. Er war von unwiderstehlicher Größe, obgleich er seine Umgebung nur wenig überragte.

Glück drückte auf die Hupe, da machte sie kurz und laut tüt, tüt, und das hieß:

„Achtung, jetzt wird es gefährlich!“

205

„Hier ist Bator geboren“, flüsterte Christian Großer-Tiger ins Ohr, und Großer-Tiger nickte.

Als sie näher kamen, senkte sich der Karawanenweg. Ein steiniges Tal führte in weitem Bogen um den grauen Tafelberg und um den Berg Abder, und man sah, wie die Karawanenstraße dem Tal folgte und sich in der Ferne auf ein Hochplateau schlängelte, das gelblich schimmerte.

„Dort gibt es wieder Sand“, sagte Glück; „aber ich habe für heute genug davon.“ Er lenkte den Wagen abseits der Karawanenlagerplätze auf eine Ebene im Talgrund, wo es sauber war. Gegenüber stand Abder, der rote Klotz.

Christian und Großer-Tiger betrachteten ihn. Er hatte einen dicken Fuß aus angewehtem Sand, aus dem er mit vier senkrechten, tief zerrissenen roten Wänden emporschoß.

Er sieht wirklich aus wie ein Kasten, dachte Christian, aber er wagte nicht, es zu sagen.

„Wasser holen!“ rief Glück, „schnell! schnell! Kwai, kwai!“

Er war noch geschäftiger als sonst, und wenn eine Arbeit getan war, ordnete er die nächste an; und das war Tanken und Luftpumpen und Feuermachen. Offenbar fürchtete er, es könnte ein unbedachtes Wort über Abder, den Kasten, gesprochen werden.

Grünmantel kam nur zum Essen vom Wagen herunter. Er hinkte noch immer und sprach nur das Notwendigste, nämlich daß er auf dem Wagen zu schlafen wünsche, damit nicht wieder eine unschuldige Schlange getötet würde. Christian und Großer-Tiger holten bereitwillig die Schlafsäcke und überließen Grünmantel ihre beiden Pelzmäntel als Unterlage. Glück wickelte sich zwei Lappen um die Hände, riß einige dürre Tamarisken aus und zündete damit ein Feuer an, auf das er die mitgebrachten Äste aus Durben-Mot warf. Nachher breitete er die Glut aus und schaufelte Sand darauf wie am Abend vorher. Darüber war es Nacht geworden; der Kasten stand schweigend im silbernen Mondlicht, und Christian und Großer-Tiger lagen neben Glück auf dem warmen Sand. In gehöriger Entfernung stand der Wagen, und weil die Stille so groß war, hörte man Grünmantel schnarchen.

Zwei oder drei Stunden mochten vergangen sein, als Christian von dem Getrappel fester Hufe geweckt wurde. Das eilfertige Geklapper war ganz in der Nähe, und als Christian verschlafen den Kopf hob, sah er wenige Schritte entfernt eine Reihe von dunklen Tieren, die mit kleinen Kisten beladen waren. Es waren keine Kamele, das sah Christian gleich, es waren aber auch keine Pferde.

In diesem Augenblick erwachte Großer-Tiger. Neben ihm sprang ein Mann aus dem Sattel und stand schwarz neben seinem schwarzen Reittier. Der Mann trug eine Uniform wie Glück, also war er ein Soldat; 206und das große Tier, das wie ein Pferd aussah, hatte lange Ohren, also war es ein Maulesen. Glück schlief noch immer.

„He!“ rief der Soldat und schlug klatschend mit dem Daschior gegen seine wattierte Hose, „ich möchte euch sagen, wie sehr es mich freut, euch zu sehen!“

Im Nu war Glück auf den Beinen. Er sah die vorüberziehende Mauleselkarawane, und dann sah er den Soldat und das Reittier.

„Störe ich vielleicht?“ fragte der Soldat; „ich fürchte um eure Ruhe.“

„Der Schlaf des Menschen ist eine ernste Sache“, erwiderte Glück unfreundlich. Wenn er nicht bemerkt hätte, daß der andere ebenfalls eine Pistole im Gürtel trug, hätte er wahrscheinlich „Lümmel“ gesagt oder: „Ich höre einen Flegel reden“, oder sonst etwas Unliebenswürdiges.

„Man soll alte Freundschaft nicht brechen“, sagte der Soldat lächelnd, „und man soll auch keine streitsüchtigen Reden führen.“ Dabei verneigte er sich und …

„Oh, Langes-Leben!“ rief Glück; „ich glaubte dich bei deinen werten Vätern versammelt.“

„Ich bin dem Schwert entronnen“, sagte Langes-Leben einfach.

Glück und Langes-Leben verneigten sich sehr tief und sehr freudvoll voreinander.

„Du kommst diesen Weg geritten“, sagte Glück, „wie geht das zu?“

„Du kommst diesen Weg gefahren“, antwortete Langes-Leben, „wie geht das zu?“

„Es ist wohlgetan“, sagte Glück, „wir wollen uns setzen und erzählen, was wert ist, erzählt zu werden.“

„Ich habe nichts Erwähnenswertes zu berichten“, antwortete Langes-Leben bescheiden.

Inzwischen waren die Maultiere vorbeigezogen, eins nach dem andern; mehrere Soldaten waren bei ihnen, und einer kam herbei und wollte auch absteigen. — „Weiterreiten!“ rief aber Langes-Leben streng, „ich komme euch nach. In Cheur-Ampt sollt ihr auf mich warten.“

Daa ritt der Soldat gehorsam weiter, und die schnellen Hufschläge verklangen in der Nacht.

„Ich sehe, du bist avanciert“, sagte Glück, „und ich sage dir meine Freude darüber.“

„Das kleine Sternchen hat keinen Wert“, erwiderte Langes-Leben. Er nahm einen Lederriemen aus der Satteltasche und hobbelte dem Maultier die Vorderbeine zusammen.

„Hier ist es warm“, sagte Glück, „wir wollen uns auf den Bauch legen, so können wir angenehm plaudern. Lange ist es her, seit ich deine Stimme vernahm.“

207

„Mein Sehnen nach dir hatte einen hohen Grad erreicht“, erwiderte Langes-Leben. „Wer fern der Heimat lebt, ist froh, wenn er einen Landsmann trifft. Wie steht es mit diesen beiden da?“

„Entschuldige“, sprach Glück, „ich vergaß, dir zu sagen, daß diese jungen Fürsten Kompaß-Berg und Großer-Tiger heißen. Du kannst ruhig alles berichten, was es gibt. Was es einmal gab, wissen wir beide zur Genüge; darüber braucht nicht gesprochen zu werden.“

„Beginne du“, bat Langes-Leben.

„Wie könnte ich mich erdreisten!“ rief Glück; „es ist an dir, zuerst zu sprechen.“

Langes-Leben schwieg eine Weile, und da alles still war, hörte man Grünmantel schnarchen. Man meinte den Ton einer fernen Zweimannsäge zu vernehmen. Langes-Leben fragte: „Ist da noch einer?“

„Da ist noch einer“, sagte Glück, „und du kennst ihn: Ich rede von dem ehrsamen Kaufmann.“

„Schong-Ma ist bei dir?“ rief Langes-Leben erschrocken; „ich hörte, er sei gestorben.“

„Sch!“ machte Glück, und man merkte, wie peinlich ihm die Wendung des Gesprächs war. Christian stieß insgeheim Großer-Tiger ein wenig in die Rippen, und Großer-Tiger kniff Christian in den Arm.

„Schong-Ma ist gestorben“, erklärte Glück leise, „dafür gibt es einen gewissen Herrn Grünmantel.“

„Von diesem habe ich gehört“, sagte Langes-Leben, „er betreibt einen schwunghaften Handel.“

„Er hat sich einen langen Bart wachsen lassen, und niemand kennt ihn mehr.“

„Da wird ihn der Uralte-Herr vergeblich suchen“, meinte Langes-Leben beruhigt.

Glück zuckte die Achseln. Dieses sei nicht seine Sache, sagte er, sondern die Sache des Uralten-Herrn, und Langes-Leben möge lieber erzählen.

„Ich füge mich deinem Wunsch“, begann Langes-Leben. „Zuerst muß ich erwähnen, wie sehr ich dich bedauerte, als ich hörte, du wärest Soldat geworden. Ich wollte kein Soldat sein, und so kehrte ich nach Hami zu Li-Yüan-Pei zurück. ‚Wie kommt es?‘ schrie Li mich an, ‚daß du es wagst, dein schwarzes Gesicht über meinen Ladentisch zu hängen? Du hast nicht auf dich geachtet, also ertrage dein Mißgeschick selbst.‘ Da ging ich fort, und ich wurde, was ich nicht werden wollte. Zuerst kam ich in die Garnison Sining-Fu und später nach Sutschou. Sechs Jahre ging alles gut, bis die Exzellenz in Lantschou den unseligen Plan faßte, den Uralten-Herrn zu bekriegen. Da war der schöne Friede vorbei, und ich mußte in den Krieg ziehen.“

208

„Ich hörte“, sagte Glück, „daß ihr den Krieg nicht gewonnen habt.“

„Wir waren tausend Mann“, berichtete Langes-Leben, „und wir brachten alles mit, was man nötig hat, um einen Krieg zu gewinnen. Wir hatten sogar die neuen Gewehre, die von selber schießen, und kleine, zerlegbare Kanonen, die wir auf Kamele luden. Dann machten wir uns auf den Marsch durch die Steinwüste und durch das Sandmeer. Als wir nach einem Mond vor der Burg des Uralten-Herrn ankamen, fingen wir sofort an zu schießen, damit der Uralte-Herr merkte, was los war. Er begriff es gleich und schloß die Tore. Er hatte nur 300 Mann und 300 Pferde, aber wir waren 1000. Da saß der Uralte-Herr in der Falle, und unser General sagte: ‚Wir wollen nichts übereilen.‘ Darüber freuten wir uns. ‚Wenn die Verbrecher nichts mehr zu essen haben‘, sagte unser General, ‚und wenn sie alle Bohnen verfüttert haben, werden sie von selbst herauskommen; dann schießen wir den Uralten-Herrn tot mitsamt seinen dreihundert Kollegen.‘ Also machten wir einen tiefen Graben rund um die Burg, schossen jeden Tag ein bißchen und warteten. Der Herbst verging, es wurde kalt, und wir froren jämmerlich, besonders nachts. ‚Macht nichts‘, sagte der General. Er dachte, er sei früh aufgestanden, aber er traf auf Leute, die gar nicht geschlafen hatten; denn als wieder eine Nacht vorüber war und einige von uns erfroren dalagen, gab es plötzlich einen gewaltigen Donner und einen Blitz, der das Morgengrauen zerriß. Wir fürchteten, das Ende der Welt sei gekommen. Himmel und Erde gingen gegeneinander, und die Mauer der Burg platzte an vielen Stellen und fiel in Trümmer. Da dachten die meisten von uns, wir hätten gesiegt, und machten ein großes Geschrei. Aber aus den Breschen kamen die 300 Reiter des Uralten-Herrn mit weiter nichts als mit dem Säbel in der Faust. Der Uralte-Herr war unter ihnen, und die Barbarchen brüllten wie Tiger, aber wir konnten sie nicht totschießen wegen der starren Finger, und weil die Gewehre eingefroren waren, besonders die, die von selber schießen sollten. So wurden wir der Reihe nach vom Schwert gefressen. Die Banditen jagten auf ihren Pferden durch den Belagerungsgraben, und die Hufe stampften im Blut.

Ich rannte dahin, wo die wenigen Pferde standen, die uns gehörten, weil ich sah, daß der Krieg verloren war. So entkam ich mit vier anderen. Es gab aber einen Rückzug, der, wie man sagt, weder freiwillig war noch freundlich oder heiter, denn die Reiter des Uralten-Herrn verfolgten uns. Nichts war fördernd, außer daß wir einer Karawane begegneten, die uns Bohnen für die Pferde gab. Als wir nach zehn Tagen den Gaschu-Nor erreichten, lebten wir nur noch zur Hälfte.

Es war Nacht, und wir machten ein großes Feuer aus Tamariskenholz, um uns zu wärmen. Das hätten wir nicht tun sollen, denn plötzlich hörten 209wir den Hufschlag und das Tigergebrüll von zwei Barbaren. Ich sprang ins Dunkel und schoß viele Male, denn ich hatte noch eine Pistole. Da fiel einer der Kerle aus dem Sattel, und der andere wurde abgeworfen, weil sein Pferd durch die Schüsse erschreckt worden war. Wir fielen über ihn her mit Knüppeln und Säbeln, und ich spaltete ihm die Gehirntasche. Da lag er, und ich sagte: ‚Dieser Hund und Schildkrötensohn hat sein Teil.‘ Das Feuer beleuchtete sein Gesicht, und plötzlich erkannte ich, daß es Mondschein war, der da lag, der gleiche Mondschein, der uns beiden damals das Leben schenkte. Meine Kameraden wollten dem Toten nehmen, was er hatte, aber ich sagte: ‚Laßt das sein, ich dulde es nicht.‘ Dann ritten wir weiter, weil uns der Platz nicht mehr behagte.“

„Hast du“, fragte Glück, „diesen Mondschein ganz totgeschlagen oder zur Hälfte?“

„So tot, wie eine Leiche nur tot sein kann“, versicherte Langes-Leben.

„Diese Leiche“, sagte Glück, „geht wieder auf die Wolfsjagd. Es muß eine sehr eilige Wiedergeburt stattgefunden haben.“

„Wie das?“ fragte Langes-Leben. „Hier liege ich und spreche mit dir, und Mondscheins Knochen liegen am Gaschu-Nor, und sie sind weiß vom Winterschnee.“

„Nein“, entgegnete Glück, „die Sache ist nicht so, sie ist anders. Ich, der Soldat Glück, habe Mondschein vor drei Tagen gesehen. Er war munter und konnte reden; da habe ich mit ihm gesprochen. Er war wohlwollend, und da habe ich Freundschaft mit ihm geschlossen, und er hat mir mein Versprechen zurückgegeben. Er hatte eine rote Säbelnarbe von einer Schläfe zur andern, aber sonst war er gesund. Als ich ihn traf, war er gerade damit beschäftigt, einen Wolf mit dem Bleisack zu erschlagen.“

„Die Ordnung der Welt muß gestört sein“, rief Langes-Leben, „die Toten stehen auf, reiten und jagen.“

„Wir leben in einer würdelosen Zeit“, sagte Glück, „da mag solches geschehen. Weil es nun einmal so ist, rate ich dir, du vermeidest eine Begegnung mit Mondschein. So wie ich die Sache ansehe, wird er von einem andern, der sich Donnerkeil nennt, aus Sunit abgeholt. Vielleicht ist er bereits auf dem Weg zum Uralten-Herrn, und du triffst die beiden Rotbärte in Küh-Wasser oder schon im Schnell-Schwarzwasser-Tal. Die Herren reiten mit Pferdewechsel. Es scheint eine eilige Sache vorzuliegen.“

„Ich fürchte Mondschein nicht“, sagte Langes-Leben.

„Hast du eine erlesene Heldenschar bei dir?“

„Nein, aber wir befördern anvertrautes Gut. Da wird auch der Feigling mutig.“

„Wie viele Kisten?“

210

„Sechzig. Jede Kiste ist Gold wert, seit das Opium so teuer geworden ist.“

„Wohin bringt ihr das Zeug?“ fragte Glück verächtlich.

„Wir sollen es in Kwei-Hua abliefern, mehr weiß ich nicht.“

„Ich bin nicht du“, sagte Glück, „tu, was du für richtig hältst.“

Da besann sich Langes-Leben; dann sagte er: „Ich will deinem Rat folgen. Wir werden in Cheur-Ampt abbiegen, bis wir beim Reichen-Quellen-Kloster auf den südlichen Weg treffen.“

„Es gibt zweierlei Tapferkeit“, sprach Glück; „mein Herz ist froh, daß du die besonnene Art wählst.“

„Die Erfahrung war meine Lehrmeisterin“, meinte Langes-Leben lächelnd. „Doch ich bin in großer Unwissenheit über dein Ergehen. Darum ist es an dir, jetzt zu sprechen.“

Da berichtete Glück, wie er bei dem General Feng Soldat geworden war … „Nun, das weißt du ja“, sagte Glück. Es sei ihm nicht besser und nicht schlechter ergangen als vielen andern Soldaten auch; aber „Du weißt ja“, sagte Glück, „das ist nichts für mich. Ich wollte Geld verdienen, damit ich es meiner alten Mutter schicken konnte. Eines Tages wurde bei der Abteilung gefragt, ob einer da sei, der einen Wagen, der von selber geht, zu lenken verstünde. Ich trat sofort vor, und zehn andere nichtsnutzige Strolche traten auch aus dem Glied. Die meisten hatten noch nie ein Auto gesehen, und ich auch nicht. Ein fremder Offizier kam und fragte uns Dinge, von denen wir nicht einmal den Namen kannten. Da merkte der Offizier, daß er lauter Schlingel, aber keine Autofahrer vor sich hatte. Zuletzt kam er zu mir und fragte, was wohl zu tun wäre, wenn der Kühler dampfe. Ich antwortete: ‚Wenn große Hitze ausbricht, kommt Wasser gegangen.‘ Diese Antwort gefiel dem Offizier, und er nahm mich mit nach Honan. Vorher mußte ich meine alte Uniform abgeben, und ich kriegte eine neue, denn nun gehörte ich zu der Armee des Generals Wu. Die Uniform war die gleiche, und man hätte mir ruhig meine alte lassen können. Aber das sei so, sagte der Offizier, und weil er wohl wußte, daß ich kein Auto fahren konnte, nahm er mich eine Woche beiseite, bevor er mich dem General zeigte. Als ich so weit war, daß ich mit einem Wagen vorwärts- und rückwärtsfahren konnte, stellte mich der Offizier dem General vor. ‚Hier ist der Mann‘, sagte er, ‚nach dem ich eifrig gesucht habe; er ist der beste Fahrer des Generals Feng, und der General hat den Mann nur freigegeben, um Eurer Exzellenz einen Dienst zu erweisen.‘ Dann hieß man mich vorwärts- und rückwärtsfahren, und als der General Wu sah, daß ich es konnte, sagte er: ‚Gut.‘ Da war ich sein Fahrer geworden. Mit der Zeit lernte ich alles, ohne daß der General groß merkte, wie es im Anfang mit meinen Kenntnissen bestellt war. Als nach drei Jahren der Krieg 211mit Tschang-Tzo-Lin begann, konnte ich einen Wagen auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Der General gab mir eine bessere Löhnung, und ich sandte sie nach Sutschou.“

„Davon habe ich gehört“, sagte Langes-Leben, „als ich von dem Krieg gegen den Uralten-Herrn nach Hause kam. Deine Mutter hat es überall erzählt. Sie sagte, du wärest ein großer Herr geworden, der seine Mutter nicht vergißt; und alle Leute beglückwünschten sie zu ihrem werten Sohn. Du hast daheim in Sutschou ein großes Gesicht bekommen. Niemand würde sich wundern, wenn du deiner Mutter eines Tages einen Palast mit zehn Dienern und zwanzig Zofen kaufen würdest.“

„So weit ist es noch nicht“, sagte Glück nachdenklich.

Da stieß Großer-Tiger Christian heimlich in die Rippen, und beide dachten an das, was sie in Weißer-Stein unter dem ungeheizten Kang gehört hatten.

„Nun bin ich mit Ausruhen fertig“, sagte Langes-Leben, „und ich muß gehen, meine Leute einzuholen. Wohin fährst du jetzt?“

„Ich fahre nach Sinkiang“, sagte Glück und stand auf.

„Wie machst du das?“ fragte Langes-Leben, „ohne dem Uralten-Herrn in die Finger zu fallen?“

„Ich habe darüber nachgedacht. Da ihr den Krieg gegen ihn verloren habt, kann ich nicht quer durch die Wüste fahren. Gibt es noch Benzin in Ollon-Torre?“

„Es gibt Benzin in Ollon-Torre, aber es ist eine Wache dabei.“

„Keine Sorge deswegen. Ich habe eine Anweisung des Generals Wu. Also werde ich Benzin kriegen, und dann werde ich nach Sutschou fahren und später auf der Seidenstraße nach Hami.“

„Du mußt“, riet Langes-Leben, „trotzdem achtgeben. Seit der Uralte-Herr uns die modernen Waffen weggenommen hat, fängt er an, auch die Seidenstraße zu kontrollieren. Von Anshi bis Hsing-Hsing-Hsia ist es nicht mehr geheuer. Der Uralte-Herr ist behend wie ein Geist.“

„Ich danke für die Belehrung“, sagte Glück, zupfte Langes-Leben am Rockärmel und nahm ihn beiseite. Er sagte einige leise Worte, und Langes-Leben hörte aufmerksam zu. Darauf ging er zu seinem Maultier, griff in die Satteltasche und gab Glück ein kleines Päckchen.

„Das reicht“, sagte Langes-Leben. Dann nahm er dem Maultier die Fessel ab und saß auf. „Gib acht, daß niemand merkt, wen du bei dir hast“, flüsterte er, „es könnte euch allen das Leben kosten!“

„Keine Befürchtung“, gab Glück ebenso leise zurück, „du würdest den ehrenwerten Kaufmann selbst nicht wiedererkennen.“

„Wer so sicher ist wie du“, sagte Langes-Leben, „welches Ziel sollte der nicht erreichen? Auf Wiedersehen! Ich wünsche Glücksterne während der ganzen Reise.“

212

Glück verneigte sich, und Großer-Tiger und Christian standen auf und verneigten sich auch. Sie schauten Langes-Leben nach, wie er davonritt. Eine Zeitlang hörte man noch das eilige Hufgeklapper des Maultiers, dann wurde es schwächer, und als es verklungen war, sagte Großer-Tiger zu Glück: „Ist es gestattet, zu fragen, wer der Uralte-Herr ist?“

„Oh, ihr Männer!“ rief Glück, „den Uralten-Herrn sollte man nicht beim Namen nennen, sowenig wie diesen Berg. Ich stehe hier, und der Uralte-Herr weiß es, jetzt lege ich mich nieder, und er vernimmt es. Er ist ein Mann, der in die Wildnis floh, wo keine Tamariske Wurzel schlagen kann. Dort steht seine Burg. Er ist der größte Räuber zwischen den vier Meeren und in Wahrheit ein Mörder. Alle Karawanen, die durch das Sandmeer ziehen, sind ihm tributpflichtig. Keiner vermag ihm zu widerstehen, denn das Gelingen ist bei ihm, und das Mißlingen ist bei seinen Feinden. Die Mongolen sagen, er sei ein Halbgott, aber er ist ein grausamer Teufel.“

„Wie heißt er?“ fragte Großer-Tiger leise.

„Er heißt Dampignak“, flüsterte Glück.

Achtundzwanzigstes Kapitel
das voll von schlechten Vorzeichen ist

Die Nacht verging. Als der Mond hinter dem Berg Abder verschwand, löste sich ein großer Stein vom Gipfel und fiel mit Gepolter ins Tal.

Glück, der noch wachlag, nahm es für ein warnendes Zeichen, und er beschloß, mit Grünmantel zwei Worte zu reden. Nachher schlief er ein; aber es war ein unruhiger Schlaf, und er wachte früher auf als sonst.

Nachdem er Feuer gemacht hatte, setzte er Teewasser auf, und dann ging er zum Wagen, wo Grünmantel auf dem Rücken lag und schnarchte.

„Was gibt's?“ fragte Grünmantel und erwachte mit einem Seufzer.

„Ich muß mit dir reden.“

„Sprich mit mir, wenn der Tag anbricht. Ich bin noch nicht mit Schlafen fertig, also ist es nicht die richtige Zeit.“

„Es ist die richtige Zeit“, behauptete Glück, „ich habe mit dir zwei Worte zu reden, solange die Jungen schlafen.“

„Da willst du wahrscheinlich von Geld reden.“

„Ich rede davon, daß due eine Gefahr für uns bist. Der Uralte-Herr sucht dich.“

„Er sucht mich seit zwanzig Jahren. Du siehst, das sind keine neuen Worte für mich. Du hättest sie dir sparen können.“

213

„Der Uralte-Herr ist mächtiger als je. Langes-Leben war heute nacht hier.“

„Ei! ei! Das unfähige Rotbärtchen kommt zu einer Geheimkonferenz? Wie geht es dem unnützen Bengel? Wie befindet sich mein Herzenssöhnchen?“

„Der ‚unnütze Bengel‘ ist Leutnant geworden. Er teilt dir mit, daß der Uralte-Herr jetzt auch die Seidenstraße kontrolliert. Zwischen Anshi und Hsing-Hsing-Hsia ist man vor den Banditen nicht mehr sicher.“

„Unser Wagen läuft schneller als das schnellste Pferd.“

„Unser Wagen? Wer spricht von unserm Wagen?“

„Wenn es dir lieber ist, kann ich auch von meinem Wagen reden.“

„Eitler Affe! Der Wagen gehört dem General Wu. Er läuft schnell, aber eine Kugel holt ihn ein.“

„Ich höre“, sagte Grünmantel verächtlich, „daß Angst aus dir spricht.“

„Besser“, erwiderte Glück, „ein bißchen Angst haben als einen Bauch voll Aufgeblasenheit. Ich fahre nach Sinkiang trotz der Drachengewalt des Uralten-Herrn, aber ich überlege, ob ich dich mitnehme oder ob ich dich in Sutschou sitzenlasse. Du kannst darüber nachdenken.“

„Was soll das heißen?“ brauste Grünmantel auf.

„Das heißt“, sagte Glück, „daß du mir in Sutschou fünfhundert Silberbatzen gibst. Die übrigen siebenhundert magst du mir dann in Hsing-Hsing-Hsia geben. Ich will nicht mit leeren Händen vor meine Mutter treten.“

„Ei, der gute Sohn!“ rief Grünmantel, „ei, die vortreffliche Stütze der hohen Hallen!“

„Du tätest besser, auf dich zu achten, statt die natürliche Art des Menschenherzens zu verhöhnen. Antworte mir: Bist du deines Vertreters in Hsing-Hsing-Hsia sicher?“

„Er ist mir treu ergeben.“

„Du hast“, sagte Glück schneidend, „mir einmal mit dem Gericht gedroht. Ich heiße nicht Grünmantel, und ich heiße auch nicht Schong-Ma. Es käme mir daher nicht in den Sinn, dich dem Uralten-Herrn zu verraten; aber bist du gewiß, daß es kein anderer tun wird? Das ist es, was ich dich fragen wollte.“

„Holla!“ rief Grünmantel und richtete sich auf, „also das ist es! Ich bin dir dankbar“, sagte er, „du bringst mich da auf einen Gedanken, den ich noch nie gedacht habe. Aber sei unbesorgt. Mein Vertreter in Hsing-Hsing-Hsia war vor zwanzig Jahren dabei, als wir dem Uralten-Herrn den Streich spielten. Er sitzt mit mir im gleichen Boot und kann nicht aussteigen.“

„Dann ist es gut“, sagte Glück. „Komm jetzt, der Tee ist fertig.“

214

„Mein Bein!“ seufzte Grünmantel; aber er stand auf und ließ sich vom Wagen gleiten.

„Du mußt dir Bewegung machen“, riet ihm Glück, „so wird der Einfluß des Nichtstuns überwunden, und du kannst klarer erkennen, wo es mangelt.“

„Ich verstehe“, sagte Grünmantel grinsend; „du sollst in Sutschou deine fünfhundert Batzen kriegen; ich werde Li-Yüan-Pei einen Blitzbrief senden.“

„Sieh dich vor!“ warnte Glück; dann fragte er so nebenbei: „Kennt Li-Yüan-Pei deinen neuen Namen?“

„Er kennt ihn“, erwiderte Grünmantel, „doch im Geschäftsverkehr verwende ich ihn nicht. Aber keine Befürchtung deswegen, der Uralte-Herr ist zwar mächtig und geistergleich, in die Abgeschlossenheit der Poststube vermag er aber trotzdem nicht zu dringen.“

Glück kratzte sich den Kopf, und dann schaute er stirnrunzelnd auf Christian und Großer-Tiger, die nicht weit vom Feuer lagen und taten, als ob sie schliefen.

Wenn ich nur wüßte, dachte Glück, wie weit mir diese Burschen die Wahrheit sagen und wo sie mit Lügen anfangen.

„Aufstehen!“ rief er ärgerlich; „ihr müßt lernen, wie man den Tag von der Nacht unterscheidet.“

Großer-Tiger und Christian rollten flink die Schlafsäcke ein und trugen sie zum Wagen.

„Los!“ rief Glück.

„Los!“ rief Grünmantel, „wir sitzen schon beim Tee.“

„Wie befindet sich der geehrte Körper des Herrn?“ erkundigte sich Großer-Tiger.

„Wie ist etwa die Fortbewegung gediehen?“ fragte Christian.

Grünmantel lächelte sauersüß. „Recht gut“, sagte er, „ich hatte eine schwere Krankheit, aber sie ist im Schwinden.“

„Herr Grünmantel ist wiederhergestellt“, sagte Glück.

„Werden wir heute große Umwege machen?“ fragte Grünmantel.

„Mit den Umwegen ist es vorbei“, erwiderte Glück. „Wir müssen durch das Sandmeer von Yingen-Ossu fahren. Da gibt es keinen Ausweg und keinen Umweg. Wenn es gut geht, sind wir heute abend nicht weit von Edsin-Gol.

„Unter diesen Umständen“, erklärte Grünmantel, „werde ich den Wagen lenken. Sobald wir am Roten-Berg sind …“

„Schweig!“ rief Glück zornig.

Er rief so laut, daß das Wort vom Felsen Abder widerhallte und nach einer Weile von dem grauen Tafelberg zurückkam. Grünmantel schwieg betroffen.

215

Ein kalter Morgenwind wehte durch das Tal, das Feuer flackerte unruhig, und Grünmantel sagte: „Ich finde es albern, daß du den Aberglauben der Barbaren wichtig nimmst. Aber das ist deine Sache. Meine Sache wird es sein, bis Guch-Tologoi zu fahren.“

„Du nimmst dir viel vor“, entgegnete Glück; aber dann sagte er nichts mehr, kaute Hirse, und als alle mit dem Frühstück fertig waren, trieb er zur Eile.

Großer-Tiger und Christian bezogen ihre alten Plätze auf dem Wagen, und weil es kalt war, krochen sie in die Schlafsäcke. Sie hörten, wie Grünmantel sich an den Vorbereitungen zur Abfahrt beteiligte, wie er den Motor anwarf und wie Glück ihm mürrische Unterweisungen erteilte. Dann löste er die Bremsen und fuhr die Böschung zum Karawanenweg hinauf.

Es war kaum so hell geworden, daß man sehen konnte, wohin die Fahrt ging, doch das hinderte Grünmantel nicht, gleich auf hohe Touren zu gehen. As er die steinige Talsohle überquerte, hüpften die leeren und die halbleeren Eisenfässer; Christian und Großer-Tiger wurden hochgehoben, die Kannen rutschten von der Bordwand bis zur Mitte, wo sie an die Schlafsäcke stießen, und Christian sagte: „Es gibt keine Hilfe; au!“

Erst als der Wagen zu steigen begann, wurde die Geschwindigkeit von selber geringer. Bald hörten auch die Steine auf, und niedrige Dünen schoben sich bis an den Rand der Karawanenstraße. Das Verdeck lag ruhig auf den Federn, und als die Morgensonne über die Berge stieg, waren Christian und Großer-Tiger eingeschlafen.

Es war leicht für Grünmantel, zu fahren. Die frischen Maultierspuren wiesen den Weg, und Glück sagte anerkennend: „Hier ritt einer, der im Sandmeer zu Hause ist.“ Die Dünen und ihre Ausläufer waren geschickt umgangen, und der Sand lag nirgends so hoch wie bei Durben-Mot. Schon nach zwei Stunden erreichte Grünmantel den kleinen Brunnen von Yingen-Ossu, wo der Weg scharf nach Süden bog, bis er nach einer weiteren Stunde den Dünenbereich verließ. Dann ging es wieder nach Westen.

Grünmantel war sehr stolz. Er blickte Glück herausfordernd an; aber Glück tat, als ob gar nichts Besonderes geschehen wäre. Als auch nachher nichts geschah, hustete Grünmantel nachdrücklich und sagte: „Ich habe das Sandmeer durchquert.“

Glück hustete auch. „Der unnütze Bengel Langes-Leben“, erwiderte er, „hat durch kluge Führung alle Hemmnisse beseitigt. Man muß ihm dankbar sein, meinst du nicht auch?“

Grünmantel wurde rot vor Zorn, aber er schaute geradeaus, preßte die Lippen zusammen, und die Schnurrbartspitzen zitterten.

216

Als es Mittag wurde, hatte Grünmantel zwei Brunnen, die nicht weit voneinander lagen, passiert, und Glück erkannte, daß es möglich war, den Edsin-Gol zu erreichen, wenn sie zwei oder drei Stunden nach Dunkelheit weiterfuhren.

Beim nächsten Brunnen sagte Glück plötzlich: „Halt! Wir wollen einen Tee trinken.“

„Wozu das?“ fragte Grünmantel. „Gestern war ich krank, da dachtest du nicht an Tee.“

„Gestern ist nicht heute“, sagte Glück, griff nach der Bremse, und Grünmantel mußte sich wohl oder übel fügen.

„Wir trinken Tee“, rief Glück, „kommt herunter und bringt ein Stück Schafkäse mit!“

Großer-Tiger und Christian wurden jetzt ganz munter.

„Wir kommen!“ riefen sie.

Sie nahmen das Säckchen mit dem Schafkäse und sprangen vom Wagen. Glück machte ein Feuer aus Argal, und als der Tee kochte, setzten sich alle rund um das Feuer, kauten Käse, und Glück sagte: „Dieser Brunnen heißt Grüner-Bruch.“

Großer-Tiger und Christian schauten sich um, aber es gab nirgends etwas Grünes. Es gab nur ein steiniges Flußtag, aber keinen Fluß, und es gab angewehten Sand und eine weite graue Steinwüste mit wenigen Tamarisken. Zwei dürre Bäume standen in einiger Entfernung am Fuß eines Hügels, auf dem ein Obo zusammengetragen war.

„Als ich vor sieben Jahren“, sagte Glück gedehnt, und dabei fixierte er Grünmantel in einem fort, „hier vorüberritt, waren die Bäume grün.“

Dann schwieg er.

Grünmantel war nahe daran, zwei passende Worte wegen der sieben Jahre zu sagen, aber er unterließ es, als er merkte, daß Glück eine derartige Antwort erwartete.

„Jetzt sind die Bäume verdorrt“, sagte Christian, weil er gegen Glück zuvorkommend sein wollte und weil keiner sonst sprach.

„Das kommt von der würdelosen Zeit“, steuerte Großer-Tiger zu der Unterhaltung bei.

„Ja“, rief Glück, „das ist es! Die Menschen wandern jenseits der Lebensregel. — Ich habe hier“, sagte Glück und öffnete die Ledertasche, „eine Pistole. Eine schöne rote Seidentroddel hängt daran, und ich besaß viele Patronen. Allein was nützt das? Ein schamloser Dieb stahl sie mir.“

„Du warst eben unachtsam“, tadelte Grünmantel kalt.

„Meine Unachtsamkeit war sehr groß“, gab Glück zu, „ich vergaß die Vorsichtsmaßregeln, die man gegen Diebe anwenden muß.“

„Da bist du zu bedauern“, erwiderte Grünmantel hohnvoll.

217

„Nicht allzusehr“, sagte Glück und griff in die Rocktasche; „wer Freunde hat, ist nicht allein auf der Welt.“

Er öffnete die kleine Pappschachtel, die er von Langes-Leben bekommen hatte, nahm eine Patrone nach der andern heraus und füllte die Magazine vor aller Augen neu.

„Es ist dir doch nicht unangenehm?“ fragte er Grünmantel.

„Davon kann nicht gesprochen werden. Ich beglückwünsche dich.“

„Ich meinte ja nur“, sagte Glück, „weil du gestern dachtest, eine Pistole gehe im richtigen Augenblick nicht los. — Sieh da!“ rief Glück und tat verwundert: „eine Patrone ist übrig; sie war wohl im Lauf, und der Dieb hat sie nicht bemerkt. Es wäre schlimm für dich ausgegangen, wenn ich in Durben-Mot auf den Abzug gedrückt hätte.“

Während Glück so sprach, ließ er Grünmantel nicht aus den Augen. Aber Grünmantel wurde weder blaß noch rot. „Deine Rede war lang“, sagte er, „bist du zu Ende damit?“

„Ich bin zu Ende“, sagte Glück unsicher und steckte die Pistole ein.

„Dann wollen wir weiterfahren“, schlug Grünmantel vor, „es war ein unnötiger Aufenthalt.“

Glück suchte vergeblich nach einer Antwort.

„Weiterfahren!“ kommandierte Grünmantel, stapfte zum Wagen, kurbelte den Motor an und tat sehr selbstherrlich.

Während Glück den glühenden Ruß vom Teekessel schabte und während Christian das Eisengestell zum Wagen trug, sagte Großer-Tiger: „Der befehlende Herr möge mir eine Frage erlauben.“

„Du kannst fragen“, sagte Glück verdrießlich.

„Warum hat der befehlende Herr Glück die neuen Patronen hergezeigt?“

„Es kam mir so in den Sinn“, sagte Glück, „ich wollte das Gesicht sehen, das Grünmantel macht.“

„Sein Gesicht veränderte sich nicht“, bemerkte Großer-Tiger; „Grünmantel wird von jetzt an vorsichtig sein statt unvorsichtig. Mehr ist nicht erreicht worden.“

„Höre“, erwiderte Glück gereizt, „ich brauche deinen Ratschlag nicht, was besser sei oder schlechter, du bist ungezogen!“

„Ich bitte, mir weitherzig zu vergeben“, murmelte Großer-Tiger.

Tüt, tüt, tüt, machte Grünmantel, und das verbesserte die Laune Glücks nicht. Er stieg wortlos ein, und Großer-Tiger hatte kaum genug Zeit, auf den Wagen zu klettern. Christian zog ihn gerade noch zu sich hinauf.

Als sie oben zusammensaßen und zum Trost einige Honigbrotwürfel aus dem Sack langten, sagte Christian: „Glück ist ein Dummkopf.“

„Ich habe es ihm gesagt“, erwiderte Großer-Tiger.

218

„Das war nicht klaug“, sagte Christian, „nun haben wir beide gegen uns.“

„Ich bekenne, daß ich unbedacht war, Kwi-Schan.“

„Es ist nicht schlimm“, tröstete Christian geschwind; „sobald wir den Edsin-Gol erreichen, haben wir die Hälfte der Reise hinter uns. Jetzt sind wir sechs Tage unterwegs; noch einmal sechs oder sieben dazu, dann werden wir in Sinkiang sein.“

„Halt“, sagte Großer-Tiger, „es gibt etwas, was wir wissen sollten. Steht auf dem Landbild der Rote-Berg, von dem Grünmantel immer spricht, auch wenn Glück es nicht haben will?“

„Hier ist er“, rief Christian. „Wenn wir so weiterfahren wie bisher, werden wir den Roten-Berg sehen, bevor es dunkel wird.“

„Ich glaube nämlich“, sagte Großer-Tiger, „daß Glück einmal Mitglied einer ehrenwerten Gesellschaft war, die ihr Lager am Roten-Berg hatte.“

„Und Langes-Leben dazu!“ rief Christian.

„Und Grünmantel?“ fragte Großer-Tiger.

Christian zuckte die Achseln. „Wahrscheinlich war er etwas, was schlimmer ist als ein Rotbart sein.“

Grünmantel fuhr jetzt schon so sicher wie ein alter Lenker. Manchmal holperte der Wagen über Steine, aber das machte Grünmantel nichts aus; deswegen verminderte er die Geschwindigkeit nicht. Dann gab es wieder glatten Kies, und streckenweise fuhr der Wagen weich und federnd und hinterließ in dem Lößboden tiefe Radspuren. Soweit der Blick reichte, gab es Hügel und Höhenzüge ohne Namen und Herkunft. Sicher waren viele unter ihnen, die noch keines Menschen Fuß betreten hatte. Vielleicht waren es sogar die meisten, und wenn man sich vorstellte, daß dieses seltsame Land weiterlief und immer weiter und daß es nirgends einen anderen Anblick bot, konnte man Dinge wie Eisenbahn oder Briefkasten überhaupt nicht mehr denken. Nicht einmal mehr Haus oder Baum hatten einen Sinn. Nur das Grau der Steine blieb und der leuchtende Sand.

Am späten Nachmittag tauchte voraus eine hohe Bergpyramide auf. Sie war rot wie der Fels von Abder, und sie erschien um so gewaltiger, je näher man kam, denn der Weg senkte sich und führte in ein breites Tal, das am Fuß des Berges einen Kessel bildete. Hier war ein Brunnen mit gutem Wasser. Felsen und abfallende Vorberge schlossen sich zu einem Halbkreis, in dem die warme Luft stillestand. Der Lärm des Motors hallte von den Felsen wider, als Grünmantel langsam den Kessel ausfuhr. Er hätte das nicht unbedingt tun müssen, denn der Weg zeigte sich von weitem in einem Bergsattel, der gegen Süden einen bequemen Ausgang bot.

219

Christian stand auf, hob sich auf die Zehenspitzen und spähte über die Fässer durch das Fensterchen; aber er sah nur die gestickte Kappe Grünmantels und auf der rechten Seite den Mützenrand Glücks. Beide schauten verbissen geradeaus, als ob etwas furchtbar Interessantes auf dem Weg läge.

„Von einer Unterhaltung kann nicht gesprochen werden“, flüsterte Christian.

„Es ist ein unverdientes Glück“, sagte Großer-Tiger erleichtert, „wir müssen trachten, den Keil noch tiefer zu treiben.“

Als der Abend nahte, sah man den Roten-Berg längst nicht mehr. Grünmantel war gut gefahren. Der Weg lief über schwache Bodenwellen nach Südwesten, und die Sonne stand beim Untergang wie ein feuriges Tor mitten über der Karawanenstraße.

„Wir haben“, bemerkte Grünmantel, „einen unnötigen Aufenthalt gehabt, sonst wären wir jetzt in Guch-Tologoi. Wo bleiben wir zur Nacht?“

„Am Edsin-Gol“, sagte Glück.

„Willst du mir weismachen, daß wir an den Edsin-Gol gelangen?“

„Du nicht“, sagte Glück grob, „aber ich werde vor Mitternacht dort sein.“

„Freilich, freilich“, knurrte Grünmantel, „nun bin ich genug gefahren, ich glaube es sind sechshundert Li.“

„Es sind fünfhundertachtzig“, sagte Glück nach einem Blick auf den Tachometer. „Ich beglückwünsche dich zu einem gesunden Bein.“

„Es ist wieder schlimmer geworden, das spüre ich.“

„Dann laß das Fahren sein“, sagte Glück und langte nach der Bremse wie in Grüner-Bruch.

Als der Wagen hielt, stieg Glück aus. Er ließ sich von Christian eine Kanne Wasser geben, und nachdem er den Kühler gefüllt hatte, brachte er die leere Kanne zurück. „Zieht eure Pelzmäntel an“, sagte Glück, „wir fahren bis zum Edsin-Gol. Da werdet ihr ein Stückchen frieren, denn der Mond scheint kalt.“

„Wir freuen uns auf die Nachtfahrt!“ rief Christian.

„Ihr werdet“, gab Glück zurück, „bald mehr davon kriegen, als euch lieb ist.“

Dann stieg er ins Führerhaus und fuhr der untergegangenen Sonne nach. Die Dunkelheit brach rasch herein; der Mond gewann an Kraft, und lange Zeit sah man den Weg wie ein schmales Silberband. Erst als er zwischen runden Hügeln verschwand, schaltete Glück den Scheinwerfer ein. Von da an fuhr er langsamer.

„Er ist wieder freundlich zu uns“, sagte Christian.

„Er hat was vor“, sagte Großer-Tiger, „du wirst schon sehen.“

220

Es war windstill; die Sterne blinkten in großer Nähe. Der Mond schwamm mitten unter ihnen, und wenn er schon ein Vollmond gewesen wäre, hätte man nach einer Stunde die Bäume gesehen, die den Edsin-Gol durch die Wüste begleiten. Sie stehen dort nah beieinander, und manchmal versammeln sie sich zu richtigen kleinen Wäldern und Dschungeln. Weil es aber mehr dunkel als hell war, sah man die Bäume erst, als der Wagen hielt und der Mond in den Zweigen der hohen Schwarzpappeln hing.

Neunundzwanzigstes Kapitel
das schlecht beginnt und mit einem großen Schrecken endet

„He!“ rief Glück leise, „seid ihr wach, ihr zwei Mann Schlafmützen?“

„Wir sind wach!“ rief Christian.

„Wir sind munter wie Gelbe-Ziegen!“ rief Großer-Tiger.

„Leise!“ mahnte Glück, „Grünmantel schläft, da muß ich euch geschwind zwei Worte sagen.“

Großer-Tiger und Christian sprangen vom Wagen. Ringsum war lautlose Stille. Nicht einmal die Bäume rauschten; sie standen schweigend wie eine dunkle Mauer vor dem, was hinter ihnen lag, und es schien, als ob sie sich in endloser Kette von Norden nach Süden aneinanderreihten, um ein wichtiges Geheimnis zu verbergen. Von einem Fluß war nichts zu hören und nichts zu sehen.

„Wir sind da“, flüsterte Glück, „dies ist der Platz Ollon-Torre. Sobald ich die unachtsamen Hundesöhne gefunden habe, werde ich Grünmantel etwas fragen, und ihr sollt wissen, daß ihr dann den Mund halten müßt. Ihr dürft nicht einmal husten.“

„Wir werden tun, als ob wir nicht vorhanden wären“, versicherte Großer-Tiger.

„Wir werden weder husten und niesen noch sonst was sagen“, erklärte Christian.

„So ist es recht“, lobte Glück.

„Wer sind die ehrenwerten Hundesöhne?“ erkundigte sich Großer-Tiger.

„Du wirst sie gleich sehen“, versprach Glück; „geht wieder auf eure Plätze. Ich fahre jetzt eine Ehrenrunde.“

Damit ging Glück ins Führerhaus zurück, schlug die Türe krachend ins Schloß, damit Grünmantel erwachte, und fuhr mit Hupengeplärr an dem Waldstreifen entlang ein Stück nach Norden. Nachher machte er einen Bogen und kehrte an den alten Platz zurück. Als er hielt, trat hundert 221Schritte entfernt ein Soldat aus dem Gebüsch. Man sah gleich, daß es einer war, weil die goldenen Uniformknöpfe im Mondlicht glänzten. Der Soldat schritt langsam näher, damit er Zeit hatte, seinen Rock zu knöpfen.

„Schöne Wirtschaft!“ rief ihm Glück entgegen; „ihr solltet wachen, aber ihr schlaft! Wo hast du dein Gewehr?“

Der Soldat stand still, doch gab er vorsichtshalber keine Antwort.

„Mir scheint“, sagte Glück streng, „du hast keinen Mund zum Reden und kein Zungenende, um zwei Worte Entschuldigung hervorzubringen. Beeile dich und koche einen Topf voll Tee!“

„Ich gehorche“, rief der Soldat und lief davon, so schnell er konnte.

Glück stieg lachend aus, jedoch Grünmantel sagte: „Du kommandierst da herum wie eine hundertjährige Exzellenz. Etwas mehr Bescheidenheit würde dir wohl anstehen.“

Das war zuviel für Glück. Zudem kam gerade Christian herbei, der es auch gehört hatte.

„Andere Leute“, rief Glück empört, „hätten es nötiger, eine gewisse Demut an den Tag zu legen! Ich mache einen Spaß, wenn es mir gefällt, und ich mache Ernst, wenn es mir paßt! Darüber magst du einmal nachdenken.“

Als Glück so gesprochen hatte, entstand ein peinliches Schweigen.

„Hallo, Kwi-Schan!“ rief Großer-Tiger vom Wagen. „Ich gebe dir die Schlafsäcke herunter.“

„Ich komme“, sagte Christian; aber er stellte sich so, daß er immer ein wenig sehen konnte, womit Glück sich beschäftigte, und vor allem, was Grünmantel machte. Zunächst ging Glück, um eine Decke über die Motorhaube zu breiten, und Grünmantel blieb allein am Wagenschlag stehen. Offenbar war er unschlüssig, was es jetzt für ihn zu tun gebe. Nach einer Weile setzte er sich auf das Trittbrett, stützte den Kopf in die Hände und dachte sorgfältig nach. Manchmal hob er den Kopf zu den Sternen, dann senkte er ihn wieder. Endlich schien ihm etwas einzufallen. Er schaute sich vorsichtig nach Glück um, aber Glück war mit dem Motor beschäftigt. Da stand Grünmantel auf, öffnete die Wagentür, und Christian hörte, wie er den Sitz hob und ein wenig herumkramte. Dann schloß er die Tür wieder, räusperte sich, damit Glück aufmerksam wurde, und sagte: „Durch einen Unfall, von dem ich nicht reden möchte, habe ich ein schweres Leiden davongetragen. Mein Bein ist von der übermäßigen Nachtfahrt geschwollen. Da will ich mich niederlegen. Haben die Menschen hier ein Zelt?“

„Schau nach“, rief Glück, „wo der Palast steht! Wir kommen gleich.“

Grünmantel stapfte hinkend unter den Bäumen entlang und verschwand im Gebüsch. Kurz darauf kam Glück um den Wagen herum, 222nahm das Säckchen mit dem Reis unter den Arm und fragte: „Seid ihr fertig?“

Christian und Großer-Tiger sagten: „Wir sind fertig, befehlender Herr! Gibt es noch etwas zu besorgen?“

„Heute nicht mehr“, sagte Glück. „Aber halt einmal: Wir wollen einen gemütlichen Abend haben. Ich möchte sehen, was Grünmantel für Gesichter schneidet, wenn ich ihn zum Teufel jage.“

Er nahm die Laterne vom Wagen, zündete sie an, und dann marschierten alle drei zu dem Gebüsch, aus dem der Soldat gekommen war. Dort gab es einen Pfad, der schon nach wenigen Schritten auf einen freien Platz führte, wo ein Zelt stand. Nicht weit davon war unter den überhängenden Zweigen eines Baumes ein vierkantiger Klotz errichtet, der mit Zeltbahnen verhängt war.

„Ene ju beino?“ fragte Großer-Tiger leise.

„Das sind Benzinkanister“, erklärte Glück, „morgen werden wir tanken.“

In dem offenstehenden Zelt brannte ein Feuer, der Teekessel dampfte, Grünmantel lag der Länge nach auf dem besten Platz im Hintergrund und ließ sich von zwei Soldaten bedienen, die er bereits über alles aufgeklärt hatte. „Ihr müßt mir die Decke besser unter das Knie schieben“, sagte er, „ich bin schwer verletzt. — Au weh!“ rief er, „ihr seid ungeschickte Tölpel. Morgen werde ich keinen Schritt gehen können. Mein Bein ist wie ein abgestorbener Ast oder beinah so.“

„Dann bleibst du eben hier“, sagte Glück und trat ein. „Ist der Tee fertig?“

Die beiden Soldaten stießen sich an, und der eine, der vorhin keine zwei Worte herausgebracht hatte, sagte: „Du sprichst hochtönende Worte wie ein alter Dschinilali. Findest du nicht auch, Schlangenfrühling, daß er angibt?“

„Ja“, sagte Schlangenfrühling unverschämt, „das finde ich auch.“

„Da will ich“, setzte ihnen Glück auseinander, „euch auf andere Gedanken bringen.“ Er zog ein Papier aus der Tasche. „Ich bin“, sagte Glück vornehm, „der Beauftragte des Großen Generals Wu, und ich werde ihm melden, ob seinem Siegel die nötige Achtung erwiesen wurde.“

Dabei hob er die Laterne hoch, und das Licht fiel auf das Papier mit der Anweisung und dem großen, zinnoberroten Siegel des Generals Wu-Pei-Fu.

„Lies du“, sagte Schlangenfrühling scheu, „ich habe damit nichts zu tun.“

Der andere Soldat ergriff das Papier mit beiden Händen, und auf einmal war er gar nicht mehr anmaßend. Er verneigte sich, wie sich das 223gehörte, vor dem roten Siegel, dann sagte er: „Vergebt meine Unwissenheit, Alter! Ich sehe, daß Euer Platz unter der Ratshalle des Generals Wu ist. Gebietet über uns, damit wir erfahren, womit wir Euch dienen können.“

Da merkte Glück, daß es mit der Kunst des Lesens bei keinem der beiden weit her war, und er sagte gnädig: „Ihr braucht nicht ‚Herr unter der Ratshalle‘ oder ‚Ehrwürdiger Wagen‘ zu mir sagen; aber ihr sollt wissen, daß ich Benzin brauche, und dieses ist die Anweisung Seiner Exzellenz.“

„Darf ich“, mischte sich Schlangenfrühling ein, „das Schreiben auch betrachten?“

„Er kann nämlich Zahlen lesen“, erklärte der zweite Soldat.

