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Das 14. Jahrhundert in Europa: Die Zeit des Hundertjährigen Krieges, des Großen Schisma, der Pest – ein dunkles Jahrhundert also? Doch war dieses Jahrhundert im »Herbst des Mittelalters« (Johan Huizinga) nicht nur eine »finstere« Zeit: Petrarca gab dem europäischen Geistesleben mit seinen Schriften eine Fülle von Anregungen, Giotto stand auf dem Höhepunkt seines Schaffens, Boccaccios ›Decamerone‹, das unübertroffene Vorbild fast aller abendländischen Novellensammlungen entstand, Wyclif übersetzte die Bibel ins Englische, Chaucer arbeitete an den ›Canterbury Tales‹, die erste deutsche Universität wurde gegründet.

Barbara Tuchmans umfassende Schilderung dieses »dramatischen Jahrhunderts« rankt sich um die Lebensgeschichte eines französischen Adligen, des Enguerrand de Coucy VII., Ratgeber des französischen Königs, Heerführer, Mittelsmann und zeitweiliger Auftraggeber des Chronisten Jean Froissart. In ihrem Buch wird das Lebensbild Enguerrands zu einem lebensnahen Bild dieses Jahrhunderts europäischer Geschichte, das in jenem »fernen Spiegel« aufschlußreiche Parallelen zu unserer Zeit sichtbar macht.

 

Barbara Tuchman, geboren 1912 in New York, gilt als die bedeutendste amerikanische Historikerin. Sie studierte Geschichte am Radcliffe College und arbeitete anschließend wissenschaftlich am Institute of Pacific Relations. Sie war Präsidentin der Historiker-Vereinigung in den USA. Journalistisch tätig war Barbara Tuchman für Zeitschriften wie ›Nation‹ und Zeitungen wie ›New Statesman and Nation‹. Sie starb am 6. Februar 1989. Für zwei ihrer Bücher erhielt sie den Pulitzer-Preis: 1963 für ›August 1914 Ausbruch des Ersten Weltkriegs – der eigentliche Beginn unseres Jahrhunderts‹ (dt. 1979) und 1972 für ›Sand gegen den Wind. Amerika und China 1911–1945‹ (1970; dt. 1973). Weitere Veröffentlichungen: ›Der stolze Turm. Ein Porträt der Welt vor dem Ersten Weltkrieg 1890–1914‹ (1962; dt. 1969), ›Die Zimmermann-Depesche‹ (dt. 1981), ›Die Geschichte denken. Essays‹ (dt. 1982), ›Bibel und Schwert. Palästina und der Westen vom frühen Mittelalter bis zur Balfour-Declaration 1917‹ (dt. 1983), ›Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam‹ (dt. 1984), ›Der erste Salut‹ (dt. 1988).

 

 

Barbara Tuchman

Der ferne Spiegel
Das dramatische 14. Jahrhundert

Aus dem Englischen von
Ulrich Leschak und Malte Friedrich

Deutscher Taschenbuch Verlag

 

Im Text ungekürzte Ausgabe
Dezember 1982 (dtv 10060)
19. Auflage Januar 2006
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG,
München

© 1978 Barbara Tuchman
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
A Distant Mirror – The Calamitous 14th Century
Alfred A. Knopf Inc., New York 1978
© 1980 Claassen Verlag GmbH, Hildesheim
Leicht gekürzte Ausgabe
ISBN 3–546-49187–4
Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen
Umschlaggestaltung unter Verwendung einer Buchmalerei aus
›Très Riches Heures‹ von den Brüdern Limburg (ca. 1416)
Gesamtherstellung: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen
Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN 3–423-30081–7

Inhalt

Vorwort: Die Zeit, der Held, die Risiken   9
1. »Ich bin der Sire de Coucy«: Das Geschlecht   19
2. Zum Unglück geboren: Das Jahrhundert   37
3. Jugend und Rittertum   56
4. Krieg   77
5. »Das ist das Ende der Welt«: Der Schwarze Tod   97
6. Die Schlacht von Poitiers   126
7. Das enthauptete Frankreich: Die Erhebung des Bürgers und die Jacquerie   152
8. Geisel in England   178
9. Enguerrand und Isabella   193
10. Die Söhne des Frevels   209
11. Das vergoldete Leichentuch   217
12. Doppelallianz   229
13. Coucys Krieg   250
14. England in Aufruhr   261
15. Der Kaiser in Paris   279
16. Das päpstliche Schisma   289
17. Coucys Aufstieg   305
18. Die Würmer der Erde gegen die Löwen   325
19. Der Zauber Italiens   355
20. Eine zweite normannische Eroberung   374
21. Das Ideal zerbricht   398
22. Die Belagerung der Berberei   414
23. In einem dunklen Wald   430
24. Danse Macabre   444
25. Verpaßte Gelegenheit   467
26. Nikopol   488
27. Kleide den Himmel in Dunkel   503
Epilog   514
Anmerkungen   529
Bibliographie   555
Register   573
Zeittafel

Abbildungen:
Departement Aisne
Wappen Enguerrands VII.
Château: Zeichnung
Château: Burg vor der Zerstörung
Château: Turm vor der Zerstörung
Château: die Burgruine heute

 


»Denn der Mensch ist ewig der gleiche, und nichts verliert die Natur,
obwohl sich alles ändert.«

John Dryden
(»On the Characters in the Canterbury Tales«)


 

[9]

Vorwort
Die Zeit, der Held, die Risiken

Das Buch ist entstanden, weil ich herausfinden wollte, welche Einflüsse das verheerendste Ereignis der überlieferten Geschichte auf unsere Gesellschaft gehabt hat – ich meine den Schwarzen Tod, der in der Zeit von 1348 bis 1350 schätzungsweise ein Drittel der zwischen Island und Indien lebenden Bevölkerung hinweggerafft hat. Angesichts der Möglichkeiten unserer Zeit ist der Grund für mein Interesse offensichtlich. Das Ergebnis meiner Nachforschungen ist schwer zu fassen, denn das 14. Jahrhundert war so vielen »fremden und übermächtigen Gefahren und Widrigkeiten ausgesetzt« (in den Worten eines Zeitgenossen), daß sich seine Wirren nicht auf einen einheitlichen Ursprung zurückverfolgen lassen. Nicht nur die vier Reiter aus der Vision des heiligen Johannes haben ihre Spuren hinterlassen, es sind sieben geworden: Seuche, Krieg, Steuern, Räuberei, Mißwirtschaft, Aufruhr und Kirchenschisma haben das Jahrhundert geprägt. Bis auf die Seuche selbst entstammte all dies einer Zeit, die vor dem Schwarzen Tod lag, und es dauerte an, als die Seuche vorüber war.

Obwohl meine eingangs gestellte Frage ihrer Antwort auswich, blieb das Interesse an dieser Zeit eine Herausforderung für mich: eine gewalttätige, gequälte, verwirrte, leidende und zerfallende Zeit, ein Zeitalter, in dem, wie viele glaubten, Satan triumphierte – aber auch, wie mir scheint, für uns, in einer Zeit ähnlicher Unordnung, eine trostreiche Zeit.

Wenn unser letztes Jahrzehnt oder die letzten beiden eine Zeit erlöschender Gewißheiten und ungewöhnlicher Unruhe war, dann ist es beruhigend zu wissen, daß die Menschheit schon Schlimmeres durchlebt hat.

Eigenartigerweise hat sich schon zu Anfang unseres Jahrhunderts ein anderer Historiker diesen »phänomenalen Parallelen« zugewandt. In den Nachwehen des Schwarzen Todes und des Ersten Weltkrieges fand er die gleichen Mißlichkeiten: wirtschaftliches Chaos, soziale Unruhe, steigende Preise, Profitsucht, Niedergang der Moral, geringe Produktivität, industrielle Trägheit, frenetischer Vergnügungswahn, Verschwendungssucht, Luxus, Ausschweifung, soziale und religiöse Hysterie, Habgier, Geiz und Mißwirtschaft. »Die Geschichte wiederholt sich nicht«, sagt Voltaire, »aber immer tut es der Mensch.« Für Thukydides war, wie wir wissen, dieses Prinzip die Grundlage seiner historischen Arbeiten.

In der schlichten Zusammenfassung des Schweizer Historikers J. C. L. S. [10]de Sismondi war das 14. Jahrhundert »keine Zeit für Menschlichkeit«. Bis vor kurzem weckte das 14. Jahrhundert bei den Historikern wenig Interesse. Sie ließen es außer acht, weil es nicht in ihr Bild vom beständigen Fortschritt der Menschengattung paßte. Aber nach den Erfahrungen des schrecklichen 20. Jahrhunderts empfinden wir ein größeres Mitgefühl für dieses zerrissene Zeitalter, dessen Ordnung unter dem Druck ungünstiger und gewalttätiger Verhältnisse zusammenbrach. Mit schmerzlichem Blick erkennen wir alle Anzeichen einer »Zeit der Qual, in der es kein Gefühl einer gesicherten Zukunft gibt«.

Der zeitliche Abstand von sechshundert Jahren läßt das Typische des menschlichen Charakters hervortreten. Im Mittelalter herrschten Lebensbedingungen, die von den unsrigen derartig verschieden sind, daß man fast von einer fremden Zivilisation sprechen kann. Infolgedessen erscheinen uns die Eigenschaften, die wir in dieser fremdartigen Umgebung als vertraut wiedererkennen, als unveränderliche menschliche Natur. Wenn man darauf besteht, Lehren aus der Geschichte ziehen zu wollen, dann sind sie hier zu finden. Während er sich den Fängen der Gestapo zu entziehen versuchte, schrieb der französische Mediävist Edouard Perroy in seinem Buch über den Hundertjährigen Krieg: »Bestimmte Reaktionen auf das Schicksal, bestimmte Verhaltensweisen erhellen sich wechselseitig.«

Die fünfzig Jahre nach dem Schwarzen Tod sind der Kern dessen, was ich einen zusammenhängenden historischen Zeitabschnitt nennen möchte. Er hat von 1350 bis 1400 gedauert, vielleicht einige Jahre länger. Um den Gegenstand einzuengen und mein Thema in den Griff zu bekommen, habe ich das Leben einer authentischen Person zum Medium meiner Untersuchung gemacht. Neben dem menschlichen Interesse hat dies den Vorteil, daß ich näher an der Realität bleibe. So bin ich nämlich gezwungen, den konkreten Umständen und Abschnitten einer mittelalterlichen Lebensgeschichte zu folgen, mag dies Leben führen, wohin es will, und es führt, so meine ich, zu einer getreueren Schilderung der Zeit, als wenn ich ihr meinen Plan aufgezwungen hätte.

Es handelt sich dabei weder um die Lebensgeschichte eines Königs noch einer Königin, weil alle solche Hoheiten in sich schon außergewöhnlich sind und, das sei nur nebenbei bemerkt, weil sie schon zu abgegriffen wirken. Es geht aber auch nicht um einen einfachen Zeitgenossen, weil diese alltäglichen Lebensgeschichten nicht so umfassend sein können, wie ich es wollte. Ich habe auch keinen Klerikalen oder Heiligen ausgewählt, weil sie sich außerhalb der Grenzen meines Verständnisses bewegen. Auch habe ich Frauen gemieden, da jede mittelalterliche Frauengestalt, deren Leben in einer angemessenen Form überliefert ist, atypisch wäre.

Die Wahl ist nun eingeschränkt auf die Gruppe der Männer des zweiten Standes – auf den Adel –, und sie ist schließlich auf Enguerrand de Coucy VII. [11]gefallen, den letzten einer großen Dynastie und »den erfahrensten und klügsten aller Ritter Frankreichs«. Sein Leben (1340–1397) deckt sich mit dem Zeitabschnitt, dem meine Untersuchung gilt. Außerdem scheint er wie für meinen Plan vorbestimmt, angefangen von dem Tod seiner Mutter in der Zeit während der Seuche bis hin zu seinem sehr passenden Tod in der kulminierenden Katastrophe des Jahrhunderts.

Durch seine Hochzeit mit der ältesten Tochter des Königs von England war er beiden kriegführenden Nationen verpflichtet. Das erweiterte den Spielraum und die Interessen seiner Karriere. Er spielte in jedem Drama der Welt seiner Zeit eine Rolle, durchweg eine Hauptrolle, und er hatte zudem den Weitblick, der Schutzherr des größten Geschichtsschreibers seiner Zeit zu werden: Jean Froissart, und so kommt es, daß mehr über ihn bekannt ist, als es sonst der Fall gewesen wäre. Allerdings existiert kein authentisches Porträt von Enguerrand Coucy VII. Andererseits gibt es auch einen Vorteil, der diesen Mangel vielleicht auszugleichen vermag: Bis auf einen einzigen Artikel aus dem Jahre 1939 ist über Enguerrand in englischer Sprache nichts veröffentlicht worden, und es gibt auch keine verläßliche Biographie im Französischen außer einer Doktorarbeit von 1890, die jedoch nur im Manuskript existiert. Ich finde meinen Weg gerne selbst.

Ich muß den Leser bitten, Geduld aufzubringen, bis er die Bekanntschaft von de Coucy macht, weil dieser nur vor dem Hintergund und den Geschehnissen seiner Zeit zu verstehen ist, und die füllen die ersten sechs Kapitel. Enguerrand hinterläßt erst im Alter von achtzehn Jahren seine erste Spur in der Geschichte, und das geschieht hier nicht vor Kapitel 7.

Ich komme nun zu den Risiken meiner Unternehmung. Zum ersten gibt es in bezug auf Zahlen, Daten und Fakten nur unsichere und widersprüchliche Informationen. Einigen mögen Daten überflüssig und pedantisch erscheinen, aber sie sind deshalb wesentlich, weil sie die Reihenfolge der Ereignisse bestimmen und so zu einem Verständnis von Ursache und Wirkung führen. Unglücklicherweise ist es aber sehr schwierig, eine mittelalterliche Chronologie festzulegen. Man ging nämlich davon aus, daß das Jahr Ostern beginnt, und da das irgendwann zwischen dem 22. März und dem 22. April sein konnte, bevorzugte man in der Regel als festes Datum den 25. März. Der Wechsel zur modernen Zeitrechnung wurde erst im 16. Jahrhundert vollzogen und nicht vor dem 18. Jahrhundert überall berücksichtigt. Im 14. Jahrhundert war es also einem fortlaufenden Entwirrspiel überlassen, in welches Jahr die Ereignisse von Januar, Februar und März fielen. Erschwert wurde die Zeitrechnung außerdem durch den Gebrauch des königlichen Jahres (beginnend mit der Thronbesteigung des regierenden Monarchen) in den offiziellen englischen Dokumenten und durch den Gebrauch des päpstlichen Jahres in bestimmten anderen Fällen. Zudem vermerkten die Chronisten ein bestimmtes Ereignis nicht unter dem Monatsdatum, sondern nach dem religiösen Kalender. Sie [12]sprachen zum Beispiel von »Zwei Tage vor der Geburt der Jungfrau« oder vom »Montag nach Dreikönige« oder vom »Geburtstag des heiligen Johannes des Täufers« oder von »Der dritte Sonntag der Fastenzeit«. Dadurch wurden aber nicht nur die Historiker verwirrt, sondern auch die Zeitgenossen des 14. Jahrhunderts selbst, die selten oder nie in einem Datum für ein bestimmtes Ereignis übereinstimmen.

Zahlen sind auch deshalb so bedeutungsvoll, weil sie anzeigen, in welchem Maß die Bevölkerung in ein bestimmtes Ereignis verwickelt war. Die ständigen Übertreibungen der mittelalterlichen Zahlenangaben – für Armeen z. B. – haben, wenn sie für bare Münze genommen wurden, in der Vergangenheit zu dem Mißverständnis geführt, den mittelalterlichen Krieg analog zum modernen Krieg zu sehen, der ihm in Mitteln, Zweck oder Methode sehr fern ist. Es muß vielmehr vorausgesetzt werden, daß mittelalterliche Zahlenangaben über Heerstärken, Gefallenenziffern, Seuchentote, revolutionäre Horden, Prozessionen und andere große Gruppen regelmäßig um mehrere hundert Prozent zu hoch liegen. Dies rührt daher, daß die mittelalterlichen Geschichtsschreiber die Zahlen nicht als Fakten, sondern als literarische Stilmittel auffaßten, die den Leser verblüffen oder erschrecken sollten. Der Gebrauch römischer Ziffern führte ebenso zu einem Mangel an Präzision wie die mittelalterliche Vorliebe für runde Zahlen. Die Angaben wurden späterhin unkritisch von einer Historikergeneration an die nächste weitergereicht. Erst seit dem letzten Jahrhundert haben Wissenschaftler begonnen, die alten Dokumente noch einmal zu überprüfen. So haben sie zum Beispiel die wahre Stärke eines Expeditionskorps erst anhand der Aufzeichnungen des Zahlmeisters feststellen können. Aber Meinungsverschiedenheiten gibt es immer noch. So setzt J. C. Russell die französische Bevölkerung vor der Pest mit 21 Millionen an, Ferdinand Lot mit 15 oder 16 Millionen und Edouard Perroy mit bescheidenen 10 bis 11 Millionen. Von der Größenordnung der Bevölkerungszahl hängt aber die Erforschung alles anderen ab: Steuern, Lebenserwartung, Handel und Landwirtschaft, Hungersnot oder Wohlstand, und da weichen die Zahlenangaben heutiger Autoritäten um bis zu hundert Prozent voneinander ab. Zahlenangaben von Chronisten, die offensichtlich verzerrt sind, erscheinen in meinem Text deshalb in Anführungszeichen.

Diskrepanzen bei scheinbar gesicherten Fakten stammen häufig aus Fehlern mündlicher Überlieferung oder sind der späteren Mißdeutung handschriftlicher Manuskripte zuzuschreiben. So zum Beispiel, als die Dame de Coucy von einem sonst sehr gewissenhaften Historiker des 19. Jahrhunderts fälschlicherweise für de Coucys zweite Frau gehalten wurde, was eine Zeitlang zu meiner heillosen Verwirrung beitrug. Der Graf von Auxerre wurde verschiedentlich von englischen Geschichtsschreibern als Aunser, Aussure, Soussiere, Usur, Waucerre und von den Grandes Chroniques Frankreichs als Sancerre, ein völlig anderer Zeitgenosse, vorgestellt. Da nimmt es nicht [13]länger wunder, daß ich den Namen Canolles für eine Variante von Arnaut de Cercole, den berüchtigten Räuberhauptmann, hielt, aber nur um herauszufinden, daß es eine Variante von Knowles oder Knollys war, einem englischen, allerdings ebenso berüchtigten Hauptmann. Obwohl dies Kleinigkeiten sind, können solche Schwierigkeiten einen zur Verzweiflung bringen.

Isabeau von Bayern, Königin von Frankreich, wird von einem Historiker als hochgewachsen und blond beschrieben und von einem anderen als »kleine, lebhafte, dunkelhaarige Frau«. Der türkische Sultan Bajasid, den seine Zeitgenossen kühn nannten, unternehmungslustig und kriegshungrig und der wegen seiner blitzartigen Überfälle »Donnerschlag« genannt wurde, wird von einem modernen ungarischen Autoren als »verweichlicht, sinnlich, zaudernd und unentschlossen« beschrieben.

Man kann also getrost davon ausgehen, daß jede Feststellung über das Mittelalter mit einer gegenteiligen oder zumindest andersartigen Behauptung einhergeht. Die Frauen waren in der Überzahl, weil die Männer im Krieg getötet wurden; die Männer waren in der Überzahl, weil die Frauen im Kindbett starben. Die einfachen Leute waren mit der Bibel vertraut, nein, sie waren es nicht. Die Adligen waren von der Besteuerung ausgenommen; sie zahlten Steuern wie jeder andere auch. Die französischen Bauern waren verdreckt und stanken und lebten von Brot und Zwiebeln; die französischen Bauern aßen Schweinefleisch, Wild und Geflügel und nahmen im dörflichen Badehaus gern regelmäßig ihr Bad. Diese Liste könnte ins Unendliche fortgesetzt werden.

Widersprüche aber sind ein Teil des Lebens und können nicht nur auf unterschiedliche Erkenntnisse zurückgeführt werden. Deshalb möchte ich den Leser bitten, Widersprüche zu erwarten und keine Einförmigkeit. Kein gesellschaftlicher Teilbereich, keine Gewohnheit, keine Bewegung und keine Entwicklung ist frei von Gegenströmungen. Hungernde Bauern in Hütten lebten neben wohlhabenden Bauern, die in Federbetten schliefen. Kinder wurden vernachlässigt und geliebt. Ritter sprachen von Ehre und wurden zu Räubern. Mitten im Massensterben und Elend existierten Extravaganz und Luxus. Kein Zeitalter ist ordentlich und einfarbig, und keines ist aus bunterem Stoff als das Mittelalter.

Es ist außerdem zu berücksichtigen, daß die Farben, in denen das Mittelalter geschildert wird, mit dem Betrachter wechseln. In den letzten sechshundert Jahren haben sich sowohl die Vorurteile als auch der Blickwinkel – und damit die Auswahl des Stoffes – der Historiker beträchtlich geändert. Nach dem 14. Jahrhundert war Geschichte in den nächsten dreihundert Jahren praktisch die Aufzeichnung von Stammbäumen der Adelshäuser, die Abbildung dynastischer Linien und verwandtschaftlicher Verflechtungen, getragen von der damaligen Überzeugung, daß Adlige auserwählte Menschen sind. Diese von einer enormen antiquarischen Forschung erfüllten Arbeiten geben uns aber [14]weit mehr als nur familiengeschichtliche Informationen. Ein Beispiel ist Anselms Erwähnung eines Herzogs der Gascogne, der 100 Pfund für den Unterhalt der von ihm entjungferten Bauernmädchen hinterließ.

Erst die Französische Revolution bezeichnet die große Wende, nach der die Historiker den gemeinen Mann als den eigentlichen Helden der Weltgeschichte ansahen, den Armen als an sich gut, Adlige und Könige als Ungeheuer an Ungerechtigkeit. Simon de Luce war mit seiner Geschichte der Bauernaufstände einer von diesen Historikern, tendenziös in seinen Texten, aber einzigartig in seiner Forschungsarbeit und unschätzbar wegen seiner Dokumente. Die großen Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts, die die Quellen ausgruben und veröffentlichten, die Chroniken ergänzten und herausgaben, die Mengen von Predigten, Abhandlungen, Briefen und anderen Primärquellen lasen und exzerpierten, haben dann den Boden bereitet, auf dem wir Nachgeborene stehen. Ihr Werk wird heute vervollständigt und ergänzt von den modernen Mediävisten der Ära nach Marc Bloch, die einen mehr soziologischen Zugang zum Mittelalter fanden und sich vorwiegend mit den nachweisbaren Fakten des täglichen Lebens beschäftigten. So wurde z. B. die Anzahl der an eine Diözese verkauften Hostien als Maßstab praktizierter Religiosität angesehen.

Ich stehe mit meinem Buch in der Schuld all dieser Gruppen, angefangen bei den ursprünglichen Geschichtsschreibern. Ich weiß, daß es heute unter den Mediävisten als unmodisch gilt, sich auf die alten Chroniken zu beziehen; um aber ein Gefühl für die Zeit und ihre Gewohnheiten zu bekommen, halte ich sie für unverzichtbar. – Außerdem, sie erzählen Geschichte, und das will ich auch tun.

Trotz diesem Informationsüberfluß gibt es überall da noch Lücken, wo das Problem nicht in widersprüchlicher, sondern in gar keiner Information besteht. Um diese Lücken zu überbrücken, muß man auf Erklärungen zurückgreifen, die lediglich wahrscheinlich sind oder auch nur dem gesunden Menschenverstand entsprechen. Das ist der Grund für die Anhäufung der Worte »wahrscheinlich« und »vermutlich« in meinem Text. Ärgerlich, aber aufgrund des Mangels an dokumentierter Gewißheit unvermeidlich.

Eine noch größere Gefahr stellt aber wohl die »Übermacht des Negativen« dar, die mir in der Natur der überlieferten Geschichte zu liegen scheint. Von jeher bleibt in der Überlieferung vor allem die Erinnerung an das Unglück lebendig, an den Schrecken, die Armut, den Kampf und den Schaden. Das ist in der Geschichte so ähnlich wie in der Zeitung. Das Normale macht keine Schlagzeilen. Geschichte besteht aus Dokumenten, die überleben, und die stützen sich schwer auf Krise und Unglück, auf Verbrechen und Verfehlung, denn diese Dinge sind das Thema des dokumentarischen Verfahrens, der Gerichtsakten, Verträge, Denunziationen, der literarischen Satiren und päpstlichen Bullen. Kein Papst hat je eine Bulle veröffentlicht, um seiner Zufriedenheit [15]Ausdruck zu verleihen. Eines der besten Beispiele für die »Übermacht des Negativen« ist der religiöse Reformer Nicolaus von Clamanges, der in seinen Klagen über unwürdige und verweltlichte Prälaten im Jahre 1401 schrieb, daß er in seinem Eifer für Reformen nicht über die guten Kleriker sprechen wolle, weil sie »neben den perversen Menschen nicht zählen«.

Das Unglück und der Schrecken können aber wohl kaum so weit verbreitet gewesen sein, wie es nach der Überlieferung scheinen mag. Nur die Tatsache ihrer Überlieferung läßt sie so allgegenwärtig erscheinen. Dabei ist anzunehmen, daß sie zeitlich und räumlich nur sporadisch auftraten. Die Beharrungskräfte des Normalen sind eben doch größer als die Wirkung von Störungen, wie wir aus unserer Zeit wissen. Nach der täglichen Zeitungslektüre erwartet man, sich in einer Welt von Streiks, Verbrechen, Machtmißbrauch, Stromausfällen, Wasserrohrbrüchen, entgleisten Zügen, geschlossenen Schulen, Straßenräubern, Drogenabhängigen, Neonazis und Sexualverbrechern wiederzufinden. Tatsächlich aber ist es so, daß man an glücklichen Tagen immer noch abends nach Hause kommen kann, ohne mehr als einem oder zweien solcher Dinge ausgesetzt gewesen zu sein. Das hat mich dazu gebracht, das »Tuchmansche Gesetz« zu formulieren: Allein die Tatsache der Berichterstattung vervielfältigt die äußerliche Bedeutung irgendeines bedauerlichen Ereignisses um das Fünf- bis Zehnfache (oder um irgendeine Zahl, die der Leser einsetzen mag).

Die Schwierigkeit, sich gänzlich in die Geistes- und Gefühlswelt des Mittelalters hineinzuversetzen, ist das letzte und größte Hindernis. Die entscheidende Barriere ist, wie ich glaube, die christliche Religion, wie sie damals war. Sie war zugleich Nährboden und Gesetz des Lebens, allgegenwärtig, wahrhaft zwingend. Ihr nachdrückliches Prinzip, daß das Leben der Seele im Jenseits dem Hier und Jetzt, dem materiellen Leben auf der Erde, überlegen sei, wird von der heutigen Welt nicht geteilt, egal wie fromm einige moderne Christen auch sein mögen. Der Zusammenbruch dieses Prinzips und seine Verdrängung durch den Glauben an den Wert des Individuums und ein tätiges Leben, in dessen Mittelpunkt nicht unbedingt ein Gott steht, schufen die moderne Welt und beendeten das Mittelalter.

Das Problem wird noch weiter verwirrt dadurch, daß die mittelalterliche Gesellschaft, ihrer Absage an das weltliche Leben zum Trotz, diesem nicht wirklich entsagte – und niemand weniger als die Kirche selbst. Viele versuchten es, einige schafften es, aber die Mehrheit der Menschheit ist für Entsagung nicht geschaffen. Es hat kaum eine Zeit gegeben, in der dem Geld und dem Besitz mehr Beachtung geschenkt worden wäre als im 14. Jahrhundert, und die Fleischeslust war dieselbe wie die anderer Zeiten. Der ökonomische und der sinnliche Mensch sind ununterdrückbar.

Die Kluft zwischen dem herrschenden Prinzip der christlichen Lehre und dem Alltagsleben ist das grundlegende Dilemma des Mittelalters. Es ist auch [16]das Problem, das sich wie ein roter Faden durch Gibbons Geschichtsschreibung zieht und das er mit einer feinen, bösartigen Leichtigkeit behandelte. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit spielte er genüßlich den Gegensatz zwischen dem, was ihm als die Heuchelei des christlichen Ideals erschien, und dem natürlichen Alltagsleben der Zeit aus. Ich glaube jedoch bei aller sonstigen Wertschätzung des Gelehrten, daß Gibbons Methode dem Problem nicht gerecht wird. Der Mensch selbst war der Schöpfer dieses unmöglichen Ideals und versuchte, es aufrechtzuerhalten, ja nach ihm zu leben – mehr als ein Jahrtausend lang. Darum muß es einem tiefen Bedürfnis entsprechen, jedenfalls einem fundamentaleren, als es Gibbons aufklärerisches Denken zulassen und seine elegante Ironie bewältigen konnte. Aber, obwohl ich die Gegenwärtigkeit dieses Ideals erkenne, erfordert es eine größere Religiosität als die meine, sich damit identifizieren zu können.

Das Rittertum, die grundlegende politische Idee der herrschenden Klasse, hinterließ eine ebenso große Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit wie die Religion. Das Ideal war die Vision einer Ordnung, die durch die Kriegerklasse aufrechterhalten wurde und in der Tafelrunde, der vollkommenen Form der Natur, ihr Sinnbild fand. Die Ritter König Artus' zogen für das Recht gegen Drachen, Hexenmeister und Bösewichter, sie brachten Ordnung in eine verwirrte Welt. So sollten auch ihre lebenden Gegenstücke der Verteidigung des Glaubens dienen, der Gerechtigkeit, der Erlösung der Unterdrückten. In Wirklichkeit aber waren sie selbst die Unterdrücker, und im 14. Jahrhundert waren die Gewalttätigkeit und Gesetzlosigkeit der »Männer des Schwertes« eine Hauptquelle der Unordnung. Wenn die Kluft zwischen dem Ideal und der Realität zu groß wird, bricht das System zusammen. Legenden und Geschichten spiegeln dieses Thema. Im Artusroman zerbricht die Tafelrunde von innen her. Das Schwert kehrt in den See zurück, die Geschichte beginnt von neuem. Der Mensch, gewalttätig, zerstörerisch, gierig und schwach, klammert sich an seine Vision der Ordnung und beginnt seine Suche von neuem.

[17]

Eine Anmerkung zum Geld

Die mittelalterlichen Währungen leiten sich ursprünglich von der libra (livre, pound oder Pfund) ab, einem Pfund reinen Silbers, aus dem 240 Silberpfennige geschlagen wurden. Später wurde der Schilling oder Sous (im Wert von zwölf Pfennigen) dem eingeordnet, wobei wiederum 20 Schillinge oder Sous ein Pfund ausmachten. Der Florin, Dukat, Franc (im Plural hier immer »Franken«, Anm. der Übers.), Livre, Écu, Mark und das englische Pfund waren alle theoretisch mehr oder minder soviel wert wie das ursprüngliche Pfund, obwohl im Laufe der Zeit ihr Gewicht und Goldanteil variierten. Dem Standard am nächsten kam eine Münze, die 3,5 Gramm Gold enthielt und in Florenz geschlagen wurde (der Florin). Dem entsprach der Dukat von Venedig. Wenn das Wort »Gold« vor der Bezeichnung einer Münze auftaucht, wie in Goldfranc, Goldécu, Goldmouton etc., heißt das, daß es sich um Hartgeld handelte. Wenn die Währungsbezeichnung allein erscheint oder in Frankreich das Livre (hier immer Pfund, Anm. der Übers.) in einer seiner verschiedenen Formen – parisis, tournois, bordelaise, jeweils mit leichten Wertunterschieden –, handelt es sich bei der fraglichen Währung um Rechnungseinheiten, die nur auf dem Papier standen.

Nach diesem kurzen Blick auf die Komplikationen des Problems ist der Nichtspezialist, glaube ich, gut beraten, sich über diese Dinge keine Sorgen zu machen, denn die Bezeichnungen der Münzen und Währungen bedeuten ohnedies lediglich in Hinsicht auf ihre Kaufkraft etwas. Wenn ich die Bezahlung für den Unterhalt von Soldaten, die Löhne der Arbeiter, den Preis eines Pferdes oder eines Pflugs, die Lebenshaltungskosten einer bürgerlichen Familie erwähne, versuche ich ab und zu, die Zahlen auf reale Werte zu beziehen. Ich habe es nicht unternommen, verschiedene Währungen durch eine einzige auszudrücken, denn der Wert schwankte unablässig ebenso wie der Silber- und Goldanteil der Münzen. Darüber hinaus differierten Hartgeld und Geld als Rechnungseinheit auf dem Papier, auch wenn sie die gleiche Bezeichnung trugen. Ich habe deshalb in jedem Fall die Währung übernommen, die in den Dokumenten der Chronisten auftaucht, und möchte dem Leser nahelegen, diese Summenbezeichnungen ganz unproblematisch auf die grundlegende Einheit des Pfundes zu beziehen.

 

[19]

Kapitel 1
»Ich bin der Sire de Coucy«: Das Geschlecht

Von der Spitze eines Hügels in der Picardie überragte die fünftürmige Burg von Coucy achtunggebietend den nördlichen Zugang nach Paris. Ob als Hüter oder Herausforderer der Monarchie, darüber war man sich in der Hauptstadt nicht im klaren. In der Mitte der Burg erhob sich ein mächtiger Rundturm auf die doppelte Höhe der vier Ecktürme. Das war der donjon. Der Turm war die zentrale Befestigung der Anlage, der größte in Europa, der stärkste, der je im Mittelalter oder danach erbaut wurde. Dreißig Meter im Durchmesser, sechzig Meter hoch, konnte er während einer Belagerung tausend Leute beherbergen. Der Bergfried überschattete und beschützte die Burg zu seinen Füßen, die zusammengedrängten Dächer der Stadt, den Glockenturm der Kirche und die dreißig Wachtürme der Wehrmauer, die den gesamten Komplex umschloß. Reisende aus allen Richtungen konnten diesen Beweis freiherrlicher Macht sehen, und sie empfanden schon Meilen entfernt die Ehrfurcht, die den Reisenden im Land der Ungläubigen beim ersten Anblick der Pyramiden ergriff.

Von ihrer eigenen Größe überzeugt, hatten seine Bewohner das Innere des Bergfrieds in einem Maßstab ausgeführt, der den des normalen Sterblichen überstieg. Die Treppenstufen waren vierzig Zentimeter hoch, die Fenstersitze über einen Meter vom Boden, als ob sie für ein Geschlecht von Riesen bestimmt gewesen wären. Die Fensterstürze von zwei Kubikmetern Rauminhalt waren nicht weniger heroisch. Mehr als hundert Jahre hatte das Geschlecht, das sich in diesen Dimensionen widerspiegelte, seine Neigung zum Exzeß der Welt gezeigt. Ehrgeizig, gefährlich, häufig grausam, hatten sich die Coucys auf einem beherrschenden Hügelvorsprung niedergelassen. Von ihrer Burg aus kontrollierten sie den Durchgang vom Tal der Aillette zum größeren der Oise. Von hier aus hatten sie Könige herausgefordert und Kirchen geplündert, waren zu Kreuzzügen aufgebrochen, auf denen sie ihr Leben lassen mußten, hier hatten sie die Strafen für die Verbrechen, die sie begangen hatten, verbüßt. Sie wurden besiegt und exkommuniziert, aber sie vermehrten ihr Land, heirateten in die königliche Familie ein und nährten den Stolz, der »Coucy à la merveille!« zu seinem Schlachtruf wählte. Sie zählten zu den vier großen Baronien Frankreichs, sie verachteten Adelstitel und gaben sich ein Motto von schlichter Arroganz:

[20]Roi ne suis,
Ne prince, ne duc, ne comte aussi;
Je suis le sire de Coucy.
(Nicht König bin ich,
Nicht Prinz noch Herzog noch Graf,
Der Herr von Coucy bin ich.)

1223 begonnen, stand die Burg in derselben architektonischen Tradition wie die großen Kathedralen, deren Ursprung ebenfalls in Frankreichs Norden zu finden ist. Vier der größten wurden in derselben Zeit wie die Burg der Coucys erbaut, in Laon, Reims, Amiens und Beauvais, allesamt im Umkreis von fünfzig Kilometern von Coucy. Dauerte es normalerweise fünfzig bis einhundertfünfzig Jahre, eine Kathedrale fertigzustellen, so wurden die umfangreichen Bauarbeiten in Coucy samt Bergfried, Befestigungsanlagen und unterirdischen Verbindungstunneln in dem erstaunlich kurzen Zeitraum von sieben Jahren unter dem unbeugsamen Willen eines einzigen Mannes, Enguerrand III. de Coucy, vollendet.

Die Fläche des Burgkomplexes betrug etwa zwei Morgen. Ihre vier Ecktürme, jeder von ihnen etwa dreißig Meter hoch und gut zwanzig Meter im Durchmesser, wurden zusammen mit den drei Außenmauern direkt an den Rand des Burghügels gebaut. Der einzige Zugang zu diesem Komplex war ein Wehrtor in der inneren Mauer. Es lag nahe dem Bergfried und wurde von zwei Wachtürmen geschützt, von Wassergraben und Fallgitter. Dieses Tor führte auf den »Place d'armes« hinaus, ein Gelände von etwa sechs Morgen, das Stallungen, Wirtschaftsgebäude, einen Turnierplatz und Weideflächen für die Pferde der Ritter beherbergte. Dahinter, wo sich der Hügel wie ein Schwalbenschwanz ausweitete, lag die Stadt mit ihren Häusern und der breittürmigen Kirche. Drei Wehrtore in der äußeren Befestigungsmauer, die den gesamten Hügel umgab, gaben den Weg in die Außenwelt frei. Auf der Südseite fiel der Hügel nach Soissons in einem steilen, leicht zu verteidigenden Abhang ab, auf der Nordseite, wo das Gelände in das Plateau von Laon auslief, versperrte ein breiter Wassergraben den Weg.

Innerhalb der sechs bis zehn Meter dicken Mauern verband ein spiralenförmiges Treppenhaus die drei Stockwerke des Bergfrieds. Ein offenes Loch oder »Auge« im Dach des Turms, das in jeder Etage sein Gegenstück hatte, spendete spärliche Beleuchtung, im Innern herrschte immer das Halbdunkel. Die Löcher in den Deckengewölben erlaubten es auch, Waffen und Verpflegung von Stockwerk zu Stockwerk zu hieven, ohne den beschwerlichen Weg über die Treppen machen zu müssen. Auf demselben Weg konnten mündliche Kommandos an die gesamte Besatzung erteilt werden. 1200 bis 1500 Bewaffnete konnten hören, was von der mittleren Plattform aus gerufen wurde. Der Bergfried hatte Küchen, die, wie ein beeindruckter Zeitgenosse sagte, [21]»Kaiser Neros würdig« waren. Auf dem Dach gab es einen Regenwasserfischteich, im Keller war eine Quelle; Backöfen, Lagerräume und große Feuerstellen mit Rauchabzug und Latrinen gab es in jedem Stockwerk. Unterirdische Gewölbegänge führten zu jedem Teil der Anlage, zum offenen Hof genauso wie zu den geheimen Ausgängen außerhalb der Befestigungsanlagen, durch die die belagerte Festung versorgt werden konnte. Von der Spitze des Turms konnte ein Beobachter die gesamte Gegend bis zum dreißig Kilometer entfernten Wald von Compiègne einsehen, wodurch Coucy auch gegen Überraschungsangriffe gesichert war. Diese Festung war sowohl in der Planung als auch in der Ausführung die perfekteste militärische Bastion des mittelalterlichen Europas, und sie hatte die kühnsten Ausmaße.

Ein durchgängiges Prinzip formte die Burg: Verteidigungsanlage statt Wohnsitz. Als Befestigung war sie ein Symbol mittelalterlichen Lebens, so beherrschend wie das Kreuz. In dem gewaltigen, alles andere als romantischen Bilderbogen des mittelalterlichen Lebens, dem Rosenroman, stellt die Burg der Rose die letzte Bastion dar, die genommen werden muß, um das Ziel der sexuellen Sehnsucht zu erreichen. In der Wirklichkeit zeugten die Befestigungsanlagen von der Gewalttätigkeit, die die mittelalterliche Geschichte prägte. Der architektonische Vorläufer der Burg, die römische Villa, war unbefestigt gewesen, vertraute dem römischen Recht und den Legionen, die ihr Schutzwall waren. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs entstand die mittelalterliche Gesellschaft als ein Komplex einander widerstreitender Teile, der keiner effektiven weltlichen Zentralmacht unterworfen war. Als organisatorisches Prinzip bot sich nur die Kirche an, und dies war der Grund ihres Erfolgs, denn die Gesellschaft kann die Anarchie nicht ertragen.

Aus dieser Turbulenz heraus begann sich eine zentrale weltliche Macht in Gestalt der Monarchie zu bilden, aber sie geriet, sobald sie wirksam wurde, auf der einen Seite mit der Kirche in Konflikt und auf der anderen Seite mit den Freiherren. Gleichzeitig entwickelte das Bürgertum der Städte seine eigene Ordnung und verkaufte seine Unterstützung an Barone, Bischöfe oder Könige als Gegenleistung für die Gewährung von Stadtrechten. Indem sie die Freiheit des Handels garantierten, kennzeichnen diese Bullen städtischer Rechte den Aufstieg des urbanen dritten Standes. Das politische Gleichgewicht zwischen den rivalisierenden Gruppen war unstabil, weil der König keine bewaffneten Kräfte zu seiner ständigen Verfügung hatte. Er konnte lediglich auf die feudale Verpflichtung seiner Vasallen zurückgreifen, ihm begrenzte militärische Dienste zu leisten, die später durch bezahlte Söldner verstärkt wurden. Die Herrschaft war noch persönlich, leitete sich aus dem Lehen und dem Gefolgschaftsschwur her. Nicht die Beziehung zwischen Bürger und Staat, sondern die zwischen Lehnsmann und Herr war die geltende politische Verbindlichkeit. Der Staat lag noch in den Geburtswehen.

[22]Durch seine günstige Lage im Mittelpunkt der Picardie war der Besitz Coucy, wie die Krone selbst anerkannte, »einer der Schlüssel zum Königreich«[1]. Von Flandern im Norden bis zum Ärmelkanal und den Grenzen der Normandie stellte die Picardie den Hauptzugang zum nördlichen Frankreich dar. Ihre Flüsse führten sowohl nach Süden in die Seine als nach Norden in den Ärmelkanal. Ihr fruchtbarer Boden machte sie zum wichtigsten Ackerbaugebiet Frankreichs mit Weiden und Weizenfeldern, mit Waldungen und schöngelegenen, wohlhabenden Dörfern. Die Rodung, der erste Schritt zur Zivilisation, hatte mit den Römern begonnen. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts bot die Picardie einer viertel Million Haushalten oder mehr als zwei Millionen Menschen Lebensraum, was sie neben Toulouse zur einzigen Provinz Frankreichs machte, die im Mittelalter bevölkerungsreicher war als heute. Die Bevölkerung war selbstbewußt und freiheitsliebend, ihre Städte waren die ersten, die Gemeinderechte erwarben.

In der Grauzone zwischen Legende und überlieferter Geschichte war das Gut Coucy ursprünglich wohl ein Grundbesitz der Kirche, mit dem wahrscheinlich St. Remigius, der erste Bischof von Reims, von Chlodwig, dem ersten christlichen Frankenkönig, belehnt worden war. Das soll um das Jahr 500 geschehen sein. Nach seinem Übertritt zum Christentum hatte nämlich Chlodwig das Gebiet von Coucy seinem Täufer, dem Bischof der neuen Diözese von Reims, geschenkt. Er vollzog im kleinen, was Kaiser Konstantin mit seiner Schenkung getan hatte. Mit der Konstantinischen Schenkung war die Kirche sowohl staatlich etabliert als auch tödlich belastet. Wie William Langland schrieb:

Als die Großzügigkeit Konstantins der hl. Kirche Unterhalt gab,
Durch die Ländereien und Lehen, mit Herren und Dienern,
Da hörten die Römer hoch im Himmel einen Engel weinen,
»Dieser Tag der kirchlichen Schenkung hat Gift getrunken,
und alle, die Petrus' Macht gewinnen, sind vergiftet auf immer.«

Dieser Konflikt zwischen dem Streben nach göttlicher Gnade und der Versuchung der weltlichen Macht sollte zum zentralen Problem des Mittelalters werden. Der kirchliche Anspruch auf geistige Führung konnte niemals vor allen Gläubigen erfolgreich vertreten werden, wenn die kirchliche Macht auf weltliche Güter gegründet war. Je mehr Reichtümer die Kirche ansammelte, desto sichtbarer und störender wurde dieser Bruch, er konnte nie überbrückt werden, er weitete sich vielmehr aus und bestärkte Zweifel und Abweichung in jedem Jahrhundert.

In den frühesten lateinischen Dokumenten wurde Coucy »codicianum« oder »codiacum« genannt, was wahrscheinlich auf das Wort »codex, codicis« zurückzuführen ist, ein geschälter Baumstamm, wie er von den Galliern [23]zum Bau von Palisaden benutzt wurde. Vier Jahrhunderte lang blieb dieser Ort im Schatten der geschichtlichen Ereignisse, bis dann im Jahre 910 oder 920 Hervé, Erzbischof von Reims, die erste primitive Befestigung auf dem Hügel erbaute, um die Invasion der Normannen in das Tal der Oise einzudämmen. Siedler, die hinter den bischöflichen Mauern Zuflucht suchten, gründeten die obere Stadt, die als Coucy-le-Château bekannt wurde, im Unterschied zu Coucy-la-Ville. In diesen wilden Zeiten war das Gebiet ein ständig umkämpftes Pfand zwischen Erzbischöfen, Baronen und Königen, die alle gleichermaßen kriegerisch waren. Der Kampf gegen die Invasoren, Mauren im Süden und Normannen im Norden, hatte ein Volk von hartgesottenen Kämpfern hervorgebracht, die untereinander ebenso streitlustig wie verteidigungsbereit gegen Außenseiter waren. 975 übergab Oderich, Erzbischof von Reims, das Lehen an einen Mann, der sich Graf von Eudes nannte und der erste Herr von Coucy wurde. Von dieser Person ist nichts bekannt, außer daß sie ihren Nachkommen einen Zug von ungewöhnlicher Stärke und Wildheit vererbte.

Die erste nennenswerte urkundliche Erwähnung des Geschlechts der Coucys war eher religiöser als kriegerischer Art. Es handelte sich um die Gründung der Benediktinerabtei von Nogent am Fuß des Hügels durch Aubry de Coucy im Jahre 1059. Diese Stiftung überschritt das übliche Maß des Dankes für geistliche Fürsprache bei weitem, sollte wohl die Bedeutung des Spenders unterstreichen und die Rettung seiner Seele erkaufen. Ob die anfänglichen Einkünfte der Abtei nun mager waren, wie der Abt Guibert klagte, oder nicht – das Kloster blühte auf und überlebte das aufstrebende Geschlecht der Coucys, das es durch ständige Spenden zunächst am Leben hielt.

Aubrys Nachfolger, Enguerrand I., war ein skandalumwitterter Mann, der nach Abt Guibert von einer Leidenschaft für Frauen besessen war (der Abt selbst war Opfer seiner unterdrückten Sexualität, wie er in den Confessiones enthüllte). Enguerrand erreichte mit Hilfe eines willfährigen Bischofs, der sein Vetter war, die Scheidung von seiner ersten Frau Adèle de Marle wegen Ehebruchs. Er war einer gewissen Sybil verfallen, der Frau eines Freiherrn aus Lothringen, die er heiratete, während deren Mann im Krieg war und sie selbst nach einer dritten Liaison schwanger war. Von Sybil de Marle sagte man, daß sie eine Frau von liederlicher Moral war.

In dieser unheiligen Familiensituation wuchs der »rasende Wolf«, Sohn der tugendhaften Adèle, auf (so wenigstens nannte ihn ein anderer berühmter Abt, Suger von St. Denis), Thomas de Marle, der berüchtigtste und wildeste der Coucys. Er haßte seinen Vater bitter, weil dieser die Vaterschaft in Zweifel gezogen hatte. Er nahm an dem endlosen Kampf teil, den der ehemalige Mann seiner Mutter Adèle gegen Enguerrand I. begonnen hatte. Diese Privatkriege wurden von den Rittern mit wilder Kampfeslust geführt, sie kannten nur eine einzige Strategie: den Feind dadurch zu bezwingen, daß man so viele Untertanen wie möglich entweder tötete oder verstümmelte, die Ernte vernichtete [24]und Weinberge, Werkzeuge, Scheunen und anderen Besitz zerstörte, um die Einkünfte aus dem Lande zu reduzieren. Aus diesem Grund war die Bauernschaft das Hauptopfer der kriegführenden Parteien. Abt Guibert behauptete, daß in dem »unsinnigen Krieg« Enguerrands gegen den Lothringer den Gefangenen die Augen ausgestochen und die Füße abgeschlagen worden waren. Diese Privatfehden waren der Fluch Europas, und vielleicht sind die Kreuzzüge unbewußt auch deshalb erfunden worden, um ihnen ein Ende zu setzen und den Aggressionen ein anderes Ventil zu öffnen. Im Jahre 1095 folgten sowohl Enguerrand I. als auch sein Sohn Thomas dem großen Aufruf zum Ersten Kreuzzug zur Verteidigung des Heiligen Grabes und trugen ihren Haß aufeinander nach Jerusalem und zurück, ohne jede Verminderung. Das Familienwappen der Coucys leitet sich aus einem Heldenstück dieses Kreuzzugs ab, wobei unklar ist, ob der Ausführende Enguerrand oder Thomas war. Einer von ihnen wurde von Mohammedanern überfallen, als er und seine fünf Begleiter schon die Rüstung abgelegt hatten. Der Betreffende warf seinen Purpurmantel ab und zerriß ihn in sechs Streifen, die als Banner im Kampfgewühl dienten. So ausgerüstet fielen die Männer über die Feinde her und vernichteten sie. Zum Gedenken an diese Tat wurde ein Wappenschild entworfen, der sechs horizontale Streifen trug, rot auf weißem Feld.

Im Jahre 1116 konnte Thomas als Erbe seiner Mutter die Gebiete von Marle und La Fère dem Besitz der Coucys anschließen. Ungezähmt setzte er seine Fehden und Räubereien fort, bekämpfte Kirche, Stadt und König gleichermaßen, wobei ihm »der Teufel half«, wie Abt Suger klagte. Er raubte die Pfründe von Mönchsklöstern, folterte Gefangene (laut Überlieferung hängte er Männer an den Hoden auf, bis diese durch das Gewicht des Körpers abrissen), durchschnitt persönlich die Kehlen von dreißig aufständischen Stadtbürgern, verwandelte seine Burgen in »Drachennester und Räuberhöhlen« und wurde von der Kirche exkommuniziert, die ihm in Abwesenheit die Ritterwürde absprach und beschloß, daß dieser Bannspruch allwöchentlich in den Sonntagsgottesdiensten jeder Gemeinde der Picardie verlesen werden mußte. König Ludwig VI. stellte eine Streitmacht gegen Thomas zusammen, und es gelang ihm, geraubte Schlösser und Ländereien zurückzuerobern. Am Ende seines Lebens war auch Thomas gegen jene Hoffnung auf Erlösung und Furcht vor der Hölle nicht gefeit, die der Kirche durch die Jahrhunderte so viele reiche Erbschaften eingebracht hat. Er hinterließ der Abtei von Nogent eine großzügige Schenkung, gründete die nahe gelegene Abtei von Prémontré und starb 1130 im Bett. Er war dreimal verheiratet gewesen, und Abt Guibert hielt ihn für »den verderbtesten Menschen seiner Generation«.

Was einen Mann wie Thomas de Marle formte, war nicht unbedingt Veranlagung oder Vaterhaß, der in jeder Generation auftreten kann, sondern die Gewöhnung an eine Gewalttätigkeit, die sich ausbreiten konnte, weil es kein wirksames Organ der Kontrolle gab.

[25]Erst im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich eine solche Zentralgewalt, während sich die soziale Energie und die künstlerischen Talente Europas auf einen der größten Entwicklungsschübe der Zivilisationsgeschichte vorbereiteten. Ausgehend vom Handel, fand in den Künsten, der Wissenschaft, der Architektur, der Technik, den Banken und im Kreditwesen in den Städten und Universitäten ein Aufschwung statt, der neue Horizonte aufzeigte und das alltägliche Leben veränderte. Diese zweihundert Jahre waren das Hochmittelalter, das den Kompaß und das Uhrwerk einführte, das Spinnrad und den mechanischen Webstuhl, Wind- und Wassermühlen. Es war die Zeit, in der Marco Polo nach China reiste und Thomas von Aquin mit der scholastischen Ordnung der Wissenschaften begann, in der in Paris, Bologna, Padua und Neapel Universitäten gegründet wurden, in Oxford und Cambridge, in Salamanca und Valladolid, in Montpellier und Toulouse, in der Giotto menschliche Gefühle malte, Roger Bacon sich auf die experimentelle Wissenschaft warf und Dante seinen großen Entwurf menschlichen Schicksals in der Umgangssprache seiner Zeit schrieb. Es war die Zeit, in der die Religiosität sich sowohl in den Predigten des heiligen Franziskus wie auch in der Grausamkeit der Inquisition ausdrückte, in der der Kreuzzug gegen die Albigenser im Namen des rechten Glaubens den Süden Frankreichs in Blut tränkte, während die Kathedralen Bogen um Bogen gegen den Himmel strebten, Triumphe von Kreativität, Technologie und Glauben.

Sie wurden nicht mit Sklavenarbeit erbaut. Obwohl eine begrenzte Leibeigenschaft bestand, waren die Rechte und Pflichten der Leibeigenen durch Gewohnheitsrecht und Tradition geschützt, und die Arbeit der mittelalterlichen Gesellschaft wurde, anders als in der Antike, von ihren eigenen Mitgliedern ausgeführt.


In Coucy folgte nach dem Tod von Thomas eine sechzigjährige Periode respektablerer Herrschaft unter seinem Sohn Enguerrand II. und seinem Enkel Raoul I., die zu ihrem Vorteil mit der Krone zusammenarbeiteten. Beide folgten den Aufrufen zu den Kreuzzügen des 12. Jahrhunderts und verloren jeweils im Heiligen Land ihr Leben. Vielleicht aus finanziellen Schwierigkeiten heraus verkaufte die Witwe Raouls I. 1197 Coucy-la-Château die Gemeinderechte für 140 Pfund.

Eine solche Demokratisierung war weniger ein Schritt auf dem Weg einer ständigen Liberalisierung, wie es die Historiker des 19. Jahrhunderts gerne gesehen hätten, als vielmehr ein zufälliges Nebenprodukt der adligen Leidenschaft, Krieg zu führen. Da er sich selbst und seine Gefolgschaft mit teuren Waffen, Rüstungen und Pferden ausstatten mußte, kam der Kreuzritter, wenn er überlebte, gewöhnlich ärmer nach Hause, als er aufbrach. Kam er nicht zurück, hinterließ er nicht selten ein geschmälertes Besitztum, da die Kreuzzüge außer dem ersten weder siegreich noch gewinnbringend waren. Die einzige [26]Möglichkeit, das auszugleichen – da Landverkauf undenkbar war –, war der Verkauf von städtischen Rechten oder die Verwandlung von Dienstverpflichtungen und Frondiensten in Pacht. In der aufblühenden Wirtschaft des 12. und 13. Jahrhunderts brachten die Profite aus Handel und Ackerbau den Bürgern und Bauern die Mittel, um Freiheiten und Rechte durch Kauf zu erwerben.

In Enguerrand III., genannt der Große, Erbauer der neuen Burg und des Hauptturms, tauchte die Maßlosigkeit der Coucys wieder auf. Von 1191 bis 1242 ließ er Burgen und Befestigungsanlagen auf sechs seiner Güter neben Coucy erbauen, einschließlich dem von St. Gobain, das fast so groß wie Coucy war. Er nahm an dem Gemetzel des Albigenserkreuzzugs teil und an jedem anderen Feldzug, der ihm nur irgendwie erreichbar war. Wie sein Großvater Thomas kämpfte er auch gegen die Diözese von Reims, eine Auseinandersetzung, die aus einem Streit über feudale Rechte erwuchs. Er wurde angeklagt, die Ländereien der Diözese geplündert, die Bäume gefällt, ihre Dörfer besetzt, sich gewaltsam Zugang zur Kathedrale verschafft, den Dekan in Ketten gelegt und die Geistlichkeit an den Bettelstab gebracht zu haben.

Als der Erzbischof von Reims 1216 Beistand beim Papst erflehte, wurde Enguerrand III. ebenfalls exkommuniziert, und den Priestern wurde befohlen, die Gottesdienste abzubrechen, wenn Enguerrand auftauchte. Eine Person unter dem Bann war von den Sakramenten ausgeschlossen und zur Hölle verdammt, bis sie ihre Taten bereute und von ihnen losgesprochen wurde. In schwerwiegenden Fällen konnte nur der Bischof und in einigen Fällen sogar nur der Papst den Bann aufheben. Während er in Kraft war, mußte der örtliche Priester den Fluch zwei- oder dreimal jährlich vor der Gemeinde im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, aller Apostel und im Namen aller Heiligen aussprechen; dabei sollte die Totenglocke ertönen, die Kerzen mußten gelöscht werden, Kreuz und Meßbuch auf dem Boden liegen. Eigentlich sollte der Schuldige von allen sozialen Beziehungen isoliert werden, aber die Unannehmlichkeiten für alle Beteiligten waren so groß, daß sich die Nachbarn entweder darauf verlegten, sein Haus mit Steinen zu bewerfen, um ihn zur Reue zu bewegen, oder den Bann zu ignorieren. Im Falle Enguerrands III. war die Einstellung der Gottesdienste ein schrecklicher Urteilsspruch für die Gemeinden. Schließlich machte Enguerrand 1219 seinen Frieden mit der Kirche, nachdem er Buße getan hatte. Das aber milderte nicht seinen weltlichen Machtanspruch; er baute weiter seine mächtige Burg aus, die ihren Schatten bis nach Paris warf.

Die Eile, mit der er den Bau vorantrieb, ging auf die Erwartung zurück, einen Feldzug gegen den minderjährigen König Ludwig IX. zu führen, den späteren Ludwig den Heiligen. Enguerrand führte eine Liga von Baronen gegen die Krone und hegte nicht zuletzt, wie einige sagten, eigene Ambitionen auf den Thron. Durch seine Mutter, Alix de Dreux, die von Philipp I. abstammte, hatte [27]er königliches Blut in den Adern. Der Hauptturm seiner Burg sollte den königlichen Turm des Louvre überragen als Zeichen seines Trotzes und seines Anspruchs. Aber die Mutter des Infanten widerstand der Bedrohung, obwohl der Herr von Coucy eine Kraft blieb, mit der gerechnet werden mußte. Durch Heiraten häufte dieser weiterhin Reichtümer und internationales Ansehen an. Seine erste und seine dritte Frau stammten aus benachbarten Adelsfamilien und brachten zusätzliches Eigentum in der Picardie in die Ehe. Seine zweite Frau war Mathilde von Sachsen, Tochter von Heinrich dem Löwen, Herzog von Sachsen, sie war Enkelin Heinrichs II. von England und Eleonores von Aquitanien, Nichte von Richard Löwenherz und Schwester Ottos von Sachsen, des späteren Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Enguerrands Tochter aus einer dieser Ehen heiratete Alexander II., König von Schottland.

Bei der Erbauung von Coucy beschäftigte Enguerrand etwa achthundert Steinmetzen, unzählige Ochsengespanne, um die Steine vom Steinbruch zum Bauplatz zu ziehen, und ungefähr achthundert weitere Handwerker, so z. B. Schreiner, Dachdecker, Schmiede, Anstreicher und Tischler. Über dem Tor zum Hauptturm wurde eine Reliefskulptur von einem mit einem Löwen kämpfenden Ritter ohne Rüstung angebracht, ein Symbol ritterlichen Muts. Eingelassene Kamine in den Wänden der Burg gehörten überall zur Ausstattung. Im Gegensatz zu einem einfachen Rauchabzug im Dach stellten diese Kamine einen technischen Fortschritt des 11. Jahrhunderts dar, der es durch die Beheizung einzelner Zimmer ermöglichte, daß sich die Herrschaften aus der Gemeinschaft zurückzogen, die sich in der Haupthalle um das offene Feuer versammelte, sie trennten die Herren von der Gefolgschaft. Die Erfindung erhöhte die Bequemlichkeit, allerdings auf Kosten der sozialen Gemeinschaft. In einem versteckten Winkel des zweiten Stockwerks lag ein kleiner Raum mit einem eigenen Kamin, vielleicht ein Boudoir für die Dame des Hauses. Von hier aus hatte sie einen weiten Blick über das Tal mit seinen Glockentürmen, die die Dörfer und ihre Baumgruppen überragten, und sie konnte die Leute auf der aufsteigenden Straße kommen und gehen sehen. Abgesehen von diesem winzigen Zimmer lagen alle Räume der Familie Coucy in dem Teil der Burg, der von außen am schwierigsten zu erreichen war.

Im Jahre 1206 erwarben die Bürger von Amiens, der stolzen und florierenden Hauptstadt der Picardie, die schon auf eine hundertjährige Stadtgeschichte zurückblicken konnte, einen Teil des Kopfes von Johannes dem Täufer. Um dieser Reliquie einen würdigen Aufbewahrungsort zu geben, beschlossen sie, die mächtigste Kirche Frankreichs zu bauen, »höher als alle Heiligen, höher als alle Könige«. Um 1220 waren die Mittel gesammelt, und das erhabene Gewölbe der Kathedrale strebte gen Himmel. In derselben Zeit erbaute Enguerrand III. neben dem Hauptturm auch eine Kapelle, die größer war als die Heilige Kapelle, die Ludwig der Heilige ein paar Jahre später in Paris bauen sollte. Sie war reich geschmückt mit Malereien und Schnitzwerk, mit [28]prachtvollen Gewölben und goldenen Verzierungen. Ihr Prunkstück aber waren die Glasmalereien der Fenster, die so schön waren, daß der größte Sammler des folgenden Jahrhunderts, Johann, Herzog von Berry, sie für 12 000 Goldécus zu erwerben trachtete.

Enguerrand war jetzt Feudalherr von St. Gobain, von Assis, von Marle, von La Fère, von Folembray, von Montmirail, von Oisy, von Crèvecœur, von La Ferté-Aucoul und La Ferté-Gauche, Großherzog von Meaux und Burgvogt von Cambrai. Vor langer Zeit schon, 1095, hatte die Krone die Lehenshoheit über Coucy von der Kirche übernommen, und nur dem König schuldete der Burgherr Treue. Während des 12. und 13. Jahrhunderts prägten der Burgherr von Coucy und der Bischof von Laon ihre eigenen Münzen. Nach der Zahl der Ritter, die die königlichen Vasallen im Kriegsfall dem König stellen mußten, war Coucy zu dieser Zeit die größte Baronie Frankreichs und rangierte unmittelbar nach den großen Herzogtümern und Grafschaften, die bis auf die Gefolgschaft, die sie dem französischen König leisten mußten, praktisch unabhängige Fürstentümer waren. Nach einem Dokument von 1216 mußte Coucy 30 Ritter stellen im Vergleich zu 34, die das Herzogtum Anjou aufbringen mußte, und den 36 bzw. 47 Rittern des Herzogs der Bretagne und des Grafen von Flandern.

Enguerrand III. starb 1242 ungefähr sechzigjährig, als sein eigenes Schwert ihn bei einem schweren Sturz vom Pferd durchbohrte. Sein ältester Sohn und Nachfolger, Raoul II., starb kurz darauf während jenes unglücklichen Kreuzzugs des heiligen Ludwig in Ägypten. An seine Stelle trat sein Bruder Enguerrand IV., eine Art mittelalterlicher Caligula, der durch eines seiner Verbrechen zum Veranlasser eines großen Fortschritts in der Sozialgesetzgebung seiner Zeit wurde.

Als er in seinen Wäldern einmal drei junge Edelleute aus Laon aufgriff, die zwar mit Pfeil und Bogen ausgerüstet waren, aber keine Hunde hatten, um größerem Wild nachzustellen, ließ Enguerrand sie ohne weiteres Verhör und ohne Prozeß sofort aufhängen. Da aber König Ludwig IX. ein Herrscher war, dessen Amtsführung seiner Frömmigkeit entsprach, war es nicht länger selbstverständlich, daß solche Delikte ungesühnt blieben. Der König ließ Enguerrand festnehmen, nicht standesgemäß von Adligen, sondern von den »Sergeanten« des Gerichts, wie einen gewöhnlichen Verbrecher. Er wurde im Louvre eingekerkert, allerdings aufgrund seines hohen Rangs nicht in Ketten gelegt.

Bei seiner Verhandlung wurde Enguerrand von den größten Fürsten des Reiches begleitet, dem König von Navarra, dem Herzog von Burgund, den Grafen von Bar und Soissons und vielen anderen, die in dem Vorgang einen Angriff auf ihre Vorrechte sahen. Enguerrand weigerte sich, sich der Untersuchung zu unterwerfen, da sie seine Ehre, seinen Stand und seine adlige Abstammung verletze. Er forderte einen Urteilsspruch durch die Fürsten seines [29]Ranges und verlangte ein Gottesurteil durch Zweikampf. Ludwig IX. wies diesen Anspruch fest zurück und bestand darauf, daß der Zweikampf in Fällen, die Arme, Kirchenleute oder »Personen, die unser Mitleid verdienen«, betreffen, nicht die richtige Verfahrensweise sei. Enguerrand wurde verurteilt, und obwohl der König ursprünglich das Todesurteil anstrebte, ließ er sich von den Fürsten überreden, darauf zu verzichten. Enguerrand wurde schließlich dazu verurteilt, eine Strafe von 12 000 Pfund zu bezahlen, die teils dazu diente, Messen für die ewige Seligkeit der Gehängten lesen zu lassen und teils nach Akkon geschickt wurde, um der Verteidigung des Heiligen Landes förderlich zu sein. Damit war ein Kapitel Rechtsgschichte geschrieben worden, das später bei der Heiligsprechung Ludwigs IX. als Begründung herangezogen werden sollte.

Der Reichtum der Coucys versetzte Enguerrand IV. in den Stand der königlichen Gnade zurück, als er König Ludwig 1265 15 000 Pfund lieh, um zu kaufen, was man für das wahre Kreuz hielt. Abgesehen davon setzte er seinen gewalttätigen Lebenswandel in das 14. Jahrhundert hinein fort und starb im hohen Alter von 75 Jahren im Jahre 1311, ohne Nachkommen, aber nicht ohne eine fromme Stiftung. Er hinterließ dem Leprosarium von Coucy-la-Ville »in alle Ewigkeit« jährlich 20 Sous (ein Pfund), damit die Insassen »jedes Jahr für uns und unsere Sünden beten«. Zwanzig Sous waren zu der damaligen Zeit die tägliche Entlohnung für einen Ritter oder vier Bogenschützen oder die zwanzigtägige Miete für einen Ochsenkarren oder ein doppeltes Jahresentgelt für einen bezahlten Bauern. So darf angenommen werden, daß es auch eine stattliche Anzahl von Gebeten bedeutete, wenn auch vielleicht nicht genug für eine Seele wie die Enguerrands IV. Als dieser unbetrauerte Fürst starb, hinterließ er, obwohl zweimal verheiratet, keine Erben, und der Titel ging an die Nachkommen seiner Schwester Alix, die mit dem Grafen von Guînes verheiratet war. Ihr ältester Sohn erbte Land und Titel der Guînes, während ihr zweiter Sohn Enguerrand V. der Herr von Coucy wurde. Am Hof von Alexander von Schottland, seinem Großonkel, aufgezogen, heiratete er Catherine Lindsay von Baliol, eine Nichte des Königs, und herrschte zehn Jahre. In schneller Folge kamen nach ihm sein Sohn Guillaume und sein Enkel Enguerrand VI., der den Besitz 1335 erbte und fünf Jahre später Vater von Enguerrand VII. werden sollte, dem letzten der Coucys und dem Helden dieses Buches. Durch weitere Heiraten mit mächtigen Familien aus Nordfrankreich und Flandern schufen die Coucys sich weitere starke und einflußreiche Verbindungen und erwarben Ländereien, Geldquellen und einen Wald von Bannern. Sie konnten zwölf Wappen vorweisen: Boisgency, Hainault, Dreux, Sachsen, Montmirail, Roucy, Baliol, Ponthieu, Châtillon, St. Pol, Geldern und Flandern.

Die Coucys hielten in ihrem Stolz hof wie große Fürsten. Sie hielten Gericht nach Art des Königs und unterhielten ihr Haus mit denselben Bediensteten wie der König: ein Waffenmeister, ein Hofmarschall, ein Jagdaufseher und [30]Falkner, ein Stallmeister, ein Förster, ein Küchenchef oder Oberkoch, ein Bäckermeister, ein Meister der Vorratskeller, der Fruchtlagerung (einschließlich Gewürze, Fackeln und Kerzen für die Beleuchtung) und ein Meister des Mobiliars (außerdem verantwortlich für die Teppiche und das Hoflager auf Reisen). Ein Feudalherr dieses Ranges beschäftigte gewöhnlich auch noch einen oder mehrere Ärzte, Friseure, Priester, Maler, Musiker, Sänger, Sekretäre und Schreiber, einen Astrologen, einen Hofnarren und einen Zwerg, daneben Pagen und Edelleute. Ein verdienter Lehnsmann arbeitete als Haushofmeister, als Châtelain oder Garde de Château, er leitete das gesamte Anwesen. Fünfzig Ritter, ihre Knappen, Begleiter und Diener bildeten in Coucy zusammen eine ständige Besatzung von fünfhundert Leuten.

Äußere Pracht war als Statuszeichen unentbehrlich, und das bedeutete eine große Gefolgschaft in der Livree des Fürsten, aufwendige Feste, Turniere, Jagden, Lustbarkeiten und vor allem großzügige Geschenke und eine verschwenderische Hofhaltung, die, weil das Gefolge davon lebte, als die meistbewunderten Attribute eines Adligen galten.

Der Adelsstand war den Rittern von Geburt und Abstammung zu eigen, aber er mußte durch ein »edles Leben« bestätigt werden, und das hieß ein Leben für das Schwert. Ein Adliger stammte von adligen Eltern, Großeltern und Vorfahren ab, die sich bis zu den ersten Rittersleuten zurückverfolgen ließen. In Wirklichkeit waren die Abstammungslinien aber nicht so deutlich und die Standeszugehörigkeit weniger gesichert und eher fließend. Das eine sichere Kriterium war die Funktion – und das war der Gebrauch von Waffen. Das war die dem zweiten der drei von Gott geschaffenen Stände zukommende Funktion. Alle drei Stände hatten eine feste Aufgabe zum Wohle des Ganzen. Der Kirchenmann sollte für alle Menschen beten, der Ritter für sie kämpfen, und die einfachen Menschen sollten arbeiten, damit sie alle zu essen hatten.

Da sie Gott am nächsten standen, rangierten die Geistlichen auf der obersten Stufe. Sie waren in zwei Hierarchien geteilt, die klösterliche und die weltliche, was für die letztere bedeutete, daß sie ihre Aufgaben unter den Laien wahrzunehmen hatte. An der Spitze beider Hierarchien standen die Prälaten – Äbte, Bischöfe und Erzbischöfe, das geistliche Gegenstück zu den weltlichen Fürsten. Ein Prälat und ein armer, ungebildeter Priester, der von Almosen lebte, hatten nur wenig gemeinsam. Der dritte Stand war noch weniger homogen, da er sowohl Dienstleistende und Arbeiter als auch die Gesamtheit der städtischen Würdenträger umfaßte, die Rechtsanwälte und Ärzte, die Zunfthandwerker, die Tagelöhner und Bauern. Nichtsdestoweniger bestand der Adel darauf, alle Nichtadligen als Gemeine zusammenzuwerfen. Ein Adliger vom Hofe des letzten Herzogs von Burgund schrieb, daß »die Städte, Handelsleute und Handwerker« nicht lange beschrieben werden müßten, da »ihnen wegen ihres dienenden Rangs keine großen Attribute zukommen«.

Die Aufgabe des Adelsstandes war theoretisch nicht das Kämpfen um des [31]Kämpfens willen, sondern die Verteidigung der anderen beiden Stände und die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Der Adlige sollte das Volk vor Unterdrückung schützen, die Tyrannei bekämpfen und der Tugend huldigen, das hieß, die höheren Ideale der Menschheit verwirklichen, zu denen die schmutzigen unwissenden Bauern von ihren christlichen Zeitgenossen – im Gegensatz zum Begründer des Christentums – nicht für befähigt gehalten wurden.

Ein Mann von Adel liebte sein Schwert als Symbol seiner Identität. »Keiner von uns hat einen Vater, der zu Hause starb«, deklamierte ein Ritter des 13. Jahrhunderts in seinem chanson de geste, »alle starben sie in der Schlacht des kalten Stahls.«

Der Pferderücken war der Platz des Ritters, ein erhöhter Sitz, der ihn über die übrigen Menschen stellte. In jeder Sprache außer der englischen (»knight«) bedeutet das Wort Ritter einen Mann auf dem Pferderücken. »Ein tapferer Mann auf einem guten Pferd«, so hieß es, »erreicht in einem einstündigen Kampf mehr, als zehn oder hundert Fußsoldaten könnten.« Der »Destrier«, das Schlachtroß, wurde gezüchtet, »schnell, wild, stark und treu« zu sein, und wurde nur im Kampf geritten. Während der Reise ritt der Ritter sein Reitpferd, auch mit großer Sorgfalt gezüchtet, aber von ruhigerem Temperament, während der Knappe das Schlachtroß mit der rechten Hand führte; daher stammt auch sein Name, »Destrier« von dexter, rechts. Im Militärdienst wurden der Ritter und sein Pferd als untrennbar angesehen, denn ohne Pferd war der Ritter nur ein Mann.

Die Schlacht war sein Entzücken. »Wenn ich schon einen Fuß im Paradies hätte«, verkündete Lohengrin, der Held eines chanson de geste, »zöge ich ihn zurück, um zu kämpfen.« Der fahrende Sänger Bertrand de Born, selbst adlig, wird noch deutlicher:

Mein Herz ist glückerfüllt, wenn ich sehe,
Wie stolze Burgen belagert werden, Palisaden fallen und überwunden werden,
Wenn Vasallen erschlagen auf dem Boden liegen,
Wenn die Pferde der Toten ziellos kreisen.
Und wenn dann der Kampf beginnt, darf jeder edle Mann
Nur an das eine denken, an splitternde Arme und Schädel.
Es ist besser zu sterben als besiegt zu leben.
Ich sag euch, es gibt keine größere Lust, als von beiden Seiten den Ruf
»Voran! Voran!« zu hören und das Wiehern der reiterlosen Hengste.
Und das Stöhnen »Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Und wenn ich sie dann fallen sehe,
Große und Kleine in Gräben und in das Gras,
Und die Toten, von Speeren durchbohrt!
[32] Ihr Herren, verpfändet Haus und Hof, eure Burgen und Städte,
Aber laßt nicht ab vom Kampf!

Dante schildert Bertrand in der Hölle, wie er seinen abgetrennten Kopf als Laterne vor sich herträgt.

Aus seinem Grundbesitz und seiner Zinsherrschaft leitete der Adlige sein Recht ab, über alle Gemeinen seines Gebiets mit Ausnahme der Geistlichkeit und der Kaufleute freier Städte zu herrschen. Die Autorität der »großen Herren« reichte bis zur höchsten Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, während die Macht der einfachen Ritter nur bis zu Gefängnis-, Prügel- und Geldstrafen ging. Die Grundlage und Rechtfertigung dieser Verhältnisse bestand in der Schutzherrschaft, die sich in dem Schwur des Herrn an seine Untertanen ausdrückte. Dieser war theoretisch ebenso bindend wie der Treueschwur der Untertanen selbst, ihr Schwur galt »nur, solange der Fürst den seinen hielt«. Die politischen Verhältnisse des Mittelalters waren im Idealfall ein Vertrag wechselseitiger Abhängigkeit, der für Dienst und Treue Schutz, Gerechtigkeit und Ordnung vorsah. Und wie der Bauer Naturalien und Arbeitskraft schuldete, so war der Fürst zu Hofdiensten bei seinem Oberherrn verpflichtet, als Berater im Frieden und als Kämpfer im Krieg. In allen Fällen war der Landbesitz der Bezugspunkt, und der Treueschwur war für beide Seiten verbindlich, Könige eingeschlossen.

Nicht alle Adligen waren große Herren wie die Coucys. Aber ein armer Ritter, der nur ein kleines Lehen und ein knochiges Pferd besaß, pflegte denselben Kult, wenn auch nicht dieselben Interessen wie ein Landesherr. Der gesamte Adel Frankreichs umfaßte an die 200 000 Personen in 40 000 bis 50 000 Familien, die ungefähr ein Prozent der Bevölkerung ausmachten. Die Abstufung reichte von den großen Herzogtümern mit einem Ertrag von mehr als 10 000 Pfund jährlich über die kleineren Burgherren mit ein oder zwei Vasallen und einem Einkommen von unter 500 Pfund bis zu den armen Rittern, die niemandes Herr waren und nur ein Haus und ein paar Felder hatten wie ein Kleinbauer.

Ein Knappe gehörte zwar von Geburt an dem Adelsstand an, ob er nun Ritter wurde oder nicht, aber dennoch wurden die Gerichte des öfteren angerufen, um festzustellen, welche Aufgaben ein Edelmann versehen konnte, ohne seinen Adelsstand zu verlieren. Konnte er zum Beispiel Wein von seinem Weinberg verkaufen? Das war eine delikate Frage, da die Könige den ihren regelmäßig verkauften. In einem 1393 zur Entscheidung dieser Frage vorgebrachten Fall entschied die königliche Verordnung höchst zweideutig, daß es »für einen Adligen nicht standesgemäß sei, eine Weinstube zu betreiben«. Einem anderen Urteil zufolge konnte ein Adliger Handel treiben, ohne seinen Stand zu verlieren. Söhne von adligen Vätern waren bekannt, »die davon leben und gelebt haben, Stoffe, Getreide, Wein und andere Handelswaren zu [33]vertreiben, oder als Krämer, Kürschner, Schuhmacher oder Schneider ihr Auskommen gefunden haben«, aber dergleichen Aktivitäten wird sie zweifellos ihre Privilegien als Adlige gekostet haben.

Der Kern dieses Problems wurde von Honoré Bonet verdeutlicht, einem Geistlichen des 14. Jahrhunderts, der in seinem Baum der Schlachten den tapferen Versuch unternahm, den Sittenkodex militärischen Verhaltens festzulegen. Der Grund für die Beschränkung kaufmännischer Unternehmungen liege darin, so schrieb er, daß »der Ritter durch das Streben nach Reichtum keinen Grund finden soll, seinen Waffendienst zu vernachlässigen«.

Solche Definitionsfragen wurden dem Geburtsadel in dem Maße wichtiger, wie ihr Status durch die Erhebung von Außenseitern in den Adel verwässert wurde. Die Krone hatte nämlich in der Gewährung von Stadtrechten und in der Belehnung von Gemeinen mit Ländereien eine lukrative Einnahmequelle entdeckt. Die Geadelten waren zumeist erfolgreiche Männer, die die Geldbedürfnisse des Königs befriedigten, oder sie waren Rechtsanwälte oder Notare, die dem König zunächst bei seinen zahlreichen Finanz- und Regierungsgeschäften auf den unterschiedlichsten Ebenen geholfen hatten.

Als die Regierungsgeschäfte immer komplexer wurden, entstand so nach und nach eine Gruppe von Berufsbeamten und Ministern der Krone. Männer dieser Gruppe wurden in den Dienstadel erhoben im Unterschied zum Schwertadel und wurden von den alten Adelsfamilien als Emporkömmlinge verachtet.

Dadurch wurde das heraldische Wappen als äußeres Zeichen, daß schon die Vorfahren das Recht hatten, Waffen zu tragen, zu einem Gegenstand fast kultischer Verehrung. Bei Turnieren wurde das Tragen des Wappens als Beweis adliger Abstammung erforderlich; für einige Turniere mußten es sogar vier sein. Da der Dienstadel anwuchs, steigerte sich der Snobismus des Geburtsadels – bis hin zu dem Tag im 15. Jahrhundert, als ein Ritter in die Turnierschranken ritt, dem nicht weniger als 32 Wappen nachgetragen wurden.


Als das 14. Jahrhundert anbrach, war Frankreich der führende Feudalstaat. Seine Überlegenheit in den Formen der Ritterlichkeit, in den Wissenschaften und in der Gottesfürchtigkeit seiner Bevölkerung wurde allgemein anerkannt, und als mächtigster Verfechter der Kirche wurde sein Monarch »der christlichste aller Könige« genannt. Seine Untertanen begriffen sich als das auserwählte Volk Gottes, durch das er seinen Willen auf Erden ausdrückte. Der klassische französische Bericht vom Ersten Kreuzzug wurde dementsprechend auch Gesta Dei per Francos genannt (Gotteswerke der Franzosen). Gottes Gunst wurde 1297 bestätigt, als der französische König Ludwig IX., Feldherr zweier Kreuzzüge, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode heiliggesprochen wurde.

»Der Ruhm der französischen Ritter«, schrieb Giraldus Cambrensis im 12. [34]Jahrhundert, »erfüllt die Welt«. Frankreich war das Land der »vollkommenen Ritterlichkeit«, in das die unzivilisierten deutschen Adligen kamen, um an den Höfen der französischen Fürsten Benehmen und Geschmack zu erlernen. Ritter und Fürsten aus ganz Europa trafen sich am königlichen Hof, um die Turniere, Festlichkeiten und auch die amourösen Abenteuer selbst zu erleben. Wer dort wohnte, hatte, dem blinden König Johannes von Böhmen zufolge, der den französischen Hof seinem eigenen vorzog, »den ritterlichsten Aufenthaltsort der Welt« gewählt. Die Franzosen, so schrieb der berühmte spanische Ritter Don Pero Niño, »sind großzügig und freigebig«. Sie wissen Fremde ehrenhaft zu behandeln, sie preisen große Taten, sie reden höflich und liebenswürdig, »sie sind fröhlich und suchen das Vergnügen. Sie sind Diener der Liebe, Männer wie Frauen, und sie sind stolz darauf«.

Als Folge der normannischen Eroberungen und der Kreuzzüge wurde Französisch vom Adel als zweite Muttersprache gesprochen, so vor allem in England, in Flandern, im Königreich von Neapel und in Sizilien. Es wurde von den flämischen Großkaufleuten als Handelssprache benutzt, diente in den Resten des Königreichs von Jerusalem als Gerichtssprache und wurde von Gelehrten und Dichtern anderer Länder benutzt. Marco Polo diktierte seine Reisen französisch, der heilige Franziskus sang französische Lieder, und ausländische Sänger gestalteten ihre Heldenlieder nach dem französischen chanson de geste. Ein venezianischer Gelehrter übersetzte eine lateinische Urkunde aus der Stadtgeschichte eher ins Französische als ins Italienische, »weil die französische Sprache in der ganzen Welt gesprochen wird und schöner zu schreiben und zu hören ist als jede andere«.

Die Architektur der gotischen Kathedralen wurde der »französische Stil« genannt, ein französischer Architekt wurde eingeladen, um die London Bridge zu entwerfen. Venedig importierte französische Puppen, die nach der letzten Mode gekleidet waren, um mit der französischen Mode Schritt zu halten. Kostbare Elfenbeinschnitzereien fanden ihren Weg aus Frankreich bis an die Grenzen der christlichen Welt. An erster Stelle mehrte die Universität von Paris den Ruhm der französischen Hauptstadt, sie übertraf alle anderen im Ruhm ihrer Lehrer und im Ansehen ihrer Lehre der Theologie und Philosophie, obwohl diese bereits in den Doktrinen der Scholastik erstarrte. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts überschritt ihr Lehrkörper bereits die Zahl 500, und die Studenten, die aus allen Ländern Europas heranströmten, waren kaum noch zu zählen. Paris war ein Magnet für große Köpfe. Thomas von Aquin lehrte dort im 13. Jahrhundert wie auch sein deutscher Lehrer Albertus Magnus und sein philosophischer Gegner Duns Scotus aus Schottland. Im nächsten Jahrhundert trafen sich dort die großen politischen Denker Marsilius von Padua und der Engländer Wilhelm von Ockham. Paris war wegen seiner Universität das »Athen Europas«, in dem sich, so sagte man, die Göttin der Weisheit niederließ, nachdem sie Griechenland und Rom verlassen hatte.

[35]Ihre aus dem Jahre 1200 stammende Charta der Rechte war der größte Stolz der Universität. Von der staatlichen Kontrolle ausgenommen, trat die Universität der Kirche ebenso hochmütig gegenüber wie der Krone und lag in ununterbrochenem Konflikt mit Bischof und Papst. »Ihr Pariser Meister an euren Schreibpulten scheint zu denken, daß die Welt von euren Überlegungen regiert wird«, tobte der päpstliche Legat Benedetto Gaëtani, der bald schon als Bonifatius VIII. Papst werden sollte, »aber uns ist die Welt anvertraut worden, nicht euch.« Weit entfernt, hiervon überzeugt zu sein, betrachtete sich die Universität als eine Autorität in theologischen Fragen, die dem Papst ebenbürtig war, gestand aber dem Stellvertreter Gottes auf Erden zu, neben ihr »eines der beiden Lichter der Welt« zu sein.


In diesem begünstigten Land der westlichen Welt war das Erbe der Coucys 1335 ebenso reich wie alt. Das von den Wassern der Aillette befruchtete Land der Coucys wurde das »goldene Tal« genannt, denn seine Reichtümer an Holz, Wein, Weizen und Fisch schienen unerschöpflich. Der großartige Wald von St. Gobain bestand aus mehr als 3 000 Hektar von Eichen, Buchen, Eschen, Birken, Weiden, Erlen, Espen und Kiefern. Er war ein Jagdparadies, in ihm gab es Damwild, Wölfe, Reiher, Wildschweine und viele Vogelarten. Das jährliche Einkommen eines Besitzes von der Größe Coucys muß in der Nähe von 5 000 oder 6 000 Pfund gelegen haben. Steuern, Pachtzinsen und andere feudale Verpflichtungen, die mehr und mehr mit Geld beglichen wurden, Brückenzölle und Gebühren für die Benutzung der Mühlen, Weinpressen, Backöfen und anderer Einrichtungen des Landesherrn trugen dazu bei.

Alles, was dieses Reich seit den antiken Palisaden von Codiacum geformt hatte, war in der großen Löwenplattform vor dem Burgtor symbolisiert, an dem die Vasallen erschienen, um ihre Ehrerbietung zu bekunden und ihre Pacht zu zahlen. Die Plattform ruhte auf drei liegenden Löwen, von denen einer ein Kind fraß, ein anderer einen Hund, zwischen ihnen lag ruhend ein dritter. Auf der Plattform saß ein vierter Löwe in aller Majestät, die dem Bildhauer zu Gebote stand.

Dreimal im Jahr, Ostern, Pfingsten und Weihnachten, kam der Abt von Nogent, um dem Herrn von Coucy für das Land, das den Mönchen ursprünglich von Aubry de Coucy geschenkt worden war, zu huldigen. Das Ritual dieser Zeremonie war ebenso detailliert und abstrus wie das der Königskrönung in Reims.

Der Gesandte des Bischofs ritt während dieser Zeremonie ein braunes Pferd (oder anderen Urkunden zufolge ein Palomino), dessen Schwanz und Ohren gestutzt worden waren, es trug ein Pfluggeschirr. Der Gesandte führte eine Peitsche bei sich, eine Säschale mit Weizen und einen Korb mit 120 sichelförmigen Pasteten aus Weizenmehl, die mit geminztem Kalbfleisch gefüllt und in siedendem Öl gebacken worden waren. Dem Reiter folgte ein Hund mit ebenfalls [36]gestutztem Schwanz und gestutzten Ohren, eine Pastete um den Hals gebunden. Der Mann umritt ein steinernes Kreuz vor dem Burgtor dreimal und ließ dabei jeweils einmal seine Peitsche knallen. Dann stieg er ab und kniete vor der Löwenplattform nieder. Wenn jedes Detail der Zeremonie und ihrer Ausstattung gestimmt hatte, durfte er alsdann die Plattform besteigen, küßte den Löwen und hinterließ die Pasteten und zwölf zusätzliche Brotlaibe mit drei Krügen Wein als Zeichen seiner Huldigung. Der Herr von Coucy nahm ein Drittel der Gaben und verteilte den Rest unter den versammelten Beamten und Stadtherren. Danach drückte er dem Huldigungsschreiben ein Siegel auf, das einen ziegenfüßigen Abt mit seiner Mitra zeigte.

Heidnisch, barbarisch, feudal, christlich, waren dies Ablagerungen einer dunklen Vergangenheit, war dies die mittelalterliche Gesellschaft – und die vielschichtige Erbschaft des westlichen Menschen.

 

[37]

Kapitel 2
Zum Unglück geboren: Das Jahrhundert

Als der letzte der Coucys geboren wurde, hatte sein Land eine beherrschende Stellung in Europa, aber sein Jahrhundert war schon in Schwierigkeiten. Winterliche Kälte legte sich auf den Beginn des 14. Jahrhunderts wie ein Hinweis auf kommendes Elend. Zweimal, 1303 und 1306/07, fror die Ostsee zu. Jahre mit der Jahreszeit ungemäßen Kälteeinbrüchen folgten, mit Stürmen und starken Regenfällen; der Wasserspiegel des Kaspischen Meers stieg an. Die Zeitgenossen konnten nicht wissen, dass es die Auswirkungen der »kleinen Eiszeit« waren, die ein Vorrücken der polaren und alpinen Gletscher verursacht hatte und die bis etwa 1700 andauerte. Sie wußten auch nicht, daß wegen der Klimaänderung Verbindungen nach Grönland allmählich abbrachen, daß die Siedlungen der Normannen dort ausgelöscht worden waren, daß der Weizenanbau in Island nicht mehr möglich war und auch in Skandinavien zurückgedrängt wurde. Aber sie konnten die Kälte spüren und voller Furcht ihre Folgen feststellen: eine kürzere Reifezeit für das Getreide.

Das aber hatte katastrophale Folgen, weil im letzten Jahrhundert das Anwachsen der Bevölkerungsdichte in ein kritisches Verhältnis zu den landwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten getreten war. Mit den vorhandenen Methoden und Werkzeugen der Zeit war die Rodung landwirtschaftlich nutzbaren Lands bis an seine Grenzen vorangetrieben worden. Ohne fachgerechte Bewässerung und ohne Düngemittel konnte die Ernte nicht vergrößert werden, noch konnte schlechter Boden fruchtbar gemacht werden. Der Handel hatte nicht die Mittel, größere Mengen Getreide anders als auf dem Wasserweg aus den Überflußgebieten ins Land zu transportieren. Städte und Gemeinden des Landesinneren lebten von der örtlichen Versorgung; wenn diese versiegte, begann der Hunger.

Nach den unaufhörlichen Regenfällen von 1315, die mit der biblischen Sintflut verglichen wurden, gab es Mißernten in ganz Europa, und »Hungersnot«, der dunkle Reiter der Apokalypse, wurde zu einer vertrauten Erscheinung. Der vorangegangene Anstieg der Bevölkerung hatte die landwirtschaftlichen Produktionskapazitäten bereits überschritten, hatte schon stellenweise Unterernährung hervorgerufen, was die Bevölkerung noch anfälliger für Hunger und Krankheiten machte. Berichte von Leuten, die ihre eigenen Kinder aßen, breiteten sich aus, von Armen in Polen, die sich von den Körpern der Gehenkten ernährten, die sie von den Galgen schnitten. Eine Ansteckungswelle [38]der Ruhr lief in diesen Jahren durch Europa. Örtliche Hungersnöte flackerten auch noch nach der großen Katastrophe von 1315/16 immer wieder auf.

Menschliche Taten lassen das 14. Jahrhundert nicht weniger als klimatische Veränderungen als zum Unglück geboren erscheinen. In den ersten zwanzig Jahren folgten vier düstere Ereignisse einander auf den Fersen: der Angriff des französischen Königs auf den Papst, der Umzug der Päpste nach Avignon, die Vernichtung des Templerordens und der Aufstand der »Pastoureaux«, der armen Bauern Frankreichs. Das schicksalhafteste dieser Ereignisse war der Angriff auf Bonifatius VIII. durch Männer des französischen Königs Philipp IV., der der Schöne genannt wurde. Der Streit, der dem vorausgegangen war – weltliche gegen päpstliche Autorität –, entstand, als Philipp Steuern auf kirchliche Güter erhob, ohne die Zustimmung des Papstes einzuholen. Als Antwort darauf erließ Bonifatius VIII. die Bannbulle Clericos Laicos von 1296. Darin verbot er den Angehörigen der Kirche, in irgendeiner Form Steuern an irgendeinen weltlichen Herrscher zu zahlen. In der wachsenden Bereitschaft der Prälaten, sich eher mit ihrem König zu verbünden als dem Heiligen Stuhl zu gehorchen, erkannte der Papst eine Gefahr für seinen universellen Herrschaftsanspruch als Stellvertreter Gottes auf Erden. Trotz massiver Angriffe Philipps des Schönen gegen ihn bekräftigte Bonifatius in einer zweiten Bulle von 1302, Unam sanctam, den absolutesten Anspruch auf päpstliche Oberhoheit, der je geschrieben wurde. »Für die Erlösung der Menschheit ist es unerläßlich, daß jedes menschliche Geschöpf dem römischen Pontifex maximus untertan sei.«

Daraufhin rief Philipp IV. ein Konzil zusammen, das den Papst wegen Ketzerei, Blasphemie, Mord, Sodomie, Simonie und Hexerei (einschließlich des Verkehrs mit einem Geist oder Dämonen) und der Verletzung der Fastenzeit richten sollte. Zur selben Zeit entwarf der Papst eine Bulle, um den König zu exkommunizieren, was Philipp mit Waffengewalt beantwortete. Am 7. September 1303 nahmen die Truppen des Königs mit Hilfe antipapistischer italienischer Einheiten den 86jährigen Papst in seinem Sommersitz in Anagni bei Rom gefangen. Sie taten dies, um der Exkommunikation zuvorzukommen und den Papst mit Gewalt vor das Konzil zu bringen. Nach dreitägigen Tumulten befreiten die Einwohner von Anagni den Papst, aber der Schock der unerhörten Tat war tödlich, Bonifatius starb nach Monatsfrist.

Der Angriff auf den Heiligen Stuhl brachte die Gläubigen keineswegs an die Seite des Papstes, und diese Tatsache allein war ein Maßstab der Veränderung. Der Wind war umgeschlagen, und die Weltherrschaft der Kirche, der Traum des Mittelalters, war längst überlebt, als Bonifatius sie einklagte. Eine indirekte Folge des »Verbrechens von Anagni« war die Übersiedlung des Papsttums nach Avignon, und in dieser »Babylonischen Gefangenschaft« begann der moralische Verfall.

[39]Die Verlegung der Papstresidenz wurde durchgeführt, als unter Philipp dem Schönen ein französischer Kardinal zum Papst Klemens V. gewählt wurde. Er zog nicht nach Rom, um sein Amt anzutreten, weil er befürchtete, daß die Italiener mit ihm ähnlich verfahren würden wie die Franzosen mit Bonifatius VIII., aber die Italiener sagten, er bliebe, weil er eine französische Konkubine habe, die schöne Herzogin von Périgord, Tochter des Grafen von Foix. 1309 ließ er sich in Avignon an der Rhonemündung nieder. Das lag zwar im französischen Einflußbereich, gehörte offiziell aber nicht zu Frankreich, da die Provence ein Lehen des Königreichs von Neapel und Sizilien war.

In den nächsten Jahren wurde Avignon unter sechs französischen Päpsten praktisch ein weltlicher Staat, der aufwendigen Pomp trieb, große kulturelle Anziehungskraft ausübte und einer uneingeschränkten Simonie – dem Ämterkauf – huldigte. Geschwächt durch seinen Auszug aus Rom, versuchte das Papsttum, in weltlichen Dingen Ansehen und Macht zu erringen. Es konzentrierte sich auf jede Möglichkeit, die ertragreich zu sein versprach. Neben dem regulären Einkommen aus Zinsen und Pachtgeldern bestritt der Papst seine Ausgaben durch den Verkauf von allem und jedem, was die Kirche zu bieten hatte. Jedes Amt, jede Ernennung, jede Absprache über Vorrechte, jedes Ausnahmerecht, jede Nachfolgeregelung oder Garantie, jede Gnade, jede Lossprechung und Absolution, jeder Kardinalshut und jede Reliquie wurden verkauft. Zusätzlich nahm der Heilige Stuhl einen Teil von allen freiwilligen Geschenken, Vermächtnissen und Meßopfern, die auf dem Altar dargebracht wurden. Der Papst erhielt den Peterspfennig von England und anderen Königreichen. In Festjahren wurden Sonderabsolutionen erteilt und verkauft, und weiterhin wurden Steuern für Kreuzzüge erhoben, die zwar ausgerufen wurden, aber kaum je auch wirklich stattfanden. Die große Aufbruchstimmung war vergessen, und Begeisterung für den Heiligen Krieg drückte sich nur noch in Lippenbekenntnissen aus.

Kirchliche Pfründen in Gestalt von siebenhundert bischöflichen Diözesen und Hunderttausende niedriger Ämter wurden zu einer schier unerschöpflichen Einkommensquelle des Heiligen Stuhls. Mehr und mehr unterwarfen die Päpste die Vergabe dieser Ämter ihrer Kontrolle und unterliefen damit das Prinzip der Wahl. Da die vom Papst Ernannten der Diözese oftmals völlig fremd waren, kam es zu einer breiten Ablehnung dieser Praxis innerhalb der Kirche selbst. Wenn dennoch einmal eine Bischofswahl abgehalten wurde, beanspruchte der Papst eine Gebühr für seine Bestätigung. Um eine zur Verfügung stehende Pfründe zu erlangen, bestach ein Abt die Kurie und bezahlte ein Drittel von seinem ersten Jahreseinkommen als Gebühr für seine Ernennung. Er wußte, daß sein gesamter persönlicher Besitz nach seinem Tod an den Papst fiel und alle noch ausstehenden Schulden von seinem Nachfolger bezahlt werden mußten.

Exkommunikation und Verdammung waren die härtesten Maßnahmen, [40]über die die Kirche verfügte. Sie waren als Strafe für Ketzerei und schreckliche Verbrechen vorgesehen, dienten aber nun, »da diese Strafen den Menschen von der Gemeinschaft der Gläubigen trennten und dem Satan überantworteten«, dazu, säumige Zahler auszupressen. In einem Fall wurde einem Bischof ein christliches Begräbnis verweigert, bis seine Erben sich bereit erklärten, für seine Schulden aufzukommen. Das war eine Beleidigung der gesamten Gemeinde, die mitansehen mußte, wie ihr Bischof ohne Begräbnis und ohne Hoffnung auf Erlösung dalag. Der Mißbrauch geistlicher Macht für solche Zwecke brachte aber die Exkommunikation bald in Mißkredit und setzte das Ansehen der kirchlichen Führer herab. Priester, die nicht lesen konnten oder sich wegen mangelnder Ausbildung durch die Liturgie stotterten, waren keine Seltenheit. Es ist überliefert, daß ein Bischof von Durham, der Lateinisch weder verstehen noch aussprechen konnte, 1318 während seiner eigenen Bischofsweihe über das Wort »Metropolitanus« stolperte und schließlich murmelte: »Nehmen wir das Wort als gelesen.« Später, als er selbst Priester weihte, stieß er auf das Wort »aenigmate« und fluchte in ehrlicher Wut: »Beim heiligen Ludwig, das war kein anständiger Mann, der dieses Wort geschrieben hat.« Diese unwürdigen Kirchenmänner verbreiteten eine tiefe Unzufriedenheit, da in ihre Hände die Seelen der Menschen gelegt waren und sie als Mittler zwischen Gott und den Menschen galten. Als er über die »unwürdigen und unwissenden« Männer schrieb, die jedes Amt, das sie wollten, von der Kurie kaufen konnten, drückte der Geschichtsschreiber Heinrich von Herford die Unzufriedenheit in den bezeichnenden Worten aus: »Seht…die Gefahr für die, die jenen anvertraut sind, und zittert!«

Da die kirchlichen Sakramente nur noch nach ihrem Geldwert beurteilt wurden, versickerte ihr religiöser Gehalt. Theoretisch konnte die Vergebung der Sünden nur durch Reue erreicht werden, aber was bedeutete schon eine Bußwallfahrt nach Rom oder Jerusalem, wenn der Sünder die Kosten dieser Reise ausrechnen und in Form eines Ablaßhandels abgelten konnte?

Die Päpste – Nachfolger, wie Petrarca sagte, der »armen Fischer von Galiläa« – waren nun »schwer von Gold und in Purpur gekleidet«. Johannes XXII., ein Papst mit der Midasgabe, der von 1316 bis 1334 regierte, kaufte 40 Kleidungsstücke aus Goldbrokat für seinen persönlichen Gebrauch in Damaskus ein. Das kostete 1276 Goldflorin, aber mehr noch gab er für Pelze aus einschließlich eines nerzbesetzten Kissens. Die Kleiderkosten seines Gefolges lagen bei etwa 7 000 bis 8 000 Goldflorin im Jahr.

Seine Nachfolger Benedikt XII. und Klemens VI. bauten nach und nach den prächtigen Papstpalast von Avignon aus, eine riesige, unharmonische Ansammlung von Dächern und Türmen ohne zusammenhängenden Entwurf. Der Palast war im Stil einer Burg angelegt mit Innenhöfen und Befestigungsanlagen und vier Metere dicken Wehrmauern. Das Bauwerk besaß fremdartige pyramidenförmige Kamine, die über den Küchen aufragten, es [41]gab Bankettsäle und Gärten, Schatzkammern und Schreibstuben, eine Kapelle mit Rosettenfenstern, ein beheiztes Dampfbad und ein Tor auf den öffentlichen Platz hinaus, wo sich die Gläubigen versammeln konnten, um den Papst auf seinem weißen Esel ausreiten zu sehen. Hier bewegten sich die majestätischen Kardinäle mit ihren roten Kardinalshüten, »reich, unnahbar und raubgierig«, wie Petrarca schrieb. Sie wetteiferten in der Pracht und Herrlichkeit ihrer Gewänder. Einer benötigte zehn Pferdeställe, ein anderer mietete 51 Häuser an, um sein Gefolge unterzubringen.

»Ich lebe im Babylon des Westens«, schrieb Petrarca in den vierziger Jahren des 14. Jahrhunderts. Die Prälaten feiern »hemmungslose Feste« und reiten schneeweiße Pferde »mit goldenen Satteldecken, sie werden mit Gold gefüttert, und wenn Gott, der Herr, diesem sklavischen Luxus nicht Einhalt gebietet, werden sie bald auch goldene Hufeisen tragen«. Obwohl Petrarca selbst so etwas wie ein entgleister Geistlicher war, hatte er Teil an der klerikalen Eigenart, alles, was nicht vollkommen war, mit doppelter Strenge zu verurteilen. Avignon war für ihn »jene ekelhafte Stadt«. Ob der Grund dafür die Korruption oder der Schmutz in den engen, überfüllten Gassen war, bleibt ungewiß. Die Stadt, vollgestopft mit Händlern, Handwerkern, Botschaftern, Abenteurern, Astrologen, Dieben, Prostituierten und nicht weniger als 43 italienischen Bankhäusern (im Jahre 1327), verfügte bei weitem nicht über ein so wirkungsvolles Abwässersystem wie der Papstpalast. Der besaß einen Turm, dessen untere Stockwerke nur Latrinen enthielten. Diese waren mit steinernen Sitzen ausgerüstet und wurden in eine unterirdische Grube entleert, die mit Wasser aus den Küchenabflüssen und einem zu diesem Zweck umgeleiteten Fluß ausgespült wurde. In der Stadt aber war der Gestank so groß, daß der Botschafter von Aragon in Ohnmacht fiel und Petrarca ins nahe gelegene Vaucluse zog, um sein »Leben zu verlängern«.

Da Avignon leichter als Rom zu erreichen war, zog es Besucher aus ganz Europa an, und der damit verbundene Geldzufluß erleichterte die Bezahlung von Künstlern, Schriftstellern und Studenten, Rechtsanwälten und Medizinern, Sängern und Dichtern. War Avignon auch korrupt, so war es zugleich eine Hochburg des Mäzenatentums. Jedermann verfluchte Avignon, und jedermann ging dort hin. Die heilige Birgitta, eine verwitwete schwedische Edeldame, die in Rom lebte und die Sünden der Zeit beredt beklagte, nannte die päpstliche Residenz »ein Feld des Stolzes, der Habgier, Selbstherrlichkeit und Korruption«. Aber zur Korruption gehören immer zwei, und wenn der Papst sündigte, dann tat er es nicht allein. In einer Welt ständiger politischer Umbrüche und bei dem unablässigen Geldhunger der Herrscher brauchten Papst und Könige einander und arrangierten sich. Sie handelten mit Ländereien, Thronen, Soldaten, Bündnissen und Krediten. Es wurde zu einer regulären Methode, Aushebungen für einen Kreuzzug anzukündigen, was dem König erlaubte, Steuern auf kirchliche Einkünfte zu erheben; nach einiger [42]Zeit betrachtete er das dann als sein gutes Recht. Die einfachen Kirchenleute eiferten den Kirchenfürsten nach. Wenn die Prälaten in reicher Kleidung einherkamen, verloren auch die kleineren Würdenträger die Lust an ihren dunklen Röcken. Die Beschwerden häuften sich wie die des Erzbischofs von Canterbury im Jahre 1342, der beklagte, daß sich die Geistlichkeit wie Laien kleidete mit rot und grün karierten Mänteln, »eng anliegend«, und mit besonders weiten Ärmeln, die Pelz- und Seidenbesätze aufwiesen, mit Hüten und Stolas von »erstaunlicher Länge«, mit spitzen und geflochtenen Schuhen und juwelenbesetzten Gürteln mit goldenen Taschen. Schlimmer noch, sie mißachteten die Tonsur, trugen Bärte und entgegen den kanonischen Regeln lange Haare »zum tiefen Entsetzen des Volkes«. Einige hielten sich Narren, Hunde und Falken, einige reisten mit Ehrengarde im Land umher. Die Simonie blieb auch nicht auf die hohen Ämter beschränkt. Kauften die Bischöfe Pfründen zum Preis eines Jahresertrages, so gaben sie die Kosten nach unten weiter, so daß die Korruption sich durch die Hierarchie ausbreitete, vom Prior zu den Priestern über die Mönche bis hin zu den Bettelmönchen und den Ablaßhändlern. Auf dieser Ebene begegnete dann der Materialismus der Kirche den einfachen Leuten, und seine krasseste Form war der Ablaßhandel.

Angeblich im Auftrag der Kirche verkauften die Ablaßhändler Vergebung für alle Sünden von der Völlerei bis zum Mord, hoben gegen Geld jeden Eid auf vom Keuschheitsgelübde bis zum Fastenschwur, erließen jede Buße zu einem bestimmten Preis, von dem sie das meiste in ihre Tasche steckten. Wenn sie beauftragt waren, Geld für einen Kreuzzug einzuziehen, so nahmen sie nach Aussage von Villani von den Armen an Stelle des Geldes auch »Leinen und Wollstoffe, Möbel, Getreide oder Futtermittel, betrogen die Leute, die glaubten, dem Kreuz zu opfern«. Die Ablaßhändler gingen mit der Erlösung hausieren, sie nutzten die Bedürfnisse und die Leichtgläubigkeit der Leute aus.

Die bestallte Geistlichkeit verachtete den Ablaßhändler, weil er das Sakrament der Buße entwürdigte und die Seelen der Menschen mit wirkungslosen Ritualen betrog und sich in das Reich der Kirche drängte. An Festtagen sammelte er Geldopfer, er veranstaltete Begräbnisse und andere Zeremonien, deren Gebühren der jeweiligen Pfarre hätten zufließen sollen. Aber das System erlaubte ihm seine Tätigkeit, weil es an seinen Profiten teilhatte.

Die Mönche und Wanderprediger waren als Verführer von Frauen bekannt. Sie handelten mit Pelzen und Gürteln für Mädchen und Frauen und mit kleinen Schoßhunden, »um sich bei ihnen einzuschmeicheln«.

In Boccaccios Erzählungen oder in den Fabliaux Frankreichs, in der gesamten populären Literatur der Zeit ist das kirchliche Zölibat nicht mehr als ein Witz. Eine Geschichte der Zeit beginnt ganz selbstverständlich: »Ein Priester lag im Bett mit der Dame eines Ritters.« In einer anderen heißt es: »Der Priester und seine Frau gingen zu Bett.« In dem Nonnenkloster, in dem Piers [43]Plowman als Koch diente, war Schwester Pernell »das Mädchen des Priesters«, die »ihm zur Kirschblüte ein Kind gebar«. Boccaccios verdorbene Mönche wurden ausnahmslos unter eindeutigen Umständen erwischt. In der Realität aber war ihre Sündhaftigkeit nicht lustig, sondern bedrohlich, denn wie sollten sie die Seelen retten, wenn sie selbst der Heiligkeit so fern waren? Dieses Gefühl des Volkes, betrogen und verraten zu werden, erklärt, warum die Bettelmönche so oft das Ziel offener Angriffe wurden, manchmal sogar von Tätlichkeiten. Ein Dokument von 1327 hält den Grund in aller Schlichtheit fest: »Sie benahmen sich nicht, wie Mönche sich benehmen sollten.«

Dem Idealbild des heiligen Franziskus folgend, sollten sie durch die Welt ziehen, um Gutes zu tun, barfuß sollten sie die Armen und Ausgestoßenen aufsuchen, um den Geringsten die Liebe Christi zu bringen, sollten um ihren Unterhalt bitten, aber niemals Geld verlangen. In paradoxer Weise zog gerade der Orden, den Franziskus auf die Ablehnung des Besitzes gegründet hatte, einen Überfluß von Gaben und Geschenken der Reichen auf sich, weil seine Reinheit eine besonders wirkungsvolle Fürbitte im Himmel zu sichern schien. Angesichts des Todes hüllten sich Ritter und Edeldamen in die Tracht der Franziskaner, weil sie glaubten, daß sie nicht in die Hölle müßten, wenn sie in ihr stürben und begraben würden.

Der Franziskanerorden erwarb Ländereien und Reichtümer, erbaute Kirchen und Klöster und entwickelte seine eigene Hierarchie – alles im Gegensatz zu den Absichten seines Gründers. Dabei hatte der heilige Franziskus diese Entwicklung vorausgesehen. Als ihn ein Novize um ein Psalmbuch bat, hatte er geantwortet: »Wenn du ein Psalmbuch hast, wirst du ein Brevier haben wollen, und wenn du ein Brevier hast, wirst du wie ein großer Prälat auf einem Thron sitzen wollen, und du wirst zu deinem Bruder sagen: ›Bruder, bring mir mein Brevier.‹«

Einige Mönchsorden ließen ein Taschengeld zu und verliehen Geld gegen Zinsen. In einigen Klöstern waren vier Liter Bier täglich erlaubt, die Mönche aßen Fleisch, trugen Pelze und juwelengeschmückte Gewänder. Sie hielten sich Diener, die in reichen Klöstern zahlreicher als die Mönche selbst waren. Da sie sich der Gunst der Reichen sicher waren, predigten die Franziskaner für sie und dienten ihnen als Ratgeber und Kaplane. Einige wanderten immer noch barfuß unter den Armen und wurden von ihnen verehrt, aber die meisten trugen gute Lederstiefel und wurden nicht geliebt.

Sie beschwindelten die Leute, wie es die Ablaßhändler taten, verkauften Reliquien, die es nur in ihrer Phantasie gab. Cipolla, ein Bettelmönch aus den Geschichten Boccaccios, verkaufte eine der Federn des Erzengels Gabriel, die jener, wie er sagte, verloren hatte, als er im Zimmer der Heiligen Jungfrau die frohe Botschaft verkündet hatte. Das war eine Satire, die der Wirklichkeit der Bettelmönche, die Stücke des Dornbusches verkauften, aus dem Gott zu Moses sprach, kaum etwas voraushatte. Manche verkauften Auszüge aus einem [44]»Heiligen Buch der Tugenden«, das angeblich im Himmel vom Orden des heiligen Franziskus geführt wurde. Wyclif antwortete, als er gefragt wurde, wofür diese Pergamente gut seien: »Man kann Senftöpfe damit verschließen.« Die Bettelmönche blieben ein Element des täglichen Lebens, verspottet und verehrt und gefürchtet, weil sie vielleicht trotz allem den Schlüssel zur Erlösung haben könnten.


Die Satiren und Klagen haben die Zeiten überdauert, weil sie niedergeschrieben worden sind. Sie hinterlassen das Bild von einer Kirche, die durch Käuflichkeit und Heuchelei so zerrüttet war, daß sie vor der völligen Auflösung zu stehen schien. Aber eine Institution, die die gesamte Kultur beherrschte und so tief in der Gesellschaft verwurzelt war, löst sich nicht einfach auf. Das Christentum war der Nährboden des mittelalterlichen Lebens: Selbst das Kochbuch riet, ein Ei so lange zu kochen, »wie man braucht, um ein Miserere aufzusagen«. Das Christentum regelte Geburt, Heirat und Tod, das Geschlechtsleben, das Essen, die Gesetze und die Medizin, es war das Thema der Philosophie und der gesamten Gelehrsamkeit. Die Zugehörigkeit zur Kirche war keine Frage der freien Wahl; sie war Zwang und ohne Alternative. Das gab ihr eine Macht über die Menschen, die nicht einfach abzuwerfen war.

Als Teil des täglichen Lebens war die Kirche dem Gespött preisgegeben, aber im Grunde unverletzbar. Beim alljährlichen Fest der Narren, das um die Weihnachtszeit stattfand, gab es keinen Ritus und kein Gebot, das nicht Gegenstand von Witzen geworden wäre, egal, wie heilig es war. Ein Dominus Festi oder König der Narren wurde von der niederen Geistlichkeit gewählt und gekrönt, von den Pfarrern, den Subdiakonen, den Vikaren und Kirchenmeistern. Alle waren sie ungebildet, unterbezahlt und undiszipliniert. An ihrem Festtag aber kehrten sie das Oberste zuunterst. Sie weihten ihren König zum Papst, Bischof oder Abt der Narren. Sie schoren ihm unter obszönen Reden den Kopf und machten anzügliche Gesten. Sie kleideten ihn mit Gewändern, deren Innenseiten nach außen gekehrt waren, spielten Würfel auf dem Altar, aßen schwarze Puddings und Würste, während eine Messe zelebriert wurde, die nur aus unsinnigem Gestammel bestand. Dazu schwangen sie Weihrauchfässer aus alten Schuhen, denen ein »schrecklicher Gestank« entwich. Während sie die Zeremonien des Gottesdienstes höhnend imitierten, trugen sie Tiermasken und waren als Frauen oder Sänger verkleidet, sie sangen obszöne Lieder im Chor, sie heulten und schrien, während der »Papst« eine verballhornte Segensformel vorlas. Auf seine Aufforderung hin, ihm zu folgen, zogen sie ungestüm von der Kirche in die Stadt. Sie führten ihren »König« in einer Karre mit sich, von wo aus er scherzhafte Bußen in die Menge schrie. Sein Gefolge zischte, gackerte, spottete und gestikulierte dazu. Sie brachten die Anwesenden mit »ungebührlichen Vorführungen« zum Lachen und ließen Büttenredner mit seltsamen Predigten auftreten. Nackte Männer zogen Mistkarren [45]und warfen deren Inhalt unter die Umstehenden. Saufereien und Tänze begleiteten die Prozession. Das Ganze war eine Verspottung der allzu bekannten, langweiligen und bedeutungslosen Rituale, ein »Ausbruch des Barbaren unter dem Priesterrock«.

Im täglichen Leben war die Kirche der Tröster, Schützer und Arzt. Die Heilige Jungfrau und die Gemeinschaft der Heiligen boten Zuflucht vor Verfolgung und Schutz gegen Übeltäter und Feinde, die überall lauerten. Handwerkszünfte, Städte und Berufe hatten genauso ihre eigenen Schutzheiligen wie jeder einzelne Mensch. Die Bogenschützen beteten zu St. Sebastian, der ein Opfer der Pfeile geworden war; die Bäcker verehrten St. Honorius, der einen silbernen Ofenschieber und drei Brotlaibe in seinem Banner führt; die Seeleute glaubten an St. Nikolaus, der drei Kinder aus der See gerettet hatte; die Reisenden hatten den St. Christopherus, der das Jesuskind auf seinen Schultern trug; mildtätige Bruderschaften wählten gewöhnlich den heiligen Martin zu ihrem Schutzheiligen, da er die Hälfte seines Mantels einem armen Manne gegeben hatte; unverheiratete Mädchen schworen auf die heilige Katharina, die sehr schön gewesen sein soll. Der Schutzpatron war ein ständiger Begleiter auf dem Lebensweg, er heilte kleine Wunden, milderte das Elend und wirkte in Notfällen sogar Wunder. Sein Bildnis wurde auf Prozessionen vorangetragen, es schmückte die Eingänge zu Stadthallen und Kapellen und wurde als Medaillon am Hut seiner Schutzbefohlenen getragen.

Vor allen anderen aber war die Jungfrau Maria die ewig gnadenvolle, immer zuverlässige Quelle des Trostes, volle Mitleid mit den menschlichen Schwächen. Sie kümmerte sich nicht um Gesetze und Richter, sie half jedem in Not, sie war inmitten aller Ungerechtigkeiten, Verletzungen und sinnlosen Gewalttätigkeiten die einzig unfehlbare Gestalt. Sie befreite die Gefangenen aus dem Verlies und belebte die Hungernden mit Milch aus ihren eigenen Brüsten. Wenn eine Bauersfrau ihr an einem Dorn erblindetes Kind zur Kirche von St. Denis trug, niederkniete und ein Ave-Maria aufsagte, das Kreuz über dem Kind schlug und es mit einer Reliquie segnete – einem Nagel aus dem Kreuz des Erlösers –, »fiel sofort«, so berichtet der Geschichtsschreiber, »der Dorn heraus, die Entzündung verschwand, und die Mutter kehrte glücklich mit dem geheilten Kind nach Hause zurück«.

Auch ein grausamer Mörder fand ihr Gehör. Unabhängig davon, welches Verbrechen jemand begangen hatte, ob alle Welt die Hand gegen ihn hob oder nicht, der Weg zur Jungfrau Maria war nie versperrt. In den Miracles de Notre-Dame, einem Zyklus populärer Stücke, der in den Städten aufgeführt wurde, errettet die Jungfrau jeden, der reumütig die Hand nach ihr ausstreckt. Eine Frau, die des Inzestes mit ihrem Schwiegersohn angeklagt ist, hat Mörder gekauft, ihn umbringen zu lassen, und soll, überführt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Sie betet zur Heiligen Jungfrau, die prompt erscheint und dem Feuer befiehlt, nicht zu brennen. Die Magistratsherren, überzeugt, [46]daß ein Wunder geschehen ist, befreien die Verurteilte, die ihr Hab und Gut an die Armen verschenkt und ins Kloster geht. Der Glaubensakt in Form des Gebets zählte allein. Nicht Gerechtigkeit erwartete man von der Kirche, sondern Vergebung.

Aber die Kirche tröstete nicht nur, sie gab auch Antworten. Seit fast tausend Jahren schon war die Kirche die Institution, die dem Leben in einer widersprüchlichen Welt Sinn und Bedeutung gab. Sie bestätigte, daß das irdische Leben des Menschen nichts anderes als eine Exilstation auf dem Wege zur ewigen Seligkeit war, zum neuen Jerusalem, zu unserer »anderen Heimat«. Das Leben war nichts anderes, schrieb Petrarca an seinen Bruder, als »eine schwere und entbehrungsreiche Reise zu der ewigen Heimat, die wir suchen, oder sollten wir die Erlösung verfehlen, eine ebenso freudlose Reise in den ewigen Tod«. Die Kirche versprach Erlösung, die nur durch ihre Rituale erreicht werden konnte, nur durch den Beistand und die Hilfe der geweihten Priester. »Extra ecclesiam nulla salus.« Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil, das war die Losung.

Die Alternative zur Erlösung war die Hölle und ewige Qual, wie sie sehr realistisch von der Kunst der Zeit dargestellt wurden. In der Hölle hingen die Verdammten mit ihren Zungen an Feuerbäumen, die Unbußfertigen schmorten in Feueröfen, und die Ungläubigen erstickten in stinkendem Rauch. Die Bösen fielen in das schwarze Wasser eines Abgrunds bis zu einer Tiefe, die ihren Sünden entsprach, die Unzüchtigen bis zu den Nasenlöchern, die Grausamen bis an die Augenbrauen. Einige wurden von monströsen Fischen verschlungen, andere von Dämonen zerfressen, wieder andere von Schlangen gequält, von Feuer, Eis oder vom Anblick von Früchten, die außerhalb der Reichweite der Dürstenden hingen. Die Menschen in der Hölle waren nackt, namenlos und vergessen. Kein Wunder, daß alle Welt auf Erlösung hoffte und der Tag des Jüngsten Gerichts in aller Köpfen gegenwärtig war. Über den Türen der Kathedralen war zur eindringlichen Erinnerung dargestellt, wie die zahlreichen Sünder, von den Teufeln gefesselt, zu flammenden Kesseln geführt wurden und wie die wenigen Auserwählten von Engeln in die entgegengesetzte Richtung geleitet wurden.

Im Mittelalter bezweifelte niemand, daß die Mehrheit der Menschen auf ewig verdammt sein würde. »Salvandorum paucitas, damnandorum multitudo« (wenige gerettet, viele verdammt), war das strenge Prinzip von Augustinus bis hin zu den Aquinensern. Noah und seine Familie wurden als Maßstab genommen, um die Zahl der Erretteten zu versinnbildlichen. Gewöhnlich wurde von einem unter tausend oder gar zehntausend gesprochen. Egal, wie wenige auserwählt sein würden, die Kirche gab allen Hoffnung. Ungläubige waren auf immer von der Erlösung ausgeschlossen, nicht aber die Sünder. Die Sünde war ein unausweichlicher Bestandteil des Lebens, aber sie konnte, so oft es nötig war, durch Buße und Absolution abgewaschen werden. »Kehr [47]um, kehr um, du sündige Seele«, so sprach ein Lollhardenprediger, »denn Gott kennt deine Missetaten und wird dich doch nicht verlassen. Wende dich mir zu, so spricht der Herr, ich werde dich aufnehmen und dich zur Gnade führen.«

Die Kirche gab dem Leben derer Weihen und Würden, die von beidem wenig hatten. Sie war die Quelle von Schönheit und Kunst, zu der jeder Zugang hatte, an der viele mitwirkten. Die Kirche förderte auch die Sorge um die Hilflosen der Gesellschaft, die Armen und Kranken, die Waisen und Krüppel, die Leprakranken, die Blinden und Irren. Sie bestärkte die Gläubigen darin, Almosen zu geben, damit sie sich einen Platz im Himmel erwürben.

Trotz allem erhob sich der Sturm der Unzufriedenheit. Päpstliche Steuereintreiber wurden angegriffen und geschlagen, sogar Bischöfe waren nicht mehr sicher. In einem Ausbruch antiklerikaler Wut köpfte 1326 eine Londoner Volksmenge den Bischof und warf den Körper nackt auf die Straße. 1338 verbündeten sich zwei »Kirchenrektoren« mit zwei Rittern und »einer großen Menge Landvolk«, um den Bischof von Konstanz anzugreifen. Sie verwundeten einige aus seinem Gefolge schwer und warfen ihn ins Gefängnis. In Italien erstarkten die Fraticelli, eine Abspaltung des Franziskanerordens, die zum Armutsgelübde zurückkehrten und mit ihrem Vorbild zu einer Gefahr für die etablierte Kirche wurden. Die Fraticelli oder »spirituellen Franziskaner« erinnerten daran, daß Christus ohne jeden Besitz gelebt habe, und predigten, daß Armut die einzige Möglichkeit einer wahren »Christusnachfolge« sei.

Die Bewegung der »armen« Orden erwuchs aus der Grundlage der christlichen Lehre: der Ablehnung der materiellen Welt, der Gedanke, der den Bruch mit der Antike herbeigeführt hatte. Er besagte, daß das Heil einzig bei Gott zu suchen sei und daß das Erdenleben vergänglich sei, daß die Welt unabänderlich böse und die Erlösung nur durch den Verzicht auf irdische Genüsse, Reichtümer und Ehren zu gewinnen sei. Geld war von Übel, Schönheit eitel, und beides war vergänglich. Ehrgeiz war Stolz, Besitzstreben war Habsucht, Sehnsucht nach dem Fleisch war Lust, nach Wissen und Schönheit Hoffart. Da all diese Dinge den Menschen davon ablenkten, sein Seelenheil zu suchen, seien sie Sünde. Das christliche Ideal war asketisch, es bedeutete die Selbstverleugnung des sinnlichen Menschen. So wurde das Leben unter der Herrschaft der Kirche zu einem ständigen Kampf gegen die Sinnlichkeit, in deren Gestalt die Sünde zu einem Begleiter des Menschen wurde.

Den Weg zu Gott glaubten verschiedene mystische Sekten dadurch zu finden, daß sie den weltlichen Versuchungen völlig entsagten und sich von der Fessel irdischen Besitzes befreiten. Angesichts ihres eigenen Reichtums kam die Kirche nicht umhin, diese Sekten als ketzerisch zu verdammen. Die Fraticelli zum Beispiel beharrten auf dem christlichen Ideal absoluter Armut und waren dem Papst bald ein Dorn im Auge. Im Jahre 1315 verdammte er ihre Lehre als »falsche und schädliche« Ketzerei. Als der Bettelorden seinen Zielen [48]aber nicht abschwor, wurden seine Mitglieder summarisch exkommuniziert. Eine Gruppe von 27 besonders hartnäckigen Anhängern der spirituellen Franziskaner wurde der Inquisition übergeben; vier von ihnen wurden 1318 in Marseille auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Nicht nur religiösen, auch weltlichen Herausforderungen seiner Macht hatte der Papst zu begegnen. Sein Recht auf die Kaiserkrönung wurde bezweifelt und sein Einfluß auf die staatlichen Regierungen kritisiert. Marsilius von Padua hatte 1324 die Souveränität des Staates in seinem Buch Defensor Pacis behauptet. Der Papst versuchte dem mit Exkommunikation zu begegnen. Nach Marsilius verwies Johannes XXII. den englischen Franziskaner Wilhelm von Ockham, der wegen seiner Argumentationskraft der »unbesiegbare Doktor« genannt wurde, aus der Kirche. Unter dem Begriff des »Nominalismus« hatte Ockham eine Philosophie entwickelt, die die Tür zu einer intuitiven Erkenntnis der wirklichen Welt aufstieß. In gewissem Sinne war er ein Anwalt geistiger Freiheit, und der Papst erkannte die Gefahren, die darin für die Kirche lagen, und exkommunizierte ihn. Als Erwiderung darauf klagte Ockham den Papst in einer Streitschrift als Urheber von siebzig Irrtümern und sieben Ketzereien an.


Als sich die Unzufriedenheit mit der Kirche mit der wirtschaftlichen Not im Gefolge der Hungersnöte verband, entstand in Frankreich unter den Bauern eine hysterische Massenbewegung, die man die Pastorellen nannte, nach »pastor«, der Hirte, da die Unruhen unter den Hirten begonnen hatten. Obwohl die Bauern weniger entwurzelt waren als die städtischen Armen, fühlten auch sie sich von ihren Herren unterdrückt und kämpften gegen die beständigen Versuche, ihnen durch das eine oder andere Mittel noch mehr von ihren Erträgen oder von ihrer Arbeitskraft abzupressen. In verschiedenen Berichten lassen sich bis 1250 Gerichtsprozesse zurückverfolgen, die beweisen, daß sich die Bauern organisiert geweigert haben, die Felder ihrer Herren zu pflügen, deren Getreide zu dreschen, ihr Heu zu wenden oder in ihren Mühlen zu mahlen. Trotz Geld- und Prügelstrafen waren sie jahrelang standhaft und verweigerten den Dienst. Sie schlossen sich zu Gruppen zusammen, die den örtlichen Büttel angriffen oder einen »Bruder« aus dem Gefängnis befreiten.

Schon lange hatte die Unterdrückung der Bauern durch die Landbesitzer das Gewissen der Zeit gequält, und warnende Stimmen hatten sich erhoben. »Ihr Adligen seid wie hungrige Wölfe«, schrieb Jakob von Vitry, Verfasser von Predigten und moralischen Fabeln im 13. Jahrhundert. »Darum sollt ihr in der Hölle heulen,…die ihr eure Untergebenen mißhandelt und die ihr von dem Blut und dem Schweiß der Armen lebt.« Wieviel ein Bauer auch in einem Jahr erarbeitet, »der Ritter, der Adlige verschlingt es in einer Stunde«. Er erhebt illegale Abgaben und Steuern. Jakob von Vitry warnte die Großen, die Niedrigen nicht zu verachten oder ihren Haß zu wecken, denn, »da sie uns [49]helfen können, können sie uns auch schaden. Ihr wißt, daß viele Leibeigene ihre Herren getötet und ihre Häuser verbrannt haben.«

Eine in der Zeit der Hungersnöte verbreitete Prophezeiung sagte voraus, daß die Armen sich gegen die Mächtigen erheben würden, um die Kirche und ein ungenanntes großes Königreich zu zerstören. Nach dem Blutvergießen würde dann unter dem Zeichen des Kreuzes ein neues Zeitalter anbrechen. Mit vagen Gerüchten von einem neuen Kreuzzug vermischt, wurde diese Legende von einem entlaufenen Mönch und einem exkommunizierten Priester unter den Armen verbreitet. »Unerwartet und plötzlich wie ein Sturm« trieb diese Nachricht die Armen und Heimatlosen Frankreichs nach Süden, wo sie sich zur vermeintlichen Reise ins Heilige Land einschiffen wollten. Sie sammelten Anhänger und Waffen auf dem Weg, sie stürmten Burgen und Abteien, verbrannten Rathäuser, öffneten die Gefängnisse und warfen sich, als sie die Südküste erreicht hatten, mit vereinigter Kraft auf die Juden.

Die Juden waren seit langem wegen der hohen Schulden verhaßt, die die Bauern bei ihnen machen mußten, um Werkzeuge oder Pflüge kaufen zu können. Die Bauern hatten geglaubt, daß ihre Schulden nach der Judenvertreibung durch König Philipp erloschen waren. Dessen Sohn Ludwig X. hatte die Juden jedoch zurück ins Land geholt, nachdem sie ihm einen Zweidrittelanteil an ihren verloren geglaubten Schuldsummen abgetreten hatten. Das verschärfte die Erbitterung der Landbevölkerung, und die Pastorellen griffen die Juden von Bordeaux bis Albi mit begeisterter Unterstützung des Volkes auf und verschonten niemandes Leben. Obwohl der König befohlen hatte, daß die Juden zu schützen seien, konnten die örtlichen Verwaltungen die Gewalttaten nicht verhindern, schlossen sich zum Teil sogar den Pastorellen an. Daß die Juden »unheilig« seien, war ein tiefverwurzelter Glaube, den die Kirche ermutigte. Abneigung gegen Juden wurde so ein Zeichen der Frömmigkeit. Allen voran schritt Ludwig der Heilige. Wenn die Juden unheilig waren, dann war es Christenpflicht, sie auszuplündern und umzubringen. Auch die Leprakranken wurden zur Zielscheibe der Aufständischen, da sie glaubten, daß diese sich in einem schrecklichen Komplott mit den Juden verbündet hatten, um die Brunnen zu vergiften. Ihre Verfolgung wurde durch königlichen Erlaß 1321 legalisiert.

Die Pastorellen bedrohten Avignon, griffen Priester an und raubten Kircheneigentum. Die Privilegierten lebten in Furcht und Schrecken, wo immer die wilden Haufen auftauchten. Von Papst Johannes XXII. exkommuniziert, wurde ihrem Treiben schließlich Einhalt geboten, da er jedem unter Androhung der Todesstrafe verbot, ihnen Verpflegung zukommen zu lassen, und die Anwendung staatlicher Gewalt gegen sie sanktionierte. So endete die Pastorellenbewegung, wie jeder Ausbruch der Armen im Mittelalter früher oder später endete – Leichen hingen an den Bäumen.

[50]Zum großen Unglück dieses Jahrhunderts trug kein einzelner Faktor mehr bei als das beständige Mißverhältnis zwischen dem Anwachsen des Staates und den Mitteln zu seiner Finanzierung. Auf der einen Seite entwickelte sich ein zentralistisches Regierungssystem, aber auf der anderen Seite basierte die Besteuerung immer noch auf dem Konzept, daß Steuern eine Notstandsmaßnahme waren, die überdies der Zustimmung der Betroffenen bedurfte. Nachdem er jede andere Einkommensquelle erschöpft hatte, wandte Philipp der Schöne sich 1307 in der sensationellsten Episode seiner Herrschaft gegen den Templerorden. Das Ergebnis war, wie seine Zeitgenossen glaubten, ein Fluch, der sich auf das ganze Land legte. Und das, was die Menschen glauben, wird zu einem Element ihrer Geschichte.

Kaum ein Sturz konnte spektakulärer und vollkommener sein als der Untergang dieses arroganten Ritterordens. Einstmals als bewaffneter Arm der Kirche zur Verteidigung des Heiligen Landes ins Leben gerufen, war das asketische Armutsideal des Templerordens durch immense Reichtümer und internationale Machtpolitik verdrängt worden. Frei von jeder Besteuerung, waren die Templer zu den Bankiers des Heiligen Stuhls geworden, zu Geldverleihern, die niedrigere Zinssätze als die lombardischen Bankiers oder die Juden anboten. Mildtätigkeit wurde ihnen nicht nachgesagt, und sie unterhielten auch keine Krankenhäuser wie die Johanniter. Die Templer hatten ihr Hauptquartier im »Temple« eingerichtet, einer mächtigen Festung in Paris, die als die größte Schatzkammer Nordeuropas angesehen wurde und als Zentrum des zweitausen Mitglieder starken Ordens galt.

Nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Existenz als eine praktisch autonome Enklave luden zu ihrer Zerschlagung geradezu ein. Den Anlaß zum Angriff gab schließlich ihr zwielichtiger Ruf, der auf die geheimen Zeremonien des Ordens zurückging. Mit der Gewalt und Blitzartigkeit eines Tigersprungs bracht König Philipp den »Temple« von Paris in seine Gewalt und ließ noch in derselben Nacht alle Templer in Frankreich festnehmen. Um die Beschlagnahme des Ordenseigentums zu rechtfertigen, beschworen die Anwälte des Königs jeden dunklen Aberglauben, jede Hexengeschichte und jede Teufelsangst des mittelalterlichen Vorstellungsvermögens herauf. Von gekauften Zeugen wurden die Templer der Grausamkeit, der Götzenverehrung und der Leugnung der Sakramente angeklagt; man warf ihnen vor, ihre Seelen dem Teufel verkauft und ihn in Gestalt einer riesigen Katze angebetet zu haben. Sodomie untereinander und Verkehr mit Dämonen ergänzten die Anklage. Die Aufnahmeriten des Ordens sollten die Schändung Christi, Gottes und der Heiligen Jungfrau eingeschlossen haben, wobei die Templer laut Anklage auf das Kreuz urinierten, darauf herumtrampelten und ihrem Prior den »Kuß der Schande« auf Mund, Penis und Gesäß gaben. Um sich Mut zu diesen Praktiken zu machen, so sagte man, tranken sie einen Saft, der aus der Totenasche verstorbener Mitglieder und unehelicher Kinder der Templer gewonnen war.

[51]Magie und Hexerei galten im mittelalterlichen Leben als Realitäten, aber der Gebrauch, den Philipp während des siebenjährigen Melodrams der Templerprozesse davon machte, gab diesem Glauben eine schreckliche Aktualität. Von nun an wurde die Anklage der Schwarzen Magie ein beliebtes Mittel, um Gegner zu Fall zu bringen. Auch die Inquisition scheute davor nicht zurück, wenn es galt, Ketzer zu verurteilen, vorzugsweise dann, wenn ein lohnender Besitz zu beschlagnahmen war. In den nächsten 35 Jahren verfolgte die Inquisition allein in Toulouse und Carcassonne tausend Personen unter dieser Anklage und verbrannte sechshundert. Die französische Justiz wurde korrumpiert, und die Grundlage für die Hexenprozesse der folgenden Jahrhunderte war geschaffen.

Philipp zwang den ersten Papst von Avignon, Klemens V., die Templerprozesse zu autorisieren, und mit dieser Macht ausgestattet, ließ er die Templer foltern. Die mittelalterliche Gerichtsbarkeit verurteilte kaum jemand ohne ordentliches Verfahren oder ohne Beweis, aber Beweise bestanden fast ausschließlich aus Geständnissen des Angeklagten und nicht aus Tatsachen, und Geständnisse wurden fast ausnahmslos durch die Folter erwirkt. Die Templer, von denen viele alte Männer waren, kamen auf die Streckbank, ihnen wurden Daumenschrauben angelegt, sie mußten hungern, sie wurden mit Gewichten behangen, bis die Gelenke auskugelten, Zähne und Fingernägel wurden einzeln herausgerissen, ihnen wurden die Knochen mit dem Keil gebrochen oder die Füße im Feuer verbrannt. In den Pausen wurde immer wieder »die Frage« gestellt, bis sie geständig waren oder starben. 36 starben unter der Folter, andere begingen Selbstmord. Durch die Folter gebrochen, gestanden der Großmeister, Jacques de Molay, und 122 weitere, auf das Kreuz gespuckt zu haben oder andere Verbrechen, die ihnen von den Inquisitoren in den Mund gelegt worden waren. »Er hätte auch gestanden, daß er Gott selbst erschlagen habe, wenn sie ihn das gefragt hätten«, kommentierte ein Chronist.

Der Prozeß zog sich so lange hin, weil Papst, Inquisition und König juristische Haarspaltereien betrieben, während die Angeklagten hungernd in Ketten lagen und immer wieder von neuem aus ihren Verliesen geschleppt wurden, um neue Fragen zu beantworten und weitere Erniedrigungen zu erleiden. 67 von ihnen, die den Mut gefunden hatten, ihre Geständnisse zu widerrufen, wurden lebendig als rückfällige Ketzer verbrannt. Nach langen, vergeblichen Verzögerungen durch Klemens V. wurde der Templerorden in Frankreich, England, Schottland, Aragonien, Kastilien, Portugal, Deutschland und im Königreich Neapel durch das Konzil von Vienne, 1311/12, endgültig verboten. Offiziell wurde ihr Eigentum dem Johanniterorden übertragen, aber allein schon die Tatsache, daß Philipp der Schöne in Vienne zur Rechten des Papstes saß, laßt darauf schließen, daß er nicht leer ausging. Und tatsächlich zahlte ihm der Johanniterorden später eine immense Summe, die Philipp zu einer alten Schuld der Templer ihm gegenüber erklärte.

[52]Aber auch das war noch nicht das Ende. Im März 1314 wurde der Großmeister, der der Freund des Königs und Pate seiner Tochter gewesen war, mit seinem Vertreter auf ein Gerüst geführt, das auf dem Platz vor Notre-Dame errichtet worden war, um vor der versammelten Menge der Adligen, der Geistlichkeit und des Volkes sein Geständnis zu wiederholen. Anschließend sollten sie durch päpstliche Legaten zu lebenslanger Gefangenschaft verurteilt werden. Statt dessen erklärten sie mit lauter Stimme ihre Schuldlosigkeit und die des Ordens. Um seine endgültige Rechtfertigung betrogen, befahl der König, beide Männer auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Als die Flammen am nächsten Tag das Reisig entzündeten, wiederholte Jacques de Molay seine Unschuldsbehauptung und rief aus, daß Gott selbst sein Rächer sein werde. Aufgrund einer späteren Überlieferung soll er den König und seine Nachkommenschaft bis in die dreizehnte Generation verflucht haben, und mit seinen letzten Worten soll er gesagt haben, daß er Papst und König innerhalb des nächsten Jahres vor dem Richterstuhl Gottes treffen werde. Tatsächlich starb Papst Klemens V. im folgenden Monat, sieben Monate später folgte ihm Philipp der Schöne ins Grab, der im Alter von 46 Jahren ohne sichtbaren Anlaß starb. Die Legende vom Fluch der Templer wurde weitergetragen und diente dazu, die rätselhaften Ereignisse der Folgezeit zu erklären. Ein Gehirnschlag wird heute für Philipps Todesursache gehalten, aber für die Zeitgenossen war es unzweifelhaft der Fluch der Templer, der mit dem Rauch des Scheiterhaufens in die rote Glut der untergehenden Sonne gestiegen war.


Wie um den Fluch der Templer zu erfüllen, welkte die Dynastie der Kapetinger in dem seltsamen, sich dreifach wiederholenden Schicksal der Söhne Philipps dahin. Ludwig X., Philipp V. und Karl IV. starben in rascher Folge, ohne daß einer von ihnen länger als sechs Jahre regiert hätte, im Alter von 27, 28 beziehungsweise 33 Jahren. Keiner von ihnen hinterließ einen männlichen Nachkommen, obwohl sie zusammen sechs Frauen hatten; Jeanne, die vierjährige Tochter des ältesten Bruders, wurde zugunsten ihres Onkels übergangen, der als König Philipp V. gekrönt wurde. Danach rief er eine Versammlung aus Honoratioren der drei Stände und der Universität von Paris zusammen, die sein Recht auf die Krone bestätigten und festlegten, daß »keine Frau den Thron von Frankreich besteigen« dürfe. Damit war das folgenschwere Salische »Gesetz« geboren, das der weiblichen Thronfolge einen Riegel vorschob, den es bis dahin nicht gegeben hatte.

Der Tod des letzten der drei Brüder ließ die Thronfolge offen, was zum – bisher – längsten Krieg der westlichen Geschichte führte. Es gab drei Prätendenten, einen Enkel und zwei Neffen Philipps des Schönen. Der Enkel war der sechzehnjährige Eduard III. von England, Sohn von Philipps Tochter Isabella, die Eduard II. geheiratet hatte. Von ihr wurde behauptet, daß sie und ihr Liebhaber mit den Mördern ihres Mannes, des Königs, im geheimen Einverständnis [53]gestanden habe. Außerdem sollte sie einen schädlichen Einfluß auf ihren Sohn gehabt haben. Dessen entschlossen vorgetragener Anspruch auf direkte Erbfolge fand aber in Frankreich kein Gehör, nicht weil sein Anspruch von einer Frau herstammte, sondern weil diese Frau in Frankreich gefürchtet und unbeliebt war, und außerdem wollte niemand den englischen König auf dem französischen Thron.

Die anderen beiden Anwärter waren Söhne eines Bruders beziehungsweise eines Halbbruders Philipps des Schönen; es waren Philipp von Valois und Philipp von Evreux. Der eine, ein Mann von 35 Jahren, Sohn eines glanzvollen Vaters und Hof und Adel Frankreichs wohlbekannt, war der sehr viel beliebtere der beiden und wurde von den Landesherren und Fürsten Frankreichs ohne Gegenstimmen zum König gekrönt. Als Philipp VI. begann er die Linie derer von Valois. Seine beiden Widersacher nahmen die Wahl in aller Form an. Eduard kam selbst, um seine Hände in die von Philipp VI. zu legen, wozu ihn seine Lehnspflicht als Herzog von Aquitanien verpflichtete. Philipp von Evreux wurde mit dem Königreich von Navarra entschädigt und zusätzlich mit der übergangenen Johanna verheiratet.

Obwohl Philipp VI. einen aufwendigen Hofstaat unterhielt, war er nicht als königlicher Nachfolger erzogen worden und ließ einiges von einem wahrhaft königlichen Charakter missen. Er schien sich außerdem seines Anspruchs auf die Krone nicht ganz sicher zu sein, was wohl auch kaum durch die Redensarten seiner Zeitgenossen überspielt werden konnte, die ihn »le roi trouvé« nannten, den »gefundenen König« – als ob sie ihn im Schilf entdeckt hätten. Vielleicht waren es auch die ungeklärten Rechtsansprüche seiner beiden Nichten, die ihm Sorge bereiteten. Er wurde von seiner Frau beherrscht, der »bösen, lahmen Königin« Johanna von Burgund, einer bösartigen Frau, die, obwohl sie eine Förderin der Künste und Wissenschaften war, weder geliebt noch geachtet wurde. Philipp war so fromm wie sein Ururgroßvater, Ludwig der Heilige, dem er aber in Intelligenz und Willenskraft um vieles nachstand. Ihn faszinierte die alles bestimmende Frage nach der seligmachenden Anschauung Gottes: Bekamen die Seelen der Gesegneten sofort nach ihrer Ankunft im Himmel das Antlitz Gottes zu Gesicht, oder mußten sie bis zum Tage des Jüngsten Gerichts darauf warten?

Diese Frage war deshalb von entscheidender Bedeutung, weil die Fürsprache der Heiligen ja nur dann möglich war, wenn sie sich Gott nähern durften. Der Volksglaube verließ sich darauf, daß die Heiligen bei Opfern an ihren Reliquienschreinen imstande waren, von ihrer Fürsprachemöglichkeit bei dem Allmächtigen Gebrauch zu machen. Zweimal versammelte Philipp VI. die Theologen, um dieses Problem in seiner Gegenwart zu diskutieren. Er »geriet in mächtigen Zorn«, als der päpstliche Gesandte die Zweifel des Heiligen Stuhls unterbreitete. »Der König erteilte ihm einen heftigen Verweis und drohte, ihn wie einen Albigenser zu verbrennen, wenn er seine Behauptung [54]nicht zurücknähme, und sagte weiter, wenn der Papst tatsächlich derartige Ansichten hege, würde er ihn als einen Ketzer betrachten.« Tief besorgt schrieb Philipp an Johannes XXII., daß seine Zweifel an der seligmachenden Anschauung Gottes den Glauben an die Fürsprache der Gottesmutter und der Heiligen zerstörten. Zum Glück für Philipps Seelenfrieden entschied eine päpstliche Kommission nach sorgfältigen Nachforschungen, daß die Heiligen wirklich vor das Angesicht Gottes treten durften.

Philipps Regierungszeit nahm einen guten Anfang, und das Königreich kam zu Wohlstand. Die Nachwirkungen der Hungersnöte und Seuchen verebbten, die schlechten Omina wurden vergessen, und das fortwährend streitsüchtige Flandern war durch einen Feldzug im ersten Amtsjahr Philipps wieder unter französische Kontrolle gebracht worden. Die Beziehungen der Krone zu den großen Provinzen Flandern, Burgund, Bretagne und im Süden Armagnac und Foix waren gesichert. Nur Aquitanien, das die englischen Könige als Lehen der Krone Frankreichs hielten, war eine beständige Quelle schwelender Konflikte. Hier stießen die englischen Expansionsversuche mit dem französischen Interesse an Wiedereingliederung des Lehens zusammen.

Als der Konflikt sich zuspitzte, führten diese Umstände zu einer Verbindung der Coucys mit einem anderen regierenden Herrscherhaus, den österreichischen Habsburgern, und zwar durch eine Eheschließung. Aus dieser Ehe sollte später Enguerrand VII. hervorgehen. Sie wurde von Philipp VI. selbst gestiftet, als er Verbündete für den kommenden Kampf gegen England suchte. 1337 hatte Philipp Aquitanien als beschlagnahmt erklärt, woraufhin sich Eduard III. »Rechtmäßiger König von Frankreich« nannte und den Krieg vorzubereiten begann. Eduards erneuerter Anspruch auf den französischen Thron war weniger ein Kriegsgrund als ein Vorwand, die endlosen Auseinandersetzungen über die Souveränität von Aquitanien kriegerisch zu klären. Als die englischen Truppen in Flandern landeten, um sich auf den Angriff vorzubereiten, suchten beide Parteien in den Niederlanden und jenseits des Rheins fieberhaft nach Verbündeten.

König Philipp war nicht nur bemüht, Verbündete zu finden, er war auch um die Loyalität der strategisch wichtigen Baronie Coucy besorgt. Als reiche Belohnung verheiratete er Enguerrand VI. mit Katharina von Österreich, Tochter des Herzogs Leopold I., Enkelin mütterlicherseits von Amadeus V., Graf von Savoyen. Das Haus Savoyen regierte damals ein selbständiges Gebiet, das sich von Frankreich bis Italien quer über die Alpen hinwegzog und außerdem der Mittelpunkt eines fürstlichen Verwandtschaftsgeflechts war, das sämtliche Königshäuser auch über Europa hinaus miteinander verband. Eine der sieben Tanten Katharinas war die Gemahlin von Andronikos III., Palaiologos, dem Kaiser von Byzanz.

Um die finanziellen Bedingungen der Habsburg-Coucy-Verbindung zu klären, bedurfte es zweier Verträge zwischen dem König von Frankreich und [55]dem Herzog von Österreich. Diese wurden 1337 und 1338 geschlossen. Herzog Leopold gab seiner Tochter eine Aussteuer von 40 000 Pfund, und König Ludwig vermachte ihr und ihren Kindern eine jährliche Zuwendung von 2 000 Pfund. Enguerrand schenkte er 10 000 Pfund und versprach ihm weitere 10 000, um ihn von seinen Schulden zu befreien. Enguerrand seinerseits versprach, 6 000 Pfund auf seine Frau zu überschreiben, und, worauf es dem König im Grunde ankam, seine und seiner Vasallen Gefolgschaft in der Verteidigung des Reiches gegen Eduard von England.


Zu Beginn schien der Krieg keine ernsthafte Kraftprobe zwischen England und Frankreich zu werden, da Frankreich die führende Macht in Europa war, deren militärischer Ruhm in seinen eigenen Augen und auch nach Ansicht anderer Länder den Englands bei weitem übertraf. Außerdem war Frankreich mit seinen 21 Millionen Menschen fünfmal so bevölkerungsstark wie England mit seinen wenig mehr als vier Millionen Menschen. Dennoch, der Besitz von Aquitanien und das Bündnis mit Flandern gaben Eduard zwei Brückenköpfe an den Grenzen Frankreichs, die seiner dreisten Herausforderung an »Philipp von Valois, der sich König von Frankreich nennt!«, mehr als nur verbalen Nachdruck verliehen. Keiner der beiden Gegner konnte wissen, daß sie in einen Krieg zogen, der sie beide überleben sollte, der ein Eigenleben entwickeln würde, der Verhandlungen, Waffenstillständen und Verträgen trotzen und sich noch in das Leben ihrer Söhne schleppen sollte, in das Leben ihrer Enkel und Großenkel, ja bis in das der Nachkommen der fünften Generation, ein Konflikt, der beide Seiten an den Rand der Zerstörung bringen und sich auf ganz Europa ausdehnen sollte: der Hundertjährige Krieg, die letzte große Plage des ausgehenden Mittelalters.

Enguerrand VI. hatte gerade noch Zeit, ein Kind zu zeugen, da er 1339 schon zum Kriegsdienst gerufen wurde. Im Norden rückten die Engländer von Flandern her vor und belagerten mit einer Abteilung von 1500 Reisigen die Burg von Oisy, die den Coucys gehörte. Enguerrands Vasall in Oisy aber verteidigte sich so grimmig, daß sich die Engländer zurückziehen mußten, obwohl ihr Anführer Sir John Chandos war, der sich als der fähigste militärische Führer auf englischer Seite erweisen sollte. Als Rache für diese Niederlage brannte er daraufhin drei andere Städte und kleinere Burgen nieder, die im Machtbereich der Coucys lagen. In der Zwischenzeit hatte sich Enguerrand mit den königlichen Verbänden vereinigt, die zur Verteidigung von Tournai an der flämischen Grenze standen, und 1340, während sich der ziemlich energielose Feldzug in die Länge zog, wurde sein Sohn geboren, der siebente Enguerrand und der letzte.

 

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Kapitel 3
Jugend und Rittertum

Obwohl er seinen Eltern als erstgeborener Sohn und Erbe zweifellos kostbar war, wurde Enguerrand VII. in seiner Kindheit sicher nicht die Liebe und Zärtlichkeit zuteil, die wir heute bei der Fürsorge für ein Baby voraussetzen. Von allen Eigenheiten, in denen sich das Mittelalter von der heutigen Zeit unterscheidet, ist keine so auffallend wie das fehlende Interesse an Kindern. In künstlerischen, literarischen und dokumentarischen Überlieferungen ist kaum einmal von Kinderliebe die Rede. Das Christuskind ist natürlich häufig abgebildet worden, gewöhnlich in den Armen seiner Mutter, aber bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts hält sie es im allgemeinen sehr steif von ihrem Körper weg und wirkt selbst dann distanziert, wenn sie es stillt. Ansonsten liegt der Gottessohn alleine auf dem Boden, entweder gewickelt oder einfach nackt und unbedeckt, und eine ernste Mutter schaut geistesabwesend auf ihn herab. Ihre Trennung von dem Kind sollte dessen Göttlichkeit andeuten. Wenn die Mutter des Mittelalters wärmere, innigere Gefühle für ihr Kind besaß, so wurde das jedenfalls kaum in der Kunst ausgedrückt, denn die Darstellung der Mutterschaft war künstlerisch besetzt durch die Jungfrau Maria.

In der Literatur war die Hauptrolle der Kinder, zu sterben, meist zu ertrinken, zu ersticken oder auf Geheiß eines abergläubischen Königs im Wald ausgesetzt zu werden. Frauen wurden selten als Mütter dargestellt. Sie erscheinen in den Volksstücken als leichtsinnig und lüstern, als Heilige und Märtyrerinnen in den Dramen oder als die unerreichbaren Gestalten der leidenschaftlichen, unerlaubten Liebe der Romanzen. Nur in ganz wenigen Fällen taucht die Mutterliebe als Thema auf, wie auf einem Steinrelief, das Eltern darstellt, wie sie ihr Kind laufen lehren, oder eine Bauernmutter, die ihr Kind kämmt oder entlaust, während sein Kopf in ihrem Schoß liegt. Eine elegante Mutter des 14. Jahrhunderts ist abgebildet worden, die ihrem Kind auf vier Nadeln ein Leibchen strickt, ein Hinweis auf die »Schönheit der Kindheit« ist aus einer Heiligenvita erhalten, und in der Ancren Riwle des 12. Jahrhunderts können wir über eine Bauernmutter lesen, die mit ihrem Kind Verstecken spielt und die, als das Kind weinend nach ihr rief, »mit ausgestreckten Armen auf es zusprang, es umarmte und küßte und ihm die Tränen trocknete«. Diese wenigen Einzelfälle machen aber den Mangel nur noch deutlicher.

Mittelalterliche Abbildungen zeigen Gestalten in jeder anderen menschlichen Verrichtung – in der Liebe und im Sterben, schlafend und essend, im Bett [57]und im Bad, betend, jagend, tanzend, pflügend, spielend, handelnd, reisend, lesend und schreibend – aber so selten zusammen mit Kindern, daß sich die Frage: warum nicht? geradezu aufdrängt. Man glaubt, daß die Mutterliebe wie der Geschlechtstrieb so tief im Wesen des Menschen verwurzelt ist, daß sie geschichtlichen Schwankungen nicht unterworfen ist. Aber vielleicht war sie unter den ungünstigen Bedingungen jener Zeit doch stark herabgesetzt. Vielleicht hat es an der hohen Kindersterblichkeit gelegen (eins oder zwei von drei Kindern starb), daß die Liebesmühen um ein Kind so wenig lohnend erschienen. Vielleicht haben aber auch die häufigen Schwangerschaften zu der Interesselosigkeit beigetragen. Ein Kind starb, ein neues wurde geboren und nahm seinen Platz ein.

Begüterte Adels- und Bürgerfamilien hatten mehr Kinder als die Armen, da sie jung heirateten und ihre Frauen nur kurze Zeit unfruchtbar waren, weil sie Ammen beschäftigten. Sie brachten auch mehr durch, manchmal erreichten sechs bis zehn Kinder das Erwachsenenalter. Guillaume de Coucy, der Großvater Enguerrands VII., zog fünf Söhne und fünf Töchter groß. Sein Sohn Raoul hatte acht Kinder, die überlebten. Neun von zwölf Kindern, die Königin Philippa Eduard III. von England geschenkt hatte, überstanden die schwierigen frühen Jahre. Es ist geschätzt worden, daß die Durchschnittsfrau von zwanzig zwölf fruchtbare Jahre vor sich hatte, in denen sie mit einem durchschnittlichen Abstand von dreißig Monaten jeweils eine Lebendgeburt erwarten konnte. Die Abstände sind deshalb so groß, weil in den Zwischenzeiten mit Totgeburten, Fehlgeburten und Stillzeiten zu rechnen war. Ausgehend von diesen Zahlen kann man etwa fünf Lebendgeburten pro Familie annehmen, von denen insgesamt die Hälfte überlebte.

Wie alles andere läßt sich Kindheit nicht verallgemeinern. Liebe und Zärtlichkeit und Wärme gab es auch damals. Philipp von Navarra schrieb im 13. Jahrhundert, daß Gott in seiner Gnade den Kindern drei Gaben gegeben habe. Erstens die Person, die sie an ihrer Brust genährt hat, zu erkennen und zu lieben, zweitens »denen, die mit ihnen spielen, Freude und Liebe entgegenzubringen«, und drittens Liebe und Zärtlichkeit bei denen zu erwecken, die sie erziehen, wovon das letztere das wichtigste ist, denn »ohne dies sind sie schmutzig und lästig in ihrer Kindheit und so launisch und ungezogen, daß es sich kaum lohnt, sie aufzuziehen«. Philipp war ganz für eine strenge Erziehung, denn »wenige Kinder sterben an zu großer Strenge, viele aber daran, daß ihnen zuviel erlaubt war«.

Bücher über Kindererziehung gab es kaum. Es gab Bücher – das heißt gebundene Manuskripte – über höfische Etikette, Haushaltsführung, Benimmregeln, Hausmittel und fremde Sprachen. Der Leser wurde darüber belehrt, wie er seine Hände waschen und seine Fingernägel vor dem Essen säubern sollte, man konnte erfahren, daß man bei Mundgeruch Fenchel und Anis essen sollte, daß man nicht auf den Boden spucken, bei Tisch nicht mit dem [58]Messer in den Zähnen stochern durfte und weder Hände noch Nase am Tischtuch abzuwischen hatte. Eine Frau konnte lernen, wie man Tinte, Rattengift oder Sand für ein Uhrglas macht oder wie man Gewürzwein ansetzt, das bevorzugte Getränk des Mittelalters. Man konnte Ratschläge über die Aufzucht von Ziervögeln finden und wie man sie zum Brüten bringt, wie man sich Empfehlungsschreiben über Dienstboten besorgt und sich davon überzeugen kann, daß sie die Kerze auf ihrem Zimmer ausdrücken oder ausblasen und nicht mit ihrem Hemd auslöschen. Man wurde informiert, wie man Erbsen zieht und Rosen züchtet, wie man das Haus fliegenfrei halten kann und wie man Fettflecken mit Hühnerfedern entfernt, die vorher in heißes Wasser getunkt worden sind. Die Ehefrauen konnten nachlesen, wie sie ihren Gemahl mit einem rauchlosen Feuer im Winter und einem flohfreien Bett im Sommer beglücken konnten. Junge, unverheiratete Frauen wurden beraten, wie zu fasten und Almosen zu geben ist, daß man beim Klang der Morgenglocke das Morgengebet spricht und sich dann erst wieder hinlegt. Ihnen wurde gesagt, wie man mit Würde und Bescheidenheit in der Öffentlichkeit aufzutreten hat, ohne »mit unruhigen Blicken und nach vorne gestrecktem Kopf wie ein fliehender Hirsch nach allen Seiten zu schauen, als ob sie ein entflohenes Pferd suchen würden«. Frauen konnten sich über Gutsverwaltung, Haushaltsführung, sogar über die Verteidigungsmöglichkeiten bei einer Belagerung und über die Feudalgesetze aufklären lassen, damit sie den Besitz gut verwalteten, wenn der Mann im Krieg war.

Aber so sehr sie auch suchen mochten, sie fanden nur wenige Bücher, in denen stand, wie man Kinder stillt, wickelt, badet, entwöhnt, ernährt und pflegt, und das, obwohl diese Fragen für die Erhaltung der Art sicher wichtiger waren als das Wissen darum, wie man Ziervögel züchtet oder Ehemänner verwöhnt. Wenn das Stillen überhaupt einmal erwähnt wurde, hielt man es meistenteils für empfehlenswert, so Bartholomäus von England, ein Enzyklopädist des 13. Jahrhunderts, in seinem Buch Von der Natur der Dinge wegen des Gefühlswertes. Während des Stillens »liebt die Mutter ihr Kind sehr zärtlich, sie umarmt und küßt es, pflegt es und kümmert sich sehr besorgt um es«. Aldobrandino, ein zeitgenössischer Arzt, der in Frankreich praktizierte, empfahl häufiges Baden und Umziehen, tägliches Waschen und eine Entwöhnung mit Brei, der aus Brot, Milch und Honig gemacht werden sollte. Er trat für genügende Freizeit ein und für eine gewaltfreie Schulerziehung mit ausreichender Zeit für Schlaf und Zerstreuung. Wie weit aber diese humanen Methoden verwirklicht worden sind, können wir nicht sagen.

Im großen und ganzen scheinen die Kinder in den ersten fünf oder sechs Jahren ohne große Fürsorge sich selbst überlassen worden zu sein; entweder sie starben oder sie überlebten. Welche psychologischen Auswirkungen das auf den Charakter der Menschen und möglicherweise auf die Geschichte hatte, kann man nur ahnen. Vielleicht erklärt die emotionale Kahlheit einer [59]mittelalterlichen Kindheit die Gefühllosigkeit des mittelalterlichen Menschen dem Leben und dem Leiden anderer gegenüber.

Dennoch: es gab Spielsachen für die Kinder. Sie hatten Puppen und Puppenkutschen, vor die Mäuse gespannt wurden, sie hatten Holzritter und Waffen, kleine Tiere aus gebranntem Ton, Windmühlen, Bälle, Federballschläger und Federbälle, Stelzen, Wippen und Karussells. Kleine Jungen waren wie kleine Jungen zu allen Zeiten, »sie lebten gedankenlos und ohne Sorgen«, so hat es uns wenigstens Bartholomäus von England überliefert. »Sie wollten nur spielen, fürchteten keine Gefahr mehr als die Prügel, waren immer hungrig und aßen so viel, daß ihnen übel wurde. Sie wollten alles, was sie sahen, weinten genauso schnell, wie sie lachten, widersetzten sich ihren Müttern, wenn sie gewaschen oder gekämmt werden sollten, und konnten kaum so schnell gewaschen werden, wie sie sich schmutzig machten.« Mädchen benahmen sich laut Bartholomäus besser und wurden von ihren Müttern mehr geliebt. Wenn die Kinder erst einmal sieben Jahre alt geworden waren, begann man sie zu beachten, und sie fingen an, das Leben kleiner Erwachsener zu führen. Das Kindische, das im Verhalten des mittelalterlichen Menschen in seiner Impulsivität, seiner mangelnden Selbstkontrolle so deutlich war, mag einfach dadurch zu erklären sein, daß ein so großer Teil der mittelalterlichen Gesellschaft wirklich sehr jung war. Man nimmt an, daß etwa die Hälfte der Bevölkerung unter einundzwanzig war und vielleicht ein Drittel unter vierzehn.

Ein Junge adliger Abkunft blieb etwa bis zu seinem siebten Lebensjahr in der Obhut der Frauen, die ihm Benehmen beibrachten und ihn lesen und schreiben lehrten. Bezeichnenderweise wurde die heilige Anna, die Schutzpatronin der Mütter, gewöhnlich dargestellt, wie sie ihrem Kind, der Jungfrau Maria, beibringt, aus einem Buch zu lesen. Im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren wurden die Jungen als Pagen auf die Burg eines benachbarten Ritters geschickt, so wie die Söhne der Gemeinen als Lehrlinge oder Diener in einer befreundeten Familie aufgenommen wurden. Einem Herrn zu dienen wurde nicht als erniedrigend angesehen. Es war völlig normal, daß ein Page oder ein erwachsener Knappe dem Herrn beim Baden half, für seine Kleider sorgte, ihn bei Tisch bediente und dennoch dessen adligen Status teilte. Als Gegenleistung für diese unbezahlte Arbeit kümmerte sich der Herr um die Ausbildung der Adelskinder. Sie lernten zu reiten, zu kämpfen und zu jagen, was die drei körperlichen Hauptbeschäftigungen adligen Lebens waren. Sie lernten auch, Schach und Backgammon zu spielen, zu singen, zu tanzen, zu musizieren, zu komponieren, und andere romantische Fertigkeiten. Der Burgkaplan oder ein benachbarter Abt kümmerten sich um die religiöse Erziehung der Knaben, die sie auch im Lesen und Schreiben weiterbildeten und denen sie möglicherweise darüber hinaus auch noch einen Teil der Grundschulausbildung zukommen ließen, die die nichtadligen Kinder absolvierten. Mit vierzehn [60]oder fünfzehn, wenn sie zum Knappen ernannt wurden, intensivierte sich die Kampfschulung der Adelssöhne. Sie lernten, die schwingende Strohpuppe, die als Zielscheibe diente, mit der Lanze aufzuspießen, das Schwert zu handhaben und eine Menge anderer tödlicher Waffen zu beherrschen; sie lernten die ritterliche Heraldik kennen und die Gesetze des Zweikampfs. Als Knappe führten sie das Schlachtroß ihres Herrn und hielten es, wenn dieser zu Fuß kämpfte. Sie halfen dem Seneschall bei seiner Arbeit, verwahrten die Schlüssel, führten vertrauliche Kurierdienste aus und beaufsichtigten das Geld und andere Wertgegenstände auf Reisen. Für Buchwissen blieb in diesem Programm wenig Zeit, obwohl ein junger Adliger je nach Neigung Bekanntschaft mit ein wenig Geometrie, Jurisprudenz, Rhetorik und in einigen Fällen auch Latein machen konnte.

Frauen von adligem Stand genossen gewöhnlich eine bessere Schulbildung als die Männer, denn obwohl die Mädchen nicht wie die Knaben im Alter von sieben Jahren das elterliche Haus verließen, wurde ihre Unterrichtung von der Kirche ermutigt, damit sie in Glaubensdingen vorbereitet waren, falls die Eltern sie – mit angemessener Mitgift – in ein Nonnenkloster schickten. Neben dem Lesen und Schreiben des Französischen und Lateinischen wurden sie in der Kunst des Musizierens, in der Astronomie und in den Grundbegriffen der Medizin und der Ersten Hilfe unterwiesen.


Der Letzte der Coucys erblickte das Licht einer Welt, in der die Bewegung noch durch die Geschwindigkeit von Mensch oder Pferd bestimmt war, in der Nachrichten und öffentliche Verlautbarungen durch die menschliche Stimme verbreitet wurden und in der für die meisten Menschen das Licht des Tages mit der untergehenden Sonne endete. Mit der Abenddämmerung wurden Hörner geblasen oder Glocken geläutet, die den Zapfenstreich oder das »Feuer aus!« verkündeten. Danach war die Weiterarbeit verboten, da die Handwerker bei dem schlechten Licht nicht mehr zuverlässig arbeiten konnten. Die Reichen konnten den Tag durch Fackeln oder Kerzen verlängern, aber für die anderen war die Nacht so dunkel, wie die Natur sie machte, und Stille umgab einen Reisenden bei Nacht. »Vögel, wilde Tiere und Menschen legten sich still zur Ruhe«, schrieb Boccaccio. »Die ungefallenen Blätter ruhten in den Bäumen, und die feuchte Luft stand in mildem Frieden. Nur die Sterne leuchteten, den Weg zu erhellen.«

Blumen bedeckten die Felder und den Boden des Waldes und waren ein geliebtes Element des täglichen Lebens. Wilde Blumen und Gartenblumen wurden in die Hauben der Adligen und ihrer Frauen geflochten, bei Festmählern auf den Boden und die Tische gestreut, auf die Straße, wenn der König kam. Affen waren verbreitete Schoßtiere. Bettler waren überall: die meisten blind, verkrüppelt, krank oder verwachsen, oder sie gaben sich den Anschein, es zu sein. Die Beinlosen schleppten sich mit Hilfe von Holzblöcken fort, die an ihre [61]Hände gebunden waren. Frauen wurden als Versuchung des Teufels angesehen, während gleichzeitig der Marienkult eine Frau zum zentralen Gegenstand von Liebe und Verehrung machte. Doktoren wurden bewundert und Rechtsanwälte in aller Regel gehaßt und gemieden. Der Dampf war noch nicht nutzbar gemacht, die Syphilis noch nicht eingeschleppt, die Lepra existierte noch, und das Schießpulver wurde in seiner frühen Form genutzt, wenn auch noch ohne militärische Wirkung. Kartoffeln, Tee, Kaffee und Tabak waren unbekannt, heißer Gewürzwein das Lieblingsgetränk derer, die es sich leisten konnten; die anderen tranken Bier, Ale oder Apfelmost.

Die Männer außer den Geistlichen hatten den Rock abgelegt und sich für enganliegende Hosenbeine entschieden; in der Regel waren sie rasiert, wenn auch Kinn- und Schnauzbärte mit der Mode kamen und gingen. Ritter und Höflinge hatten eine Mode langer spitzer Schuhe angenommen, die man »poulaines« nannte und die oft an die Wade gebunden werden mußten, damit ihr Träger in ihnen gehen konnte. Dazu trug man sehr kurze Hemdjacken, die nach der Klage eines Chronisten das Gesäß nicht verhüllten und auch »andere Körperteile, die versteckt sein sollten«, was den Spott des Volkes erregte. Die Frauen benutzten Kosmetika, färbten sich die Haare und zupften sie aus, um die Stirn zu erhöhen. Sie zupften auch ihre Augenbrauen aus, obwohl sie sich mit diesen Eingriffen der Sünde der Eitelkeit schuldig machten.

Das Schicksalsrad, das die Mächtigen niederwarf und (seltener) die Armen emportrug, war das herrschende Symbol einer unsicheren Zeit. Moralischer oder materieller Fortschritt des Menschen oder der Gesellschaft war etwas, womit man in diesem vorbestimmten Erdenleben nicht rechnete. Der einzelne mochte sich zwar durch eigene Anstrengung Tugenden aneignen, aber ein grundsätzlicher Fortschritt würde, so meinte man, erst bei der Wiederkehr Christi und dem Anbruch eines neuen Zeitalters eintreten.

Die Tageszeit, der Jahreskalender und die Geschichte wurden entsprechend den kirchlichen Festtagen berechnet. Die Erschaffung der Welt wurde auf das Jahr 4484 vor der Gründung Roms datiert, und die moderne Geschichte begann mit der Geburt des Herrn. Geschichtliche Ereignisse wurden seitdem entsprechend päpstlicher Regierungszeiten bestimmt, beginnend mit der Regentschaft des heiligen Petrus, die auf die Jahre 42–67 nach Christi Geburt gelegt wurde. Das kirchliche Jahr begann im März, dem Monat, wie Chaucer sagte, »in dem die Welt begann, als Gott erschuf den Mann«. Offiziell begann das Jahr Ostern, da das aber ein bewegliches Fest war, fiel der Jahresbeginn in eine Zeitspanne von dreißig Tagen, und die historische Überlieferung wurde ungenau. Die Stunden des Tages wurden nach den vorgeschriebenen Gebeten benannt. Die Morgenliturgie lag um Mitternacht, die Laudes, ein Lobgebet, verrichtete man um drei Uhr morgens, die Primes begrüßten den neuen Tag im ersten Morgenlicht ungefähr um sechs Uhr, Vespergebete fanden gegen achtzehn Uhr statt und die Komplet zur Schlafenszeit. [62]Die Berechnung der Zeit richtete sich nach dem Lauf der Sonne und der Sterne, den natürlichen Zeitmessern, die jedermann kannte und sorgfältig beobachtete. Als Enguerrand VII. geboren wurde, kam gerade die mechanische Uhr auf, die zuerst auf den Kirchtürmen installiert wurde und in den Häusern der Reichen zu finden war. Sie brachte die Präzision, die wissenschaftliche Untersuchungen möglich machen sollte.

Ansonsten lebten die Menschen in enger Nachbarschaft mit dem Unerklärlichen. Die flackernden Lichter des Sumpfgases konnten nur Feen oder Elfen sein. Leuchtkäfer waren die Seelen ungetauft verstorbener Kinder. In den Erschütterungen und Erdrissen, die ein Erdbeben mit sich brachte, waren übernatürliche Kräfte genauso am Werk wie in den Blitzen, die Bäume entzündeten. Stürme waren Vorzeichen, Tod durch Herz- oder Schlaganfall war das Werk böser Geister. Die Magie war ein immer präsentes Element dieser Welt. Geister, Kobolde, Gnomen und Feen berührten und formten das Leben der Menschen. Heidnischer Aberglaube und heidnische Riten waren unter dem Landvolk genauso verbreitet wie die kirchlichen Sakramente. Der Einfluß der Planeten vermochte zu erklären, was ansonsten rätselhaft blieb. Die Astronomie war die Königin der Wissenschaften und die Gestirne nach Gott die größten Lenker aller Dinge.

Die Alchimie, die Suche nach dem Stein der Weisen, der unedle Metalle zu Gold zu machen versprach, war die beliebteste angewandte Wissenschaft der Zeit. Am Ende des Regenbogens lag das Allheilmittel für Krankheiten ebenso wie ein Lebenselixier. Wissensdurstige Geister trieben mit Beobachtungen und Experimenten die Naturwissenschaften voran. Ein Wissenschaftler aus Oxford führte sieben Jahre lang (von 1337 bis 1344) Wetterbeobachtungen durch und entdeckte, daß man ein herannahendes Regenwetter daran erkennen konnte, daß die Kirchenglocken auf eine weitere Entfernung zu hören waren. Depressionen und Angst wurden als Krankheiten erkannt, obwohl die Kirche darauf bestand, daß die Symptome der Depression, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Melancholie und Lethargie, göttliche Strafen für die Sünde der »accidia«, des Müßiggangs, waren. Die Landvermessung mit Hilfe der Trigonometrie kam auf, und auch die Höhenmessung mit einfachen Peilverfahren wurde entwickelt. Seit der Jahrhundertwende waren Brillen verbreitet, die den Menschen auch im Alter noch das Lesen erlaubten und die Schaffenszeit der Wissenschaftler um vieles verlängerten. Die aufkommende Papierproduktion bot ein Material an, das billiger als Pergament und in größeren Mengen zu haben war, wodurch literarische Arbeiten leichter kopiert und weiter verbreitet werden konnten.

Die einzigen Energiequellen waren die menschliche Kraft und die Zugtiere, daneben gab es nur noch die Antriebswellen, die von Wind- und Wasserkraft in Bewegung gehalten wurden. Sie betrieben Mühlen in Gerbereien und Wäschereien, Sägewerken, Ölpressen und in Eisengießereien; Mühlsteine [63]zerkleinerten das Malz in Bierbrauereien und mischten den Papierbrei; sie wurden bei der Farbmischung eingesetzt und an Walkmaschinen angeschlossen, die bei der Fertigstellung von Tüchern und Stoffen vonnöten waren, sie versorgten die Blasebälge der Essen mit Luft, setzten die Hammerwerke der Gießereien in Gang und ließen die Schleifsteine der Waffenschmiede kreisen. Diese Mühlen hatten die Eisenwerkzeuge derartig vermehrt, daß man schon Waldland abzuholzen begann, um die Schmiedeherde mit Brennholz zu versorgen. Sie hatten die menschlichen Möglichkeiten derartig erweitert, daß Papst Zölestin III. in den neunziger Jahren des 12. Jahrhunderts entschied, daß die Windmühlen den Zehnten zu entrichten hatten. Außerdem hatten die mit Menschenkraft arbeitenden Maschinen wie die Töpferscheibe, die Bohrleier, das Spinnrad und der Räderpflug die Produktionsmöglichkeiten erstaunlich in die Höhe schnellen lassen.

Das Reisen, »die Mutter der Erfahrung«, brachte die Neuigkeiten der Welt in die Burgen und Dörfer, die Städte und die ländlichen Gebiete. Die zerfurchten Straßen, die immer entweder zu staubig oder zu schlammig waren, trugen einen endlosen Strom von Pilgern und Hausierern, von Kaufleuten samt Tragtierkolonnen, Bürgern und reisenden Bischöfen, Steuereintreibern, reisenden Gelehrten, Jongleuren und Predigern ebenso wie Boten und Kurieren, die die Städte in einem Kommunikationsnetz miteinander verbanden. Mächtige Adelsherren wie die Coucys oder Bankiers, Prälaten, Äbte, Gerichtsherren, Könige und ihre Ratgeber hatten ihre eigenen Boten. Um die Mitte des Jahrhunderts beschäftigte der englische König zwölf Boten, die ihm ständig zur Verfügung standen und ihn auf allen seinen Reisen begleiteten. Der größeren Majestät Frankreichs entsprechend hielt sich der französische König ungefähr hundert Meldeboten, ein durchschnittlicher Feudalherr zwei oder drei.

Eine durchschnittliche Tagesreise zu Pferd bedeutete fünfzig oder sechzig Kilometer, was aber vom Zustand des Reiseweges abhing. Für eine Reise quer durch Frankreich von Flandern nach Navarra brauchte man etwa zwanzig bis zweiundzwanzig Tage, die Ost-West-Durchquerung von der Küste der Bretagne bis nach Lyon an der Rhone wurde mit sechzehn Tagereisen angesetzt.

Italienreisende nahmen meistens den Weg über den Paß Mt. Cenis, der von Chambéry in Savoyen nach Turin führte. Da der Paß aber von November bis Mai verschneit war, bedeutete das, fünf bis sieben Tagereisen für die Alpenüberquerung einzuplanen. Um auf dieser Strecke von Paris nach Neapel zu reisen, brauchte man fünf Wochen. Eine Reise von London nach Lyon dauerte achtzehn Tage, von Canterbury nach Rom etwa dreißig Tage. Das hing nicht zuletzt mit der Kanalüberquerung zusammen, die immer unberechenbar, oft gefährlich und manchmal tödlich war. Sie konnte zwischen drei und dreißig Tagen beanspruchen. Von dem Ritter Sir Hervé de Léon ist überliefert, daß er fünfzehn Tage von einem Sturm auf See festgehalten wurde und [64]nicht nur sein Pferd verlor, sondern auch so zerschlagen und geschwächt wieder das Land erreichte, daß »er nie wieder richtig gesund wurde«.

Obwohl die Takelage verbessert worden war und das neue, freibewegliche Ruder bessere Manövrierfähigkeiten bot, waren die Schiffe, von großen Galeeren mit vielen Ruderern einmal abgesehen, den Launen des Wetters ausgeliefert. Da andererseits aber Seekarten und Hafenverzeichnisse bekannt waren und der Kompaß auch Navigation auf offener See erlaubte, begann man, größere Schiffe zu bauen. Diese konnten über 500 Tonnen Fracht aufnehmen und es riskieren, den Ozean zu überqueren. Transporte großer Warenmengen waren mit flachen Schiffen auf Flüssen und Kanälen weitaus billiger zu bewerkstelligen als mit den schwerfälligen Packtierkolonnen, auch wenn der jeweilige Landesherr an jeder erdenklichen Stelle Zölle erhob. Auf den vielbefahrenen Flüssen Seine und Garonne gab es etwa alle zehn oder zwölf Kilometer eine Zollstelle.

Frachtwagen und zweirädrige Bauernkarren wurden nur für kurze Transportwege benutzt, da die vorhandenen Straßen im Winter für Fahrzeuge aller Art unpassierbar waren und es kein zufriedenstellendes Verbundsystem von Wegen, Straßen und Brücken gab. Aus diesen Gründen blieben die Maultierkarawanen das bevorzugte Transportmittel der Zeit. Vierrädrige Planwagen, die von drei oder vier Pferden gezogen wurden, blieben den Damen oder Kranken vorbehalten. Frauen saßen damals noch in weiten Röcken rittlings zu Pferde, aber noch vor der Jahrhundertwende begann der Damensattel sich durchzusetzen. Für einen Ritter war es undenkbar, in einem Wagen zu fahren, es verstieß gegen die Prinzipien der Ritterlichkeit, genauso, wie er unter keinen Umständen eine Stute ritt.

Mit Einbruch der Nacht beendete man seine Tagereise, und die Adligen unter den Reisenden nahmen in einem nahe gelegenen Kloster oder in einer Burg Zuflucht, wo man sie gerne begrüßte, die gewöhnlichen Fußreisenden samt Pilgern wurden in einem vor dem Tor gelegenen Gästehaus untergebracht und verpflegt. Sie waren zu einer einmaligen Übernachtung in jedem Kloster berechtigt und konnten nur dann abgewiesen werden, wenn sie um eine zweite Übernachtung baten. Es gab Gasthäuser für Händler und andere Reisende, aber meistens waren sie überfüllt, verkommen und voller Flöhe; in jedem Raum standen mehrere Betten, und jeweils zwei Reisende lagen in einem Bett, drei gar in Deutschland, wie der Dichter Deschamps angewidert berichtete, der im Auftrag des französischen Königs dorthin reiste. Weiterhin beschwerte er sich, daß weder Bett- noch Tischtücher frisch waren, der Gastwirt keine Auswahl an Speisen anbot und man im ganzen Reich nichts anderes als Bier trinken konnte. Flöhe, Ratten und Mäuse waren überall, und die Bewohner von Böhmen lebten wie die Schweine – so Deschamps.

Trotz all dieser Widerwärtigkeiten und Strapazen, trotz des enormen Zeitaufwandes reisten die Leute erstaunlich viel – von Paris nach Florenz, von [65]Flandern nach Ungarn, von London nach Prag, von Böhmen nach Kastilien; sie überquerten Meere, Berge und Flüsse, sie zogen nach China wie Marco Polo oder dreimal nach Jerusalem wie Chaucers Wife of Bath.


Worin bestand das geistige Rüstzeug der Adelsschicht, aus der Enguerrand stammte? Lange vor Kolumbus wußten sie, daß die Erde eine Kugel ist. Dieses Wissen war auf die Beschäftigung mit den Bahnen der Sterne zurückzuführen, die nur verständlich wurden, wenn man diese Annahme zugrunde legte. Der Geistliche Gautier de Metz sagte in seiner Image du Monde (Der Weltkreis) in einem anschaulichen Bild, daß der Mensch um die Erde wandern könne wie eine Fliege um einen Apfel. Ihm zufolge war die Erde so weit von den Sternen entfernt, daß ein Stein, der von dorther fiele, mehr als hundert Jahre brauchen würde, um auf der Erde anzukommen.

Bildlich stellten sich die Menschen jener Zeit das Universum in den Armen Gottes dar und setzten den Menschen in sein Zentrum. Es war bekannt, daß der Mond ein Trabant der Erde war, daß er keine eigene Lichtstrahlung besaß und daß die Sonnenfinsternis dadurch entstand, daß der Mond sich zwischen Erde und Sonne schob. Man wußte, daß Regen von der Erde stammende Feuchtigkeit war, die durch Verdunstung aufstieg, sich zu Wolken verdichtete und als Niederschlag auf die Erde zurückkehrte, und auch, daß der Zeitabstand zwischen Donner und Blitz etwas über die Entfernung des Gewitters aussagte.

Ferne Länder wie Indien und Persien wurden durch einen Nebelschleier aus Märchen gesehen, die nur manchmal ein Körnchen Wahrheit enthielten. Man erfuhr von Wäldern, die so hoch waren, daß sie den Himmel berührten, man hörte von gehörnten Zwergenmenschen, die in Herden lebten und in sieben Jahren erwachsen waren, von Brahmanen, die sich selbst verbrannten, von Menschen mit Hundeköpfen und sechs Zehen, von einäugigen Zyklopen mit nur einem einzigen Fuß, die schnell wie der Wind liefen, von Einhörnern, die man nur fangen konnte, wenn sie im Schoß einer Jungfrau ruhten, von Amazonen, die Tränen von Silber weinten, von Panthern, die mit ihren Krallen den Kaiserschnitt beherrschten, von Bäumen, auf denen Wolle wuchs, von hundert Meter langen Schlangen, die kostbare Edelsteine als Augen hatten, und von Schlangen, die Musik so sehr liebten, daß sie aus Vorsicht mit ihrem Schwanz ihr Ohr verstopften.

Auch der Garten Eden hatte eine irdische Existenz, die oft sogar auf Landkarten erschien. Er lag im fernen Osten, und man glaubte, daß er von der übrigen Welt durch einen Gebirgszug, durch ein Meer oder durch eine Feuerwand getrennt sei. Im irdischen Paradies vermutete man alle möglichen Arten von Bäumen und Blumen in betörenden Farben und mit nie verfliegenden Düften, die heilende Wirkung hatten. Kein Wind noch Regen, keine Hitze und keine Kälte störten den paradiesischen Frieden; nicht Krankheit, nicht Verfall, [66]weder Tod noch Leid hatten Zutritt. Die Bergesspitze, auf der man das Paradies vermutete, war so hoch, daß sie die Umlaufbahn des Mondes berührte – aber hier begann der wissenschaftliche Verstand, sich zu regen: Das sei unmöglich, verkündete im Polychronicon ein Autor wissenschaftlicher Traktate, da es eine Verfinsterung der Erde bedeuten würde.

Trotz aller Erklärungsversuche waren die Erde und ihre Erscheinungen voller Geheimnisse: Was passiert mit dem Feuer, wenn es verlischt? Warum gibt es unter den Menschen verschiedene Hautfarben? Warum bräunt die Sonne menschliche Haut, wenn sie doch Leinentücher bleicht? Wie hält sich die schwere Erde schwebend in der Luft? Wie wandern die Seelen gen Himmel? Wo befindet sich die Seele? Welches ist der Grund für Geisteskrankheiten? Der mittelalterliche Mensch fühlte sich von Rätseln umgeben, aber da es Gott gab, war er bereit anzuerkennen, daß der Mensch nicht ales über die Natur der Dinge wissen konnte, »sie sind so, wie es Gott gefällt«.

Das aber brachte die eine, unaufhörliche Frage nicht zum Schweigen: Warum erlaubt Gott das Böse, die Krankheit und die Armut? Warum hat Er den Menschen nicht zur Sünde unfähig gemacht? Warum hat Er dem Menschen nicht das Paradies gelassen? Die nie vollständig zufriedenstellende Antwort hieß, daß Gott dem Teufel seine Macht schuldete. Nach der Lehre des heiligen Augustinus, der Quelle aller Autorität, waren alle Menschen durch die Erbsünde dem Teufel ausgeliefert; daher die Notwendigkeit der Kirche und der Erlösung.

Auf diesseitigere Fragen fand man Antwort im Buch des Sidra, der angeblich ein Nachkomme Noahs gewesen war und dem Gott die Gabe der Allwissenheit gegeben hatte. Seine Lehren waren von Gelehrten in Toledo zusammengetragen worden. Welche Sprache hört ein Taubstummer in seinem Herzen? Antwort: Die Sprache Adams, Hebräisch. Was ist schlimmer, Mord, Raub oder Überfall? Antwort: Keins von diesen, Sodomie ist das Schlimmste. Werden die Kriege jemals enden? Nein, nicht bevor die Erde zum Paradies geworden ist. Der Ursprung des Krieges lag nämlich laut Honoré Bonet im Krieg Luzifers gegen Gott, »und daher ist es nicht verwunderlich, wenn es Kriege auf dieser Welt gibt, da sie zuerst im Himmel stattfanden«.

Die Erziehung, an der Enguerrand teilgehabt haben könnte, basierte auf den »sieben freien Künsten«: Grammatik, die Grundlage aller Wissenschaften; Logik, die das Wahre vom Falschen unterscheidet; Rhetorik, die Quelle des Rechts; Arithmetik, die Grundlage der Ordnung, denn »ohne Zahlen gäbe es nichts«; Geometrie, die Wissenschaft der Vermessung; Astronomie, die edelste der Wissenschaften, weil sie mit Religion und Theologie in Verbindung stand; schließlich die Musik. Die Medizin, obwohl keine der freien Künste, war der Musik analog, weil beide sich mit der Harmonie des menschlichen Körpers beschäftigten.

Die Geschichte war begrenzt und spielte sich in einem verhältnismäßig kurzen [67]Zeitraum ab. Sie begann mit der Schöpfung und würde in einer absehbaren Zukunft mit der Wiederkehr Christi enden, in der die Hoffnung der gequälten Menschheit lag. Während dieser Zeitspanne geb es für die Menschheit weder sozialen noch moralischen Fortschritt, da sein Ziel das Jenseits war, nicht die Verbesserung des Diesseits. In dieser Welt war der Mensch zu einem beständigen Kampf gegen sich selbst verurteilt, in dem er individuelle Fortschritte oder sogar einen Sieg über sich selbst erreichen konnte, aber eine kollektive Verbesserung war nur durch die endliche Vereinigung mit Gott zu erhoffen.

Der durchschnittliche Laie gewann seine Bildung nur mit den Ohren, durch öffentliche Vorträge, Mysterienspiele und den Vortrag von belehrenden Balladen und Geschichten. Während Enguerrands Lebzeiten kam aber als Bildungsquelle vermehrt die Lektüre auf, was mit der größeren Verbreitung von Manuskripten zusammenhing. Allgemeinbildende Bücher aus dem 13. Jahrhundert, die französisch geschrieben (oder aus dem Lateinischen übersetzt) wurden, waren die literarischen Quellen, die jedermann zugänglich waren. Im 14. Jahrhundert verlegten sich die gebildeten Schichten auf eine andere Lektüre, so zum Beispiel auf die Bibel, Romane, Tierbücher, Satiren, astronomische Bücher, erdkundliche Bücher und auf verschiedene Themen wie politische Geschichte, Kirchengeschichte, Rhetorik, Rechtsgeschichte, Medizin, Alchimie, Falkenjagd, Turnierkunst, Musik und andere. Die Allegorie war die bestimmende Stilform. Von jedem Ereignis des Alten Testaments glaubte man, daß es auf eine Entsprechung der damaligen Zeit verwies. Jede Erscheinung der Natur enthüllte eine verborgene Bedeutung der christlichen Lehre. Allegorische Figuren wie die Gier, die Vernunft, die Höflichkeit, die Liebe, der falsche Schein, das Gute, die Freude und das Böse bevölkerten die Geschichten und die politischen Abhandlungen.

Geschichten von großen Helden, von Brutus und König Arthur, von der »großen Fehde« Griechenlands mit Troja, von Alexander und Julius Cäsar, von Karl dem Großen und Roland, die gegen die Sarazenen kämpften, und davon, wie Tristan und Isolde sich liebten und wie sie sündigten, das waren die Lieblingsthemen des Adels. Was derbere Themen nicht ausschloß. Die Fabliaux, die lästerlichen und schlüpfrigen Geschichten des Alltags, wurden in den Kneipen ebenso wie in den Hallen der Adelshäuser erzählt.

Aristoteles lieferte die Basis für die politische Philosophie, Ptolemäus für die Naturphilosophie, Hippokrates und Galen für die Medizin. In zunehmendem Maße fanden auch zeitgenössische Schriftsteller ihr Publikum. Zu Dantes Lebzeiten bereits wurden seine Verse von den Schmieden und Eseltreibern gesungen. Das Anwachsen des Lesehungers veranlaßte die Signoria von Florenz, auf Anfrage der Bürger im Laufe des Jahres Vorträge zum Werk Dantes anzubieten und dafür sogar die Summe von 100 Goldflorin aufzubringen, um den Vorleser zu bezahlen, der seinen Vortrag täglich, außer an Festtagen, zu [68]halten hatte. Für diese Aufgabe wurde Boccaccio verpflichtet, der die erste Dantebiographie geschrieben hatte und eine vollständige Abschrift der Göttlichen Komödie von eigener Hand Petrarca zum Geschenk gemacht hatte.

Um die Jahrhundertwende wurden in einem italienischen biographischen Lexikon die längsten Artikel Cäsar und Hannibal gewidmet, zwei Seiten waren für Dante reserviert und jeweils eine für Archimedes, Aristoteles, König Arthur und den Hunnenkönig Attila, zweieinhalb Spalten beschäftigten sich mit Petrarca, eine mit Boccaccio, kürzere Erwähnung fanden Giotto und Cimabue, drei Zeilen wiesen auf Marco Polo hin.


Der normale Lebensweg endete für Enguerrand abrupt im Alter von sieben Jahren, als sein Vater im Krieg gegen die Engländer in der Zeit der Schlacht von Crécy 1346 fiel – ob in dieser Schlacht selbst oder in einer anderen Begegnung, ist ungewiß.

Wenn nun ein Lehen, das dem König eine bedeutende Anzahl von Soldaten schuldete, in die Hände einer Witwe oder eines minderjährigen Erben fiel, warf das die Frage der Herrschaft auf, und das um so mehr, da das Königreich sich bereits im Krieg befand. Als Verwalter der Baronie der Coucys für die Zeit von Enguerrands Minderjährigkeit bestellte der König seinen obersten Ratsherrn Jean de Nesles, Herr von Offémont, ein Mitglied des alten Adels, und eine andere Persönlichkeit aus dem engeren Kreis seiner Ratgeber, Matthieu de Roye, Herr von Aunoy und Führer der Bogenschützen Frankreichs, ein Amt, welches das Kommando über alle Bogenschützen und die Infanterie umfaßte. Beide waren Adelsherren der Picardie, die nicht weit von Coucy ihre Besitzungen hatten. Enguerrands Onkel Jean de Coucy, Herr von Havraincourt, wurde sein Beschützer, Lehrmeister und Ratgeber. Seine Mutter, Katharina von Österreich, durch den Tod ihres Mannes schutzlos und verwundbar, schloß schnell Abkommen mit den zahlreichen Brüdern und Schwestern ihres Mannes, die das Besitztum zu seinen Lebzeiten gemeinsam gehalten hatten. Sie bestätigte deren Besitz an Burgen und Rittergütern, und Enguerrand, der keine Brüder und Schwestern hatte, wurde als Erbe des Hauptbesitzes bestätigt, der die Besitzungen von Coucy, Marle, La Fère, Boissy-en-Brie, Oisy-en-Cambrésis und deren Städte und Niederlassungen umfaßte.

1348 oder 1349 heiratete Enguerrands Mutter erneut; vermutlich aufgrund einer Wahl, die sie oder ihre Familie getroffen hatte, wurde sie mit Konrad von Magdeburg verbunden, den man auch Hardeck nannte. Die Ehe blieb kinderlos. Innerhalb eines Jahres starben sie und ihr Mann, Opfer jener großen Katastrophe, die Europa traf und Enguerrand als Waisen zurückließ.

Katharina soll zu ihren Lebzeiten mit großer Sorgfalt auf die Erziehung ihres Sohnes geachtet haben. Sie wünschte, daß er sich »in den Künsten, in der Literatur und in den seinem Stand entsprechenden Wissenschaften« hervortun sollte, und häufig soll sie ihn an die »Tugenden und das hohe Ansehen seiner [69]Vorfahren« erinnert haben. Da diese Bekundungen aus einer Chronik des 16. Jahrhunderts über Enguerrand de Coucy stammen, sind sie vielleicht nur eine konventionelle Floskel, aber andererseits könnten sie auch wahr sein. Wie andere mittelalterliche Kindheiten ist die Enguerrand ein unbeschriebenes Blatt. Nichts ist von ihm bekannt, bis er im Alter von achtzehn Jahren 1358 unvermittelt die Bühne der Geschichte betritt.


Über das Rittertum, die Kultur, in der er aufwuchs, ist dagegen viel bekannt. Das Rittertum war mehr als ein bloßer Verhaltenskodex für Liebe und Krieg, es war ein moralisches System, welches das gesamte Leben der Adligen bestimmte. Es entwickelte sich in der Zeit der großen Kreuzzüge des 12. Jahrhunderts und zielte darauf, die religiösen Antriebe des Menschen mit den kriegerischen zu vereinigen und den kämpfenden Menschen mit der christlichen Lehre in Einklang zu bringen. Da die Lebensweise eines Ritters mit der christlichen Lehre ebensowenig übereinstimmte wie die der Händler, mußte die Kirche eine moralische Fassade finden, die es einerseits der Kirche erlaubte, die Krieger mit ruhigem Gewissen zu tolerieren, andererseits den Kriegern ermöglichte, ihren Wertvorstellungen ohne Gewissensbisse zu dienen. Mit Hilfe gelehrter Benediktiner wurde eine Doktrin entwickelt, die den Schwertarm des Ritters theoretisch in den Dienst der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, der Kirche, der Witwen und Waisen, der Unterdrückten stellte. Die Ritterschaft wurde im Namen der Dreifaltigkeit nach einer Zeremonie der Läuterung, Beichte und Kommunion verliehen.

Gewöhnlich wurde eine Reliquie in das Heft des Schwertes eingelassen, damit der Rittereid, der mit dem Schwert in der Hand gesprochen wurde, im Himmel gehört wurde. Ramon Lull, ein berühmter Verherrlicher des Rittertums, konnte infolgedessen behaupten, daß »Gott und das Rittertum in Einklang miteinander sind«.

Aber genau wie das Kaufmannstum konnte auch das Rittertum von der Kirche nicht im Zaum gehalten werden. Es brach aus den abgesegneten Bahnen aus und entwickelte seine eigenen Gesetze. Die Tapferkeit, jene Mischung aus Mut, Stärke und Geschicklichkeit, die einen »chevalier preux« ausmachte, war das Wichtigste. Ehre und Treue, zusammen mit der Höflichkeit, der Verhaltensweise, die später Ritterlichkeit genannt wurde, waren die Ideale, die hohe Minne aber der Geist des Rittertums. Die hohe Minne verpflichtete ihren Anhänger zu einer chronisch amourösen Verfassung, was im Grunde darauf zielte, den Umgangston zu verbessern, den Ritter höflich, galant und heiter zu machen. Die Großzügigkeit war eine notwendige Ergänzung. Geschenke und Gastfreundlichkeit waren die Kennzeichen eines wirklichen Herrn und hatten den praktischen Sinn, andere Ritter dazu zu bringen, unter dem Banner und dem Wohlwollen eines großen Adelsherrn zu kämpfen. Troubadoure und Chronisten, die von dieser Großzügigkeit lebten, [70]machten sie zur Haupttugend des Ritters, was zu unsinnigen Extravaganzen und leichtfertiger Verschuldung führte.

Tapferkeit war kein leeres Wort, denn in ihrer Funktion als Kämpfer brauchten die Ritter Härte und Ausdauer. Mit einer dreißig Kilo wiegenden Rüstung auf dem Pferderücken oder zu Fuß zu kämpfen, mit dem Gegner bei vollem Galopp zusammenzustoßen, während man eine fast sechs Meter lange Lanze im Arm hielt, mit Schwert und Streitaxt Hiebe auszutauschen, die einen Schädel spalten oder ein Glied abtrennen konnten, ein halbes Leben im Sattel zu verbringen, bei jedem Wetter und häufig tagelang, das war nicht die Arbeit eines Schwächlings. Härte und Furcht waren Teil dieses Lebens. »Ritter im Krieg müssen unablässig ihre Furcht hinunterschlucken«, schrieb der Freund und Biograph von Don Pero Niño, »dem unbesiegten Ritter« des späten 14. Jahrhunderts. »Sie setzen sich jeder Gefahr aus. Sie weihen ihre Körper der Erfahrung des Lebens im Tod. Schimmeliges Brot und Zwieback, gebratenes oder auch rohes Fleisch, den einen Tag genug zu essen, den anderen Tag nichts, wenig Wein oder gar keinen, Wasser aus dem Tümpel oder aus dem Faß, schlechte Unterkünfte, eine Zuflucht aus Zweigen oder Zelten, ein schlechtes Bett, wenig Schlaf unter dem Gewicht der Rüstung, mit Eisen beladen, der Feind einen Bogenschuß entfernt. ›Achtung! Wer da? Zu den Waffen! Zu den Waffen!‹ Mit der ersten Morgendämmerung ein Alarm, gegen Abend die Trompete. ›Auf die Pferde! Auf die Pferde! Aufstellung!‹ Als Späher und als Posten sind sie Tag und Nacht wach, sie kämpfen ohne Deckung als Vorhut und Spähtrupp, Wache auf Wache, Pflicht auf Pflicht. ›Da kommen sie! Da! Es sind viele – nein, doch nicht so viele – hierher – dorthin – kommt hier herüber – schlagt sie dort – Achtung – Achtung – sie kommen verletzt zurück, sie haben Gefangene – nein, doch nicht – vorwärts – vorwärts! Gebt keinen Zoll auf! Vorwärts.‹ Das ist ihr Beruf.«

Entsetzliche Wunden waren Teil des Berufs. In einer Schlacht wurde Don Pero Niño von einem Pfeil getroffen, der »Kehle und Genick zusammenknüpfte«, aber er kämpfte weiter. »Mehrere Lanzenstümpfe steckten in seinem Schild, was ihn stark behinderte.« Der Bolzen einer Armbrust »durchbohrte sehr schmerzhaft seine Nasenflügel, was ihn benommen machte, aber nicht lange«. Er drängte vorwärts und mußte zahlreiche Schwerthiebe auf Schultern und Kopf ertragen, die »manchmal den Bolzen trafen, der in seiner Nase steckte, was ihm große Schmerzen bereitete«. Als die Schlacht durch beiderseitige Erschöpfung endete, war Don Pero Niños Schild »in Stücke gehauen, sein Schwert gezahnt wie eine Säge und blutrot gefärbt…, seine Rüstung an verschiedenen Stellen von Lanzen durchstoßen, die in sein Fleisch eingedrungen waren und ihn bluten ließen, obwohl der Panzer sehr stark war«. Tapferkeit war nicht billig zu erkaufen.

Die Treue war die höchste Tugend des Ritters. Ihre besondere Bedeutung leitete sich aus einer Zeit her, als noch der Lehnseid zwischen Herr und Vasall [71]die einzige Grundlage der Herrschaftsordnung war. Ein Ritter, der seinen Eid brach, wurde des Verrats angeklagt, da er die gesamte Ritterschaft verraten hatte. Das Konzept der Treue schloß aber bestimmte Niederträchtigkeiten und Hinterlistigkeiten nicht aus, solange der Ritterschwur nicht direkt gebrochen wurde. Verschaffte sich zum Beispiel eine Gruppe bewaffneter Ritter Zutritt zu einer Stadt, indem sie sich als Verbündete ausgaben, um dann über die Einwohner herzufallen, so war das kein Bruch der ritterlichen Ehre, da die Ritter den Bürgern ja keinen Eid geschworen hatten. Der Kampf war die einzige Beschäftigung, die dem Tatendrang des Adligen entgegenkam, in der er sich austoben konnte. Er war sein Ersatz für Arbeit. Die Freizeit wurde größtenteils mit der Jagd verbracht, mit Schachspielen, Backgammon und Würfeln, mit Tänzen, Gesängen, Zeremonien und anderen Unterhaltungen. An langen Winterabenden hörte man schier endlosen Versdichtungen zu. Das Schwert bot dem arbeitslosen Adligen die Möglichkeit einer gezielten Tätigkeit, es konnte ihm Ruhm verschaffen, Ansehen und, wenn er Glück hatte, auch materiellen Gewinn. Wenn kein echter Konflikt greifbar war, zog er zu Turnieren, die die aufregendste, teuerste, ruinöseste und beliebteste Aktivität des Adligen war – und paradoxerweise auch die seiner wahren militärischen Funktion schädlichste. Der Turnierkampf konzentrierte sein Geschick und sein Interesse auf eine zunehmend formalisierte Kampfform und ließ ihm wenig Zeit, über die Strategie und Taktik der wirklichen Schlacht nachzudenken.

Die Turnierkämpfe sind in Frankreich entstanden und wurden von daher überall als »französischer Kampf« (conflictus Gallicus) bekannt. Zu Beginn wurden sie ohne Regeln und Teilnehmerlisten abgehalten. Erst später wurde dieser Zusammenstoß von Gegnern, der aus der Lust am Kampf geboren war, in geregeltere Bahnen gelenkt. Es entwickelten sich hauptsächlich zwei Formen des Turnierkampfes, zum einen der Zweikampf und zum anderen das Handgemenge zwischen zwei Gruppen mit bis zu vierzig Teilnehmern auf jeder Seite, entweder à plaisance mit stumpfen Waffen oder à outrance ohne Einschränkungen, wobei die Teilnehmer schwer verletzt und häufig sogar getötet werden konnten. Die Turniere verbreiteten sich, als die wichtigste Beschäftigung des Adligen seltener wurde. Unter der erweiterten Herrschaft des Königshauses sah sich die Ritterschaft in immer geringerem Maße vor die Notwendigkeit gestellt, ihr Land zu verteidigen. Zusätzlich nahm eine Klasse berufsmäßiger Minister und Ratgeber ihren Platz bei Hofe ein. Je weniger der Ritter zu tun hatte, desto mehr Energie verwandte er auf die Turnierspiele, bei denen seine alte Rolle künstlich wiederbelebt wurde.

Ein solches Turnier dauerte vielleicht eine Woche und bei großen Anlässen zwei. Der Eröffnungstag wurde damit verbracht, die Teilnehmer einzuschätzen und zu setzen; danach folgten Tage, die den Zweikämpfen und den Handgemengen vorbehalten waren, und schließlich, nach einem Ruhetag, fand das große Finale statt. Alle Tage gab es große Gastmähler und Feste. Die Turniere [72]waren die größten sportlichen Ereignisse der damaligen Zeit und zogen große Mengen bürgerlicher Zuschauer an, vom reichen Kaufmann über einfache Handwerker bis zu Händlern und Imbißverkäufern, Prostituierten und Taschendieben. Gewöhnlich nahmen an solchen Anlässen bis zu hundert Ritter teil, jeder begleitet von zwei berittenen Knappen, einem Waffenschmied und sechs livrierten Dienern.

Die Ritter hatten sich selbstverständlich selbst mit der bemalten oder gar vergoldeten Rüstung und dem Helm mit wehendem Helmbusch auszustatten, was zwischen 25 und 50 Pfund kostete, und mit einem Schlachtroß im Wert von 25 bis 100 Pfund, dazu kamen ein Reitpferd, Banner und schöne Kleidung. Konnten diese Ausgaben einen Ritter schnell bankrott machen, so bestand auch die Möglichkeit, daß er sich bereicherte, denn der Verlierer eines Zweikampfs mußte ein Lösegeld zahlen und verlor Pferd und Rüstung an den Sieger, der ihm dies alles zurückverkaufen konnte. Zwar wurde Gewinnsucht nicht als ritterliche Tugend angesehen, aber sie war Teil dieser Turniere.

Wegen ihrer Extravaganzen und Gewalttätigkeiten wurden die Turniere von Päpsten und Königen fortwährend verurteilt, weil sie selbst durch sie finanzielle Einbußen erlitten. Vergeblich. Als die Dominikaner sie als heidnische Zirkusspiele verurteilten, hörte niemand zu. Als der gefürchtete heilige Bernhard donnerte, daß jeder, der in einem Turnier getötet würde, zur Hölle fahre, predigte er dies eine Mal tauben Ohren. Der Turniertod wurde von der Kirche offiziell als Selbstmord angesehen, was einer Todsünde gleichkam und zusätzlich die grundlose Gefährdung von Familie und Gefolge bedeutete; aber auch Exkommunikationsdrohungen blieben wirkungslos. Obwohl Ludwig der Heilige die Turniere verdammte und Philipp der Schöne sie verbot, konnte ihnen auf Dauer nichts Einhalt gebieten oder ihre Anziehungskraft vermindern.

Kostbar gekleidete Zuschauer saßen auf der Tribüne, Fahnen und Bänder flatterten im Wind, die Kämpfer paradierten bei Trompetenschall und ließen ihre mit goldenem Zaumzeug geschmückten Pferde tänzeln und schnauben. Der Glanz der Rüstungen und der Schilde, die Gunstbezeigungen der Damen für ihre Favoriten, die Verbeugungen der Wappenherolde vor dem Fürsten, der die Regeln verlas, und das Geschrei des Gefolges, das seinen Herrn feierte, waren die Erfüllung des Adelsstolzes, sein Entzücken an seiner eigenen Großartigkeit.


Waren die Turniere die Theaterbühne des Ritterstandes, so war die hohe Minne sein Traumland. Die hohe Minne galt als Liebe um ihrer selbst willen. Sie war eine romantische Liebe, eine wahre Liebe, eine körperliche Liebe ohne Bezug auf Besitz oder Familie und zielte daher immer auf die Frau eines anderen Mannes, da nur eine solche unerlaubte Verbindung keinen anderen Inhalt als die Liebe selbst haben konnte. (Liebesbeziehungen zu Jungfrauen waren [73]praktisch unmöglich, da dies gefährliche Probleme aufgeworfen hätte – und außerdem sprangen die Jungfrauen von Geblüt gewöhnlich aus der Kindheit direkt in die Ehe, so daß kaum Zeit für Liebesabenteuer blieb!) Die Tatsache, daß die hohe Minne die verbotene Liebe idealisierte, fügte dem unübersichtlichen Regelwerk, nach dem der mittelalterliche Mensch sein Leben ausrichtete, eine weitere Komplikation hinzu. In der Fassung, die das Rittertum dem Problem gab, waren Romanzen außerehelich, weil Liebe in der Ehe als irrelevant betrachtet, sogar entmutigt wurde, da die Ehe allein dynastischen Interessen diente.

Zu ihrer Rechtfertigung sagte man der hohen Minne nach, daß sie den Mann adelte, daß sie ihn in jeder Hinsicht verbesserte. Sie mahnte ihn, ein Beispiel an Güte abzugeben und das Äußerste zu tun, um seine Ehre zu wahren und die Dame seines Herzens vor aller Unbill zu schützen. Auf einer niedrigeren Ebene sollte sie ihn dazu bringen, die Zähne zu putzen und die Nägel sauberzuhalten, sich schön zu kleiden, seine Unterhaltung geistreich und amüsant, sein Benehmen höflich zu machen, Grobheit und Arroganz zu zügeln und niemals in Anwesenheit von Damen zu streiten. Vor allem aber sollte die hohe Minne ihn mutiger und tapferer machen. Das war die Grundvoraussetzung: Die Liebe inspirierte ihn zu Heldentaten. Er wurde, wie Froissart formulierte, »zwei Männer wert«. Diese Auffassung erhöhte das Ansehen der Frauen, weniger um ihrer selbst willen als durch ihre Rolle als Inspiration männlicher Größe. Das war dennoch eine gesellschaftlich höhere Funktion, als lediglich Sexualobjekt, Mutter und Erzieherin zu sein oder – durch Heirat und Mitgift – eine bloße Vermittlerin von Besitz.

Die ritterliche Liebesaffäre bewegte sich durch die Stadien der Anbetung, der leidenschaftlichen Liebeserklärung, tugendhaften Zurückweisung von seiten der Dame, der erneuten Werbung mit Schwüren ewiger Treue, der Seufzer der Todeserwartung wegen unerfüllter Sehnsucht, der heroischen Taten, die das Herz der Dame gewannen, des Vollzugs der geheimen Liebe, wiederum gefolgt von endlosen Abenteuern, bis zum tragischen Ende.

Das bekannteste der romantischen Versepen und wohl auch eines der letzten war der Châtelain de Coucy, das etwa zur Zeit von Enguerrands VII. Geburt geschrieben wurde, als das chanson de geste am Aussterben war. Der Held war nicht der Herr von Coucy, sondern ein châtelain der Burg namens Renault, der einem Dichter des 12. Jahrhunderts nachempfunden war.

In der Legende verliebt er sich leidenschaftlich in eine Dame de Fayel und wird durch endlose Manöver des Ehemannes dieser Dame in den Dritten Kreuzzug gelockt. Allein das nimmt 8266 Verszeilen ein. Mit Ruhm bedeckt, wird er von einem vergifteten Pfeil schließlich tödlich verwundet und verfaßt sen letztes Lied und einen Abschiedsbrief, die zusammen mit seinem einbalsamierten Herzen und einer ihrer Locken der Dame de Fayel nach seinem Tod geschickt werden sollen. Der eifersüchtige Ehemann läßt aber den treuen Boten [74]ergreifen und das Herz braten und seiner Frau vorsetzen. Nachdem sie erfahren hat, was sie gegessen hat, schwört sie, daß sie nach so edler Speise niemals mehr essen wird, und stirbt, worauf ihr Mann sich selbst zu einer lebenslangen Pilgerfahrt verdammt, um Buße für seine Tat zu tun.

»Melancholisch, amourös und barbarisch« waren diese Lieder, die die ehebrecherische Liebe als die einzig wahre Liebe feierten, obwohl Ehebruch in der Wirklichkeit derselben Gesellschaft als Verbrechen angesehen wurde und als Sünde. Wenn der Ehebruch entdeckt wurde, entehrte er die Dame und befleckte den Namen des Ehemannes. Es galt als selbstverständlich, daß er das Recht hatte, beide, die untreue Frau und ihren Liebhaber, zu töten. In diesem Kodex paßt nichts zusammen. Die doch vermeintlich sittlich erhöhende und gefeierte Liebe ist auf Sünde gegründet und beschwört gerade die Ehrlosigkeit herauf, die sie dem Manne nehmen sollte. Die hohe Minne war ein noch unentwirrbareres Durcheinander moralischer Grundsätze als die Erhebung von Zinsen. Sie blieb künstlich, eine literarische Konvention, eher phantastisch als real (wie heute die Pornographie), sie existierte mehr als Gesprächsgegenstand denn als Realität.

Die Wirklichkeit war normaler. Wie von La Tour Landry überliefert, waren seine amourösen Ritterbrüder alles andere als treu, ehrlich und höflich. Er erzählt, wie er und seine Freunde als junge Männer auf ihren Reisen um die Gunst der Damen warben. War die eine nicht zu bewegen, versuchten sie es bei der nächsten. Sie betrogen die Damen mit schönen Worten und Schmeicheleien und schworen falsche Eide, »denn überall, wo es nur ging, wollten sie ihr Vergnügen haben«. Manche Edeldame fiel den »faulen und großen falschen Eiden, die Männer Frauen schwören«, zum Opfer. La Tour Landry berichtet, daß drei Damen, die ihre Ansichten über ihre Liebhaber austauschten, entdeckten, daß Jean le Maingre der Favorit aller drei war, mit jeder geschlafen und jeder geschworen hatte, daß er nur sie liebte. Als sie ihn zur Rede stellten, war er um eine Ausrede nicht verlegen, »denn zu der Zeit, als ich mit jeder von euch sprach, liebte ich nur die, zu der ich sprach, und meinte es wahrhaftig so«.

La Tour Landry selbst, ein in vielen Feldzügen erprobter Ritter, erwies sich als sehr häuslicher Mann, der am liebsten in seinem Garten saß und im April dem Gesang der Drossel lauschte und in seinen Büchern las. Ganz im Gegensatz zur ritterlichen Minneauffassung liebte er seine Frau, »die Blume alles Schönen und Guten«. »Ich erfreute mich so sehr an ihr, daß ich, so gut ich konnte, Liebeslieder, Balladen, Rondeaus und diverse neue Dinge für sie schrieb.« Er hält nicht viel vom Lieblingsthema des Rittertums, daß die hohe Minne den Ritter zu größerer Tapferkeit inspirierte, denn obwohl sie sagen, sie tun es für die Damen, »denken sie in Wahrheit nur an sich und ihre Ehre«. Auch die Liebe um der Liebe willen, par amours, billigt er nicht, da sie die Ursache vieler Verbrechen ist. Als Beispiel zitiert er den Châtelain de Coucy.

[75]Ein aufsehenerregender Skandal der Zeit, die Vergewaltigung der Gräfin von Salisbury durch Eduard III., macht deutlich, daß die hohe Minne das am wenigsten verwirklichte Ideal des Rittertums war. Froissart, der an den Ritterstand glaubte wie Ludwig der Heilige an die Heilige Dreifaltigkeit, säuberte die Geschichte angeblich nach sehr sorgfältigen Untersuchungen, in Wirklichkeit wohl eher aus Respekt vor seiner geliebten ersten Patronin, Philippa von Hainault, Eduards Königin. Er berichtet lediglich, daß der König »von einem Liebesfunken im Herz« getroffen wurde, als er nach einer Schlacht in Schottland 1342 das Schloß von Salisbury besuchte und die schöne Gräfin sah. Als sie ihn abwies, begründete Eduard vor sich selbst, warum er seine sündige Leidenschaft nicht aufgeben konnte. Seine Worte, mit beträchtlicher historischer Freiheit überliefert, sind eine hervorragende Zusammenfassung der ritterlichen Theorie über die Rolle der Liebe: »Wenn er aber nicht verzichten, sondern weiterlieben würde, so würde das für ihn gut sein, für sein Königreich, für seine Ritter und Knappen, denn er würde zufriedener sein, lebenslustiger und kriegerischer; er würde mehr Zweikämpfe und Turniere abhalten, mehr Feste feiern als je zuvor. Er würde in seinen Kriegen fähiger und stärker sein, freundlicher und vertrauensvoller seinen Freunden gegenüber und härter gegen seine Feinde.«

Johann dem Schönen zufolge, der, bevor er in ein Kloster eintrat und Chronist wurde, selbst ein Ritter mit wenigen Illusionen gewesen war, ging diese Angelegenheit ganz anders vonstatten. Nachdem der König den Grafen von Salisbury wie Uria in die Bretagne geschickt hatte, besuchte er noch einmal die Gräfin und vergewaltigte sie wie ein Verbrecher: »Er hielt ihr den Mund mit solcher Gewalt zu, daß sie nur einen oder zwei Schreie ausstoßen konnte…Schließlich ließ er sie ohnmächtig zurück, aus Nase, Mund und anderen Stellen blutend.« Eduard kehrte verstört durch das, was er getan hatte, nach London zurück, und jene gute Dame »wurde nie mehr glücklich oder froh, so schwer war ihr das Herz geworden«. Als ihr Gatte zurückkehrte, wollte sie nicht mehr bei ihm liegen, und gefragt, warum nicht, erzählte sie ihm, was geschehen war, »und saß weinend auf dem Bett neben ihm«. Der Graf von Salisbury bedachte die große Freundschaft, die ihn mit dem König verbunden hatte, und erklärte seiner Frau, daß er nicht länger in England leben könne. Er zog zu Hofe und sagte sich in Anwesenheit der Fürsten von seinen Besitztümern los, hinterließ nur seiner Frau ein lebenslanges Auskommen, trat vor den König und sagte ihm ins Gesicht: »Du hast mich verbrecherisch entehrt und mich in den Schmutz geworfen.« Danach verließ er das Land zur Trauer des Adels, und »der König wurde von allen verurteilt«.

Wenn die Fiktion des Rittertums auch das äußerliche Verhalten zeitweise formte, so konnte es doch genausowenig wie andere Modelle, die der Mensch entwarf, die menschliche Natur verändern. Joinvilles Bericht von 1249 über die Kreuzritter in Damiette zeigt die Ritter Ludwigs des Heiligen tief in Gewalttätigkeit, [76]Gotteslästerung und Ausschweifung verstrickt. Bei ihren alljährlichen Überfällen auf die litauischen Heiden veranstalteten Ritter des Deutschen Ordens Bauernjagden als sportliches Vergnügen. Dennoch, auch wenn der ritterliche Ehrenkodex nichts anderes als eine dünne Zivilisationsschicht über Gewalt, Gier und Sinneslust gewesen ist, so war er doch ein Ideal wie das Christentum auch, ein Ideal, dessen Erfüllung – wie immer – die Kraft des Menschen überstieg.

 

[77]

Kapitel 4
Krieg

Der erste Feldzug Eduards III. in Frankreich, durch den Waffenstillstand von 1342 zum Stillstand gekommen, hatte keine strategischen Ergebnisse erbracht, wenn man von der Seeschlacht vor Sluis, dem Hafen von Brügge, absieht. Hier in der Scheldemündung, wo im Schutz vorgelagerter Inseln ein weiter natürlicher Hafen lag, hatten die Franzosen 200 Schiffe versammelt, die sie von so weither wie Genua und der Levante zusammengezogen hatten, um eine Invasion Englands vorzubereiten. Die Schlacht endete mit einem englischen Sieg, der die französische Flotte zerstörte und England zunächst die Vorherrschaft im Kanal gab. Die Schlacht war durch eine militärische Neuerung gewonnen worden, die zur Nemesis Frankreichs werden sollte.

Das war der »Longbow«, der lange Bogen, der von den Walisern übernommen worden war und unter Eduard I. zum Gebrauch im Kampf gegen die Schotten im Hochland weiterentwickelt worden war. Mit einer Reichweite von bis zu 250 Metern und einer Feuergeschwindigkeit von zehn bis zwölf Pfeilen in der Minute bedeutete dieser Bogen gegenüber der Armbrust mit einer Feuergeschwindigkeit von zwei Bolzen in der Minute einen revolutionären militärischen Kraftzuwachs. Der Pfeil war fast einen Meter lang und galt bis zu Entfernungen von 160 Metern als zuverlässig. War auf weite Entfernungen die Durchschlagskraft des Langbogens auch geringer als die der Armbrustbolzen, so demoralisierte der fürchterliche Pfeilhagel doch jeden Gegner. Als Eduard zum Kampf gegen Frankreich rüstete, brauchte er zum Ausgleich für die zahlenmäßige Unterlegenheit einen waffentechnischen Vorsprung. 1337 hatte er unter Androhung der Todesstrafe jeden Sport außer dem Bogenschießen verboten und all den Handwerkern die Schulden erlassen, die sich mit der Herstellung der Bogen (aus Eibe) und der Pfeile befaßten.

Noch eine andere neue Waffe kam zu dieser Zeit auf, die Kanone, aber sie setzte sich nur sehr langsam durch; sie war zunächst sehr viel unwirksamer als der Langbogen. Um 1325 war der »Ribaud« oder »Pot de fer« erfunden worden, wie die Franzosen diese neue Waffe nannten. Es handelte sich um ein kleines Eisenrohr, das mehr die Gestalt einer Flasche besaß und einen Eisenbolzen abfeuerte, der mit einer dreieckigen Spitze versehen war. Als ein französischer Stoßtrupp 1338 Southampton plünderte und niederbrannte, fiel ihm solch ein »Rimbaud« in die Hände, dazu ein gutes Kilo Schießpulver und 48 Bolzen. Im darauffolgenden Jahr produzierten die Franzosen eine fahrbare [78]Plattform mit den entsprechenden Röhren, deren Zündlöcher nebeneinander lagen und die so in Salven abzufeuern waren. Aber sie erwiesen sich als zu klein, um ein Geschoß mit genügender Durchschlagskraft auf den Weg zu bringen. Es ist überliefert, daß die Engländer etwas Ähnliches bei Crécy benutzt haben, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Auf jeden Fall kamen bei der Belagerung von Calais die ersten Feuerwaffen zum Einsatz. Aber auch hier erwiesen sie sich als machtlos gegen die Befestigungsmauern der Stadt. Später, als sie aus Bronze gegossen wurden, konnten sie wirkungsvoll gegen Brücken, Stadt- und Burgtore eingesetzt werden, aber Steinwände widerstanden ihnen noch für weitere hundert Jahre. Schwierigkeiten mit dem Nachladen, dem Feststoßen des Pulvers, dem Einführen der Geschosse und der optimalen Ausnutzung des Explosionsdrucks vereitelten bis ins 14. Jahrhundert einen effektiven Einsatz dieser Waffe.

Unter dem persönlichen Kommando von Eduard dominierten die Bogenschützen in der Schlacht von Sluis die englischen Angriffswaffen. Je zwei Schiffe mit Bogenschützen wurden von einem Schiff mit normal bewaffneten Soldaten begleitet, zusätzliche Schiffe mit Verstärkung wurden für den Notfall bereitgehalten. Nicht die seemännische Überlegenheit, sondern die Kampfkraft der Soldaten und Bogenschützen an Bord war in jener Ära entscheidend. Sie operierten von 100- bis 300-Tonnen-Koggen aus, die mit ihren erhöhten Decks und Schießständen für den Einsatz von Bogenschützen konstruiert waren. Der Schlachtverlauf war »wild und ungestüm«, berichtet Froissart, »denn Seeschlachten werden erbarmungsloser und entschlossener geführt, weil es keine Rückzugs- oder Fluchtmöglichkeiten gibt«. Unter dem Pfeilhagel der Bogenschützen wurden die Franzosen unter Deck getrieben und erlitten, verfolgt von Glücklosigkeit und Verwirrung, eine vollkommene Niederlage.

Niemand wagte, Philipp VI. den Ausgang der Schlacht zu berichten, bis sein Hofnarr vor ihn gestellt wurde und rief: »Oh, diese englischen Feiglinge! Was für Feiglinge die Engländer doch sind!« Als er nach dem Warum gefragt wurde, antwortete er: »Sie sind nicht über Bord gesprungen wie unsere tapferen Landsleute!« Der König verstand das anscheinend. Die Fische tranken so viel französisches Blut, sagte man nach der Schlacht, daß sie französisch gesprochen hätten, wenn Gott ihnen die Gabe der Rede verliehen hätte.

Trotzdem führte der englische Sieg zunächst nicht weiter, Eduard hatte einfach nicht genug Truppen, diesen Seesieg zu Lande auszunutzen. Seine Alliierten aus den Niederlanden, die er teuer eingekauft hatte, zogen sich allmählich vom Kampfgeschehen zurück, da sie kein wirkliches Interesse an seinem Kriegsziel hatten. Sogar der Schwiegervater Eduards, Herzog Wilhelm von Hainault, kehrte in die für ihn näherliegende Bindung an Frankreich zurück. Mit unzureichenden Kräften und bankrotten Staatsfinanzen war Eduard III. gezwungen, das Vermittlungsangebot des Papstes zu akzeptieren. Er zog sich zurück, aber nur pour mieux sauter (um besser zu springen).

[79]Worum kämpfte er wirklich? Was war der wahre Grund für einen Krieg, der sich, alles menschliche Vorstellungsvermögen übersteigend, bis ins nächste Jahrhundert hineinziehen sollte? Wie bei den meisten Kriegen handelte es sich um eine brisante Mischung aus politischen, ökonomischen und psychologischen Gründen. Eduard wollte die endgültige Unabhängigkeit der Gascogne und Aquitaniens erreichen, jener westlichen Ecke Frankreichs, die Eleonore von Aquitanien in die Ehe mit Heinrich II., einem Vorfahren Eduards, eingebracht hatte. Trotzdem behielt der französische König die Oberherrschaft über dieses Gebiet, und die Einwohner konnten sich unter der Formel superioritas et resortum an ihren französischen Oberherrn wenden. Da es als mehr als sicher galt, daß dessen Entscheidungen zu ihren Gunsten gegen die Engländer ausfielen, machten die Einwohner von ihrem Recht häufig Gebrauch. Aus diesem Grunde war die Situation eine endlose Quelle von Konflikten. Für die Engländer war dieses superioritas et resortum psychologisch und politisch untragbar.

Der Zustand traf die Engländer um so mehr, als Aquitanien für ihre Wirtschaft von besonderer Bedeutung war. Mit seinen fruchtbaren Tälern und seinem Netz von schiffbaren Flüssen, die alle in den Hafen von Bordeaux führten, war es das größte Weinexportgebiet der bekannten Welt. England importierte von dorther Wein und andere Güter und exportierte im Gegenzug Wolle und Stoffe, dabei fielen sowohl nennenswerte Handelssteuern in Frankreich als auch in England an. Zwischen Bordeaux und Flandern gab es ähnlich gewinnbringende Handelsverbindungen, die den Neid Zentralfrankreichs hervorriefen. Außerdem war dieser englische Brückenkopf für die französische Monarchie untragbar. In den letzten zweihundert Jahren hatte jeder französische König mit Kriegen, Beschlagnahmungen und Verträgen versucht, Aquitanien zurückzugewinnen. Der Streit war alt und tief und bedeutete Krieg so sicher, »wie Funken aufwärts fliegen«.


Eduard III. war fünfzehn Jahre alt, als er 1327 den Thron bestieg, 25, als er sich zum Krieg gegen Frankreich einschiffte, und 34, als er es 1346 zum zweitenmal versuchte. Er war gut gebaut, kraftvoll, hatte langes blondes Haar, trug Schnauz- und Kinnbart, war voller Energie, tatendurstig und königlich eitel, elegant und launisch, und nichts an menschlicher Bösartigkeit war ihm fremd. Unter den erbarmungslosen Machtkämpfen, die zu der Ermordung der Vertrauten seines Vaters führten, war er aufgewachsen. Er hatte die Absetzung und Ermordung seines Vaters miterlebt und den Sturz und die Hinrichtung Mortimers, des Liebhabers seiner Mutter, der die Macht ergriffen hatte; aber er schien, soweit die Geschichtsschreibung weiß, von diesen Schrecken seiner Jugend unberührt. Er verstand etwas von praktischer Politik, ohne ein großer Herrscher zu sein. In keiner Hinsicht überragte er seine Zeit, aber er glänzte in jenen Qualitäten, die seine Zeit an einem König bewunderte: Er liebte die Vergnügung, [80]die Schlacht, den Ruhm, Jagden und Turniere und nicht zuletzt ein extravagantes Auftreten. Eine Beschreibung seines Charakters nennt »jungenhaften Charme« und eine gewisse »jugendliche Launenhaftigkeit«, was andeutet, daß er die charakteristische mittelalterliche Jugendhaftigkeit und Unreife teilte.

Als Eduard den Anspruch anmeldete, der rechtmäßige König von Frankreich zu sein, wußte niemand, wie ernst er das meinte, aber als taktische Maßnahme war dies von unvergleichlichem Wert, da es ihm den Anschein gab, eine gerechte Sache zu vertreten. Ein »gerechter Krieg« ist zwar in allen Zeiten ein gesuchter Vorwand, aber im Mittelalter war er praktisch eine Notwendigkeit, da nur so die feudalen Verpflichtungen an Geld und Soldaten einzuklagen waren. Der »gerechte Krieg« war auch wesentlich, um Gott auf seine Seite zu ziehen, denn Krieg wurde grundsätzlich als Anrufung Gottes und seines Schiedsgerichtes gesehen. Ein gerechter Krieg konnte im öffentlichen Interesse geführt werden, wenn es eine »gerechte Sache« gab, die gegen eine »Ungerechtigkeit« des Feindes in Form eines Verbrechens oder Rechtsbruchs zu vertreten war. Nach den Lehren des unumgänglichen Thomas von Aquin gab es noch eine dritte Bedingung: die gerechten Absichten des Angreifers, aber wie diese zu überprüfen seien, sagte der große Ausleger nicht. Wichtiger noch als die Hilfe Gottes war das »Recht auf Beute«, in der Praxis das Recht auf Plünderung, das mit einem »gerechten Krieg« verbunden war. Dies beruhte auf der Theorie, daß ein ungerechter Feind kein Recht auf Besitz hatte, und so wurde die Beute als Belohnung für den Einsatz des Lebens für eine gute Sache angesehen.

Der Anspruch Eduards auf die französische Krone wurde nun zur willkommenen Entschuldigung für jeden Untertan Frankreichs, der sich von Eduard als Verbündeter gewinnen ließ. Wenn er und nicht Philipp der rechtmäßige König von Frankreich war, dann konnte ihm jeder Vasall seine Gefolgschaft legal übertragen, ohne sein Treuegelöbnis zu brechen. Gefolgschaft wurde im 14. Jahrhundert immer noch einer Person geleistet, nicht einer Nation, und die mächtigen Feudalherren fühlten sich frei, über ihre Bündnisse fast autonom zu entscheiden. Die Harcourts der Normandie, der Herzog und andere Herren der Bretagne gingen bedenkenlos zu Eduard über. Der von seiner Mutter hergeleitete Anspruch Eduards brachte ihm den entscheidenden Vorteil, ohne den das ganze Unternehmen unmöglich gewesen wäre: Unterstützung in Frankreich. Er brauchte sich den Weg in das Land nicht freizukämpfen. Sowohl in der Normandie als auch in der Bretagne blieb dieser Zustand für die nächsten vierzig Jahre erhalten, und in Calais, das nach der Schlacht von Crécy eingenommen worden war, sollte er das Mittelalter überdauern.

In der Bretagne konzentrierte sich der Krieg auf eine endlose Fehde zwischen zwei Aspiranten auf den Herzogsthron, die jeweils einen Teil der Bevölkerung hinter sich hatten. Eine Seite wurde von Frankreich, die andere von [81]England unterstützt. Dadurch stand die bretonische Seeküste englischen Schiffen offen, englische Garnisonen standen auf bretonischem Boden, und bretonische Adlige stellten sich offen auf die Seite König Eduards. Die Bretagne war das Schottland Frankreichs, unberechenbar, keltisch, unzugänglich, von jeher widerborstig. Die Bretonen benutzten die Engländer in ihren Auseinandersetzungen mit der Monarchie wie die Schotten die Franzosen in den ihren.

An ihrer felsigen Küste »trafen sich zwei Feinde, das Land und die See, der Mensch und die Natur, in einem ewigen Kampf«, wie Michelet es beschrieben hat. Stürme werfen 15, 20, ja 25 Meter hohe Wellen an die Küste, deren Gischt hoch wie ein Kirchturm fliegt. »Die Natur ist schroff hier, und das ist auch der Mensch, und sie scheinen sich zu verstehen.«

Die Rivalen um das Herzogtum waren zwei unnachgiebige Extremisten, ein Mann und eine Frau. 1341 war der letzte Herzog gestorben. Er hinterließ einen Halbbruder, Johann Graf von Montfort, und eine Nichte, Jeanne de Penthièvre, als rivalisierende Erben. Montfort war der Verbündete Englands, während Jeannes Anspruch von ihrem Mann Karl von Blois verfochten wurde – eine Neffe Philipps VI. und der französische Kandidat für den Herzogsthron.

Von Kind an dem Studium von Büchern ergeben, hatte sich Karl zu einem Asketen von übertriebener Frömmigkeit entwickelt, der durch die Kasteiung des Fleisches spirituelle Reinheit zu erreichen meinte. Wie Thomas à Becket trug er ungewaschene Kleider voller Läuse, legte Kieselsteine in seine Schuhe, schlief vor dem Bett seiner Frau auf Stroh, und nach seinem Tod fand man ein grobes Hemd aus Roßhaar unter seiner Rüstung, dessen Schnüre so eng um seinen Körper gebunden waren, daß die Knoten ins Fleisch schnitten. Durch solche Praktiken drückte ein Frommer sein Streben nach Heiligkeit aus, seine Verachtung des Diesseits, Selbsterniedrigung und Demut, obwohl er sich selbst oft genug übertriebenen Stolzes über diese Exzesse schuldig fand. Karl beichtete jeden Abend, damit er nicht als Sünder zu Bett gehen mußte. Er war Vater eines Bastards, Jean de Blois, aber fleischliche Sünden mußten nicht gescheut, nur bereut werden. Er behandelte die Niedrigen mit Ehrerbietung, den Klagen der Armen antwortete er mit Gerechtigkeit und Güte, und er verzichtete auf zu schwere Besteuerung. Sein Ruf der Heiligkeit war so verbreitet, daß die Leute seinen Pfad mit Stroh und Tüchern bedeckten, als er barfuß durch den Schnee zu einem bretonischen Reliquienschrein pilgern wollte. Aber er nahm einen anderen Weg, und seine Füße bluteten so stark, daß er wochenlang nicht gehen konnte. Seine Gottergebenheit tat der grimmigen Verfolgung seiner Ziele indessen keinen Abbruch. Er bestärkte seinen Anspruch auf das Herzogtum an den Stadtmauern von Nantes, indem er seine Belagerungsmaschinen die Köpfe von dreißig gefangenen Kämpfern Montforts in die Stadt schleudern ließ. Seine erfolgreiche Belagerung von Quimper schloß er mit einem Massaker ab, dem zweitausend Einwohner aller Altersgruppen [82]und beider Geschlechter zum Opfer fielen. Nach dem damaligen Kriegsrecht konnten die Belagerten Bedingungen stellen, wenn sie sich ergaben; wenn sie das aber nicht taten und die Belagerung bis zu ihrem bitteren Ende durchfochten, so konnten sie keine Gnade erwarten, und deshalb empfand Karl vermutlich keine Hemmungen. Als er bei dieser Belagerung vor der Flut gewarnt wurde, die seine Angriffsaufstellung bedrohte, war er nicht zu bewegen, seine Pläne zu ändern. »Hat nicht Gott die Gewalt über die Wasser?« sagte er. Als seine Männer die Stadt einnahmen, bevor die Flut sie vom Land abschneiden konnte, wurde das vom Volk als ein Wunder angesehen, das durch Karls Gebete bewirkt worden war.

Als Karl schließlich den Grafen Montfort selbst gefangennahm und ihn als Gefangenen Philipps VI. nach Paris schickte, wurde Montforts Sache von dessen bemerkenswerter Frau »mit dem Mut eines Mannes und dem Herz eines Löwen« weiterverfochten. Sie ritt von Stadt zu Stadt und sammelte die zerfallene Anhängerschaft ihres Mannes für ihren dreijährigen Sohn, angeblich mit den Worten: »Ha, Seigneurs, klagt nicht um meinen Herrn, den ihr verloren habt, er war nur ein einziger Mann.« Dazu versprach sie, ihren gesamten Reichtum an die Sache zu setzen. Sie stattete Garnisonen mit Vorräten aus und verstärkte sie, sie organisierte den Widerstand, »bezahlte großzügig und gab uneingeschränkt«, saß Ratsversammlungen vor, führte eine geschickte Diplomatie und gab ihrem Anliegen in gewandten und beredten Briefen Ausdruck. Als Karl von Blois Hennebont belagerte, führte sie selbst in voller Rüstung auf einem Schlachtroß den Verteidigungskampf in den Straßen an. Inmitten des feindlichen Pfeilhagels trieb sie ihre Männer an und befahl den Frauen, ihre Röcke abzuschneiden, damit sie besser Steine und Pechtöpfe tragen könnten, um sie über die Stadtmauern auf die Köpfe der Feinde zu schleudern. Während einer Kampfpause wagte sie mit einer Gruppe ihrer Ritter einen Ausfall durch ein geheimes Tor, umging das feindliche Lager und fiel ihm in den Rücken; sie vernichtete die Hälfte der feindlichen Kräfte und schlug so die Belagerung ab. Sie entwarf Finten und Kriegslisten, ließ den Feind ihr Schwert sogar in Seeschlachten fühlen. Auch als ihr Mann verkleidet aus dem Louvre entfliehen konnte, nur um bei seiner Ankunft in der Bretagne zu sterben, setzte sie den Kampf – nun für ihren Sohn – unbeirrt fort.

Nachdem Karl von Blois 1346 von englischen Truppen gefangengenommen worden war und in einem englischen Kerker verschwand, wurde auch seine Sache von seiner nicht weniger unversöhnlichen Frau, der verkrüppelten Jeanne de Penthièvre, aufgenommen. Der erbarmungslose Krieg ging weiter. Seine beiden Protagonisten wurden von Schicksalen getroffen, die der Zeit, in der sie lebten, angemessen waren: Wahnsinn und Heiligsprechung. Die Schicksalsschläge und Intrigen, die Entbehrungen und zerschlagenen Hoffnungen überwältigten schließlich die tapfere Gräfin von Montfort, die irrsinnig wurde und nach England ging, während sich Eduard zum Anwalt ihres [83]Sohnes machte. Eingeschlossen und vergessen lebte sie noch dreißig Jahre in der Burg von Tickhill.

Nach einer neunjährigen Gefangenschaft gewann Karl von Blois gegen eine Lösegeldsumme, die verschiedentlich mit 350 000, 400 000 oder 700 000 Écus angegeben wurde, seine Freiheit zurück. Obwohl er selbst endlich zu Kompromissen bereit war, hinderte seine Frau ihn daran, auf seinen Anspruch zu verzichten. Er begann den Kampf von neuem und starb schließlich auf dem Schlachtfeld. Er wurde heiliggesprochen, was aber von Papst Gregor XI. auf Betreiben des jüngeren Johann von Montfort zurückgenommen wurde, da dieser befürchtete, als Besieger eines Heiligen von der bretonischen Bevölkerung als Thronräuber angesehen zu werden.


Während in der Bretagne ruhmreiche Feldzüge und große Taten verrichtet wurden, tobte in Flandern ein Kampf ganz anderer Art.

Der Handel und die Geographie machten Flandern zu einem entscheidenden Pfand der englisch-französischen Rivalität. Seine Städte waren die führenden Handelszentren Europas. Italienische Handelsbanken und Geldverleiher hatten dort ihre nordeuropäischen Hauptniederlassungen eingerichtet, was ein sicheres Zeichen für lukrative Geschäfte war.

Das Bürgertum erfreute sich eines Reichtums, der schon Königin Johanna, die Ehefrau Philipps des Schönen, erstaunt hatte: »Ich dachte, ich sei die einzige Königin in diesem Land«, sagte sie, »aber hier finde ich noch sechshundert andere.«

Obwohl ein Lehen der französischen Krone, war Flandern England durch den Textilhandel verbunden wie die Gascogne durch den Wein. »Alle Völker der Welt«, so schrieb stolz Matthäus von Westminster, »werden von englischer Wolle gewärmt, die von flandrischen Arbeitern zu Stoff verarbeitet wird.« In Qualität und Farbe einschließlich der schweren Stoffe für den Alltagsbedarf war Flandern in Europa konkurrenzlos. Die flandrischen Erzeugnisse wurden bis in den Orient verkauft und verschafften dem Land einen wirtschaftlichen Erfolg, der es aber zugleich für die Risiken einer wirtschaftlichen Monokultur anfällig machte. In diesem Umstand lag die Quelle der Wirren und Aufstände der letzten hundert Jahre, und England und Frankreich fanden hier auch den Ansatzpunkt für den Kampf um die Kontrolle dieses Gebietes.

Der Graf von Flandern, Ludwig von Nevers, und die flämischen Adligen waren profranzösisch, während die Handelsherren und die Arbeiterschaft aus Eigeninteresse, wenn nicht gar aus Gefühlsgründen England zuneigten. Die feudale, natürliche Verbundenheit mit Frankreich behielt die Oberhand. Flämische Stoffe und französischer Wein wurden über die Grenzen hinweg ausgetauscht, der flämische Hof war dem französischen Muster nachempfunden, der Adel war verwandtschaftlich verbunden, französische Prälaten verwalteten [84]hohe Ämter in Flandern, der Gebrauch der französischen Sprache war weit verbreitet, flämische Studenten besuchten Schulen und Universitäten in Laon, Reims und Paris. Philipp VI. versuchte, durch verstärkten politischen Druck Flandern von England zu isolieren. Dagegen erhoben sich die Industriestädte unter der Führung von Gent und setzten Jakob van Artevelde an ihre Spitze, eine der dynamischsten bürgerlichen Gestalten im 14. Jahrhundert. Er war ein ehrgeiziger Kaufmann aus jener Klasse, die nur darauf wartete, die politische Macht von den Adelsgeschlechtern zu übernehmen, was ihn nicht hinderte, selbst nach der Adelung zu streben. Seine zwei Söhne nannten sich Messire und Chevalier, und der ältere Sohn und eine Tochter hatten in Adelsfamilien eingeheiratet. Nachdem er sich an die Spitze der Aufständischen gestellt hatte, schlug Artevelde die gräflichen Truppen vernichtend und zwang den Grafen 1339, nach Frankreich zu fliehen, womit ihm die Kontrolle über das ganze Land zufiel.

In der Zwischenzeit übte Eduard, der der Garant für die Belieferung der flämischen Manufakturen mit Wolle war, Druck auf die Flamen aus, um ein Bündnis zu erreichen, das ihm in Flandern einen Brückenkopf für den Angriff auf Frankreich sichern sollte. Die flämischen Textilproduzenten waren für das englische Bündnisangebot, und Artevelde verschrieb sich ihrer Sache. Das Hindernis der französischen Oberhoheit über Flandern wurde hinfällig, sobald Eduard den Titel »König von Frankreich« annahm. Im Namen der französischen Krone unterschrieb Eduard nach dem Sieg von Sluis 1340 einen Vertrag mit Artevelde, aber dieser Kunstgriff war zu durchsichtig und hielt nur lange genug, um Eduard ein Sprungbrett zu geben, bevor Artevelde durch seinen Ehrgeiz ruiniert wurde.

Artevelde war ein Mann von brutaler Tatkraft, der einmal einen flämischen Ritter, mit dem er geteilter Meinung war, vor den Augen des Königs von England mit einem Faustschlag niedergestreckt hatte. Neben der Tatsache, daß er flämische Gelder zur Finanzierung des englischen Krieges benutzte, verletzte er das flämische Ehrgefühl. Er schlug vor, daß der älteste Sohn des Königs, Eduard, der Prinz von Wales, der später als der Schwarze Prinz bekannt wurde, den ältesten Sohn des Grafen von Flandern, Ludwig von Male, als Erben und Regenten von Flandern ersetzen sollte. Das war zuviel für die guten flämischen Städte. Das Erbrecht ihres natürlichen Herrn zugunsten eines englischen Prinzen aufzuheben, verkündeten sie Artevelde mit Festigkeit, sei »eine Angelegenheit, der sie sicherlich nie zustimmen könnten«. Überdies hatte sie der Papst unter dem Druck Philipps VI. schon wegen Verrats an ihrem Herrn exkommuniziert, was großes Unbehagen auslöste und Schaden für die flandrischen Betriebe anrichtete. Ressentiments gegen Artevelde kamen auf, verbunden mit dem Verdacht, daß er Gelder zu seinem eigenen Vorteil unterschlagen hatte.

»Bald erhob sich ein Gemurmel gegen Jakob«, aber als er durch Gent ritt, [85]»vertraute er so sehr auf seine Größe, daß er dachte, sie bald ganz niedergeworfen zu haben.« Eine erzürnte Menge folgte ihm zu seinem Haus und forderte Rechenschaft über alle flandrischen Gelder. Daraufhin begann er sich zu fürchten und ließ, sobald er sein Haus betreten hatte, Tore, Türen und Fenster vor der schreienden Menge schließen. Schließlich trat er »mit großer Demut« ans Fenster, verteidigte seine neunjährige Regentschaft und versprach für den folgenden Tag einen vollständigen Rechenschaftsbericht, wenn die Menge sich zerstreute. »Aber alle schrien mit einer Stimme: ›Komm zu uns herunter, predige nicht von so hoch und gib uns Rechenschaft über den großen Schatz von Flandern!‹« In Schrecken schloß Artevelde das Fenster und versuchte, durch einen Hintereingang in eine nahe gelegene Kirche zu entkommen, aber der Mob von vierhundert Menschen brach die Türen auf, ergriff und erschlug ihn auf der Stelle. So riß im Juli 1345 das Schicksalsrad den großen Herrn von Flandern in die Tiefe.

Kurz darauf eilten Abgesandte der flämischen Städte nach England, um König Eduard zu beruhigen, der über dieses Ereignis sehr erzürnt war. Sie versicherten ihn ihrer Bündnistreue und schlugen ihm einen Weg vor, der es ihm erlaubte, mit seinem Geschlecht das flandrische Lehen zu beerben, ohne daß er den rechtmäßigen Herrn enteignen mußte. Eduards älteste Tochter Isabella, damals dreizehnjährig, sollte den ältesten Sohn des Grafen von Flandern, den vierzehnjährigen Ludwig, heiraten, »so daß Flandern sich für immer in der Linie deiner Nachkommen befindet«. Eduard war von der Idee sehr angetan, der zukünftige Bräutigam aus Loyalitätsgründen gegenüber der französischen Krone dagegen weniger. Als Eduard ihn zwei Jahre später zur Heirat zwingen wollte, floh der junge Graf und hinterließ eine unverheiratete Prinzessin. Das hatte einen indirekten, aber entscheidenden Einfluß auf das Leben Enguerrands de Coucy.


Den Zeitgenossen erschien die Macht des englischen Königs, verglichen mit der des französischen, als verschwindend; Villani sprach von »il piccolo re d'Inghilterra« (dem kleinen englischen König). Es ist zweifelhaft, ob er wirklich beabsichtigte, Frankreich zu erobern. Mittelalterliche Kriege in Europa zielten weniger auf strategische Eroberungen als auf die Übernahme von dynastischen Rechten. Es ging darum, so viel Schaden im feindlichen Land anzurichten, daß der Sturz des Gegners unvermeidlich wurde. Wahrscheinlich hat Eduard so etwas angestrebt, und das schien aufgrund seiner Basis in Aquitanien und seines Brückenkopfes in Flandern auch nicht aussichtslos.

Die erste ergebnislose Phase des Krieges war aber so kostspielig gewesen, daß sie Eduards Bankrott bedeutet hätte, wenn er selbst die Kosten hätte tragen müssen; statt dessen wälzte er sie auf andere ab. Er hatte den Krieg durch Kredite finanziert, die von den großen florentinischen Bankiers Bardi und Peruzzi aufgebracht worden waren. Nach Villani schuldete er den Bardi etwa [86]600 000 bis 900 000 Goldflorin und noch einmal zwei Drittel der Summe den Peruzzi, denen er als Sicherheit das erwartete Aufkommen aus der Wollsteuer überschrieben hatte. Als die zu wenig einbrachte und Eduard nicht zahlen konnte, brachen die beiden Bankhäuer 1343 und 1344 zusammen und zogen noch ein drittes, die Acciaiuoli, mit in den Ruin.

Kapital verschwand aus Italien, Geschäfte und Werkstätten schlossen, Lohnzahlungen und Käufe hörten abrupt auf. Als durch den bösen Zufall, der das 14. Jahrhundert überall zu verfolgen schien, der ökonomischen Katastrophe 1347 die Hungersnot folgte und dann die Pest, mußte dies den unglücklichen Menschen erscheinen, als habe sich der Zorn Gottes über ihren Häuptern entladen.

Nachdem der erste Feldzug gegen Frankreich ihn praktisch ruiniert hatte, wäre es für Eduard unmöglich gewesen, einen zweiten zu unternehmen, ohne die Zustimmung der drei im Parlament vertretenen Stände einzuholen. Das Problem war Geld. Die Eintreibung der Mittel für die Kriegsfinanzierung bedeutete für die mittelalterliche Gesellschaft aber eine größere Katastrophe als die Zerstörungen des Krieges selbst. Die entscheidende Tatsache dabei war, daß die mittelalterliche Ökonomie sich zusehends in eine Geldwirtschaft verwandelt hatte. Die Streitkräfte bestanden nun nicht mehr vorwiegend aus feudalen Gefolgsleuten, die aufgrund des Lehnseides vierzig Tage dienten, um dann wieder nach Hause zu ziehen; es handelte sich jetzt um Truppen, die gegen Sold dienten. Die zusätzlichen Kosten einer bezahlten Armee überschritten häufig die Mittel des Landesherrn. Der noch unstrukturierte Staat hatte keine tragbare Form gefunden, seine Kriegslust zu finanzieren. Wenn er sich übernahm, griff der Herrscher auf Anleihen bei Bankiers, Geschäftsleuten und Städten zurück, ohne die Sicherheit zu haben, die geliehenen Summen auch zurückzahlen zu können. Oder er wandte die noch zerstörerischeren Maßnahmen willkürlicher Besteuerung und der Münzverschlechterung an.

Vor allem mußte der Krieg durch Plünderungen selbst zu seiner Finanzierung beitragen. Beute und Lösegeld waren nicht als zusätzlicher Gewinn angesehen, sondern als die einzige Möglichkeit, den rückständigen Sold auszuzahlen und die Einschreibung neuer Soldaten voranzutreiben. Die Lösegelderpressung wurde ein regelrechtes Geschäft. Da die Könige kaum in der Lage waren, genügende finanzielle Mittel im voraus bereitzustellen, und die Steuereintreibung nur sehr schleppend voran ging, mußten die Truppen im Feld immer mit unregelmäßiger Bezahlung rechnen. So trat die Plünderung an die Stelle des Zahlmeisters. Michelet sagt, daß der ritterliche Krieg wie die ritterliche Liebe in der gesamten Epoche »double et louche« war (ein provokativer Ausdruck, der »zweideutig und scheel« oder auch »zweifelhaft« oder »dunkel« im Sinne von unehrenhaft bedeuten konnte). Das Ziel war das eine und die Praxis etwas anderes. Die Ritter gingen in den Krieg, um Ruhm und Ehre zu suchen; in der Praxis aber suchten sie den Gewinn.