„Du darfst es“, bewilligte Glück, „obgleich du vorhin sagtest, daß du nichts damit zu tun hast.“

„Hier steht vierzig“, verkündete Schlangenfrühling stolz.

„Es heißt hier“, sagte Glück mit Nachdruck, „vierzig Kanister Benzin und mehr. Merke dir das!“

„Ich bemerkte es“, sagte Schlangenfrühling. „Nimm bitte Platz. Der Tee ist fertig.“

„Bohnen-Nudeln haben wir auch“, sagte der andere Soldat eifrig; „es ist eine geringe Speise, und ich wage kaum, sie anzubieten.“

„Bring sie immerhin“, sagte Glück, „meine jüngeren Brüder Großer-Tiger und Kompaß-Berg essen Bohnennudeln mit Vorliebe.“

„Ich heiße Ungemach“, sagte der Soldat, „und ich werde vom ‚besten Gemüse‘ dazutun.“ Er griff nach einem Säckchen, das unter dem Zeltdach an der Tragstange hing, und langte einige Zwiebeln heraus. Während Tee getrunken wurde, setzte Ungemach die langen, gallertartigen Bohnennudeln aufs Feuer, schnitt Zwiebeln hinein, und Schlangenfrühling sagte: „Du hast da einen schönen Ring, Großer-Tiger, der zu meinem Namen passen würde. Verkaufst du ihn?“

„Der Ring“, begann Großer-Tiger, und beinah hätte er gesagt: „gehört nicht mir“. Aber er besann sich rechtzeitig. „Der Ring“, begann er noch einmal stockend …

„Du merkst, daß er ihn nicht verkaufen kann“, fiel ihm Glück ins Wort. „Er hat ihn nämlich von seinem Großvater gekriegt, damit der Name Großer-Tiger ein bißchen gemindert wird.“

„Meine Eltern haben das gleich bei der Namensgebung besorgt“, sagte Schlangenfrühling selbstgefällig, „aber der da …“

„Halte den Mund!“ rief Ungemach, „es ist müßig, darüber zu reden.“

„Reden schafft Erleichterung“, gab Glück zu bedenken.

„Mag sein“, murmelte Ungemach und rührte die Nudeln mit einem Stecken um. Dann sagte er: „Nun bin ich mit dem Zwiebelschneiden 224und mit dem Umrühren fertig. Da will ich euch sagen, was Schlangenfrühling meint: Mein Vater und mein Großvater trugen glänzende Namen. Aber was nützt das? Mein Großvater hieß Reichtumsherr, und seine kalte Hütte stand nicht weit von Labrang. Er hinterließ meinem Vater nichts weiter als den schönen Namen Herbstfreude. Allein Herbstfreude hatte zu allen Jahreszeiten Kummer. Da beschloß er, mich Ungemach zu nennen. ‚Vielleicht zieht dieser Name das Glück herbei‘, sagte er zu meiner Mutter. Aber bis jetzt half das nichts. Schon seit einem halben Jahr sitze ich mit diesem da unter den Barbaren der Wüste.“

„So seid ihr nur zu zweit?“ fragte Glück.

„Wir sind zu zweit“, bestätigte Ungemach, „und es ist ein Elend; manchmal vertragen wir uns, dann sprechen wir miteinander, aber wenn wir gestritten haben, reden wir nicht.“

„Da solltest du dabei sein!“ rief Schlangenfrühling; „ich kann stumm sein wie ein Karpfen, und ich gebe ihm nie das erste Wort.“

„Weil du ein eingebildeter Tropf bist“, schalt Ungemach.

„Sch!“ machte Glück, „ihr solltet friedlich sein. Wir wollen uns lieber was erzählen.“

„Das ist es ja“, seufzte Ungemach, „wir haben uns zehnmal erzählt, was es zu erzählen gibt, und wir haben zwanzigmal über das gesprochen, was sich sagen läßt. Nun gibt es nichts mehr, was des Redens wert wäre, und so streiten wir oft.“

„Ihr werdet euch eines Tages totschlagen“, prophezeite Glück, „wenn es der Uralte-Herr nicht vorher besorgt.“

„Vor dem sind wir sicher“, behauptete Schlangenfrühling; „der Uralte-Herr und unser General Feng lassen einander in Frieden, weil einer den andern fürchtet. Darum genügt es auch, daß wir beide hier Wache halten. Wir müssen nicht groß aufpassen, denn die Mongolen brauchen kein Benzin; und des Nachts schlafen wir ruhig, denn dazu ist die Nacht gemacht.“

„Kennt ihr Langes-Leben?“ fragte Glück.

„Wir kennen ihn“, antwortete Ungemach.

„Er gehört zu den Soldaten des Gouverneurs“, sagte Schlangenfrühling verächtlich, „der Uralte-Herr hat sie verdroschen.“

„Sei froh, daß du nicht dabei warst“, entgegnete Glück ernst.

Da schwieg Schlangenfrühling, und Grünmantel im Hintergrund seufzte.

„Mein Bein!“ jammerte er, „ich glaube, es geht mit mir zu Ende.“

„Wenn der Höllenkönig bestimmt hat, daß einer stirbt“, tröstete Glück, „läßt er ihn nicht erst Auto fahren. Wir werden morgen vormittag die Fässer mit Benzin füllen, am Nachmittag fahren wir dann.“

„Bemühe dich nicht“, bat Ungemach, „Schlangenfrühling und ich 225werden alle Arbeit verrichten. Ihr habt eine weite Reise gemacht und solltet euch ausruhen.“

„Wie steht es mit dem Fluß?“ fragte Glück.

„Keine Beunruhigung deswegen“, erwiderte Ungemach, „der Edsin-Gol ist zur Zeit ganz klein.“

„Ich habe gehört“, warf Schlangenfrühling ein, „daß sie in Maumu heute oder morgen die Dämme aufmachen wollen; ihr müßt euch eilen.“

„Nichts da!“ rief Ungemach, „die Frühjahrsbestellung hat noch nicht begonnen. Es dauert mindestens vier Wochen, bis das Wasser steigt. Ihr könnt ruhig einen Tag oder zwei hier bleiben, ihr seid unsere geehrten Gäste.“

„Darf ich mein Landbild holen?“ fragte Christian, „ich möchte wissen, wo dieser Ort liegt.“

„Meinetwegen, hole es“, sagte Glück, „du kannst die Laterne mitnehmen.“

Als Christian das Gebüsch verließ und zu dem ruhig wartenden Wagen ging, hatte er aber ganz andere Dinge im Kopf als das Südliche-Blatt oder die ferne Stadt Maumu. Er achtete auch nicht auf den Mond. — Wie gut, dachte er, daß Glück mir erlaubt hat, die Laterne mitzunehmen! Er ging rasch, und die letzten Schritte hüpfte er vor Vergnügen, so sicher war er seiner Sache. Zuerst stieg er auf das Trittbrett und drückte sachte die Türklinke des Führerstandes herunter. Sie schnappte auf. Den kleinen Knacks, den es dabei gab, konnte man unmöglich im Zelt hören. Dann nahm er die Laterne hoch, hob den Sitz Grünmantels empor und leuchtete in den Kasten darunter. Da gab es vielerlei Schraubenschlüssel, Hämmer, Zangen und, durch ein Brett abgeteilt, einige Lebensmittel: Zwiebeln, getrockneten Lauch, Bohnen, zwei Säckchen Mehl, und das alles kramte Christian eilig durcheinander. Aber er fand nicht, was er suchte.

Ich hielt ihn für dumm und mich für schlau, dachte Christian beschämt, stellte die Laterne nieder und rückte den Rahmen mit der gefederten Polsterung wieder an seinen Ort. Aber, überlegte er, irgend etwas muß Grünmantel versteckt haben, als er hier so vorsichtig herumhantierte. Ich muß sorgfältig nachdenken. Und er setzte sich auf den mit schwarzem Leder bezogenen Sitz. Die Sprungfedern ächzten, und dabei fiel Christian ein, daß er etwas vergessen hatte. Er wurde so aufgeregt, daß er nicht mehr stillsitzen konnte. Flugs hob er den Deckel mit der Polsterung noch einmal hoch und leuchtete unter die Sprungfedern, die trichterförmige Spiralen bildeten. Da sah er — ach, es war wirklich aufregend, denn da sah er, daß in eine der Spiralen ein kleines weißes Päckchen eingezwängt war. Es lag darin wie in einer Tüte. Christian zerrte es heraus und hielt einen zusammengedrehten Leinwandfetzen in der Hand, der 226mit einem Stückchen Schnur abgebunden war. In dem primitiven Säckchen waren Patronen, das spürte Christian gleich. Deshalb nahm er sich nicht lange Zeit, den Inhalt nachzuprüfen. Er steckte das Säckchen in die Hosentasche, schob den Sitz auf den Kasten und verließ das Führerhaus. Die Tür schloß er so leise, wie er sie geöffnet hatte; dann kletterte er auf den Wagen und holte die Ledermappe.

Als Christian ins Zelt zurückkehrte, war er überaus fröhlich. Am liebsten hätte er gesungen und gepfiffen. Aber das durfte er nicht.

Es ging auch nicht, daß er das Leinwandsäckchen Glück in den Schoß warf und „Unverhoffter Reichtum hat sich eingestellt“ dazu sagte. So bezwang er sich und hing die Laterne an die Zeltstange. Dabei sah ihm Großer-Tiger aufmerksam ins Gesicht, und weil er wahrnahm, daß etwas los war, blinzelte er ein wenig mehr als nötig, und das hieß: Sei besonnen! und: Mach keine Dummheiten!

„Du hast uns lange im Dunkeln sitzen lassen“, tadelte Glück.

„Nicht so lange wie beim Prinzen Gi“, warf Großer-Tiger geschwind ein.

„Wie war es bei dem?“ fragte Glück.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Schlangenfrühling, „und ich will es gar nicht wissen.“

„Erzähle“, bat Ungemach, „wir erfahren so wenig von dem, was in der Welt geschieht.“

„Es ist nicht jetzt passiert“, setzte Großer-Tiger auseinander, „es ist einige Jahre her, etwa dreitausend, glaube ich.“

„Ist das eine Geschichte deines Großvaters?“ erkundigte sich Glück.

„Der befehlende Herr hat recht“, gab Großer-Tiger zu.

„Dummes Zeug“, knurrte Grünmantel und gähnte laut.

„Du brauchst ja nicht zuhören“, sagte Glück, „wenn die Nudeln gekocht sind, werden wir dich wecken.“

„Erzähle“, bat Ungemach noch einmal, „was vor dreitausend Jahren war.“

„Damals“, begann Großer-Tiger, „lebte der Mensch Dschou-Sin, der besser gestorben wäre.“

„So einer wie du etwa“, höhnte Glück und grinste Grünmantel ins Gesicht.

„Dieser Mensch“, fuhr Großer-Tiger unbeirrt fort, „war ein Herrscher im Staate Wei; aber er war böse, und man nannte ihn Kleiner-Tyrann. Am Hof des Dschou-Sin lebte sein Vetter, und das war der Prinz Gi. Weil er ein Verwandter von Kleiner-Tyrann war, konnte er den Hof nicht verlassen, sonst hätte man ihn umgebracht. Es herrschte aber eine allgemeine Verfinsterung im Staate Wei, und niemand durfte ein Lied singen, und man konnte kein bißchen vergnügt sein. Prinz Gi mußte 227seine gute Gesinnung verbergen, und als das nichts mehr nützte, stellte er sich wahnsinnig. Aber die Finsternis erhob ihr Haupt noch mehr, denn nun sagte Kleiner-Tyrann: ‚Mein Vetter ist wahnsinnig geworden, er taugt nicht mehr.‘ ‚Wozu‘, sagte Kleiner-Tyrann, ‚soll ein wahnsinniger Vetter noch gut sein?‘ Also packte man den Prinzen Gi und reihte ihn in das Heer der Sklaven ein, die bei Kleiner-Tyrann niedrige Arbeiten verrichten mußten. Allein der Prinz ließ sich nicht irremachen; seine Beharrlichkeit war groß, und sie überdauerte den Sturz des Kleinen-Tyrannen. — Hieraus sieht man“, schloß Großer-Tiger, „daß das Licht nicht zum Aufhören gebracht werden kann, auch wenn es zeitweilig verfinstert wird.“

„Man hätte Kleiner-Tyrann totschießen sollen“, sagte Ungemach zornig und rührte die Nudeln um.

„Du bist ein Dummkopf!“ rief Schlangenfrühling; „ich sage es immer, daß du ein Depp bist. Vor dreitausend Jahren — und totschießen!“ Schlangenfrühling lachte laut.

„Ach was!“ sagte Glück, „es gibt zu allen Zeiten Leute, die man besser täte totzuschießen, ganz ohne Patronen, nur so, verstehst du?“

„Nein“, sagte Ungemach, „das verstehen wir nicht. Aber die Nudeln sind fertig.“

„Grünmantel!“ rief Glück; „he, Grünmantel! Schläfst du?“

„Ich schlafe nicht“, sagte Grünmantel, „ich habe Hunger.“

Da teilte Ungemach die Nudeln aus, und dann aßen alle vier, bis sie satt waren; und weil Ungemach viele Nudeln gekocht hatte, aßen Großer-Tiger und Christian viele Portionen.

„Bevor wir schlafen“, sagte Glück, „will ich euch erklären, wie das ist mit dem ‚ohne Patronen totschießen‘.“ Und er erzählte den Soldaten Ungemach und Schlangenfrühling, wie man ihm in Weißer-Stein die Patronen gestohlen habe und daß es ein unerhörter und schamloser Diebstahl gewesen sei. Allein der gewissenlose Dieb habe eine Patrone vergessen, und in Durben-Mot …

„Du tust“, unterbrach ihn Grünmantel entrüstet, „als ob ich der Dieb wäre. Das ist eine Beleidigung!“

„Kann man dich überhaupt beleidigen?“ fragte Glück.

„Habt ihr es gehört?“ schrie Grünmantel; „er will mein Gesicht schwarz machen! Ich verlange, daß mein Rock durchsucht wird und alles, was ich an mir trage!“

„Wozu dieser Radau?“ sagte Glück, plötzlich unsicher geworden; „du weißt, ich habe es nicht so gemeint.“

„Aber ich meine es so!“ schrie Grünmantel, „und ich verlange es!“

„Mach keinen Lärm“, sagte Glück eingeschüchtert, „ich kann Geschrei nicht vertragen.“

228

„Die Herren Soldaten sind meine Zeugen, daß du mich beleidigt hast!“

„Es hörte sich so an“, sagte Schlangenfrühling, „eine Beleidigung hat stattgefunden.“

„Davon habe ich nichts bemerkt“, erklärte Ungemach, „der Herr Glück sprach von einem unbekannten Stück Dieb und nicht von dem Herrn, der Grünmantel heißt. Sein Name wurde nicht erwähnt.“

„Da hast du's“, sagte Glück, „dein Name ist nicht geschwärzt worden.“

„Ein wenig grau ist er angelaufen“, warf Schlangenfrühling streitsüchtig ein; „ganz klar ist die Sache jedenfalls nicht.“

„Ei ja!“ rief Grünmantel, „so ist es. Man muß ja traurig sein. Warum stößt mir ein solches Unglück zu, verdächtigt zu werden wie ein Verbrecher?“

„Da!“ und er warf seinen Mantel Glück vor die Füße, „schau nach, wo deine Patronen sind, du Ehrabschneider und Schlechtschwätzer!“

„Man muß der Exzellenz den Gefallen tun“, sagte Schlangenfrühling; „Seine Hoheit hat ein Recht darauf.“ Nacheinander warf ihm Grünmantel alles zu, was er anhatte. „Da!“ rief er bei jedem Stück, und … „Halt einmal!“ rief er, „so geht das nicht! Zuerst muß Glück untersuchen! Er hat mich beleidigt.“

„Ich finde, der ehrenwerte Herr Grünmantel hat recht“, bestätigte Schlangenfrühling und schob Glück das ganze Zeug zu.

Glück ermannte sich.

„Wenn es schon sein muß“, sagte er, „dann aber auch richtig.“ Und er machte sich daran, jedes Stück sorgfältig abzutasten.

Christian rutschte unruhig hin und her. Er schaute auf Großer-Tiger, aber Großer-Tiger saß still und geistesabwesend neben ihm, schleckte die Silberschale sauber und tat, als ob er eben erst auf die Welt gekommen wäre.

Was soll ich tun? dachte Christian. Dann fiel ihm ein, daß Glück verboten hatte, zu reden, und selbst das Husten hatte Glück untersagt. Christian versuchte näher an Großer-Tiger zu rücken, aber Großer-Tiger blickte ihn abweisend an. Da fiel Christian in lautlose Verzweiflung, weil es nirgends etwas Aufrichtendes gab, und er beschloß, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

„Nichts“, sagte Glück, „ich habe nichts gefunden.“

„Es ist eine Beschämung eingetreten“, sagte Schlangenfrühling frech.

Er gab Grünmantel die Kleidungsstücke mit einer Verneigung zurück, und Grünmantel nahm sie hoheitsvoll entgegen. „Mein Bein!“ jammerte er, „ich werde mein Leben lang diese Krankheit herumschleppen müssen.“

„Wir wollen schlafen“, sagte Glück wütend.

229

„Bitte, auf diesem Platz“, bat Ungemach, und er breitete für Glück auf der linken Seite einige Filzdecken aus.

„Danke“, knurrte Glück, deckte sich mit dem Mantel zu und drehte sich auf die Seite. Als auch Grünmantel und Großer-Tiger in den Schlafsäcken lagen, löschte Ungemach das Licht. Grünmantel ächzte einige Male, und Schlangenfrühling fragte teilnehmend: „Tut es sehr weh, Exzellenz?“

„Ich bin gewohnt zu leiden“, seufzte Grünmantel.

Es dauerte aber nicht lange, da begann er zu schnarchen, und Christian wartete, bis auch die Soldaten schliefen. Er wartete lange, aber immer wieder regte sich einer. Darüber fielen Christian die Augen zu, und er erwachte nicht eher, als bis die Morgensonne durch die Zeltwände schien.

Während Ungemach das Frühstück besorgte und Glück den Motor reinigte, gingen Großer-Tiger und Christian auf Erkundigung.

Anders und allen Erwartungen entgegen, die sich Christian und Großer-Tiger während der Nacht zurechtgelegt hatten, sah die Gegend aus. Sie war nicht prunkvoll, aber sie war so, wie man sich in stillen Stunden wünscht, irgendwo aufzuwachen, wo es einfach hergeht, wo ernste Bäume stehen und Hügel mit rundem Rücken den Blick begrenzen. Gleich hinter dem Zelt floß ein Wässerchen, und das war der Goitzin-Gol. Er war der östliche Nebenarm des großen Flusses Edsin-Gol, aber er schlich als ein armseliges Rinnsal dahin; man brauchte nur einen Schritt zu machen, da war man am andern Ufer. Dort gab es ein paar Büsche, und hinter den Büschen erhob sich, so steil es der Sand nur irgend zuließ, eine gewaltige Düne. Über ihr strahlte blauer Himmel.

„Ich habe nicht gewußt, daß es hier ein Stück Wüste gibt“, sagte Christian.

„Das Sandmeer ist gewaltig“, gab Großer-Tiger zu bedenken, und er begann die Düne hinaufzuklettern. Christian folgte ihm; aber sie kamen, im Sande watend und immer wieder abrutschend, nur bis zur halben Höhe.

Da sahen sie das schmale Band des Goitzin-Gol, wie es sich hart am Rand der Dünen nach Norden schlängelte. An seinem Ufer stand das verstreute Heer der Schwarzpappeln und Mehlbeerbäume wie treue und furchtlose Wächter. Die Bäume und der Goitzin-Gol gehörten sehr nah zusammen, denn keiner verließ den andern. Nach Sonnenaufgang dehnte sich die graue Kieswüste, die Glück während der Nacht durchquert hatte, und dann gab es nur noch eine Unzahl ferner Hügel.

„Ich muß dir was sagen“, begann Christian langsam; „du brauchst aber nicht aufgeregt werden, ich habe nämlich was.“

„Laß sehen“, sagte Großer-Tiger.

230

„Ich kam“, berichtete Christian, „in der Nacht an den Wagen und sah mich ein wenig um. Wegen Grünmantel, verstehst du! Unter seinem Sitz fand ich diesen zugebundenen Leinwandfetzen. Jetzt wollen wir ihn öffnen.“

„Kwi-Schan“, sagte Großer-Tiger, „es sind dreiundzwanzig Patronen darin. Wollen wir wetten?“

„Man kann nicht wetten, wenn man das gleiche meint.“

Sie setzten sich in den Sand. Christian öffnete den Knoten und schüttete die Patronen in die aufgehaltenen Hände von Großer-Tiger. Es waren dreiundzwanzig.

„Hätte ich“, fragte Christian, „zwei Worte sagen sollen? Ich meine ja nur, Glück tat mir leid.“

„Er braucht dir nicht leid tun“, entschied Großer-Tiger, „du schwiegst zur rechten Zeit. Damit hast du Unheil und Durcheinander verhütet.“

„Aber wenn Glück uns fragt“, meinte Christian bedenklich, „was sollen wir ihm antworten?“

„Hamma-guä!“ sagte Großer-Tiger lachend, „Glück wird uns heute nicht fragen und morgen nicht gleich. Er war viel zu sehr beschämt, weil er mit den neuen Patronen prahlte und dadurch alles verdorben hat. Also wird eine gewisse Zeit vergehen, und wenn er dann fragt, werden wir sagen: ‚Der befehlende Herr wünschte, daß wir schweigen. Nicht einmal husten durften wir. Deshalb waren wir stumm wie die Goldfische im Behälter, denn wir sind folgsame Jungen.‘ — Du siehst“, fügte Großer-Tiger hinzu, „es ist alles zum Besten gediehen.“

Christian war nicht ganz überzeugt. Er blickte zum Zelt hinab, aus dem der Soldat Ungemach ins Freie trat, die Hände an den Mund legte und …

„Tschö-Fan!“ rief er laut, „Essen! essen!“

„Wir kommen!“ antwortete Großer-Tiger von oben.

Ungemach blickte verwundert empor. Als er Großer-Tiger und Christian im Sand sitzen sah, lachte er freundlich und rief: „Die ‚Früher geborenen Herrn‘ werden dringend zum Frühstück gebeten.“

Christian drückte Großer-Tiger den Leinwandfetzen in die Hand. „Wickle die Patronen ein“, sagte er leise, „und behalte sie; du kennst die Zeit der richtigen Verwendung.“

„Ich danke für dein Vertrauen, Kwi-Schan. Wenn es aber trotzdem schiefgeht?“

„Dann ist eben keine Hilfe.“

Großer-Tiger knotete die Leinwand zusammen, steckte das Päckchen ein, und dann rutschten sie den Hang hinunter. Bevor sie in das Zelt traten, leerten sie erst einmal die Schuhe aus, die voll Sand waren, und Großer-Tiger sagte:

231

„Kwi-Schan, du mußt die Nasenlöcher aufsperren, dann merkst du was.“

„Au, fein!“ rief Christian, „Ungemach hat gebacken!“

„Komm schnell!“ mahnte Großer-Tiger; „wenn es etwas Gutes gibt, hat Grünmantel einen gewaltigen Appetit.“

Im Zelt waren alle versammelt, tranken Tee und aßen die guten Gerstenmehlfladen, die Ungemach in schwimmendem Hammeltalg gebacken hatte. Grünmantel kaute eifrig. Glück verharrte einsilbig auf dem erhöhten Sitz, den ihm Ungemach aus Filzdecken bereitet hatte. Er nahm auch kaum etwas. Schlangenfrühling schaute boshaft triumphierend auf die beiden Gegner. Sie würdigten sich keines Blickes, und gesprochen wurde auch nicht viel.

„Iß“, bat Ungemach.

„Deine Güte ist groß“, antwortete Glück; mehr sagte er nicht.

„Wir rochen“, gab Christian bekannt, „die Herrlichkeiten deiner Bratpfanne von weitem.“

„Sie duften“, ergänzte Großer-Tiger, „wie die Weidenblüten des Frühlings für hungrige Bienen.“

„Da müßt ihr ordentlich zulangen“, sagte Ungemach geschmeichelt, und er legte Christian und Großer-Tiger gleich vier Fladen auf die dampfende Teeschale.

Grünmantel räusperte sich unwillig, aber Ungemach achtete nicht darauf. „Was haben die Herren vor?“ fragte er.

„Herr Grünmantel wünscht einen Tag auszuruhen“, verkündete Schlangenfrühling. „Das verletzte Bein ist hochrot und geschwollen wie eine Tempelsäule.“

„Wir fahren in einer Stunde“, bestimmte Glück, „vorher wollen wir tanken.“

„Schlangenfrühling und ich“, sagte Ungemach, „bitten nochmals um die Gnade, diese Arbeit verrichten zu dürfen. Wir wissen, wie so was gemacht wird. Der befehlende Herr möge sich derweil kräftigen.“

Glück schüttelte den Kopf; aber dann besann er sich. „Wie weit ist es von hier zum Närin-Gol?“ fragte er.

„Nicht ganz eine Stunde“, wurde ihm geantwortet.

„Zu Fuß oder zu Pferd?“

„Wir haben keine Pferde“, sagte Schlangenfrühling schnell.

„Das heißt“, verbesserte Ungemach, „wir haben welche; aber sie sind nicht hier. Wir gaben sie einem Mann in Pflege, der Naidang heißt. Er wohnt am Närin-Gol. Dort gibt es Gras, das Pferde fressen können, und Futterbohnen bekommen wir geliefert.“

„Dann“, sagte Glück, „ist dieser Naidang wohl ein verläßlicher Mann?“

232

„Er ist ein braves Stück Mensch“, erklärte Ungemach.

„Na, na!“ warf Schlangenfrühling ein und hob den Zeigefinger: „man sagt, er stehe mit dem Uralten-Herrn in Verbindung.“

„Wenn ein Pferdewechsel vorkommt“, gab Ungemach zu, „gehen die Herren Rotbärte zu ihm. Aber“, sagte Ungemach, „wer wollte sich dem widersetzen?“

„Freilich, freilich“, ließ sich Grünmantel vernehmen, „der Lehrer spricht nicht gegen den Lehrer, der Lump nicht gegen den Gauner. Man sollte diesen Gesetzesbrechern allesamt den Kopf abhacken!“

„Seine Exzellenz spricht wie ein weiser Richter der Vorzeit“, rief Schlangenfrühling.

Glück wollte zornig erwidern, daß Grünmantel der letzte sei, der es notwendig habe, andern Leuten den Kopf abzuhacken, aber Großer-Tiger kam ihm zuvor. „Wenn der befehlende Herr erlaubt“, sagte er, „dann möchten Kompaß-Berg und ich den Mann Naidang besuchen und mit ihm zwei Worte reden. Wir haben ihm Grüße zu bestellen.“

Schlangenfrühling pfiff durch die Zähne, als wollte er sagen: „Aha, solche seid ihr!“ Doch Ungemach fuhr ihm über den Mund.

„Pfeifen ist ungehörig“, sagte Ungemach; „die jungen Herren können in längstens zwei Stunden wieder zurück sein. Naidang wohnt einen halben Li nördlich des Karawanenwegs. Man sieht seine Jurte von weitem, weil sie unter zwei hohen Bäumen steht.“

„Ich gehe mit euch“, sagte Glück, „ich will diesen Burschen Naidang kennenlernen.“

„Inzwischen werden wir die Fässer füllen“, versprach Ungemach. „Bitte, benützt für den Rückweg unsere Pferde. Ich bin sicher, daß Naidang euch ein drittes leihen wird.“

„Bolna!“ rief Christian fröhlich.

„Hast du das Buch?“ fragte Großer-Tiger leise.

Christian nickte, nahm die Ledermappe unter den Arm, und dann sagte er: „Wir sind bereit, befehlender Herr.“

„Wir gehen“, sprach Glück, „ich werde euch den Wagen bis vor das Buschwerk fahren, da habt ihr nur ein paar Schritte. Aber vierzig Kannen, hört ihr! Es können auch fünfzig sein. Ein weiter Weg liegt vor uns.“

„Wir werden die Fässer füllen und den Rest aufladen“, versicherte Ungemach.

„Darf ich euch begleiten?“ fragte Schlangenfrühling plötzlich bescheiden; „wenn der Herr es erlaubt, möchte ich den Wagen bis vor das Gebüsch fahren.“

„Du kannst fahren?“ fragte Glück erstaunt.

„Ich bin schon in einem Wagen, der von selber geht, gesessen.“

233

„Sitzen ist eine Sache, und Fahren ist eine andere“, sagte Glück lachend. „Iß deine Gerstenfladen und trinke Tee!“

Damit verließ er das Zelt, und Großer-Tiger und Christian stapften hinter ihm drein. Es gab noch einen kleinen Aufenthalt, bis Glück den Motor angeworfen und den Wagen bis zu den Büschen gefahren hatte, wo der Pfad mündete. Dann machten die drei sich auf den Weg.

Zuerst war Glück noch ein bißchen mürrisch; aber seine schlechte Laune verlor sich bald, denn die frühe Sonne machte das Wandern zur Freude. Der Weg war hier breit ausgetreten und führte ohne Windungen geradeaus nach Westen.

Das komme, sagte Glück, von der hundertjährigen Erfahrung, die die alten Karawanenführer den nachfolgenden vererbten. So fänden sie mit der Zeit den gangbarsten Pfad.

Die Sandwüste, die anfangs hart an den Weg grenzte, zog sich nach einem Li gegen Norden zurück. Von da an gab es auf beiden Seiten Buschwerk und Wiesen, wo das mannshohe Derresgras in dichten Büscheln wuchs. Schwarzpappeln und Weiden mit unwahrscheinlich dicken Stämmen standen dazwischen wie große Herren. Sie ertrugen das Geschrei und das Geflatter von langgeschwänzten Elstern in unanfechtbarer Würde.

„Sehr schlechte Vögel“, tadelte Glück, und er warf einem davonfliegenden Schwarm einen Stein nach.

„Sie haben aber nichts getan“, sagte Christian.

„Sie tun was“, beschuldigte sie Glück: „Im Winter setzen sich die Elstern frech auf den Rücken der Kamele und fressen die dicken Läuse.“

Das sei ein verdienstliches Werk, bemerkte Großer-Tiger.

„Dagegen sage ich nichts“, erwiderte Glück; „aber diese verkommenen Vögel begnügen sich nicht mit Läusen; sie hacken den Kamelen zum Dank für die genossene Gastfreundschaft in den Rücken und in die Fetthöcker, fressen das lebende Fleisch, und die armen Kamele können sich nicht einmal wehren. Die Elster ist ein abscheulicher Vogel mit schlechten Eigenschaften.“

„Gibt es hier nur Elstern?“ fragte Christian.

„Nein“, antwortete Glück, „es gibt viele andere Vögel. Jetzt sind am Edsin-Gol die Vögel der vier Himmelsstriche und der zehntausend Arten versammelt. Sie kommen aus dem warmen Süden und ziehen nach Norden. Wohin, das weiß kein Mensch. Heute abend wirst du sie erblicken.“

„Aber heute abend sind wir doch weit fort und längst nicht mehr hier?“

„Ach was, das sagte ich nur so, damit Grünmantel einen kleinen Ärger hat. Ich habe euch einen Tag Rast versprochen, und dabei bleibt es.“

234

„Ich freue mich!“ rief Christian.

In den Derreswiesen standen dichte Baumgruppen, und schließlich wurde ein Wald daraus, der mit dem wilden Unterholz wie ein Stück Urwald aussah. Wenigstens stellte sich Christian vor, daß ein Urwald so sei. Schlinggewächse, dick wie Taue, hingen von Baum zu Baum, und immergrüner Efeu kletterte daran empor. Ein Elsternschwarm fiel lärmend in das dürre Astwerk einer Pappel, die sich altersmüde über den Pfad neigte.

„Die haben was“, sagte Glück.

Er blieb stehen und schaute den erregten Elstern zu. Sie hüpften in den obersten Ästen der Krone auf und nieder und schimpften laut.

„Was gibt es, befehlender Herr?“ fragte Großer-Tiger. Aber Glück gab keine Antwort, denn es raschelte im Gebüsch, und ein prächtiger Fasan mit zwei Hennen überquerte den Weg.

„Berghühner!“ wollte Großer-Tiger rufen; aber er kam nicht dazu, weil sich von dem untersten Ast der Pappel ein dunkelgeflecktes Tier löste und mit einem Satz dem Fasan auf den Rücken sprang. Der Fasan schrie durchdringend, doch der Schrei brach ab, denn die Wildkatze biß ihm das Genick durch. Da schlug er noch ein paarmal jämmerlich mit den Flügeln, die Hennen flohen in das nahe Gesträuch, und die Wildkatze richtete sich auf.

„Ha!“ schrie Glück, „zu Hilfe! Räuber! Mörder!“, und er rannte, so schnell er konnte, zu der Stelle des Überfalls. Dabei fuchtelte er wild mit den Armen, und Christian und Großer-Tiger rannten hinter ihm drein und fuchtelten auch.

Die Wildkatze krümmte den Rücken, als sie Glück kommen sah. Sie fauchte und sträubte die Haare, aber dann ließ sie ihre Beute fahren und krallte am Stamm der Pappel hinauf, erst wie der Blitz, dann langsamer, und schließlich hing sie in einer Gabelung, preßte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und blickte böse auf Glück. Die Elstern machten ein großes Geschrei, flogen auf und suchten das Weite.

„Du da oben“, rief Glück, und er schüttelte die geballten Fäuste, „schämst du dich nicht, brave Personen ums Leben zu bringen? Ich werde die große Amtshandlung an dir vollziehen.“

Er öffnete die Pistolentasche, nahm die Pistole mit der roten Seidentroddel heraus und hob sie schußgerecht von unten nach oben. Die Wildkatze rührte sich nicht. Entweder hatte sie keine Ahnung, was Glück mit ihr vorhatte, oder sie war bereit zu sterben.

„Ich habe dich gewarnt“, rief Glück, und dann drückte er los.

Es gab einen fürchterlichen Knall. Trotzdem fiel die Wildkatze nicht vom Baum. Statt ihrer kam ein dürrer Ast herunter. Christian bückte sich, damit Glück nicht sah, wie er sich das Lachen verkniff, und Großer-Tiger 235sprach: „Man muß den Übeltäter begnadigen, er hat einen furchtbaren Schreck erlebt.“

„Meinst du?“ fragte Glück und schaute zweifelnd zu der Wildkatze hinauf, die den geringelten Schweif zornig gegen den Stamm schlug. „Das schlechte Tier muß bestraft werden“, sagte Glück entschlossen, steckte die Pistole ein und hob den toten Fasan auf. „Dieses Berghuhn kommt in unsern Kochtopf.“

„An einer Bereicherung durch unheilvolle Ereignisse haftet kein Makel“, sagte Großer-Tiger.

„Dein Großvater hat recht“, lobte Glück, „er ist ein verständiger Mann.“

„Wenn der befehlende Herr erlaubt …“, sagte Großer-Tiger, nahm den Fasan an den Flügeln, und dann setzten sie den unterbrochenen Marsch fort.

Schon nach wenigen Schritten ging der Wald wieder zu Ende. Eine baumlose Ebene mit vereinzeltem Buschwerk gab den Blick für ein kurzes Stück frei. Man sah weidende Kamele und beim Näherkommen auch Schafe und einige Antilopen, die friedlich zusammen ästen. Als sie die Wanderer bemerkten, hoben die Antilopen die Köpfe und flohen.

Am Wegrand saß ein Mädchen, und ein mächtiger schwarzer Pudel saß neben ihr.

Er knurrte, aber das Mädchen hielt ihn an der Mähne fest, sagte: „Sso! sso!“ und gab ihm einen wohlgemeinten Klaps. Da wurde er friedlich.

Glück hatte noch nie einen Pudel gesehen, und Großer-Tiger und Christian auch nicht.

„Ist das ein Hund?“ fragte Glück.

„Es ist ein Hund“, antwortete das Mädchen, lachte und zeigte zwei Reihen schöner weißer Zähne. „Ein tibetischer Bettel-Lama hat ihn mir geschenkt. Da war er noch klein; aber jetzt ist er groß und gescheit.“

„Sein Urahne muß ein Löwe gewesen sein“, rühmte Glück und betrachtete die langen schwarzen Locken, die das Gesicht des Pudels bedeckten und an Brust und Bauch beinah auf der Erde schleiften.

„Hat er Augen?“ fragte Glück.

„Man sieht sie nur, wenn es regnet“, antwortete das Mädchen. „Habt ihr einen guten Weg gehabt?“ Dabei schaute sie schalkhaft und ein wenig geringschätzig auf die Schuhe von Glück.

„Wir haben einen guten Weg gehabt“, erklärte Glück stolz, „denn wir fahren in einem Wagen, der von selber geht. Jetzt steht er am Goitzin-Gol und ruht sich aus.“

„Ich habe diesen Wagen heute nacht brüllen gehört. Fährt er auf der Erde oder in der Luft?“

236

„Er fährt auf der Erde“, sagte Glück verblüfft.

„Dann ist es ein gewöhnlicher Wagen; so einen habe ich schon gesehen. Ich wünschte, du hättest einen mitgebracht, der durch die Wolken fährt.“

„Du bist anspruchsvoll“, sagte Glück verdrießlich.

„Verzeih!“ bat das Mädchen; sie blickte Glück unschuldig in die Augen und lachte wieder. „Ich bin neugierig, und das ist schlecht von mir. Ich weiß es. Bitte sag meinem Vater nicht, daß ich geschwatzt habe.“

„Woher“, fragte Glück, „weißt du, daß ich zu deinem Vater will?“

„Aber das ist doch immer so. Alle Fremden, die an den Edsin-Gol kommen, suchen ihn auf. Die Soldaten gehen zu ihm, und die Herren Rotbärte beehren sein Zelt.“

„Wie heißt er denn, dein Vater?“

„Die Leute nennen ihn den Bilderbogen, und ich nenne ihn Vater.“

„Dann ist er nicht der Richtige; ich suche einen, der Naidang heißt.“

„Er ist es!“ rief das Mädchen vergnügt; „ich wußte es ja. Dort drüben zwischen den beiden dicken Bäumen steht unser Zelt. Du kannst den Karawanenweg entlanggehen bis zum Fluß, dann siehst du den Pfad, der zu ihm führt. Aber du bist schneller dort, wenn du quer hinübergehst. Meine Antilopen hast du so schon verscheucht, die kommen heute nicht mehr.“

„Ich hätte ihnen aber nichts getan“, versicherte Glück.

„Und der arme Vogel da, hat er dir was Böses zugefügt?“

„Eine Wildkatze hat ihn getötet“, entschuldigte sich Glück; „ich kam zu spät, ihm das Leben zu retten.“

„Da hast du wohl die Wildkatze totgemacht“, sagte das Mädchen nachdenklich, „ich habe deinen Schuß gehört.“

„Ich habe sie bestraft“, gab Glück zu; aber dann sprach er geschwind von etwas anderem. „Sage mir, wie du heißt“, fragte er, „damit ich es erfahre.“

„Ich heiße Siebenstern.“

Glück sagte, das sei ein wohlklingender Name, und dann stellte er nacheinander Großer-Tiger, Christian und sich selber vor. Er vergaß auch nicht zu sagen, daß der General Wu ihn an den Edsin-Gol geschickt habe, aber von Grünmantel sprach er nicht.

„Verstehen deine jüngeren Brüder auch Mongolisch?“ fragte Siebenstern.

„Einige Worte fehlen ihnen noch.“

„Die werde ich sie lehren“, versprach Siebenstern, „ich bin eine gute Lehrmeisterin.“

„Leider sind wir in Eile“, sagte Glück; „wir wollen jetzt deinen Vater aufsuchen, und morgen reisen wir weiter.“

237

„Tinger metne!“ sagte Siebenstern.

Da verabschiedete sich Glück, und Großer-Tiger und Christian verneigten sich vor Siebenstern. Dann schlugen sie die Richtung auf die zwei hohen Bäume ein.

„Was hat sie gesagt?“ fragte Großer-Tiger.

„Sie hat ‚Der Himmel weiß es‘ gesagt“, erwiderte Glück, „das sagen die Mongolen immer, wenn einer eine Reise vorhat. Es hat nichts zu bedeuten.“

Großer-Tiger wollte etwas von dem unerforschlichen Ratschluß des Himmels hinzufügen, aber er bedachte sich anders, als er sah, daß Glück die Stirn runzelte und anfing, große Schritte zu machen.

Bald ging er weit voraus, und Christian und Großer-Tiger sahen nur den Kopf mit der runden Mütze über das Derresgras herausschauen. Die Halme standen höher als ein Roggenfeld vor der Ernte, denn sie wuchsen dichtgedrängt auf runden Inseln, die weit über dem sandigen Boden lagen. Zwischen ihnen mußte Glück sich durchwinden, den Blick geradeaus auf die Baumwipfel gerichtet. Als das Derresgras aufhörte, wurde der Boden fest, und es gab kurzes Steppengras, das zaghaft anfing grün zu werden. Jetzt hatte man eine freie Sicht auf die Baumreihe, aus der die beiden dicken rostroten Stämme ragten, zwischen denen die Jurte Naidangs stand. Einige Pferde, die wegen der kurzgehobbelten Beine nicht weit laufen konnten, grasten in der Nähe. Den Fluß hinunter gab es noch mehr Pferde, und Christian sah auch zwei Rinder, die im Schatten einer Weide standen, ohne sich zu rühren.

Glück wartete auf Christian und Großer-Tiger, damit sie gemeinsam bei der Jurte einträfen. Aber da kam ihnen Naidang schon entgegen. Er war gar nicht so würdig, wie Christian sich den Mann vorgestellt hatte, dessen Name man in tausend Zelten kannte. Weder an seiner Gestalt noch an der bescheidenen Kleidung war etwas Auffallendes. Wenn aber viele Mongolen schon in jungen Jahren die ledergegerbte runzlige Gesichtshaut der Alten haben, so hatte Naidang ein übriges abgekriegt. Sein Gesicht war von tiefen Pockennarben bedeckt, die kein einziges Barthaar und nicht einmal die Augenbrauen verschont hatten. Eine Schönheit war Naidang nicht. Aber er schritt seinen Besuchern mit freundlichem Lächeln entgegen, als ob sie alte Bekannte wären. Er zog, kaum daß er vor ihnen stand, die Schnupftabaksflasche zur Begrüßung aus dem Gürtel.

Es gab einen langen Austausch von Höflichkeiten, denn Naidang besaß weltmännische Umgangsformen. Er erkundigte sich nicht nur nach dem Wohlbefinden und nach dem Viehstand, er sagte auch: „Habt ihr nicht kalt? Seid ihr müde? Zittert ihr am Ende? Plagt euch etwa sonst ein Unbehagen?“

238

Als Glück geziemend alles verneint hatte, war die Reihe an ihm, nach dem geschätzten Alter Naidangs zu fragen. Da merkte man sofort, daß Naidang auch im Verkehr mit Chinesen bewandert war und wußte, was sich gehörte.

„Ich habe dreiundfünfzig Jahre nutzlos vergeudet“, bedauerte er.

„Wie viele ehrenvolle Söhne hast du?“ fragte Glück liebenswürdig.

„Zwei unnütze Bengel belästigen mich.“

„Ich habe deine liliengleiche Tochter erblickt.“

„Das Frauenzimmer ist leider nicht das einzige; ich habe eine zweite Tochter, die ich in eine heruntergekommene Familie verheiratet habe.“

„Von dem Wohlstand dieser Familie vernahm ich in Weißer-Stein Wunderdinge“, log Glück.

„Ihr kommt von Weißer-Stein?“ rief Naidang erfreut; „bitte tretet ein.“ Er beeilte sich, seine Gäste zu der Jurte zu führen. Vor dem Eingang blieb er stehen, und nach einigem Sträuben ging Glück voran.

„Ich bin unwürdig“, murmelte Christian und stolperte hinter Glück über die Schwelle. Großer-Tiger legte den erbeuteten Fasan neben die Jurtentüre, und als letzter folgte Naidang.

Naidang bewohnte eine alte, aber große und sehr saubere Jurte. Die Truhe gegenüber dem Eingang war glänzend braun und mit Messingkanten beschlagen. Auf ihr stand eine mit blauen Haddaks behängte Buddhafigur, und daneben standen vier silberne Lämpchen. Die Feuerstelle war gefegt, die Sitzkissen lagen bereit, der eiserne Kessel stand auf dem Dreibein, und ein Feuerchen brannte auch.

„Ich sah euch kommen“, sprach Naidang. „Das Zu-Fuß-Gehen ist eine beschwerliche Art des Reisens.“

„Gewöhnlich fahren wir mit einem Wagen, der von selber geht“, sagte Glück obenhin, und dann machte er Großer-Tiger und Christian bekannt, und Naidang sagte: „Etwas nordchinesische Sprache spreche ich auch. Früher“, fügte er entschuldigend hinzu, „machte ich nämlich weite Reisen, da kann man nicht umhin, von allem ein wenig zu lernen.“

Das sei großartig, sagte Glück, und er forderte Christian und Großer-Tiger auf, sich an der Unterhaltung zu beteiligen.

„Es ziemt uns nicht“, widersprach Großer-Tiger, „in die Gespräche von Leuten hohen Alters hineinzureden.“

„Hamma-guä“, rief Naidang, „da gibt es keine Hinderung. Wir wollen uns kennenlernen.“

„Wir sind beauftragt“, begann Christian, „Grüße und Wünsche für langes Leben von Bator zu sagen, von seinem Vater Dogolon und von seiner Mutter, der Etsch. Sie sind von Weißer-Stein aufgebrochen, weil es ihnen dort nicht mehr gefiel, und sie haben alle Schafe verkauft, aber Kamele haben sie keine verloren.“

239

„War das“, fragte Naidang vorsichtig, „ein friedlicher Vorgang, oder fand ein plötzlicher Aufbruch statt?“

„Es war ein Aufbruch, der nicht lange währte“, gab Christian zu.

„Wenn man es recht betrachtet“, sagte Großer-Tiger, „dauerte er nur zwei Stunden.“

„Vielleicht“, forschte Naidang, „waren Yamen-Büttel aus Kalgan unterwegs, oder es kam ein Kaufmann gegangen, der Verwirrung brachte. Es gibt solche Leute“, sagte Naidang.

„Davon wissen wir nichts“, warf Glück rasch ein, „wir sind heute hier und morgen dort, da kümmern wir uns nicht um die Angelegenheiten der Menschen. Wir richten aus, was man uns aufträgt, ohne was dazuzutun oder wegzulassen.“

Großer-Tiger und Christian senkten die Köpfe, und Großer-Tiger sagte leise: „Es gibt noch eine Nachricht.“

„Wir reisten durch das Schnell-Schwarzwasser-Tal“, begann Christian, „dort trafen wir einen Mann, der Mateh heißt. Wir sprachen zwei Worte mit ihm, und da gab er uns dieses hier.“

Christian öffnete die Ledertasche und nahm das kleine Buch mit beiden Händen heraus. Als Naidang es sah, fuhr er zusammen, aber es war nur für einen Augenblick. Dann saß er ruhig auf seinem Platz wie vorher, und Christian verneigte sich. „Dieses Buch“, sagte er, „sendet dir Mateh, der es von dem Mann Nicht-gibt-es-nicht erhielt, als er starb.“

Während Christian das sagte, griff Naidang hinter sich, angelte nach der Fellmütze, die er abgelegt hatte, und setzte sie wieder auf den fast kahlen Schädel. Dann nahm er das Buch in Empfang.

„Die Wildgans“, rief Naidang, „flog den Wolken zu, dabei verlor sie eine Feder.“ Er berührte das Buch mit der Stirn und legte es dann auf die Truhe vor die Buddhafigur.

„Erzählt mir“, bat Naidang, „was ihr von Nicht-gibt-es-nicht wißt, als er lebte, und von dem, was es gab, als er gestorben war.“

„Du sollst alles erfahren“, versprach Glück, und dann begann er kleinlaut zu erzählen, als ob er dabeigewesen wäre, wie der Sturm losbrach, und wie Nicht-gibt-es-nicht das Blatt des heiligen Baumes in den Nachtwind warf, und wie dabei ein Blatt des Buches mit davonflog. „Aber“, sagte Glück, „man soll Geschriebenem nicht nachtrauern.“ Er erzählte auch von der Bestattung.

Als Glück zu Ende war, liefen Naidang die Tränen über das zerfurchte Gesicht. Alle schwiegen. Der Rauch schwebte empor, und der Holzdeckel auf dem Kessel begann kleine Sprünge zu machen.

„Wir wollen Tee trinken“, sagte Naidang, „wischte sich mit dem Ärmel die Tränen fort und fing an, mit rührender Geschäftigkeit die Hausfrau zu spielen. „Sie ist“, erklärte er, „mit meinem ersten Sohn und 240mit den Kamelen zur Frühjahrsweide in die Nojen-Bogdo-Berge gezogen. Ich habe nur sieben alte Kamele hier behalten, die Schafe und meine schwatzhafte Tochter. Mein zweiter Sohn ist im Dienst des Wang.“

„So bist du allein?“ fragte Glück.

„Ich bitte euch trotzdem meine Gäste zu sein“, rief Naidang erschrocken, „es wird euch nichts mangeln.“ Er verdoppelte seine Emsigkeit, warf in jede Teeschale ein Klümpchen Butter und versprach, ein gutes Essen zu bereiten. — „Wenn ich nur wüßte“, murmelte er …; „ach, es ist traurig, wenn man es nicht weiß.“ Mehr sagte er aber nicht, und Glück hütete sich, nach der Ursache des Kummers zu fragen.

Als alle die dampfende Teeschale vor sich stehen hatten, sagte Naidang: „Ihr habt mir das Buch von Nicht-gibt-es-nicht gebracht, das auch mein Buch ist. Da will ich euch erklären, was es damit für eine Bewandtnis hat.“

„Wir harren der Belehrung“, sagte Glück und machte ein interessiertes Gesicht.

„Ihr wißt“, begann Naidang, „daß der Edsin-Gol früher woanders floß. Das alte Flußbett ist nicht weit von hier, aber jetzt ist es versandet, und man erkennt es kaum mehr. Dort sind die Ruinen einer großen Stadt, die man Chara-Choto, die Schwarze-Stadt nennt. Manche sagen auch die Tote-Stadt, aber das ist dasselbe. Man sieht nur noch die mächtigen Stadtmauern und die Öffnungen, wo die Tore waren. Im Innern gibt es nichts als Sand und Scherben und ein paar Schutthügel.“

„Ich sah Chara-Choto vor sieben Jahren“, sagte Glück, „die Schwarze-Stadt ist ein Anblick zum Angstkriegen.“

„Man kann dort leicht das Fürchten lernen“, bestätigte Naidang. „Aber Nicht-gibt-es-nicht war unerschrocken. Er sagte zu mir: ‚Ich will die Dinge dieser Welt kennenlernen; komm mit mir‘ — gerade als ob es eine Freude wäre, in den Rachen des Todes zu blicken. Wir sattelten also, und wir erreichten die Schwarze-Stadt am späten Nachmittag. Da wir schon einmal da waren, krochen wir überall herum, und in der Mitte, wo vielleicht der Yamen gestanden hatte, stieß ich mit dem Stiefel gegen ein paar Ziegel. Sie fielen zusammen, und darunter öffnete sich ein Loch. In dem Loch lag ein Haufen kleiner Stäbchen, und auf die Stäbchen war mit alter Schrift etwas geschrieben. Das konnten wir nicht lesen.

‚Gibt es hier ein Ding‘, rief Nicht-gibt-es-nicht laut, ‚das an seinem Platz bleiben muß?‘

Er wartete eine Weile und horchte nach rechts und nach links, aber die Steine und die Scherben gaben keine Antwort. Da nickte Nicht-gibt-es-nicht zufrieden. Er band die Stäbchen zusammen, steckte sie ein, und ich bewunderte seine Furchtlosigkeit.

241

‚Man muß wissen‘, sagte Nicht-gibt-es-nicht, ‚was die Menschen vor alters gedacht haben.‘

Später versuchte er bei gelehrten Lamas zu erfahren, was auf den Stäbchen stand, aber die Lamas sagten: ‚Wir wissen es nicht; es sind die Schriftzeichen der alten chinesischen Weisen.‘ Nicht-gibt-es-nicht bedankte sich für ihre Mühe und ging. Zu mir sagte er: ‚Diese Lamas sind alberne Nichtswisser; ihre Lehrer haben vergessen, ihnen mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht zu treten.‘“

Als Christian das hörte, stieß er Großer-Tiger heimlich an, und beide mußten lachen. Naidang lachte auch; aber nachher meinte er ernsthaft: „Ungelehrige Schüler muß man ordentlich verdreschen, sonst bleiben sie ohne Kenntnisse. Da ist keine Hilfe.“

„Wir wissen es“, sagte Großer-Tiger.

„Wir haben Erfahrung in dieser Sache“, sagte Christian.

„Und dann“, bat Glück, den die Schrift der Alten nun doch beschäftigte, „was war dann?“

„Dann ließ Nicht-gibt-es-nicht die Stäbchen bei mir liegen und ritt fort. Als er zwei Jahre später wieder an den Edsin-Gol kam, um meine Tochter zu holen, sagte er: ‚Ich habe einen gefunden, der die Schrift der alten Weisen zu lesen vermag. Es ist der Vetter des Sunit-Wang, und er sagt, dies seien Bambusstäbe, auf die man schrieb, als es noch kein Papier gab, und ich solle sie ihm bringen.‘ Also nahm Nicht-gibt-es-nicht außer meiner Tochter auch die Bambusstäbchen mit, und ich gab ihm ein Buch, das ich besaß. In dem Buch waren viele leere Blätter und …“

„Was ist das?“ rief Glück und sprang auf.

„Die Himmelstrommel schlägt“, rief Naidang bestürzt, „jemand hat eine große Sünde begangen.“

„Ha!“ schrie Glück, „es gibt Halunken, und ich kenne sie!“

Damit stürzte er zur Jurtentür hinaus, und seine Teeschale fiel um. Auf dem sauber gefegten Feuerplatz gab es einen großen nassen Fleck.

Dreißigstes Kapitel
von dem, was in Ollon-Torre passierte

Es donnerte. Wahrhaftig, es donnerte ganz in der Nähe, und Großer-Tiger und Christian kannten diesen Donner.

„Wir bitten um weitherzige Vergebung für schlechtes Benehmen“, sagte Großer-Tiger geschwind; aber da war er auch schon halb unter der Türe, und gleich darauf stand er neben Christian draußen unter den Bäumen. Naidang kam eilends hinterdrein, und Glück sah man den Pfad, entlang der Baumreihe, nach Süden rennen.

242

„Da!“ rief Christian und deutete auf eine Staubwolke, die sich über die Derreswiese wälzte, „da fährt er!“

„Ist das euer Wagen?“ fragte Naidang.

„Es war unser Wagen“, sagte Großer-Tiger trocken; „jetzt sitzt ein andrer drin, und es gibt keine Hilfe.“

Christian nahm Großer-Tiger am Rock und wollte Glück nachlaufen, doch Großer-Tiger hielt ihn zurück. „Die Kuh ist zum Stall hinaus“, sagte er ruhig.

„Das kann nicht sein“, rief Christian. Aber er blieb stehen, als er sah, daß die Staubwolke auf den Baumgürtel zueilte und ihn erreichte.

Jetzt hörte man auch das wütende Bellen eines Hundes, und mitten hinein fielen zwei Schüsse. Sie klangen dünn, und der Lärm des Motors verschluckte den Nachhall vollends.

„Das war Glück“, erklärte Großer-Tiger.

Ein langsam ansteigendes Gebrüll folgte, und Christian erkannte, daß der Wagen eine schwierige Stelle passierte, denn es wurde geschaltet. Dabei krachten noch einmal zwei Schüsse, denen diesmal zwei andere antworteten, die sich wie Donner von Baum zu Baum fortpflanzten.

„Das war Schlangenfrühling“, erklärte Großer-Tiger.

„So ein Hundesohn!“ knirschte Christian, und dann wurde es ruhig. Das Motorgeräusch verebbte.

„Wir müssen nach Glück sehen!“ rief Christian; und jetzt lief Großer-Tiger sofort mit ihm. Von der Jurte führte ein deutlich erkennbarer Pfad an dem Waldstreifen entlang. Die Zweige der Büsche schlugen Christian ins Gesicht; aber er lief, stürzte über eine Baumwurzel, sprang wieder auf, und Großer-Tiger holte ihn ein.

„Nichts“, rief Christian, „es ist nichts!“ Und beide rannten weiter. Endlich sahen sie Glück, der neben einer Weide am Rand des Karawanenwegs saß, wo es eine steile Böschung hinunterging. Unten sah man Wasser blinken. Der schwarze Pudel war auch da, bellte und winselte, und Siebenstern kam barfuß gelaufen.

Christian vergaß jede Zuvorkommenheit. „Bist du verwundet?“ rief er atemlos von weitem; aber Glück schüttelte den Kopf. Er starrte abwechselnd auf die tiefen Radspuren in der Böschung, die sich weiterhin im Flußsand des Närin-Gol verloren, und auf die Staubfahne, die am andern Ufer in der Luft hing.

Da standen sie nun alle und schnauften.

Der Närin-Gol war immerhin ein Fluß. Sein Wasser reichte zwar an der tiefsten Stelle kaum bis zum Knie, und von einer Strömung merkte man auch nicht viel; aber er war gut zehn Meter breit, und man sah an den steilen Ufern, daß er zuzeiten Hochwasser führen mochte. Die Furt der Karawanenstraße war noch um ein Stück breiter, und die Uferböschung 243schien an beiden Seiten künstlich eingeebnet. Trotzdem war sie für einen beladenen Lastwagen steil genug. Das Profil der Reifen hatte sich in den feuchten Grund eingepreßt, die Vormittagsonne schien hell darauf, und die traurige Versammlung blickte auf das Fischgrätenmuster im Sand.

Keiner sagte was, bis Naidang des Weges kam. Er stampfte durch die Büsche, und als er sah, daß es keine Verletzten und keine Toten gab, sagte er streng zu Siebenstern: „Wo hast du deine Stiefel gelassen?“

„Ich habe sie ausgezogen, Vater“, entschuldigte sich Siebenstern, „es pressierte so.“

Glück wandte den Kopf. „Du solltest“, sagte er zu Naidang, „lieber fragen, wo ich meinen Wagen gelassen habe.“

„Wenn du es durchaus willst“, sagte Naidang und hockte sich neben Glück in die Kniehocke. „Also! Wo hast du deinen Wagen gelassen?“

„Er ist futsch“, setzte ihm Glück auseinander, „er ist so futsch, daß es nirgends und auf gar keine Weise eine Hilfe gibt, ihn wiederzukriegen. Aber“, schrie Glück plötzlich, „es gibt Gauner und Spitzbuben, es gibt Halunken und Mörder, und die werde ich wiederkriegen.“

„Tinger metne!“ sagte Naidang bedächtig.

„Du hast recht“, rief Glück, „der Himmel weiß es, aber ich weiß es auch. Hört mich, ihr Hunde und Hundesöhne: Jetzt wird Glück hinter euch her sein.“ Er sprang auf und ballte die Fäuste in die Richtung, wo es längst keinen Wagen und keinen Staub mehr zu sehen gab. Als Glück so schrie, kam der Pudel aus dem Wasser gesprungen, stellte sich gegen ihn und knurrte. Da ließ Glück die Arme sinken und lächelte hilflos.

„Ich ließ mich hinreißen“, sagte er kleinlaut, „euch mit überflüssigen Worten zu belästigen. Entschuldigt bitte.“

„Hamma-guä“, erwiderte Naidang, „wir hören gerne zu.“

Da war Glück erst recht beschämt, und Großer-Tiger fragte schnell: „Wer saß in dem Wagen, in dem wir bisher zu fahren die Ehre hatten?“

„Wer anders als die Rotbärte Ungemach und Schlangenfrühling. Schlangenfrühling schoß sogar auf mich.“

„Der befehlende Herr hat auch geschossen“, gab Großer-Tiger zu bedenken.

„Schießen ist mein gutes Recht“, verteidigte sich Glück, „außerdem waren die Kerle weit weg. Ich sah aber, wie Schlangenfrühling auf mich anlegte. Im Wagen war das Seitenfenster zerbrochen, es muß ein Kampf stattgefunden haben.“

„Ich gehe vier Pferde satteln“, schlug Naidang vor, „wir wollen sehen, was die Kerle übriggelassen haben.“

244

„Sie ließen“, sagte Glück verdrossen, „einen halblahmen Kaufmann übrig, wenn sie ihn nicht totgeschlagen haben.“

„So habt ihr noch einen Begleiter?“ erkundigte sich Naidang.

„Er kann nicht sehr gut gehen“, sagte Glück, „darum blieb er in Ollon-Torre sitzen.“

„Wir werden sehen“, tröstete Naidang, „wie es ihm ergangen ist.“

Er schritt voran auf dem Pfad nach der Jurte. Siebenstern verschwand mit dem Pudel zwischen den wogenden Derreshalmen, und Christian nahm Großer-Tiger beiseite: „Ich hätte nicht gedacht“, sagte er, „daß Ungemach ein solcher Rotbart wäre.“

„Man sieht von den Menschen nur die Haut und nicht, was darunter ist“, belehrte ihn Großer-Tiger.

Dann gingen sie Glück und Naidang nach und sprachen nicht viel miteinander. Jeder dachte daran, was jetzt werden solle, aber darauf gab es keine Antwort.

Als Christian und Großer-Tiger vor der Jurte ankamen, saß Naidang schon auf einem Pferd, und dann holte er nacheinander drei andere dazu. Er band sie mit dem Halfter an die Leine, die zwischen den zwei Baumstämmen in Manneshöhe gespannt war. Christian wollte beim Satteln helfen, aber Naidang sagte: „Laß es sein. Die Pferde ertragen deinen Geruch nicht, denn es sind mongolische Pferde. Sie werden nach dir schlagen. Kannst du reiten?“

„Ich kann reiten“, sagte Christian. Aber sein Selbstvertrauen schwand, als er in die wilden Augen der Pferde blickte, denen der Schopf in die Stirn fiel. Sobald Christian in die Nähe kam, peitschten die Schweife den Boden, und die Aufgeregtesten begannen auszukeilen.

So was nennen die Leute in Peking ein Pony, dachte Christian, und er stellte sich neben Großer-Tiger, der mehr aus der Ferne zusah, wie Naidang die Sättel auflegte. Dabei war es noch ein Glück, daß die Soldaten Ungemach und Schlangenfrühling ihr ganzes Reitzeug dagelassen hatten, denn Naidang selbst besaß nur zwei Sättel für sich und einen für Siebenstern. „Jabonah!“ rief Naidang, als er fertig war.

„Jabonah!“ antwortete Glück fröhlich, und kein Mensch hätte gedacht, daß er ein Fahrer sei, der vor zehn Minuten sein Auto verloren hatte. „Was machen wir mit Kompaß-Berg“, fragte Glück, „er hat einen fremden Geruch.“

„Kompaß-Berg sagt, daß er reiten kann“, erwiderte Naidang, aber es klang nicht sehr überzeugt. Dann verteilte er vier Daschiors, und Glück sagte zu Christian: „Von einem Kamel fallen ist nicht schlimm, von einem Pferd fallen ist schlimmer, aber das gefährlichste ist, wenn wer von einem Esel fällt. Du hast also Aussicht, am Leben zu bleiben, denn das Pferd steht in der Mitte der Gefahren.“

245

„Trotzdem“, meinte Naidang, „muß man vorsichtig sein.“ Er ging in die Jurte, holte einen kurzen Riemen, und dann wählte er einen grauen Eisenschimmel, den er einige Male im Kreis führte. Nachher zog er den Riemen durch die Halfter, hielt damit den Kopf des Pferdes nieder und befahl Christian, den Fuß in das mächtige Steigeisen zu setzen.

„Sobald du oben bist“, belehrte ihn Naidang, „mußt du die Zügel kurz fassen und … ja“, sagte Naidang, „dann geht es eben los.“

Der Schimmel schnaubte, als Christian an seine Seite trat. Er machte kurze aufgeregte Trippelschrittchen und drehte sich weg, wenn Christian nach dem Sattel greifen wollte.

„So geht es nicht“, rief Glück aus sicherer Entfernung.

„Sei mutig und flink“, flüsterte Naidang und hielt den Steigbügel fest.

Da sprang Christian entschlossen hinein. Mit einem Satz war er im Sattel, griff nach dem Zügel, und Naidang ließ los, denn der Grauschimmel, dr sich vorne gehemmt fühlte, warf die Hinterhand mit gestreckten Beinen in die Luft. Aber Christian wußte, was er zu machen hatte. Es gelang ihm zwar nicht, sich nach hinten zu werfen, und noch weniger vermochte er den Rücken zu steifen, was Tom in Peking für ein unfehlbares Mittel hielt. Aber Tom und Peking waren weit. Hier galt es nur, oben zu bleiben. Also faßte er mit aller Kraft das Horn des chinesischen Holzsattels und preßte die Knie gegen die Rippen des Pferdes. Dabei ging es auf und ab in einem Tempo, daß Christian sämtliche Reitvorschriften sowieso vergaß. Der Schimmel war aber deswegen noch keinen Schritt vom Platz. Er sprang auf der Stelle, und als das Steigen vorn und hinten nicht fruchtete, probierte er es mit allen Vieren zugleich.

Naidang stand daneben und verfluchte den Schimmel mitsamt allen Vorfahren; Glück freute sich, wie tapfer Christian oben blieb, aber Großer-Tiger bekam regelrechte Angst um Kompaß-Berg.

Plötzlich streckte der Schimmel den Hals, Christian konnte gerade noch die losgelassenen Zügel erwischen, und dann ging es in rasendem Galopp über das wehende Steppengras. Großer-Tiger stieß einen lauten Schrei aus, aber Glück lachte. Naidang hob den rechten Daumen zum Zeichen großen Lobes, denn er sah, daß Christian wie ein mongolischer Reiter in den Eisen stand und das Pferd sich austoben ließ. Als der wilde Ritt sich der Weide näherte, wo die Rinder standen, zog Christian allmählich die Zügel an, setzte sich in den Sattel, und da war es mit dem Rasen vorbei. Der Schimmel galoppierte noch eine Weile, dann fiel er in Trab, und als Christian in einem Bogen zurückkehrte, waren Roß und Reiter einig geworden, sich zu vertragen.

„Man muß große Freude sagen“, rief Glück schon von weitem, und Naidang hob beide Daumen voll Hochachtung.

246

Dann machte er sich beritten, Glück stieg ebenfalls auf, und Naidang nahm das letzte ledige Pferd und führte es am Zügel zu Großer-Tiger.

„Es gibt keine Befürchtung“, sagte er, „du kannst ruhig aufsitzen.“

„Ich bin noch nie auf einem Pferd geritten“, sagte Großer-Tiger.

„Einmal muß man anfangen“, setzte ihm Naidang auseinander, „dieses Pferd gehörte dem Soldaten Ungemach. Es ist ein Paßgänger, da sitzt man im Sattel wie in einem Wagen, der von selber geht.“

Großer-Tiger schaute auf das braune Pferd mit der weißen Blesse, und der Braune schaute auf den neuen Reiter und stampfte ungeduldig. Er schnaubte auch, als Großer-Tiger sich in den Sattel schwang, aber dann war er mit der leichten Last zufrieden. Die andern drei trabten los in dem Zuckeltrab, den die mongolischen Pferde unermüdlich durchhalten. Aber der Braune machte wiegende Paßschritte, und Naidang sagte, man könnte das Pferd teuer verkaufen und dafür mindestens zwei andere Pferde einhandeln. „Denn jetzt“, sagte Naidang, „gehören die Pferde euch, das, auf dem Glück reitet, und der Braune von Großer-Tiger.“

Durch den Wald ritten sie im Schritt wegen der vielen Baumwurzeln, und dann kamen sie zu der Pappel, die über den Weg hing. Glück deutete mit dem Daschior hinauf. „Hier oben saß das mörderische Vieh“, sagte er.

„Was für ein …?“ fragte Naidang, aber er kam nicht weiter, denn Großer-Tiger rief: „Da kommt wer!“

Alle schauten auf die Lichtung, und da erblickten sie einen Menschen, der in großer Eile gelaufen kam. Er war noch weit weg, doch man sah, daß er erschöpft war, denn er stolperte, blieb für einen Augenblick stehen und rang nach Luft. Dann schlenkerte er hastig weiter.

„Ungemach“, rief Christian, „es ist Ungemach!“

„Die Rotbärte“, sagte Glück kopfschüttelnd, „werden zu braven Leuten. Wie geht das zu?“

„Wir werden es erfahren“, meinte Naidang und spornte sein Pferd mit Fußtritten. Da fing es an zu laufen und dann zu galoppieren, und die andern Pferde galoppierten auch. Als die wilde Jagd vor Ungemach haltmachte, gab es eine dicke Staubwolke; kleine Steine flogen, die Hufe stampften den Boden, und Ungemach lag auf den Knien.

„Ich bin unschuldig“, rief er kläglich, „von mir wurde die Sache nicht verdorben, es ist ein Unglück und ein Verbrechen geschehen.“

„Das wissen wir“, sagte Glück streng, „steh auf!“

„Ich bedaure dich“, rief Naidang, sprang aus dem Sattel und hob den unglücklichen Soldat Ungemach auf. „Tröste dich“, fuhr Naidang fort, „ich und alle, die hier sind, wissen, daß du ein ehrliches Stück Mensch bist. Sage uns, wie es in Ollon-Torre zuging.“

247

„Du bist verwundet“, rief Glück, „was ist mit dir geschehen?“

„Es hat nichts zu sagen“, erwiderte Ungemach, aber da wurde er blaß und mußte sich an den Wegrand setzen. Seine rechte Hand und der Arm waren in einen Tuchfetzen gewickelt, durch den das Blut sickerte.

Glück sprang vom Pferd, Christian und Großer-Tiger sprangen auch ab, und Naidang band die Zügel zusammen.

„Mir scheint, ein Unglück von der besten Sorte hat sich zugetragen“, sagte Glück.

„Jetzt nicht und früher nicht“, sagte Ungemach schwach, „lernte ich solches kennen. Alles Übel kam von diesem Grünmantel, den ihr mitgebracht habt.“

„Grünmantel?“ rief Naidang erschrocken, „ist Grünmantel hier gewesen?“

„Er war da, und jetzt ist er fort“, sagte Ungemach.

„Zeige deinen Arm“, rief Glück schnell, „zuerst muß man wissen, wie sich deine Lebensgeister befinden.“

Ungemach wickelte den Tuchfetzen ab, und da gab es außer den fünf zerschnittenen Fingern quer über den Unterarm eine klaffende Wunde, die noch immer blutete.

„Ist die Pulsader durch?“ fragte Christian.

„Sie ist heil“, behauptete Glück, „oder wenigstens nicht sehr weit offen. Versuche die Finger zu bewegen, Ungemach. Kannst du das?“

„Ich kann es“, sagte Ungemach und spreizte die Finger.

„Dann bist du ein langlebiger Mensch“, tröstete Glück. Er band den blutigen Fetzen wieder um die Wunde, weil kein anderer da war, und dann setzten sie sich im Kreis um Ungemach.

„Erzähle“, bat Naidang, „damit wir alles erfahren.“

„Als ihr fortgegangen wart“, begann Ungemach, „öffnete ich die Kanister, und ich füllte die leeren Fässer mit Benzin, und Schlangenfrühling sagte: ‚Wozu taugt die Eile? Sie taugt nicht.‘ Also blieb er bei Grünmantel im Zelt sitzen.“

„Grünmantel“, fragte Naidang wieder, „wie ist es mit dem?“

„Ich dachte“, fuhr Ungemach mühsam fort, „jetzt unterhalten sie sich über viele Dinge, und Schlangenfrühling wird sie mir später erzählen, da brauchen wir eine Zeitlang nicht streiten. Ich hatte schon zwei Fässer gefüllt, da kam Schlangenfrühling aus dem Zelt und Grünmantel auch, und er war auf einmal gar nicht mehr krank, sondern ganz gesund. ‚Bist du fertig?‘ fragte Schlangenfrühling, und als ich sagte: ‚Nein, ich bin nicht fertig‘, schrie Grünmantel: ‚Faule Knochen gibt es überall, und sie stinken.‘ ‚Man muß ihm helfen‘, sagte Schlangenfrühling entschuldigend, ‚er ist ein Schwächling.‘ Da luden sie viele Kanister auf und warfen kurzerhand die beiden Fässer, die noch leer waren, vom Wagen. 248Grünmantel brachte die Schlafsäcke und die Pelzmäntel der beiden jungen Herren, und dann sagte Schlangenfrühling: ‚Wir fahren ihnen ein Stück entgegen.‘ Er holte sein Gewehr aus dem Zelt, und was ihm sonst noch gehörte, und da wurde mir zu acht Zehnteln bewußt, was er vorhatte. Ich sagte: ‚So geht es nicht. Der befehlende Herr Glück kommt hierher, wenn es Zeit ist. Bleibt hier. Ihr könntet ihn unterwegs verfehlen.‘ ‚Desto besser für ihn‘, sagte Schlangenfrühling, ‚sonst müßte ich ihm ein Loch in den Bauch schießen.‘ Derweil warf Grünmantel den Motor an, und ich rief: ‚Also so einer bist du, heraus mit dir!‘ Aber Schlangenfrühling schlug die Türe zu. Da sprang ich auf das Trittbrett des Wagens, der schon zu fahren begann, weil Grünmantel hinter dem Steuer saß. Ich schlug mit der Faust die Scheibe ein und packte Schlangenfrühling am Kragen, doch Grünmantel nahm einen Daschior, den er hatte, und stieß nach mir. Da fiel ich vom Trittbrett in das Gebüsch und blieb liegen, und ich wußte lange Zeit nichts von mir. Dann bin ich fortgelaufen, denn ich wollte zu euch, und mehr weiß ich nicht.“

„Aber Grünmantel“, fragte Naidang beharrlich, „wie ist es mit dem?“

„Ich will es dir sagen“, erklärte Glück. „Dieser Grünmantel stand an der Landstraße, als ich Hwai-Lai-Hsien verließ. Er machte Kotau vor mir und sagte: ‚Bitte, bitte, nimm mich mit.‘ Da habe ich ihn aufgeleen, weil man einander helfen muß. Ich hielt ihn für eine ehrliche Person, aber jetzt ist er ein Spitzbube.“

„Er war schon immer einer“, sagte Naidang, „hat dir Dogolon in Weißer-Stein nicht von ihm erzählt?“

„Dogolon ist in der Nacht fortgezogen, da schlief ich. Nur diese beiden jungen Nachtwächter haben mit ihm gesprochen.“

„Hat er euch nicht vor Grünmantel gewarnt?“ fragte Naidang.

„Er hat uns gewarnt“, gab Christian zu, „und Bator hat auch gesagt, wir sollen aufpassen.“

„Da haben wir aufgepaßt“, fuhr Großer-Tiger fort, „und wir haben herausgekriegt, daß er dem befehlenden Herrn viele Patronen stahl.“

„Das tat er wohl“, sagte Christian, „weil er damals schon daran dachte, den Lastwagen zu stehlen, und weil er nicht wünschte, daß dabei nach ihm geschossen würde.“

„Er hatte aber keine Patronen“, rief Glück, „ich habe seine Kleider bis auf die Nähte durchsucht.“

„Die Patronen waren woanders“, setzte Großer-Tiger auseinander und langte in die Tasche. „Kompaß-Berg fand sie, als er heute nacht mit der Laterne zum Wagen ging. Möge der befehlende Herr wieder froh werden und sein Eigentum erkennen.“

„Warum“, rief Glück, „habt ihr mir das nicht gleich gesagt? Ich hätte Grünmantel vor Sonnenaufgang zumindest erschossen.“

249

„Wir hatten strengen Befehl, zu schweigen“, wandte Christian ein.

„Nicht einmal husten durften wir“, erinnerte Großer-Tiger.

„Deshalb“, fuhr Christian fort, „waren wir stumm wie die Goldfische im Behälter.“

„Denn“, ergänzte Großer-Tiger, „wir sind folgsame Jungen.“

„Ei ja!“ schrie Glück, „es gibt eine Zeit zu reden, und es gibt eine Zeit zu schweigen. Ihr habt die richtige Zeit nicht erkannt. Möge der Uralte-Herr dem Schuft Grünmantel Haare und Nase abschneiden, wenn er ihn erwischt, und Schlangenfrühling dazu.“

„Tinger metne“, sagte Naidang bedächtig.

„Ja“, seufzte Glück, „der Himmel weiß es. Gestern abend wollte ich Grünmantel fortjagen. Hätte ich es nur getan.“

„Jabonah!“ rief Naidang und stand auf, „es ist nicht gut, auf einem Fleck zu sitzen, solange man reiten kann.“

„Und dieser da?“ fragte Glück.

„Ich gehe langsam hinter euch drein“, sagte Ungemach.

„Nichts da“, rief Naidang, „du bedarfst der Pflege. Meine Jurte ist nahe, und Siebenstern ist noch näher. Laß dir von ihr die Wunde verbinden, sie versteht das.“

„Zehntausendfachen Dank“, murmelte Ungemach, stand auf und begann zu gehen. Doch er schwankte, und fast mußte man Angst um ihn haben.

„Hüte dich vor Eile“, rief ihm Glück nach, „und schlenkere deinen Arm nicht. Hörst du!“

Ungemach nickte. Da stieg Glück zu Pferd, Großer-Tiger saß schon oben, und Christian klopfte dem Grauschimmel den Hals.

„Jabonah!“ rief Christian fröhlich, und der Schimmel wieherte.

Als sie in Ollon-Torre ankamen, lag der Platz friedlich in der Sonne. Das blaue Zelt stand da, der Eingang war offen, und der Rauch des erlöschenden Feuers stieg wie ein Faden zur Decke. Vor dem Gebüsch lagen die leeren Blechkanister unordentlich herum. Die zwei Eisenfässer, von denen Ungemach gesprochen hatte, waren ein Stück weitergerollt und dann liegengeblieben; dazwischen glänzten ein paar Glasscherben, und an einer Stelle gab es Blutflecken im Sand.

„Die Verbrecher“, knirschte Glück, und er band sein Pferd an ein Mehlbeerbäumchen. Nachher folgte er Naidang ins Zelt. Es war so gut wie ausgeräumt. Die Schlafsäcke von Großer-Tiger und Christian waren verschwunden, die Pelzmäntel fehlten, die schöne neue Petroleumlampe hing nicht mehr an der Zeltstange, und Glück suchte vergeblich seinen wattierten Soldatenmantel. Auch das Säckchen mit dem Reis war fort.

„Hätten wir wenigstens die Honigbrotwürfel vom Wagen genommen“, seufzte Christian.

250

„Und den Schafkäse dazu“, sagte Großer-Tiger, „ich bin nämlich auf den Geschmack gekommen.“

„Es nützt nicht viel“, meinte Glück, wenn man den Schirm nach dem Regen aufspannt.“ Er setzte sich auf die Filzdecken, die noch da waren. „Eigentlich“, fuhr Glück fort, „bin ich gar nicht sehr betrübt. Ist es nicht eine brennende Schande, ruhelos in einem Wagen, der von selber geht, zu fahren, solange man reiten kann?“

„Du hast recht“, stimmte ihm Naidang bei. „Es ist gut, man kennt diese Dinge, die von selber gehen, aber es ist besser, sie nicht zu benützen. Man wird ruhelos im Geist und verderbt im Herzen.“ Er zog eine lange Pfeife aus dem Stiefelschaft, schob die Asche in dem Feuerkranz beiseite, bis er Glut fand, und begann zu rauchen. „Wir wollen“, sagte er, „die Dinge, die Ungemach gehören, mitnehmen.“

„Bolna!“ rief Christian, „wir machen derweil ein wenig Ordnung.“

Er ging mit Großer-Tiger fort, um die leeren Kanister zu sammeln und auf einen Haufen zusammenzutragen. Von den vollen war immerhin die Hälfte übrig. Sie deckten die Zeltplane darüber, und als sie das getan hatten, brachte Naidang das Gewehr Ungemachs, den Mantel und einige Kleinigkeiten, die sie im Zelt gefunden hatten. Dann saßen alle auf und ritten den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren.

Unter dem Eingang der Jurte Naidangs saß Ungemach. Er trug den Arm in einer breiten weißen Binde, und er war noch immer blaß. Der schwarze Pudel lag neben ihm, aber als er die Reiter kommen sah, sprang er auf und rannte bellend Naidang entgegen.

Da ließ Naidang die Zügel fallen, der Pudel schnappte danach und führte das Pferd bis vor die Jurte. Er ließ auch nicht eher los, als bis Naidang aus dem Sattel war und „Brav, mein guter Hund“ sagte.

Siebenstern kam heraus und begrüßte die Gäste. Sie hatte vorsorglich ein tüchtiges Feuer gemacht, sie hatte Nudeln zubereitet, und sie hatte die Sitzkissen rund um die Feuerstelle verteilt.

Naidang nickte zufrieden. Irgend etwas schien aber doch zu fehlen, denn er murmelte wieder: „Wenn ich nur wüßte.“

„Ach“, sagte Naidang und schüttelte betrübt den Kopf, „es ist traurig, wenn man es nicht weiß.“

„Vater, ich weiß es auch nicht“, versicherte Siebenstern.

„Vielleicht weiß ich es“, mischte sich Glück ein.

Aber Naidang lachte und sagte, Glück solle sich den Kopf nicht schwer machen, denn was er suche, sei unauffindbar wie der gestrige Tag. Dann setzten sich alle. Glück mußte sich bequemen, den Ehrenplatz einzunehmen, obwohl er sich heftig sträubte und schwor, daß er ein geringer und schlechter Mensch sei, der sich großer Fahrlässigkeit schuldig gemacht habe.

251

„Hamma-guä“, richtete Naidang ihn auf, „an einem unverschuldeten Wechsel des Besitztums haftet kein Mangel.“ Und er begann die Nudeln auszuteilen.

Nach dem Essen nannte sich Naidang einen schlechten Hausvater, denn der Ehrentrunk, den er seinen Gästen schulde, sei leider nicht vorhanden. Er wisse zwar genau, behauptete Naidang und machte eine weit ausholende Handbewegung, daß es hier herum einen oder gar zwei Schläuche mit gediegenem Milchschnaps gebe, allein wo diese gesegneten Schläuche seien, wisse niemand, und es sei sehr traurig.

„Waren etwa Diebe hier?“ fragte der ahnungslose Ungemach.

„Das nicht“, erwiderte Naidang, „aber es gibt Dinge, die auch ohne Diebe verschwinden, zum Beispiel in der Neujahrsnacht.“

„Warum gerade da?“ fragte Glück.

„Weil ich zu Neujahr nicht daheim bin. Da muß ich doch fortreiten.“

„Selbstverständlich“, sagte Glück, „da muß man fortreiten, das weiß jeder.“

„Wenn ich dann nach Hause komme, ist nirgends mehr Arrak, und meine Frau sagt: ‚Es waren viele Gäste da, die haben alle Behälter leergetrunken.‘ Aber das ist nicht wahr, denn sie vergräbt jedesmal einen oder zwei Schläuche, meistens zwei.“

„Die Etsch tut es“, entschuldigte Siebenstern, „damit wir zum Frühlingsfest einen Trunk übrigbehalten.“

„Das mag sein“, gab Naidang zu, „und deine Mutter ist eine vortreffliche Frau, aber jetzt feiern wir auch ein Fest.“

„Was für eins?“ erkundigte sich Glück.

„Meiner Meinung nach“, sagte Ungemach, „ist heute ein ganz gewöhnlicher Unglückstag. Von einem Fest kann kaum gesprochen werden.“

„Für mich“, behauptete Naidang eigensinnig, „ist es ein Fest, wenn so erlauchte Gäste mein zerfetztes Zelt beehren. Dabei sitzen wir wie im Sandmeer, wo der Mensch Durst leidet. Ach, es ist traurig, wenn man es nicht weiß.“

„Vielleicht“, schlug Glück vor, „sollte man einen Spaten nehmen und ein bißchen in der Nähe graben, wo es aussieht, als ob ein voller Schlauch gedeihen könnte.“

Naidang schüttelte den Kopf. „Früher“, sagte er, „war mir der Spaten hilfreich, aber früher ist lange vorbei. Jetzt vergräbt die Etsch die Schläuche nicht mehr in der Nähe, sondern weit weg, und es ist sehr traurig.“

„Hamma-guä!“ rief Glück, „wir brauchen keinen Arrak. Mein Wagen ist fort, da mögen auch zwei Schläuche Milchschnaps fort sein.“

„Sie kommen wieder“, tröstete Siebenstern.

252

„Am Ende kommt der Wagen auch wieder“, sagte Naidang.

„Er kann auf keine Weise wiederkommen“, setzte Glück auseinander. „Wir sind an einem Unglückstag abgereist, an dem die Speichen von den Rädern fallen. Da mußte schließlich das Unvermeidliche passieren. Wozu gäbe es sonst einen Kalender?“

„Wir wollen fortfahren“, sagte Naidang, „wo wir unterbrochen wurden.“

„Bolna!“ rief Glück, „erzähle von den Bambusstäbchen mit der alten Schrift darauf.“

„Wir harren der Belehrung“, sagte Großer-Tiger.

„Hast du das Buch zurückbekommen?“ fragte Siebenstern erstaunt.

„Es ist von der langen Reise heimgekehrt“, sagte Naidang, langte hinter sich auf die Truhe und nahm das dünne Buch mit dem seidenen Umschlag in die Hände.

„In diesem Buch“, erklärte Naidang, „waren viele leere Blätter. Darum gab ich es Nicht-gibt-es-nicht mit, und ich sagte: ‚Bitte den alten Vetter des Sunit-Wang, daß er alles hineinschreibe, was auf den Stäbchen steht. So werden wir beide erfahren, was die Menschen vor alters gedacht haben!‘“

„Die mongolische Schrift“, rühmte Glück, „ist eine hohe Kunst, die nur wenige verstehen.“

„Ist das mongolische Schriftbild wie das chinesische?“ fragte Großer-Tiger.

„Wo denkst du hin?“ rief Glück, „dann wäre es jedermann zugänglich. Die Mongolen“, erklärte er, „beginnen auf der östlichen Seite oben zu schreiben, und sobald sie unten angekommen sind, geht es oben wieder los. Wenn das Blatt vollgeschrieben ist, sieht es aus wie ein Garten mit zarten Blumen und Gräsern, aber nur sehr große Professoren wissen, wo rückwärts und vorwärts oder Anfang und Ende ist. Dazu muß man ein Schriftgelehrter hoher Grade sein“, sagte Glück, legte die Hände vor die Brust und verneigte sich vor Naidang, der ganz gerührt war, daß Glück ihn so ehrte.

„Von Gelehrtheit kann leider nicht gesprochen werden“, verteidigte sich Vater Naidang. „Ich lese, was geschrieben steht. Manchmal verstehe ich es, und meistens verstehe ich es nicht.“

„Deine Bescheidenheit überschreitet das erlaubte Maß“, widersprach Glück.

„Wir werden sehen“, sagte Naidang, öffnete das Buch an der richtigen Stelle und begann zu lesen.

253

Einunddreißigstes Kapitel
von dem, was auf den Bambusstäbchen stand

„Dir, Naidang, sende ich Gruß und Nachricht durch den Mann, der Nicht-gibt-es-nicht heißt. Ich habe gelesen, was auf den Bambusstäbchen geschrieben stand, und ich sorge mich, ob Dir die Botschaft der Vorzeit Gutes bringe oder ob sie Dich verderbe. Wüßte ich Dich gleichen Sinnes mit mir, ich gäbe Dir das Buch mit leeren Blättern zurück, statt Seite um Seite zu füllen mit dem, was sich vor beinahe fünfhundert Jahren begab. Hast Du Mut, das Abgründige zu lesen, und hast Du Festigkeit, das Gelesene zu vergessen, so lies und urteile selbst. Wisse auch, daß die Stimme eines Mannes zu Dir aus dem Grabe spricht, der ein ferner Enkel war von Khabutu-Khasar, dem Bruder Dschingis-Khans. Dies tut Dir kund: Ubascha, Herzog vom Stamme der Westlichen Sunit.

Ferner: Da es heut so weit gekommen ist, daß die Leute die Hälse recken und die Augen vor Begierde aus den Höhlen springen, wenn sie alte Schrift auf Bambusplatten erblicken, habe ich die Stäbchen verbrannt. So wird Verwirrung vermieden und Schlimmeres, was aus Verwirrung erwachsen könnte.“

Naidang machte eine Pause. Glück, der neben ihm saß, schob die Beine erwartungsvoll enger.

„Lies“, sagte er, „es scheint eine ernste Sache zu sein.“

„Ich überlege“, entgegnete Naidang, „ob ich die Festigkeit zum Vergessen habe, die der Herzog von mir fordert. Denkt einmal alle nach, was ich tun soll.“

„Da gibt es nichts zu überlegen“, sagte Glück. „Solange man nicht weiß, was in der Schwarzen-Stadt passiert ist, kann man nicht darüber reden.“

„Aber“, gab Ungemach zu bedenken, „der Herzog meint, dieses Wissen könne Verderben bringen. Es wird schon so sein, ganz gewiß wird es so sein. Wenn ich wo dabei bin, geschieht zuverlässig ein Unglück der besten Sorte. Soll ich vielleicht hinausgehen?“

„Vater“, bat Siebenstern, „wir wollen das Buch verbrennen. Wer immer etwas aus der Schwarzen-Stadt mitgenommen hat, mußte sterben. Sonst wäre Nicht-gibt-es-nicht noch am Leben.“

„Die alten Weisen der Vorzeit“, sagte Großer-Tiger, „knoteten Stricke zur Mitteilung; später schrieben sie, was ihnen wichtig schien, daß es bewahrt würde. Wie könnte da an Geschriebenem ein Makel haften?“

„Bravo!“ rief Glück, „und du, Vater Naidang, darfst meinem jüngeren 254Bruder Großer-Tiger vertrauen. Er hat einen Großvater, dem man auch vertrauen darf, denn er ist ein verständiger Mann. Wenn Großer-Tiger was sagt, ist es so gut, als ob sein Großvater spräche, der den Schlüssel der Erkenntnis besitzt. Lies also ruhig die Botschaft, es wird daraus kein Unheil entstehen.“

„Wenn das eure Meinung ist“, sprach Naidang, „sehe auch ich kein Hemmnis mehr. Ich will also lesen. Versprecht mir aber, daß ihr geheimhalten werdet, was jetzt von Edsina offenbar wird, und dieses Versprechen soll wie ein Schwur sein.“

„Wie ein Schwur!“ wiederholten Glück und Ungemach.

„Wie ein Schwur!“ sagten Großer-Tiger und Christian.

„Wie ein Schwur!“ flüsterte Siebenstern leise.

„Was ist Edsina?“ fragte Christian.

„Die Schwarze-Stadt“, belehrte ihn Naidang, „hieß Edsina, solange Leben in ihr war und Fröhlichkeit. Noch sieht man die Wälder, die die Stadt wie ein Kleinod umschlossen. Aber die Stämme sind von der Wurzel gefallen, und sie liegen da wie die Toten am Abend der Schlacht, als Edsina unterging.“

Naidang nahm das Buch wieder zur Hand, und jeder versuchte ein bißchen weniger aufgeregt zu scheinen, als er war. Christian tat so unbefangen wie möglich, aber seine Augen leuchteten, Siebenstern war ängstlich, und Ungemach wurde um einen Schein blasser, als Naidang mit Ernst zu lesen begann:

„Wir, Araptan vom Stamme Hoschot, tun dem unbekannten Nachgeborenen am Vorabend Unseres eigenen und Unserer Völker Untergang kund, was folgt: Unter allem, was die Dinge anfängt und die Dinge endet, gibt es nichts Unheilvolleres als den Krieg. Wir haben den Streit mit dem Kaiser nicht gesucht, doch Wir sind ihm nicht ausgewichen, als es die Klugheit gebot. Daher zeihen Wir Uns angesichts der Lebenden und derer, die nach Uns kommen, der Unklugheit, und Wir bekennen Uns schuldig am Tode der Tausende, die morgen sterben werden. Nach Uns wird Edsina nicht mehr sein, denn der Feind vor den Toren ist in zehnfacher Übermacht, und er ist unerbittlich. Man wird dem Kaiser einen Sieg zu melden haben.

Dieses ist, was geschah: Im Kampf mit einem überlegenen Gegner ist Rückzug keine Schande. Nach der Feldschlacht bei Maomu, da die Hilfsvölker wankten, zogen Wir Uns in die Mauern Unserer Stadt Edsina zurück. Der Gegner folgte Uns, und er verlor in vielen Kämpfen Männer und Vorräte. Wir erzwangen nicht den Fortschritt, doch er kam ungerufen durch Beharrlichkeit. Da glaubten Wir an Rettung aus großer Gefahr. Die Zugänge nach Norden, Osten und Westen wurden frei, und nur im Süden lag des Heer des Kaisers und trotzte allen Angriffen. 255Also sandten wir Kundschafter aus, zu spähen, was den Feind so standhaft mache; allein es war zu spät. Der Edsin-Gol, der unter Unsern Mauern rauschte, versiegte in der nächsten Nacht, das Flußbett trocknete aus, und das Wasser verließ die Brunnen der Stadt. Zugleich rückte das Heer der Belagerer vor, und es war zehnmal stärker geworden als früher. Die Feinde hatten den Fluß durch die Arbeit der tausendmal tausend Sklaven und Gefangenen der großen Heerschlacht in ein neues Bett gelenkt. Nun fließt der Edsin-Gol weit von Unserer Stadt.

Da verdrehten die Männer und Frauen von Edsina die Augen und schrien, und seither sind zehn Tage vergangen, und wir sind eingeschlossen. Wir gruben die Brunnen tiefer, aber wenn sie anfänglich geringes Wasser gaben, versiegten sie doch. Der Krug ist zerbrochen, das Seil ist gerissen, und der Schlamm des Brunnens kann nicht getrunken werden.

Dieses ist, was geschah, und dies ist, was geschehen wird: Unter allem, was die Dinge endet, gibt es nichts Schamvolleres als den Tod auf der Richtstatt. Darum werden Wir bei Sonnenaufgang die Tore öffnen und kämpfen. Der Wall wird in den Graben fallen, das Feuer wird die Stadt fressen, und wenn die Sonne sinkt, wird kein Bewohner Edsinas mehr atmen. Man wird dem Kaiser einen Sieg zu melden haben.

Dies ist, was geschehen wird, aber dies ist, was verborgen bleibt: In den tiefsten Brunnen, den Unsere Verzweiflung grub, warfen Wir heute alles, was kostbar war in Edsina. Den silbernen Röhrenbrunnen, den Uns ein Fremdling schmiedete, befahlen Wir in Stücke zu schlagen. Er ruht auf dem Grund des Schachtes. Auf ihn warfen die Kaufleute Silberschuhe und Goldbarren von tausendmal tausend Unzen Gewicht. Der Schmuck der Frauen und die Ringe der Männer folgten. Wer einen Rubin am Schwertknauf trug, riß ihn los. Perlen und Edelsteine verschwanden, und zuletzt warfen Wir alles Gold und den Dolch, den Khabutu-Khasar trug, in die Grube. Wir verschütteten den Brunnenschacht und machten ihn eben. Händler und Fremdlinge ferner Zeiten werden vorüberwandern, aber der Schatz von Edsina ruht vierzig Fuß unter dem Tageslicht, unerkannt wie der Donner inmitten der Erde.“

Naidang hörte auf zu lesen. Er legte die Hand auf das Buch und blickte im Kreis seiner Zuhörer umher, als wolle er in ihren Herzen forschen.

„Und dann?“ fragte Glück schnaufend, „ist das alles?“

„Es ist nicht alles“, antwortete Naidang ruhig.

„So lies“, drängte Glück, „es scheint eine ernste Sache zu sein.“

„Es handelt von einem Unglück“, sagte Ungemach, „ich wußte es ja.“

„Ungemach hat recht“, sagte Naidang und seufzte. Dann aber schien ihm ein plötzlicher Gedanke Erleichterung zu bringen, er lächelte, nahm die Hand von dem Buch und fuhr fort:

„Dieses ist, was verborgen bleibt bis auf den Tag der Wiederkehr: 256Wir haben beschlossen, diesen Tag nicht zu verhindern. Darum vertrauen Wir Unsere Worte nicht dem vergänglichen Papier. Wir schreiben auf das zähe Schreibholz der Alten und graben es ein, damit es das Feuer überdauern möge. Du aber, unbekannter Nachgeborener, der es aus dem Grabe hebt, merke: Es bedarf keiner Reue, denn kein böser Gedanke ruht auf dem Schatz von Edsina. Entnimm es dem Zeichen: ‚Großes Heil‘, das Wir an diese Stelle setzen. Nun magst Du in Deinem Herzen Zweifel hegen und daran denken, daß aufgeregte Menschen viele Worte machen. Darum zeigen Wir Dir den Weg und legen Dir ein Zeichen der guten Vorbedeutung aus, damit Dein Eifer nicht erlahme. Bedenke, daß Du vierzig Fuß in die Erde steigen mußt, bis das ungewisse Licht der Sterne verblaßt vor dem Schimmer der Juwelen, der Dein Auge blendet.

Wenn Du durch das Nördliche-Tor die Stadt betrittst, so gehe achtzig Schritte geradeaus, und Dein Fuß wird an die Reste einer Steinmauer stoßen. Verneige Dich, wenn Du willst, denn hier stand Unser Palast. Du sollst der Mauer folgen, bis sie zu Ende geht und nach Osten biegt. Da Wir nicht zu ahnen vermögen, ob Du die Reste der Mauer noch findest, so wisse, daß Du gehen mußt, bis Du den großen runden Stein entdeckst, der unverrückt auf seiner Stelle liegen wird, da wo die Mauer nach Osten biegt. Er war der Sockel des silbernen Röhrenbrunnens, und Menschenhand vermag ihn nicht zu bewegen. Suche nicht nach dem Schacht, er ist verschüttet, wie alle anderen. Von hier aus wende Dich nach Osten. Du erblickst in der Stadtmauer den Aufgang. Behalte ihn im Auge und gehe zwanzig Schritte auf ihn zu. Dann magst Du haltmachen und graben, bis Du eine Steinplatte findest. Sie liegt nur zwei Fuß tief und ein wenig mehr. Auf ihr sind die Zeichen ‚Großes Heil ist nahe‘ eingeritzt. Hebe die Platte und grabe noch einmal zwei Fuß, so wirst Du zehn Silberbarren finden. Sie wiegen tausend Lot, und sie sollen Dir ein Zeichen sein, daß Du auf dem richtigen Wege schreitest, und eine Ermunterung, nicht nachzulassen, wenn Du Uns folgen willst. Versieh Dich mit Werkzeug, mit Seilen und kleinen Körben zum Heraufholen der Erde. Vor allem aber laß erprobte Männer mit Dir sein, die einig sind in ihrem inneren Herzen mit Dir, denn allein kannst Du das schwere Werk nicht vollbringen. Weiche nicht ab vom Wege, der jetzt nach Norden führt. Schreite, bis Du …“

„Lies weiter“, stammelte Glück, „dieses ist eine ernste Sache.“

„Es gibt nichts mehr zu lesen“, sagte Naidang, „es gibt noch ein paar leere Blätter. Das Geschriebene ist aus.“

Naidang legte das Buch vor aller Augen nieder, und da sah man am Heftfaden entlang einen Riß durch das dünne Reispapier gehen, wo sich das anhängende Blatt gelöst hatte.

257

„Hier“, sagte Naidang und legte den Finger auf den Heftfaden, „hier hing der Schatz von Edsina, für den es keinen Tag der Wiederkehr gibt.“

Glück stöhnte entmutigt; er war geradezu niedergeschmettert. Fast schien es, als ob dieses zweite Unglück des Tages schwerer zu tragen war als das erste, denn alle blickten stumm vor sich hin. Christian malte sich aus, wie aufregend es gewesen wäre, ein Schatzgräber zu sein; Großer-Tiger hätte gern das viele Gold und Silber auf einem Haufen beisammen gesehen, und Siebenstern schlug die Augen nieder. Man wußte nicht, was sie dachte. Ungemach war von der allgemeinen Enttäuschung am wenigsten betroffen. Für ihn war es eine ausgemachte Sache, daß das Leben aus einer Folge von mehr oder minder heftigen Unglücksfällen bestand. Er blickte verstohlen im Kreis umher, ob es nicht endlich verstattet sei, ein Trostwort zu sagen, aber dann fiel ihm ein, daß sein Großvater Reichtumsherr und sein Vater Herbstfreude von geringer Herkunft waren, und da hielt er es für unbescheiden, als erster zu reden.

„Naidang“, sagte Glück dumpf, „du hast viel verloren.“

„Nicht, daß ich wüßte“, erwiderte Naidang, „von einem Verlust kann nicht gesprochen werden.“

„Wie?“ rief Glück außer sich, „tausendmal tausend Unzen Gold und Silber nennst du keinen Verlust? Und die Perlen? Und die Edelsteine? Bedenke, was du sprichst.“

„Ich hätte keinen Finger gerührt, sie zu erlangen“, sagte Naidang.

„Du lügst“, schrie Glück, aber dann erschrak er über seine Unbeherrschtheit. „Verzeih“, bat er schnell, „meine Zunge lief mir davon. Es kann nicht sein, wie du sagst.“

„Es ist so“, sprach Naidang ernst. „Kein Torgot-Mongole wird je die Ruhe der Schwarzen-Stadt stören.“

„Wir hätten nichts Böses angestellt“, sagte Glück.

„Die Klugheit allein würde Stillehalten und Nichtstun gebieten.“

„Wie das?“ fragte Glück verwundert.

„Niemand“, sprach Naidang, „könnte einen Schatz vierzig Fuß aus der Erde heben, ohne daß es ruchbar würde. Aus allen acht Himmelsgegenden kämen die zehntausend Räuber der ganzen Erde zusammengeströmt. Kein Torgot-Mongole bliebe am Leben, wenn solches geschähe. Darum hat uns der Sturmwind im Schnell-Schwarzwasser-Tal vor Unheil bewahrt, als er das Blatt entführte.“

„Aber das Kleine-Heil“, fragte Glück hartnäckig, „ich meine die zehn Silberbarren. Wie steht es damit?“

„Wir wollen“, schlug Naidang vor, „diese Sache überschlafen.“

Glück schwieg eine Weile, aber dann gab er nach und sagte: „Bolna!“ Denn er hoffte, daß Naidang sich mit der Zeit überreden ließe, wenigstens nach den tausend Lot Silber zu graben.

258

„Falls die Herren gestatten“, sagte Ungemach bescheiden, „ich meine, wenn ich auch was sagen darf.“

„Sprich“, forderte Naidang auf, „wir wollen alle darüber reden.“

„Immerzu“, rief Glück, der auf Verstärkung hoffte.

„Man sollte“, ließ Ungemach mit Überzeugung vernehmen, „das Graben ruhig bleibenlassen. Es war doch schon wer anderer vor uns da.“

„Woher willst du das wissen?“ rief Glück erzürnt.

„Aber es ist doch immer so“, sagte Ungemach, „entweder war schon einer da, oder es kommt einer.“

„Was für einer?“

„Einer, der uns das Silber wegnimmt.“

„Dagegen gibt es Mittel“, rief Glück und klopfte auf die Pistolentasche.

„Diese Mittel treffen nicht immer“, gab Ungemach zu bedenken, „oder wenn sie treffen, ist es ein Verkehrter, der umfällt, und nachher ist keiner schuld.“

Glück schwieg verdrossen, als er das hörte, aber Christian bekam einen kleinen Hustenanfall, und Großer-Tiger hatte ebenfalls Mühe, das Lachen zu unterdrücken.

Naidang klappte das seidene Buch zu. Er legte es auf die Truhe.

„Morgen wollen wir darüber sprechen“, sagte er.

Zweiunddreißigstes Kapitel
von dem guten Plan der Schatzgräber
und mit schrecklicher Nachricht über Schong-Ma und den „Uralten-Herrn“

Der Abend nahte, und es wurde kühl. Siebenstern hatte die Kamele und die Schafe in die Nähe der Jurte getrieben, und der Pudel paßte auf, daß keines in die Derreswiese zurücklief. Die Pferde versorgte Vater Naidang selbst, denn das war Männerarbeit.

Als die Sonne zwischen den Stämmen tiefer sank, kam der Pudel gelaufen, stellte sich vor Siebenstern, bellte und schüttelte trotzig die Mähne, sooft ihn Siebenstern fortschicken wollte.

„Seine Tugend ist groß“, sagte Siebenstern, „er will, daß wir die Kamele anbinden und die Schafe für die Nacht versorgen.“

„Wie heißt er?“ fragte Christian.

„Hund“, sagte Siebenstern, und sie lief dem Pudel nach. „Mongolische Hunde haben keine Namen.“

Christian und Großer-Tiger liefen mit. Da sie schon wußten, wie man Kamele anbindet, halfen sie Siebenstern eines nach dem andern fangen 259und an die Leine legen. Sie lösten den Nasenstrick, der ihnen um den Hals geschlungen war, und führten die Kamele zu dem Seil, das Naidang jeden Abend woanders am Boden zwischen zwei Pflöcken ausspannte.

„Zuck! Zuck!“ rief Siebenstern, und Großer-Tiger und Christian riefen auch: „Zuck! Zuck!“

Da legten sich die Kamele, und Siebenstern zählte, ob keines fehlte.