[87]1344 wurden die drei Stände des englischen Parlaments von Eduard über einen Bruch des Waffenstillstands durch den französischen König informiert und »um ihre Meinung gebeten«. Der Ratschlag der Lords und der Bürger war, den »Krieg entweder durch eine Entscheidungsschlacht oder durch einen ehrenhaften Frieden« zu beenden und sich nicht durch Briefe oder Forderungen des Papstes oder sonst jemandes aufhalten zu lassen, sondern »durch die Kraft des Schwertes denselben zu einem Ende zu bringen«. Die Bürger und die Geistlichkeit stimmten für Subsidien an die Krone, und 1345 ermächtigte das Parlament den König, alle Landeigentümer zum persönlichen Waffendienst heranzuziehen oder von ihnen den finanziellen Gegenwert für einen Ersatz einzutreiben.

Schiffe mußten beschlagnahmt werden, um Männer und Pferde und Verpflegung transportieren zu können. Sie trugen auch Mahlsteine und Backöfen, Waffenschmiede mit ihren Essen und das Material für die Pfeile der Bogenschützen. Die meisten Schiffe waren klein, im Durchschnitt 30 bis 50 Tonnen, mit einem Mast, der ein rechteckiges Segel führte. Wenige Schiffe erreichten eine Kapazität von 200 Tonnen. Ein mittelgroßes Schiff trug hundert bis zweihundert Menschen und an die achtzig bis hundert Pferde.

Im Juli 1346 war der König zu seinem zweiten Versuch bereit. Er wurde von seinem fünfzehnjährigen Sohn Eduard, dem Prinzen von Wales, begleitet, als er mit viertausend Reisigen, zehntausend Bogenschützen und einer Anzahl irischer und walisischer Fußsoldaten zur Normandie auslief. (Eine andere Streitmacht war schon früher auf die längere Reise nach Bordeaux geschickt worden und hatte dort bereits entlang der Grenze von Aquitanien französische Kräfte in Kämpfe verwickelt.) Unter der Führung von Gottfried von Harcourt, der aus Frankreich verbannt worden war, landete das königliche Expeditionskorps auf der Halbinsel Cotentin, von deren unbefestigten, wohlhabenden Städten sich Harcourt leichte Beute erhoffte. Obwohl Eduard »nichts mehr als Waffentaten ersehnte«, war er – Theorie und Praxis – offensichtlich erfreut über Harcourts Versprechen, daß er in der Normandie nicht mit Widerstand zu rechnen habe, weil der Herzog der Normandie und seine Ritter schon in die Kämpfe mit den Engländern in Aquitanien verwickelt waren und die Bevölkerung an Krieg nicht gewöhnt sei.

Die Normandie erwies sich als so fruchtbar, daß die Engländer keine Nachschubsorgen hatten, und die Bevölkerung als so unkriegerisch, daß sie ausnahmslos die Flucht ergriff und »ihre Häuser und Scheunen voller Lebensmittel und Korn« zurückließ, »weil sie nicht wußten, wie sie etwas retten sollten, und auch nicht wußten, wie man einen Krieg führt«. Die Bevölkerung der reichen, unbefestigten Stadt Caen verteidigte sich mit Hilfe einer Rittertruppe unter dem Grafen von Eu energisch, aber die Engländer mit ihrem gut funktionierenden Nachschub siegten. Der Graf von Eu wurde gefangengenommen und mit vielen anderen Gefangenen und Wagen voller Beute zurück [88]nach England geschickt, um dort bis zur Zahlung einer erheblichen Lösegeldsumme festgehalten zu werden, ein Vorgang, der tragische Konsequenzen haben sollte. »Brennend, plündernd und verwüstend« zogen die Engländer von Stadt zu Stadt und erbeuteten Teppiche, Juwelen, Handelsware und Viehbestand, nahmen Männer und Frauen gefangen.

Die Plünderung der Normandie durch eine Armee des Königs von England war ein Beispiel für alles, was noch folgen sollte. In drei Kampfgruppen oder »Schlachten« organisiert, »überrannten, plünderten und raubten sie ohne Gnade«. Sie fanden so viel Beute, daß »sie nur noch kleine Tagesmärsche zurücklegten und zwischen Mittag und drei Uhr schon ihre Quartiere bezogen«. Die Soldaten »legten dem König oder seinen Offizieren keinerlei Rechenschaft darüber ab, was sie sich aneigneten; sie behielten es für sich«. Während sie auf dem einen Seineufer auf Paris zu zogen, folgte ihnen König Philipp auf der anderen Seite und traf in Paris ein, als Eduard Poissy erreichte, dreißig Kilometer westlich der Stadt.

König Eduards Armee plünderte und verbrannte die Dörfer der Umgebung. »Die Flammen vor ihren Toren schlugen die Bewohner mit ungläubigem Entsetzen«, schrieb Jean de Venette, »und ich, der ich dieses geschrieben habe, sah all diese Taten, denn sie konnten von Paris aus von jedem gesehen werden, wenn er nur den nächsten Turm bestieg.«

Philipp VI. hatte inzwischen den Arrière-ban oder die Generalmobilmachung ausrufen lassen. Sie ging von dem Prinzip aus, daß alle Untertanen mit ihrem Leben »für die Verteidigung des Vaterlandes und der Krone« einzustehen hatten, und sollte nur angewandt werden, wenn die Adligen nicht stark genug waren, den Feind allein zurückzuschlagen. Der Aufruf wurde durch »öffentliche Kundtuung« verbreitet, das heißt durch umherziehende Herolde, die die königlichen Verlautbarungen auf Marktplätzen und Dorfplätzen verkündeten. Besondere Briefe gingen an Städte und Abteien, um auf die herkömmlichen Subsidien hinzuweisen. Zur damaligen Zeit leisteten einige Städte ihre Pflichten immer noch durch eilig zusammengestellte Fußsoldaten ab, die untrainiert und weitgehend nutzlos waren. Andere bevorzugten Geldzahlungen, die die Rekrutierung wirksamerer Kampfeinheiten erlaubten.

Nichtadlige militärische Einheiten wurden durch die Städte und Landbezirke, nach der Anzahl der Haushalte und dem relativen Wohlstand der Gemeinde bemessen, aufgestellt. In einigen Gebieten wurden je hundert Haushalte verpflichtet, einen Fußsoldaten ein Jahr zu unterhalten. In ärmeren Bezirken konnte diese Verpflichtung auf 200 oder 300 Haushalte verteilt werden. Auf diese Art und Weise war aber kein großes Heer aufzustellen.

1337 stellte zum Beispiel die Stadt Rouen ganze 200 Männer, Narbonne 150 Bogenschützen, Nîmes 95 Reisige. Im Lichte dieser Zahlen schrumpfen die strammen Angaben der Chronisten von Zehntausenden auf eine bescheidenere Wirklichkeit zusammen. Das Aufkommen an wehrfähigen Männern [89]mußte für jede Stadt, jede Region, jedes Lehnsgut und für jedes besondere Gebiet nach anderen Maßstäben berechnet werden, war unterschiedlich befristet und an unterschiedliche Vorrechte und Pflichten gebunden. Das bedeutete aber endlose Auseinandersetzungen. Herren von Herzogtümern und Grafschaften oder von großen Baronien wie die der Coucys bezahlten ihre Leute durch einen eigenen Schatzmeister, obwohl diese Kosten im Falle eines lang andauernden Krieges durch den König erstattet werden mußten.

Die Ritter und Knappen des Adelsstandes erhielten wie die einfachen Leute ein festes Entgelt. Eine fortwährende Schwierigkeit bestand darin, zu überprüfen, ob der Regent auch die Streitkräfte wirklich zur Verfügung hatte, für die er bezahlte. Zu diesem Zweck wurde von Zeit zu Zeit ein Montre oder Appell verfügt. Gewöhnlich fand das monatlich statt, und königliche Prüfer begutachteten, ob nicht ein Diener als Herr angegeben worden war, ob nicht die gesunden Pferde nach der Musterung durch hinfällige Mähren ersetzt worden waren und auch, ob die Bezahlung in harter Münze geleistet wurde. In einer so strukturlosen Armee gab es keine Befehlshierarchie. Außer dem König, der die Armee persönlich führte, gab es als ständigen Befehlshaber noch den »Constable«, eine Art administrativer Verantwortlicher, und zwei Marschälle von unbestimmter Funktion. Alle weiteren militärischen Entscheidungen scheinen durch Ratsversammlungen der Gruppenführer gefällt worden zu sein.

Durch das Anlegen der Rüstungen mit all ihren Schnallen und Riemen war die Schlacht notwendigerweise eine mehr oder minder vorarrangierte Auseinandersetzung, die durch die Logik aufeinander zurückender, unbeweglicher Verbände bestimmt wurde. Der Plattenpanzer, eine Erfindung des frühen 14. Jahrhunderts, ersetzte mehr und mehr das Kettenhemd, das vom Geschoß einer Armbrust durchschlagen werden konnte. Wechselte auch der Stil der Rüstungen von einem Jahrzehnt zum nächsten, bestand die Grundform doch aus einem Brustpanzer, einem Rock aus verbundenen Eisenreifen und den Arm- und Schulterstücken, alles über einem Kettenhemd und einer gepolsterten Ledertunika getragen. Über den Panzer streifte man ein ärmelloses Wams, das das Wappen trug und so den Ritter kenntlich machte. Kettenwerk bedeckte den Nacken, die Ellbogen und die anderen Gelenke; Handschuhe aus beweglichen Panzerplättchen schützten die Hände. Der Helm, der früher offen gewesen war, hatte nun ein zusätzliches Visier. Diese sieben bis elf Pfund Eisen umschlossen seinen Träger wie ein dunkles und stickiges Gefängnis. Um ihn für das große Gewicht der Rüstung zu entschädigen, trug der Ritter einen nur kleinen Schild, der ihm wenigstens etwas Bewegungsfreiheit ließ.

»Ein schrecklicher Wurm in einem eisernen Kokon« wurde der Ritter in einem anonymen Gedicht genannt. Er saß in einem sich hoch über dem Pferderücken erhebenden Sattel und hatte die Füße in so langen Steigbügeln, daß er praktisch stand und zu beiden Seiten gewaltig ausholende Hiebe mit einer seiner [90]zahlreichen Waffen austeilen konnte. Er begann den Zweikampf mit der Lanze, um den Gegner vom Pferd zu werfen. An seinem Gürtel hingen ein beidhändig zu führendes Schwert und ein langer Dolch. Zusätzlich verfügte er über ein Langschwert, das man wie eine Lanze handhaben konnte und das entweder an seinem Sattel befestigt war oder von einem Knappen getragen wurde, eine Streitaxt, die hinter ihrer geschwungenen Schneide einen Sporn trug. Eine schwere Keule mit geschärften Kanten war die Lieblingswaffe von streitbaren Äbten und Bischöfen, womit sie das Verbot für Geistliche, »das Schwert zu ziehen«, zu umgehen glaubten. Das Schlachtroß, das diese Last tragen mußte, war selbst auch durch Nasen-, Brust- und Rumpfpanzerung geschützt und mit einer Schabracke bedeckt, die auf seine Beine herabfiel. Wenn das Pferd gefällt wurde, war es dem Ritter im Durcheinander von Rüstung, Schild, Waffen und Sporen kaum möglich, sich zu erheben, bevor er gefangengenommen wurde.

Die Kampftaktik auf dem Kontinent bestand einfach im Kavallerieangriff der Ritter, dem ein Handgemenge zu Fuß folgte, das manchmal durch Bogenschützen oder Infanterie unterstützt wurde, beides Waffengattungen, die von den Rittern verachtet wurden. In den schottischen Kriegen hatte die englische Armee jedoch herausgefunden, daß eine disziplinierte Kampfgruppe von Bogenschützen eine berittene Angriffswelle dadurch aufhalten konnte, daß sie den Rittern die Pferde unter dem Körper wegschossen. Eine wirklich nützliche Entdeckung wie diese ist in der Lage, selbst die Klassenverachtung zu überwinden. In dem ständigen Austausch zwischen England und Frankreich hätten die Franzosen den Gebrauch des Langbogens eigentlich kennenlernen müssen. Es ist ihnen aber nie gelungen, ihn zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen, da die französischen Ritter nicht bereit waren, eine kampfentscheidende Aufgabe an nichtadlige Kämpfer abzutreten, obwohl die Normannen England einst durch jenen entscheidenden Schuß erobert hatten, mit dem ein normannischer Bogenschütze Harald ins Auge traf.

Die Franzosen setzten zwar auch Armbrustschützen ein, ließen aber nicht zu, daß durch ihre Geschosse der Kampfkraft der Ritter die Wucht genommen wurde. Die Ritterschaft bestand auf der Tradition, daß der Kampf der Krieger ein Zweikampf zu sein hatte; Geschosse, die den Kampf auf Distanz erlaubten, wurden verachtet. Der erste Bogenschütze war nach einem Lied des 12. Jahrhunderts »ein Feigling, der sich nicht an seinen Feind heranwagte«. Ging es jedoch um die Bekämpfung von Gemeinen wie 1328 bei Cassel, gaben die Franzosen ihren Armbrustschützen den strategischen Spielraum, der diesen Sieg begründete.

Die Armbrust bestand aus Holz, Stahl und einer Sehne. Der Schütze spannte sie mit seinem Fuß unter Zuhilfenahme eines Steigeisens, eines Hakens oder eines Spanngriffs an seinem Gürtel. Seltener wurden auch regelrechte Flaschenzüge eingesetzt. Einmal gespannt, feuerte die Armbrust einen Bolzen [91]mit erheblicher Durchschlagskraft ab. Aber sie war nur kompliziert zu spannen, besaß nur eine geringe Feuergeschwindigkeit und war sehr schwierig zu transportieren. Der Schütze trug etwa fünfzig Bolzen im Kampfeinsatz bei sich, aber sein Marschgepäck mußte auf Wagen verladen werden. Durch relativ umständliche Handhabung war die Armbrust daher eher für den stationären Einsatz bei Belagerungen geeignet als für die offene Feldschlacht. Eine geschlossene Staffel angreifender Ritter konnte die Stellungen der Armbrustschützen gewöhnlich überrennen, wenn sie bereit war, einige Verluste hinzunehmen. Obwohl die mechanische Kraft der Armbrust bei ihrer Erfindung einen so großen Schrecken auslöste, daß sie 1139 von der Kirche verboten wurde, blieb sie zweihundert Jahre in Gebrauch, ohne die gepanzerte Vorherrschaft der Ritter zu erschüttern.

Durch Rüstung und Ritterstolz gestärkt, fühlte sich der Adlige unverwundbar und unüberwindlich; voller Verachtung sah er auf den Fußsoldaten herab. Er glaubte, daß auf die Gemeinen, die vom Ritterstand ausgeschlossen waren, im Krieg niemals Verlaß sei. Sicher, als Diener, Transportarbeiter, Nachschublieferanten und Straßenbauer waren sie zu gebrauchen, aber als Soldaten im Lederwams, mit Langspieß und Hellebarde bewaffnet, waren sie schlicht ein Hindernis und würden im harten Kampf »dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne«. Das war nicht einfach Überheblichkeit der Ritterschaft, sondern die Folge fehlender Ausbildung der Gemeinen. Das Mittelalter hatte keine Kampftruppe, die der römischen Legion entsprach. Die Städte besaßen zwar ausgebildete Wacheinheiten, neigten aber dazu, nur hergelaufene Freiwillige zur Vaterlandsverteidigung in den Kampf zu schicken. Auch die Äbte kannten gewinnbringendere Beschäftigungen für ihre Bauern, als sie einem militärischen Drill zu unterziehen. In jeder Epoche ist der Unterschied zwischen einer Armee und einem Haufen Bewaffneter militärischer Drill. Der wurde den Fußsoldaten, die durch den Arrière-ban einberufen wurden, nicht zuteil. Sie wurden als nutzlos verachtet, und sie waren nutzlos, weil sie verachtet wurden.


Am 26. August 1346 trafen bei Crécy in der Picardie, dreißig Kilometer vor der Küste, die englische und die französische Armee aufeinander. Wie jener Zusammenprall in einem anderen August war die Schlacht der Beginn einer Ära wachsender Gewalt und zusammenbrechender Ordnung. Dieses Zusammentreffen war nicht geplant. Als er von der großen Streitmacht hörte, die der französische König um sich versammelte, zeigte Eduard wenig Lust zu einer Konfrontation, zumindest solange der Rückzug nicht gesichert war. Er wandte sich von Paris ab, marschierte nordwestlich auf die Kanalküste zu, wahrscheinlich war sein Ziel Flandern, wo seine Schiffe lagen. Wenn das sein Vorhaben war, dann war es kaum geeignet, ihn zum König von Frankreich zu machen. Die französische Armee holte indessen in Eilmärschen die Engländer [92]ein, bevor sie die Küste erreichten. Eduard, der erkannte, daß er zur Schlacht gezwungen war, ließ seine Armee auf einem breiten Hügelrücken nahe Crécy günstige Verteidigungsstellungen beziehen. Die französischen Ritter waren so zuversichtlich, daß sie schon vor Beginn der Schlacht darüber sprachen, wen sie gefangennehmen wollten und wen sie von den Turnieren her unter den Engländern kannten. Nur König Philipp war unentschlossen. »Sorgenvoll und ängstlich« schien er eine neue verborgene Gefahr oder einen weiteren Verrat zu befürchten, nachdem er den Abfall der Bretagne und Harcourts Überlaufen zu den Engländern hatte erleben müssen.

Da seine Truppen in der Nacht vor der Schlacht weit vom Schlachtfeld entfernt gelagert hatten, erreichten sie die Stellungen der Engländer nicht vor vier Uhr nachmittags. Der Feind hatte die Sonne im Rücken, die die Franzosen blendete. Die Armbrustschützen waren nach dem langen Tagesmarsch müde und unzufrieden, die Sehnen der Armbrüste waren durch einen plötzlichen Wolkenbruch naß geworden. Die englischen Bogenschützen dagegen hatten die Sehnen abgenommen und unter ihren Helmen vor der Nässe bewahrt[2]. Was dann auf französischer Seite folgte, war ein Chaos aus gedankenlosem Draufgängertum, Pech, Fehlern, Disziplinlosigkeit und der chronischen ritterlichen Schwäche für spektakuläre Taten, für Tapferkeit ohne Rücksicht auf sinnvolle Taktik oder militärische Organisation.

In letzter Minute ließ sich Philipp von seinen Ratgebern überzeugen, das Treffen auf den nächsten Tag zu verschieben, und befahl der Vorhut umzukehren, aber seine Befehle wurden nicht befolgt. Ohne den Armbrustschützen die Möglichkeit zu geben, die englischen Reihen zu schwächen, stürmten die französischen Ritter bergauf gegen den Feind. Noch außerhalb der eigenen Reichweite wurden die französischen Armbrustschützen von den Engländern mit einem derartigen Pfeilhagel überschüttet, daß sie ihre Armbrüste fallen ließen und zurückwichen. Der König, dessen Gesichtsfarbe wechselte, als er die Engländer sah, »weil er sie haßte«, verlor die Kontrolle über die Situation. Als er seine Armbrustschützen flüchten sah, schrie entweder er oder sein Bruder, der Graf von Alençon: »Macht die Halunken nieder, die uns im Weg sind!«, und die Ritter schlugen »in Hast und Unordnung« auf die Armbrustschützen ein, um sich einen Weg freizuhauen. Aus dieser schrecklichen Verwirrung in den eigenen Reihen heraus warfen sich die Franzosen in Angriff um Angriff gegen den Feind, aber die disziplinierten Reihen der englischen Langbogenschützen hielten stand, gefestigt durch die lange Übung, die diese Waffe erforderte, und säten mit ihren Geschossen Tod und Verwirrung unter den Angreifern. Die englischen Ritter gingen zu Fuß vor, vor ihnen die Bogenschützen und neben ihnen die Spießträger und die mörderischen Waliser, die mit langen Messern unter den Gestürzten umhergingen und ihnen ein Ende machten. Der Prinz von Wales stand an der Spitze einer Kampfgruppe, während König Eduard von einer Windmühle auf dem Hügel aus das Kommando [93]und den Überblick behielt. Über die Abenddämmerung hinaus und in die Nacht hinein setzte sich das Kampfgewühl fort, bis König Philipp nach einer Verwundung von dem Grafen von Hainault weggeführt wurde, der sagte: »Sire, verliert Euer Leben nicht leichtsinnig.« Er ergriff den Zügel seines Pferdes und führte den König vom Schlachtfeld. Mit nur fünf Begleitern ritt der König durch die Nacht zu einer nahe gelegenen Burg, deren Vogt fragte, wer er sei. »Öffnet euer Tor schnell«, soll der König gesagt haben, »hier steht das Schicksal Frankreichs.«

Um die viertausend Männer der französischen Armee lagen tot auf dem Schlachtfeld, unter ihnen vielleicht Enguerrand de Coucy VI. Unter den Gefallenen waren die vornehmsten Namen Frankreichs und dessen Verbündeter: der Graf von Alençon, des Königs Bruder, Graf Ludwig von Nevers von Flandern, die Grafen von St. Pol und Sancerre, der Herzog von Lothringen, der König von Mallorca und der Ruhmvollste von allen, König Johann der Blinde von Böhmen, dessen Wappen aus drei Straußenfedern mit dem Motto »Ich dien« vom Prinz von Wales erbeutet worden war, der es von da an seinem Titel hinzufügte. Karl von Böhmen, des blinden Königs Sohn und weniger draufgängerisch als sein Vater, hatte das Unheil kommen sehen und entkam.

Es war kein Mangel an Tapferkeit, der die französischen Ritter und ihre Verbündeten scheitern ließ. Sie kämpften so heldenmütig wie die Engländer, denn die Ritter aller Länder glichen einander. Der Vorteil der Engländer lag in der Verbindung der nichtadligen Verbände – den walisischen Messerkämpfern, den Spießträgern und vor allem den geübten Bauern, die den Langbogen führten – mit der Kampfweise des Ritters. Solange die eine Seite in diesem Kampf den Vorteil einer solchen Taktik nutzte und die andere nicht, sollte das Kriegsglück einseitig bleiben.

Die Verfolgung eines geschlagenen Feindes fand sich nicht im mittelalterlichen Kriegslexikon. Eduard war offensichtlich selbst über seinen Sieg so erstaunt, daß er an Verfolgung überhaupt nicht dachte. Fasziniert von der Beute ihres Sieges, verbrachten die Engländer den nächsten Tag damit, die Toten zu identifizieren und zu zählen. Sie sorgten für standesgemäße Begräbnisse der Adligen und schätzten die Höhe der Lösegelder für die Gefangenen. Danach scheint Eduard trotz seinem Anspruch, König von Frankreich zu sein, jedes Interesse an Philipp, der in Amiens Zuflucht gesucht hatte, verloren zu haben. Die Engländer marschierten an der Küste entlang, um Calais anzugreifen, den Dover gegenüberliegenden Hafen an der engsten Stelle des Ärmelkanals. Hier sahen sie sich einer zähen Verteidigung gegenüber und gruben sich für eine Belagerung ein, die über ein Jahr dauern sollte.

Die Niederlage der französischen Ritterschaft und des angeblich mächtigsten Herrschers Europas zog eine Kette von Reaktionen nach sich, die erst mit der Zeit in vollem Umfang deutlich wurden. Obwohl die französische Monarchie [94]nicht vernichtet oder auch nur zu Zugeständnissen gezwungen war, kam ein allgemeines Mißtrauen gegen die königliche Regierung auf. Dies bekam der König vor allem zu spüren, als er erneut auf Sondersteuern zurückgriff. Der Glaube an die Fähigkeiten des Adels, seine gesellschaftlichen Aufgaben zu erfüllen, war erschüttert und sollte sich nicht wieder erholen.


Während er Calais belagerte, hoffte Eduard noch immer, sein Bündnis mit Flandern durch die Heirat seiner Tochter mit dem Grafen Ludwig von Male von Flandern zu untermauern. Der Tod des Vaters des jungen Grafen – Ludwig von Nevers war auf dem Schlachtfeld von Crécy gefallen – hatte das Haupthindernis beseitigt. Der fünfzehnjährige Ludwig war aber am französischen Hof aufgewachsen und wollte der Verbindung »mit der, deren Vater den meinen erschlug«, nicht zustimmen, »selbst wenn sie ihm das halbe englische Königreich eingebracht hätte«. Als die Flamen sahen, daß ihr Fürst »zu französisch und übel beraten« war, steckten sie ihn in ein »ritterliches Gefängnis«, in dem er bleiben sollte, bis er ihrem Ansinnen zustimmte. Nach einigen Monaten war ihm die Gefangenschaft so lästig, daß er dem Plan zustimmte. Wieder auf freiem Fuß, durfte er zur Falkenjagd ausreiten, aber er wurde so streng bewacht, »daß er ohne Wissen seiner Wächter nicht einmal pissen konnte«.

Im frühen März des Jahres 1347 kamen der englische König und die Königin mit ihrer Tochter Isabella von Calais nach Flandern herauf. Unter großen Zeremonien wurde die Verlobung gefeiert, der Heiratsvertrag aufgesetzt und die Hochzeit für die erste Aprilwoche anberaumt. Ludwig ging weiterhin der Falknerei nach und gab vor, mit der Heirat sehr zufrieden zu sein, so daß die Flamen in ihrer Aufmerksamkeit nachließen. Aber sie mißdeuteten die äußerliche Gelassenheit ihres Herrn, »denn sein inneres Gemüt war ganz französisch«.

In der Woche vor seiner Hochzeit ritt er mit seinem Falkner wie gewöhnlich aus. Mit dem Ruf »Hoi, hoi!« warf er seinen Falken nach einem Reiher, folgte seinem Flug und »gab dann plötzlich seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon«. Er hielt nicht an, bis er in Frankreich war, und schloß sich dort König Philipp an, dem er erzählte, »mit welch großer List« er der englischen Heirat entkommen war. Der König war hocherfreut und bereitete in aller Eile Ludwigs Hochzeit mit Margarete von Brabant vor, der Tochter des Herzogs von Brabant, Flandern benachbart und ein enger Verbündeter der französischen Krone. Das war eine schwere Beleidigung für das englische Königshaus und zweifellos noch schwerer für die fünfzehnjährige Braut. Ihre Enttäuschung wird auch kaum durch ein Lied besänftigt worden sein, das überall in Frankreich gesungen wurde: »J'ay failli à celui à qui je estoie donnée par amour.« (Den, dem ich durch Liebe gegeben war, hab' ich verloren.) Viele Jahre später rächte sie sich an einem anderen Bräutigam, den sie nun ihrerseits fast vor der Kirchentüre sitzen ließ. Vielleicht waren es diese gescheiterten Verlobungen, [95]die sie Geschmack an der Unabhängigkeit finden ließen, oder sie hatte wirklich einen eigensinnigen Charakter, auf jeden Fall war Isabella von England noch unverheiratet, als sie dreizehn Jahre später Enguerrand de Coucy VII. traf.

Die Einnahme von Calais einige Monate nach dem flämischen Hochzeitsfiasko war das einzige große Ergebnis des Feldzuges. Philipp hatte eine Entsatzarmee aufgestellt, war aber unverrichteterdinge umgekehrt, weil es ihm nach den Verlusten von Crécy an Geld und Soldaten mangelte. Von allem Nachschub abgeschnitten, hatten die Bürger von Calais ausgehalten. Sie hatten angefangen, Mäuse und Ratten, ja sogar Exkremente zu essen, während sie auf den Entsatz warteten, der niemals kam. Schließlich zwang der Hunger sie zur Übergabe. Barhäuptig ritt der verwundete Stadthauptmann Jean de Vienne durch das Stadttor auf die Engländer zu. Er hatte sein Schwert zum Zeichen seiner Unterwerfung verkehrt herum in der Hand und übergab die Schlüssel der Stadt. Hinter ihm gingen barfüßig sechs der reichsten Bürger der Stadt mit Stricken um den Hals zum Zeichen, daß die Sieger sie nach Belieben hängen könnten. In dieser dunklen Stunde wurde unter den Blicken der hohläugigen und verzweifelten Stadtbewohner eine heilige französische Sache geboren: Calais zurückzugewinnen.

Durch die lange Belagerung erzürnt, die sich entgegen mittelalterlicher Gewohnheit durch den Winter hingezogen hatte, wollte Eduard die sechs Bürger hängen lassen, hätte nicht Königin Philippa um Gnade für sie gebeten. Der von August 1346 bis August 1347 dauernde Kampf um Calais hatte die Truppen entkräftet und die Reserven aufgezehrt. Proviant, Pferde, Waffen und Verstärkung mußten aus England geholt werden, wo die Beschlagnahmung von Getreide und Vieh wirtschaftliche Härten heraufbeschwor und die Übernahme von Handelsschiffen den Wollexport ruinierte und das Steueraufkommen senkte. Es ist geschätzt worden, daß in den Feldzug Crécy-Calais eine Gesamtzahl von sechzig- bis achtzigtausend Männern verwickelt war. Diese Anstrengungen drohten die englischen Kräfte zu überfordern, und so konnte Eduard den Sieg nicht ausnutzen. Der neue Brückenkopf in Frankreich hatte keine Folgen außer einem Waffenstillstand, der bis April 1351 hielt.

Wenn kriegführende Parteien im Laufe des Krieges zu nüchterner Analyse fähig wären, was sie meistens nicht sind, hätten den Engländern die ersten zehn Jahre des Konflikts deutlich machen müssen, wie trügerisch ihre Erfolge waren. Sie hatten eine Seeschlacht und eine Feldschlacht ruhmvoll gewonnen, hatten einen sicheren Brückenkopf an der Küste gewonnen und waren dennoch weit davon entfernt, Frankreich oder seine Krone zu erobern. Aber der Geschmack an Kriegsbeute, Kostbarkeiten, reichlich fließenden Lösegeldern und der Ruhm von Crécy hatte die englischen Gemüter erregt. Der Glanz der englischen Triumphe wurde von Herolden öffentlich ausgerufen. Ihrerseits waren die Franzosen nicht bereit, Ruhe zu geben, bis sie das Ziel erreichten, [96]das der französische Dichter Eustache Deschamps vierzig Jahre später zum Refrain eines Liedes machte: »Kein Frieden, bis Calais wieder unser ist.« Crécy und Calais garantierten, daß der Krieg weiterging – aber nicht sofort, denn 1347 stand Europa am Rand der tödlichsten Katastrophe der überlieferten Geschichte.

 

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Kapitel 5
»Das ist das Ende der Welt«: Der Schwarze Tod

Zwei Monate nach dem Fall von Calais liefen im Oktober 1347 zwei genuesische Handelsschiffe mit toten und sterbenden Männern an den Rudern in den Hafen des sizilianischen Messina ein. Sie kamen aus dem Schwarzmeerhafen Kaffa (heute Feodosia auf der Krim), wo die Genuesen eine Handelsniederlassung unterhielten. Die erkrankten Seeleute hatten fremdartige Schwellungen von der Größe eines Hühnereis in den Achselhöhlen und in den Leisten. Die Schwellungen näßten von Blut und Eiter und wichen Geschwüren und schwarzen Flecken, die sich über die ganze Haut ausbreiteten. Die Kranken litten schwere Schmerzen und starben schnell, fünf Tage nach den ersten Anzeichen der Krankheit. Als die Seuche sich ausbreitete, traten andere Symptome wie Blutspucken und hohes Fieber an die Stelle der Schwellungen und Lymphdrüsenverdickungen. Die Opfer husteten und schwitzten schwer und starben noch schneller, manchmal in weniger als drei Tagen, in seltenen Fällen innerhalb von 24 Stunden. Bei beiden Erscheinungsformen der Seuche rochen alle Körperausscheidungen, Atem, Schweiß, Blut aus Lungen und Schwellungen, Urin und blutschwarze Exkremente, faul. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit begleiteten die physischen Symptome, und noch bevor ein Kranker starb, »war ihm der Tod ins Gesicht geschrieben«.

Die Krankheit war die Beulenpest und trat in zwei Arten auf: die eine infizierte die Blutbahnen, brachte die Beulen und Lymphdrüsenschwellungen hervor und wurde durch einfachen Körperkontakt übertragen. Die zweite infizierte die Lungen und verbreitete sich über Atemansteckung. Das Aufkommen beider Krankheiten zur gleichen Zeit erzeugte eine hohe Sterblichkeitsrate und erhöhte die Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung. Die Krankheit war so lebensgefährlich, daß man von Leuten hörte, die gesund zu Bett gingen und starben, bevor sie erwachten. Es soll Fälle von Ärzten gegeben haben, die sich am Krankenbett ansteckten und vor dem Patienten starben. Die Ansteckungsgefahr war so groß, daß dem französischen Arzt Simon de Covino es schien, als könne eine kranke Person »die ganze Welt infizieren«. Die Bösartigkeit der Seuche erschien um so schrecklicher, als die Opfer keine Vorbeugung und kein Mittel gegen sie kannten.

Das körperliche Leiden und der Anschein eines bösen Geheimnisses wurden in einem walisischen Klagelied ausgedrückt. Es sah »den Tod in unsere Mitte treten wie schwarzen Rauch, eine Seuche, die die Jungen hinwegrafft, [98]ein erbarmungsloses Gespenst, das kein Mitleid mit der Schönheit kennt. Wehe mir! Eine Beule wächst unter meinem Arm, sie schwärt, ist schrecklich…ein schmerzender böser Knopf, der brennt wie glühende Kohle…ein kummervolles Ding, aschgrau.« Wenn es aufbricht, ist es häßlich wie der »Samen schwarzer Erbsen, wie kleine, spröde Stückchen Kohle, der frühe Schmuck des Schwarzen Todes, schwarz wie die Asche der Weidenrinde, eine schwarze Pest, groß wie eine Halfpennymünze, wie kleine schwarze Beeren…«

Gerüchte über eine schreckliche Seuche, die aus China stammen sollte, waren schon 1346 in Europa aufgetaucht. Angeblich hatte sie sich von Zentralasien über Indien und Persien, Syrien, Ägypten und ganz Kleinasien ausgebreitet, bis sie 1347 Europa erreichte. Die Gerüchte sprachen von einem verheerenden Zoll an Toten, ganz Indien sollte entvölkert worden sein, ganze Landstriche mit Leichen bedeckt, in anderen blieb niemand am Leben. Papst Klemens VI. errechnete in Avignon, daß insgesamt 23 840 000 Menschen ums Leben gekommen waren. Da es aber kein Bewußtsein von der Ansteckungsgefahr einer solchen Seuche gab, war Europa nicht eher ernstlich beunruhigt, als die ersten verseuchten Schiffe die Pest nach Messina und aus der Levante nach Genua und Venedig brachten.

Bis zum Januar 1348 hatte sich die Seuche über Marseille in Frankreich und über Tunis in Nordafrika ausgebreitet. Schiffe trugen sie die Küsten und Flüsse entlang. Zur gleichen Zeit wütete sie in Rom und Florenz samt deren Hinterland in Italien. Zwischen Juni und August befiel sie Bordeaux, Lyon und Paris, tobte in Burgund und in der Normandie, überquerte den Kanal von der Normandie aus und setzte sich in Südengland fest. Von Italien aus überschritt sie im selben Sommer die Alpen, gelangte in die Schweiz und reichte ostwärts bis Ungarn.

In jedem Landstrich schlug die Seuche innerhalb von vier oder sechs Monaten zu und verschwand dann. Sie hielt sich nur in größeren Städten länger, wo sie in der dichten Bevölkerung im Winter abklang, aber nur, um im Frühjahr wieder aufzuflammen und weitere sechs Monate zu wüten.

In Paris brach sie 1349 erneut aus, verbreitete sich in der Picardie, in Flandern und in den Niederlanden, von England nach Schottland und Irland genauso wie nach Norwegen. Von dort war die Geschichte von einem Schiff bekanntgeworden, das mit einer Ladung Wolle und einer toten Mannschaft an Bord vor der Küste umhergetrieben war, bis es nahe Bergen schließlich auf Grund lief. Von dort aus eroberte die Seuche Schweden, Dänemark, Preußen, Island und sogar Grönland. Nur ein kleiner Landstreifen in Böhmen blieb seltsamerweise ebenso verschont wie Rußland bis 1351. Obwohl die Sterblichkeitsrate in den einzelnen Gebieten unterschiedlich hoch war – in manchen Gegenden starben ein Fünftel, in anderen neun Zehntel der Bevölkerung –, haben sich die modernsten demographischen Schätzwerte um dieselbe Zahl eingependelt, die von Froissart mit den beiläufigen Worten »Ein Drittel [99]der Welt starb« bezeichnet wurde. Seine Angabe war weniger eine geniale Schätzung als eine Übernahme aus der Offenbarung des heiligen Johannes, der von einer ähnlichen Katastrophe gesprochen hatte. Die Offenbarung des Johannes war in der mittelalterlichen Welt der beliebteste Führer durch die wirren Geschicke der Menschheit.

Ein Drittel Europas häte 20 Millionen Tote bedeutet. Niemand weiß bis heute, wie viele wirklich gestorben sind. Zeitgenössische Schätzungen können nur als Ausdruck des Schreckens gewertet werden, nicht als exakte Zählung. Im übervölkerten Avignon sollen täglich 400 gestorben sein; 7 000 Häuser, die der Tod geleert hatte, wurden geschlossen. Auf einem einzigen Friedhof sollen in sechs Wochen 11 000 Leichen bestattet worden sein; es wird überliefert, daß die Hälfte der Stadtbewohner starb. Unter ihnen befanden sich neun Kardinäle und 70 geringere kirchliche Würdenträger. Die ununterbrochen vorbeiziehenden Leichenwagen beflügelten die Phantasie der Chronisten, die die Gesamtzahl der Toten in Avignon auf 62 000 und sogar auf 120 000 veranschlagten, obwohl die Bevölkerung die Grenze von 50 000 nie überschritten hatte.

Als die Friedhöfe überfüllt waren, begann man in Avignon, die Leichen in die Rhone zu werfen, bis man schließlich zu Massenbestattungen in großen Gruben überging. Überall starben die Kranken schneller, als die Gesunden sie begraben konnten. Die Leichname wurden vor die Häuser geworfen, und das erste Licht des Morgens enthüllte neue Leichenberge in den Straßen. In Florenz sammelte die Compagnia della Misericordia die Toten ein. Die Mitglieder dieser 1244 gegründeten Vereinigung waren in rote Gewänder gekleidet, sie trugen rote Hüte und eine rote Gesichtsmaske, die nur die Augen frei ließ. Konnnten auch sie die Zahl der Todesopfer nicht mehr bewältigen, so lagen die Leichen tagelang stinkend in den Straßen. Bald waren auch keine Särge mehr zu bekommen, und die sterblichen Überreste der Menschen wurden nur noch in Massengräber geschleift, in denen sie zum Teil von den Familienmitgliedern selbst so notdürftig verscharrt wurden, »daß Hunde die Leichen hervorzogen und auffraßen«.

Unter dem Eindruck der sich häufenden Todesfälle und der Furcht vor Ansteckung starben die Menschen ohne Letzte Ölung und wurden ohne Gebet begraben, eine Aussicht, die die letzten Stunden der Kranken verdüsterte. In England erlaubte ein Bischof auch Laien, die Beichte zu hören, und wenn »kein Mann zugegen war, dann eben eine Frau«, und wenn kein Priester erreichbar war, dann »mußte die Kraft des Glaubens helfen«. Papst Klemens VI. sah sich gezwungen, für alle Seuchenopfer eine Generalabsolution zu erteilen, weil die meisten ohne kirchlichen Beistand ins Grab gesunken waren. »Und keine Totenglocke ertönte«, schrieb der Chronist von Siena, »niemand wurde beweint, weil alle den Tod erwarteten…Die Menschen sagten und glaubten: ›Das ist das Ende der Welt.‹«

[100]Das Pestjahr 1349 forderte in Paris täglich 800 Opfer, in Pisa 500 und in Wien 500 bis 600. In Paris starben 50 000, die Hälfte der Einwohnerschaft, in Florenz, geschwächt durch die Hungersnot von 1347, vier Fünftel der Bürger, in Venedig zwei Drittel, ähnlich wie in den kleineren Städten Hamburg und Bremen. Die verkehrsreichen Städte wurden schneller befallen als Dörfer, dennoch war im Falle der Infektion die Todesrate gleich hoch. Ganze Dörfer verschwanden von der Landkarte.

In abgeschlossenen Lebensräumen wie Klöstern und Gefängnissen bedeutete der erste Seuchentote in aller Regel die Vernichtung aller, wie in den Franziskanerklöstern von Carcassonne und Marseille, wo alle Mönche starben. Von 140 Dominikanern in Montpellier überlebten nur sieben. Petrarcas Bruder Gherardo, ein Kartäusermönch, beerdigte, einen nach dem anderen, 34 seiner Klosterbrüder und auch noch den Prior. Nachdem nur noch er und sein Hund übriggeblieben waren, machte er sich auf die Suche nach einem Zufluchtsort. Angesichts täglich zunehmender Pestopfer rätselten die Überlebenden, ob Gott die Luft mit der Krankheit verseucht hatte, um die menschliche Rasse auszulöschen. Im irischen Kilkenny blieb der Bettelmönch John Clyn allein unter den toten Brüdern zurück. Er schrieb eine Chronik dessen, was geschehen war, damit »nicht wichtige Dinge mit der Zeit verschwinden und der Vorstellung unserer Nachkommen fremd bleiben«. Er glaubte, daß »die ganze Welt, so wie sie war, in der Hand des Bösen lag«. Während er selbst auf den Tod wartete, schrieb er: »Ich hinterlasse Pergament, um die Arbeit fortzusetzen, und wenn nur ein einziger Nachkomme Adams diese Pest überlebt, soll er die Arbeit weiterführen, die ich begann.« Bruder John, so notierte eine unbekannte Hand, starb an der Pest, aber er entrann dem Vergessen.

Die größten Städte Europas waren Florenz und Paris. Sie hatten eine Einwohnerzahl, die wie die von Venedig und Genua 100 000 überschritt. Mehr als 50 000 Bürger zählten in der nächsten Gruppe Gent und Brügge in Flandern, Mailand, Bologna, Rom, Neapel, Palermo und Köln. Mit 20 000 bis 50 000 Bewohnern bildeten Bordeaux, Toulouse, Montpellier, Marseille und Lyon zusammen mit den spanischen Städten Barcelona, Sevilla und Toledo eine dritte Gruppe. Sie wurde durch die italienischen Städte Siena und Pisa ergänzt sowie durch die Hansestädte des Kaiserreiches. London beheimatete weniger als 50 000 Einwohner und war mit York die einzige englische Stadt, deren Bevölkerungszahl 10 000 überschritt. Die Pest wütete in allen Städten und forderte ihren Tribut, der bei einem oder zwei Drittel der Bürgerschaft lag. Italien traf die Seuche wohl am schwersten. Nach den florentinischen Bankkrächen, den Fehlernten und den Arbeiteraufständen von 1346/1347 hatte die Erhebung unter Cola di Rienzi Rom in Anarchie gestürzt. Die Seuche war der Gipfelpunkt einer Kette von Katastrophen. Als ob die Welt sich wirklich in der Hand des Bösen befunden hätte, erschütterte ein fürchterlicher Erdstoß im Januar 1348, als die Pest auftauchte, das europäische Festland. Er hinterließ einen [101]breiten Pfad der Vernichtung von Neapel bis Venedig. Häuser brachen in sich zusammen, Kirchtürme stürzten um, Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Ausläufer des Bebens reichten bis nach Deutschland und Griechenland. Durch die ständig neuen Schrecken wurde das menschliche Empfinden so abgestumpft, daß ein Chronist zusammenfassend schrieb: »Und die Menschen in dieser Zeit sterben ohne Trauer, und sie heiraten ohne Freude.« In Siena, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Pest zum Opfer fiel, wurden die Arbeiten an der größten Kathedrale der Welt eingestellt. Es gab keine Arbeiter mehr und keine Baumeister, »nur Melancholie und Kummer«. Der Rumpf des Querschiffs zeugt noch heute vom Schwung der Todessense. Der Chronist von Siena, Agnolo di Tura, berichtet von der Angst vor Ansteckung, die jeden anderen Instinkt lähmte. »Väter verließen ihre Kinder, Frauen ihre Männer, ein Bruder den anderen, denn die Pest schien mit Blicken und Atem übertragbar. So starben sie. Niemand war zu finden, der die Toten begrub, nicht für Geld und nicht für Freundschaft…Und ich, Agnolo di Tura, genannt der Fette, habe meine fünf Kinder mit meinen eigenen Händen begraben, und viele taten es mir nach.«

Es gab viele Echos dieser Klage der Unmenschlichkeit, nur wenige versuchten, dem zu steuern: Diese Seuche animierte nicht zu nachbarschaftlicher Hilfe. Der häßliche Tod einigte nicht, er ließ nur eins entstehen, den Wunsch, dem Unheil zu entkommen. »Ratsherren und Anwälte widersetzten sich dem Wunsch der Sterbenden, die Testamente aufzusetzen, und – was noch schlimmer war – selbst die Priester kamen nicht, um die Beichte zu hören«, schrieb ein Franziskaner aus Piazza in Sizilien. Ein Schreiber des Erzbischofs von Canterbury berichtete dasselbe von englischen Priestern, »die, von Todesangst getrieben, vor den ihnen Anvertrauten flohen«. In ganz Europa, von Schottland bis Rußland, kamen Geschichten von Eltern auf, die ihre Kinder im Stich ließen, und von Kindern, die ihre Eltern verließen. »Die Pest ließ die Herzen der Menschen gefrieren«, schrieb Boccaccio in seinem berühmten Bericht über die Pest in Florenz, der die Einleitung zum Decameron bildet. »Jeder wich dem anderen aus…Blutsverwandte wandten sich ab, der Bruder verließ den Bruder, auch Männer ihre Frauen, und, was kaum zu glauben ist, Väter und Mütter überließen ihre kranken Kinder dem grausamen Schicksal, unversorgt, einsam, als ob sie Fremde gewesen wären.« Das 14. Jahrhundert ist für seine Übertreibungen und seinen literarischen Pessimismus bekannt, aber auch der päpstliche Arzt, Guy de Chauliac, ein nüchterner, gewissenhafter Beobachter, berichtet dasselbe. »Kein Vater besuchte seinen Sohn, kein Sohn seinen Vater. Die Wohltätigkeit war tot.«

Als die Pest im Juli 1348 nach Nordfrankreich kam, setzte sie sich zuerst in der Normandie fest und ließ, aufgehalten durch den Winter, der Picardie einen trügerischen Aufschub bis zum nächsten Sommer. Von den Kirchtürmen der Normandie wehten zum Zeichen der Trauer und der Warnung schwarze [102]Fahnen. Und »die Sterblichkeit in der Normandie zu dieser Zeit war so groß«, schrieb ein Bruder der Abtei Fourcament, »daß man sich in der Picardie darüber lustig machte«. Dasselbe unnachbarschaftliche Verhalten zeigten die Schotten, als sie nur noch ein Winter von der englischen Pestwelle trennte. Begeistert, als sie hörten, daß die Seuche die »Südlichen« heimsuchte, stellten sie ein Invasionsheer zusammen »und lachten über ihre Feinde«. Bevor sie aufbrechen konnten, fiel der grimmige Tod auch über sie her, zerstreute das Heer in Tod und Panik, und die, die flohen, verbreiteten die Seuche im Land.

Im Sommer 1349 erreichte die Pest die Burg der Coucys. Sie tötete Enguerrands Mutter Katharina und ihren neuen Mann. Ob ihr neunjähriger Sohn der Seuche nur durch einen Zufall entkam oder ob er mit einem seiner Leibwächter ein anderes Domizil aufgesucht hatte, ist nicht überliefert. Im nahe gelegenen Amiens begannen die Gerbereiarbeiter, angespornt durch die immensen Verluste an Arbeitskräften, höhere Löhne zu fordern. Anderswo konnte man die Dorfbewohner beobachten, wie sie zu den Klängen von Trommeln und Trompeten tanzten; gefragt warum, antworteten sie, daß sie glaubten, sie könnten die Seuche »durch ihre Fröhlichkeit fernhalten. Darum tanzten sie.« Weiter nördlich in Tournai an der Grenze zu Flandern verfaßte Gilles li Muisis, Abt des Klosters St. Martin, einen der lebendigsten Berichte über das unaufhaltsame Vorrücken der Epidemie. Die Totenglocken läuteten Tag und Nacht, berichtet er, denn die Glöckner wollten ihr Geschäft verrichten, solange es ging. Die Stadt war mit den Stimmen der Trauer erfüllt, und auf ihr lastete die Furcht. Daraufhin verboten die städtischen Behörden, Schwarz zu tragen, die Totenglocken zu läuten, und beschränkten den Trauerzug auf höchstens zwei Leidtragende. Diese Verbote wurden von den meisten Städten später übernommen. Siena setzte sogar eine Strafe auf das Tragen von Trauerkleidung aus, wenn es sich nicht um eine Witwe handelte.

Die Flucht war das letzte Mittel derer, die es sich leisten konnten. Die Reichen flohen auf ihre Landsitze wie Boccaccios junge Patrizier von Florenz, die sich auf ein Landgut zurückzogen, das »fern aller Straßen« mit »Bächen von kühlem Wasser und Kellern voll seltenem Wein« ausgestattet war. Die Armen der Städte starben in ihren Behausungen, und »nur der Gestank ihrer verwesenden Körper machte die Nachbarn auf ihren Tod aufmerksam«. Daß die Armen von der Seuche härter betroffen waren als die Reichen, wurde sowohl im Süden als auch im Norden klar erkannt. Der schottische Chronist John of Fordun behauptete schlichtweg, daß die Pest »vor allem die einfachen Leute und die Armen befällt, weniger die großen Herren«. Dieselbe Beobachtung machte Simon de Covino in Montpellier. Er schrieb es der Armut und den härteren Lebensumständen zu, daß die Armen für die Krankheit anfälliger waren. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Der beengte Lebensraum und der Mangel an hygienischen Einrichtungen waren die unerkannte andere Hälfte. Außerdem war festzustellen, daß verhältnismäßig mehr junge als alte Menschen [103]starben. Simon de Covino verglich das Verschwinden der Jugend mit dem Welken der Blumen auf den Feldern.

In den ländlichen Gebieten fielen Bauern tot auf der Straße um, sie starben auf den Feldern und in ihren Häusern. Die Überlebenden verfielen mit wachsender Hilflosigkeit in Apathie. Sie schnitten das Getreide nicht mehr und ließen das Vieh unversorgt in den Ställen. Ochsen und Esel, Schafe und Ziegen, Hühner und Schweine liefen frei herum, und auch sie verfielen nach dörflichen Berichten der Pest. Die englischen Schafe, Träger der wertvollen Wolle, starben im ganzen Land. Der Chronist Henry Knighton, Stiftsherr der Abtei von Leicester, berichtet von fünftausend toten Schafen in einem einzigen Feld. »Ihre Körper von der Pest so verdorben, daß kein wildes Tier und kein Vogel sie anrührte«, und sie verbreiteten einen entsetzlichen Gestank. In den österreichischen Alpen kamen die Wölfe zu Tal, um Schafe zu reißen, und »wandten sich, wie durch ein unsichtbares Zeichen gewarnt, um und flohen zurück in die Wildnis«. Im fernen Dalmatien fielen jedoch Wölfe in eine verseuchte Stadt ein und griffen die Überlebenden an. Aus Mangel an Schäfern verendeten frei umherziehende Herden in Hecken und Gräben. Katzen und Hunde blieben nicht verschont.

Der Mangel an Arbeitskräften verdüsterte die Zukunft, denn das 14. Jahrhundert war ganz auf die jährliche Ernte angewiesen, zum einen für die Versorgung mit Lebensmitteln, zum anderen für das Saatgut des nächsten Jahres. »Es waren so wenige Diener und Arbeiter übrig«, schrieb Knighton, »daß niemand wußte, wo er Hilfe bekommen sollte.« Das Gefühl einer zerstörten Zukunft verbreitete eine Art Wahnsinn der Hoffnungslosigkeit. Ein bayrischer Chronist aus Neuburg an der Donau überliefert, daß »Männer und Frauen wie verrückt umherwanderten« und das Vieh vernachlässigten, »weil niemand sich um die Zukunft sorgen wollte«. Die Felder wurden nicht mehr bestellt, im Frühjahr nicht gesät. Mit der schrecklichen Energie der Natur kroch die Wildnis über große Teile des gerodeten Landes, Deiche verfielen, und Salzwasser säuerte die tiefgelegenen Weideflächen. Mit so wenigen verbleibenden Arbeitskräften, die das Werk von Jahrhunderten wiederherstellen sollten, ergaben sich nach Walsinghams Worten die Menschen in die Einsicht, »daß die Welt nicht mehr so reich wie vorher werden könne«.

Obwohl die Sterblichkeitsrate unter den anonymen Armen höher war, starben auch die Großen. König Alfons XI. von Kastilien war der einzige regierende Monarch, der der Pest zum Opfer fiel, aber sein Nachbar, König Peter von Aragon, verlor seine Frau, Königin Leonora, seine Tochter Marie und eine Nichte innerhalb von sechs Monaten. Johannes Kantakuzenos, Kaiser von Byzanz, verlor seinen Sohn. In Frankreich starben die lahme Königin Johanna und ihre Schwiegertochter Bonne von Luxemburg, die Frau des Dauphin, im Jahre 1349, zur gleichen Zeit also wie Enguerrands Mutter. Königin Johanna von Navarra, Tochter Ludwigs X., war ein weiteres Opfer. Johanna, [104]die Tochter Eduards III., starb auf dem Weg zu ihrem zukünftigen Ehemann, Peter von Kastilien, in Bordeaux. Frauen scheinen anfälliger gewesen zu sein als Männer, vielleicht weil sie häuslicher waren und damit mehr unter den Flöhen litten. Sowohl Boccaccios Geliebte Fiammetta, uneheliche Tochter des Königs von Neapel, als auch die Geliebte – ob real oder fiktiv – von Petrarca, Laura, starben. An uns in der Zukunft gewandt, rief Petrarca aus: »O glückliche Spätgeborene, die ihr solch abgrundtiefen Kummer nicht erfahren werdet und die ihr unsere Zeugnisse als Fabeln lesen werdet!«

In Florenz starb der große Historiker Giovanni Villani inmitten eines unvollendeten Satzes im Alter von 68 Jahren. »…e dure questo pistolenza fino a…« (…während der Pest endete…) Die Meistermaler von Siena, Ambrogio und Pietro Lorenzetti, werden seit 1348 namentlich nicht mehr erwähnt. Wahrscheinlich sind sie ebenso wie Andrea Pisano, Architekt und Bildhauer aus Florenz, der Pest zum Opfer gefallen. In England verschwinden Wilhelm von Ockham und der Mystiker Richard Rolle von Hampole aus den geschichtlichen Aufzeichnungen nach 1349. Francisco Datini, ein Kaufmann aus Prato, verlor sowohl seine Eltern als auch zwei Säuglinge. Seltsame Häufungen von Todesfällen rafften alle Zunftmeister der Londoner Schneider hinweg, alle sechs Meister der Hutmacher und vier Meister der Goldschmiede starben bis Juli 1350. Sir John Pulteney, Meister der Stoffhändlergilde und viermaliger Bürgermeister von London, fiel ebenso der Pest anheim wie Sir John Montgomery, Gouverneur von Calais. Aufgrund ihres Berufes war die Sterblichkeit unter den Doktoren und der Geistlichkeit natürlich besonders hoch. Von vierundzwanzig venezianischen Ärzten sollen zwanzig während der Pest ihr Leben gelassen haben, obwohl einige von ihnen nach anderen Quellen geflohen sein oder sich in ihren Häusern eingeschlossen haben sollen. Laut Berichten von Simon de Covino soll in Montpellier, Sitz der führenden medizinischen Akademie des Mittelalters, trotz der großen Anzahl von Ärzten »kaum einer seinem Schicksal entkommen sein«. Guy de Chauliac von Avignon gab zu, daß er seine ärztliche Visite nur aus Furcht vor der Schande durchgeführt habe, aber »ich lebte in ständiger Angst«. Er behauptete, sich angesteckt zu haben, aber sich durch Selbstbehandlung geheilt zu haben; wenn das stimmt, dann war er einer der wenigen, die genasen.

Die Sterblichkeitsrate unter den Geistlichen variierte mit ihrem Rang. Obwohl der Tribut von einem Drittel, den die Pest von den Kardinälen forderte, dem Durchschnittsmaß entsprach, ist das nur durch ihre Konzentration im päpstlichen Palast in Avignon zu erklären. In England starben in seltsamer, fast unheimlicher Folge der Erzbischof von Canterbury, John Stratford, sein designierter Nachfolger und der nächste Amtsanwärter innerhalb eines Jahres von August 1348 bis Juli 1349. Trotz solcher merkwürdigen Zufälle hatten die Prälaten doch eine größere Überlebenschance als der niedere Klerus. Unter den Bischöfen starb einer von zwanzig. Die Zahl der Todesfälle unter den [105]Priestern entsprach dagegen dem Bevölkerungsdurchschnitt, obwohl sich viele der schrecklichen Pflicht, den Sterbenden beizustehen, entzogen. Regierungsbeamte, deren Ableben das allgemeine Chaos noch verschlimmerte, blieben nicht häufiger als der Durchschnitt vom Seuchentod verschont. In Siena starben vier von neun Mitgliedern der regierenden Oligarchie, in Frankreich lichtete die Pest die Reihen der königlichen Notare um ein Drittel. In Bristol starben 15 von 52 Stadtratsmitgliedern. Das Eintreiben von Steuern war so eingeschränkt, daß König Philipp VI. nur über einen Bruchteil des Steueraufkommens verfügen konnte, das die Stände ihm im Winter 1347/1348 genehmigt hatten.

Gesetzlosigkeit und Sittenverfall begleiteten die Pest, wie sie es schon in Athen 430 v. Chr. getan hatten, als die Menschen sich Thukydides zufolge in Ausschweifungen gegenseitig übertrafen: »Denn die Besitzenden wurden nach ihrem plötzlichen Tod sofort von den Besitzlosen beerbt, welche glaubten, daß Leben und Reichtum gleichermaßen vergänglich seien, und die sich daher entschlossen, sich zu vergnügen, solange sie konnten!« Menschliches Verhalten ist zeitlos. Als der heilige Johannes die Vision der Pest in seiner Offenbarung beschrieb, wußte er aus Erfahrung oder einer tiefen Menschheitserinnerung heraus, daß die Überlebenden »das Werk ihrer Hände nicht bereuten…Sie bereuten nicht ihre Morde noch ihre Hexereien noch ihre Unzucht noch ihre Diebstähle«.


Die Unwissenheit über die Ursache der Seuche steigerte das Gefühl des Schreckens. Von den wirklichen Überträgern, den Ratten und Flöhen, hatten die Menschen keine Ahnung, vielleicht weil sie ihnen so vertraut waren. Obwohl die Flöhe ein lästiger Teil jedes Haushalts waren, werden sie in keiner Schrift über die Pest erwähnt und Ratten nur beiläufig, obwohl die Folklore sie im allgemeinen mit der Pest in Verbindung brachte. Die Legende des Rattenfängers entstand bei einem Ausbruch der Seuche im Jahre 1284. Der Pestbazillus, Pasturella pestis, blieb aber für weitere fünfhundert Jahre unentdeckt. Er lebte abwechselnd im Verdauungssystem des Flohs und der Blutbahn der Ratte, die das Wirtstier des schmarotzenden Flohs war. Auf den Menschen wurde der Bazillus, insbesondere der Beulenpest, durch den Biß eines Flohs oder einer Ratte übertragen. Er verbreitete sich durch den Wandertrieb der Rattus rattus, der kleinen, schwarzen, mittelalterlichen Ratte, die sowohl auf Schiffen als auch an Land lebte, und der größeren braunen Wanderratte. Was den Bazillus virulent machte, ist unbekannt. Man glaubt aber jetzt, daß das Entstehungsgebiet der Seuche Zentralasien und nicht China[3] war und daß sie sich von dort über die Karawanenrouten verbreitete.

Das Schreckgespenst hatte keinen Namen. Nur in späteren Berichten der Schwarze Tod genannt, wurde es während der ersten Epidemie nur als Pestilenz oder das Große Sterben bekannt. Gerüchte, die aus Asien nach Europa [106]drangen, erzählten von schrecklichen Wirbelstürmen und »Feuerwänden«, die von Hagelstürmen begleitet wurden, »in denen fast jedermann erschlagen wurde«. Auch von »Feuerregen« war die Rede, die Menschen, Tiere, Steine, Bäume, Dörfer und Städte verbrannten. In einer anderen Version ist von einem »faul riechenden Wind« die Rede, der die Krankheit nach Europa trug und jetzt, »wie einige vermuten, von der Küste herbläst«. Den Beobachtern der damaligen Zeit war der geistige Sprung von diesen Geschichten zu den Schiffen und Ratten nicht möglich, da keinerlei Vorstellung von der Tier- oder Insektenübertragung existierte.

Das Erdbegen wurde für den Auslöser der Katastrophe gehalten, weil es schweflige und faul riechende Dämpfe des Erdinnern freigesetzt hatte. Es wurde auch als Hinweis auf einen titanischen Kampf der Planeten aufgefaßt, der die Wasser ansteigen und verdunsten ließ, bis die Fische in Massen starben und die Luft vergifteten. Alle diese Erklärungsversuche hatten den Faktor der vergifteten Luft gemein, der Nebel und giftigen Dämpfe, die auf natürliche oder vorgestellte Ursachen wie abgestandene Seen, unheilvolle Planetenkonstellationen, die Hand des Bösen oder den Zorn Gottes zurückgeführt wurden. Das mittelalterliche Denken blieb in der Theorie astraler Einflüsse befangen, betonte die Rolle der Luft in der Verbreitung der Seuche und übersah mangelnde Hygiene oder tierische Krankheitsträger. Die Existenz zweier Übertragungsformen verwischte die Spur, dies um so mehr, als der Floh bis zu einem Monat unabhängig von der Ratte leben konnte und, wenn er infiziertes Blut eines Menschen aufnahm, die Krankheit weitertrug, ohne sich erneut bei der Ratte zu infizieren. Da gleichzeitig die andere Form der Seuche auftrat, die die Atemwege befiel und tatsächlich durch die Luft verbreitet wurde, wurde das Rätsel noch verwirrender.

Im Oktober 1348 bat Philipp VI. die medizinische Fakultät der Universität von Paris um einen Bericht über das Unheil, das das Überleben der menschlichen Rasse zu bedrohen schien. Mit gründlicher These, Antithese und Beweisführung machten die Ärzte eine Dreierkonstellation aus Saturn, Jupiter und Mars verantwortlich, die am 20. März 1345 in einen 40-Grad-Winkel zu Aquarius getreten sei. Zudem, so erklärten sie, sei aber auch mit Momenten zu rechnen, »deren Ursachen selbst den feinsten Geistern verborgen blieben«. Das Urteil der Pariser Gelehrten wurde als offizielle Begründung für die Seuche anerkannt. Sie wurde zitiert, von Schreibern abgeschrieben, ins Ausland getragen, aus dem Lateinischen in viele Landessprachen übersetzt und galt sogar bei den arabischen Ärzten in Granada und Córdoba als die wissenschaftliche, wenn auch nicht allgemeinverständliche Erklärung. Das düstere Interesse an diesen Fragen förderte den Gebrauch der Landessprachen. Zumindest in der Hinsicht spendete der Tod auch Leben.


[107]Für das Volk aber konnte es nur eine Erklärung geben, der Zorn Gottes. Die Planetenbahnen mochten die studierten Gelehrten befriedigen, den Durchschnittsmenschen stand Gott näher. Eine solche Geißel der Menschheit, die so schonungslos und unbarmherzig ihre Opfer forderte, konnte nur als göttliche Strafe für menschliche Sünden aufgefaßt werden. Sie mochte gar Gottes endgültige Enttäuschung über seine Geschöpfe ausdrücken. Villani verglich die Seuche mit der Sintflut und glaubte, daß er von »der Ausrottung der Menschengattung berichtete«. Versuche, den göttlichen Zorn zu besänftigen, nahmen die verschiedensten Formen an. Der Stadtrat von Rouen ordnete an, daß alles, was göttlichen Zorn auf die Stadt herabziehen könnte, verboten war, Spielen, Fluchen und Trinken. Weiter verbreitet waren die Bußprozessionen, die vom Papst zunächst autorisiert wurden, aber nur dazu führten, die Seuche noch weiter zu verbreiten, da an Märschen von bis zu drei Tagen Dauer manchmal zweitausend Büßer teilnahmen.

Barfuß, mit Sacktuch bekleidet, die Häupter mit Asche bestreut, weinend, betend und mit zerrauften Haaren, Kerzen und Reliquien tragend, manchmal den Henkerstrick um den Hals gelegt oder sich ohne Unterlaß geißelnd, so zogen die Büßer in endlosen Prozessionen durch die Straßen. Sie erflehten die Gnade der Jungfrau und die Fürsprache der Heiligen. In einer anschaulichen Illustration für die Très Riches Heures des Herzogs von Berry ist der Papst bei einer Bußwallfahrt zu sehen, von vier Kardinälen begleitet, von Kopf bis Fuß in scharlachroten Gewändern. Er hebt beide Hände, um den Engel auf der Spitze der Burg St. Angelo um Gnade anzuflehen, während sich weißgekleidete Priester, die Fahnen und Reliquien in goldenen Kästen tragen, umwenden und einen der ihren anblicken, der, von der Pest geschlagen, mit angstverzerrtem Gesicht zu Boden sinkt. Hinten bricht ein graugekleideter Mönch neben einem anderen Opfer, das schon auf dem Boden liegt, zusammen. Die Stadtbevölkerung schaut entsetzt zu. (Genaugenommen zeigt die Illustration eine Prozession des sechsten Jahrhunderts anläßlich einer Seuche zur Zeit Papst Gregors des Großen; aber der mittelalterliche Künstler unterschied nicht zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zeigte das Ereignis so, wie es sich im 14. Jahrhundert zugetragen hätte.) Als deutlich wurde, daß die Prozessionen eine Quelle der Ansteckung waren, sah sich Papst Klemens VI. gezwungen, sie zu verbieten.

In Messina, wo die Seuche zuerst aufgetreten war, baten die Stadtbewohner den Erzbischof des benachbarten Catania, ihnen die Reliquien der heiligen Agatha zu leihen. Als die Catanier sich weigerten, die Reliquien herauszugeben, tauchte der Erzbischof sie in Weihwasser und brachte das Wasser selbst nach Messina, wo er es in einer Prozession unter Gebeten und Litaneien durch die Straßen trug. Das Dämonische, das sich den mittelalterlichen Kosmos mit Gott teilte, erschien in mannigfacher Gestalt: »Ein schwarzer Hund mit einem blanken Schwert in den Pfoten erschien unter ihnen, er knirschte mit den [108]Zähnen, stürzte auf sie zu und zerbrach all die silbernen Gefäße, Lampen und Kerzenleuchter der Altäre und warf sie hin und her…So wurde das Volk von Messina, das diese entsetzliche Erscheinung sah, von heilloser Furcht ergriffen.«

Das offenbare Fehlen einer irdischen Ursache gab der Seuche einen übernatürlichen und geheimnisvollen Anschein. Die Skandinavier glaubten, daß eine Pestjungfer dem Mund des Toten als kleine blaue Flamme entsprang und durch die Luft flog, um das nächstliegende Haus zu infizieren. In Litauen glaubte man, daß die Pestjungfrau rote Tücher in Fenster und Türen flattern ließ, um die Pest einzulassen. Ein tapferer Mann hat der Legende zufolge mit gezogenem Schwert an seinem Fenster gewartet, bis er die Hand mit dem wehenden Tuch entdeckte, um sie abzuschlagen. Er selbst starb an dieser Tat, bewahrte aber sein Dorf vor der Pest, und das Tuch wurde lange als Reliquie in der örtlichen Kirche verehrt.

Jenseits allen Aberglaubens und aller Dämonen enthüllte sich aber letztlich die Hand Gottes. Im September 1348 verkündete der Papst in einer Bulle, daß »Gott die Menschheit mit der Seuche geschlagen hat«. Für Kaiser Johannes Kantakuzenos war es offensichtlich, daß eine Krankheit von solchem Schrecken, Gestank und solchen Qualen, die ihre Opfer noch vor dem Tod in elende Verzweiflung stürzte, keinen »natürlichen« Ursprung haben konnte, »eine Züchtigung des Himmels« sein mußte.

Die breite Übernahme dieser Sicht schuf ein weitverbreitetes Schuldbewußtsein, denn wenn die Seuche eine Strafe war, dann mußten schreckliche Sünden sie hervorgerufen haben. Welche Sünden lagen dem 14. Jahrhundert auf dem Gewissen? Vor allem Gier, die Sünde der Habsucht, gefolgt von Wucher, Weltlichkeit, Ehebruch, Gotteslästerung, Heuchelei, Luxus und Irrlehre. Als Giovanni Villani versuchte, die Lawine des Unheils, die über Florenz hereingebrochen war, zu erklären, kam er zu dem Ergebnis, daß die Sünden der Habgier und des Wuchers, die die Armen drückten, für die Heimsuchung verantwortlich seien.

Oftmals schon hatten verschiedene Schriftsteller ihren Zorn und ihr Mitleid über die Lebensbedingungen der Armen, vor allem das Los der Bauern zu Kriegszeiten, ausgedrückt, Verhältnisse, die sicherlich das Gewissen des Jahrhunderts belasteten. Allem Schuldbewußtsein zugrunde lag die Realität des täglichen mittelalterlichen Lebens, in dem kaum eine Handlung oder ein Gedanke nicht den kirchlichen Geboten widersprach, sei es auf sexuellem, kommerziellem oder militärischem Gebiet. Die Folge war ein unterirdischer See von Schuld, den die Pest nun an die Oberfläche brachte.


Medizinische Versuche, es mit der Seuche aufzunehmen, fruchteten wenig. Es gab kein Gegenmittel und keine Vorbeugung. Da die Ärzte die Seuche nicht bekämpfen konnten, versuchten sie, sie zumindest zu zügeln, hauptsächlich [109]durch das Verbrennen aromatischer Substanzen. Der Führer der Christenheit Papst Klemens VI. wurde auf ungeklärte Art und Weise durch dieses Mittel vor einer Ansteckung bewahrt. Der päpstliche Leibarzt, Guy de Chauliac, ordnete an, daß der Papst auch in der Hitze des sommerlichen Avignon zwischen zwei großen Feuern zu sitzen habe, die in seinen Gemächern entzündet worden waren. Diese Roßkur half zwar, aber zweifellos nur deshalb, weil sie offenbar die Flöhe fernhielt und auch weil der Papst, auf Anraten de Chauliacs, seine Räume nicht verließ. Vielleicht haben die Jagdszenen, Gärten und andere weltliche Freuden abbildenden Wandmalereien die päpstliche Qual gemildert. Klemens VI. liebte verschwenderischen Glanz und die »sinnlichen Laster«, aber er war auch ein Mann der Wissenschaft, ein Mäzen der Künstler und der Gelehrten, und er regte nun selbst die Sezierung von Pestopfern an, »damit die Ursprünge der Seuche erkannt werden könnten«. Viele Leichenöffnungen wurden sowohl in Avignon als auch in Florenz vorgenommen, wo die städtischen Behörden Prämien für die Freigabe von Leichen für ärztliche Untersuchungen zahlten.

Die ärztlichen Heilmittel reichten in dieser Zeit von erwiesenermaßen wirksamen Arzneien bis hin zu Wundermitteln, ohne daß ein besonderer Unterschied zwischen den beiden gemacht worden wäre.

Den Ärzten fehlte es nicht an operativer Geschicklichkeit. Sie konnten gebrochene Knochen richten, Zähne ziehen, Blasensteine entfernen, mit einer Silbernadel sogar den grauen Star beseitigen und zerstörte Gesichtshaut durch Transplantation vom Arm ersetzen. Sie hatten Epilepsie und Apoplexie als Gehirnkrämpfe erkannt. Urinproben und Pulsmessung zählten zu den bekannten diagnostischen Verfahren; die Ärzte wußten, welche Substanzen als Abführmittel und welche als harntreibendes Mittel zu verwenden waren, sie verordneten Bruchbänder, eine Mischung aus Öl, Essig und Schwefel gegen Zahnschmerzen und zerstoßene Pfingstrosenwurzeln mit Rosenöl gegen Kopfschmerzen.

Bei Krankheitsbildern, die ihre Kenntnisse überschritten, fielen sie auf das Übernatürliche zurück oder auf komplizierte Mischungen aus alkalischen, pflanzlichen und tierischen Substanzen. Das Widerliche galt ebenso wie das Teure als besonders wirksam. Gegen Bandwürmer wurde die Kopfhaut mit Knabenurin gewaschen, bei Gicht sollte ein Heilpflaster von Ziegenmist mit Rosmarin und Honig helfen. Erleichterung des Patienten war das Ziel – die Heilung blieb Gott überlassen – und psychologische Suggestion die Methode. Um Pockennarben zu verhindern, wurde der Erkrankte in rote Tücher gewickelt und in ein rot verhangenes Bett gelegt. Wenn die Chirurgie keine Hilfe brachte, wurde auf die Hilfe der Heiligen Jungfrau und die Reliquien der Heiligen zurückgegriffen.

Die purpurnen oder roten Gewänder mit den pelzgesäumten Kapuzen verwiesen auf den hohen Rang der Doktoren. Sie waren von den Aufwandsgesetzen [110]ausgenommen und trugen silbern verzierte Gürtel, kostbare Handschuhe und nach Petrarcas ärgerlichem Bericht auch goldene Sporen, wenn sie, begleitet von einem Diener, den Kranken ihre Visite abstatteten. Auch ihre Frauen durften mit ihren Kleidern einen größeren Aufwand treiben als ihre Geschlechtsgenossinnen, vielleicht mit Rücksicht auf das hohe Einkommen, das ein Arzt erzielen konnte. Nicht alle waren studierte Gelehrte. Boccaccios Arzt Simon war ein Proktologe und ließ einen Nachttopf über seine Türe malen, um sein Spezialgebiet zu kennzeichnen.


Der heilige Rochus, der 1327 gestorben war und von dem man glaubte, daß er mit besonderen Heilkräften ausgestattet sei, gehörte zu den meistbeschworenen Schutzheiligen während der Zeit der Pest. Wie der heilige Franziskus hatte er in jungen Jahren ein reiches Erbe angetreten und es unter die Armen verteilt. Als er von einer Pilgerreise nach Rom zurückkehrte und unterwegs auf eine Epidemie stieß, blieb er dort, um den Erkrankten zu helfen. Nachdem er sich selbst angesteckt hatte, zog er sich in die Wälder zurück und bereitete sich allein auf den Tod vor. Ein Hund brachte ihm jeden Tag sein Brot. »In dieser traurigen Zeit, als die Menschen so hart und die Zeiten so düster waren«, sagt die Legende, »schrieben die Menschen das Mitleid den Tieren zu.« Rochus erholte sich und erschien, in Lumpen gekleidet, wie ein Bettler in der Stadt, wo man ihn für einen Spion hielt und in den Kerker warf. Dort starb er. Aber er hinterließ in seiner Todeszelle ein seltsames Licht. Diese Begebenheit verbreitete sich schnell, und seine Heiligsprechung wurde beschlossen. Seitdem glaubten die Menschen, daß Gott jeden heilte, der ihn im Namen des heiligen Rochus anrief. Als aber selbst diese Fürsprache versagte, galt als erwiesen, daß die Menschen so verrucht geworden seien, daß Gott ihr Ende wirklich beschlossen hatte. In den Worten Langlands: »Gott ist taub in dieser Zeit, er erhört uns nicht, und Gebete können die Gewalt der Pest nicht brechen.«

In entsetzlicher Umkehrung wurden Rochus und andere Heilige dann als die Verantwortlichen für den Ausbruch der Pest betrachtet, als die Werkzeuge des Zorns Gottes. »Im Jahre des Herrn 1348, zur Zeit des großen Sterbens«, so schrieb der Rechtsgelehrte Bartolus von Sassoferrato, »war die Unbarmherzigkeit Gottes größer als die der Menschen.« Aber er täuschte sich.

Die Unbarmherzigkeit der Menschen erwies sich an den Juden. Aufgrund der Anklage, daß sie die Brunnen vergifteten, »um die gesamte Christenheit zu töten und die ganze Welt zu beherrschen«, folgten 1348 Lynchmorde den ersten Pesttoten auf den Fersen. Die ersten Übergriffe geschahen in Narbonne und Carcassonne, wo Juden aus ihren Häusern gezerrt und auf Scheiterhaufen geworfen wurden. Obwohl die Pest als Strafe Gottes verstanden wurde, suchten die Überlebenden in ihrem Elend nach einem menschlichen Missetäter, über dem sie den Zorn entladen konnten, der gegen Gott nicht zu richten war. Als der ewige Fremde war der Jude das naheliegende Ziel. Er war der [111]Außenseiter, der sich durch freie Wahl von der Gemeinschaft der Christenheit abgesondert hatte, den zu hassen die Christen seit Jahrhunderten gelernt hatten, der als Urheber allen Übels gegen die christliche Welt betrachtet wurde. Er lebte in einer geschlossenen Gemeinschaft in bestimmten Straßen und Vierteln. Der Jude war ein handfestes Angriffsziel, das zudem reiche Beute versprach. Die Anklage der Brunnenvergiftung ging bis auf die Pest von Athen in der Antike zurück, als den Spartanern dieses Verbrechen zur Last gelegt wurde. Als die Pest nun den Kontinent eroberte, wurden die Anklagen gegen die Juden sofort wieder erhoben.

…Flüsse und Quellen,
die sauber und klar war'n,
sie haben sie überall vergiftet…,

schrieb der französische Hofdichter Guillaume de Machaut.

Die Feindschaft gegen die Juden hatte uralte Wurzeln. Sie waren zum Ziel öffentlichen Hasses geworden, weil die frühchristliche Kirche sie dazu gemacht hatte, als sie sich von der Tradition des Judaismus abzusetzen versuchte. Da die Juden sich hartnäckig weigerten, Christus als den Messias, den Erlöser, anzuerkennen, auch das Neue Testament ablehnten und an den alten Gesetzen Moses' festhielten, waren sie eine Gefahr für die junge christliche Kirche, ein Unruheherd, der von der christlichen Gemeinde ferngehalten werden mußte. Das war der Hintergrund der kirchlichen Edikte des 4. Jahrhunderts, die den Juden seiner Bürgerrechte beraubten, sobald sie Staatsreligion geworden waren. Die Trennung war aber keine Einbahnstraße, da für die Juden das Christentum zuerst eine Dissidentensekte war, dann als eine Renegatenreligion betrachtet wurde, mit der sie keinerlei Beziehung wollten.

Die Theorie, die Emotionen und die Rechtfertigungen des Antisemitismus stammen aus jener Zeit, aus den kanonischen Gesetzen der Konzilien des 4. Jahrhunderts. Der heilige Johannes Chrysostomos, Patriarch von Antiochia, bezeichnete die Juden in seinen Tiraden als Christusmörder; nach dem Urteil des heiligen Augustinus waren die Juden »Verfemte«, weil sie die Erlösung durch Jesus Christus nicht anerkannten. Dier Zerstreuung der Juden in alle Welt wurde als Strafe für ihre Ungläubigkeit aufgefaßt.

Die Phase tätlicher Angriffe begann mit der Zeit der ersten Kreuzzüge, als alle inneren Auseinandersetzungen Europas zu einem Speer gegen die Ungläubigen zusammengeschweißt wurden. In Übereinstimmung mit der Theorie, daß die »Ungläubigen zu Hause« genauso vernichtet werden müßten, kennzeichnete eine Spur der Verwüstung jüdischer Siedlungen den Zug der Kreuzritter nach Palästina. Die Eroberung des Heiligen Grabes durch die Mohammedaner wurde auf »die Sündhaftigkeit der Juden zurückgeführt«, und der Kampfruf »Hep! Hep!«, der dem verlorenen Jerusalem galt (Hierosolyma [112]est Perdita), wurde zum Mordgeschrei. Was der Mensch haßt, das fürchtet er; die Juden wurden als Unholde dargestellt, die mit zerstörerischem Haß auf die Menschheit erfüllt waren. Die Frage, ob die Juden bestimmte Menschenrechte genössen, da Gott alle Menschen, auch die Ungläubigen, gleich geschaffen habe, wurde von verschiedenen Denkern verschieden beantwortet. Nach der offiziellen Lehre gestand ihnen die Kirche einige Rechte zu: Juden sollten nicht ohne Gerichtsverfahren verurteilt werden, ihre Synagogen und Friedhöfe durften nicht geschändet und ihr Eigentum ihnen nicht straflos genommen werden. In der Praxis bedeutete das wenig, da die Juden als Ungläubige keine Anklagen gegen Mitglieder der christlichen Gemeinschaft vorbringen durften und die Aussage eines Juden gegen die eines Christen nichts galt. Ihr gesetzlicher Status war der Leibeigenen des Königs, ohne daß jener allerdings die entsprechenden Schutzgarantien übernehmen mußte. Die Doktrin, daß die Juden als Strafe für ihren Mord an Jesus Christus auf ewig zur Sklaverei verdammt waren, wurde von Papst Innozenz III. 1205 verkündet. Mit erbarmungsloser Logik führte Thomas von Aquin diesen Gedanken weiter und schloß, daß »die Kirche über jüdisches Eigentum verfügen könne, da die Juden Sklaven der Kirche sind«. Gesetzlich, politisch und physisch waren die Juden schutzlos.

Sie erhielten sich ihren Platz in der Gesellschaft, da sie als Geldverleiher bei der ständigen Geldnot der Könige eine wesentliche Funktion innehatten. Sie waren durch die Gilden aus allen handwerklichen Berufen und vom Handel ausgeschlossen und so zu Bagatellgeschäften und dem Geldverleih gezwungen, obwohl ihnen offiziell Geschäfte mit Christen verboten waren. Aber immer beugt sich die Theorie der Praxis, und so wurden die Juden für die Christen zu einem Weg, ihren selbstauferlegten Bann gegen die Zinswirtschaft zu umgehen.

Da die Juden ohnehin verdammt waren, durften sie ihre Geschäfte zu Zinssätzen bis zu 20 Prozent abwickeln, wovon der königliche Schatzmeister den Hauptanteil beanspruchte. Der Gewinn für die Krone war real eine Form indirekter Besteuerung; als deren sichtbare Eintreiber zogen die Juden zusätzlich den öffentlichen Haß auf sich. Sie lebten in einer völligen Abhängigkeit vom Schutz des Königs, ständig bedroht durch Beschlagnahmung, Vertreibung und die Unwägbarkeiten der königlichen Gunst. Adlige und Prälaten folgten dem königlichen Beispiel, vertrauten den Juden größere Geldsummen zum Zweck von Zinsgeschäften an, strichen den Löwenanteil des Profits ein und überließen ihre Agenten dem Zorn des Volkes. Für das Volk waren die Juden nicht nur die Christusmörder, sondern raubgierige, erbarmungslose Ungeheuer, die die aufkommende Macht des Geldes verkörperten, die die Traditionen zerstörte und alte Bindungen auflöste. Als der Handel im 12. und 13. Jahrhundert aufblühte und den Geldumlauf erhöhte, nahm der Einfluß der Juden entsprechend ab, weil sie nun weniger gebraucht wurden. Sie besaßen [113]nicht die immensen Geldsummen, über die die oberitalienischen Bankiers wie die Bardis in Florenz gebieten konnten. In ihrem wachsenden Geldbedarf wandten sich Könige und Fürsten um Kredite an die Lombarden und die reichen Kaufleute und vernachlässigten zunehmend die Schutzgarantien für die Juden. Wenn sie Bargeld benötigten, beschlossen sie sogar eine Judenvertreibung, beschlagnahmten deren Eigentum und beseitigten damit zugleich ihre eigenen Schulden. Zur gleichen Zeit – die Inquisition hielt im 13. Jahrhundert ihren Einzug in Europa – wuchs die religiöse Intoleranz, die sich in der Anklage, daß die Juden Ritualmorde an Christen begingen, äußerte. Die Juden wurden gezwungen, ein Abzeichen zu tragen. Im 12. Jahrhundert war der Glaube aufgekommen, daß die Juden rituelle Christenmorde durchführten und Schwarze Messen abhielten, in denen die Hostie geschändet wurde. Die angeblichen Morde wurden als zwanghafte Wiederholungen der Kreuzigung Christi gedeutet. Von volkstümlichen Predigern verbreitet, entwickelte sich eine Blutmythologie, die wahrscheinlich das christliche Ritual, das Blut des Messias zu trinken, spiegelte. Man glaubte, daß Juden Christenkinder entführten, um deren Blut aus den verschiedensten verwerflichen Gründen zu trinken. Obwohl diese Auffassung von Rabbis, Kaiser und Papst erbittert bekämpft wurde, ergriff die Verleumdungsgeschichte die Volksseele, am nachhaltigsten in Deutschland, wo im 12. Jahrhundert auch die Auffassung von den »Brunnenvergiftern« Fuß gefaßt hatte. Diese blutrünstige Verleumdung diente auch als Fabel für Chaucers Erzählung von einem kindlichen Märtyrer, die von der Äbtissin erzählt wird. Aufgrund der Legende vom Bluttrinken wurden unzählige Juden angeklagt, verurteilt und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Unter der eifernden Frömmigkeit Ludwigs des Heiligen, dessen Lebensziel es war, dem Ruhm der christlichen Religion zu dienen, wurde das Leben der Juden in Frankreich mehr und mehr eingeengt. 1240 fand unter seiner Herrschaft der berühmte Prozeß gegen den Talmud wegen Häresie und Blasphemie statt, der, wie von vornherein feststand, mit einem Schuldspruch endete, woraufhin 24 Wagenladungen talmudischer Schriften in Paris verbrannt wurden.

Im Laufe des Jahrhunderts vervielfachten sich die Dekrete, durch die die Kirche die Juden von der christlichen Gesellschaft fernzuhalten suchte. Das geläufige Argument dafür war, daß der Kontakt mit Juden zum Unglauben führe. Juden durften keine Christen als Diener anstellen, sie durften Christen nicht ärztlich behandeln, Mischehen waren verboten, sie durften kein Mehl, kein Brot, keinen Wein, kein Öl, keine Schuhe und keine Kleidungsstücke an Christen verkaufen. Den Juden war es nicht erlaubt, Handel zu treiben, Synagogen zu bauen oder Land zu besitzen. Die Gildensatzungen schlossen sie von den Berufen der Weber, Schmiede, Bergleute, Schneider, Schuhmacher, Goldschmiede, Müller und Schreiner aus. Um ihre Sonderstellung zu kennzeichnen, [114]verfügte Innozenz III. 1215, daß sie ein Abzeichen tragen mußten; gewöhnlich war es ein runder Flicken aus gelbem Filz, das, wie man sagte, ein Geldstück darstellte. Manchmal war es auch grün oder rot-weiß und wurde von beiden Geschlechtern vom siebten, manchmal vom vierzehnten Lebensjahr an getragen. In seinem Kampf gegen alle Ketzerei und Irrlehre verordnete das 13. Jahrhundert dasselbe Zeichen Mohammedanern und überführten Ketzern und aufgrund irgendeiner doktrinären Spitzfindigkeit auch Prostituierten. Später wurde die Stigmatisierung durch einen spitzen Hut erweitert, der einem Tierhorn ähnelte und nach Volksmeinung den Teufel darstellen sollte.

Die Vertreibungen und Verfolgungen hatten ein stets gleichbleibendes Moment – die Beschlagnahmung jüdischen Eigentums. Wie der Chronist William von Newburgh schrieb, war das Massaker von 1190 in York weniger das Werk religiöser Eiferer als eine Tat von entschlossenen und habgierigen Männern, »die dem Geschäft ihrer Besitzgier nachgingen«. Das Motiv bei den durch Städte oder Könige veranlaßten offiziellen Vertreibungen war dasselbe. Wenn die Juden dann langsam in Dörfer, Marktflecken und vor allem die Städte zurückkehrten, fuhren sie fort, ihren Geldverleih und Gelegenheitshandel zu betreiben. Sie arbeiteten als Pfandleiher oder auch als Totengräber und lebten eng zusammen in einem geschlossenen Judenviertel, um sich gegenseitig schützen zu können. In der Provence waren sie mit dem Wissen, das sie von den Arabern übernommen hatten, oft auch Gelehrte und gesuchte Ärzte. Aber die kraftvolle Lebhaftigkeit ihrer früheren Gemeinden verschwand. In einer unruhigen Zeit lebten sie ständig am Rande der Gewalttätigkeit und der Vertreibung, und ihnen war klar, daß die christliche Kirche jederzeit »zu einem gerechten Krieg« gegen sie als Feinde des Christentums aufrufen konnte.

Im Grauen der Pest war es einfach, der jüdischen Bösartigkeit Brunnenvergiftungen anzulasten. Im Jahre 1348 verbot Papst Klemens VI. in einer Bulle, Juden ohne Gerichtsverfahren zu töten, auszuplündern oder gewaltsam zu bekehren, was die Übergriffe in Avignon und im Kirchenstaat eindämmte, im Norden aber ignoriert wurde. In den meisten Gegenden versuchten die städtischen Behörden zunächst, die Juden zu schützen, aber schließlich mußten sie sich dem Volkswillen beugen, nicht ohne selbst ein Auge auf das jüdische Eigentum geworfen zu haben.

In Savoyen, wo die ersten offiziellen Prozesse im September 1348 begannen, wurde jüdisches Eigentum schon beschlagnahmt, als die Angeklagten noch im Gefängnis auf das Verfahren warteten. Unter der Folter wurden mit den üblichen mittelalterlichen Verhörmethoden Geständnisse erpreßt, die schließlich das Bild von einer internationalen jüdischen Verschwörung bestätigten, die von Spanien ausging. Aus Toledo sollten geheime Boten Gift in kleinen Paketen und »engen, zugenähten Ledertaschen« überbracht haben. [115]Die Boten hatten angeblich Anweisung von den Rabbinern, das Gift in Brunnen und Quellen zu träufeln, und sie sollten sich mit ihren Glaubensgenossen auf geheimen Versammlungen getroffen haben. In aller Form schuldig gesprochen, wurden die Angeklagten zum Tode verurteilt. Elf Juden übergab man bei lebendigem Leibe dem Feuer, die restlichen Angeklagten mußten sich gegen eine monatliche Buße von 160 Florin für die nächsten sechs Jahre die Erlaubnis erkaufen, in Savoyen bleiben zu dürfen.

Die Geständnisse von Savoyen verbreiteten sich per Brief von Stadt zu Stadt und bildeten die Basis für eine Welle von Anschuldigungen und Angriffen im Elsaß, in der Schweiz und in Deutschland. Auf einem Treffen von Würdenträgern elsässischer Städte versuchte die Oligarchie von Straßburg, die Anklagen zu widerlegen, aber sie wurde von der Mehrheit überstimmt, die Vergeltung und Vertreibung forderte. Diese Verfolgungen während der Zeit des Schwarzen Todes waren also nicht immer spontane Ausbrüche der Volkswut, sondern häufig lange im voraus abgestimmte Maßnahmen.

Im September 1348 versuchte Papst Klemens VI. erneut, mit einer Bulle der Judenhysterie entgegenzutreten. Er erklärte, daß diejenigen, die die Seuche den Juden anlasten wollten, von »jenem Lügner, dem Teufel, verführt seien« und daß die Anklage der Brunnenvergiftung und die damit verbundenen Massaker »schreckliche Dinge« seien. Er führte aus, daß »aufgrund des unerklärlichen Ratschlusses Gottes« alle Menschen einschließlich der Juden mit der Pest geschlagen seien, daß sie auch Gegenden befallen habe, in denen keine Juden lebten, und daß sie ansonsten genauso Opfer der Seuche würden wie alle anderen auch. Er stellte fest, daß die Anklage deshalb »keinerlei Plausibilität« besitze. Er nötigte die Geistlichkeit, die Juden unter ihren Schutz zu stellen, wie er es selbst in Avignon tat, aber seine Stimme wurde im Lärmen des aufgebrachten Volkes kaum gehört.

Am 9. Januar 1349 wurde in Basel die ganze jüdische Gemeinde von einigen hundert Köpfen in einem eigens für diesen Zweck aufgestellten Holzhaus auf einer Rheininsel verbrannt, und ein Dekret wurde erlassen, daß es für die nächsten zweihundert Jahre keinem Juden mehr erlaubt sein sollte, sich in Basel niederzulassen. In Straßburg wurde der Stadtrat, der sich der Judenverfolgung widersetzte, mit den Stimmen der Zünfte abgesetzt. Ein neuer wurde gewählt, der mit dem Volkswillen übereinstimmte. Im Februar 1349, noch bevor die Pest die Stadt erreichte, wurden die Juden von Straßburg, etwa zweitausend, auf den Friedhof geführt und mit Ausnahme derer, die sich konvertieren ließen, an Pfählen verbrannt.

Inzwischen hatte sich noch eine andere Stimme gegen die Juden erhoben. Die Flagellanten waren aufgetaucht. In verzweifelter Anrufung der Gnade Gottes verbreitete die Bewegung sich in einem plötzlichen Fieber mit der gleichen grimmigen Ansteckungskraft über Europa wie die Pest selbst. Das Flagellantentum sollte Reue ausdrücken und die Sünden aller Menschen sühnen.

[116]Als Form der Buße, die Gott bewegen sollte, Sünde zu vergeben, gab es die Selbstgeißelung schon lange vor den Pestjahren. Die Flagellanten aber sahen sich selbst als Erlöser, die durch die Wiederholung der Geißelung Christi an ihrem eigenen Körper für die Missetaten der Menschen büßten.

Organisierte Gruppen von zwei- bis dreihundert Menschen – einige Chronisten sprechen sogar von bis zu tausend – zogen von Stadt zu Stadt, nackt bis zum Gürtel, und geißelten sich mit Lederpeitschen, die an den Enden Metallspitzen hatten, bis das Blut floß. Sie riefen Christus und die Heilige Jungfrau laut um Gnade an, flehten zu Gott: »Verschone uns!«, während die Stadtbewohner am Straßenrand standen und in das allgemeine Weinen und Wehklagen einstimmten. Diese Gruppen veranstalteten dreimal täglich regelrechte Aufführungen, zwei öffentliche auf dem Kirchplatz und eine dritte ohne Publikum. Sie wurden von einem Laienmeister geführt, dem sie Gehorsam gelobt hatten, sie durften sich nicht baden noch rasieren, sie durften ihre Kleider nicht wechseln, nicht in Betten schlafen und ohne Erlaubnis ihres Meisters nicht mit Frauen sprechen oder verkehren. Offensichtlich ist diese Erlaubnis verschiedentlich gewährt worden, da die Flagellanten später wegen Orgien angeklagt wurden, in denen das Auspeitschen mit Sex verbunden war. Frauen durften die Gruppen nur in getrennten Zügen begleiten, die meistens den Schluß einer solchen Bußprozession bildeten. Wenn eine Frau oder ein Priester in den Kreis der Büßer trat, war die Buße wertlos geworden und mußte wiederholt werden. Die Bewegung war im wesentlichen antiklerikal und bedeutete eine Herausforderung der Geistlichkeit, da die Flagellanten sich selbst zum Mittler zwischen Gott und der ganzen Menschheit ernannten.

Von ihrem Ursprung in den deutschen Staaten überschwemmte die neue Bewegung die Niederlande bis Flandern und ergriff die Picardie bis Reims. Hunderte von Gruppen durchkreuzten das Land und betraten jede Woche neue Städte. Sie reizten die ohnehin überspannten Gefühle der Menschen noch weiter auf, sie beteten Litaneien und sangen Klagelieder, sie verkündeten, daß alle Welt »der ewigen Verdammnis« anheimfiele, wenn sie es nicht verhinderten. Die Stadtleute grüßten sie mit Ehrfurcht und Kirchengeläut, brachten sie in ihren Häusern unter und brachten Kinder zu ihnen, die sie heilen und – zumindest in einem Fall – von den Toten erwecken sollten. Man tauchte Tücher in das Blut der Flagellanten, preßte sie an die Stirn und verehrte sie als Reliquien. Viele Menschen schlossen sich der Bewegung an, darunter Ritter, Adelsdamen, Geistliche, Nonnen und Kinder. Bald wanderten die Flagellantenzüge unter prachtvollen Samtbannern in Purpur und Gold durch das Land.

Sie wurden immer überheblicher und nahmen offen gegen die Kirche Stellung. Ihre Meister beanspruchten das Recht, die Beichte zu hören und Absolution zu erteilen und Bußen aufzuerlegen, was den Priestern nicht nur ihre Einkommensquelle nahm, sondern auch die kirchliche Autorität im Kern herausforderte. [117]Priester, die sich den Amtsanmaßungen in den Weg stellten, wurden unter Beteiligung der Bevölkerung gesteinigt.

Die Gegner der Flagellanten wurden als Skorpione und Antichristen verfolgt. In einigen Fällen ergriffen die Flagellanten unter Führung von abgefallenen Priestern oder fanatischen Dissidenten Besitz von Kirchen, unterbrachen die Gottesdienste, verhöhnten die Eucharistie, plünderten die Altäre aus und gaben vor, die Kraft zu haben, böse Geister zu vertreiben und die Toten aufzuerwecken. Die Bewegung, die als ein Versuch begonnen hatte, durch selbstauferlegte Qualen die Welt vor dem Untergang zu retten, wurde vom Machthunger infiziert und versuchte nun, die Kirche zu übernehmen.

Die besitzende Klasse begann, die Flagellanten als umstürzlerische, revolutionäre Elemente zu fürchten. Kaiser Karl VI. bat den Papst, das Flagellantentum zu unterdrücken, und sein Wunsch wurde von der majestätischen Autorität der Universität von Paris unterstützt. Zu einer Zeit, da die Welt vor dem Untergang zu stehen schien, war es aber keine einfache Entscheidung, gegen die Flagellanten vorzugehen, die immerhin behaupteten, daß sie unter dem Einfluß des göttlichen Willens handelten. Einige der Kardinäle in Avignon waren gegen repressive Maßnahmen. Die Selbstquäler hatten inzwischen ein passenderes Opfer gefunden. In jeder Stadt, in die sie einzogen, eilten die Flagellanten unverzüglich in die Judenviertel. Ihnen folgte der städtische Pöbel, nach Rache an »den Brunnenvergiftern« schreiend. In Freiburg, Augsburg, Nürnberg, München, Königsberg, Regensburg und anderen Städten wurden die Juden mit einer Gründlichkeit abgeschlachtet, die nach der endgültigen Lösung des Judenproblems zu trachten schien. Im März 1349 verbrannten sich in Worms die vierhundert Mitglieder der jüdischen Gemeinde, einer alten Tradition folgend, in ihren eigenen Häusern, um nicht dem Feind in die Hände zu fallen. Die größere Gemeinde von Frankfurt am Main ging denselben Weg im Juli des Jahres, wobei ein Teil der Stadt in Flammen aufging. In Köln wiederholte der Rat der Stadt die Auffassung des Papstes, daß die Juden wie alle anderen an der Pest stürben, aber die Flagellanten versammelten den Pöbel »derer, die nichts zu verlieren hatten«, und fegten jeden Einwand beiseite. In Mainz dagegen, der größten jüdischen Gemeinde Europas, griffen die Juden endlich zur Selbstverteidigung. Mit vorher herangeschafften Waffen töteten sie zweihundert des Pöbels, eine Tat, die aber nur einen noch wilderen Angriff der Stadtbevölkerung als Rache für den Tod von Christen auslöste. Die Juden kämpften, bis sie überwältigt wurden, zogen sich dann in ihre Häuser zurück und setzten sie in Brand. Am 24. August 1349 sollen sechstausend von ihnen in Mainz ums Leben gekommen sein. Von dreitausend jüdischen Einwohnern soll in Erfurt keiner überlebt haben.

Vollständigkeit ist in der Geschichte selten, und die jüdischen Chronisten werden an der mittelalterlichen Sucht nach der großen Zahl Anteil gehabt haben. Gewöhnlich rettete sich eine gewisse Anzahl der Verfolgten durch Konvertierung, [118]Flüchtlinge fanden Schutz bei Ruprecht I. von der Pfalz und anderen Fürsten. Herzog Albrecht II. von Österreich, Großonkel von Enguerrand VII., war einer der wenigen Landesherren, die die Juden mit ausreichenden Maßnahmen gegen Übergriffe der Volkswut schützten. Die letzten Pogrome fanden in Antwerpen und Brüssel statt, wo im Dezember 1349 die gesamte jüdische Gemeinde ausgerottet wurde. Als die Pest vorüber war, gab es nur noch wenige Juden in Deutschland oder den Niederlanden.

Inzwischen hatten Staat und Kirche beschlossen, das Risiko auf sich zu nehmen, die Flagellanten zu unterdrücken. Magistrate befahlen, die Stadttore zu schließen, wenn sich die Züge näherten. Klemens VI. rief im Oktober in einer Bulle zur Auflösung und Festnahme der Flagellanten auf; die Universität von Paris sprach ihnen die göttliche Legitimation ab. Philipp VI. stellte prompt die öffentliche Selbstgeißelung unter Todesstrafe; örtliche Landesherren verfolgten nun ihrerseits die Flagellanten als »Meister der Irrlehre«, nahmen sie gefangen, hängten und köpften sie. Die Büßerzüge lösten sich auf, und ihre Mitglieder flohen, »sie verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren«, schrieb Heinrich von Herford, »wie Nachtgespenster oder dunkle Phantome«. Hier und da konnten sich einzelne Gruppen halten, endgültig unterdrückt war die Bewegung erst 1357.

Wie heimatlose Geister sickerten die Juden aus Osteuropa zurück, wohin sie die Verfolgungen getrieben hatten. In Erfurt tauchten 1354 zwei jüdische Besucher auf, die drei Jahre später mit Unterstützung anderer erneut eine Ansiedlung begründeten. 1356 zählte die Gemeinde bereits wieder 86 steuerpflichtige Haushalte und eine zusätzliche Anzahl ärmerer, die unter dem steuerpflichtigen Einkommen lagen. Hier wie überall lebten sie nun wieder in geschwächten und ängstlichen Gemeinden, unter schlechteren Bedingungen und größerer Isolation als vorher. Brunnenvergiftung und die Massaker hatten den bösartigen Juden zu einem Stereotyp gemacht. Aber Juden waren nützlich, und deshalb erlaubten viele Städte ihre Rückkehr, erlegten ihnen aber neuerliche Beschränkungen auf. Kontakte, die die Juden früher als Gelehrte, Ärzte oder Finanziers zu den Christen pflegen konnten, waren nun unmöglich. Die mittelalterliche Blüte des europäischen Judentums war vorüber. Die Mauern des Gettos waren, wenn nicht real, so doch sozial, gezogen.


Wie waren die Lebensbedingungen nach der Seuche? Erschöpft von Tod und Trauer und den morbiden Exzessen von Furcht und Haß, hätten die Menschen eigentlich tiefe Wirkungen zeigen müssen, aber radikale Umschwünge waren vorerst nicht zu beobachten. Das Normale ist zählebig. Der soziale Wandel sollte unterschwellig und allmählich eintreten; unmittelbare Wirkungen gab es, aber sie waren sehr uneinheitlich. Simon de Covino glaubte, daß die Seuche einen schlimmen Effekt auf Moral und Sitten ausgeübt habe und »die Tugend in der ganzen Welt herabgesetzt sei«. Gilles li Muisis dagegen [119]behauptete, daß die öffentliche Moral verbessert worden sei, weil viele Leute, die früher in wilder Ehe gelebt hatten, nun (aufgrund städtischer Verordnungen) heirateten und weil das Fluchen und Spielen derartig zurückgegangen sei, daß die Hersteller von Würfelspielen ihre Produktion auf Rosenkränze umgestellt hätten.

Zweifellos stieg die Heiratsrate an, wenn auch nicht der Liebe wegen. So viele Abenteurer nutzten die Notlage von Waisen aus, indem sie sie nur um ihres Erbes willen heirateten, daß die Oligarchie von Siena den weiblichen Waisen verbot, ohne Zustimmung ihrer Verwandtschaft zu heiraten. In England beklagte Piers Plowman die »vielen Paare, die seit der Pest nur aus Gründen der Habgier und gegen ihre Gefühle« geheiratet hätten, woraus, wie er schreibt, folgte, daß sie »in Schuld und Kummer…, Eifersucht, Freudlosigkeit und Streit« lebten – ohne Kindersegen. Es scheint den Moralisten Piers befriedigt zu haben, daß diese Ehen unfruchtbar blieben. Ganz anders urteilte Jean de Venette, der sagte, daß die nach der Pest geschlossenen Ehen viele Zwillings-, manchmal sogar Drillingsgeburten hervorbrachten und nur wenige Frauen unfruchtbar waren. Vielleicht spiegelte er damit aber auch nur die verzweifelte Hoffnung wider, daß die Natur den Verlust wieder wettmachen würde, und tatsächlich heirateten unmittelbar nach der Pest unverhältnismäßig viele Männer und Frauen.

Ganz im Gegensatz zu den in Rosenkränze verwandelten Würfeln wurden die Menschen nicht besser, wenn man auch erwartete, wie Villani schrieb, daß die Erfahrung des göttlichen Zorns aus ihnen »bessere, demütigere, tugendhaftere und katholischere Menschen« machen würde. Statt dessen »vergaßen sie die Vergangenheit, als ob es sie niemals gegeben hätte, und ergaben sich einem schamloseren und unordentlicheren Leben als je zuvor«. Durch den Überfluß an Handelsgütern, dem zu wenige Verbraucher gegenüberstanden, fielen die Preise zunächst, und die Überlebenden gaben sich einer Orgie der Verschwendungssucht hin. Die Armen zogen in die leeren Häuser, schliefen in Betten und aßen von Silbertellern. Die Bauern eigneten sich herrenlose Werkzeuge und Tiere an, übernahmen sogar Weinpressen, Schmieden und Mühlen, die keinen Eigentümer mehr hatten.

Das soziale Verhalten wurde rücksichtsloser und gefühlloser wie oft nach Zeiten der Gewalt und des Leidens. Man schrieb die Schuld daran Emporkömmlingen und Neureichen zu, die aus den unteren sozialen Schichten nach oben drängten. Im Jahre 1349 erneuerte Siena seine Gesetze zur Aufwandsbeschränkung, da viele Menschen durch ihr Äußeres den Anschein eines höheren sozialen Status erweckten, als ihnen nach Geburt oder Beruf zukam. Im ganzen gesehen läßt sich aber nach der Prüfung der Steuerregister sagen, daß die sozialen Proportionen der Bevölkerung sich nicht verändert hatten, obwohl sie zur Hälfte der Seuche zum Opfer fiel.

Die unmittelbarste und sichtbarste Folge des Schwarzen Todes war natürlich [120]die verringerte Bevölkerung, die durch Kriege, Raubzüge und neue Ausbrüche der Seuche bis zum Ende des 14. Jahrhunderts sogar noch weiter abnahm. Die Pest lag in der Gestalt ihres Bazillus wie ein Fluch über dem Jahrhundert. Sie sollte noch sechsmal in den nächsten sechzig Jahren an den verschiedensten Orten in unterschiedlichen Intervallen von zehn bis fünfzehn Jahren ausbrechen. Nachdem die Anfälligen ausgelöscht worden waren, zog die Pest sich, in ihrer letzten Phase von einer erhöhten Kindersterblichkeit begleitet, schließlich zurück. Sie hinterließ in Europa eine Bevölkerung, die 1380 um etwa 40 Prozent reduziert war und gegen Ende des Jahrhunderts beinahe um 50 Prozent. Die südfranzösische Stadt Béziers, die 1304 14 000 Einwohner hatte, zählte hundert Jahre später nur noch 4 000. Der Fischerhafen Jonquières nahe Marseille, der einst 354 steuerpflichtige Haushalte gemeldet hatte, war nun auf 135 geschrumpft. Die blühenden Städte Carcassonne und Montpellier waren nur noch Schatten ihrer früheren Wohlhabenheit, genauso Rouen, Arras, Laon und Reims im Norden. Das schwindende Steueraufkommen veranlaßte die Landesherren, die Steuerlast zu erhöhen, was zu einem Unwillen führte, der sich in den kommenden Jahrzehnten wiederholt in Aufständen Luft machen sollte.

Als der Schwarze Tod die Produktion verlangsamte, wurden Waren knapp, und die Preise schossen hoch. In Frankreich stieg der Weizenpreis 1350 um das Vierfache. Zur selben Zeit brachte die Knappheit an Arbeitskräften den schwerwiegendsten sozialen Einbruch, den die Pest verursachte: eine abgestimmte Forderung nach höheren Löhnen. Bauern entdeckten genau wie Handwerker, Tagelöhner und Priester den sozialen Hebel des stark reduzierten Arbeiterangebots. Schon ein Jahr nach der Pest hatten die Textilarbeiter von St. Omer (in Nordfrankreich nahe Amiens) drei aufeinanderfolgende Lohnforderungen durchgesetzt. In vielen Gilden streikten Handwerker für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit. In einer Zeit, da soziale Bedingungen als unabänderlich galten, waren diese Aktivitäten geradezu revolutionär.

Die Antwort der Regierenden hieß sofortige Unterdrückung. Um die Löhne auf dem Niveau der Zeit vor der Pest zu halten, gab die englische Krone 1349 eine Verordnung heraus, die bestimmte, daß jedermann für den Lohn von 1347 zu arbeiten habe. Auf Arbeitsveweigerung wurden Strafen ausgesetzt, genauso auf den Wechsel des Arbeitsplatzes für bessere Bezahlung und ebenso auf höhere Lohnangebote der Arbeitgeber. Da diese Verordnungen verkündet wurden, als das Parlament nicht tagte, wurden sie als die »Arbeiterstatuten« 1351 erneuert. Sie verurteilten nicht nur die Arbeiter, die um höhere Löhne nachsuchten, sondern vor allem die, »die lieber in Muße betteln, als ihr Brot mit Arbeit zu verdienen«. Die Untätigkeit des Arbeiters wurde als Verbrechen gegen die Gesellschaft angesehen, denn das mittelalterliche System basierte auf seiner Verpflichtung zur Arbeit. So waren die »Arbeiterstatuten« nicht einfach ein reaktionärer Traum, sondern ein Versuch, das System aufrechtzuerhalten. [121]Sie sahen vor, daß jeder Gesunde unter sechzig Jahren und ohne ausreichendes eigenes Einkommen für jeden, der ihn benötigte, zu arbeiten hatte, daß keine Almosen an arbeitsfähige Bettler verteilt werden durften und daß jeder umherziehende Leibeigene zur Arbeit für denjenigen gezwungen war, der ihn beanspruchte. Diese Gesetzgebung der »Arbeiterstatuten« diente bis ins 20. Jahrhundert hinein als Grundlage für die »Konspirations«-Gesetze gegen die Arbeiterschaft in dem langen Kampf um die gewerkschaftliche Organisation.

Ein realistischeres Statut in Frankreich begrenzte den Anstieg der Löhne auf 30 Prozent. Die Preise wurden eingefroren und die Profite der Zwischenhändler reguliert. Um die Produktion zu erhöhen, wurden die Gilden angewiesen, ihre Beschränkungen für die Lehrlingsausbildung zu lockern und die Ausbildungszeit bis zur Meisterprüfung zu verkürzen.

Wie wiederholte Neufassungen dieser Gesetze zeigen, waren sie in beiden Ländern trotz ständig erhöhter Strafen nicht durchzusetzen. Das englische Parlament zitierte 1352 Gesetzesübertretungen, nach denen Arbeiter Löhne forderten und auch bekamen, die um das Zwei- bis Dreifache über den Vor-Pest-Löhnen lagen. Widerspenstige Arbeiter kamen in den Fußblock. Geldstrafen wurden 1360 durch Gefängnisstrafen ersetzt und flüchtige Arbeiter zu Vogelfreien erklärt. Wenn man sie fangen konnte, sollte ihnen auf der Stirn ein F für »flüchtig« (möglicherweise auch für »Falschheit«) eingebrannt werden. Zweimal noch wurden 1360 neue Gesetze verabschiedet, die den Widerstand verstärkten, der sich in dem großen Ausbruch von 1381 entlud.


Das weitverbreitete Gefühl der Sündhaftigkeit, das die Pest hervorgerufen hatte, wurde durch eine Generalabsolution erleichtert, die das Jubiläumsjahr 1350 all denjenigen bot, die eine Pilgerfahrt nach Rom unternahmen. Das Jubiläum war ursprünglich von Bonifatius VIII. im Jahre 1300 begründet worden und sollte allen reumütigen Sündern, die die Beichte abgelegt hatten, ohne weitere Buße die Lossprechung von ihren Sünden erteilen – das heißt, wenn sie eine Reise nach Rom bestreiten konnten. Bonifatius hatte das Jubiläumsjahr als ein hundertjähriges Ereignis vorgesehen, aber das erste hatte einen so überwältigenden Erfolg gehabt – im Laufe des Jahres sollen in Rom 2 Millionen Besucher gezählt worden sein –, daß die Stadt, verarmt durch die Verlegung des Papsthofes nach Avignon, Papst Klemens VI. bat, die Intervalle auf fünfzig Jahre zu verkürzen. Der Papst der schönen Wandteppiche handelte nach dem menschenfreundlichen Prinzip, »daß ein Priester seine Untertanen glücklich machen soll«. Er entsprach Roms Bitte in einer Bulle des Jahres 1343.

In derselben für die Kirche bedeutenden Bulle formulierte Klemens VI. die Theorie des Sündenerlasses und legte dessen fatale Gleichsetzung mit Geld fest. Das Blutopfer Christi, so führte er aus, zusammen mit dem gesammelten [122]Verdienst, das die Jungfrau und die Heiligen erworben hatten, war zu einem unerschöpflichen Schatz an Vergebung geworden. Indem die Gläubigen nun bestimmte Summen an die Kirche bezahlten, konnten sie einen Anteil an diesem Schatz des Verdienstes erwerben. Was die Kirche an Einkommen durch diese Konstruktion gewann, verlor sie schließlich durch den Verfall ihres Ansehens wieder.

Im Jahre 1350 füllten Pilger die Straßen nach Rom. Sie kampierten in der Nacht um offene Feuer. Täglich sollen fünftausen Menschen die Stadt verlassen oder betreten haben. Sie brachten Geld in die Kassen der Haushalte, die ihnen Unterkunft und Verpflegung boten. Ohne ihren Pontifex maximus war die Ewige Stadt mittellos. Die drei Hauptbasiliken lagen in Ruinen, San Paolo war durch das Erdbeben umgestürzt, der Lateranpalast war halb verfallen. Unrat und Trümmer füllten die Straßen, die sieben Hügel lagen still und verlassen da, Ziegen fraßen das Unkraut in den Höfen verlassener Konvente. Der Anblick von abgedeckten Kirchen, dem Regen und Wind schutzlos ausgesetzt, konnte, klagte Petrarca, »ein steinernes Herz erweichen«. Nichtsdestoweniger gab es ein reiches Angebot an Reliquien berühmter Heiliger, und Kardinal Anibaldo Ceccano, der Legat für das Jubiläum, hatte ein ungeheures Programm an Absolutionen und Nachlässen für die reumütigen Massen bereitgestellt. Villani zufolge, der ein besonderes Interesse für Zahlen gehabt hat, hielt sich um die Fastenzeit des Jahres 1350 eine Million Menschen in Rom auf. Dieses enorme Aufgebot deutete entweder auf eine ungewöhnliche Unbedenklichkeit und Energie so kurz nach der Pest hin oder auf ein großes Bedürfnis nach Absolution.

Die Kirche ging reicher, aber unpopulärer aus der Pestzeit hervor. Viele Pestkranke hinterließen in der Angst vor dem plötzlichen Tod ihren Besitz der Kirche – und in der Summe wurde das zu einer Flut von Gütern für die religiösen Institutionen. St. Germain l'Auxerrois in Paris erhielt 49 Erbschaften in neun Monaten, verglichen mit 78 in den vorhergehenden acht Jahren zusammen. Schon im Oktober 1348 unterbrach der Stadtrat von Siena seine jährlichen Zuwendungen an kirchliche Institutionen für zwei Jahre, weil diese durch Vermächtnisse »so immens reich und wahrhaftig fett geworden« waren. In Florenz erhielt die religiöse Gesellschaft von Or San Michele 350 000 Florin, die zu Almosen für die Armen bestimmt waren; aber die Oberen der Gesellschaft wurden angeklagt, das Geld mit der Begründung für ihre eigenen Zwecke mißbraucht zu haben, daß die wirklich Bedürftigen und Armen während der Pest gestorben seien.

Während die Kirche Gelder anhäufte, vermehrten sich die tätlichen Angriffe auf Geistliche. Diese wurden teilweise durch die Flagellanten ausgelöst, teilweise gingen sie auf die Weigerungen von Priestern zurück, während der Seuche ihre Pflicht zu erfüllen. Daß sie starben wie jeder andere auch, wurde ihnen zweifellos vergeben, aber daß sie Christen in Zeiten der Not ohne geistlichen [123]Beistand sterben ließen und daß sie unter diesen schweren Umständen mehr für ihre Dienste verlangten, nahm man ihnen tödlich übel. Sogar während der Festlichkeiten des Jubiläumsjahres verhöhnte das Volk von Rom den päpstlichen Kardinallegaten. Während einer Prozession schoß ein Heckenschütze auf ihn, und er kam bleich und zitternd mit einem Pfeil durch den Hut nach Hause zurück. Danach ritt er nur noch mit einem Helm unter seinem Hut und einem Panzer unter seinem Mantel aus und reiste sobald als möglich nach Neapel ab. Auf dem Weg dorthin starb er – vom Wein vergiftet, wie man sagte.

Die Pest intensivierte die Unzufriedenheit mit der Kirche zu einer Zeit, als die Menschen ein großes Bedürfnis nach geistlichem Beistand empfanden. Die schreckliche Prüfung, die Gott ihnen auferlegt hatte, mußte irgendeine Bedeutung haben. Wenn sie die Menschen vom sündhaften Lebenswandel abbringen sollte, dann hatte sie versagt. Die Menschen waren »verderbter als zuvor«, sie waren habgieriger, raffsüchtiger, schamloser und feindseliger, und dies war nirgendwo deutlicher als in der Kirche selbst. Klemens VI., selber alles andere als ein Mann der Frömmigkeit, war immerhin von der Pest erschüttert genug, sich in einem Wutausbruch gegen seine Prälaten zu wenden, als die ihn 1351 wieder einmal baten, die Bettelorden zu verbieten. Und wenn er es täte, antwortete der Papst, »was könnt ihr den Menschen predigen? Demut? Ihr seid der Stolz selbst, aufgeblasen, pompös und verschwenderisch. Armut? Ihr seid so habgierig, daß alle Reichtümer der Welt euch nicht zufriedenstellen könnten. Keuschheit? Davon wollen wir schweigen, denn Gott weiß, was jeder von euch tut und wie viele von euch ihre Lust befriedigen.« Mit dieser traurigen Meinung von seinen »Brüdern im Herrn« starb das Oberhaupt der Kirche ein Jahr später.

»Wenn die, die den Ehrentitel Hirte tragen, die Rolle der Wölfe spielen«, sagte Lothar von Sachsen, »wächst die Ketzerei im Garten der Kirche.« Wenn auch die meisten Menschen weiter im alten Trott dahinlebten, so gab die wachsende Unzufriedenheit mit der Kirche doch der Ketzerei und dem Sektenwesen Auftrieb. Viele begannen, Gott bei den mystischen Sekten und in all den Reformbewegungen zu suchen, die letztlich das Reich der katholischen Einheit auseinanderbrechen sollten.


Die Überlebenden der Pest, die sich selbst weder vernichtet noch moralisch verbessert wiederfanden, konnten keinen göttlichen Zweck in den Leiden, die sie durchgemacht hatten, entdecken. Gottes Absichten waren immer geheimnisvoll gewesen, aber diese Geißel war zu grauenhaft, als daß sie hätte ohne Fragen akzeptiert werden können. Wenn ein derartiges Unheil, das tödlichste, das die Menschheit kannte, nur göttliche Willkür oder vielleicht überhaupt nicht Gottes Werk war, dann war die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Die Geister, die sich diesen kritischen Fragen öffneten, konnten nie mehr zum [124]Verstummen gebracht werden. Wenn die Menschen sich erst einmal die Möglichkeit der Veränderung in einer festen Ordnung vorstellen konnten, war auch das Ende eines Zeitalters bedingungsloser Unterwerfung in Sicht; die Wendung zum individuellen Bewußtsein stand vor der Tür. Insofern mag der Schwarze Tod der unerkannte Geburtshelfer des modernen Menschen gewesen sein.

Zunächst hinterließ er Vorahnungen, Spannungen und Düsterkeit. Er beschleunigte den Austausch von ländlichen Arbeitskräften und begann so, alte Bande zu lösen. Er vertiefte die Kluft zwischen Armen und Reichen und steigerte die gesellschaftlichen Gegensätze. Solche großen und qualvollen Erschütterungen sind nur zu ertragen, wenn sich an ihrem Ende eine bessere Welt abzeichnet. Wenn dies nicht der Fall ist wie nach jener anderen großen Katastrophe von 1914/18, ist die Desillusionierung tief, und die Menschen verfallen dem Selbstzweifel und der Selbstverachtung. Der Schwarze Tod erzeugte eine ähnliche existentielle Hoffnungslosigkeit wie der Erste Weltkrieg, obwohl es im Mittelalter fünfzig Jahre dauerte, bis sich die psychischen Nachwirkungen voll entwickelten. Dies waren die rund fünfzig Jahre der Jugend und des Erwachsenenlebens von Enguerrand de Coucy VII.

Aus den Pestjahren ging auch jene seltsame Darstellung des Todes hervor, die sich in den Wandmalereien des Campo Santo von Pisa fand. Die Gestalt ist nicht der übliche Knochenmann, sondern eine schwarz gekleidete alte Frau mit wehenden Haaren und wilden Augen, die eine breitschneidige mörderische Sichel in Händen trägt. An ihren Füßen hat sie Krallen statt der Zehen. Das Wandgemälde stellt den Triumph des Todes dar und wurde 1350 von Francesco Traini als Teil einer Serie gemalt, die Darstellungen des Jüngsten Gerichts und der Höllenqualen einschloß. Eine thematisch ähnliche Arbeit, die zur selben Zeit von Trainis Meister Andrea Orcagna in der Kirche Santa Croce in Florenz gemalt wurde, ging bis auf Fragmente verloren. Zusammen deuten die beiden Gemälde auf den Beginn einer intensiven und allgegenwärtigen Beschäftigung mit dem Tod hin: Noch ist sie nicht der Kult, zu dem sie bis zum Ende des Jahrhunderts werden sollte, aber dessen Anfang.

Gewöhnlich wurde der Tod als Skelett mit Stundenglas und Sense dargestellt, das in ein weißes Leichentuch gehüllt oder in nackter Knochigkeit über die Ironie des menschlichen Schicksals grinst, deren Symbol es ist: Alle Menschen vom Bettler zum Kaiser, von der Dirne zur Königin, vom zerlumpten Mönch zum Papst müssen zu Asche werden. Egal wie arm oder mächtig, alles ist eitel vor dem Gleichmacher Tod. Das Vergängliche ist nichts; was zählt, ist das Leben der Seele nach dem Tod.

In Trainis Fresko stößt der Tod durch die Luft auf eine Gruppe sorgloser, junger und schöner Edelleute und Damen herab, die sich wie Modelle von Boccaccios Märchenerzählern in einem Orangenhain mit Büchern und Musik vergnügen. Eine Schriftrolle warnt, daß »weder Weisheit noch Reichtum [125]noch Adel noch Tapferkeit« sie vor den Schlägen des Todes schützen kann. »Sie haben sich mehr an den weltlichen als den göttlichen Dingen erfreut.« In einem Berg von Leichen in der Nähe liegen gekrönte Häupter, ein Papst mit der Tiara, ein Ritter zusammen mit den Körpern der Armen, während Engel und Teufel am Himmel um die kleinen nackten Figuren, die ihre Seelen darstellen, kämpfen. Eine elende Gruppe von Leprakranken, Bettlern und Krüppeln mit einem, dem die Nase weggefressen ist, anderen ohne Beine oder blind, einem, der seinen Armstumpf anstelle der Hand flehend erhebt, bittet den Tod um Erlösung. Auf einem Berg sieht man Eremiten, die ein beschauliches religiöses Leben führen; sie erwarten den Tod in Frieden.

Darunter trifft in einer Szene ungewöhnlicher Kraft eine berittene Jagdgesellschaft von Fürsten und eleganten Damen mit plötzlichem Schrecken auf drei offene Särge mit Leichen in den unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Eine ist noch bekleidet, eine halb verfallen, eine schon ein Skelett. Schlangen kriechen über die Gebeine. Diese Szene illustriert »Die drei Lebenden und die drei Toten«, eine Legende des 13. Jahrhunderts, in der drei verwesende Leichen drei Edelleuten warnend zurufen: »Was ihr seid, waren wir. Was wir sind, werdet ihr sein.« In Trainis Fresko bleibt ein Pferd, den Gestank in den geblähten Nüstern, mit gestrecktem Hals steif stehen, und der Reiter preßt sich ein Tuch gegen die Nase. Die Jagdhunde weichen verschreckt knurrend zurück.

Die Gruppe von lebenslustigen schönen Männern und Frauen in ihren Seidenkleidern, Locken und modischen Hüten starrt entsetzt auf das, was auch aus ihnen einmal werden wird.