Dann gingen sie zur Jurte, und Glück sagte, daß er den Fasan braten wolle, nur wisse er nicht wie, denn Vater Naidang habe keine Pfanne, weil die Mongolen kein gebratenes Fleisch äßen, sondern nur gekochtes. Man müsse den flachen Teekessel zum Braten nehmen, falls der Hausherr es erlaube.

Nachher saßen sie noch eine Weile vor der Jurte und warteten auf Naidang, der die Pferde an die Leine band. Der Grauschimmel war auch dabei, und Christian wollte eben hingehen, um sich bekannter mit ihm zu machen, als ein Flug weißer Schwäne rauschend über die Bäume dahinzog.

Großer-Tiger lief zum Fluß, und Siebenstern lief mit Christian hinter ihm her. Die Schwäne fielen nicht weit von der Furt ein, ordneten ihr Gefieder und schwammen still und weiß auf dem abenddunklen Wasser. Siebenstern bedeutete durch Zeichen, daß man jetzt nicht reden dürfe.

„Lam-Schowo!“ flüsterte sie und spähte durch das Gebüsch.

Die Schwäne begannen zu grundeln, legten die Hälse zurück und schwammen im Kreis, als ob sie wen erwarteten. Es dauerte nicht lange, da zischte etwas durch die Luft. Zwei kleine weiße Gegenstände fielen ins Wasser, tauchten auf und schwammen zwischen den Schwänen, als ob es sich von selbst verstünde, daß sie die Hauptpersonen wären. Dabei waren es nur zwei kleine Enten. Siebenstern schien ganz benommen vor Freude. Sie hob beide Daumen, wie Vater Naidang es getan hatte, als Christian nicht vom Pferd gefallen war, und flüsterte entzückt: „Lam-Schowo! Lam-Schowo!“

Die Enten hatten das prächtigste Gefieder der Welt. Ihre Brust glänzte golden, ging allmählich in eine Elfenbeinfarbe über, und dann waren die Federn schneeweiß. Die Flügel waren türkisfarben und zart wie der Abendhimmel. Zudem trug der kleine Enterich zwei goldene Schilde am Kopf, über dem ein Schopf dunkler Federn nach hinten lag. Er streckte den roten Schnabel voraus und begann sogleich flußabwärts zu schwimmen. Das Entchen folgte ihm, und hintennach ruderten die Schwäne in Kielline wie folgsame Untergebene. Der Zug verschwand unter dem Laubdunkel der überhängenden Äste, und die Wellen, die auf beiden Seiten dem Ufer zueilten, verflachten. Das Wasser wurde still und grün und dunkel, und wenn nicht hin und wieder ein Blatt vorübergesegelt 260wäre, hätte man den Närin-Gol für ein stehendes Gewässer halten können.

Glück, der unbemerkt herbeigeschlichen war, freute sich ebenso kindlich wie Siebenstern, bloß weil er die beiden Enten gesehen hatte.

„Nimm dein Buch“, sagte er zu Christian, „und schreibe hinein, daß du heute zwei Lam-Schowo gesehen hast.“

„Ene ju beino?“ fragte Großer-Tiger.

„Man nennt diese Enten Lama-Vögel“, setzte ihm Glück auseinander, „weil sie wie heilige Lamas Wegweiser zu Glück und großem Frieden sind. Andere Tiere folgen ihnen gern, und sie fahren nicht schlecht dabei.“

„Diese beiden Lama-Vögel“, sagte Siebenstern eifrig, „sind noch nicht lange hier. Man sieht sie selten, aber ich weiß, daß sie auf der kleinen Insel nisten werden, die weiter unten im Fluß liegt. Dort sind sie sicher vor dem Fuchs, der das Wasser nicht liebt, und die Schwäne sind klug und bleiben bei ihnen, ehe sie nach Norden weiterfliegen.“

Glück bestätigte, was Siebenstern gesagt hatte, und fügte hinzu, daß es ein Zeichen glückhafter Vorbedeutung sei, wenn man Lama-Vögel zu Gesicht kriege. „Ihr werdet sehen“, sagte er leise zu Christian und Großer-Tiger, „wir werden das Silber finden, das in der Schwarzen-Stadt verborgen liegt.“

„Aber es gehört doch Naidang“, sagte Großer-Tiger.

„Er wird uns schon was abgeben“, behauptete Glück, „wenn wir ihm nur das Buddeln abnehmen.“

„Das verstehe ich nicht“, widersprach Großer-Tiger.

„Eigentlich verstehe ich es auch nicht“, gab Glück zu und blieb stehen, während Siebenstern zur Jurte vorausging. „Es ist aber so. Als ich die Mongolen kennenlernte“, sagte er, „dachte ich zuerst, sie wären Kinder und keine vernünftigen Menschen, denn sie gaben mir zu essen, ohne daß sie dafür was haben wollten. Dabei war ich ihnen fremd, und keiner kannte mich.“

„Man nennt das Gastfreundschaft“, sagte Christian, „Gastfreundschaft ist etwas Schönes, aber weiter nicht verwunderlich.“

„Sie waren aber selbst nicht reich“, gab Glück zu bedenken, „und allmählich erfuhr ich, daß alle so sind. Die Mongolen sind sonderbare Leute, sie sind anders als wir Chinesen, und sie schenken Sachen weg, für die sie höchstens einen Haddak haben wollen.“

„Dann“, sagte Großer-Tiger nachdenklich, „sind sie bessere Leute als wir.“

„Besser oder nicht“, erwiderte Glück achselzuckend, „sie sind eben anders. Wenn sie einen Handel machen, feilschen sie genauso wie wir, und Rotbärte gibt es auch bei ihnen eine ganze Menge.“

261

„Ich habe gehört“, sagte Großer-Tiger, „Rotbartsein sei nichts Unehrenhaftes.“

„Meinst du?“ fragte Glück und streifte Großer-Tiger mit einem forschenden Blick.

„Das meine ich, und Kompaß-Berg meint es auch.“

„Man sagt, daß Rotbartsein kein Makel sei, solange man nicht erwischt wird“, pflichtete Christian bei.

„Das ist es eben“, sagte Glück und stapfte in Gedanken versunken durch die Büsche auf den Pfad zurück, der zu Naidangs Jurte führte. „Nicht erwischt werden, das ist es eben.“

Siebenstern saß vor der Jurtentüre. Sie scheuerte den Teekessel außen und innen mit Sand. „Vater sagt, du willst den toten Vogel braten und essen?“

„Er ist nun einmal tot“, gab Glück zu, „da muß man ihn auch verzehren.“

Siebenstern schauderte bei dem Gedanken daran, aber sie scheuerte tapfer weiter.

Endlich rief Glück laut „Tschö-Fan“ und Vater Naidang „Chol-Idne“, was beides „Essen essen“ hieß, und die drei Kinder gingen miteinander in die Jurte, wo Glück dabei war, den Fasan kunstgerecht zu zerlegen.

Trotz allem Zureden sträubte sich Naidang, ein Stück zu probieren, und Siebenstern hielt die Hände abwehrend vor das Gesicht. Der Pudel streckte erwartungsvoll den dicken Kopf zur Tür herein, aber Siebenstern verwies ihn streng.

„Hund!“ rief sie, „wo gehörst du hin?“

Der Pudel gab keine Antwort, doch sein Kopf verschwand, und Christian dachte, jetzt müsse er wohl traurige Augen haben wie der Vier-nicht-gleich, von dem Mateh erzählt hatte.

„Warum darf er nicht herein?“ fragte Christian.

„Ein Hund“, erklärte ihm Glück, „darf nicht ins Zelt. Er muß draußen bleiben, wo er hingehört, denn das Zelt ist nur für die Menschen. Er muß aufpassen, was draußen vor sich geht, und wie sollte ein Hund das besorgen können, wenn er verweichlicht im Zelt herumlungern dürfte.“

Naidang nickte zustimmend. Dann schaute er aufmerksam zu, wie seine Gäste den Fasan verzehrten. Die Knochen sammelte Siebenstern und trug sie dem Pudel hinaus.

„Seit langer Zeit“, sagte Ungemach, „habe ich kein solches Festmahl mehr genossen. Es sollte mich wundern, wenn nicht noch was Schlimmes passierte.“

Aber es passierte nichts. Naidang und Siebenstern tranken Milch, aßen ein Stückchen Käse dazu, und Christian dachte an die Honigbrotwürfel, und wie gern er einige davon Siebenstern gegeben hätte. Glück versuchte 262das Gespräch auf die Schwarze-Stadt zu bringen, aber als er merkte, daß Naidang nicht darauf einging, gab er es auf. Dann verteilte Naidang Decken und Pelze für die Nacht, schloß den Rauchfang zur Hälfte und machte die Jurtentür zu.

„Gut schlafen“, sagte Naidang, als alle auf ihren Plätzen lagen.

„Es ist noch nicht die richtige Zeit“, widersprach Siebenstern.

„Ich bitte um Entschuldigung für mein vorlautes Kind“, sagte Naidang, „meine Schuld ist groß, weil Siebenstern schlecht erzogen ist. Bitte tragt es mir nicht nach.“

„Davon kann nicht gesprochen werden“, rief Glück, „ich bekenne, daß wir die mindeste Gastpflicht grob vernachlässigten. Morgen wird Großer-Tiger nachholen, was heute versäumt wurde. Er weiß viele Geschichten, die wert sind, in allen Zelten erzählt zu werden.“

„Ich freue mich auf deine Belehrung“, sagte Siebenstern zu Großer-Tiger, aber dieser versicherte, er sei nur ein alberner Nichtswisser.

Gleich wurde ihm von allen Seiten widersprochen.

„Er hat uns gestern“, sagte Ungemach, „die Geschichte vom Prinzen Gi erzählt. Sie ist schon einige tausend Jahre alt, und trotzdem hat er sie genau gewußt. Auch kam darin ein Unglück von der besten Sorte vor, fast habe ich geweint.“

Da gab Großer-Tiger nach. „Ich werde überlegen“, versprach er, „was wert ist, erzählt zu werden.“

Dann wurde es still im Zelt. Christian dachte nach, und neben ihm lag Großer-Tiger, der auch mit Denken beschäftigt war.

„Ich weiß“, flüsterte Großer-Tiger, „wie man es machen muß.“

„Was muß man machen?“ fragte Christian verwundert.

„Man muß“, setzte ihm Großer-Tiger leise auseinander, „das Silber aus der Schwarzen-Stadt holen.“

Dann schilderte er ausführlich den Plan, den er sich ausgedacht hatte, und fragte Christian, ob er ihn für gut hielte.

„Ich wüßte keinen besseren“, sagte Christian bewundernd, und er bedauerte im stillen, daß er nicht auch über den Schatz von Edsina gegrübelt hatte.

„Also wir beide buddeln allein“, fragte Großer-Tiger, „abgemacht?“

„Wenn du es fertigbrächtest“, gab Christian zu, „wäre das eine sehr gute Sache.“

„Laß mich nur machen. Gute Nacht, Kwi-Schan!“

„Gute Nacht, Großer-Tiger!“

Da neigte sich Großer-Tiger ans Ohr von Christian und flüsterte: „Naidang ist weise wie der Gelbe-Kaiser und fest wie ein Stein. Jetzt weiß ich, warum sein Name in tausend Zelten mit Ehrfurcht genannt wird.“

263

„Weshalb?“ wollte Christian wissen.

„Wenn wir ganz allein sind“, flüsterte Großer-Tiger, „werde ich es dir sagen.“

Es war eine feierliche Nacht. Tausendmal tausend Sterne zogen über die Wüste und über den Närin-Gol. Sie spiegelten sich im Wasser, und sie füllten das Trümmerfeld der unglücklichen Stadt Edsina mit bläulichem Licht. Der Mond zog mit ihnen, und als er durch den Rauchfang in Naidangs Jurte schien, wachte Christian auf.

Wer die Augen öffnet und den sanft schwebenden Mond erblickt, den befällt eine Trauer, für die es keinen Namen und keine Ursache gibt. Christian allerdings brauchte nicht lange zu suchen. Das Haus mit dem Garten in Peking fiel ihm ein. Er stellte sich vor, wie alles dort war, und er sah den Vater mit langen Schritten unter dem Vordach auf und ab gehen, während die Mutter sich über das Bettchen der kleinen Schwester beugte, damit niemand ihre Tränen sehen sollte. Schließlich war da noch in irgendeiner Ecke die alte Ama, der man laut oder leise die Schuld an seinem Verschwinden gab. Um sie hatte Christian die allermeiste Angst, denn er war in chinesischen Anschauungen besser daheim als in abendländischen, und er wußte, was Schlimmes passieren konnte. Wenn Großer-Tiger neben ihm nicht so fest geschlafen hätte, hätte er ihn aufgeweckt, ganz einfach um ihm zu sagen: „Ich denke an die Ama.“ Und Großer-Tiger würde ihn begriffen haben. Man kannte ja genug Beispiele von treuen Dienern, die unter der Last einer falschen Beschuldigung sich vor der Tür ihrer Herrschaft das Leben genommen hatten. Am nächsten Morgen lagen sie dann da. „Sieh hier“, hieß das, „so weit ist es nun gekommen.“ Die Nachbarn und die Leute, die vorübergingen, sagten: „Es gibt keine Hilfe; diese Familie hat eine große Sünde begangen, und sie hat ihr Gesicht verloren.“ Denn überall auf der Welt haben die Toten recht.

Christian blickte hilfesuchend zum Mond empor, aber der Mond war weitergezogen, und der Rauchkranz im Jurtendach war leer. Nur der Rand schimmerte silbern wie der gespannte Bogen des letzten Kämpfers von Edsina. Der Morgen kam, und mit ihm kam die große Geschäftigkeit.

Zunächst verbot Glück streng, daß Naidang etwas arbeite, und Naidang untersagte Glück, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Darüber kamen die beiden fast aneinander.

„Weißt du nicht“, sagte Naidang erbost, „daß das Mongol-Joß gebietet, den Gast zu ehren und ihm zu dienen?“

„Unterstehe dich“, grollte Glück, „erbärmlichen Leuten von niederer Herkunft Ehre zu erweisen.“

„Ihr seid meine Gäste“, beharrte Naidang, „mehr weiß ich nicht, und mehr wünsche ich nicht zu wissen.“

264

Da verlegte sich Glück aufs Bitten, und als er schwor, es gäbe keine größere Freude für ihn als Kochen, gab Naidang endlich nach. Er ging, um die Pferde auf die Weide zu entlassen, während Glück den Haushalt besorgte. Siebenstern war schon vor Sonnenaufgang mit den Schafen und Kamelen zur Derreswiese gezogen.

Die wenigen Handgriffe waren bald getan. Großer-Tiger und Christian schüttelten die Decken, legten sie zusammen, und Ungemach ordnete die Sitzkissen. Unterdessen machte Glück Feuer. Nachher wurde Tee getrunken, und dazu gab es Hirse. Siebenstern kam auf einem Kamel von der Weide geritten, und als alle beisammensaßen, sagte Naidang: „Ich habe beschlossen, mit Glück zur Schwarzen-Stadt zu reiten. Was meint ihr dazu?“

„Vater!“ rief Siebenstern, „das darfst du nicht tun. Wer etwas aus der Schwarzen-Stadt nimmt, muß sterben.“

„Ich werde nichts nehmen“, erwiderte Naidang, „also werde ich auch nicht sterben. Ich möchte meinen Gästen einen Dienst erweisen, falls ihnen zehn Barren Silber nicht zu gering erscheinen.“

„Niemals“, verwahrte sich Glück, „können wir solches annehmen. Das Silber ist dein Eigentum, denn du bist der Finder.“

„Gerade deshalb“, behauptete Naidang, „kann ich mit meinem Besitz tun, was mir Freude macht. Ihr habt einen großen Verlust erlitten, gestattet, daß ich euch mit wenigem diene.“ Er zog einen Haddak aus dem Gürtel und bot ihn kniend Glück, damit er ihn annehme. „Verschmähe meine geringe Gabe nicht“, bat er, „sie soll für dich und deine Freunde sein. Zwar bin ich besorgt um Anfang und Ende, denn auch Ihr könntet in Gefahr kommen, doch ich habe alles bedacht. Es gibt da“, sagte Naidang schlau, „Mittel und Wege, von denen wir später reden wollen.“

Glück zögerte. Gern hätte er das Silber der Schwarzen-Stadt gehabt, allein der Tod von Nicht-gibt-es-nicht gab ihm zu denken, und die Ängstlichkeit Siebensterns machte ihn bange.

„Diese Sache ist mir unheimlich“, gab er zu.

„Hamma-guä!“ rief Naidang, „du hast gehört: Es ruht kein böser Gedanke auf dem Schatz von Edsina.“

„Keine Angst“, ließ sich plötzlich Ungemach vernehmen, „du magst das Geschenk ohne Bedenken annehmen. Es war doch schon wer anderer da.“

„Wenn es so sein sollte“, sprach Naidang ruhig, „gehören dir vier von meinen Kamelen. Wozu sollte ich viele Kamele haben, wenn du keines hast und welche brauchst?“

„Deine Güte reicht bis zu den Wolken“, sagte Glück, verneigte sich sehr tief und nahm den Haddak entgegen. Dann zog er einen andern aus dem Gürtel, den er Naidang reichte.

265

„Morgen früh wollen wir reiten“, sagte Naidang und bedankte sich.

„Bolna!“ antwortete Glück entschlossen.

„Aber“, ließ sich Großer-Tiger vernehmen, „wenn niemand bei einem ist, kommen die Schädiger herbei.“

„Wie meinst du das?“ fragte Glück.

„Das kommt“, setzte ihnen Großer-Tiger auseinander, „von den vier hohen Stadtmauern. Wer im Innern einer Stadt gräbt, sieht nicht, was außerhalb vor sich geht. Es können Leute des Weges kommen und sich ein bißchen unterhalten, und wenn einer dabei ist, der sagt: ‚Wir wollen die Schwarze-Stadt betrachten‘, dann gehen sie durch das Tor und sehen, wie der befehlende Herr den ersten Silberbarren aus der Grube hebt und den zweiten schon in der Hand hat, und dann wäre es nicht gut, sondern schlecht.“

„Hm!“ brummte Glück, „es braucht nicht gerade wer in Chara-Choto spazierengehen, solange wir dort sind.“

„Man muß an vieles denken“, wandte Christian ein. „Großer-Tiger hat einen Plan ausgedacht. Vielleicht sollte man sagen: ‚Sprich, damit wir ihn erfahren.‘“

„Bolna!“ rief Naidang, „Großer-Tiger soll sprechen.“

„Wenn ich nicht dabeisein muß“, sagte Ungemach, „ist es bestimmt ein ausgezeichneter Plan.“

„Ohne Ungemach geht es nicht“, widersprach Großer-Tiger, „und Siebenstern muß auch dabei helfen.“

„O weh!“ rief Siebenstern, „dazu tauge ich nicht.“

„Ich sehe schon“, sagte Ungemach, „es ist kein guter Plan.“

„Ruhe!“ gebot Naidang, „wir wollen hören, um was es sich handelt.“

„Ich habe herausgefunden“, sagte Großer-Tiger, „daß wir mit Siebenstern sechs Männer sind. Das ist gerade die richtige Zahl, die man zu dem Unternehmen nötig hat, weil es in Chara-Choto vier Stadtmauern gibt, in jeder Himmelsrichtung eine. So stand in dem Bericht, den wir hörten.“

„So ist es“, bestätigte Naidang.

„Wenn wir auf jede Stadtmauer“, fuhr Großer-Tiger fort, „einen Posten stellen, sind wir nach allen Seiten gesichert. Kommt ein Mensch zu Fuß, dann sieht man ihn von weitem, einen Reiter erblickt man noch früher, und eine Karawane ist entdeckt, bevor sie unterwegs ist. Dann braucht man nur Hallo rufen oder Holla! und gleich decken die beiden, die das Silber ausgraben, die Steinplatte umgekehrt auf das Loch. So kann niemand ‚Großes Heil ist nahe‘ lesen, und wenn einer was fragt, dann sagen wir: ‚Wir ruhen uns ein wenig aus, weil vorhin einige Geister hier waren. Davon sind wir etwas bleich geworden, aber es geht vorüber.‘“

266

„Großer-Tiger“, rief Naidang, „ich muß dir großes Lob sagen. Wir werden die Sache nach deinem Vorschlag angreifen.“

„Aber wer soll Posten stehen, und wer soll graben?“ fragte Glück.

„Der befehlende Herr hat recht“, sagte Großer-Tiger. „Man muß vorher beschließen, was man tun will, damit nachher nichts Unvorhergesehenes eintritt. Da die Schwarze-Stadt ein Anblick ist, um Angst zu kriegen, ist es das beste, wenn Kompaß-Berg und ich graben. Wir kommen beide von weither, da kennen uns die Geister nicht, wenn es welche gibt, und bevor sie wissen, wer wir sind, packen wir das Silber ein und verschwinden.“

„Ihr habt Mut“, sagte Naidang, „aber wie wird es sein, wenn ihr in den Ruinen steht?“

„Wir hoffen den Anblick zu ertragen“, sagte Christian.

„Abgemacht!“ rief Glück, „wir wollen noch einmal die Weisung hören, wie man gehen muß, damit man den Stein findet und nachher das Silber.“

Da setzte Naidang die Mütze auf, nahm das Buch aus der Truhe und las die Beschreibung Araptans vor, bis er an die Stelle kam, wo es hieß: „Versieh dich mit Werkzeug, mit Seilen und kleinen Körben.“

„Die brauchen wir nicht“, sagte Naidang und schloß das Buch. „Jetzt verbrennen wir das Geschriebene, wie es der Brauch will.“

Er nahm das Buch, löste die Heftfäden und warf die Blätter eins nach dem andern ins Feuer. Sie loderten hell auf, dann kräuselte sich die Asche und wurde schwarz. Die Schriftzeichen liefen weiß und grau darüber hin, bis Siebenstern ein Eisen nahm und die fliegenden schwarzen Blättchen wie Feinde zerstampfte.

„So“, rief sie aufatmend, „jetzt könnt ihr niemand mehr schaden.“ Dann stand sie fröhlich auf und ging hinaus. Gleich darauf hörte man sie davontraben.

„Auch ich muß gehen“, sagte Naidang, „heute abend bin ich wieder da.“

„Wo gehst du hin?“ fragte Glück.

„Reite mit mir“, forderte ihn Naidang auf, „wir haben mancherlei Arbeit zu verrichten.“

„Aber das Kochen“, fragte Glück, „wer soll das Kochen besorgen?“

„Ich werde das Essen bereiten“, erbot sich Großer-Tiger, „der befehlende Herr soll sich deswegen nicht beunruhigen.“

Als Glück und Naidang davontrabten, schrien Christian und Großer-Tiger: „Jabonah! Sä Jabonah!“

Sie hätten gern gewußt, was Naidang vorhatte, aber keiner wagte danach zu fragen.

„Ob Siebenstern es weiß?“ sagte Christian.

267

„Wir wollen sie fragen“, entschied Großer-Tiger.

„Wir haben“, sagte Christian so nebenbei, „einen getroffen, der Donnerkeil heißt. Er hatte ein Gewehr bei sich, und vielleicht kennst du ihn?“

„Ich kenne ihn“, erwiderte Siebenstern, „er ist ein Lama.“

„Ich dachte“, begann Christian von neuem, „daß Lamas im Kloster sitzen und beten.“

„Nicht alle“, belehrte ihn Siebenstern, „es gibt welche, die das Kloster wieder verlassen, aber deswegen bleiben sie doch Lamas. Vielleicht haben sie nicht gut lesen gelernt, oder sie waren nicht folgsam, oder es war auch gar nichts anderes, als daß sie wieder im Zelt leben wollten und im Sattel. Vor allem im Sattel“, sagte Siebenstern, „denn der Sattel ist unsere Heimat.“

„Und der Uralte-Herr?“ fragte Christian geradezu.

„Was weißt du von ihm?“ rief Siebenstern.

„Ich habe gehört, daß er ein Räuber sei und eine feste Burg irgendwo habe, ganz aus Stein und mitten in der Wüste.“

„Er ist ein Fürst“, sagte Siebenstern leise, „und ein großer Krieger. Und man sagt auch, daß er ein Lama sei.“

„Es soll da einen gewissen Schong-Ma geben, den der Uralte-Herr gar nicht leiden kann“, sagte Großer-Tiger waghalsig.

„Schong-Ma ist ein Teufel!“ rief Siebenstern mit Abscheu.

„Man hat von ihm gesprochen, als ob er ein Mensch wäre“, sagte Großer-Tiger, „denn es gibt welche, die ihn suchen; zum Beispiel der Lama Donnerkeil.“

„Ich wünschte, er fände ihn“, rief Siebenstern, und ihre Augen blitzten zornig. „Leider weiß man nicht genau, ob Schong-Ma am Leben ist. Lange Zeit hieß es, er sei gestorben, aber jetzt geht ein Gerücht um, und viele sagen, es gebe ihn noch, und er verberge sich unter einem anderen Namen.“

„Weiß man den anderen Namen?“ fragte Christian.

„Man weiß ihn nicht“, sagte Siebenstern, „aber die scharfen Augen des Uralten-Herrn spähen in jeden Winkel, und sie werden Schong-Ma finden, wenn er lebt.“

„Was hat er ihm denn getan?“ forschte Christian.

„Ich will euch ein paar Worte sagen. Wenn ich die ausgesprochen habe, werdet ihr euch fürchten.“

„Vor wem?“ fragte Großer-Tiger.

„Vor Schong-Ma natürlich“, rief Siebenstern, „seid froh, daß ihr von solchen Unmenschen nur erzählen hört, statt ihnen zu begegnen.“

„Man weiß das nie“, gab Christian zu bedenken. „Da geht einer ein bißchen spazieren, und vielleicht steht irgendwo ein Waschfaß, auf das er sich setzt, weil er müde ist und weil er den Tauben zuschauen möchte. 268Plötzlich erschrickt er, denn hinter ihm hustet einer und hat Augen wie ein Wolf und spuckt in das Waschfaß, und sein schwarzer Bart zittert.“

„Das ist er nicht“, sagte Siebenstern, „Schong-Ma hat keinen Bart. Er sieht aus wie ein gewöhnlicher Mensch; darum ist er so schwer zu finden.“

„Aha!“ sagte Großer-Tiger und machte Christian ein Zeichen, daß er schweigen solle. „Sage uns, was du von Schong-Ma weißt.“

„Er stammt aus der Gegend von Sining-Fu“, begann Siebenstern, „aber was fängt man mit einem Menschen an, der wie ein großer Herr tut und viele Schulden macht, die er am Neujahrstag nicht bezahlen kann?“

„Man sperrt ihn ein“, sagte Christian.

„Schong-Ma konnte man nicht einsperren“, fuhr Siebenstern fort, „er floh durch alle Reiche bis in die Mandschurei. Dort begann er mit chinesischen Siedlern jenseits der Hsingan-Berge und mit den verarmten Stämmen der Tschachar- und Naiman-Mongolen Handel zu treiben. Er fand aber auch einen Fürsten, der reich war an Vieh und an altem Familienbesitz. Als der Fürst mit seinen Männern vor zwanzig Jahren zum großen Kurultai nach Urga ritt, tat sich Schong-Ma mit einigen Schurken zusammen. Sie überfielen die Jurten des Fürsten, raubten das Vieh und schleppten aus den Zelten die Truhen fort mit dem, was darin war. Die Frauen und Kinder, die daheimgeblieben waren, brachten sie um.“

„Was sagst du da?“ rief Christian.

„Weshalb erschrickst du so?“ fragte Siebenstern, „ich sagte dir doch, er ist ein Teufel.“

„Kompaß-Berg“, sagte Großer-Tiger ruhig, „hat noch nicht erfahren, daß es niedrige Menschen gibt, die schlimmer sind als Wölfe und Tiger.“

„Seit dem Überfall“, berichtete Siebenstern, „blieb Schong-Ma verschwunden. Eine Zeitlang ging das Gerücht, man habe ihn in Lantschou gesehen, aber das ist schon lange her. Der Fürst verließ die Weidegründe seiner Väter und schwor, jeden Chinesen, den er im Grasland träfe, zu töten. Mit ihm schworen zwanzig Männer seines Stammes, und viele schlossen sich ihm an, als er den Rachezug begann.“

„Tat er denn“, fragte Christian entsetzt, „was er sich vornahm?“

„Er tat, was er tun mußte“, erklärte Siebenstern, „weil man einen Schwur nicht brechen darf. Er eroberte Dörfer und ganze Städte, und kein Chinese blieb am Leben. Als er genug Blut vergossen hatte, sprach er seine Männer von dem Eid frei und baute sich eine Burg mitten in der Wüste. Jetzt sucht er nur noch Schong-Ma. Zu allen Zeiten sind Männer von ihm unterwegs, besonders in Sining-Fu und in Lantschou. 269An den Lagerfeuern der Karawanen sitzen seine Spione und passen auf, ob sie was erfahren. Als Donnerkeil vor zwanzig Tagen bei uns war, hatte er es besonders eilig. Der Fürst, sagte er, hat Nachricht bekommen, daß einer, den sie als tot betrauerten, am Hof des Sunit-Wang lebt. Er heißt Mondschein.“

„Manche Leute“, sagte Großer-Tiger, „nennen ihn auch Pfötchen.“

„Woher weißt du das?“ rief Siebenstern erstaunt.

„Wir haben den Wolf mit ihm gejagt“, berichtete Christian, „und dabei sind wir Freunde geworden.“

„Weißt du“, fragte Großer-Tiger, „warum der Lama Donnerkeil so eilig den Gefährten Mondschein holen muß?“

„Das hat er uns nicht verraten“, sagte Siebenstern, „es muß aber eine wichtige Sache sein, denn Mondschein sitzt zur Linken des Fürsten, und bei großen Unternehmungen ist er der erste im Sattel.“

Großer-Tiger drehte versonnen den Ring am Daumen.

„Also“, sagte er gedehnt, „ist der Fürst der Uralte-Herr, und der Uralte-Herr ist Dampignak und Dampignak ist …“

„Sag nicht, daß er ein Räuber sei“, rief Siebenstern, „er ist ein Edler. Viele fürchten ihn, aber viele lieben ihn auch.“

„Wer Unschuldige tötet“, sagte Großer-Tiger, „ist kein Edler. Wir trafen“, fuhr er fort, „den heiligen Mann Jolleros-Lama, dem Dampignak vor vielen Jahren begegnete. Der Gegen sprach zu ihm: ‚Du verfinsterst das Licht. So lebt kein Edler!‘ Da warf sich Dampignak zu Boden und weinte.“

„Das tat er nicht“, rief Siebenstern erregt.

„Der heilige Mann Jolleros-Lama“, erwiderte Großer-Tiger ernst, „hat es uns selbst erzählt, und Jolleros-Lama spricht keine Lüge. Bedenke, er ist ein Gegen.“

„Aber“, sagte Siebenstern, die nur mit Mühe Worte fand, „wie sollte einer leben, dem solches Unrecht widerfuhr?“

„Vielleicht“, sagte Großer-Tiger, „ist Dampignak ein Mensch, der meint, es sei recht, wenn einer unbeugsam bleibe, und am Ende ist er noch stolz darauf. So soll es aber nicht sein. Mein Großvater sagt: ‚Ein Edler sieht das Gute und ahmt es nach. Hat er Fehler, so legt er sie ab.‘“

„Ist dein Großvater ein Gelehrter?“

„Er ist kein Gelehrter, er ist nur mein Großvater.“

„Und du“, wandte sich Siebenstern an Christian, „was denkst du?“

„Ich glaube“, sagte Christian, „Großer-Tiger sprach von der wahren Gesinnung, die einer haben sollte.“

Da schwieg Siebenstern, runzelte die Stirn und blickte vor sich auf den Weg, in dem man die Räderspuren des Lastwagens sah. Sie hatte eine 270Weidengerte, mit der sie Figuren in den Sand zeichnete und unwillig wieder auslöschte.

Christian wurde das Herz schwer, denn zum erstenmal ahnte er die dunklen Gewalten, die den Menschen unempfindlich machen gegen fremdes Leid. Großer-Tiger hatte aufgehört, den Ring zu drehen. Er betrachtete sorgfältig die silberne Schlange, und er schaute erst auf, als der Pudel sich setzte, ein wenig schnüffelte und die Zottelohren stellte.

„Sitzenbleiben“, befahl Siebenstern leise.

„Ihr sollt auch nicht aufstehen“, sagte sie zu Großer-Tiger und Christian. „Wenn ihr eine Weile wartet, kommen meine Antilopen, und ihr könnt sie betrachten.“

„Gehören sie dir?“ fragte Christian.

Siebenstern mußte lachen, obwohl sie traurig war. „Sie gehören niemand außer sich selber“, sagte sie, „aber deswegen sind es doch meine Antilopen.“

Der Pudel begann unruhig zu werden. Man merkte, daß er am liebsten davongestürmt wäre, aber Siebenstern faßte ihn am Kragen und zwang ihn, sich neben sie zu legen. „Er begreift noch immer nicht“, sagte sie, „daß er ihnen nichts zuleide tun darf. Unsere Hasen hat er alle verscheucht, und sie kommen nicht wieder. Das ist traurig.“

„Hasen hattest du auch?“ fragte Großer-Tiger.

„Wir hatten viele Hasen“, sagte Siebenstern, „sie wohnten nicht weit von unserem Zelt, und wenn der Fuchs oder fremde Hunde sie jagten, kamen sie in die Jurte gerannt und suchten Schutz. Ich streichelte ihnen die langen Ohren und den Hals, und ich spürte, wie ihnen das Herz schlug. Sie gingen auch nicht eher fort, als bis ich draußen nachgeschaut hatte und ihnen sagte, daß nirgends mehr eine Befürchtung sei.“

„Bei uns rennen die Hasen fort, sobald sie den Menschen erblicken“, sagte Großer-Tiger.

„Sch!“ machte Siebenstern, und dann waren alle drei ganz still und rührten sich nicht, denn über den Derreshalmen erhob sich das geschwungene Gehörn eines Antilopenbocks, der vorsichtig herüberäugte. Siebenstern faßte dem Pudel in die Locken, und Christian und Großer-Tiger vergaßen Schong-Ma mitsamt dem Uralten-Herrn. Sie wurden ganz aufgeregt vor Freude und Stillsein, und sie vermeinten nie etwas Schöneres gesehen zu haben als das stolze Tier mit den braunen vertrauenden Augen. Der Bock kam langsam näher, blieb aber dann stehen und beobachtete aufmerksam den Pudel, während die Ricken sorglos ästen, an den Halmen rupften und ohne Arg auf die Gruppe am Wegrand blickten. Langsam zogen sie weiter. Sie mengten sich unter die Schafe und Kamele, die sie als gute Freunde schon lange kannten.

„Sie wissen, daß wir ihnen nichts tun“, sagte Siebenstern.

271

„Gelbe-Ziegen gehen, als gebe es keinen Boden, um darauf zu treten“, sagte Großer-Tiger, „darum sind sie so schön.“

„Jagt man bei euch die Antilopen nicht?“ fragte Christian.

„Man jagt sie“, gab Siebenstern zu, „aber nur wenn das Fleisch knapp ist.“

„Und die Hasen?“ fragte Großer-Tiger.

Siebenstern war entsetzt. „Man darf doch die Hasen nicht jagen“, sagte sie, „so ein kleines Tier, und außerdem sitzt ein Hase im Mond, was sollte der denken?“

„Entschuldige“, sagte Großer-Tiger, „ich habe den Mondhasen vergessen.“

„Voriges Jahr“, berichtete Siebenstern, „war er in großer Gefahr?“

„Wie das?“ fragte Christian.

„Der Mond war rund und schön“, erzählte Siebenstern, „und er glänzte. Wir schliefen schon, aber auf einmal wurden die Kamele unruhig. Sie sprangen auf, und der Hund wimmerte, als ob er Schmerzen hätte. Davon wachte ich auf. Ich weckte Vater und Mutter und meine Brüder, und sie gingen mit mir hinaus. Da erlebten wir einen großen Schrecken. Der schöne Mond verfärbte sich blutig rot, und zur Hälfte war er schon gar nicht mehr da. ‚Es eilt‘, rief Vater, ‚die hungrigen Wölfe des Himmels wollen den Mondhasen fressen. Wir müssen sie verscheuchen.‘ Da griffen wir zu dem, was gerade zur Hand war, und Vater holte seine Gabelflinte, mit der er viele Male schoß. Wir schrien, und wir machten einen großen Lärm, und schließlich half es auch. Der Mond wurde wieder hell, die Wölfe mußten von ihrer Beute lassen, und der Hase saß wie immer auf den Hinterläufen und betrachtete die Welt. Da freuten wir uns sehr.“

„Man nennt das eine Mondfinsternis“, sagte Christian, „und ich habe in der Schule gelernt, warum das so ist, aber ich habe es vergessen.“

„Du hättest aufpassen sollen“, tadelte Siebenstern.

Es wurde Mittag, und die Sonne schien heiß. Der Pudel stand auf, zottelte zum Fluß hinunter, um Wasser zu trinken, und Siebenstern ging zur Derreswiese. Sie kam mit drei Kamelen wieder.

„Wir wollen die Tiere zur Tränke führen“, sagte sie und gab Christian und Großer-Tiger jedem einen Führungsstrick mit dem daran hängenden Kamel.

„Jirr!“ rief Christian und führte das Kamel hinter sich drein.

„Jill!“ rief Großer-Tiger und wollte sich auf den Weg machen.

„Halt!“ sagte Siebenstern, „so macht man das nicht. Der Mensch“, sprach sie ernst, „ist nicht zum Gehen mit den Füßen auf der Welt. Man hat zwei Beine, damit man reiten kann.“

272

„Aber es ist nur ein kurzes Stück bis zum Fluß“, wandte Christian ein.

„Wir Mongolen“, belehrte ihn Siebenstern, „denken, daß man einen kurzen Weg ebensogut reiten kann wie einen langen. Bolwo?“

„Bolna!“ sagte Christian.

„Die Kamele haben aber keine Sättel“, sagte Großer-Tiger, „wie soll man da reiten?“

„Ich werde es dir zeigen“, versprach Siebenstern, und dann rief sie „Zuck! Zuck!x, und Großer-Tiger und Christian riefen auch „Zuck! Zuck!“

Da fielen die Kamele gehorsam mit den Vorderbeinen auf beide Knie, daß es einen Plumpser tat; dann rutschten sie auf den Knien so weit vorwärts, bis die Hinterbeine einknickten und der schwere Körper sich senkte. Hinterher ordneten sie im Liegen die Beine, und dann schauten sie aus großen Augen, was jetzt wohl käme.

„Ihr müßt ihnen schnell auf den Rücken springen“, sagte Siebenstern, „denn die meisten Kamele stehen geschwind auf, sobald sie merken, daß man reiten will. Wir haben aber keinen Sattel und also auch keine Steigbügel, in die man gemächlich den Fuß setzen kann. Schaut einmal her!“

Sie zog den Nasenstrick leicht an, faßte den vorderen Fetthöcker und schwang sich trotz der schweren Stiefel unglaublich flink auf den Rücken. Da war das Kamel schon aufgestanden, und Christian wünschte, er wäre auch oben.

„Nicht so fest ziehen“, warnte Siebenstern, als sie sah, daß Großer-Tiger den Nasenstrick spannte. Das Kamel sperrte den Rachen auf, schrie ärgerlich, und es hätte Großer-Tiger angespuckt, wenn er nicht locker gelassen hätte. Aber es war nicht so schwer, wie es aussah. Man mußte nur flink sein, und wenn man einmal saß, mußte man die Knie an den runden Rücken pressen. Großer-Tiger und Christian waren flink, und ehe man „eins, zwei“ sagen konnte, schwebten sie hoch oben und merkten, daß sie Kamelreiter geworden waren.

„Ihr treibt die Schafe zusammen“, befahl Siebenstern, und sie ordnete an, was zu geschehen habe.

„Du“, sagte sie zu Christian, „und du“, sagte sie zu Großer-Tiger, „ihr müßt einen großen Bogen reiten, damit kein Schaf zurückbleibt. Ich hole derweil die Kamele und warte auf euch.“

Christian und Großer-Tiger riefen „Bolna!“, und dann ritt Großer-Tiger durch die Derreswiese, bis sie aufhörte und die Weideplätze der Pferde anfingen. Christian ritt bis zum Waldrand, wo er einen tüchtigen Stecken brach, mit dem er die Schafe vor sich hertrieb. Die Antilopen waren längst entflohen. Anfänglich schien es leicht, die Schafe beisammenzuhalten, 273aber dann gab es Ausreißer, und wenn Christian einem nachreiten mußte, hatte sich im Nu die übrige Schar zerstreut.

Da rief Siebenstern den Pudel, und als er kam, ging die Arbeit auf einmal flott vonstatten. Er hielt die Herde zusammen, und Christian und Großer-Tiger brauchten nur die Einzelgänger holen. Als Christian bei Siebenstern anlangte, übergab sie ihm die vier Kamele und begann die Schafe zu zählen, die an ihr vorbei zum Wasser zogen. Sie wackelten mit den Fettschwänzen und wirbelten eine Unmenge Staub empor. Manche waren dabei, die unter dem Gewicht des mächtigen Fettschwanzes einknickten oder stolperten, wenn es über eine Unebenheit ging.

„Vierundsechzig“, sagte Siebenstern, „es stimmt.“

Am Flußufer sprangen die Reiter ab. Siebenstern band den Kamelen die Leitstricke um den Hals, und sie begannen gleich zu saufen. Man sah, wie sich die Bäuche füllten und prall wurden. Zwischenhinein schlenkerten die Kamele die Oberlippe, schauten hochmütig nach allen Seiten und verspritzten weit herum Wasser vor lauter Wohlbehagen. Die Schafe tranken viel manierlicher. Bald räumten sie den Kamelen das Feld, knabberten an den Büschen und durften den Nachmittag über auf der Weide bleiben, die sonst den Pferden und den beiden Kühen vorbehalten war.

„Wenn Vater heute abend zurückkehrt, mußt du was erzählen“, sagte Siebenstern, „vergiß es nicht.“

„Mein Wissen ist gering“, erwiderte Großer-Tiger.

„Wohin ist Vater Naidang geritten?“ erkundigte sich Christian.

„Er wird Turakina holen“, entgegnete Siebenstern, „sie ist meine Base. Jemand muß doch bei den Schafen bleiben, wenn ich mit euch reiten soll. Erwähnt aber Turakina gegenüber nichts von Edsina und nichts von dem Silber.“

„Wir sind gewohnt zu schweigen“, sagte Christian stolz. „Seit wir durch die Mongolei reisen, üben wir uns in dieser Kunst.“

„Obwohl uns kein Verdienst zukommt“, sagte Großer-Tiger bescheiden, „haben wir damit beträchtliche Erfolge erzielt.“

Dreiunddreißigstes Kapitel
das von dem ersten Fund handelt und von dem Mann,
der „Regenschirm“ hieß

„Naidang kommt spät“, sagte Großer-Tiger, „die Sonne geht bald unter.“

„Es wird ihm was passiert sein“, sagte Ungemach düster.

274

„Was soll ihm denn groß passieren?“ fragte Großer-Tiger.

„Es braucht nichts Großes zu sein“, belehrte ihn Ungemach, „ein Wadenkrampf genügt.“

Auf diese Weise unterhielten sie sich, während Großer-Tiger vor dem Nudelbrett kniete und den Teig in Streifen schnitt.

Ungemach kniete ihm gegenüber, und weil er eine ganz bestimmte Vorstellung hatte, wie Nudeln aussehen sollten, walzte er sie mit den Händen, bis sie rund und dünn waren wie Stricknadeln. Dann erst warf er sie in den Kessel.

Siebenstern saß vor dem Zelt mit einem Steinmörser. Bums, bums, ging es in einem fort; denn sie zerschlug einen Teeziegel zu kleinen Brocken, und die kleinen Brocken zerstieß sie zu Bröseln.

„Eigentlich ist es eine Morgenarbeit“, sagte sie zu Christian, „was habt ihr denn heute früh getrieben?“

„Wir haben ‚Sä Jabonah‘ gerufen, als dein Vater wegritt, und dann haben wir noch einmal ‚Sä Jabonah‘ gerufen, als Glück davonritt, und dann …“

„Ich merke schon“, sagte Siebenstern, „welche Art Arbeit ihr verrichtet habt“, und sie gab Christian den Stößel in die Hand. „Der Tee muß aber sein wie grober Staub“, sagte Siebenstern streng. Dann ging sie, um das Holzgatter für die Schafe aufzustellen, das Vater Naidang gemacht hatte und das man zusammenschieben und wieder auseinanderziehen konnte, wie man es brauchte. Als sie weg war, kam Großer-Tiger vor die Jurte, um nachzuschauen, was das Klopfen bedeute.

„Ich mache groben Staub“, erklärte Christian.

„Höre sofort auf“, sagte Großer-Tiger, „du hast den Tee schon viel zu fein gestoßen, und die Nudeln macht Ungemach viel zu dünn. Wenn Glück nach Hause kommt, wird er eine mittlere Freude erleben. Vielleicht sollten wir lieber nach den Schwänen sehen.“

„Sie müßten schon da sein“, sagte Christian, und dann gingen sie miteinander unter den Bäumen entlang bis zur Furt.

Dort regte sich nichts. Das Wasser war spiegelglatt und dunkel, und kleine Eisschollen schwammen darauf wie Seerosen. Auch schien es, als ob der Närin-Gol etwas gestiegen wäre.

„Wir wollen“, schlug Großer-Tiger vor, „forschen, wie es flußaufwärts aussieht. Hier kennen wir uns schon aus, aber weiter oben nicht.“

„Bolna!“ rief Christian erfreut. Sie drangen auch gleich in das Gebüsch ein, aber da gab es keinen Pfad mehr, sondern Dornengestrüpp zwischen sehr alten Bäumen mit dürren Ästen. Die Lianen umschlangen die Äste, und der Efeu umschlang die Lianen, und so erwürgten sie sich gegenseitig. Unter einer Pappel, deren gewaltige Krone geborsten am Boden lag, hörte Christian auf zu forschen.

275

„Die Expedition ist zu Ende“, sagte er, „man müßte eine Axt haben.“

„Dort oben ist was“, rief Großer-Tiger und deutete am Stamm hinauf.

Christian klopfte mit der Faust dagegen. „Hohl“, sagte er, „in diesem Stamm wohnt eine Eule oder eine Wildkatze, am Ende auch ein Luchs oder zwei Luchse.“

„Nein“, widersprach Großer-Tiger, „da oben hat jemand Dornen und Reisig hineingestopft. Das macht kein Tier.“

„Vielleicht ist es ein Vogelnest.“

Christian verschränkte die Hände, Großer-Tiger stieg hinein, und als er einen Ast fassen konnte, schwang er sich bis zu der Gabelung empor, wo der Stamm sich teilte und einer der gebrochenen Hauptäste mit zersplitterten Spänen am Stamm hing.

„Komm herauf“, rief Großer-Tiger, „hier ist eine Sache, die ich dir nicht deutlich machen kann. Du mußt sie selber sehen.“

Christian bedachte sich, aber als Großer-Tiger versicherte, der Ast breche nicht und man könne ihn zum Aufstieg benützen, kroch er daran empor, bis er rittlings auf den gebogenen Spänen saß.

Großer-Tiger deutete auf ein Dornenbündel, das in der Bruchstelle steckte.

„So kann man es nicht wissen“, antwortete Christian, „man sollte einen Lappen oder Handschuhe haben.“ Und er zerrte an den Dornen.

„Auf jeden Fall müssen sie weg“, entschied Großer-Tiger.

„Wenn aber plötzlich etwas herauszischt?“

„Wir werden langsam arbeiten. Sollte trotzdem etwas Verborgenes heraus wollen, haben wir Zeit, uns fortzubegeben.“

„Bolna!“ sagte Christian, aber er blickte zum Abendhimmel und dachte, daß es bald dunkel sein würde, und auch Großer-Tiger überlegte, um wieviel besser es wäre, wenn man noch bei Licht der Sache zu Leibe ginge. Rasch entschlossen wickelte er die Bänder los, die seine Hosen über den Schuhen zusammenhielten, und schlang sie um das Dornenbündel. Es steckte aber fest in dem Loch, und Christian und Großer-Tiger mußten zu zweit zerren und ziehen, bis es sich endlich rührte.

„Nicht so heftig“, sagte Christian, „sonst fallen wir.“

„Zischt was?“ erkundigte sich Großer-Tiger und hörte auf zu ziehen.

„Ich höre nichts“, sagte Christian.

Dann zogen sie das Dornenbündel aus dem hohlen Baum und warteten eine Weile.

„Es rührt sich nichts“, sagte Christian, und er guckte vorsichtig in das dunkle Loch.

„Man sieht nichts“, bestätigte Großer-Tiger und guckte auch hinein.

„Es riecht betäubend“, bemerkte Christian, „das macht die Fäulnis.“

276

„Wir müssen der Sache auf den Grund gehen“, entschied Großer-Tiger. Er brach einen Zweig ab, mit dem er anfing, in der Höhlung herumzustochern.“

„Was ist dir?“ rief Christian erschrocken, weil er sah, daß Großer-Tiger bleich wurde. „Gibt es einen Gegenstand?“

„Es gibt einen weichen Gegenstand, der seufzt.“

Christian griff zögernd nach dem Stock, den ihm Großer-Tiger reichte, und dann spürte er entsetzt, daß etwas Wabbliges in dem hohlen Baum steckte, das seufzte und gurgelte. Da wurde auch Christian ein wenig übel, und er setzte sich rasch aufrecht.

„Hallo!“ rief Großer-Tiger, um zu zeigen, daß er wieder mutig war.

„Selber Hallo!“ sagte Christian schwach.

Dann schauten sie sich an und versuchten zu lachen. Dabei merkten sie, daß es nicht sehr gut ging und daß es immer dunkler wurde.

Inzwischen hatte sich Großer-Tiger etwas schrecklich Tapferes ausgedacht.

„Wir müssen“, sagte er, „eins, zwei zählen. Wenn zwei zu Ende ist, langen wir miteinander in das Loch und holen heraus, was sich darin verbirgt.“

„Aber wenn es zappelt?“ fragte Christian.

„Auch wenn es zappelt“, erklärte Großer-Tiger standhaft.

„Und wenn es beißt?“

„Dann lassen wir schnell los.“

„Bolna!“ sagte Christian ergeben, „ich mache mit.“

„Eins!“ zählte Großer-Tiger und legte die Hand auf den Rand der Höhlung.

Christian bewunderte ihn dafür und folgte seinem Beispiel. Dann rief Großer-Tiger: „Zwei!“

Beide streckten die Arme blitzschnell in den Abgrund, faßten zu, und Großer-Tiger schrie: „Festhalten!“

„Aber es zappelt!“ rief Christian.

„Nicht sehr“, sagte Großer-Tiger keuchend, „es ist ein Tier, aber es hat keine Haare oder nur ganz wenige. Zieh schnell, bevor es aufwacht. Es liegt im Winterschlaf.“

„Zieh du“, sagte Christian und wollte loslassen. Aber dann schämte er sich, und so zogen beide das Tier heraus, dessen Haut sie in der Faust krampfhaft festhielten.

Christian grauste es. Trotzdem hielt er die Augen tapfer offen.

„Es ist ein Tier, das schläft“, sagte Großer-Tiger dumpf und betrachtete die Beute.

„Aber es hat keinen Kopf“, widersprach Christian, „und von den Beinen sieht man auch nicht viel.“

277

„Das kommt, weil es dunkel ist“, sagte Großer-Tiger. „O Kwi-Schan!“ rief er plötzlich und lachte, „es ist kein Tier. Es war mal eins, aber jetzt ist es ein voller Ziegenschlauch mit Arrak darin. Deshalb“, setzte Großer-Tiger auseinander, „riecht es betäubend.“

„Wenn das so ist“, erwiderte Christian, „gibt es vielleicht noch einen zweiten Schlauch.“

„Mal sehen“, sagte Großer-Tiger und tastete mit dem Stock in die Höhle. „Es gibt einen zweiten“, berichtete er, „aber den können wir nicht fassen, er liegt zu tief.“

„Lassen wir ihn, wo er ist“, schlug Christian vor, „dann sucht Naidangs Frau nicht vergeblich, wenn sie was holen will, und sie wird nicht ganz böse auf uns sein, sondern bloß halb.“

„Vielleicht wundert sie sich nur“, sagte Großer-Tiger.

Dann machten sie sich vereint daran, das Dornenbündel wieder an den richtigen Platz zu rücken. Großer-Tiger, der aufrecht stehen konnte, stampfte mit dem Fuß darauf herum, und als er die Wickelbänder um die Beine gewickelt hatte und als alles aussah wie vorher, begann der Rückzug. Er war schwierig wegen der vielen Dornen und gefahrvoll wegen der vielen Gefahren, von denen man nichts weiß, solange es hell ist, die es aber gleich gibt, wenn es dunkel wird. Als Christian an der Furt aus dem Dschungel trat, war er herzlich froh, und Großer-Tiger legte den Schlauch aufatmend nieder.

Der Mond war gekommen; in der Ferne sah man den Feuerschein durch die offene Jurtentür, und Siebenstern rief abwechselnd: „Kwi-Schan!“ und dann wieder: „Hu-Ta!“ Dazwischen bellte der Pudel; man war nicht allein auf der Welt.

„Wir kommen“, rief Christian zurück.

„Schnell“, sagte Großer-Tiger leise, „was sagen wir?“

„Müssen wir wieder eine Lüge loslassen?“ fragte Christian besorgt.

„Es gibt keine Hilfe“, antwortete Großer-Tiger, „es muß sogar eine vortreffliche Lüge sein, eine von der Sorte, die keine ist, denn wir dürfen Mutter Naidangs Versteck nicht verraten.“

„Ihr kommt spät“, rief Ungemach, „das Essen ist bereit, und Vater Naidang wartet seit langem.“

„Wir bitten um Nachsicht“, rief Christian, während Großer-Tiger sich bückte und den Schlauch hinter einem der dicken rostroten Bäume in den Mondschatten legte.

In der Jurte saßen alle um den Kochtopf. Ungemach machte ein erwartungsvolles Gesicht, was wohl Glück sagen würde, wenn er den Holzdeckel heben und die prachtvollen dünnen Nudeln sehen würde. Auch ein fremdes Mädchen war da. Sie saß neben Siebenstern, die eifrig mit ihr tuschelte und lachte.

278

„Ruhe!“ befahl Vater Naidang. „Ich habe“, sagte er, „Turakina mitgebracht, damit sie die Jurte versieht und die Schafe weidet, solange wir beim alten Märin auf Besuch sind.“

„Auf einmal, wie das eben so geht“, erklärte Glück, „wünschte ich die Bekanntschaft dieses ehrwürdigen Mannes zu machen. Er wohnt nicht sehr weit von hier; ein guter Tagesritt oder so, dann sind wir zurück.“

„Dürfen wir mit?“ fragte Großer-Tiger artig.

„Ihr ehrt mich“, rief Naidang, „selbstverständlich dürft ihr mit.“

„Meinetwegen“, brummte Glück, und damit war das stillschweigende Einverständnis der Schatzgräber hergestellt.

Ungemach lüftete den Deckel.

„Ah!“ riefen Christian und Großer-Tiger.

Aber Glück hielt den Kopf schief und rief nicht Ah! „Diese Nudeln leiden an Kürze“, sagte er, „und an Dünne.“

„Sie sind durch langes Kochen zerfallen“, entschuldigte sich Ungemach, „deshalb kleben sie ein bißchen.“

„Man kann sie aber essen“, sagte Christian eifrig.

„Der kleine Fehler mag uns vergeben werden“, bat Großer-Tiger.

„Ich sehe überhaupt keinen Mangel“, widersprach Naidang, und Ungemach war ihm dankbar dafür.

Nach dem Essen wurde Tee gekocht. Siebenstern, die mit Turakina neben der Türe saß, schloß die beiden Flügel. „Denn“, sagte sie, „ich möchte nicht, daß eines der Worte von Großer-Tiger verlorengehe.“

„Gibt es einen Weg“, fragte Ungemach erwartungsvoll, „auf dem wir alles erfahren, was dein weiser Großvater von den Dingen dieser Welt weiß?“

„Ich bin zu gering, sie mitzuteilen“, wehrte Großer-Tiger bescheiden, aber Naidang sagte: „Wir bitten dich darum“, und dann verwies er Turakina das Schwatzen.

„Zunächst“, begann Großer-Tiger, „muß ich etwas mitteilen, was mir wert scheint, erwähnt zu werden.“

„Immer zu!“ rief Naidang wohlgelaunt.

„Kompaß-Berg und ich“, bekannte Großer-Tiger, „üben uns in der Kunst des Schweigens. Deshalb gingen wir, als es Abend wurde, am Fluß hinauf und sprachen kein Wort. An der Furt setzten wir uns in das Gebüsch, und weil der Anfang der Zehntausend Dinge schwierig ist, machten wir es wie die drei Affen.“

„Wie war es mit denen?“ fragte Ungemach wissensdurstig.

„Der erste“, erklärte Großer-Tiger, „hielt sich die Ohren zu, der andere die Augen und der dritte den Mund. So lernten sie durch gegenseitige Belehrung: Nichthören, Nichtsehen und Nichtreden. Dadurch wurden sie berühmt. Viele Leute schnitzten sie aus Holz oder bildeten 279sie in Ton, und manche, die es ernst meinten, nahmen sich die drei Affen zum Vorbild. Das taten auch wir, denn wir hielten es für ein verdienstvolles Beginnen. Aber als ich die Ohren schließen wollte, hörte ich ein Rauschen in der Luft; da wollte ich die Augen zumachen, doch ich erblickte die beiden Lama-Vögel, die vom Himmel fielen, und zum Glück konnte ich gerade noch den Mund zuhalten, sonst hätte ich vor Verwunderung geschrien. Die Lama-Vögel schwammen nämlich nicht den Fluß hinunter wie gestern, sondern sie sagten in einem fort ‚Jirr! Jirr!‘ und ruderten ans andere Ufer. Kompaß-Berg stieß mich an und sagte leise: ‚Diese beiden rufen: Komm! Komm!‘ ‚Ich höre es‘, erwiderte ich, ‚und ich glaube, wir müssen ihnen den Gefallen tun.‘ Also zogen wir die Schuhe aus und die Hosen, und wir wateten durch das Wasser. Es war aber sehr kalt.“

„Sogar Eisstücke schwammen darauf“, bekräftigte Christian, „und es wurde dunkel.“

„Immerhin“, fiel ihm Großer-Tiger ins Wort, „war es noch hell genug, daß wir erkennen konnten, was die zwei Lama-Vögel wollten.“

„Sprachen sie weiterhin mongolisch mit euch?“ erkundigte sich Glück spöttisch.

„Das taten sie“, sagte Großer-Tiger unerschrocken, „doch sie riefen nicht mehr ‚Jirr! Jirr!‘ sondern ‚Jama! Jama!‘, und sie schlugen mit den Flügeln. ‚Was meinen diese beiden?‘ fragte ich, und Kwi-Schan sagte: ‚Sie rufen: Ziege! Ziege!, und ich versteh' nicht, warum sie das tun.‘ Nachher merkten wir es aber, denn am Ufer lag eine tote Ziege, die war angeschwemmt und hatte einen aufgedunsenen Leib. Sie muß schon lange im Wasser gelegen haben, denn der Kopf war weg mitsamt den Hörnern, von den Beinen war nicht mehr viel übrig, und da haben wir sie mitgebracht.“

„Wenn ihr sie sehen wollt“, sagte Christian bereitwillig und stand auf.

„Dann holen wir sie“, sagte Großer-Tiger und öffnete die Tür.

„Puh“, rief Siebenstern, „eine tote Ziege!“

„Pfui!“ rief Turakina entrüstet.

„Laßt sie draußen“, rief Glück, „tote Ziegen riechen nicht gut.“

„Es ist nur“, entgegnete Großer-Tiger, „damit die Herren sehen, daß wir gewohnt sind, die Wahrheit zu sprechen.“

„Aber nur zeigen“, bat Ungemach, „nicht hereinbringen; ich ertrage das schlecht.“

Da gingen Großer-Tiger und Christian zu dem rostroten Baum, nahmen miteinander den Schlauch aus dem Mondschatten und trugen ihn vor die Jurtentüre. Großer-Tiger hob ihn hoch und sagte: „Dies ist die Ziege ohne Kopf und ohne Hörner. Beine hat sie auch keine, und sie riecht nach Milchschnaps.“

280

„Ha!“ rief Glück, „es gibt kleine Halunken, und ich kenne sie. Das ist wahrlich das Übergewicht der Später-Geborenen. Ihr seid Teufelsbraten der besten Sorte.“

Naidang sprang auf, doch er besann sich und schritt Großer-Tiger mit Würde entgegen. Er verneigte sich gerührt. „Du bringst mir“, sagte er, „wonach mein Herz sich sehnte. Wo warst du denn so lange?“ fragte er und streichelte den Schlauch. „Ach, ich weiß schon, du lagst im Wasser und bist doch ganz trocken geblieben.“ Naidang schmunzelte. „Ich will nicht hören, wo du warst, ich will den Ort nicht sehen, wo du gesteckt hast, aber euch beiden will ich große Ehre sagen. Becher her!“ rief Naidang, „Becher für die Fürstensöhne Großer-Tiger und Kompaß-Berg!“

Siebenstern hatte schon die Messingkanne hervorgeholt, und während Naidang den Spund löste, brachte Turakina zierliche chinesische Porzellanbecher, nicht viel größer als Fingerhüte.

Naidang setzte die Fellmütze auf. Er blickte würdevoll wie ein Landesvater in die Runde, und sofort langten die Soldaten Ungemach und Glück nach ihren Mützen mit dem fünffarbigen Stern. Christian und Großer-Tiger machten es ihnen schleunig nach, und dann saßen alle bedeckten Hauptes da.

„Dscha! Dscha! Dscha!“ murmelte Naidang, hob den ersten Becher zur Stirn und reichte ihn mit beiden Händen Großer-Tiger. Es war sehr feierlich.

„Ich wage es nicht“, erwiderte Großer-Tiger höflich, doch er nahm den Becher in Empfang.

„Du mußt austrinken“, belehrte ihn Glück leise.

Großer-Tiger tat es, aber er mußte husten, denn der Arrak brannte wie Feuer, und obendrein blieb Großer-Tiger die Luft weg. Glück schlug ihm hilfsbereit auf die Schultern.

„Na! na!“ sagte er, „du hast wohl noch nie einen Schluck getrunken?“

„Ich auch nicht“, sagte Christian entschuldigend, weil er sah, daß ihm Naidang mit dem nächsten Becher entgegenkam.

„Nimm dich zusammen“, flüsterte Glück.

Da versuchte Christian sein Heil und goß den Becher geschwind hinab. „Ich“, sagte er und schluckte, „ich wa … wage es nicht.“ Dann mußte er husten wie Großer-Tiger.

Als der erste Umtrunk vorüber war und der zweite auch, strahlte Naidang zufrieden. „Jetzt ist die richtige Zeit“, sagte er, „den angewärmten Geist mit einer Geschichte zu erfreuen.“

„Sie braucht nicht ganz so wahr zu sein wie die von den sprechenden Lama-Vögeln“, spottete Glück.

„Die Geschichte, die ich weiß“, sagte Großer-Tiger, „handelt von 281einem Mann, der hieß Yü-San, der Regenschirm. Seine Frau hieß Yü-Lan, die Magnolienblüte, und beide hatten ein Söhnchen, das hieß Yü, der Fisch. Alle drei paßten ausgezeichnet zueinander. Tagsüber lag Yü-Lan auf dem Kang, während Regenschirm unter der Türe stand und auf Regen wartete. Darüber vergaß er seine Felder zu bewässern, solange es Zeit war.

‚Hast du gearbeitet?‘ fragte Yü-Lan am Abend, und Yü-San sagte: ‚Ich habe gearbeitet.‘ ‚Dann ist es gut‘, sagte Yü-Lan. Es war aber nicht gut, sondern schlecht, und als Magnolienblüte es merkte, war es zu spät. Die Frühjahrsaussaat war verdorrt, und Regenschirm sagte: ‚Das kommt, weil es nicht geregnet hat.‘

‚Taugenichts!‘ schrie Magnolienblüte, ‚pack dich und grabe den Acker um, damit wir eine neue Saat in den Boden bringen.‘

Also ging Yü-San mit der Hacke aufs Feld, und der alte Großvater saß in der Ecke und sprach: ‚Möchtest du mir nicht einen Sarg kaufen, geliebte Tochter, wenn schon mein Sohn diese einfachste Kindespflicht vergißt?‘

Allein Magnolienblüte schrie: ‚Alter Trottel! das hat noch Zeit.‘ Sie legte sich auf den Kang, und Söhnchen Yü riß dem Großvater zum Vergnügen die weißen Barthaare einzeln aus.“

„So ein Elend“, seufzte Ungemach, „aber erzähle weiter, es ist eine traurige Geschichte. Sie gefällt mir.“

„Als Yü-San den Acker erblickte“, fuhr Großer-Tiger fort, „schwitzte er augenblicklich. Er schaute die Hacke an, da rann ihm der Schweiß in Strömen, und er fiel entkräftet in eine Furche. Ich werde hier liegenbleiben, dachte er. Bis zum Abend habe ich viel Mut gesammelt, und wenn Yü-Lan auf den Acker kommt, werde ich sagen: ‚Faules Stück! Weißt du nicht, daß Graben und Hacken die Arbeit der Weiber ist?‘ Dieser Gedanke gefiel Yü-San sehr, und er schlief vorzüglich, bis ihn ein Fußtritt weckte.

‚Strolch!‘ schrie Magnolienblüte, und sie trampelte auf Regenschirm herum, ‚warum hackst du nicht?‘ ‚Faules Stück‘, wimmerte Regenschirm, ‚weißt du nicht, daß Graben und Hacken Weiberarbeit ist?‘

Als Magnolienblüte die frechen Worte Regenschirms hörte, erschrak sie gewaltig. Er ist plötzlich mutig geworden, dachte sie, vor diesem Menschen muß ich mich ja fürchten. Sie griff nach der Hacke, aber kaum hatte sie zwei- oder viermal gehackt, stieß sie auf etwas Hartes.

‚Gibt es einen Gegenstand?‘ fragte Regenschirm spöttisch.

‚Es gibt einen Gegenstand‘, stammelte Yü-Lan, ‚und er ist hart.‘

‚Ich will dir helfen‘, sprach Yü-San gnädig, und dann gruben sie beide gemeinsam. Die Sonne war untergegangen, da brachten sie endlich ein altes Faß ans Licht.

282

‚Es scheint noch brauchbar‘, sagte Regenschirm und klopfte an die Dauben.

‚Man kann es verkaufen‘, schlug Magnolienblüte vor, ‚wir haben sowieso keine Sachen zum Hineintun.‘

‚Gut‘, sprach Yü-San, ‚jetzt sind wir mit Ausgraben fertig, und wir rollen das Faß nach Hause. Dort mag es Großvater die Nacht über schrubben, er kann ohnehin nicht schlafen. Morgen früh, wenn das Faß sauber ist, verkaufen wir es in der Stadt.‘

Also kriegte der arme Großvater eine Bürste in die Hand, und während Yü-San und Yü-Lan schliefen, mußte er das Faß schrubben, bis der Morgenstern bleich wurde. Da wurde auch der Großvater bleich; er fiel ohnmächtig um, und die Bürste fiel in das Faß. Sie war aber kaum auf dem Grund angelangt, raschelte es gewaltig, und das Faß füllte sich mit Bürsten bis zum Rand. Als die Sonne aufging, erwachten Yü-San und Yü-Lan aus tiefem Schlaf, und der Großvater erwachte aus tiefer Ohnmacht. Alle drei standen um das Faß und wunderten sich, und Söhnchen Yü stand auch daneben.

‚Unverhoffter Reichtum hat sich eingestellt‘, sagte Regenschirm, ‚nimm einen Korb und tu die Bürsten hinein, ich will sie in der Stadt verkaufen.‘

Magnolienblüte tat folgsam, was Regenschirm anordnete, aber soviel Bürsten sie auch aus dem Faß nahm, es füllte sich stets von neuem mit Bürsten. Da merkten Yü-San und Yü-Lan, daß das Faß ein Zauberfaß war.

Nun begann ein fröhliches Leben für Yü-San und Yü-Lan. Jeden Morgen gingen sie in die Stadt und verkauften die Bürsten, die der Großvater aus dem Faß klauben mußte. Wenn sie vollgegessen nach Hause kamen, schalt Magnolienblüte: ‚Alter Trottel, du hast nichts gearbeitet.‘

Regenschirm sagte: ‚Die Scheune sollte längst voller Bürsten sein; du mußt dich rascher bücken. Unter solchen Umständen kann von einem Sargkauf keine Rede sein.‘

Söhnchen Yü hüpfte auf und nieder und piepste: ‚Ich habe ihn die ganze Zeit getreten, aber er hat sich deswegen nicht schneller und nicht öfter gebückt. Er ist faul.‘

‚Nimm es dir zu Herzen, mein Liebling‘, tröstete Yü-Lan, ‚hier hast du einen Silberbatzen für deine Mühe.‘

Söhnchen Yü nahm den Silberbatzen, zielte und warf ihn dem Großvater, der sich ächzend nach einer Bürste bückte, an den Kopf. Da kriegte der arme Großvater augenblicklich eine Beule, groß wie ein Hühnerei, aber der Batzen fiel in das Faß. Im Nu waren die Bürsten verschwunden, und das Faß füllte sich mit Silberbatzen.“

„Ein großartiges Faß!“ rief Glück, „ein Faß, das taugt.“

283

„Warte ab“, sagte Ungemach, „diese Geschichte endet schlecht; so was merke ich sofort.“

„Erzähle weiter“, bat Siebenstern, „was kommt jetzt?“

„Ein Unglück von der besten Sorte“, prophezeite Ungemach.

„Nein“, sagte Großer-Tiger, „das fröhliche Leben für Yü-San und Yü-Lan begann erst recht. Freilich, der alte Großvater mit der dicken Geschwulst am Kopf kriegte eine Schaufel in die Hand, und gleich hieß es: ‚Alter Trottel! Schaufle!‘ Yü-San schleppte die Bürsten aus der Scheuer, und nun sollte der Großvater den Raum bis unter das Dach mit Silber füllen. ‚Bist du in vier Tagen fertig damit‘, sagte Yü-San, ‚kaufe ich dir einen wunderschönen Sarg.‘ ‚Verlaß dich auf mich, Papa‘, rief Söhnchen Yü, ‚ich werde ihn mit meiner Peitsche peitschen, wenn er faul ist.‘

Yü-San und Yü-Lan gingen jetzt nicht mehr zu Fuß. Sie kauften einen Esel, und da sie nichts mehr verhandeln, sondern das Geld nur ausgeben mußten, unterzogen sie sich dieser Arbeit mit Eifer. Sie aßen teure Gerichte und tranken vom besten Wein. Selbstverständlich kauften sie sich seidene Gewänder, wobei sie streng darauf achteten, daß der Verkäufer ‚Exzellenz‘ zu Yü-San und ‚Gnädige Frau‘ zu Yü-Lan sagte.

Unterdessen stand der Großvater vor dem Faß und schaufelte Silber. Die Knie zitterten ihm, aber wenn er sich ausruhen wollte, kam Söhnchen Yü mit dem Peitschchen und klatschte ihm die Schnur um die Knöchel. Da seufzte der Großvater, und weil es gerade sein letzter Seufzer war, fiel er vornüber in das Faß, und die Beine schauten heraus.

Am Abend kamen Yü-San und Yü-Lan auf ihrem Esel nach Hause. Ein Berg Silberbatzen lag in der Scheune, und im Faß lag der tote Großvater. Söhnchen Yü hielt das Peitschchen in der Hand und piepste: ‚Ich habe getan, was ich konnte, er ist aus lauter Trotz gestorben.‘

Regenschirm packte den Großvater, hob ihn aus dem Faß und legte ihn auf die Tenne. ‚Es gibt keine Hilfe‘, sagte er, ‚jetzt müssen wir einen Sarg kaufen.‘

‚Du irrst‘, widersprach Magnolienblüte sanft, ‚wir müssen zwei Särge kaufen, es steckt noch ein Großvater im Faß.‘

‚Ei ja!‘ schrie Yü-San, packte den zweiten Großvater am Kragen und zerrte ihn heraus.

Allein das Faß füllte sich von neuem mit toten Großvätern, sooft Regenschirm einen herausholte. Zum Schluß gab es eine ganze Menge davon, und Regenschirm schrie wütend. ‚Diesen einen ziehe ich noch aus dem Faß, dann keinen mehr.‘

Kaum hatte er ihn keuchend heraus, zerfiel das Faß in zehntausend Stücke.

Nun ging ein schreckliches Heulen los, denn Yü-San und Yü-Lan mußten mehr als hundert tote Großväter beweinen und mehr als hundert 284Särge kaufen und für die Bestattungskosten aufkommen. Kein einziger Silberbatzen blieb übrig, ja sie mußten Schulden machen, für die Söhnchen Yü noch heute in harter Arbeit die Zinsen aufbringen muß.“

„Das geschieht ihm recht“, sagte Ungemach erfreut.

„Es ruhte eben kein Segen auf der Sache“, sagte Glück obenhin. „Kein Wunder“, setzte er hinzu, „wenn die Gesetze des Himmels und die Ehrfurcht vor dem Alter mit Füßen getreten werden.“

„Was meinen die Herren“, fragte Ungemach besorgt, „sollte ich nicht lieber zu Hause bleiben statt … den alten Märin besuchen?“

„Ach was!“ rief Glück, „von uns hat keiner einen Großvater schlecht behandelt. Großer-Tiger hat von seinem sogar einen Ring geschenkt gekriegt, der ein Glücksring ist. Wie sollte uns da der Besuch beim alten Märin mißlingen?“

„Sch!“ machte Naidang, „wir wollen noch einen Becher trinken und dann schlafen. Vor Sonnenaufgang müssen wir im Sattel sein.“

Vierunddreißigstes Kapitel
in dem von großen Gefahren und von der Standhaftigkeit
Naidangs die Rede ist

„Jabonah!“ rief Naidang und hob sich fröhlich in die Bügel.

„Sä Jabonah!“ rief Turakina. Mit einer Hand winkte sie den Davonreitenden, mit der andern hielt sie den Pudel an einem Strick fest. Er bellte und zerrte an dem Strick.

„Ich komme wieder“, tröstete ihn Siebenstern, die als letzte ritt, „paß auf die Schafe auf, paß auf die Kamele auf, tu meinen Antilopen nichts zuleid und gib auf die Jurte acht. Hörst du alles, was ich dir sage?“

Wahrscheinlich hörte der Pudel nicht alles, denn als Siebenstern mit den Ermahnungen zu Ende war, trabte Naidang schon durch die Furt des Närin-Gol. Das Wasser spritzte, die Pferde kriegten einen nassen Bauch, und weil das Wasser kalt war, jagten sie das andere Ufer hinauf. Dann trotteten sie den Karawanenweg entlang. Die breiten Radspuren des Lastwagens liefen nebenher, und Glück warf hin und wieder einen scheelen Blick darauf, den er mit einer Verwünschung begleitete. Naidang fluchte zur Gesellschaft mit, und wenn es was gefruchtet hätte, wäre Schlangenfrühling auf der Stelle tot gewesen. Ungemach ritt still in sich gekehrt hinter den beiden. Er konnte seinen Arm wieder bewegen, aber Glück hatte ihn ermahnt, die Hand zwischen den dritten und den vierten Knopf des Waffenrocks zu schieben, damit der Arm ruhig lag. Christian und Großer-Tiger folgten, und hinterdrein kam Siebenstern.

Schon nach einem Li bog ein schmaler Weg nach Süden. Glück 285spuckte zum Abschied geschwind in die linke Radspur, murmelte mehrere unfreundliche Worte, und von da an ritten sie hintereinander wie Indianer auf dem Kriegspfad. Es war kalt, und Christian und Großer-Tiger froren, denn sie hatten keine Pelzmäntel mehr.

Über Nacht war ein Reif gefallen, der die Gräser weiß machte. Ein blauer Nebelstreif lag weithin über dem Boden, und aus ihm ragten die wenigen Bäume, die es gab, als ob sie auf der dünnen Wolke schwebten. Das Bandgras, das hie und da den Wegrand säumte, glänzte silbern, und Christian, der sich vorgenommen hatte, auf alles zu achten, sagte zu Großer-Tiger: „Merkst du was?“

„Was soll ich merken, Kwi-Schan?“

„Daß keines unserer Pferde ein Eisen hat.“

Großer-Tiger schaute zuerst auf die Spuren in dem weichen Boden, dann auf die Hufe der Pferde, und als er sah, daß es so war, wie Christian sagte, fragte er Siebenstern, die hinter ihm ritt: „Haben eure Pferde keine Hufeisen?“

„Unsere Pferde“, sagte Siebenstern, brauchen so was nicht. Wenn sie ausschlagen, kann einer genauso schnell tot sein, als wenn man den Pferden extra ein Eisen dazu gibt.“

„Bei euch“, sagte Glück, „ist das anders. Hier gibt es nur die Steppe oder den weichen Boden der Wüste und ganz wenig Steine. Da werden die Hufe kräftig und brauchen keine Eisen.“

„Unsere Pferde brauchen überhaupt nichts“, sagte Siebenstern stolz.

„Ihr gebt ihnen nichts“, erwiderte Glück vorwurfsvoll, „nicht einmal einen Stall. Im Sommer stehen eure Pferde in der Hitze und im Winter im Schneesturm. An der Mähne und am Bauch hängen dann die Eiszapfen und klingeln, als ob eine Karawane unterwegs wäre. Ich staune“, sagte Glück, „daß eure Pferde den Winter überleben.“

„Nicht alle halten ihn durch“, entgegnete Siebenstern, „die Hälfte der Fohlen stirbt jedesmal.“

„Wunderst du dich darüber?“ rief Glück, „bei dieser Behandlung.“

„Wir behandeln sie aber gar nicht“, sagte Siebenstern gekränkt, „sie sterben, weil die Schwachen sterben müssen. Mehr läßt sich nicht darüber sagen.“

„Aber wenn Schnee fällt“, fragte Christian, „wie es da mit dem Futter?“

„Unsere Pferde sind schlau“, sagte Siebenstern, „sie kratzen den Schnee mit den Hufen weg, bis sie was finden.“

„Wenn aber“, bohrte Christian weiter, „der Schnee sehr tief liegt?“

„Dann müssen sie warten, bis er schmilzt. Aber es fällt kein tiefer Schnee. Am Närin-Gol“, sagte Siebenstern, „habe ich noch keinen tiefen Schnee erlebt.“

286

„Aber ich“, brummte Glück und ritt wieder nach vorn, „ich habe schon viele verhungerte Pferde gesehen.“

Gleich darauf gab es einen Halt. Man war an ein Wäldchen gelangt, das einen Tümpel umsäumte. Eine Wolke von kleinen braunen Vögeln erhob sich schwirrend, kreiste noch einmal über den Bäumen und zog nach Norden ab.

„Waldschnepfen“, sagte Glück, „die waren gestern noch nicht da. Es wird Frühling.“

Naidang stieg vom Pferd und verschwand im Gebüsch. Er kam mit zwei kleinen Spaten wieder. „Entschuldige“, sagte er zu Ungemach. „Glück und ich waren gestern in Ollon-Torre. Dort haben wir das blaue Zelt abgebrochen und versteckt, damit keiner auf den Gedanken kommt, es gehöre niemand. Es gibt nämlich Leute“, sagte Naidang, „die solche Gedanken haben.“

„Zehntausendfachen Dank“, sagte Ungemach.

„Die beiden Spaten haben wir allerdings mitgenommen und hier versteckt, denn wir brauchen sie heute. Morgen kriegst du sie wieder.“

Naidang nahm die beiden Handspaten, wickelte sie in ein blaues Tuch und verschnürte sie mit einem Strick. Das Bündel nahm er vor sich auf den Sattel, und dann ritten sie weiter.

Als die Sonne aufging, zerflatterte der Nebel, der Reif löste sich zu Tautropfen, und die Bäume standen wieder fest in der Erde. Überall erhoben sich Schnepfenschwärme, taumelnd und ziellos, bis sie von einem plötzlichen Entschluß getrieben davonschwirrten.

Nach einer Stunde gewann die Sonne an Kraft. Christian und Großer-Tiger brauchten nicht mehr frieren, und Siebenstern wies mit dem Daschior nach Westen.

„Dondur-Gol“, sagte sie. Sie zeigte auf eine zweite Baumreihe, die sich in spitzem Winkel näherte, und man sah schon den Punkt, wo sie mit der des Närin-Gol zusammenstieß.

Vater Naidang verließ nach kurzer Zeit den Weg und ritt wieder dem Närin-Gol entgegen. Er hielt darauf, daß alle hübsch hintereinander blieben. „Denn“, sagte er, „es geht niemand was an, wie viele Reiter hier geritten sind.“

Der Baumbestand am Fluß war licht geworden. Dafür gab es Büsche, und es gab auch Sand und kleine Bodenwellen. Man sah den Närin-Gol von weitem in der Morgensonne glänzen. Keiner dachte, daß der Übergang schwierig sein könnte; man ritt einfach durch das Wasser und war drüben. So sah es aus, bis man ans Ufer kam. Hier aber drängte der Fluß mit kräftiger Strömung gegen den erhöhten Uferrand, der unterspült war und unter den Pferdehufen einbrach.

Naidang mußte den Daschior zu Hilfe nehmen, und als er sein widerspenstiges 287Pferd so weit hatte, daß es die abgetretene Böschung mit den Vorderhufen hinabrutschte, gab es plötzlich ein schreckliches Durcheinander.

Ein wildgewordenes schwarzes Tier schoß mit heraushängender Zunge an den wartenden Reitern vorbei, sprang freudig heulend dem Pferd Naidangs halb auf die Kruppe und war dann mit einem Satz im Wasser.

„Hund!“ rief Siebenstern streng, allein es war zu spät.

Der Falbe Naidangs ging hinten hoch und warf den ahnungslosen Reiter kopfüber in den Närin-Gol.

Siebenstern schrie laut auf. Glück sprang ab und lief zum Ufer, doch da erhob sich Naidang triefend wie ein zürnender Meergott. Bis zum Gürtel stand er im Fluß. Der Pudel brachte sich ans andere Ufer in Sicherheit, schüttelte das Wasser aus dem Fell und feierte das Wiedersehen mit Bellen und Schweifwedeln.

„Hund“, rief Naidang grollend. Er griff auch gleich nach dem Daschior, der davonschwimmen wollte, obwohl er besser nach seinem Hut gefischt hätte. Als er sich endlich nach ihm umdrehte, trieb er bereits ein gutes Stück weit und begann friedlich zu sinken.

„Du bist auch ein Hund“, schrie Naidang, aber er meinte sein falbes Roß, das ihm nachgerutscht war und drüben bei dem Pudel wohlbehalten an Land stieg.

„Vater!“ rief Siebenstern ängstlich, „lebst du noch?“

„Ich lebe“, schrie Naidang erbost, „aber ich schlottre. Na, komm schon“, sagte er, und langte nach dem Zügel von Glücks Pferd, das zunächst stand.

„Laß mich vorher aufsteigen“, bat Glück.

„Ach so!“ sagte Naidang, „du willst trocken bleiben.“

Glück stieg schnell in den Sattel und ließ sich von Naidang über den Närin-Gol führen. Die übrigen folgten ohne Zwischenfall.

„Ich wußte es ja“, seufzte Ungemach, „ich hätte zu Hause bleiben sollen.“

Aber keiner hörte auf ihn. Alle saßen ab, und Glück begann sofort das Nötige zu tun.

„Zieh deinen Mantel aus“, sagte er zu Siebenstern.

„Nein, ich!“ rief Ungemach.

„Also beide“, entschied Glück. Dann half er dem frierenden Naidang aus dem nassen zeug und hing ihm die trockenen Mäntel um. Christian und Großer-Tiger holten Holz, und als sie zurückkamen, hatte Glück bereits ein Feuerchen auf der schmalen Uferbank gemacht.

„Mehr Holz“, kommandierte Glück, „ihr müßt halbe Baumstämme bringen.“

288

Da schleiften Christian und Großer-Tiger dicke Äste herbei; Ungemach half ihnen, und Siebenstern stand bei den Pferden. Der Pudel saß neben ihr. Er blickte sie treuherzig an, und zum erstenmal sah man unter den feuchten Locken die runden schwarzen Augen, die Siebenstern nicht losließen. „Hund“, schalt sie, „habe ich dir nicht befohlen: Paß auf die Schafe auf!? Ich habe es dir befohlen, aber du hast nicht gefolgt. Also bist du ein schlechter Hund.“

Der Pudel senkte schuldbewußt den Kopf, doch das dauerte nicht lange. Er war viel zu fröhlich, Siebenstern wieder gefunden zu haben. Er wedelte mit dem Schweif und tat unbefangen, ja er versuchte ein bißchen zu bellen. In die Nähe Naidangs traute er sich freilich nicht.

Naidang saß am Boden und fror. Glück goß derweil die Stiefel aus, hing die nassen Kleider an Gabelstützen ans Feuer, sorgte, daß sie nirgends ansengen konnten, und dachte an nichts Böses.

Nachher hatte Glück das bestimmte Gefühl, es fehle etwas, und er dachte angestrengt nach, was das wohl wäre. Er ging grübelnd auf und ab, aber es half wenig. Also blieb er stehen. In einer Stunde, überlegte Glück, würden Naidangs Kleider trocken sein, dann konnte man weiterreiten zur Schwarzen-Stadt und dann … ja, dann fiel Glück ein, was fehlte. Es wurde ihm schwarz vor Augen, und sein Gemüt verdüsterte sich zur Teilnahmslosigkeit. Glück mußte sich setzen.

„Fehlt dir was?“ erkundigte sich Naidang zähneklappernd.

„Die Spaten“, stöhnte Glück, „die Spaten fehlen.“

„Mein Fellhut auch“, tröstete Naidang, „er liegt im Wasser, wo es am tiefsten ist, und dabei war er noch gar nicht alt. Beinah neu, sage ich dir, man konnte ihn noch gut aufsetzen.“

Doch Glück hatte keine Lust, sich an Trostworte zu klammern. Er stützte den Kopf in die Hände, und fast sah es aus, als ob er weinte. Christian und Großer-Tiger, die einen dürren Stamm durch das Gestrüpp schleiften, blieben verwundert stehen. Hinten schob Ungemach nach, aber als es nicht weiterging, wunderte er sich auch.

„Ist schon wieder was passiert?“ fragte Ungemach schnaufend.

„Nichts Neues“, sagte Naidang, „die Spaten sind weg; das waren sie vorhin schon, wir haben es nur nicht gleich gemerkt.“

„Wenn weiter nichts ist …“, rief Christian.

„Weiter ist nichts“, sagte Naidang, „außer meinem Fellhut; der fehlt auch.“

„Der Hut ist ertrunken“, setzte ihm Christian auseinander, „da gibt es keine Hilfe. Aber die Spaten hole ich.“ Während er das sagte, zog er den Rock aus und das Hemd.

„Was willst du tun“, rief Naidang erschrocken, „ich sage dir doch, die Spaten liegen im Wasser.“

289

„Eben darum“, sagte Christian und zog die Schuhe aus.

Glück hob den Kopf, aber da hatte Christian auch schon die Hose herunter und alles, was man ausziehen kann, und ging ins Wasser.

„Der arme Junge“, schrie Ungemach, „jetzt ist er wahnsinnig geworden.“

„Laß ihn!“ rief Großer-Tiger, „Kompaß-Berg kann schwimmen, und du brauchst keine Angst zu haben.“

„Kwi-Schan“, rief Siebenstern flehend, „du wirst sterben, du bist doch kein Fisch.“

Glück sprang auf, aber Großer-Tiger hielt ihn fest. Der befehlende Herr, bat er, möge sich nicht beunruhigen. Es gebe Menschen, die schwimmen können, versicherte er, und Kompaß-Berg sei so einer.

Unterdessen ging Christian der Unfallstelle entgegen. Das Wasser war schneidend kalt und trüb. Man konnte nicht auf den Grund sehen, und Christian mußte mit den Füßen nach den Spaten suchen. Als er in die Nähe des westlichen Ufers kam, nahm die Strömung zu. Christian stand bis zum Bauch im Wasser, fror entsetzlich und gab sich große Mühe, nicht fortgerissen zu werden. Ich kehre um, dachte Christian, jetzt kehr' ich ganz bestimmt um. Ich spüre schon gar nicht mehr, auf was ich trete, dachte er, aber da fing sich die große Zehe in einem Strick, und der Strick gehörte zu dem blauen Tuch, in dem die Spaten eingewickelt waren.

Christian tauchte sofort.

Das ging so geschwind, daß er den Schrei, der vom andern Ufer brach, nicht mehr hörte. Dabei hatten alle geschrien: Naidang, Glück und Großer-Tiger. Am lautesten schrie Ungemach, und vor Aufregung riß er den verletzten Arm aus der befohlenen Ruhelage. Siebenstern schlug die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte herzzerbrechend. Der Pudel war Christian bis in die Mitte des Närin-Gol nachgelaufen, blieb stehen und bellte.

Er bellte noch, als Christian wieder auftauchte. Das geschah einige Meter flußabwärts, denn so weit hatte das Wasser Christian mitsamt dem Spatenbündel fortgetragen. Als er mit Schwimmstößen und mit Krabbeln die seichte Flußmitte gewonnen hatte, stand er auf. Er taumelte erschöpft, er machte noch einen Schritt und dann noch einen, aber als es nicht mehr ging, fühlte er sich plötzlich emporgehoben. Er hörte wie im Traum das Freudengebell des Pudels, aber richtig zu sich kam er erst, als er am Feuer lag und spürte, wie ihn die kräftigen Hände Glücks mit dem Hemd trocken rieben. Er erholte sich rasch, und Siebenstern war auch da. Sie hatte die Pferde sich selbst überlassen, als sie sah, wie Glück dem schwankenden Christian zu Hilfe eilte.

„Ich hatte schreckliche Angst um dich“, sagte Siebenstern, „du tatest, was man nicht tun darf.“ Sie kniete neben Christian, sie befühlte ihn, 290ob er noch am Leben sei, und in ihren Augen schwammen ängstliche Tränen.

„Hol meine Satteltasche!“ befahl Naidang, „mir ist etwas eingefallen.“

„Mach schnell“, rief Glück, „Kwai, kwai!“ Er hatte beim Aufbruch bemerkt, wie Naidang verstohlen eine Flasche aus dem Schlauch abgefüllt hatte.

Siebenstern beeilte sich, und als sie mit dem Ledersäckchen wiederkam, holte Naidang die Flasche heraus und wollte nach dem Hut greifen. Es war aber keiner da.

„Ach so!“ sagte Naidang und „O weh!“, und er kratzte sich den blanken Schädel, „man kann doch nicht barhaupt trinken.“

Doch da kniete auf einmal Großer-Tiger vor ihm und hatte einen ausgebreiteten Haddak zwischen den Händen, und auf dem Haddak lag die Pelzmütze von Großer-Tiger.

„Gewährt mir eine Bitte“, sprach Großer-Tiger höflich, „nehmt diese minderwertige, verfilzte Mütze, weil ich keine bessere habe.“ Naidang wehrte sich so lange, wie es die gute Sitte vorschrieb, dann nahm er das Geschenk mit Dank an. Die Mütze paßte vortrefflich, und nun konnte die Flasche reihum gehen. Der Arrak belebte die herabgeminderten Lebensgeister, die Sonne wärmte, und das Feuer trocknete die Kleider Naidangs und die Hose Glücks.

„Ein Hund ist dieser Hund“, schimpfte Naidang, „wo ist er denn schon wieder?“

„Er kommt mir vor wie ein rechter Unglückshund“, bemerkte Ungemach.

Siebenstern wollte widersprechen, und Christian war drauf und dran zu sagen: Er ist ein Hund von der höchsten Gattung, aber er kam nicht dazu. Man hörte wütendes Bellen. Eine Männerstimme fluchte, und dazwischen fielen Schläge mit dem Daschior. Ein Krachen war, als ob Knochen splitterten, und dann wieder ein brüllender Angriff des Pudels.

„Hund!“ schrie Siebenstern und rannte in die Richtung, wo der Kampf im Gange war. „Hund, komm her!“

Aber diesmal folgte der Pudel nicht.

„Jetzt bringt er einen um“, sagte Naidang.

„Wahrscheinlich zwei“, verbesserte Ungemach und schob, aller Dinge gewärtig, die verletzte Hand zwischen den dritten und den vierten Knopf des Waffenrocks in Ruhestellung.

Großer-Tiger lief hinter Siebenstern her, und Christian beeilte sich, in die Kleider zu kommen.

Gleich nach dem Dickicht, das die Uferbank säumte, gab es eine flache Mulde, die zuzeiten von Hochwasser überschwemmt sein mochte. Riedgras wuchs da und Schilf, und die genügsamen Pferde hatten sich über 291den Grund verteilt. Sie fraßen, was sie fanden. Dahinter erhob sich ein langgestreckter Hügel, auf dem eine Baumgruppe stand. Von dorther tönte der Kampflärm.

Als Siebenstern den Hügel hinankeuchte und immer wieder „Hund!“ rief und „Hund, komm her!“, sah sie einen Mann im roten Lamamantel. Er stemmte sich mit dem Rücken gegen einen Baum und wehrte mit Fußtritten den anstürmenden Pudel ab. Zehn Meter weiter stand ein gesatteltes Pferd mit hellem Schweif und heller Mähne. Es war angebunden und zerrte aufgeregt an der Leine.

„Hund!“ rief Siebenstern wieder.

Endlich folgte der Pudel. Er ließ von seinem Gegner ab und kam die letzten zwanzig Schritte Siebenstern entgegen. Völlig ermattet, hechelnd und mit blutiger Nase legte er sich nieder.

„Armer, dummer Hund“, sagte Siebenstern.

Sie blickte zu dem Baum, wo der Mann gestanden hatte, aber der Platz war leer. Der Mann war zu seinem Pferd gelaufen. Er band es hastig los, stieg auf und trieb es mit Fausthieben zur Eile.

„He du!“ rief Siebenstern, „warum reitest du fort?“

Aber Siebenstern bekam keine Antwort. Der Mann ritt die andere Hügelseite hinunter. Man hörte den Hufschlag von Trab in Galopp übergehen, und Siebenstern hatte Mühe, den Pudel zurückzuhalten, weil er dem Feind nachstürzen wollte.

„Sei gut“, mahnte sie, „du hast genug angestellt.“

Siebenstern stieg mit Großer-Tiger den Hügel vollends hinauf. Unter dem Baum, den der Mann als Rückendeckung benützt hatte, lag ein zerfetzter Daschior. Der Pudel hatte ihn mitten durchgebissen. Großer-Tiger hob ihn auf, denn er wollte die Lederschlaufe des Handgriffs und den Schlagriemen haben, um sich selbst einen Daschior zu machen, auch wenn der Stiel nicht aus Bambusrohr war wie der, dessen Stücke er in der Hand hielt. Als Großer-Tiger den Riemen eingesteckt hatte und die Schlaufe zu lösen begann, sah er, daß das Ende des Griffs mit einer silbernen Metallplatte kunstvoll geschlossen war. Das Ding sah aus wie eine Drachenmünze, und Großer-Tiger hielt es für eine, aber es war keine Jahreszahl und kein Schriftzeichen darauf. Der Drache war auch kein Drache, sondern eine Schlange mit aufgerissenem Rachen, aus dem die gespaltene Zunge hervorschoß. In dem entblößten Oberkiefer standen die Giftzähne wie Nadelspitzen.

„Was hast du?“ fragte Siebenstern.

„Ich möchte die Lederschlaufe haben, aber ich kriege sie nicht los.“

„Du bist blaß, laß mich mal versuchen.“

„Es geht schon“, erwiderte Großer-Tiger, und er verbarg das Griffende in der hohlen Hand.

292

Dann, als Siebenstern sich dem Platz zuwandte, wo das Pferd des Mannes gestanden hatte, langte Großer-Tiger das Messer des Generals Wu aus der Tasche und schnitt einen dicken Span aus dem Bambusrohr. Da löste sich die Metallplatte mitsamt der Lederschlaufe, und Großer-Tiger steckte beides ein. „Man muß sich wundern“, rief Siebenstern, „und man muß nachdenken. Komm einmal her.“

„Ich komme; worüber muß man nachdenken.“

„Über diesen Mann, er ist kein Torgot-Mongole.“

„Wie gut du das weißt!“ sagte Großer-Tiger bewundernd.

„Ich weiß es, denn ich kenne alle Torgot-Mongolen, wenigstens hier herum. Sieh her!“

„Was soll ich sehen?“ fragte Großer-Tiger und schaute auf den Boden, weil Siebenstern auch auf den Boden schaute.

„Er ist dahin geritten, wo er herkam“, setzte Siebenstern auseinander.

„Da ist er wieder nach Hause“, schloß Großer-Tiger folgerichtig, „und er wollte uns nicht erst kennenlernen.“

„Ich sagte dir schon, er hat hier kein Zuhause“, rief Siebenstern ungeduldig, „also kann er nicht dahin geritten sein. Du mußt über diesen Menschen nachdenken.“

„Ich werde es tun“, versprach Großer-Tiger und setzte sich auf eine Baumwurzel. Er überlegte, ob es gut wäre, Siebenstern etwas von der Schlange zu sagen, aber es fiel ihm ein, daß er selbst einen Schlangenring am Daumen trug. Das geht also nicht, dachte Großer-Tiger, und dann dachte er, es sei das beste, wenn er geradeheraus sage, daß dieser Mensch seiner Meinung nach ein Rotbart wäre.

„Bist du jetzt mit Nachdenken fertig?“ erkundigte sich Siebenstern.

Großer-Tiger sagte: „Ja!“ Aber bevor er etwas anderes sagen konnte, wurde er durch das Bellen des Pudels unterbrochen. Diesmal war es ein freudiges Gebell, und gleich darauf erschien Christian zwischen den Bäumen. Der Pudel sprang neben ihm her und fegte mit dem Lockenbehang das welke Laub beiseite. Dabei hörte er aufmerksam zu, wie sehr ihn Christian wegen der blutigen Nase und wegen seiner sonstigen Schmerzen bedauerte.

„Gut, daß du kommst“, rief Siebenstern, „Großer-Tiger will mir nicht glauben, daß der Mensch, der hier war, ein schlechter Mensch ist.“

„Du meinst, er ist ein Rotbart?“ fragte Christian.

„Er ist ganz bestimmt einer“, behauptete Großer-Tiger plötzlich, „wir haben nur noch nicht darüber gesprochen.“

„Wir haben“, verteidigte sich Siebenstern, „über alles gesprochen, was man über diese Sache sagen kann. Es geht doch nicht, daß man ohne Einleitung sagt: ‚Hier ist ein Räuber gewesen.‘ Vorher muß man doch ein Gespräch machen.“

293

„Ach so!“ sagte Großer-Tiger, und er befühlte in der Hosentasche die Silbermünze mit der Schlange. „Vielleicht“, sagte Großer-Tiger, „war er einer von denen, die an den Lagerfeuern der Karawanen sitzen und ein bißchen zuhören wollen, ob einer was über Schong-Ma weiß.“

„Wir sind keine Karawane“, sagte Siebenstern kurz.

„Eben deshalb wird er fortgeritten sein“, gab Christian zu bedenken, aber Siebenstern wollte sich auf keine weiteren Verhandlungen einlassen.

„Jetzt sind wir mit dem Nachdenken fertig“, sagte sie, „wir wollen die Pferde holen.“ Sie gingen in die Mulde, nahmen die Pferde eins nach dem andern am Zügel und führten sie zum Lagerplatz zurück. Der Pudel leckte sich die blutige Nase.

„Wieviel Tote hat es gegeben?“ fragte Ungemach.

Siebenstern erstattete Bericht, und als sie damit zu Ende war, wollte Naidang wissen, ob der Fremde ein Gewehr hatte.

„Er hatte keins“, sagte Großer-Tiger.

„Trotzdem“, schlug Naidang vor, „wollen wir einen Umweg machen. Es gibt nämlich Leute, die auf andere aufpassen, obwohl niemand sie darum bittet. Jabonah! In den Sattel, Männer!“

Er zog auch gleich den Mantel an, der noch feucht war, und er schlüpfte in die Stiefel, die noch feuchter waren. Das Spatenpaket nahm diesmal Glück vor sich auf den Sattel.

Zuerst ritt Naidang ein Stück flußabwärts auf der Uferbank. Als das Dickicht seitwärts aufhörte und ein lichter Waldstreifen folgte, sagte Naidang ergeben: „Wir sind in der Hand des Himmels.“ Damit verließ er den Närin-Gol, und die andern ritten hinter ihm drein, einer nach dem andern. Einen Weg gab es nirgends.

Über eine Stunde ritten sie nach Osten durch eine ständig wechselnde Landschaft. Trotzdem blieb sie immer gleich, und das machte der Sand, der einmal wie mit loser Hand über die Ebene gestreut war, dann wieder Dünen formte oder am Fuß der gelben Lehmhügel lag. Es gab Tamarisken, aber wenn man meinte, die Wüste habe angefangen und würde nie wieder aufhören, rannten ein paar Antilopen durch die Dünentäler, oder es stand irgendwo in einer Senke eine Baumgruppe zwischen vertrocknetem Schilf und Derresgras.

Als in der Ferne eine weit auseinandergezogene Reihe alter Pappeln auftauchte, bog Naidang nach Südosten ab. „Dort floß der Edsin-Gol“, sagte er, „als Himmel und Erde noch in Einklang standen.“

Mehr wurde nicht gesprochen, und jeder blickte gespannt voraus, ob er die Mauern der Schwarzen-Stadt als erster erblicke. Sie ritten nicht mehr hintereinander. In dem flach ansteigenden, oft von Furchen zerrissenen Lehmboden hinterließen die Hufe nur undeutliche Spuren.

294

Großer-Tiger machte Christian ein Zeichen, daß er ein wenig zurückbleiben solle, und dann sagte er: „Ich muß dir was zeigen. Es gehört dem Mann, von dem wir denken, daß er ein Rotbart sei.“

Großer-Tiger langte in die Tasche und gab Christian die Silbermünze mit der Schlange in die ausgestreckte Hand.

„Ich bin auch erschrocken“, sagte Großer-Tiger, als er sah, daß Christian sich auf die Lippen biß und daß die Hand, die er ihm fröhlich entgegengestreckt hatte, ein wenig zitterte.

„Das Ding“, erklärte Großer-Tiger, „war im Handgriff des Daschiors, den der Pudel zerbiß.“

„Der Mann wird zurückkehren und die Münze suchen“, sagte Christian, „ganz bestimmt wird er das tun.“

„Dann sucht er eben vergeblich“, erwiderte Großer-Tiger ungerührt, „warum war er so aufgeregt und ritt fort, ohne uns zu grüßen. Ich hätte ihm die Münze wiedergegeben.“

„Er wird uns verfolgen“, sagte Christian, aber Großer-Tiger zuckte bloß mit den Achseln, als ob die Schwurbrüder Dampignaks nicht zählten.

„Man darf“, sagte Großer-Tiger nach einer Weile, „nicht erschrecken, wenn das Dunkle hervortritt und das Licht schwindet. Wir haben uns vorgenommen, mutig zu sein wie die Alten vom Berge; wir müssen unerschrocken werden.“

„Ach!“ seufzte Christian, „es gibt Leute, die durch Vorherwissen dem Unheil entgehen. Ob wir aber zu diesen Leuten gehören?“

„Naidang gehört zu ihnen“, behauptete Großer-Tiger, „wir müssen uns an ihm ein Beispiel nehmen.“

„Naidang? Wieso Naidang?“

„Hast du nicht bemerkt, wie er es gemacht hat? Ich meine, wie er der Versuchung widerstand? Fester als ein Stein?“

„Ich habe keine Versuchung bemerkt. War da eine?“

Großer-Tiger drängte sein Pferd näher an das von Christian. „Ist ein Schatz“, fragte er leise, „mit Gold und Edelsteinen, wie ihn Fürst Araptan beschrieb, keine Versuchung?“

„Es ist eine Versuchung“, gab Christian zu, „aber …“, und plötzlich konnte Christian vor Bestürzung keine rechten Worte mehr finden. Er sagte bloß noch: „Wie kommst du darauf?“

„Ich habe genau aufgepaßt“, setzte ihm Großer-Tiger ruhig auseinander, „von dem Augenblick an, als Glück schnaufte und als Vater Naidang heiter lächelte, ließ ich ihn nicht mehr aus den Augen. Naidang hat die letzte Seite nur zur Hälfte vorgelesen. Ich sah, wie sein Blick die Zeilen entlanglief, und als er aufhörte zu lesen, waren wenigstens noch sieben oder acht Zeilen übrig, die Naidang verschwieg. Auf dem Blatt, 295das der Sturmwind entführte, stand wahrscheinlich nur Unwesentliches. Vielleicht, ‚man solle seine Trauer mäßigen‘, oder ‚Dieses schrieb Araptan, weiland Fürst von Edsina‘ oder so was.“

„Und das übrige“, fragte Christian, „ich meine den Schatz von Edsina; hat Naidang den ins Feuer geworfen?“

Großer-Tiger nickte. „Naidang widerstand der Versuchung“, sagte er, „man muß große Achtung vor Naidang haben.“

Großer-Tiger schwieg, und Christian gab ihm stumm die Münze mit der Schlange zurück. Sie trabten nebeneinander her, und dann fielen die Pferde in Schritt, weil der tote Wald begann, von dem Naidang erzählt hatte. Unzählige Stämme lagen am Boden, halb vom Sand zugeweht und kaum daß man erkennen konnte, wo unten die Wurzeln gewesen waren oder oben die Kronen mit frischem Grün und mit Vogelgezwitscher in den Zweigen. Die nackten Stämme waren geblieben mit grauer Rinde, die wie Stein aussah, und sie lagen einzeln oder übereinander, wie sie gefallen waren, als der ausgedörrte Boden sie nicht mehr hielt.