 

[126]

Kapitel 6
Die Schlacht von Poitiers

Kaum der Pest entkommen, stürzte sich Frankreich in ein militärisches Debakel, das mit seiner Vielzahl zerstörerischer Folgeerscheinungen einen bestimmenden Einfluß auch auf das Leben Enguerrands de Coucy haben sollte. Den äußeren Anlaß dafür bot England, aber der wirkliche Grund lag in der unbändigen Selbstherrlichkeit der Fürstenschicht, von der sich ein König leiten ließ, der ein Genie des politischen Ungeschicks war.

Johann II., der seinem Vater König Philipp VI. im August 1350 auf den Thron folgte, hätte Machiavelli als Vorbild für seinen Antifürsten dienen können. Unpolitisch und ungestüm, ohne Weisheit und Glück in seinen Entscheidungen war er offensichtlich unfähig, die Folgen seiner Handlungen im voraus abzuschätzen. Obwohl er im Kampf selbst tapfer war, konnte man ihn keinesfalls einen großen Feldherrn nennen. Ohne böse Absicht trieb er den Vertrauensschwund in seine Person bis zur Revolte und verlor sein halbes Königreich, geriet selbst in Gefangenschaft und ließ Frankreich führungslos in seiner dunkelsten Stunde dieses Zeitalters zurück. Mit überraschender Milde hatten ihm seine Untertanen den Namen Jean le Bon (Johann der Gute) gegeben, wohl eher um seine Naivität und Sorglosigkeit zum Ausdruck zu bringen als seine Güte. Vielleicht bezogen sie sich aber auch auf seine Ritterlichkeit und Großzügigkeit den Armen gegenüber. Er soll einmal einem Dienstmädchen, dem die königlichen Jagdhunde die Milchkrüge umgestoßen hatten, seine Geldbörse geschenkt haben. Er bestieg den Thron mit der erklärten Absicht, die Niederlagen seines Vaters im vorausgehenden Jahrzehnt wettzumachen.

Schon am ersten Tag seiner Herrschaft forderte er die mächtigsten Fürsten seines Reiches auf, sich für seinen Ruf bereitzuhalten, »wenn die Zeit kommen sollte«. Der Waffenstillstand nach dem Fall von Calais, der während der Pestzeit erneuert worden war, lief im April 1351 aus. Da Johann aber eine leere Schatzkammer hatte, konnte er keine Armee unter Sold halten und mußte so erst einmal seine Finanzen sanieren. Ihm war nicht verborgen geblieben, daß Frankreich aus den Fehlern von Crécy und Calais lernen mußte, und so bemühte er sich eifrig um bestimmte Ideen zur militärischen Reform.

Drei Monate nach seiner Thronbesteigung war seine erste Amtshandlung jedoch, den Constable von Frankreich, den Grafen von Eu und sechzehnten Grafen von Guînes, einen Vetter von Enguerrand VII., hinrichten zu lassen. [127]Der Graf war ein einlußreicher Mann und »so höflich und liebenswert in jeder Hinsicht, daß er von großen Herren, Rittern, Damen und Jungfrauen geliebt und bewundert wurde«. Nachdem der Graf von Eu aber 1345 bei Caen von den Engländern gefangengenommen worden war, war er nicht in der Lage gewesen, das Lösegeld aufzubringen, das König Eduard festgesetzt hatte. Das war nicht verwunderlich, denn Eduard hielt sich bei wichtigen Geiseln nicht an das Prinzip des Rittertums, daß ein Lösegeld nicht so hoch angesetzt werden durfte, daß es den Ritter ruinierte oder ein Jahreseinkommen überschritt. Nach vierjähriger Gefangenschaft hatte der Graf von Eu nun seine Freiheit zurückgewonnen, angeblich um den Preis, dem englischen König die strategisch wichtige Burg und Grafschaft von Guînes in der Nähe von Calais abzutreten. Aufgrund dieses Verdachts ließ Johann ihn nach seiner Rückkehr ohne Verhandlungen enthaupten. Schweigend hatte der König den Fürbitten der Freunde des Grafen zugehört und als Antwort geschworen, »nicht wieder zu schlafen, solange der Graf von Guînes lebt«. Einer anderen Version zufolge soll der König unter Tränen geantwortet haben: »Ihr sollt seinen Körper haben und ich seinen Kopf.«

Johann hätte sich den französischen Adel kaum gründlicher entfremden können als durch die Hinrichtung eines Edlen von des Grafen Rang. Wenn der Graf wirklich verräterisch gehandelt hatte, indem er seinen an Calais angrenzenden Besitz an die Engländer übergab, hätte der französische König allen Anlaß gehabt, seine Gründe für das Urteil genau zu erklären, aber Johann war zu halsstarrig oder zu willkürlich, um die Wichtigkeit der öffentlichen Meinung zu erkennen.

Sein nächster Schritt verschlimmerte die Angelegenheit noch. Er gab das Amt des Constable an seinen Favoriten Karl von Spanien, dem man nachsagte, daß er dem König in »unehrenhafter Zuneigung« verbunden sei. Ihm auch schrieb man die Urheberschaft am königlichen Mord am Grafen von Eu zu, weil er dessen Amt begehrte. So verwandelte Johann zu einer Zeit, als er allen Grund hatte, die separatistischen Tendenzen der Fürstenhäuser zu fürchten, die Trauer des Adels in Zorn. Die Episode war ein zerstörerischer Beginn seiner Herrschaft in einer Zeit, da sie der Einheit am meisten bedurfte.

Aber schon Johanns Vater war »ung bien hastif homs« (ein sehr ungeduldiger Mann) gewesen, und die Vetternehen der letzten Jahrhunderte waren für die Valois nicht ohne Folgen geblieben. Johann übernahm von seinem Vater die Zweifel an der Legitimität seiner Herrschaft genauso wie dessen ständige (nicht unbegründete) Angst vor Verrat. Von seiner Mutter, der lahmen Königin, hatte er die Rachsucht geerbt. Denn trotz ihrer Frömmigkeit und ihrer guten Werke wurde sie »eine grausame Herrin« genannt, »denn wen sie haßte, der war ohne Gnade tot«. Ihr schrieb man auch zu, ihren Gatten zu der Tat getrieben zu haben, die seine Zeitgenossen so entsetzte – die Hinrichtung von fünfzehn bretonischen Rittern, die seine Gefangenen waren.

[128]In den Feldzügen der 1340er Jahre hatte Johann die Engländer in Aiguillon vier Monate lang vergeblich belagert. Den Überlieferungen zufolge hatte er sich jedem Rat verschlossen und war »schwer zu bewegen, wenn er sich eine Meinung gebildet hatte«. Sein bemerkenswertestes Talent muß die Fähigkeit gewesen sein, seine Habgier zu befriedigen. Er hatte Freude am Luxus, war ein Kenner auf dem Gebiet der Kunst, aber sicher nicht auf dem der Ministerauswahl. Er hatte von seinem Vater eine Anzahl zwielichtiger Persönlichkeiten übernommen, die weder fähig noch ehrlich waren, von den Adligen wegen ihrer bürgerlichen Abstammung verachtet und von den Bürgern wegen ihrer Habsucht und Bestechlichkeit gehaßt wurden. Simon de Buci, Robert de Lorris und Jean Poilevain wurden alle drei als Minister des Königs wegen Willkür beziehungsweise Unterschlagung und Betrug angeklagt und mußten vom König begnadigt werden. Männer wie diese brachten die königliche Regierung zunehmend in öffentlichen Mißkredit.

Johanns erster größerer Verwaltungsakt war ein ernsthafter Versuch, die militärische Organisation zu straffen. Es war nicht mehr zu übersehen, daß das Recht der Barone, sich selbständig aus einem Feldzug zurückzuziehen, die Kampfkraft bei größeren Unternehmen lähmte. Die zur Hälfte aus feudalen Vasallen und zur Hälfte aus gedungenen Söldnern bestehende mittelalterliche Armee, die noch keine nationale Streitmacht war, war zu stark von den fürstlichen Privatinteressen abhängig, um ein verläßliches Verteidigungsinstrument zu sein. Die königliche Verordnung vom April 1351 war ein Versuch, die Prinzipien von Befehl und Gehorsam einzuführen, soweit es das Selbstverständnis des Rittertums erlaubte.

Dem entsprach eine Bestimmung, die darauf zielte, den entscheidenden Unsicherheitsfaktor der mittelalterlichen Schlacht zu beseitigen: das Recht auf eigenständigen Rückzug. Die neue Verordnung forderte, daß jeder im Heer einem Hauptmann unterstellt würde, und verlangte von allen Soldaten einen Eid, »die Kompanie ihres Hauptmanns nicht zu verlassen«, ohne einen ausdrücklichen Befehl zu haben. Einen Hinweis darauf, wie wenig sich ein Kommandeur auf seine Truppen verlassen konnte, gibt eine weitere Regelung, die auch von den Hauptleuten der Kompanien verlangte, ihren Bataillonsbefehlshaber darüber zu informieren, ob sie an einer Schlacht teilnehmen würden oder auch nicht.


Am wichtigsten war dem König die Idee, seine Streitkräfte durch die Gründung eines Ritterordens zu festigen. Wie der kurz zuvor von Eduard ins Leben gerufene Hosenbandorden war auch sein Orden den Rittern von König Artus' Tafelrunde nachempfunden. Johanns Orden vom Stern sollte mit den englischen Hosenbandrittern rivalisieren, das französische Prestige aufbessern und den uneinigen Adel in Treue zum Hause Valois zusammenschweißen.

Mit all ihren Riten, Schwüren und Paraden waren die Ritterorden im wesentlichen [129]ein Mittel der Monarchie, sich eine zuverlässige Hausmacht zu schaffen. Dies sollte das Hosenband symbolisieren, ein Band, das die Ordensritter untereinander und sie alle mit dem König, dem Oberhaupt des Ordens, verknüpfte. 1344 mit großem Aufwand angekündigt, sollte der Hosenbandorden ursprünglich dreihundert erprobte Ritter umfassen, angefangen bei den Vornehmsten des Königreichs. Als er fünf Jahre später in aller Form gegründet wurde, war er auf einen exklusiven Zirkel von 26 Rittern reduziert, die sich unter die Schutzherrschaft des heiligen Georg stellten. Ihre Farben waren Blau und Gold. Bezeichnend war, daß die Statuten eine Klausel enthielten, daß kein Mitglied ohne Erlaubnis des Königs das Reich verlassen durfte. Das Tragen des Hosenbandes am Knie sollte nach den Worten des Ordenschronisten »Ermahnung und Erinnerung sein, daß die Ritter nicht kleinmütig (indem sie das Schlachtfeld fliehen) den Ruhm und die Tapferkeit verraten, die in Treue und Edelmut besteht«. Sogar die alten Ritter kannten Furcht und Flucht.

Da es Johanns Ziel war, möglichst viele Adlige zu sammeln, legte er weniger Wert auf Exklusivität, und er öffnete seinen Orden vom Stern für fünfhundert Mitglieder. Gegründet »zur Ehre Gottes und unserer lieben Frau, zur Erhöhung der Ritterschaft und der Vermehrung des Ruhms«, sollte sich der Orden einmal im Jahr zu einem zeremoniellen Bankett versammeln, auf dem die Wappenschilde aller Mitglieder ausgestellt wurden. Die Ordensritter sollten eine weiße Tunika tragen, einen roten oder weißen Umhang mit einem goldenen Stern, einen roten Hut, einen bestimmten Emaillering, eine schwarze Kniehose und vergoldete Schuhe. Der Orden führte ein rotes Banner, das mit Sternen bedeckt war und ein Bild der Gottesmutter trug.

Auf dem jährlichen Bankett berichteten die Ritter unter einem Eid der Wahrhaftigkeit »alle Abenteuer, die ruhmreichen und die schändlichen, die ihnen im Laufe des Jahres widerfahren waren«, und diese wurden von Schreibern in einem Buch niedergelegt. Der Orden wählte die drei Fürsten, Bannerträger und Ritter, die die größten Kriegstaten des Jahres aufwiesen, »denn keine Waffentat im Frieden soll berücksichtigt werden«. Damit sollten die Privatfehden von den durch den Herrscher erklärten Kriegen unterschieden werden. Bezeichnend für das Anliegen des Königs war, daß der Schwur, nicht zu fliehen, hier in strenger Form und deutlicher als in den Statuten des Hosenbandordens wieder auftauchte: Ein Ritter des Ordens vom Stern mußte schwören, niemals weiter als vier arpents (etwa 500 Meter) zurückzuweichen, sondern sich »eher töten oder gefangennehmen zu lassen«.

Die Absichten, die hinter den Orden standen, waren praktisch, aber die Form war schon nostalgisch. Seit den Legenden von den Waffentaten der Tafelrunde König Artus' aus dem 6. Jahrhundert (wenn es sie überhaupt je gegeben hat) hatte sich die Kriegführung erheblich geändert. Die Legenden hatten das Rittertum als Ordnungsprinzip einer Kriegerkaste geformt, »ohne die die [130]Welt in Verwirrung fiele«. Aber die Suche nach dem Gral war kein adäquater Leitfaden für eine realistische Kriegstaktik.

Der höchste Ausdruck ritterlichen Kriegshandwerks war in zeitgenössischen Augen die berühmte Schlacht »combat des trente« von 1351. Sie war eine Episode der lang andauernden englisch-französischen Auseinandersetzungen in der Bretagne und begann mit einer Herausforderung zum Zweikampf von Robert de Beaumanoir an seinen englandfreundlichen Landsmann, den Bretonen Bramborough. Als die Gefolgsleute dieser Ritter inständig darum baten, an dem Kampf teilnehmen zu dürfen, wurde ein Treffen von je dreißig Rittern auf beiden Seiten vereinbart. Die Bedingungen des Kampfes wurden bestimmt, das Schlachtfeld ausgewählt, und nachdem die Teilnehmer zur Messe gegangen waren und Höflichkeiten ausgetauscht hatten, begann der Kampf. Mit Schwertern, Bärenspießen, Dolchen und Äxten wurde gefochten, bis vier Ritter auf französischer und zwei auf englischer Seite erschlagen waren und eine Pause ausgerufen wurde. Blutend und erschöpft verlangte Beaumanoir nach einem Getränk und gab damit seinem Gegner Anlaß zur berühmtesten Antwort dieser Ära: »Trink dein Blut, Beaumanoir, und dein Durst wird vergehen!« Das Gefecht wurde wiederaufgenommen, und die Ritter kämpften, bis die französische Seite die Oberhand gewonnen hatte und keiner der Überlebenden mehr unverwundet war. Bramborough und acht seiner Mitstreiter fielen, die übrigen gingen in Gefangenschaft und wurden als Geiseln festgehalten.

In der breiten Diskussion, die der Waffengang auslöste, »hielten einige ihn für eine sehr erbärmliche Sache und andere für ein Heldenstück«. Die Bewunderer waren in der Überzahl. Das Treffen wurde in Versen, auf Bildern und Wandteppichen gefeiert, ein Denkmal wurde auf dem Schlachtfeld errichtet. Mehr als zwanzig Jahre später traf Froissart an der Tafel König Karls V. einen vernarbten Überlebenden dieser Schlacht; er wurde vor allen anderen geehrt. Er erzählte dem immer neugierigen Chronisten, daß er die große Gunst, die der König ihm schenkte, der Tatsache verdankte, daß er einer von jenen dreißig gewesen war. Ruhm und Ehre dieses Waffenganges spiegelten die nostalgische Vision des Ritters, wie eine Schlacht zu sein hatte. Mochte er auch eine Kriegführung der Plünderungen und Verwüstungen praktizieren, er träumte doch von der edlen Größe eines Sir Lancelot.

Während die Ritter des Ordens vom Stern sich vergnügten, eroberten die Engländer die Festung von Guînes, deren Hauptmann mit seinen Freunden die Ordensgründung feierte. Zu ihrem eigenen Verhängnis hielten sich einige Ordensritter später an ihren Schwur, nicht zu fliehen. Marschall Guy de Nesle geriet mit einer Streitmacht französischer Ritter 1352 in einen englischen Hinterhalt bei Mauron in der Bretagne. Er und seine Männer hätten fliehen und sich damit retten könne, aber sie fühlten sich an ihren Eid gebunden und zogen sich nicht zurück. Obwohl sie umstellt waren, versuchten sie nicht auszubrechen, [131]sondern hielten stand und kämpften, bis alle getötet oder gefangengenommen waren. Die Toten lagen so dicht übereinander auf dem Schlachtfeld, daß die Leiche von Guy de Nesle erst zwei Tage später entdeckt wurde. Sieben französische Bannerherren und achtzig oder neunzig Ritter ließen ihr Leben. Zusammen mit den Gefangenen riß dieser Verlust so große Lücken in die Reihen des Ordens, »daß die großen Unglücksfälle und Mißgeschicke, die noch folgen sollten, den Ruin der edlen Gesellschaft bedeuteten«.


In Frankreichs Unglück sah ein junger Mann von zwanzig Jahren, Karl, König von Navarra und Enkel Ludwigs X., seine Chance. Ob er wirklich die französische Krone anstrebte oder Rache für persönlich erlittenes Unrecht suchte oder wie Jago die Verwirrung um ihrer selbst willen liebte, ist ein Rätsel, das in einem der undurchschaubarsten Charaktere des 14. Jahrhunderts verborgen geblieben ist. Er war ein kleiner, schlanker Mann mit glänzenden Augen, beredt, launisch, intelligent, charmant, gewalttätig, verschlagen wie ein Fuchs, ehrgeizig wie Luzifer und wahrhaft »verrückt, böse und gefährlich«. Mit verführerischer Eloquenz konnte er seine Ritter ebenso überreden wie die Massen aufhetzen. Er erlaubte sich dieselben ungezügelten Gemütsausbrüche wie Johann und andere Herrscher, aber im Gegensatz zu Johann war er ein subtiler, kühner Intrigant, absolut ohne Skrupel, aber zugleich so sprunghaft und unzuverlässig, daß er seine eigenen Pläne untergrub. Als Karl der Böse ist er in die Geschichte eingegangen.

Durch seine Mutter, eine Tochter Ludwigs X., stammte Karl von Navarra in direkterer Linie von den letzten Kapetingern ab als Johann II., aber seine Eltern hatten jeden Anspruch auf die Krone abgetreten, als sie Philipp VI. als rechtmäßigen König von Frankreich anerkannt hatten. Dafür waren sie mit dem Königreich von Navarra entschädigt worden. Das kleine Reich in den Pyrenäen bot ihrem Sohn wenig Einflußmöglichkeiten, aber als Graf von Evreux hielt er ein großes Lehen in der Normandie, das ihm Macht verlieh und ihm als Ausgangsbasis für seine Operationen diente.

Eifersucht und Haß auf Karl von Spanien, den neuen Constable, trieben ihn zur Tat. In einem unüberlegten Gunsterweis hatte der König seinen Favoriten Karl von Spanien mit der Grafschaft von Angoulême belehnt, die traditionell dem Hause Navarra gehörte. Johann versuchte, Karl von Navarra durch die Verlobung mit seiner achtjährigen Tochter zu beschwichtigen, verschlimmerte die Angelegenheit aber nur noch, indem er die Aussteuer seiner Tochter einbehielt. So konnte er kein Freund seines neuen Schwiegersohnes werden.

Karl von Navarra versuchte, den König über Karl von Spanien zu treffen. Kein Freund von Halbheiten, ließ er ihn einfach ermorden – nicht ohne den Hintergedanken, daß er durch die Tat die vielen Adligen, die sein Opfer ebenfalls haßten, auf seine Seite ziehen konnte. Er machte sich selbst aber nicht die Hände schmutzig.

[132]Sein Bruder, Philipp von Navarra, erledigte diese Aufgabe mit einer Gruppe von Helfershelfern, zu denen auch Johann von Harcourt, zwei weitere Brüder Harcourt und andere führende Adlige aus der Normandie gehörten.

Im Januar 1354 nutzten sie die Gelegenheit, als der Constable die Normandie besuchte, brachen in sein Zimmer ein, in dem er nach mittelalterlichem Brauch nackt schlief, und zogen ihn mit im Fackelschein blinkenden, gezogenen Schwertern aus dem Bett. Er warf sich mit gefalteten Händen vor Philipp auf die Knie und bat um Gnade. Er wollte sich »mit Gold freikaufen, sein neues Land zurückgeben, nach Übersee gehen und niemals zurückkehren«. Der Graf von Harcourt bat Philipp, Mitleid zu haben, aber der junge Mann, von der Wut und dem Haß seines Bruders verblendet, hörte nicht auf ihn. Seine Männer fielen über Karl »so wild und schrecklich« her, daß sein Körper von achtzig Schwertstößen durchbohrt wurde. Sie galoppierten zu dem wartenden Karl von Navarra zurück und riefen ihm zu: »Es ist getan. Es ist getan!« »Was ist getan?« fragte er, um die Form zu wahren, und sie antworteten: »Der Constable ist tot!« Die Kühnheit dieses Schlags, der den dem König nächststehenden Mann traf, machte Karl von Navarra zu einem unübergehbaren Machtfaktor des Königreiches. Johann erklärte seinen Besitz in der Normandie für beschlagnahmt, aber das mußte er militärisch erst einmal durchsetzen.

Karls Zeitgenossen haben diesen Mord im allgemeinen seinen Rachegefühlen und seinem Haß zugeschrieben, aber war es Leidenschaft oder Berechnung? Hemmungslosigkeit war charakteristisch für die Herrscher der Zeit, und es scheint, als seien in diesen Jahren bizarre Ausbrüche von Gewalttätigkeit häufiger geworden, vielleicht in der Folge des Schwarzen Todes und dem Gefühl der Unsicherheit des Lebens. So entluden sich im Jahre 1354 die periodischen Spannungen zwischen Bürgertum und Universität in Oxford in einem wilden Gefecht, in dem die Parteien mit Dolchen, Schwertern, ja sogar Pfeil und Bogen aufeinander losgingen. Der Kampf endete mit einem Massaker unter den Studenten und der Schließung der Universität. Erst nachdem der König Schutzmaßnahmen für die Freiheit der Universität ergriff, konnte sie wieder geöffnet werden. Als in Italien Francesco Ordelaffi, der Tyrann von Forli, berüchtigt wegen seiner subitezza, seines Jähzorns, 1358 mit letzten Kräften den Widerstandskampf gegen die päpstlichen Truppen führte, wagte sein Sohn, ihn zu bitten, den sinnlosen Kampf abzubrechen. »Du bist entweder ein Bastard oder ein Wechselbalg!« schrie der erzürnte Vater und zog, als sein Sohn sich abwandte, den Dolch »und stach ihn in den Rücken, so daß er noch vor Mitternacht starb«. In einem ähnlichen Ausbruch rasender Wut tötete der Herzog von Foix, der mit einer Schwester Karls von Navarra verheiratet war, seinen einzigen legitimen Sohn.

Seit langem schon hatte man sich in diesem Zeitalter an die Gewalt gewöhnt. Im 10. Jahrhundert war ein »Gottesfrieden – Treuga Dei« vereinbart worden, um der Sehnsucht nach Frieden entgegenzukommen. Dieser Gottesfrieden [133]galt für alle Festtage, Sonntage und Ostern. In dieser Zeit durften Arbeiter, Bauern, Händler, Handwerker und sogar Tiere nicht von den Männern des Schwertes angegriffen werden. Alle öffentlichen und religiösen Häuser galten an diesen Tagen als Asyl. So wenigstens die Theorie. In der Praxis war der Gottesfrieden wie andere Gebote der Kirche ein zu grobmaschiges Netz, um die Instinkte der Menschen zurückzuhalten.

Die Leichenbeschauer Englands mußten wesentlich öfter Totschlag als Unfall zur Todesursache erklären, und meistens gelang es den Schuldigen, der Strafe durch Bestechung oder gute Verbindungen zu entgehen. Die Literatur der Zeit spiegelte die Gewalttätigkeit des Lebens wider. Eine der Geschichten, die La Tour Landry zur Aufklärung seiner Töchter schrieb, erzählt von einer Frau, die mit einem Mönch durchbrannte und von ihren Brüdern mit ihm zusammen im Bett gefaßt wurde. »Sie nahmen ein Messer und schnitten dem Mönch die Hoden ab, warfen sie ihr ins Gesicht und zwangen sie, sie zu essen. Danach nähten sie die Frau und den Mönch mit schweren Steinen in einen Sack und ertränkten beide in einem Fluß.« Eine andere Geschichte erzählt von einem Ehemann, der seine Frau zurückholte, die nach einem Ehestreit in das Haus ihrer Eltern geflohen war. Auf dem Heimweg war er gezwungen, in einer Stadt zu übernachten. Dort wurde seine Frau »von einer großen Horde junger Leute, die wild von Lüsternheit waren«, angegriffen und vergewaltigt. Sie starb aus Kummer und Scham. Ihr Mann schnitt daraufhin ihren Körper in zwölf Teile und schickte die mit einem Begleitbrief an die Freunde seiner Frau, um sie zur Rache an den Vergewaltigern aufzustacheln. Die Freunde der Frau versammelten sich mit ihrem gesamten Gefolge, griffen die Stadt, in der die Vergewaltigung geschehen war, an und erschlugen alle Einwohner.

Die Gewalt war nicht auf Individuen beschränkt. Die Folter war von der Kirche autorisiert und wurde regelmäßig von der Inquisition benutzt, um Ketzereien aufzudecken. Die zivile Gerichtsbarkeit belegte als schuldig überführte Angeklagte mit Strafen wie Handabhacken, Ohrenabschneiden, sie ließ ihre Opfer verhungern, verbrennen, häuten und in Stücke reißen. Es war eine alltägliche Sache, Verbrecher gegeißelt, gestreckt und am Schindanger erhängt zu sehen. Man sah abgeschlagene Köpfe und gevierteilte Körper, die auf Stangen über der Stadtmauer zur Schau gestellt wurden. In jeder Kirche gab es die Bilder von Heiligen, die die verschiedensten grausamen Martyrien erlitten hatten – durch Pfeile, Speere, Feuer, Dornen –, alles war in Blut getaucht. Blut und Grausamkeit waren ein allgegenwärtiges Element der christlichen Kunst, sogar ein zentrales, denn Christus wurde zum Erlöser und die Heiligen heilig nur dadurch, daß sie unter den Händen ihrer Mitmenschen Gewalt erlitten hatten.

Auf den Dörfern vergnügten sich die Bewohner bei Wettkämpfen, in denen sie mit auf den Rücken gebundenen Händen eine angenagelte Katze durch [134]Kopfstöße töten mußten, wobei sie Gefahr liefen, daß ihnen das Tier in seiner Panik die Wangen aufriß oder die Augen auskratzte. Ein anderes Spiel bestand darin, daß ein Schwein unter Keulenschlägen und dem Lachen der Zuschauer durch ein Gehege getrieben wurde, bis es leblos zusammenbrach. Die Menschen des Mittelalters waren an physische Leiden und Verletzungen gewöhnt, und sie wurden durch die Darstellung von Gewalt und Schmerz nicht abgestoßen, sondern genossen sie vielmehr. Die Bürger von Mons kauften ihrer Nachbarstadt einen zum Tode Verurteilten ab, damit sie das Vergnügen hatten, seiner Vierteilung zusehen zu können. Es mag sein, daß die wenig zärtliche mittelalterliche Kindheit Erwachsene hervorbrachte, die andere Menschen ebensowenig achteten, wie sie selbst in den formenden ersten Jahren geachtet worden waren.


Nach seinem unerhörten Anschlag wurde Karl von Navarra zum Mittelpunkt einer Adelsgruppe, die bereit war, sich an einer Protestbewegung gegen das regierende Haus der Valois zu beteiligen. Der alte Widerspruch zwischen der Krone und den Baronen war durch Philipps und Johanns Aktionen gegen die des Verrats verdächtigten Adligen und durch die militärischen Demütigungen seit Crécy neu belebt worden. Die Landbesitzer, die unter der Bauernflucht und zurückgehenden Einkünften litten, machten für viele ihrer Mißgeschicke die Krone verantwortlich. Sie wandten sich gegen den finanziellen Druck, der vom König und seinen verachteten Ministern ausging, und strebten nach umfassenden Reformen und größerer politischer Selbständigkeit. Von seiner Basis in der Normandie aus konnte sich Karl zum Zentrum einer Widerstandsgruppe machen und begann, seine Absichten lauthals in die Welt zu krähen.

»Gott weiß, daß ich es war, der mit Gottes Hilfe Karl von Spanien umgebracht hat«, schrieb er in einem Brief an Papst Innozenz VI. Er erklärte den Mord am französischen Oberbefehlshaber zu einer gerechten und unabweisbaren Antwort auf die königlichen Übergriffe, drückte seine Verehrung für den Heiligen Stuhl aus und erkundigte sich nach dem päpstlichen Wohlbefinden. Karl war bereit, die Engländer zu unterstützen, wenn sie ihm in dem Kampf um seine Besitzungen in der Normandie halfen, und zu diesem Zweck brauchte er den Papst als Vermittler. In einem Brief an König Eduard schrieb er, daß er mit der Hilfe seiner Burg und seiner Soldaten in der Normandie König Johann so schaden könnte, daß »er sich niemals wieder erholen würde«. Gleichzeitig bat er um Unterstützung durch englische Truppen aus der Bretagne.

Das ganze Jahr 1354 hindurch schwankte die Zukunft des Jahrhunderts zwischen Krieg und Frieden. Papst Innozenz VI., der alt und kränklich war, versuchte dringend, eine Beilegung des Konflikts zu erreichen, weil er den Lärm der Ungläubigen vor den Toren hörte. 1353 hatten die Türken Gallipoli genommen, den Schlüssel zum Hellespont, und damit den Fuß auf europäischen [135]Boden gesetzt. Gegen diese Bedrohung wollte er die christlichen Energien vereinen, was nicht möglich war, wenn England und Frankreich ihren Krieg wiederaufnahmen.

Unter dem Druck des Papstes und ihrer leeren Kassen waren Eduard und Johann in Verhandlungen um einen dauernden Frieden eingetreten, den keiner von beiden wirklich wollte. Der englische König hatte den Kredit aufgezehrt, den ihm sein Volk für einen Krieg eingeräumt hatte, der weder auf diplomatischem noch auf kämpferischem Wege zu beendigen zu sein schien. Der dritte Stand fand, daß die Kosten die Beute weit überstiegen. 1352 hatte das Parlament die Macht des Königs zur Aushebung von Soldaten eingeschränkt. Als der Lord Chamberlain im April 1354 das Unterhaus fragte, »ob sie einem Vertrag über den endgültigen Frieden zustimmen« würden, riefen die Mitglieder einmütig: »Aye! Aye!«

Auf seiner Seite befürchtete Johann eine Übereinkunft zwischen Karl von Navarra und König Eduard. Die »wohlunterrichteten Kreise« des Mittelalters sprachen nur noch von dem Verrat seines Schwiegersohns. Zudem hatte der König keinerlei Aussicht auf Truppen und Steuerhilfe aus der Normandie. Unter diesen Umständen sah er sich gezwungen, seinen Zorn herunterzuschlucken, die Beschlagnahmung der Güter Karls von Navarra rückgängig zu machen, ihn zu begnadigen und zu einer Versöhnungszeremonie nach Paris einzuladen. Karl kam, denn nie im Leben konnte er verlockenden Angeboten widerstehen. Vielleicht kam er auch, weil er sich – er war erst zweiundzwanzig – seiner Sache doch nicht so sicher war, wie er es in Wort und Tat verkündet hatte. Mit Umarmungen, Treueschwüren und durchdachten Formeln ging dieser Scheinfrieden im März 1354 über die Bühne. Die Gefühle der beiden Kontrahenten mag sich jeder selbst ausmalen.

Das Jahr stand zögernd am Rand des Friedens. Der Krieg war durch einen Friedensschluß mit gewaltigen Vorteilen für England fast beendet, als Frankreich sich im letzten Augenblick aufbäumte und den Vertrag ablehnte. Das einzige Ergebnis dreijähriger Verhandlungen und des päpstlichen Friedenseifers war eine Verlängerung des Waffenstillstands um ein Jahr. Noch einmal nahm Karl von Navarra die Gespräche mit Eduard auf und vereinbarte eine Vereinigung der Streitkräfte beider in Cherbourg, von wo aus sie den Feldzug beginnen wollten. Die Hoffnungen Innozenz' VI. wurden unter den Trümmern des Friedensvertrages begraben. Als der Papst Eduard vorwarf, mit Karl von Navarra gegen den französischen König zu konspirieren, log Eduard so leichthin wie die Herrscher späterer Zeiten: »Ich spreche die Wahrheit und schwöre es beim Herzen Gottes.« Er wies die Anklage »beim Wort eines Königs«[4] zurück. Der Text der Korrespondenz mit Karl von Navarra ist überliefert.

In seiner Eile, den Krieg neu zu beginnen, versandte Eduard an die Erzbischöfe von Canterbury und York Briefe, in denen er die französische Perfidie [136]und seine Rechtschaffenheit bekundete. Die Briefe wurden von königlichen Herolden öffentlich verlesen, und von den Kanzeln im Lande wurde das französische Unrecht in Eduards Version verbreitet. Eduard verstand die Rolle der Öffentlichkeitsarbeit. Auf dem einen oder anderen Wege gelang es ihm auch, die nötigen Finanzmittel aufzutreiben und die Zustimmung des Parlaments zu erlangen. Während des Sommers 1355 zog er Flotten und Truppen an der Küste zusammen. Als der geltende Waffenstillstandsvertrag zur Sommersonnenwende auslief und nicht erneuert wurde, standen zwei Expeditionsarmeen zum Übersetzen nach Frankreich bereit. Die eine sollte unter Eduard, dem Schwarzen Prinzen, nach Bordeaux aufbrechen, die andere unter der Führung des Herzogs von Lancaster in die Normandie, um sich dort mit Karl von Navarra zu vereinigen.

Mit Hilfe günstiger Winde gelangte Prinz Eduard in drei oder vier Tagen an die französische Küste nahe Bordeaux. Er befehligte eintausend Ritter, Knappen und andere Waffenträger, zweitausend Bogenschützen und eine große Anzahl walisischer Fußsoldaten. Jetzt 24 Jahre alt, muskulös, mit einem vollen Schnurrbart, war der Erbe König Eduards ein harter und hochmütiger Fürst, der als »die Blume der Ritterschaft« unsterblichen Ruhm erlangen sollte. Sein Ruf blieb unversehrt, da er das Glück hatte, zu sterben, bevor er von der Verantwortung der Krone befleckt werden konnte. Die Franzosen aber sahen ihn als »in seiner Art grausam« und als den »stolzesten Mann, den je ein Weib gebar«. Der Zweck dieses Überfalls, der den Prinzen 250 Meilen weit bis nach Narbonne und im Oktober/November 1355 wieder zurück nach Bordeaux führen sollte, war nicht Eroberung, sondern Verwüstung und Plünderung. Niemals zuvor hatte das »berühmte, schöne und reiche« Land von Armagnac eine solche Zerstörung erlitten wie in diesen zwei Monaten. Die Verheerung war aber nicht ohne Absicht; wie Terrorismus in jedem Zeitalter sollte sie die Menschen bestrafen und sie abschrecken, sich mit dem Feind zu verbinden. Da die Bewohner von Aquitanien sich wieder mit der französischen Krone arrangiert hatten, wurden sie von England als Rebellen angesehen, und der Schwarze Prinz sah es als seine Pflicht an, sie zu züchtigen. Eine solche Politik mußte Feindseligkeiten in dem Land provozieren, das die englische Krone für sich gewinnen wollte, aber der Prinz besaß nicht mehr und nicht weniger Weitblick als die meisten militärischen Führer und sah nicht in die Zukunft. Mit der Verstärkung durch seine Verbündeten aus der Gascogne hatte er eine Streitmacht von 1500 Lanzen (jeweils ein Ritter mit zwei Helfern), 2 000 Bogenschützen und 3 000 Fußsoldaten zusammengebracht. Er wollte einen Beweis englischer Macht liefern und dem Landadel zeigen, wo seine Interessen besser aufgehoben waren. Er verminderte die französischen Kriegsreserven, indem er einer Region schweren Schaden zufügte, die dem König von Frankreich reiche Steuern brachte. Plünderungen sorgten für Sold und Beute zugleich.

[137]Das Heer des Schwarzen Prinzen kehrte, mit Teppichen, Wandbehängen, Juwelen und anderer Beute beladen, wenn auch nicht mit Ruhm bedeckt, ins Winterquartier nach Bordeaux zurück. Wo war Tapferkeit, wo war Mut, wo waren die Heldentaten, die der Stolz des Kriegers waren? Raub und Mord an unbewaffneten Zivilisten forderten weder Mut noch Kraft, und sie hatten nichts mit den ritterlichen Tugenden der Tafelrunde und des Hosenbandordens zu tun. Der Prinz selbst, sein engster Verbündeter aus der Gascogne, der Hauptmann de Buch, sein bester Freund und Berater, Sir John Chandos, die Grafen von Warwick und Salisbury und mindestens drei weitere Ritter des englischen Heeres waren Mitglieder des Hosenbandordens. Ob sie, wenn sie sich nach den täglichen Blutbädern zur Ruhe legten, irgendeinen Widerspruch zwischen dem Ideal und der Praxis empfanden, weiß niemand. Sie hinterließen keine Anzeichen dafür. Um sein Recht zu strafen zu betonen, wies der Prinz zweimal große Entschädigungszahlungen von Städten zurück, die sich von den Plünderungen freikaufen wollten. Seine Briefe drücken nur das Gefühl zufriedener Pflichterfüllung aus. Sein Raubzug hatte sein Heer bereichert, die französischen Einkünfte reduziert und jedem wankelmütigen Gasconen bewiesen, daß der Dienst unter der englischen Fahne lohnte. Aber sogar Froissart, der unkritische Bewunderer des Rittertums, schrieb: »Es war ein bedauerliches Ereignis…« Während der Krieg sich hinzog, vergiftete die Gewöhnung der Soldaten an Grausamkeit und Zerstörung die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts.


Die für die Normandie bestimmten englischen Einheiten wurden durch widrige Winde und den plötzlichen Abfall von Karl von Navarra bis Ende Oktober aufgehalten. Es war fast zu spät für einen Feldzug im Norden. Der Befehlshaber dieser Truppen, Heinrich, Herzog von Lancaster, genannt der »Soldatenvater«, war der erfahrenste Kriegsherr Englands und hatte mit seinen 45 Jahren nicht eine Schlacht versäumt. Er war Veteran der schottischen Kriege, hatte bei Sluis, Calais und in allen Feldzügen gegen Frankreich gekämpft. Wenn sein Land nicht Krieg führte, hatte er in alter Rittertradition sein Schwert ins Ausland getragen. Er hatte sich dem König von Kastilien in seinem Kreuzzug gegen die Mauren in Algeciras angeschlossen, war nach Preußen gereist, um den Deutschen Ritterorden bei einem seiner alljährlichen »Kreuzzüge« zu begleiten, die das Christentum in das heidnische Litauen tragen sollten.

Lancaster war ebenso religiös wie kämpferisch. Er schrieb ein Buch auf französisch (immer noch die Sprache des englischen Hofes), in dem in allegorischer Form die Wunden seiner Seele – das heißt seine Sünden – Christus, dem göttlichen Arzt, dargebracht werden. Jeder Körperteil wies eine allegorische Wunde auf, und jedes Heilmittel entsprach einem religiösen Symbol. Dabei entpuppte sich dieser hohe Herr des 14. Jahrhunderts als ein Mann, der die [138]Eleganz seiner spitzen Schuhe im Steigbügel bewunderte und bei Turnieren seine Beine streckte, um die Damen zu beeindrucken. Er kritisierte sich aber auch selbst, weil er sich vor dem Gestank der Armen und Kranken ekelte und weil er mit allen Mitteln versuchte, aus seinen Lehen Geld und Besitz herauszupressen.

Bei der Invasion Frankreichs von 1355 schloß sich König Eduard Lancaster an. Sie segelten nach Calais statt dem ursprünglich geplanten Cherbourg und landeten am 2. November 1355. Sie sammelten ihre Streitmacht von dreitausend Reisigen, zweitausend berittenen Bogenschützen und vielleicht ebenso vielen Fußsoldaten und brachen auf, um die Schlacht mit dem König von Frankreich zu suchen. Zunächst aber verwüsteten sie auf ihrem Marsch den Pas de Calais, Artois und die Picardie.

Der König von Frankreich hatte »feierlich und öffentlich« den Arrière-ban, den allgemeinen Aufruf an alle Männer zwischen achtzehn und sechzig, proklamiert. Vielleicht wegen der spärlichen Antwort auf diesen Ruf war er während des Sommers des öfteren in Paris und allen wichtigen Städten des Königreiches wiederholt worden – »besonders in der Picardie«. Da größtenteils Männer von zweifelhafter militärischer Tauglichkeit geschickt wurden, war es dem König lieber, die Entschädigungszahlungen einzuziehen als die gestellten Männer in sein Heer eingliedern zu müssen. Er versuchte deshalb, bestimmte Kriterien für die körperliche Eignung festzusetzen, und schickte alle nach Hause, die ihnen nicht entsprachen. Das Aussortieren und die Zusammenstellung eines schlagkräftigen Heeres kostete Zeit, und aufgrund der weitverbreiteten Unzufriedenheit mit dem König hatten es viele Adlige nicht eilig, zum Heer zu stoßen. Die Armee, die Johann im November nach Norden gegen die Engländer führte, war unvollständig.

Enguerrand de Coucy VII., fünfzehn Jahre alt, war in dieser Armee. Es ist nicht überliefert, was er tat, nur, daß er sich im Bataillon von Moreau de Fiennes befand, der eine Gruppe von »Baronen der Picardie« anführte und später Marschall von Frankreich werden sollte. Enguerrand war in guter Gesellschaft: Matthieu de Roye, Enguerrands Vormund, war der Befehlshaber der Armbrustschützen, Geoffrey de Charny war als »der vollkommene Ritter« bekannt, und auch Marschall Arnould d'Audrehem war kein Unbekannter. Zu dem Bataillon gehörten die Bürger von Paris, Rouen und Amiens.

Der Feldzug, der Enguerrands erste Kriegserfahrung war, bot wenig Stoff für heroische Legenden. Die französische Heerschar stand vom 5. bis 7. November in Amiens und zog dann nordwärts nach St. Omer, wo sie am 11. des Monats eintraf. Sie ließ die Engländer links liegen, die zur gleichen Zeit südwärts nach Hesdin marschierten. Die Armeen beschnüffelten und umkreisten einander, wechselseitig forderten sich die Könige zum Kampf – »Mann gegen Mann oder Streitmacht gegen Streitmacht«, so lautete die Herausforderung König Johanns –, die der Herausgeforderte mit ornamentalem Wortreichtum [139]ablehnte. Weder Johann noch Eduard waren wirklich entschlossen, die Schlacht aufzunehmen. Johanns zentrale militärische Absicht war es, die Engländer durch Ausplünderung des eigenen Landes vom Nachschub abzuschneiden. Das ging zu Lasten der örtlichen Bevölkerung, die nun einem Winter ohne Vorräte entgegensah und die ihre Kriegerklasse nicht als Beschützer, sondern als Zerstörer erlebte.

Johanns Politik der verbrannten Erde zwang die Engländer, sich wegen ihrer Nachschubschwierigkeiten wieder an die Küste zurückzuziehen. Vier Tage lang hatten sie außer Wasser keine anderen Getränke, was in einem Zeitalter, da Wein oder Bier ein fester Bestandteil der Mahlzeiten war, wie ein Notstand erschien. Außerdem war es den Franzosen mit Geld und Briefen gelungen, die Schotten zu einigen Grenzverletzungen gegen England zu bewegen. Diese neue Bedrohung und die Aussicht auf einen Winter ohne Alkohol veranlaßten Eduard und Lancaster schließlich, sich wieder nach England einzuschiffen und den Feldzug nach nicht mehr als zehn Tagen abzubrechen.

König Johann stand nun vor der Notwendigkeit, sich von der Ständeversammlung eine Subvention bewilligen zu lassen, damit er seine Truppen bezahlen konnte. Für Dezember hatte der König eine Versammlung der Stände des nördlichen Frankreichs (Langue d'oïl) nach Paris einberufen. Da aufgrund der Steuerfreiheit für Adel und Kirche der dritte Stand den größten Teil der Steuern zahlte, hatte er auch die Entscheidungsgewalt über die Höhe der Abgaben. Die Bürgerlichen nutzten diesen Umstand als Hebel zur Durchsetzung von Reformen und Privilegien, was die Monarchie bei jedem dieser Hilfsersuchen in eine schwierige Lage brachte.

Das Angebot, das die Stände 1355 machten, zeigte den Reichtum Frankreichs und die Loyalität, die immer noch unter aller Unzufriedenheit verborgen war – aber es deckte auch ein tiefes Mißtrauen gegenüber der königlichen Regierung auf. Die Stände erklärten sich bereit, 30 000 Reisige ein Jahr lang bei geschätzten Kosten von 5 Millionen Pfund zu bezahlen – die aber nur unter der Bedingung, daß der Fonds nicht vom königlichen Schatzmeister verwaltet würde, sondern von einem Komitee der Stände, das die Truppen direkt entlohnte. Das Geld sollte durch eine Besteuerung aller Stände und eine Salzsteuer aufgebracht werden, die Steuerquoten sollten im folgenden Jahr erhöht werden, wenn sie zur Eintreibung der genannten Summe nicht ausreichten. Die neuen Quoten bedeuteten eine Steuer von 4 Prozent auf das Einkommen der Reichen, 5 Prozent auf das der Mittelklasse und 10 Prozent auf die niedrigsten steuerpflichtigen Einkommen. Ein Ergebnis dieser Besteuerung war ein Aufstand der »Kleinen gegen die Großen« in der Textilindustriestadt Arras in der nördlichen Picardie. Er wurde zwar schnell niedergeworfen, aber er war ein erstes Signal kommenden Unheils.

Unterdessen sorgte das unermüdliche Ränkespiel Karls von Navarra für neuen Zündstoff. Er versuchte, den achtzehnjährigen Thronfolger Karl gegen [140]seinen Vater, den König, aufzuhetzen und zugleich die normannischen Landesherren zur Verweigerung ihrer Steuerzahlungen an den französischen König zu bewegen.

Im April 1356 hatte der französische Dauphin Karl in seiner Eigenschaft als Herzog der Normandie Karl von Navarra und die führenden Adligen der Normandie nach Rouen zu einem Festmahl geladen. Plötzlich wurden während des Banketts die Türen aufgestoßen, und der König stürmte im Helm an der Spitze seines Gefolges in den Saal. Sein Marschall d'Audrehem rief mit gezogenem Schwert: »Keiner bewegt sich, oder er ist ein toter Mann!« Der König erklärte Karl von Navarra für verhaftet und nannte ihn einen »Verräter«. Daraufhin zog ein Knappe Karls von Navarra, Colin Doublel, seinen Dolch und drohte in einem unerhörten Akt des Majestätsverbrechens (lèse majesté), ihn dem König in die Brust zu stoßen. Unerschrocken befahl Johann seinen Wachen, »diesen Jungen und seinen Herrn« zu ergreifen. Er selbst packte Johann von Harcourt so hart, daß dessen Wams von der Schulter bis zum Gürtel aufriß, und klagte ihn und die anderen aus Navarras Gefolge, die Karl von Spanien ermordet hatten, des Verrats an. Entsetzt bat der Dauphin seinen Vater, ihn nicht dadurch zu entehren, daß er das Gastrecht verletzte. »Du weißt nicht, was ich weiß«, sagte der König. Karl von Navarra flehte um Gnade, behauptete, das Opfer falscher Anschuldigungen zu sein, aber der König verhaftete ihn mit seinem Gefolge, während die restlichen Gäste flohen, »wobei sie in ihrem Schrecken über Mauern kletterten…«.

Am nächsten Morgen wurden Johann von Harcourt, Colin Doublel und zwei weitere normannische Herren in zwei Karren, dem schändlichen Fahrzeug der Verurteilten, zum Galgen gebracht. In voller Rüstung, als erwartete er einen Angriff, begleitete der König den Zug. Offenbar nervös geworden, ließ er plötzlich anhalten und befahl, die Gefangenen auf der Stelle zu enthaupten. Er erlaubte auch keinen geistlichen Beistand; als Verräter mußten sie sterben, ohne gebeichtet zu haben. Ein Ersatzhenker wurde hastig herbeigeholt, der sechs Hiebe brauchte, um Harcourts Kopf vom Körper zu trennen. Danach wurden die vier Körper zum Galgenhügel transportiert, wo sie in Ketten aufgehängt wurden. Die Köpfe stellte man, auf Lanzen aufgespießt, für die nächsten zwei Jahre zur Schau. Karl von Navarra ging als Gefangener ins Pariser Châtelet, und seine Besitztümer wurden erneut von der Krone beschlagnahmt.

Johanns unüberlegter Zugriff blieb nicht ohne Folgen. Johann von Harcourt hatte drei Brüder und neun Kinder (eine seiner Töchter war mit Raoul de Coucy, einem Onkel Enguerrands VII., verheiratet), die alle in bedeutende Familien Nordfrankreichs eingeheiratet hatten. Der König hatte es geschafft, die weiten Verbindungen seines Opfers gegen sich aufzubringen, ohne seinen eigentlichen Feind, Karl von Navarra, endgültig zu vernichten. Auf den Gefangenen im Châtelet richtete sich viel Sympathie, und es wurden sogar populäre [141]Lieder zu seinen Ehren komponiert. Der Vorfall von Rouen hatte genau das bewirkt, was der König hatte vermeiden wollen – die Normandie wandte sich wieder England zu. Der Bruder von Johann von Harcourt, Gottfried, derselbe, der Eduard III. zehn Jahre zuvor in die Normandie geführt hatte, und der Bruder Karls, Philipp von Navarra, wandten sich mit Hilfeersuchen an die Engländer. Als die englischen Verbände im Juli 1356 in Cherbourg landeten, schworen die beiden Eduard III. als König von Frankreich die Treue. Unter Führung des Herzogs von Lancaster zogen die Engländer von Cherbourg in die Bretagne, während gleichzeitig der Schwarze Prinz von Bordeaux aus zu einem neuen Feldzug nach Norden ins Herz Frankreichs aufbrach. Die Ereignisse bewegten sich auf den Zusammenstoß von Poitiers zu.


Mit achttausend Mann, die sich aus Engländern, Gasconen und Verstärkungen aus dem Mutterland rekrutierten, marschierte der Prinz nach Norden. Sein Ziel war es, sich mit Lancaster im Norden zu vereinigen und auf dem Weg dorthin Städte und Festungen zu vermeiden und nur zu rauben und zu plündern. Etwa am 3. September erreichte der Prinz die Loire und wandte sich, da sämtliche Brücken zerstört waren, nach Westen in Richtung Tours, wo er davon unterrichtet wurde, daß eine große französische Armee sich auf ihn zubewegte. Boten brachten ihm die Nachricht, daß Lancaster die Normandie verlassen hatte und nun eilig die Vereinigung der beiden englischen Armeen anstrebte. Aber die Loire lag zwischen ihnen, und das Land war voller französischer Einheiten. Seine Männer waren müde und mit Beute beladen. Vier Tage lang zögerte er und verspielte damit seinen Vorsprung, dann wandte er sich wieder nach Süden, um der Schlacht auszuweichen, und versuchte, sein Beutegut sicher nach Bordeaux zurückzubringen.

Im Norden hatte sich Johann zunächst gegen Lancaster gewandt und zeitweise seinen Weg blockiert, um dann der Bedrohung aus dem Süden zu begegnen. Er hatte in seinem Aufruf alle Streitkräfte nach Chartres beordert. Durch die Ankunft des Feindes an der Loire alarmiert, waren die Adligen allen Vorbehalten zum Trotz dem Ruf des Königs gefolgt. Sie kamen aus der Auvergne, Berry, Burgund, Lothringen, Hainault, Artois, Vermandois, der Picardie, Bretagne und Normandie. »Kein Ritter und kein Knappe blieb zu Hause«, schrieben die Chronisten, »die Blüte Frankreichs war versammelt.«

Den König begleiteten seine vier Söhne. Gautier de Brienne, der den Titel »Herzog von Athen« nach einem erloschenen Herzogtum trug, das während eines Kreuzzuges gegründet worden war, war der neue Constable. Zwei Marschälle Frankreichs, 26 Herzöge und Grafen, 334 Bannerherren und beinahe alle anderen Grundherren und Ritter gehörten zu der Heerschar. Es war die größte französische Armee des Jahrhunderts – »ein großes Wunder«, schrieb ein englischer Chronist, »noch nie sah man dergleichen Adel in Waffen«. Die wirkliche Stärke dieses Heeres ist endlos diskutiert worden – die Chronisten [142]setzten sie je nach individueller Unbedenklichkeit auf bis zu achtzigtausend Mann an –, heute geht man von einer Zahl von sechzehntausend aus, also etwa doppelt soviel, wie der Schwarze Prinz zur Verfügung hatte.

Aber es war eine zusammenhanglose Armee. Die großen Herren kamen später als verabredet, jeder mit einem Gefolge von fünfzig, hundert oder hundertfünfzig Mann unter seiner eigenen Fahne, mit seinem eigenen Troß und Gold- und Silberschätzen, die im Notfall Bargeld ersetzen sollten. Die Bestimmungen der »königlichen Verordnung« von 1351 hatten, was die Disziplin und Ordnung anging, wenig Ergebnisse gebracht. Ein neuer Streit über Steuern hatte die Bürger verstimmt und die Städte veranlaßt, ihre Kontingente zurückzuziehen. Froissart hat eine andere Version: Er schreibt, daß Johann die bürgerlichen Einheiten beim Überschreiten der Loire entließ und zurückschickte, »was Wahnsinn in ihm und seinen Ratgebern war«. König Johann war zuversichtlich, mit der gesammelten Macht Frankreichs den Schwarzen Prinzen nach Aquitanien, sogar zurück nach England treiben zu können. Zwischen dem 8. und 13. September überquerte die französische Armee bei Orléans die Loire und stieß nach Süden vor. Am 12. September war der Schwarze Prinz in Montbazon, fünf Meilen südlich von Tours, wo ihn die päpstlichen Gesandten trafen, die seit Beginn des Jahres versuchten, die beiden Parteien zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Neben ermahnenden Schreiben an die beiden Könige und führende Fürsten der beiden Nationen hatte der Papst zwei Kardinäle entsandt, um die Kriegshandlungen zum Stehen zu bringen.

Von einem der beiden, Kardinal Talleyrand, erfuhr Prinz Eduard, daß der französische König damit rechnete, ihn einzuholen, und sich für den 14. September auf die offene Feldschlacht vorbereitete. Obwohl der Schwarze Prinz alles andere als versessen darauf war, gegen die unverbrauchten und überlegenen Kräfte der Franzosen die Schlacht zu riskieren, wies er das Angebot Talleyrands zurück, einen Waffenstillstand auszuhandeln, wohl weil er glaubte, sich dem Feind entziehen zu können. Die Franzosen versuchten in Eilmärschen, die Engländer bei Poitiers in der Flanke zu umgehen und ihren Rückzug zu vereiteln, indem sie ihnen den Weg nach Bordeaux verlegten. Vier weitere Tage marschierten die beiden Heere hintereinander her, ohne daß es zu einem Schlagabtausch gekommen wäre. Die Engländer waren den Franzosen kaum zwölf Meilen voraus, und diese verkürzten den Abstand Stück um Stück.

Am 17. September sichtete eine französische Gruppe eine englische Aufklärungseinheit nahe dem Gut La Chaboterie drei Meilen westlich von Poitiers. Der Anführer der französischen Gruppe war Raoul de Coucy, Sire de Montmirail, Onkel Enguerrands VII. und als einer der tapfersten Ritter seiner Zeit bekannt. Auf eigene Initiative ging er im Galopp zum Angriff über. Ob Enguerrand bei ihm oder im Hauptheer war, ist nicht überliefert.

In dem Zusammenprall, der nun folgte, drang Raoul so weit in die feindlichen [143]Reihen vor, daß selbst der Bannerträger des Schwarzen Prinzen in Gefahr geriet. Unter der Wucht des französischen Ansturms wankten die anglo-gasconischen Einheiten, erholten sich dann aber und überwältigten unerklärlicherweise, obwohl sie zahlenmäßig unterlegen waren, die französischen Angreifer. Viele von ihnen fielen, und Raoul selbst wurde gefangengenommen. Wie vieles andere, das während der Schlacht von Poitiers geschah, ist auch der Ausgang des Gefechts bei La Chaboterie nur schwer zu erklären.

Da die Engländer und Gasconen Gefangene, die reiche Lösegelder versprachen, machen wollten, verfolgten sie die Franzosen so hartnäckig, daß sie sich weit vom Schlachtfeld entfernten. So war der Prinz gezwungen, haltzumachen, um seine Kräfte zu sammeln. Er befahl, das Nachtlager aufzuschlagen, obwohl seine Soldaten schwer unter Wassermangel litten.

Am nächsten Morgen, Sonntag, dem 18. September, als die müden englischen Verbände den Rückmarsch wiederaufnahmen, sahen ihre Kundschafter von einer Hügelkuppe aus das Schimmern von Rüstungen und das Flattern von tausend Bannern. Es war das französische Heer. Der Prinz sah, daß die Schlacht nun unausweichlich war, und zog seine Truppen auf die günstigsten Positionen zusammen, die ihm das Gelände bot. Er stellte sein Heer auf einer bewaldeten Anhöhe auf, die an Weinberge und Hecken grenzte und an deren Fuß ein Fluß sich durch sumpfiges Grasland schlängelte. Auf der anderen Seite des Flusses lag ein breites Feld, das von einem schmalen Weg durchquert wurde. Dieser Ort lag ungefähr zwei Meilen südöstlich von Poitiers.

In seiner Siegesgewißheit ließ sich König Johann von Kardinal Talleyrand zurückhalten, der mit einer großen Gruppe von Geistlichen eintraf und bat, den sonntäglichen »Gottesfrieden« einzuhalten und ihm zugleich die Möglichkeit zu geben, zu vermitteln. Im Kriegsrat, der in dem scharlachroten Seidenzelt des Königs stattfand, drangen der Marschall d'Audrehem und die anderen kampflustigen Heerführer auf sofortigen Angriff, auch weil sie sich der Gefahr bewußt waren, von Lancaster im Rücken angegriffen zu werden. Gegen ihren Rat stimmte der König in einem fatalen Entschluß der Bitte des Kardinals um Aufschub zu. Ein Vorschlag Geoffrey de Charnys, hundert Ritter beider Seiten den Kampf austragen zu lassen, wurde abgelehnt, weil das vermeintlich zu viele von Kampf, Ruhm und Beute ausgeschlossen hätte. Wäre es zur sofortigen Schlacht gekommen oder hätte man Charnys Vorschlag angenommen, wäre der Ausgang vielleicht ein anderer gewesen.

Talleyrand eilte ins Lager des Schwarzen Prinzen und fand ihn sehr zugänglich für jede Art friedlicher Einigung, die ihm Beute und Ehre ließ. Eduard bot an, alle Gefangenen ohne Lösegeldzahlung wieder auf freien Fuß zu setzen, er wollte die von ihm besetzten Gebiete räumen und sich zu einem siebenjährigen Waffenstillstand verpflichten. Der Chronique des Quatre Premiers Valois zufolge war er sogar bereit, Calais und Guînes zurückzugeben, obwohl ihm sicherlich die Machtbefugnis dazu fehlte. Seine außergewöhnlichen Zugeständnisse [144]zeigen aber, daß der Prinz wußte, in welch verzweifelter Lage er sich befand. Ihm war klar, daß die Franzosen ihn aushungern konnten, wenn sie sich entschlossen, ihn zu umzingeln und zu belagern. Oder aber er wollte nur Zeit gewinnen, wohl wissend, daß die Franzosen eine so ruhmlose Lösung ablehnen würden, um seine Bogenschützen in Stellung bringen zu können. Seine Männer waren während dieses Tages der Verhandlungen intensiv damit beschäftigt, Gräben zu ziehen und Palisaden aufzubauen.

König Johann war bereit, Eduards Vorschläge zu überdenken. Talleyrand und seine Begleiter eilten auf ihren Maultieren zwischen dem englischen und dem französischen Lager hin und her, und die berühmtesten Ritter des Prinzen kamen unter freiem Geleit, um selbst zu verhandeln. In der Arroganz seiner Siegesgewißheit nahm Johann die Vorschläge schließlich unter der Bedingung an, daß der Prinz selbst und hundert seiner Ritter sich als Gefangene des Königs ergäben. Diese Demütigung lehnte der Prinz entschlossen ab. Außerdem hatte er seine Stellungen im Wald und an den Hecken inzwischen beträchtlich verstärkt. Während Talleyrand Johann noch bat, um der Liebe Jesu willen zumindest einer Waffenruhe bis Weihnachten zuzustimmen, ging der Tag der Verhandlungen vorüber. Der französische Kriegsrat trat wieder zusammen, um einen Angriffsplan zu fassen.

Marschall Clermont riet zu einer Blockade der englischen Truppen. Das war genau die Taktik, die der Prinz fürchtete. Man sollte nicht die Torheit begehen, die Engländer in ihrer starken Stellung anzugreifen, sagte Clermont, sondern sie vielmehr umzingeln, bis ihnen die Vorräte ausgingen und »sie die Stellungen verlassen« müßten. Dies war der naheliegende und vernünftige Kurs, aber das Diktat der Ritterehre verbot ihn. Mit Hohn und grimmigem Widerspruch lehnte Marschall d'Audrehem Clermonts Vorschlag ab. Drei Ritter, die die englischen Linien ausgekundschaftet hatten, berichteten, daß der einzige Zugang zu den feindlichen Stellungen so schmal sei, daß nur vier Männer nebeneinander hindurchreiten könnten. Auf Anraten von Sir William Douglas, einem im Kampf gegen die Engländer erprobten Schotten, der nun Berater des französischen Königs war, wurde beschlossen, daß die Hauptstreitmacht zu Fuß angreifen sollte. Um aber nicht ganz auf die Vorteile des Kavallerieangriffs verzichten zu müssen, sollte der erste Einbruch in die Linien der englischen Bogenschützen einer Eliteeinheit von dreihundert Rittern auf den schnellsten und stärksten Schlachtrössern vorbehalten werden. Alle drei Befehlshaber, der Constable und die beiden Marschälle, wurden in unglaublicher Bedenkenlosigkeit dieser Truppe zugeordnet.

Bei Sonnenaufgang am Montag, dem 19. September, stellte sich das französische Heer mit Waffenlärm und Trompetenschall hinter der berittenen Speerspitze in den üblichen drei Bataillonen auf. Die Bataillone standen hintereinander, wahrscheinlich, um verschiedene Angriffswellen vorzutragen, was aber verhinderte, daß sie einander an den Flanken unterstützen konnten. [145]An der Spitze des ersten Bataillons stand der neunzehnjährige Thronfolger, zumindest nominell – es war seine erste Schlacht. Philipp von Orléans, Bruder des Königs, zweiundzwanzigjährig und ebenfalls völlig unerfahren, führte das zweite Bataillon, und das dritte stand unter dem Kommando des Königs selbst. Er wurde von einer neunzehnköpfigen Leibwache begleitet, die genau wie er eine schwarze Rüstung und einen weißen, mit Lilien besetzten Umhang trug. Dies war eine kluge, wenn auch wenig ritterliche Vorsichtsmaßnahme, denn der Feind tat natürlich sein Äußerstes, um den König gefangenzunehmen.

»Absitzen! Absitzen!« befahl König Johann und »stieg selbst als erster ab«. Es ist gesagt worden, daß er sich zu diesem Schritt entschlossen habe, um die Fluchtmöglichkeiten seiner uneinigen Truppen einzuschränken. Moderne Kritiker – denn die Diskussion setzte sich fort – haben den Entschluß eine »selbstmörderische Dummheit« genannt, andere haben ihn als die einzig vernünftige und mögliche Taktik angesehen, da wegen der vielen Hecken, Gräben und Sümpfe die Reiterei nicht geschlossen eingesetzt werden konnte.

Die Ritter saßen ab, entfernten die Sporen, schnitten die langen Spitzen ihrer Schuhe ab und verkürzten ihre Lanzen auf eineinhalb Meter. Die »Oriflamme«, das spaltzüngige, scharlachrote Banner der französischen Könige, wurde Geoffrey de Charny, »dem vollkommenen Ritter«, übergeben. »Ihr habt die Engländer verflucht«, rief der König seinen versammelten Rittern zu, »und wolltet eure Schwerter mit den ihren kreuzen. Da stehen sie vor euch! Erinnert euch an das Unrecht, das sie euch zufügten, und rächt euch für die Verluste und Leiden, die sie Frankreich zugefügt haben! Ich verspreche euch, wir werden mit ihnen kämpfen, und Gott sei mit uns!«

Der Schwarze Prinz stellte zwei Bataillone in die erste Linie und eines dahinter, die Bogenschützen in Abständen auf die drei verteilt. Die vier Grafen – von Warwick und Oxford, Suffolk und Salisbury – kommandierten die beiden vorderen Bataillone, der Prinz und Chandos das zurückgezogene und ein Reserve von vierhundert Reitern. Die Engländer hatten nicht nur die bessere Position, sie waren vor allem das homogenere, besser organisierte Heer mit der Erfahrung von zwei Feldzügen hinter sich. Für Expeditionen ins feindliche Ausland waren die Engländer zu gründlicher Planung und guter Ausbildung der Truppen gezwungen.

Aber selbst jetzt noch, vielleicht auch weil seine Berater gegensätzlicher Meinung waren, versuchte der Schwarze Prinz, nach Süden über die Straße nach Bordeaux zu entkommen. »Denn an jenem Tag«, so schrieb Chandos Herald später, »wünschte er den Kampf nicht, sondern wollte, das sage ich ehrlich, mit allen Mitteln die Schlacht ganz vermeiden.« Die Rückzugsbewegung eines Teils des zuerst abrückenden Trosses wurde aber durch die im Wind flatternden Wimpel der Vorhut verraten. Marschall d'Audrehem sah sie zuerst und rief: »Ha! Verfolgt sie! Greift an, ehe die Engländer uns verloren [146]sind!« Der nüchternere Clermont riet nach wie vor zur Umzingelung, was zu einem wütenden Streit zwischen den beiden Marschällen am Rand der Schlacht führte. D'Audrehem verdächtigte seinen Kameraden, »Furcht vor dem Anblick der Engländer zu haben«, und Clermont antwortete ihm mit einer angemessenen Beleidigung: »Ha, Maréchal, Ihr seid nicht so kühn, als daß Euer Roß nicht seine Nase im Arsch meines Rosses wiederfinden wird.« In dieser Uneinigkeit blies die berittene Speerspitze der französischen Armee zum Angriff. Der Schwarze Prinz sah die Vorbereitungen der Attacke und stoppte den begonnenen Rückzug. In einer feurigen Rede rief er seine Ritter auf, für den Anspruch ihres Königs auf die französische Krone zu kämpfen, für die Ehre des Sieges, für reiche Beute und unvergänglichen Ruhm. Er ermahnte sie, Gott zu vertrauen und den Befehlen zu gehorchen. Die Reiter d'Audrehems wurden von den Bogenschützen der Engländer eingedeckt und festgenagelt, während Clermont zusammen mit dem Constable von einem Pfeilhagel zurückgeschlagen wurde, der so dicht war, daß er den Himmel verfinsterte. Aus ihren von Fußsoldaten und abgesessenen Rittern geschützten Stellungen heraus zielten die Langbogenschützen auf ausdrücklichen Befehl des Grafen von Warwick auf die nicht gepanzerten Rümpfe der Pferde. Reihenweise brachen die Tiere unter ihren Reitern zusammen oder bäumten sich auf und richteten »unter ihren eigenen Herren ein großes Massaker an«. Es war eine Wiederholung der Panik von Crécy. Die gestürzten Ritter konnten weder ihre Pferde noch sich selbst wiederaufrichten. In dem nachfolgenden Handgemenge, unter dem Schlachtgeschrei und den Trompetensignalen, dem Brüllen der Verwundeten und dem Wiehern der verletzten Pferde, fielen Clermont und der Constable, wurde d'Audrehem gefangengenommen und der größte Teil der ausgesuchten Ritter getötet.

Schon rückte das Bataillon des Thronfolgers zu Fuß vor, in das Chaos hinein. In der ersten Linie war Karl zusammen mit seinen Brüdern, dem siebzehnjährigen Ludwig und dem sechzehnjährigen Johann. Behindert von den reiterlosen Pferden, nahm das Bataillon den Kampf Mann gegen Mann auf, kämpfte entschlossen mit den kurzen Lanzen, mit Streitaxt und Schwert. Aber die Soldaten hatten keinen kampferprobten Führer mehr, unter dem Kommando eines dem Chaos gegenüber hilflosen Knaben fielen sie zurück. Feindliches Triumphgeschrei begrüßte die Eroberung des Banners des Dauphins. Auf Befehl des Königs, der seine Söhne retten wollte, oder, wie später gesagt wurde, auf Anordnung der vier fürstlichen Beschützer des Thronfolgers zog sich der größere Teil des Bataillons vom Schlachtfeld zurück. Dabei brachen die zurückströmenden Männer in die Schlachtordnung des nachdrängenden Bataillons ein. Statt mit frischen Truppen den Druck auf die hartbedrängten Engländer zu erneuern, was vielleicht die Wende gebracht hätte, ließ sich das Bataillon des Herzogs von Orléans von der Panik anstecken, floh, ohne auch nur einen Schlag geführt zu haben, zu seinen wartenden Pferden zurück und [147]galoppierte in die Stadt. »Vorwärts!« befahl der König angesichts dieser Katastrophe. Mit fliegender »Oriflamme« marschierten er und sein jüngster Sohn, der vierzehnjährige Philipp, der spätere Herzog von Burgund, mit dem größten der drei Bataillone, die Ritter ungelenk in ihren eisernen »Kokons«, ins Kampfgetümmel. »O weh! Wir sind verloren!« schrie ein englischer Ritter, als er sie kommen sah. »Du lügst, elender Feigling«, grollte der Schwarze Prinz, »es ist Blasphemie, zu sagen, daß ich, solange ich lebe, geschlagen werde.« Beide Seiten stürzten sich mit der Wildheit der Verzweiflung in den Kampf. Nun, da die Köcher der Bogenschützen leer waren, stand die Schlacht noch einmal auf des Messers Schneide. In der Pause vor dem neuen französischen Angriff hatten einige Bogenschützen ihre Pfeile aus den Körpern der Toten und Verwundeten gezogen, andere waren dazu übergegangen, mit Messern und Steinschleudern zu kämpfen. Wäre die dritte französische Angriffswelle beritten gewesen, so hätte sie möglicherweise die Schlacht zu ihren Gunsten entscheiden können.

Die Schlacht ging in die siebente Stunde. Eine unübersehbare formationslose Masse von Kämpfern schlug aufeinander ein. Nur der Prinz und Chandos mit ihren Reserven behielten von ihrem Kommandostand auf dem Hügel aus den Überblick. Auf die wehende »Oriflamme« weisend, riet Chandos dem Prinzen, die königliche Einheit anzugreifen: »Sein Ehrgefühl wird es ihm nicht erlauben zu fliehen, er wird in unsere Hände fallen, und der Sieg ist unser.« Der Prinz befahl seinem französischen Verbündeten, dem Hauptmann de Buch, mit einer kleinen berittenen Streitmacht im Rücken der französischen Verbände anzugreifen, während er selbst die berittene Reserve und die Unverwundeten seines Bataillons zu einem Frontalangriff sammelte. Dies erwies sich als das schlachtentscheidende Manöver. »Ihr Herren, bickt auf mich! Mit Gottes Gnade denkt an den Angriff! Vorwärts im Namen Gottes und des heiligen Georg!« Die Trompeten erschollen, und ihr Echo wurde von den Stadtmauern des nahe gelegenen Poitiers zurückgeworfen, »so daß man glaubte, die Hügel hätten nach den Tälern gerufen und es hätte im Himmel gedonnert«. Der englische Angriff, zum größten Teil beritten, brach in die Einheit des französischen Königs ein wie »der wilde Keiler von Cornwall«. Die Schlacht erreichte ihren Höhepunkt, und keiner »war so unerschütterlich«, schrieb Chandos Herald, »daß sein Herz nicht erschrocken wäre«. »Aufgepaßt, Vater, zur Rechten! Achtung, zur Linken!« schrie Philipp unter den Schlägen der Feinde. Die Ritter verbissen sich in erbitterte Zweikämpfe – »jeder dachte an seine Ehre«. Unter dem Frontalangriff des Prinzen und mit den Reitern des Hauptmanns de Buch im Rücken kämpften die Franzosen in wilder Verzweiflung. Aus vielen Wunden blutend, wurde Geoffrey de Charny niedergeschlagen und getötet, die »Oriflamme« noch in den Händen. Die Garde des Königs, die ihn wie ein mächtiger Keil umgab, wankte unter dem Ansturm. »Einige, denen die Bäuche aufgeschlitzt worden waren, traten auf [148]ihre eigenen Gedärme, andere spuckten ihre ausgeschlagenen Zähne aus, einigen, die noch standen, wurde der Arm abgeschlagen. Die Sterbenden rollten im fremden Blut, die Gefallenen stöhnten, und die stolzen Geister, die ihre reglosen Körper verließen, seufzten schrecklich.« Unter der fliegenden Streitaxt des Königs häuften sich die Erschlagenen. Er hatte seinen Helm verloren und blutete aus zwei Wunden im Gesicht. »Ergebt Euch! Ergebt Euch!« schrien verschiedene Stimmen, »oder Ihr seid ein toter Mann!« Inmitten heiserer Schreie und wilden Kampfgetümmels schlug sich ein exilierter Franzose, Denis de Morbecque, wegen Mordes verbannt und nun in englischen Diensten, zum König durch und rief: »Sire, ich bin ein Ritter von Artois. Ergebt Euch mir, und ich bringe Euch zum Prinzen von Wales.« König Johann reichte ihm seinen Handschuh und ergab sich.


Nach dem Verlust des Königs löste sich das restliche französische Heer auf. Die, die konnten, flohen in die Mauern des nahe gelegenen Poitiers, um der Gefangennahme zu entkommen, wild verfolgt von Engländern und Gasconen, deren Beutegier die Erschöpfung besiegte. Noch unter den Stadtmauern von Poitiers versuchten sie, Gefangene zu machen. Einige der Franzosen drehten den Spieß um und nahmen ihre Verfolger gefangen.

Die Niederlage beraubte Frankreich der Führung. Außer dem König waren der Constable, beide Marschälle und der Träger der »Oriflamme« entweder gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Die Sieger hatten einen Erzbischof, dreizehn Grafen, fünf Vicomtes, einundzwanzig Barone und Bannerherren und zweitausend Ritter, Knappen und Reisige gefangengenommen. Zu viele, um sie mitzuführen. Die meisten wurden mit der Verpflichtung entlassen, bis Weihnachten ihr Lösegeld nach Bordeaux zu bringen.

Die Zahl der Getöteten betrug viele Tausend, allein 2426 entfielen auf den Adel. Daß diese Zahl der der Gefangenen entsprach oder sie noch überstieg, deutet auf die Härte des Kampfes, aber zum Unglück Frankreichs machten die, die geflohen waren, einen größeren Eindruck auf die Franzosen als die, die gekämpft und ihr Leben gelassen hatten. Die Grande Chronique bekennt offenherzig, daß Bataillone »schändlich und feige geflohen sind«, und die Chronique Normande schließt düster, »daß die Opfer dieser Schlacht nicht so groß waren wie die Schande«.

Das war die ruinöse Hinterlassenschaft von Poitiers. Von den Stadtmauern konnten die Bürger beobachten, wie die Kämpfer unrühmlich zurückwichen und hektisch flohen, und ihre Berichte verbreiteten sich in Frankreich. Der Rückzug des Bataillons des Herzogs von Orléans, der schließlich die Niederlage auslöste, ist kaum anders zu erklären, als daß die Unzufriedenheit mit dem König die Adligen kampfesunwillig gemacht hatte. Es gab sicherlich viele, die auf eine Niederlage des Königs hofften, und es bedurfte sicher nur weniger Schreie, um eine Panik auszulösen. Aber was auch immer der Grund gewesen [149]sein mag, das Ergebnis war ein tiefes Mißtrauen des Volkes gegen den Adelsstand und eine schwere Erschütterung des Glaubens an die Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft.

Der Widerwille des Volkes zeigte sich sehr schnell, als die Adligen zurückkehrten und versuchten, die von ihnen geforderten Lösegeldsummen einzutreiben. Sie wurden »von den Gemeinen so gehaßt und verachtet«, berichtet Froissart, daß es ihnen oftmals schwerfiel, Zutritt zu den Städten und sogar zu ihren eigenen Besitztümern zu erhalten. Bauern eines Dorfes in der Normandie, das dem Sire de Ferté-Fresnel gehörte, riefen, als sie ihren Herrn nur in Begleitung eines Knappen und eines Dieners, aber ohne sein Schwert vorbeireiten sahen: »Dies ist einer der Verräter, die vor dem Feind geflohen sind«, stürzten sich auf die drei Reiter, zerrten ihren Herrn vom Pferd und verprügelten ihn. Einige Tage später kehrte er, nun besser bewaffnet, zurück, um Rache zu nehmen, und tötete dabei einen Dorfbewohner. Obwohl dieser kleine Ausbruch schnell erstickt war: Er bedeutete nichts Gutes. Viele Adlige sahen sich bei ihrer Rückkehr Spott und Feindseligkeiten gegenüber und hatten Mühe, die traditionelle Hilfe der Bevölkerung beim Aufbringen von Lösegeldern zu erreichen. Um die nötigen Mittel herbeizuschaffen, waren viele gezwungen, ihr Mobiliar zu verkaufen oder ihre Leibeigenen gegen Bezahlung freizulassen. Eine erhebliche Anzahl von finanziell ruinierten Rittern war so ein Nebenprodukt der Schlacht von Poitiers.

Der Schrei »Verräter« war nicht nur eine lokale Erscheinung, sondern der hilflose Erklärungsversuch eines ganzen Volkes für das Unerklärliche. Es war die ewige Anklage der Verschwörung, eine mittelalterliche Dolchstoßlegende. Wie sonst hätten der mächtige König Frankreichs und die Heerscharen der französischen Ritterschaft von einer Handvoll »Bogenschützen und Straßenräuber« besiegt werden können, wenn nicht durch Verrat? Ein zeitgenössischer Spottvers, der »Die Klage über die Schlacht von Poitiers« genannt wurde, behauptete ausdrücklich:

Der sehr große Verrat, den sie lange verbargen,
wurde in jener Heerschar aufs klarste enthüllt.

Die »Klage« hatte für König Johann II. nur Lob, da er bis zuletzt neben seinem jungen Sohn gekämpft hatte. In der Volksmeinung wurde er zum Helden. Wie unfähig er als König und Heerführer auch immer gewesen sein mochte, seine persönliche Tapferkeit überstrahlte alles und wies Frankreich einen Weg, seine Ehre zurückzugewinnen.

Nachdem die Bürger von Poitiers die Leichen vor den Toren der Stadt begraben hatten, verordnete der Bürgermeister Trauer um den gefangenen König und verbot jede Feier oder Festlichkeit. In Languedoc untersagten die Generalstände für ein Jahr – solange der König nicht zurückgekehrt war –, Gold [150]oder Silber, Perlen oder Festkleider zu tragen. Der Thronfolger und seine Brüder wurden nicht in die allgemeine Anklage des Adels einbezogen, obwohl sie mit ihrem jüngeren Bruder Philipp zu ihrem Nachteil verglichen wurden. Karl wurde bei seiner Rückkehr nach Paris »ehrenvoll vom Volk begrüßt, voller Kummer über die Gefangennahme seines Vaters, des Königs«. Sie glaubten, so überliefert Jean de Venette, daß er irgendwie den Vater befreien würde, um so »das ganze Land Frankreich zu retten«.

Warum diese Flucht? Warum diese Niederlage? Villani in Italien erschien das außerordentliche Ereignis »unglaublich«. Von einer Reise zurückgekehrt und in Mailand über den Stand der Dinge informiert, war Petrarca nicht weniger erstaunt. Sogar die Engländer selbst hielten ihren Sieg für ein Wunder. Militärisch gesehen war die zahlenmäßige Überlegenheit der französischen Streitmacht durch eine unfähige Führung neutralisiert worden. Die zweitausend genuesischen Armbrustschützen kamen einigen Überlieferungen zufolge überhaupt nicht zum Einsatz, aber es gibt auch Quellen, die das Gegenteil behaupten. Die Ineffektivität der französischen Bogenschützen im Vergleich zu den englischen während des gesamten Jahrhunderts ist ein Rätsel. Dörfer und Städte in Frankreich hielten sich Einheiten von Bogenschützen, die noch durch zusätzliche Privilegien angespornt wurden, und die Männer von Beauvaisis in der Nachbarschaft der Picardie betrachteten sich als die besten Bogenschützen der Welt. Aber sie waren nie für eine effektive Zusaammenarbeit mit den Rittern und ihrem Gefolge ausgebildet worden, weil das französische Rittertum es hochmütig ablehnte, seine beherrschende Rolle auf dem Schlachtfeld mit Gemeinen zu teilen.

Auf der anderen Seite war der Ausgang der Schlacht ein Triumph der englischen Generalität, deren Können Erschöpfung und zahlenmäßige Unterlegenheit aufwog. Der Schwarze Prinz konnte Befehle geben, die auch befolgt wurden, und aufgrund seiner Führungsqualitäten konnte er sich auf seine Bataillonskommandeure verlassen und dadurch den Schlachtverlauf kontrollieren. Stets hielt er sich da auf, von wo er das Geschehen überblicken und die Truppenbewegungen dirigieren konnte, ihm dienten erfahrene und abgehärtete Soldaten, und er hatte zwei Grundbedingungen jedes Sieges auf seiner Seite: keine Rückzugsmöglichkeit und ein Wille, der seine Männer zum Letzten trieb. Als Befehlshaber war der Schwarze Prinz in den Worten Froissarts »mutig und grausam wie ein Löwe«.

Von den Anstrengungen der Schlacht erschöpft und darauf bedacht, seine königliche Geisel aus der Reichweite jedes Befreiungsversuches zu bringen, machte der Schwarze Prinz keinen weiteren Versuch, sich mit den Truppen Lancasters zu vereinigen. Er wandte sich vielmehr sofort nach Süden gen Bordeaux, einen gewaltigen Troß mit Beute hinter sich. Nachdem die französischen Adligen nach der Niederlage vom Dauphin entlassen worden waren, zerstreuten sie sich schnell, um ihren eigenen Besitz zu schützen. Niemand [151]raffte sich zu einem Befreiungsversuch auf dem langen Marsch der Engländer nach Bordeaux auf. Die Kardinäle folgten dem Prinzen, um erneut Friedensverhandlungen in Gang zu bringen. Während noch über die Bedingungen für einen Waffenstillstand verhandelt wurde, waren Gasconen und Engländer schon damit beschäftigt, darüber zu streiten, wer wen gefangengenommen hatte und für welchen Preis die Gefangenen freigelassen werden sollten. Dabei gab es viel böses Blut zwischen den Verbündeten; bald waren Beschwerden darüber zu hören, daß die Bogenschützen zu viele getötet hätten, die auch für ein Lösegeld hätten verkauft werden können. Als der Prinz beschloß, seinen königlichen Gefangenen nach England zu bringen, beanspruchten die Gasconen erzürnt einen Anteil an seinem Lösegeld und mußten durch die Zahlung von 100 000 Florin beschwichtigt werden, nachdem sie ein erstes Angebot von 60 000 Florin verschmäht hatten. Mit dem französischen König in ihren Händen waren die Engländer in der Lage, den Franzosen erdrückende Bedingungen zu diktieren. Aber obwohl die französischen Unterhändler selbst Gefangene waren und der Dauphin zu Hause mit den Ereignissen in Paris ausgelastet war, schreckten die Franzosen vor den harten englischen Forderungen zurück. Der Winter verging, ohne daß eine andere Vereinbarung getroffen worden wäre als ein erneuter zweijähriger Waffenstillstandsvertrag. Im Mai 1357, sieben Monate nach der Schlacht, brach der Schwarze Prinz mit König Johann und seinem Sohn nach London auf, während in Paris der dritte Stand in den Nachwehen der Niederlage nach der Macht griff.

 

[152]

Kapitel 7
Das enthauptete Frankreich:
Die Erhebung des Bürgers und die Jacquerie

Seit langem erbittert über die Anarchie der königlichen Finanzen und die Bestechlichkeit der Minister, versuchte der dritte Stand in Paris, angesichts der Enthauptung der Monarchie eine Form konstitutioneller Kontrolle durchzusetzen. Eine Generalversammlung der Stände, die einberufen wurde, um neue Mittel für die Verteidigung zu bewilligen, bot die Gelegenheit dazu. Sobald die achthundert Delegierten im Oktober in Paris versammelt waren, mußte der unerfahrene Dauphin, beschämt und verängstigt durch die Niederlage bei Poitiers, einen Bericht über den unrühmlichen Schlachtausgang geben und die Stände um Hilfsgelder bitten, um den König auszulösen und das Königreich zu verteidigen. Die Bürgerlichen, die Hauptgläubiger des Staates und an Zahl die Hälfte der Versammelten, hörten dem Kanzler des Königs, Pierre de la Forêt, der das Anliegen unterstützte, kühl zu. Zunächst wählten sie ein ständiges Komitee von achtzig Mitgliedern, in dem auch Adel und Klerus vertreten waren, und schickten dann die anderen Ständevertreter mit Dank nach Hause. Dann trat das Komitee der achtzig mit seinen Forderungen vor den Dauphin. Sie baten darum, ihn privat sprechen zu dürfen, denn sie glaubten, daß er ohne seine Ratgeber einfacher einzuschüchtern sein würde.

Die führende Gestalt unter ihnen, die der Motor der kommenden Erhebung werden sollte, war der Vorsteher der Kaufleute, Etienne Marcel, ein reicher Tuchhändler, dessen Amt dem eines Bürgermeisters von Paris ebenbürtig war. Marcel war der Sprecher der Stände gewesen, als sie 1355 ihr Mißtrauen gegenüber der königlichen Regierung öffentlich ausdrückten. Er vertrat die mächtigen Handelsmagnaten des dritten Standes, die Manufakturbesitzer und Geschäftsleute der mittelalterlichen Gesellschaft, die in den letzten zweihundert Jahren einen Einfluß, wenn auch nicht einen Status erreicht hatten, der dem der Prälaten und des Hochadels vergleichbar war.

Die erste Forderung, die er im Namen der Stände vortrug, war die Entlassung von sieben Ratgebern des Königs, deren Bestechlichkeit berüchtigt war. Ihr Eigentum sollte beschlagnahmt werden, und ihnen selbst sollte die Ausübung öffentlicher Ämter für immer verwehrt bleiben. An ihre Stelle sollte ein »Rat der achtundzwanzig« treten, der sich aus zwölf Adligen, zwölf Bürgern und vier Geistlichen zusammensetzte und durch die Stände ernannt wurde. Erst nach Einlösung dieser Forderungen waren die Stände bereit, bestimmten Steuern zur Finanzierung des Krieges zuzustimmen. Eine letzte Bedingung, [153]die sie besser nicht gestellt hätten, war, Karl von Navarra aus dem Gefängnis zu entlassen. Die Stände wollten ihn aus zwei Gründen befreien, einmal, weil er mit seinem politischen Potential Druck auf den Thronfolger ausüben konnte, und zum anderen hatte er einen Verbündeten unter ihnen, einen Intriganten wie er selbst und die graue Eminenz der Reformbewegung. Dies war Robert le Coq, Bischof von Laon, ein Geistlicher bürgerlicher Herkunft und von »gefährlicher« Beredsamkeit. Er hatte es durch Rechtskundigkeit bis zum Advokaten des Königs gebracht und war unter Johann II. sogar Mitglied des königlichen Rates geworden. Er besaß eine für die damalige Zeit umfangreiche Bibliothek von 76 Bänden, von denen 48 von zivilem und kanonischem Recht handelten – was sein Interesse an Regierungsproblemen widerspiegelte. Sieben Bände waren Sammlungen von Predigten, an denen er sich rhetorisch schulte. Er wollte Kanzler werden und haßte den König, weil der ihm dieses Amt nicht gab, und er haßte den amtierenden Kanzler, weil er es innehatte.

Der Dauphin Karl, so schwächlich er schien, besaß unter seinem kränklichen Äußeren einen harten Kern an Widerstandskraft und Intelligenz, die ihm unter diesen widrigen Umständen zu Hilfe kamen. Obwohl zu dieser Zeit noch nicht krank, war er blaß und dünn, hatte schmale, scharfe Augen, dünne Lippen, eine lange spitze Nase und einen unproportionierten Körper. Seine äußere Erscheinung war alles andere als die eines Lebemannes, und doch mußte er die beiden Bastarde, die man ihm zuschrieb, im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren gezeugt haben. Zum Krieg hatte er ebensowenig Begabung wie Lust, statt dessen widmete er sich geistiger Arbeit, was für die Herrschaft nützlich war, wenn auch ganz untypisch für einen Valois. Tatsächlich gab es auch Klatsch über seine Mutter (die sechzehn Jahre alt gewesen war, als sie den dreizehnjährigen Johann heiratete), Gerüchte, die andeuteten, daß ihr ältester Sohn gar kein Valois war. Sicher ist, daß er Johann nicht im geringsten ähnelte.

Ihm fiel in dem Chaos, das Poitiers hinterlassen hatte, die Aufgabe zu, die Interessen der Krone zu verteidigen. Auf Anraten der väterlichen Minister wies er die Forderungen der Stände zurück und erklärte sie für entlassen. Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme verließ er Paris. Das Komitee lehnte die Entlassung der Stände ab und versammelte sich am Tag nach seiner Abreise im November 1356, um eine flammende Ansprache Robert le Coqs zu hören, der die königliche Mißwirtschaft anprangerte und tiefgreifende Reformen forderte: »Schande über jeden, der jetzt zurückweicht«, rief er aus, »denn niemals war die Zeit so günstig wie heute!«

Damit war das Vorhaben, die Monarchie in ihrer Macht zu begrenzen, offen ausgesprochen. Schon kurz nach dieser Herausforderung aber wurde deutlich, daß sich die Stände selbst nicht einig waren. Die oberste Schicht des dritten Standes, die aus Händlern, Manufakturbesitzern, Rechtsanwälten, [154]Beamten und Hoflieferanten bestand, hatte mit der Arbeiterklasse nicht mehr gemeinsam, als daß beide nicht zum Adel gehörten. Diese soziale Schranke zu überschreiten war das Ziel jedes bürgerlichen Magnaten. Während er nach Adelstitel und Landbesitz strebte, ahmte er die Adligen in Kleidung, Verhalten und Wertvorstellungen nach. Hatte er sein Ziel erreicht, teilte er auch das adlige Vorrecht der Steuerfreiheit, keine geringe Vergünstigung.

Zwischen den bürgerlichen Hofbeamten und den Kaufleuten wie Etienne Marcel wiederum gab es ebenfalls wenige Gemeinsamkeiten, obwohl beide Gruppen an kapitalistischen Unternehmen beteiligt waren. Als der Kapitalismus durch die Banken und deren Kreditvergabe in der Staatswirtschaft an Bedeutung gewann, verlor er auch seine Anrüchigkeit. Die Theorie einer nicht auf Erwerb gerichteten Gesellschaft war längst brüchig geworden, und die Akkumulation von Mehrwert wurde nicht länger moralisch verurteilt. In der zeitgenössischen Satire Renart le Contrefait erfreuen sich die reichen Bürger eines sehr angenehmen Lebens: »Sie führen das Leben eines Adligen, tragen herrliche Gewänder, besitzen Jagdfalken und edle Pferde. Wenn die Vasallen aber in den Krieg ziehen, bleiben sie in ihren Betten; wenn die Vasallen in der Schlacht fallen, machen sie Picknick am Flußufer.«

Die führenden Bürger der Stadt wählten nun den Vorsteher der Kaufleute, Etienne Marcel, zum Oberhaupt der Stadtverwaltung, und er und seine Magistratskollegen übernahmen alle öffentlichen Aufgaben. Er befehligte auch die Polizei, die sich traditionell aus der Bürgerschaft rekrutierte. Marcels Amtssitz war das Châtelet, das gleichzeitig als Stadtgefängnis diente und am rechten Seineufer direkt an der Grand Pont lag, die als einzige Brücke auf die Ile-de-la-Cité führte.

Die Stadt, die Marcel damals zu regieren hatte, erstreckte sich etwa von den heutigen Grands Boulevards auf dem rechten Seineufer bis zum Jardin du Luxembourg auf dem linken und in Ost-West-Richtung von der Bastille bis zu den Tuilerien. Alles, was außerhalb dieses Gebietes lag, war Faubourg, das Land. Das Zentrum von Paris war die Ile-de-la-Cité inmitten der beiden Seinearme, wo sich die Kathedrale Notre-Dame, das Hôtel-Dieu (das öffentliche Krankenhaus) und der königliche Palast, der von Ludwig dem Heiligen erbaut worden war, befanden. Das rechte Flußufer, dessen Bebauung die alten Stadtgrenzen überschritten hatte, war die Seite des Handels, der Industrie, der großen Märkte und vornehmen Wohnsitze. Das linke Seineufer war weniger besiedelt und wurde von der Universität beherrscht. Einer Steuerübersicht aus dem Jahre 1292 zufolge hatte die Stadt damals 352 Straßen, elf große Kreuzungen, zehn Plätze, fünfzehn Kirchen und 15 000 Steuerzahler. Fünfzig Jahre später, zu den Zeiten Marcels, betrug die Gesamtbevölkerung nach der Pest etwa 75 000 Einwohner.

Die Hauptstraßen waren gepflastert und breit genug, um zwei Gefährte gleichzeitig passieren zu lassen, der Rest der Straßen war eng, schlammig und [155]übelriechend mit einem in der Mitte fließenden Abflußkanal. Für den Durchschnittsbürger war der normale Müllabladeplatz die Straßenmitte, und in den Unterschichtsvierteln lagen vor jeder Haustür Haufen von Unrat. Die Hausbesitzer hatten eigentlich die Pflicht, die Abfälle zu den Sammelgruben zu schaffen, und wurden durch Verordnungen immer wieder ermahnt, die Straße vor ihrem Haus sauberzuhalten.

Verkehrsstauungen verstopften die schmalen Straßen, wenn schwerbepackte Maultiere auf Träger trafen, die gebückt unter ihren Tragen mit Holz oder Holzkohle gingen. Die Schilder von Gasthäusern behinderten den Verkehr, denn sie hatten wie auch die Ladenschilder gigantische Ausmaße, weil man glaubte, damit die Käufer anlocken zu können, und weil es den Geschäftsinhabern verboten war, etwaige Kunden anzurufen, bis diese den benachbarten Laden verlassen hatten. Ein Zahnzieher machte durch einen Zahn in der Größe eines Lehnstuhls auf sich aufmerksam, ein Handschuhmacher mit einem Handschuh, an dem jeder Finger groß genug war, um ein Baby zu wärmen.

Die im Wind klappernden Ladenschilder wetteiferten im Lärm mit den Rufen der Straßenverkäufer, den Schreien der Maultiertreiber, dem Hufklappern der Pferde und den Stimmen der öffentlichen Ausrufer. Paris beschäftigte sechs Hauptausrufer, die vom Vorsteher ernannt wurden, jeder von ihnen hatte einige Assistenten, die zu den Kreuzungen und Plätzen der verschiedenen Viertel ausschwärmten, um ihre Nachrichten unter das Volk zu bringen. Offizielle Verlautbarungen wie über Steuerbestimmungen, Messen, Märkte und Festlichkeiten, aber auch privatere Angelegenheiten wie Hausverkäufe, vermißte Kinder, Heiraten, Beerdigungen, Geburten und Taufen wurden von ihnen ausgerufen. Wenn der Wein des Königs auf den Markt kam, gaben die Ausrufer auch das bekannt, und die Wirte mußten ihre Weinstuben schließen, damit jedermann zuerst den Wein des Königs kaufte.

Als Hauptstadt mit einer großen Universität beherbergte Paris eine turbulente Horde von Studenten aus ganz Europa. Sie waren privilegiert und nicht der örtlichen Gerichtsbarkeit unterstellt, sondern direkt dem König, was bedeutete, daß ihre Verbrechen und Verstöße meist straflos blieben. Sie lebten im Elend, zahlten hohe Miete für schmutzige Zimmer in schlechten Vierteln. Sie saßen auf hohen Hockern in kalten Hörsälen, die nur von zwei Kerzen erhellt waren. Die Studenten hatten einen schlechten Ruf. Klagen wegen ihrer ausschweifenden Lebensweise, wegen Vergewaltigung, Raub und »anderer Exzesse, die Gott zuwider sind«, häuften sich.

Obwohl Oxford als Zentrum intellektuellen Lebens wachsende Geltung genoß, war die Universität von Paris immer noch theologischer Schiedsrichter von Europa, und die Bibliotheken ihrer verschiedenen Fakultäten erhöhten ihren Ruhm. Hinzu kamen die großartige Bibliothek von Notre-Dame und nicht weniger als 28 Buchhändler, die offenen Buchstände nicht eingeschlossen. [156]Hier gab es »überfließende Quellen von Büchern«, schrieb ein hingerissener Besucher aus England, »welch ein mächtiger Strom an Vergnügen erfreute unser Herz, als wir Paris besuchten, das Paradies der Welt«.

Sonntags ruhte die Arbeit. Jedermann ging in die Kirche, und danach versammelten sich die einfachen Leute in den Weinhäusern, während die Bürgerfamilien in den Faubourgs spazierengingen. Hier standen die Häuser weniger dicht gedrängt und ließen für kleine Vorgärten Platz. Die Häuser selbst waren in dem neuen urbanen Stil gebaut, sie waren schmal und hoch. Die Hôtels der Adligen und der großen Kaufleute waren als Zugeständnis an den alten Baustil der Burgen noch von Mauern und Türmen umgeben.

Das Innere dieser Häuser war eher spärlich möbliert. Betten, die zugleich als Sitzmöbel dienten, waren das wichtigst Element. Der größte Luxus des Mittelstands waren die »französischen« Wandkamine, massive offene Feuerstellen, die neben dem Herd in der Küche und der Bettpfanne die einzige Wärmequelle darstellten. In bezug auf Heizung und sanitäre Einrichtung hätte das Jahrhundert seine technischen Möglichkeiten besser nutzen können, aber der Mensch ist irrational in seinen Gewohnheiten, auch wenn sie dem Komfort entgegenstehen. Pelzdecken, fellgefütterte Jacken, dicke Unterkleidung und Gewänder ersetzten Öfen und Kamine.

Die Fußböden wurden im Sommer mit duftenden Kräutern bestreut und im Winter mit Stroh, das in reichen Häusern öfter, in den armen nur einmal im Jahr gewechselt wurde. Im Laufe der Zeit wurde es dreckig, war schließlich voller Flöhe, Abfall und Hundekot. Die Diener wohnten im Haus und hatten selbst in großen Häusern keine eigenen Zimmer oder Kammern, sie schliefen, wo sie konnten. Private Räume gab es nicht, was die Gereiztheit der Menschen gesteigert haben mag. Ob das die Verführung der Frauen erleichterte oder erschwerte, ist eine offene Frage. Die beiden Studenten in Chaucers Erzählung des Vogts konnten die Gunst der Müllerin und ihrer Tochter ungehindert genießen, weil sie mit der ganzen Familie des Müllers in einem Zimmer schliefen. Auch in größeren Häusern schliefen die Gäste mit dem Gastgeber und seiner Frau in einem Raum.


Diesen dritten Stand vom ärmsten Arbeiter bis zum reichsten Kaufmann versuchte der Vorsteher Marcel in seinem Kampf gegen den Dauphin zu mobilisieren. Er drohte mit Streiks und Gewalt. Als der Thronfolger versuchte, durch eine erneute Münzverschlechterung Geld aufzubringen, und dadurch den Volkszorn auf sich zog, »rief der Vorsteher alle Gilden und Zünfte der gesamten Stadt auf, die Arbeit einzustellen und sich zu bewaffnen«. Der Dauphin war gezwungen, seine Edikte zurückzunehmen. Da er keine Geldmittel mehr hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Paris zurückzukehren und die Stände erneut einzuberufen.

Bei dieser Sitzung, die einen Monat von Februar bis März 1357 dauerte, [157]wurden alle geforderten Reformen schriftlich in der »Großen Verfügung« von 61 Artikeln vorgelegt – der Magna Charta des dritten Standes. Die Verfügung war französisch und nicht lateinisch abgefaßt, wie um zu bekräftigen, daß sich hier eine neue Stimme erhob. In ihr wurde das Idealbild einer »guten Regierung« entworfen, und es schien, als solle Lorenzettis wunderbare Vision in Erfüllung gehen, die er ein paar Jahre vorher in Siena gemalt hatte. Das Gemälde zeigt eine Stadt, in der wohlgekleidete Bürger friedlich ihren Geschäften nachgehen und bewaffnete Reiter ihnen in Achtung und Wohlwollen begegnen. In einer Zeit der Wirren versuchte die »Große Verfügung«, eine solche Ordnung und Sittlichkeit zu etablieren.

Die Verfasser hatten keine grundsätzliche Neuordnung des Regierungssystems entworfen, sondern nur versucht, der bestehenden Mißwirtschaft Abhilfe zu schaffen. Dabei hatten sich drei grundsätzliche politische Forderungen ergeben. Die Krone durfte erstens keine Steuern ohne die Zustimmung der Stände erheben, zweitens sollten sich die Generalstände in regelmäßigen Abständen nach ihrem eigenen Gutdünken versammeln dürfen, und schließlich sollte ein »Großer Rat der Sechsunddreißig« – zwölf aus jedem Stand – von der Ständeversammlung gewählt werden, um die Krone zu beraten.

Die Säuberung unter König Johanns Räten wurde bestätigt, und die Mitglieder des neuen Großen Rates »wurden beschworen, nicht die Gewohnheiten ihrer Vorgänger anzunehmen und spät zur Arbeit zu erscheinen und nur wenig zu arbeiten«. Jeder Regierungsbeamte war verpflichtet, bei »Sonnenaufgang an der Arbeit zu sein«. Sie sollten gut bezahlt werden, aber ihren Lohn verlieren, wenn sie nicht pünktlich ihren Aufgaben nachkämen. Es sollte von nun an keine Währungsänderung mehr vorgenommen werden, ohne daß die Stände ihre Zustimmung gaben, die Ausgaben des Königshauses sollten beschränkt werden, im Parlament sollten Rechtsfragen beschleunigt behandelt werden, Beamten sollte es verboten werden, zwei Ämter gleichzeitig innezuhaben oder zusätzlich Handel zu treiben; eine Einberufung zum Waffendienst sollte nur noch unter ganz bestimmten Bedingungen möglich sein, Adlige durften das Land nicht ohne besondere Erlaubnis verlassen, und Privatfehden wurden streng untersagt. Die Fürsorge für die Armen sollte erheblich erweitert werden, Vermögen sollte nur noch unter gesetzlich geregelten Bedingungen beschlagnahmt werden dürfen. Das Recht der Dorfbewohner, sich gegen Räuberei und Gewalt zu bewaffnen, wurde bestätigt. Schließlich entschied die Ständeversammlung noch, daß eine Zusatzsteuer erhoben werden sollte, die es ermöglichte, dreißigtausend Soldaten ein Jahr lang zu bezahlen, aber die Gelder sollten nicht von der Krone, sondern von den Ständen verwaltet werden.

Unwillig und zaudernd verweigerte der Dauphin seine Unterschrift, bis er sich schließlich durch Marcel einschüchtern ließ, der jeden Tag größere Volksmengen auf die Straße brachte, die »Zu den Waffen!« riefen. Unter diesem [158]Druck leistete der Dauphin schließlich als »Regent« seine Unterschrift, ein Titel, den ihm die Stände aufgedrängt hatten, damit er im Namen der Monarchie sprechen konnte. Der neugegründete »Rat der Sechsunddreißig« nahm seine Geschäfte auf, während die entlassenen Mitglieder des alten Rats nach Bordeaux eilten, um König Johann zu informieren. Kurz bevor er nach London gebracht wurde, erklärte der König die Unterschrift seines Sohnes und die ganze Verordnung für nichtig.

Während des Sommers des Jahres 1357 waren weder der Dauphin noch der neue Rat in der Lage, effektiv zu regieren. Beide suchten die Unterstützung der Provinzen. Auf einer königlichen Inspektionsreise durch das Land, die beweisen sollte, daß die Monarchie noch Macht ausübte, hatte Karl in dieser Hinsicht mehr Erfolg als Marcel. Als die Stände sich im April 1358 erneut versammelten, waren nur wenige Adlige anwesend. Es war deutlich, daß der Adel gegen die »Große Verfügung« war und der Ständeversammlung seine Unterstützung entzog. Die Reformbewegung war damit in tiefen Schwierigkeiten. Außerhalb von Paris erreichte der Zusammenbruch aller Autorität das Ausmaß einer Katastrophe.


Katalysator dieser Entwicklung war das Brigantentum. Die Kriegszüge der letzten fünfzehn Jahre hatten räuberische Militäreinheiten hinterlassen, die »Kompanien«, »die Unheil über den Busen der Erde schreiben« und zur Plage dieser Epoche wurden. Es waren zusammengewürfelte Haufen aus Engländern, Gasconen und Walisern, die nach der Schlacht von Poitiers aus der Armee des Schwarzen Prinzen entlassen worden waren. Sie hatten in den Feldzügen des Prinzen Geschmack an der Leichtigkeit gefunden, mit der durch Raub und Plünderung Beute gemacht werden konnte. Zusammen mit deutschen Söldnern und französischen Abenteurern hatten sie sich in Gruppen von zwanzig oder fünfzig Männern um einen Anführer gesammelt und zogen nach Norden, um in dem Gebiet zwischen der Seine und der Loire, zwischen Paris und der Küste zu operieren. Nach dem Waffenstillstand von Bordeaux kamen noch die Truppen Philipps von Navarra und Überbleibsel der Streitmacht des Herzogs von Lancaster hinzu. Der Refrain der Chroniken arser et piller (brennend und plündernd) folgt ihrer Spur durch das Jahrhundert.

Die Abwesenheit des Königs und der Tod so vieler Adliger erleichterte ihnen die blutige Arbeit. In dem Jahr nach dem Waffenstillstand schwollen sie an, vereinigten, organisierten und verbreiteten sie sich. Sie eroberten Burgen und nutzten sie als Ausgangsbasis, um Reisenden ein Wegegeld abpressen und die Gegend ausräubern zu können. Reichen Dörfern verlangten sie Lösegeld ab, die armen brannten sie nieder. Sie raubten Klöster und Abteien aus, plünderten die Scheunen der Bauern, töteten und folterten die, die ihre Güter versteckten oder Lösegelder verweigerten, und verschonten auch Geistliche [159]und Alte nicht. Sie vergewaltigten Jungfrauen, Nonnen und Mütter, entführten Frauen und zwangen Männer in ihre Dienste. Hemmungsloser geworden, gingen sie dazu über, willkürlich Ernte und Gerät zu verbrennen, Gärten und Weinberge zu zerstören und so das zu vernichten, wovon sie lebten. Diese Ausschreitungen sind nur als ein Fieber dieser Zeit oder als Übertreibung der Chronisten erklärlich.

Solche Horden hatte es seit dem 12. Jahrhundert gegeben. Sie waren am verbreitetsten in Italien, wo die Adligen urbaner als anderswo waren und den Waffendienst zunehmend Söldnern überlassen hatten. Unter der Führung von berufsmäßigen Hauptleuten wuchsen diese Kompanien manchmal zu regelrechten Armeen von zwei- bis dreitausend Leuten heran, die sich aus Exilierten, Gesetzlosen, landlosen und bankrotten Abenteurern, aus Deutschen, Burgundern, Italienern, Katalanen, Flamen, Franzosen und Schweizern zusammensetzten. In der Mitte des Jahrhunderts war der herausragende Hauptmann in Italien ein abgefallener Prior der Ritter des heiligen Johannes mit Namen Fra Monreale. Er unterhielt einen eigenen Rat, Sekretäre, Buchhalter, Feldrichter und einen Henker, er forderte und bekam 150 000 Goldflorin von Venedig für einen Feldzug gegen Mailand. In einem einzigen Jahr, 1353, preßte er Rimini 50 000, Florenz 25 000 und Pisa und Siena je 16 000 Goldflorin ab. Der Revolutionär Cola di Rienzi, der ihm seinen Reichtum abnehmen wollte, lud ihn nach Rom ein. Als Monreale in seiner Selbstüberschätzung allein kam, wurde er ergriffen, vor ein Gericht gestellt und als Räuber hingerichtet. Prächtig in einem braunen, mit Gold verzierten Samtmantel betrat er das Schafott und ließ seinen Leibarzt die Axt des Henkers anleiten. Bis zuletzt zeigte er sich ohne Reue und bestand auf seinem Recht, »sich mit dem Schwert einen Weg durch eine falsche und elende Welt zu schlagen«.

Der sozial zerstörerischste Aspekt der Kompanien war, daß sie, da es keine regulären Armeen gab, ein Bedürfnis erfüllten und so nach und nach akzeptiert wurden. Als Philipp VI. erfuhr, wie gekonnt ein Hauptmann, der einfach unter dem Namen Bacon bekannt war, eine Burg überrascht und erobert hatte, kaufte er dessen Dienste für 20 000 Kronen und machte ihn zu seinem »Waffenmeister«. Ein anderer namens Croquart, der als »armer Page« in den bretonischen Kriegen begann, stieg durch seine Tapferkeit zu einem Hauptmann der Kompanien auf; sein militärischer Ruf war so groß, daß er auserwählt wurde, auf englischer Seite am berühmten Kampf der dreißig teilzunehmen. König Johann bot ihm danach die Erhebung in den Ritterstand an, eine reiche Frau und eine jährliche Zahlung von 2 000 Pfund, wenn er in seine Dienste eintreten würde. Croquart zog die Unabhängigkeit vor und lehnte ab.

Eher Briganten als Söldner, zogen die Kompanien in Frankreich zunächst fast durchweg englische, bald aber auch französische Ritter an, die nach den Lösegeldzahlungen von Poitiers ruiniert waren und nun an der Verwüstung des eigenen Landes teilnahmen. Ritter aus dem niederen Adel, jüngere Söhne [160]und Bastarde liefen als Führer zu den Briganten über und fanden in ihrer Gesellschaft ein Auskommen, eine Aufstiegsmöglichkeit und ein Ventil für die ruhelose Aggression, die einst von den Kreuzzügen aufgefangen worden war.

Der berüchtigtste der französischen Briganten war Arnaut de Cervole, ein Adliger aus Périgord, der wegen eines früheren kirchlichen Lehens von den Seinen der »Erzpriester« genannt wurde. Bei Poitiers verwundet und gefangengenommen, kam er durch ein Lösegeld frei und schwang sich nach seiner Rückkehr nach Frankreich in den anarchischen ersten Monaten des Jahres 1357 zum Hauptmann einer Kompanie auf, die sich freimütig Società dell'Acquisito nannte. In Zusammenarbeit mit einem Adligen der Provence, Raimond des Baux, entwickelte sich die Bande zu einem Heer von zweitausen Mann und der »Erzpriester« zu einem der größten Missetäter seiner Zeit. Während eines seiner Streifzüge durch die Provence fühlte sich Papst Innozenz VI. in Avignon so unsicher, daß er mit ihm im vorhinein um Immunität verhandelte. Cervole wurde in den Papstpalast geladen und »mit einem Zuvorkommen begrüßt, als ob er der Sohn des Königs von Frankreich wäre«. Nach mehreren Diners mit dem Papst und den Kardinälen wurden ihm alle Sünden vergeben und die Summe von 40 000 Écus bezahlt, damit er die Gegend verließ.

In der Anarchie der Zeit nach Poitiers waren Ritter und Briganten nicht mehr voneinander zu unterscheiden, was dem Ritterstand zusätzlichen Volkszorn zuzog, nicht aber Mißbilligung untereinander. Der »junge, kühne und amouröse« Eustache de Aubrecicourt, ein Ritter aus Hainault und Begleiter des Schwarzen Prinzen bei Poitiers, wurde mit solchem Elan und materiellem Erfolg Brigant, daß sich die verwitwete Gräfin von Kent, eine Nichte der Königin von England, in ihn verliebte. Sie sandte ihm Pferde, Geschenke und leidenschaftliche Liebesbriefe, die ihn zu immer kühneren, wenn auch kaum ritterlicheren Taten anspornten. Er hielt die ganze Champagne und einen Teil der Picardie in seinem erbarmungslosen Griff, bis er gefangengenommen wurde, als sich die französischen Ritter der Gegend endlich zur Verteidigung zusammengeschlossen hatten. Genauso geldgierig wie er ließen sie ihn aber für ein Lösegeld von 22 000 Goldfranken wieder frei, so daß er unmittelbar darauf seinen Krieg erneuern konnte. Als Befehlshaber von zweitausend Freibeutern eröffnete er einen Handel mit eroberten Burgen, die er an ihre rechtmäßigen Besitzer teuer zurückverkaufte. Weder den Rittern des 14. Jahrhunderts noch der Gräfin Isabella von Kent scheint sein Rauben, Plündern und Morden unehrenhaft vorgekommen zu sein, denn sie heiratete ihren inzwischen reichen Helden im Jahre 1360.

Aufgrund der französischen Beschwerden, daß die englischen Kompanien den Waffenstillstand fortgesetzt verletzten, befahl ihnen König Eduard, sich aufzulösen, aber dieser Befehl war so wenig ernst gemeint, wie er ernst genommen wurde. Da die Friedensverhandlungen noch nicht abgeschlossen waren, [161]kam der Druck, den die Briganten auf Frankreich ausübten, dem englischen König entgegen. Karl von Navarra war nicht weniger abgeneigt, weiteren Streit zu entfachen. Obwohl er noch immer im Gefängnis saß, hatte er Helfer, darunter seinen Bruder Philipp, die seine Belange betrieben. Wo sich die Truppen aus Navarra mit den englischen verbanden, waren die Verwüstungen am schlimmsten, bewußt, wie nicht wenige glaubten, als ein Mittel, Karls Freilassung zu erzwingen.

Zur Abwehr der Kompanien verwandelten die Dorfbewohner ihre steinernen Kirchen in Festungen, indem sie sie mit Gräben umgaben, die Glockentürme mit Wächtern besetzten und Steine bereitlegten, um sie auf die Angreifer hinunterwerfen zu können. »Die Kirchenglocken riefen die Menschen nicht mehr auf, Gott zu preisen, sondern Schutz vor dem Feind zu suchen.« Bauernfamilien, die nicht in Reichweite einer befestigten Kirche lebten, verbrachten die Nächte mit ihrem Vieh auf den zahlreichen Inseln der Loire oder auf einem Boot in der Mitte des Flusses. In der Picardie suchten sie in Höhlen Zuflucht, die noch aus der Zeit der Normannenkriege stammten. Ausgestattet mit einer Quelle und einigen Luftlöchern, boten die Höhlen zwanzig bis dreißig Personen samt ihrem Vieh Schutz.

Bei Anbruch des Tages prüften die Wächter vom Kirchturm aus, ob die Banditen abgezogen waren und die Bauern auf ihre Felder zurückkehren konnten. Viele Familien zogen mit ihrem Besitz vom Land in die befestigten Städte, Mönche und Nonnen verließen ihre Klöster, Straßen und Wege waren unsicher, überall entstanden Räuberbanden, das ganze Land war voller Feinde. »Was soll ich noch sagen?« schreibt Jean de Venette in seinem Katalog des Elends. »Von da an befiel das französische Volk unendlicher Schaden, Unheil und Gefahr, weil es keine gute Regierung gab und keine wirkungsvolle Verteidigung.« Jean de Venette, ein Karmeliterprior und Oberhaupt des Ordens in den 1360er Jahren, war auf seiten des dritten Standes, als er seine Chronik schrieb. Er klagte den Regenten an, kein »Heilmittel anzuwenden«, und warf den Adligen vor, »alle anderen zu verachten und zu hassen und nicht an den wechselseitigen Nutzen von Herr und Gemeinen zu denken«.

Nach Venette trugen die Adligen auch die Schuld daran, daß die Generalstände in sich zerfallen waren und daher die selbstgestellten Aufgaben nicht erfüllten. »Von dieser Zeit an geriet das Königreich aus den Fugen, und der Staat war vernichtet…Das ganze Land Frankreich begann, Verwirrung und Trauer anzulegen wie ein Gewand, weil es keinen Beschützer hatte.« Kummer und Zorn erfüllten auch eine lateinisch geschriebene Polemik, die »Der tragische Bericht vom elenden Zustand des französischen Königreiches« genannt wurde und von einem unbekannten Benediktinermönch verfaßt war. Beschämt über das einstmals stolze Frankreich, das seinen König im Herzen des Landes gefangennehmen und davonführen ließ, ohne einzugreifen, stellte er die kritische Frage nach der militärischen Disziplin. »Wo habt ihr die Kriegskunst [162]gelernt? Wer waren eure Lehrer? Wo habt ihr eure Lehrzeit verbracht?« fragte er die Ritter. »War es, als ihr unter dem Banner der Venus gekämpft habt, als ihr Süße wie Milch eingesaugt habt, dem Vergnügen ergeben…«, und so weiter, bis er plötzlich mit der praktischen Frage schließt: »Kann die Kriegskunst in den Spielen und Jagden erlernt werden, mit denen ihr eure Jugend verbringt?«

Der Mönch hat auch harte Worte für die einfachen Leute, »deren Gott ihr Bauch ist und die Sklaven ihrer Weiber sind«, und für die Geistlichkeit, der er die schlimmste Beschimpfung zukommen läßt. Die Männer der Kirche versinken in Luxus, Völlerei, Pomp, Ehrgeiz, Zwietracht, Neid, Gier und Streitsucht und in Säcken von Silber und Gold. Die Tugenden sterben, die Laster triumphieren, die Ehrlichkeit verschwindet, das Mitleid erstickt, die Habsucht verbreitet sich, das Chaos obsiegt, und die Ordnung verschwindet.

War das nun nur eine der traditionellen mönchischen Tiraden gegen diese Welt, oder zeigte sich hier ein tiefer Pessimismus, der die zweite Hälfte des Jahrhunderts zu verdunkeln beginnt?


Eine Freilassung König Johanns war noch immer nicht in Sicht. Eduard behandelte seinen königlichen Gefangenen mit aller Ehrerbietung, aber er war entschlossen, aus seinem Triumph das größtmögliche Kapital zu schlagen und Frankreich jeden Fetzen Land und jeden Franken abzupressen, den es für seinen König hergeben würde. Der große König Frankreichs, gefangen auf dem Schlachtfeld von Poitiers, war ein wahrhaft ungewöhnliches Unterpfand. Der Einzug des französischen Königs als Gefangener des Schwarzen Prinzen in London wurde zum Anlaß einer der größten Feiern, die England je gesehen hatte. Die Neugier des Volkes war so groß, daß der Zug mehrere Stunden brauchte, um die Stadt auf dem Weg zum Westminsterpalast zu durchqueren. Im Zentrum des Interesses stand König Johann, »der wie ein Diakon oder Schreiber ganz in Schwarz gekleidet« auf einem weißen Pferd neben dem Schwarzen Prinzen einherritt. An den Häusern hingen erbeutete Schilde und Teppiche, und das Kopfsteinpflaster war mit Rosenblättern bestreut, als die Prozession sich an phantasievollen Prunkbildern vorbeibewegte, die eine Leidenschaft der Zeit waren. In zwölf vergoldeten Käfigen hatten Londons Goldschmiede zwölf junge Mädchen die Straße entlang aufgestellt, die mit Gold und Silber verzierte Blumen auf die Reiter warfen.

Die Sensation eines so edlen Gefangenen erhöhte den ritterlichen Rang des englischen Hofes. Weihnachten und Neujahr wurden mit besonderem Aufwand und einem glänzenden Turnier bei Nacht im Schein von Fackeln begangen. König Johann war im Savoypalast untergebracht, dem neuen Wohnsitz des Herzogs von Lancaster. Er war frei, Besuch aus Frankreich zu empfangen und alle Annehmlichkeiten höfischen Lebens zu genießen, mußte sich allerdings eine Wache gefallen lassen. Languedoc sandte eine Delegation von Bürgern [163]und Adligen, die 10 000 Goldflorin und die Versicherung überbrachten, daß ihr Hab und Gut Seiner Majestät zur Verfügung ständen. Sogar Laon und Amiens schickten Geld. Die Mystik des Königtums wirkte stark in den Untertanen – stärker als die Verantwortung der Krone in diesem König.

In jener dunklen Stunde Frankreichs finden sich in Johanns Buchführung Ausgaben für Pferde, Hunde, Jagdfalken, ein Schachspiel, eine Orgel, eine Harfe, eine Uhr, ein rehbraunes Reitpferd, Wildbret und Walfleisch aus Brügge, teure Kleidung für seinen Sohn Philipp und seinen Lieblingsnarren, der verschiedene hermelinbesetzte und goldgeschmückte Hüte erhielt. Johann unterhielt einen Astrologen, einen »Sängerkönig« samt Orchester, inszenierte Hahnenkämpfe, ließ Bücher kostbar binden und verkaufte Wein und Pferde, die er von der Languedoc als Geschenk erhalten hatte. Der Erfolg dieses Unternehmens verleitete ihn dazu, mehr von beidem aus Toulouse zu importieren und einen schwunghaften Handel in Gang zu bringen. Als Jules Michelet, Frankreichs lebhaftester, wenn auch nicht objektivster Historiker, fünfhundert Jahre später die Abrechnungen des Königs aus dieser Zeit las, sagte er, sie machten ihn krank. Die Verhandlungen um das Lösegeld des Königs und einen langfristigen Friedensvertrag scheiterten an Eduards maßlosen Forderungen. Er verlangte die Abtretung Aquitaniens, Calais' und aller früheren Besitztümer der Plantagenets in Frankreich, dazu die unvorstellbare Summe von 3 Millionen Écus als Lösegeld für Johann. Als Gegenleistung wollte er seinen Anspruch auf die französische Königskrone aufgeben. Unter dem Druck der päpstlichen Legaten schleppten sich die Verhandlungen dahin, eine demütigende Qual für die französischen Unterhändler. Die einzige Möglichkeit, die sie nicht in Erwägung zogen, war die, den König nicht freizukaufen und nach Hause zu gehen, denn das hätte bedeutet, daß es keinen Friedensvertrag gab – und das geschlagene Frankreich brauchte nichts dringender als den Frieden. Vor allem aber war der König ein unverzichtbarer Ordnungsfaktor. Seit den Tagen Ludwigs des Heiligen, die mit königlicher Autorität die Privatfehden unterdrückt, dem Recht Nachdruck verliehen und die Steuern gleichmäßig verteilt hatte, war die Krone in der öffentlichen Meinung identisch mit Sicherheit und Ordnung. Alle Rückfälle seiner Nachfolger hatten nicht vermocht, das Königtum in Verruf zu bringen, und Johann, sein unwürdiger Repräsentant, wurde herbeigesehnt, als ob er der heilige Ludwig selbst wäre.


Die französischen Provinzen, die glaubten, daß ihre letzte Hoffnung im Kampf gegen die großen Kompanien die Macht des Königs sei, wollten die Monarchie um keinen Preis schwächen. Im August 1357 fühlte sich der Dauphin stark genug, die Räte in ihr Amt zurückzuholen und Marcel wissen zu lassen, daß er von nun an gewillt sei, ohne Mitsprache des »Rates der Sechsunddreißig« zu regieren. Marcel, zum Äußersten getrieben, verband sich daraufhin mit einem Mann, dessen Ziele seinen Absichten völlig zuwiderliefen.

[164]Direkt aus dem Gefängnis in Cambrai trat Karl von Navarra in das Chaos des November 1357. Hinter seiner Befreiung standen Marcel und Robert le Coq. Navarra sollte einen Gegenkönig im Kampf gegen die Valois abgeben. In »grandioser Begleitung« von Adligen aus der Picardie und der Normandie zog er in die Hauptstadt ein. Unter ihnen war »Monseigneur de Coussi«. Enguerrand hatte mit seinen siebzehn Jahren den Treueeid seiner Vasallen entgegengenommen und war jetzt der anerkannte Herr von Coucy. Wahrscheinlich teilte er die Unmutsgefühle der Adligen aus dem Norden Frankreichs gegen die Valois und war so unter die Anhängerschaft von Karl von Navarra geraten. Sein bemerkenswertes politisches Gespür, das er sein ganzes Leben hindurch unter Beweis stellen sollte, hielt ihn allerdings davon ab, sich längere Zeit an Karl von Navarra zu binden.

Mit wunderbarer Beredtheit hielt Karl eine »mit viel Gift gewürzte« Ansprache vor einer großen Menge von Pariser Bürgern, in der er seinen Anspruch auf die französische Königskrone erwähnte, aber nicht betonte. Er sagte lediglich, daß sein Anspruch besser begründet sei als der König Eduards. Diese Herausforderung zwang den Dauphin, nach Paris zu kommen und eine Versammlung der Stände einzuberufen. Nachdem er in kürzester Zeit »zweitausend« Reisige im Louvre versammelt hatte, wandte auch er sich an das Volk. Er sandte Boten durch die Stadt, um die Bürger zu versammeln, und hielt am 11. Januar 1358 vom Rücken seines Pferdes eine Ansprache, die die Volksgunst im Handumdrehen zu seinen Gunsten umschlagen ließ. Ein Stellvertreter Marcels, der seine Stimme gegen den Königssohn erhob, wurde niedergeschrien.

Die Menschen dieser Zeit waren für das gesprochene Wort außerordentlich empfänglich, und jeder Marc Anton konnte die leichte Erregbarkeit der Zuhörerschaft ausnutzen. Man hörte damals stundenlang im Freien die Predigten großer Kirchenmänner an und betrachtete sie als eine Art populärer Unterhaltung.