Nachdem der tote Wald zu Ende war, wurde der harte Lehmboden noch härter, die Pferdehufe klapperten, und vor aller Augen stiegen die Mauern der Schwarzen-Stadt aus der Erde empor.

Die Sonne stand im Mittag.

Da hob Naidang den Daschior wie eine Lanze, die Pferde begannen zu galoppieren, und der Boden dröhnte unter den Hufen.

Fünfunddreißigstes Kapitel
wie sie das „Kleine Heil“ fanden und einen andern Weg
zurückreiten mußten

Zu der Zeit, als die alten Germanen mit Bärenhäuten bekleidet waren und als sie den Auerochs mit dem Speer erlegten, erfanden die Chinesen das Schießpulver. Sie machten aber nur Feuerwerk damit und lustige Knallereien während der Neujahrstage, damit die bösen Geister, die es überall gibt, Angst kriegten und irgendwohin gingen, wo es nicht knallte. Außer dem Schießpulver gab es noch andere Mittel. Man hatte nämlich herausgefunden, daß böse Geister, obwohl sie listig und voller Tücke sind, nur geradeaus gehen können. Noch nie hatte man einen bösen Geist um eine Ecke schleichen gesehen. Deshalb errichtete man hinter jedem Tor in einigem Abstand eine Mauer, die etwas länger als das Tor breit war. So konnten Menschen und Wagen rechts oder links an der Mauer vorbei gehen oder fahren, aber die bösen Geister konnten das nicht. Sie stießen, wenn sie in die Stadt wollten, mit der Nase gegen die Mauer und mußten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Diese Mauer 296nannte man die Geistermauer, und sie erwies sich als praktisch. Alle Leute machten die Erfindung mit, und wer ein Haus baute mit einer Mauer drum herum, errichtete für alle Fälle eine Geistermauer hinter der Einfahrt.

Auch in Chara-Choto hatten die Leute Geistermauern gebaut. Wer durch das Loch in die Stadtmauer ging, wo ehemals das Tor gewesen war, sah nicht gleich in das Innere, denn die Geistermauer war stehengeblieben. Man mußte um sie herum gehen, dann erst überblickte man das Trümmerfeld. Dieses, hatte Glück gesagt, sei ein Anblick zum Angstkriegen, und Christian und Großer-Tiger, die noch nie eine zerstörte Stadt gesehen hatten, beschlich ein Grauen, obwohl die Sonne schien. Eigentlich sah man überhaupt nichts, aber gerade das war beängstigend. Es gab kaum die Andeutung einer Hausruine. Nur dort, wo der Yamen gewesen war, ragten ein paar Mauerreste aus dem eingeebneten Geviert, um das die hohen Wälle ernst und traurig herumstanden. Naidang stieg aus dem Sattel. Er blickte auf Christian und Großer-Tiger, aber er sprach nicht über das, was sie vorhatten. Er sagte nur: „Wir wollen die Pferde anbinden.“

Dazu nahm er einen Stein, wickelte eine Leine kreuzweise darum, und an der Leine machte er die Halfterriemen fest. Der Pudel ließ sich dicht bei den Pferden in den Schatten fallen und blieb erschöpft liegen.

„Hier sind die Spaten“, sagte Glück.

Auch er schien keine Lust zum Reden zu haben. Alle hatten das Gefühl, als ob sie dabei wären, etwas Unrechtes zu tun.

Ungemach ging mit gesenktem Kopf abseits und lehnte sich gegen die Geistermauer.

„Kommt da jemand?“ fragte er plötzlich. „Ach so, du bist es“, sagte er zu Naidang, der mit schweren Stiefeln daherschlurfte.

„Sollten wir nicht lieber umkehren?“ fragte Siebenstern leise. Sie bückte sich und kraulte den Pudel hinter den Ohren.

„Überhaupt wo ich dabei bin“, sagte Ungemach.

„Ruhe!“ befahl Naidang, „davon will ich nichts hören. Du“, sagte er zu Ungemach, „gehst auf die Ostmauer, Siebenstern geht auf die Westmauer, ich bleibe hier, und Glück geht nach Süden. Stellt euch hinter die Brüstungen und beobachtet durch die Schießscharten. Ihr zwei“, sagte Naidang zu Christian und Großer-Tiger, „beginnt erst mit der Arbeit, wenn alle Posten auf den Mauern stehen. Dann aber macht schnell.“

„Bolna!“ sagte Christian und nahm das Spatenbündel unter den Arm. „Komm!“ sagte er zu Großer-Tiger.

„So ist es recht“, lobte Naidang, „ich wünsche Glück und unverhoffte Reichtümer.“ Er wandte sich dem schrägen Aufgang zu, der auf die 297Stadtmauer führte, und Siebenstern und Ungemach folgten ihm. Der Pudel hob den Kopf, aber auf das Geheiß Siebensterns blieb er bei den Pferden liegen.

Glück ging geradeaus zum Südtor.

„Laßt mich mit“, rief er Christian und Großer-Tiger nach, die vorangegangen waren.

„Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig“, zählte Großer-Tiger laut und machte gleichmäßige Schritte. Christian zählte leise mit, und auch Glück bewegte die Lippen.

„... Achtzig!“ sagte Großer-Tiger, blieb stehen und blickte sich um.

„Da ist sie“, rief Glück. Er warf sich zu einem Fußfall der Verehrung auf die Knie und berührte dreimal mit der Stirn den Boden.

„Wo?“ fragte Christian.

„Du stehst darauf“, erwiderte Glück.

Da verneigten sich Christian und Großer-Tiger auch, denn sie standen auf den Resten einer Mauer aus Lehmziegeln, die zwei Finger breit aus dem Schutt hervorragten.

„Hier stand Araptans Palast“, flüsterte Christian.

Er schaute ringsumher, aber die Wüstenei war überall die gleiche. Bei jedem Schritt trat man auf Scherben aus Ton oder Porzellan. Die Leute von Edsina mußten einen unvorstellbaren Geschirrvorrat besessen haben; fast sah es aus, als hätten sie überhaupt nur irdene Töpfe und Porzellanschalen gehabt. Es gab braune, grüne und bemalte Scherben, es gab welche, die roh gebrannt waren, und es gab schön glasierte. Aber kein Topf und keine Schale war heil geblieben.

„Ich sehe den runden Stein“, rief Großer-Tiger plötzlich.

Er deutete voraus und wartete nicht länger, ob Christian und Glück ihn auch sähen. Er ging auf einen wie vom Zirkel in den Schutt gezogenen Kreis zu, und als er hinkam, schob er die Scherbendecke mit dem Fuß beiseite. Ein gelber Sandstein war darunter, und in den Sandstein war ein Relief gemeißelt. Man sah die Sonnenpferde und den Weltenbaum mit einer steinernen Blüte an jedem Zweig. Wo die Zweige sich neigten, stießen sie an das Jahresrad und an die erhobenen Hämmer der Schmiede, die es schmiedeten. Soviel sah man, und mehr sah man nicht. Als aber Großer-Tiger sich bückte und mit der Hand den Staub der Lehmziegel und die Scherben wegfegte, kamen auch die Wagner zum Vorschein. Sie trugen Speichen in den Händen und einen Radkranz, den sie zusammenfügten.

„Laß das“, sagte Glück zu Großer-Tiger, „jetzt ist nicht die richtige Zeit, um alte Steine zu betrachten.“ Er schaute zurück. Naidang stand hoch oben auf der Mauer neben dem Nordtor, Siebenstern bog eben um die Ecke nach Westen, und Ungemach ging auf der östlichen Mauer bereits 298der Mitte entgegen. Er schien es eilig zu haben. Da machte auch Glück, daß er fortkam.

„Wir müssen nach Osten gehen“, sagte Christian.

„Zwanzig Schritte“, sagte Großer-Tiger.

„Geh voraus“, bat Christian, „du kennst das richtige Schrittmaß.“

Da begann Großer-Tiger wieder gleichmäßig zu gehen, und dabei blickte er immerzu auf die Rampe des Osttors und zählte laut.

„... Zwanzig!“ verkündete Großer-Tiger; „hier ist die Stelle, wo das ‚Kleine Heil‘ verborgen liegt.“

„Man merkt aber nichts“, sagte Christian.

Er legte das Spatenbündel neben sich auf den Boden, und die Scherben knackten. Dann löste er gemeinsam mit Großer-Tiger die Stricke, und sie falteten das blaue Tuch auseinander. Zwei kleine Handspaten, wie Soldaten sie haben, wenn sie in den Krieg ziehen müssen, lagen darin.

„Wir wollen beginnen“, sagte Großer-Tiger.

„Noch nicht“, widersprach Christian, „erst muß Glück auf dem Posten sein.“

Also warteten sie noch eine Weile. Der blaue Himmel strahlte ohne ein Wölkchen, die Scherben der Schwarzen-Stadt glänzten in der Sonne, und man hörte die eiligen Schritte Glücks, die sich mehr und mehr entfernten. Als Glück auf der südlichen Mauer erschien, winkte er, und Ungemach und Siebenstern winkten auch. Naidang nickte nur mit dem Kopf, denn er spähte aufmerksam zum toten Wald hinüber, als ob da was wäre. Da war Christian nicht ganz sicher, ob das Nicken ein genügendes Zeichen sei.

„Hast du Angst?“ fragte Großer-Tiger.

„Angst habe ich keine“, sagte Christian, „aber Naidang hat nicht gewinkt wie die andern.“

„Das macht nichts“, versicherte Großer-Tiger und begann die Scherben und den Schutt beiseitezuräumen. Dann nahm er einen Spaten in die Hand, und Christian nahm den zweiten, und sie fingen an zu graben und zu probieren, ob sie nirgends auf etwas Festes stießen, das ein Stein sein konnte.

„Hier ist nichts“, sagte Christian.

„Hier muß etwas sein“, sagte Großer-Tiger.

„Vielleicht war schon einer da“, erinnerte Christian. Er warf einen raschen Blick zum Osttor, wo Ungemach neben einer Schießscharte auf der Mauer stand.

Aber Ungemach zeigte den Rücken und rührte sich nicht.

„Hallo!“ rief Großer-Tiger plötzlich.

„Selber Hallo!“ sagte Christian, „gibt es ein Ding, das fest ist?“

„Es gibt so ein Ding“, erwiderte Großer-Tiger und legte den Finger 299an die Nase. Dann gruben beide emsig, und Christian zog den Rock aus, und Großer-Tiger zog den Rock auch aus. Als sie das getan hatten, ging es viel leichter, und bei jedem Spatenstich sahen sie ein Stück mehr von einer Steinplatte, die so gelb war wie der Sockel, auf dem der silberne Röhrenbrunnen einmal gestanden hatte.

Großer-Tiger stieß den Spaten neben sich in den Boden, und Christian legte den seinen aufatmend beiseite, denn die Steinplatte lag frei. Sie war etwas größer als ein großes Schachbrett, und sie war in viele Quadrate geteilt. Achtmal acht, zählte Christian, aber bevor er sagen konnte, daß offenbar die Leute von Edsina schon Schach gespielt hätten, ertönte von der Nordmauer ein Pfiff.

„Was ist das?“ rief Großer-Tiger erschrocken.

„Ein Gedanke von Naidang“, sagte Christian.

Sie schauten zum Nordtor, wo die Pferde unten an der Geistermauer beisammenstanden und wo Naidang oben stand und sich gegen eine Brustwehr preßte. Er blickte angestrengt nach dem toten Wald, aber mit der Hand machte er Zeichen, daß Christian und Großer-Tiger sich beeilen sollten.

„Vielleicht kommt wer“, vermutete Großer-Tiger.

„Ich weiß, wer kommt“, erwiderte Christian, „und du weißt es auch.“

„Es gibt keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger und bückte sich, „der Kerl will die Schlangenmünze wiederhaben.“

„Dann pressiert es“, sagte Christian.

Sie hoben miteinander die Steinplatte und griffen wieder zu den Spaten.

Auf der Unterseite der Platte waren Schriftzeichen eingemeißelt, aber Großer-Tiger warf kaum einen Blick darauf, und Christian schaute gar nicht hin. Sie gruben so schnell sie konnten. Vorher hatten sie achtgegeben, die Erde nicht umherzustreuen, jetzt ging das nicht mehr. Nur rasch, dachte Christian, bevor es zu spät ist. Die Erde flog; ein klein wenig feucht war sie auch, und hier und da glänzte ein Stückchen schwarzer Holzkohle. Auf einmal knirschte der Spaten Christians und glitt an einem Stück grauen Metalls ab. Die angekratzte Stelle blinkte hell.

„Nummer eins“, rief Christian und hob den Silberschuh aus der Grube.

„Hundert Unzen“, sagte Großer-Tiger mit Kennermiene und wog den Klumpen in der Hand. Er hatte die Form eines Schiffchens und in der Mitte trug er ein quadratisches Prägezeichen.

„Weiter!“ mahnte Christian.

„Weiter!“ sagte auch Großer-Tiger.

Nun gab es keine Schwierigkeiten mehr. Ein Silberschuh nach dem andern kam ans Licht. Als alle zehn nebeneinander auf dem Rand der Grube lagen, war sie leer.

300

Wieder ertönte ein Pfiff, und diesmal machte Naidang Zeichen, die zur höchsten Eile mahnten. Da warfen Großer-Tiger und Christian die Erde in das Loch, sie deckten die Steinplatte mit den Zeichen „Großes Heil ist nahe“ umgekehrt darauf, und dann breiteten sie in fliegender Hast Scherben und Sand darüber.

„Merkt man was?“ fragte Christian.

Großer-Tiger kniff die Augen prüfend zusammen. „Man merkt“, sagte er, „daß hier gebuddelt wurde. Das macht die frische Erde. Morgen wird man nichts mehr sehen, und übermorgen wird es sein wie überall.

„Übermorgen ist weit“, sagte Christian.

Er kniete am Boden und packte die Silberbarren in das blaue Tuch, in dem vorher die Spaten eingewickelt waren. Großer-Tiger kniete mit dem Strick zum Verschnüren neben ihm.

„Wir können das Geschehene nicht rückgängig machen“, sagte Großer-Tiger gelassen, „jetzt müssen wir eilig fort.“

Da machte Christian die haltbaren Knoten, die ihm ein amerikanischer Seesoldat in Peking beigebracht hatte, und als das Bündel fertig war, hingen sie es an die Spatenstiele und trugen es zwischen sich wie die Kundschafter von Kanaan die große Traube.

„Hallo!“ rief Christian laut.

„Die Arbeit ist getan“, rief Großer-Tiger.

Sogleich verließ Glück seinen Posten auf dem Südtor. Er sprang in großen Sätzen die Rampe herunter, und Ungemach kam vom Osttor herbei. Auch Siebenstern lief ncht mehr auf der Mauer entlang. Man sah sie den Aufgang im Westen heruntereilen, und alle trafen sich bei den Pferden. Der Pudel sprang auf und freute sich mit einem kleinen Gebell.

Nur Naidang blieb auf der Nordmauer stehen. Hinter einer Brüstung verborgen, hielt er so sorgfältig Ausschau, und als er merkte, daß alle da waren, wandte er sich um und rief: „Kommt zu mir herauf, aber so, daß euch von draußen keiner sehen kann.“

„Ist wer da?“ fragte Glück.

Naidang zog die Stirn in hilflose Falten. „Einen Menschen sehe ich nicht, aber ich merke, daß einer da ist.“

„Ich verstehe“, sagte Glück, aber er hatte keine Ahnung, was Naidang meinte.

Während er als erster die Rampe hinaufstieg, die früher einmal Stufen gehabt hatte, jetzt aber einer versandeten und abschüssigen Rinne glich, sagte er belehrend zu den übrigen: „Oben müßt ihr auf allen vieren kriechen, bis jeder hinter einer Brüstung ist. Dann mögt ihr aufstehen. Das beste ist“, sagte Glück, „ihr tut, was ich euch vormache.“

301

„Bolna!“ rief Christian.

„Hund bleib da!“ befahl Siebenstern streng.

„Wir tun, was der befehlende Herr für richtig hält“, erklärte Großer-Tiger bereitwillig.

Als sie auf der Mauer anlangten, krochen sie hintereinander wie eine Bärenfamilie tapp tapp unter den Schießscharten entlang, bis jeder hinter einer Brüstung anlangte und sich aufrichten konnte. Christian und Großer-Tiger schauten vorsichtig hinaus, was es gäbe.

„Seht ihr was?“ fragte Naidang.

„Ich sehe“, sagte Christian, „den harten Lehmboden mit den Rissen darin, aber da ist niemand. Dahinter sehe ich den toten Wald, wo die Bäume durcheinanderliegen. Aber auch da ist niemand.“

„Und du?“ fragte Naidang. Großer-Tiger räusperte sich. „Ich sehe, was Kompaß-Berg sieht, und mehr sehe ich nicht.“

„Paßt einmal auf“, sagte Naidang, „hinter dem toten Wald gibt es im Osten einen Hügel, der bis zu den Pappeln reicht, wo früher der Edsin-Gol floß. Könnt ihr das erkennen?“

„Ich sehe den Hügel“, sagte Großer-Tiger, „aber er ist sehr weit weg.“

„Auf dem Hügel steht ein Obo“, sagte Christian.

„Es ist kein Obo“, setzte ihm Naidang auseinander, „es ist eine Mauer, doch sie ist zerfallen wie alles, was zur Schwarzen-Stadt gehört. Nur ein kleines Stück ist übriggeblieben. Es ist mannshoch und zwanzig Fuß breit. Dieses Stück Mauer sollt ihr betrachten.“

„Aha!“ sagte Glück.

„Ich betrachte es lieber nicht“, sagte Ungemach.

„Gibt es dort was?“ fragte Christian.

„Hin und wieder“, antwortete Naidang, „man muß aber gut aufpassen. Da ist es wieder“, rief er, „habt ihr es gesehen?“

„Es ist ein Zweig, der im Winde weht“, sagte Glück. „Die Sache ist einfach: Hinter der Mauer steht ein Bäumchen oder ein Busch, und wenn ein Windstoß kommt …“

„Es weht aber kein Wind“, sagte Siebenstern.

„Ich hab's!“ rief Christian.

„Es geht nicht darum, was du hast“, sagte Glück verdrossen, „sondern um den Baum, der hinter der Mauer steht.“

„Hinter der Mauer steht ein Pferd“, sagte Christian, „und weil es ungeduldig ist, schlägt es mit dem Schweif. Das sieht dann aus, als ob ein Zweig im Winde wehe.“

„Kompaß-Berg hat recht“, sagte Naidang. „Hinter der Mauer steht ein Pferd, und wo ein Pferd ist, muß es auch einen Reiter geben. Man sieht ihn nicht, aber er ist da, und darum muß man einen Plan machen, damit wir nicht in den Rachen des Tigers fallen.“

302

„Das Pferd hat einen hellen Schweif“, rief Siebenstern. „Der Mann, der meinen Hund auf die Nase schlug, hatte so ein Pferd.“

„Ich dachte es mir“, sagte Naidang düster.

Glück klopfte herausfordernd auf die Pistolentasche. „Der Mensch“, teilte er mit, „hat sieben Leibesöffnungen. Ich werde dem Tropf eine achte machen.“

„Nein“, rief Ungemach entsetzt, „so geht es nicht. Wir müssen einen besseren Plan erfinden.“

„Was denkt Großer-Tiger?“ fragte Naidang.

„Ein freiwilliger Rückzug bringt dem Edlen Heil und dem Gemeinen Untergang.“

„Diesmal“, sagte Glück, „taugt der Rat deines Großvaters nicht. Wie wollen wir uns zurückziehen, wenn der Vogel da draußen den Hals nach uns reckt?“

Großer-Tiger wies auf den Haufen großer und runder Steine, die in Abständen hinter der Brüstung lagen, damit die Verteidiger von Edsina sie ihren Feinden auf den Kopf werfen konnten.

„Hier ist ein Stein“, sagte Großer-Tiger, „er ist dick wie ein Kopf. Den schieben wir in die Schießscharte; dann sieht es aus, als ob da einer wäre, der auf der Lauer liegt, und es wird lange dauern, bis der Reiter, der zu dem Pferd gehört, merkt, daß er betrogen ist. Wenn er sich endlich in die Stadt traut, sind wir lange fort, denn wir reiten zum Südtor hinaus. Hinter die Geistermauer kann niemand gucken, also wird unser Rückzug ungesehen und in Frieden vor sich gehen.“

„Großer-Tiger“, rief Naidang begeistert, „weiß mehr als Aus- und Einatmen; er wird dereinst im Kurultai erfahrener Männer die Stimme erheben, und sein Wort wird gelten.“

„Ich bin nur ein alberner Nichtswisser“, wehrte Großer-Tiger bescheiden, „mein Großvater besitzt die Erkenntnis, die ich weitergebe.“

„Dein Großvater gehört zu den wahrhaft Weisen“, rühmte Naidang.

„Du bist ein Teufelsbraten“, sagte Glück wohlwollend, „und dein Großvater ist auch einer.“

„Auf“, rief Naidang, „in den Sattel, ihr Männer!“

Da griff Glück nach dem dicken Stein, den Großer-Tiger bezeichnet hatte, schob ihn in eine der Schießscharten, und dann machte sich einer nach dem andern auf den Rückweg. Sie schlichen wie eine Bärenfamilie tapp tapp bis zu der Rampe, und als sie unten bei den Pferden anlangten, waren alle auf einmal sehr aufgeräumt. Selbst Ungemach lächelte, so gut er es fertigbrachte. Der Pudel lief, von der allgemeinen Fröhlichkeit angesteckt, jedermann zwischen den Beinen herum, bis ihn Siebenstern energisch zu sich rief.

„Du fängst schon wieder an, Dummheiten zu machen“, sagte sie.

303

Nur Naidang stand stirnrunzelnd vor dem blauen Tuchballen, und sein Blick wanderte zwischen dem Ballen und den Spaten hin und her.

„So ist es verkehrt“, sagte Naidang, „man muß die Spaten einpacken, und das Silber muß man auspacken.“

„Bolna“, rief Christian und machte sich gleich daran, den Strick aufzuknoten.

„Das Silber ist ein wenig grau“, sagte er, „aber das macht nichts.“

Und dann faltete er das Tuch auseinander.

Da lagen die zehn Silberschuhe. Glück nahm einen prüfend in die Hand und kratzte mit dem Daumennagel, bis das blanke Metall sichtbar wurde. Dann nickte er befriedigt.

„Wir sind fünf Männer“, sagte Naidang, „also muß jeder zwei Silberschuhe einstecken.“

„Ich auch?“ fragte Ungemach.

„Du gehörst zu uns“, erwiderte Naidang freundlich, „steck sie in deine Taschen. Es eilt. Kwai, kwai!“

Da nahm jeder zwei Silberschuhe, und Naidang packte die Spaten in das blaue Tuch.

Dann war es Zeit, aufzubrechen, und Naidang setzte sich an die Spitze des Zuges. Die Pferdehufe trappelten über das Scherbenfeld; es knisterte und es knackte, und der runde Sockel des Röhrenbrunnens, auf dem Schmiede das Jahresrad schmiedeten, lag an seinem Platz in der Sonne.

„Schade“, sagte Großer-Tiger zu Christian, „ich hätte gern die übrigen Bilder gesehen.“

„Ich auch“, sagte Christian und langte in die Hosentasche. „Sieh hier“, sagte er, „was ich auf der Stadtmauer gefunden habe, als wir auf allen vieren krochen.“ Es war eine Pfeilspitze aus schwarzer Bronze, und sie war mit Grünspan überzogen wie die Instrumente der Sternwarte in Peking. „Behalte sie zum Andenken“, bat Christian.

„Du machst mir ein dickes Geschenk“, sagte Großer-Tiger, „und ich habe nichts. Halt einmal“, sagte er, weil ihm die Silbermünze mit der Schlange einfiel. „Ich habe das Ding da, aber es ist kein ganzes Geschenk, sondern ein halbes, weil es eigentlich nicht mir gehört.“

„Macht nichts“, tröstete Christian, „jetzt hat jeder von uns eine Schlange, die ihm nicht gehört, und ich bin neugierig, was daraus werden wird.“

Unter diesem Gespräch waren sie in die ehemalige Stadtmitte gelangt, wo es einen hohen Schutthügel gab und einige Mauerreste. Hier hatte, wie Naidang sagte, der Yamen gestanden, aber ganz sicher war das nicht. Dann rückte das Tor im Süden näher, und als sie um die Geistermauer bogen, warf Christian einen letzten Blick auf die traurige Schwarze-Stadt, die keine Stadt mehr war. Die Pferde stampften zum Tor hinaus, 304und für kurze Zeit hörte man keinen Hufschlag, denn der angewehte Sand lag hoch, und die Pferde hatten Mühe durchzukommen.

Naidang hatte den Weg nach Westen eingeschlagen, der unter der Stadtmauer entlangführte. Hier hatten die Stürme im Lauf der Jahrhunderte gewaltige Sandmassen an den Wällen abgelagert. Die vorspringenden Bastionen waren bis zur Zinne von Sand überflutet, und nur der gezähnte Kranz der Brustwehren ragte heraus. An der Südwestecke stand als letztes Wahrzeichen hoch auf dem Rondell eine mongolische Tschorte. Dann war die Stadt zu Ende.

Der harte gelbe Lehmboden mit den vielen Rissen begann, und man konnte sich nicht vorstellen, daß hier einmal Gärten gewesen waren voll Fülle und umhegt mit Bambushecken und blühenden Sträuchern. An Stelle der glatten Aprikosenbäume wuchsen Tamarisken mit zerfressener Rinde, und auf der fruchtbaren Erde lag tiefer Sand. Der Pfad führte durch ein Gewirr von Hügeln, die zur Zufriedenheit Naidangs so hoch waren, daß sie den Reitertrupp völlig verbargen. Naidang schlug einen scharfen Trab an. Es war leicht zu merken, daß ihm darum zu tun war, möglichst rasch aus dem Bannkreis der Schwarzen-Stadt zu kommen. Die Sonne schien warm, Naidangs Mantel trocknete und dampfte, und der Pudel lief mit heraushängender Zunge nebenher.

Nach zwei Stunden ging es durch einen Bach; es gab wieder Bäume, und es gab Gras und Hügel, auf denen noch mehr Bäume wuchsen. Man hätte meinen können, es wären Wälder, wenn nicht das Sandmeer hinter den Wipfeln so gelb und endlos gewesen wäre.

Zwischen den baumbestandenen Hügeln glänzte ein Fluß. Die Pferde fielen in Schritt, die Hufe klapperten über Geröll oder stapften durch feuchten Sand, und dann standen sie vor dem breiten Bett des Ichen-Gol. Sogleich drängten die Pferde, aber Naidang rief: „Weiter! Sie dürfen jetzt nicht trinken.“

Er trieb seinen Falben mit straffgezogenen Zügeln ins Wasser, das kaum fußtief in eiligem Fluß nach Norden strömte. Von der Mitte an wurde es tiefer, aber erst kurz vor dem andern Ufer reichte es den Pferden für ein paar Augenblicke bis zum Bauch. Die Reiter zogen die Knie an, der Pudel mußte ein Stück weit schwimmen, dann war der Fluß überquert. Wieder bedeckte Geröll und Sand den Boden, und man sah den Kamelpfad, dem Naidang bisher gefolgt war, breit ausgetreten nach Westen ziehen.

„Hier geht es nach Sinkiang“, sagte Naidang, und er hob den rechten Arm wie einen Wegweiser.

„Weiß wohl“, brummte Glück, und wie nicht anders zu erwarten war, fiel ihm Grünmantel ein. „Entschuldige, ich möchte mal was nachsehen.“

305

„Nicht nötig“, rief Naidang, „das erfahren wir beim alten Märin.“

Er wandte sein Pferd und ritt, ohne auf eine Antwort Glücks zu warten, flußabwärts nach Norden. Es ging durch hohes Derresgras und Buschwerk. Der Ichen-Gol, der hier einen Bogen machte, entschwand den Blicken, aber man sah an der Baumbegrenzung den weiteren Verlauf des Flusses. Eine freundliche Niederung zwischen zwei Hügelzügen tat sich auf, und mitten drin stand eine neue weiße Filzjurte. Aus dem Rauchloch im Dach stieg ein sanfter Rauch, kräuselte sich in der erwärmten Luft und verschwamm.

„Der Alte ist daheim“, murmelte Naidang zufrieden.

Unter einer dicken Pappel machte er halt, nahm die leere Flasche aus dem Lederbeutel und steckte sie in den Gürtel.

„Gebt mir die Silberbarren“, sagte Naidang, „wir wollen sie jetzt in die Satteltasche tun. Es ist wegen der Wahrheit“, setzte er lächelnd hinzu, „die ich dem alten Märin schmackhaft machen muß. Deswegen braucht ihr mich aber für keinen Lügner halten.“

Da sagten alle, sie hielten ihn nicht dafür, und Glück fragte, wie er überhaupt darauf käme. „Man muß“, sagte Glück, „der Wahrheit stets auf die Beine helfen, das weiß jeder.“

„Es gibt aber Leute“, warnte Ungemach, „die die Nachhilfe merken.“

„Wisse“, sagte Glück streng, „daß Vater Naidang in dieser Sache die zehntausend Regeln beherrscht wie kein anderer.“

Da entschuldigte sich Ungemach, und dann packte Naidang die Silberschuhe sorgfältig in die Ledertasche. Nachher hob er sich in den Bügeln, und versteckte das blaue Spatenbündel in den untersten Ästen der Baumkrone. Als das geschehen war, wurde Naidang sehr fröhlich.

„Jabonah“, rief er, und sie ritten bis zu der Jurte in gestrecktem Galopp. Während sie aus dem Sattel sprangen, hob ein magerer nackter Arm den Teppich vom Eingang des Filzzeltes. Dem Arm folgte eine tibetische Wollweste, die dunkelrot war. Dünne Goldschnüre umrandeten den aufgestellten Kragen, aus dem ein langer Hals hervorragte. Der dazu gehörige Kopf saß fest auf den knochigen Schultern, und die Augen unter den Brauen blitzten. Der Alte trug eine schwarze chinesische Kappe und einen ebenso schwarzen glänzenden Zopf. Lange weiße Fellhosen und geflochtene Strohschuhe kamen gemächlich hinterdrein, und dann stand der alte Märin da.

„Der Zopf ist falsch“, flüsterte Naidang vertraulich grinsend. Er warf die Zügel Siebenstern zu und ging dem alten Märin lächelnd entgegen.

„Ruhst du leicht und gut?“ rief er.

„O Bilderbogen!“ sagte Märin, und sein Gesicht strahlte eitel Freude, „hast du einen leichten Weg gehabt?“

306

„Leicht und gut“, log Naidang, „wir kommen geradewegs von daheim.“

„So so!“ sagte Märin zweifelnd, „eigentlich sieht es nicht so aus.“ Und er wies auf den Pudel, der zum drittenmal das Wasser aus dem Fell schüttelte.

„Der Hund ist anders wie andere Hunde“, setzte Naidang auseinander, „in dem dicken Fell hält sich das Wasser einen halben Tag lang.“

„Das ist aber ungesund“, sagte Märin sorgenvoll, und er betrachtete den Pudel eingehend.

„Es ist wahr“, gab Naidang zu, „er hustet oft, besonders nachts.“

Dann wechselten sie die Schnupfflaschen, und nachher stellte Naidang seine Besucher der Reihe nach vor.

„Mit Märin könnt ihr in eurer Heimatsprache reden“, sagte Naidang zu Christian und Großer-Tiger, „er stammt aus dem Land Tschachar. In den alten Tagen, als die Kaiserin auf dem Drachenthron saß, hütete er fünfhundert Pferde der kaiserlichen Herden. Damals kam er oft nach Peking.“

„Wir kommen gerade aus Peking“, sagte Großer-Tiger und verbeugte sich.

„Aber jetzt sind wir hier“, sagte Christian, und er verneigte sich ebenfalls.

Märin schien erfreut. Sein faltiges Gesicht war braun wie altes Leder, aber in den Augenwinkeln saß der Schalk. Die kühne Adlernase stand in merkwürdigem Gegensatz zu den mongolischen Backenknochen, und wenn die nicht gewesen wären, hätte man Märin für einen alten Indianerhäuptling halten können.

„Herein!“ rief er einladend, „bei mir ist es warm.“

Er half Siebenstern mit einigen Handgriffen die Pferde anbinden und trat als letzter in die Jurte. Ein helles Holzfeuer brannte darin, der Teekessel summte, und die blaugefaßten Sitzkissen lagen abgezählt bereit, als ob Märin den Besuch erwartet hätte.

„Hast du uns kommen sehen?“ fragte Naidang besorgt.

„Ich hörte die Pferde, und dann sah ich euch“, gab Märin zu. Er nahm den Deckel von dem dampfenden Kessel und schöpfte mit einer Kupferkelle den heißen Tee in die Schalen.

„Naidang hat mir von Euch berichtet“, begann Glück, „und von der vielseitigen Erfahrung, die Euer hohes Alter ziert. Da bat ich ihn, mich mit Euch bekannt zu machen.“

„Der Bilderbogen übertreibt“, brummte Märin höflich, „ich bin ein unwissender Tölpel.“

„Was mich betrifft“, sagte Ungemach, „bin ich nur so mitgeritten. Entschuldigt meine Anwesenheit.“

307

„Jeder ehrliche Mensch ist mir willkommen“, rief Märin.

„Da wir schon bei ehrlichen Menschen sind“, begann Naidang, „möchte ich dich etwas fragen.“

„Wenn du mich nach Grünmantel fragen willst, der war vorgestern bei mir.“

„Die Welt staunt nicht umsonst über deine Weisheit“, rief Naidang, „diesen Herrn suchen wir.“

„Er wurde von einer Mörderbande überfallen“, berichtete Märin düster.

„Wie schrecklich!“ sagte Naidang grinsend.

„Oh, der Schuft!“ schrie Glück, „er ist ein Hundesohn, und sein Vater war auch einer.“

„Sieh diese beiden Fürstenkinder“, sagte Naidang, „sehen sie aus wie Mitglieder einer Mörderbande?“

„Wir redeten von ehrlichen Menschen“, sprach Märin ernst, „also wollen wir erforschen, wie es sich damit verhält.“

„Es verhält sich so“, rief Glück zornig, „daß Grünmantel endlich vor den Richter gehört.“

„Er ist unterwegs zu ihm“, antwortete Märin, „um eine eilige Anzeige zu erstatten.“ Dabei blickte er Glück forschend an, worauf Glück unruhig hin- und herrutschte.

„Sitzt du nicht bequem?“ erkundigte sich Märin.

„Ich sitze ausgezeichnet“, knurrte Glück.

„Sprich“, bat Naidang und langte die Pfeife aus dem Stiefelschaft, „erzähle, was du weißt, damit wir es erfahren. Hernach werden wir berichten.“

„Vorgestern“, begann Märin, „bevor es Mittag wurde, vernahm ich einen Donner ohne Anbeginn und Ende. Er näherte sich rasch, und da wußte ich, daß es ein brüllender Wagen sei, der von selber geht. Hinter dem Hügel hörte der Donner plötzlich auf, und bald nachher kam Grünmantel gelaufen. ‚Ich komme, um dich zu warnen‘, sagte er, ‚in Ollon-Torre ist ein berüchtigter Räuber und Mörder eingetroffen. Er heißt Glück.‘“

Märin machte eine Pause, und alle schauten auf Glück. Aber Glück hatte sich gefaßt. Er saß ruhig auf dem Kissen, rutschte kein bißchen hin und her und hielt den Blicken stand.

„Verbrecher“, sagte Glück geringschätzig, „haben die Gewohnheit, andere Leute ihrer Untaten zu bezichtigen.“

„Gut gesprochen“, rief Naidang, „so ist es.“ Und er zündete sich zufrieden die Pfeife an.

„Ich fragte Grünmantel“, fuhr Märin fort, „ob etwas passiert sei, und Grünmantel sagte: ‚Es ist was passiert. Ich habe da einen Wagen 308gekauft, mit dem ich auf der Seidenstraße fahren will, damit der Handel schneller geht. Ich bin viele Tage gefahren, und in der Nacht kam ich an den Goitzin-Gol. Dort stand ein Zelt, und in dem Zelt saßen zwei Soldaten des Generals Feng und der entlaufene Soldat Glück, der ein bekannter Rotbart ist. Zwei Buben, von denen einer ein fremder Teufel vom Land der Außenseite ist, saßen auch dabei. Die Sache kam mir verdächtig vor, aber Glück erzählte mir, er habe die beiden aus den Händen einer Räuberbande errettet, und jetzt bringe er sie zu ihren Eltern nach Hause. Damit gab ich mich zufrieden‘, sagte Grünmantel, ‚obwohl ich die Geschichte nicht glaubte. Ich bat die beiden Soldaten, mir etwas Benzin zu verkaufen. Es braucht nicht viel zu sein, sagte ich. Das dürfen wir nicht tun, sagte einer, der Schlangenfrühling hieß, der General hat es verboten. Ach was, rief der andere. Unser General merkt nicht, wenn ein paar Kanister fehlen. Er verlangte einen schändlichen Preis, aber ich bezahlte, was er haben wollte. Da spannten die Spitzbuben, daß ich Geld hatte, und sie beschlossen, mich umzubringen. Der ehrliche Schlangenfrühling erschrak zu Tode, als er das hörte, aber was konnte er machen! Während ich schlief, stahlen mir die Kinder, die zum Stehlen abgerichtet sind, alle Patronen, die ich hatte, mitsamt der Pistole. Nachher wollten die Verbrecher mich ermorden, aber weil Schlangenfrühling nicht mitmachte, gerieten sie untereinander in Streit, und davon erwachte ich. Es gab einen furchtbaren Kampf‘, sagte Grünmantel. ‚Kämpfte ich vorn wie ein Tiger, bissen mich die verruchten Kinder hinten, und wenn Schlangenfrühling nicht zu mir gehalten hätte, wäre ich eines schrecklichen Todes gestorben. Mit genauer Not entkamen wir, und nun eilen wir nach Sutschou, um dem Präfekt Anzeige zu erstatten, damit er Polizisten und Soldaten schickt, die diese Pest an Ort und Stelle ausrotten werden.‘

Als Grünmantel so gesprochen hatte, verabschiedete er sich und sagte: ‚Es ist das beste, alter Märin, wenn du sogleich von hier entfliehst und dich so lange verbirgst, bis die Kerle erschossen sind. Du bist mein Freund, darum habe ich dich gewarnt.‘ ‚Ich danke dir für die Nachricht‘, sagte ich, ‚und ich werde deinen Rat befolgen.‘“

„Trotzdem bist du hier geblieben?“ fragte Naidang, „wie geht das?“

„Ich wollte die Räuber und Mörder kennenlernen“, antwortete Märin lächelnd.

„Sie sind alle anwesend“, versicherte Naidang, „eigentlich solltest du zittern.“

„Ich zittere“, beteuerte Märin, „erlaubt, daß ich mich stärke.“

Er stellte ein Messingkännchen mit Milchschnaps in die heiße Asche, und als der Becher kreiste, erzählte Naidang, was sich in Ollon-Torre zugetragen hatte.

309

Märin wiegte bedenklich das Haupt, und der Zopf schlenkerte hin und her.

„Die Sache eilt“, sagte er, „laßt mich nachdenken. In sieben Tagen“, rechnete Märin an den Fingern, „können die Häscher des Yamen hier sein.“

„Zwei Tage sind seither vergangen“, gab Naidang zu bedenken.

„Bleiben also noch fünf“, sprach Märin, „wahrscheinlich brauchen die Soldaten länger, aber damit dürfen wir nicht rechnen. Grünmantel ist ein Freund des Oberrichters in Sutschou. Da wird es ihm ein leichtes sein, den Überfall glaubhaft zu machen und das Kommando schleunigst auf den Weg zu bringen.“

„Werden sie uns wirklich totschießen?“ fragte Christian.

„Der Himmel weiß es“, erwiderte Märin, „die Zeiten sind wirr, und die guten Tage sind vergangen. Ich rate zu eiliger Flucht.“

„Darüber habe ich nachgedacht“, sagte Naidang. „Meine Freunde sind ohne Reittiere und ohne Lebensmittel. Ich habe deshalb in alten Truhen gekramt, und dabei habe ich zehn Silberschuhe gefunden, die ich längst vergessen hatte.“

„Das kommt vor“, sagte Märin ernst, „so was vergißt man leicht.“ Er betrachtete das Silber, das Naidang auspackte, sehr genau, kratzte daran herum und biß darauf. „Es ist gut“, sagte er dann, „den Stempel vermag ich nicht zu lesen, aber es ist Silber ohne Beimischung. Ich werde dir das gleiche Gewicht in gängigem Silbergeld besorgen. Das wolltest du doch?“

„Ein bißchen wenig ist es schon“, sagte Naidang, „meinst du nicht auch?“

„Ich bin ein armer Mann“, seufzte Märin, während er die Silberschuhe in seine Truhe sperrte. „Ja“, sagte er, „wenn wir mehr Zeit hätten, ließe sich ein höherer Preis erzielen, aber es eilt. Da gibt mir der Chinese am Morin-Gol keinen Batzen mehr als das Übliche. Hast du nicht selbst gesagt, daß es eilt? Na also.“

„Ich will nicht handeln“, sagte Naidang großartig, „hast du eine Waage?“

„Wo denkst du hin? Ich habe meiner Lebtag keine Waage gebraucht. Bei mir ist es nicht wie bei Leuten, die Silberbarren in ihren Truhen vergessen und nachher nicht einmal wissen, wie schwer sie sind.“

„Zusammen tausend Unzen“, knurrte Naidang, „ich wollte bloß, daß du dich selbst überzeugst.“

„Dein Wort genügt“, sprach Märin feierlich, „morgen bringe ich dir die Batzen.“

„Dann gibt es“, sagte Naidang, „noch eine Kleinigkeit, die beachtet werden muß.“

310

„Deine Kleinigkeit heißt Schweigen. Deswegen kannst du unbesorgt sein.“

„Bolna!“ rief Naidang erleichtert, „es gibt nichts mehr zu überlegen. Unser Geschäft ist fertig und wir gehen.“

„Wozu die Eile?“ rief Märin, „in der Eile sind Fehler. Wir wollen lieber noch einen Becher in Frieden trinken.“

Er schenkte ein, und als die Reihe an Großer-Tiger war, borgte ihm Märin seine schwarze Kappe, „denn“, sagte er, „dem Wein muß man mit Ehrfurcht begegnen. Wo hast du deine Mütze gelassen?“

„Großer-Tiger hat sie mir geschenkt“, erklärte Naidang, „weil mein Hut in den Dondur-Gol fiel und ertrank.“

„Die Dinge“, sagte Märin, „können nicht dauernd an ihrem Platz weilen. Ich habe da einen Hut, der mir nie recht gepaßt hat, weil mein Zopf sehr stattlich ist. Vielleicht paßt dir der Hut.“

Er öffnete die Truhe wieder und holte einen prachtvollen mongolischen Fellhut heraus, den er Großer-Tiger mit einem Haddak überreichte.

„Zehntausendfachen Dank“, sagte Großer-Tiger. „Ich bin Eurer dicken Gabe unwürdig … aber der Hut paßt.“

„Bravo!“ rief Märin, „du bist ein Meister der guten Sitte.“

Er goß sich begeistert einen Becher voll, langte mit sicherem Griff hinter die Truhe und brachte ein Saiteninstrument zum Vorschein. Es sah aus wie eine kleine Holztrommel mit langem Steg und zwei darübergespannten Saiten. Es sah nicht vielversprechend aus.

„O Märin“, bat Naidang, der völlig vergessen hatte, daß er eigentlich gehen wollte, „singe uns von Dschusserä.“

Märin kniff die Augen zu. „Alter Bilderbogen“, sagte er, „das ist ein wehmütiges Lied.“ Er griff nach dem Bogen, aber kaum erklangen die empfindsamen Töne, war er der erste, dem die Augen übergingen. Dafür sang er mächtig laut. Großer-Tiger und Christian verstanden nur ein paar Worte von schönem Gras und Holz und Filzzelt, aber als das Lied zu Ende war, sagten sie: „Es war schön wie das Saitenspiel des Gelben-Kaisers und noch schöner.“

Märin nickte geschmeichelt, doch plötzlich stand er auf. „Mir ist“, sagte er, „als wäre da jemand, der nicht hierher gehört. Entschuldigt bitte.“

Er schlurfte so geschwind zum Zelt hinaus, daß selbst Naidang nicht gleich verstand, was Märin meinte. Dann aber beschlich ihn eine böse Ahnung, und er lief Märin eilends nach. Die andern folgten ihm auf dem Fuß.

„Nichts“, sagte Märin, der um das Filzzelt gelaufen kam, „es ist nicht die geringste Spur zu sehen, obgleich ich geschworen hätte … Nun, man kann sich täuschen.“

311

„Was hättet Ihr geschworen?“ fragte Glück.

„Daß da einer herumschlich. Ich hörte es, als ich nach der Geige griff, aber ich dachte, es sei euer Hund.“

„Unser Hund hätte jeden Fremden in winzige Stücke gerissen“, versicherte Naidang, „er ist ein Hund von der erlesensten Gattung, er ersetzt eine ganze Meute.“

„Hund!“ rief Siebenstern, „Hund, komm her!“

„Er ist fort“, sagte Christian, „man sieht ihn nirgends.“

„Vielleicht hatte er plötzlich Durst und ist zum Wasser gelaufen“, sagte Großer-Tiger.

„Das tut er nicht“, widersprach Siebenstern, „es muß was anderes sein. Hund, Hund, komm her!“

Allein, das Rufen war umsonst.

Naidang ging zu den Pferden und machte sie los. „Wir reiten“, sagte er zornig, „mag dieser Hund von einem Hund bleiben, wo er ist. Ich sagte ja, er taugt nicht.“

„Er ist ein rechter Unglückshund“, pflichtete ihm Ungemach bei.

„Vater“, bat Siebenstern, „ich möchte hierbleiben und auf den Hund warten.“

„Zwei Stunden“, sagte Naidang, „magst du bleiben. Dann mußt du reiten, damit du vor Dunkelwerden daheim bist.“

„Bitte, wir möchten auch bleiben“, baten Christian und Großer-Tiger.

„Meinetwegen“, erlaubte Naidang, und dann nahm er sie beiseite, während der alte Märin noch einmal hinter die Jurte ging, um alles genau zu prüfen.

„Wir reiten“, flüsterte Naidang, „von hier gleich flußabwärts, sonst merkt der Alte was. Ihr müßt die Spaten mitnehmen. Macht es aber unauffällig.“

„Wir sind in Unauffälligkeiten geübt“, sagte Christian.

„Keine Besorgnisse deswegen“, sagte Großer-Tiger. „Es wird uns eine passende Ausrede einfallen.“

„Jabonah!“ rief Naidang. „He, Märin, wir reiten! Ich muß daheim nach den Pferden schauen.“

„Dein Weg sei leicht und gut“, rief Märin, und er schlurfte in den Strohschuhen eilig herbei. „Ich glaube“, sagte er leise zu Naidang, „es war doch einer da. Hinter der Jurte ist eine Stelle, als ob da einer gekniet wäre.“

„Gib auf das Silber acht“, warnte Naidang, „es laufen jetzt mancherlei Menschen herum.“ Er stieg in den Sattel.

Glück und Ungemach saßen ebenfalls auf, und Glück, der verstanden hatte, um was es ging, sagte: „Wir leben in einer würdelosen Zeit, da gibt es Menschen, die hin und her schleichen. Das ist nun einmal so.“

312

„Ich bitte, sich nicht zu beunruhigen“, sagte Märin, „mich hat noch keiner drangekriegt.“

„Sä Jabonah!“ riefen Großer-Tiger und Siebenstern.

„Sä Jabonah!“ rief Christian.

Märin blickte den Davonreitenden aufmerksam nach. „Alter, dummer Bilderbogen!“ murmelte er. „Kommt Kinder“, sagte er dann und setzte sich vor die Jurtentür in die Sonne, „wir wollen nachdenken, wo euer Hund sein kann.“

„Wie dürften wir in Eurer Gegenwart sitzen?“ sagte Großer-Tiger.

„Wir wagen es nicht“, murmelte Christian.

Bei diesen höflichen Worten verneigten sich Christian und Großer-Tiger, und dann setzten sie sich neben Märin. Siebenstern setzte sich gegenüber.

„Euer gutes Benehmen ist eine Wohltat“, sagte Märin, „es erinnert mich an die Zeiten, in denen die Ordnung der Welt nicht gestört war. Allerdings habe ich etwas bemerkt, was mir nicht gefallen will.“ Er deutete auf den Ring, den Großer-Tiger am Daumen trug, und Großer-Tiger wurde rot, denn es schwante ihm, daß der erfahrene Märin die Schlange und ihre Bedeutung kannte. Während Großer-Tiger nach passenden Worten suchte, aber keine fand, kam Christian ihm zu Hilfe.

„Dieser Ring“, sagte Christian gedehnt, „wenn Ihr nämlich den Ring meint, den Großer-Tiger am Daumen trägt, oder sollte es ein anderer sein?“

„Er hat ihn von seinem Großvater gekriegt“, warf Siebenstern arglos ein. „Glück hat es gesagt, und er hat sogar gesagt, der Ring sei ein Glücksring.“

„Ach so!“ machte Märin und blinzelte ein bißchen, „wenn Glück das sagt, wird es wohl so sein. Aber wir wollen den Hund nicht vergessen, Kinder.“ Er griff in die Gürteltasche und brachte neun Kupfermünzen heraus von der alten Sorte, die es unter den Ming-Kaisern gegeben hatte.

Siebenstern war hocherfreut. „Märin wirft das Neungeld“, flüsterte sie, „da werden wir den Hund wiederfinden.“

„Tinger metne“, sagte Märin und rieb bedächtig eine der Münzen an der Türschwelle blank. „Die ist jetzt die Hauptperson“, erklärte er lächelnd, „die andern sind ihr Gefolge.“

Er schüttelte die Münzen zwischen den hohlen Händen dreimal tüchtig durcheinander, blies einen Atemzug Luft darüber und schüttelte wieder. Es war auch, als ob er eine Beschwörung murmelte, und dann schüttelte er abermals. Nachher breitete er die Münzen auf der rechten Handfläche aus, so daß eine der andern folgte. Da lagen sie nun, wie Märin sagte, schwarz und weiß auf der Vorder- oder auf der Rückseite. Die blanke Münze lag als zweite in der Reihe.

313

Siebenstern war sehr aufgeregt, aber sie wagte nicht zu fragen. Sie schaute ängstlich auf Märin, ob sie aus seinem Gesicht günstige oder schlechte Nachricht ablesen könne, doch das war ganz unmöglich, denn der Alte verzog keine Miene. Er war eben ein erfahrener Orakelleser.

„Dein Hund ist über den Berg gegangen“, sagte er gleichgültig, „dort hat er einen Wolf gewittert, aber es ist ihm nichts geschehen. Zur Stunde des Affen wirst du ihn wiederfinden.“

Siebenstern verneigte sich tief. „Dank!“ rief sie, „Großen Dank! Es ist alles zum Besten geraten.“ Sie schaute zur Sonne und wollte aufspringen. „Die Stunde des Affen ist da.“

„Bleibe noch eine Weile“, sagte Märin, „es eilt nicht. Der Hund wartet auf dich.“

Allein Siebenstern bat Märin, gehen zu dürfen. Als er es ihr erlaubte, lief sie gleich zu den Pferden, zog die Sattelriemen nach und löste die Halfter von der Leine. Großer-Tiger und Christian wollten ihr helfen, aber Märin hielt sie zurück.

„Mein Kind“, sagte er leise zu Großer-Tiger, „ich habe deinen Ring noch nie gesehen, aber ich kenne die Schlange, und ich weiß, wer dahinter steckt. Ist es mir gestattet, zu fragen, woher du den Ring hast?“

„Der heilige Mann Jolleros-Lama gab ihn mir, und er sagte, daß mir der Ring in der Not hilfreich sein würde.“

Märin atmete auf. „Ich war in großer Sorge“, sagte er, „jetzt bin ich es nicht mehr. Reise in Frieden, mein Kind, und du auch.“ Er umarmte Großer-Tiger und Christian, und sie wunderten sich sehr. Das war ihnen noch nie vorgekommen. Als sie aufsaßen, sagte Christian so nebenbei: „Wir reiten um den Hügel herum, damit wir den Hund finden.“

„Tut es“, erwiderte Märin freundlich, „und vergeßt nicht, das lange Ding mitzunehmen, das Freund Bilderbogen in der Pappel versteckt hat.“

„Wir denken daran“, sagte Christian verdattert. „Lebt wohl!“

„Sä Jabonah!“ rief Märin. Dann war es, als ob er noch etwas sagen wollte, aber er kehrte in die Jurte zurück. Sie war neu und weiß und kündete von der Wohlhabenheit des Besitzers.

Als sie außer Hörweite waren, und als die Pferde nach der langen Wartezeit tüchtig ausgriffe, sagte Großer-Tiger kopfschüttelnd: „Es gibt keine Hilfe; diesem alten Märin ist das Verborgene offenbar.“

Unter der Pappel hielten sie. Christian hob sich in den Steigbügeln, wie Naidang es getan hatte, aber er mußte den Daschior Siebensterns ausborgen, um das Spatenbündel von den Ästen zu angeln. Dann nahm er es vor sich auf den Sattel.

Die weiße Jurte Märins verschwand, und die Pferde trabten durch das hohe Derresgras. Unweit der Furt, durch die sie gekommen waren, 314bog Siebenstern nach Westen. Bald hörte der Graswuchs auf, die Büsche blieben zurück, und lange Wanderdünen mit überhängenden Graten verlagerten den Weg. Aber da war auch schon, was Siebenstern suchte. Am Rand der Grasnarbe, wo die letzten Halme mit dem Sand kämpften und wo grüne Schilfspitzen halb aus dem Boden ragten, als habe man sie hineingesteckt, liefen zwei Radspuren. Sie waren breit, und manchmal hatte sich das Fischgrätenprofil der Reifen in die Erde gedrückt.

„Hier ist der kürzeste Weg nach Ollon-Torre“, machte Siebenstern aufmerksam.

„Hier fuhr Grünmantel“, sagte Christian.

„Wo ist der Hund?“ fragte Großer-Tiger.

„Dort“, rief Siebenstern, „ist der Hügel, hinter dem Märins Jurte liegt. Dort ist mein Hund.“

„Tinger metne“, sagte Christian zweifelnd.

„Nein!“ rief Siebenstern empört. „Der alte Märin hat gesagt: ‚Der Hund ist da‘, also ist er da.“

„Ich wollte dich nicht zornig machen“, entschuldigte sich Christian, und dann ritten sie in eiligem Trab den Radspuren nach. Als weit voraus die Baumreihe des Ichen-Gol wiederkehrte, auf die der Weg schnurgerade zulief, sah Christian einen dunklen Punkt zwischen den Räderfurchen. Großer-Tiger sah ihn auch, und Siebenstern rief: „Hund! Hund, komm her!“

Aber der Punkt bewegte sich nicht. Dafür fing er an zu bellen.

„Er ist es“, jubelte Siebenstern, „wahrscheinlich hat er den Wolf getötet.“

„Dann muß es ein sehr junger Wolf gewesen sein“, sagte Großer-Tiger.

Siebenstern warf ihm einen zürnenden Blick zu und ritt schneller. Als sie näher kamen, sahen sie den Pudel auf einem grauen Fellknäuel stehen, und sie hörten, wie er bellte. Schließlich packte er das leblose Ding mit den Zähnen und zerrte es hinter sich drein den Reitern entgegen.

„Er hat den Wolf getötet“, rief Siebenstern stolz, „jetzt bringt er ihn.“

„Der Wolf hat einen Strick um den Leib“, sagte Großer-Tiger.

„Er trägt ein Schaffell“, sagte Christian.

Siebenstern entgegnete nichts, denn nun lag das Fellknäuel da, und jeder sah, was es war. Der Pudel stand daneben und bellte wild vor Freude. Dann zerrte er wieder an dem zusammengerollten Schafpelz, der mit einem Strick umwunden war. Der Strick war abgerissen; jemand mußte den Pelz verloren haben.

„Es ist mein Mantel“, sagte Christian und stieg ab.

Da sprangen auch Großer-Tiger und Siebenstern vom Pferd.

315

„Grünmantel hat ihn verloren“, sagte Großer-Tiger, „der Strick ist gerissen, da fiel das Bündel vom Wagen.“

„Der Hund“, sagte Siebenstern zu Christian, „hat am Geruch erkannt, daß es dein Mantel war. Deshalb blieb er hier und wartete. Er ist kein gewöhnlicher Hund. Er sucht sogar, ohne daß man: ‚Verloren-wiederkomm‘ sagt.“

„Es entgeht ihm nichts“, lobte Christian.

„Aber der Wolf“, fragte Großer-Tiger, „wie ist es mit dem?“

Siebenstern dachte nach, und dann sagte sie: „Komm mit!“ Sie ging den Spuren des Pudels nach, und als sie hundert Schritte gegangen war, zweigte eine zweite Spur von der des Pudels ab. Sie war kaum zu erkennen.

„Hier ging der Wolf“, erklärte Siebenstern, „und von hier aus sah der Hund den Mantel liegen. Da lief er zu dem Mantel, denn die Wolfsfährte ist alt, aber mein Hund ist klug.“

„Er ist ein außergewöhnliches Stück Hund“, gab Großer-Tiger zu.

Da war Siebenstern zufrieden.

Als der Mond im Osten heraufzog und bald danach ein sanftes Licht über Gräser und Büsche und über alle Blätter goß, erreichten die späten Reiter den Närin-Gol. Am Ufer wartete Vater Naidang.

„Es gibt was Neues“, sagte er.

„Gutes oder Schlechtes?“ fragte Siebenstern.

„Gut ist es nicht“, sagte Vater Naidang, und der Pudel bellte laut vor Freude und Wiedersehen.

Sechsunddreißigstes Kapitel
von dem, was Turakina widerfuhr, und wie Glück
eine lange Rede hielt

In der Jurte saßen Glück und Ungemach. Sie verzehrten das Essen, das Turakina für sie bereitet hatte, und Christian, Großer-Tiger und Siebenstern setzten sich dazu. Sie warteten, ob Vater Naidang über das Neue sprechen würde, das es gab, aber er schwieg.

Turakina hockte im Halbdunkel nahe der Tür. Auch sie sagte nichts, nicht einmal: „Habt ihr eine gute Reise gehabt?“ Sie ließ den Kopf hängen, als ob sie was angestellt hätte. Dabei war alles in guter Ordnung. Die Schafe waren im Pferch, die Kamele und die Kühe waren angebunden, das Feuer brannte unter dem Kessel, und das Essen war kein bißchen angebrannt.

Das einzige war, daß ein fremdes braunes Pferd mit hellem Schweif und heller Mähne an der Leine zwischen den rostroten Bäumen angebunden 316stand. Christian und Großer-Tiger hatten es gleich bemerkt, und Siebenstern war sogar erschrocken. Dafür fehlte Turakinas Pferd, auf dem sie gekommen war.

„Es ist immer so“, sagte Ungemach düster. Er war als erster mit dem Essen fertig und schleckte die Schale ganz sauber. „Wenn ich wo dabei bin, passiert was. Entweder man sieht zu Mittag den Polarstern oder um Mitternach die Sonne.“

„Passiert ist gar nichts“, berichtigte Naidang, „ich bin zwar ins Wasser gefallen, weil ihr der Hund weggelaufen ist, aber dafür hat Turakina ein herrliches Pferd gegen ein minderwertiges eingetauscht.“

„Wie das?“ fragte Siebenstern und blickte auf Turakina, und Turakina begann zu weinen.

„Nur keine Weibertränen“, knurrte Glück, „es wird schon nicht so schlimm sein.“

„Erzähle“, befahl Naidang, „damit wir es wissen, als ob wir dabeigewesen wären.“

„Ich kann nichts dafür“, sagte Turakina schluchzend.

„Niemand sagt, daß du an etwas schuld seist“, sagte Naidang, doch das tröstete Turakina wenig.

„Es war“, fing sie stockend an, „es war eben so, wie es war, und wenn ihr ein paar Minuten eher gekommen wärt, hättet ihr den Lama auch gesehen. Er ritt im Galopp, obgleich sein Hengst fast nicht mehr konnte. Als der Lama aus dem Sattel sprang, warf er mir die Zügel ins Gesicht. ‚Da!‘ schrie er mich an. Am liebsten wäre ich davongerannt, aber ich konnte nicht, denn er sah mich mit seinen Augen an. Da mußte ich stehenbleiben. Er war wie ein dürrer Baum mit brauner Rinde und wehendem Bart. Die Augen flackerten, und keinen Augenblick blieb er ruhig. Er nahm dem Hengst den Sattel und das Zaumzeug ab und befahl, mein Pferd damit zu satteln und zu zäumen. Während ich tat, was er wollte, sprach er leise mit dem Hengst, wie man mit Menschen spricht. Dann machte er ihn an der Leine fest. ‚Bist du fertig‘, schrie er, und ich sagte: ‚Ja, Herr, ich bin fertig.‘ Da saß er auf. ‚Dein Pferd taugt nicht‘, rief er, ‚ich glaube nicht, daß du es lebend wiedersiehst. Gib mir einen Daschior.‘ Ich ging und brachte ihm meinen Daschior, denn er hatte keinen. ‚Wohnt hier der Mann, den man den Bilderbogen nennt‘, fragte er, und als ich nickte, sagte er: ‚Du kannst ihm ausrichten, daß ich einen Stein für keinen Kopf halte, auch wenn man ihn in eine Schießscharte schiebt. Sage ihm auch, er muß meinen Hengst pflegen wie Bosafabo, bis Mondschein kommt. Der soll ihn reiten.‘ Bei diesen Worten schlug er mein Pferd, daß es einen Satz machte und davonstob. Er kam aber noch einmal zurück und warf mir zwei Goldstücke zu. ‚Für deine Mähre‘, schrie er, ‚du kannst das Geld behalten, auch wenn du sie wiederkriegst.‘ Dann 317ritt er fort, und gleich nachher kamt ihr, und ihr hättet ihn gesehen, wenn er nicht schon fortgewesen wäre.“

„Das ist sogar wahrscheinlich“, sagte Ungemach, „aber es ist besser, daß wir ihn nicht sahen.“

„Ich hätte“, rief Glück, „mit ihm über gutes und schlechtes Benehmen gesprochen. Ich hätte ihn gefragt, ob er nicht weiß, was ein Gruß ist, und ich hätte ihn die Regeln des Mongol-Joss abgehört. Zeige mir“, bat er Turakina, „die beiden Goldstücke.“

Turakina gab sie ihm, und Glück drehte sie von unten nach oben und von oben nach unten.

„Dieses Geld kenne ich nicht“, sagte er, „es kann also nicht viel wert sein.“

„Es sind zwei Imperial“, erklärte Naidang, „früher bekam man für ein Goldstück dieser Art ein Pferd.“

„Früher ist nicht heute“, sagte Glück spöttisch.

„Heute“, erwiderte Naidang, „geben manche Leute zwei Pferde für ein solches Goldstück.“

„Dann ist dieser Mensch von Sinnen“, rief Glück, „er weiß nichts von den Lebensregeln, er kennt das Mongol-Joss nicht, und der Wert des Geldes ist ihm unbekannt.“

Naidang schüttelte den Kopf. „Dieser Mensch“, sagte er, „wandert jenseits der herkömmlichen Regeln, das ist sein Hochmut. Silber und Gold achtet er gering wie den Stein am Wege, das ist seine Sicherheit. Er spricht lieber mit Pferden und Hunden als mit Menschen, das ist seine Traurigkeit.“

„Vater!“ rief Siebenstern entsetzt, „du sprichst von dem Uralten-Herrn.“

„Ich spreche von ihm“, sagte Naidang, „weil er hier war.“

Als Naidang das gesagt hatte, wurde es still in der Jurte. Jeder fragte sich, ob es jetzt was zu fürchten gebe, und wenn es was zu fürchten gab, was das wohl sei.

Nach einer Weile, die sehr lange dauerte, sagte Naidang: „Vergeßt, daß ich von Dampignak sprach. Was für ihn gut ist, taugt nicht für alle, und ob es für ihn taugt, weiß der Himmel.“

„Ach was!“ knurrte Glück, „ihr macht ein Aufhebens, als ob der Uralte-Herr der Gelbe-Kaiser wäre. Dabei ist er ein gewöhnlicher Rotbart.“

„Er ist ein unglücklicher Mensch“, sagte Naidang ernst.

Siebenstern ging vor das Zelt und brachte dem Pudel ein paar Knochen und ein Stück Fleisch, das sie heimlich beiseite gelegt hatte. Der Hengst stand im Mondschein und zitterte am ganzen Körper. Sein dicker Kopf hing im Halfter, der Halfter hing an der Leine, und die Leine 318war straff gespannt. Da ging Siebenstern zu ihm, obwohl sie sich fürchtete, und machte den Halfterriemen lang. Der Hengst schnaubte und schlug die Augen auf, aber er legte sich gleich auf den Boden, als er merkte, daß es ging.

So ein Unmensch, dachte Siebenstern, er reitet ein edles Pferd zuschanden, er schlägt meinen Hund mit dem Daschior, und ich glaubte, er sei ein Fürst. Sie streichelte den Pudel, und dann ging sie in die Jurte zurück, wo sich alle zum Schlafen gelegt hatten.

Am nächsten Morgen weckte Naidang, bevor die Sonne aufging.

„Steht ihr jeden Tag so früh auf?“ fragte Christian.

„Die Nacht ist vorüber“, antwortete Siebenstern verwundert, „da muß man doch aufstehen.“

„Man könnte auch liegenbleiben“, versicherte Christian.

Aber Siebenstern schüttelte den Kopf. „Das geht nicht“, erklärte sie, „wozu gäbe es die Sonne?“

„Sie ist noch hinter den Bergen.“

„Eben deshalb“, sagte Siebenstern, und sie zerstieß den Tee im Mörser, bis er sehr fein war.

Als alle um den Teekessel saßen und den heißen Tee tranken und als sie Hirse dazu kauten, hielt Glück eine lange Rede. Sie begann mit: „Wir haben beschlossen …“ (damit meinte er Naidang und sich), und sie endigte mit: „Das haben wir also beschlossen.“ Dazwischen war von dem Geld die Rede, das der alte Märin bringen sollte. „Tut es in den Kasten“, sagte Glück, „bis wir wieder zurück sind. Jetzt ist es nicht mehr das Silber, das es vorher war. Es ist gewöhnliches Geld geworden, für das uns Naidang fünf Kamele verkaufen wird. Wir können nämlich nicht warten“, sagte Glück, „bis wieder einer so kühn ist und mit einem Wagen, der von selber geht, durch die Wüste fährt. Da müßten wir zehn Jahre warten, aber wir haben nur noch fünf Tage Zeit.“

„Vier“, sagte Naidang.

„Mit heute sind es fünf“, widersprach Glück, „aber vier Tage reichen auch, um die fünf Kamele zu holen, die wir brauchen. Dann reisen wir nach Sinkiang, und Ungemach reist mit uns.“

„Wenn ich wo dabei bin …“, warf Ungemach ein.

Aber Glück schnitt ihm die Rede ab. „Willst du“, fragte er, „hierbleiben, bis dich Schlangenfrühling oder ein Yamenbüttel totschießt, bevor du den Mund aufmachen und ‚ich bin unschuldig‘ sagen kannst? Das wäre“, sagte Glück, „ein sehr schlechter Tod. Daher reisen wir, sobald heute, morgen und übermorgen vorbei ist; und dann gibt es eine behagliche Reise, denn das blaue Zelt, in dem du mit Schlangenfrühling wohntest, nehmen wir selbstverständlich mit. Ich freue mich schon darauf, auch wenn wir aufpassen müssen, daß uns der Uralte-Herr nicht erwischt. 319In fünfzig Tagen“, sagte Glück so nebenbei, „sind wir dann in Urumtschi.“ An diese Rede schloß Glück eine Menge Ermahnungen und viele: „Seid vorsichtig! Macht keine Dummheiten!“ und: „Paßt auf die Silberbatzen auf!“

Dann tat Naidang eine große Flasche in seinen ledernen Beutel, und er ermahnte Siebenstern, auf den Hengst achtzugeben. „Versuche nicht“, warnte er, „ihm die Vorderbeine zu fesseln, sonst trampelt er dich tot. Du mußt ihn frei laufen lassen.“

„Ich werde auf ihn achthaben“, versprach Siebenstern, „Großer-Tiger und Kompaß-Berg werden die Schafe und die Kamele hüten, Ungemach wird kochen, und so wird niemand der Fürsorge entbehren.“

„Bolna!“ sagte Naidang, und dann ritt er mit Glück zusammen fort, um am Nojen-Bogdo fünf tüchtige Kamele von der Frühjahrsweide zu holen.

Siebenunddreißigstes Kapitel
in dem wir einem alten Bekannten begegnen

Jeden Tag schien die Sonne wärmer, und immer größere Schwärme von Zugvögeln flogen nach Norden. Christian und Großer-Tiger hüteten die Schafe und die Kamele, und der schwarze Pudel blieb bei ihnen, denn nun kannten sie sich schon sehr genau. Anfangs hatte er versucht, mit Siebenstern auf die Pferdeweide zu gehen, aber der Hengst jagte ihn fort, sobald er sich blicken ließ. Da zog er es vor, bei den Schafen und Kamelen zu bleiben, am Wegrand zu liegen wie bisher und beim Eintreiben der Schafe zu helfen oder wenn es zur Tränke ging.

Das schönste aber waren die Abendstunden, wenn Ungemach zum Essen rief und wenn alles besorgt war, was es zu besorgen gab. Dann erzählte Ungemach aus seinem kummervollen Leben, und Siebenstern erzählte, was sie wußte, oder sie sang ein wenig, und das alles konnten sie leichten Herzens tun, denn sie mußten auf kein Geld aufpassen.

Der alte Märin war nämlich gleich am ersten Tag gekommen, wie er versprochen hatte, aber Geld brachte er deswegen keines.

„Sage deinem Vater“, sprach er zu Siebenstern, „ja, was sollst du ihm denn sagen? Laß mich nachdenken“, und dann saß er lange am Feuer und beschäftigte sich mit Überlegen. Man sah es gut, denn manchmal zogen Unmutswolken über seine Stirn, manchmal nickte er zufrieden, als habe er jetzt gefunden, was er suchte, und schließlich sagte er: „Du mußt dem Bilderbogen ausrichten, daß der Chinese kein Geld hatte, aber ein anderer hat Geld. Allerdings kriege ich es erst in acht Wochen, und so lange muß der Bilderbogen warten. Kannst du meine Worte behalten, ohne sie durcheinanderzubringen?“

320

„Ich habe die Worte gehört“, sagte Siebenstern, „und keines wird verlorengehen.“

„Dann ist es gut“, sagte Märin. Er ritt fort und nahm Turakina mit, die sich von Siebenstern ein Pferd auslieh.

„Für dich habe ich hundert Silberbatzen“, sagte Märin gönnerhaft zu Turakina, „soviel sind deine zwei Goldstücke gerade wert.“

Turakina hatte nie gehofft, eine solche Menge Geld dafür zu kriegen. Sie war dankerfüllt und deshalb sagte sie schnell: „Unter hundertzwanzig gebe ich die beiden Goldstücke nicht her. Versteht ihr mich, Märin?“

„Schlecht“, knurrte Märin, „doch das Geschäft gilt. Du kriegst hundertzwanzig Silberbatzen, aber keinen mehr.“

Ich hätte hundertfünfzig sagen sollen, dachte Turakina betrübt, und dann ritten die zwei miteinander fort. Turakina trug den neuen Daschior, den ihr Großer-Tiger gemacht hatte, am Handgelenk.

„Wenn die wüßte“, sagte Siebenstern, „woher die Lederschlaufe ist, würde sie den Daschior fortwerfen wie glühendes Eisen.“

Am zweiten Abend war Vollmond. Großer-Tiger saß mit Christian und Siebenstern vor der Jurte. Ungemach, der die häuslichen Pflichten ernst nahm, rumorte im Zelt.

„Heute ist der sechzehnte Tag des zweiten Monds“, sagte Christian, „da sind wir dreizehn Tage unterwegs.“

Großer-Tiger sagte: „Wenn wir noch lange hier sitzen, werden wir Bator wiedersehen.“

„Das wäre wunderschön“, rief Siebenstern, aber leider ist es nicht so. Es ist anders, denn ihr müßt fort sein, wenn die Mordkommission kommt.“

„Sobald Bator eintrifft“, sagte Christian, „mußt du ihm alles erzählen, was passiert ist. Das übrige, nämlich das, was noch passieren wird, schreibe ich in einem Brief, sobald ich daheim bin.“

„Kann man nach Ollon-Torre einen Brief schreiben?“ erkundigte sich Christian.

„Du kannst es tun“, antwortete Siebenstern, „aber der Brief bleibt in Maomu liegen, bis ihn jemand abholt. Da wir mindestens alle zwei oder drei Jahre nach Maomu reiten, kriegen wir ihn bestimmt.“

„Schneller geht es wohl nicht?“ fragte Christian.

„Wozu sollte es schneller gehen? Wir erfahren, was in dem Brief geschrieben steht, sobald wir einen treffen, der ihn lesen kann.“

„Dauert das wieder zwei Jahre?“ fragte Großer-Tiger.

„Nein“, sagte Siebenstern, „wir machen an jedem Neujahrstag einen Besuch beim Torgot-Wang. Am Hof gibt es einen Schriftgelehrten, der chinesische Briefe lesen kann. So erfahren wir alles sehr rasch.“

„Da schreibe ich am besten gleich an den Wang“, sagte Christian.

321

„Wenn du das tust“, rief Siebenstern erfreut, „kriegen wir deinen Brief furchtbar schnell. Der Wang schickt jedes Vierteljahr einen Boten nach Maomu auf die Post, damit er die Amtszeitung holt. Paß auf“, sagte Siebenstern, „ich will dir sagen, wie du schreiben mußt.“

Da nahm Christian sein Wörterbuch und schrieb auf die letzte Seite, was Siebenstern sagte.

„Schreibe“, sagte sie: „An den Alten Torgoten
Dola beile-Küng-Wang-Daschi, Provinz Edsina (Kansu)

Sein Schriftgelehrter wird den Brief lesen und uns sagen, was darin steht.“

„Wenn es aber etwas Geheimes ist?“

„Dann mußt du das Geheime so schreiben, daß nur wir es verstehen. Kannst du das?“

„Diese Sache schlägt in unser Fach“, versicherte Großer-Tiger.

„Manchmal kommt zwar eine Verwirrung heraus“, sagte Christian, „aber das gibt sich.“

Großer-Tiger blickte in den Mond. Er dachte an den Ring an seinem Daumen, und nachher fiel ihm das Schreiben des Generals Wu ein, das Christian in der Rocktasche trug. Da mußte er ein bißchen seufzen, und Christian, der wieder einmal an die alte Ama in Peking dachte, seufzte laut mit.

„Gibt es einen Kummer?“ fragte Siebenstern.

„Wir müssen ihn schlucken“, bekannte Christian, „es ist wegen der fünfzig Reisetage, von denen Glück sprach. Sie sind sehr lang.“

„Hamma-guä!“ rief Siebenstern, „jetzt beginnt die schöne Zeit, in der aller Kummer schwindet. Wenn der Mond das nächstemal voll wird, feiern wir das Frühlingsfest: Chausch-Orowa. Da kommt meine Mutter, und mein zweiter Bruder wird wieder bei uns sein. Er heißt Gontschuk.“

„Wo ist Gontschuk jetzt?“ fragte Christian.

„Hat Vater es nicht gesagt?“ erkundigte sich Siebenstern vorsichtig.

„Vater Naidang sagte, er sei im Dienst des Fürsten.“

„Ja„, sagte Siebenstern eifrig, „so ist es, er dient.“ Sie stand auf und ging ins Zelt, als ob ihr plötzlich was eingefallen wäre, was unbedingt jetzt getan werden müsse.

Christian und Großer-Tiger schauten sich an. Jeder dachte: Da stimmt was nicht, aber keiner sagte ein Wort, und Ungemach sprach auch nicht, denn ihm war nichts Besonderes aufgefallen.

Der dritte Tag ging vorüber wie der erste und der zweite, und Siebenstern sagte: „Morgen abend wird Vater mit Glück wiederkommen. Sie werden die Kamele bringen, und übermorgen werdet ihr reiten. Ich werde ‚Sä Jabonah‘ rufen, aber ich weiß, daß ich nachher weinen muß, denn wir werden für immer getrennt sein.“

322

„Gräme dich nicht“, bat Christian.

„Wir sind des Kummers nicht wert“, sagte Großer-Tiger.

„Wenn du willst“, schlug Christian vor, „weine ich mit dir, dann bist du nicht allein, und es geht ganz leicht.“

„Aber es macht sich nicht gut“, sagte Siebenstern und versuchte zu lächeln, „du bist doch ein Mann.“

„Diese jungen Leute von heute sind zimperlich“, sagte Ungemach. „Wollte man wegen ein bißchen Abschied gleich weinen, man käme aus den Tränen nicht heraus. Da passieren ganz andere Dinge, die zum Heulen viel geeigneter sind. Du wirst solche Sachen schon noch erfahren.“

„Besonders wenn du dabei bist“, sagte Großer-Tiger keck.

„Ja, besonders dann“, antwortete Ungemach düster.

Am vierten Tag nach dem Frühstück machte Christian die Ledertasche auf und langte das Stück Seife heraus, das darin war.

„Willst du dich waschen?“ fragte Großer-Tiger erschrocken.

„Nein“, antwortete Christian, „zieh dein Hemd aus.“

„Warum gerade ich?“ fragte Großer-Tiger entsetzt.

„Weil ich heute Wäsche waschen will.“

Da wurde Großer-Tiger wieder fröhlich. „Ich war sehr besorgt“, sagte er, „du würdest eine Wäscherei veranstalten.“

„Keine Angst deswegen“, sagte Christian, „ich halte es für das beste, wir waschen uns erst, wenn wir in Urumtschi ankommen.“

„Ein sehr vernünftiger Entschluß“, lobte Ungemach.

„Vorher lohnt es ja nicht“, sagte Christian.

„Laßt mich die Wäsche waschen“, bat Ungemach, „ich verstehe viel davon.“

„Bolna!“ rief Christian, aber Großer-Tiger sagte: „Wie dürften wir dich bemühen?“

„Nämlich …“ sagte Ungemach stotternd, „ich weiß, daß ein wertvolles Stück Seife nicht oft zur Hand ist. Sofern ihr gestattet, möchte ich, ach, es ist natürlich anmaßend, wenn ich mein Hemd auch waschen möchte, selbstverständlich nur ein bißchen.“

„Wasche es kräftig“, sagte Christian.

„Schone die Seife nicht“, bat Großer-Tiger, „wir brauchen sie nicht mehr.“

Da bedankte sich Ungemach und zog mit der Wäsche zum Närin-Gol.

Großer-Tiger und Christian gingen mit den Schafen und Kamelen auf die Weide, und am Nachmittag saßen sie am Wegrand.

Plötzlich spitzte der Pudel die Ohren und setzte sich aufrecht. Man hörte das ferne Geläut von Karawanenglocken.

„Eijen-Tschin“, sagte Großer-Tiger.

„Ja“, sagte Christian, „eine Karawane kommt.“

323

„Am Ende ist es die“, sagte Großer-Tiger; „... nun, du weißt schon, die, von der wir den Reis hatten.“

„Dann wäre es besser, wir säßen nicht hier, sondern woanders.“

„Es wäre besser“, sagte Großer-Tiger, „aber wo?“

„Vielleicht bei Ungemach in der Jurte“, schlug Christian vor, „da kann uns keiner sehen.“

„Ja“, rief Großer-Tiger, „komm, Hund, wir gehen.“

Der Pudel folgte ungern. Er hatte sich auf eine Rauferei mit den Karawanenhunden gefreut, aber schließlich half er gutwillig, die Schafe und die Kamele in die Derreswiese hineinzutreiben. Als sie weit weg von dem Kamelpfad waren und als man am Glockenton hörte, daß die Spitze der Karawane den Wald erreicht hatte, schlenderten Großer-Tiger und Christian zur Jurte.

„Was gibt's?“ fragte Ungemach verwundert.

„Es kommt eine Karawane“, setzte ihm Christian auseinander, „und vielleicht ist ein Mann dabei, mit dem wir unterwegs zwei unfreundliche Worte wechselten.“

„Darum“, fügte Großer-Tiger hinzu, „halten wir es für klüger, in der Jurte zu bleiben, bis diese Leute vorbeigezogen sind.“

Ungemach war voller Lob. „Geht immer hinein“, sagte er, „man soll sich des Streits enthalten. Besser, ausgewichen als angefahren, ihr seid zwei besonnene Stück Menschen.“

Während er sich mit dem Pudel in die Sonne setzte, hockten Christian und Großer-Tiger im Halbdunkel der Jurte und hörten, wie die Karawanenglocken läuteten und wie die Treiber die Kamele mit lockenden Zurufen durch das Wasser des Närin-Gol führten. Man hörte das Planschen von vielen Füßen. Als alle durch waren und als Christian gerade den Teppich heben und „diese Gefahr ist vorüber“ sagen wollte, ertönte Pferdegetrappel. Gleich stürzte der Pudel dem Reiter entgegen, aber Ungemach rief: „Hund, komm her!“

Der Pudel folgte knurrend, und er knurrte noch immer, als eine bekannte Stimme sagte: „Hast du schon Essen gegessen?“

Ungemach gab den Gruß zurück, und die Stimme sagte: „Wohnt hier Naidang, der Bilderbogen?“

„Er wohnt hier“, sagte Ungemach, „aber er ist nicht daheim.“

„Nun, eine Schale Tee wird es auch ohne ihn geben.“

„Die gibt es, aber du mußt sie hier draußen trinken. In der Jurte liegt ein Kranker.“

„Man sieht aber nichts.“

„Das kommt“, setzte Ungemach auseinander, „weil die Jurte kein Grillenkäfig ist, in den man hineingucken kann.“

„Soviel weiß ich selbst, aber wo ist das Krankenseil?“

324

„Was für ein?“ fragte Ungemach, „wie sagtest du doch? Ach ja, so ein Seil, nämlich ein Krankenseil haben wir nicht.“

„Jetzt hörte man, wie der Fremde vom Pferd stieg. „Du solltest bedenken“, sagte er unfreundlich, „daß du Unsinn redest.“

„Pst!“ sagte Ungemach, „nicht so laut! Der Kranke schläft, oder wenn er nicht schläft, ist er wach.“

„Du lügst! Wenn in einem Mongolenzelt jemand krank ist, hängt ein Seil an der linken Seite der Tür. Das ist dann das Krankenseil. Jeder kennt es, und man reitet an diesem Zelt vorüber. Hier hängt aber keis, also lügst du.“

„Mäßige deine Rede“, sagte Ungemach, „bei uns sind alle Stricke und sämtliche Seile ausgegangen, die Krankenseile besonders.“

„Aber ein Wäscheseil hast du?“

„Es ist eine Pferdeleine.“

„Hosen und Hemden hängen daran, zwei sehr kleine Hemden, wie ich sehe.“

„Hübsch, nicht wahr?“ sagte Ungemach, „ich habe sie mit richtiger Seife gewaschen, da wurden sie weiß wie die Wolken im Frühling.“

„Genug!“ schrie der Mann, „wo sind die beiden kleinen Ungeheuer?“

„Setze dich zu mir“, bat Ungemach, „ich höre gern von den Ungeheuern der Vorzeit reden. Hast du schon einmal einen Hund gesehen wie diesen?“

„Wer bist du“, rief der Mann, „daß du es wagst, mich zu verhöhnen? Ich traf unterwegs zwei kleine Banditen, und ich merke an den Hemden, daß sie hier sind.“

„Habe ich dir schon von unserm Hund erzählt?“ fragte Ungemach. „Er ist anders als andere Hunde; er zerreißt Menschen und Tiere in winzige Stücke. Setz dich zu mir, man sitzt hier angenehm.“

„Du hältst mich zum Narren“, schrie der Mann und machte einen Schritt auf die Jurtentür zu. Ungemach stand auf und stellte sich davor. „Deine Rede“, sagte er, „ist nicht gut zu hören. Wir wollen uns lieber über Hunde unterhalten. Dieser zum Beispiel ist ein rechter Unglückshund, er ist wie eine ganze Meute von Unglückshunden.“

„Schweig!“ brüllte der Mann. Er hob den Teppich vom Eingang, und Ungemach, der es ihm wehren wollte, geriet ins Wanken. Doch da hatte der Pudel schon die Lederhose zwischen den Zähnen, zerrte den Eindringling nach hinten, und Ungemach stellte ihm ein Bein. Da lag er.

„Ich habe dich gewarnt“, rief Ungemach, „jetzt muß ich den Hund festhalten, sonst frißt er dich.“

„Halte ihn fest, oder ich schlage dich tot.“

„Was das anlangt“, sagte Ungemach sanft, „habe ich keine Befürchtung, du darfst dich aufsetzen, wenn du willst.“

325

„Danach frage ich dich nicht“, rief der Mann empört, aber dann verschlug es ihm die Stimme, und alles, was er noch sagen wollte, sagte er nicht, denn unter der Jurtentüre stand Christian und neben ihm stand Großer-Tiger, und beide hielten das Gewehr Ungemachs in den Händen.

„Sollen wir auf den Hebel drücken?“ fragte Großer-Tiger.

„Halt!“ schrie der Mann, „zu Hilfe! Mörder!“

„Warte zwei Augenblicke“, sprach Ungemach.

Er wußte genau, daß das Gewehr nicht geladen war, weil Schlangenfrühling alle Patronen mitgenommen hatte außer den zehn, die Ungemach in der Rocktasche bei sich trug. Davon zog er eine heraus.

„Von diesen Flintenkindern“, sagte er obenhin, „stecken viele, viele und eine ganze Menge in dem Gewehr. Ich erwähne das nur“, sagte Ungemach, „weil es unwichtig ist.“

„Tut das Gewehr weg!“ schnaubte der Mann. „Was wollt ihr von mir?“

„Ich möchte dich gern über Hunde unterhalten“, sagte Ungemach, „ich bin noch nicht fertig damit. Gestatte, daß ich mich zu dir setze. Hund, sei friedlich!“

Der Pudel legte sich knurrend neben die Jurtentür, aber er ließ den Fremden nicht mehr aus den Augen. Ungemach setzte sich neben ihn, und Christian und Großer-Tiger verschwanden in der Jurte.

„Sieh diesen Unglückshund“, begann Ungemach, „ich habe ihn durch zwei Worte besänftigt; auch dich möchte ich besänftigen, denn wir sind keine Mörder.“

„Wir sind auch keine Banditen“, sagte Großer-Tiger, der mit einer Schale Tee aus der Jurte trat und artig das Knie vor dem Fremden bog.

„Ich bin Großer-Tiger“, sagte er, „und dieser ist mein Freund Kompaß-Berg.“

„Wir trafen Euch, alter Onkel, unter einem unglücklichen Stern“, behauptete Christian. Er legte ein Stück Butter auf den heißen Tee und sah zu, wie es schmolz.

„Ihr habt mir zwanzig Pfund Reis abgepreßt“, knurrte der Mann, aber er nahm die Schale mit dem Tee entgegen.

„Wir vergaßen nur das Bezahlen“, erklärte Christian.

„Ihr rittet in großer Eile fort“, sagte Großer-Tiger, „gerade als wir Euch fragen wollten, was der Reis koste.“

„Vielleicht weißt du es noch?“ erkundigte sich Ungemach.

„Einen Silberbatzen“, knurrte der Mann.

Da zog Großer-Tiger zwei Silberbatzen des Generals Wu aus der Hosentasche und sagte: „Eure kleinen Diener sind sehr betrübt, daß sie mit dem Bezahlen säumig waren. Entschuldigt bitte den geringen Zins.“

326

„Meinetwegen!“ brummte der Mann, und er blickte unsicher von einem zum andern. Doch dann steckte er das Geld ein.

Da merkte Ungemach, daß die Sache um acht Zehntel besser stand als zu Beginn, und er sagte: „Gestatte, daß ich dich nach dem werten Namen frage.“

„Wozu? Ich heiße Ma, wie die meisten Leute aus Kansu. Da ist nichts Großartiges dabei.“

„Alter Herr Ma“, bat Großer-Tiger, „wenn Ihr unterwegs dem ehrenwerten Herrn Grünmantel begegnet, so richtet ihm Grüße aus und tiefempfundene Wünsche für Wohlergehen.“

„Woher“, fragte Ma erstaunt, „weißt du, daß ich ihm begegne?“

„Das ist leicht zu wissen“, antwortete Großer-Tiger. „Wenn sich zwei Handelsherren in der Wüste treffen, sagen sie nicht bloß ‚es schneit‘, oder ‚die Hitze ist groß‘. Sie besprechen wichtige Dinge des Handels, und man muß seine Denkkräfte nicht anstrengen, um das zu wissen.“

„Du hast recht“, sagte Ma geschmeichelt. „Bevor ihr mit dem Wagen kamt, habe ich mit Herrn Grünmantel ein solides Geschäft abgeschlossen. Es handelt sich da um alte Schmuckstücke.“

„Aber, aber“, rief Ungemach, „ich möchte mit dem gewissen Herrn Grünmantel …“

Weiter kam er nicht, denn Großer-Tiger versetzte ihm einen Rippenstoß, und Christian kniff ihn von der andern Seite in das untergeschlagene Bein.

„Was gibt's?“ fragte Ma betreten.

„Ach“, sagte Großer-Tiger leichthin, „es gibt da eine hoffnungslose Sache. Der Soldat Ungemach möchte schon lange mit Herrn Grünmantel bekannt werden. Das ist nun einmal sein Wunsch, seit er von dem Ruhm dieses Handelsherrn gehört hat. Selbstverständlich verbietet es sich, darüber zu reden.“

„Ich bin zu gering“, sagte Ungemach, dem ein Licht aufging.

„Das will ich nicht sagen“, rief Ma wohlgelaunt, „durch mich kann vieles geschehen, was andern nicht leicht gelingen würde.“

„Ist es mir gewährt, zu fragen“, sagte Großer-Tiger, „ob Herr Grünmantel einen tüchtigen Mann brauchen könnte?“

„Hm“, brummte Ma, und dann betrachtete er Ungemach.

„Man sieht es ihm nicht an“, warf Christian ein, „aber er versteht einen Wagen zu fahren, der von selber geht. Das ist eine seltene Kunst.“

„Oh!“ rief Ma, „darüber ließe sich reden. Herr Grünmantel sagte mir, daß er einen solchen Wagen kaufen wolle.“

„Er hat ihn schon gekauft“, sagte Großer-Tiger.

„Ausgezeichnet!“ rief Ma, „da will ich gerne den Vermittler machen.“

„So dachten wir“, sagte Christian.

327

„Die Frage ist nur“, entgegnete Ma, „auf welchem Wege kommen wir zusammen?“

„Ja, das ist die Frage“, sagte Christian.

„Vielleicht in Hsing-Hsing-Hsia“, klopfte Großer-Tiger auf den Busch.

„Nein“, erwiderte Ma, „nach Hsing-Hsing-Hsia komme ich nicht. Es liegt weitab von dem Weg, den ich einhalten muß, denn meine Karawane geht unter einem Kontrakt von neunzig Tagen Reisezeit nach Kutschen-Se. Daher treffe ich Herrn Grünmantel in Möng-Schui. Dort haben wir eine Zusammenkunft für den vierten Tag des dritten Monds frühmorgens verabredet.“

„Von dem Ort Gewaltiges-Wasser habe ich gehört“, log Großer-Tiger tapfer.

„Es muß ein kolossaler Ort sein“, sagte Christian.

Ma lächelte. „Das nun gerade nicht“, sagte er nachsichtig, „Wasser gibt es in Möng-Schui schon lange keines mehr, nur noch eine verlassene Grenzfestung mit Schutthaufen innen und einer hohen Mauer drum herum. Dort treffe ich Herrn Grünmantel.“

„Ist es sehr weit bis Gewaltiges-Wasser?“ fragte Großer-Tiger.

„Wir reisen nämlich morgen weiter“, sagte Christian, „Herr Grünmantel konnte uns leider nicht mitnehmen, weil er in Sutschou Geschäfte hatte.“

„Ich weiß“, erwiderte Ma und lächelte vielsagend, „ihr kleinen Briganten habt ihm viel Ärger bereitet. Nun, so was gibt sich“, tröstete Ma. „Wenn ihr gute Kamele habt, könnt ihr uns einholen. Dann wollen wir über das Anliegen des Herrn Ungemach sprechen.“

„Ihr verschwendet Euer Herz über Billigkeit“, sagte Ungemach ergeben und verneigte sich tief. „Zehntausendfachen Dank.“

Ma stand auf. Er nahm sein Pferd am Zügel.

„Ich reite jetzt“, sagte er, „ich kann meine Leute nicht länger allein lassen. Na denn, ihr kleinen Bösewichter!“ rief er wohlwollend, „auf Wiedersehen in Möng-Schui.“

„Euer Weg eben Friede“, riefen Großer-Tiger und Christian.

„Ich wünsche zahlreiche Glücksterne“, murmelte Ungemach.

„Hund, bleib hier!“ rief Christian, aber der Pudel rannte bellend hinter Ma drein, bis er die Furt durchquerte.

Ungemach blickte ihm verwundert nach. „Sein Kopf ist mit Lehm verkleistert“, sagte er, „aber er kann nichts dafür. Man müßte euch ein Schild umhängen, wo ‚Außerordentliche Vorsicht‘ draufsteht. Ihr habt gemacht, daß er von dem redete, was er besser verschwiegen hätte. Wie geht das zu?“

„Es geht ganz leicht“, sagte Großer-Tiger.

328

„Wenn einer Karawanenführer ist“, erklärte Christian, „ist er noch lange kein Handelsherr.“

„Sobald man ihm aber beibringt, er sei einer“, fuhr Großer-Tiger fort, „kriegt er eine solche Freude, daß er einen Ochsen nicht mehr von einem Pferd unterscheiden kann.“

„Entschuldigt meine Begriffsstutzigkeit“, sagte Ungemach, „beinahe hätte ich alles verpatzt.“

„Hamma-guä!“ rief Christian fröhlich, „es hat sich alles zum Besten gewendet.“

Er holte seine Ledermappe und das Heft, in dem er die Tage einzeln aufschrieb, damit ein Kalender daraus wurde.

„Heute ist der achtzehnte Tag des zweiten Monds“, sagte er, und dann schrieb er viele Zahlen im vorhinein, bis er zum vierten Tag des dritten Monds kam. Da machte er ein Kreuz, und neben das Kreuz schrieb er Möng-Schui, und neben Möng-Schui schrieb er in eine Klammer: Gewaltiges-Wasser — Grenzfestung — Treffpunkt mit Grünmantel. Dann zählte er die Tage. „Es sind fünfzehn“, sagte er.

„Man weiß nicht“, sagte Großer-Tiger, „was in dieser langen Zeit alles passieren wird.“

„Eine Menge“, versicherte Ungemach.

„Deshalb bitten wir dich, von dem, was wir jetzt erfahren haben, nichts zu sagen, nicht einmal zu Glück und überhaupt zu niemand.“

„Ich werde meine Gedanken fesseln und meine Zunge anbinden“, versprach Ungemach.

Dann gingen sie zu der Weide und führten die Kamele und die Schafe zur Tränke. Der Pudel lief nebenher. In dem abendlichen Wasser war sein Spiegelbild noch schwärzer als sonst, und Christian sagte: „Ich wollte ihm einen schönen Namen geben, aber ich habe keinen gefunden, und es ist traurig.“

„Es lohnt nicht mehr“, sagte Großer-Tiger, „morgen werden wir den Närin-Gol verlassen.“

„Das ist es ja eben“, seufzte Christian.

„Da ist keine Hilfe“, tröstete Großer-Tiger, aber davon wurde Christian nicht fröhlicher, und sie verrichteten die Abendarbeit einsilbig.

329

Achtunddreißigstes Kapitel
wie Christian und Großer-Tiger beinahe
Rotbärte wurden

Über der Derreswiese funkelten die Sterne, und über dem Wald ging der Mond auf. Es geschah in aller Stille, aber der Pudel, der keinen Namen und auch keine Aussicht hatte, einen zu kriegen, spitzte die Ohren, denn er lag wach. Manchmal war es, als ob Hufe stampften und Eisen klirrte, und manchmal war es nicht so. Der Pudel stand auf. Als er sicher war, daß ese so sei, und als das Geräusch näher kam, stürzte er dem unbekannten Feind mit Gebrüll entgegen. Davon erwachte Siebenstern, und Großer-Tiger und Christian wachten auch auf.

„Vater kommt“, rief Siebenstern, „ich freue mich.“

„Nur keine Angst“, sagte Ungemach, „es kann auch wer anderer sein.“

„Nein“, rief Siebenstern entrüstet. Sie schürte die Glut, legte Holz auf und öffnete das Rauchloch.

„Aber der Hund bellt“, sagte Ungemach, „und er hört nicht auf damit.“

„Das tut er“, erklärte Siebenstern, „weil er eine große Freude hat.“

„Er hat einen großen Zorn“, sagte Ungemach, „so was merke ich sofort.“

Christian und Großer-Tiger zogen ihre Jacken an und traten vor das Zelt. Da hörten sie schnelles Traben, das laute Bellen des Pudels und dazwischen eine donnernde Stimme, die „Hund von einem Hund!“ rief und hinterher eine Reihe von Schimpfworten grölte.

„Dieser Herr …“, flüsterte Großer-Tiger.

„Ist Donnerkeil“, sagte Christian.

„Hund“, riefen Großer-Tiger und Christian gemeinsam, „Hund, komm her!“

Als sie zweimal gerufen hatten, raschelte es im Gebüsch, und der Pudel kam atemlos gelaufen.

Gleich darauf tauchten die Umrisse von zwei Reitern auf. Die schweren Steigeisen schlugen aneinander und summten wie Glockenton, die Gäule stampften, und die Reiter sprangen ab. Der eine kam mit gewaltigen Schritten auf Christian und Großer-Tiger zu.

„Ich richtig hören“, brüllte er, „Ha Pfötchen! Du sehr dicker Holzkopf sein. Donnerkeil kennen seine lieben Freunde ganz sofort, augenblicklich an Stimme.“

Christian und Großer-Tiger verneigten sich brav.

„Euer Weg sei leicht und gut“, grüßten sie mongolisch.

Donnerkeil war sprachlos. Er riß den Karabiner von der Schulter und 330stampfte den Kolben auf die Erde, als wolle er ihn einrammen. „Hast du das gehört, Pfötchen?“ rief er donnernd. „He Pfötchen! Wo steckst du?“

Aber Mondschein stand neben dem Hengst mit dem hellen Schweif, klopfte ihm den Hals und sprach leise mit ihm. Er hörte nicht auf Donnerkeil, und er sah nicht, was um ihn vorging. Erst als Donnerkeil zu ihm trat und ihm freundschaftlich auf die Schulter schlug, sagte er: „Siehst du nicht, wer hier ist?“

„Ah!“ brüllte Donnerkeil, und dann verstummte er. Er rappelte sich aber schnell zusammen und lief zur Jurte. Siebenstern, die gerade aus dem Eingang trat, schob er unwirsch beiseite, drückte ihr in der Eile den Karabiner in die Hand, raffte den Mantel und machte sich zu einem Fußfall der Verehrung bereit.

„Tu das nicht“, rief Ungemach bestürzt von drinnen, „ich bin nicht der, den du suchst, ich bin wer anderer. Wenn du willst, bin ich überhaupt nicht vorhanden.“

Donnerkeil trat einen Schritt zurück. „Du Soldat Ungemach sein“, schrie er, „ich deutlich sehen. Du sitzen vor mir, guter Freund.“

„Es sieht nur so aus“, sagte Ungemach bescheiden.

„Er meint“, rief Großer-Tiger und drängte Donnerkeil sanft beiseite, „daß Ihr ihn nicht weiter beachten sollt. Er liebt es nicht, wenn man ein Aufhebens von ihm macht. Bitte nehmt Platz.“

Und er schob Donnerkeil auf den Ehrensitz.

„Der Tee wird gleich fertig sein“, sagte Christian, der auch hereingekommen war, „habt Ihr eine gute Reise gehabt?“

„Friert Ihr?“ fragte Großer-Tiger, „oder seid Ihr am Ende müde?“

„Wie geht es dem geehrten Körper?“ erkundigte sich Christian.

Aber als Donnerkeil antworten wollte, kam er nicht dazu, denn Großer-Tiger fragte flink, wie sich die Pferde befänden und ob keines lahme. Soviel Höflichkeit war Donnerkeil schon lange nicht mehr vorgekommen. Als Mondschein endlich unter dem Türrahmen erschien, rief er ihm gerührt entgegen: „Diese zwei ehrenwerten Stück jüngere Brüder sind echte Mongolen geworden.“

„Wie steht es damit?“ fragte Mondschein lächelnd.

„Nicht sehr gut“, bekannte Christian, „zumindest lange nicht so gut, wie der verehrte Herr Donnerkeil meint.“

„Herr Donnerkeil hin und her“, rief der Lama, „habe ich nicht gesagt, ihr seid meine jüngeren Brüder?“

„Wir grüßen den älteren Bruder mit dem Fußfall des Gehorsams“, sagten Großer-Tiger und Christian, aber Donnerkeil hob sie auf und setzte sie an seine linke Seite.

„Leider fehlen uns die geringsten Sprachbegriffe“, sagte Großer-Tiger, „darum bitten wir, gelegentlich chinesisch mit uns zu reden.“

331

„Das gar keine Schwierigkeit“, beteuerte Donnerkeil, „ich auch Halunkensprache Tibetisch sprechen, wenn gewünscht wird, sofort ohne Zersplitterung der Zähne.“

„Sch!“ machte Mondschein, „wir haben nur wenige Augenblicke. Erzählt, was wert ist, erzählt zu werden.“

„Siebenstern soll reden“, sagte Großer-Tiger.

Sie war eben eingetreten, und weil sie ein Mädchen war, setzte sie sich rechts neben den Eingang auf den bescheidensten Platz, den es gab. Sie langte nach der Kelle, um den Tee in die Schalen zu gießen, aber der Tee war nicht heiß genug, und Siebenstern schüttelte den Kopf.

„Es ziemt sich nicht für ein Mädchen, zu reden. Hier sitzen drei, vier, fünf Männer; wie sollte ich mich erdreisten, zwei Worte zu sagen?“

„Hamma-guä“, rief Mondschein, „du hörst, was diese Burschen reden. Kein brauchbares Wort ist dabei. Es sei denn“, und Mondschein blickte auf Ungemach, „wie steht es mit dir?“

„Schlecht“, rief Ungemach, „ich bin der geringe Soldat Ungemach, und mein Vater …“

„Ich weiß“, sagte Mondschein, „Donnerkeil hat mir von dir berichtet, und von dem andern Schlingel, der mit dir die Blechbehälter in Ollon-Torre bewacht.“

„Bewacht hat“, sagte Ungemach düster.

„Mir scheint“, sagte Mondschein, „bei euch ist was passiert.“

„Es ist was passiert“, bestätigte Ungemach, „und es ist ein Unglück von der besten Sorte.“

„Dann soll Siebenstern berichten“, entschied Mondschein, „Frauen übertreiben nicht halb so viel wie Männer, wenn wo was passiert ist.“

Siebenstern begann zu erzählen, wie Grünmantel und Schlangenfrühling den Lastwagen gestohlen hatten und wie alles gekommen war und noch mehr, denn sie sagte: „Wir waren auch beim alten Märin, und als wir nach Hause kamen, stand ein fremder Hengst an der Leine und zitterte, und Turakina sagte, es wäre ein Lama dagewesen, der habe befohlen: ‚Mondschein soll ihn reiten, wenn er kommt.‘“

Das alles sagte Siebenstern, aber von der Schwarzen-Stadt sagte sie nichts.