Vom Erfolg des Dauphins aufgeschreckt, griff Marcel auf nackte Gewalt ganz im Stil des Karl von Navarra zurück. Anlaß war der Tod des Bürgers Perrin Marc, der den Schatzmeister des Dauphin ermordet hatte und vom Marschall des Hofes gewaltsam aus dem Asyl in einer Kirche geholt und erhängt wurde. Marcel versammelte dreitausend Handwerker und Händler, die bewaffnet waren und die rotblauen Mützen der Volkspartei trugen, und marschierte an ihrer Spitze zum Königspalast. Auf der Straße begegneten sie Regnaut d'Acy, einem königlichen Rat, begrüßten ihn mit dem Ruf »Tod!« und erschlugen ihn auf der Stelle.

Als sie den Palast erreichten, suchte Marcel mit einem Teil seiner Begleiter den König in seinem Zimmer auf, wo sie, während Marcel vorgab, den Prinzen zu schützen, die beiden Marschälle des Dauphins vor dessen Augen erschlugen. Der eine von ihnen war Jean de Clermont, ein Sohn des bei Poitiers [165]getöteten Marschalls, der andere war Jean de Conflans, Sire de Dampierre, ein früherer Abgeordneter der Stände, der die Reformpartei verlassen hatte und zum Dauphin übergelaufen war. Jede bebilderte Chronik der Zeit zeigt die Szene: Finster dreinschauende Männer mit gezückten Schwertern, der erschrockene Dauphin, der auf seinem Bett kauert, die blutigen Leichen der Marschälle zu seinen Füßen.

Die Leichen wurden in den Palasthof geschleppt und dort zur Schau gestellt, während Marcel zur Place de Grêve eilte, wo er von einem Fenster aus eine Ansprache an das Volk hielt, das er aufforderte, seine Tat zu sanktionieren. Es sei zum Wohle des Königreiches geschehen, sagte er, um die »falschen, verderbten und verräterischen Ritter« zu entfernen. Mit einstimmigem Jubelgeschrei begrüßte der Mob den Anschlag und versprach dem Vorsteher Gefolgschaft »auf Leben und Tod«. Sofort kehrte Marcel zum Palast zurück, um dem Dauphin jene ewige Rechtfertigung zu präsentieren: sein Vorgehen sei der »Wille des Volkes«. Um seine Einigkeit mit dem Volk zu demonstrieren, solle der Prinz die Tat gutheißen und allen Beteiligten Straffreiheit zusichern. »Bekümmert und erschüttert« erkannte der Prinz die Warnung, die die Leichen im Hof seines Palastes beredt ausdrückten. Er bat den Vorsteher, dem Volk von Paris zu sagen, daß es sein Freund sein möge, wie er Freund des Volkes sein wolle, und empfing aus Marcels Händen roten und blauen Stoff, um daraus für sich und seine Offiziere Mützen in den Farben der Volkspartei machen zu lassen.

Der schreckliche Anschlag, der im Grunde auf ihn selbst zielte, sollte den Dauphin so weit einschüchtern, daß er der Herrschaft des Rats der Stände zustimmte. Statt dessen härtete er den Willen unter der trügerischen Schwäche, die der Prinz nach außen zeigte. Aber alles, was er zunächst tun konnte, war, seine Familie in die Sicherheit der nahe gelegenen Festung Meaux an der Marne zu schicken und selbst seinen Wohnsitz nach Senlis zu verlegen. Nun, da Gewalt gegen die Krone und gegen den Adel in Gestalt der beiden Marschälle angewendet worden war, weitete sich der Konflikt von einer politischen Auseinandersetzung in einen offenen Kampf aus. Die Ausgangslage aber war entscheidend verändert: Der Mord an den beiden Marschällen kostete Marcel auch die letzte Unterstützung der Reformen von seiten des Adels. Die Tat überzeugte die Adligen, daß ihre Interessen bei der Krone lagen.


Im Mai 1358 löste eine Maßnahme des Thronfolger-Regenten den blutigen Bauernaufstand aus, der unter dem Namen Jacquerie bekannt geworden ist. Enguerrand de Coucy, nun achtzehn Jahre, spielte dabei eine aktive und prominente Rolle. In der Absicht, Marcel durch eine Blockade von Paris zu treffen, wies der Regent die Adligen, deren Ländereien an den Flüssen lagen, an, ihre Burgen mit Vorräten zu versehen und zu verstärken. Einer Überlieferung zufolge beschlagnahmten sie zu diesem Zweck das Eigentum der Bauern und [166]provozierten so den Aufstand. Nach einem anderen Chronisten stiftete Marcel die »Jacques«, wie die Bauern genannt wurden, zum Aufruhr an, indem er ihnen sagte, der Befehl des Dauphins sei gegen sie gerichtet und nur das Vorspiel für neue Unterdrückung und Plünderung. Aber die »Jacques« selbst hatten Gründe genug.

Wer war dieser Bauer, der wie ein gebeugter Atlas die drei Stände der mittelalterlichen Welt auf seinem Rücken trug und der nun Schrecken in die Reihen der Herrschenden trug? Stupsnasig und rauh im einfachen langen Kittel mit Gürtel zeigen ihn Steinreliefs und Buchillustrationen, die die zwölf Monate des Jahres darstellen, wie er mit einem Leinensack über der Schulter die Saat ausbringt, wie er in der Hitze des Sommers in offener Bluse und Strohhut mit der Sense das Heu mäht, wie er zwischen seinen Knien die Schafe schert, die Trauben in einem Holzfaß mit bloßen Füßen zerquetscht, die Schweine im Forst hütet, in Hut und Schaffellmantel winters das Holz für das Feuer holt und sich im Februar am Feuer seiner niedrigen Hütte wärmt. An seiner Seite auf dem Feld bindet die Bauersfrau die Garben. Sie trägt einen langen Rock aufgesteckt im Gürtel, um sich freier bewegen zu können, und ein Kopftuch anstelle des Hutes.

Wie jede andere gesellschaftliche Gruppe war auch die der Bauern sehr uneinheitlich. Ökonomisch gesehen reichte ihr Stand vom halbwilden Armen bis zum Eigner von Feldern und Federbetten, der genug Geld anhäufte, um seinen Sohn auf die Universität zu schicken. Villein oder Vilain war die geläufige Bezeichnung für den Bauern, die im Laufe der Zeit eine geringschätzige Bedeutung angenommen hatte. Weder Sklave noch völlig frei, gehörte der Villein zum Besitz seines Herrn. Er war verpflichtet, Pacht zu zahlen oder Dienste zu leisten, wofür er als Gegenleistung Schutz und Gerechtigkeit beanspruchen konnte. Ein Leibeigener war jemand, der im Sinne eines persönlichen Abhängigkeitsverhältnisses einem bestimmten Herrn von Geburt an gehörte. Damit auch die Kinder dem Herrn gehörten, war es einem solchen Mann durch das Gesetz der formariage verboten, eine Frau von außerhalb der Domäne seines Herrn zu nehmen. Starb er kinderlos, so fielen sein Haus, Werkzeuge und alle anderen Besitztümer wieder an den Herrn zurück, weil sie formal nur als Leihgaben des Herrn galten. Ursprünglich schuldete der Leigeigene seiner Herrschaft neben den landwirtschaftlichen Arbeiten Dienstleistungen aller Art, die auf dem Gut anfielen: Straßen- und Brückenbau, Schmiedearbeiten, Feuerholzbeschaffung, Wäsche, Spinnerei- und Webereiarbeiten. Aber viele dieser Aufgaben wurden seit dem 14. Jahrhundert duch Lohnarbeiter verrichtet, und der Bedarf der Burg wurde zum großen Teil durch Einkäufe in der Stadt und bei Händlern gedeckt, so daß ein großer Teil der Bauern auf der Basis von Pachtzahlungen die Felder bewirtschaftete und zusätzlich eine bestimmte Anzahl von Tagen im Jahr auf den Feldern des Gutsherrn zu arbeiten hatte.

[167]Neben der Haushaltssteuer hatte der Bauer den Kirchenzehnten, Beiträge zu Lösegeldern für seinen Herren, für die ritterliche Ausbildung des Herrensohnes und die Mitgift der Tochter zu entrichten. Er mußte Gebühren für alles zahlen, was er benutzte: für die herrschaftliche Mühle, den Backofen, die Apfelmostpresse und natürlich auch für das herrschaftliche Gericht. Im Todesfall schuldete er seinem Herrn den Hauptfall, die Übergabe seines kostbarsten Besitzes an den Herrn.

Seine landwirtschaftliche Arbeit verrichtete er unter Bedingungen, die den Herrn bevorteilten, dessen Felder gepflügt, gesät, abgeerntet und vor Sturm geschützt wurden, bevor der Bauer sich seinen eigenen widmen konnte. Er mußte sein Vieh zum Weiden über die Felder des Herrn treiben, damit der Dung der Tiere dem Herrn zugute kam. All diese Voraussetzungen und Abgaben sicherten dem Besitzer den Löwenanteil am Mehrwert der Landarbeit. Dieses System wurde von der Kirche gestützt, deren natürliche Interessen sie eher an die Seite der Starken als der Schwachen trieb. Sie lehrte, daß Nachlässigkeit im Dienst des Gutsherrn und Ungehorsam in der Hölle bestraft würden und daß Säumigkeit bei der Zahlung des Zehnten die Seele in Gefahr brächte. Der Priester übte ständig Druck aus, um den Zehnten in Naturalien einzutreiben: Korn, Eier, ein Huhn oder ein Schwein, was, wie er sagte, eine Steuer war, die der Bauer Gott schuldete. Das alltägliche Leben überwachte der Büttel des Gutsherrn, dessen Amtsanmaßungen und Erpressungen eine Quelle ständiger Beschwerden waren. Der Büttel hatte fast unbegrenzte Macht über die Bauern, an denen er sich häufig rücksichtslos bereicherte.

Der Besitz eines Pfluges, der 10 bis 12 Pfund kostete, und eines Arbeitspferds, für das man 8 bis 10 Pfund zahlen mußte, machte den Unterschied zwischen einem wohlhabenden Bauern und einem, der gerade überleben konnte. Diejenigen, die sich keinen Pflug leisten konnten, mieteten einen oder brachen die Erde mit Hacke und Spaten um. Vielleicht 75 bis 80 Prozent der Bauern lagen unter dieser »Pfluggrenze«. Von diesen besaß etwa die Hälfte ein paar Morgen Land und führte ein einigermaßen gesichertes Leben, während die andere Hälfte immer am Rande des Existenzminimums lebte; sie bestellten kleine Parzellen, deren Ertrag sie durch bezahlte Arbeit für den Herrn oder für reichere Nachbarn aufzubessern versuchten. Die ärmsten 10 Prozent lebten im Elend von Brot, Zwiebeln und ein paar Früchten, schliefen auf Strohsäcken in einer unmöblierten Hütte, die als Rauchabzug nur ein Loch im Dach hatte. Sie hatten nicht einmal den Status von Leibeigenen, sie waren das neue ländliche Proletariat, das die Umstellung des alten herrschaftlichen Systems auf frühkapitalistische Formen erzeugte.

Ein wie großer Teil der Bauern wohlhabend und wie viele arm waren, ist nur über die Güter einzuschätzen, die sie ihren Nachkommen vererbten, und da die Ärmsten nichts zu vererben hatten, bleiben sie stumm. Schwieriger als bei jeder anderen Klasse ist bei den Bauern das berühmte Ziel des Historikers [168]zu erreichen: zu sagen, wie es wirklich war. Jeder Aussage über die Bauern steht eine gegenüber, die das Gegenteil behauptet. Es ist gesagt worden, daß »Baden in den unteren Klassen selbstverständlich war…Sogar kleine Dörfer hatten Badehäuser.« Andererseits klagten die französischen Zeitgenossen unablässig, der Bauer sei dreckig und stinke. Die englischen Chronisten sind sich einig, daß es dem englischen Bauern besser gehe als dem französischen, und sie erwähnen häufig, daß die französische Landbevölkerung kein Fleisch zu essen habe; in anderen Chroniken heißt es, der Bauer ernähre sich von Schweinefleisch und Geflügel, von Eiern, Fisch, Käse, Bohnen, Erbsen, Zwiebeln, Knoblauch und Früchten, von Roggenbrot und Honig, er trinke Bier und Apfelwein.

Für das Elend dagegen, in dem zumindest die Masse der französischen Bauern dieser Zeit lebte, spricht die Erzählung Merlin Merlot, in der ein Bauer ausruft: »Mein Gott, was soll aus mir werden? Ich habe nie auch nur einen Ruhetag. Erholung und Ruhe werden mir wohl auf ewig fremd bleiben…Die Geburtsstunde des Villein ist hart; wenn er geboren wird, wird das Leid mit ihm geboren.« Seine Kinder hungern und strecken ihm ihre bittenden Hände entgegen, während sein Weib ihn als schlechten Ernährer beschimpft. »Ich bin wie ein durchnäßter Hahn im Regen, mit hängendem Kopf und heruntergekommen, ein geschlagener Hund.«

Schwer trug der Bauer an der Verachtung, mit der ihm die anderen Klassen begegneten. Auch die Erzählungen und Balladen der Zeit beschreiben ihn fast ausnahmslos als aggressiv, unverschämt, gierig, mürrisch, mißtrauisch, häßlich, dumm und immer unzufrieden. So wird die Anekdote überliefert, daß die Seele eines Bauern im Paradies keinen Platz fand, weil die Engel sie wegen ihres Gestanks nicht begleiten mochten. Die Adligen brauchten die Bezeichnung Jacques oder Jacques Bonhomme, weil der Bauer zu Kriegszeiten im Kampf nichts weiter als einen dickgefütterten Kittel trug, der »jacque« genannt wurde. Sie betrachteten ihn als ein Wesen von unedlen Instinkten, dem nicht zu trauen war. Ein Sprichwort sagte: »Schlag einen Bauern, und er wird dich segnen, segne einen Bauern, und er wird dich schlagen!«

Zumindest der ritterlichen Theorie nach sollte der Besteller der Erde von Plünderungen und gewaltsamen Übergriffen verschont bleiben. Aber nirgendwo spottete die mittelalterliche Realität der Theorie mehr als in diesem Bereich. Die Verpflichtung zur Ritterlichkeit galt nur innerhalb der eigenen Schicht. Die Überlieferungen erzählen von Bauern, die gekreuzigt, geröstet, hinter Pferden hergeschleift wurden. Es gab Prediger, die auf das Los des Bauern hinwiesen und anerkannten, daß er zum Wohle aller arbeitete und von seinen Aufgaben oft überfordert war. Sie riefen den Adel zu mehr Mitleid und Achtung auf, aber auch sie konnten dem Opfer nicht mehr als Geduld, Gehorsam und Ergebenheit anraten.

1358 erreichte das Elend der Bauern seinen Höhepunkt. Die Briganten beraubten [169]sie ihres Saatgutes, ihres Viehs, ihrer Wagen und ihrer Werkzeuge und Pflüge, um Waffen daraus zu schmieden. Trotzdem bestand der Adel weiterhin auf den vereinbarten Abgaben, Steuern und zusätzlichen Beiträgen zu den hohen Lösegeldzahlungen und »unternahm dennoch kaum etwas, um die Vasallen vor Angriffen zu schützen«. Die einfachen Leute »stöhnten«, schrieb Jean de Venette, »wenn sie sahen, wie die Gelder, die sie mühsam zu Kriegszwecken aufgebracht hatten, in Unterhaltung und Luxus verschwendet wurden«. Zugleich hatten die Bauern seit den Niederlagen von Crécy und Poitiers viel von ihrer Furcht vor den Rittern verloren. Vor allem aber sah der Bauer die Austauschbarkeit von Ritter und Brigant. Wenn ein Adliger die Lösegeldforderung einer Kompanie nicht erfüllen konnte, diente er häufig ein oder zwei Jahre in den Reihen der Gesetzlosen: »So leicht war es, aus einem Herren einen Räuber zu machen.« Kein Revolutionsplan, sondern der reine Haß entzündete den Bauernaufstand, die Jacquerie.


Am 28. Mai 1358 hielten einige Bauern nach der Vesper in dem Dorf St. Leu nahe Senlis eine Protestversammlung auf dem Kirchhof ab. Sie gaben den Adligen die Schuld an ihrem Elend und an der Gefangennahme des Königs, »die alle Herzen bekümmerte«. Was hatten die Ritter und ihre Männer unternommen, um ihn zu befreien? Wozu waren sie gut außer zur Unterdrückung armer Bauern? »Sie haben das Königreich beschämt und geschändet, es wäre gut, wenn sie alle vernichtet würden.« Die Zuhörer schrien: »Das ist die Wahrheit. Das ist die Wahrheit! Wehe dem, der zögert!«

Ohne weitere Beratung und ohne Waffen außer den Knüppeln und Messern, die einige bei sich hatten, stürzte sich eine Gruppe von etwa hundert Bauern in einem wilden Angriff auf das nächstgelegene Herrenhaus; sie brachen ein, töteten den Ritter, seine Frau und seine Kinder und brannten das Gebäude nieder. Danach, so schreibt Froissart, dessen Darstellung der Jacquerie sehr wahrscheinlich auf den Erzählungen von Adligen und Geistlichen beruht, »zogen sie zu einer starken Burg weiter, banden den Ritter an einen Pfahl und vergewaltigten seine Frau und Tochter vor seinen Augen. Sie töteten die Frau, die schwanger war, danach seine Tochter, dann alle Kinder und zuletzt den Ritter selbst und verbrannten und zerstörten die Burg.« Andere Quellen berichten von vier Rittern und fünf Knappen, die in dieser Nacht starben. Im Handumdrehen breitete sich der Aufstand aus und fand jeden Tag neue Anhänger. Sie kamen mit Sicheln, Heugabeln, Hackmessern und allem, woraus man eine Waffe herstellen konnte. Bald waren es Tausende – schließlich, so sagte man, hunderttausend –, die das Tal der Oise, die Ile de France, Teile der Picardie und der Champagne überschwemmten. Sie wüteten »auch im ganzen Besitz der Coucys, wo sie große Greuel begingen«. Als der Aufstand vorüber war, waren mehr als »hundert« Burgen und Herrenhäuser in den Gebieten von Coucy und Valois, der Diözesen Laon, Soissons und Senlis und mehr [170]als »sechzig« in den Bezirken von Beauvais und Amiens geplündert und verbrannt.

Ohne organisierte Selbstverteidigung flohen die Adligen mit ihren Familien zunächst in befestigte Städte und überließen den Bauern ihr Land und ihre Häuser. Die Jacques brandschatzten und mordeten »ohne Gnade wie wütende Hunde«. Sicherlich, sagt Froissart, »haben Christen oder gar Sarazenen noch nie solche Greueltaten begangen wie diese verderbten Menschen, Verbrechen, die kaum ein Mensch auszudenken oder anzusehen wagt«. Das Beispiel, das er zitiert, stammt aus der älteren Chronik des Jean de Bel und erzählt von einem Ritter, den die Jacques »vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder töteten und auf einem Spieß rösteten. Nachdem sich dann zehn oder zwölf von ihnen an der Frau vergangen hatten, zwangen sie sie, einiges von dem Fleisch ihres Mannes zu essen, und töteten sie dann.« In den späteren Berichten immer wieder aufgegriffen, wurde diese eine Geschichte zur Hauptstütze der Greuelgeschichten über den Aufstand. In den registrierten Anklagen nach den Ereignissen war nur noch die Rede von dreißig Toten (unter denen sich kein gerösteter Ritter befand).

Die »Jacques« hatten sich mehr auf Räuberei und Plünderung geworfen als auf Mord. Eine Gruppe war direkt in den Geflügelhof gelaufen, hatte so viele Hühner wie möglich gefangen, Karpfen aus dem Teich gefischt, Wein aus den Kellern geholt und auf Kosten des Herrn ein großes Fest gefeiert. In Bezirken, in denen der Haß auf die Geistlichkeit dem auf den Adel glich, führten die Jacques auch Krieg gegen die Kirche. Die Mönche zitterten in ihren Klöstern, die Säkularkleriker flohen in die Städte.

In der Person des Guillaume Karle oder Cale wuchs den Jacques ein Führer zu. Er wird als starker, gutaussehender Picarde beschrieben, der eine natürliche Beredsamkeit besessen haben soll und Kriegserfahrung hatte, was die Jacques brauchten. Er richtete einen Kriegsrat ein, der unter einem offiziellen Siegel Befehle aussandte, Anführer ernannte und jeder Zehnergruppe einen Vormann zuteilte. Cales Männer schmiedeten Sicheln und Sensen zu Schwertern um und nähten provisorische Rüstungen aus hartem Leder zusammen. »Montjoie!« wählte Cale zu seinem Schlachtruf, und die Banner waren mit Lilien besetzt, um deutlich zu machen, daß sich der Aufstand gegen den Adel, nicht gegen den König richtete. Cales Hoffnung war es, in seinem Kampf gegen den Adel die Städte als Bundesgenossen zu gewinnen. Tatsächlich waren sich die beiden Bewegungen, die bäuerliche und die bürgerliche, in der Stoßrichtung gegen den Adel einig. Nur wenige Städte des Nordens »waren nicht gegen die vornehmen Herren«, schreibt der Mönch von St. Denis, der Die Chronik über die Regierungszeit von Johann II. und Karl V. verfaßte, aber viele von ihnen fürchteten und verachteten die Jacques. Die kleineren Bürger sahen aber in dem Bauernaufstand einen allgemeinen Krieg der einfachen Leute gegen den Adel und die Geistlichkeit. Städte wie Senlis und Beauvais, [171]in denen die rot-blaue Volkspartei dominierte, sympathisierten mit den Jacques und versorgten sie mit Nachschub und öffneten ihnen die Stadttore. Viele Bürger schlossen sich den Bauern an. In Beauvais wurden einige Adlige, die die Bauern als Gefangene in die Stadt geschickt hatten, mit Zustimmung des Bürgermeisters und des Magistrats hingerichtet. Amiens veranstaltete Gerichtsverfahren, in denen Adlige des Gebiets in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden.

Andere Städte wie Compiègne weigerten sich, die Adligen, die in ihren Mauern Zuflucht gesucht hatten, an die Bauern auszuliefern. Den späteren Gnadenerlassen nach zu urteilen, haben sich einzelne Bürger, Schlachter, Wagenmacher, Offiziere, sogar Priester an den Beutezügen des Jacques beteiligt. Sogar Männer des Adels erscheinen in den Listen der Begnadigten, aber ob sie aus Überzeugung, Beutegier oder Abenteuerlust mit den Bauern gekämpft haben, ist ungewiß. Ritter, Knappen oder auch Schreiber, die angeklagt waren, Gruppen von aufständischen Bauern angeführt zu haben, beriefen sich häufig darauf, von ihnen in ihre Dienste gepreßt worden zu sein, was auch richtig gewesen sein mag, weil die Bauern unter dem Mangel an militärischen Führern sehr litten.

Als sich die Wut der Bauern mehr und mehr gegen alle Landbesitzer entlud, gaben die Jacques auf die Frage, warum sie das taten, die Antwort, »daß sie es nicht wüßten, aber andere das gleiche tun gesehen hätten und glaubten, so den Adel und die Besitzenden der ganzen Welt ausrotten zu können, so daß es keine mehr gäbe«. Ob die Bauern nun wirklich eine Welt ohne Adlige ins Auge gefaßt hatten oder nicht, der Landadel glaubte es und spürte den heißen Atem des Todes im Nacken. Von dem Schrecken gepackt, den die Masse ausstrahlt, wenn sie sich der Autorität entzieht, riefen die Adligen die Ritter von Flandern, Hainault und Brabant um Hilfe an.

In einem für Marcel kritischen Moment schien ihm das Wüten der Jacquerie eine weitere Waffe zu bieten. Diese Waffe war zweischneidig, denn als er sie in einem verhängnisvollen Entschluß ergriff, verlor er die Unterstützung der besitzenden Klasse. Auf seine Anstiftung hin wurden die Landgüter der verhaßten königlichen Räte zum Ziel einer Bande von Jacques, die von zwei Kaufleuten aus Paris befehligt wurden. Die Besitzungen des königlichen Kämmerers, Pierre d'Orgement, und jener unermüdlichen Gauner Simon de Buci und Robert de Lorris wurden geplündert und zerstört. Eine Gruppe von Bauern und Bürgern stellte Robert de Lorris in seinem Schloß von Ermenonville, einem der vielen Geschenke, das der Eigentümer königlicher Gunst verdankte. Sie zwangen ihn, auf den Knien dem Adel abzuschwören und der Gemeinde von Paris Treue zu geloben.

Durch Mord und Vernichtung um seinen Ruf gebracht, versuchte Marcel, den Tiger zu reiten. Das nächste Ziel der aus Paris gesteuerten Bande wurde die königliche Familie in Meaux. Die Jacques marschierten die Marne entlang [172]und hatten unterwegs so viel Zulauf, daß der Haufe, der Meaux am 9. Juni »mit dem Willen, Böses zu tun«, erreichte, »neuntausend« Personen zählte. Der Bürgermeister und die Magistraten von Meaux, die dem Dauphin die Treue geschworen und ihm gelobt hatten, sich gegen jede »Entehrung« seiner Familie zur Wehr zu setzen, wichen vor den Invasoren zurück. Entweder aus Furcht oder aus Sympathie mit den Jacques öffneten sie die Stadttore und setzten Tische mit Servietten und Brot, Fleisch und Wein an die Straßen. Bald darauf ergoß sich die schreckenerregende Horde in die Straßen der Stadt und erfüllte sie mit »wildem Geschrei«, während Frau, Schwester und Tochter des Dauphins mit dreihundert anderen Damen in der Festung zitterten, denn sie wurden nur von einer kleinen Gruppe von Rittern bewacht.

In diesem Moment galoppierte die fahrende Ritterschaft in Gestalt jenes glänzenden Freundespaars, des Hauptmanns de Buch und Gaston Phoebus, Graf von Foix, zur Hilfe. Obwohl der eine England und der andere Frankreich die Treue geschworen hatte, ritten sie gemeinsam von einem »Kreuzzug« in Preußen nach Hause zurück. Keiner von beiden war ein Freund der Valois, aber Damen in Not waren jedem Ritter heilig, und diese beiden aus dem Süden hatten keinen Anteil an der Lähmung, die den Adel aus dem Norden angesichts des Aufstands der Bauern befallen hatte. Zudem war keiner von beiden in die schändliche Niederlage von Poitiers verwickelt gewesen. Als sie von der Lage in Meaux hörten, eilten sie mit einer Mannschaft von 40 Lanzen (120 Männern) zur Rettung. Sie erreichten die Burg von Meaux am selben Tag, an dem die Jacques in die Stadt einzogen. Die Festung, die auf einer schmalen Landzunge zwischen dem Fluß und dem Kanal lag, war nur durch eine Brücke mit der Stadt verbunden.

An der Spitze von 25 Rittern in glänzenden Rüstungen unter goldenen und blauen Wimpeln, die Sterne und Lilien und liegende Löwen zeigten, ritten der Hauptmann und der Graf auf die Brücke, um sie abzuriegeln. Trotz der Enge, in der sie ihre überlegene Zahl nicht entfalten konnten, entschlossen sich die Jacques unklugerweise zum Kampf. Vom Pferderücken aus kämpfend, schlugen die Ritter ihre Gegner zurück, ritten sie nieder, drängten sie in den Fluß, stürmten über die Brücke und richteten ein Blutbad an. Nach kurzem erbittertem Handgemenge schraken »die kleinen, dunklen, schlechtbewaffneten Villeins« vor den Lanzen und Äxten der gepanzerten Ritter zurück und wurden in ihrer Panik abgeschlachtet. Die Ritter griffen an, teilten fürchterliche Schläge aus und töteten die Bauern wie die Tiere, bis Erschöpfung ihrem Gemetzel Einhalt gebot. Nach den unmöglichen Zahlen der Chronisten sollen »mehrere tausend« erschlagen worden sein, was aber auch noch in der Übertreibung einen schrecklichen Blutzoll andeutet. Versprengte des Haufens von Meaux wurden in den folgenden Tagen noch gejagt und umgebracht. Die Ritter hatten nur geringe Verluste erlitten, einer war von einem Pfeil ins Auge getroffen worden. Ihr Zorn, der noch zu wachsen schien, je mehr ihm geopfert wurde, [173]entlud sich in einem Racheakt auf die Stadt, die sie in Brand setzten und plünderten. Häuser und sogar Kirchen wurden ausgeraubt, der Bürgermeister gehängt, viele der Bürger umgebracht, andere ins Gefängnis gesetzt oder in ihren Häusern verbrannt. Meaux brannte zwei Wochen lang, wurde später wegen Majestätsverbrechen (lèse majesté) verurteilt und verlor alle Stadtrechte.

Meaux war der Wendepunkt. Der Sieg der Ritter ermutigte die Adligen zum Kampf, und sie begannen, das Land um Meaux zu verwüsten, wobei sie, sagt Jean de Venette, Frankreich mehr Schaden zufügten als die Engländer. Von nun an war die Niederwerfung des Bauernaufstandes nur noch eine Frage der Zeit und in ihrer Folge auch der Sturz von Marcel.

Karl von Navarra leitete den Feldzug gegen die Jacques in der Picardie und der Umgebung von Beauvais. Er war dazu durch die Adligen seiner Partei gedrängt worden. Sie hatten ihm erklärt, »daß, wenn die, die die Jacques genannt werden, noch länger so verführen, der Landadel vernichtet und alles zerstört würde«. Als einer der großen Adligen der Welt dürfte er nicht zulassen, daß der Adel so vermindert würde. Er wußte, daß er die Krone oder die Macht, die er anstrebte, nur mit Hilfe des Adels erreichen konnte, und ließ sich überreden. Mit einer Streitmacht von mehreren hundert Männern, die auch den »Baron de Coussi« einschloß, marschierte er nach Clermont, wo sich die Jacques unter Guillaume Cale gesammelt hatten. Cale befahl seiner Armee von einigen tausend vernünftigerweise, sich auf Paris zurückzuziehen, um dort mit Hilfe und Unterstützung der Stadt zu kämpfen, aber die Jacques waren kampflustig und verweigerten den Gehorsam. Daraufhin ließ sie Cale in den traditionellen drei Bataillonen Aufstellung nehmen. Zwei Bataillone, von Bogenschützen und Armbrustschützen angeführt, wurden hinter die Troßwagen zurückgezogen, das dritte, sechshundert schlecht berittene und schlecht bewaffnete Kavalleristen, stand für den Notfall in Reserve.

Mit zerrissenen Fahnen und wildem Schlachtgeschrei erwarteten die Bauern den Feind. Überrascht von dieser Art organisierten Widerstands, nahm Karl von Navarra zu Hinterlist und Verrat Zuflucht. Er lud Cale zu Verhandlungen in sein Lager, der angesichts dieser Einladung durch einen König, und sei es auch nur von Navarra, offensichtlich von seinem gesunden Menschenverstand im Stich gelassen wurde. Er betrachtete sich selbst als Kriegsteilnehmer, auf den die Gesetze des Rittertums anzuwenden waren, und ging ohne Leibwache zu den Verhandlungen, woraufhin ihn sein königlicher Gegner festnehmen und in Ketten legen ließ. Die Gefangennahme ihres Führers durch so leichten und verächtlichen Verrat nahm den Jacques jede Zuversicht und jeden Widerstandswillen. Als die adlige Streitmacht angriff, gingen die Bauern unter wie ihre Bundesgenossen in Meaux und erlitten ein ähnliches Blutbad. Nur wenige, die sich in den Wäldern versteckten, entkamen den Schwertern der verfolgenden Ritter. Die umliegenden Dörfer lieferten Flüchtige an den Adel aus. Insgesamt fielen den Kämpfen in dieser Region »dreitausend« [174]Bauern zum Opfer, unter ihnen dreihundert, die in einem Kloster verbrannt wurden, in das sie sich geflüchtet hatten. Und um seinen Sieg vollständig zu machen, ließ Karl von Navarra Guillaume Cale köpfen, angeblich, nachdem er ihn in grausamem Hohn mit einem glühenden Eisenring zum König der Jacques gekrönt hatte.

Als der erbarmungslose Unterdrückungsfeldzug gegen die Bauern nach Norden schwappte, trat Enguerrand de Coucy als sein neuer Führer in Erscheinung, da sein Besitz im Zentrum des Sturms lag. Froissart berichtet, daß sich die Jacques nie wieder sammeln konnten, weil »der junge Sire de Coucy eine große Anzahl Edelmänner um sich versammelt hatte, die ihnen, wo immer sie sie fanden, ohne Gnade und Nachsicht ein Ende machten«. Daß ein so junger Mann die Führung übernehmen konnte, spricht für einen starken Charakter, aber mehr ist in dieser Episode nicht über Enguerrand zu erfahren. Auch die Chronique Normande und andere Berichte erwähnen ihn als unerbittlichen Bauernjäger. Alles, was wir über den Enguerrand dieser Zeit wissen, faßt Père Denifle, die historische Autorität des 19. Jahrhunderts, zusammen: »Es war vor allem Enguerrand VII., der junge Seigneur de Coucy, der an der Spitze der Adligen seiner Baronie die Ausrottung der Jacques vollendete.«

An dem Blut von Meaux erstarkt, bereitete der Adel der Region dem Aufstand der Bauern zwischen Seine und Marne ein schmähliches Ende. »Sie warfen sich auf kleine Marktflecken und Dörfer, zündeten sie an und verfolgten die verängstigten Bauern in ihre Häuser, über die Felder, Weinberge und durch die Wälder, um sie elend hinzuschlachten.« Bis zum 24. Juni 1358 waren »zwanzigtausend« Jacques getötet, und das Land war in eine Wüstenei verwandelt.

Der vergebliche Aufstand war vorüber; er hatte trotz des großen Schattens, den er auf das Land warf, nur vier Wochen gedauert, wovon zwei schon auf die Niederschlagung entfielen. Nichts war gewonnen, nichts hatte sich geändert, viele waren gestorben. Wie jede Erhebung des Jahrhunderts war auch diese gescheitert, sobald die Herrschenden entschlossen zurückschlugen mit dem Gewicht des Stahls und der Überlegenheit des Mannes auf dem Pferderücken. Ohne jeden Gedanken an die Folgen ließen die Landbesitzer, die nach dem Schwarzen Tod schon unter dem Mangel an Arbeitskräften litten, ihrer Rachgier die Zügel schießen – gegen ihr eigenes Interesse.


Im darauffolgenden Monat erreichten die Auseinandersetzungen in Paris ihren Höhepunkt und ihr Ende. Seit dem Tag von Poitiers hatte Marcel die Stadtmauern verstärken, Gräben ausheben, die Tore sichern und neue Verteidigungsanlagen bauen lassen. Die befestigte Hauptstadt war der Schlüssel zur Macht. Marcel, von dem einzigen Gedanken beherrscht, den Regenten zu entmachten, bot Karl von Navarra die Stadt an. Der aalglatte Navarra verhandelte [175]mit beiden Seiten und hielt Kontakt zu englischen und navarresischen Truppen außerhalb der Stadtmauern.

Auf einer Massenveranstaltung, die Marcel für ihn auf der Place de Grève organisiert hatte, sagte Karl der Menge, »daß er König von Frankreich geworden wäre, wenn seine Mutter ein Mann gewesen wäre«. Organisierte Gruppen riefen: »Navarra! Navarra!« Während die Mehrheit, schockiert von dem Treuebruch, schwieg, wurde Navarra durch Akklamation zum Hauptmann von Paris gewählt. Daß er ein Amt aus den Händen der Volkspartei annahm, entfremdete ihm viele seiner adligen Anhänger, denn sie wollten sich nicht »gegen den Adel« stellen. Wahrscheinlich fiel zu dieser Zeit Enguerrand de Coucy von der navarresischen Partei ab, denn kurze Zeit danach trat er als deren Gegner auf.

Marcels Rückhalt zerging wie Schnee in der Frühjahrssonne. Sein stillschweigendes Einvernehmen mit den Jacques hatte viele der »guten Städte« verängstigt und, schlimmer noch, ihm den Unmut der Pariser Besitzbürger eingetragen. In dem Chaos der Erhebung war der Handel zum Erliegen gekommen, und in ihrer verzweifelten Suche nach Autorität wandten sie sich wieder dem Regenten zu. Die Stadt Paris zerfiel in verschiedene, sich gegenseitig bekämpfende Fraktionen: Eine wollte bis zum Ende mit Marcel kämpfen, eine andere wollte Navarra absetzen, eine weitere dem Regenten die Stadt übergeben; alle waren getrieben vom Haß gegen die englischen Kompanien, die erbarmungslos die Vorstädte verwüsteten. Die schwindende Unterstützung zwang Marcel, sich bewaffnete Hilfe in die Stadt zu holen. In dieser Lage unternahm er einen Schritt, der die öffentliche Meinung vollends gegen ihn kehrte. Am 22. Juli erlaubte er Navarra, eine Abteilung englischer Reiter in die Mauern zu bringen. Wütende bewaffnete Bürger stürzten sich aber mit einer solchen Erbitterung auf sie, daß sie zu ihrem eigenen Schutz im Louvre eingesperrt werden mußten.

Mittlerweile befürchteten aber auch die wohlhabenden Bürger, daß alle Bewohner von Paris gleichermaßen Strafe und Plünderung unterworfen würden, wenn der Regent die Stadt einnahm. Da es aber unmöglich war, Marcel zur Übergabe der Stadt zu bewegen, beschlossen sie, ihn aus dem Weg zu räumen, denn es sei »besser zu töten als getötet zu werden«. Es ist auch möglich, daß sie Gerüchten von einem Verrat des Vorstehers Glauben schenkten.

Marcels Stunde schlug am 31. Juli, als er am Stadttor von St. Denis erschien und den Wachen befahl, die Schlüssel an die Offiziere Navarras zu übergeben. Die Wachen wiesen dieses Ansinnen zurück und schrien: »Verrat!« Waffen blitzten auf, und ein offensichtlich vorbereiteter Textilkaufmann entrollte das königliche Banner, bestieg sein Pferd und ließ den königlichen Schlachtruf »Montjoie – St. Denis!« ertönen. Das Volk wiederholte den Schrei, Zusammenstöße und verworrene Alarmrufe waren die Folge. Kurz darauf tauchte Marcel am anderen Ende der Stadt am Tor von St. Antoine auf, wo er [176]wiederum die Schlüssel verlangte. Sie wurden ihm verweigert, die Wachen von St. Antoine stürzten sich auf den Vorsteher, und als das Durcheinander sich beruhigt hatte und die blutigen Waffen wieder in ihren Scheiden steckten, lag die Leiche von Etienne Marcel zertrampelt auf der Straße.

Zwei seiner Begleiter wurden ebenfalls getötet, andere wurden entkleidet, geschlagen und nackt an der Stadtmauer zurückgelassen. »Danach eilte das Volk von dannen, um andere zu finden, die es ebenso behandeln wollte.« Viele der Anhänger Marcels wurden ermordet und nackt auf die Straße geworfen. Während Karl von Navarra nach St. Denis entkam, übernahm die royalistische Anhängerschaft die Kontrolle der Stadt. Am 2. August 1358 öffnete sie dem Regenten die Tore.

Er sprach sofort einen Gnadenerlaß für alle Pariser Bürger aus, mit Ausnahme enger Verbündeter Marcels und Karls von Navarra, die entweder hingerichtet oder verbannt wurden. Die Volkspartei war aber noch stark genug, um wütende Demonstrationen zu organisieren, als mehr und mehr Anhänger Marcels festgenommen wurden. Die Lage in der Stadt war undurchsichtig und gefährlich. Am 10. August verkündete der Regent eine Generalamnestie und befahl den Bauern und Adligen, sich zu versöhnen, damit das Land bestellt und die Ernte eingebracht werden konnte. Die Ausrottung der Jacques machte sich wirtschaftlich bemerkbar.

Mit dem Tode Marcels war die Reformbewegung gescheitert; das Aufblitzen der »Gerechten Regierung« war nur ein Wetterleuchten geblieben. Nach Artevelde und Rienzi war Marcel der dritte Anführer einer bürgerlichen Erhebung innerhalb von zwölf Jahren, der von den eigenen Anhängern getötet worden war. Das Volk von Frankreich war noch nicht reif für den Versuch, die Macht der Monarchie zu begrenzen. Alle seine Schwierigkeiten – die überhöhten Steuern, die ungerechte Regierung, die Geldentwertung, die militärischen Niederlagen, das Brigantentum und den ganzen schlechten Zustand des Königreiches – lastete es schlechten Ratgebern und den schurkischen Adligen an, nicht dem König – der tapfer in Poitiers gekämpft hatte –, nicht einmal dem Thronfolger. Aus Marcels Tod erwuchs keine politische Bewegung. Das Recht der Stände, sich nach eigenem Gutdünken zu versammeln, ging verloren, die Große Verfügung wurde zum größten Teil, wenn auch nicht völlig, außer Kraft gesetzt. Die Krone steuerte auf die Epoche des königlichen Absolutismus zu, die die Geschichte für sie bereithielt.


Obwohl der Regent Paris hielt, war er von Feinden umgeben. Von St. Denis aus verkündete Karl von Navarra offenen Widerstand und erneuerte sein Bündnis mit England. »Grausam und schändlich« wüteten die navarresischen und englischen Kompanien weiterhin im Land. Einzelne Gruppen von Adligen bekämpften sie, überall brachen Privatkriege und lokale Fehden aus, Burgen wurden belagert und Dörfer verbrannt. Mitten in diesen Wirren »hütete [177]der junge Sire de Coucy seine Burg und sein Land mit Umsicht« – und mit der Hilfe zweier gefürchteter Krieger. Der eine war sein früherer Vormund Matthieu de Roye, der einmal eine ganze Kompanie von dreihundert Engländern besiegte und gefangennahm. Der andere war der Gouverneur des Coucy-Besitzes, »ein harter und tapferer Ritter« mit Namen Chanoine de Robersart, »der von den Engländern wie kein anderer gefürchtet wurde, weil er sie viele Male verjagte«. Enguerrand selbst zerstörte die Burg des Bischofs Robert le Coq, der Laon in das Lager von Karl von Navarra zu ziehen versuchte. Einzelheiten sind nicht überliefert bis auf die Tatsache, daß »der Herr von Coucy diesen Bischof nicht liebte«. Ansonsten gelang es Enguerrand, mit seinen bezahlten Reisigen die Briganten aus seinem Land herauszuhalten, obwohl sie die benachbarte Burg des Grafen von Roussi erobern konnten und in seinem Land »großen Mangel« erzeugten. Über unbestellte Felder und niedergebrannte Dörfer wandelte der Hungertod durch Frankreich.

 

[178]

Kapitel 8
Geisel in England

Diese ganze Zeit hindurch waren alle Versuche in London, einen dauerhaften Friedensvertrag abzuschließen, fehlgeschlagen. Als die Franzosen sich weigerten, das Verhandlungsergebnis von 1358 anzunehmen, antwortete Eduard mit noch weitergehenden Forderungen. Weil der alte Waffenstillstandsvertrag aber im März 1359 auszulaufen drohte, gab König Johann schließlich nach und opferte für seine Freilassung sein halbes Königreich. Im Vertrag von London verzichtete er praktisch auf das gesamte westliche Frankreich von den Pyrenäen bis nach Calais und stimmte der erneut erhöhten, katastrophalen Lösegeldsumme von 4 Millionen Goldécus zu. Sie sollte in festgesetzten Raten bezahlt werden, und vierzig Geiseln des Hochadels sollten für die Zahlung garantieren, unter ihnen Enguerrand de Coucy. Sollte es Widerstand in den abgetretenen Gebieten geben, war es Eduard gestattet, Truppen nach Frankreich zu schicken, die vom König von Frankreich zu bezahlen waren.

So verzweifelt sich das Königreich Frankreich nach dem Frieden sehnte: Scham und Zorn waren die Reaktion auf diese Bedingungen. In den schweren Jahren nach Poitiers war der Dauphin, von den Umständen zur Reife gezwungen, zu einem besseren Regenten geworden, als es sein Vater je gewesen war. Weder er noch sein Rat waren gewillt, dem zuzustimmen, was der König von Frankreich ausgehandelt hatte. Angesichts der trostlosen Alternative, entweder den Vertrag anzuerkennen oder sich der Gefahr eines neuen Krieges auszusetzen, berief er die Generalversammlung der Stände ein. »Die weisesten und erfahrensten Männer« sollten, ausgestattet mit allen Vollmachten, die Gemeinden vertreten. In dieser dunklen Stunde, einer der dunkelsten in der französischen Geschichte, waren sich die wenigen Delegierten, die die gefährliche Reise nach Paris auf sich nahmen, des Ernstes der Lage bewußt. Als der Text der Londoner Verträge verlesen worden war, überlegten sie nur kurz und gaben dem Dauphin eine einmütige Antwort. »Sie erklärten, daß der Vertrag unerträglich und eine Beleidigung des gesamten französischen Volkes sei, und daher ordneten sie an, England den Krieg zu erklären.«

Eduard reagierte darauf mit einer enormen Kriegsanstrengung, die seinen Sieg über Frankreich vollständig machen sollte. Zunächst bezeichnete er die französische »Treulosigkeit« als den Grund des neuen Waffengangs, um so die Bedingungen für einen »gerechten Krieg« zu erfüllen, was den Bischöfen erlaubte, zum Zwecke leichterer Truppenrekrutierung Ablässe zu gewähren. [179]Entschlossen, ein Expeditionsheer zusammenzustellen, dem es an nichts fehlen sollte, verbrachte er den ganzen Sommer damit, die technischen Vorbereitungen zu treffen. Ein gigantischer Geleitzug von eintausendeinhundert Schiffen, die elf- bis zwölftausend Männer und über dreitausend Pferde an Bord hatten (in Calais erwartete sie noch einmal eine ebenso große Streitmacht), wurde zusammengestellt und mit allem ausgestattet, was man im Feindesland brauchte, angefangen bei tausend Karren über Hufeisen, Pfeile, Rüstungen und Kochutensilien bis hin zu dreißig Falken für die Jagd.

Als sich der König mit seinen vier ältesten Söhnen einschiffte, war es Ende Oktober, und ein Winterfeldzug stand dem Heer bevor. Alle militärische Erfahrung einschließlich seiner eigenen sprach dafür, daß das für ein Expeditionskorps im Ausland das Verhängnis bedeutete, aber der Schwung großer Vorbereitungen ist schwer aufzufangen, und die vielen englischen Garnisonen in Frankreich machten Eduard Hoffnung auf einen schnellen Sieg. England war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der dynamische König hatte die besten Kriegsleute seiner Zeit angezogen – Chandos, Knollys, Sir Walter Manny, Sir Hugh Calveley, den Hauptmann de Buch und nicht zuletzt den Schwarzen Prinzen. Der Erfolg schien greifbar nahe.

1359 brachen die Engländer von Calais nach Reims auf, wo Eduard sich zum König von Frankreich krönen lassen wollte. Mit einem schier unübersehbaren Troß, der fast zehn Kilometer lang gewesen sein soll, durchquerten sie in drei Marschkolonnen die Picardie, um sich leichter aus dem Land ernähren zu können. Aber trotz dieser Vorsichtsmaßnahme waren Vorräte knapp in dem von den Kompanien verwüsteten Land. Pferde verhungerten, das Marschtempo wurde schleppend, und es regnete tagaus, tagein. Die Marschleistung sank auf 15 Kilometer täglich. Schlimmer noch, Eduards Ziel, die Franzosen in offener Feldschlacht zu treffen, erwies sich als illusionär. Keine glänzende Heerschar trat den Engländern entgegen. Sie marschierten durch ein bewußt erzeugtes Vakuum: Die Franzosen konzentrierten ihre Verteidigung auf feste Städte und Burgen, die einem Angriff wiederstehen konnten.

Das Vermeiden der offenen Schlacht, die Strategie, die Frankreich retten sollte, war wie die meisten militärischen Neuerungen aus der Not geboren. Der Mann, der erkannte, was die Situation erforderte, war der Regent, ein Herrscher, der der Notwendigkeit gehorchte, nicht den Illusionen des Ruhms.

Sein feindlicher Schwager aus Navarra hatte sich in einer neuen plötzlichen Sinnesänderung gegen die Allianz mit Eduard entschieden und nach einer weiteren großartigen Versöhnungsfeier versprochen, »ein guter Freund des Königs, des Regenten und des Reiches« zu sein. Das Volk glaubte an eine Eingebung Gottes, aber Karl von Navarra konnte ohne Intrigen nicht leben, und schon wenige Monate später war er in ein neues Komplott gegen den Thronfolger verwickelt.

[180]In der ersten Dezemberwoche erreichte Eduard Reims. Wahrscheinlich hatte er angenommen, daß die Stadt ihm die Tore öffnen würde. Aber Reims hatte seine Stadtmauern verstärkt und zwang die Engländer zur Belagerung. Alles, was dem Feind dienen konnte, war von den Franzosen zerstört, alle Häuser waren abgebrannt worden. Vor den Toren von Reims sah Eduard das Kloster St. Thierry, das er zu seinem Hauptquartier bestimmt hatte, vor seinen Augen niederbrennen. Ohne Nachschub, unter Kälte und Hunger leidend, sahen sich die Engländer nach vierzig Tagen gezwungen, die Belagerung aufzuheben. Sie wandten sich nach Süden, marschierten in das reiche Burgund, wo sie ganze Landstriche verwüsteten, bis König Eduard sich mit 200 000 Goldmoutons vom Herzog von Burgund, Philipp von Rouvre, abfinden ließ.

Als er sich erneut nach Paris in Marsch setzte, hörte er unter Wutausbrüchen Nachrichten von einem kühnen französischen Kommandounternehmen gegen Winchelsea an der Südküste von England. Das Ziel des Unternehmens war es, König Johann zu befreien, um Frankreich das ruinöse Lösegeld zu ersparen. Außerdem sollten die Engländer gezwungen werden, zum Schutz des Mutterlandes Truppen aus Frankreich abzuziehen.

Gerüchte von dem Unternehmen, die nach England getragen worden waren, hatten dazu geführt, daß der französische König am 1. März 1360 von Lincolnshire in eine näher bei London gelegene Burg verlegt wurde und schließlich im Tower leben mußte. Die Franzosen landeten aufgrund falscher Informationen am 15. März an der Südküste. Sie nahmen Winchelsea ohne Schwierigkeiten und stürzten sich, ohne den Versuch zu unternehmen, einen Brückenkopf zu bilden, mit der üblichen Gewalttätigkeit in das Geschäft der Plünderung, Vergewaltigung und Zerstörung. Während Alarmschreie durch die umliegenden Gebiete hallten, plünderten die Franzosen die benachbarte Stadt Rye und trafen dabei auf eine hastig zusammengestellte Abteilung von 1200 englischen Soldaten, die sie in die Flucht schlugen. Da sie aber weitere Gegenmaßnahmen befürchteten, beschlossen sie entgegen ihrem ursprünglichen Plan, nach 48stündiger Invasion umzukehren, und schifften sich im Licht der brennenden Stadt wieder ein.

Die Nachricht, daß »der Feind durchs Land ritt und mordete, brandschatzte und zerstörte« und daß Schlimmeres zu befürchten sei, »wenn man sich nicht augenblicklich dem Feind mannhaft entgegenstellte«, erfüllte England mit Panik. Obwohl sich diese Befürchtung als übertrieben herausstellte, hinterließ die Aktion eine ständige Angst vor Invasion, die zukünftigen Angriffen auf Frankreich gewisse Einschränkungen auferlegte. Ansonsten war der Überfall, mit viel Mut geplant und wenig Geschick ausgeführt, kaum ein Erfolg. Er provozierte Eduard zu noch härteren Maßnahmen in Frankreich, zeigte ihm allerdings auch, daß England ebenso verwundbar war wie Frankreich.

Anfang April schlossen die Engländer Paris ein und sandten Herolde aus, [181]die die Franzosen zur offenen Schlacht forderten. Aber der Dauphin verbot jede Antwort und vertraute auf die Befestigungsanlagen, die Marcel erst kürzlich hatte verstärken lassen. Nachdem er eine Woche lang alles außerhalb der Stadtmauern verwüstet hatte, um die Franzosen zu provozieren, wandte sich Eduard von der Stadt ab, irritiert wie vor Reims, aber noch nicht bereit, aufzugeben. Er zog nach Chartres und nicht zurück zur Küste. Während der letzten zwei Monate waren päpstliche Legaten zwischen den Engländern und den Franzosen hin und her gependelt, um die durch Eduards Unnachgiebigkeit blockierten Friedensverhandlungen wieder in Gang zu bringen. Der Dauphin selbst hatte Gesandte mit Friedensvorschlägen geschickt. In der Erkenntnis, »daß das Königreich die große Verwirrung und Verarmung«, die die Engländer anrichteten, »nicht lange ertragen konnte, da die Pacht der Grundherren und der Kirchen in allen Teilen fast völlig verlorenging«, boten er und sein Rat eine Einigung auf der Basis von 1358 an, bevor Eduard seine Forderungen erhöht hatte. Der Herzog von Lancaster empfahl Eduard, anzunehmen, denn ein Ausschlagen des Angebots würde bedeuten, daß er »für den Rest seiner Tage« Krieg führen müßte und vielleicht »in einem Tag das verlöre, was uns zu gewinnen zwanzig Jahre gekostet hat«.

Der Zorn der Himmel bekräftigte die Worte des Herzogs. Am Montag, dem 13. April, einem »üblen, dunklen Tag« mit Nebel und bitterer Kälte, traf ein Hagelschlag die kampierenden Engländer mit der Naturgewalt eines Orkans. Männer und Tiere starben unter den enormen Hagelkörnern, Zelte wurden vom Sturm fortgerissen, der Troß quälte sich durch Schlamm und Morast, und viele starben an der schrecklichen Kälte, »weshalb der Tag bis heute von vielen Menschen ›Schwarzer Montag‹ genannt wird«. In einer halben Stunde wurde Eduards Armee so hart getroffen, wie es durch menschliche Hand nicht hätte geschehen können – das Unwetter mußte eine Warnung des Himmels sein. Der Schwarze Montag war der Gipfelpunkt aller Fährnisse und Schwächen des sechsmonatigen Feldzugs – der Verwundbarkeit der englischen Streitmacht, des Ausbleibens der Entscheidungsschlacht und der Unfähigkeit, eine befestigte Stadt zu nehmen. Er bestätigte die vage dämmernde Erkenntnis, die in Lancasters Worten schon aufblitzte, daß Frankreich nicht durch Plünderung und Verwüstung zu erobern war, auch nicht durch die Belagerung einer Stadt nach der anderen, einer Burg nach der anderen. Auf lange Sicht war es genau dies, was den Krieg dazu verurteilte, sich durch ein ganzes Jahrhundert zu schleppen – die Tatsache, daß ohne einen Zufallstreffer wie die Gefangennahme des französischen Königs in Poitiers mittelalterliche Armeen nicht die Mittel hatten, ein entscheidendes Ergebnis zu erreichen, schon gar nicht die bedingungslose Kapitulation eines ganzen Landes.

Der himmlischen Warnung und Lancasters Ratschlag folgend, beauftragte Eduard Gesandte, mit Frankreich erneut um revidierte Friedensbedingungen zu unterhandeln. Sie trafen sich in dem kleinen Dorf Brétigny, vielleicht fünf [182]Kilometer von Chartres entfernt, wo der zwanzigjährige Krieg zu einem Ende gebracht wurde – wie es damals schien.

Der am 8. Mai 1360 unterzeichnete Vertrag von Brétigny war ein unübersichtliches Netzwerk rechtlicher und territorialer Regelungen, das detailliert in neununddreißig Artikeln, fünf zusätzlichen Briefen und der ewig vieldeutigen Rhetorik der Rechtsgelehrten abgefaßt war. Im wesentlichen lief es auf eine Rückkehr zu der ursprünglichen Einigung von 1358 hinaus. Die Lösegeldsumme für König Johann war auf 3 Millionen Goldécus reduziert worden, und Eduard gab seine zusätzlichen Gebietsansprüche auf, was seinen Feldzug deutlich als Fehlschlag und Verschwendung brandmarkte. Aber es blieb bei der Abtretung von Calais und Aquitanien und der Übergabe anderer Gebiete – Städte, Häfen und Burgen zwischen Calais und den Pyrenäen – an England. Die Abtretungen summierten sich zu einem Drittel Frankreichs. Es war der größte Gebietsgewinn, der bis zu dieser Zeit in Westeuropa überliefert war. Als Gegenleistung gab Eduard seinen Anspruch auf alle nicht in dem Vertrag genannten Gebiete auf und verzichtete auf die französische Königskrone.

Um die Erfüllung der Verpflichtungen zu gewährleisten, wurde die Forderung auf die vierzig Größten des Königreiches als Geiseln Englands erneuert, und Enguerrand de Coucy war wieder dabei. Als Herr des wichtigsten Bollwerks in Nordfrankreich, das sich als ein Zentrum des Widerstandes gegen die Engländer erwiesen hatte, wurde er bewußt ausgewählt, weil die Engländer glaubten, daß der Frieden eher eingehalten würde, wenn solche Männer Geiseln waren.

Die Gruppe wurde von den vier »Lilien«, den königlichen Prinzen, angeführt. Die beiden Söhne des Königs, Ludwig und Johann (die späteren Herzöge von Anjou und von Berry); sein Bruder, der Herzog von Orléans; der Schwager des Thronfolgers, Ludwig II., Herzog von Bourbon, und die Grafen von Artois, Eu, Longueville, Alençon, Blois, St. Pol, Harcourt, Grandpré, Braisne und andere edle Herren und berühmte Ritter – unter ihnen Matthieu de Roye, der Vormund Coucys – standen auf der Liste. König Johann sollte nach Calais gebracht werden, bis 600 000 Écus seines Lösegeldes angezahlt waren und eine vorläufige Übergabe der Ländereien stattgefunden hatte. Er sollte dann mit zehn seiner Mitgefangenen von Poitiers freigelassen werden und gegen 40 bürgerliche Geiseln ausgetauscht werden. Der dritte Stand nämlich war die eigentliche Geldquelle. Die Bürger sollten jeweils zu zweit aus achtzehn der größten Städte Frankreichs kommen, Paris stellte vier. Danach sollten die Städte und Burgen übergeben werden und der Restbetrag der Lösegeldsumme in sechs Raten zu je 400 000 Écus im Abstand von sechs Monaten bezahlt werden, woraufhin im selben Abstand jeweils ein Fünftel der Geiseln entlassen werden würde.

Der Vertrag von Brétigny »wurde zum großen Kummer und Zorn des Königreiches von Frankreich zu leicht hingegeben«, schrieb der anonyme Chronist [183]der Quatre Valois, von dem wir nur wissen, daß er Bürger von Rouen war. Festungen und gute Städte wurden aufgegeben, klagte er, die »nicht leicht hätten erobert werden können«. Das war sicher wahr, aber die Rechtfertigung des Vertrags war die Notwendigkeit, den König zu befreien.

Die Anstrengungen, das Lösegeld aufzubringen, erreichten ein Extrem. Städte, Landbezirke und Adelsdomänen veranlagten sich selbst, darunter auch das Haus Coucy mit 27 500 Franken. Jedermann mußte zahlen, und als es nicht ausreichte, griff man wieder einmal auf die Juden zurück, die sich gegen eine Entschädigungszahlung von zwanzig Florin wieder in ihren alten Heimatgebieten ansiedeln durfte.

Schließlich verkaufte Johann selbst seine elfjährige Tochter Isabella für 600 000 Goldflorin an die reiche, berüchtigte milanesische Familie Visconti, die sie mit einem neunjährigen Sohn verheiraten wollte. Die Verbindung des Königs von Frankreich mit einem italienischen Emporkömmling und Tyrannen war ein fast so großes Wunder wie die französische Niederlage von Poitiers. Die Hochzeit sollte im Juli stattfinden, mußte aber verschoben werden, als die Prinzessin an einem Fieber erkrankte. Welche Angst muß dieses Krankenbett umgeben haben, von dem so viel Gold abhing!

Die aufwendige Zeremonie, mit der die Visconti nach der Genesung der Prinzessin die Hochzeit feierten – bezahlt von den Untertanen –, unterstrich nur, was weithin als Erniedrigung Frankreichs angesehen wurde. »Wer hätte sich das je vorstellen können«, schrieb Villani in Betrachtung der Erhabenheit der französischen Krone, »daß der Träger dieser Krone in solches Ungemach geraten sollte, daß er gezwungen ist, sein eigenes Fleisch auf einer Auktion zu versteigern?« Das Schicksal der Königstochter schien ihm »wahrlich ein Anzeichen des unglücklichen Zustands der Menschen« zu sein.

Seit Juli wartete inzwischen König Johann mit seinem Sohn Philipp unter englischer Aufsicht in Calais. Philipp wurde seit einem Bankett mit dem englischen König Philipp der Kühne genannt. Er verdiente sich den Beinamen, als er im Verlauf des Essens aufsprang, dem englischen Butler ins Gesicht schlug und ihn anschrie: »Wo hast du gelernt, den König von England vor dem König von Frankreich zu bedienen, wenn sie an einem Tisch sitzen?« »Wahrlich, Cousin«, sagte König Eduard, »Ihr seid Philipp der Kühne.«

Am 24. Oktober 1360 erreichte endlich die erste Rate von 400 000 Écus die Engländer in Calais. Sie war hauptsächlich im nördlichen Frankreich zusammengetragen worden. Das Gold der Visconti war dagegen in so komplizierten Geschäften angelegt, daß es wahrscheinlich nicht dazu beigetragen hat. Obwohl weniger als ursprünglich vereinbart, wurden die 400 000 akzeptiert, und der Friedensvertrag wurde mit geringfügigen Änderungen formell als der Vertrag von Calais ratifiziert. Das Dokument trug auch die Unterschrift von Enguerrand de Coucy als einer der wichtigsten Geiseln. Gemeinsam schworen die beiden Könige, den Frieden nach den ausgehandelten Bedingungen einzuhalten, [184]und Johann kehrte nach vierjähriger Gefangenschaft in sein verwüstetes Land zurück.

Vier Tage nach seiner Befreiung segelten die Geiseln unter der Obhut Eduards und seiner Söhne nach England. Einige von ihnen sollten zehn Jahre dort bleiben, andere nur zwei oder drei, einige auch in der Gefangenschaft sterben. Enguerrands Schicksal war einzigartig – er wurde der Schwiegersohn des Königs von England.

Die geschichtliche Unsterblichkeit segelte mit ihm über den Kanal. Ein junger Sekretär bürgerlicher Herkunft aus Valenciennes in Hainault reiste nach England, um Königin Philippa, die aus seiner Heimat stammte, eine Chronik vorzulegen, die er von der Schlacht bei Poitiers geschrieben hatte. Damit wollte er sie als seine Schutzpatronin gewinnen. Sein Name war Jean Froissart, damals 22 oder 23 Jahre alt. Seine Aufzeichnungen gefielen der Königin, und mit ihrer Unterstützung begann er, das Material für eine Chronik zu sammeln, die ihn zum Herodot seines Zeitalters machen sollte. Er war ein Bewunderer des Rittertums und schrieb in der Absicht, »die ehrenvollen und edlen Abenteuer und Waffentaten der Kriege zwischen England und Frankreich gewissenhaft aufzuzeichnen und dem Gedächtnis der Nachwelt zu erhalten«. Innerhalb dieser Grenzen gibt es keine umfassendere und lebendigere Chronik jener Zeit. Für das »Gedächtnis der Nachwelt« reiten die Edlen der Zeit durch diese Chronik, glänzend, raffgierig, tapfer und grausam.

Der Konvoi, der die Geiseln nach England hinüberbrachte, trug eine ungewöhnliche Konzentration der Hauptdarsteller jener Zeit. Unter ihnen war ein weiterer Beobachter, der Unsterblichkeit schenken konnte. Die ganze Menschheit war das Thema Geoffrey Chaucers und die Gesellschaft des 14. Jahrhunderts sein Schauplatz. Im Alter von zwanzig Jahren – er war im selben Jahr wie Enguerrand geboren – hatte er die englische Armee im Gefolge von Lionel, Herzog von Clarence, dem zweitältesten Sohn des Königs, begleitet. Während einer Versorgungsexpedition vor Reims war er von den Franzosen gefangengenommen und von König Eduard für 16 Pfund freigekauft worden, was im Vergleich zu den 2 Pfund, die für die Auslösung eines Bogenschützen zu zahlen waren, noch ein verhältnismäßig guter Preis war. Es gibt zwar keine Belege für Chaucers Anwesenheit auf dem Schiff, aber da der Herzog von Clarence mit den Geiseln segelte, ist anzunehmen, daß Chaucer als Mann seines Gefolges ihn begleitete.

Einige Zeit später sollte Enguerrand Chaucer treffen und kennenlernen und auch zum Freund und Schirmherren Froissarts werden, obwohl nichts darauf hinweist, daß sich die drei jungen Männer während der Schiffsreise begegneten. Aber einige Zeit später, während er eifrig nach Stoff für seine Chronik Ausschau hielt, fiel Froissart sein späterer Patron auf. Bei einem Fest am englischen Hof beobachtete er, »daß der junge Lord de Coucy mit seinen Liedern und Tänzen glänzte, wann immer er an der Reihe war. Er stand sowohl [185]bei den Franzosen als auch bei den Engländern in hoher Gunst, denn alles, was er tat, tat er gut und mit Eleganz, und alle priesen ihn um die freundliche Art, mit der er jedermann entgegentrat.« In den Talenten, die ein eleganter Edelmann an den Tag legen sollte, war Enguerrand offensichtlich ein vollkommener Darsteller, der Aufmerksamkeit auf sich zog.


Von Enguerrand de Coucy gibt es kein Porträt. Das ist kaum verwunderlich, da die Kunst der Porträtmalerei noch nicht verbreitet war, nur Mitglieder königlicher Familien wurden gemalt. Aber es gibt zwei Hinweise auf das Aussehen von Enguerrand: Der eine deutet darauf hin, daß er groß und kräftig war, denn so wird seine Gestalt in einer Chronik seiner letzten Schlacht beschrieben; der andere legt nahe, daß er dunkel und im Alter vielleicht auch düster war, denn so erscheint er auf einem Porträt, das mehr als zweihundert Jahre nach seinem Tod gemalt wurde. Da das Porträt von einem Zölestinerkloster, das Enguerrand gegründet hatte, in Auftrag gegeben worden war, mögen dem Künstler einige überlieferte Andeutungen über sein Aussehen vorgelegt worden sein, aber andererseits kann das Gesicht in dem Porträt durchaus auch bloße Phantasie sein.

Angeführt von den vier »Lilien« Anjou, Berry, Orléans und Bourbon, brachten die Geiseln in ihren bunten, seidenen Gewändern kaum weniger Glanz an den Hof von England als die Gefangenen von Poitiers, an deren Stelle sie traten. Sie mußten in England auf eigene Kosten leben – sicherlich nicht billig wie im Falle des Herzogs von Orléans, der sechzehn Diener und ein Gefolge von über sechzig Köpfen mit sich führte. Ritterlich behandelt und mit Festen und Banketten gut unterhalten, konnten sich die Geiseln in England frei bewegen, sie jagten, tanzten und flirteten. Die französische und englische Ritterschaft waren stolz auf ihren höflichen Umgang miteinander – was ihrer Gier nach Lösegeldern keinen Abbruch tat –, ganz im Gegensatz zu den deutschen Rittern, die – nach Froissarts empörter Darstellung – ihre Gefangenen »wie Diebe in Eisen und Ketten legten, um ein höheres Lösegeld zu erpressen«.

Coucy wird sich in England kaum als Fremder gefühlt haben. Seine Familie besaß dort Ländereien, die sie von seiner Urgroßmutter Catherine de Baliol geerbt hatte. Sie waren allerdings während des Krieges von König Eduard beschlagnahmt worden.

Die Engländer und Franzosen wie die Engländer und Amerikaner in späteren Tagen hatten eine gemeinsame Kultur und unter den Adligen auch eine gemeinsame Sprache – ein Erbe der normannischen Eroberung. Etwa zu der Zeit, als die Geiseln nach England kamen, begann der Gebrauch des Französischen in der englischen Oberschicht der Landessprache der Gemeinen zu weichen. Vor dem Schwarzen Tod war Französisch die Sprache des Hofes, des Parlaments und der Gerichte gewesen. König Eduard sprach wahrscheinlich [186]nicht fließend Englisch. Französisch war sogar die Unterrichtssprache in den Schulen, sehr zur Empörung des englischen Bürgertums, dessen Kinder nach einer Klageschrift von 1340 »gezwungen werden, ihre eigene Sprache aufzugeben, ein Vorgang, der in keinem anderen Land bekannt ist«. Als viele der geistlichen Lehrer in den Schulen der Pest zum Opfer fielen, begannen die Kinder in den Grundschulen, ihre Lektionen auf englisch zu lernen – was, wie John von Trevisa schrieb, Vor- und Nachteile hatte: Sie lernten schneller als vorher, meinte er, aber, da sie nun kein Französisch mehr könnten, wären sie im Nachteil, »wenn sie die See überquerten und in fremden Ländern reisten«.

Aufgrund seiner Insellage und der früheren Entwicklung der Macht des Parlaments war England in seiner politischen Struktur weitaus homogener und gefestigter als Frankreich. Das englische Nationalgefühl wurde durch ein wachsendes Ressentiment gegen den Papst noch intensiviert. Die Gefangennahme zweier Könige, Johanns von Frankreich und Davids von Schottland, die Triumphe auf den Schlachtfeldern und die territorialen Gewinne auf dem Festland gaben den Engländern das Gefühl, nach Wilhelm dem Eroberer endlich den Spieß umgedreht zu haben. Aber unter dem Stolz, dem Ruhm und dem Profit durch die Lösegelder begannen auch in England die Kriegsfolgen zu nagen.

Die Plünderer Frankreichs brachten ihre räuberischen Gewohnheiten nach Hause mit. Viele Soldaten der Kompanien und des Invasionsheers waren von vornherein kriminelle Elemente gewesen, die nur, weil ihnen die Begnadigung versprochen worden war, gedient hatten. Andere wurden erst in Frankreich zu Gesetzlosen und Gewalttätern. Nach England zurückgekehrt, bildeten sie auch hier bald neue Kompanien nach dem Muster derer, die sie in Frankreich zurückgelassen hatten. »Kriegerisch ausgerüstet« raubten sie Reisende aus, nahmen Gefangene, verlangten Lösegelder von Dörfern, mordeten und verstümmelten und verbreiteten Schrecken. Ein Erlaß von 1362 gebot den Gerichten, Informationen zu sammeln über »all jene, die Räuber und Plünderer im Ausland gewesen sind und die nun zurückgekommen sind und nicht mehr wie früher arbeiten wollen«.

Im Frühjahr 1361, zwölf Jahre nach dem Verschwinden des Schwarzen Todes, tauchten die gefürchteten dunklen Schwellungen in Frankreich und England wieder auf auf brachten »eine große Ernte des schnellen Todes«. Ein frühes Opfer war Johanns Frau, die Königin von Frankreich, die im September 1360 noch vor Ausbruch der neuen Epidemie starb. Die Pestis Secunda, manchmal auch »das Große Sterben der Kinder« genannt, forderte einen besonders hohen Zoll unter den Jungen, die den ersten Ausbruch nicht erlebt hatten und daher nicht immun waren. Der Tod der Jungen in der zweiten Pestwelle hielt die Erholung der Bevölkerungsstruktur auf, gab dem Zeitalter ein unheimliches Gefühl des Verfalls. In ihrem verzweifelten Bedürfnis, sich fortzupflanzen, [187]so berichtet das Polychronicon, »nahmen die Frauen von England jeden erreichbaren Ehemann, Fremde ebenso wie Kranke und Schwachsinnige, und vereinigten sich ohne Scham auch mit solchen, die unter ihnen standen«.

Die Todesrate war nicht ganz so hoch wie beim ersten Auftreten der Seuche. In Paris starben siebzig bis achtzig Menschen am Tag. In Argenteuil dagegen, nur wenige Meilen entfernt am Zusammenfluß von Oise und Seine, wurde die Zahl der Haushalte von 1700 auf 50 reduziert. Flandern und die Picardie wurden schwer getroffen, Avignon litt wie nie zuvor. Durch seine verstopften unhygienischen Viertel raste die Seuche wie ein Feuer durch Stroh. Zwischen März und Juli 1360 starben angeblich »17 000«.

Obwohl weniger tödlich, wurde die zweite Pest als eine noch größere Katastrophe empfunden. Die bloße Tatsache der Rückkehr der Seuche ließ die Menschen von nun an in der ständigen Furcht vor neuen Ausbrüchen leben. Die Briganten und die Pest waren der Fluch der Epoche, zu jeder Zeit konnte sich das Phantom, »das sich wie schwarzer Rauch in unserer Mitte erhebt«, oder die gepanzerten Reiter wieder zeigen, mit Tod und Ruin im Gefolge. Eine Atmosphäre drohenden Unheils lastete auf der zweiten Jahrhunderthälfte, ein Gefühl, das sich in Prophezeiungen des Untergangs und der Apokalypse ausdrückte.

Das berühmteste dieser Schreckensgemälde war die »Tribulation« von Jean de la Roquetaillade, einem Franziskanermönch, der in Avignon im Kerker saß, weil er gegen die korrupten Prälaten und Fürsten gepredigt hatte. Wie Jean de Venette stand er auf der Seite der Unterdrückten und wandte sich gegen die Mächtigen der Welt und der Kirche. 1356, im Jahr der Schlacht von Poitiers, prophezeite er von seiner Zelle aus, daß Frankreich fallen werde und die Christenheit von großen Plagen heimgesucht werden würde. Tyrannei und Brigantentum würden herrschen, die Geringen gegen die Großen aufstehen, die »von den Gemeinen grausam erschlagen« werden würden, viele Frauen würden »entehrt und verwitwet«, und »ihr Hochmut und ihr Luxus werden welken«; Sarazenen und Tataren würden die Königreiche der lateinischen Welt überfallen; Herrscher und Völker, voller Zorn über den Luxus und den Stolz der Geistlichkeit, würden sich vereinigen, um der Kirche ihr Eigentum zu nehmen. Edle und Fürsten würden niedergeworfen werden und unglaubliche Qualen erleiden; der Antichrist würde erscheinen und falsche Lehren verbreiten; Stürme, Fluten und Seuchen würden fast alle Menschen, alle Sünder, hinwegfegen und den Weg bereiten für die Erneuerung der Welt.

Dies war ein realer Ausdruck des Empfindens jener Zeit. Wie die meisten düsteren Propheten des Mittelalters aber war für Roquetaillade das Debakel nur ein Vorspiel zu einer besseren Welt. In seiner Vision wurde die Kirche durch ihre Leiden, durch Reue und Armut geläutert, schließlich wiederhergestellt, und ein großer Reformer wurde Papst. Der König von Frankreich wurde [188]gegen alle Tradition zum Heiligen Römischen Kaiser gewählt und regierte als der heiligste Monarch aller Zeiten. Zusammen mit dem Papst vertrieb er die Sarazenen und Tataren aus Europa, bekehrte alle Mohammedaner, Juden und andere Heiden, eroberte die Welt im Namen der einen Kirche und begründete vor seinem Tod eine tausendjährige Friedensherrschaft bis zum Tag des Jüngsten Gerichts und dem Ende der Welt.


Die Geiseln wurden von der Seuche nicht verschont. Adlige wie der Graf Guy von St. Pol und Bürgerliche, die Geiseln aus Paris und Rouen, fielen ihr gleichermaßen zum Opfer. Der große Herzog von Lancaster, der reichste Mann Englands, war nicht gefeit; auch er starb an der Pest und hinterließ Titel und Reichtum seinem Schwiegersohn, dem dritten Sohn König Eduards, Johann von Gaunt. Es ist nicht überliefert, ob den Geiseln ein ständiger Wohnsitz auf dem Lande erlaubt wurde, um der Londoner Pestwelle zu entkommen. Ihre Aussichten freizukommen waren alles andere als günstig. Sie hingen von der Regelmäßigkeit der Lösegeldzahlungen für den König ab. Die aber waren schon ins Stocken geraten. Die Seuche machte es äußerst schwierig, das Geld aufzubringen. Das Land war durch die Brigantenzüge verwüstet.

Dem entsetzten Petrarca, den Galeazzo Visconti nach Frankreich geschickt hatte, um König Johann zu seiner Befreiung zu gratulieren, erschien Frankreich »wie ein Trümmerhaufen«. Petrarca war ein unermüdlicher Nörgler, der jede seiner Klagen ins Extrem trieb, sei es nun über die Unfähigkeit der Ärzte, den Gestank Avignons oder die Dekadenz des Heiligen Stuhls. Aber auch wenn man seine Übertreibungen berücksichtigt, ist sein Bericht von dem Frankreich, wie er es im Januar 1361 sah, tragisch genug. »Überall war Einsamkeit, Trostlosigkeit und Elend; die Felder sind verlassen, die Häuser in Ruinen und leer außer in den festen Städten; überall sieht man die tödlichen Spuren der Engländer, die schrecklichen Wunden, die ihre Schwerter geschlagen haben.« Im königlichen Paris, »durch Zerstörung bis an die Tore geschändet…fließt selbst die Seine traurig dahin, als fühle sie die Trauer des Landes, und weint aus Furcht um das Schicksal Frankreichs«.

Petrarca übergab als Geschenk Galeazzos zwei Ringe an Johann. Einer trug einen riesigen Rubin, der andere war der Ring, der Johann in der Schlacht von Poitiers vom Finger gerissen worden war und den Galeazzo auf irgendwelchen dunklen Wegen zurückgekauft hatte. Danach verlas Petrarca vor dem Hof eine lateinische Rede über den biblischen Text von Manasses Rückkehr aus Babylon, angereichert mit einigen Bemerkungen über die Wechselhaftigkeit des Glücks, wie bewiesen durch Johanns wunderbare Erlösung aus der Gefangenschaft. Der König und der Prinz, schrieb Petrarca später in seiner umfangreichen Korrespondenz, »hefteten ihre Augen auf mich«. Besonders deutlich empfand er das Interesse des Dauphins, »eines jungen Mannes von leidenschaftlicher Intelligenz«.

[189]Persönliches Unglück neben dem des Landes hatte den Dauphin getroffen. Im Oktober 1360 waren seine dreijährige Tochter Jeanne und ihre kleine Schwester Bonne, seine einzigen Kinder, innerhalb zweier Wochen gestorben, ob an der Seuche, ist nicht überliefert. Bei dem Doppelbegräbnis sah man den Dauphin »so kummervoll wie nie zuvor«. Er selbst litt unter einer Krankheit, die sein Haar und seine Nägel ausfallen ließ und ihn »trocken wie einen Stock« machte. Der Klatsch des Hofes führte sein Leiden auf Gift zurück, mit dem Karl von Navarra ihn angeblich hatte beseitigen wollen. Das ist möglich, denn die Symptome sind die einer Arsenvergiftung. Der König von Navarra hatte sich neuerdings wieder gegen das französische Königshaus gewandt. Im Dezember 1359 hatte er einen Staatsstreich geplant. Bewaffnete sollten durch mehrere Tore gleichzeitig in Paris eindringen, den Dauphin und seinen Rat umbringen und sich dann auf strategische Positionen der Stadt zurückziehen, bevor die Pariser sich sammeln konnten. Seine eigentlichen Absichten blieben wie immer geheimnisvoll. Der Anschlag wurde dem Dauphin hinterbracht, der alle Beziehungen zu Karl abbrach. Dessen Truppen nahmen daraufhin ihre Feldzüge gegen die Landbevölkerung wieder auf.

Nicht nur die Zahlung des Lösegelds, auch die Erfüllung der territorialen Forderungen war eine Bedingung für die Freilassung der Geiseln. Aber zu leichtherzig, wie die Chroniken sagen, waren die Länder und Städte in Brétigny den Engländern überschrieben worden, ohne zu berücksichtigen, daß die Papiere für Menschen standen. Diese Menschen aber waren nach zwei Jahrzehnten Krieg nicht mehr dieselben. Die Bürger der Küstenstadt La Rochelle flehten den König an, sie nicht aufzugeben; sie wollten lieber jedes Jahr die Hälfte ihres Einkommens an Steuern zahlen als unter englischer Herrschaft leben. »Wir mögen uns den Engländern mit unseren Lippen unterwerfen«, sagten sie, »aber mit unseren Herzen niemals.« Weinend klagten die Einwohner von Cahors, daß der König sie zu Waisen gemacht habe. Enguerrand Ringois von Abbeville, der Befehlshaber des Überfalls auf Winchelsea in England, sprach durch seine Handlungen. Als Bürger einer den Engländern überschriebenen Stadt weigerte er sich unversöhnlich, dem König von England den Treueid zu schwören. Er wurde nach England verschleppt, in einen Kerker geworfen und schließlich auf die Klippen von Dover gestellt, wo man ihm die Wahl ließ, entweder den Eid zu schwören oder unten auf den Felsen im Schaum der Wellen zu sterben. Ringois warf sich in die See. Wie Papst Bonifatius' Forderung auf Vormachtstellung des Heiligen Stuhls waren die Bedingungen von Brétigny undurchführbar – von der Zeit überholt. Es war zu spät, ganze Provinzen Frankreichs wie einfache Lehen abzutreten; von den Herrschenden unbemerkt, hatten die Einwohner begonnen, sich als französisch zu empfinden. Zwischen dem Vollzug einer historischen Entwicklung und ihrer Anerkennung durch die Herrschenden klafft immer eine Lücke, eine Zeit voller Fallen und Gefahren.

[190]Den Unwägbarkeiten einer solchen Situation war das Schicksal der Geiseln ausgeliefert. Als die Lösegeldzahlungen für König Johann ins Stocken gerieten und die Abtretung der Territorien zunehmend Unruhen auslöste, war kein Ende ihres Exils mehr in Sicht. Ihre Situation wurde noch komplizierter, als König Johann in einer erschreckenden Sinneswandlung freiwillig in die englische Gefangenschaft zurückkehrte. Die Gründe dieses seltsamen Monarchen, für den sein Land so viel geopfert hatte, sind sechshundert Jahre später nicht leicht verständlich; nur die Folge der Ereignisse ist in Umrissen deutlich.

Als er auf den Thron zurückgelangt war, erwies sich Johanns erster Versuch, in seinem Land Ordnung zu schaffen, als ein Poitiers im Kleinen. Um die »Große Kompanie« von Briganten, die Zentralfrankreich überrannte, zu unterdrücken, hatte er einen aus den Reihen der Briganten angeheuert, den »Erzpriester« Arnaut de Cervole, und ihm zur Unterstützung eine kleine königliche Armee von zweihundert Rittern und vierhundert Bogenschützen unter dem Grafen von Tancarville an die Seite gestellt. Dieser tapfere Ritter, dem die Niederlage von Poitiers die Lust zur bedingungslosen Offensive keineswegs genommen hatte, befahl gegen den Rat von Arnaut de Cervole einen Angriff auf Brignais, eine Höhe in der Nähe von Lyon, die von der Kompanie gehalten wurde. Die Briganten setzten eine Lawine von Steinen gegen die königliche Heerschar frei, die die Pferde umriß und die Helme und Rüstungen der Ritter zerschlug, was den Angriff auf ähnliche Art zum Stehen brachte, wie es die englischen Bogenschützen bei Poitiers getan hatten. Zu Fuß aber erwiesen sich die Briganten als überlegen, gewannen die Schlacht und nahmen den Grafen von Tancarville gefangen. Ansonsten nutzten die Räuber den Sieg nur insofern aus, als sie weiter räuberten. Lyon kaufte Artillerie, verstärkte die Mauern und hielt nachts eine starke Wache mit Laternen unter Waffen; das Land um die Stadt litt wie zuvor.

Die Reaktion des Königs auf die Niederlage von Brignais war eine Reise nach Avignon, wo er fast ein Jahr bleiben sollte. Mitten in dem militärischen Chaos und allen nur denkbaren Leiden seines Volkes beabsichtigte er, in Avignon den Kreuzzug wiederzubeleben, der zwanzig Jahre früher durch den anglo-französischen Krieg unterbrochen worden war. Obwohl er weder fähig war, sein Land zu schützen, noch sein Lösegeld aufzubringen oder die fünfzig oder sechzig Geiseln auszulösen, die für ihn ins Exil gegangen waren, empfand er es als seine dringlichste Aufgabe, seines Vaters unerfülltes Gelöbnis, das Kreuz aufzunehmen, einzulösen. Froissart unterstellt ihm das realistische Motiv, durch den Kreuzzug das Brigantentum aus seinem Königreich herausziehen zu wollen, aber er fügt seltsamerweise hinzu, daß Johann »seine Absicht und sein Ziel für sich behielt«.

Vielleicht empfand Johann tatsächlich den Kreuzzug als angemessene Tätigkeit für den »allerchristlichsten König«; vielleicht sah er in ihm eine Möglichkeit, seine Demütigungen vergessen zu machen; vielleicht aber überstiegen [191]auch die Probleme Frankreichs seine Fähigkeiten, so daß er eine Entschuldigung suchte, um ihnen entfliehen zu können.

Der Kreuzzug war zugleich das höchste Ziel des ernsten und frommen Papstes Innozenz VI., der aus diesem Grunde so hartnäckig versucht hatte, zwischen Frankreich und England Frieden zu stiften. Erschöpft von zehn Jahren des Streites und der Uneinigkeit, des Kampfes gegen die Weltlichkeit der Prälaten, gegen die Briganten und die Pest, starb Innozenz VI. im September 1362. Sein Nachfolger Urban V., wie Innozenz ein Franzose, nahm die Sache des Kreuzzugs auf, aktiv unterstützt vom titulären König von Jerusalem, Peter von Lusignan, der zugleich König von Zypern war und nach Avignon gekommen war, um den Kreuzzug zu betreiben.

Die König von Zypern und Frankreich verbrachten den Winter und Frühling in Avignon damit, die Möglichkeiten eines Kreuzzugs mit dem Papst zu besprechen. Am Karfreitag wurde er schließlich offiziell verkündet. Johann wurde zum Generalhauptmann des Kreuzzugs ernannt. Das war zugleich der Höhepunkt des ganzen Unternehmens. König Eduard von England, bei einem Besuch des Königs von Zypern in London aufgefordert, das Kreuz zu nehmen, entschuldigte sich »höflich und sehr weise«, und als er auch an anderen Höfen in Europa wenig Interesse wecken konnte, war der König von Zypern gezwungen, die Idee eines Kreuzzugs fürs erste fahrenzulassen.

Nach dem Fehlschlag seiner Pläne in Avignon blieb Johann nun nichts anderes, als sich der unerfreulichen Lage in Frankreich zu stellen. Er ritt ohne Eile durch sein leidgeprüftes Reich; im Juli 1363 erreichte er Paris. Dort mußte er feststellen, daß der Herzog von Anjou seine Freigabe auf Ehrenwort mißbraucht hatte und verschwunden war. Noch kurz bevor der Herzog als Geisel nach England gegangen war, hatte er geheiratet, war nun nach Boulogne gereist, um seine Frau zu treffen, in die er sehr verliebt gewesen sein soll, und weigerte sich, nach Calais zurückzugehen. Johann sah diese Handlungsweise seines Sohnes als einen »Bruch des Lehnseides« und eine Befleckung der Ehre der Krone an. Dies zusammen mit den rückständigen Lösegeldzahlungen, der Vereitelung des Geiselaustausches, dem er bereits zugestimmt hatte, und den Schwierigkeiten mit den Abtretungen brachte seine persönliche Ehre in Verruf und ließ ihm, so behauptete er, nur eine Möglichkeit: freiwillig in die Gefangenschaft zurückzukehren.

Sogar für das 14. Jahrhundert war diese Argumentation, die jedem politischen Realitätssinn spottete, extrem. Der Rat, die Prälaten und Barone Frankreichs, »sprachen in tiefer Sorge dagegen« und erklärten, daß dieser Plan »eine große Torheit« sei, aber Johann blieb bei seiner Entscheidung und sagte, »wenn auch Treue und Ehre von der ganzen Welt verbannt sein sollten, sie immer noch in den Herzen und Worten der Fürsten zu finden seien«. Eine Woche nach Weihnachten brach er auf und überquerte den Kanal mitten im Winter.

[192]Seine Abreise verblüffte die Zeitgenossen. Jean de Venette, der weder Könige noch Adlige liebte, behauptete, daß der König »causa joci« (um des Vergnügens willen) zurückgegangen sei. Historiker haben viele Erklärungen angeboten: Er sei zurückgekehrt, um einen neuen Krieg zu vermeiden; er habe durch ein persönliches Gespräch Eduard bewegen wollen, das Lösegeld zu verringern, oder er habe ihn überreden wollen, Karl von Navarra zur Ordnung zu rufen. Wenn das seine Gründe waren, so wurde keines dieser Ziele erreicht. Wenn es die Ehre war, die ihn zurückbrachte, wie stand es um seine Verantwortung als König? Schuldete er seinem Reich nichts, das einen Herrscher brauchte; den Bürgern nichts, denen man den letzten Pfennig abpreßte, um sein Lösegeld zu bezahlen; und schuldete er schließlich dem Andenken Ringois' von Abbeville nichts, der von den Klippen von Dover gesprungen war? Wer kann sagen, was Johann zu seiner Rückkehr bewog? Vielleicht war es kein mittelalterlicher Grund, sondern die Tragödie eines Menschen, der erkannt hatte, daß er der Aufgabe, für die er geboren war, nicht gewachsen war, und der sich in die erzwungene Passivität der Gefangenschaft flüchtete.

Im Januar 1364 landete er in London, wurde mit verschwenderischem Aufwand begrüßt, erkrankte im März an einem »unbekannten Leiden« und starb im April im Alter von 45 Jahren. Eduard sorgte für einen prächtigen Beerdigungsgottesdienst in der St.-Pauls-Kathedrale, in dessen Verlauf viertausend Fackeln, jede vier Meter lang, und dreitausend Kerzen, jede zehn Pfund schwer, verbraucht wurden. Sein Leichnam wurde nach Frankreich überführt und in der königlichen Basilika von St. Denis beigesetzt. König Johann hatte die ewige Passivität des Grabes gefunden.

Immer noch fehlte eine Million Florin an seinem Lösegeld, und die Geiseln blieben in Gefangenschaft. Einige nutzten das freie Geleit, das ihnen von Zeit zu Zeit gewährt wurde, und kehrten trotz wiederholter Aufrufe nicht zurück. Andere kauften sich mit Teilen ihres Landes frei. Wieder andere verschwanden einfach auf die eine oder andere Weise. Der jüngere Bruder des Herzogs von Anjou, Johann, Herzog von Berry, erfand so viele Ausreden, warum er noch in Frankreich bleiben müsse, daß er sich Freiheit und Ehre erhielt. Matthieu de Roye dagegen, der wahrscheinlich wegen seines Rufes als großer Kriegsmann besonders scharf bewacht wurde, war noch nach zwölf Jahren Geisel. Enguerrand de Coucy sollte 1365 unter besonderen Bedingungen freikommen.

 

[193]

Kapitel 9
Enguerrand und Isabella

Isabella von England, zweites Kind und älteste Tochter von König Eduard und Königin Philippa, war das Lieblingskind ihres Vaters, dessen Heiratsdiplomatie für sie schon fünfmal fehlgeschlagen war. Seit dem letzten vergeblichen Anlauf, sie zu verheiraten, als sie neunzehn war, hatte sie völlig unabhängig gelebt, eine verwöhnte, eigensinnige und wild extravagante Prinzessin, die 1365 33 Jahre alt wurde, als sie den acht Jahre jüngeren Enguerrand de Coucy traf.

Die ersten drei Königskinder – Eduard, Isabella und Johanna – führten zusammen einen eigenen Haushalt. Sie hatten eigene Geistliche, Musiker, einen adligen Erzieher und eine Erzieherin, drei Kammerzofen für Isabella und zwei für Johanna, einen Stab von Schildknappen, Butlern, Aufsehern, Mundschenken, Köchen, Kammerdienern, Wasserträgern, Kerzenträgern, Türstehern und Stallknechten. Das Essen wurde auf Silber gereicht, sie schliefen auf seidenbespannten Polsterbetten, trugen mit Pelzen besetzte rote und graue Gewänder mit goldenen Knöpfen und silbernen Ornamenten. Ihre Garderobe wurde zu Staatsfesten, Weihnachten, Ostern und Allerheiligen, wenn alle, die es sich leisten konnten, neue Kleider trugen, aufgefüllt. Wenn Isabella und Johanna auf ihren Wallachen von London nach Westminster ritten, führten Pagen die Pferde am Zügel, neben ihnen gingen ihre Almosengeber, die Almosen an die Armen verteilten. Als sie im Alter von neun und zehn Jahren an einem Turnier teilnahmen, waren achtzehn Gewandmacher neun Tage damit beschäftigt, unter der Aufsicht des königlichen Waffenmeisters die Kleidung der Prinzessinnen mit 11 Unzen Blattgold zu verzieren. Das materielle Leben des 14. Jahrhunderts hat durch die eifrige Buchführung überlebt, die noch die kleinsten Ausgaben gewissenhaft auf Pergamentrollen festhielt.

Als Isabella zwölf Jahre alt war, drückte der König ihre begünstigte Stellung durch sieben Hofdamen aus, während er Johanna nur drei zugestand. Von den sieben wird berichtet, daß sie während der Zeit der Pest 1349 mit ihrer Herrin zu einem Turnier in Canterbury mit Masken erschienen seien, die sie offenbar vor Ansteckung schützen sollten. Diese Vorsichtsmaßnahme half zumindest in einem Fall nichts, denn 1349 starb Isabellas Lieblingshofdame, die Lady de Throxford.

Seltsam unbeeindruckt von der Seuche, feierte der Hof 1349 mit großem Zeremoniell die jährliche Zusammenkunft des Hosenbandordens in Anwesenheit [194]der Königin, der Prinzessin Isabella und von dreihundert Hofdamen. Die »Ladies of the Garter« trugen dieselben Gewänder wie die Ritter, blau und silbern verziert und mit dem eingestickten Motto des Ordens. Die Kosten trug die königliche Schatzkammer.

Schon als sie erst drei Jahre alt war, hatte der König Isabellas Heirat mit Pedro, dem Sohn des Königs von Kastilien, betrieben, aber die Verhandlungen scheiterten, vielleicht zu Isabellas Glück, denn ihr Ausersehener gewann später düsteren Ruhm als Peter der Grausame. An ihrer Stelle wurde Johanna zur Braut des kastilischen Prinzen bestimmt, aber sie starb auf dem Weg zu ihrem Bräutigam in Bordeaux an der Pest. Eine zweite Partie für Isabella war der Sohn des Herzogs von Brabant, aber der Abschluß der Verhandlungen wurde verzögert, weil die beiden blutsverwandt waren, und noch während der Papst über einen Dispens nachdachte, wurde sie mit dem zögernden Ludwig von Flandern verlobt, erreichte dieses Mal auch fast den Altar, als er sie in jenem berüchtigten Skandal sitzenließ. Zwei Jahre später scheiterte ein Versuch Eduards, sie mit Karl IV. von Böhmen zu verheiraten, dem gewählten, aber noch nicht gekrönten Kaiser, der Witwer war.

Dann kam die Zeit von Isabellas Vergeltung. 1351 – sie war neunzehn – kündigte der König ihre bevorstehende Heirat mit Bérard d'Albret an, dem Sohn von Bernard-Ezi, Sire d'Albret, einem großen Baron der Gascogne und Eduards Gouverneuer dort. Ob das die Wahl des Königs oder seiner Tochter war, ist unbekannt. Die d'Albrets waren zwar keine Herrscherfamilie, aber ein weitverzweigter, machtvoller Klan, den Eduard an England binden wollte. Im Jahr der Verlobung setzte er für Bernard-Ezi eine Pension von 1000 Pfund aus als Belohnung für dessen Standhaftigkeit gegen »die Drohungen und Schmeicheleien« des Königs von Frankreich.

Auch wenn die Verbindung mit einem d'Albret für die älteste Tochter des englischen Königs nicht gerade ein diplomatischer Triumph war, sie war ein wichtiger Schritt zu einer Zeit, als Eduard alles tat, um seine Kontrolle über Aquitanien zu festigen. Gleichzeitig aber schien der König merkwürdig unwillig, seine Tochter ziehen zu lassen, er beschrieb sie als »unsere liebe älteste Tochter, die wir mit besonderer Zuneigung geliebt haben«. Er fügte dem Heiratsvertrag eine ungewöhnliche Klausel an – fast eine Aufforderung an sie, es sich noch einmal zu überlegen –, die vorsah, daß im Falle eines Scheiterns der Heirat die Mitgift nicht an ihn, sondern an Isabella selbst zurückfiel.

Um die Prinzessin nach Bordeaux zu bringen, ließ Eduard durch einen königlichen Offizier fünf Schiffe beschlagnahmen, die traditionelle, sehr direkte Methode, ohne Umstände an Fahrzeuge zu kommen. Die Schiffe wurden mit der überaus reichen, kostbaren Ausstattung der Prinzessin beladen, ihr Gefolge von Rittern und Hofdamen stand bereit, aber noch im Hafen entschied sich Isabella gegen die Heirat und kehrte um. War es ein Bedürfnis, jemanden so sitzenzulassen, wie sie sitzengelassen worden war? Oder ein innerer Widerstand, [195]sich auf eine im Grunde nicht ganz standesgemäße Ehe einzulassen? Oder vielleicht die Erinnerung an den Tod ihrer Schwester auf deren Hochzeitsreise nach Bordeaux? Oder war die ganze Affäre nur ein Mittel, um an Geld und eine neue Ausstattung zu kommen?

Gerüchten zufolge war Bérard d'Albret durch die Absage der Braut so verletzt, daß er zugunsten seines jüngeren Bruders auf sein Erbe verzichtete und die Kutte eines Franziskanermönchs anlegte. Nach einer anderen Überlieferung aber scheint er eine Dame von St. Bazeille geheiratet zu haben, ein Lehen des französischen Königs empfangen und ein seltsames Wappen, das den Midaskopf, getragen von zwei Löwen, zeigte, übernommen zu haben, ein Symbol, das auf ganz andere Interessen als das Armutsideal der Franziskaner hinweist.

Keineswegs empört über Isabellas Eigenwilligkeit, überschüttete König Eduard seine Tochter mit Lehen und Geldzuwendungen, Schlössern, Burgen, Klöstern, Gütern und Geschenken, vor allem kostbaren Juwelen. Ihre Verschwendungssucht aber übertraf all seine Großzügigkeit. Sie kaufte auf Kredit, verpfändete ihre Juwelen, bezahlte ihre Diener nicht. Mit Gleichmut beglich der König ihre Schulden und setzte ihr 1358, als sie 26 war, eine weitere jährliche Pension von 1000 Pfund aus.

Wann während seines fünfjährigen Englandaufenthalts Isabella sich für Enguerrand de Coucy zu interessieren begann, ist nirgendwo festgehalten, aber der Chronist Ranulph Higden schreibt mit großem Nachdruck, »daß sie die Verlobung nur aus Liebe wünschte«. Vielleicht hatte sie sich wirklich nach den vielen Jahren lediger Unabhängigkeit verliebt, vielleicht aber kam sie auch nur einem Wunsch ihres Vaters nach und war nebenbei erfreut, als er ihr vorschlug, den jungen, attraktiven, reichen französischen Adligen von alter Abstammung und großem Landbesitz zu heiraten. Eduard war jedenfalls deutlich angetan von dieser Partie seiner ältesten Tochter und mag durchaus ihr Urheber gewesen sein. Die Verbindung versprach ihm neuen Rückhalt in Frankreich, und natürlich wünschte er, das Hinterland von Calais in den Händen eines England geneigten Mannes zu sehen, womit zugleich im Fall eines neuen Konflikts mit Frankreich ein starker Gegner ausgeschaltet war. Eduard betrieb damals immer noch die Politik, um große französische Adelshäuser zu werben, zumal es immer wieder Schwierigkeiten bei den Abtretungen französischer Territorien an die englische Krone gab. Ob er Enguerrand nun auf seine Seite ziehen wollte oder ob er Zuneigung zu ihm gefaßt hatte, jedenfalls waren Coucy schon 1363 die Ländereien in Yorkshire, Lancaster, Westmoreland und Cumberland, die er von seiner Urgroßmutter geerbt hatte, zurückerstattet worden.

Was Enguerrand für seine Braut empfand, ist unbekannt. Da sein französischer Herrscher und sein zukünftiger Schwiegervater aber nun Frieden geschlossen hatten, bestand für ihn kein Loyalitätskonflikt mehr. Die Kameradschaft [196]des Rittertums verband den Adel immer noch über die Grenzen hinweg und wurde sofort wiederbelebt, wenn die zeitweise Feindschaft im Krieg beendet war. Die materiellen Vorteile der Heirat waren offensichtlich. Enguerrand würde aus seiner Gefangenschaft entlassen und Geld und Einfluß dazugewinnen. Wie er aber über seine zukünftige Frau dachte, die nicht ohne weiteres in das Bild einer jungfräulichen Demoiselle und ergebenen Ehefrau paßte, war eine andere Frage.

Isabellas Leben einer unabhängigen Frau an einem Hof von der damaligen amourösen Freizügigkeit kann kaum behütet oder unschuldig genannt werden. Die Damen des Hofes waren nicht sonderlich zurückhaltend. Johanna, die verwitwete Gräfin von Holland, die 1361 der Schwarze Prinz heiratete, wurde als die »schönste Lady im ganzen Königreich von England« angesehen und auch als »die amouröseste«. Sie trug gewagte und extravagante Kleider, die denen der »Räuberliebchen des Languedoc« nachempfunden waren. Auf Turnieren tauchten zur Empörung des Volkes häufig Gruppen fragwürdiger Damen auf, »die nicht die besten, aber die hübschesten und teuersten des Reiches« waren und sich »in ausgesuchte, wunderbare männliche Kostüme« kleideten, »als seien sie Teil des Rittergefolges«. Sie trugen die geteilten, zweifarbigen Blusen der Ritter, ritten edle Pferde und stellten sich in einer »skurrilen Lüsternheit« zur Schau, »die weder Gott fürchtete noch vor der Verachtung der Menge errötete«.

Merkwürdigerweise wurde kaum eine weibliche Verfehlung strenger verurteilt als das Zupfen der Augenbrauen und des Haaransatzes, um die Stirn zu erhöhen. Aus irgendeinem Grunde wurde diese Gewohnheit als besonders unmoralisch verurteilt, vielleicht, weil sie eine Korrektur der göttlichen Schöpfung war. Man glaubte, daß diese Unsitte im Fegefeuer von Dämonen »mit glühenden Ahlen und Nadeln« bestraft würde, die jene in jedes Loch stießen, aus dem ein Haar gerissen worden war.

Wie Jean de Meung es satirisch durch den Mund der Duenna im Rosenroman ausgedrückt hat, waren die Sorgen einer Dame des 13. und 14. Jahrhunderts nicht unbedingt Sorgen, die es nur im Mittelalter gab. Wenn ihr Rücken und ihr Busen ansehnlich waren, sollte sie ein Dekolleté tragen, riet die Duenna; um ihrem Gesicht Farbe zu geben, sollte sie Schminke benutzen, aber nur heimlich, damit ihr Liebhaber nichts davon bemerke; wenn sie feststellte, daß sie einen schlechten Atem hatte, sollte sie nicht zu dicht an andere herantreten, während sie sprach; sie sollte hübsch lächeln und graziös weinen; zierlich essen und trinken und darauf achten, sich nicht zu betrinken oder bei Tisch einzuschlafen. In die Kirche, zu Hochzeiten und zu Gesellschaften sollte sie nur in ihren besten Kleidern gehen, um sich sehen zu lassen und bekannt zu werden, dabei sollte sie ihr Kleid leicht anheben, um ihre zierlichen Füße zu zeigen, und ihren Mantel wie einen Pfauenschwanz öffnen, um die schönen Formen darunter zu enthüllen. Sie sollte Netze nach allen Männern auswerfen, [197]um zumindest einen zu fangen, und wenn sie mehrere gewönne, sollte sie darauf achten, daß sie sich nicht träfen. Sie sollte niemals einen armen Mann lieben, weil sie von ihm nichts bekommen konnte und vielleicht sogar in Versuchung geriete, ihm etwas zu geben. Sie sollte auch keinen Fremden lieben, da er ein untreues Vagabundenherz haben könnte, es sei denn, er böte ihr Geld oder Juwelen an. Sie sollte immer vorgeben, daß nur die Liebe ihr Herz regiere, aber zugleich alle Geschenke annehmen und ihn zu weiteren an ihre Diener, Mädchen, Schwestern oder Mutter animieren, denn viele Hände können mehr Beute sammeln.

Sicher hat der Autor die Rolle des Geldes übertrieben, aber Satire ist die übertreibende Darbietung eines wahren Kerns. In Isabellas Fall war Geld sicher von erheblicher Bedeutung. Man sagte ihr nach, daß sie fortwährend zwei oder drei Goldschmiede, sieben oder acht Stickerinnen, zwei oder drei Messerschmiede und zwei oder drei Kürschner allein für ihre Bedürfnisse beschäftigte. Wenn Isabella bis zum Alter von 33 Jahren irgendwelche Liebesaffären hatte, so sind sie nicht in den überlieferten Klatsch gedrungen, aber nach den Sitten der Zeit zu urteilen, hatte sie welche. Das siebzehnjährige Mädchen aus dem Hochadel, das den ältlichen, gichtigen Guillaume de Machaut verführte nur um des Ruhmes willen, diesen gefeierten Dichter und Musiker als Geliebten besessen zu haben, soll Agnes von Navarra gewesen sein, eine Schwester Karls des Schlechten. Wer immer sie auch war, sie bestand darauf, daß Machaut ihre Affäre in Liedern und Gedichten und in einem langen, sinnlichen und kompromittierenden Epos verbreitete, das er Livre du Voir Dit (Eine wahre Geschichte) nannte. Sie neckte und küßte den verwirrten Poeten und gab ihm den kleinen, goldenen Schlüssel zu ihrer Clavette, dem Keuschheitsgürtel, der ihren »kostbaren Schatz« behütete. Wie er später entdeckte, hatte das Mädchen den alten Mann die ganze Zeit zum Narren gehalten und ihren jungen Freundeskreis mit Berichten über den Fortgang der Affäre unterhalten.

Mittelalterliche Jungen und Mädchen wurden mit fünfzehn oder sechzehn Jahren erwachsen. Hochzeiten fanden gewöhnlich im Alter von vierzehn Jahren statt, es sei denn, es handelte sich um eine hochgestellte Persönlichkeit, die schon im Jugend- oder gar Kindesalter verheiratet worden war. Ein anderes junges Mädchen, die fünfzehnjährige Heldin aus Deschamps' Gedicht »Suis-je belle?« – offensichtlich der Gestalt der Agnes von Navarra nachempfunden –, besaß ebenfalls den Schlüssel zu ihrem »Schatz«, aber das war wahrscheinlich eher ein literarisches Echo als eine alltägliche Tatsache. Die Verbreitung des Keuschheitsgürtels im Mittelalter war wahrscheinlich sehr gering, er war wohl eher eine literarische Vorstellung als ein wirklich existierender Gebrauchsgegenstand. Man nimmt an, daß der Keuschheitsgürtel während der Kreuzzüge mit anderen Luxusgütern nach Europa importiert worden ist. Es existieren zwar einige mittelalterliche Modelle, aber jede nichtliterarische [198]Überlieferung – wie z. B. Erwähnung in Gerichtsverfahren – fehlt bis in die Zeit der Renaissance. Als Mittel groben männlichen Besitzdenkens hat der Keuschheitsgürtel die mittelalterlichen Frauen weitaus weniger als ihre Nachfolgerinnen gequält.

Deschamps' sinnenfreudiges Mädchen beschreibt ihre Reize Strophe um Strophe – ein süßer roter Mund, grüne Augen, zierliche geschwungene Augenbrauen, ein rundes Kinn, eine weiße Kehle, feste, hohe Brüste, wohlgeformte Schenkel und Beine, schöne Hüften und einen schönen »cul de Paris« –, und jeder Strophe folgte der Refrain: »Suis-je, suis-je, suis-je belle?« (Bin ich – bin ich – bin ich nicht schön?) Das war die Geliebte eines männlichen Tagtraums, aber Agnes und Boccaccios Fiammetta waren durchaus wirklich, obwohl sie uns – wie fast alle Frauengestalten des Mittelalters – nur durch die Feder von Männern überliefert sind. Eine Schilderung durch Geschlechtsgenossinnen fehlt fast völlig. Nur die gepeinigte Héloïse des 12. Jahrhunderts und die feministische Christine de Pisan im späten 14. Jahrhundert sprechen zu uns, und beide sind sehr bitter, was aber vielleicht einen falschen Eindruck erweckt. In Individuen wie in Nationen schweigt die Zufriedenheit, und das verschiebt die Gewichte der historischen Überlieferung.

Da es so etwas wie eine Privatsphäre im mittelalterlichen Leben nicht gab, war wahrscheinlich nur wenig oder gar nichts vor den unverheirateten Mädchen zu verbergen, adlig oder nichtadlig. Daß der Chevalier de La Tour Landry seine Erzählungen über die Sinnlichkeit wirklich zur moralischen Erziehung seiner mutterlosen Töchter geschrieben hat, braucht man ihm nicht unbedingt zu glauben, aber interessant ist, daß er diese Entschuldigung benutzt hat. Sein Buch befaßt sich auch mit Lüsternheit, Unzucht und Vergewaltigung, mit Beispielen aus der Geschichte der Töchter Lots, des Inzests des Tamar und von zeitgemäßeren Begebenheiten wie der Dame, die einen Knappen liebte und, um mit ihm zusammen sein zu können, ihrem Mann erzählte, daß sie verschiedene Pilgerfahrten gelobt habe, damit er sie gehen ließe, wie sie wollte. Einer anderen Dame sagt ein Ritter, daß, wenn sie weise und gut sein wolle, sie »nicht zu nächtlicher Stunde ohne Kerze und in der Dunkelheit die Zimmer der Männer betreten solle, um sie zu küssen und mit ihnen im Bett zu kosen«. Offenbar war das Leben auf den Burgen sehr frei. Damen und Ritter blieben lange auf und »lachten, tanzten und sangen und machten solch einen Lärm, daß sie auch den Donner nicht mehr gehört hätten«, und »als einer der Männer seine Hand unter die Kleider einer Dame schob«, wurde ihm von dem wütenden Ehemann der Arm gebrochen.

Die Unterhaltung bestand nicht nur aus dem Vortrag erhabener epischer Gedichte über den ritterlichen Ehebruch. Die derben, komischen Fabliaux, in kurzen Reimpaaren geschrieben und meist satirisch und obszön, oft grausam und grotesk, wurden zur Erheiterung erzählt wie die schmutzigen Witze anderer Zeitalter. Oft waren sie von den Hofdichtern als Parodie auf die ritterlichen [199]Romanzen verfaßt. Sex war darin eher ein vulgärer Witz als ein edles, erhebendes Gefühl, und ihr Vortrag war sehr beliebt in Stadt und Land, in Burg und Taverne und wahrscheinlich auch im Kloster.

Es ist gut möglich, daß Isabella die Erzählungen von Jean de Condé gehört hat, einem Dichter vom heimischen Hof ihrer Mutter in Hainault. Sein Stil wird durch eine Geschichte illustriert, in der an einem Hof bei einem Fest vor einem Turnier eine Art »Wahrheitsspiel« wiedergegeben wird. Ein Ritter, von der Königin gefragt, ob er Kinder gezeugt habe, ist gezwungen zuzugeben, daß er keine hat, »und in der Tat sah er auch nicht so aus, als ob er seine Geliebte erfreuen könnte, wenn sie nackt in seinen Armen lag. Sein Bart war wenig mehr als die paar Flusen, die Damen an bestimmten Körperstellen haben.« Die Königin antwortet ihm dann, daß sie sein Wort nicht bezweifelt, denn »wo kein Heu ist, ist auch keine Heugabel«. Nun fragt der Ritter seinerseits: »Meine Dame, antwortet mir ohne Trug, habt Ihr Haare zwischen den Beinen?« Und als sie antwortet: »Nicht eines!«, murmelt er: »Das glaub' ich gern, denn wo Schlag auf Schlag erfolgt, da wächst kein Gras!«

Die Grundkonstellation der Fabliaux ist, daß dem Mann Hörner aufgesetzt werden, wobei auch einmal ein unsympathischer Liebhaber an die Stelle des Ehemannes treten kann. Während die Ehemänner und Liebhaber in diesen Geschichten sehr unterschiedlich sind – von sympathisch bis widerlich –, sind die Frauen ohne Ausnahme Betrügerinnen: untreu, skrupellos, streitsüchtig, lüstern und schamlos, wenn auch nur selten dies alles auf einmal. Trotz ihrer realistischen Gestalten sind die Fabliaux dem Leben des Mittelalters nicht näher als die Romanzen, aber ihre Frauenfeindlichkeit spiegelte eine allgemeine Haltung wider, die ihren Tenor von der Kirche übernommen hatte.

Die Frau war die Rivalin der Kirche, die Versucherin, die Ablenkung, das Hindernis auf dem Weg zur Heiligkeit, der Lockvogel des Teufels. In dem Speculum von Vincent de Beauvais, dem größten der Enzyklopädisten des 13. Jahrhunderts und Lieblingsautor Ludwigs des Heiligen, war die Frau »die Verwirrung des Mannes, ein unersättliches Biest, unablässige Angst, fortwährender Krieg, täglicher Ruin, ein Haus des Sturms« und schließlich – der Schlüssel des Ganzen – »ein Hindernis der Gottergebenheit«. Vincent war ein Dominikaner jener harten Art, die die Inquisition züchtete, was seine Pyramide der Übertreibung erklären mag, aber auch weniger fanatische Prediger blieben nicht weit hinter diesem Urteil zurück. Auf der einen Seite klagten sie die Frauen an, Sklavinnen der Eitelkeit und Putzsucht zu sein und die Männer »zur Lüsternheit zu reizen«; auf der anderen Seite, zu beschäftigt mit dem Haushalt und den Kindern zu sein, zu erdgebunden, um ausreichend der göttlichen Belange zu gedenken.

Theologie war Männerarbeit, die Erbsünde wurde auf die Frau zurückgeführt. Hatte nicht eine Frau das Unheil über Adam gebracht? Von allen Ideen der Menschheit hat die Gleichsetzung von Sex und Sünde das größte Unglück [200]verursacht. Im Buch Genesis war die Erbsünde der Ungehorsam gegen Gott und der Suche nach dem Wissen um Gut und Böse, und in dieser Form war die Geschichte des Sündenfalls eine Erklärung dafür, daß des Menschen Schicksal Mühe und Arbeit war. In der christlichen Theologie, die vor allem durch Paulus entworfen wurde, verstrickte der Sündenfall die Menschheit in ewige Schuld, von der allein Christus Erlösung versprach. Der sexuelle Kontext dieser Schuld wurde zum größten Teil vom heiligen Augustinus formuliert, der das christliche Dogma in einen klaren Gegensatz zum mächtigsten Trieb des Menschen brachte. Paradoxerweise wurde aus der Leugnung dieses Triebes eine Quelle der Macht für die Kirche, die als einzige Instanz wachend und überlegen über dem Dilemma stand, in das die Lehre ihre Mitglieder gestürzt hatte.

»Weh mir, weh mir, daß Liebe ewig Sünde ist!« rief die Frau von Bath aus. Welche Jahrhunderte von Angst und Schuld liegen in dieser kurzen Klage – wenn auch die Dame selbst sich durch das, was sie beklagte, nicht sehr einschränken ließ. Tatsächlich blieb es ihr überlassen, das deutlichste Preislied auf die körperliche Liebe in diesem Jahrhundert zu schreiben. Mehr als in einigen späteren Jahrhunderten wurde die weibliche Sexualität im Mittelalter anerkannt, und die ehelichen Pflichten galten als wechselseitig. Die Theologen beugten sich dem Wort des Paulus: »Der Mann soll dem Weib die Pflicht erfüllen wie auch das Weib dem Manne.« Aber sie bestanden darauf, daß das Ziel Fortpflanzung, nicht Vergnügen sein müsse.

Die Liebe und den Fortpflanzungstrieb voneinander zu scheiden, so als könnte man ein flammendes Schwert zwischen die beiden legen, war ein weiteres tollkühnes Gebot, das sich gegen alle menschliche Gewohnheit stellte. Aber das Christentum war nie eine Kunst des Möglichen. Es entsprach den Prinzipien des heiligen Augustinus, daß Gott und die Natur die körperliche Vereinigung von Mann und Frau mit Lust verbunden hatten, »um den Menschen zu dieser Handlung zu bewegen«, damit er für die Erhaltung der Art sorge und zur höheren Ehre Gottes beitrage. Den Geschlechtsakt aber allein um des Vergnügens willen zu vollziehen und nicht zu dem Zweck, den die Natur in ihn gelegt hatte, war, so entschied Augustinus, eine Sünde wider die Natur und damit gegen Gott, den Ordner der Natur. Der Zölibat und die Jungfräulichkeit blieben bevorzugt, da nur sie die uneingeschränkte Liebe zu Gott, »dem Bräutigam der Seele«, erlaubten.

Der Kampf mit der Fleischeslust ließ viele unberührt, andere wurden ihr ganzes Leben lang davon gequält. Aucassin hätte unbeeindruckt sogar die Hölle dem Paradies vorgezogen, »wenn ich nur Nicolette, meine süße Geliebte, bei mir haben darf«. Auch die Entstehung des Rosenromans, dieser monumentalen Liebesbibel, die im Laufe des 13. Jahrhunderts in zwei Teilen im Abstand von fünfzig Jahren geschrieben wurde, blieb davon unberührt. Von einem Autor im höfischen Stil begonnen, wurde der Rosenroman von einem [201]anderen in zynisch-weltlicher Manier enorm erweitert. Wenn nach 21 780 Zeilen die komplizierte Allegorie endlich ihr Ende findet, gewinnt der Liebhaber seine Rose, wobei sehr offen dargestellt wird, wie er die Knospe öffnet, die Blütenblätter auseinanderschiebt, ein »wenig Samen in ihrer Mitte verschüttet« und »den Kelch bis in seine innersten Tiefen erforscht«.

Auf der anderen Seite war Petrarca nach zwanzigjährigem literarischem Geseufze um Laura, währenddessen er zwei uneheliche Söhne zeugte, schon in seinen Vierzigern, »da meine Kraft ungebrochen und meine Leidenschaften noch stark«, soweit, daß er die schlechten Gewohnheiten seines glühenden Temperaments, die er »vom Grunde seiner Seele verabscheute«, abwerfen konnte. Nach diesem »Sieg« über sein Fleisch war er zwar immer noch »ernsten und häufigen Versuchungen« unterworfen, aber er lernte, alle seine Verfehlungen zu beichten, siebenmal am Tag zu beten und »mehr als den Teufel die Gemeinschaft mit den Frauen zu fürchten, ohne die ich einst nicht leben zu können glaubte«. Er brauchte sich nur zu erinnern, so schrieb er an seinen Bruder, den Mönch, »was die Frau wirklich ist«, um das Verlangen zu vertreiben und seinen gewöhnlichen Gleichmut wiederzuerlangen. »Was die Frau wirklich ist« bezog sich auf die kirchliche Lehre, daß Schönheit bei Frauen trügerisch sei und Falschheit und körperliche Verderbtheit maskiere. »Wo auch immer sich ein schönes Gesicht zeigt«, warnten die Prediger, »lauert viel Schmutz unter der Haut.«

Die Garstigkeit der Frau wurde im allgemeinen erst gegen Ende des Lebens erkannt, wenn ein Mann sich Sorgen über die Hölle machte und die sexuellen Bedürfnisse ohnehin zu schwinden begannen. Die Lehre selbst verstrickte sich in eine endlose Kette von Widersprüchen. Wenn das Sakrament der Ehe heilig war, wie konnte dann das sexuelle Verlangen in der Ehe sündhaft sein? Wenn Genuß eine läßliche Sünde war, ab wann wurde er Lüsternheit oder unmäßiges Verlangen, was eine Todsünde war?

War eine Schwangerschaft unverheirateter Frauen, obwohl sie der Fortpflanzung diente, sündhafter als ehelicher Geschlechtsverkehr, der dem Vergnügen diente? War eine keusche oder jungfräuliche Ehe gottesfürchtiger als ein normales Eheleben? Wie war der Beischlaf während der Schwangerschaft oder nach den Wechseljahren zu bewerten, wenn Fortpflanzung nicht beabsichtigt sein konnte? Was war, wenn ein Mann, von einer anderen Frau versucht, mit der seinen schlief, um sich »abzureagieren«: das heißt was, wenn man eine Sünde beging, um die andere zu vermeiden? Was, wenn ein Ritter an einem Kreuzzug teilnahm und seine Frau allein ließ, was der Fortpflanzung widersprach, war das eine Sünde in den Augen der Kirche? Dies waren Fragen, die den Dialektiker wohl mehr beschäftigten als die Durchschnittsmenschen.

Wie die Habgier widersetzte sich die Sexualität doktrinärer Regelung. Nur ein Prinzip war unerschütterlich: Alles, was »der Ordnung der Natur« widersprach, [202]war Sünde. Der alles umfassende Ausdruck war »Sodomie«, was nicht nur Homosexualität bezeichnete, sondern jedweden Verkehr in »unrechter« Stellung oder in »unrechter« Art. Auch die Sünde des Onan und Selbstbefriedigung oder Verkehr mit Tieren fielen unter diesen Begriff. Alles war Sodomie, eine Perversion der Natur, eine Rebellion gegen Gott und zählte damit zu den »schlimmsten der Sünden« in der Kategorie der Lüsternheit.

Die Ehe war die Beziehung zwischen den Geschlechtern, der das meiste Interesse galt. Das dominierende Thema war die Frage: »Wer ist der Herr im Haus?« Der Ménagier von Paris schreibt in seinem Handbuch von Ratschlägen für seine fünfzehnjährige Ehefrau, daß das Weib den Geboten ihres Mannes gehorchen und mehr auf sein als auf ihr Wohlergehen achten solle, »denn sein Vergnügen soll vor dem deinigen stehen«. Sie soll nicht arrogant, vorlaut oder streitsüchtig sein, vor allem nicht in der Öffentlichkeit, denn »es ist ein Gebot Gottes, daß die Frau dem Manne untertan sei…, und durch Folgsamkeit gewinnt eine weise Frau die Liebe ihres Mannes und bekommt am Ende, was sie will«. Sie soll ihn klug und vorsichtig beraten und vor Dummheiten schützen, aber sie soll nie klagen und keifen, »denn das Herz eines Mannes erträgt es nur schwer, von einer Frau beherrscht und gelenkt zu werden«.

Beispiele für das schreckliche Schicksal, das nörgelnde und kritische Frauen traf, werden sowohl vom Ménagier als auch von La Tour Landry zitiert, der von einem Ehemann erzählt, dessen Frau ihn in der Öffentlichkeit hart kritisierte, woraufhin er »so ärgerlich wurde, daß er sie mit der Faust zu Boden schlug«, sie dann ins Gesicht trat und ihr die Nase brach, so daß sie auf immer entstellt war und »vor Scham nicht ihr Gesicht zeigen mochte«. Aber das geschah ihr nur recht, »denn sie hatte eine zu üble und grobe Sprache gegen ihren Mann gebraucht«.

Gehorsam und Folgsamkeit der Frauen wurden so sehr betont, daß man annehmen könnte, das Gegenteil sei das Geläufige gewesen. Im Mittelalter wurde Zorn mit Frauen assoziiert, und in der allegorischen Darstellung war die Sünde des Zorns eine Frau, die auf einem Keiler ritt, während alle anderen Laster als Männer personifiziert sind. Wenn die verbreitetste Sicht der Frau im Mittelalter die einer schimpfenden Xanthippe war, so vielleicht deshalb, weil das Schelten ihre einzige Möglichkeit war, sich gegen die männliche Überlegenheit zur Wehr zu setzen. Daß die Frau dem Manne untertan sei, war biblisch und wurde – wie alles mögliche andere – von Thomas von Aquin noch einmal bekräftigt und erklärt. Zur guten Ordnung der Familie gehöre, so argumentierte er, daß einige von anderen, »die weiser sind als sie selbst«, beherrscht werden; deshalb wurde die Frau, deren »Charakter und Körperkräfte« weniger ausgebildet sind als die des Mannes, »ihm durch die Natur unterstellt, weil in ihm der Verstand regiert«. Der Vater, entschied er, sollte mehr als die Mutter geliebt werden, und ihm gegenüber bestand auch eine größere Verpflichtung, [203]weil er »aktiven« Anteil an der Empfängnis hatte, wohingegen die Mutter nur eine »passive und materielle« Rolle spielte. Aus dem Orakel seines Zölibats heraus gab Thomas zwar zu, daß mütterliche Fürsorge und Ernährung erforderlich sind, um ein Kind großzuziehen, aber noch wichtiger erschien ihm der Vater »als Führer und Vormund, unter dem sich das Kind in äußerlichen und innerlichen Tugenden entwickelt«. Daß die Frauen im Zeitalter dieses Thomas von Aquin widerspenstig wurden, war kaum überraschend.

Honoré Bonet erörterte die Frage, ob eine Königin einen Ritter verurteilen dürfe, wenn sie das Reich in Abwesenheit des Königs regierte. Nein, antwortete er, »es ist klar, daß der Mann viel edler als die Frau ist und von größerer Tugend«, so daß eine Frau nicht über einen Mann urteilen kann, denn »ein Untertan kann seinen Herrn nicht verurteilen«. Wie die Königin unter diesen Umständen das Reich regieren sollte, wird nicht erklärt.