„Der alte Märin“, fügte Großer-Tiger hinzu, „hat uns dies und das erzählt, denn Grünmantel suchte ihn auf und sagte, er wolle uns beim Gericht in Sutschou verklagen.“

Mondschein pfiff durch die Zähne. „Der Wind kommt aus dem Feuer“, sagte er, „wie ist es mit dem ‚dies und das‘ des alten Märin?“

Da berichtete Großer-Tiger, was Märin erzählt hatte, und Christian sagte: „Daraufhin ist Naidang mit Glück fortgeritten, und jetzt bringen sie Kamele, damit wir dem Gewitter beizeiten entgehen.“

332

„Das Unsinn!“ rief Donnerkeil dröhnend, „Polizisten sämtlich tot sein morgen und zukünftig. Du Pfötchen vorausreiten allein, ich hier mit Gewehr jene fünf, sechs, acht Stück Polizei herzliche Grüße sagen aus Hinterhalt.“

„Daraus wird nichts“, erwiderte Mondschein ernst, „ich habe erfahren, was es zu erfahren gab. Wir reiten weiter.“

„Der Tee kocht“, sagte Siebenstern, „ich bitte zwei Augenblicke zu verweilen.“

Sie nahm die Kelle und schöpfte den Tee in die Schalen. Nachher winkte sie Christian zu sich und flüsterte mit ihm, aber Christian sagte leise: „Ich bin zu gering. Großer-Tiger ist der ältere von uns beiden. Er muß es tun, wenn nicht Ungemach …“

„Nein“, unterbrach ihn Siebenstern, „Ungemach geht nicht. Er ist Soldat, und diese beiden sind Herren der Berge. Das macht einen Unterschied.“

„Bolna!“ sagte Christian, und dann flüsterte er mit Großer-Tiger, und Großer-Tiger setzte den prächtigen Fellhut auf, den er vom alten Märin gekriegt hatte. Unterdessen füllte Siebenstern das Messingkännchen mit Arrak, und als Großer-Tiger feierlich befahl: „Reiche mir die Kanne!“ kniete Siebenstern gehorsam nieder. Sie hielt Großer-Tiger die Messingkanne mit emporgehobenen Händen entgegen, und Großer-Tiger nahm sie in Empfang. Er füllte schweigend den ersten Becher, und Mondschein mußte an sich halten, so begeistert war er über die Würde von Großer-Tiger. Dafür schnaubte Donnerkeil und blies die Luft durch die Nasenlöcher, daß die Barthaare zitterten.

„Der unwürdige Kleine“, sagte Großer-Tiger, „bittet im Namen des Hausherrn, zwei Becher wäßrigen Weins nicht zu verschmähen.“ Er machte: „Dscha, dscha, dscha!“ wie er es von Naidang gehört hatte, und verneigte sich vor Mondschein.

Mondschein hob den Becher zur Stirn und trank. Dann kam Donnerkeil an die Reihe und nachher Ungemach und Christian. Als der erste Umtrunk getan war, klatschte sich Donnerkeil auf die Schenkel.

„Ah“, rief er donnernd, und diesmal sprach er mongolisch: „Du Sohn und Enkel guter Sitte, mein Zelt ist dein Zelt. Es wäre unrecht von dir, ihm länger fernzubleiben.“

„Er lädt dich ein, ihn zu besuchen“, sagte Mondschein, als er merkte, daß Großer-Tiger nicht ganz mitkam.

„Mein älterer Bruder verschwendet sein Herz“, antwortete Großer-Tiger höflich.

Aber schon murmelte Mondschein etwas zwischen den Zähnen, das von großer Eile und großem Dank handelte. Er trank noch einen Becher und stand auf.

333

Sofort ließ Großer-Tiger alles stehen und liegen und rannte zum Zelt hinaus. Er war der Vertreter Naidangs geworden, und Christian rannte ihm nach, weil er zum näheren Anhang gehörte. Hinter ihm drein liefen Ungemach und Siebenstern, damit die Regeln des feinen Benehmens nicht verletzt wurden.

„Schade“, knurrte Donnerkeil, als er draußen den Karabiner über die Schulter warf. „Ich sagen Unwillen und Bedauern wegen verpatztem Hinterhalt.“ Er wandte sich an Siebenstern: „Welches Pferd?“

„Dieses hier“, sagte Siebenstern, und sie zeigte auf den Eisenschimmel, den Christian am ersten Tag geritten hatte.

Während Donnerkeil umsattelte, trat Mondschein zu Siebenstern. Er trug einen neuen Fellmantel mit dem weißen Leder nach außen und darüber eine blauseidene Schärpe, die auch neu war.

„Ist Gontschuk auf dem Platz, wo er sein soll?“ fragte Mondschein.

„Er ist dort“, antwortete Siebenstern.

„Wieviel Pferde?“ fragte Mondschein kurz.

„Vier“, sagte Siebenstern, „Ihr könnt wählen.“

Mondschein schob den Fellhut nachdenklich aus der Stirn, und die Narbe des Säbelhiebs sah aus wie ein dunkles Band.

„Vier sind zu viel und zu wenig“, sagte Mondschein, und Siebenstern verstand nicht, was er meinte. Christian und Großer-Tiger begriffen es auch nicht, und Ungemach verschwand in die Jurte, weil er von rätselhaften Äußerungen nichts Gutes erwartete.

„Pfötchen! He, Pfötchen!“ posaunte Donnerkeil, „aufsitzen, Jabonah!“

„Reite voraus“, befahl Mondschein, „ich bin noch nicht mit Nachdenken fertig.“

„Mit was?“ erkundigte sich Donnerkeil hohnvoll. „Ach so!“ sagte er, „mit Nachdenken. Da wünschen langweiliger Lama Donnerkeil nicht länger belästigen. — O ihr meine jüngeren Brüder“, rief er donnernd, „mein Herz überschreiten Gedanke an Trennung sehr mühsam.“

Großer-Tiger und Christian verneigten sich tief. „Euer Weg eben Friede“, sagten sie respektvoll.

Donnerkeil verneigte sich auch, und so verharrten sie in gegenseitiger Hochachtung, bis dem Lama der Karabiner über die Schulter rutschte.

„Jabonah!“ grölte er traurig und schwang sich in den Sattel.

„Sä Jabonah!“ riefen Großer-Tiger und Christian.

„Hund, bleib hier!“ rief Siebenstern streng, und der Pudel blieb folgsam liegen. Die Sterne funkelten, der Mond schien hell, und es war kalt. Mondschein stand neben Siebenstern vor der Jurte. Man sah, daß er noch immer nachdachte. Der Hengst scharrte mit den Hufen, und plötzlich wieherte er hell.

334

„Ich komme“, rief Mondschein. Er löste die Zügel von der Leine.

„Leb wohl, Siebenstern“, sagte er, „ich gehe jetzt. Grüße deinen Vater Bilderbogen und sage dem Soldat Glück, er solle unbesorgt sein.“

Siebenstern verneigte sich stumm.

„Ihr beide“, befahl Mondschein, „begleitet mich bis zum Fluß. Ich muß euch zwei Worte sagen.“

„Wir hören“, sagte Christian.

„Und wir gehorchen“, sagte Großer-Tiger.

„Eine kleine weile“, bat Christian, „ich bin gleich wieder da.“

Er lief in die Jurte und kam mit dem Mantel wieder, den der Pudel gefunden hatte. Dann gingen sie neben Mondschein her. Als sie an der Furt anlangten, knotete Mondschein den Riemen des Daschior mit dem Zügel zusammen. Dann ließ er den Hengst frei. Er ging zum Wasser, trank ein bißchen, und Mondschein setzte sich auf den Rand der Böschung. Weil er es so haben wollte, setzten sich Christian und Großer-Tiger ihm gegenüber, und Christian warf den weiten Mantel über beide. Sie saßen wie unter einem Zelt.

„Habt ihr nur einen Mantel?“ fragte Mondschein.

„Den andern hat Grünmantel“, erklärte Großer-Tiger.

„Diesen hatte er auch“, sagte Christian, „aber er fiel vom Wagen, und da fand ihn der Hund.“

„So so“, sagte Mondschein, aber mehr sagte er nicht, weil er wieder mit Nachdenken anfing.

„Was wißt ihr von Glück?“ fragte Mondschein plötzlich.

„Wir wissen, daß er ein Soldat ist“, sagte Christian.

„Er gehört zur Armee des Generals Wu“, sagte Großer-Tiger.

„Und Grünmantel?“ fragte Mondschein, „was wißt ihr von dem?“

„Grünmantel ist ein Kaufmann“, antwortete Christian, „aber jetzt ist er ein …“

Christian stockte. Es überlief ihn heiß und kalt, und er stieß Großer-Tiger flehentlich in die Rippen, damit er schnell was sage.

„Kompaß-Berg meint“, stotterte Großer-Tiger, „daß Grünmantel jetzt nicht mehr ein Kaufmann ist.“

Mondschein lachte vergnügt. „Das stimmt“, sagte er, „aber ihr könnt ruhig sagen, daß Grünmantel ein Rotbart geworden ist. Ich bin zwar auch einer, aber es gibt da gewisse Unterschiede.“

„Es gibt bedeutende Unterschiede“, pflichtete ihm Christian bei.

„Die Unterschiede sind gewaltig groß“, versicherte Großer-Tiger eifrig.

„Da wir schon von Rotbärten reden“, fuhr Mondschein fort, „halte ich es für meine Pflicht … versteht mich recht, meine Kinder“, sagte Mondschein fast zärtlich, „ihr habt jetzt die erste schlechte Erfahrung 335hinter euch, und ich möchte nicht, daß ihr eine zweite macht. Ich meine nämlich die Sache, die wichtig ist, weil ihr sie wissen müßt. Damit will ich nicht behaupten, daß es jetzt noch so ist, aber es war einmal so, und da es Wiederholungen gibt, muß ich ja“, sagte Mondschein verzweifelt, „ich muß ja wohl, nicht wahr ihr Heldensöhne?“

„Wenn der Herr Mondschein vielleicht meint …“ begann Christian.

„Daß Glück auch ein Rotbart war …“, fuhr Großer-Tiger fort.

„So wissen wir das“, sagte Christian.

Mondschein machte große Augen.

„Ich glaube“, rief er, „ich habe schon einmal gesagt, daß ihr in das Grasland paßt. Jetzt merke ich; ihr paßt auch in die Wüste. Wie habt ihr das herausgekriegt?“

„Wir haben es nicht herausgekriegt“, sagte Großer-Tiger bescheiden, „wir haben nur ein bißchen zugehört, als Grünmantel und Glück sich stritten.“

„Berichtet mir“, bat Mondschein, „diese Sache.“

„Glück war ein Räuber am Roten-Berg“, sagte Großer-Tiger, „und Grünmantel machte den Hehler.“

„Jetzt haben wir alles berichtet“, sagte Christian, „und mehr wissen wir nicht. Außerdem ist die Sache sieben Jahre her, denn das sagte Glück, sooft es einen Wortwechsel gab.“

„Ich habe erfahren, was ich nicht wußte“, sagte Mondschein, „da will ich euch erzählen, was ihr nicht wißt.“

„Der früher geborene Herr ist sehr gütig“, sagte Großer-Tiger.

„Ihr wißt“, begann Mondschein, „wem ich diene.“

„Wir wissen es“, sagte Christian.

„Man nennt ihn den Uralten-Herrn, aber es ist mein Fürst. Vor sieben Jahren, als wir die Herrschaft über die Wüste antraten und als wir die Burg bauten, gab es zehntausend Räuberbanden, die die Karawanenwege unsicher machten. Meistens waren die Räuber entlaufene Soldaten, und wir schlugen sie tot. Vom Edsin-Gol bis zur Grenze von Sinkiang gab es keine Räuber mehr. Es gab nur noch uns. Wir erhoben von den Karawanen einen Silberbatzen für jede Kamellast. Dafür gaben wir ihnen sicheres Geleit, und die Kaufleute freuten sich. So liehen wir dem Handel unsere helfende Hand, und wir sorgten für die Sicherheit der fünf menschlichen Beziehungen.

Aber eines Tages erfuhren wir, daß es eine neue Bande ostwärts des Edsin-Gol beim Roten-Berg gäbe. Der Fürst befahl mir, sie auszurotten, denn man sagte, es wären gefährliche Burschen. Also nahm ich zwanzig Kamele, sieben Männer und mein Pferd. Wir kleideten uns wie Kaufleute, und wir zogen ehrbar des Weges, und die Karawanenglocke läutete weithin. Als wir beim Brunnen am Roten-Berg anlangten, schlugen 336wir Lager, und Donnerkeil war auch dabei. Ich rasierte ihm den schwarzen Bart ab, und als es Nacht wurde, mußte er mit zwei andern im Lager bleiben. Mit den übrigen verbarg ich mich in halber Höhe des Kessels hinter dicken Steinen, und wir luden die Gewehre. Kennt ihr das Tal am Roten-Berg?“

„Wir kennen es“, sagten Großer-Tiger und Christian.

„Donnerkeil machte ein tüchtiges Feuer, damit es schön hell im Lager war. Hätten die Rotbärte nur ein wenig nachgedacht; sie wären schnell hörend und klar sehend geworden, weil es am Roten-Berg weitherum kein Holz für ein solches Feuer gibt. Aber ihre Köpfe waren mit Lehm verschmiert. Sie waren elf Mann stark, doch es kamen nur neun, und sie überfielen den armen Donnerkeil. Er warf sich mit den beiden Kameraden zum Fußfall der Ergebung platt auf den Boden, und dabei brüllte er dauernd um Gnade. Da schossen wir, und wir hatten leicht schießen, denn die Kerle standen im Schein des Feuers und traten dem brüllenden Donnerkeil mit dem Stiefel ins Gesicht. Bald aber brüllten sie selbst, und die letzten drei schlugen wir mit dem Kolben tot, als sie fliehen wollten. Die Sache ermangelte jeder Schwierigkeit. Allein nach einer Weile fiel mir ein, daß ich elf Kerle hätte totschlagen solen, und es lagen nur neun herum. Da sprang ich aufs Pferd, während Donnerkeil die Karawane zum Abmarsch bereitmachte. Es war aber Nacht, und ich fand keine Spuren. Also hieß ich Donnerkeil zum Edsin-Gol vorausziehen und blieb allein am Roten-Berg zurück. Die Gewehre der Räuber und alles, was sie besaßen, ließen wir liegen, damit die zwei übrigen Rotbärte desto sicherer kämen. Ich versteckte mein Pferd in einer Schlucht, und hinter einem Felsblock erwartete ich den Tag und die beiden überlebenden Söhne der Berge. Ich brauchte nicht lange warten, da kamen zwei junge Burschen, die mir des Himmels Befehl vor die Flinte führte. Als sie die Toten sahen, zitterten sie wie Lampengras, wenn man es anzündet, und ihre Jahresreihe war nahe am Ausgehen, denn ich hielt den Finger am Abzug. Sie begannen zu schreien, und sie beklagten die Toten, und sie trugen sie auf einen Haufen zusammen. Im Morgenhimmel kreisten zwei Geier. Ihre Schatten huschten über die Felswände des Kessels, und ein dritter saß auf einem Obo mit eingezogenem Kopf. Er wartete wie ich.

‚Oh, Langes-Leben‘, rief einer der beiden, ‚wer hat diesen Unglücklichen die Art zu handeln befohlen und die Art zu sein vorgeschrieben?‘

‚Schrei nicht so laut‘, sagte der andere, ‚er ist ein Schuft; aber auch wir sind Schufte, wenn dir diese Toten nicht begraben, die als irrende Geister die Heimat vergeblich suchen.‘

‚Spart euch die Mühe‘, sagte ich und trat mit der Büchse auf sie zu. ‚Die Waffen weg‘, rief ich.

337

Da fielen sie auf die Knie und baten um ihr Leben.

Ich sagte: ‚Es lohnt nicht, Worte zu verlieren. Ich bin gekommen, euch auszulöschen.‘

Sie schwiegen, und die Schatten der Geier huschten über ihre Rücken. Es war kein guter Anblick, und es war kein guter Ort.

‚Steht auf‘, sagte ich, ‚wir sind allein, so kann ich tun, was sonst nicht möglich wäre.‘

Sie dankten mir mit dreimaligem Stirnaufschlag, aber sie blieben liegen.

‚Ich heiße Glück‘, sagte der eine, ‚verfügt über mich.‘

‚Ich bin Langes-Leben‘, sprach der andere, ‚befehlt Eurem Diener.‘

‚Ich befehle euch aufzustehen‘, sagte ich.

Da standen sie auf.

Ich sagte: ‚Ich will eure Pferde und eure Waffen haben. Sonst will ich nichts.‘

Sie führten mich dahin, wo die Pferde standen, und sie halfen mir die Gewehre bündeln und die Patronen in einen Sack tun.

‚Geht hin, wo ihr her seid‘, sagte ich, ‚der Edsin-Gol ist nicht weit; den könnt ihr zu Fuß erreichen. Sollten wir uns in diesem Leben wiedersehen, so vergeßt nicht, daß ihr mir Gehorsam schuldet.‘

Also versprachen sie mir mit heiligen Eiden, dienstbar zu sein, bis ich sie losspräche, und so schieden wir. Nachher fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, sie nach dem zu fragen, den sie einen Schuft genannt hatten, aber da war es zu spät. Ich ritt mit den ledigen Pferden und mit den Gewehren, bis ich Donnerkeil einholte. Ich sagte zu ihm: ‚Über diese Sache braucht nicht mehr gesprochen werden‘, und er lachte vergnügt, als er die elf Pferde sah und die elf Gewehre.“

„Nun bin ich“, sagte Mondschein, „Glück wieder begegnet, und ich erkannte ihn sogleich. Durch euch erfuhr ich, daß Grünmantel der ist, den sie einen Schuft nannten; doch Langes-Leben sah ich nie wieder.“

„Der befehlende Herr Mondschein irrt“, sagte Christian.

„Ein Wiedersehen hat stattgefunden“, bestätigte Großer-Tiger, „bloß hat der früher geborene Herr den Leutnant Langes-Leben nicht erkannt.“

„Weil es Nacht war“, sagte Christian.

„Ihr wißt mehr als ich“, rief Mondschein, „seid ihr Gurtums, die die rechten Geister beschwören und erfahren, was keiner weiß?“

„Wir sind keine Geisterbeschwörer“, sagte Großer-Tiger bescheiden.

„Langes-Leben ist unschuldig“, versicherte Christian, „daß die Wiedersehensfreude leicht getrübt war.“

„Wenigstens“, rief Mondschein, „hätte er mich grüßen, und ‚Hast du schon Essen gegessen?‘ sagen können. Das tut ein anständiger Mensch.“

338

„Er konnte es nicht“, setzte Großer-Tiger auseinander, „denn der früher geborene Herr lag am Boden und verlangte nicht nach Essen.“

„Weil ihm die Gehirntasche auseinanderklaffte“, sagte Christian.

Mondschein fuhr mit der Hand über die Stirn. „Dieses“, sagte er und tastete die Narbe entlang, „ist ein Fehler der Gesichtsbildung.“

„Es ist ein Säbelhieb“, sagte Christian trocken.

„Irgend so was muß es wohl sein“, gab Mondschein zu, „ich war zwar dabei als ich ihn kriegte, aber ob es gerade ein Säbel war?“

„Es war einer“, versicherte Christian.

„Langes-Leben hielt ihn in der Hand“, teilte Großer-Tiger mit.

„Wie?“ schrie Mondschein und stöhnte. „So ein wortbrüchiger Hund“, sagte er verzweifelt.

„Kein wortbrüchiger Hund“, widersprach Christian. „Langes-Leben erkannte Euch nicht gleich.“

„Weil es so finster war“, sagte Großer-Tiger.

„Und weil Ihr vom Pferd fielt“, sagte Christian, „und weil die Lebensgeister schwanden.“

„Aber er“, schrie Mondschein, „er war nicht ohnmächtig.“

„Er war bei sich“, gab Christian zu, „aber er war traurig, als er sah, was er angerichtet hatte.“

„Seine Trauer erreichte einen hohen Grad“, versicherte Großer-Tiger, „denn er hielt Euch für tot.“

„Und er befahl seinen Soldaten“, fuhr Christian fort, „den Platz zu räumen, denn er war ein befehlender Herr Leutnant geworden.“

„Da mußten die Soldaten gehorchen“, sagte Großer-Tiger, „und als sie Euch alles nehmen wollten, sagte Langes-Leben: ‚Das dulde ich nicht.‘“

„Tat er das wirklich?“ fragte Mondschein zweifelnd.

„Hat Euch was gefehlt?“ fragte Großer-Tiger dagegen, „ich meine, außer der Besinnung?“

„Nein“, gab Mondschein zu, „sonst fehlte nichts.“

„Die Kleidung und der Fellmantel retteten Euch das Leben“, sagte Christian, „daran ist Langes-Leben schuld.“

„Der gute Junge“, sagte Mondschein, „wo habt ihr ihn denn getroffen?“

„Beim Berg Abder“, antwortete Christian.

„Sch!“ machte Mondschein, „das ist ein gefährlicher Berg. Man sollte ihn nicht leichtfertig beim Namen nennen, selbst hier nicht, wo er weit weg ist. Ihr könntet noch einen zweiten Wagen verlieren.“

„Wir haben keinen zweiten“, sagte Großer-Tiger.

„Wir werden uns bemühen, den ersten wiederzukriegen“, sagte Christian.

339

Sofort wurde Mondschein hellhörig.

„Wie wollt ihr“, sagte er langsam, „das anstellen? Wer euch zuhört, kriegt schnelle Ohren, denn ihr sagt nichts, ohne daß was dahintersteckt. Ihr seid wackere Spitzbuben, nie fand ich aufgewecktere.“

Großer-Tiger und Christian zogen den Mantel über die Köpfe für den Fall, daß sie sich ein leises Wort sagen müßten, und Christian stieß Großer-Tiger, damit er den Anfang mache.

Großer-Tiger sagte: „Wir haben eine Verabredung mit Grünmantel, aber er weiß nichts davon. Es ist sehr geheim.“

Mondschein schwieg fassungslos; er schob den Fellhut bis hinter die Ohren.

„Kinder!“ sagte Mondschein, „ihr seid mir über. Wollt ihr nicht in unsere Brüderschaft eintreten? Kerle wie euch sucht man innerhalb der vier Meere wie den Vier-nicht-gleich. Aber man findet ihn nicht.“

„Wir möchten schrecklich gern“, sagte Großer-Tiger höflich, „und es wäre eine unverdiente Auszeichnung für unser geringes Talent, aber wir müssen nach Hause.“

„Die alte Ama wartet auf mich“, sagte Christian.

„Ist es gestattet, zu fragen, wo die Zusammenkunft mit Grünmantel stattfindet?“ erkundigte sich Mondschein und rückte näher. Er hielt den Atem an, und die Narbe über der Stirne schwoll. Aber das konnten Christian und Großer-Tiger nicht sehen, denn eine Wolke schwebte am Mond vorüber, und es wurde für zwei Augenblicke dunkel.

„Wir haben uns“, sagte Großer-Tiger langsam, „mit dem, der sich Grünmantel nennt, auf den vierten Tag des dritten Monds verabredet.“

„Der Ort heißt Gewaltiges-Wasser“, sagte Christian, „und dort wartet er auf einen gewissen Herrn Ma. Dieses haben wir erfahren, und weil wir es wissen, möchten wir gerne dabeisein.“

Mondschein ließ die Hände sinken, aber sie ballten sich zu Fäusten, daß die Finger knackten. Ein wildes Durcheinander schüttelte ihn, und Großer-Tiger und Christian erschraken, als plötzlich Mondschein vor ihnen das Knie bog und mit der Stirn die Erde berührte.

„Zehntausendfachen Dank“, murmelte er, „zehntausendfachen Dank!“ Großer-Tiger ließ den Mantel fallen und riß Mondschein empor.

„Wir sind unwürdige Knaben“, rief Christian.

„Junge Toren“, sagte Großer-Tiger, „soll man mit Milde ertragen, aber nicht ehren.“

„O ihr Heldensöhne und Enkel großer Weiser“, sprach Mondschein, „ihr habt meine Augen sehend gemacht. Wie soll ich euch danken? Jetzt erkenne ich den, der nach Gewaltiges-Wasser kommt.“

Er blickte von einem zum andern, und dabei wurde er allmählich ruhig.

340

„Wir müssen handeln“, sagte er entschlossen, „aber nur wir drei. Versprecht mir, mit niemand von dieser Sache zu reden.“

„Wir versprechen es“, sagte Christian.

„Wir sind erfahrene Geheimnisträger“, sagte Großer-Tiger.

Mondschein lächelte. „Ihr werdet bald von mir hören“, sagte er. Er stand auf.

„Euer Weg sei leicht und gut.“

„Sä Jabonah!“ riefen Großer-Tiger und Christian. Sie zogen den Mantel über die Schultern, und sie schauten zu, wie Mondschein mit schweren Schritten über den feuchten Sand stapfte. Der Hengst kam ihnen entgegen. Mondschein griff nach dem Daschior, der am Boden schleifte, hob ihn auf, löste den Knoten und schwang sich in den Sattel. Er saß noch nicht oben, als der Hengst durch das Wasser jagte.

„Wir haben etwas vergessen“, sagte Großer-Tiger, „wir hätten Mondschein fragen sollen, warum vier Pferde zuwenig und zuviel sind.“

„Macht nichts“, erwiderte Christian, „wir wollen Siebenstern fragen. Gontschuk ist doch ihr Bruder.“

Sie gingen zum Zelt zurück, aber Siebenstern wußte es auch nicht.

„Diese Ja- und Nein-Sagerei in einem gefällt mir nicht“, sprach Ungemach, „ihr werdet sehen, es kommt nichts Gescheites dabei heraus.“

„Vater kommt auch nicht“, seufzte Siebenstern.

„In der Eile sind Fehler“, tröstete Großer-Tiger, „Vater Naidang vermeidet sie eben.“

„Wenn er es kann“, sagte Ungemach und gähnte, „manche können es nicht.“

Siebenstern schloß das Rauchloch. „Schlafen, gut schlafen!“ sagte sie, und Christian und Großer-Tiger folgten ihr gern.

Neununddreißigstes Kapitel
in dem wir von Siebenstern und Naidang
Abschied nehmen

Der Morgenstern wanderte ganz allein über den Himmel und glänzte. Die Pferdeweide und die Derreswiese waren vom Rauhreif überhaucht, und die Pappeln am Ufer des Närin-Gol griffen mit ihren Zweigen in das lichter werdende Blau. Über dem Fluß dampfte der Nebel.

So sieht ein Reisetag aus, dachte Siebenstern traurig, als sie aus der Jurte trat.

Der Pudel klopfte mit dem Schwanz auf den Boden, hob den Kopf zur Begrüßung, aber er blieb liegen. Es war noch zu früh, um mehr zu tun. Er wartete darauf, daß Siebenstern den Mörser hole, und als sie ihn 341holte, wartete er darauf, daß sie sich neben ihn setze. Sie tat es auch, und als sie „bums, bums“ den Ziegeltee zu Brocken schlug und die Brocken zu feinen Bröseln, wachten alle auf: Christian, Großer-Tiger und Ungemach. Die Schafe und die Kamele lagen längst mit offenen Augen da, und die Pferde, von denen man nicht recht wußte, ob sie überhaupt schliefen, standen an der Leine. Die abgehetzten Gäule von Mondschein und Donnerkeil hatten ein rauhes verklebtes Fell, und an den Fesseln glänzte weißer Reif.

„O ihr Armen!“ rief Siebenstern und stellte den Mörser weg, „ich vergaß euch gestern abend.“

Sie lief an die Leine und machte die Zügel der beiden Pferde los. Sie legten sich gleich, aber bevor sie ruhig liegenblieben, wälzten sie sich am Boden, streckten alle viere in die Luft und scheuerten den Rücken. Eine Menge Staub wirbelte auf, und das Fell wurde nicht schöner davon. Die Pferde schnauften vor Wohlbehagen.

„Warum machen sie das?“ fragte Christian und blieb unter der Türe stehen.

„Weil sie das Fell juckt“, sagte Siebenstern.

„Ach so!“ sagte Christian, und er dachte an das Glacis in Peking, wo sich die Pferde nicht herumwälzten, sondern abgerieben wurden und eine Decke kriegten, wenn sie geschwitzt hatten. Großer-Tiger band die Kamele los, Christian öffnete den Schafpferch, und in der Jurte kochte Ungemach den Tee.

Sie saßen beim Frühstück, als Naidang und Glück eintrafen. Der Pudel rannte ihnen entgegen und bellte, Siebenstern sagte: „Habt ihr eine gute Reise gehabt?“ und Naidang erwiderte: „Gut, gut!“

Christian und Großer-Tiger betrachteten die Kamele, die mit erhobenen Köpfen daherschritten. Sie waren jung und stark. Eines trug einen Packsattel und das blaue Zelt, in dem Ungemach und Schlangenfrühling gewohnt hatten.

„Nicht abladen“, rief Glück, „wir müssen gleich aufbrechen.“

Christian und Großer-Tiger ging ein Stich durchs Herz. Jetzt also war es soweit und Siebenstern, die es auch gehört hatte, wandte sich ab. Mit einemmal war nirgends mehr eine Freude. Sogar die aufgehende Sonne tröstete sie nicht; sie mahnte nur noch zur Eile. Die schweren Herzen von Christian und Großer-Tiger wurden noch schwerer, und Glück sagte:

„Am Abend müssen wir am Morin-Gol sein. In der Nacht marschieren wir auch.“

„Geh hinein, Glück, und trinke Tee“, rief Naidang, „wir satteln derweil.“

„So ist es immer“, seufzte Ungemach: „wenn es wo zufriedene Heiterkeit 342gibt, heißt es gleich: Ihr müßt gehen, es kommt ein Wagen voll Teufel.“

Er schleppte seinen Sattel und den von Schlangenfrühling herbei. Die Riemen mußten länger gemacht werden, damit sie um die Bäuche der Kamele gingen. Für Christian und Großer-Tiger hatte Naidang zwei alte hölzerne Sättel mitgebracht und gesteppte Satteldecken zum Unterlegen. Außer den Nasenstricken trugen die Kamele geflochtene Halfter aus Ziegenhaaren.

„Für alle Fälle“, sagte Naidang, „denn ein Nasenstrick kann reißen.“

„Aber …“, sagte Christian.

„Leider gibt es kein Aber“, sagte Naidang, „es ist höchste Zeit, und ihr müßt fort.“

„Wir wissen es gut“, gab Christian zu, „aber …“

„Hamma-guä“, rief Naidang, „ich sehe nirgends eine Behinderung.“

„Doch“, beharrte Christian, „der alte Märin hat nämlich kein Geld gebracht.“

Naidang lachte. „Der Regen fällt manchmal spät“, sagte er, „ich werde euch welches mitgeben.“

„Es ist nicht deswegen“, sagte Christian, „Großer-Tiger und ich haben genug für den Notfall; es ist wegen der Kamele.“

„Sie gehören euch“, sprach Naidang ernst, „darüber will ich nichts mehr hören.“

„Zehntausendfachen Dank“, sagten Christian und Großer-Tiger; aber Naidang hielt sich die Ohren zu.

„Wieviel Geld habt ihr?“ fragte er leise.

„Zusammen sind es fünfundvierzig Silberbatzen oder so.“

„Das reicht“, erklärte Naidang befriedigt. Dann fragte er Siebenstern, ob es was Neues gebe, und Siebenstern berichtete über den Besuch von Mondschein und Donnerkeil. Sie sagte auch etwas wegen Gontschuk und den Pferden, aber das sagte sie leise.

„Es ist gut“, murmelte Naidang. „In den Sattel, ihr Männer!“ rief er laut. „Jabonah!“

Da kam Glück aus der Jurte, und Ungemach holte sein Gewehr.

„Ich habe noch zehn Patronen“, sagte er, „da mag der Donner grollen, und der Abend mag dunkel werden.“ Alle schauten auf Ungemach, als er zwei so tapfere Worte sprach, und alle wunderten sich sehr.

„Ich bitte um weitherzige Vergebung“, rief Ungemach erschrocken, „mir scheint, ich sagte Ungeziemendes. Es ist aber so, daß ich treffe, wenn ich wohin schieße. Da sind zehn Patronen viel genug.“

Er ging beschämt und beinahe schuldbewußt an Naidang vorüber und nachher an Glück, und dann ging er noch einmal in die Jurte, um seinen Handspaten zu holen, den er mitnehmen wollte.

343

„Ich begleite euch ein Stück Wegs“, versprach Naidang.

Christian und Großer-Tiger verneigten sich vor Siebenstern. „Wir wünschen Freude“, sagten sie, „mögest du glückliche Tage verleben.“

„Kompaß-Berg“, sagte Siebenstern, „hole dein Buch, du mußt noch was hineinschreiben.“

„Nicht hier“, sagte Siebenstern, als Christian das Wörterbuch brachte.

Sie gingen in die Jurte, aus der Ungemach mit dem Spaten trat. Es war nur wenig hell darin, und Siebenstern machte die Türe zu, als Christian neben ihr stand. Zwei dicke Tränen rollten über ihre Wangen, aber Siebenstern lächelte. Sie faßte Christian bei den Ohren und küßte ihn mitten auf den Mund.

„Unissna“, sagte Siebenstern leise, und sie wartete, bis Christian das neue Wort in sein Buch geschrieben hatte. Es stand zuunterst in der Reihe. Als er es ordentlich nachsprechen konnte, stieß Siebenstern die Türe auf, und Christian trat mit ihr vor die Jurte in den Sonnenschein, wo Großer-Tiger wartete. Das Buch trug er unter dem Arm.

Siebenstern zog einen Haddak aus dem Gürtel. „Ich bin gering, und ich besitze nichts“, sagte sie schluchzend, „da kann ich euch kein Geschenk geben. Nur den Hund, er soll mit euch gehen.“

„Dieses ist ganz und gar unmöglich“, widersprach Christian, „er ist ein Hund, der hundert Hunde aufwiegt. Niemals könnten wir ein so großes Geschenk annehmen.“ „Er ist ein Nachtwache-Halter und ein Nachrichten-Beschleuniger“, sagte Großer-Tiger, „du kannst ihn nicht entbehren.“

Siebenstern beugte das Knie und legte den Haddak vor sich auf die Erde. Sie sagte einfach:

„Der Hund gehört nicht mehr mir.“

Da nahm Christian den Haddak auf, hob ihn zur Stirn, und Großer-Tiger verneigte sich stumm. Dann langte Christian den himmelblauen Haddak des Herzogs von Hanta aus der Ledertasche, legte den Kamm des Generals Wu darauf, der ganz neu und weiß war, weil ihn keiner benützt hatte, und er sagte: „Unser Dank ist im Herzen; dies kann nur ein törichtes Andenken sein.“

„Steine und Felsen verneigen sich vor deiner Güte“, sagte Großer-Tiger.

Siebenstern nahm den Haddak und den Kamm, hob die Hände empor und lief weinend in die Jurte.

„Jabonah“, rief Naidang, „es ist Zeit.“

„Ihr steht da wie verlorene Hühner“, tadelte Glück; „eilt euch.“

Siebenstern kam aus der Jurte zurück.

„Vater“, sagte sie, „der Hund gehört nicht mehr mir, er soll mit Kompaß-Berg und Großer-Tiger gehen.“

344

„Recht so“, rief Naidang erfreut, „das nenne ich einen glücklichen Gedanken. Hund, du darfst mit!“

„Die schlechte Sache beginnt“, sagte Ungemach, „es gehört sich nicht, daß ich meine Meinung über den Hund loslasse, aber man sollte daran denken, daß ich bloß aus Höflichkeit nichts sage.“

Naidang war als einziger zu Pferd. Er hatte die lederne Satteltasche bei sich, und in der Satteltasche war weiter nichts als die Flasche, die Naidang für alle Fälle frisch gefüllt hatte.

„Ich komme heute nacht zurück“, rief er Siebenstern über die Schulter zu, und dann setzte er sich an die Spitze des Zuges.

Nach ihm ritt Glück auf seinem stolzen Kamel. Er hatte keine Satteltasche und auch sonst keine Gegenstände an den Sattel zu hängen, aber er trug die Pistolentasche am Schulterriemen mit der Pistole darin. Das sah prachtvoll aus und sehr kriegerisch, denn die rote Seidentroddel fiel in Wellen über den grauen wattierten Rock, und das machte viel aus. Dann kam Ungemach. Er war bei weitem besser ausgerüstet. Vor sich hatte er den Mantel mit den Goldknöpfen liegen, der ihm die Knie wärmte; um die Schulter hing das große Gewehr, mit dem er unfehlbar schießen konnte, und die zehn Patronen trug er in der Rocktasche. Man sah sie nicht, aber jeder, der Ungemach erblickte, mußte angesichts der ernsten Haltung auf Ungewöhnliches schließen. Ein wenig lehnte er rückwärts gegen den Sattel, doch das kam, weil er das Lastkamel an einem Strick hinter sich drein führte. Es trug vorläufig nur das Zelt mit den Stangen, die auf und nieder wippten, und obendrauf lag der Spaten Ungemachs und der Fellmantel von Christian. Am Schluß ritten Großer-Tiger und Christian, die als echte Kamelreiter frei im Sattel saßen und den Daschior am Handgelenk trugen.

„Euer Weg sei leicht und gut“, rief Siebenstern.

„Wir wünschen Frieden“, rief Großer-Tiger.

Christian wollte auch was rufen, aber es gelang nicht gut, weil er sich auf die Zunge beißen mußte, um nicht zu weinen. Er winkte Siebenstern mit beiden Händen, und Siebenstern rief: „Sä Jabonah!“

Sie rief noch einige Male, bis es nicht mehr ging. Aber da waren die Reiter schon weit weg, und keiner sah, wie sie weinte, und niemand hörte, wie sie am Boden kauernd „Unglück! Unglück!“ wimmerte. Nicht einmal der Pudel war da, um sie zu trösten.

Er lief voraus, und er war der erste über dem Närin-Gol. Er schüttelte das Wasser aus dem Fell, man sah seine Augen wie glänzende schwarze Knöpfe blinken, und dann rannte er die Böschung hinauf und wieder herunter, bis alle beisammen waren. Dabei bellte er laut.

„Er freut sich so“, sagte Großer-Tiger.

„Auf das Ende kommt es an“, gab Ungemach bekannt.

345

Christian bedeutete Großer-Tiger, ein wenig zurückzubleiben, und als Ungemach nicht mehr hören konnte, was gesprochen wurde, ritten sie eine Weile nebeneinander, bis Christian sagte: „Jetzt müssen wir dem Pudel einen Namen geben.“

„Er hat doch einen“, sagte Großer-Tiger.

„Er heißt Hund“, widersprach Christian, „aber Hund ist kein Name. Ich habe noch nie gehört, daß jemand Hund heißt.“

„Da hast du schlecht aufgepaßt; es gibt haufenweise Leute, die Hund heißen. Wenn wir nach Peking kommen, wird niemand wissen, daß ‚Nochoi‘ ein Hund ist. Viele Menschen werden fragen: ‚Wie nennt ihr diesen schwarzen Teufel?‘ und wir werden antworten: ‚Er heißt Nochoi.‘ Klingt das nicht herrlich?“

„Es klingt nicht schlecht“, gab Christian zu.

„In Peking“, fuhr Großer-Tiger fort, „gibt es kaum ein Stück Mensch, das mongolisch spricht. Also weiß auch keiner, daß Nochoi Hund bedeutet, und so haben wir ohne Nachdenken einen seltenen Namen. Man kann“, sagte Großer-Tiger begeistert, „sich eine Menge wunderbarer Sachen vorstellen, wenn man Nochoi sagt. Mindestens denkt jeder an ‚Zauberschildkröte‘ oder ‚Schläfriger Drache‘. Findest du nicht auch?“

„Ich finde“, sagte Christian, „du hättest mir das früher sagen sollen. Jetzt finde ich nämlich auch, daß Nochoi ein Name ist, der taugt.“

„Bolwo?“ rief Großer-Tiger.

„Es bleibt dabei“, sagte Christian.

Dann ritten sie nebeneinander und sprachen nicht viel. Man sah die Gleise des Lastwagens deutlich, und Glück murmelte unfreundliche Worte. Sie kamen aber schneller voran als gewöhnliche Karawanen, denn die Kamele mußten keine schweren Lasten tragen. Als sie an der Stelle vorüberritten, wo die Wagenspuren nach Süden bogen, klopfte Glück an die Pistolentasche.

„Laß gut sein“, sagte Naidang, „Siebenstern hat mir berichtet, es gebe noch mehr Leute, die sich um Grünmantel kümmern.“

„Wieso?“ fragte Glück barsch. „Wen meinst du damit?“

„Mondschein war in der vergangenen Nacht in meinem Zelt. Hast du es nicht bemerkt?“

„Er hat keine Besuchskarte dagelassen“, sagte Glück verdrossen, „es muß ein formloser Besuch gewesen sein.“

„Mondschein hatte es eilig“, gab Naidang zu, „aber er nahm den Hengst mit, daran hättest du merken können, daß er da war.“

„Er hinterließ dem befehlenden Herrn eine Botschaft“, rief Großer-Tiger.

„Dann sage sie mir, vielleicht pressiert es.“

Großer-Tiger ritt nach vorn, und Christian ritt mit ihm.

346

„Man soll“, berichtete Großer-Tiger, „dem befehlenden Herrn sagen, er möge ohne Sorge sein.“

„Ist das alles?“

„Mehr Worte hat Mondschein nicht dagelassen.“

„Deine Botschaft“, bemerkte Glück spöttisch, „ist nicht besonders eilig.“

„Dafür ist sie gut“, sagte Naidang; „auf dem Weg, den du vor dir hast, sind solche Worte selten.“

„Ich weiß, was du meinst“, knurrte Glück, „und ich weiß auch, wen du meinst. Aber“, rief er, „solche Worte sind wie eine Schublade, die man öffnet, und es ist nichts darin.“

„Oder der alte Staub vom Vorjahr“, sagte Ungemach.

Naidang sagte nichts mehr. Er hatte geglaubt, Glück würde sich freuen; aber Glück freute sich nicht. Er brummte verdrießlich: „Nun, nun, wir werden sehen“, und nach einer Weile: „Da steckt was dahinter.“

„Ach“, seufzte Ungemach, „es gibt vieles, was man nicht weiß, und es gibt vieles, wo was dahintersteckt, vielleicht schon hinter diesen Bäumen.“

Damit meinte er die Pappeln des Dondur-Gol, die den Horizont begrenzten und näher rückten. Es waren stattliche Bäume, und der Dondur-Gol war hier ein richtiger Fluß.

Glück trieb sein Kamel in das Wasser. Es floß noch langsamer als das des Närin-Gol, aber es war tiefer, und Naidang mußte die Knie anziehen. Der Pudel mußte schwimmen, und nur den Kamelreitern machte es nichts aus.

„Das kommt“, sagte Naidang, „weil es zum See nicht mehr weit ist, da fließt das Wasser träge.“

Christian zog das Westliche-Blatt aus der Ledermappe, und als sie weiterritten, faltete er es auseinander. „Hier sind zwei Seen“, sagte er, „der eine heißt Gaschu-Nor, und der andere heißt Socho-Nor. Alle Arme des Edsin-Gol fließen hinein, aber nicht wieder heraus.“

„Steht das auf deinem Landbild geschrieben?“ fragte Naidang verwundert.

„Alles steht darauf“, sagte Glück großartig, „und noch viel mehr.“

„Auch ich?“ fragte Naidang.

„Noch nicht“, setzte ihm Glück auseinander, „aber wenn Kompaß-Berg nach Hause kommt, wo man die Landbilder macht, wird er sagen: ‚Hier fehlt einer‘, und die Leute werden sagen: ‚Wir bitten um weitherzige Vergebung unserer Unwissenheit.‘ Nachher werden sie den Fehler gutmachen und hineinschreiben: ‚Hier wohnt Naidang der Bilderbogen.‘“ Da ließ sich Naidang die Karte zeigen, und er betrachtete sie mit gebührender Hochachtung.

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„Jetzt sind wir hier“, sagte Christian und beugte sich vom Kamel herab; „bis zum Morin-Gol sind es noch vierzig Li.“

„Ich sehe“, sagte Naidang höflich, „daß dieses Landbild wertvoll ist.“

„Es ist ein unersetzliches Stück“, sagte Glück, „ich habe das gleich erkannt, als ich es zu Gesicht kriegte.“

„Wie sieht es am Socho-Nor aus?“ fragte Christian.

„Wie überall auf der Welt“, antwortete Naidang, „es gibt Wasser, und es gibt Land.“

„Also traurig“, sagte Ungemach.

„Ein wenig traurig ist es schon“, bestätigte Naidang. „Der Socho-Nor ist groß wie ein Meer, aber der Gaschu-Nor ist größer. Rundherum ist ein weißer Rand, doch es ist kein Winterchen-Schnee, sondern Salz, und nachher ist alles gelbe Wüste. Das Wasser der Seen ist blau und viel herrlicher als der Himmel; es ist über alle Maßen schön, und im Norden liegt der Götterberg Nojen-Bogdo und schaut zu.“

„Man bleibt aber bei Besinnung“, sagte Ungemach.

„Habe ich gesagt, daß man vor Freude brüllt?“ fragte Naidang. „Nein, ich habe es nicht gesagt, schon deshalb nicht, weil man von dem blauen Wasser keinen Tropfen trinken kann. Es schmeckt salzig nach des Himmels Beschluß, und der Mensch hat keinen Anteil daran.“

„Soll man da etwa nicht betrübt sein?“ fragte Ungemach, und er fügte hinzu: „Hier ist es auch nicht gerade lustig.“ Zum Beweis deutete er mit dem Daschior nach allen Himmelsrichtungen.

Da gab es eine große Ebene, und der Boden war hart. Sand war darüber gestreut und kleine Steine, und der Karawanenweg zog wie eine Furche nach Westen. Man sah ihn kaum, aber er war da, und er war das einzige Ding, an das man sich halten konnte. Die Sonne stieg höher. Es wurde warm, und der Pudel trottete still neben den Kamelen her, die gleichmäßig schritten, eins hinter dem andern. Naidang begann zu singen, und Christian sagte zu Großer-Tiger: „Wenn ich die Sache richtig überlege, habe ich Hunger.“

„Ich auch“, sagte Großer-Tiger.

„Es gibt zwei Arten, sich zu ernähren“, belehrte sie Ungemach, „nach der Völlerei sind wir jetzt bei der Dreizehn-Hirsekorn-Ernährung angelangt. Da ißt man oft wenig, aber meistens nichts. Es ist die Art, die ich am besten kenne.“

„Es ist keine sehr gute Art“, sagte Großer-Tiger.

„Sie gefällt uns nicht“, sagte Christian.

Sie ritten weiter, und Naidang sang. Erst am späten Nachmittag änderte sich die Gegend. Es gab winzige Sandhügel, und auf jedem stand eine kümmerliche Tamariske. Bald wurden die Tamarisken größer, Buschwerk begann, und schließlich gab es einzelne Pappeln und kleine 348Waldstreifen. Aber eine geschlossene Baumreihe wie an den beiden andern Flüssen fehlte. Sogar das Gras wuchs in Flecken, und die Halme waren dünner als am Närin-Gol. Die Äste der Sträucher waren gebrechlicher, und wenn man die Pappeln ansah, dachte man eher an Vergehen statt an Festigkeit und Dauer. Zwischen den Bäumen sah man weit hinaus auf die Wüste und ferne blaue Berge.

Der Morin-Gol durchfloß ein breites Kiesbett, in dem die Sandbänke größer waren als die schmalen Wasserarme. Eigentlich waren es nur Bäche, über die man springen konnte, aber das Wasser war klar wie im Gebirge. Am andern Ufer des Morin-Gol stand eine Jurte. Sie war ein wenig älter und schlechter, als die von Onkel Tschen gewesen war, und die Vorräte des Herrn Ping lagen unter einer grauen Plane gleich neben dem Zelt. Herr Ping trat heraus, als er das Gebell des Pudels hörte, aber da war es schon zu spät. Sein gelber, gewalttätiger Köter rannte dem Pudel entgegen, und mitten im Morin-Gol kam es auf einer Sandbank zum Kampf.

„Kou!“ rief Herr Ping, „lai, lai, lai!“

„Nochoi!“ riefen Christian und Großer-Tiger, „nasch jirr!“

Aber der Pudel hörte nicht auf mongolisch, und der Hund des Herrn Ping hörte nicht, was sein Herr chinesisch befahl. Beide kämpften verbissen auf Leben und Tod, während die Besitzer auf den Uferbänken standen, die einen hoch zu Kamel, der andere zu Fuß, und alle drei riefen: „Hund, komm her!“ Naidang sah unbeteiligt zu und ließ sein Pferd trinken, denn er wollte erst in der Nacht heimreiten. Die Kamele drängten auch zum Wasser, und Glück sagte ruhig: „Es gibt keine Hilfe, die Hunde fressen sich.“

„Nein“, schrie Christian verzweifelt und hob den Daschior. Er wollte sein Kamel antreiben, damit es zum Kampfplatz eile, aber Ungemach fiel ihm in den Arm.

„Nicht nötig“, rief Ungemach, „warte zwei Augenblicke.“

Er ließ sich vom Kamel gleiten und hob zwei Steine auf. Dann peilte er sehr genau und sehr ruhig über den ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand und warf. Der gelbe Hund des Herrn Ping, der gerade obenaufgekommen war, tat einen Luftsprung und heulte laut. Er lief davon, und der Pudel stürzte ihm nach. Aber da hatte Ungemach schon zum zweitenmal gepeilt und auch geworfen.

„So“, sagte Ungemach, „diese Sache ist entschieden.“

Man hörte ordentlich, wie der Stein auf das Hinterteil des Pudels prallte, man sah, wie er einknickte, und dann kam er winselnd zur Sandbank zurück. Christian und Großer-Tiger staunten, Glück staunte auch, und Naidang wandte sich im Sattel um. Er hob beide Daumen steil zum Himmel und rief: „Ein überaus treffender Schütze!“

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Am andern Ufer stand Herr Ping. „Du hast meinen Hund totgeworfen“, rief er herüber, „mein Hund ist zu neun Zehnteln nicht mehr lebendig. Du mußt zahlen.“

Allein Ungemach tat nichts dergleichen. Er stieg in den Sattel, und während die Kamele umständlich Wasser schlürften und spritzten, sagte er entschuldigend: „Eigentlich wollte ich es nicht tun; ich bitte die Herren Hundebesitzer um Vergebung.“

„Davon kann nicht gesprochen werden“, rief Großer-Tiger, „du bist ein Meister der Treffsicherheit.“

„Wie machst du das?“ erkundigte sich Christian, „ich bitte um Unterricht im Steinewerfen.“

„Gibt es keinen Weg, diese Kunst zu erlernen?“ fragte Großer-Tiger.

Ungemach sagte: „Es gibt einen Weg, aber er ist lang. Mein Großvater lehrte mich die Steine, und mein Vater machte mich im Werfen vollkommen. Wer in den Bergen von Labrang kein Gewehr besitzt, muß verstehen, den Stein zu werfen. Ich war ein Knabe, und ich übte jeden Tag, wenn ich die Ziegen hütete. Als ich auf fünfzig Schritte einen Baum nicht mehr fehlte, starb mein Großvater. Drei Jahre später fehlte ich eine Stange selten, auch wenn sie hundert Schritte weg war. Als ich sie nicht mehr fehlte, starb mein Vater. Da hatte ich keine Angst mehr vor wilden Hunden und einzelnen Wölfen. Doch da wurde ich Soldat und lernte schießen. Schießen ist aber keine Kunst“, sagte Ungemach, „durch Schießen habe ich die Sicherheit im Werfen verloren. Ich müßte zwei Jahre üben, sie wiederzuerlangen. Ihr habt ja gesehen, wie schlecht ich warf.“

Alle schauten verwundert auf Ungemach, und Ungemach sagte kleinlaut: „Ich wollte euern Hund bloß streifen; entschuldigt meine Unfähigkeit.“

Inzwischen hatten die Kamele und das Pferd eine Menge Wasser getrunken, und Naidang ritt voraus über den Morin-Gol. Die Hufe klapperten über den Kies, und die Sohlen der Kamele schoben ihn knirschend auseinander. Auf der Sandbank lag der Pudel und wartete.

„Hund“, tadelte Christian, „du hast dich schlecht benommen.“

„Hund“, mahnte Großer-Tiger, „du solltest auf unsere Worte hören.“

Der Pudel versuchte, mit dem Schweif zu wedeln, aber es ging schlecht, weil ihm das Kreuz weh tat. Er trottete neben Großer-Tiger und Christian her, schlabberte Wasser, sooft es über ein Rinnsal ging, und blickte zum andern Ufer, wo sich sein Gegner zurückzog.

Herr Ping, der Naidang erkannt hatte, war ganz getröstet.

„Oh“, rief er freudig bewegt, „ich begrüße den ehrenwerten Herrn Bilderbogen. Habt Ihr eine gute Reise gehabt, alter Onkel?“

„Wie geht es deinem Hund?“ erinnerte Naidang.

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„Ausgezeichnet“, sagte Herr Ping, „es könnte ihm nicht besser gehen.“

Dabei warf er einen wütenden Blick auf Ungemach. Er lächelte aber gleich wieder, als er die rote Seidentroddel an Glücks Pistole bemerkte, und als er sah, daß Glück mindestens so elegang aus dem Sattel sprang wie ein Herr Hauptmann, der jeden Tag zum Vergnügen reitet.

„So ein hoher Besuch“, seufzte Herr Ping, „ach, meine elende Hütte!“

Christian und Großer-Tiger banden die Kamele an die Leine, und Ungemach half ihnen. Als sie in die Jurte traten, hatte Herr Ping Bohnennudeln zugestellt, Naidang saß auf dem Ehrenplatz und rauchte, und Glück, der merkte, daß Herr Ping über ihn im unklaren war, ließ ihn dabei.

„War der alte Märin bei dir?“ erkund