Die Apotheose weiblicher Unterwerfung war die geduldige Griselda, deren ehelicher Gehorsam von ihrem Ehemann grausamen Prüfungen unterworfen wurde. Ihre Geschichte war für männliche Autoren so interessant, daß sie in der Mitte des 14. Jahrhunderts viermal erzählt wurde, zunächst von Boccaccio, dann lateinisch von Petrarca, im Englischen von Chaucer und im Französischen von dem Ménagier. Ohne Klage erduldet Griselda es, daß ihr ein Kind nach dem anderen weggenommen und, wie ihr Gatte ihr sagt, getötet wird, schließlich wird auch sie verstoßen, bis alles als eine Prüfung enthüllt wird und sie sich mit Freuden erneut mit dem hassenswerten Erfinder ihrer Qualen vereinigt. Liebe in der Ehe war ein ersehntes Ziel, auch wenn die Ideale der Minnelieder etwas anderes verkündeten, aber man ging davon aus, daß dieses Ziel erst nach und nicht vor der Heirat zu erreichen war. Es war die Aufgabe der Frau, sich die männliche Liebe zu verdienen und »in dieser Welt den Frieden zu finden, der in der Ehe liegen kann«. So mußte die Frau stets aufmerksam, fürsorglich, liebenswert, ausgeglichen, geduldig und zufrieden erscheinen. Alle weisen Ratschläge des Ménagiers können auf einen einzigen zurückgeführt werden: »Man kann einen Mann durch nichts leichter bezaubern, als ihm zu geben, was ihn erfreut.« Wenn der dritte Stand, dem der Ménagier angehörte, mehr Wert auf die Liebe in der Ehe legte als der Adel, dann sicher deshalb, weil die größere Nähe von Mann und Frau in einem bürgerlichen Haushalt liebevollen Umgang miteinander erstrebenswert machte. In England konnte man durch eheliche Harmonie den »Dunmow Flitch« gewinnen – eine Speckseite, die jedem Paar geschenkt wurde, das nach Dunmow in Essex kam und schwören konnte, daß es während des ganzen letzten Jahres nicht gestritten hatte, die Ehe nicht bereute und sie erneut schließen würde, wenn es die Möglichkeite dazu hätte.

Während der Kult der hohen Minne das Ansehen der edlen Frau heben sollte, hatte die inbrünstige Anbetung der Jungfrau Maria nur wenig Wirkung [204]auf den Status der Frau. Die Frauen wurden aufgrund ihrer angeblichen Klatschsucht, Koketterie, Sentimentalität und Treuelosigkeit kritisiert. Man warf ihnen vor, daß sie in der Kirche schwätzten, sich bei jeder Gelegenheit mit Weihwasser bespritzten und auf alles, nur nicht auf die Predigt achteten. Nonnen sagte man nach, daß sie melancholisch und gereizt seien »wie Hunde, die zu lange angekettet waren«. Die Nonnenklöster waren für viele eine Zuflucht vor der Welt, für andere löste sich hier ein Schicksal ein, das ihre Familien über sie verhängt hatten, aber nur wenige hatten aus religiöser Berufung den Schleier genommen, und das konnten sich ohnehin nur die leisten, die mit reichlicher Aussteuer hierherkamen.

Es läßt sich durch die Steuerlisten feststellen, daß die Frauensterblichkeit im Lebensalter zwischen zwanzig und vierzig Jahren wesentlich über der der Männer lag. Das lag wahrscheinlich an den Schwangerschaftsrisiken und größerer Anfälligkeit für Krankheiten. Nach vierzig normalisierte sich die Sterblichkeitsrate. Die Frauen konnten, einmal verwitwet, selbst entscheiden, ob sie erneut heiraten wollten oder nicht.

Im täglichen Leben wurde adligen wie nichtadligen Frauen die Gleichberechtigung in der Funktion, wenn auch nicht im Status, durch die Umstände aufgedrängt. Bauersfrauen konnten ebensogut einen Pachthof bewirtschaften und die dazugehörigen Dienste für den Feudalherrn leisten wie Männer, nur daß sie für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt wurden. In den Zünften hatten Frauen das Monopol in bestimmten Bereichen, vor allen Dingen in der Spinnerei und manchmal auch in einigen Lebensmittelbranchen. Bestimmte Handwerke schlossen Frauen aus, es sei denn, es handelte sich um Frauen oder Töchter von Zunftmitgliedern; in anderen arbeiteten Männer und Frauen gleichberechtigt. Die Führung eines großen Bügerhaushalts – auch des Landbesitzes und Geschäftshauses, wenn der Mann nicht da war – neben den Mutterpflichten erlaubte der Hausfrau alles andere als Müßiggang. Sie beaufsichtigte das Nähen, Weben, Brauen, die Kerzenherstellung, den Markteinkauf, die Almosenvergabe, sie leitete die Dienstleute im Haus und außer Haus an, übte ein wenig auch einfachere ärztliche Funktionen aus, sie führte Buch und vielleicht noch ein getrenntes Geschäft als femme sole.


Die Frauen des 14. Jahrhunderts hatten eine wirkungsvolle weibliche Fürsprecherin in Christine de Pisan, die, soweit wir wissen, die einzige Frau im Mittelalter war, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Feder verdiente. 1364 geboren, war sie die Tochter des Thomas von Pisano, eines Arztes und Astrologen mit Doktorwürden der Universität von Bologna, der 1365 von Karl V. nach Paris gerufen wurde. Christine wurde von ihrem Vater in Latein, Philosophie und anderen Wissenszweigen unterrichtet, die für eine weibliche Erziehung zur damaligen Zeit recht ungewöhnlich waren. Mit fünfzehn Jahren heiratete sie Etienne Castel aus der Picardie, einen der königlichen Sekretäre. [205]Zehn Jahre später stand sie dann allein mit drei Kindern, da ihr Mann »in der Blüte seiner Jahre« und ihr Vater kurz nacheinander gestorben waren. Ohne Verwandte und ohne Einkommen zurückgelassen, sah sie sich gezwungen, ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben zu verdienen. Sie begann mit Lyrik, drückte in Balladen und in Rondeaux das Glück ihres Ehelebens und die Trauer ihrer Witwenzeit aus. Die Form war konventionell, aber der Ton überraschend persönlich.

Keiner kennt die Qualen, die mein armes
Herz erträgt,
Um meinen Schmerz zu verbergen, da ich
kein Mitleid finde.
Je weniger Mitgefühl in Freunden,
desto mehr Grund für Tränen.
Also klage ich nicht über meinen Jammer und
meine Trauer.
Sondern lache, wo ich lieber weinen wollte,
Und lasse meine Lieder ohne Reim und Rhythmus,
Um mein Herz zu verbergen.

Der klagende Ton (oder auch mehr Mitleid, als Christine in ihren Schriften zugab) öffnete die Geldbörsen des Adels, der sich schon aus Statusgründen gern in der Rolle als Schutzpatron der Kunst sah, und ermöglichte es Christine, Studien für eine Flut von didaktischen Werken zu betreiben. Kein Thema schreckte sie ab: sie schrieb einen dicken Band über die Kriegskunst, der auf dem römischen Klassiker De re militari von Vegetius beruhte, einen mythologischen Roman, eine Abhandlung über die Erziehung von Frauen und eine Biographie Karls V., die immer noch als wichtiges und originäres Werk gilt. Am eindrucksvollsten aber ist sie, wo sie über ihr eigenes Geschlecht schreibt, wie in La Cité des Dames, einer Darstellung berühmter historischer Frauengestalten. Obwohl das Werk eine Übersetzung von Boccaccios De claris mulieribus ist, macht es sich Christine im Prolog zu eigen, wenn sie voller Scham und Kummer fragt, warum Männer »den Frauen so einmütig Boshaftigkeit unterstellen« und warum »wir schlechter sein sollen als die Männer, da wir doch auch von Gott geschaffen sind«. In einer blendenden Vision erscheinen daraufhin drei gekrönte Frauengestalten, Gerechtigkeit, Treue und Nächstenliebe, um ihr zu sagen, daß die Ansichten der Philosophen keine Glaubensartikel seien, »sondern die Nebel des Irrtums und des Selbstbetrugs«. Sie nennen die großen Frauengestalten der Geschichte: Ceres, die Begründerin der Landwirtschaft; Arachne, die Erfinderin des Spinnens und Webens; und verschiedene Heldinnen der homerischen Legenden, des Alten Testaments und der christlichen Martyrologie. Zu Ende des Jahrhunderts fragt Christine [206]in einem leidenschaftlichen Aufschrei in ihrem Brief an den Gott der Liebe, warum die Frauen, die früher in Frankreich so geschätzt und geehrt wurden, nun angegriffen und beleidigt würden, und dies nicht nur von den Unwissenden und Niedrigen, sondern auch vom Adel und der Geistlichkeit. Der Brief ist eine direkte Antwort auf die bösartige Satire auf die Frauen in Jean de Meungs Fortsetzung des Rosenromans, dem populärsten Buch dieses Zeitalters. De Meung, ein Berufsschriftsteller mit einem Magistergrad der Pariser Universität, war der Jonathan Swift seiner Zeit. Seine Satiren geißelten die künstlichen Konventionen der Religion, Philosophie und besonders des Rittertums und der hohen Minne. De Meungs Helden sind die Natur und die natürlichen Gefühle; Verstellung, Heuchelei und (erzwungene) Enthaltsamkeit und Keuschheit seine Bösewichter, die er gerne als Bettelmönche darstellte. Wie der Geistliche, der die Frauen wegen der geheimen Wünsche der Männer anklagt, wie der Polizist, der die Hure, aber nicht ihren Kunden verhaftet, so macht de Meung als Mann die Frauen für die Abkehr der Menschheit von ihren Idealen verantwortlich. Weil die höfische Minne eine falsche Glorifizierung der Frau war, ließ er die Frauen Falschheit und Heuchelei verkörpern. Intrigant, geschminkt, käuflich und hemmungslos waren de Meungs Frauengestalten und damit die einfache Umkehr der ebenfalls männlichen Phantasievorstellung von der hohen Minne. Christine betonte, daß es Männer waren, die beide Arten der Bücher, die Romanzen und die Satiren, schrieben. Ihr Protest löste einen vielbeachteten Streit zwischen den Fürsprechern und Kritikern de Meungs aus. Es war eine der großen intellektuellen Debatten der Zeit der Jahrhundertwende.

Im Alter von 54 Jahren zog Christine sich aus Trauer über den Zustand Frankreichs in ein Nonnenkloster zurück. Sie lebte noch elf Jahre und widmete diese Zeit der Dichtung eines Epos über die Frauengestalt, die für die Nachwelt alle anderen jener Zeit überragte – Jeanne d'Arc.


Am 27. Juli 1365 heirateten Enguerrand de Coucy und Isabella von England in großer Festlichkeit und Pracht. Die besten Spielleute des Reiches spielten zu dieser Gelegenheit auf. Die Braut glänzte in den Juwelen, die sie als Brautgeschenk von ihrem Vater, ihrer Mutter und ihren Brüdern bekommen hatte und die nach den Aufzeichnungen des königlichen Haushalts 2370 Pfund, 13 Schillinge und 4 Pennies wert waren. Das Hochzeitsgeschenk des Königs für Enguerrand war nicht weniger wertvoll: Er wurde ohne Lösegeld aus seiner Geiselhaft entlassen.

Vier Monate später erhielt das Paar die Erlaubnis des Königs, nach Frankreich zurückzukehren. Offenbar wurde die Erlaubnis nur mit einigem Zögern gegeben, da der entsprechende Brief sich auf die wiederholten Bitten Enguerrands bezieht, »nach Frankreich zu gehen, um Eure Besitztümer, Ländereien und Güter zu besuchen«. Da Isabella bereits schwanger war, versprach der [207]König zusätzlich, daß alle Kinder, männliche und weibliche, englischen Besitz erben könnten und als Engländer betrachtet würden, »ganz so, als wären sie im Königreich geboren«.

Unter dem traditionellen Läuten der Kirchenglocken, an denen kräftig gezogen wurde, damit die Heiligen die Wehen erleichterten, wurde auf Coucy im April 1366 eine Tochter geboren und auf den Namen Marie getauft. Schon vor Ablauf eines Monats eilte Isabella mit Mann und Kind nach England zurück. Eine Dame von hohem Rang reiste damals in einem vierrädrigen Wagen mit gepolsterten Sitzen, umgeben von ihrer Haushaltsausstattung, Bettleinen, Kochtöpfen, Krügen, Geschirr, Kleidung und Teppichen. Diener eilten zu jeder Station voraus und bereiteten die Zimmer vor, hingen Wandteppiche und Bettvorhänge auf. Selbst bei solchen Erleichterungen aber scheint es ein Anzeichen von einer eigenartigen und rücksichtslosen Ungeduld oder eines verzweifelten Heimwehs, daß Isabella sich und das Neugeborene der Kanalüberquerung und der holprigen Landreise aussetzte. Die ganze Zeit ihrer Ehe hindurch schlug Isabella in Coucy-le-Château keine Wurzeln und eilte immer sofort an den Hof ihres Vaters zurück, sobald ihr Gatte zu irgendeiner Expedition aufbrach. Vielleicht war sie in der großen Burg auf dem Hügel unglücklich, oder sie fühlte sich in Frankreich nicht zu Hause, oder – was wahrscheinlicher ist – sie konnte ohne den Glanz des Königshofes, ohne die Umgebund ihrer Jugend, nicht leben.

Eduards Entschlossenheit, Coucy so eng wie möglich an England zu binden, zeigte sich erneut, sobald Enguerrand und seine Frau wieder in England waren. Am 11. Mai 1366 verkündete der Kanzler in Anwesenheit Eduards Adel und Bürgertum im Parlament, »daß der König seine Tochter Isabella mit dem Lord de Coucy verheiratet hat, der in England und anderswo schönes Besitztum sein eigen nennt; und da der König so eng mit ihm verbündet ist, erscheint es dem König angebracht, daß er seinen Namen und seine Ehre vermehre, indem er ihn zum Earl erhebe. Und dafür bitte er, ihm Rat und Zustimmung zu geben.« Die Stände stimmten dem Verlangen zu, und Enguerrand wurde mit dem vakanten Earltum von Bedford belehnt. Von da an erscheint er als Ingelram, Earl von Bedford, in den englischen Archiven. Um die Ehrung vollständig zu machen, wurde er in den »Order of the Garter« (den Hosenbandorden) aufgenommen.

Durch Enguerrands neuen Titel vermehrte sich Isabellas jährliches Einkommen um noch einmal 200 Pfund, die aber prompt im Schlund ihrer hemmungslosen Einkaufswut verschwanden. Sie war offenbar verschwendungssüchtig, denn innerhalb weniger Monate nach ihrer Rückkehr zahlte der König 130 Pfund und 15 Schillinge, um ihre Schulden bei den Händlern zu decken – sie hatte Seide und Samt gekauft, Goldstoffe, Zierbänder und Leinentuche –, und noch einmal 60 Pfund, um ein juwelenbesetztes Diadem auszulösen, das sie verpfändet hatte.

[208]Kurz vor Ostern 1367 wurde die zweite Tochter Coucys geboren und nach ihrer Großmutter, der Königin, Philippa genannt. Das Neugeborene bekam von seinen königlichen Großeltern ein 24teiliges schöngeschmiedetes Silberservice mit sechs Schalen, sechs Pokalen, vier Wasserkannen, vier Platten, Salzstreuern und Löffeln, das 239 Pfund gekostet hatte. Um sein Glück vollkommen zu machen, erhielt Enguerrand noch einen dem englischen gleichwertigen französischen Adelstitel, auch dies veranlaßt durch seinen nicht uneigennützigen Schwiegervater. Ein Nachbar Enguerrands in Frankreich, Geisel wie er, war bis dahin trotz seiner einflußreichen Familie nicht in der Lage gewesen, sich freizukaufen. Es war Guy von Blois und Châtillon, Graf von Soissons und Neffe von Philipp VI. und Karl von Blois aus der Bretagne. Als Preis für seine Freilassung einigte man sich nun auf eine Regelung, unter der er mit Zustimmung König Karls von Frankreich seine Grafschaft Soissons an Eduard abtrat, der sie wiederum an Coucy weitergab und dafür Isabellas Mitgift von 4000 Pfund einbehielt. Die beiden großen Besitztümer Coucy und Soissons, die einen beträchtlichen Teil der Picardie ausmachten, waren nun vereint in der Hand des Schwiegersohns des Königs von England. Mit einem territorialen Titel hatte Enguerrand die einst stolze Titellosigkeit der Herren von Coucy aufgegeben und kehrte als Graf von Soissons mit seiner Frau und seinen Töchtern im Juli 1367 nach Frankreich zurück.

 

[209]

Kapitel 10
Die Söhne des Frevels

In den sieben Jahren, die Coucy in England verbrachte, war das Chaos, das die Kompanien der Briganten über das Land brachten, zu einem bedeutenden Faktor der europäischen politischen Situation geworden. Die Briganten breiteten sich in Frankreich, in Savoyen, in der Lombardei und den päpstlichen Staaten aus. Weit entfernt davon, ein vorübergehendes Phänomen zu sein, waren die Kompanien zu einer Lebensweise geworden, zu einem Teil der Gesellschaft, der von den Herrschern selbst dann noch benutzt wurde, als sie längst um die Ausrottung des Brigantentums kämpften. Sie fraßen die Gesellschaft von innen her an wie Erysichthon, der von Demeter, nachdem er die Bäume ihres Hains zerstört hatte, mit unersättlichem Appetit geschlagen wurde und sich schließlich selbst verschlang.

Ihre Disziplin und ihre Organisation machten die Kompanien wirkungsvoller als die Ritterheere, die das Prinzip von Befehl und Gehorsam nicht kannten. Das Leben durch das Schwert wurde zum Selbstzweck; die Atmosphäre des 14. Jahrhunderts war vergiftet durch den brutalen Triumph der Gesetzlosen. Dem hilflosen Volk erschienen die Kompanien wie eine biblische Plage, die den Sternen oder Gottes Zorn zugeschrieben wurde.

In Frankreich wurden sie écorcheurs (Häuter) genannt oder routiers (Wegelagerer), in Italien condottieri, abgeleitet aus der condotta, dem Vertrag, der die Bedingungen des Dienstes des Söldners festlegte. Sie erpreßten systematisch Geld von unbefestigten Städten in der Form der appatis, eines erzwungenen Tributs, der Schonung erkaufte. Die Kompanien stellten Notare, Anwälte und Bankiers in ihre Dienste, um ihre Interessen wahrzunehmen, sie beschäftigten Schreiber, Schmiede, Gerber, Schlachter, Ärzte, Priester, Schneider, Wäscherinnen, Prostituierte. Sie wurden zu einem Teil der sozialen Struktur. Als Burgund 1364 von dem »Erzpriester« Arnaut de Cervole besetzt wurde, behandelte ihn der junge Herzog Philipp mit hohem Respekt, nannte ihn Berater und Freund, übergab ihm eine Burg und mehrere adlige Geiseln als Sicherheit, bis er 2500 Goldfranken aufbringen konnte, um sich freizukaufen. Um die Summe zahlen zu können, griff Philipp zu dem bewährten Mittel erhöhter Steuern, die wiederum die Erbitterung des Volkes gegen die Herrschenden steigerten.

Der Haß des Volkes schrieb den Kompanien jede Greueltat zu vom Verzehr von Fleisch in der Fastenzeit bis zur Vergewaltigung schwangerer Frauen, was [210]angeblich den Tod von ungeborenen und ungetauften Kindern verursachte. Drei Viertel von Frankreich waren ihr Jagdgrund, vor allem Burgund, die Normandie, die Champagne und Languedoc. Befestigte Städte konnten Widerstand leisten, aber das Land war den Briganten ausgeliefert und wurde immer wieder verwüstet. Eine Vagabundenbevölkerung entstand aus verarmten Bauern, arbeitslosen Handwerkern und Priestern ohne Gemeinden.

Die Kompanien verschonten auch die Kirchen nicht. »Unberührt von der Furcht Gottes«, schrieb Innozenz VI. in einem Hirtenbrief von 1360, »brechen die Söhne des Frevels in Kirchen ein, stehlen Bücher, Kreuze Reliquien und Abendmahlgeschirr und machen sie zu ihrer Beute.« Kirchen, in denen Blut vergossen worden war, galten als geschändet und durften nicht zum Gottesdienst benutzt werden, bevor sie nicht in einem langen bürokratischen Prozeß als gereinigt erklärt waren. Dessenungeachtet mußte die Gemeinde die Abgaben an den Papst weiterhin zahlen, was die Priester oft in den Ruin trieb, sie dazu brachte, ihre Gemeinden zu verlassen und sich nicht selten den Verbrechern anzuschließen. »Seht, wie bedenklich es ist«, trauerte Innozenz im selben Hirtenbrief, »wenn die, denen die Gnade Gottes anvertraut ist…an Raub und Schändung teilhaben und selbst am Vergießen des Blutes.«

Nur ein Pfeiler der mittelalterlichen Ordnung blieb unerschüttert: die Notwendigkeit der Absolution. Die Furcht davor, ohne Freisprechung von den Sünden zu sterben, saß so tief, daß Geister als die Seelen angesehen wurden, die zurückgekehrt waren, um Absolution zu erbitten. Die Kompanien erzwangen deshalb häufig ihre Freisprechung mit Gewalt, raubten sie, als wäre sie ein Sack Gold. Innozenz' Nachfolger, Urban V., gab 1364 zwei Exkommunikationsbullen gegen die Briganten heraus, Cogit Nos und Miserabilis Nonnullorum, die beide darauf zielten, jede Unterstützung der Kompanien zu unterbinden, und versprachen, daß jeder, der im Kampf gegen sie fiel, von seinen Sünden freigesprochen war. Der Bann mag die Briganten verstört haben, einschüchtern konnte er sie nicht.

Der berühmteste Berufssoldat unter den Briganten war Sir John Hawkwood, dem Coucy später einmal in der Schlacht entgegentreten sollte und dessen Name zum erstenmal als Führer einer der Kompanien auftauchte, die 1361 Avignon belagerten. Sein Werdegang war typisch für viele der Brigantenführer. Als zweiter Sohn eines kleinen Grundherrn verließ er seine Heimat, als sein älterer Bruder das Gutshaus und das Land erbte. Er schloß sich der englischen Armee in Frankreich an und kämpfte noch in den 1350er Jahren »als ein armer Ritter, der außer seinen Sporen nichts gewonnen hatte«. Nach dem Vertrag von Brétigny schloß er sich einer Kompanie der Tard-Venus (der »später gekommenen« Kompanien) an. Zu der Zeit war er 35. Als er sich durch päpstliches Gold bewegen ließ, Avignon zu verschonen, befehligte er die »Weiße Kompanie«, eine Streitmacht von 3500 Reitern und 2000 Fußsoldaten, deren weiße Banner, weiße Waffenröcke und hochpolierte [211]Brustpanzer ihnen den Namen gaben. Als sie in der Lombardei auftauchten, verbreiteten sie durch ihre Grausamkeit und Hemmungslosigkeit Schrecken: »Nichts war entsetzlicher, als den Namen dieser Engländer zu hören.« Sie erwarben sich den Ruf, perfidi e scelleratissimi (heimtückisch und überaus böse) zu sein, obwohl zugegeben wurde, daß »sie ihre Opfer nicht verstümmelten und rösteten wie die Ungarn«.

Von verschiedenen italienischen Stadtstaaten, die ihre ständigen Privatfehden untereinander ausfochten, wurde Hawkwood angeheuert und konnte bald die höchsten Preise fordern. Er war ebenso rücksichtslos – aus dieser Zeit stammt das Sprichwort: »Ein italisierter Engländer ist der inkarnierte Teufel« – wie geschäftstüchtig, verlor keine Zeit mit der herkömmlichen Räuberei, sondern stellte seine Kompanie den jeweils zahlungskräftigsten Fürsten oder Städten zur Verfügung. Er kämpfte für Pisa gegen Florenz und umgekehrt, für den Papst gegen die Visconti und umgekehrt, wobei er, als er die Dienste der Visconti verließ, ihnen korrekterweise die Burgen zurückgab, die er mit seiner Kompanie für sie erobert und besetzt hatte. Der Krieg war für Hawkwood ein Geschäft, er machte nur eine Ausnahme: Gegen den König von England wollte er nicht kämpfen. Als er nach 35 Jahren in Italien starb, ruhmbedeckt und reich, wurde er im Dom von Florenz begraben; Ucellos Reiterfresko über der Tür erinnert an ihn.

In Italien wurden die Kompanien praktisch als offizielle Armeen in den regionalen Kriegen eingesetzt. In Frankreich wüteten sie ohne Kontrolle. Die einzige wirkungsvolle Gegenkraft wäre eine stehende Armee gewesen, ein Gedanke, der jenseits des Vorstellungsvermögens der Zeit und der Finanzkraft des Staates lag. Die einzige wirkungsvolle Strategie gegen die Kompanien war, sie zu bezahlen, damit sie woanders hingingen. Da der König von Ungarn um Hilfe gegen die Türken rief, wurde vom Papst, dem Kaiser und dem König von Frankreich ein gemeinsamer Versuch unternommen, die Plage durch einen Kreuzzug aus dem Land zu schaffen.

Der Mann, den der frühere Dauphin und Regent, jetzt König Karl V., mit der Führung des Kreuzzugsheeres beauftragte, war ein seltsamer neuer Hauptmann, so rauh wie sein bretonischer Name, den die Franzosen zunächst De Clequin, Kaisquin oder Clesquy schrieben, bis sein wachsender Ruhm ihn als Bertrand Du Guesclin festlegte. Plattnasig, dunkelhäutig, kurz und schwer, »gab es zwischen Rennes und Dinant keinen häßlicheren Mann«. So beginnt Cuveliers Versepos, das einen französischen Helden schaffen sollte, der es mit dem von Chandos Herald besungenen Schwarzen Prinzen aufnehmen konnte. Seine Eltern waren verarmte Adlige. Der rauhe Sohn, unverdorben durch die Formalitäten von Turnieren, lernte das Kriegshandwerk in den Guerillakämpfen der Bretagne im Dienst von Karl von Blois. Er wurde zu einem Meister des Überfalls und der Kriegslist, des Gebrauchs von Spionen und Geheimboten, er bestach Feinde mit Geld und [212]Wein, er folterte und tötete Gefangene, und er schreckte auch vor Überraschungsangriffen nach heilig beschworenem Waffenstillstand nicht zurück. Er war ebenso furchtlos wie skrupellos, ein großer Krieger, aber immer bereit, sein Ziel auch durch List, Intrige und Taktik zu erreichen; er war hart, verschlagen und bedenkenlos, ein écorcheur.

Obwohl Karl V. selbst kein Krieger war, besaß er eine kriegerische Entschlossenheit. All die Jahre seit dem Vertrag von Brétigny hindurch war sein einziges, unausgesprochenes, alles bestimmendes Ziel das Festhalten der Territorien, deren Abtretung an England sein Reich verstümmelt hätte. Da er kein Bedürfnis verspürte, seine Heerschar in der Schlacht selbst anzuführen, brauchte er einen militärischen Führer und fand ihn in diesem »Wildschwein in Eisen«, dem ersten Befehlshaber auf französischer Seite, der dem Schwarzen Prinzen oder Sir John Chandos ebenbürtig war.

1364, im ersten Herrschaftsjahr von Karl V., führte Du Guesclin die Franzosen in einen Sieg und in eine Niederlage in zwei historischen Schlachten. Der erste Zusammenstoß war die Schlacht von Cocherel in der Normandie mit der Armee Karls von Navarra. Die beiden Heere waren klein, aber das Ergebnis war bedeutend, denn es führte zu der Beseitigung der ständigen Bedrohung von Paris durch Navarra. Dessen Vetter, der berühmte Hauptmann de Buch, wurde in diesem Treffen gefangengenommen, aber von Karl V. in der Hoffnung, ihn auf seine Seite zu ziehen, ohne Lösegeld bald wieder freigelassen. Die zweite Schlacht fünf Monate später bei Auray an der felsigen Küste der Bretagne entschied den Krieg in diesem Land. Karl von Blois, der französische Kandidat für den Herzogsthron, fiel, und Du Guesclin wurde gefangengenommen. Damit gelangte der englische Kandidat, Johann von Montfort, an die Macht, obwohl die Bretagne nach den Bedingungen des Vertrages von Brétigny französisches Lehen blieb. Karl V. gelang es, diese Niederlage zu seinem Vorteil zu nutzen. Durch eine enorme Pension überzeugte er Blois' Witwe, ihre Ansprüche aufzugeben, beendete damit den bretonischen Krieg, der die französischen Kräfte unablässig gebunden hatte. Karl V. zog es immer vor, nicht zu kämpfen, wo er kaufen konnte.

Du Guesclin, nachdem er freigekauft worden war, fiel keineswegs in Ungnade. Sein nächster Kriegsschauplatz war Spanien, wohin sich die anglo-französische Auseinandersetzung nach dem Ende der Kampfhandlungen in der Bretagne verlagert hatte. Peter der Grausame, König von Kastilien, hatte durch seine Härte einen Aufstand heraufbeschworen, der darauf zielte, seinen illegitimen Bruder Heinrich II. von Trastamara, den ältesten von zehn Bastarden seines Vaters, zum König zu machen. Der Streit beeinflußte das Gleichgewicht der Kräfte in Languedoc, in Aquitanien und in Navarra. Da Peter von den Engländern unterstützt wurde und außerdem angeblich seine Frau, eine Schwester der Königin von Frankreich, ermordet hatte und da Heinrich der Protegé der Franzosen war, die hofften, einen Verbündeten auf [213]einen wichtigen Thron zu bringen, zog die Auseinandersetzung die alten Feinde in ihren Strudel. Darüber hinaus war Peter ein Feind des Papstes, der ihn exkommuniziert hatte, weil Peter sich geweigert hatte, nach Avignon zu kommen, um sich Anklagen gegen seine Bösartigkeit zu stellen.

Der spanische Krieg hatte noch mehr zu bieten: Unter dem Deckmantel eines Kreuzzugs gegen die Mauren von Granada konnte er als ideales Ventil und vielleicht zugleich als Grab für die Kompanien von Frankreich dienen. Du Guesclin als der vom König ernannte Anführer des Feldzugs hatte 25 Hauptleute der gefährlichsten Kompanien überredet, ihm nach Spanien zu folgen. Hoher Sold war ihnen versprochen worden, aber die Männer der Kompanien hatten nicht die Absicht, die Pyrenäen zu überqueren, ohne vorher bare Münze gesehen zu haben. Die Art, in der das Geld herangeschafft wurde – mit offensichtlichem Genuß in Cuveliers Versepos wiedergegeben –, ist ein Mikrokosmos des 14. Jahrhunderts, obwohl von Cuvelier gesagt worden ist, daß »die Tyrannei des Reims ihm wenig Raum für Genauigkeit ließ«.

Die Kompanien marschierten statt nach Spanien auf Avignon und lagerten in Sichtweite des päpstlichen Palastes an der Rhone bei Villeneuve. Dorthin schickte Papst Urban V. einen zitternden Kardinal, um ihnen sagen zu lassen, »daß Ich, der Ich die Macht Gottes und aller Heiligen, der Engel und Erzengel habe, die ganze Kompanie exkommunizieren werde, wenn ihr nicht ohne Verzögerung weiterzieht«. Von Du Guesclin und dem »gelehrten, weisen und umsichtigen Ritter« Marschall d'Audrehem höflich empfangen, wurde der Kardinal gefragt, ob er Geld mitgebracht habe; er antwortete taktvoll, daß er ausgesandt sei, um ihre Absichten auf Avignon zu erfahren.

»Herr«, antwortete d'Audrehem, »Ihr seht vor Euch Männer, die seit zehn Jahren viele böse Taten im Königreich Frankreich auf sich geladen haben und die nun auf dem Weg nach Granada sind, um Krieg gegen die Ungläubigen zu führen«, und deren Führer sie dorthin leiteten, »auf daß sie nicht mehr nach Frankreich zurückkehren.« Bevor sie das Land verließen, seien sie gekommen, um um Absolution zu bitten, also möge der Heilige Vater »uns von unseren Sünden lossprechen und uns die Bestrafung für die schlimmen und schweren Verbrechen, die wir alle seit der Kindheit begangen haben, erlassen, und außerdem möge er uns für unsere Reise mit 200 000 Franken ausstatten«.

»Bleich geworden« antwortete der Kardinal, daß er sie, obwohl sie viele an Zahl seien, der Absolution, nicht aber des Geldes versichern könne. »Herr«, warf Du Guesclin ein, »wir müssen all das haben, worum der Marschall gebeten hat, denn ich sage Euch, hier sind viele, die wenig auf die Absolution geben; sie hätten lieber das Geld.« Er fügte hinzu, daß »wir wie in ein Land führen, wo sie rechtens plündern können, ohne christlichen Menschen Schaden zuzufügen«, und betonte, daß er für seine Männer nicht garantieren könne, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden, und je länger sie warten müßten, desto schlimmer sei dies für Villeneuve.

[214]Der Kardinal hastete über die Brücke zurück und sagte dem Papst zuerst, daß die Kompanien um Absolution bäten und daß er ihre Beichte überbrächte. »Sie haben…alles Böse, was man tun und mehr, als man berichten kann, begangen; also bitten sie um Gnade und die Vergebung Gottes und vollen Ablaß durch Euch.«

»Das sollen sie haben«, sagte der Papst, ohne zu zögern, »unter der Bedingung, daß sie darauf das Land verlassen.« Dann unterbreitete ihm der Kardinal die zusätzliche Forderung von 200 000 Franken. Von seinem Fenster aus konnte Urban V. die Bewaffneten der Kompanien sehen, wie sie Vieh, Geflügel, gutes weißes Brot und alles, was sie tragen konnten, wegschleppten. Er berief eine Ratsversammlung ein, um zu entscheiden, wie das Geld aufgetrieben werden konnte. Man beschloß eine Zusatzsteuer für die Bürger von Avignon, »auf daß der Schatz Gottes nicht vermindert werde«. Als das Geld durch den Bürgervorsteher von Avignon Du Guesclin überbracht wurde, daneben auch die unterzeichnete und versiegelte Generalabsolution, fragte Du Guesclin, ob die Summe aus der päpstlichen Schatzkammer stamme. Als ihm gesagt wurde, daß sie von der Gemeinde von Avignon zusammengetragen worden sei, verfluchte er »sehr unehrerbietig« den Geiz der Heiligen Kirche und schwor, nicht einen Pfennig anzunehmen, es sei denn, er stamme von der Kirche; das Steuergeld aber verlangte er an das Volk zurückzugeben, das es aufgebracht hatte. »Herr«, sagte der Bürgervorsteher, »Gott gebe Euch ein glückliches Leben; das arme Volk wird voller Freude sein.« Das Geld wurde tatsächlich zurückgegeben und durch 200 000 Franken aus der päpstlichen Schatzkammer ersetzt, wofür sich der Papst umgehend durch einen zusätzlichen Zehnten, der der französischen Geistlichkeit auferlegt wurde, entschädigte.


Was Cuveliers Epos für Du Guesclin tat, versuchte Chandos Herald weiterhin für den Schwarzen Prinzen zu tun: er verherrlichte dessen Herrschaft in Aquitanien als »sieben Jahre der Freude, des Friedens und der Zufriedenheit«, was den Tatsachen in jeder Hinsicht spottete. Die Arroganz und Extravaganz des Prinzen erzeugten in seinen gasconischen Untertanen einen mühsam unterdrückten Grimm und eine neue Hinwendung zu Frankreich. Voll der Ideale der Großzügigkeit und mit der Gleichgültigkeit eines adligen Bankrotteurs gegenüber den Forderungen einer ausgewogenen Wirtschaft schloß er die Lücken in seinem Haushalt mit ihmmer neuen Steuern, die ihn in dem Volk verhaßt machten, das er doch für England gewinnen sollte. »Seit Gott geboren ward, ist niemals ein Haus so gastfrei und prächtig geführt worden.« Er unterhielt »mehr als achtzig Ritter und vollends viermal so viele Knappen« – etwa vierhundert Leute – und hatte selbst ein enormes Gefolge von Knappen, Pagen, Dienern, Schreibern, Jägern und Falknern. Er hielt große Feste und Bankette ab,wobei er selbst sich nur von einem Ritter mit goldenen Sporen bedienen ließ. Seine Frau, die schöne Johanna, übertraf ihre Schwägerin Isabella [215]noch in ihren luxuriösen Kleidern, ihren Pelzen, Juwelen, ihrem Gold und Email. »Großzügigkeit, hohe Ziele, Menschenverstand, Mäßigung, Rechtschaffenheit, Vernunft, Gerechtigkeit und Zurückhaltung« charakterisierten nach dem begeisterten Bericht von Chandos Herald die Herrschaft des Prinzen. Außer den ersten beiden besaß der Prinz keine dieser Eigenschaften.

Du Guesclins Krieger zogen nach Spanien, wo sie mit solcher Wirkung und solchem Grimm in die Kämpfe eingriffen, daß Peter floh und Heinrich zum König gekrönt wurde. Die Kompanien, von deren Soldaten zu wenige ihr Grab in Spanien gefunden hatten, kehrten bald nach Frankreich zurück. Englands Interesse aber sorgte dafür, daß der Krieg damit nicht zu Ende war. Peter rief den Schwarzen Prinzen um Hilfe an, der, immer begierig, Ruhm und Ehre im Feld zu sammeln, die Sache des Spaniers aufnahm. Er sah sich überdies durch eine franko-kastilische Allianz bedroht, die mit Hilfe der starken spanischen Flotte die Verbindungen zwischen Aquitanien und England bedrohte und die permanente englische Angst vor einer Invasion nährte. Die Finanzierung des Feldzuges war wie immer der kritische Punkt. Peter schwor, alle Kosten zurückzuzahlen, sobald er den Thron zurückgewonnen habe, und der Schwarze Prinz, obwohl seine Berater dagegen waren, einem von so vielen bösen Taten befleckten Mann zu vertrauen, weigerte sich, auf den Kampf zu verzichten. Du Guesclin und seine französischen Kompanien eilten wiederum Heinrich zu Hilfe, und so wurde der Krieg 1367 weitergeführt, diesesmal mit umgekehrtem Ausgang.

In der Schlacht von Najera im April 1367 erfochten die Engländer einen Sieg, der in den mittelalterlichen Annalen hoch eingeschätzt wurde. Die Franzosen erlitten eine weitere jener Niederlagen, die nicht nur ihren Ruhm, sondern ihre militärische Überlegenheit überhaupt untergruben. Heinrich war von Du Guesclin und Marschall d'Audrehem geraten worden, die offene Feldschlacht nicht zu wagen, da er dem Schwarzen Prinzen und »den besten Kriegsmännern auf der Erde« gegenüberstehe. Statt dessen wollten sie seinen Nachschub abschneiden und »ihn ohne einen Schwertstreich aushungern« – derselbe Rat, der vor Poitiers gegeben und ignoriert worden war. Aus verschiedenen Gründen – Gelände, Wetter, der Stolz des spanischen Gefolges – war der Ratschlag nicht durchzusetzen, und die Schlacht wurde zu einer Katastrophe. Heinrich von Trastamara floh, Peter wurde wieder eingesetzt und Bertrand Du Guesclin ein zweites Mal gefangengenommen. Obwohl er eigentlich dazu neigte, ihn festzuhalten, ließ sich der Schwarze Prinz von Bertrands höhnischer Bemerkung, »er habe Angst«, ihn freizulassen, beeindrucken und stimmte einer Auslösung gegen den stolzen Preis von 100 000 Franken zu.

Für Frankreich hatte auch diese Niederlage einen Vorteil: Nur zerschlagene Häuflein der Kompanien kehrten in die Heimat zurück. Eine weitere Erleichterung von der Brigantenplage brachte der Tod der Banditenführer [216]Seguin de Badefol und des »Erzpriesters« – der erste wurde von Karl von Navarra bei einem Festessen vergiftet, damit er ihm den Sold nicht zu zahlen brauchte, und der zweite wurde von seinen eigenen Leuten erschlagen. Die Atempause war aber auch nur von kurzer Dauer. Als Peter, wie vorausgesehen, seine Schulden nicht bezahlen konnte, schickte der Schwarze Prinz seine wütenden, aufrührerischen anglo-gasconischen Truppen nach Frankreich und »ermutigte sie unter der Hand«, sich dort durch Plünderungen zu entschädigen. In kleinen Gruppen, aber tapfer und kriegserprobt, zogen sie in die Champagne und die Picardie, »wo sie so viel Schaden anrichteten und so viel Böses taten, daß sie große Unruhe stifteten«.

Für den Prinzen wurde der Lorbeer des Siegs bald bitter; Najera war der Höhepunkt, auf den ihn das Schicksalsrad trug, von nun an ging es bergab. Sein Stolz stieß die Gasconen ab, denn »für ihn war ein Ritter keinen Knopf wert noch ein Bürger oder die Frau eines Bürgers noch das gemeine Volk«. Als er die Last von Peters Schulden in Form von Haushaltssteuern 1367/68 auf das Volk von Aquitanien abzuwälzen versuchte, rebellierten die gasconischen Adligen und eröffneten Verhandlungen mit Karl V. um die Rückkehr in eine französische Allianz. Damit hatte der französische König einen Grund und ein Mittel in der Hand, den Vertrag von Brétigny ungültig zu machen.

 

[217]

Kapitel 11
Das vergoldete Leichentuch

Das war das Frankreich, in das Coucy 1367 zurückkehrte. Aus seinen Maßnahmen im folgenden Jahr spricht, daß auch sein Land unter dem Arbeitskräftemangel litt, der die Grundherren seit dem Schwarzen Tod überall plagte. Die Picardie, von Beginn an Korridor englischer Invasionen, hatte nicht nur unter den durchziehenden Armeen, sondern auch unter der Jacquerie und den Verwüstungen durch die navarresischen Truppen gelitten. Überdies waren viele Bauern in das benachbarte Hainault und über die Maas geflüchtet, um den Steuererhöhungen nach den französischen Niederlagen zu entgehen.

Um Arbeitskräfte im Land zu halten, befreite Coucy die Leibeigenen oder unfreien Bauern und Dorfbewohner seiner Besitzungen. Aus »Haß auf die Leibeigenschaft«, erkannte er in einem Erlaß an, hatten die Bauern das Land verlassen, »um außerhalb unseres Besitzes zu leben, an bestimmten Orten, wo sie sich ohne unsere Erlaubnis selbst zu Freien erklärten«. (Ein Leibeigener, dem es gelang, das Land und den Machtbereich seines Herrn zu verlassen, und der ein Jahr woanders siedelte, galt als frei.) Mit Ausnahme eines Freibriefs für den Ort Coucy-le-Château von 1197 hatte es vorher auf Coucys Land keine Befreiung von der Leibeigenschaft gegeben, vielleicht aufgrund der Wohlhabenheit des Besitzes. Coucys Freibrief von 1368 kam spät, denn schon vor dem Schwarzen Tod waren die freien Bauern gegenüber den Leibeigenen in Frankreich in der Mehrheit. Die Abschaffung der Leibeigenschaft ging weniger auf moralische Gründe als auf finanzielle Überlegungen zurück, denn nur ein freies Bauerntum konnte mit Pacht belegt werden und versprach ein höheres Steueraufkommen. Bezahlte Arbeit durch Pächter war zwar teurer als die unbezahlten Dienste der Leibeigenen, aber diese Ausgaben wurden durch Pachteinnahmen mehr als aufgewogen. Außerdem brauchten Pachtbauern während der Arbeiten für den Herrn nicht verpflegt zu werden, was ebenfalls eine finanzielle Belastung gewesen war.

Im allgemeinen hatten die Grundherren, vor allem die kleineren mit weniger einträglichen Besitzungen, ökonomisch unter den Katastrophen der letzten zwanzig Jahre mehr gelitten als die Bauernschaft. Arbeitskräfte, die während der Seuche starben, konnten nicht ersetzt werden, da freie Bauern nicht in Leibeigene zurückverwandelt werden durften. Mühlen, Scheunen, Brauereien, Getreidespeicher mußten auf Kosten der Besitzer wiederhergestellt werden. Die Kosten für Lösegelder und das Leben als Gefangener im Laufe [218]von zwei Jahrzehnten meist verlorener Schlachten erschöpften die Reserven, auch wenn die Lasten meist den Städten, Dörfern und Bauern aufgebürdet wurden. Coucy selbst, den das Glück immer begünstigte, war von dieser Last verschont geblieben. Das Lösegeld war ihm erlassen worden, und im Juni 1368 ließ ihm der französische König 1000 Franken überbringen, um ihn für seine Ausgaben als Geisel in England zu entschädigen. Auch Karl V. umwarb den Herrn von Coucy und Soissons.

Wenn auch die Bindungen zwischen dem Herrn und seinen Untertanen durch die Umstellung der Leibeigenschaft auf die finanzielle Grundlage des Pachtbauerntums geschwächt wurden, so erlaubten die Einkünfte der Pacht den begüterteren Adligen ein aufwendigeres Leben und vor allem mehr Bewegungsfreiheit. Sie brauchten nun nicht mehr unbedingt auf ihren Besitzungen zu leben. Große Hôtels (Stadtschlösser) entstanden in Paris, auf das sich das Interesse des Adels zunehmende konzentrierte. Attraktiver Mittelpunkt des städtischen Lebens wurde die neue Residenz des Königs, St. Pol, ein Gebäudekomplex, der zu einem weitläufigen Palast umgebaut worden war. Er lag am östlichen Rand der Stadt in der Nähe der heutigen Place de la Bastille. Zwölf Säulengänge verbanden die Gebäude und Höfe, es gab sieben Gärten; Skulpturen schmückten die Wege, Löwen wurden in einer Menagerie gehalten und Nachtigallen und Tauben in einem Vogelhaus.

Karl V. herrschte in einer Zeit des Chaos, aber auch zu solchen Zeiten gibt es immer unberührte Gegenden voller Schönheit und Frieden, Musik und Tänze, Liebe und Arbeit. Während Rauchwolken bei Tag und der Schein der Flammen bei Nacht Zerstörung und Krieg anzeigen, ist der Himmel über dem Nachbarland klar; während die Schreie gefolterter Gefangener an einem Ort durch die Straßen gellen, zählen im nächsten Bankiers ihre Münzen, und Bauern pflügen hinter friedvollen Ochsen ihre Felder. Chaos in einer Epoche trifft nicht alle Menschen die ganze Zeit, und der Verfall, den die Zerstörung nach sich zieht, setzt sich nur langsam durch.

Auf Coucys gesellschaftlicher Ebene führten Männer und Frauen ein luxuriöses Leben, jagten und unterhielten sich durch große Gesellschaften. Besonders beliebt war die Beizjagd, viele trugen ihren Lieblingsfalken unter der Haube ständig auf dem Handgelenk, auch im Haus, in der Kirche oder bei Festen. Wenn es nach dem Nachtmahl kein Konzert oder Theaterstück gab, unterhielten sich die Gäste mit Gesprächen oder Liedern. In einem Gesellschaftsspiel schrieben die Teilnehmer mehr oder minder höfliche Verse auf kleine Pergamentrollen, die dann ausgetauscht wurden und vom Empfänger laut vorgelesen werden mußten, was angeblich Aufschlüsse über seinen Charakter zuließ.

Reiche Herren ließen ausgetüftelte »Narreteien« anlegen. Graf Robert von Artois hatte im Garten seines Schlosses von Hesdin Statuen, die Spaziergänger überraschend mit Wasser bespuckten, wenn sie an ihnen vorübergingen; [219]eine verborgene Falltür öffnete sich und ließ den Gast in ein Federbett fallen; in manchem Zimmer regnete Wasser oder Schnee auf den Gast, wenn er die Tür öffnete, oder Donner erklang; Wassersprüher benetzten nichtsahnende Damen »von unten«. Als das Schloß in den Besitz Philipps von Burgund überging, stellte er einen Kunsthandwerker ein, um die Vorrichtungen in Ordnung zu halten.

In der Picardie wurde im Juli und August das Schwanenfest gefeiert, in dem alle drei Stände zusammenkamen, die jungen Schwäne zu jagen, die noch nicht fliegen konnten. Angeführt von der Geistlichkeit, gefolgt vom Adel, den Bürgern und den Gemeinen, fuhr man in Booten auf die Teiche, Flüsse und Seen hinaus, begleitet von Musikern und bei Nacht von Fackelträgern. Den Teilnehmern war verboten, die Tiere zu töten – es war ein bloßes Vergnügen, an dem alle teilnehmen durften und das mehrere Tage dauerte.

Da das Leben kollektiv war, gab es in den Häusern von Adel, Bürgertum und Bauernschaft ein intensives gesellschaftliches Leben. Zwei Mahlzeiten am Tag waren für alle Stände das Normale, Mittagessen gegen zehn Uhr vormittags und Abendessen bei Sonnenuntergang. Das Frühstück war unbekannt, außer vielleicht in Form eines Stücks trockenen Brotes und eines Glases Wein, aber auch das galt bereits als Luxus. Prächtige Kleidung war auch durch immer wieder erneuerte Luxusgesetze, die sich besonders gegen die langen spitzen Schuhe richteten, nicht zu unterdrücken. Das Schuhwerk wurde vor den Zehen häufig ausgestopft, damit die Spitzen nach oben zeigten, manchmal wurden sie auch mit Gold- oder Silberkettchen am Knie festgebunden. Diese poulaines verursachten einen trippelnden Gang, der Belustigung erregte und Vorwürfe der Dekadenz auf den Träger zog. Aber die Oberklasse hing hartnäckig an dieser Extravaganz, die Schuhe wurden manchmal sogar aus Samt genäht und mit Perlen oder Gold verziert, und sie wurden in für jeden Fuß unterschiedlichen Farben getragen. Die Jagdmäntel der Damen waren mit Glocken besetzt, und Glocken hingen auch an vielen Gürteln, die ein wichtiger Teil der Kleidung waren, da sie eine Menge Ausrüstung zu tragen hatten: den Geldbeutel, die Schlüssel, das Gebetbuch, den Rosenkranz, eine Reliquie, Handschuhe, die Parfümdose, eine Schere und Nähzeug. Die Unterwäsche bestand aus einem Unterhemd und einer Unterhose aus feinem Leinen; Pelz- und Fellmäntel gehörten zu jedermanns Garderobe.

In der Kirche verließen die Adligen häufig die Messe, sobald sie vorüber war, »ohne auch noch ein Paternoster in den Kirchenmauern zu sagen«. Frömmere führten einen tragbaren Altar auf Reisen mit sich und verteilten Almosen, die ihnen ihre Beichtväter als Buße auferlegt hatten; die Almosen lagen aber im allgemeinen weit unter dem Aufwand für Kleidung oder die Jagd. In den Gottesdiensten mischte sich häufig das Sakrale mit dem Profanen. Wenn die Messe für Herrscher zelebriert wurde – beschwerte sich ein Bischof –, hielten sie oft gleichzeitig Audienz »und beschäftigten sich mit anderen [220]Dingen und achteten nicht auf den Gottesdienst und die Gebete«. Das Sakrament des Abendmahls, in dem der Christ an Fleisch und Blut Christi teilhatte und so Gnade erlangte, galt als der zentrale Ritus des Christentums und als Voraussetzung für die Erlösung. Umwölkt von der Metaphysik der Transsubstantiation, wurde das Abendmahl in seiner Bedeutung von den Laien kaum erfaßt, man glaubte einfach an die magische Kraft der heiligen Oblate. Wenn man sie auf Kohlköpfe im Garten legte, sollte sie schädliche Insekten abwehren, und in einen Bienenkorb gelegt, um den Schwarm zu beruhigen, soll sie einmal fromme Bienen dazu gebracht haben, eine ganze Kathedrale aus Wachs und Bögen, Fenstern, Glockenturm und Altar zu bauen, auf den die Bienen dann die heilige Oblate legten.

Aller Frömmigkeit zum Trotz wurden Beichte und Kommunion, die eigentlich jeden Sonn- und Feiertag wahrgenommen werden sollten, im Durchschnitt kaum mehr als einmal im Jahr zu Ostern beansprucht. Als ein Ritter niederen Adels gefragt wurde, warum er nicht zur Messe ginge, da sie doch für sein Seelenheil so wichtig sei, antwortete er: »Wahrhaftig, ich wußte dies nicht; nein, ich glaubte, die Priester hielten die Messe wegen der Kollekte.« Es ist geschätzt worden, daß zum Beispiel in Nordfrankreich etwa 10 Prozent der Bevölkerung fromme, praktizierende Christen waren, 10 Prozent gleichgültig und der Rest irgendwo zwischen regelmäßigem Kirchgang und seltenem Erscheinen pendelte.

Im Moment des Todes aber gingen die Menschen des Mittelalters kein Risiko ein: Sie beichteten, zahlten Wiedergutmachungen, beauftragten den Geistlichen mit Gebeten für ihre Seele und beraubten sogar häufig ihre Familien durch Schenkungen an Klöster, Kapellen, Einsiedler und die Finanzierung einer Pilgerfahrt durch einen Stellvertreter.

Nach der Darstellung seiner Biographin Christine de Pisan, der Tochter des Astrologen Thomas von Pisano, war König Karl V. ein Mann von fanatischer Frömmigkeit. Er schlug ein Kreuz, sobald er erwachte, und seine ersten Worte galten dem Gebet. Sobald er gekämmt und gekleidet war, brachte man ihm sein Brevier, und er ging um acht Uhr morgens zur Messe in seine Kapelle. Dann hielt er Audienz für »alle Art Volk, reich und arm, Damen und Jungfrauen, Witwen und andere«. An bestimmten Tagen saß er dem Kronrat vor und besprach Staatsangelegenheiten. Er lebte bewußt in einer »majestätischen Ordnung«, um die feierliche Würde der Krone zu unterstreichen. Nach dem Mittagsmahl ließ er Spielleute musizieren, »um das Gemüt zu erfreuen«, und empfing dann zwei Stunden lang Botschafter, Fürsten und Ritter, häufig in solchen Massen, daß »man sich in seinen großen Hallen kaum umdrehen konnte«. Er hörte sich Berichte von Schlachten und Abenteuern und Nachrichten aus anderen Ländern an, unterzeichnete Briefe und Dokumente, erteilte Aufträge, vergab und empfing Geschenke. Nach einer Ruhestunde verbrachte er einige Zeit mit der Königin und seinen Kindern – ein Sohn und Erbe [221]war 1368 geboren worden und danach ein zweiter Sohn und zwei Töchter –, besuchte seine Gärten im Sommer, las und studierte im Winter, redete mit seinen engsten Freunden bis zum Abendessen und zog sich nach den Abendunterhaltungen zurück. Er fastete an einem Tag der Woche und las die Bibel jedes Jahr einmal durch.

Wer immer auch sein wahrer Vater gewesen sein mag – Karl V. teilte in vollem Maße die Leidenschaft der Valois für Besitz und Luxus. Er war bereits dabei, Vincennes zu einem Sommerpalast umbauen zu lassen, und sollte bald darauf noch drei oder vier weitere Schlösser in Auftrag geben. Er beschäftigte den berühmten Koch Taillevent, der gerösteten Schwan und Pfauen anrichtete, die mit all ihren Federn wiederhergestellt worden waren mitsamt vergoldetem Schnabel und in einer passenden Miniaturlandschaft liegend, die aus Zuckerwerk gemacht war. Karl sammelte wertvolle Stücke und juwelenbesetzte Reliquien, darunter eine Windel Christi und eine Flasche mit der Milch der Heiligen Jungfrau, die Dornenkrone und Splitter des wahren Kreuzes. Zur Zeit seines Todes besaß er, sagte man, 47 juwelenbesetzte Goldkronen und 63 vollständige Sätze Meßgeschirr einschließlich kostbarer liturgischer Bücher und Goldkruzifixe.

Der König war 1368 dreißig Jahre alt, zwei Jahre älter als Enguerrand de Coucy, bleich, dünn und ernst. Er hatte eine lange gebogene Nase, scharfblickende Augen, dünne aufeinandergepreßte Lippen, rotblondes Haar. Seine Gefühle waren immer kontrolliert, er behielt seine Gedanken und Ziele für sich, was ihm den Vorwurf, listig und verschlossen zu sein, eintrug. Er hatte sich von schweren Migräneanfällen, Zahnschmerzen, Darmstörungen und anderen Krankheiten erholt, die ihn während seiner Herrschaft befallen hatten, aber er litt immer noch unter einer Erkrankung – vielleicht Gicht – der rechten Hand oder des rechten Arms, der einen geheimnisvollen Abszeß trug – wahrscheinlich von einer Tuberkulose, von seinen Zeitgenossen aber auf den Giftanschlag Karls von Navarra zurückgeführt. Ein gelehrter Arzt aus Prag, den ihm sein Onkel, der Kaiser, gesandt hatte, behandelte ihn gegen das Gift, sagte ihm aber, daß, wann immer der Abszeß aufhörte zu nässen, Karl nach fünfzehn Tagen sterben würde, was ihm aber ausreichend Zeit ließe, seine Angelegenheiten zu ordnen und sich um sein Seelenheil zu kümmern. Da überrascht es nicht, daß der König ständig in einem Gefühl der Dringlichkeit lebte.

Auch Karls drei Brüder waren von einer unbezähmbaren Besitzgier: Ludwig von Anjou, der älteste der drei, richtete sie auf Geld und ein Königreich; Johann von Berry auf Kunstwerke; Philipp von Burgund auf Macht. Groß, robust und blond wie sein Vater war Ludwig von Anjou eigenwillig, eitel und von unersättlichem Ehrgeiz getrieben. Der sinnliche und vergnügungsüchtige Johann von Berry war ein unermüdlicher Sammler, dessen eckiges, ordinäres, stupsnasiges Gesicht in komischem Gegensatz zu seiner Liebe zur Kunst [222]stand. Philipp hatte Johanns grobe, schwere Züge, war aber intelligenter und von überheblichem Stolz. Jeder der drei stellte seine Interessen über die des Reiches, und alle drei waren von verschwenderischer Großzügigkeit, um ihr Prestige zu erhöhen. Jeder ließ durch seine Patronage ein in seiner Art unübertroffenes Kunstwerk entstehen: die Wandteppichreihe der Apokalypse in Ludwigs, die Très Riches Heures und Belles Heures in Johanns und die Skulpturen des Brunnens Mose und der Trauernden von Claus Sluter in Philipps Fall.

Selten wohl hat sich fürstliche Pracht ungehemmter entfaltet als bei zwei Anlässen der Jahre 1368 und 1369, an denen auch Coucy teilnahm. Sein Schwager Lionel, der Herzog von Clarence, ein Witwer von 29 Jahren, kam im April 1368 nach Paris. Er war auf der Reise nach Mailand, wo er Violante Visconti, die dreizehnjährige Tochter von Galeazzo Visconti, heiraten sollte. Begleitet von einem Gefolge von 457 Personen und 1280 Pferden (die zusätzlichen Tiere trugen wahrscheinlich die Geschenke), wurde er in einer Zimmerflucht einquartiert, die für ihn im Louvre neu hergerichtet worden war. Seine Schwester, die Dame de Coucy, und Enguerrand kamen nach Paris, um ihn zu begrüßen und um an den Festlichkeiten und Ehrungen teilzunehmen, mit denen der König und seine Brüder in den folgenden zwei Tagen ihren früheren Feind überwältigten.

Ein weiterer auffallender Gast war Enguerrands Vetter (und der Onkel der Braut) Amadeus VI. von Savoyen, der »der grüne Graf« genannt wurde, weil er in seiner Jugend auf Turnieren immer in grüner Rüstung auftrat, mit grünen Federn am Helm, grüner Satteldecke und gefolgt von elf Rittern, die alle ganz in Grün gekleidet waren. Amadeus ließ sich in Sachen Prunk von niemandem übertreffen. Einmal in Paris, ging der »grüne Graf« auf einen Einkaufsbummel und hinterließ Aufträge für Juwelenhalsketten, Tafelmesser, Stiefel, Schuhe, Helmbüsche, Sporen und Strohhüte. Er schenkte dem König eine Miniaturkapelle aus Rubinen und Perlen, die 1000 Florin wert war.

Festessen, Tänze und Spiele in St. Pol und im Louvre füllten die Tage von Lionels Besuch. Der Herzog von Burgund gab ein Bankett, das ihn 1556 Pfund kostete. Als der Herzog von Clarence Paris verließ, präsentierte ihm der König Geschenke im Wert von geschätzten »20 000« Florin. Diese maßlosen Schenksitten zielten darauf, den Status des großzügigen Gebers zu erhöhen, der Empfänger seinerseits konnte die Geschenke verpfänden und auf die Weise schnell an Bargeld kommen.

Aber der Gipfel des Pomps wartete in Mailand. Eine Tochter des französischen Königs für seinen Sohn und nun einen Sohn des Königs von England für seine Tochter gekauft zu haben, war ein doppelter Triumph für Galeazzo Visconti und ein weiteres Wunder in der Geschichte der berüchtigten »Vipern« von Mailand – so genannt nach ihrem Familienwappen, das eine Schlange zeigt, die einen Menschen, angeblich einen Sarazenen, verschlingt. [223]Zwei Visconti herrschten gemeinsam über die Lombardei – Galeazzo und sein noch gefürchteterer Bruder Bernabó. Mordlust, Grausamkeit, Habgier und eine fast manische Sexualität waren die beherrschenden Züge der Familie, die die Lombardei mal fähig und effektiv, mal in wilder Despotie beherrschte. Lucchino, der Vorgänger der Brüder, war von seiner Frau ermordet worden, die sich nach einer bemerkenswerten Orgie, auf der sie mehrere Liebhaber, darunter den Dogen von Venedig und ihren Neffen Galeazzo, gleichzeitig unterhielt, entschieden hatte, ihren Gatten zu beseitigen, um derselben Absicht von seiner Seite gegen sie zuvorzukommen. Die Ausschweifungen von Matteo, dem älteren Bruder von Galeazzo und Bernabó, erreichten ein Maß, das die Herrschaft der Visconti gefährdete. Er wurde von seinen Brüdern 1355 beiseite geschafft und starb angeblich »wie ein Hund ohne Beichte«.

Krieg gegen den Papst – sie hatten dem Heiligen Stuhl Bologna und andere Lehen entrissen – war die Hauptbeschäftigung der Visconti. Als er im Laufe des Krieges vom Papst exkommuniziert wurde, zwang Bernabó den Legaten, der die Exkommunikationsbulle überbrachte, sie einschließlich Seidenband und Bleisiegel aufzuessen. Angeblich ließ er einmal aus bloßer Bösartigkeit gegen die Kirche vier Nonnen und einen Mönch in einem eisernen Käfig rösten.

Gierig, hinterlistig, grausam und wild, tobsüchtig und mit einem makabren Sinn für Humor, war Bernabó der Inbegriff des zügellosen Aristokraten. Wenn einer seiner fünfhundert Jagdhunde in schlechter Verfassung war, ließ er den Aufseher hängen, mit Wilderern machte er genauso wenig Umstände. Die Quaresima, ein Vierzig-Tage-Folterprogramm, das die Brüder angeblich bei ihrer Thronbesteigung als Warnung wie einen Erlaß herausgaben, war ein so grauenvoller Katalog, daß man hofft, er möge nur zur Abschreckung gedient haben und niemals wirklich angewandt worden sein. In seinen privaten Gewohnheiten war Bernabó »in einem erstaunlichen Grad dem Laster der Wollust ergeben, so daß sein Haus eher dem Harem eines Sultans glich als dem Haus eines christlichen Fürsten«. Seine Frau Regina, von der man sagte, daß sie die einzige war, die sich ihm in seinen Wutanfällen nähern durfte, gebar ihm siebzehn Kinder, die Anzahl seiner unehelichen Nachkommen war noch größer. Wenn Bernabó durch die Straßen ritt, waren alle Bürger gehalten, das Knie zu beugen; er pflegte häufig zu sagen, er sei Gott auf Erden, Papst und Kaiser in seinen Landen.

Bernabó regierte in Mailand, sein Bruder Galeazzo in der alten Stadt Pavia, zwanzig Meilen entfernt. Mehr als hundert Türme, die die Straßen von Pavia verdunkelten, zeugten von den unablässigen Fehden zwischen den italienischen Städten. Galeazzos große quadratische Burg war in die Nordmauer der Stadt hineingebaut, sie war umgeben von weiten Gärten und blickte auf eine fruchtbare Landschaft hinaus. Von dem Chronisten Corio wurde sie mit patriotischem Stolz als »der erste Palast der Welt« bezeichnet, und ein späterer [224]Bewunderer nannte sie »die schönste Wohnstätte in Europa«. Die Burg war aus rosarotem Ziegel, gebrannt aus lombardischem Lehm, erbaut und besaß hundert Fenster, die einen prächtigen Innenhof umrahmten. Petrarca, mit dem sich der Hof der Visconti acht Jahre lang schmückte, beschrieb die Krone von Türmen, die »sich bis in die Wolken erhoben«; von ihnen aus konnte man »in der einen Himmelsrichtung bis zu den schneebedeckten Kämmen der Alpen blicken und in der anderen bis zu den waldigen Apenninen«.

Galeazzo war ein weniger melodramatischer Tyrann als sein Bruder. Er war nüchtern in seinem Lebenswandel und verehrte seine Frau, die »gute und sanfte« Blanche von Savoyen. Sein goldrotes Haar trug er lang in Zöpfen »oder ließ es manchmal lose oder in einem seidenen Netz oder mit Blumen geschmückt auf die Schultern fallen«. Er litt schwer an der Gicht – der »Krankheit der Reichen«, wie sie vom Grafen von Flandern genannt wurde, der auch eines ihrer Opfer war.

Die Hochzeit des Lionel von England und der Violante Visconti sollte in Mailand gefeiert werden, der führenden Stadt der Lombardei und binnenländischen Rivalin von Venedig und Genua. Als Handelszentrum südlich der Alpen hatte Mailand seit eintausend Jahren Norditalien dominiert. Zu seinen wunderbaren Sehenswürdigkeiten, berichtete ein Mönch des vorausgehenden Jahrhunderts, gehörten sechstausend Trinkwasserbrunnen, dreihundert öffentliche Öfen, zehn Hospitäler – das größte konnte tausend Patienten, zwei je Bett, aufnehmen –, eintausendfünfhundert Rechtsgelehrte, vierzig Schreiber, zehntausend Mönche aller Orden und hundert Waffenschmiede, die die berühmten Mailänder Rüstungen herstellten. In der Mitte des 14. Jahrhunderts beklagten Chronisten das Schwinden der guten alten Zeit und die dekadenten Sitten. Männer wurden in den Schriften dafür gerügt, daß sie extravagante Kleidung, vor allem die sehr engen Gewänder »nach spanischer Manier«, trügen, gewaltige Sporen wie die Tataren anlegten und sich nach französischer Mode mit Perlen schmückten. Den Frauen warf man ihre künstlichen Locken und Kleider vor, die die Brüste bloß ließen. Mailand hatte so viele Prostituierte, sagte man, daß Bernabó sie besteuern ließ, um mit den Einkünften die Stadtmauern instand zu halten.

Als er in Mailand ankam, wurde Lionel neben seinem eigenen Gefolge von eintausendfünfhundert Söldnern der Weißen Kompanie geleitet, die aus den Diensten des Papstes in die der Visconti übergewechselt war. Achtzig gleichgekleidete Damen in goldverzierten scharlachroten Gewändern mit weißen Ärmeln und goldenen Gürteln und sechzig Ritter und Pagen, ebenfalls gleichgekleidet, ritten ihm im Gefolge von Galeazzo entgegen, um ihn zu begrüßen. Zusätzlich zur Aussteuer seiner Tochter, die so umfangreich war, daß zwei Jahre lang um sie verhandelt wurde, zahlte Galeazzo im Monat 10 000 Florin, und das fünfeinhalb Monate lang, für den Unterhalt des Bräutigams und seines Gefolges.

[225]Das gewaltige Hochzeitsessen, im Freien eingenommen, da es im Juni stattfand, verschlug allen Chronisten die Sprache. Die Absicht hinter dem Pomp war, die »Großzügigkeit des Herzogs Galeazzo und seiner Seele, die volle Befriedigung, die er an dieser Partie fand, und den Überfluß seiner Schatzkammern« zu manifestieren. Dreißig Gänge Fleisch und Fisch wechselten mit der Vorführung der Geschenke nach jedem Gang. Unter der Leitung des Bruders der Braut, Gian Galeazzo des Jüngeren, der zu der Zeit siebzehn war und Vater einer zweijährigen Tochter, wurden die Geschenke dem Rang entsprechend unter Lionels Gefolgschaft verteilt. Sie bestanden aus wertvollen Kettenhemden, prachtvollen Helmen, Rüstungen für Pferde, Übermänteln, die mit Juwelen besetzt waren, Windhunden mit Samthalsbändern, Falken, die Silberglöckchen um den Hals trugen, Flaschen wertvollen Weins, purpurnen und goldenen Stoffen und Mänteln, besetzt mit Hermelin und Perlen, 76 Pferden, darunter sechs mächtigen Kriegsrossen in rotem Samt und mit Goldrosetten, sechs grimmigen Kriegshunden (die manchmal mit brennenden Pechtiegeln auf dem Rücken gegen den Feind geschickt wurden) und zwölf fetten Ochsen.

Alles Fleisch und aller Fisch wurden vergoldet aufgetragen; es gab Ferkel mit Krebsen, Hasen mit Hecht, ein ganzes Kalb mit Forellen, Rebhühner und Fasanen mit nochmals Forellen, Enten und Reiher mit Karpfen, Rindfleisch und Kapaune mit Stör, Kalbfleisch und Kapaune mit Karpfen in Zitronensoße, Rindfleischpastete und Käse mit Aalpastete, Fleischaspik und Fischaspik, geröstete Jungziege, Pfauen mit Kohl, französische Bohnen und sauer eingelegte Ochsenzunge, süße Dickmilch und Käse, schließlich Kirschen und andere Früchte. Was übrigblieb, sagte man, hätte gereicht, um tausend Mann zu füttern. Unter den Teilnehmern des Festmahls waren Petrarca, ein geehrter Gast weit oben an der Tafel, und Froissart und Chaucer, wobei es unwahrscheinlich ist, daß diese beiden jungen Unbekannten dem berühmten italienischen Dichter vorgestellt wurden.

Niemals ist das Schicksalsrad härter herumgeschlagen; niemals ist Prahlerei so gesühnt worden. Noch in Italien starb Lionel vier Monate später an einem undiagnostizierten »Fieber«, was natürlich den Verdacht der Vergiftung weckte, aber da der Tod des Herzogs von Clarence die einflußreiche Allianz zerstörte, die Galeazzo unter so enormen Kosten gesucht hatte, ist der Grund wohl eher in der vergoldeten Speise in der Hitze des lombardischen Sommers zu vermuten. Violantes Schicksal war nicht besser. Sie wurde wenig später mit einem halbverrückten Sadisten verheiratet, dem siebzehnjährigen Marquis von Montferrat, der es liebte, jugendliche Diener mit den bloßen Händen zu erdrosseln. Nach dessen Ermordung heiratete sie einen Vetter, einen von Bernabós Söhnen, der ein gewalttätiges Ende unter den Händen ihres Bruders fand. Als dreifache Witwe starb sie im Alter von 31 Jahren.

Zwölf Monate nach der Visconti-Hochzeit nahm Enguerrand de Coucy als [226]Gesandter des Königs an einer Heirat von größerer politischer Tragweite und nicht geringerem Glanz teil. Um die Braut hatten zwei Könige gestritten, Karl V. für seinen Bruder Philipp von Burgund und König Eduard, der sie mit seinem Sohn Edmund vermählen wollte. Sie war Margarete von Flandern, die Tochter und Erbin von Ludwig von Male, jenes Grafen von Flandern, der einst Isabella sitzengelassen hatte. Eduard hatte sich um diese vielversprechende Dame fünf Jahre lang bemüht und war so weit gegangen, ihrem Vater Calais und 170 000 Pfund zu versprechen. Aber da die beiden Hauptbeteiligten im vierten Grade blutsverwandt waren – was kaum zwei Personen königlicher Abstammung in Europa nicht waren  , bedurfte die Heirat eines päpstlichen Dispenses. Entschlossen, England und Flandern auseinanderzuhalten, machte sich Karl V. seinen Einfluß auf den französischen Papst zunutze. Urban V. verweigerte Edmund und Margarete den Dispens, gestand ihn aber nach einer Schamfrist Philipp und Margarete zu, die genauso eng miteinander verwandt waren. Der König von England war ausmanövriert. Die Vereinigung von Burgund und Flandern war für Frankreich ein politischer Triumph, aber sie schuf einen Staat, der sich gegen Frankreich stellen und England in der dunkelsten Stunde dieses Krieges im nächsten Jahrhundert Genugtuung verschaffen sollte.

Um Margaretes Leidenschaft für Juwelen zu befriedigen, ließ der Herzog von Burgund aus ganz Europa Edelsteine kommen und kaufte als wertvollstes Stück der Kollektion Enguerrand de Coucy ein Perlenkollier für 11 000 Livres ab.

Drei enorme Schatztruhen mit wertvollen Geschenken reisten Philipp zur Hochzeit nach Gent voraus. Durch Geschenke und Feste für Adel und Bürger, durch Prozessionen und Turniere, durch den Glanz seines Gefolges und seines Auftretens versuchte der Herzog mit allen Mitteln, die Flamen zu beeindrucken und auf die französische Seite zu ziehen. Prachtentfaltung war für Philipp Politik, Teil des Aufbaus eines Staates durch sein Prestige. Er selbst war immer großartig gekleidet, trug einen Hut mit Pfauen- und Fasanenfedern und Federn »des Vogels von Indien«. Er liebte körperliche Anstrengungen, verbrachte Tage und Nächte bei der Jagd, schlief oft im Freien, war ein energischer Tennisspieler und der wohl ruheloseste Reisende seiner Zeit. Er wechselte seinen Aufenthalt bis zu einhundertmal im Jahr. Viele seiner Reisen waren Pilgerfahrten, auf denen er einen tragbaren Reliquienaltar mitführte. Er besuchte die Messe fast so eifrig wie der König, meditierte auch allein wie der König in einer Privatkapelle und ließ es an wirkungsvollen religiösen Opfergaben nicht fehlen. Nach der Hochzeit schenkte er der Statue der Jungfrau im Dom von Tournai einen Mantel aus Goldstoff, dem in glänzenden Farben sein Wappen und das seiner Frau aufgestickt waren.

Der Adel des ganzen Landes ritt in strahlenden Farben, glockenbehängt und auf reichgeschmückten Pferden in Gent ein, um an der Hochzeit teilzunehmen. [227]»Vor allen«, berichtet Froissart, »war der gute Sire de Coucy da, der bei dem Fest den größten Eindruck machte und besser als alle anderen wußte, wie man sich zu benehmen hat; und deshalb hat ihn der König gesandt.« Steinchen für Steinchen setzte sich das Mosaik zu einer auffallenden Gestalt zusammen, zu einem Mann, der in Auftreten und Erscheinung seine Adelsgenossen überragte.


Die Summen, die die Reichen bei Gelegenheiten wie diesen verschwendeten, muten in einer Epoche wiederholter Katastrophen unerklärlich an, sowohl was das Motiv solchen Prunks als auch was die Herkunft der Mittel betrifft. Woher, mitten in Ruin und Verfall und unter verringerten Steuereinnahmen aus entvölkerten Besitzungen und Städten, kam das Geld, das den Luxus möglich machte? Einerseits war das Münzgeld in den Zeiten der Pest härter als das menschliche Leben; es verschwand nicht, und wenn es von Briganten geraubt wurde, kam es auch auf diese Weise wieder in Umlauf. Da die Bevölkerung reduziert war, erhöhte sich der Anteil einzelner am Geldaufkommen. Wahrscheinlich war auch die Produktivkraft trotz der gewaltigen Todesrate der Seuche nur wenig eingeschränkt, da ein so großer Anteil der Bevölkerung am Anfang des Jahrhunderts überschüssig gewesen war. Für die überlebenden Reichen mag die Seuche sogar einen Anstieg ihres Reichtums und der verfügbaren Dienerschaft gebracht haben.

Prachtentfaltung, die dazu diente, den Ruf des Herrschers zu steigern und die Bewunderung und Ehrfurcht der Bevölkerung zu erregen, war eine traditionelle Eigenart der Fürsten. Aber nun in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wuchs sie ins Extrem, so als sollte der Pomp der Unsicherheit des Lebens in dieser Zeit trotzen. Auffällige Verschwendung wurde zu einem hektischen Exzeß, sie war wie ein vergoldetes Leichentuch über dem Schwarzen Tod und über verlorenen Schlachten, eine verzweifelte Sehnsucht, sich selbst sein Glück in einer Zeit wachsenden Unglücks zu beweisen.

Das Gefühl, in einer vom Unheil geschlagenen Zeit zu leben, drückte sich in der Kunst auch dadurch aus, daß die menschlichen Gefühle in individueller Betonung dargestellt wurden. Die Heilige Jungfrau blickte mit größerer Traurigkeit auf das Schicksal ihres Sohnes; in dem Altarbild von Narbonne, das zu dieser Zeit entstand, fällt sie ohnmächtig in die Arme ihrer Begleitung. In einer anderen Version, gemalt vom Meister von Rohan, konzentriert sich das verständnislose Leiden der Menschheit im Antlitz des Apostels Johannes, der die in Ohnmacht fallende Mutter am Fuß des Kreuzes stützt und kummervolle Augen gen Himmel wendet, als wollte er fragen: »Wie konntest Du dies geschehen lassen?«

Boccaccio spürte die heraufziehenden Schatten und wandte sich von dem launigen, lebensvollen Decameron ab und einer bitteren Satire auf die Frauen, Il Corbaccio (Die Krähe), zu. Hier scheint die Frau, das Entzücken seiner [228]früheren Erzählungen, als eine gierige Harpyie, die nur auf Kleider und Liebhaber aus ist, in ihrer Lüsternheit auch bereit, sich mit einem Diener oder einem schwarzen Äthiopier einzulassen. Nach der Krähe schrieb er über ein weiteres deprimierendes Thema: den Fall großer Gestalten der Weltgeschichte, die durch Stolz und Wahn Glück und Glanz verloren und im Elend endeten.

»So sind die Zeiten, mein Freund, in die wir gefallen sind«, stimmte Petrarca 1366 in einem Brief an Boccaccio zu. Die Erde, schrieb er, »ist vielleicht von wahren Menschen entblößt, aber sie war nie von Lastern und den Geschöpfen des Lasters dichter bevölkert«.

Der Pessimismus war dem Mittelalter ein geläufiger Ton, denn der Mensch galt als zum Unheil geboren und der Erlösung bedürftig, aber dieser Ton wurde jetzt, in der zweiten Jahrhunderthälfte, dringlicher, und die Spekulationen über das Kommen des Antichrist wurden intensiver. Vermehrt sprachen Menschen, die die Zeichen der Zeit deuteten, von der Ankunft »letzter Dinge«. Das Ende wurde in Furcht und auch in Hoffnung erwartet, denn der Antichrist würde schließlich bei Armageddon besiegt, und sein Untergang leitete ein neues Zeitalter ein, die Herrschaft Christi.

 

[229]

Kapitel 12
Doppelallianz

Als die Spannungen zwischen Frankreich und England sich verschärften und die beiden Länder auf eine Wiedereröffnung des Krieges zutrieben, war Coucy durch seine englische Heirat in einem unlösbaren Dilemma gefangen. Weder konnte er die Waffen gegen seinen Schwiegervater, dem er überdies Lehnstreue für seine englischen Besitzungen schuldete, erheben, noch konnte er andererseits seinen natürlichen Lehnsherrn, den König von Frankreich, bekämpfen.

König Karl V. verfolgte kompromißlos die Möglichkeit, die ihm die Zuwendung des gasconischen Adels zur französischen Krone bot. Aquitanien wurde zwar vom Schwarzen Prinzen regiert, war aber nominell nach wie vor französisches Lehen. In aller Sorgfalt bereitete Karl die Wiederaufnahme des Kampfes vor, ließ sich von berühmten Rechtsgelehrten aus Bologna, Montpellier, Toulouse und Orléans ein umständliches Gutachten anfertigen, das – kaum überraschend – ihm recht gab. Mit dem Gesetz im Rücken rief der König den Schwarzen Prinzen nach Paris, wo er sich den Beschwerden gegen seine Herrschaft stellen sollte. Der Prinz blickte die Boten des Königs »grimmig« an und antwortete, daß er mit Freuden kommen würde, »aber ich versichere Euch, ich werde mit dem Helm auf dem Kopf und in Begleitung von sechzigtausend Männern kommen«. Daraufhin erklärte ihn Karl prompt zu einem unloyalen Vasallen und den Vertrag von Brétigny für nichtig. Im Mai 1369 wurde England der Krieg erklärt.

In dieser Situation waren Fürsten, die Lehen beider Könige hielten, »in ihrer Seele tief bekümmert…ung ganz besonders der Herr von Coucy, denn es berührte ihn sehr«. Nach Bonet sollte ein Landesherr, der zwei Lehnsherren, die miteinander im Streit lagen, Treue und Gefolgschaft schuldete, seinen Dienst bei dem ableisten, dem er zuerst den Treueeid geschworen hatte, und dem anderen einen Stellvertreter schicken – eine scharfsinnige, aber teure Lösung. Coucy konnte von König Eduard nicht gezwungen werden, gegen seinen natürlichen Lehnsherrn zu kämpfen, aber es war klar, daß seine Besitzungen als Earl von Bedford und vielleicht auch Isabellas Güter beschlagnahmt werden würden, wenn er auf der Seite Frankreichs in den Konflikt eingriff.

Coucy entschloß sich zunächst, Frankreich zu verlassen und sich um eine lange vernachlässigte Erbschaft seiner Mutter im Elsaß zu kümmern, die ihm [230]seine Vettern Albrecht III. und Leopold III., die Herzöge von Österreich, vorenthielten. Mit einer kleinen Streitmacht von Rittern und einer Truppe aus picardischen, bretonischen und normannischen Reisigen betrat Coucy im September 1369 das Elsaß, das zum Kaiserreich gehörte. Etwa zur gleichen Zeit kehrte Isabella mit ihren Töchtern nach England zurück, entweder um ihre Einkünfte dort zu schützen oder weil ihre Mutter in Schloß Windsor im Sterben lag, vielleicht auch aus beiden Gründen. Der Tod der guten Königin Philippa im August 1369 hatte zumindest aus der Sicht der Historiker eine wichtige Folge: Froissart ging nach Frankreich und zu französischen Schirmherren zurück – Coucy war einer von ihnen –, und seine Chronik wurde nun aus französischer Perspektive geschrieben.

Im Elsaß hatte Coucy die Waffenhilfe des Grafen von Montbéliard gegen die Habsburger Herzöge für 21 000 Franken eingekauft. In einem Manifest an die Städte Straßburg und Kolmar versicherte Coucy, daß er keine feindlichen Absichten gegen sie hege, sondern nur seinen Erbschaftsfall darlegen wolle. Was danach geschah, bleibt im Zwielicht widerstreitender historischer Evidenz; klar ist nur, daß das Unternehmen scheiterte. Einige Chronisten schreiben, daß die Herzöge von Österreich einen mächtigen Feind Montbéliards mobilisierten, der dessen Kräfte band, andere, daß Coucy durch eine dringliche Botschaft Karls V. am 30. September 1369 nach Frankreich zurückgerufen worden sei, um am Krieg gegen England teilzunehmen. Offensichtlich gelang es ihm, den König davon zu überzeugen, daß er neutral bleiben müsse, denn zu diesem Zeitpunkt verschwindet er von der Bühne, und die beiden folgenden Jahre sind leere Seiten in seiner Geschichte, es gibt nur einen einzigen Hinweis auf ihn.

Der stammt aus Prag, wo er offensichtlich ein juristisches Dokument unterzeichnete. Es ist mit dem 14. Januar 1370 datiert und überschreibt seinem Seneschall, Chanoine de Robersart, eine Rente von 40 Mark Sterling aus seinen englischen Einkünften. Eine Reise nach Prag erscheint logisch, da Coucy den dort residierenden Kaiser in seiner Erbschaftssache aufgesucht haben mag. Froissart schrieb später, daß Coucy seine Rechte »oftmals« beim Kaiser eingeklagt habe, der ihm in der Sache zugestimmt, aber seine Unfähigkeit eingestanden habe, »jene von Österreich zu zügeln, denn sie waren stark in seinem Reich mit vielen guten Soldaten«.

Nach einer 22monatigen dokumentarischen Lücke weist der nächste Beleg nach Savoyen, wo er von November 1371 an auf der Seite des »grünen Grafen«, seines Vetters, gegen den unerschöpflichen Vorrat an Feinden dieses Edelmannes focht. 1372/73 kämpften beide zusammen in den Diensten des Papstes gegen die Visconti.


Seit dem Untergang des Römischen Reiches war Italien ein machtloses Land, dessen kultureller Reichtum im Gegensatz zu seinem politischen Chaos stand. [231]Italiens Städte standen in einer hohen Blüte der Kunst und des Kommerzes, die Landwirtschaft war fortgeschrittener als irgendwo sonst, die Banken hatten enormes Kapital akkumuliert und besaßen praktisch das Finanzmonopol in Europa, aber die unablässigen Fraktionskämpfe und der zerstörerische Konflikt zwischen Papst und Reich, zwischen Guelfen und Ghibellinen, trieben Italien in seiner Sehnsucht nach Ordnung einem Zeitalter der Despoten in die Arme. Stadtstaaten, die einst die Geburtsstätte republikanischer Selbständigkeit gewesen waren, unterwarfen sich den Can Grandes, den Malatestas, den Visconti, die ohne Titel, aber kraftvoll regierten. In seiner Servilität vor Tyrannen – Ausnahmen waren nur Venedig mit seiner unabhängigen Oligarchie und Florenz mit der Signoria – wurde Italien von Dante mal mit einem Sklaven, mal mit einem Bordell verglichen. Kein Volk redete mehr über die Einheit und die Nation und war weiter von beidem entfernt.

Aufgrund dieser Verhältnisse fanden fremde condottieri ein reiches Betätigungsfeld in Italien. Frei von jeder Loyalität entfesselten und führten sie Kriege lediglich zu ihrem eigenen Nutzen, verlängerten sie, solange es ging, während die unglückliche Bevölkerung die Folgen zu tragen hatte. Kaufleute und Pilger waren gezwungen, mit bewaffneten Wachen zu reisen. Stadttore schlossen sich bei Nacht. Der Abt eines Klosters in der Nähe von Siena sah sich gezwungen, »aus Furcht vor den Kompanien« zwei- oder dreimal im Jahr den ganzen Besitz des Klosters hinter feste Stadtmauern zu bringen.

Aber auch wenn die Straßen das Reich der Gesetzlosen sind und Überfälle zum Alltag gehören, ist das normale Leben unvergänglich wie Unkraut. Die großen maritimen Republiken Venedig und Genua brachten Europa mit ihren Frachtschiffen den Reichtum des Ostens, das unsichtbare Netzwerk der Banken summte vor Geschäftigkeit, die Weber von Florenz, die Waffenschmiede von Mailand, die Glasbläser von Venedig und die Kunsthandwerker der Toskana gingen unter den roten Ziegeldächern ihrer Häuser unbeirrt ihrer Tätigkeit nach.

Das Zentrum der italienischen Politik in der Mitte des 14. Jahrhunderts war der verzweifelte Versuch des avignonesischen Papsttums, seine weltliche Basis, die päpstlichen Staaten, unter Kontrolle zu halten. Diesen Gürtel von Staaten in Mittelitalien vom Ausland her zu regieren, war im Grunde unmöglich. Die Anstrengungen des Papstes, den Besitz des Heiligen Stuhls zusammenzuhalten, brachten eine ganze Serie von erbitterten Kriegen über das Land; Blutvergießen und Massaker, ausbeuterische Besteuerung, fremde, verhaßte Gouverneure und eine ständig wachsende Feindseligkeit gegen das Papsttum in seinem Heimatland waren die Folge.

In dem Versuch, die päpstlichen Staaten zurückzuerobern, mußte der Heilige Stuhl unvermeidlich mit der Expansion Mailands unter den Visconti in Konflikt geraten. Die Visconti hatten 1350 Bologna, ein päpstliches Lehen, unter ihre Kontrolle gebracht, und sie drohten, die dominierende Kraft in Italien [232]zu werden. Als es der päpstlichen Streitmacht gelang, Bologna zurückzuerobern, zwang Bernabó Visconti in einem Anfall epischen Zorns einen Priester, den kirchlichen Bannfluch gegen den Papst von einem Turm herab zu verkünden. Er weigerte sich von nun an, die päpstliche Autorität in irgendeiner Form anzuerkennen, beschlagnahmte kirchliches Eigentum, zwang den Erzbischof von Mailand, vor ihm niederzuknien, verbot seinen Untertanen, den Zehnten zu zahlen, Vergebung zu erbitten oder in irgendeiner anderen Weise mit der Kurie zu verkehren, er zerriß Botschaften des Papstes an ihn und trampelte auf ihnen herum. Als er eine Vorladung nach Avignon ignorierte, wo er sich der Anklage der Ausschweifung, der Grausamkeit und des »diabolischen Hasses« auf die Kirche stellen sollte, exkommunizierte ihn Urban V. als Ketzer und rief die Christenheit in einer jener fruchtlosen Gesten des 14. Jahrhunderts zum Kreuzzug gegen ihn auf. Die Italiener, die das avignonesische Papsttum wegen seiner Weltlichkeit haßten und in Urban nicht mehr als ein französisches Werkzeug sahen, beachteten den Aufruf nicht.

Papst Urban V. stammte aus der adligen Familie de Grimoard aus Languedoc. Er war ein Mann von ehrlicher Frömmigkeit, ein ehemaliger Benediktiner, der sich ernstlich bemühte, dem Heiligen Stuhl Glaubwürdigkeit und Ansehen zurückzugeben. Er hob die Anforderungen der Priesterausbildung an, ergriff strenge Maßnahmen gegen Simonie und Sittenverfall in der Geistlichkeit, verbot das Tragen von spitzen Schuhen in der Kurie und machte sich durch seine Reformbemühungen beim Kardinalskollegium unbeliebt. Er selbst war nicht Kardinal gewesen, sondern wurde als einfacher Abt von St. Victor in Marseille zum Papst gewählt. Seine Erhöhung an den Ansprüchen höherrangiger Kirchenfürsten vorbei war nur möglich gewesen, weil die Kardinäle, unter ihnen der ehrgeizige Talleyrand de Périgord, sich nicht auf einen der ihrigen einigen konnten, aber die Öffentlichkeit sah in seiner überraschenden Ernennung das Wirken Gottes. Nach Petrarca, der hier wieder einmal sein Lieblingsthema verfolgte, hatte allein der Heilige Geist Männer wie die Kardinäle dazu bringen können, ihre Eifersüchteleien und Egoismen zu unterdrücken und einen Außenseiter zu wählen, der, wie Petrarca glaubte, das Papsttum nach Rom zurückbringen würde.

Dies zu tun beabsichtigte Urban auch, sobald er das weltliche Erbe des heiligen Petrus wieder fest im Griff haben würde. Unter den Frommen in aller Welt war die Sehnsucht nach einer Rückkehr des Papstes nach Rom zugleich die Sehnsucht nach einer Läuterung der Kirche. Der Papst mag dieses Gefühl geteilt haben, zugleich aber erkannte er auch, daß die Rückkehr der einzige Weg war, die weltliche Grundlage des Heiligen Stuhls zu erhalten, und er wußte auch, daß es notwendig war, das zu beenden, was ganz Europa als die französische Beherrschung des Papsttums ansah. Es war klar, daß je länger der Papst in Avignon blieb, desto schwächer würde seine Autorität und desto geringer sein Ansehen in Italien und England sein. Gegen die wütenden Proteste [233]der Kardinäle und den Widerstand des französischen Königs entschloß sich Urban zur Rückführung des Papsttums nach Rom.

Bernabó war nicht der einzige Feind der Priester in Italien. Francesco Ordelaffi, der Despot von Forli, reagierte auf seine Exkommunikation mit der Verbrennung von Strohpuppen, die wie Kardinäle gekleidet waren, auf dem Marktplatz. Sogar Florenz, obwohl mit dem Papsttum verbündet, war an sich antiklerikal und antipapistisch. Der Florentiner Chronist Franco Sacchetti entschuldigte die bösartige Verstümmelung eines Priesters durch Ordelaffi damit, daß der Despot nicht aus Habgier gehandelt habe und daß es für die Gesellschaft nicht schlecht wäre, wenn alle Priester so behandelt würden.

In England sagte ein Sprichwort: »Der Papst ist französisch geworden und Jesus ein Engländer.« Ressentiments gegen den Papst wuchsen in England, angeheizt durch die Besetzung englischer Kirchenämter mit Ausländern, was zur Folge hatte, daß viel englisches Geld außer Landes floß. Die wachsende geistige Unabhängigkeit vom Papsttum war bereits eine, wenn auch unbewußte, Entwicklung auf die Kirche von England zu.

Im April 1367 setzte Urban den großen Umzug durch. Unter dem Wutgeheul der Kardinäle, die nach einer Chronik laut ausriefen: »O böser Papst! O gottloser Bruder! Wohin verschleppt er seine Söhne?«, segelte er von Marseille aus nach Rom. Nur fünf aus dem Kardinalskollegium begleiteten ihn, die anderen waren nicht bereit, den Luxus von Avignon gegen die Unsicherheit und den Verfall in Rom einzutauschen. Der größere Teil des gewaltigen Verwaltungsapparates der Kirche blieb zunächst in Avignon.

Urban landete zuerst bei Livorno, wo ihm Giovanni Agnello, der Doge von Pisa, begleitet von Sir John Hawkwood und tausend seiner Reisigen in ihren glitzernden Panzern, entgegentrat. Der Papst erschrak bei dem Anblick und weigerte sich, an Land zu gehen. Es war kein günstiges Omen für die Rückkehr in die Ewige Stadt.

Der böse Geist des 14. Jahrhunderts beherrschte auch diese Reise. Erst als er eine Armee gesammelt hatte und von bedeutenden Adligen Italiens begleitet wurde, war es dem Heiligen Vater möglich, die Hauptstadt der Christenheit zu betreten, die sich in einem traurigen Zustand darbot. Ohne die belebende Wirkung des Papsttums, ohne eigenständigen Handel war sie in Armut und chronischer Unordnung versunken; die Bevölkerung war von über 50 000 vor dem Schwarzen Tod auf 20 000 zurückgegangen; klassische Monumente, von Erdbeben zerstört und dem Verfall überlassen, dienten nur noch als Steinbrüche; Vieh wurde in den verlassenen Kirchen gehalten, die Straßen waren voller Unrat. Rom hatte keine Dichter wie Dante oder Petrarca, keine Universität wie Paris oder Bologna, keine blühenden Malerschulen. Seine Mauern beherbergten nur eine bedeutende Heilige, Birgitta von Schweden, die freundlich und sanft mit allen Kreaturen umging, aber eine leidenschaftliche Anklägerin der Korruption der Kirchenhierarchie war.

[234]Nicht lange hielt es Urban in Rom. Aufgerieben von einem neuen Aufstand in den päpstlichen Staaten, bedroht durch eine Massierung mailändischer Truppen in der Toskana, niedergeschlagen und desillusioniert, schlich er 1370 nach Avignon zurück. Im verlassenen Rom sagte Birgitta von Schweden seinen baldigen Tod voraus, da er die Mutter der Kirche verraten habe. Innerhalb zweier Monate starb er wie König Johann an einer nicht genannten Krankheit. Vielleicht hieß sie Verzweiflung.

Die Kardinäle glaubten sicherzugehen, als sie einen Franzosen aus einer großen Freiherrenfamilie, den früheren Kardinal Pierre Roger de Beaufort, zum neuen Papst wählten. Papst Gregor XI. war ein frommer und bescheidener Priester, 41 Jahre alt. Er litt an einer Krankheit, die ihm »viel Schmerz auferlegte«. Er würde, glaubten die Kardinäle, keinen Hang zu den Gefahren von Rom entwickeln. Gregor XI. war ein Neffe des großen Klemens VI., der ihn noch selbst im Alter von neunzehn Jahren zum Kardinal ernannt hatte. Gregor XI. hatte nichts von der Autorität seines Onkels, seiner Umgebung erschien er blaß und wenig willensstark. Aber die Kardinäle hatten die formende Kraft des höchsten Amtes unterschätzt.

Sobald er inthronisiert war, beugte sich Gregor wie sein Vorgänger der Notwendigkeit – sowohl in religiöser als auch politischer Hinsicht –, Avignon zu verlassen und das Papsttum in seine Heimat zurückzuverlegen. Gregor war ein zögernder, unentschlossener Mann, und er hätte wahrscheinlich ein ruhiges Leben vorgezogen, aber als oberster Hirte hatte er das Gefühl, eine Mission erfüllen zu müssen. Er konnte indessen nicht nach Italien umziehen, solange die Visconti nicht in ihre Grenzen verwiesen waren. Zu diesem Zweck hatte schon Urban V. eine Päpstliche Liga organisiert, auf die Gregor XI. nun zurückgreifen konnte. Als Bernabó Visconti 1371 weitere Lehen des Heiligen Stuhls besetzte, war Gregor zum Handeln gezwungen.

Im gleichen Jahr zog Amadeus von Savoyen, der »grüne Graf«, in den Piëmont, wo sein Land an das Mailands stieß, um eine lokale Fehde mit einem seiner Vasallen zu Ende zu führen. In seiner Begleitung befand sich sein Vetter Enguerrand de Coucy, den er zum Generalleutnant von Piëmont ernannte.

Coucy überquerte mit etwa tausend Reisigen irgendwann zwischen November und März im Winter des Jahres 1371/72 die schneebedeckten Alpen. Im Gegensatz zum 20. Jahrhundert waren im Mittelalter die Pässe im Winter nicht geschlossen und wurden von Reisenden mit Hilfe savoyischer Bergführer überschritten. Die Menschen jener Zeit ließen sich von körperlichen Härten nicht so leicht abschrecken wie ihre an Komfort gewöhnten Nachkommen. Die Reisenden trugen Schneebrillen oder Hüte und Kapuzen, die wie Masken das Gesicht bedeckten.

Von ihrem transalpinen Horst aus kontrollierten die Grafen von Savoyen sehr wirkungsvoll die Pässe. Der »grüne Graf« Amadeus VI. war ein willensstarker, unternehmungslustiger Fürst, dessen Vater der Bruder von Coucys [235]Großmutter mütterlicherseits gewesen war. Auch Amadeus bediente sich der Kompanien, obwohl er sie verachtete. Für seinen Feldzug gegen den Marquis von Saluzzo im Jahre 1371 engagierte er den gefürchteten, brutalen Anachino Baumgarten mit seiner deutsch-ungarischen Kompanie von sechstausend Reisigen und dreihundert Bogenschützen. Angesichts dieser Bedrohung wandte sich Saluzzo mit der Bitte um Hilfe an Bernabó Visconti, der ihm Verstärkung schickte.

Auf diese Situation stieß Coucy, als er als Führer der savoyischen Truppen in den Piëmont kam. Offensichtlich erfahren in der Kunst der Verwüstung und Plünderung, fiel Coucy über Saluzzos Ländereien her und schickte Boten an Amadeus mit der Bitte um Verstärkung, damit er das Geschäft der Zerstörung noch gründlicher besorgen konnte. Diese Taktik, die darauf zielte, den Feind zur Kapitulation zu zwingen, zeigte schnell Wirkung. Coucys Eroberung dreier Städte und die Belagerung einer vierten provozierte einen Gegenangriff von seiten Bernabós. Daraufhin schloß sich Amadeus der Päpstlichen Liga an, obwohl seine Schwester Blanche mit Galeazzo Visconti verheiratet war. Der Papst ernannte Amadeus zum Generalhauptmann der Ligastreitkräfte in der westlichen Lombardei.

In dem folgenden Kampf verfingen sich die teilnehmenden Parteien in einem Netz von Allianzen und Beziehungen, die für sie wichtig waren, für die Nachwelt aber wenig interessant sind. Die Kriegführenden wechselten unablässig die Allianzen, die ganze Auseinandersetzung hatte einen merkwürdig substanzlosen Charakter, ein spielerisches Moment wie eine komplizierte Schachpartie. Der Krieg war gezeichnet durch den Gebrauch von Söldnertruppen, die ohne jede Loyalität die Seiten noch unbedenklicher wechselten als ihre Auftraggeber. Sir John Hawkwood, der zunächst unter Bernabó gestritten hatte, verließ ihn und ging zur Liga über. Der Marquis von Montferrat, schwer belagert von Galeazzo, heiratete kurze Zeit danach dessen Tochter, die Witwe Violante. Amadeus VI. und Galeazzo, widerwillige, durch beiderseitige Liebe zu Blanche verbundene Feinde, fühlten sich beide mehr durch Bernabó bedroht als durch einander und kamen zu einem geheimen Einverständnis. Der Krieg, in dem sich Coucy in den nächsten zwei Jahren in der Lombardei herumschlug, war eine Schlangengrube von zuckenden, verknäulten Leibern.

Bei Asti fand sich Coucy 1372 Sir John Hawkwoods Weißer Kompanie gegenüber, die zu der Zeit noch im Sold der Visconti stand. Jeder einzelne von Hawkwoods Männern wurde von einem oder zwei Pagen bedient, der, wie Villani schreibt, vor allem die Aufgabe hatte, den Brustpanzer glänzend zu halten, »so daß er wie ein Spiegel blendete und so einen besonders erschreckenden Anblick bot«. In der Schlacht wurden die Pferde von den Pagen gehalten, während die Reiter in einer kompakten Gruppe um eine von zwei Mann gehaltene Lanze herum zu Fuß kämpften. »Mit langsamen Schritten [236]und fürchterlichen Schreien rückten sie gegen den Feind vor, und es war sehr schwer, sie aufzubrechen oder zu teilen.« Aber, fügte Villani hinzu, sie waren besser bei nächtlichen Überfällen auf Dörfer als in der offenen Feldschlacht, und wenn sie dennoch siegten, »war es eher der Feigheit unserer Männer« zuzuschreiben als dem Mut oder der Tapferkeit der Kompanie.

Von der Gicht gequält und ohnedies alles andere als kriegerisch, hatte Galeazzo seinen 21jährigen Sohn zum nominellen Kommandeur der Belagerung von Asti ernannt. Der junge Gian Galeazzo war groß, hatte die rotblonden Haare und die Schönheit seines Vaters, wird aber besonders wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten von den Chronisten gepriesen. Er wurde von zwei Ratgebern begleitet, die darauf zu sehen hatten, daß er dem Feind nicht in die Hände fiele, was, wie seine Eltern bemerkten, »im Krieg häufig geschieht«. In ihrem Pflichteifer hinderten die beiden Ratgeber Hawkwood daran, die savoyischen Truppen frontal anzugreifen, woraufhin er die Zelte abbrach und das Lager verließ. So konnten die Savoyer ohne einen Schwertstreich Asti entsetzen. Als Bernabó zur Strafe Hawkwoods Sold halbierte, lief der zu den päpstlichen Truppen über. Kurz danach wechselte Baumgarten, der savoyische Söldnerführer, seinerseits die Seite und stellte seine Truppe in den Dienst der Visconti.

Für die savoyische Armee öffnete der Entsatz von Asti, der allerdings alles andere als ein glänzender Sieg gewesen war, den Weg nach Mailand. Coucys Rolle in Asti, obwohl in keiner Chronik überliefert, muß seinen Namen bekanntgemacht haben, denn der Papst ermächtigte sofort seinen Legaten, den Kardinal von St. Eustache, »mit Enguerrand, dem Herrn von Coucy, zu Verträgen, Allianzen und Absprachen im Auftrag der Kirche zu kommen«. Absicht des Papstes war es, Coucy das Kommando der päpstlichen Truppen zu übertragen, die der Kardinal in die Lombardei führte. Eine erste Zahlung von 5893 Florin wurde durch eine Bank in Florenz an ihn übermittelt und »auf die Hand gezahlt« mit der Bedingung, daß Coucy, sollte er sich nicht an die Bedingungen des Vertrages mit dem Kardinal halten, der päpstlichen Schatzkammer 6000 Florin zurückzuzahlen hätte. Aus der Zahlung ergibt sich, daß Coucy etwa tausend Reiter, dazu berittene Bogenschützen und Fußsoldaten zur Verfügung standen.

Im Dezember 1372 ernannte der Papst Coucy in aller Form zum Generalhauptmann der päpstlichen Kompanie, die in der Lombardei gegen »die Söhne der Verdammnis« Krieg führte. Die Ernennung spiegelt Gregors Ungeduld über Amadeus' Zögern wider, der Mailand von Westen her angreifen sollte, aber immer noch im Piëmont war, wo er sein Land gegen Viscontitruppen verteidigte. Coucys Aufgabe war es, sich mit Hawkwood zu vereinigen, der, nun im Sold des Papstes, auf Bologna zurückgewichen und dann wieder nach Westen aufgebrochen war, um die erhoffte Einschließung von Mailand ins Werk zu setzen. Coucy sollte mit ihm marschieren, bis sich beide Heere mit dem Amadeus' trafen, was den Ring um Mailand schließen sollte.

[237]Im Februar 1373 marschierte Amadeus schließlich in Mailänder Territorium ein, nachdem er mit Galeazzo einen Neutralitätspakt geschlossen hatte. Deutlich hatte dabei der Einfluß seiner Schwester Blanche im Hintergrund gewirkt und die unglückliche Familiensituation – die Verwüstung der Ländereien ihres Gatten durch ihren Bruder – beendet. In dem Vertrag verpflichtete sich Amadeus, Galeazzos Land zu verschonen, solange dieser sich jeder militärischen Hilfe für seinen Bruder Bernabó enthielt. Damit schied Galazzo mitten im Krieg aus den Kampfhandlungen aus, und Amadeus hatte die Hände frei, Bernabó anzugreifen.

Im Laufe des Januar 1373 hatte sich Coucy irgendwo östlich von Parma mit Hawkwood vereinigt und zog mit ihm gemeinsam gegen Mailand. Am 26. Februar, als sie sich ihrem Ziel näherten, instruierte der Papst in einer verblüffenden Kehrtwendung Coucy, den Brüdern Visconti freies Geleit nach Avignon zuzusichern.

Gregor XI. hatte sich von einem Verhandlungsangebot der Visconti einfangen lassen, das nichts anderes als ein Mittel Bernabós war, Zeit für die Sammlung seiner Kräfte zu gewinnen. Während er sich noch über die scheinbar bevorstehende Unterwerfung seiner Feinde freute, schrieb der Papst an Coucy, dankte ihm für »sein tapferes und kraftvolles Handeln im Interesse der Kirche in Italien« und lobte jene in dieser Zeit wenig verbreitete Eigenschaft, seine »ungeteilte Loyalität«. Zwei Tage später, nachdem er entdeckt hatte, daß er von den Visconti betrogen worden war, drückte der Papst seinen Schmerz und sein Erstaunen aus, daß Coucy sich »mit Friedensangeboten der Feinde der Kirche« überhaupt befaßt habe. Er befahl ihm, weitere Vorschläge dieser Art nicht zu beachten, sondern seine Mission zu Ende zu führen, da der Papst fest entschlossen sei, »niemals zu verhandeln«. In Briefen an alle seine Feldhauptleute rief Gregor zu energischem Handeln auf, damit die Vereinigung der Heere verwirklicht würde.

Coucy und Hawkwood überquerten den Po im April und erreichten Montichiari, ein Bergdorf etwa vierzig Meilen östlich von Mailand. Zu dieser Zeit hatte Amadeus Mailand im Norden umgangen und stand nur noch fünfzig Meilen von Coucy und Hawkwood entfernt. Hier ließ er haltmachen, offenbar um eine Verteidigungsstellung gegen eine anrückende Streitmacht von tausend Lanzen (etwa dreitausend Reisige) unter dem Befehl von Bernabós Schwiegersohn, dem Herzog von Bayern, anzulegen.

In der Zange zwischen den beiden päpstlichen Armeen, hatte Bernabó durch Deiche den Oglio aufstauen lassen, um durch die Öffnung von Schleusen die Ebene überfluten zu können und so dem Feind den Weg zu verlegen. Er hatte Galeazzo aufgefordert, ihm Verstärkungen zu schicken, um der drohenden Einkreisung begegnen zu können und »in gutem Ernst« dem Sire de Coucy und Giovanni Acuto, wie Hawkwood in Italien genannt wurde, entgegenzutreten. Galeazzo war zwar vertraglich gehindert, seinen Schwager aus [238]Savoyen zu bekämpfen, fühlte sich aber frei, sich gegen den anderen Arm der päpstlichen Macht, gegen Coucy und Hawkwood zu wenden. Er schickte Bernabó eine aus Lombarden und aus Baumgartens Söldnern zusammengesetzte Streitmacht unter Führung seines Sohnes, die mehr als tausend Lanzen neben Bogenschützen und vielen Fußsoldaten zählte. Gian Galeazzo, der genaue Informationen über die Stärke und die Marschrichtung des Feindes besaß, rückte in dem Bewußtsein seiner numerisch überlegenen Kräfte zuversichtlich vor.

In Montichiari verfügten Coucy und Hawkwood lediglich über sechshundert Lanzen und siebenhundert Bogenschützen neben einer hastig angeheuerten Gruppe von provisionati oder Bauerninfanterie. Als er erkannte, daß der Feind weit überlegen war, soll Coucy angeblich den Feldherrnstab an Hawkwood übergeben haben, da dieser mehr Erfahrung in italienischer Kriegführung besaß; aber der Verlauf der Schlacht deutet eher auf eine andere Version – daß nämlich er selbst mit jener furia francesca, für die seine Landsleute berühmt waren, den Angriff führte. Als die Truppen zusammenprallten, entstand »ein solches Handgemenge, daß es erstaunlich anzusehen war«. Unter schweren Verlusten zurückgeschlagen, wäre Coucy überwältigt worden, wenn nicht Hawkwood nach Froissarts Bericht »mit fünfhundert Reitern zu Hilfe geeilt wäre, und dies allein deshalb, weil Coucy der Mann der Tochter des englischen Königs war, aus keinem anderen Grund«. Es gelang den beiden, ihre Truppen auf eine Anhöhe zurückzunehmen, während Viscontis Söldner im Glauben, die Schlacht sei gewonnen, in der üblichen wilden Beutelust ausschwärmten. Männer der Kompanien waren immer äußerst schwer zu kontrollieren. Gian Galeazzo war unerfahren, und Baumgarten selbst scheint nicht anwesend gewesen zu sein. In den Chroniken über die Schlacht ist sein Name nicht erwähnt.

Coucy und Hawkwood ergriffen entschlossen die günstige Gelegenheit, stellten ihre Truppen neu auf und galoppierten den Hügel hinunter auf Gian Galeazzo zu. In dem Handgemenge stürzte dieser vom Pferd, Lanze und Helm wurden ihm zerschlagen, und nur die Tapferkeit seiner mailändischen Soldaten, die seine Flucht deckten, rettete ihn. Seine Truppe wurde überwältigt, bevor die Söldner auf das Schlachtfeld zurückkehren konnten. In einem Überraschungssieg, der im kleinen ebenso erstaunlich war wie der von Poitiers, triumphierten die unterlegenen päpstlichen Kräfte, die die Viscontibanner erbeuteten und zweihundert Gefangene machten, darunter dreißig Ritter des lombardischen Hochadels, die reiche Lösegeldzahlungen versprachen. Der Papst nannte den Sieg ein Wunder, und Berichte über die Schlacht, die sich schnell in Frankreich verbreiteten, machten Coucys Namen berühmt. In der kleinen Welt seiner Zeit war Ruhm leicht zu gewinnen; wichtiger war, was er lernte. Coucy erlaubte sich niemals wieder jenen bedingungslosen Angriff, den die französische Ritterschaft im ganzen so liebte.

[239]In militärischer Hinsicht hatte die Schlacht von Montichiari nur wenig Durchschlagskraft. Sie führte zu keiner Vereinigung mit den savoyischen Kräften, da die Truppen von Coucy und Hawkwood, ausgeblutet und geschwächt, es für zu gefährlich hielten, einen Durchbruch zu versuchen, und sich auf Bologna zurückzogen – zum lebhaften Mißvergnügen des Papstes. Er plädierte unermüdlich für die Vereinigung der beiden Heere, um Bernabó, »diesen Sohn des Belial«, zu vernichten. Er versprach Hawkwood, daß die stockenden Soldzahlungen bald eintreffen würden, lobte Coucy um seine »Treue, seine vorsichtige Klugheit, seine bemerkenswerte Ehrlichkeit und wohlbekannte Umsicht«. Im Juni 1373 erneuerte er Coucys Titel als Generalhauptmann, da »die Erfahrung Eure große Entschlossenheit und Voraussicht« erwiesen habe. Hawkwood indessen, dessen Söldner das Rückgrat der Truppe waren, war nicht der Mann, der ohne Sold kämpfte, und seine unbezahlten Soldaten wurden zunehmend rebellisch. Auf ihrem Marsch durch Mantua plünderten sie die Bürger dieser Stadt so gewalttätig aus, daß sich der Herrscher von Mantua mit Klagen an den Papst wandte, der seinerseits Coucy bat, die »Kräfte der Kirche« zu zügeln. Die Gefahr, wenn nicht gar die Ironie, Briganten einzusetzen, um die päpstliche Autorität wiederherzustellen, wurde deutlich.

Dem Grafen von Savoyen gelang es schließlich, in einem tapferen Kampf aus seiner eingeschlossenen Verteidigungsstellung auszubrechen und sich mit seinen Truppen nach Bologna durchzuschlagen. Von hier aus marschierten die nun endlich vereinigten Heere im Juli wieder nach Westen. In Modena erregten die Söldner durch ihr Verhalten wiederum den Zorn der Bürger, den zu beschwichtigen der Papst Coucy fast unter Tränen bat, da Modena zur Päpstlichen Liga gehörte. Im August 1373 belagerten die päpstlichen Truppen Piacenza, aber ihre Entschlossenheit ließ deutlich nach, als Amadeus VI. erkrankte. Von diesem Zeitpunkt an fiel die Offensive unter schweren Regenfällen, über die Ufer gestiegenen Flüssen und ständigen Nadelstichen durch Bernabós Truppen auseinander.

Als Generalhauptmann eines nun tief entmutigten und desorganisierten Heeres sah Coucy nur noch wenig Zukunft in dem päpstlichen Feldzug. Mit der Begründung, er müsse sich um Frau und Kinder und seine Angelegenheiten in Frankreich kümmern, erbat er vom Papst seine Entlassung, die dieser ihm im Januar 1374 mit vielen Dankbezeigungen freundlich gewährte. Wenn man bedenkt, daß Coucy die Sache des Papstes einfach im Stich ließ, ist diese Freundlichkeit verdächtig und könnte auf einen schweren Bargeldmangel des Papstes hinweisen, der anscheinend nicht in der Lage war, Coucy zu bezahlen. Tatsächlich erhielt er die versprochenen Summen erst viele Jahre später aus der päpstlichen Schatzkammer.

Seine Abreise mag auch durch einen erneuten Ausbruch des Schwarzen Tods in Italien und Südfrankreich beschleunigt worden sein. Unter der Geißel [240]der Pest sank Gregors Kriegsanstrengung in sich zusammen. Durch seine Krankheit entmutigt, schloß Amadeus einen Separatfrieden mit Galeazzo und gab die Interessen des Papstes auf, sobald er seine eigene Sache im Piëmont gesichert wußte. Galeazzo seinerseits, der die destruktive Politik seines Bruders fürchtete, war ebenso bereit, sich von Bernabó zu trennen. Bernabó war angeblich so wutentbrannt über die Versöhnung Galeazzos mit Amadeus, daß er versuchte, seine Schwägerin Blanche ermorden zu lassen. Gezwungen, mit dem Papst vorläufig Frieden zu schließen, sicherte er sich günstige Bedingungen, indem er die päpstlichen Gesandten bestach. Nichts war in diesem Krieg erreicht worden, weil niemand außer dem Papst – der seinen Willen nicht durchsetzen konnte – für eine wirklich fundamentale Sache gestritten hatte; und der Krieg ist ein zu unangenehmes und teures Geschäft, als daß man ihn lange ohne wirklichen Anlaß weiterführen könnte.

Gian Galeazzo, der nun zum zweiten Male eine Niederlage erlebt hatte, übernahm nie wieder das Kommando einer Truppe im Feld. Er wurde ein befähigter Staatsmann, der das Reich der Visconti auf den Gipfel seiner Macht führen sollte. Er verlor seine Frau und einen kleinen Sohn durch Krankheit und blieb ein melancholischer Mann, bedrückt vielleicht auch durch die Unmöglichkeit, ohne Falschheit und Gewalttätigkeit zu regieren. Sein ältester Sohn starb mit zehn Jahren, der zweite mit dreizehn, ihm blieb nur eine angebetete Tochter, auf die ein trauriges Schicksal wartete.


Beim dritten Auftreten der Pest gelang es, die Ansteckung wirkungsvoller unter Kontrolle zu halten, obwohl die Ursachen nach wie vor undurchschaut blieben. Als die Pest in Mailand wütete, befahl Bernabó, jedes Opfer aus der Stadt zu schaffen, auch Kranke, die auf den Feldern außerhalb der Stadt sich selbst überlassen wurden. Jeder, der einen Pestkranken pflegte, kam für zehn Tage in strenge Quarantäne; die Priester mußten ihre Gemeindemitglieder auf Symptome der Krankheit hin überprüfen und die Fälle einer besonderen Kommission melden. Taten sie es nicht, drohte ihnen die Todesstrafe; jeder, der die Pest in die Stadt trug, wurde zum Tode verurteilt, und sein Vermögen wurde eingezogen. Venedig ließ keine Schiffe mehr in den Hafen, die der Pest verdächtig schienen, aber da Floh und Ratte noch nicht als Überträger erkannt waren, fruchteten die Vorsichtsmaßnahmen wenig, obwohl sie in die richtige Richtung wiesen. In Piacenza, wo Coucy den Krieg aufgegeben hatte, starb die Hälfte der Einwohner, und in Pisa, wo die Seuche zwei volle Jahre anhielt, soll sie vier Fünftel der Kinder ausgelöscht haben. Der berühmteste Tote des Jahres 1374 war Petrarca, der im Alter von siebzig starb, nicht an der Pest, sondern friedlich in seinem Lehnstuhl, Kopf und Arme auf einen Stoß Bücher gelegt. Sein alter Freund Boccaccio, bitter und krank, folgte ihm ein Jahr später.

Im Rheinland entstand – nicht im Zusammenhang mit der Pest – eine neue [241]Hysterie in Form des Tanzwahns. Es ist nicht überliefert, ob er aus dem Elend und der Obdachlosigkeit infolge einer großen Überflutung des Rheins im Frühjahr des Jahres 1374 enstand oder ob es sich um ein spontanes Symptom einer verstörten Zeit handelte. Die Teilnehmer waren überzeugt, daß sie von Dämonen besessen waren. Sie bildeten Kreise in den Straßen und Kirchen, tanzten stundenlang mit Sprüngen und Schreien, riefen die Dämonen an, sie nicht länger zu quälen, oder schrien ihre Visionen von Christus oder der Heiligen Jungfrau hinaus. Wenn sie erschöpft waren, fielen sie zu Boden, rollten stöhnend und zuckend umher, als seien sie in den Fängen böser Geister. Als die Manie sich über Holland und Flandern ausbreitete, schmückten sich die Tänzer mit Blumengirlanden und zogen wie einst die Flagellanten in Prozessionen von Ort zu Ort. Es waren hauptsächlich die Armen – Bauern, Handwerker, Diener und Bettler –, die daran teilnahmen, darunter ein großer Anteil an Frauen, besonders unverheiratete. Sexuelle Ausschweifungen folgten häufig den Tänzen, aber die dominierende Beschäftigung war die Austreibung des Teufels. In den Qualen dieser Zeit empfanden die Menschen das Wirken des Teufels als besonders deutlich, und in ihren Köpfen deutete nichts mehr auf seine dämonische Präsenz als das Tragen von spitzen Schuhen, die in den Predigten der Zeit so oft als Zeichen der Eitelkeit verdammt worden waren. Diese unnatürliche Mode hatte etwas leicht Irrsinniges an sich, das nun in den einfachen Gemütern als Ausdruck teuflischen Wirkens erschien.

Feindschaft gegen die offizielle Kirche war ein Zug der Tänzer wie ehemals der Flagellanten. In ihrem Eifer, einen Kollektivwahn, der sie bedrohte, zu unterdrücken, führten die Priester so viele Exorzismen durch, wie sie nur konnten. Prozessionen und Messen wurden für die unter dem Wahn Leidenden abgehalten. Die Hysterie schwand noch innerhalb desselben Jahres wieder, brach aber hin und wieder in den nächsten zwei Jahrhunderten neu auf. Was immer ihre Ursache gewesen sein mag, sie deutet auf die wachsende Macht des Irrationalen, die auch der Papst registrierte. Im August 1374 kündigte er das Recht der Inquisition an, in Hexenprozesse einzugreifen, die bisher unter dem Zivilrecht abgehalten worden waren. Da Hexerei und Zauberei aber nur mit Hilfe von Dämonen möglich waren, argumentierte Gregor XI., fielen sie unter die Rechtsprechungsgewalt der Kirche.


Als Coucy in seine Heimat zurückkehrte, fand er ein Frankreich vor, das zum erstenmal in dreißig Jahren den Krieg gegen England zu seinen Gunsten entscheiden zu können schien. Das Land hatte jetzt einen König, der, wenn auch kein Feldherr, ein festes Kriegsziel vor Augen hatte: die Wiedergewinnung der abgetretenen Territorien. Während Coucys Abwesenheit hatte England die meisten dieser Gebiete wieder verloren und darüber hinaus auch seine drei größten Soldaten: Sir John Chandos, den Hauptmann de Buch und den Schwarzen Prinzen. Wenn Coucy nicht durch seine englische Heirat zur Neutralität [242]gezwungen gewesen wäre, hätte er durchaus die führende Rolle auf französischer Seite übernehmen können, die nun mit Du Guesclin besetzt war. Karl V., dessen Politik es nach wie vor war, sich der Unterstützung der mächtigen Barone zu versichern, machte besondere Anstrengungen, Coucy erneut an sich zu binden. Der Titel des Sire de Coucy war nach Aussage von Zeitgenossen genauso »angesehen wie der des Königs oder eines Fürsten«.

Sobald Enguerrand zurückgekehrt war, wurde er direkt zum König gerufen, der ein Festmahl für ihn gab und ihn nach den Neuigkeiten über den päpstlichen Krieg ausfragte. Von Paris aus reiste Enguerrand nach Hause, um endlich seine Frau wiederzusehen, »und wenn sie ein großes Wiedersehen feierten, so gab es dafür Grund genug«, nahm Froissart an, »denn sie hatten einander sehr lange nicht gesehen«. Im November 1374 wurde Coucy eine neue bemerkenswerte Ehre zuteil: Karl V. ernannte ihn zum Marschall von Frankreich. Die Insignien des Amtes wurden von einem Ritter unter dem königlichen Banner nach Coucy gebracht. Noch immer unter dem Druck seiner doppelten Bündnispflicht, glaubte Coucy den Marschallstab ablehnen zu müssen. Nichtsdestoweniger setzte ihm der König eine jährliche Pension von 6000 Franken aus, eine erste Zahlung von 1000 Franken traf noch im November ein.

Coucys hartnäckige Neutralität und seine Entscheidung, nicht an dem Krieg teilzunehmen, sondern Frankreich zu verlassen, schadete seinem Ruf in keiner Weise, im Gegenteil: Sein Verhalten galt als Vorbild der Ehrenhaftigkeit auf beiden Seiten und schützte seine Länder vor englischen Angriffen. Als Knollys Kompanie 1370 die Picardie heimsuchte, »wurde das Land des Herrn von Coucy in Frieden gelassen, auch gab es keinen Mann und keine Frau, die auch nur um einen Penny erleichtert wurden, wenn sie sagten, daß sie dem Herrn von Coucy gehörten«. Wenn sie beraubt wurden, bevor ihre Zugehörigkeit festgestellt werden konnte, wurde ihnen ihr Besitz zurückerstattet. Ein französischer Ritter, der Chevalier de Chin, nutzte dies auf recht unritterliche Weise aus, indem er unter einem Coucy-Banner in ein grimmiges Gefecht in der Picardie ritt. Er verursachte große Verwunderung unter den Engländern, die sagten: »Wie kommt es, daß der Lord Coucy Männer gegen uns schickt, da er doch unser Freund sein sollte?« Aber das Vertrauen in seine Ehre war so groß, daß sie von sich aus das Banner als Fälschung bezeichneten und darauf verzichteten, Rache gegen Coucys Ländereien zu nehmen »und dort zu brennen oder Schaden anzurichten«.

Es war König Karls sorgfältig entworfene Strategie, einer Entscheidungsschlacht auszuweichen und durch militärische Nadelstiche Druck auf den Feind auszuüben, dies in konzentrierter Form vor allem in Aquitanien. Um Kastilien wieder an die Seite Frankreichs zu bringen, schickte er Du Guesclin 1369 erneut nach Spanien – mit spektakulärem Erfolg. In einer »herrlich großen und erbitterten Schlacht«, wie Froissart schreibt, kämpften die Halbbrüder [243]Heinrich II. von Taramastra und König Peter der Grausame mit ihren Streitäxten gegeneinander, »und jeder rief seinen Schlachtruf«. Schließlich wurde Peter überwältigt und gefangengenommen. Froissart zieht grundsätzlich die ritterliche Version vor, aber nach einem spanischen und möglicherweise besser informierten Chronisten war die Gefangennahme eine weniger ruhmvolle Angelegenheit. In einer Burg eingeschlossen, bot Peter Du Guesclin sechs Lehen und 200 000 Golddublonen an, wenn er ihm freies Geleit gewährte. Du Guesclin gab vor, einverstanden zu sein; Peter verließ heimlich die Burg, wurde von seiner französischen Begleitung festgenommen und Heinrich übergeben. Als er seinem Halbbruder gegenüberstand, »legte Peter die Hand an sein Messer und hätte ihn ohne Gnade getötet«, wenn nicht ein geistesgegenwärtiger Franzose ihn am Bein gepackt und umgeworfen hätte, worauf Heinrich ihn mit einem Dolchstoß tötete – und sich so die Königskrone wieder sicherte.

Für Frankreich bedeutete dies eine unschätzbare Verstärkung durch die kastilische Seemacht und für England neue Furcht vor einer Invasion. Danach traf die Engländer ein Unglück nach dem anderen. Der Schwarze Prinz wurde durch eine ansteckende Ruhr, die sich unter den Gasconen und Engländern ausbreitete, außer Gefecht gesetzt. Dieser Krankheit folgte mit grausamer Ironie die Wassersucht; mit geschwollenen Gliedern war der Schwarze Prinz »durch die Krankheit so niedergedrückt, daß er kaum auf dem Pferde sitzen konnte«, und als er schwerer und schwächer wurde, konnte er nicht mehr aufsitzen und war ans Bett gefesselt. Für den Inbegriff des kriegerischen Ritters, für diesen Mann der Tat und des Stolzes war die demütigende Krankheit im Alter von 38 Jahren unerträglich, dies um so mehr, als die Lage in Aquitanien zusehends schwieriger wurde. Der Prinz verfiel der Übellaunigkeit und der Wut. Noch bevor diese ihren tragischen Gipfel erreichten, erhob sich das nächste Unheil.

Unter dem Einfluß eines erwachenden Nationalgefühls gehorchten viele französische Adlige den Aufforderungen der Krone, kleine Kompanien von zwanzig, fünfzig oder hundert Reisigen zu bilden, um Städte und Burgen in den abgetretenen Gebieten zurückzuerobern. In einem solchen Gefecht stieß im Frühjahr des Jahres 1370 Sir John Chandos, der englische Seneschall dieser Region, mit einer Truppe von etwa dreihundert Mann bei Lussac auf einer hochgewölbten Brücke der Vienne mit einer französischen Streitmacht zusammen. Er saß ab, um zu Fuß zu kämpfen, und betrat die Brücke, um dem Feind entgegenzugehen, »das Banner vor ihm und seine Truppe hinter ihm, den Schild mit seinem Wappen am Arm und das Schwert in der Hand«. Auf dem taufeuchten Pflaster des frühen Morgens rutschte er aus und stürzte, ein Schwerthieb traf ihn von der Seite seines blinden Auges her, so daß er ihn nicht hatte kommen sehen. Das Schwert drang zwischen Nase und Stirn ein, denn aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte er sein Visier nicht geschlossen. [244]Mit ingrimmiger Wut schlugen seine Leute die Feinde zurück, um sofort nach der Schlacht mit mittelalterlicher Gefühlsoffenheit in Tränen auszubrechen. Sie sammelten sich um ihren bewußtlosen Führer, »weinten jämmerlich…rangen die Hände und rissen an ihren Haaren« und riefen: »Ah, Sir John Chandos, Blume der Ritterschaft, unglücklich geschmiedet das Eisen, das Euch verwundet hat und Euch den Anschein des Todes gibt.«

Chandos starb am nächsten Tag, ohne das Bewußtsein wiederzuerlangen, und die Engländer in Aquitanien sagten, »sie hätten alles auf jener Seite der See verloren«. Als Taktiker und Urheber der englischen Siege bei Crécy, Poitiers und Najera war Chandos der größte Feldhauptmann seiner Seite, wenn nicht beider Seiten. Auch wenn die Franzosen über den Verlust des Feindes jubelten, gab es einige »sehr edle und tapfere Ritter« unter ihnen, die Chandos' Tod für ein Unglück hielten – und dies aus einem interessanten Grund. Chandos, sagten diese, »war so weise und erfindungsreich« und stand dem König von England so nahe, daß er ein Mittel gefunden hätte, »durch das der Friede zwischen den Königreichen von England und Frankreich hätte erreicht werden können«. Selbst die Ritterschaft kannte die Sehnsucht nach Frieden.

Einige Monate später unternahm der Schwarze Prinz seine letzte Kriegstat. Seine Länder glitten ihm aus den Händen, angenagt von den Kompanien unter dem Herzog von Anjou, dem energischen Leutnant des Königs im Languedoc, und von anderen Einheiten unter Du Guesclin. Im August 1370 gewann Karls vorsichtige Schritt-um-Schritt-Politik Limoges zurück, dessen Bischof, obwohl er dem Schwarzen Prinzen Gefolgschaft geschworen hatte, sich von dem Herzog von Berry, dem Leutnant für Zentralfrankreich, kaufen ließ. Gegen den Preis von zehn Jahren Steuerfreiheit waren auch der Magistrat und die Bürger der Stadt gern bereit, die Seite zu wechseln. Limoges hißte das Lilienbanner über seinen Toren, und nach einer feierlichen Übergabezeremonie verließ der Herzog von Berry die Stadt. Eine kleine Garnison von hundert Lanzen ließ er in ihren Mauern zurück, zuwenig, um das, was folgen sollte, abzuwenden.

Erzürnt durch den »Verrat«, schwor der Schwarze Prinz, daß die Stadt dies teuer bezahlen werde, und beschloß, ein Exempel zu statuieren, das weitere Lossagungen verhindern würde. Von der Bahre aus führte er eine starke Streitmacht gegen die Stadt, zwei seiner Brüder und die Elite seiner Ritter begleiteten ihn. Bergleute gruben Tunnel unter die Stadtmauern, die zunächst mit Pfählen abgestützt wurden. Schlug man die Stützen heraus, stürzten ganze Teile der Mauer plötzlich ein. Die Angreifer strömten durch die Bruchstellen in die Stadt, besetzten die Ausgänge und Tore und begannen auf Befehl ein erbarmungsloses Massaker unter den Einwohnern ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht. Schreiend vor Schrecken fielen Menschen vor der Bahre des Schwarzen Prinzen auf die Knie, bettelten um Gnade, aber »er war so wutentbrannt, [245]daß er sie nicht beachtete«, und sie wurden ein Opfer des Schwerts. Trotz seines Befehls, niemanden zu schonen, wurden einige bedeutende Persönlichkeiten gefangengenommen, um Lösegelder zu erpressen, darunter der Bischof, den der Prinz »wild und grausam« ansah und schwor, ihm den Kopf abzuschneiden. Durch einen Handel mit dem Bruder des Prinzen, Johann von Gaunt, entkam der Bischof indessen und trug seine schreckliche Geschichte nach Avignon.

Die Ritter, die diesem Blutbad zusahen oder an ihm teilhatten, unterschieden sich in nichts von jenen, die so bewegt um Chandos geweint hatten. Die Kehrseite der oberflächlichen Emotionalität des 14. Jahrhunderts war eine allgemeine Gefühllosigkeit dem Anblick von Schmerz und Tod gegenüber. Chandos wurde betrauert, weil er einer der ihren war, während die Opfer von Limoges nicht zur Ritterschaft zählten. Im übrigen war das Leben nicht wertvoll, denn was war der Leib denn anderes als Aas und der Aufenthalt auf Erden anderes als eine Station auf dem Weg ins ewige Leben?

Limoges wurde nach der Sitte der Zeit geplündert und niedergebrannt, seine Mauern wurden geschleift. Obwohl die blutgetränkte Geschichte der Stadt zweifellos die Opposition gegen die Engländer einschüchterte, nährte sie auf lange Sicht auch den Haß der Franzosen auf die Besetzer, den fünfzig Jahre später Jeanne d'Arc personifizieren sollte.

Die Karriere eines Helden endete mit der Rache an Limoges. Zu krank, um noch weiter zu herrschen, übergab der Schwarze Prinz die Regierung von Aquitanien an seinen Bruder Johann von Gaunt und verließ Bordeaux im Januar 1371. Er sollte nie zurückkehren. Mit seiner Frau und seinem Sohn Richard kehrte er nach Hause zurück und führte noch sechs Jahre lang das Leben eines hilflosen Invaliden. Da Frankreich nun die Initiative ergriffen hatte, beschränkten die englischen Heerführer sich auf defensive Maßnahmen. Das Ziel von Sir Robert Knollys wildem Raubzug durch Nordfrankreich im Jahre 1370 war es, soviel Schaden und Verwüstung wie möglich anzurichten, um die französischen Kriegsanstrengungen zu schwächen und französische Truppen von Aquitanien fernzuhalten. Seine Truppen waren nicht in der Lage, befestigte Städte oder Burgen zu erobern, aber sie konnten Dörfer niederbrennen und Felder verwüsten. Da es ihnen nicht gelang, die Franzosen zur offenen Schlacht zu provozieren, wurden Knollys Ritter unruhig und undiszipliniert, dennoch stellten sie für Paris eine Bedrohung dar, die dazu führte, daß König Karl V. Du Guesclin nach Paris rief und ihn zum Constable ernannte.

Bertrand Du Guesclin war bereits viermal vom Feind gefangengenommen worden, und das verweist eigentlich auf einen entweder bedenkenlosen oder unfähigen Krieger, aber der neue Constable war im Gegenteil vorsichtig und gerissen. Er glaubte fest an eine Ermüdungsstrategie, die das feindliche Heer durch Entbehrungen schließlich zur Aufgabe zwingen sollte, und aus diesem Grund fiel Karls Wahl auf ihn. Seine erste Maßnahme als Constable war ein [246]persönlicher Pakt mit einem gefürchteten Landsmann, dem einäugigen Bretonen Olivier de Clisson, genannt »der Schlachter«, weil er in der Schlacht seinen Feinden häufig Arme und Beine abschlug. Seine bretonische Kompanie verfolgte und störte Knollys Heer, und als sich dieses durch den Abfall unzufriedener Ritter teilte, schlug sie Knollys Resttruppen an der unteren Loire. Du Guesclins Einheiten zogen durchs Land und bissen hier und dort zu, bestachen und kauften auch englische Hauptleute, die zu stark erschienen, um sie zu besiegen, und befreiten so Stück um Stück die abgetretenen Territorien.

Ein entscheidender Vorteil wurde im Juni 1372 von den Kastiliern auf See erfochten, als sie einen englischen Konvoi vor La Rochelle vernichteten. Die englischen Schiffe sollten Männer und Pferde bringen, um die Truppen in Aquitanien zu verstärken, und – was kritischer war – 20 000 Pfund Sold, angeblich genug, um dreitausend Reiter ein Jahr lang zu bezahlen. Durch seine Spione von dem englischen Konvoi unterrichtet, rief Karl V. König Heinrich II. von Taramastra auf, seiner Bündnispflicht nachzukommen. Die kastilischen Galeonen von etwa 200 Tonnen wurden von 180 Rudern angetrieben, an denen freie Männer, nicht etwa angekettete Verbrecher saßen. Sie waren sehr viel wendiger als die englischen Rahsegler, die nicht kreuzen, sondern nur vor dem Wind segeln konnten. Die kastilischen Schiffe rammten die Engländer, besprühten die englische Takelage und die Decks mit Öl, das sie dann mit Pfeilen in Brand schossen. Von Mastkörben aus, die sehr viel höher lagen als auf den englischen Kauffahrteischiffen, warfen sie Steine auf die englischen Bogenschützen. In einer zwei Tage dauernden Seeschlacht wurden die englischen Schiffe verbrannt, in die Flucht getrieben oder versenkt. Auch das Fahrzeug, das den Sold trug, sank auf den Grund des Meeres.

Der Verlust des Geldes schwächte Englands Stellung in Aquitanien schwer. Die kastilische Seehoheit gefährdete die Verbindungen zwischen London und Bordeaux und – was schlimmer war – öffnete den Franzosen den Weg zu Überfällen an der englischen Küste. Diese Absicht bestimmte König Karls Plan, in Rouen Werften und einen Seehafen aufzubauen, aus dem auch die größten Schiffe mit dem Tidenhub die Seine hinunter auslaufen konnten. König Eduard, inzwischen sechzig Jahre, zog es vor, nach Frankreich zu gehen, statt den Angriff in England abzuwarten. Er entschloß sich, »mit solcher Macht hinüberzufahren, daß er die Schlacht mit ganz Frankreich suchen könnte«.

Er ließ mit den üblichen Maßnahmen der Beschlagnahmung von Kauffahrteischiffen samt Kapitänen und Mannschaften eine Flotte zusammenstellen, nahm den kranken Schwarzen Prinzen und Johann von Gaunt mit sich und segelte mit einer großen Streitmacht Ende August 1372 los. Aber er wurde vom Wetter besiegt – ungünstige Winde, die neun Wochen lang anhielten, warfen die Flotte immer wieder zurück oder zwangen sie in Häfen, so daß es schließlich zu spät wurde, noch vor dem Winter die Überfahrt zu riskieren. [247]Auf Kosten enormer Ausgaben für Lebensmittel und Ausrüstung, für Sold und Unterhalt war der König gezwungen, das Unternehmen aufzugeben.

Die Technologie des Mittelalters schuf Wunder an Architektur, sie fand die Mechanik des Webstuhls und eine Getriebewelle, die die Kraft des Windes in die Drehung eines schweren Mühlsteines umsetzte, aber sie schaffte es nicht, das Vorsegel, das Besansegel und den seitlich beweglichen Großbaum zu entwickeln, der es erlaubt hätte, die Segel der Windrichtung anzupassen. Durch solche Zufälle des menschlichen Geistes werden Krieg, Handel und Geschichte geformt.

Das maritime Fiasko führte indirekt zum tragischen Schicksal von Englands drittem großen Soldaten, dem Hauptmann de Buch. Während Englands Flotte vor der Küste auseinandergetrieben wurde, eroberten die Franzosen La Rochelle und sein Hinterland, und im Verlauf dieser Kämpfe wurde der Hauptmann gefangengenommen. Er fiel bei Nacht einer franko-kastilischen Expeditionstruppe in die Hände. Obwohl er machtvollen Widerstand leistete, wurde er im Schein der Fackeln überwältigt. Im Gegensatz zur ritterlichen Tradition ließ Karl V. ihn in Paris ins Gefängnis werfen, ohne ihm das Privileg der Auslösung zuzugestehen. Das Schicksal des Hauptmanns de Buch wurde zum Wunder und Schrecken der gesamten Ritterschaft.

Karl V. war der politische Zweck wichtiger als der Kult des Rittertums. Des Hauptmanns Verrat nach der Schlacht von Cocherel 1364, als er zunächst auf die französische Seite übertrat und dann wieder zu den Engländern zurückging, hatte Karl nie vergeben. Das Herz des Hauptmanns de Buch gehörte seinem alten Waffengefährten, dem Schwarzen Prinzen, und als die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und England 1369 wieder aufflammten, erklärte er seine Lehnspflicht dem französischen König gegenüber für nichtig, gab seine Besitzungen an die Krone zurück und schloß sich den Engländern an. Karl war jetzt entschlossen, ihm keine Möglichkeit mehr zu geben, in den Krieg zurückzukehren.

Obwohl König Eduard anbot, drei oder vier französische Gefangene mit Lösegeldern, die 100 000 Franken wert waren, gegen den Hauptmann auszutauschen, lehnte Karl es ab, den furchtlosen Gasconen auslösen zu lassen, der doch immerhin der Retter von Karls Frau und Familie bei Meaux war. Während der Hauptmann im Kerker schmachtete, bestürmten französische Adlige den König immer wieder, einen tapferen Ritter nicht im Gefängnis sterben zu lassen, aber Karl sagte, der Hauptmann sei ein so starker Krieger, daß er frei, in den Kampf zurückzukehren, viele französische Städte und Burgen zurückerobern würde. Deshalb wolle er ihn nur freilassen, wenn er »französisch würde«, was der Hauptmann ablehnte. Als ein weiteres Mal eine Abordnung von Rittern, diesmal unter der Führung von Coucy, dem König eine Petition zugunsten des Hauptmanns übergab, überlegte Karl eine kurze Zeit und fragte dann, was er tun solle. Coucy antwortete: »Sire, wenn Ihr ihn auffordertet zu [248]schwören, nie wieder die Waffen gegen die Franzosen zu erheben, könntet Ihr ihn freigeben, und es wäre zu Eurer Ehre.«

»Wir werden es tun, wenn er zustimmt«, sagte der König, aber der abgemagerte und geschwächte de Buch antwortete, »er werde niemals einen solchen Eid ablegen, stürbe er auch im Gefängnis«. In dem Bewußtsein, nie wieder sein Schwert, sein Pferd oder die Freiheit wiederzusehen, verfiel der Hauptmann der Schwermut, wollte nichts mehr essen oder trinken, sank langsam in die Umnachtung und starb im Jahre 1376 nach vier Jahren Gefangenschaft.

Nach Eduards gescheiterter Expedition unternahmen die Engländer noch einmal den Versuch einer Invasion. Eine neue Armee, die wahrscheinlich vier- oder fünftausend Mann stark war (trotz der »zehntausend« und »fünfzehntausend« der Chronisten), wurde aufgestellt. Geführt von Johann von Gaunt, dem jungen Herzog von Lancaster, überquerte die Armee den Ärmelkanal auf dem Weg nach Calais im Frühsommer 1373 mit dem Auftrag, nach Aquitanien zu marschieren und die englischen Truppen dort zu entsetzen. Es wurde der längste und seltsamste Marsch des ganzen Krieges.

Obwohl er behauptete, die offene Feldschlacht suchen zu wollen, in der die Engländer noch immer gesiegt hatten, nahm der Herzog von Lancaster nicht die direkte Route nach Süden, auf der er den Truppen Du Guesclins begegnet wäre, sondern schlug einen enormen Bogen um Paris herum. Es war ein lang hingezogener Beute- und Verwüstungsfeldzug durch die Champagne und Burgund, über das Zentralmassiv der Auvergne und schließlich, nach fünf Monaten und fast 1000 Meilen, durch Aquitanien. Vielleicht war es das Ziel dieses berühmten Marsches, möglichst großen Schaden anzurichten, unter Umständen mit der zusätzlichen Absicht, die Franzosen daran zu hindern, eine Invasion Englands vorzubereiten. Vielleicht aber suchte Johann von Gaunt auch einfach mehr Raum für ritterliche Abenteuer und zugleich die Plünderungen, die notwendig waren, um seine Armee zu bezahlen und zu unterhalten.

Die Armee, die wie gewöhnlich in drei Säulen marschierte, um sich besser aus dem Land ernähren zu können, schaffte etwa acht oder neun Meilen am Tag und richtete willkürliche Verwüstungen im Lande an, um die französischen Ritter zur Schlacht zu reizen. Das schlug fehl, denn Karl V. hatte seiner Armee streng verboten, sich zum Kampf zu stellen, und die Bevölkerung suchte zum größten Teil Schutz in den befestigten Städten. Johann von Gaunts Marsch erstreckte sich bis in die Kälte und den Regen des Herbstes; der Nachschub stockte, Pferde verhungerten und starben, Unannehmlichkeiten verwandelten sich allmählich in Härten und Härten in Entbehrungen. Die Männer des Herzogs von Burgund, die der englischen Streitmacht auf den Fersen folgten, griffen Nachzügler auf, örtlicher Widerstand kostete Verluste, im Süden legte Du Guesclin Hinterhalte. Der November fand das Heer auf der sturmgepeitschten Hochebene der Auvergne, Ritter ohne Reitpferde trotteten [249]zu Fuß dahin, viele legten ihre verrosteten Rüstungen ab, andere bettelten um Brot, als sie Aquitanien endlich erreichten. Die erschöpfte und ausgezehrte Armee, die um die Weihnachtszeit nach Bordeaux hineinstolperte, hatte alle Pferde und die Hälfte ihrer Soldaten verloren. Zusammen mit den gasconischen Truppen waren die Engländer immer noch stark genug, um Aquitanien zu halten, die englische Besitzung, die nun auf ihre alten Grenzen zurückgeschrumpft war, aber es waren nicht mehr genug Soldaten, um zurückzugewinnen, was inzwischen verlorengegangen war. In der Zeit bis 1374 war der Vertrag von Brétigny nicht nur de jure, sondern auch de facto null und nichtig geworden. Außer Calais kontrollierte England nun nicht mehr als vor der Schlacht von Crécy. Auch militärische Überlegenheit konnte einen Feind nicht besiegen, der sich nicht zur Schlacht stellte. Im August 1374 erklärte sich König Eduard bereit, einen Waffenstillstand zu schließen.

Die Zeit war für beide Seiten reif. Karl V., der seinen Verstand gebraucht hatte, und Du Guesclin mit seiner unorthodoxen Taktik hatten sich verbunden und eine Strategie entworfen, die auf der Anerkennung der Realitäten beruhte – und die direkte Antithese des ehrenvollen Kampfes war, dem zentralen Prinzip des Rittertums. Während die zeitgenössischen Chronisten versuchten, aus Du Guesclin den »zehntbesten« und den »vollkommenen« Ritter zu machen, und während Karls Biographin Christine de Pisan ihn für alles außer seinen wirklichen Leistungen pries, waren es in Wahrheit die nichtritterlichen Eigenschaften dieser beiden eigensinnigen, hartnäckigen Gestalten, die Frankreich aus dem Ruin herausführten. Karl V. hatte sein Kriegsziel erreicht, aber um den Preis eines verwüsteten und erschöpften Reiches. Nach einigen taktischen Ausflüchten schickte er Gesandte zu den Friedensverhandlungen in Brügge.

 

[250]

Kapitel 13
Coucys Krieg

Es gab keinen Friedensvertrag in Brügge, denn die Engländer waren entschlossen, ihre alten Besitzungen in Frankreich zu behalten, während Karl ebenso fest entschlossen war, die Souveränität über Aquitanien zurückzugewinnen, die in Brétigny abgetreten worden war. Seine Rechtsgelehrten versuchten, die Ungültigkeit jener Abtretung nachzuweisen, da sie den heiligen Eid der Gefolgstreue verletzt habe; daher hätten sich der Schwarze Prinz und der König von England der Rebellion schuldig gemacht wie einst Luzifer gegen Gott. Das befriedigte Karls lebenslanges Bedürfnis nach Legalität, aber es beeindruckte die Engländer nicht im geringsten. Um das völlige Scheitern der Unterhandlungen zu verhindern, die mit großer Pracht von den Herzögen von Burgund und Lancaster ausgerichtet worden waren (Burgund erhielt 5000 Franken im Monat Entschädigung von der Krone), einigte man sich auf einen einjährigen Waffenstillstand und einen Neubeginn der Verhandlungen im November.

Durch den Waffenstillstand arbeitslos geworden, kehrten die Kompanien in Frankreich zu ihrem alten Geschäft der Plünderung zurück. Mehr als ein Jahr vorher, im Januar 1374, hatte die Krone durch einen umfassenden Erlaß versucht, die Briganten unter Kontrolle zu bringen. Der Erlaß stellte die Kompanien zu einem bestimmten Sold in den Dienst der Regierung, gab ihnen von der Krone ernannte Hauptleute, die schwören mußten, der Plünderei zu entsagen, und die für ihre Männer unter Androhung schwerer Strafen verantwortlich waren. Es war ein sorgfältig ausgedachter Versuch, aber die Kompanien waren zu sehr ein Teil des militärischen Systems, als daß sie so leicht zu entwurzeln oder zu zähmen gewesen wären. Das Brigantentum wütete weiter.

»Tief bekümmert« über diese Situation, suchte der König die Hilfe seiner Ratgeber. Sie »besannen sich auf den Sire de Coucy«. Er sollte der neue Rattenfänger sein, der die Briganten aus Frankreich hinaus in einen neuen Krieg führen konnte – in seinen.

Coucys Streitigkeiten mit den Herzögen von Österreich und seine Entschlossenheit, sie zu einem Ende zu bringen, waren wohlbekannt. In dieser Sache konnte er Frankreich dienen, ohne seine Bindungen an England zu verletzen. Bureau de la Rivière und Jean le Mercier, der Kämmerer und der Schatzmeister des Königs, unterbreiteten ihm den Vorschlag. Wenn er die Kompanien von etwa 25 Hauptleuten aus allen Gegenden Frankreichs in seinen [251]Dienst nähme, um sie gegen die Habsburger zu führen, würde der König 60 000 Pfund für die Kosten des Feldzugs bereitstellen. Vor allem sollte er die schlachterprobten Bretonen, die Gefolgsleute von Du Guesclin und Clisson, aufnehmen, die seit dem Ende des Kriegs schreckliche Verheerungen angerichtet hatten.

Coucy hatte in der Lombardei genug Erfahrungen mit Söldnern gesammelt, um ihn die Gefahren und Unwägbarkeiten eines solchen Kommandos zu lehren, auch wenn es ihm außerordentliche Hilfen für seine persönlichen Pläne einbrachte. Er war jetzt 35, reich genug, um in dem Jahr dem Herzog von Berry Geld zu leihen, aber nicht reich genug, aus eigener Kraft einen ganzen Feldzug gegen die Habsburger zu finanzieren. Er erklärte sich bereit, das große Aufräumen zu übernehmen.

Unter den Rittern und Briganten, die nun unter Coucys Fahnen strömten, war auch der berühmte und immer geschäftige Krieger Owen von Wales, dessen Vater König Eduard hatte hinrichten lassen und der am Hofe Philipps VI. aufgewachsen war. 1375 kam der in vielen Schlachten erprobte Owen gerade von der erfolgreichen Belagerung von St. Sauveur-le-Vicomte an der Küste der Normandie, wo zum erstenmal Kanonen in wirkungsvoller Weise eingesetzt worden waren. Vierzig »Maschinen«, große und kleine, die Eisen-, Leder- und Steinkugeln abschießen konnten, hatten zwar die Mauern nicht zerstören können, die Verteidiger aber so unter Druck gehalten, daß sie kapituliert hatten. »Die Maschinen deckten sie so ein, daß sie es nicht wagten, die Türme zu verlassen und in die Stadt zu gehen.« Sogar in einen Turm war eine Kugel eingedrungen und mehrere Male zwischen den Wänden im Zimmer eines verwundeten englischen Hauptmanns hin- und hergesprungen, »als wäre der Donner selbst in seinen Raum geraten«, und hatte ihn davon überzeugt, daß seine letzte Stunde gekommen wäre.

Die Unternehmung wurde zu einem Magnet für ruhelose Schwerter, sogar hundert Ritter des Deutschen Ordens ließen ihren preußischen Sport des Bauernjagens im Stich, um zu Coucy zu kommen. Die Tinte auf dem Waffenstillstandsvertrag von Brügge war kaum trocken, als englische Ritter zum Treffpunkt aufbrachen, angezogen von der Tatsache, daß ein Schwiegersohn des englischen Königs den Feldzug anführte. Gutbewaffnet, auf schönen Pferden mit silbernen Zügeln, mit glänzenden Brustpanzern und Helmen und prächtigen, langen Mänteln, warfen die englischen Ritter, angeblich »sechstausend«, den Schatten ihres furchterregenden Rufes auf Coucys ganzes Heer, so daß der Feind es bald summarisch als »die Engländer« bezeichnete.

Die Gesamtzahl von Coucys Aufgebot blieb vage, aber eindrucksvoll, denn sie rief ehrfürchtige Angaben von vierzig-, fünfzigtausend, ja sogar hunderttausend hervor. Schätzungen, die sich an der Zahl der Hauptleute orientieren, kommen auf etwa zehntausend, vergleichbar der Armee, die Du Guesclin nach Spanien führte. Eine elsässische Chronik nennt sechzehntausend Ritter [252]»in Helmen und Kapuzen«. Die spitzen Helme und kuttenartigen Kapuzen aus schwerem Stoff, die gegen die Kälte getragen wurden, finden sich in den Berichten aller Beobachter. Gügler genannt (nach dem schwyzerdeutschen Ausdruck für Spitze oder Kutte), gaben die Kapuzen dem »Güglerkrieg« seinen Namen.

Vor seinem Aufbruch sorgte Coucy in großer Manier für die Zukunft seiner Seele, falls er fallen sollte. Er bezahlte zwei Messen »jeden Tag und für immer« in der Abtei Nogent-sous-Coucy für sich selbst, seine Vorfahren und seine Nachfolger. Seine Instruktionen, wie die meisten dieser Art, waren präzise und sehr spezifiziert, nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Gebete sollten vor dem Bild der Notre Dame in der Kapelle gesprochen werden, an dem Ort, der bereits zur Begräbnisstätte für Coucy und seine Frau bestimmt war. Er gab den Mönchen von Nogent das exklusive Recht am Fischfang im Fluß Ailette im Bereich zwischen der Rue de Brasse und der Brücke St. Mard.


Während seine vereinigte Streitmacht bereits ins Elsaß eingefallen war und das Land sechs Wochen lang im Oktober und November ausplünderte, hatte Coucy sein Kommando immer noch nicht angetreten. Diese Verzögerung ist eines der vielen Rätsel dieses seltsamen Winterkriegs. Verlegte er seine Ankunft bewußt, um die Chance zu erhöhen, daß der Winter die Kompanien hart traf und ihre Zahl verminderte? Die Tatsache, daß auch Du Guesclin 1365 seinen Marsch über die Pyrenäen erst im Dezember antrat, deutet auf ein Verhaltensmuster. Andererseits war Coucy deutlich entschlossen, tatsächlich Krieg gegen den Vetter seiner Mutter, Leopold, zu führen und seine Armee nicht einfach im Bergschnee des Jura untergehen zu lassen.

Im späten September hatte er dem kaiserlichen Vogt im Elsaß, dem Herzog von Brabant, geschrieben, daß er beabsichtigte, den Breisgau, Sundgau und den kleinen Bezirk Pfort zu beanspruchen, und hatte die Versicherung erhalten, daß keine kaiserlichen Maßnahmen gegen seinen Versuch, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, zu erwarten wären. Um seinen Feldzug zu einem gerechten Krieg zu erklären und sich von einem bloßen Hauptmann von Söldnern abzuheben, schrieb Coucy auch an die Städte Straßburg und Kolmar, sicherte ihnen zu, daß er sie nicht bedrohte, erklärte seinen Anspruch gegen den Habsburger und ermahnte sie, keine Furcht zu zeigen, sondern seine gerechten Forderungen zu unterstützen. Das rief keine Antwort hervor, da unter den Stadtmauern seine Söldner bereits ihre Greueltaten verrichteten.

Wenn der Aufschrei des Entsetzens in den örtlichen Chroniken als Evidenz gelten kann, hat es im Elsaß nie ein schlimmeres Massaker gegeben. Vierzig Dörfer im Sundgau wurden ausgeraubt und zerstört, hundert Einwohner von Wattwiller ohne Gnade umgebracht, Männer und Frauen ergriffen, um den Briganten zu dienen, die Franziskanerabtei von Thann bis auf die Grundmauern niedergebrannt, das Kloster von Schönensteinbach so verwüstet, daß es [253]aufgegeben werden mußte und seine Felder erst zwanzig Jahre später wieder bebaut wurden. Die Kompanien erpreßten den üblichen Tribut, den die Reichen in Geld, Pferden, schönen Stoffen, die Armen in Schuhen, Hufeisen und Nägeln zahlten. Wenn sie nach dem Ziel des Feldzugs gefragt wurden, antworteten einige Hauptleute angeblich, daß sie »um 60 000 Florins, sechzig Streithengste und sechzig Goldgewänder« gekommen wären. Der Bischof und der Magistrat von Straßburg zahlten 3000 Florins, um die Stadt vom Angriff freizukaufen.

Am Beginn des Feldzugs hatten die Hauptleute in Coucys Sold noch versucht, die Disziplin aufrechtzuerhalten, und einige hängten jeden Tag Schuldige, um die Unordnung zu ersticken. Aber unter Männern, die an gesetzlose Gewalttätigkeit gewöhnt waren, konnten auch gewalttätige Strafen die Gewalt nicht kontrollieren.

Angesichts der Invasion übernahm Leopold die gleiche Strategie wie Karl V.: Er befahl den Elsässern, alles zu zerstören, was dem Feind helfen, ihn schützen oder ernähren konnte, und sich mit ihrem Hab und Gut in die Städte und festen Burgen zurückzuziehen. Wie Karl befahl er die Befestigung von Städten, die Zerstörung von anderen, die nicht zu verteidigen waren, und das Verbrennen von entfernteren Dörfern. Auf dem Papier sind solche Befehle leicht zu geben; in der Praxis ist es kaum vorstellbar, daß ein Bauer die Frucht seiner Arbeit, das Getreide, das ihn im nächsten Jahr ernähren sollte, zerstört hätte. Es ist schwer abzuschätzen, in welchem Ausmaß diese Befehle tatsächlich ausgeführt wurden.

Da er nicht ausreichend Kräfte hatte, um sich Coucys Streitmacht offen entgegenzustellen, zog sich Leopold in die Festung von Breisach auf der anderen Seite des Rheins zurück und verließ sich auf den Widerstand der streitbaren Schweizer. Er selbst hatte schmerzlich erfahren müssen, wie es um die Kampfkraft seiner Schweizer Untertanen bestellt war.

Ob authentisch oder legendär – Wilhelm Tells trotziger Widerstand gegen den österreichischen Vogt Geßler am Beginn des Jahrhunderts symbolisiert den Kampf gegen die Tyrannei der Habsburger. Noch zwei weitere Male im Laufe des Jahrhunderts hatten die Schweizer der Habsburger Kavallerie demütigende Niederlagen zugefügt. Bei Morgarten und Laupen in den Jahren 1315 und 1339 hatten die Siege des Mannes auf der Erde über den aufgesessenen Ritter Kriegsgeschichte gemacht. Bei Morgarten im Waldkanton von Schwyz hatten die Schweizer den Rittern bei einem Gebirgspaß aufgelauert, von oben Steine und Baumstämme auf sie stürzen lassen und waren dann in das Chaos hinuntergestiegen, um die Ritter abzuschlachten »wie Schafe in den Hürden«. Sie kannten keine Gnade, denn sie erwarteten keine Lösegelder, und sie siegten, weil sie, nicht der Feind, das Schlachtfeld gewählt hatten. Die Ritter entschuldigten die Niederlagen mit dem ungünstigen Gelände, und tatsächlich wurde der Nachteil für die Reiterei in den Bergen zu einem Element [254]– ebenso wichtig wie der trotzige Geist der Kantone – in der schließlichen Erzwingung der Schweizer Unabhängigkeit.

Bei Laupen an einem offenen Hügel konnte kein Terrain die Niederlage wegerklären. Dort ging die Stadtstreitmacht von Bern auf einer Anhöhe in Stellung und zwang so die Habsburger Ritter, in ansteigendem Gelände zu kämpfen. Die Berner, verstärkt durch Bergbauern aus den Waldkantonen, bildeten in dem Gefecht eine Igelphalanx, die, obwohl sie von den Rittern eingeschlossen wurde, standhielt und nicht durchbrochen werden konnte. Während die Schweizer ihre Feinde in ein blutiges Handgemenge verwickelten, in dem sie ihnen mit ihren Hellebarden – einer Verbindung von Axt und Spieß – schreckliche Wunden zufügten, fiel ihre Reserve den Adligen in den Rücken und überwältigte sie. Siebzig Helme und 27 Adelsbanner wurden von den Schweizern erbeutet. Obwohl diese Schlachten nun schon eine Generation zurücklagen, hatten die Gügler allen Grund, sie als Warnung ernst zu nehmen.

Die Schweizer reagierten kaum auf Leopolds Aufruf, das Land gegen Coucy zu verteidigen. Sie haßten die Habsburger mehr, als sie die Invasoren fürchteten. Die drei Waldkantone im Zentrum des Landes weigerten sich völlig, irgend etwas zu unternehmen. Angeführt vom Kanton Schwyz, dem kühnsten der drei, der der zukünftigen Nation den Namen geben sollte, sagten sie, daß sie kein Interesse hätten, sich für Leopolds Verteidigungskrieg zu opfern, da der Sire de Coucy ihnen niemals etwas angetan habe. Sie würden »Zuschauer in diesem Krieg« bleiben, es sei denn, sie sähen sich gezwungen, gegen den Sieger zu kämpfen, wenn er seine Ansprüche zu weit auslege. Zürich indessen ebenso wie Bern, Luzern und Solothurn erklärten sich bereit, den Aargau zu verteidigen, jene Region, die dem Elsaß benachbart war und die sie als ihren »Korridor« ansahen.

In der Zeit um den 11. November traf Coucy mit 1500 Mann im Elsaß ein, um das Kommando zu übernehmen. Inzwischen war die Gegend gründlich verwüstet, so daß nun – der Winter stand vor der Tür – kaum noch Lebensmittel aufzutreiben waren. Zu diesem kritischen Zeitpunkt erscheint in der Überlieferung eine Verzerrung der Ereignisse, die um so unerklärlicher ist, als sie von Froissart herrührt, der doch viel von Coucys Geschichte aus dessen eigenem Mund hörte. Nach Froissart beriefen meuternde Hauptleute einen Kriegsrat ein und klagten Coucy an, sie betrogen zu haben. »Was ist dies?« riefen sie. »Ist dies das Herzogtum Österreich? Der Sire de Coucy hat uns gesagt, es sei eines der fettesten Länder der Welt, und wir finden es arm vor. Er hat uns schäbig betrogen. Gingen wir über den Rhein, so würde keiner von uns lebend zurückkehren, denn unsere Feinde, die Deutschen, sind Männer ohne Erbarmen. Laßt uns nach Frankreich zurückkehren, und verflucht sei, wer weiter vorrückt.«

Coucy sprach beschwichtigend auf sie ein: »Ihr Herren, Ihr habt mein Geld genommen und mein Gold, für das ich bei dem König von Frankreich [255]tief in der Schuld stehe, und Ihr seid durch Eid und Treue verpflichtet, Euch ehrenvoll in diesem Unternehmen zu verhalten. Tut Ihr dies nicht, so bin ich der entehrteste Mann in der Welt.« Aber die Kompanien weigerten sich aufzubrechen, sie murrten, der Rhein sei zu breit, um ohne Schiffe überquert zu werden, und überdies kenne niemand die Straßen auf der anderen Seite: »Niemand sollte Krieger aus einem guten Land hinausführen, wie Ihr es getan habt.«

Der Rhein, der bei Basel einen rechten Winkel beschreibt, brauchte in Wirklichkeit nicht überquert zu werden, um den Aargau zu erreichen, aber er hatte im Bewußtsein der Söldner eine unbestimmte mythische Qualität, die einer Grenze. Nach Froissarts Version war Coucy über die Meuterei »sehr melancholisch« und ging mit sich selbst als »einem weisen und weitsichtigen Ritter« zu Rate. Er rechnete mit der Möglichkeit, daß die Söldner ihn an den Herzog von Österreich verkauften, um ihren Sold zu bekommen, und »wenn er den Deutschen ausgeliefert würde, wäre er für immer gefangen«. Mit nur zwei Begleitern brach er heimlich und »in Verkleidung« auf und war bereits zwei Tagereisen entfernt, bevor irgend jemand außer seinen engsten Beratern wußte, daß er fort war. Als er Frankreich erreichte, waren der König und seine Brüder »sehr erstaunt, ihn zu sehen, denn sie dachten, er sei in Österreich, und glaubten zuerst, drei Geister zu erblicken«. Coucy hatte keine Schwierigkeiten, die Affäre aufzuklären, »denn er war ein redegewandter Mann und hatte eine wahre Entschuldigung«. Er erzählte dem König und den Herzögen alles, was geschehen war, »damit sie sahen, daß er im Recht war und die Kompanien die Schuld trugen«.

Die Tatsache, daß nichts von all diesem wirklich geschah, illustriert die Problematik mittelalterlicher Chroniken für die Geschichtsschreibung. Coucy und die Kompanien rückten in Wirklichkeit in den Aargau ein; sie verließen das Elsaß am 25. November und marschierten nach Basel, wo sie drei Tage lang um die Stadt herumzogen, um ihre Stärke zu demonstrieren und wahrscheinlich auch, um jeden Widerstand gegen ihr Vorrücken über den Jura zu entmutigen. Der Bischof von Basel gab ihnen freies Durchgangsrecht, angeblich aus Haß auf Bern.

Aus der Nähe erwies sich die purpurne Dunkelheit des Jura als Kiefernwälder, die die niedrigeren Hügelketten bedeckten. Coucys Truppen ritten in ihren Kapuzen einen Strom entlang, der ihnen entgegen, nach Frankreich, floß, überschritten die Hügelketten, die Pässe bei Hauenstein und Balsthal, stiegen in die Täler hinab und raubten die Bergdörfer aus, bis sie an die Aare kamen, einen breiten Zufluß des Rheins, der die Grenze zum Aargau markierte. Sie trafen kaum auf Widerstand, denn die Grundherren des Landes flohen vor den Invasoren und suchten bei Leopold Schutz. Coucys Truppen eroberten Burgen und die alte hölzerne Brücke bei Olten.

Dringlich von Leopold aufgerufen, waren die Berner ausgerückt, um dem [256]Feind entgegenzutreten, aber als sie sahen, daß der Adel seine Territorien im Stich ließ, wandten sie sich angewidert um und marschierten wieder nach Hause. Der ganze Aargau gab in tiefer Furcht das Land und die Dörfer auf und flüchtete in die Städte, die Gügler konnten sich im Lande frei bewegen. Erzürnt über den Ungehorsam der Berner, verwüstete Leopold rücksichtslos das Land vor dem vorrückenden Feind. Seine Leute verbrannten die Felder, fällten Bäume und hinterließen eine solche Welle des Elends, daß kleine Dörfer den Winter kaum überleben konnten und die Bewohner Wölfe bekämpfen mußten, die aus den Wäldern kamen. Das verbitterte Volk verspottete die Österreicher, die »jenseits des Rheins sicher wie in einer Truhe lagen«. Sie klagten den Grafen Rudolph von Nidau und andere Adelsherren an, diesem Strom, der die Kantone verheeren würde, die Schleusen geöffnet zu haben.

Coucys Reiter lasen auf, was sie finden konnten. In drei Gruppen aufgeteilt, verbreiteten sie sich weiter und weiter in den Aargau hinein, getrieben von Hunger und Beutelust. Coucy richtete in der Abtei von St. Urban sein Hauptquartier ein, wo er nach den Aufzeichnungen des Klosters achtzehn Tage blieb. Die wichtigeren Städte des Aargaus hatte er zu Pfändern für den ihm verweigerten Anteil des Erbes seiner Mutter erklärt. Wäre er in der Lage gewesen, diese Städte einzunehmen, hätte er seine persönlichen Ziele vielleicht erreichen können, aber die weite Zerstreuung seiner Kräfte und die Widerstandskraft der Stadtmauern gegen Belagerungen verhinderte das. Er konnte auch nicht mehr erreichen als vorher Eduard in Frankreich. Selbst die kleine Stadt Büren im Tal der Aare wies eine Belagerung ab, die er selbst führte. Den Herrn von Büren allerdings, den Grafen von Nidau, traf hier die Strafe für seine Doppelzüngigkeit, als er zum Fenster hinaussah und von einem Pfeil getötet wurde.

In der bitteren Kälte des Dezembers drangen die Kompanien, in kleine Gruppen aufgeteilt, um die Verpflegung aus dem Lande zu erleichtern, bis an die Grenzen von Zürich und Luzern vor. Ihre Ausdünnung machte sie gerade zu einer Zeit verwundbar, als sich aufgrund ihrer Greueltaten der Schweizer Widerstandswille erhob. In Schwyz, nahe dem Sempacher See, sammelte eine auf ihre alten Privilegien stolze, gehärtete Bauernschaft eine Kampfgruppe von mehreren hundert Mann. Durch dieses Beispiel ermutigt, verließen die jungen Männer von Luzern – gegen den Befehl des Magistrats – die Stadt und schlossen sich zusammen mit Abordnungen anderer Städte den Bauern an. Am 19. Dezember kreiste die Gruppe, nun etwa sechshundert Mann stark, die kleine Stadt Buttisholz ein, in der sich ein Korps von »sechstausend« Güglern einquartiert hatte. Die Schweizer griffen an, erschlugen dreihundert und verbrannten andere bei lebendigem Leibe in einer Kirche, in der sie Zuflucht gesucht hatten. Im Triumph ritten die Männer von Schwyz mit ihren Trophäen in die Berge zurück. Auf dem Gefechtsplatz wurde später ein Denkmal aufgestellt, das an die »Niederlage der Gügler« erinnerte.

[257]Bern, die Stadt des Bären, wurde durch die Nachricht von dem Sieg angespornt. Innerhalb von sechs Tagen wurde eine Streitmacht von Bernern und Bürgern benachbarter Städte aufgestellt. Am Heiligen Abend überraschte diese Truppe eine Kompanie von Bretonen bei Ins und schlug weitere dreihundert Gügler tot, offenbar mit wenig Verlusten, denn die Berner waren schon am nächsten Abend wieder bereit auszurücken.

Ihr Ziel war dieses Mal die Abtei von Fraubrunnen, wo kein geringerer Feind als Owen von Wales sich mit einer großen Kompanie einquartiert hatte. Unter dem Bärenbanner marschierten die Bürger durch die kalte Nacht des 26. Dezember und schlossen die Abtei noch vor Morgengrauen ein. Mit lautem Schlachtgeschrei und flammenden Fackeln setzten sie die Gebäude in Brand, fielen über die schlafenden »Engländer« her und erschlugen viele, noch bevor sie erwachten. Der Rest raffte die Waffen auf und verteidigte sich verzweifelt: Klostergänge, in denen sonst feierliche Ruhe geherrscht hatte, hallten wider von den Schreien und dem Klang der Waffen, die Feinde kämpften »Stich für Stich und Schlag für Schlag«, Rauch und Flammen erfüllten jedes Gebäude der Abtei, Owen schwang sein Schwert mit »wilder Wut«, der Berner Anführer, Hannes Rieder, fiel, aber seine Männer schlugen die Gügler in die Flucht. »Und die, die flohen, wurden erschlagen, und die, die blieben, wurden verbrannt.« Owen entkam, aber achthundert seiner Leute waren tot. Auch die Schweizer erlitten schwere Verluste, aber die Überlebenden kehrten ruhmbedeckt nach Bern zurück. Unter den erbeuteten Bannern, die noch heute in der Stadt ausgestellt sind, ist auch ein rot-weißes, fleckig und zerrissen, angeblich das Banner von Coucy. War er in Fraubrunnen? Seine Teilnahme an dem Kampf ist nirgends überliefert, aber nicht unmöglich.

Bern erließ eine jährliche Almosenverteilung aus Dankbarkeit für den Sieg; Lieder und Chroniken feierten den Kampf gegen die gefürchteten Kompanien, die die Christenheit schon so lange plagten. Balladen erzählen von »Ritter von Cussin, der kam, um Burgen und Städte zu nehmen« mit »40 000 Lanzen in spitzen Hüten«, wie er »dachte, daß das Land sein eigen sei, und seine Verwandten aus England mitbrachte, um ihm in allem zu helfen«. Der Bär von Bern aber schlug ihn zurück, und »in England und Frankreich weinten die Witwen alle und riefen: Wehe, gegen Bern soll niemals wieder jemand ziehen«.

Ein neues Selbstbewußtsein spricht aus diesen Kriegsliedern. Die Gefechte in Buttisholz, Ins und Fraubrunnen in der Weihnachtswoche 1375 waren, obwohl sie die Gügler nicht endgültig ausschalteten, in ihrer Symbolkraft bedeutender als in ihrem militärischen Gewicht. Sie gaben dem Widerstand der Schweizer gegen Habsburg neue Kraft, trieben sie voran und auf jene entscheidende Schlacht bei Sempach zu, in der elf Jahre später Leopold fiel und der Griff Habsburgs praktisch gebrochen wurde, auch wenn es noch ein Jahrhundert dauerte, bis die Unabhängigkeit des Bundes wirklich erfochten war.

[258]Nach Fraubrunnen sah sich Coucy gezwungen, nach Frankreich zurückzukehren. Da Leopold der Entscheidungsschlacht auswich, konnte er sein Erbe nicht zurückgewinnen noch die Kompanien länger in einem verbrannten und erschöpften Land halten, noch dazu im Winter. Die Moral der Kompanien war durch die schweren Niederlagen auf einem Tiefpunkt. Wie Eduard, wie Lancaster, wie jeder Invasor seiner Zeit hatte er sich darauf verlassen, aus dem Lande leben zu können, und war wie seine Vorgänger gescheitert. Die düsteren Wiederholungen der Geschichte waren selten deutlicher als im Güglerkrieg.


Der Rückzug durch das Elsaß im Januar war voll der bittersten Entbehrungen. Männer brachen vor Hunger und Kälte am Straßenrand zusammen oder desertierten, verhungernde Pferde wurden liegen gelassen, Zaumzeug und Rüstungen weggeworfen. Wer noch Kraft besaß, plünderte weiter. Städte schlossen ihre Tore vor den anrückenden Banden, fügten ihnen in einem Fall mit Hilfe der Heiligen Jungfrau sogar eine weitere demütigende Niederlage zu. Die Bürger von Altkirch, entschlossen, ihre Stadt von den Mauern herab gegen die Gügler zu verteidigen, sahen, wie sich der Nachthimmel durch das vielfarbige Licht einer Aurora borealis erhellte. Überzeugt, daß ihre Schutzpatronin, die Heilige Jungfrau, dies zum Zeichen ihrer Hilfe an den Himmel gesetzt habe, wagten die ermutigten Bürger einen Ausfall und schlugen die Gügler in die Flucht.

Bei Wattwiller, nur einen Tagesritt von Leopolds Burg in Breisach entfernt, wurde am 13. Januar ein Vertrag unterzeichnet, in dem die Herzöge von Österreich Coucy das Lehen des toten Grafen von Nidau abtraten einschließlich der Stadt Büren. Coucy verzichtete seinerseits auf alle anderen Ansprüche. Ob seine Armee selbst auf dem Rückzug noch für bedrohlich genug gehalten wurde, um diese Einigung erzwingen zu können, oder ob die Bestimmungen des Vertrags früher ausgehandelt worden waren, um ihn zum Rückzug zu bewegen, ist nicht überliefert. Jedenfalls kehrte Coucy nicht mit leeren Händen heim. Die Kompanien schleppten sich den Januar und Februar hindurch nach Frankreich zurück. Es war Coucy gelungen, sie fast sechs Monate lang außer Landes zu halten, länger als Du Guesclin mit seinem spanischen Feldzug von 1365.

König Karl V. beauftragte Coucy im Februar prompt damit, gegen seine ehemaligen Kampfgenossen zu ziehen, die inzwischen wieder die Champagne unsicher machten. Coucy und Marschall Sancerre bekamen jeder zweihundert Reiter, um im Sold des Königs »gegen einige Kompanien zu ziehen, die gerade von den deutschen Grenzen zurückgekehrt waren«. Offensichtlich hatten sie Erfolg. Im März tauchten die bretonischen Kompanien an der Rhone auf und wurden im Mai vom Papst für den wiederaufgeflammten Krieg in Italien angeheuert.

[259]Die englisch-französische Friedenskonferenz in Brügge trat im Dezember 1375 wieder zusammen. Herzöge, Kardinäle, der Constable Du Guesclin und andere berühmte Persönlichkeiten versammelten sich und verbrachten die Tage mit legalistischen Streitigkeiten, großen Auftritten, Turnieren, Festen und Banketten. Der Disput über die Territorien war noch komplizierter geworden, weil Karl V. forderte, daß Eduard für die Kriegsschäden Reparationen zahlen sollte. Wieder kam es zu keiner Einigung, nur der Waffenstillstand wurde um ein weiteres Jahr verlängert. Karl wandte sich noch einmal um Hilfe an Coucy, denn er wünschte einen »guten Frieden«, und Coucys Verbindungen mit England machten ihn »sehr geeignet, den Frieden zwischen den beiden Königen auszuhandeln«.

Während Coucys Feldzug gegen Österreich war die ruhelose Isabella wie gewöhnlich nach England gereist. Nach den verschiedenen Geschenken zu urteilen, den Geldzuwendungen und Subsidien, mit denen Eduard sie überhäufte, war der Zauber, den sie auf ihn ausübte, noch immer ungebrochen. In seiner Senilität war er überdies dem Charme einer schönen und vulgären Mätresse erlegen, Alice Perrers mit Namen, der er die Gewänder und Juwelen der verstorbenen Königin schenkte und die mit einem Triumphwagen durch London paradierte und sich selbst den Titel »Lady of the Sun« verliehen hatte. Bei einem früheren Besuch hatte Isabella sich geweigert, neben diesem zweifelhaften Ersatz ihrer Mutter bei Hof zu wohnen, aber jetzt wurden ihre Skrupel durch töchterliche Zuneigung oder auch die Erwartung väterlicher Großzügigkeit überwunden.

Zum Jahreswechsel schenkte Eduard Isabella die vollständige Ausstattung einer Kapelle und zwei Sättel, einen aus rotem Samt, bestickt mit goldenen Veilchen, und einen, der mit Sonnen aus Gold und Kupfer geschmückt war. Sie jagte in Windsor, übte sich mit zwölf Hofdamen im Bogenschießen mit schön gearbeiteten Bogen, die ein Geschenk des Königs waren, und kehrte zweifellos mit einigem Bedauern im Januar 1376 nach Frankreich zurück, als Coucy aus dem Aargau heimkam. Schon im April wollte sie wieder nach England aufbrechen. In diesem Monat bat Coucy den König von Frankreich um Erlaubnis, England mit siner Frau besuchen zu dürfen.

Seit seiner Rückkehr aus dem Aargau hatten Coucys Freunde ihn zu überzeugen versucht, daß er nun ganz »französisch« werden solle. Nach Froissart argumentierten sie, daß er damit nicht notwendigerweise seine englischen Besitzungen aufs Spiel setzte, weil der König von England nicht erwarten konnte, daß er seine weit bedeutenderen Ländereien in Frankreich aufgäbe, besonders da er »nach Namen, Blut, Wappen und Herkommen« französisch sei. Da er wußte, daß der französische König ihn hochschätzte, und da er der Krone dankbar war, daß sie seinen österreichischen Feldzug finanziert hatte, und zweifellos auch, weil er nicht den Wunsch hatte, im Falle eines neuen Krieges wiederum eine schwierige und erzwungene Neutralität beachten zu müssen, [260]war Coucy einer Entscheidung sehr nahe. Aber vorher hoffte er offensichtlich, die Frage seiner englischen Ländereien und Einkünfte bei seinem bevorstehenden Besuch in England zu klären. Seine englische Frau, deren Anhänglichkeit an ihre Heimat ungeschwächt war, hätte sich sicherlich energisch gegen eine Abwendung von ihrem Land gewehrt. Nichtsdestoweniger scheint ihr Gatte seine Entscheidung im geheimen bereits getroffen zu haben, als er eine neue Aufgabe übernahm.

»Und da er sah, daß Coucy als einer der weisesten und vorsichtigsten Adligen betrachtet wurde…über dessen Güte und Loyalität es keinen Zweifel gab, ließ der König ihm sagen: ›Sire de Coucy, es ist die Absicht des Königs und seines Rates, daß Ihr zu Uns in Frankreich gehören möget und Uns in den Verhandlungen mit den Engländern helfen und beraten möget. Daher bitten Wir Euch, daß Ihr Eure Reise weise und heimlich unternehmt, wie Ihr es wohl vermögt, und daß Ihr von dem König von England entdeckt, zu welchen Bedingungen Frieden zwischen ihnen und uns gemacht werden kann.‹ Und so eilte er zum Aufbruch.«

 

[261]

Kapitel 14
England in Aufruhr

Coucy kam in England im April 1376 an, gerade als die allgemeine Unzufriedenheit sich im ersten Mißtrauensantrag des Parlaments gegen Minister der Krone äußerte. In jener historischen Sitzung, die »das Gute Parlament« genannt wurde, mußte die Monarchie erkennen, daß sie das Vertrauen des Volkes durch eine Politik verloren hatte, die den Krieg weder gewinnen noch beenden konnte.

Das Scheitern der Friedensverhandlungen von Brügge hatte den öffentlichen Unwillen gegen korrupte königliche Beamte, einen unergiebigen Krieg, militärische Ineffizienz und die Verschwendung oder Unterschlagung von Steuergeldern auf den Siedepunkt gebracht. Dies waren dieselben Mißstände, die zwanzig Jahre vorher die Herausforderung der französischen Krone durch den dritten Stand provoziert hatten. Sie wurden auch aus einem ähnlichen Anlaß besonders bemerkbar, denn die englische Krone brauchte neue Steuergelder, um sich auf das voraussichtliche Ende des Waffenstillstandes in einem Jahr vorzubereiten. Das Parlament war für April einberufen worden, und während sich die Mitglieder versammelten, »hallte London von großem Volksgemurmel wider«.

Sire und Dame de Coucy, die »mit Entzücken« bei Hofe begrüßt worden waren, fanden sich im Zentrum eines Sturms der Volkswut, die die königliche Familie bedrohte und sich vor allem auf Isabellas Bruder, Johann von Gaunt, den Herzog von Lancaster, konzentrierte. Nach der Erkrankung seines Bruders und aufgrund der Senilität des Königs war er die Schlüsselfigur der königlichen Regierung und wurde jetzt für alles, was schiefgegangen war, verantwortlich gemacht.

Das Unterhaus des »Guten Parlaments« setzte sich aus 74 Landedelleuten der Grafschaften und 60 Abgeordneten der Städte zusammen. Mit Unterstützung des Oberhauses forderten sie die Ahndung und Wiedergutmachung von 164 Rechtsverletzungen, ehe sie neuen Subventionen für die Krone zustimmen wollten. Ihre wichtigste Forderung war die Entlassung korrupter Minister und die Verbannung der Mätresse des Königs, die als korrupt und zugleich als Hexe galt. Zusätzlich wurde eine jährliche Parlamentssitzung verlangt, die Abgeordneten sollten in Zukunft gewählt und nicht mehr ernannt werden, und eine lange Liste von Maßnahmen gegen willkürliche Praktiken und schlechte Regierung sollte verwirklicht werden. Zwei der gewichtigsten [262]Beschwerden waren nicht direkt gegen die Regierung, sondern gegen die Mißbräuche einer ausländischen Kirchenhierarchie und gegen eine aufsässige, ungehorsame Arbeiterschaft gerichtet. Diese beiden Streitpunkte hatten große Bedeutung: Der eine führte zum schließlichen Bruch mit Rom, der andere sehr viel früher zum Bauernaufstand.

Das tüchtige und triumphierende England, das Coucy nach Poitiers kennengelernt hatte, war in tiefem Mißmut versunken. Der Stolz auf die Eroberungen und der Reichtum der Lösegelder hatten sich aufgelöst wie Rauch; Energie und Selbstvertrauen waren in Streitereien und Ausschweifungen versickert, das erweiterte Reich war wieder zusammengeschrumpft, englische Flotten waren schändlich vom Kanal verjagt worden, die kriegerischen Schotten an den Grenzen – Eduard hatte mit ihnen noch länger als mit den Franzosen kämpfen müssen – waren so ungezähmt wie je. Die Helden Englands – Heinrich von Lancaster, Chandos, der Schwarze Prinz – waren tot oder lagen im Sterben; an die Stelle der guten Königin war eine Metze getreten, von der man glaubte, sie habe den König dadurch bezaubert, daß sie ihm mit Hilfe eines Priesters, der in der Schwarzen Magie bewandert war, seine Potenz zurückgegeben hatte. Der einst strahlende Eduard, der von der Windmühle aus auf den Sieg von Crécy hinuntergeblickt hatte, war nun ein närrisch verliebter alter Mann, »der nicht mehr Verstand hatte als ein achtjähriger Junge«. Die hohe Zeit der Erfolge lag hinter den Engländern, und jede neue Niederlage mußte mit Handelskrisen und neuer Besteuerung bezahlt werden. Eine fünfzigjährige Herrscherzeit ununterbrochener Kriege näherte sich ihrem Ende, und im Volk wuchs das Gefühl, daß es eine Zeit der verschwendeten Kraft und der Mißwirtschaft gewesen war.

England war nun auch von der Gesetzlosigkeit angesteckt, die der Krieg auf dem Kontinent heraufbeschworen hatte. Soldaten, die ohne die Früchte, aber mit der Gewohnheit von Raub und Plünderung heimkehrten, bildeten kleine Räuberbanden oder dienten Rittern und Grundherren, die zurückkehrten und ihre Ländereien durch den Schwarzen Tod verarmt vorfanden. Von der Plünderung Caens bei Eduards erster Landung bis zum Feldzug Coucys in den Aargau hatte sich eine ganze Generation daran gewöhnt, vom Raub zu leben, und fiel auch zu Hause leicht in diese Gewohnheit zurück. Nach einer Parlamentsbeschwerde ritten Kompanien von Soldaten und Bogenschützen »in verschiedenen Teilen Englands in großen Gruppen umher« und ergriffen Besitz von Herrenhäusern und Ländereien, schändeten Frauen und Mädchen und führten sie mit sich, »prügeln und verstümmeln und erschlagen die Leute, um ihre Frauen und ihr Gut an sich zu bringen«, hielten andere gefangen, um Lösegeld zu erpressen, und erschienen »manchmal bewaffnet in Gerichtsversammlungen in so großer Zahl, daß sie den Richter in Angst versetzen, so daß er sein Amt nicht kühn versieht«.

Die Gesetzlosigkeit unter den freien Bauern war gewachsen, da ihr Anspruch [263]auf höhere Löhne im Gefolge der Entvölkerung des Landes sie ständig in Konflikte mit dem Gesetz trieb. In einer Welt, die an die Unveränderlichkeit gesellschaftlicher Bedingungen glaubte, erzwang das Arbeiterstatut in blinder Verneinung der Realitäten von Angebot und Nachfrage Löhne wie in den Zeiten vor der Pest. Da die Bestimmungen des Statutes, die den Wechsel des Arbeitsplatzes aufgrund besserer Bezahlung verboten, nicht durchzusetzen waren, wurden die Strafen ständig erhöht. Arbeiter, die das Statut übertraten, aber nicht gefangen werden konnten, wurden zu Gesetzlosen erklärt – und dadurch erst zu Verbrechern gemacht. Freie Bauern gewöhnten sich an ein nomadisches Leben, sie verließen ihren festen Wohnsitz, damit das Statut auf sie nicht mehr anwendbar war, wanderten von Ort zu Ort, suchten Arbeit gegen gute Bezahlung, wo immer sie angeboten wurde, und stahlen und bettelten, wenn sie keine fanden. Sie hatten jedes soziale Band zerrissen, lebten in jener klassischen Feindschaft gegen die behördliche Macht, die Robin Hood in seinem Kampf gegen den Sheriff von Nottingham symbolisierte.

In dieser Zeit wurde die Legende von Robin Hood beim einfachen Volk populär, wenn auch nicht bei den Grundherren und den soliden Kaufleuten des Unterhauses. Diese beklagten bitter, daß Diener und Arbeiter »aus großer Böswilligkeit« ihren Arbeitsplatz verließen, »wenn ihre Herren sie tadeln oder ihnen Bezahlung nach dem Statut anbieten. Dann führen sie ein böses Leben und berauben die Armen der Dörfer in Gruppen von zweien und dreien zusammen.«

Um die freien Bauern auf dem Land zu halten, boten die Grundherren viele Konzessionen an, und die Städte hießen die wandernden Handwerker willkommen, um die Lücken, die die Pest geschlagen hatte, zu füllen. Nach Langlands Chronik wurden sie dadurch unabhängig, aufsässig und anspruchsvoll. »Sie halten es für unter ihrer Würde, einen Tag altes Gemüse zu speisen, Pfennigbier ist ihnen nicht gut genug und ein Stück Speck auch nicht«, frisch gebratenes Fleisch oder guter Fisch mußte es sein. Sie schlossen sich zusammen und erlernten die Taktik des Streiks, sammelten Geld für »gegenseitige Verteidigung« und »bildeten Konföderationen, auf daß jeder dem anderen half, mit starker Hand den Grundherren zu widerstehen«. Da wuchs eine zur Revolte gegen die Unterdrückung gerüstete Generation heran.

Die Wiederkehr des Schwarzen Todes im Jahr 1374/75 in derselben Epidemie, die Coucy veranlaßt hatte, die Lombardei zu verlassen, traf wiederum viele Haushalte und reduzierte das Steueraufkommen. Die wiederholten Ausbrüche der Seuche begannen sich in ihrer kumulativen Todesrate auf den Bevölkerungsrückgang ebenso wie auf die sich verdüsternde Atmosphäre des Jahrhunderts auszuwirken. In der Wahlsteuer von 1379 ist von sechs Dörfern in Gloucestershire überhaupt keine Zahlung überliefert, und noch sechs Jahrhunderte später standen fünf kleine Kirchen, nur eine Tagesreise auseinander, in verlassenem Schweigen im Zentrum von Dörfern, die im 14. Jahrhundert [264]aufgegeben worden waren. Wie immer aber war die Todesrate sehr unterschiedlich, und es gab keinen Mangel an landhungrigen Zweit- und Drittgeborenen, armen Verwandten und landlosen Pachtbauern, die bereit waren, verwaistes Land zu übernehmen und es zu bebauen.


Neben die soziale trat die religiöse Unruhe, die ihre Stimme in dem Oxforder Theologen und Prediger John Wyclif fand. Durch das Teleskop der Geschichte gesehen, war er der bedeutendste Engländer seiner Zeit. Der Materialismus der Kirche und die Weltlichkeit ihrer Würdenträger wurden überall in Europa beklagt, aber die Kritik war nirgendwo schärfer als in England, wo der Eingriff des ausländischen Papsttums in englische Angelegenheiten die meisten Ressentiments weckte. Wie auch andernorts in Europa gab es eine tiefe Sehnsucht, die Kirche aus ihrer Verweltlichung zu lösen und den Weg zu Gott von all dem Geld, den Honoraren, Donationen und Ablaßzahlungen zu befreien. In Wyclif begegneten einander der politische und der spirituelle Zug des englischen Protestantismus und wurden zu einer Philosophie und einem Programm verschmolzen.

Mit seinen 36 Jahren lehrte Wyclif Theologie am Balliol College. Seine ausdrucksstarken Predigten gewannen ihm die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und bestärkten den weitverbreiteten Antiklerikalismus. In der Streitfrage weltliche gegen geistliche Macht führte er die gefährlichen Gedanken des Marsilius von Padua und Wilhelm von Ockham fort und wurde so zum Hauptvertreter des englischen Kampfes gegen die Suprematie des päpstlichen Gesetzes über die Rechtsprechung des Königs sowie gegen die Zahlung von Steuern an das Papsttum. Als Kaplan des Königs in den 1360ern formulierte er Gedanken über das Verhältnis von Kirche und Staat, die der Regierung sehr entgegenkamen. 1374 diente er als Gesandter des Königs in dessen Versuch, zu einer Einigung mit dem Papst zu kommen.

In dem Jahr, als Coucy nach England kam, nagelte Wyclif, metaphorisch gesprochen, seine These in Form einer Abhandlung an die Kirchentür. Es war De Civili Dominio (Über die weltliche Macht), die nichts Geringeres als die Enteignung aller weltlichen Besitzungen der Kirche und den Ausschluß der Geistlichkeit von der weltlichen Regierung vorschlug. Alle Macht, argumentierte er, war von Gott verliehen, und in irdischen Dingen gehörte sie den weltlichen Instanzen allein. In logischer Stringenz und mit herber Polemik, die es liebte, von den »stinkenden Orden« der Mönche und den »gehörnten Ungeheuern« der Kirchenhierarchie zu sprechen, führten ihn seine Theorien bald zu der radikalen These, daß das Priestertum nicht mehr als notwendiger Vermittler zwischen Menschheit und Gott anerkannt werden sollte.

Wyclifs besondere Leistung war es, das nationale Interesse und zugleich populäre, weitverbreitete Meinungen auszudrücken. Seit Jahrzehnten führte das Parlament bittere Beschwerde über das Volkseinkommen, das England [265]durch ausländische Herren reicher Kirchengüter wie den hochmütigen Kardinal Talleyrand de Périgord entzogen wurde. Die Summen waren angeblich doppelt so hoch wie das Steueraufkommen für die Krone, und ein Drittel des Königreiches, schätzte man, gehörte der Kirche. Die Immunität der Geistlichkeit gegen das Zivilrecht, die es für einen Laien unmöglich machte, einen Geistlichen zu belangen, war ein weiterer Grund des Antiklerikalismus. Vor allem aber galt der Zorn des Volkes der Unzulänglichkeit der Priester. Wenn ein Priester von seiner Diözese die Erlaubnis, sich eine Konkubine zu halten, kaufen konnte, wie sollte er eher Zugang zu Gott haben als ein einfacher Sünder? Die Lüsternheit der Priester war so groß, daß einem Mann, der einen Ehebruch beichtete, nicht erlaubt war, den Namen der Frau zu nennen, damit der Priester ihre Schwachheit nicht selbst ausnutzen konnte.

Die Korruptheit, wenn auch nicht die Lüsternheit, des Gemeindepriesters war gewöhnlich eine Folge der Tatsache, daß er unterbezahlt war, was ihn zwang, die kirchlichen Diensthandlungen zu verkaufen; selbst das Abendmahl konnte dem Kommunikanten vorenthalten werden, wenn er keine Spende anbot – ein Hohn auf das Ritual. Frivolität und Weltlichkeit wurde den Priestern in einem kirchlichen Ermahnungsschreiben von 1367 vorgeworfen; darin hieß es, sie trügen kurze, enge Wämser mit langen pelz- oder seidengefütterten Ärmeln, kostbare Ringe und Gürtel, bestickte Börsen, Messer, die Schwertern ähnelten, farbige Stiefel und sogar jenes Teufelswerk, die langen, gekrümmten, spitzen Schuhe.

Als Wyclif solche unheiligen Priester schmähte und nachzuweisen suchte, daß das Priestertum zur Erlösung nicht wesentlich war, zielte dieser Schlag gegen die Grundlagen der Kirche und ihrer Deutung der Rolle Christi. Er steuerte unerbittlich auf die ketzerische Leugnung der Transsubstantiation zu, denn ohne transzendente Macht konnte es dem Priester nicht möglich sein, Brot und Wein in den wahren Körper und das Blut Christi zu verwandeln. Von da aus gesehen, folgte der Rest logisch: die Nichtnotwendigkeit des Papstes, die Ablehnung der Exkommunikation, der Beichte, der Pilgerfahrten, der Reliquienverehrung und der Heiligen, der Ablässe und käuflichen Absolutionen. All dies sollte von Wyclifs Besen beiseite gefegt werden.

Als Ersatz bot er die Bibel in englischer Sprache an. Sie war von seinen Jüngern übersetzt worden, auf daß das Volk die Religion ohne den Priester und sein bedeutungsloses lateinisches Kauderwelsch verstehen möge. Keine andere Handlung eines religiösen Reformators sollte tiefer in die tausendjährige Machtstellung der Kirche eingreifen, aber ihre Wirkung lag noch einige Jahre in der Zukunft. In den siebziger Jahren des Jahrhunderts wurde die Reformbewegung vorbereitet durch die »Lollharden«, ein Name, der von den flämischen Mystikern abgeleitet war und ursprünglich »Murmler« bedeutete. Diese sektiererische Bewegung breitete sich zunächst im einfachen Volk und unter der niederen Geistlichkeit aus, sprang dann aber auch auf Ritter und einige [266]mächtige Adlige über, die der Griff der Geistlichkeit nach weltlicher Macht erbitterte. Der Graf von Salisbury ließ alle Standbilder von Heiligen in seiner Kapelle beseitigen und verdiente sich damit den Titel eines »Verächters von Bildern, eines Verhöhners von Sakramenten«, und es gab andere, die die »behüteten Ritter« genannt wurden, weil sie sich weigerten, den Hut zu ziehen, wenn Reliquien durch die Straßen getragen wurden.

Wyclifs Ideen und die Bedürfnisse der Krone paßten zusammen wie Schwert und Scheide. Das erklärt die seltsame Allianz, die ihn zum Protegé des Johann von Gaunt machte. Seine Theorie der Enteignung, die postulierte, daß Adlige Ländereien zurückfordern dürften, die ihre Vorfahren der Kirche hinterlassen hatten, gaben Johann von Gaunts Absicht, das reiche geistliche Establishment auszuplündern, theologische Substanz. Denn was Heinrich VIII. anderthalb Jahrhunderte später erfolgreich abschloß, plante Johann von Gaunt schon 1376. Inzwischen dienten die territorialen Verluste in Frankreich, für die der geistliche Kanzler, William von Wykeham, Bischof von Winchester, verantwortlich gemacht wurde, zum Anlaß, ihn und die anderen Geistlichen im Kronrat aus der Regierung zu verbannen. Die Lords des Parlaments entschieden 1371, daß niemand außer Laien, »die für Missetaten vor dem Gericht des Königs zur Verantwortung gezogen werden können«, von nun an die Ämter des Kanzlers, Schatzmeisters und Mitglieds des Kronrates bekleiden konnten.

Am zunehmenden Verfall der englischen Macht in den französischen Territorien konnte diese Reform allerdings nichts ändern. Kaufleute und der Landadel waren keinesfalls glücklich darüber, daß das Geld, das ihnen in Gestalt von Steuern abgepreßt worden war, von den »schrecklichen und unglaublichen Ausgaben« des Herzogs von Lancaster und seines Gefolges in Brügge verschlungen wurde. Die Gesandten verbrachten ihre Zeit nach den Worten des kritischen Mönches Thomas Walsingham von St. Alban mit »wilden Festen…Gelagen und Tänzen« zu einem Preis von 20 000 Pfund. Die Loyalität des Volkes wurde durch die Kriegskosten auf eine harte Probe gestellt, der Handel durch Beschlagnahmen immer wieder gestört, Lösegeldzahlungen flossen nicht mehr in goldenen Strömen ins Land, Sondersteuern, Reparationen und Aushebungen lagen schwer auf der Ökonomie. Auch England wurde nun durch den Krieg ärmer, nicht reicher.


Als das Parlament 1376 zusammentrat, sammelte sich das Unterhaus, das praktisch nur als eine Ad-hoc-Körperschaft zur Zustimmung zu Steuern galt, um politisch zu handeln. Zunächst suchte es sich durch Verbindung mit den Lords zu stärken, die das ständige Parlament repräsentierten und eine starke Fraktion besaßen, die gegen den Herzog von Lancaster opponierte und sich auf die Auseinandersetzung mit ihm vorbereitete. Die Lords bildeten einen zwölfköpfigen Rat, der aus vier Bischöfen, vier Grafen und vier Freiherren [267]bestand, um mit dem Unterhaus gemeinsame Aktionen zu beschließen. Der Führer dieser Gruppe war Coucys früherer Bewacher, der junge Graf von March, der mit Philippa verheiratet war, einer Tochter von Lancasters älterem Bruder, dem verstorbenen Herzog von Clarence. Sie war die dritte in der Thronfolge nach dem im Sterben liegenden Schwarzen Prinzen und dessen neunjährigem Sohn Richard. Ihr Gatte glaubte deshalb, den Herzog von Lancaster fürchten zu müssen, dem dunkle Absichten auf den Thron nachgesagt wurden.

Lancaster hatte tatsächlich ein Auge auf die Krone geworfen, aber es war die Krone Kastiliens, da er die Tochter des ermordeten Pedro geheiratet hatte. Er stilisierte sich bereits als König von Kastilien – oder Monsieur d'Espagne – und hatte wahrscheinlich keine ernsthaften Absichten, die Rechte seines Neffen auf die englische Krone zu usurpieren; was er anstrebte, war, den Krieg mit Frankreich zu beenden, damit er die englischen Kräfte freibekam, um den Thron von Kastilien zu erobern. Als Präsident des königlichen Rates war er der Kopf der Regierung; er kontrollierte seinen Vater, den König, durch ein Bündnis mit Alice Perrers und galt selbst als Libertin, da er sich ebenfalls eine Mätresse, Katherine Swynford, hielt, die er später heiratete und mit der er die Linie der Tudors begründete.

Das Aufsehen, das das Zusammentreten des Parlaments beim Volk erregte, wurde durch die Ankunft des Prinzen von Wales noch erhöht, der sich nach Westminster tragen ließ, um an der Sitzung teilzunehmen. Die Absicht, die ihn dazu trieb, noch im Schatten des Todes das Parlament aufzusuchen, war, von den Lords und dem Unterhaus die Versicherung zu bekommen, daß sie die Rechte seines Sohnes auf die Krone anerkennen würden – das Volk aber glaubte, daß er gekommen sei, um das Unterhaus gegen seinen Bruder zu unterstützen, dessen Ehrgeiz er angeblich fürchtete. In Wirklichkeit machte es die Arroganz des Schwarzen Prinzen sehr unwahrscheinlich, daß er sich mit dem Unterhaus verbünden würde, aber was zählt, sind weniger die Tatsachen als das, was die Öffentlichkeit für die Tatsachen hält. Weil die Oppositionellen im Parlament glaubten, der Prinz stehe auf ihrer Seite, schöpften sie Selbstsicherheit und Kraft aus seiner Anwesenheit.

Die tumultuarische Versammlung fand in Westminster statt; das Unterhaus trat im Kapitelhaus der Abtei zusammen und die Lords im Weißen Zimmer des nahe gelegenen Palastes. Als Graf von Bedford hätte Coucy seinen Platz unter den Lords einnehmen können, aber nichts weist darauf hin, daß er es tat.

Das Unterhaus ging sofort in die Offensive und wählte zum erstenmal in seiner Geschichte einen »Speaker«, Sir Peter de la Mare, der nicht zufällig der Seneschall des Grafen von March war. Kritische Momente bringen häufig Männer hervor, die ihnen gewachsen sind; Sir Peter erwies sich als ein mutiger, ausdauernder Mann und – in den parteiischen Worten Walsinghams – als ein »von Gott inspirierter Geist«. Im Namen des ganzen Hauses erhob er die [268]Anklage der Mißwirtschaft gegen zwei der königlichen Minister, den Kammerherrn Lord Latimer und Sir Richard Lyons, einen reichen Kaufmann und Mitglied des königlichen Rates, der die Beziehungen der Krone mit den Gewerbetreibenden des Reiches regelte. Eine dritte Anklage wurde gegen Alice Perrers erhoben, die, so sagte man, »jährlich bis zu 3000 Pfund aus den Truhen des Königs erhält. Das Königreich würde aus ihrer Beseitigung großen Nutzen ziehen.«

Latimer war ein Mann des Hochadels und Ritter des Hosenbandordens, ein Veteran von Crécy, Auray und von Lancasters langem Marsch. Ihm und Lyons warf der Speaker vor, immense Vermögen durch Intrigen und Fälschungen angehäuft zu haben, darunter die Annahme von 20 000 Pfund als Rückzahlung des Königs für einen Kredit von 20 000 Mark, obwohl die Mark ein Drittel weniger wert war als das Pfund.

Ein Unterhausmitglied nach dem anderen sprach von einer Art Pult in der Mitte des Raums und fügte der Anklage seine Beschwerden und Vorwürfe hinzu. Die Räte des Königs, sagten sie, seien an der Verarmung des Volkes reich geworden; sie hätten den König betrogen und seine Einkünfte verschwendet, was zu immer neuen Sondersteuern führte. Das Volk sei zu arm und zu schwach, um noch weitere Besteuerung zu ertragen. Das Parlament solle statt dessen darüber diskutieren, wie der König den Krieg aus eigenen Reserven finanzieren könnte.

Erzürnt durch die Anmaßung jener, die er »diese kleinen Heckenritter« nannte, drohte Lancaster in kleinem Kreis, »sie so zu erschrecken, daß sie mich nie wieder reizen werden«. Er wurde von einem Berater gewarnt, daß das Unterhaus »das Wohlwollen des Prinzen, Eures Bruders«, habe und die Unterstützung der Londoner, die nicht zulassen würden, daß den Mitgliedern etwas zustieße. Darauf entschloß sich der Herzog abzuwarten und besuchte in so höflicher Form das Unterhaus, daß die Mitglieder ihn voller Erstaunen anstarrten; aber sie ließen sich nicht davon abbringen, die Klagen gegen Latimer und Lyons weiterzuverfolgen. Sie riefen zwei ehemalige Schatzmeister als Zeugen auf, forderten, die staatlichen Bücher einzusehen, und führten die Beweiserhebung in der Form eines ordentlichen Gerichts durch. Als alle Aussagen gehört waren, rief das Unterhaus wie mit einer Stimme: »Lord Herzog, nun könnt Ihr sehen und hören, daß Lord Latimer und Sir Richard Lyons zu ihrem eigenen Vorteil falsch gehandelt haben, wofür wir ihre Absetzung und Bestrafung fordern.«

Als Latimer fragte, durch wen und unter welcher Autorität er angeklagt sei, gab ihm Sir Peter de la Mare die historische Antwort, daß das Unterhaus als Körperschaft der Anklagevertreter sei. Mit einem Schlag schuf er damit das konstitutionelle Instrument des »Impeachment« und der Abwahl von Ministern. Lyons glaubte, den Prozeß dadurch verhindern zu können, daß er dem Schwarzen Prinzen ein Schmiergeld in Höhe von 1000 Pfund, in einem Faß [269]Stör verborgen, zusandte. Der Prinz schickte das Faß zurück, aber der König nahm eine ähnlich hohe Bestechungssumme mit bequemem Zynismus und dem Scherz an, daß er nur sein Eigentum zurückerhalte.

Das Parlament befand die Anschuldigungen als bewiesen. Die beiden angeklagten Minister und vier Untergebene, darunter Latimers Schwiegersohn, Lord Nevill, wurden verurteilt, aus ihren Ämtern entlassen und zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt. Latimer allerdings wurde kurz darauf gegen Kaution wieder freigelassen. Sogar Alice Perrers wurde verurteilt, und der König mußte in schweigendem Elend ihre Verbannung vom Hofe hinnehmen.

Gerade als das Parlament den Höhepunkt seiner legislativen Leistung erreichte, traf den Schwarzen Prinzen ein schwerer Krankheitsanfall, der noch durch die Ruhr kompliziert wurde. Er war so geschwächt, daß er in Ohnmacht fiel und für tot gehalten wurde. Seine Gemächer füllten sich mit Doktoren und Chirurgen, mit dem Weinen und Stöhnen seines Gefolges und den Abschiedsbesuchen der königlichen Familie. Seine Schwester Isabella und Coucy traten trauernd an sein Bett. Der König kam inmitten »großer Klagen«, und »niemand konnte bei dem trostlosen Anblick eines Königs, der sich für immer von seinem Sohn verabschiedete, die Tränen zurückhalten«. Der Prinz war das fünfte seiner erwachsenen Kinder, das er überlebte.

Die Türen des Sterbezimmers standen weit offen, so daß alte Waffengefährten und alle, die ihm gedient hatten, ihn in seiner letzten Stunde sehen konnten, und »alle seufzten von Herzen und weinten sehr zärtlich«, und er sagte jedem, der zu ihm kam: »Ich empfehle Euch meinen Sohn, der sehr jung und klein ist, und bitte Euch, wie Ihr mir gedient habt, ihm treu zu dienen.« Er bat den König und Lancaster, einen Eid zu schwören, seinen Sohn zu unterstützen, was sie ohne Rückhalt taten. Auch die Grafen, Barone und Ritter schworen diesen Eid, und »da war ein großer Lärm von Klagen und Seufzen, von lautem Weinen und Trauern«.

Am Tag vor seinem Ende wurde der Letzte Wille des Schwarzen Prinzen vollständig aufgesetzt. Obwohl der Tod nur als die Befreiung der Seele aus dem Gefängnis des Körpers galt, wurde er von außerordentlich genauen Vorkehrungen für Hinterlassenschaft, Begräbnis und Grabstein begleitet, als schärfe die Angst vor dem, was nun kommen sollte, den Widerwillen, diese Welt zu verlassen. Die Instruktionen des Prinzen waren selbst für diese Zeit ungewöhnlich detailliert: Seine Schlafgemachausstattung einschließlich der Bettvorhänge, auf denen die Taten des Saladin in reicher Stickerei dargestellt waren, gingen an seinen Sohn, seine Kriegsrosse wurden nach genauen Weisungen verteilt, seine Beerdigungsprozession war bis zur letzten Fanfare festgelegt, seine Grabfigur in Auftrag gegeben, es sollte ihn in seltsamer Ambivalenz »voll gepanzert im Stolz der Schlacht…das Gesicht demütig und den Leopardenhelm unter dem Haupt« zeigen.

Die Bischöfe an seinem Lager drängten den Sterbenden, Gott und alle, gegen [270]die er gesündigt hatte, um Vergebung zu bitten. In einem letzten Aufflammen seiner Arroganz weigerte er sich, legte dann aber, als das Ende bevorstand, die Hände zusammen und bat Gott und die Menschen um Gnade. Aber er war unfähig, diese Demut aufrechtzuerhalten. Als Sir Richard Stury, ein Ritter, der durch das Gute Parlament aus dem königlichen Haushalt verbannt worden war und offensichtlich zu irgendeinem Zeitpunkt den Zorn des Prinzen auf sich gezogen hatte, an sein Bett trat, um »Frieden mit ihm zu machen«, sagte der Prinz bitter: »Kommt, Richard, kommt und seht an, was Ihr lange zu sehen gewünscht habt.« Als Stury seinen guten Willen beteuerte, antwortete der Prinz: »Gott entgelte Euch nach Eurem Verdienst. Laßt mich allein, ich will Euer Gesicht nicht mehr sehen.« Von seinen Beichtvätern angefleht, nicht ohne jenem zu vergeben zu sterben, blieb er still und murmelte erst unter weiteren Ermahnungen: »Ich werde es tun.« Einige Stunden später, am 8. Juni 1376, starb er im Alter von 46 Jahren.

Zwischen einem tatterigen König und einem kindlichen Thronfolger alleingelassen, mit dem verhaßten Regenten Lancaster an der Macht, überließ sich die Nation einer Trauer, die durch Furcht vor der Zukunft intensiviert wurde. Die französischen Siege zur See hatten die Angst vor einer Invasion belebt, und die Engländer fühlten sich ihres Beschützers beraubt, »denn solange er lebte«, schrieb Walsingham, »fürchteten sie keinen Feind, so wie sie in seiner Gegenwart keine Schlacht scheuten«. Ein lebender, gesunder Prinz hätte die militärischen Schwierigkeiten, die unter dem Kindkönig entstanden, abwenden können, nicht aber die sozialen Unruhen. Walsingham betrauerte »den vorzeitigen, zu eiligen Tod«, aber der Schwarze Prinz mag im Grund nicht vor der Zeit gestorben sein, denn im Gegensatz zu seinem Vater verschied er, als die Welt noch das Bild des Helden in ihm erblickte. Die Zeit der Siege über Frankreich aber war vorbei. Froissart nannte ihn »die Blume der Ritterschaft der ganzen Welt«, und der Chronist der Quatre Premiers Valois erkannte ihn an als »einen der größten Ritter auf Erden, berühmt vor allen Männern«. Karl V. ließ für seinen verstorbenen Feind ein Requiem in der Sainte Chapelle lesen, an dem er und der ganze französische Hochadel teilnahmen.

Der Tod des Prinzen markierte den Wendepunkt zugunsten Johanns von Gaunt, des Herzogs von Lancaster. Noch in den letzten Tagen seiner Sitzung proklamierte das Parlament den jungen Richard als Thronfolger. Es war eine gegen Johann von Gaunt gerichtete Vorsichtsmaßnahme. Dann ging das Parlament nach einer Sitzung von 74 Tagen, der längsten bis dahin überhaupt, auseinander. Seine spektakulären Leistungen wurden in dem Augenblick weggewischt, als die Mitglieder sich über das Land verstreuten, denn es gab keine permanente Organisation oder eigenständige Behörde, die den Willen des Unterhauses hätte repräsentieren können. Seine Reformen waren nicht in Statuten umgewandelt worden und wurden durch die Regierung, die nun die uneingeschränkte Macht wiedergewann, in der Praxis für nichtig erklärt. [271]Durch Gunsterweise oder Drohungen zog Lancaster die Lords, die gegen ihn opponiert hatten, auf seine Seite. Nur der Graf von March entzog sich ihm und wurde gezwungen, als Marschall zurückzutreten. Seinen Platz nahm sein früherer Verbündeter Sir Henry Percy ein, der zu dem Herzog von Lancaster übergelaufen war.

Die Lords besaßen im Grunde keine politischen Prinzipien, und das war der Schlüssel zu dem Zusammenbruch. Johann von Gaunt erklärte die gesamte parlamentarische Sitzung als ungültig, setzte Lord Latimer und sein Gefolge wieder ein, entließ den neuen Rat und rief den alten zurück, ließ Sir Peter de la Mare festnehmen und ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis werfen und verbannt den Bischof William von Wykeham vom Hof, als der es wagte, zu protestieren. Als er auch noch Alice Perrers zurückholte und diese ihre Macht über den König erneuerte, waren die Bischöfe, die sich mit dem Unterhaus verbunden hatten, »wie Hunde, die nicht bellen können«.

Außer dem »Impeachment« hinterließ die Arbeit des Guten Parlaments kaum eine konstitutionelle Spur. Trotz allem: Dadurch, daß es den Willen der Mittelklasse so kraftvoll vertreten hatte, war die kurze Stunde des Unterhauses zu einer politischen Lektion geworden, die im Volk Wurzeln schlug.


Coucy, der Zeuge der Unruhen in England geworden war, kehrte im Sommer oder Herbst 1376 nach Frankreich zurück. Da sein Besuch in die Zeit der Krise fiel, ist es unwahrscheinlich, daß er eine klare Aussage über die Bedingungen, die England zur Beendigung des Krieges akzeptieren würde, mitbrachte, aber er konnte seinem König sicherlich von einer zerrissenen und verletzlichen englischen Nation berichten. Froissart sagt, er habe Karl V. geraten, nicht auf das Ende des Waffenstillstands zu warten, sondern schon jetzt eine Invasion Englands vorzubereiten, denn »die Engländer sind niemals so schwach oder so leicht zu besiegen wie zu Hause«.

Noch bevor Coucy England verließ, wurde König Eduard sehr krank, und »all seine Ärzte verzweifelten und wußten nicht, wie sie ihn behandeln sollten und welche Medizin er brauchte«. Obwohl er sich bald erholte, war deutlich, daß sich seine Herrschaft ihrem Ende zuneigte und damit auch die Stunde von Coucys Entscheidung gekommen war. Ob Isabella mit ihm nach Frankreich zurückging oder bei ihrem dahinsiechenden Vater blieb, ist nicht überliefert. Aus Respekt für seinen Schwiegervater erklärte sich Coucy noch immer nicht öffentlich für Frankreich, aber sofort nach seiner Heimkehr übernahm er eine diplomatische Mission an den Hof des Grafen von Flandern, die sich deutlich gegen englische Interessen richtete. Coucy war jetzt auch Mitglied des königlichen Rates und wurde aufgrund seiner Umsicht und Diplomatie von Karl V. sehr geschätzt. Seine Tochter und Erbin Marie trat zu dieser Zeit in den Haushalt der Königin ein, die ihre Erziehung übernahm, zusammen mit der des Dauphins und seiner Brüder und Schwestern. Die Archive zeigen, daß Coucy [272]im April 1377 2000 Franken zu Lasten seiner Pension überwiesen wurden, damit er mehrere seiner Burgen mit Armbrüsten ausrüsten konnte, um vorbereitet zu sein, falls der Krieg wieder ausbrechen sollte.

Karl V. versuchte nach wie vor, dieses Unheil zu verhindern, und entsandte wiederum Coucy, neue Verhandlungen mit England aufzunehmen, dieses Mal ohne die königlichen Herzöge, um sich die Kosten ihrer aufwendigen Anwesenheit zu ersparen. Während der nächsten sechs Monate trafen sich die Delegationen in Montreuil, Calais und in der Mitte zwischen diesen beiden Städten in Boulogne. Die englische Gesandtschaft setzte sich aus Männern zusammen, die Coucy sehr wahrscheinlich kannte, entweder von seinem letzten Besuch oder von früheren Begegnungen. Unter ihnen war der Vormund des Thronfolgers, Sir Guichard d'Angle, ein kühner, vielbewunderter Gascone, der den Schwarzen Prinzen auf vielen seiner Feldzüge begleitet hatte; außerdem Sir Richard Stury, dem Lancaster sein Amt zurückgegeben hatte; Lord Thomas Percy, ein Veteran der französischen Kriege und Bruder von Sir Henry Percy; der Graf von Salisbury und schließlich ein treuer Diener des Hofes, der zu Lancasters Umgebung zählte, Geoffrey Chaucer.

Die langen Verhandlungen von 1377 schulten Coucy in allen Dreh- und Angelpunkten der englisch-französischen Beziehungen – Angebote und Gegenangebote und komplizierte Wechselgeschäfte, in die Schottland, Kastilien, Calais, eine neue Dynastie für Aquitanien unter einem Sohn Eduards III., der sich dann von England lossagen sollte, einbezogen wurden. Wie immer, seit der Krieg begonnen hatte, trugen die Legaten des Papstes ihre intensiven Meditationen bei. Obwohl die Franzosen die bessere Ausgangsposition innehatten, konnten die Engländer nicht dazu gebracht werden, in ihrer Schwäche und Unentschlossenheit einen Kompromiß anzunehmen, nicht einmal die von den Franzosen ins Gespräch gebrachte Heirat des Prinzen Richard und der siebenjährigen Tochter König Karls, Marie.

Die erste Verhandlungsrunde ging zu Ende, ohne Fortschritte erzielt zu haben. Einen Monat später trat man wieder zusammen. Zweimal wurde der Waffenstillstand, der offiziell am 1. April auslief, erneuert, um die Verhandlungen am Leben zu erhalten. Die Gesandten stritten erbittert in langen Arbeitssitzungen. Welche Rolle spielte Coucy dabei, welche Chaucer? Ihre Beiträge sind verloren; es gab keine Aufzeichnungen, weil die Diskussionen, besonders um die Heirat, geheim waren.

Die Franzosen machten viele Vorschläge einschließlich der offziellen Übergabe von zwölf Städten in Aquitanien (die England bereits hielt), wenn Eduard bereit war, Calais und alles, was er in der Picardie erobert hatte, zurückzugeben; entweder das, sagten sie, »oder sonst nichts«. Die Engländer lehnten hartnäckig ab, da sie davon ausgingen, daß ein Brückenkopf im Norden Frankreichs ihnen die Rückkehr und die Wiedergewinnung dessen, was sie verloren hatten, erlauben würde.

[273]Noch während der Verhandlungen spitzte sich die Situation in England erneut zu. Lancaster hatte die Unzufriedenheit unterdrückt, aber keineswegs beschwichtigt. Zwar stimmte ein neues Parlament, das er in der Mehrheit mit seinen Anhängern besetzt hatte, gehorsam seinen Anträgen auf Subsidien zu, aber die Bischöfe waren nicht so zugänglich, und Wyclif wurde zum Hauptziel ihres Aufbegehrens. Noch hatte er seine Angriffe auf das Priestertum nicht veröffentlicht, aber seine Schriften zur weltlichen Herrschaft und zur Enteignung der Kirche waren ketzerisch genug. Obwohl sein Ruf nach Reformen in der Geistlichkeit und sein Antipapismus unter den Klerikalen auch Unterstützung fanden, war die Kirche nicht bereit, passiv auf die Enteignung zu warten. Erzbischof Sudbury und der Bischof Courtenay von London riefen Wyclif vor eine Konvokation, um sich für seine ketzerischen Predigten zu verantworten. Der immer wieder aufbrechende Kampf von Jahrhunderten zwischen der Krone und der Kirche äußerte sich nun im Februar des Jahres 1377 in einem lärmenden Spektakel in der St.-Paul's-Kathedrale.

Lancaster hoffte, die Bischöfe durch Laientheologen diskreditieren zu können. Er beauftragte vier Professoren für Theologie mit Wyclifs Verteidigung und besuchte selbst mit dem Marschall, Sir Henry Percy, und dem bewaffneten Gefolge der beiden die Anhörung in der Kathedrale. Eine große Menge aufgeregter Bürger, die durch Gerüchte erzürnt waren, daß Lancaster der Stadt das traditionelle Recht, die Ordnung aufrechtzuerhalten, nehmen und es dem Marschall übertragen wollte, füllten St. Paul's. Bischof Courtenay war in London beliebt, der Herzog nicht. Der Zorn der Bürger erhöhte sich noch, als die Wachen Leute beiseite stießen, um für den Herzog und den Marschall Platz zu machen. Dem folgte ein lautstarker Streit, als Courtenay sich weigerte, Wyclif auf Aufforderung des Herzogs einen Stuhl zuzugestehen. Der junge und energische Bischof, selbst Sohn eines Grafen und Nachkomme Eduards I., war weit davon entfernt, sich in seiner eigenen Diözese Befehle geben zu lassen.

»Ich werde Euch beugen, Euch und all die anderen Bischöfe«, knurrte Lancaster. In der Zuschauermenge entstand Unruhe, Drohungen wurden Lancaster zugeschrien, der seinerseits drohte, die Störer festnehmen zu lassen. Courtenay sagte ihm, wenn er das in der Kathedrale täte, werde er ihn exkommunizieren. »Noch einmal so etwas«, hörte man den Herzog murmeln, »und ich werde Euch an den Haaren aus der Kirche schleifen lassen.« Die Wut der Menge schlug über ihnen zusammen, und der Herzog und der Marschall hielten es für klüger, sich zurückzuziehen. Wyclif hatte noch nicht einmal gesprochen. Lancaster war es gelungen, das Verfahren wie geplant zu unterbrechen, aber zu einem hohen Preis: Die öffentliche Meinung in London kehrte sich zunehmend gegen ihn, nicht gegen die Bischöfe.

London kochte, und als sich die Nachricht verbreitete, daß Percy einen Bürger hatte verhaften lassen, weil der den Herzog beleidigt hatte, sammelte [274]sich ein Mob in Lynchstimmung vor dem Savoy-Palast. Auf dem Wege dorthin schlug eine Gruppe einen Priester tot, der schlecht über Peter de la Mare gesprochen hatte. Lancaster und Percy, die im Savoy über einem Austernessen saßen, wurden gewarnt und flohen in einem Boot die Themse hinunter. Sie suchten in den heiligen Hallen der Prinzessin von Wales Zuflucht, wohin sie niemand zu verfolgen wagen würde. Inzwischen war Bischof Courtenay, der eine Katastrophe fürchtete, für die ihm die Schuld aufgeladen werden würde, zum Savoy geeilt. Es gelang ihm, die Menge zu beruhigen.

Nach seiner demütigenden Flucht forderte Lancaster eine formelle Entschuldigung der Stadt. Die Prinzessin bat die Bürger, sich ihr zuliebe mit dem Herzog zu versöhnen; die Souveränität des Königs wurde beschworen; die Behörden von London erreichten die Freilassung von Peter de la Mare als Gegenleistung für ihre Entschuldigung; die Geistlichkeit gewann die Ämter des Kanzlers und Schatzmeisters zurück. Die Affäre aber hatte die Gräben zwischen den Fraktionen vertieft und den Staat weiter auseinandergerissen.

In der Aufregung in der St.-Paul's-Kathedrale war Wyclifs Sache gar nicht zur Sprache gekommen. Die englischen Kirchenfürsten, hin und her gerissen zwischen ihren klerikalen Interessen und ihrem Nationalgefühl, mögen bereit gewesen sein, die Angelegenheit ruhen zu lassen, nicht aber der Papst. Im Mai gab Gregor XI. fünf Bullen heraus, die an den englischen Episkopat, den König und die Universität Oxford gerichtet waren, Wyclifs Irrtümer verdammten und seine Festnahme forderten. Jede Diskussion seiner ketzerischen Lehren sollte unterdrückt, und alle, die sie unterstützten, sollten aus dem Amt gejagt werden. So kam ein explosiver religiöser Streit zu den anderen Auseinandersetzungen hinzu. Das neue Parlament war betont antipapistisch; der König, der von Falken und von der Jagd faselte, statt sich um die dringenden Bedürfnisse seiner Seele zu kümmern, lag im Sterben. Während England unruhig auf den Thronwechsel wartete, hielten die Bischöfe das Verfahren gegen Wyclif zurück.


In Frankreich trafen sich die Unterhändler zu einem letzten Gespräch im Mai in der uralten Burg von Montreuil. Die Kanzler beider Länder nahmen teil: Pierre d'Orgement für Frankreich und der Bischof von St. David für England. Friedensbedingungen wurden ausführlich in einer offenen Sitzung diskutiert, die Karl V. gewollt hatte, damit sein letztes Angebot formell unterbreitet und klar beantwortet werden konnte. Diese Antwort bekam er nicht. Sein Angebot war großzügig, soweit es Lehen an englische Herren betraf, aber fest in der Verweigerung jeder englischen Souveränität über irgendeinen Teil Frankreichs einschließlich von Calais. Die Engländer verhüllten ihre Ablehnung in ausweichenden Stellungnahmen, sie behaupteten, nicht die Ermächtigung zu besitzen, ohne Absprache mit dem König zu entscheiden. Wie die darauf folgenden Ereignisse bewiesen, müssen die Franzosen zu diesem Zeitpunkt begonnen [275]haben, sich auf kriegerische Handlungen vorzubereiten. Während die Verhandlungen langsam versandeten, starb die kleine Prinzessin Marie in Paris, was die Heiratspläne mit Prinz Richard vereitelte. Die Gesandten gingen auseinander, ohne sich auf Ort und Zeit einer neuen Runde geeinigt zu haben und ohne Verlängerung des Waffenstillstands.

Als die englischen Unterhändler die Heimat erreichten, war König Eduard tot. Er starb am 23. Juni, dem vorletzten Tag des Waffenstillstands. Das Jubiläumsjahr seiner Herrschaft war fast unbemerkt verstrichen, und sein Tod verursachte nur geringes Aufsehen. Die Parasiten der Macht verließen ihn noch vor dem Ende, darunter auch Alice Perrers, von der man sagte, sie habe ihm noch die Ringe von den Fingern gestreift, bevor sie ging. Ein zehnjähriges Kind bestieg den Thron und leitete die Zeit der Zwietracht ein, die ihren zerstörerischen Schatten über das nächste Jahrhundert legen sollte und Langlands biblische Warnung bestätigte: »Wehe dem Land, dessen König ein Jüngling ist.«

Isabella de Coucy wurde im April von Kurieren »wegen sehr dringlicher Geschäfte« aus Frankreich herbeigerufen und war an der Seite ihres Vaters, als er starb. Kurz vor dem Ende schickte sie Kuriere mit Nachrichten und »wichtigen Fragen« an Coucy. Am 26. Juni, noch vor der Beerdigung ihres Vaters, bat sie um Erlaubnis, nach Frankreich zurückzukehren, offensichtlich in dringenden Angelegenheiten.

Coucys Problem war nicht einfach die Frage nach seiner Zugehörigkeit; seine Lage wurde durch die englischen Besitzungen und Einkünfte, durch Verwandtschaftsbindungen, die zu jener Zeit enorm wichtig waren, und durch den Mitgliedseid der Ritter des Hosenbandordens erschwert. Es war nicht leicht, Treue, Verwandtschaft und Mitgliedschaft aufzugeben. Offensichtlich war es Coucy unmöglich, in der Politik Frankreichs eine große Rolle zu spielen, wenn er seine Neutralität aufrechterhielt. Er mußte nicht nur Partei ergreifen, er wollte es auch. Das Nationalgefühl war in den Jahren der französischen Erholung angewachsen. Dichter verherrlichten die vielen Städte der Picardie, der Normandie und Aquitaniens, die Karl zurückerobert hatte. »Nicht Roland, nicht Arthur noch Oliver«, ruft der Ritter in dem Songe du Vergier aus, einer politischen Allegorie des Jahres 1376, »hat jemals solche Waffentaten verrichtet wie Du durch Deine Weisheit, Deine Macht und Deine Gebete« (und, könnte man hinzufügen, durch Dein Geld). »Als Du den Thron bestiegst, reichten die Hörner und der Stolz Deiner Feinde bis an die Himmel. Mit Gottes Hilfe hast Du ihre Hörner gebrochen und sie tief gedemütigt.«

Durch die polarisierende Wirkung des Krieges entwickelte sich ein Gefühl für die französische Nationalität. In einem Dialog zwischen einem englischen und einem französischen Soldaten, der 1370 von dem späteren Kardinal Pierre d'Ailly geschrieben wurde, erklärt der Engländer, daß zumindest die [276]Normandie England gehören müßte. »Schweigt«, ruft daraufhin der Franzose, »das ist nicht wahr. Ihr könnt nichts auf dieser Seite der See halten außer durch Tyrannei; die See ist und bleibt eure Grenze.« Das war eine neue Idee. Lehnstreue und dynastische Verbindungen waren noch immer die Form der Loyalität, aber das Land wurde zu ihrem Bestimmungsgrund. Ein französischer Adliger wie Harcourt hätte nicht mehr ohne Schuldgefühl die Engländer bei einem Überfall auf sein eigenes Land anführen können. Und auch Coucy konnte nicht länger mit einem Bein in England und einem in Frankreich stehen.

Zwei Monate nach dem Tod König Eduards richtete Coucy eine formelle Verzichterklärung auf »alles, was ich von Euch in Treue und Lehnspflicht halte«, an Richard II. Die Botschaft trug das Datum des 26. August 1377 und wurde Richard von verschiedenen Rittern übergeben, die Coucy ausgesandt hatte, damit sie zum Zeugen seiner Handlung wurden. Der Brief kündigte die »Allianz« auf, die ihn mit »meinem hochgeehrten Herren und Vater, dem kürzlich gestorbenen König (dem Gott gnädig sein möge)«, verbunden hatte. Coucy fuhr fort:

Nun, da es geschehen ist, daß der Krieg sich erhoben hat zwischen meinem natürlichen und souveränen Herren auf der einen und Euch auf der anderen Seite, was ich mehr betrauere als alles andere auf der Welt und wollte, es könnte vermieden werden, hat mein Herr befohlen und mich verpflichtet, ihm zu dienen und meine Pflicht zu tun, wie ich es muß; dem, wie Ihr wohl wißt, ich gehorchen muß; also werde ich ihm nach meinen besten Kräften dienen, wie es sein sollte.

Weshalb, geehrter und mächtiger Herr, ich Euch mit dem Obengesagten bekannt mache, damit niemand in irgendeiner Art und Weise etwas gegen mich sprechen oder sagen möge oder gegen meine Ehre, und ich gebe Euch alles zurück, was ich von Euch in Lehnstreue halte.

Und gleichfalls, hochgeehrter Sire, hat es meinem geehrten Herrn und Vater gefallen, mich in den hohen, edlen Hosenbandorden aufzunehmen; also möge es Eurer eden und mächtigen Hoheit gefallen, wen immer Ihr möchtet an meine Stelle zu setzen und mich hierin zu entschuldigen.

Die Doppelallianz war zebrochen. Dadurch, daß er ein »guter und wahrer Franzose« geworden war, hatte Coucy sich für eine Nationalität entschieden, auch wenn der Begriff selbst noch nicht existierte. Nur eines war bemerkenswert an dieser Entscheidung: daß er sich nicht nur von seinem englischen Besitz und seiner englischen Lehnstreue, sondern auch von seiner Frau trennte. Es ist im allgemeinen gesagt worden, daß er sich verpflichtet fühlte, sich von ihr zu trennen, um für seine Entscheidung frei zu sein, aber das wäre nur dann eine notwendige Voraussetzung gewesen, wenn Isabella sich geweigert hätte, sich mit dem Verlust ihrer englischen Ländereien abzufinden. Die Aufkündigung der Allianz zog die Beschlagnahme der Besitzungen nach sich. Alles, [277]was wir von Isabella wissen, deutet darauf hin, daß dies der bestimmende Faktor war. Ihre zwanghafte Extravaganz, ihre neurotische Abhängigkeit von ihrem Zuhause und der nachsichtigen Liebe ihres Vaters, ihre Fremdheit und Unsicherheit in Frankreich – dies alles läßt vermuten, daß die Trennung zunächst ihre Entscheidung war, ob nun mit der Zustimmung oder gegen den Willen ihres Gatten.

Keine Chronik verrät, was Coucy für seine eitle, verwöhnte, selbstsüchtige, eigenwillige Frau empfand – ob Liebe, Haß oder Gleichgültigkeit. Nach dem, was von ihrem Temperament bekannt ist, zählte sie nicht zu den wenigen liebenswürdigen Plantagenets. Auf jeden Fall kehrte sie mit ihrer jüngeren Tochter Philippa nach England zurück und blieb dort. Alle Besitzungen ihres Gatten in England, »Herrenhäuser, Dörfer, Domänen, Städte, Ländereien, Tiere und bewegliches Hab und Gut«, fielen an die Krone und wurden einer Treuhänderschaft für Isabella übergeben, der der Erzbischof von York, zwei Bischöfe und vier andere Beauftragte angehörten. Da Frauen in England vom Recht auf Besitz nicht ausgeschlossen waren, weist diese Konstruktion auf das Mißtrauen ihrer Brüder gegenüber ihrer Verschwendungssucht hin. Die Bedingungen der Treuhänderschaft sahen vor, daß ihr die Einkünfte des Besitzes ausgezahlt wurden, »solange sie in England blieb«.

Die Franzosen nahmen die Kampfhandlungen sofort auf, als der Waffenstillstand auslief. Unterstützt von der spanischen Flotte, führten sie eine ganze Serie von Überfällen an Englands Südküste durch, noch bevor sie von Eduards Tod erfuhren. In einem Versuch, während der Übergangszeit den Tod geheimzuhalten, hatten die Engländer »alle Reisenden, die das Königreich verlassen wollten, festgehalten und niemand außer Landes gelassen«.

Unter dem Kommando von Admiral Jean de Vienne landeten die Franzosen und Spanier am 29. Juni bei Rye und richteten dort ein vierundzwanzigstündiges wildes Massaker an – sie brannten und mordeten und entführten Mädchen auf die Schiffe, alles in bewußter Nachahmung der Grausamkeit, mit der die Engländer in französischen Städten gehaust hatten.

Ohne auf wirksamen Widerstand zu treffen, segelten die Franzosen die Südküste hinunter und griffen Folkestone, Portsmouth, Weymouth, Plymouth und Dartmouth an. Sie marschierten zehn Meilen ins Land hinein, um Lewes niederzubrennen, wo sie eine kleine Streitmacht von zweihundert Verteidigern unter der Führung eines Priors und zweier Ritter auseinandertrieben und niedermetzelten. Dann segelten sie nach Frankreich zurück, nur um einen Monat später zurückzukehren und die Isle of Wight vor Southampton zu verwüsten. Die alte Furcht der Engländer, die noch auf den atavistischen Schrecken zurückging, den einst dänische und normannische Eroberer verbreitet hatten, gewann neue schreckliche Gestalt.

Die Schwäche der englischen Verteidigung ging nicht auf ein falsches Gefühl der Sicherheit zurück. Diese waren dieselben Städte, die von den Franzosen [278]schon in früheren Expeditionen überfallen worden waren. Darüber hinaus war in den vorausgehenden sechs Monaten durch königliche Dekrete die Gefahr einer französischen Invasion in den düstersten Farben geschildert worden, aber in der Unordnung der englischen Krise waren nur wenige Verteidigungsmaßnahmen ergriffen worden. Als die Invasoren kamen, spornte überdies das Schicksal der Städte die Verteidigungsanstrengungen des Adels nicht besonders an. Sir John Arundel, ein Ritter, der später zweifelhafte Berühmtheit erlangen sollte, verteidigte Hampton mit Erfolg mit einer Truppe von vierhundert Lanzen, aber erst, nachdem die Bürger seiner Forderung nach einer hohen Bezahlung in harter Münze entsprochen hatten.

Als Lancasters Burg von Pevensey, die an der Küste von Sussex lag, in Gefahr geriet, soll der Herzog nach Berichten des ihm feindlich gesinnten Walsingham zynisch gesagt haben: »Laßt die Franzosen sie abbrennen, ich bin reich genug, sie wieder aufzubauen.« Die Bemerkung klingt erfunden und strahlt dieselbe Adelsfeindlichkeit aus, die schon jenem anderen klerikalen Chronisten, Jean de Venette, zu eigen war – und aus dem gleichen Grund: das Versagen der Ritter, Land und Leute gegen den Feind zu verteidigen. Es war kein Zufall, daß aus diesen überfallenen Grafschaften – Kent und Sussex – der Bauernaufstand hervorging.

 

[279]

Kapitel 15
Der Kaiser in Paris

Das spektakulärste, wenn auch nicht das bedeutendste Ereignis des Jahrzehnts in Frankreich war der Pariser Besuch des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, Karls IV., vom Dezember 1377 bis zum Januar 1378. Coucy war erneut aufgerufen, wie bei der Hochzeit des Herzogs von Burgund, teilzunehmen und durch seine gesellschaftliche Grazie und Eleganz der Eskorte des Besuchers Glanz zu verleihen. In dem Juwelenglanz der majestätischen Prachtentfaltung kam Karls V. Herrschaftszeit an ihren Gipfelpunkt. Die Öffentlichkeit von Paris war beeindruckt und befriedigt von den prachtvollen Zeremonien, und der Propagandawert der Veranstaltung für das Prestige der Valois war den unschätzbaren Kosten wahrscheinlich gleichwertig.

Obwohl mit Karl V. ein Valois bereits in der dritten Generation auf dem Thron saß, war der König wohl nicht ganz frei von Zweifeln an der Legitimität seines Titels, dies um so mehr, als seine Abstammung nach wie vor nicht unumstritten war. Aus solchen persönlichen, aber auch aus staatlichen Gründen galten seine ständigen Anstrengungen der Steigerung des Ansehens der Krone. In politischer Hinsicht strebte er mit der Einladung an den Kaiser die Isolation Englands an, aber er wollte auch territoriale Fragen und dynastische Verbindungen mit seinem Onkel, Kaiser Karl IV., klären. Die Verwandtschaft war ihm wichtig, auch wenn er wußte, daß sein Onkel ein kühler und im Ernstfall unzuverlässiger Rechner war. Vor allem aber gab ihm der Besuch Gelegenheit für jene grandiose öffentliche Darbietung, die dem mittelalterlichen Herrschertum so wichtig war.

In der Theorie übte der Heilige Römische Kaiser eine weltliche Macht aus, die der geistlichen Herrschaft des Papstes über die ganze Gemeinde der Christenheit entsprach. Obwohl einige Relikte des kaiserlichen Ansehens noch überlebt hatten, waren Titel und Theorie von der geschichtlichen Wirklichkeit weit entfernt. Die Souveränität des Kaisers in Italien war nur noch Fassade; im Westen: Holland, Hainault und Luxemburg, war sie im Schwinden, und im Osten wich sie vor der wachsenden nationalen Selbständigkeit von Böhmen, Ungarn und Polen allmählich zurück. Kern des Reiches war eine buntscheckige Föderation von deutschen Fürstentümern, Herzogtümern, Städten und Diözesen unter wechselnden Herrschaftshäusern. Habsburger und Luxemburger, Hohenstaufer, Hohenzollern und Wittelsbacher überzogen einander mit endlosen Fehden; der Ritter lebte vom Raub am Kaufmann; jede [280]Stadt glaubte, ihre Wohlhabenheit hinge vom Ruin ihrer Rivalin ab; innerhalb der Städte kämpften Kaufleute und Handwerkszünfte um die Macht; eine ausgebeutete Bauernschaft lebte in schwelendem Zorn, der periodisch in die Flammen des Aufstands umschlug. Das Kaiserreich hatte keinen politischen Zusammenhalt, keine gemeinsamen Gesetze, keine Hauptstadt, keine gemeinsamen Finanzen und keine gemeinsamen Beamten. Es war der Überrest einer toten Idee.

Kaiser Karl IV. war klug genug zu wissen, daß das Reich, dessen titulärer Herrscher er war, nicht das Reich Karls des Großen war. Seine Sorge galt dem Königreich Böhmen, dessen Expansion und kulturelle Entwicklung er mit solcher Energie vorantrieb, daß ihm der Beiname »Vater Seines Landes« gegeben wurde. Er selbst repräsentierte jene nationalen Tendenzen, die seinen kaiserlichen Titel obsolet machten.


Während Paris sich auf den Empfang des Kaisers vorbereitete, trat Coucy aktiv in den Kampf gegen England ein, nicht in seiner Heimat, der Picardie, sondern in Languedoc im Kampf gegen die Gasconen. Dort schloß er sich dem Herzog von Anjou, dem Gouverneur von Languedoc, an, der wie Lancaster vom Ehrgeiz nach einer Krone getrieben war. In seinem Gefolge geriet Coucy in den schicksalhaften Kampf um das Königtum von Neapel.

Nach zwei Monaten von Belagerungen und Gefechten in der Gascogne kehrte Coucy nach Paris zurück, um in der Eskorte des Kaisers zu dienen. Die Delegation, die Karl IV. bis Cambrai entgegenreiten sollte, schloß neben Coucy zwei der Räte des Königs ein, Rivière und Mercier, daneben eine große Zahl von Rittern. Am 22. Dezember traf die glänzende Gruppe von etwa dreihundert den Gast eine Meile vor Cambrai. Der Kaiser trug einen grauen Winterpelz und ritt ein graues Pferd, er wurde begleitet von seinem ältesten Sohn Wenzel, dem König von Böhmen. In der Stadt angekommen, stieg er mit einiger Schwierigkeit – er litt an der Gicht – vom Pferd und begleitete den Bischof zum Gebet in die Kirche.

Da sich die Gicht des Kaisers während der Reise verschlimmerte, erlebte er den Einzug nach Paris nicht auf dem schwarzen Streitroß, das ihm der französische König hatte schenken wollen, sondern in der Sänfte der Königin. Die Garde des Vorstehers von Paris und zweitausend Kaufleute, Magistratsbeamte und Bürger, alle zu Pferd und gleich gekleidet in Weiß und Violett, erwarteten ihn, um ihn zum Treffen mit dem König zu geleiten. Gicht oder nicht Gicht, diese Zeremonie mußte er zu Pferd über sich ergehen lassen. Er wurde in den Sattel gehoben und nahm neben seinem Sohn die Parade ab, die sich vom alten Palast auf der Ile de la Cité her an ihm vorbeischob. Seit einer Generation hatte es in Paris keine solche Prozession mehr gegeben. Mit großer Umsicht war dafür gesorgt worden, daß trotz der großen Zuschauermengen jeder das Schauspiel sehen konnte. Wachen mit langen Holzstäben und Schwertern [281]standen an jeder Kreuzung des Marschweges, und die Menschen wurden von Ausrufern schon einen Tag vorher aufgefordert, die Rue St. Denis nicht zu überqueren. Straßenschranken wurden aufgebaut, und Sergeanten gaben genaue Anweisungen, wann Fußgänger und Reiter die Straßen überqueren durften und wann nicht.

An der Spitze der Parade ritt der Marschall Sancerre mit seiner Wache, von denen jeder zwei Schwerter und einen Hut mit hohen Büschen trug; ihnen folgten die Trompeter des Königs mit leuchtend bunten Wimpeln an den Trompeten. Die vier Herzöge von Berry, Burgund, Bourbon und von Bar – Gatte der Schwester des Königs und zukünftiger Schwiegervater von Marie de Coucy – ritten in Zweierpaaren hintereinander, gefolgt von zwölf Grafen, darunter Coucy als Graf von Soissons, und einer langen Reihe von Prälaten, Adligen, Richtern, Räten und Beamten des königlichen Haushalts, jede Gruppe nach Rang und Funktion gleich gekleidet.

Zuletzt kam der magere, langnasige König. Er ritt einen Schimmel und trug einen pelzgefütterten scharlachroten Umhang und einen über der Stirn spitz zulaufenden Hut »nach der alten Mode«. Der Zug war so lang, daß er eine halbe Stunde brauchte, um den Palast überhaupt zu verlassen, und noch länger dauerte es, bis die beiden Herrscher einander zu Gesicht bekamen. Beide zogen die Hüte, als sie einander gegenüberstanden. In aller Vorsicht, um nicht die schmerzenden Beine seines Onkels zu streifen, ritt Karl V. zwischen den Kaiser und Wenzel, und so bewegten sie sich zu dritt nebeneinander durch die Stadt zum Palast.

In einem goldverzierten Stuhl in jenem Innenhof, auf den einst der Vorsteher Marcel die Leichen der ermordeten Marschälle hinausgeworfen hatte, hörte der Kaiser eine Willkommensadresse seines Gastgebers an, legte dann im Inneren des Gebäudes Hut und Mantel ab und »sprach mit dem König in großer Freundschaft und Entzücken über dieses Treffen«. Die folgenden Tage waren erfüllt von Banketten, Konferenzen, Übergaben von Geschenken, darunter wertvolle Gaben der Kunstschmiede von Paris, Besichtigungen der Reliquien in der Sainte-Chapelle, die so reich geschmückt und erleuchtet war, daß sie jedem als »wunderbarer Anblick« erschien. Zwischendurch kamen die Herrscher zu privaten Unterredungen zusammen, darunter eine von drei Stunden, »bei der nicht einmal der Kanzler anwesend war«, wie der Chronist des Kanzlers vermerkte, »und was sie sagten, weiß niemand«.

Die Staatsessen zogen alle Register des 14. Jahrhunderts, um die Gäste zu entzücken, zu erstaunen und vollzustopfen. Es standen so viele Fackelträger zwischen den Säulen des Saals, »daß man so gut sehen konnte wie im Tageslicht«. So viele Gänge und Gerichte wurden aufgetragen, daß sie dieses eine Mal »nicht gezählt werden konnten«, zu viele auf jeden Fall für den kränkelnden Ehrengast. Der König hatte bereits auf einen von jeweils zehn Gängen verzichtet, um die Zeit, die der Kaiser an der Tafel sitzen mußte, zu verkürzen, [282]aber dennoch mußte der Gast von etwa dreißig Gerichten kosten, darunter geröstete Kapaune, Rebhühner, Hasenzibet, Fleisch- und Fischaspik, Lerchenpastete, Rissoles aus Rindermark, schwarzer Pudding und Würste, gewürzter Reis, Zwischengerichte von Schwan, Pfau, Rohrdommel und Reiher, Wildpasteten und Singvögel, Süß- und Salzwasserfisch mit Süßwasserheringssauce »in der Farbe von Pfirsichblüten«, weißer Lauch mit gebratenem Regenpfeifer, Ente mit Schweineinnereien, gefülltes Ferkel, Aal, geschmorte Bohnen – und als Nachspeise Fruchtwaffeln, Birnen, Konfekt, Mispelfrucht, Nüsse und gewürzter Wein.

Zum Höhepunkt des Banketts gingen alle achthundert Gäste in den Saal des Parlaments hinüber, wo ihnen in einem großen Spektakel die Eroberung Jerusalems im Ersten Kreuzzug vorgespielt wurde. Es war ein Triumph der großen Bühnenkunst des 14. Jahrhunderts. Die Bühnenbildner bauten ganze Seen auf, in denen Galeeren ruderten, Löwen traten auf, und Blumen erblühten auf Wiesen, eine täuschend echt erscheinende Burg verbrannte in der Ferne. Auf einem Bankett, das zu Coucys Zeit ein gewisser Vidame de Chartres gab, öffnete sich die himmelblau bemalte Decke, und die Speisen sanken an Schienen aus den Wolken auf die Tafel herab. Ein künstlicher Sturm, der eine halbe Stunde andauerte, untermalte das Dessert und ließ einen Regen von parfümiertem Wasser und Hagel aus gesüßten Fleischstückchen auf die Gäste niedergehen.

In den Mysterienspielen, die für das Volk gegeben wurden, bemühten sich die Bühnenbildner um einen exakten Realismus. Ein System von Gewichten und Drahtverbindungen ließ Jesus aus dem Grab auferstehen und hob ihn in die Wolken. Engel und Teufel erschienen und verschwanden wie durch Magie in Falltüren; die Hölle öffnete und schloß ihr monströses Maul, und Noahs Flut überschwemmte die Bühne, während steingefüllte Fässer in den Kulissen das Geräusch des Donners nachahmten. Wenn Johannes der Täufer enthauptet wurde, ließ sich der Darsteller so blitzartig durch eine Falltür fallen und wurde ebenso schnell durch eine nachgestellte, kopflos blutige Leiche ersetzt, daß das Publikum vor Entsetzen aufschrie. Schauspieler, die Jesus darstellten, hingen manchmal Verse zitierend drei Stunden am Kreuz.

Wie kein anderes Medium spiegelte die Bühne das mittelalterliche Leben wider. Das Drama, das sich aus liturgischen Darstellungen vor den Kirchentüren entwickelt hatte, wurde bald von Schauspielergesellschaften aufgenommen, die auf fahrbaren Plattformen bei Paraden und Prozessionen gastierten. Die Gesellschaften reisten mit ihren Stücken von Stadt zu Stadt und zogen alle Schichten der Gesellschaft an – Bauern und Bürger, Mönche und Studenten, Ritter und Damen. Bei einer größeren Aufführung wurde die Bevölkerung einen Tag vorher von Ausrufern informiert. Die Themen waren religiös, aber die Formen der Darstellung ausgesprochen weltlich, auf Unterhaltung ausgerichtet. Jedes Mysterium der christlichen Überlieferung wurde physisch und [283]konkret dargestellt und in die Formen des Alltagslebens gegossen – respektlos, blutig und unflätig. Die Hirten, die bei Nacht Wache hielten, wurden als Viehdiebe dargestellt, das Pathos der Opferung des Isaak bis zum letzten ausgequetscht, als beliebtes komisches Versatzstück diente der Esel, dessen Kot, der unter dem gehobenen Schwanz hervor auf die Bretter fiel, auch dann beim Publikum Freudengeheul auslöste, wenn der Esel Jesus nach Jerusalem hineintrug.

Sex und Sadismus wurden in der Vergewaltigung der Dina ausgespielt, in der Darstellung des nackten, betrunkenen Noah, der Sünden der Sodomiter und den vielen Spielarten blutigen Märtyrertods. Folterszenen in krassem Realismus waren feste theatralische Elemente, als hätte eine gewalttätige Zeit den Genuß der Gewalt hervorgebracht. Nero, der seiner Mutter den Bauch aufschlitzte, um nachzusehen, woher er gekommen war, wurde mit der Hilfe tierischer Eingeweide in blutrünstigem Detail ausgespielt. Schadenfreude hat es nicht nur im Mittelalter gegeben, aber es herrschte in dieser Zeit sicher eine besonders düstere Spielart dieser Haltung vor, vielleicht hervorgebracht durch die Pest und die ihr folgenden Katastrophen.

Sündige Leidenschaften, treulose Gatten, die Qualen des Kindbetts, schwache Nonnen und schwangere Äbtissinnen, ehebrüchige Königinnen, grausame Morde an Kindern – das waren die Stoffe der Spektakel. Mitglieder aller Gesellschaftsschichten – stolze Kardinäle und elende Bettler, der Vogt und die Frau des Schlachters, Juden, Wirte, aufrührerische Studenten, Ritter, Holzschnitzer, Hebammen und Dorfnarren – stellten das Personal. Die Heilige Jungfrau vergibt ihnen allen, selbst der Mutter eines Papstes, die so hochmütig war, daß sie sich für größer hielt als die Mutter Gottes selbst. Nach angemessener Bestrafung wird auch ihr Gnade gewährt.

Gott trat in den Spielen in weißem Gewand und mit vergoldeter Perücke auf, die Engel hatten vergoldete Flügel, Herodes einen schwarzen Bart und einen Sarazenenmantel, Teufel und Dämonen trugen grauenvolle Masken, Hörner, hatten gespaltene Schwänze und härene Anzüge. Oft liefen sie durchs Publikum, um die Zuschauer zu kneifen und zu erschrecken.

Die Apokalypse, immer im Bewußtsein der Zeit, wurde in einem Spiel vom Jüngsten Tag dargestellt. Der Antichrist erscheint in der ihm zugewiesenen Zeit, traditionell auf dreieinhalb Jahre vor dem Jüngsten Tag festgelegt. Sohn des Satans und einer Frau von Babylon und wohlinstruiert in allen Künsten der Dämonie, gewinnt er solche Macht, daß Könige und Kardinäle sich ihm unterwerfen, bis er bei Armageddon im Triumph des Guten über das Böse überwältigt wird. Die Erlösten werden von den Verdammten getrennt, und die Engel entleeren die Krüge des göttlichen Zorns über die Menschen.

Die Belagerung von Jerusalem, die dem Kaiser vorgespielt wurde, brach mit dem bis dahin üblichen Themenkreis und präsentierte zum erstenmal die Wiedergabe eines historischen Ereignisses. Ihre technische Virtuosität und [284]der Schwung der dargestellten Schlacht waren atemberaubend. Das Schiff der Kreuzfahrer, vollständig mit Mast, Segel und fliegenden Bannern, wurde den Saal hinuntergeschoben und bewegte sich »so leicht und sanft«, als führe es tatsächlich auf dem Wasser. Ritter, die exakt die Wappen führten, die ihre Vorfahren nach Jerusalem getragen hatten, ergossen sich aus dem Schiff heraus, um die nachgebauten Befestigungen Jerusalems anzugreifen. Von einem gemalten moslemischen Minarett sang ein Muezzin das klagende arabische Gebet. Sarazenen mit Turbanen auf den Köpfen zückten tückische Krummsäbel, Kreuzfahrer wurden von den Sturmleitern heruntergeworfen – die Zuschauer waren hingerissen und durch die Schönheit und Dramatik der Szene für einen neuen Kreuzzug eingestimmt – was tatsächlich auch eine Absicht der Aufführung war. Der führende Propagandist eines neuen Kreuzzugs, Philippe de Mézières, war ein vom König sehr bewunderter Mann, der zum Mitglied des Thronrats und zum Erzieher des Dauphins ernannt worden war.

Der nächste Tag brachte ein neues Wunder. Ein extra für diese Gelegenheit gebautes Schiff, das wie eine Residenz mit Sälen, Kammern, Kaminen und einem königlichen Bett ausgestattet war, trug die höfische Gesellschaft den Fluß hinunter zum neuen Louvre-Palast. Der Kaiser war sichtlich beeindruckt. Karl V. zeigte ihm die Umbauten, durch die er die alte Festung in einen »wahrhaft königlichen Palast« umgewandelt hatte. Nach dem Essen wurden die Fakultätsmitglieder der Universität dem Kaiser vorgestellt, der eine formelle Ansprache des Universitätskanzlers auf Latein beantwortete.

Karls eigentliche Absicht, die Rechtfertigung seiner Sache gegen England, wurde am folgenden Tag in einer Staatsversammlung, an der fünfzig Köpfe des kaiserlichen Gefolges und etwa ebenso viele führende französische Persönlichkeiten teilnahmen, verwirklicht. Der Chronist schreibt, der König sei »durch die Lügen, die die Engländer in Deutschland verbreiteten«, zu einer Richtigstellung veranlaßt worden, aber im Grunde war Karl wohl ständig auf der Suche nach rechtlicher Absicherung. Er breitete vor seinem Onkel, den er vielleicht als eine Art Vaterfigur ansah, die Konzessionen aus, die er um des Friedens willen angeboten hatte, und bat ihn zu urteilen, ob sie ausreichend gewesen seien.

Karl V. sprach zwei Stunden lang, er führte den Konflikt durch die Jahrhunderte auf seine Wurzeln zurück, von Eleanore von Aquitanien bis zum Vertrag von Brétigny, und legte die komplizierten legalistischen Fragen dar, durch die der Vertrag für nichtig erklärt worden und der Krieg 1369 erneut ausgebrochen war. Wenn die Rede eine tour de force legaler und historischer Argumentation war, so wurde die Antwort des Kaisers zu einem Meisterstück der kunstvollen Formulierung. Er sprach von Treue und Verwandtschaft, der Tiefe seiner und seines Sohnes Verehrung für den König, erklärte sich für berechtigt, als Verteidiger der Ehre des Königs angesehen zu werden, glaubte tatsächlich, daß man von einer »Allianz« zwischen ihnen beiden sprechen [285]konnte. Dennoch, bei genauerer Untersuchung wird die Substanz seiner Ansprache eher schattenhaft. Wenn schließlich die Rede – und der gesamte Besuch – auch keine Allianz hervorbrachte, so war vielleicht die imposante verbale Wirkung bereits ein befriedigendes Ergebnis für Karl von Frankreich.

Der Kaiser reiste über Reims zurück und wurde von Coucy bis an die Grenze des Königreichs geleitet. Er starb kurze Zeit später, im November 1378 – ein Tod, der unter Umständen durch die zeremoniellen Anstrengungen in Frankreich beschleunigt worden war.

Der denkwürdige Besuch, wenn auch ohne praktische Wirkung, ehrte und erhöhte die französische Krone. Auch wenn die Macht des Königtums undefiniert und die Befugnisse des Kronrats unklar waren, Karls Bewußtsein seiner Rolle war unerschütterlich: Der Wille des Königs allein entschied über das Schicksal des Königtums. Aber der Herrscher stand nicht über dem Gesetz; es war vielmehr seine Pflicht, dem Gesetz Geltung zu verschaffen, denn Gott versagte den Tyrannen Eingang ins Paradies. In der Theorie leitete der König seine Legitimation aus der Zustimmung der Regierten her, wie Johann Gerson, der große Theologe, dem Nachfolger Karls darlegen sollte. Karl wußte nur zu genau, daß der Kult der Monarchie Voraussetzung für die Zustimmung der Untertanen war, und er gab diesem Kult bewußt jeden denkbaren Glanz. Karl V. war zugleich der erste Herrscher, der bewies, daß die Herrschaft »aus den Kabinetten heraus« ausgeübt werden konnte und nicht auf die persönliche Führung auf dem Schlachtfeld angewiesen war.


Auch im strahlenden Zenit von 1378 war Frankreich nicht frei von Schwierigkeiten. Krieg herrschte wieder in der Bretagne und in der Normandie; Karl von Navarra, nach zwanzig Jahren noch immer giftig wie je, hatte sich wiederum in einer gefährlichen Allianz mit den Engländern verbunden. Ketzerei und Hexerei breiteten sich aus, Ausdruck von Bedürfnissen, die die Kirche unbefriedigt ließ.

Trotz ihrer immer beherrschenden Stellung gab es niemals eine Zeit, in der die Kirche sich nicht irgendeiner Form des Abweichlertums zu erwehren gehabt hätte. In dem unheilbeladenen 14. Jahrhundert, als Gott den Menschen feindlich gesonnen schien oder zumindest verborgen hinter der kirchlichen Besitzgier, war die Sehnsucht nach Gottesnähe größer denn je, und zugleich waren seine Vertreter weniger denn je geeignet, sie zu befriedigen. Eine Kirche, die sich vorrangig damit befaßte, in der Lombardei Krieg zu führen, ihre Einkünfte in Avignon zu zählen und um ihre weltliche Macht zu kämpfen, war den geistlichen Bedürfnissen der Völker sehr fern. Die Ordensbewegungen waren der letzte Versuch einer Reform von innen gewesen, und als auch sie der Versuchung des Reichtums und der Macht erlagen, suchten die Sucher nach spiritueller Tröstung diese zunehmend außerhalb der Kirche in den mystischen Sekten.

[286]Die Anhänger der Sekten waren nicht die einzigen, die sich in dieser apokalyptischen Zeit irrationalen Konzepten verschrieben. Unter dem Eindruck böser und unerklärlicher Ereignisse wandten sich viele überreizte Köpfe der Magie und dem Übernatürlichen zu. Der Inquisitor von Frankreich wandte sich 1374 mit der Frage, ob er die Zauberei verfolgen solle, an den Papst, und Gregor XI. autorisierte ihn, Zauberer und Hexen energisch zu bekämpfen. Seit dem frühen 14. Jahrhundert hatte sich das Papsttum in immer schärferer Form gegen den wachsenden Einfluß der Magie gestellt, besonders unter der aktivistischen Herrschaft Johannes' XXII. In einer Reihe von Bullen in den 1320er Jahren hatte Papst Johannes die Zauberer mit Ketzern gleichgesetzt und ihre Bestrafung autorisiert, weil sie »einen Pakt mit der Hölle« geschlossen hätten. Er befahl, ihre Bücher über magische Praktiken beschlagnahmen und verbrennen zu lassen. Trotz seiner Anweisungen gab es nur wenige Fälle von Verfolgung bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als die Zauberei und ihre Verbindungen zur Dämonologie verschärft bekämpft und unterdrückt wurden. 1366 verabschiedete das Konzil von Chartres einen Erlaß, der vorsah, daß ein Bannfluch gegen die Zauberer jeden Sonntag von jeder Gemeindekanzel verkündet werden sollte.

Die Dämonologie und die Schwarzen Künste waren das Gegenteil von Ketzerei, nicht frommer als die Kirche, sondern jeder Frömmigkeit fern, Versuche, Verbindung mit dem Teufel, nicht Gott, aufzunehmen. In die Riten Eingeweihte beteten Luzifer an, von dem erwartet wurde, daß er zusammen mit den anderen gefallenen Engeln den Himmel zurückerobern würde, während der Erzengel Michael und sein Gefolge ihren Platz in der Hölle einnehmen würden. Ein Pakt mit dem Teufel bot Vergnügen ohne Buße, Genuß der Sexualität, des Reichtums und die Erfüllung irdischen Ehrgeizes. Wenn der Preis ewiges Höllenfeuer war, so war das etwas, was viele ohnedies nach dem Jüngsten Gericht für sich erwarteten. Die Dämonologie war ein altes, unausrottbares menschliches Phänomen, aber insoweit sie eine alternative Antwort bot, wurde sie von der Kirche als gefährlich angesehen.

Das eigentliche Problem war, zwischen diabolischen und rechtmäßigen magischen Kräften zu unterscheiden. Angesehene Zauberer behaupteten, daß ihre Wachspuppen dadurch Macht gewännen, daß die getauft und exorziert waren, daß ihre Mysterien durch das Zelebrieren der Messe geheiligt würden, daß Gott beschworen wurde, um den Gehorsam der Dämonen zu erzwingen – daß tatsächlich Gott ihre Kunst begünstigte, was durch ihre Erfolge bewiesen sei. Die Zauberei bot ihre Heilmittel in allen Fällen an, und sei es nur zur Läuterung eines untreuen Liebhabers oder zur Kurierung einer kranken Kuh. Erst als der Horizont des 14. Jahrhunderts sich verdunkelte, wurden Magie und Hexerei allgemein als ein Pakt mit dem Satan angesehen.

Frauen wandten sich der Hexerei aus dem gleichen Grunde zu, der sie in den Mystizismus trieb. In Paris wurde 1390 eine Frau vor Gericht gestellt, weil [287]sie sich angeblich an dem Liebhaber, der sie sitzenließ, gerächt hatte, indem sie ihm durch die magischen Kräfte einer anderen Frau die Potenz nahm. Beide Frauen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im folgenden Jahr wurden zwei weitere Frauen der Anklage der maleficiam oder Missetat überführt. Da Geständnisse in Hexenprozessen durch die Folter erpreßt wurden, spiegeln die Anklagepunkte meist eher die diabolischen Vorstellungen der Verfolger als die der Verfolgten wider. Weil überdies die Angeklagten häufig Fanatiker, Verrückte oder gestörte Menschen waren, übernahmen sie auch bereitwillig die Vorstellungen, die ihnen nahegelegt wurden. Sie gaben zu, mit den Dämonen verkehrt und aus Lust oder Rache einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Sie beichteten diabolische Riten und Flüge durch die Nacht, Kopulationen mit dem Teufel in Gestalt einer riesigen schwarzen Katze oder Ziege mit glühenden Augen oder eines gewaltigen Mannes mit schwarzer Haut, einem enormen Phallus und Augen wie brennenden Kohlen. Der Teufel wurde als heidnischer Satyr geschildert mit Hörnern und Hufen, spitzen Zähnen und Klauen, schwefligem Gestank und manchmal auch mit Eselohren. Der Volksmythos entwickelte sich mindestens ebensosehr aus den Vorstellungen der Verfolger wie aus den Halluzinationen der Angeklagten, und zusammen legten die beiden Parteien die Grundlage für das Wüten gegen die Hexerei, das im nächsten Jahrhundert ausbrechen sollte.

Die klare Stimme des gesunden Menschenverstandes sprach aus Nicolas Oresme, dem königlichen Berater der Philosophie, der sowohl die Astrologie als auch die Hexerei verachtete. Obwohl ein Bischof, war Oresme ein naturwissenschaftlicher Kopf, ein Mathematiker und Astronom, überdies der Übersetzer von Aristoteles' Politik und Ethik. Eines seiner Bücher begann mit den Worten: »Die Erde ist rund wie ein Ball«, und er postulierte auch die Rotation der Erde. Er bestritt die magischen Kräfte der Zauberer und leugnete, daß sie in der Lage seien, Dämonen zu beschwören, obwohl er die Existenz der Dämonen selbst nicht ausschloß. Nicht alle Dinge, schrieb er, seien durch natürliche Vorgänge zu erklären; einige Wunder oder unerklärliche Schicksalswendungen mußten das Werk von Engeln oder Dämonen sein, aber er zog es vor, nach natürlichen und rationalen Ursachen zu suchen. Magier, betonte er, benutzten gewöhnlich Hilfsmittel, um Illusionen zu begünstigen – Dunkelheit, Spiegel, Drogen oder Gase und Dämpfe, die Visionen wecken konnten. Die Grundlage von visuellen Täuschungen war ein anomaler Gemütszustand, der durch Fasten oder erschreckende Phänomene hervorgerufen werden konnte. Als ein Mann, der seiner Zeit weit voraus war, wies Oresme darauf hin, daß die Quelle von Visionen und Dämonen die Krankheit der Melancholie sein konnte. Er betonte auch, daß die Evidenz für das Wirken der Hexerei von Geständnissen unter der Folter abgeleitet war und daß viele Wunder von der Geistlichkeit vorgetäuscht würden, um die Kollekte in ihren Kirchen zu erhöhen.

[288]Die Rolle Oresmes am Hofe beweist die Schwäche jeder Verallgemeinerung. Er wurde von demselben König hoch geschätzt, in dessen Diensten der Astrologe Thomas von Pisano Wachspuppen herstellte, um die Engländer zu vernichten.

Der wissenschaftliche Geist konnte das weitverbreitete Gefühl, daß die Zeit unter einem schlechten Stern stand, nicht vertreiben. Als das Jahrhundert in sein letztes Viertel trat, wurde die Realität von Dämonen und Hexen zu einem allgemeinen Glaubenssatz. Die theologische Fakultät der Universität von Paris erklärte in einem feierlichen Konklave am Ende des Jahrhunderts, daß uralte Irrtümer und Mißstände, die fast schon vergessen gewesen waren, mit neuer Kraft auferstanden seien und die Gesellschaft vergifteten. Die Professoren entwarfen ein Thesenpapier von achtundzwanzig Artikeln, in dem sie nicht die Wirksamkeit der Schwarzen Magie, wohl aber deren Legitimität bestritten. Mit nicht weniger Nachdruck wandten sie sich gegen die Ungläubigkeit jener, die die Realität und die Macht der Dämonen bezweifelten.

Das Unorthodoxe machte wie immer unverhältnismäßig viel Lärm. Ketzerei und Hexerei, obwohl von wachsender Bedeutung, waren nicht die Norm. Die wirkliche Gefahr für die Kirche kam im Jahre 1378 von innen.

 

[289]

Kapitel 16
Das päpstliche Schisma

In Italien war der Krieg um die Herrschaft in den päpstlichen Staaten 1375 erneut ausgebrochen. Während der kurzen Zeit des Friedens war der Haß der Italiener auf die Söldner des Papsttums und die französischen Legaten nicht abgeklungen, sondern gewachsen. Die Stellvertreter des französischen Papstes herrschten mit der Verachtung kolonialer Gouverneure für die Eingeborenen. Als der Neffe des Abtes von Montmayeur, des päpstlichen Legaten in Perugia, sich durch die Begierde zur Frau eines perugischen Edelmannes dazu verleiten ließ, in ihr Zimmer einzubrechen, um sie sich mit Gewalt gefügig zu machen, stürzte die Dame, als sie durch das Fenster in das benachbarte Haus fliehen wollte, auf die Straße und starb. Einer Delegation wutentbrannter Bürger, die die Bestrafung seines Neffen forderten, antwortete der Abt gleichgültig: »Quoi donc! [Was denn!] Habt ihr angenommen, alle Franzosen seien Eunuchen?« Die Geschichte verbreitete sich von Stadt zu Stadt und ließ die Wut anschwellen, zu deren Vollstrecker Florenz sich berufen fühlte.

Die Florentiner empfanden die Existenz eines starken päpstlichen Staates an ihren Grenzen als Bedrohung, eine Angst, die noch durch eine Invasion Hawkwoods in die Toskana intensiviert wurde. Gezwungen, ihn zu dem unglaublichen Preis von 130 000 Florins abzufinden, glaubten die Florentiner, daß er vom Papst zu diesem Angriff ermutigt worden sei. Der Antipapismus durchdrang nun die florentinische Polititk in den Formen der andauernden Fehde von Guelfen und Ghibellinen.

Bis dahin hatte der Haß des Volkes auf die papistische Partei, die von den Guelfen repräsentiert wurde, noch nicht zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Kirche geführt. Als aber während einer Hungersnot in den Jahren 1374 und 1375 die päpstlichen Legaten den Export von Getreide aus den Kirchenstaaten nach Florenz untersagten, kam es zu offenen Kriegshandlungen. Unter der Losung Libertas, die in goldenen Lettern in ein rotes Banner gewebt war, organisierte Florenz einen Aufstand der päpstlichen Staaten und gründete eine Liga gegen das Papsttum, der Mailand, Bologna, Perugia, Pisa, Lucca, Genua und verschiedene kleine Potentaten beitraten, die territoriale Ansprüche an die Kirchenstaaten hatten.

Einem Chronisten schien es, »als stünden diese Zeiten im Zeichen eines Planeten, der Streit und Unfrieden hervorbringt«. In deinem Augustinerkloster in der Nähe von Siena, berichtete er, »ermordeten die Mönche ihren Prior mit [290]dem Messer«, und in einer benachbarten Abtei wurden nach inneren Streitigkeiten und Kämpfen »sechs Brüder hinausgewiesen«. »Auch unter Verwandten war es nicht besser…Die ganze Welt war in Kämpfe verstrickt. In Siena gab es niemanden, der sein Wort hielt, das Volk stritt mit seinen Führern und stimmte niemandem zu, und die ganze Welt war wahrlich ein Tal der Schatten.«

Die Revolte brachte den Mann in den Vordergrund, der zum Katalysator einer neuen Katastrophe werden sollte. Robert von Genf, der Legat des Papstes in Italien, war ein Kardinal von 34 Jahren, der vor keiner Gewalttat zurückschreckte, um die Kontrolle über die Patrimonie des Papstes zurückzugewinnen. Als Bruder des Grafen von Genf, Nachkomme Ludwigs VII. und Vetter Karls V. teilte er die Hemmungslosigkeit, die für so viele Fürsten seiner Zeit charakteristisch war. Er war lahm und schielte und wurde entweder als untersetzt und fett oder als wohlgeformt und schön beschrieben, je nach Parteizugehörigkeit des Chronisten in dem kommenden Schisma. Imponierend und autokratisch im Auftreten, mit tiefer Stimme, redegewandt und kultiviert, fließend in verschiedenen Sprachen, war er ein raffinierter Führer, der seine Männer zu behandeln wußte.

Um die päpstlichen Staaten zurückzuerobern, überredete er Gregor XI., die Bretonen, die berüchtigtsten der Kompanien, anzuheuern, auch um sie der Umgebung von Avignon fernzuhalten. Sie überschritten die Alpen, marschierten im Mai 1376 in die Lombardei ein und begannen mit von dem Kardinalslegaten geweihten Schwertern in Italien Schrecken zu verbreiten. Es gelang ihnen indessen nicht, den Eckstein der päpstlichen Staaten, Bologna, einzunehmen, und sie erlitten im Kampf mit den Florentinern zum Zorn ihres Auftraggebers mehrere Niederlagen. In der rasenden Wut eines gescheiterten Eroberers entschloß sich der Kardinal Robert, ein Exempel zu statuieren, und fand die Gelegenheit dazu in Cesena, einer Stadt nahe der Ostküste zwischen Ravenna und Rimini. Als die Bretonen, die dort einquartiert waren, Lebensmittel ohne Bezahlung requirierten, provozierten sie einen bewaffneten Aufstand der Bürger. Der Kardinal Robert schwor den Cesenern bei seinem Kardinalshut Milde zu, wenn sie die Waffen niederlegten. Er gewann ihr Vertrauen, als er fünfzig Geiseln forderte, sie bekam, aber sofort als Zeichen seines guten Willens wieder freiließ. Dann rief er seine Söldner, darunter auch Hawkwood, aus einer nahe gelegenen Stadt zusammen und befahl ein allgemeines Massaker, um »Gerechtigkeit zu üben«. Als er dabei auf den Widerspruch seiner eigenen Leute stieß, rief er »Sangue et sangue« (Blut und nochmals Blut) und bestand auf seinem Befehl.

Seine Männer gehorchten schließlich. Drei Tage und drei Nächte lang, während die Stadttore geschlossen blieben, schlachteten die Soldaten alles ab, was sich bewegte. »Alle Plätze der Stadt lagen voller Leichen.« In dem Versuch, zu entkommen, ertranken Hunderte in den Gräben vor den Mauern, [291]von unbarmherzigen Schwertern immer wieder in das Wasser zurückgetrieben, Frauen wurden vergewaltigt, Kinder gefangengenommen, um Lösegeld zu erpressen, Plünderei folgte dem Morden, Kunstwerke wurden zerstört, »und was sie nicht forttragen konnten, verbrannten, verdarben oder verwüsteten sie«. Die Zahl der Toten lag zwischen zweitausendfünfhundert und fünftausend. Aus der geplünderten Stadt flohen achttausend nach Rimini und bettelten dort um Almosen. Noch eine Generation später erschreckte der große Prediger Bernhard von Siena seine Zuhörerschaft mit dieser Geschichte des Grauens.

»Um nicht ganz und gar der Schande zu verfallen«, wie man sagte, schickte Hawkwood eintausend Frauen in die Sicherheit von Rimini und ermöglichte einigen Männern die Flucht. Man berichtete auch von ihm, daß er den Lösungsvorschlag Salomos in die Tat umgesetzt habe, indem er eine Nonne, um die zwei Soldaten stritten, in zwei Stücke gehauen habe. Im ganzen aber hatte er mehr Geschmack an Geld als am Töten und verließ kurz nach dem Massaker von Cesena die päpstliche Partei, die schlecht zahlte, um profitablere Arbeit im Sold von Florenz und Mailand zu verrichten. Um sich die Dienste des großen Söldners für immer zu sichern, gab Bernabó Visconti ihm eine seiner unehelichen Töchter zur Frau mit einer Aussteuer von 10 000 Florins. Die politischen Möglichkeiten eines Fürsten mit 36 Kindern waren weitreichend.

In seinen letzten zwei Jahrzehnten lebte Hawkwood in Reichtum als geachteter Mann; die Signoria ernannte ihn zum Hauptmann von Florenz und bezahlte ihn für seine Dienste, andere Städte Mittelitaliens dafür, daß er sie verschonte. Er hinterließ Italien das Beispiel eines erfolgreichen Gewalttäters, das andere condottieri inspirierte – Jacopo del Verme, Malatesta, Colleoni, Sforza – Italiener, die nun die ausländischen Hauptleute ersetzten.

Robert von Genf, der für Italien der »Mann des Blutes« und »der Schlachter von Cesena« hieß, machte nie den Versuch, seine Aktion zu entschuldigen. Soweit es ihn betraf, waren die Bürger Rebellen wie die von Limoges für den Schwarzen Prinzen. Sein Rückgriff auf den Terror, der ganz Italien erschütterte, war dem Ansehen der Kirche nicht sehr hilfreich. »Die Menschen glauben nicht mehr an den Papst oder die Kardinäle«, schrieb ein Chronist aus Bologna über das Massaker, »denn diese Dinge erdrücken den Glauben.«

Inzwischen hatte der Papst Florenz exkommuniziert und forderte die anderen Städte auf, sich auf Kosten der vogelfreien Stadt zu bereichern. Ihre Handelskarawanen durften ergriffen, Schulden brauchten nicht entrichtet zu werden, und Handelspartner waren nicht länger verpflichtet, die Verträge einzuhalten. Florenz schlug zurück, indem es das kirchliche Eigentum einzog und die örtliche Geistlichkeit zwang, die Kirchen trotz des Banns offenzuhalten. Das Volk war so aufgebracht, daß das Komitee der acht, das die Stadt führte, die »Acht Heiligen« genannt und der Krieg mit dem Papsttum in Italien als der Krieg der Acht Heiligen bekannt wurde.

[292]Aber beide Seiten waren nicht in der Lage, den Krieg lange aufrechtzuerhalten. Der Bannfluch hatte nicht nur drastische Folgen für die Wirtschaft von Florenz, er spaltete auch die Liga. Die vielfachen Rivalitäten der italienischen Städte über längere Zeit zu unterdrücken, um eine Einheit zu schaffen, war nicht möglich. Ebenso unmöglich war es für das Papsttum, von Avignon aus die Kontrolle über die päpstlichen Staaten aufrechtzuerhalten. Eine neue Gefahr für den Papst drohte, als Florenz versuchte, Rom in die Liga zu ziehen. Es war für Gregor XI. ebenso unübersehbar wie für seinen Vorgänger, daß die politische Notwendigkeit das Papsttum in seine Heimat Rom zurückrief. Eine mahnende Stimme an seinem Ellbogen fügte diesem Ruf ihre moralische Kraft hinzu.


Seit Juni 1376 hielt sich Katharina von Siena in Avignon auf und ermahnte den Papst unablässig, als Zeichen für die Reform der Kirche nach Rom zurückzukehren. Schon im Alter von 29 Jahren hatte sie ein Gefolge, das sie glühend verehrte; ihre Visionen und Trancezustände wurden ehrfürchtig bewundert. Sie behauptete, in einem Ekstasezustand nach dem Abendmahl die Stigmata der fünf Wunden Christi an den Händen, Füßen und am Herzen empfangen zu haben. Während diese nur ihr selbst sichtbar blieben, wuchs ihr Ruf in Florenz derart an, daß die Stadt sie als Gesandte zu Verhandlungen mit dem Papst um eine Aufhebung des Banns schickte. Katharina selbst aber sah ihre Mission weit umfassender, sie wollte zum Apostel der Menschheit werden und die Läuterung und Erneuerung der Kirche ins Werk setzen. Ihre Autorität leitete sie aus der Stimme Gottes ab, die, wie sie beanspruchte, direkt zu ihr sprach und deren Aussagen sie in den Dialogen, die sie ihrem Sekretärsjünger diktierte, festhielt: »Gegeben persönlich von Gott dem Vater, der zum Geist der glorreichsten und heiligsten Jungfrau, Katharina von Siena, spricht…während sie in Trance liegt und wahrhaftig hört, was Gott in ihr gesprochen hat.«

Die Ekstasen der mystischen Einheit waren für Katharina ebenso real wie für viele andere Frauen, die der Ehe auswichen, indem sie sich einem religiösen Leben verschrieben. Christus bezeugte ihre Verlobung mit ihm, schrieb Katharina, »nicht mit einem silbernen Ring, sondern mit einem Ring seines heiligen Fleisches, denn als er beschnitten wurde, nahm man genau einen solchen Ring seinem heiligen Körper ab«. Eine Dominikanerschwester lehrte sie lesen, als sie zwanzig war, und Katharina las immer wieder das Hohe Lied Salomos und wiederholte in ihren Gebeten den Seufzer der Braut: »Möge er mich küssen mit einem Kuß seines Mundes.« Sie wurde belohnt, als Christus ihr erschien und ihr einen Kuß schenkte, der »sie mit unsagbarer Süße erfüllte«. Nach langen Gebeten um den »vollkommenen Glauben« nahm Jesus sie zur Braut, und die beiden wurden in einer Zeremonie vereinigt, die die heilige Mutter Gottes vollzog und an der der heilige Johannes, der heilige Paulus und [293]der heilige Dominikus bei untermalender Musik von Davids Harfe teilnahmen.

Als ein drittgradiges oder nicht an den Konvent gebundenes Mitglied des Dominikanerordens warf sich Katharina auf die Pflege der leidenden Menschheit, suchte die Gefangenen in den Kerkern auf, die Armen und die Kranken, kümmerte sich um die Seuchenopfer von 1374. Zwei ihrer Pflegekinder, acht ihrer Nichten und Neffen starben in dieser Epidemie. In einem extremen Moment der Hingabe saugte sie mit den Lippen den Eiter aus einem Krebsgeschwür eines Krankenhauspatienten, so als wollte sie den direkten Kontakt mit den Wunden Christi, den die Mystiker als die Quelle spiritueller Erfahrung feierten, nachvollziehen.

Nach den Worten des deutschen Mystikers Johannes Tauler, der ein Zeitgenosse Katharinas war, sollte der Gläubige »seinen Mund an die Wunden des Gekreuzigten drücken«. Das Blut, das aus diesen Wunden floß, den Wunden der Dornen, der Geißelung, wurde für die religiösen Eiferer zur Besessenheit. Es war gleichbedeutend mit der Erlösung, dieses Blut zu trinken, die Seele mit ihm zu waschen. Tauler verharrte in Gedanken so lange und so ausführlich bei diesem Gegenstand, daß er schließlich glaubte, er sei beim Leiden Christi zugegen gewesen. Er berechnete die Zahl der Geißelschläge und glaubte zu wissen, daß Jesus so fest an eine Säule gebunden gewesen war, daß das Blut unter seinen Fingernägeln herausgedrückt wurde; daß er zunächst auf den Rücken und dann auf die Brust geschlagen wurde, bis er nur noch eine einzige Wunde war. Die heilige Birgitta sah in ihren Offenbarungen seine blutigen Fußabdrücke und daß, als ihm die Dornenkrone aufs Haupt gedrückt wurde, »seine Augen, seine Ohren, sein Bart voller Blut waren; sein Kinn war ausgerenkt, sein Mund offen, seine Zunge angeschwollen vor Blut. Sein Bauch war so weit eingezogen, daß er das Rückgrat berührte, so als hätte er keine Eingeweide mehr.« Katharina selbst sprach kaum jemals von Christus, ihrem Bräutigam, ohne das Blut zu erwähnen – »das Blut des Lamms«, »die Schlüssel des Blutes«, »das mit ewiger Göttlichkeit erfüllte Blut«, »ich trinke das Herzblut Jesu«. Blut war in jedem Satz; Blut und süß ihre Lieblingswörter.

Ihr Einfluß auf die Großen der Welt entsprang ihrer absoluten Gewißheit, daß der Wille Gottes und ihr Wille eins seien. »Tut Gottes Willen und meinen!« befahl sie Karl V. in einem Brief, in dem sie ihn zum Kreuzzug aufforderte. Und dem Papst schrieb sie in gleichem Ton: »Ich verlange…, daß Ihr aufbrecht, die Heiden zu bekämpfen!« Neben der Reform der Kirche war »die heilige, süße Kreuzfahrt« ihr größtes, unablässig wiederholtes Anliegen. Während Katharina für Frieden im Abendland plädierte (»Wehe, wehe, wehe, Friede, Friede, um Gottes willen…«), flehte sie alle Mächtigen nicht weniger eindringlich an, die Ungläubigen mit Krieg zu überziehen. »Seid ein Mann, Vater, erhebt Euch!…Keine Nachlässigkeiten!« stachelte sie den [294]Papst an. Auch Hawkwood ermahnte sie, sich gegen die Feinde Christi zu wenden, statt Italien in Elend und Ruin zu stürzen. In einem Brief, der an »Messer Giovanni condottiere« adressiert war, schrieb sie: »Daher bitte ich Euch süß, da Ihr Euer Entzücken an Krieg und Kampf findet, führt keinen Krieg mehr gegen Christen, denn das beleidigt Gott.« Statt dessen, sagte sie ihm, sollte er gegen die Türken ziehen, damit »Ihr nicht länger ein Knecht und Soldat des Teufels, sondern ein männlicher und wahrer Ritter werdet«.

All das Leiden unter den »wütenden Wölfen« ihrer Zeit und die ganze Sehnsucht nach kirchlicher Reform sprach aus ihren Briefen. Ihre Appelle trugen sicher dazu bei, Gregor XI. die Kraft zu geben, dem Druck des französischen Königs zu widerstehen und sich gegen die Kardinäle durchzusetzen, die in Avignon bleiben wollten. Karl V. sagte, daß »Rom sei, wo immer der Papst sich gerade aufhielte«, und entsandte seine Brüder, die Herzöge von Anjou und Burgund, um den Papst zum Verbleib in Avignon zu überreden. Zugleich sprachen sich die Kardinäle dagegen aus, in einem historischen Augenblick nach Rom zu gehen, in dem die Könige von Frankreich und England, die »so lange in einem Krieg zerfallen waren, der die Welt zerstört«, Friedensverhandlungen führten, die der Hilfe der Kirche bedurften. Gregor blieb ungerührt. Trotz dunkler Vorahnungen glaubte er fest daran, daß nur seine Gegenwart Rom dem Papsttum erhalten würde, und als die Ewige Stadt ihre Unterwerfung versprach, falls er zurückkehren sollte, konnte er den Umzug nicht länger hinausschieben.

Entgegen allen Hoffnungen, die sich an seine französische Abstammung und seine schlechte Gesundheit geklammert hatten, reiste er im September 1376 trotz eines schrecklichen Sturms mit seinen Schiffen ab. Noch im letzten Augenblick hatte sich sein greiser Vater, der Graf Guillaume de Beaufort, in der ungehemmten Emotionalität des Mittelalters vor seinem Sohn auf den Boden geworfen, um ihn anzuflehen zu bleiben. Gregor trat über seinen Vater hinweg und zitierte wenig liebevoll aus den Psalmen: »Es steht geschrieben, daß ihr auf die Natter treten und den Basilisken niedertreten sollt.«

Durch die Unsicherheit der Gegend um Rom zu vielen Umwegen gezwungen, erreichte er die Ewige Stadt erst im Januar 1377 und starb bereits fünfzehn Monate später, im März 1378. In der Zwischenzeit hatte er sich ebenso erfolglos wie sein Vorgänger, Urban V., an dem Chaos der italienischen Politik abgearbeitet. Von Schwierigkeiten zermürbt, hatte er den ständigen Forderungen der Kardinäle, nach Avignon zurückzukehren, angeblich noch vor seinem Tode zugestimmt, aber dann, da er den kommenden Tod spürte, das Ende in Rom abgewartet, damit die Wahl des neuen Papstes dort stattfände, wo sie hingehörte. Seine achtbaren Intentionen beschleunigten aber jene Krise, die die mittelalterliche Kirche hoffnungslos schädigen sollte.


Das Schisma hatte mit dem Dogma oder religiösen Streitfragen nichts zu tun. Sechzehn Kardinäle waren in Rom für das Konklave zusammengekommen, ein Spanier, vier Italiener und elf Franzosen, die auf zwei einander befehdende Fraktionen verteilt waren, die Limousins und die Gallikaner. Da keine der beiden Parteiungen bereit war, den Kandidaten der anderen zu akzeptieren, entstand ein hektisches Gerangel um die Stimmen, in dem Robert von Genf, der Führer der Gallikaner, schon vor dem Tod Gregors aktiv wurde. Als sich zeigte, daß für niemanden unter den versammelten Kardinälen eine Zweidrittelmehrheit zustande kam, suchte man nach einem Außenseiter, einem Kompromißkandidaten, der von beiden Parteien akzeptiert werden konnte. Man glaubte ihn in Bartolomeo Prignano, dem Erzbischof von Bari, gefunden zu haben, einem Neapolitaner niedriger Geburt, klein, kräftig, dunkel, pflichtgetreu und anscheinend sehr bescheiden. Obwohl er als ein scharfer Gegner der Korruption und der Simonie bekannt war und das auffahrende Temperament des Süditalieners besaß, gingen die Kardinäle davon aus, daß er als ein Mann geringeren gesellschaftlichen Standes von ihnen leicht zu leiten sein würde – vor allem in der Frage der ersehnten Rückkehr nach Avignon.

Sofort nach Gregors Tod entsandten die Bürger Roms, die nun endlich die Chance sahen, die Herrschaft der französischen Päpste zu beenden, eine Deputation vornehmer Bürger in den Vatikan, um die Wahl »eines verdienten Mannes italienischer Nation« anzumahnen. Dem Kollegium gehörten zwei Römer an, aber Kardinal Tebaldeschi, »ein guter heiliger Mann«, war alt und schwach, und Kardinal Orsini wurde als zu jung und unerfahren angesehen. Überdies wurden beide von ihren Kollegen, eben weil sie Römer waren, als Papst nicht gewünscht.

Den französischen Kardinälen war klar, daß unter diesen Umständen Auseinandersetzungen nicht zu vermeiden waren, und sie ließen ihre Haushalte einschließlich ihres Geldes, ihrer Juwelen, Bücher und auch Waffen zusammen mit der päpstlichen Schatzkammer in die Engelsburg schaffen. Die Stadt Rom forderten sie auf, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, um sie gegen öffentliche Unordnung, Beleidigungen und Gewalt zu schützen. Um sicherzugehen, trug der Kardinal Robert von Genf ein Kettenhemd, und der Spanier Pedro de Luna diktierte seinen Letzten Willen. Da die Kardinäle sich nicht darauf verpflichten ließen, einen Römer zum Papst zu wählen, verbreiteten sich Gerüchte, daß ein von den Franzosen beherrschter Papst die Rückkehr nach Avignon bedeutete. In der Stadt brachen Unruhen aus, und drohende Volksmengen sammelten sich, als die Kardinäle, umgeben von »vielen starken Soldaten und kriegerischen Edelleuten«, in den Vatikan gingen, um am Konklave teilzunehmen. Unter den Fenstern heulte das Volk: »Romano lo volemo! (Wir wollen einen Römer!)« Die gespenstische Vision des Todes von Cola di Rienzi und Jakob van Artevelde, beide vom Mob gelyncht, muß den Kardinälen vor Augen gestanden haben.

[296]In Todesangst ersannen sie eine List, kleideten den zitternden alten Kardinal Tebaldeschi unter seinen lauten Protesten in die Mitra und den Vespermantel und stellten ihn auf dem Thron zur Schau – lange genug, um seinen Kollegen die Flucht aus dem Vatikan in befestigte Burgen außerhalb der Stadt zu erlauben. Während die Glocken von St. Peter durch das Getümmel und die Zusammenstöße erklangen, verbreitete sich die Nachricht vom Täuschungsmanöver wie ein Lauffeuer in der Stadt. In neuen Sprechchören rief das Volk »Tod den Kardinälen«, Schwerter wurden gezogen, und Banden von Betrunkenen brachen in die Keller des Vatikans ein.

Am nächsten Tag, dem 9. April, verkündeten die Kardinäle die Wahl des Erzbischofs von Bari zum Papst Urban VI. und begleiteten ihn unter schwerer Bewachung durch die »wütenden Gesichter« der Menge hindurch auf dem traditionellen Ritt in den Lateranpalast. Die Nachricht von der Wahl und der Inthronisation wurde den sechs Kardinälen, die noch in Avignon verblieben waren, übermittelt – ohne irgendeinen Hinweis auf Umstände, die diese Wahl hätten irregulär erscheinen lassen. Im Gegenteil, in den ersten Wochen nach der Wahl nahmen die Kardinäle Urbans Pontifikat als gegeben hin und überschütteten ihn mit den üblichen Petitionen mit der Bitte um Benefizien und Beförderung ihrer Verwandten.

Die päpstliche Macht, die ihn über die hochgeborenen Kardinäle setzte, stieg Urban VI. sofort zu Kopfe. Aus einem demütigen, unauffälligen Geistlichen, der nicht im geringsten mit dieser Wahl gerechnet hatte, wurde über Nacht eine unversöhnliche Geißel der Simonie, weniger aus religiösem Eifer denn aus schlichtem Haß und Eifersucht auf Privilegien jeder Art. Er schalt die Kardinäle öffentlich wegen ihrer häufigen Abwesenheit, ihres Luxuslebens, ihrer Ausschweifungen und verbot ihnen, mehrfache Benefizien zu halten oder zu verkaufen, untersagte ihnen, Pensionen, Geldgeschenke und andere Gunsterweise aus weltlichen Quellen anzunehmen, wies den päpstlichen Schatzmeister an, ihnen nicht weiterhin die Hälfte der Einkünfte ihrer Benefizien auszuzahlen, sondern diese Gelder für die Instandsetzung der Kirchen von Rom zu benutzen. Schlimmer noch, er befahl den Kirchenfürsten, ihre Mahlzeiten auf einen Gang zu beschränken.

Er beschimpfte sie ohne Takt und Würde, sein Gesicht rot und seine Stimme heiser vor Wut. Er unterbrach sie mit groben Beleidigungen und Ausrufen wie »Müll!« und »Haltet den Mund!«. Er nannte Kardinal Orsini einen sotus (Schwachsinnigen) und drohte, den Kardinal von Limoges zu schlagen, wurde aber im letzten Augenblick von Robert von Genf unter dem Ausruf »Heiliger Vater, Heiliger Vater, was tut Ihr?« zurückgerissen. Er klagte den Kardinal von Amiens an, bei den Friedensverhandlungen zwischen England und Frankreich Geld von beiden Seiten angenommen und den Konflikt verlängert zu haben, um seine Börste zu füllen, worauf dieser Kardinal sich erhob und mit »unbeschreiblichem Hochmut Seine Heiligkeit einen Lügner nannte«.

[297]Von seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung fortgerissen, mischte sich Urban in die weltlichen Affären von Neapel ein, verkündete, das Königreich sei schlecht regiert, weil es von einer Frau, der Königin Johanna, beherrscht wurde, und drohte, sie in ein Nonnenkloster zu sperren, weil sie für Neapel als einem Lehen des Papstes keinen Tribut zahlte. Dieser sinnlose Streit, den er mit giftiger Erbitterung verfolgte, wurde zur Ausgangsbasis seiner Feinde.

Die Gefühle der Männer, die Urban erhoben hatten, können wohl kaum angemessen beschrieben werden. Einige meinten, daß das Fieber der Macht den Papst furiosus et melancholicus gemacht habe – kurz: verrückt. Wutausbrüche und Beleidigungen hätten sie vielleicht hingenommen, aber nicht den Eingriff in ihre Einkünfte und Privilegien. Als Urban sich glatt weigerte, nach Avignon zurückzukehren, war die Krise da. Die Kardinäle einigten sich auf die fatale Politik einer Absetzung des Papstes. Da es kein Mittel gab, einen Papst wegen mangelnder Eignung seines Amtes zu entheben, faßten sie den Plan, die Wahl als ungültig zu erklären, da sie unter dem Zwang drohender Volksgewalt gestanden habe. Ohne Frage war Urban im Zeichen des Terrors gewählt worden, aber ebenso eindeutig war es, daß die Kardinäle sich lange vorher auf diesen Kandidaten geeinigt hatten.

Die ersten Andeutungen, daß es sich um eine ungültige Wahl gehandelt habe, gingen im Juli 1378 um, und die Kardinäle sammelten durch den Herzog von Fondi, einen Adligen des Königreichs Neapel, militärische Unterstützung. Die Römer und ihre Truppen stellten sich hinter Urban, der durch seine Entscheidung, nicht nach Avignon zurückzugehen, ihre Unterstützung gewonnen hatte. Er verstärkte seine Position durch einen Friedensvertrag mit Florenz und hob zum Jubel des Volkes den Bann gegen die Stadt auf. Sein Botschafter, der mit einem Olivenzweig in Florenz einzog, machte das Papsttum zumindest dieses eine Mal dort populär. Die Kampflinien wurden immer deutlicher. Im Schutz einer Söldnertruppe von Bretonen unter Sylvestre Budes, der mit Coucy in der Schweiz gewesen war, verließen die Kardinäle Rom und zogen in die päpstliche Sommerresidenz Anagni. Dort gaben sie am 9. August eine »Erklärung an die ganze Christenheit« ab, in der sie die Ungültigkeit von Urbans Wahl proklamierten, weil sie in »Todesfurcht« und im Lärm von »aufrührerischen und schrecklichen Stimmen« vonstatten gegangen sei. Nachdem sie den Heiligen Stuhl für unbesetzt erklärt hatten, verwarfen sie schon im vorhinein das Schiedsgericht eines ökumenischen Konzils mit der Begründung, daß nur ein Papst ein Konzil einberufen konnte. In einem weiteren Manifest verfluchten sie Urban als »Antichrist, Teufel, Renegaten, Tyrannen, Betrüger und durch Gewalt Gewählten«.

Die Verstoßung eines Papstes war eine so schicksalhafte Handlung, daß es kaum möglich ist, sich vorzustellen, daß die Kardinäle mit einem Schisma rechneten. Vielmehr handelten sie wohl in dem Glauben, daß sie durch ihren geschlossenen Auszug aus der Kurie den Papst zur Abdankung zwingen oder [298]ihn im schlimmsten Fall mit Gewalt absetzen konnten. In einer ersten Kraftprobe hatte ihr militärischer Arm, Budes' Kompanie, bereits eine Streitmacht von römischen Gefolgsleuten des Papstes in einem Gefecht im Juli besiegt.

Zunächst versuchten die Kardinäle sich der Unterstützung durch Karl V. zu versichern. Alle Informationen, die dem König von Frankreich zugänglich waren, sprachen gegen Urban VI. und sein politisches Interesse ohne Zweifel ebenfalls. Er rief einen Rat von Prälaten und Doktoren des Rechts und der Theologie zusammen, der am 11. September die Abgesandten der Kardinäle anhörte. Nach zwei Tagen gründlicher Überlegungen legte der Rat dem König nahe, sich einer überstürzten Entscheidung zu enthalten, da der Fall »so hoch, gefährlich und zweifelhaft« sei. Wenn das ein Ausweichmanöver war, so war es doch auch ratsame Vorsicht, die Karl allerdings beiseite schob. Obwohl er nicht offen Stellung nahm, deuten spätere Entwicklungen darauf hin, daß er den Gesandten der Kardinäle seine Unterstützung zugesichert haben muß – der bedeutendste Fehler seiner politischen Laufbahn.

Nach weiteren legalistischen Vorbereitungen und einem Versuch, die Zustimmung der Universität von Paris zu gewinnen, der erfolglos blieb, zogen die Kardinäle nach Fondi im Königreich Neapel und wählten im Konklave des 20. September einen Papst aus ihrer Mitte. Da es ihnen vor allem darum ging, einen entschlossenen und tatkräftigen Mann an ihre Spitze zu stellen, trafen sie eine unglaubliche Wahl. Der Mann, der als Klemens VII. gewählt, inthronisiert und gekrönt wurde – dies alles an einem Tag –, war Robert von Genf, der »Schlachter von Cesena«.

Die Wahl eines Gegenpapstes mußte polarisierend wirken, und es hätte sicher im Interesse des Papsttums gelegen, einen Mann zu wählen, der den Italienern so akzeptabel wie möglich war. Einen Mann zu wählen, der in ganz Italien gefürchtet und verhaßt war, deutet auf eine Arroganz der Macht, die nicht weniger wahnsinnig war als das Benehmen Urbans. Vielleicht war das 14. Jahrhundert zu dieser Zeit einer Art kollektiven Wahnsinns verfallen. Wenn ein aufgeklärtes Eigeninteresse das Kriterium geistiger Gesundheit ist, dann war nach dem Urteil von Michelet »keine Epoche ihrer Natur nach wahnsinniger« als diese. Von Franzosen beherrscht, war das Kardinalskollegium den Gefühlen der Italiener gegenüber gleichgültig und fühlte sich von der Beschneidung seiner Einkünfte so bedroht, daß selbst die italienischen Kardinäle dieser Wahl stillschweigend zustimmten. Dies war das Endprodukt des päpstlichen Exils von Avignon. Nur ein tiefer Materialismus und Zynismus konnte einen Mann wie Robert von Genf auf den Stuhl Petri bringen. Die Klagen der Reformer hätten nicht vollkommener gerechtfertigt werden können.

»O unselige Männer!« schrie Katharina von Siena auf, »Ihr, die Ihr Euch an der Brust der Kirche nähren solltet, die Ihr wie Blumen in ihrem Garten sein solltet, süß duftend, die Ihr die Pfeiler sein solltet, den Vertreter Christi zu [299]stützen, die Lampen zur Erleuchtung der Welt und zur Verbreitung des Glaubens…Ihr, die Ihr Engel auf Erden wart, Ihr habt Euch den Wegen des Teufels zugewandt…Weshalb? Das Gift der Eigensucht zerstört die Welt.« Wenn ihre reiche Metaphorik auch gemischt war, so war ihre Ausdrucksweise ein Maßstab ihrer Ehrfurcht vor den Großen der Kirche und der Tiefe ihrer Enttäuschung. Mit dem gesunden Menschenverstand, der so oft aus ihren verbalen Rhapsodien hervorbrach, glaubte Katharina keinen Moment an das Argument der Kardinäle, sie hätten Urban VI. unter Zwang gewählt.

Weit entfernt davon, zurückzutreten, ernannte Urban innerhalb einer Woche ein völlig neues Kardinalskollegium und heuerte eine Söldnerkompanie unter einem der ersten italienischen condottieri, Alberigo da Barbiano, an. »Jetzt ist die Zeit für neue Märtyrer«, ermutigte ihn Katharina. »Ihr seid der erste, der sein Blut gegeben hat; wie groß ist die Frucht, die Ihr empfangen sollt!« Sie sollte anfangs recht behalten. In einer Schlacht gegen die Truppen seines Rivalen siegte Barbianos Kompanie. Sie eroberte die Engelsburg zurück und nahm die beiden feindlichen Hauptleute gefangen. Klemens VII. mußte fliehen und suchte Zuflucht bei Johanna von Neapel. Die Bevölkerung dort war aber so feindselig, daß unter den Rufen: »Tod dem Antichrist! Tod Klemens und seinen Kardinälen! Tod der Königin, wenn sie ihn schützt!«, Unruhen ausbrachen und er gezwungen war, das Land zu verlassen. Da es für ihn in Italien keine Sicherheit mehr gab, kehrte er mit seinen Kardinälen im April 1379 nach Avignon zurück.

Ein Papst und ein Kardinalskollegium in Rom und ein anderer Papst samt Kollegium in Avignon – das Schisma war zu schrecklicher Wirklichkeit geworden. Es war die vierte Geißel – nach Krieg, Seuche und den Briganten – eines gequälten Jahrhunderts. Seit der Wahl von Fondi war jeder Herrscher gezwungen, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden, oft mit der Folge, daß er mit der Geistlichkeit zerfiel oder die Geistlichkeit mit dem Volk. Karl V. erkannte im November 1378 Klemens offiziell an und gab eine Proklamation heraus, die es jedem, Geistlichen wie Laien, verbot, Urban VI. zu gehorchen. Er wies eine Schlichtung durch ein Konzil zurück, die die Universität von Paris angeregt hatte, weil er keine Lösung zulassen wollte, die den französischen Interessen zuwiderlief. Die Universität, tief betroffen, mußte sich fügen.

England blieb – in Opposition zu Frankreich und einem französischen Papst – Urban treu; Schottland ergriff natürlich daraufhin für Klemens Partei. Flandern, obwohl ein Lehen der französischen Krone, blieb urbanistisch, vor allem, weil der Graf von Flandern eine proenglische Politik verfolgte. Kaiser Karl IV. starb rechtzeitig, so daß ihm die Entscheidung erspart blieb, aber sein Sohn und Nachfolger Wenzel erklärte sich für Urban und zog den größten Teil des Kaiserreiches mit sich. Diese Entscheidung des neuen Kaisers, der sich Ungarn, Polen und Skandinavien anschlossen, war eine bittere Enttäuschung für Karl V., der geglaubt hatte, durch sein Vorbild andere Herrscher [300]beeinflussen zu können, was Urban isoliert und vielleicht zur Abdankung bewegt hätte.

Urbans Handlungen nach der Verstoßung durch die alten Kardinäle wurden noch wilder, irrationaler und unkontrollierter als vorher. Er exkommunizierte Johanna von Neapel, weil sie Klemens unterstützt hatte, und erklärte sie zugunsten eines ihrer vielen thronhungrigen Verwandten, Karl von Durazzo, für abgesetzt. Dadurch stürzte Urban das Papsttum in einen erbarmungslosen Konflikt. Er stritt mit Katharina von Siena über diesen Punkt, und als sie an selbstauferlegten Entbehrungen kurze Zeit später starb, verlor er die wärmste und ausdrucksstärkste Stimme, die für ihn gesprochen hatte. Er verschwendete Zeit und viel Energie auf die Förderung eines Taugenichts von einem Neffen, Francesco Prignano, und als Karl von Durazzo sich weigerte, dem Neffen bestimmte Vergünstigungen einzuräumen, ergriff Urban sogar die Waffen gegen ihn. Daraufhin von Karls Truppen belagert, erstieg Urban jeden Tag viermal die Außenmauer, um die Belagerer zu exkommunizieren. Wenn er nicht schon vorher verrückt gewesen war, so hatte ihn die Herausforderung der Kardinäle nun ganz um den Verstand gebracht.

In zunehmendem Maße durch Urbans Wildheit und Rachsucht abgestoßen, liefen zwei von seinen Kardinälen zu Klemens über, aber die Mehrheit glaubte, bei Urban bleiben zu müssen, da die einzige Alternative die Unterwerfung unter den französischen Papst war. Sechs von ihnen planten, den verrückt gewordenen Papst in eine Art geheimer Schutzhaft zu nehmen und die Kirche durch einen Regentschaftsrat zu führen, aber Urban erfuhr von der Verschwörung und ließ die sechs verhaften. Während sie gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse abzupressen, soll Urban nach dem Bericht eines Beobachters unter den Fenstern der Folterkammer auf und ab gegangen sein und laut aus seinem Brevier gelesen haben, während er den Schreien der Opfer zuhörte. Fünf der Kardinäle wurden später als Verschwörer hingerichtet. Der sechste, ein englischer Kardinal, überlebte aufgrund der Fürsprache Richards II. und wurde so zum Zeugen der Ereignisse. Im Laufe der Jahre wurde Urban zu einer ebenso verhaßten und verachteten Gestalt wie sein Rivale. In einer Zeit, in der zwei solche Männer die Führung der Heiligen Kirche beanspruchten, schien es, als habe Gott guten Grund, sein Haus auf Erden aufzugeben.

Unter all den »seltsamen Übeln und Widrigkeiten«, die das Jahrhundert überschatteten, war die Wirkung des Schismas auf die Öffentlichkeit wohl am tiefgreifendsten. Wenn jeweils ein Papst die Anhänger des anderen exkommunizierte, wer konnte da noch der Erlösung sicher sein? Jeder Christ mußte die Verdammung durch den einen oder anderen Papst fürchten, und es gab keine Möglichkeit festzustellen, wer der echte Vertreter Gottes war. In umstrittenen Regionen gab es zwei Bischöfe, von denen jeder die Messe las und das Ritual des anderen zum Sakrileg erklärte. Derselbe Mönchsorden konnte [301]in zwei verschiedenen Ländern verschieden Päpste haben, in den Klöstern und Abteien tobte der Streit. Wenn wie zum Beispiel in Flandern politische und ökonomische Gründe dazu führten, daß eine Stadt sich mit den Franzosen und damit Klemens verband, verließen treue Urbanisten ihre Häuser, Geschäfte und Zünfte, um in eine Diözese des »wahren« Glaubens zu ziehen.

Obwohl keine religiösen Streitigkeiten das Schisma hervorgerufen hatten, nahmen die Auseinandersetzungen schnell die Züge des Hasses an, die spätere Religionskriege charakterisierten. Für Honoré Bonet in Frankreich war Urban der fallende Stern, dem der Schlüssel zu dem »bodenlosen Abgrund« in den Visionen der Apokalypse des heiligen Johannes verliehen war. Der »Rauch eines großen Schmelzofens«, der aus der Grube stieg und die Sonne verdunkelte, war das Schisma, das seinen Schatten auf das Papsttum warf. Die »Heuschrecken und Skorpione« waren die »verräterischen Römer«, die das Konklave terrorisiert und die falsche Wahl erzwungen hatten.

Da die päpstlichen Einkünfte jeweils halbiert waren, hatte das Schisma katastrophale finanzielle Auswirkungen. Um jeden der beiden Päpste vor dem Bankrott zu retten, wurde die Simonie verstärkt, wurden Benefizien und Vergünstigungen noch schamloser verkauft als vorher, die Preise für geistliche Handlungen aller Art stiegen ebenso wie die Steuern für jedes Dokument, das die Kurien ausstellten. Der Ablaßverkauf, Keim der Reformation, wurde zu einer finanziellen Notwendigkeit. Statt der versprochenen Reformen vermehrten sich die Mißbräuche, die den Glauben weiter untergruben. »Überall wurde der Dienst Gottes vernachlässigt, die Frömmigkeit der Gläubigen sank, das Reich wurde allen Geldes beraubt, und die Geistlichen wanderten umher, überwältigt vom Elend.«

Die Legaten der Päpste bemühten sich nicht länger um Frieden zwischen England und Frankreich, sondern traten offen für die eine oder andere Seite ein, da jeder der Kirchenfürsten militärische Unterstützung suchte, um den Rivalen zu vernichten. Ihre gegenseitigen Beschimpfungen und ihr unerbaulicher Kampf um den Körper der Kirche war ein für das Christentum entwürdigendes Schauspiel. Die Kirche wurde hierhin und dorthin gezerrt, trauerte der Mönch von St. Denis, »wie eine Hure auf einer Orgie«. Sie wurde »Gegenstand der Satire und des Gelächters aller Völker der Welt, und sie erfanden jeden Tag neue Spottverse auf sie«.

Mehr als jeder andere Herrscher war Karl V. für das Schisma verantwortlich, denn nur durch die Unterstützung Frankreichs konnte Klemens überhaupt Fuß fassen. Der erkannte diese Schuld an, indem er dem König ein Drittel der kirchlichen Einkünfte in Frankreich überließ. Alles in allem verdunkelte Karls Entscheidung für Klemens die Leistungen, die er für den Wiederaufstieg Frankreichs erbracht hatte. In dem einzigen Gedanken, die französische Beherrschung des Papsttums wiederzugewinnen, hatte er geglaubt, einen Kandidaten durchsetzen zu können. Obwohl er den Beinamen »der [302]Weise« trug, war auch er nicht immun gegen jene Krankheit der Herrschenden: die Überschätzung ihrer Macht, Ereignisse zu kontrollieren.

Niemand war ein eifrigerer Klementist als der Bruder des Königs, der Herzog von Anjou. Sobald er von Klemens' Wahl erfuhr, ließ er sie in den Straßen von Toulouse verkünden, in der Kathedrale eine Messe lesen und ein Tedeum in allen Kirchen von Languedoc singen. Als Klemens' Armee in Italien von Urbans Truppen geschlagen wurde, wandte sich der französische Papst an den Herzog und bat ihn um militärische Hilfe. Dessen Soldforderung war ein Königreich.

Nach einem Vertrag zwischen den beiden, der in der Bulle vom 17. April 1379 bestätigt wurde, sollte der Herzog von Anjou die päpstlichen Staaten in Italien erobern und den größeren Teil von ihnen (mit der Ausnahme von Rom und Neapel) in einem Königreich Adria (nach dem Adriatischen Meer) zusammenfassen. Dieses Königreich sollte Ferrara, Bologna, Ravenna, die Romagna, die Mark Ancona und das Herzogtum von Spoleto umfassen. Es sollte ein Lehen des Heiligen Stuhls sein und jährlich 40 000 Franken Abgaben zahlen. Dem Herzog wurde eine Frist von zwei Jahren eingeräumt, um Geld und Truppen zu sammeln, aber falls er diese Frist um mehr als zwei Monate überschritte, ohne eine Expedition nach Italien geführt oder einen »fähigen General« entsandt zu haben, sollte der Vertrag verfallen.

Adria war ein Königreich in den Wolken. Wenn in all ihren Schlachten die päpstlichen Truppen daran gescheitert waren, die Kontrolle über die Patrimonie des Heiligen Stuhls zurückzugewinnen, gab es keinen Grund anzunehmen, daß einem französischen Fürsten dieses gelingen könnte. Aber eine Überschätzung ihrer Macht hatte die französische Politik in zunehmendem Maße ergriffen; Nüchternheit und Realismus waren ihr abhanden gekommen. Zunächst war die Hilfe des Herzogs von Anjou in Italien dringend erwünscht, um die Königin Johanna auf dem Thron von Neapel zu halten, Klemens' einzigem Brückenkopf dort. Um das Interesse des Herzogs zu schärfen, wurde Anjou – ein entfernter Vetter der kinderlosen Königin – zu ihrem Erben ernannt. Neapel lockte, und das Schicksal des Herzogs lag nun in Italien, wohin er Coucy bald mitziehen sollte.

Um nun, da die königliche Politik Klemens verpflichtet war, die französische Öffentlichkeit hinter dem Papst von Avignon zu sammeln, veranstaltete Karl V. im April und Mai 1379 eine Reihe von großen Versammlungen in Paris, um Würdenträgern und Bürgern der Stadt die Ungültigkeit der Wahl Urbans nahezubringen. Die Universität von Paris allerdings war mit der königlichen Entscheidung für Klemens nicht zu versöhnen. Die Doktoren der Theologie, weniger berührt von den Kompromissen weltlicher Politik, beugten sich dem königlichen Willen nicht so leicht wie die Bischöfe. Für sie war die Nachfolge Petri eine ernste Angelegenheit. Unter hartem Druck der Krone akzeptierten sie formal Klemens am 30. Mai, aber die Zustimmung war mürrisch, [303]nicht einstimmig, ein Vorläufer kommenden Unheils. Nach dem Tod Karls V., zwei Jahre später, verabschiedeten alle vier Fakultäten eine Entschließung, die zu einem Konzil aufrief, um dem Schisma ein Ende zu setzen. Obwohl ihre Autorität nicht definiert war, hatte es im Laufe der Kirchengeschichte fünfzehn solche Konzile bereits gegeben, meist wenn wichtige Fragen der Lehre zur Debatte standen. Der Aufruf der Universität wurde von dem Theologen Jean Rousse dem Herzog von Anjou, der nun Regent war, übergeben. Als einschüchterndes Exempel und um jede Diskussion im Keim zu ersticken, ließ der Herzog Rousse verhaften und im Châtelet festsetzen. Diese Beleidigung der Geistlichkeit und der Universität verursachte einen Skandal, der auch dann nicht zu beschwichtigen war, als Rousse gegen das Versprechen, jeden Gedanken an ein Konzil aufzugeben, wieder freigelassen wurde.

Erschreckt und tief betroffen flohen prominente Doktoren der Theologie nach Rom, um sich Urban anzuschließen. Studenten und Fakultätsmitglieder aus urbanistischen Ländern, die nicht an der klementistisch beherrschten Universität bleiben wollten, wechselten in andere Universitäten in Italien, im Kaiserreich oder nach Oxford über. »Die Sonne der Wissenschaft«, sagte ein scheidender Doktor, »geht unter.« Tatsächlich begann zu dieser Zeit der Verfall der Universität von Paris.

In England brachte das Schisma Wyclif an den Wendepunkt, der zum Protestantismus führte. Zuerst begrüßte er Urban als Reformer der Kirche, aber als die finanziellen Mißgriffe beider Päpste immer eklatanter wurden, betrachtete er schließlich beide als Antichristen und das Schisma als das natürliche Ende eines korrumpierten Papsttums. Seit dem Augenblick, glaubte er, als die Kirche zum erstenmal die Vergebung der Sünden gegen Bezahlung anbot, war nichts als Böses die Folge gewesen. Da er in der Situation des Schismas mehr denn je an einer Reform verzweifelte, kam er 1379 zu einer radikalen Lösung: Die Kirche war unfähig, sich selbst zu reformieren, daher mußte sie unter eine weltliche Aufsicht gestellt werden. Er sah jetzt den König als Gottes Statthalter auf Erden, durch den die Bischöfe ihre Macht empfingen und durch den der Staat als Vormund der Kirche die Reform erzwingen konnte. Wyclif hielt sich nicht mit den Mißständen auf, sondern griff die ganze Theorie an, er schlug die Beseitigung des gesamten geistlichen Überbaus – Papsttum, Hierarchie, Orden – vor. Jetzt, nachdem er die göttliche Autorität der Kirche geleugnet hatte, wandte er sich auch gegen den Kern ihrer Lehre – die Kraft der Sakramente, besonders des Abendmahls.

Seine ketzerische Lehre erreichte ihren Höhepunkt in der Übertragung der erlösenden Kraft von der Kirche auf das Individuum: »Denn jeder Mensch, der verdammt sein soll, soll durch seine eigene Schuld verdammt sein, und jeder Mensch, der gerettet sein soll, soll durch sein eigenes Verdienst gerettet sein.« Unerkannt zu jener Zeit, war dies der Beginn der modernen Welt.

[304]Als er die Enteignung der Kirche gepredigt hatte, war Wyclif von mächtigen Freunden gedeckt worden, aber als er die Hierarchie selbst und das Priestertum angriff, zogen sich seine Beschützer, die den Vorwurf der Ketzerei fürchteten, zurück. 1381 erklärte ein Konzil von zwölf Doktoren der Universität Oxford acht seiner Thesen für unorthodox und vierzehn für ketzerisch und verbot ihm Vorlesungen und Predigten. Obwohl Wyclif selbst damit zum Schweigen verurteilt war, verbreitete sich sein Denken mit dem Erscheinen der Bibel auf englisch. Die gesamte Heilige Schrift wurde von Wyclif und seinen Jüngern aus dem Lateinischen übersetzt – es war der große und gefährliche Versuch, den Menschen einen direkten Weg zu Gott zu öffnen, ohne den Umweg über den Priester. In der bevorstehenden Zeit der grimmigen Reaktion auf den Bauernaufstand, als die Lollharden, zu denen Wyclifs Jünger zählten, verfolgt wurden und der bloße Besitz einer Bibel in englischer Sprache einen Mann der Ketzerei überführen konnte, war die Herstellung und vielfältige Abschrift des Bibelmanuskripts eine riskante und mutige Arbeit. Nach den 175 Exemplaren, die überlebt haben, und der Zahl jener, die während der Verfolgungen vernichtet worden sein müssen, und jener, die im Laufe der Jahrhunderte verschollen sind, zu urteilen, müssen damals viele hundert Abschriften mühselig und heimlich von Hand hergestellt worden sein. Wyclif starb 1384, und als die Verfolgung schärfer wurde, verwandelte sich die Protestbewegung in eine unterschwellige Haltung. Als Jan Hus 1415 vom Konstanzer Konzil verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, ließ man auch Wyclifs Gebeine ausgraben und verbrennen. Die Kirche besaß, wenn auch geschwächt durch das Schisma, immer noch die Macht. Der Verfall alter und berühmter Gebäude geht langsam und kaum sichtbar vor sich, die Fassade hält am längsten.


In einem Europa, das zwischen den zwei Päpsten zerrissen war, und angesichts einer Kirche, die durch den Kampf zweier Rivalen um weltliche Unterstützung politisiert war, wurde es mit jedem Jahr schwerer, das Schisma zu heilen. Alle nachdenklichen Menschen erkannten, wie sehr dieser Zustand die Gesellschaft belastete, und suchten nach Möglichkeiten einer Vereinigung, aber in dem Schisma hielten wie im Krieg alte Feindschaften den Bruch offen. Ein ökumenisches Konzil, das von der Universität Paris und vielen Persönlichkeiten vorgeschlagen wurde, war der offensichtliche Weg zu einer Lösung. Da es aber ihre höchste Autorität einschränkte, weigerten sich beide Päpste unerbittlich, sich einem Konzil zu unterwerfen. Der Bruch sollte vierzig Jahre andauern. Nach einem populären Ausspruch aus den letzten Jahren des Jahrhunderts hatte seit dem Beginn des Schismas niemand mehr Eingang in das Paradies gefunden.

 

[305]

Kapitel 17
Coucys Aufstieg

Nun »ganz französisch«, wurde Coucy zum rechten Arm des Königs in den letzten Jahren seiner Herrschaft. Obwohl er erst 41 Jahre war, hatte Karl V. das Gefühl, nicht mehr viel Zeit zu haben. Im Februar 1378 starb seine Königin, Jeanne de Bourbon, nach der Geburt einer Tochter, Catherine, am Kindbettfieber. Der König »trauerte lange und wunderbar« über den Tod seiner Frau »und ebenso viele andere gute Leute, denn die Königin und er liebten einander so getreulich, wie es verheiratete Menschen nur können«. Einen Monat später kam die Nachricht vom Tode Papst Gregors XI., mit dem Karl eng verbunden gewesen war, dem folgte im November der Tod seines Onkels, des Kaisers, und kurz danach das Ende seines alten Alliierten König Heinrich von Kastilien. Angesichts all dieser Verluste muß Karl den nahenden Schatten seines eigenen Todes gespürt haben, und dieses Gefühl begründete die Dringlichkeit, mit der er alles tat, um sein Königreich unversehrt und in Frieden hinterlassen zu können.

Um das zu erreichen, mußte er drei Quellen der Gefahr für sein Land verstopfen, die ständigen Verrätereien und Umtriebe Karls von Navarra, die Allianz des Herzogs der Bretagne mit England und den Krieg mit England selbst. Coucys strategischer Besitz, seine militärischen und diplomatischen Talente und die offensichtliche Zuverlässigkeit, die Gregor XI. so bemerkenswert gefunden hatte, machten Coucy zur wichtigsten Stütze des Königs in diesen Unternehmungen. Seine erste Aufgabe war es, einen Feldzug zu führen, der Karl von Navarra ein für allemal aus der Normandie verjagen sollte.

Als er erfuhr, daß Karl von Navarra ein weiteres Mal heimlich mit den Engländern verhandelt hatte, um ihnen die Normandie wieder zu öffnen, schwor Karl V., seinen treulosen Vasallen aus jeder Stadt und jeder Burg, die jener dort hielt, hinauszutreiben. Ihm bot sich eine legale Möglichkeit in Gestalt von Navarras beiden Söhnen, in deren Namen die navarresischen Lehen in der Normandie übernommen werden konnten. Da ihre Mutter, die Schwester des Königs, tot war, konnte Karl V. die Vormundschaft beanspruchen, denn sie hielten sich am Hof von Frankreich auf. Warum ihr Vater dies hatte geschehen lassen, ist unklar, es sei denn, es hätte ihm als eine schwer durchschaubare Tarnung für seine Unterhandlungen mit England gedient.

Karl V. hatte keine Schwierigkeiten, sich Beweise für Karl von Navarras Verrat zu verschaffen. Dessen Kämmerer, Jacques de Rue, kam in Paris an, [306]um Briefe für die Söhne zu überbringen. Unter Befragung durch Beamte des Königs – ohne Folter, wie der König in der offiziellen Chronik betonen ließ – gab de Rue sofort zu, daß Karl von Navarra plante, den König kurz nach Ostern durch einen Bäcker der königlichen Bäckerei vergiften zu lassen. Unter der Herrschaft eines minderjährigen Thronfolgers wollte er dann die Unordnung in Frankreich nutzen und französische Festungen entlang der Seine überfallen, während die Engländer in der Normandie landeten.

Niemand fand Anlaß, an dieser Geschichte zu zweifeln, denn Karl von Navarras Sündenregister war lang. Weitere Bestätigungen seiner »Verbrechen und Verrätereien« gegen den König von Frankreich ergaben sich, als der Kode seiner geheimen Korrespondenz einem zweiten festgenommenen Berater, Pierre du Tertre, abgenommen wurde. Die gesammelte Evidenz und unterzeichnete Geständnisse der beiden Räte wurden im Laufe der Gerichtsverhandlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Beide wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihre kopflosen Körper wurden an den Galgen gehängt und ihre abgetrennten Gliedmaßen an die vier wichtigsten Tore von Paris. Das offizielle Urteil erlaubte es den normannischen Untertanen Karls von Navarra, ihre Gefolgstreue auf seinen Sohn zu übertragen.

Der normannische Feldzug war bereits im Gange. Auf die ersten Nachrichten von Navarras Verrat hin hatte der König eine Armee bei Rouen gesammelt und »hastig nach dem Sire de Coucy und dem Sire de Rivière gesandt«, denen er unter dem nominellen Oberkommando des Herzogs von Burgund den Befehl übergab. In tiefer Furcht vor einer englischen Landung instruierte er sie, so schnell wie möglich Navarras Städte und Burgen – vor allem in der Nähe der Küste – zu besetzen, entweder mit Gewalt oder durch Verhandlung. Bureau de la Rivière, der Kämmerer des Königs, mit dem Coucy in diesem Feldzug und auch späterhin eng verbunden bleiben sollte, war ursprünglich ein Bürgerlicher, ein höflicher und eleganter Hofbeamter, hochgeschätzt von Karl V., der ihm den Vorsitz in dem Regentschaftsrat übertragen hatte, der die Regierung übernehmen sollte, wenn er starb, solange der Dauphin noch minderjährig war.

Die Kombination von Coucy und Rivière spiegelte die Verbindung von militärischer und politischer Strategie wider, die angewandt werden sollte. Die Belagerung befestigter Städte war langwierig und forderte große Opfer. Eine schnelle Eroberung eines Landstriches hing an der Aushandlung von Kapitulationen, aber die konnten mist nur nach einem eindrucksvollen Aufmarsch und anfänglichen Kämpfen erreicht werden. Karl von Navarras zwei Söhne wurden mitgeführt, »um dem ganzen Land zu zeigen, daß der Krieg für sie und ihr Erbe geführt wurde«.

Bayeux, »eine schöne und starke Stadt« an der Contentinhalbinsel, wo eine Landung der Engländer möglich gewesen wäre (zehn Meilen entfernt von einem späteren Landeplatz, der Omaha Beach genannt werden sollte), war das [307]erste größere Ziel. Coucy und Rivière führten ihre Armee unter die Mauern der Stadt und zeigten den Bürgern den jungen Erben von Navarra als ihren rechtmäßigen Herrn; sie warnten sie »in eindrucksvoller Sprache«, daß, wenn die Stadt im Sturm genommen werden müßte, »sie alle abgeschlachtet und die Stadt von neuen Einwohnern besiedelt werden würde«. Vor allem beeinflußt durch die Anwesenheit der beiden Söhne Karls von Navarra, deren Rechte unbestreitbar waren, baten sich die Stadtleute einen dreitägigen Waffenstillstand aus, um die Bedingungen der Übergabe auszuhandeln, was immer ein kompliziertes Geschäft war, in dessen Verlauf handgeschriebene Dokumente mit Unterschriften und Siegeln ausgetauscht wurden. Als dies vollendet war, ritten Coucy und Rivière in die Stadt ein und ergriffen von ihr im Namen des Königs Besitz. Nachdem sie die Vertreter der Bürgerschaft durch neuernannte Repräsentanten ersetzt hatten, hinterließen sie eine Garnison, die Rebellionen verhindern sollte, und marschierten weiter. Eine ganze Folge von Städten und Burgen, von »Waffen und Worten« bombardiert, wurde ohne großen Zeitverlust besetzt, wenn auch nicht ohne Kämpfe und Belagerungen mit Opfern auf beiden Seiten. In ihrer Eile gestanden Coucy und Rivière den Verteidigern grundsätzlich großzügige Bedingungen zu und erlaubten entschlossenen Parteigängern Karls von Navarra sogar den Abzug, wenn sie das wollten. In wirkungsvoller Zusammenarbeit mit Rivière zeigte sich Coucy als ein Mann, der die kühle politische Fähigkeit des Königs mit kriegerischer Tatkraft verband.

Karl von Navarra selbst, der sich im Süden des Angriffs durch den König von Kastilien erwehren mußte, war nicht zur Stelle, und widrige Winde erlaubten nur kleinen Abteilungen seiner englischen Verbündeten die Landung. Einer Gruppe gelang es, Cherbourg zu besetzen, aber sie wurde dort durch eine französische Belagerung eingeschlossen. Überall sonst standen die navarresischen Hauptleute vor einer schweren Entscheidung, denn wenn sie sich zum Widerstand entschlossen, konnten sie kaum auf Hilfe hoffen, wenn sie aber kapitulierten, war die Normandie für den König von Navarra verloren. Evreux, das Herz seiner normannischen Besitzungen, besaß die stärkste Garnison und eine loyale Einwohnerschaft und zwang Coucy und Rivière zum härtesten Kampf dieses Feldzugs. »Jeden Tag griffen sie aufs neue an« und legten einen so dichten Belagerungsring um die Stadt, daß sie schließlich zur Kapitulation gezwungen war. Der Fall von Evreux begeisterte den König, der nach Rouen kam, um die Sieger zu begrüßen, »die so gut und schnell gehandelt hatten«. Lediglich Cherbourg, das von der See her versorgt werden konnte, hielt langen Belagerungen, die zu verschiedenen Zeiten von Du Guesclin und Coucy befehligt wurden, stand und blieb in englischer Hand.

Mit dieser Ausnahme hatte Karl von Navarra bis zum Ende des Jahres 1378 all seine Städte und Ländereien in der Normandie verloren. Mauern und Befestigungsanlagen wurden geschleift, auf daß seine Festungen nie wieder von [308]Feinden Frankreichs gehalten werden könnten. Im Süden nahm ihm der Herzog von Anjou die Domäne Montpellier, seinen letzten Besitz in Frankreich. Nach dreißig Jahren zwanghafter Umtriebigkeit schließlich unschädlich gemacht, war Karl von Navarra nun verurteilt, ein letztes ärmliches und freundloses Jahrzehnt in seinem Bergkönigreich zu verleben, das so viel zu eng für seine Seele war – als hätte man Satan in einen Schafstall gesperrt.


Berühmte Ritter, die Coucys Begleiter in späteren Unternehmungen werden sollten, nahmen an verschiedenen Episoden des Feldzugs in der Normandie teil, unter ihnen der Bruder der verstorbenen Königin, der gutmütige Ludwig, Herzog von Bourbon; auch der energische neue Admiral Jean de Vienne und vor allem der einäugige Olivier de Clisson, der eine bretonische Kompanie nach Evreux führte, um Coucy zu verstärken. Entweder zu dieser Zeit oder später verbanden sich diese beiden ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten in Waffenbrüderschaft, einer formvollen Verabredung, die gegenseitige Hilfe und die Teilung von Beute und Lösegeldern vorsah.

Clisson stammte aus einer unruhigen Familie, die an den ständigen Kämpfen in der Bretagne auf beiden Seiten teilnahm. Sein Vater, der des Einverständnisses mit Eduard III. überführt worden war, wurde von Philipp VI. geköpft, der ihn mitten aus einem Turnier heraus hatte verhaften, ins Gefängnis werfen und ohne Prozeß direkt zur Richtstätte führen lassen. Von der Gattin des Opfers erzählte man, sie sei mit dem abgeschlagenen Kopf ihres Mannes in die Bretagne gereist, um ihn ihrem siebenjährigen Sohn zu zeigen und ihm den Eid abzunehmen, seinen Vater unbarmherzig an Frankreich zu rächen. Dann entkamen die beiden in einem offenen Boot, vom Sturm verschlagen und hungernd, nach England, wo Eduard, der sich sehr bemühte, die Loyalität der Bretonen zu gewinnen, die Witwe und ihren Sohn mit Gunsterweisen und Ländereien überhäufte.

Olivier wurde am englischen Hof zusammen mit dem jungen Johann von Montfort, seinem Herzog, aufgezogen, dessen Eifersucht und Ablehnung er erwiderte. In Verfolgung seines Racheschwurs focht er mit unglaublicher Wildheit bei Reims, Auray, Cocherel und Najera in Spanien gegen die Franzosen. Er schwang seine zweihändige Streitaxt mit solcher Gewalt, daß man sagte, »niemand, der von ihm getroffen wurde, stand je wieder auf«, aber er konnte auch die Axt eines Feindes nicht abwehren, die ihm den Helm durchbrach und das Auge nahm. Im Laufe des Krieges in der Bretagne erzürnte Montfort Clisson dadurch, daß er John Chandos begünstigte, und als der Herzog Chandos zur Belohnung eine Stadt und Burg zusprach, sagte sich Clisson in fürchterlichem Zorn von Montfort los, eroberte und schleifte die Burg, die Chandos zugedacht war, und erbaute aus den Steinen eine neue für sich.

Karl V. hatte ihm die Ländereien zurückerstattet, die nach der Verurteilung seines Vaters beschlagnahmt worden waren, hatte ihn mit Geschenken umworben [309], ihm sogar Wildbret »als einem Freund« geschickt. Ob es nun diese durch materielle Zuwendungen gestützten Überredungskünste des französischen Königs waren oder, wie Olivier behauptete, die Arroganz der Engländer gegenüber den Franzosen, die er nicht mehr ertragen konnte – jedenfalls trat Olivier 1369 zu den Franzosen über und wandte nun seinen Grimm gegen die früheren Verbündeten. Der erreichte einen Höhepunkt, als er erfuhr, daß sein im Kampf verwundeter und von den Engländern gefangener Schildknappe von den Feinden erschlagen worden war, als sie entdeckten, daß er zu Clisson gehörte. Olivier schwor einen gewaltigen Eid, »bei der Mutter Gottes dies ganze Jahr hindurch weder morgens noch abends einen Engländer zu schonen…«. Am folgenden Tag griff er eine englische Festung, obwohl er keine Belagerungsmaschinen hatte, mit solcher Wildheit an und eroberte sie in einem solchen Massaker, daß nur fünfzehn Verteidiger überlebten. Die ließ er in einem Turm einschließen, befahl dann, sie einzeln herauszulassen, und schlug einem nach dem anderen, als sie aus der Tür traten, mit einem einzigen Schlag seiner großen Streitaxt den Kopf ab, so daß zur Rache seines Knappen schließlich fünfzehn Köpfe zu seinen Füßen rollten.

Der kühle Coucy und der wilde Bretone müssen ineinander Ergänzendes gefunden haben, denn diese beiden mächtigen Freiherren gingen nach Clissons Biographen »immer in vollkommener Harmonie« miteinander um. Zu dieser Zeit hatte Coucy gerade unter schockierenden Umständen seinen Kameraden der Schweizer Expedition, Owen von Wales, verloren. Während Coucy in der Normandie war, führte Owen die Belagerung von Mortagne, am Atlantik an der Girondemündung gelegen. An einem klaren und schönen Morgen stand Owen früh auf, setzte sich nur im Hemd auf einen Baumstumpf und blickte auf die Burg und die Landschaft hinaus, während er sich, wie es seine Gewohnheit war, von seinem walisischen Knappen die Haare kämmen ließ. Dieser Mann, James Lambe, war erst kürzlich als ein Landsmann in seine Dienste aufgenommen worden. Er hatte ihm Neuigkeiten aus der Heimat überbracht, auch die Nachricht, daß »das ganze Land von Wales ihn mit Freuden zum Herrn haben wollte«. James Lambe stand an diesem stillen Morgen, bevor noch irgend jemand sonst auf den Beinen war, hinter seinem Herrn, zog einen spanischen Dolch und stieß ihm den in den Rücken, »durchbohrte ihn, so daß er ganz tot niederfiel«.

Der Attentäter war sicherlich von den Engländern gedungen, möglicherweise um in Wales keine Unruhen aufkommen zu lassen oder auch aus Rache für den Tod des Hauptmanns de Buch im französischen Kerker, der von Owen gefangengenommen worden war. Wenn es so war, dann war dies ein überraschend ehrloser Schlag gegen einen unbewaffneten Mann, was auch der englische Hauptmann des belagerten Mortagne empfand, dem Lambe von seiner Tat berichtete. »Er schüttelte den Kopf und blickte ihn grausam an und sagte: ›Ah, du hast ihn gemordet…Wenn auch diese Tat zu unserem [310]Nutzen ist…werden wir daraus mehr Tadel als Lob gewinnen.‹« Karl V. war voller Wut über das Attentat, wenn er auch die Beseitigung Owens, eines Freibeuters, der viele Frevel auf sich geladen hatte, nicht ohne Erleichterung zur Kenntnis nahm. Der Mord spiegelte eine neue Art von Feindseligkeit wider, die aus dem Krieg erwuchs. Gedungene Attentäter innerhalb der Bruderschaft der Ritter waren eine Neuerung des 14. Jahrhunderts.


Etwa nach der ersten Hälfte des Feldzuges in der Normandie war Coucy an die Grenze Frankreichs mit Flandern entsandt worden, wo neue Gefahren drohten, um dort die Verteidigung zu verstärken. Der Graf von Flandern, der in seiner Jugend – als er vor Isabella davonlief – Frankreich zugeneigt gewesen war, hatte sich aus ökonomischen Interessen längst wieder den Engländern genähert. Er erschien den Franzosen nun als eine direkte Bedrohung, weil er dem Herzog der Bretagne, der sich den Engländern angeschlossen hatte, Asyl gewährte. König Karl V. war nun entschlossen, das Problem der Bretagne ein für allemal zu lösen, indem er das Herzogtum Montfort aus Gründen der »Felonie«, des Bruchs der Lehnstreue, entzog. In dem Glauben, daß die Mehrheit des bretonischen Adels profranzösisch sei, plante er, das Herzogtum mit der Krone Frankreichs unter Montforts Rivalen Jeanne de Penthièvre zu vereinen. Aber statt das bretonisch Hornissennest zu beruhigen, versetzte er es durch diesen Plan nur in Aufruhr.

Im Dezember 1378 wurde vor einem zeremoniellen Gerichtshof in Anwesenheit des Königs das Verfahren gegen Montfort eröffnet – in absentia, denn er ignorierte die Vorladung. Froissart erwähnt besonder Enguerrand VII. von Coucy als einen »Pair von Frankreich«, der einer der vier Barone unter den Richtern war. Der königliche Türsteher, nachdem er Montfort dreimal laut aufgerufen hatte – an der Tür zum Tagungsraum, im Hof und am Tor des Palastes –, meldete pflichtgetreu: »Er ist nicht hier.« Der Prokurator las die Anklageschrift, zitierte die Verrätereien des Herzogs, die Verbrechen, »Verletzungen und Ärgernisse« einschließlich des Mordes an einem Priester, der ihm gesandt worden war, um ihm die Vorladung zu übergeben. (Nach Art der Visconti hatte Montfort den Gesandten mit seiner Vorladung um den Hals im Fluß ertränken lassen.) Nach einer legalistischen Erörterung von enormer Länge über die Rechte des Herzogtums wurde Montforts Titel für nichtig erklärt, und der König rief die Vereinigung der Bretagne mit der Krone aus.

Karls Irrtum trat sofor in einem spontanen Aufstand zutage, mit dem das Herzogtum seinen grimmigen Unabhängigkeitssinn demonstrierte. Der alte endlose Streit war neu entfacht, und da Montfort mit dem Graf von Flandern in geheimem Einverständnis stand und dieser mit England, mußte Karl die Möglichkeit einer neuen Invasion von Norden her fürchten. In dieser Situation rückte Coucys Baronie, die das nördliche Einfallstor des Königreichs überwachte, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.

[311]Um die Verehelichung Maries, der einzigen Erbin der Baronie, wurde zu dieser Zeit gerade verhandelt. Im Alter von dreizehn Jahren war sie eine von drei Kandidatinnen – neben Yolande de Bar, einer Nichte des Königs, und Catherine von Genf, einer Schwester des Papstes Klemens – für die Ehe mit dem kurze Zeit zuvor verwitweten Sohn des Königs von Aragon. Als Königssohn blieb man nicht lange Witwer. Bereits acht Tage nach dem Tod seiner Frau sandte der spanische Prinz die Beauftragten aus, um die Bedingungen bei allen drei Kandidatinnen zu erkunden. Als Yolande erwählt wurde, heiratete Marie wenig später Yolandes Bruder Henri de Bar, den ältesten Sohn des Herzogs von Bar und der Marie von Frankreich, der Schwester Karls V. Die Verbindung mit dem Erben eines großen Herzogtums an den Grenzen Lothringens entsprach den hohen Erwartungen und Ansprüchen der Coucys.

Entweder aus Stolz auf diese neue königliche Verbindung oder aus Genugtuung über seinen Erfolg in der Normandie gründete Coucy zu dieser Zeit einen eigenen Ritterorden, den er in der großen Manier derer von Coucy den »Orden der Krone« nannte. Deschamps, der den neuen Orden in einem Gedicht feierte, wies darauf hin, daß die Krone nicht nur Größe und Macht symbolisierte, sondern auch die Würde, Tugend und die edlen Umgangsformen, die einen König umgeben. Die Spitzen der Krone waren die »zwölf Blumen der Herrschaft«: Treue, Tugend, Mäßigung, Gottesfurcht, Umsicht, Wahrhaftigkeit, Ehre, Stärke, Barmherzigkeit, Gnade, Loyalität und Freigebigkeit, die »auf alle herabstrahlen«. Nach 1379 zeigen Coucys Siegel einen gemusterten Hintergrund aus kleinen Kronen und eine stehende Gestalt, die eine Krone – aus heute ungeklärten Gründen – verkehrt herum hält. Trotz seines exaltierten Namens war der Orden im Geist demokratisch: Damen waren zur Mitgliedschaft ebenso zugelassen wie Fräulein und Knappen.

1379 starb Isabella in England, und Coucy war nun frei, eine neue Ehe einzugehen. Weniger überstürzt als der Prinz von Aragon oder auch zu beschäftigt, blieb er indessen sieben Jahre ledig.


Der neue Herrscher brachte den Engländern nicht mehr Glück im Krieg. Die Seehoheit auf dem Kanal, die noch Eduard III. wie selbstverständlich gehalten hatte, war durch Karls V. beständige Allianz mit der Seemacht Kastilien und durch seine eigenen Anstrengungen, eine Flotte aufzubauen, verlorengegangen. Als eine Streitmacht, angeführt vom Herzog von Lancaster, es schließlich schaffte, in der Nähe von Saint Malo zu landen, widerstand diese Stadt der Belagerung erfolgreich und rieb die Truppen des Herzogs auf, so daß er gezwungen war, in einer dunklen Wolke des Scheiterns die Heimfahrt anzutreten. »Und im gemeinen Volk von England erhob sich ein Gemurmel gegen den Adel, daß alles, was er in diesem Jahr verrichtet habe, wenig fruchtvoll gewesen.« Der erfolglose Krieg zog mehr als nur Gemurmel nach sich. Während der Herzog von Lancaster in der Bretagne steckenblieb, wurden [312]englische Kauffahrteischiffe ungehindert von französischen und schottischen Piraten belästigt oder aufgebracht. Als die Kaufleute sich beim König beschwerten, antworteten die Adligen und Prälaten des Thronrates, daß die Verteidigung Aufgabe von Lancaster und seiner Flotte sei.

Daraufhin sammelte ein reicher Stadtrat und späterer Bürgermeister von London, John Philpot, eine Privatflotte mit eintausend Matrosen und Soldaten und segelte gegen die Piraten. Tatsächlich gelang es ihm, eine Reihe von Piratenschiffen zu kapern und deren Besatzungen als Gefangene nach London zu führen. Dort wurde ihm eine triumphale Begrüßung zuteil, zugleich aber wurde er vor den Thronrat geladen, um sich dafür zu verantworten, daß er ohne die Erlaubnis des Königs gehandelt hatte. Seine wütende Antwort faßt die wachsende Erbitterung des dritten Standes über die wenig überzeugenden Leistungen des zweiten zusammen. Er habe sein Geld und das Leben seiner Männer eingesetzt, sagte Philpot, nicht um den Adel zu beschämen oder ritterlichen Ruhm für sich selbst zu suchen, sondern »aus Mitleid mit dem Elend des Volkes und des Landes, das vom Status eines edlen und über andere Nationen herrschenden Königreichs durch eure Gleichgültigkeit den Verwüstungen unter den Händen der übelsten Rasse ausgesetzt worden ist. Da ihr keine Hand zu seiner Verteidigung gerührt habt, habe ich mich selbst und mein Eigentum für die Sicherheit und Erlösung unseres Landes eingesetzt.« Auch wenn Philpot und seine Kaufmannskollegen wohl eher im Interesse der Sicherheit und Erlösung ihres Handels gekämpft hatten – ihre Beschwerde über die Verteidiger des Landes war deshalb nicht weniger gültig.

Da der Krieg beiden Seiten keine Erfolge brachte, wuchs die Friedensbereitschaft. Die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten in der Bretagne wog für Frankreich den Sieg in der Normandie auf, und das Schisma hatte auch andernorts die Temperatur der Interessenkonflikte erhöht. Karl V., der sich seiner verfallenden Gesundheit bewußt war, wollte die Last der Streitigkeiten mit der Bretagne und mit England nicht an seinen Sohn weitergeben. Die Unterhandlungen nach König Eduards Tod waren ohne Ergebnis und offenbar in schlechter Stimmung zu Ende gegangen. Um gereizte und aufstachelnde Debatten zu verhindern, wurde dieses Mal vorgeschlagen, getrennt zu tagen: die Engländer in Calais und die Franzosen zwanzig Meilen entfernt in St. Omer, wobei der Erzbischof von Rouen als Vermittler zwischen den Parteien dienen sollte. Durch das Schisma zunächst aufgeschoben, wurde dieser Plan im September 1379 schließlich aufgenommen. Coucy, Rivière und Mercier sowie ein oder zwei andere waren die Bevollmächtigten der französischen Seite bei diesen Verhandlungen, und sie waren auch die Delegierten, die mit dem Grafen von Flandern sprechen sollten, um ihn dazu zu bringen, eine Einigung mit dem Herzog der Bretagne zu vermitteln. Bevor sie aber irgend etwas in dieser Hinsicht erreichen konnten, wurde der Graf in eine örtliche Revolte hineingezogen, die sich gegen alle Unterdrückungsversuche durchsetzte und [313]Flandern schließlich in einen ruinösen Bürgerkrieg stürzte. Die Erhebung der Männer von Gent stand in keinem Zusammenhang mit dem Arbeiteraufstand von Florenz im Jahr davor. Obwohl beide Ereignisse unabhängig voneinander und spontan waren, initiierten die Unruhen in den beiden Textilstädten einen Wirbelwind von Klassenkämpfen in den nächsten fünf Jahren. Die Gründe waren die elende Lage der Arbeiterklasse und die Macht, die den Arbeitern durch den Bevölkerungsrückgang im Gefolge der Pest zugewachsen war. In Florenz, Flandern, in Languedoc, in Paris, England und wieder zurück nach Flandern und Nordfrankreich folgte eine Erhebung der anderen ohne sichtbaren Zusammenhang, außer in der letzten Phase. Einige waren städtisch, andere ländlich; einige entstanden aus Verzweiflung, andere aus einem Gefühl der Stärke; aber alle hatten denselben Anlaß: drückende Steuern.

In Gent, wo die Weber der stärkste Bevölkerungsteil waren, lud der Graf Unheil, geradezu ein, als er der Stadt eine Steuer auferlegte, um ein Turnier zu finanzieren. Aufgestachelt durch den Aufschrei eines wütenden Händlers, daß Steuergelder nicht für »die Narreteien von Fürsten und den Unterhalt von Schauspielern und Clowns« verschwendet werden dürften, weigerte sich die Stadt zu zahlen. Der Graf suchte die Rivalität von Gent und Brügge auszunutzen und brachte Brügge auf seine Seite, indem er der Stadt versprach, einen Kanal, der sie mit dem Meer verbinden sollte, bauen zu lassen, zur Förderung ihres Handels und zum Schaden Gents. Als fünfhundert Arbeiter begannen, einen Kanal auszuheben, um die Leie umzuleiten, entsandte Gent seine Miliz, um das zu verhindern, und von da an erweiterte sich der Konflikt unaufhaltsam wie eine sich teilende Zelle. Über die Wirren in Flandern, die hier ihren Ausgang nahmen, schrieb Froissart: »Was sollen jene sagen, die dieses hören oder lesen, als daß es das Werk des Teufels war?«

Am entgegengesetzten Ende Frankreichs, in Languedoc, brach zur selben Zeit eine Revolte aus. Dort hatten Hungersnot, Unterdrückung, Krieg und Steuern unter der harten Herrschaft des Herzogs von Anjou ihre Spur hinterlassen. Ungeduldig, kühn und gewalttätig übte der Herzog praktisch souveräne Gewalt über ein Viertel des Königreiches aus. Er schluckte alle Einkünfte ohne Unterschied zu seiner persönlichen Verfügung, wandte wenig für die Verteidigung von Languedoc oder des Königreichs auf. Um für den Ausfall an Steuergeldern durch die Verminderung der Haushalte im Gefolge des Schwarzen Todes einen Ausgleich zu schaffen, hob er jedes Jahr die Steuern pro Haushalt an, aber das Volk empfing dafür keine Gegenleistungen. Räuberische Kompanien suchten immer noch die Täler heim und zwangen die Dörfer, für die Verschonung von Plünderung hohe Lösegelder zu zahlen. 1378 wurden Lebensmittelsteuern eingeführt, die am stärksten auf den Armen lasteten. Als Steuereintreiber mit der Praxis von Hausdurchsuchungen begannen, kam Schmach zum Elend hinzu.

»Wie können wir so leben?« riefen protestierende Gruppen, die sich vor [314]dem Standbild der Heiligen Jungfrau sammelten, um ihre Hilfe zu erflehen. »Wie können wir uns und unsere Kinder ernähren, da wir schon jetzt die schweren Steuern, die die Reichen uns zu ihrem Genuß auferlegt haben, nicht bezahlen können?« Aufstände und Unruhen verbreiteten sich und mündeten im Juli 1379 in eine Revolte, als der Rat des Herzogtums eine neue Steuer von zwölf Franken pro Haushalt beschloß, ohne die Stände einzuberufen. Der Herzog selbst war zu der Zeit nicht im Lande, er führte Krieg in der Bretagne. Der Zorn seiner überlasteten Untertanen entlud sich mit außergewöhnlicher Gewalttätigkeit gegen alle herrschenden Kreise: königliche Beamte, Adlige, die bürgerliche Oberklasse in den Städten. »Bringt die Reichen um!« war der Kampfruf der Aufständischen, wie der Seigneur von Clermont später berichtete. »Seigneurs und andere gute Männer des Landes und der Städte«, sagte er, »waren in Todesfurcht« und in jener anderen Furcht, die noch jede Revolte erweckte, »daß, wenn diese schändliche Unverschämtheit des gemeinen Volkes nicht streng unterdrückt werde, Schlimmeres folgen müßte.«

In Le Puy, Nîmes, Clermont und anderen Städten formierte sich das Volk in bewaffneten Banden, plünderte die reichen Haushalte, erschlug die Beamten der Stadt und beging Greueltaten – darunter sogar, wie ein Bericht überliefert, Kannibalismus. »Sie schnitten mit ihren Messern Leiber auf und fraßen wie die Tiere das Fleisch getaufter Menschen.« Im Oktober erreichten die Unruhen in Montpellier einen Höhepunkt, als fünf Räte des Herzogs und achtzig Bürger der Stadt getötet wurden. Die Aufständischen sandten Botschaften ins Land, um eine allgemeine Revolte auszulösen, aber ohne die industrielle Basis und auch ohne die Traditionen Flanderns wurde die Bewegung zu einem bloßen Strohfeuer. Papst Klemens VII., der auf die Unterstützung des Herzogs angewiesen war, entsandte sofort den Kardinal Albano, der aus Languedoc stammte, um die Leute zu beruhigen und sie vor der fürchterlichen Bestrafung für Majestätsbeleidigung zu warnen. Bereits erschrocken über ihre eigenen Taten, ließen sich die Führer des Aufstands bewegen, sich der Gnade des Königs zu unterwerfen.

Was nun in Montpellier geschah, war ein bewußt inszeniertes Drama. Am Tag der Rückkehr des Herzogs von Anjou führte der Kardinal eine riesige Prozession aller Bürger über vierzehn durch die Stadt und aus dem Stadttor hinaus. Dort stellten sie sich zu beiden Seiten des Weges auf, sanken auf die Knie und riefen »Gnade«, als der Herzog und seine Soldaten an ihnen vorbeiritten. Die Schlüssel der Stadt und der Klöppel der großen Glocke wurden demutsvoll übergeben. Während der nächsten zwei Tage wurden auf Anjous Befehl alle Waffen abgeliefert und die Hauptgebäude der Stadt den Bewaffneten des Herzogs übergeben.

Dann verkündete er von einer Plattform aus, die auf dem Marktplatz im Zentrum errichtet worden war, das grausame Urteil: sechshundert Bürger zum Tode verurteilt – ein Drittel durch Hängen, ein Drittel durch Köpfen, ein [315]Drittel auf dem Scheiterhaufen, ihr Besitz beschlagnahmt und ihre Kinder zu lebenslangem Dienst verurteilt. Die Hälfte des Besitzes aller anderen Bürger sollte eingezogen werden, und eine Strafe von 6000 Franken, zuzüglich der Ausgaben, die der Aufstand dem Herzog verursacht hatte, sollte über die Stadt verhängt werden. Die Mauern und Tore der Stadt sollten geschleift werden, die Universität alle Rechte, alles Eigentum und ihre Archive verlieren.

Ein großer Aufschrei begrüßte diesen Urteilsspruch, der Kardinal und die Prälaten plädierten »sehr liebevoll« für das Volk, Frauen und Kinder knieten und heulten. Am folgenden Tag wurde ein abgemilderter Urteilsspruch verkündet, der der Stadt fast alle Strafen erließ. Die ganze Aufführung hatte nur demonstrativen Charakter gehabt. Ein Brief Karls V. an den Kardinal, der bereits vor zwei Monaten geschrieben worden war, hatte die Absicht des Königs, gnädig zu sein, ausgedrückt, aber die Macht der Krone zu strafen mußte zumindest symbolisch gezeigt werden.

Die Ereignisse in Languedoc hatten nur ein weitreichendes Ergebnis: Dadurch, daß sie das Elend seiner Untertanen aufwiesen, hinterließen sie beim König ein schlechtes Gewissen, das im Mittelalter zumindest auf dem Totenbett meist Wirkung zeigte. Im Bewußtsein der Raffgier und der Tyrannei seines Bruders und des Hasses, den dieser auf die Krone lenkte, reduzierte Karl die Haushaltssteuer und berief den Herzog von Anjou als Gouverneur ab. Unglücklicherweise war sein Nachfolger – nach einem kurzen Zwischenspiel unter Du Guesclin – der Herzog von Berry, dessen Herrschaftszeit reiner, von keiner politischen Zielsetzung getrübter Habsucht sich als noch ruinöser erwies als die seines Bruders.


Im April 1379 machten sich Coucy und Rivière mit einigen neuen Gefährten erneut auf die Suche nach dem Frieden zwischen Frankreich und England. Die Verhandlungen fanden in Boulogne statt. Sie waren ermächtigt, neue Zugeständnisse in Territorial- und Souveränitätsfragen zu machen und wiederum eine Heirat anzubieten; diesmal ging es um Karls V. kleine Tochter Catherine, an deren Verbindung mit Richard II. gedacht war. Bei sechs langwierigen Friedensverhandlungen in den letzten sechs Jahren hatte sich der Friede allen Bemühungen entzogen. In der gleichen Zeit hatte der Krieg mit der Ausnahme des französischen Erfolgs in der Normandie keiner Seite einen Vorteil gebracht, sondern es lediglich durch die Verfestigung von Feindschaft, Mißtrauen und Haß schwerer gemacht, ihn zu beenden.

Die Engländer kamen mit ambivalenten Absichten zu den Friedensverhandlungen, teils um zu sehen, was die Diplomatie ihnen einbringen könnte, teils um Zeit zu gewinnen, während sie einen neuen Angriff vorbereiteten. Montforts Aufstand hatte ihnen neue Möglichkeiten eröffnet, wieder in Frankreich einzudringen und die Territorien zurückzugewinnen, die sie als die ihren betrachteten. Seit Karls Annullierung des Vertrags von Brétigny und [316]den Niederlagen, die darauf folgten, haßten sie die Franzosen, da diese sie, wie sie es sahen, hinterhältig und vertragsbrüchig um ihren legitimen Besitz gebracht hatten. In der Verteidigung ihrer Landsleute mochten sie eher halbherzig sein, aber was Kriegszüge auf dem Kontinent betraf, wo Plünderungen und Beute winkten, gab es keinen Mangel an Kampfeswillen, nur Mangel an Geld. Da alle anderen Mittel erschöpft waren, trieb man das Geld für eine Expedition in die Bretagne über eine neue Kopfsteuer ein, die so angelegt war, daß sie auch die Geistlichkeit und die ärmere Bauernschaft erfaßte. Das Aufkommen wurde in dem üblichen großzügigen Umgang mit Zahlen zunächst auf 50 000 Pfund geschätzt, tatsächlich brachte die neue Besteuerung nur 20 000 Pfund ein, die ganz in eine Flotte unter dem Befehl von Sir John Arundel gesteckt wurden.

Der Aufbruch verzögerte sich durch ungünstige Winde bis in den Winter hinein, und da ein französischer Überfall drohte, verlegte Arundel einen Teil seiner Streitkräfte nach Southampton, um es gegen eine Landung des Feindes abzusichern. Seine Truppen führten sich dort aber in einer Weise auf, die sie von französischen Invasoren kaum noch unterscheidbar machte. Arundel ließ es nicht nur zu, daß seine Leute das Land ausplünderten, er erlaubte auch, daß seine Reiter und Bogenschützen sich in einem Konvent einquartierten, willkürlich Nonnen vergewaltigten und sie auf die Schiffe verschleppten, als die Flotte absegelte. Arundel war der Mann, der von den Städten der Südküste Geld auf die Hand verlangt hatte, wenn sie verteidigt werden wollten. Wenn man dem Chronisten Walsingham glauben kann, gebrauchte er das Geld für einen persönlichen Luxus, der ebenso übersteigert war wie seine Brutalität. Angeblich ging er mit einer Garderobe von 52 goldbestickten Anzügen und Pferden und Ausrüstung im Wert von 7000 Pfund an Bord.

Als er mit seinen Schiffen im Dezember absegelte, wurde sein Konvoi von schwerem Wetter überrascht. Im Chaos des Sturms befahl er, die entführten Frauen über Bord zu werfen, um die Schiffe zu entlasten, mißhandelte die Mannschaft und scheiterte, nachdem er den Lotsen niedergeschlagen hatte, gerechterweise an den Klippen vor Irlands Küste. Fünfundzwanzig Schiffe mit ihrer gesamten Ausrüstung gingen verloren, nur sieben Überlebende wurden gezählt. Arundels Leiche wurde von den Wogen drei Tage später an den Strand gespült. Auch der Rest der Flotte war von dem Sturm zurückgetrieben worden und hatte die Überfahrt nicht geschafft; das Steuergeld war damit verschwendet.

Schon im Jahre 1378 hatte sich das Unterhaus über den endlosen Aufwand für einen Krieg beschwert,in dem es kein nationales Interesse mehr erkennen konnte. Auch wenn der Krieg für viele Engländer neben den Adligen einen Lebensunterhalt bot, beteuerte das Unterhaus, daß er Angelegenheit des Königs sei. Vor allem wollte das Unterhaus die 46 000 Pfund, die der König für die Befestigung von Calais, Cherbourg und Brest ausgegeben hatte, und »für [317]die das Unterhaus in keiner Weise aufkommen wollte«, nicht zurückerstatten. Die Regierung entgegnete, daß der Unterhalt dieser »Brückenköpfe« auf dem Kontinent eine Sicherheitsmaßnahme für das ganze Königreich sei, und »wenn dies verweigert würde, werden wir nie Ruhe und Frieden finden, denn dann würden sie den heißen Krieg bis an die Schwellen unserer Häuser tragen, was Gott verhüte«. Dieses Argument war kaum geeignet, die Städte an der Südküste zu überzeugen, die weiterhin unter dem heißen Krieg an ihrer Schwelle litten, da die französischen und kastilischen Überfälle sich fortsetzten. Im August 1380 zitterte sogar London, als eine tollkühne kastilische Flotille fünfzehn Meilen die Themse hinaufsegelte und Gravesend verwüstete und in Flammen zurückließ.

Der Thronrat behauptete, daß die Brückenköpfe in Frankreich dem König »ein Einfallstor gegen seine Feinde boten, um sie zu behelligen, wenn er soweit ist«. Das war eine entlarvende Feststellung der englischen Kriegspartei, die von dem jüngsten Onkel des Königs, dem Graf von Buckingham, angeführt wurde. Er war ein stolzer, grimmiger und intoleranter junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, so etwas wie eine spätere Version des Bertrand de Born aus dem 12. Jahrhundert, der einst mit viel Gefühl seine Ritterfreunde ermahnt hatte: »Gebt niemals den Krieg auf!«

Im März 1380 erneuerten die Engländer ihre Beistandsversprechen an Montfort, den Herzog der Bretagne, aber die Ausführung wurde bis zum Ende der Friedensgespräche in Boulogne verschoben. Bei diesen Verhandlungen boten Coucy und seine Mitgesandten neue Abtretungen und Berichtigungen an, dazu die ganze Grafschaft Angoulême als Mitgift für Catherine, aber die Engländer blieben mißtrauisch. Sie glaubten, das französische Angebot sei eine List, um sie an wirksamer militärischer Hilfe für Montfort zu hindern. Aber grundsätzlich war der englische Widerwille, Frieden zu schließen, einfach Folge ihrer Kampfeslust, die nun durch die Wirkungen des Schismas noch verstärkt wurde.

Papst Urban VI., noch nicht im Stadium völligen Wahnsinns, übte jeden nur denkbaren Druck aus, um Richards II. Verbindung mit der französischen Prinzessin zu hintertreiben. Sein Ziel war die Verehelichung des englischen Königs mit Wenzels Schwester Anna von Böhmen, was England und das Kaiserreich in einer urbanistischen Achse zusammenschmieden würde. Solange es nur einen Papst gegeben hatte, war England antipapistisch gewesen, aber die Existenz zweier Päpste machte es notwendig, Partei zu ergreifen. Richards Berater sprachen sich gegen die französische Heirat aus, die Verhandlungen wurden abgebrochen, und der König heiratete zwei Jahre später Anna von Böhmen. Für Karl V. war es eine letzte große Ironie des Schicksals, daß das Schisma, für das er verantwortlich war, sein großes Ziel des Friedens vereitelte. »Die ganze Weisheit dieser Welt«, schrieb Langland in einem Epitaph, »kann nicht Frieden schaffen zwischen dem Papst und seinen Feinden.«

[318]Und auch in der Bretagne fand Karl V. keine Lösung. Coucy und andere wurden in verschiedenen Missionen ausgesandt, offenbar auf der Suche nach einer Einigungsmöglichkeit, und die drei Stände baten in rührender Form um die Begnadigung ihres Herzogs, aber Karl mißtraute Montfort zu sehr, um ihn wieder einzusetzen. Montfort seinerseits war nicht bereit, mit dem Herrscher, der ihm sein Herzogtum abgenommen hatte, Frieden zu schließen. Für andere, insbesondere Du Guesclin, war die Situation ein Dreieck widerstreitender Loyalitäten. Nur zögernd bereit, seine bretonischen Landsleute zu bekämpfen, und Opfer einer Flüsterkampagne seiner Feinde am Königshof, verließ Du Guesclin die Bretagne, um einen Feldzug gegen die Kompanien in der Auvergne anzuführen. Dort erkrankte er bei der Belagerung einer Burg und starb im Juli 1380. Während er mit Ehren, »als wäre er eines Königs Sohn«, in St. Denis bestattet wurde, war eine neue Expeditionsarmee unter Buckingham bereits auf See. Der Feind stand vor der Tür, die Unruhen in der Bretagne und in Flandern hielten an – und Frankreich hatte seinen Constable verloren.

Bei den sofort einberufenen Ratsverhandlungen waren Coucy und Clisson die führenden Kandidaten für die Nachfolge. Aufgrund seines »großen Rufes«, den er sich in der Normandie erworben hatte, und der »großen Gunst« des Königs wurde Coucy das Amt angetragen, die höchste und lukrativste staatliche Stellung des Königreichs.

Als militärischer Oberbefehlshaber stand der Constable im Rang noch über den königlichen Prinzen; ein Angriff auf seine Person galt als lèse-majesté. Er war für die Gesamtheit der Streitkräfte verantwortlich und, wenn der König nicht selbst ins Feld zog, für den taktischen Einsatz. Da er Aushebung, Aufstellung, Versorgung und alle Vorbereitungen auf den Krieg kontrollierte, waren seine Möglichkeiten, sich zu bereichern, immens.

Aus Gründen, die rätselhaft geblieben sind, lehnte Coucy die Ernennung ab. Die Begründung, die er dem König gab, war, daß man einen Bretonen brauche, um die Bretagne zu halten, jemand, der den Bretonen wohlbekannt sei, weshalb Coucy dem König die Ernennung von Clisson anriet. Diese Entschuldigung klingt in sich wenig überzeugend. Sicherlich war die Bretagne ein zentrales Problem; nichtsdestoweniger war, wenn eine Einigung mit Montfort angestrebt wurde, Coucy der geeignetere Mann. Er war Montforts früherer Schwager, während Clisson und Montfort als Todfeinde galten. Coucy und Montfort waren beide mit Töchtern Eduards III. verheiratet gewesen, und obwohl beide Frauen gestorben waren, hatte die verwandtschaftliche Beziehung im Mittelalter große Bedeutung.

In Coucys Erklärung fehlt irgend etwas. Es ist unwahrscheinlich, daß er aus einem Gefühl mangelnder Befähigung wie Dantes Papst »die großartige Ablehnung« aussprach. Bescheidenheit war sicher keine Eigenheit der Coucys, und Enguerrand VII., nach seinen Siegeln und seinem Kronenorden zu urteilen, schätzte sich selbst sehr hoch ein. Ohne Zögern nahm er alle anderen Ernennungen [319]an: das Kommando in Feldzügen und Kriegen auf ausländischem Boden, diplomatische und geheime Missionen, Gouverneursämter in der Heimat – schließlich auch die Ernennung, die ihn das Leben kosten sollte. Er war einer jener französischen Adligen, die das komplizierter werdende öffentliche Leben zwang, Staatsmänner zu sein und nicht einfach mehr Schwertträger zu Pferd. Coucys Rang, Fähigkeit und territoriale Bedeutung hätten ihn in jedem Fall für den militärischen Oberbefehl prädestiniert, aber andere Talente machten ihn der Krone unentbehrlich. Intelligenz, Takt, Rhetorik und eine bemerkenswerte Abgeklärtheit wurden allmählich nützlicher als die traditionelle, gedankenlose Angriffslust des Ritters in eiserner Hülle.

Warum dann lehnte er das Amt des Constable ab? Die Tatsache, daß auch der Marschall Sancerre, dem es als nächstem angeboten wurde, ablehnte, weist auf ein vielleicht beiden Männern gemeinsames Motiv, unter Umständen in Zusammenhang mit der erschütterten Gesundheit des Königs. Karl V. hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Monate zu leben, und der Schatten des Todes mag bereits sichtbar auf ihm gelegen haben. Da der Dauphin noch minderjährig war und angesichts dreier raffgieriger, ehrgeiziger und untereinander verfeindeter Brüder des Königs, die miteinander um die Regentschaft konkurrierten, mag das Amt des Constable als politisch gefährlich erschienen sein. Coucy konnte mit seiner Übernahme mehr verlieren als gewinnen. Im Gegensatz zu Clisson, der den Posten übernehmen sollte, vermied er es, sich Feinde zu machen, überdies brauchte er mit seinem großen Besitz und seiner Abstammung kein Amt, um Macht und Stellung zu gewinnen.

Nach seiner Ablehnung ernannte der König ihn zum Generalhauptmann der Picardie und übergab ihm die Stadt, Burg und Herrschaft von Mortaigne an der nördlichen Grenze zwischen Tournai und Valenciennes, um sicherzugehen, daß dieser Vorposten in starken Händen war. Er wurde auch zum Mitglied des Regentschaftsrates für den Dauphin ernannt, um den sich Karl seit dem Tod der Königin wachsende Sorgen machte. Da die königlichen Herzöge Clisson ablehnten, blieb das Amt des Constable vorerst vakant.

An dem Tag, als Coucy sein Kommando in der Picardie antrat, am 19. Juli 1380, landete Buckingham in Calais und brach mit einer Streitmacht, die nach den Aufzeichnungen seines Zahlmeisters 5060 Mann umfaßte, zu einem Marsch der Plünderung und Verwüstung durch die Region auf, für die Coucy nun verantwortlich war. Buckinghams Feldzug sollte sich als eine Wiederholung von Lancasters Scheitern sieben Jahre zuvor erweisen – er marschierte ebenso wie sein Vorgänger sehenden Auges in Entbehrungen, Hunger und Hoffnungslosigkeit hinein. Das strategische Ziel war, Montfort in der Bretagne Entlastung zu bringen und die englischen Brückenköpfe dort wiederzugewinnen. Buckingham indessen schlug wie vorher Lancaster einen weiten Bogen nach Osten durch die Champagne und Burgund – auf der Suche nach Kampf und Beute. Da dieselbe Taktik dieselben Ergebnisse hervorbrachte [320]wie zuvor, stellt sich die Frage: Warum diese wahnsinnige Hartnäckigkeit? Thomas von Buckingham selbst ist Teil der Antwort. Von Natur aus aggressiv und rücksichtslos und in seinem Verhalten »von staunenswerter Überheblichkeit« wie sein Bruder, der Schwarze Prinz, sah er mit Widerwillen, wie Lancaster die Macht im Königreich an sich riß, und fühlte sich als Erbe der Tapferkeit und des Ruhms seines Vaters und seines ältesten Bruders. Die englischen Ritter sahen sich selbst noch immer in der triumphalen Ära von Poitiers und Najera. »Die Engländer«, sagte Clisson, nachdem er sich von ihnen abgewandt hatte, »sind so stolz auf sich selbst und haben so viele gute Tage (des Krieges) hinter sich, daß sie glauben, sie könnten nicht verlieren.«

Mit einer Streitmacht, die zur Hälfte aus Reisigen und zur Hälfte aus Bogenschützen bestand, ritten die Engländer durch das Artois und die nördliche Picardie. Sie blieben, da sie mit einem französischen Angriff rechneten, dicht zusammen. »Sie sollen ihre Schlacht bekommen, bevor ihr Marsch zu Ende ist«, versicherte Coucy den Rittern, die ihm Nachrichten von den Bewegungen der Engländer überbrachten, obwohl er genau wußte, daß der König die Schlacht verboten hatte. Karl V. war von seiner Philosophie des Krieges nicht abzubringen. Da er selbst nichts weniger als ein Krieger war, stand persönlicher Stolz der Anwendung seiner Erfahrung nicht im Wege, und er zögerte auch nicht, den Stolz seiner Ritterschaft durch Erinnerungen an zurückliegende Niederlagen zu verletzen. Seine eigene Initiation in den Krieg an jenem schrecklichen Tag von Poitiers hatte ein Trauma hinterlassen. Wenn die Engländer in ihrer Überzeugung, »nicht verlieren zu können«, einer Mystik des Erfolges verfallen waren, so litt Karl V. unter den Auswirkungen einer dem entgegengesetzten Psychologie. Aus den großen Zusammenstößen im frühen Teil des Krieges hatte er die Lehre gezogen, daß die Streitkräfte im Angriff nicht zuverlässig zu lenken waren und daß der Krieg zu wichtig war, als daß man ihn den Zufälligkeiten der Schlacht überlassen konnte.

Von seinem Hauptquartier in Péronne an der Somme aus erließ Coucy einen allgemeinen Gestellungsaufruf an alle Ritter und Knappen des Artois und der Picardie. Die Dokumente zeigen, daß er von Ort zu Ort reiste, er inspizierte Truppen in Hesdin, Arras, Abbeville und Saint Quentin, teilte dort die Einheiten für die Verteidigung der Städte zu, »denn er war darauf bedacht, daß durch keine Nachlässigkeit von seiner Seite ein Verlust erlitten werden sollte«. Wie weit Coucy als ein Mann des Schwertes mit der Politik des Königs übereinstimmte, bleibt unerwähnt; er führte den Befehl aus, Buckingham zu folgen und jede Schlacht zu vermeiden, auch wenn der Feind eine Spur brennender Dörfer durch seine Domäne zog. Gewisse Aktionen aber weisen darauf hin, daß er die Ungeduld seiner Ritter teilte, die Qual der Zurückhaltung zu beenden.

Gruppen von französischen Rittern blieben der englischen Armee dicht auf den Fersen, um ihre Versorgung zu behindern, und die Nähe war eine ständige [321]Versuchung, sich auf Kämpfe einzulassen. Obwohl ein Bericht die Franzosen als immobilis quasi lapis (unbewegt wie Steine) schildert, waren Gefechte unvermeidlich, kleinere Zusammenstöße, bei denen sie aber im ganzen den Engländern unterlegen waren. In einem Fall, einem Gefecht zu Pferd und zu Fuß, das eine Stunde dauerte, nahmen die Engländer achtzehn Gefangene von einer französischen Gruppe von dreißig; in einem anderen Fall flohen die Franzosen, als sie sahen, daß der Feind stärker war. Eine andere Gruppe von dreißig Engländern, »die nach Gelegenheit für eine Waffentat suchten«, kehrte enttäuscht um, als ihnen eine Gruppe hoher französischer Herren entkam. »Gott«, riefen sie, »welche Vermögen wären unser gewesen, wenn wir sie gefangengenommen hätten, denn sie hätten uns 40 000 Franken gezahlt.«

Als das Land ausgeplündert war, verlangten die Engländer Lebensmittel von den Städten und drohten mit Belagerung, falls ihrer Forderung nicht entsprochen würde. Als Reims in der Sicherheit seiner Mauern ablehnte, rächten sie sich, indem sie sechzig Dörfer der Umgebung niederbrannten. Als die Engländer einige tausend Schafe entdeckten, die in Gräben außerhalb der Stadtmauern getrieben worden waren, schickten sie Männer aus, die sie unter der Deckung von Bogenschützen heraustrieben. Die schossen so genau, daß die Verteidiger von Reims nicht wagten, auch nur auf den Mauern zu erscheinen. Mit der erneuten Drohung der Engländer konfrontiert, die Felder mit reifem Korn zu verbrennen, lieferten die Bürger ihnen nun sechzehn Wagenladungen Brot und Wein.

Auf diese Weise rückte Buckingham bis nach Burgund vor, wo sich zweitausend französische Ritter und Knappen versammelt hatten, die bereit waren, ohne Rücksicht auf den Befehl des Königs den Kampf aufzunehmen. Die führenden Adligen des Königreiches – der Herzog von Bourbon, Coucy, der Herzog von Bar, der Graf von Eu, der Admiral Jean de Vienne – hatten sich unter dem Oberbefehl von Philipp dem Kühnen, dem Herzog von Burgund, zusammengefunden. Von Kopf bis Fuß gerüstet und mit der Streitaxt in der Hand inspizierte der Herzog in kriegerischer Entschlossenheit die Truppen. Nach wie vor hatte der König die offene Feldschlacht untersagt, es sei denn, die Franzosen befänden sich in eindeutiger Überzahl. Der Herzog wagte es nicht, dem Wunsch des Königs offen zu trotzen, aber alle Zurückhaltung war dahin, als in einem Handgemenge ein englischer Knappe getötet wurde. Auf eine Herausforderung zum Zweikampf hin ritt eine Gruppe von Rittern, unter ihnen Coucy, vor die Tore von Troyes und kämpfte mit einer gleich starken Gruppe von englischen Rittern. Der Ausgang blieb unentschieden, Buckingham marschierte weiter, die Franzosen folgten ihm. Sie baten den König eindringlich, den Feind nicht entkommen zu lassen, aber Karl antwortete lediglich: »Laßt sie in Ruhe; sie werden sich selbst zerstören.«

An der Loire hatten die Franzosen ein Heer versammelt, das den Engländern an Zahl überlegen war. Coucy und seine Begleiter waren entschlossen, [322]»ob der König wollte oder nicht«, die offene Schlacht zu suchen, bevor die Engländer die Sarthe überquerten und in die Bretagne einmarschieren konnten. Inzwischen hatte Karl, der verhandelte, während die Armeen marschierten, die Stadt Nantes überredet, die Engländer nicht einzulassen und ihre Loyalität zu Frankreich zu erklären, ohne Montfort zu fragen. In der ersten Septemberwoche überschritten die Engländer die Sarthe, und in derselben Woche trat Karls Krankheit in ihr letztes Stadium. Die Absonderungen von dem Abszeß an seinem rechten Arm hörten auf und kündigten, wie ihm prophezeit worden war, den Tod an. Die Ärzte und der Patient fügten sich diesem Zeichen. Auf einer Bahre in sein Lieblingsschloß von Beauté an der Marne geschafft, rief Karl seine Brüder und seinen Schwager herbei – mit der Ausnahme des Herzogs von Anjou, den er der königlichen Schatzkammer fernzuhalten hoffte – und bereitete die letzten Anstalten für den Übergang seiner Seele vor.

Philipp der Kühne eilte nach Paris, desgleichen Coucy in seiner Eigenschaft als Mitglied des Regentschaftsrates. Der Herzog von Anjou, der sich über die Ereignisse in Paris auf dem laufenden halten ließ, reiste ebenfalls schleunigst aus Languedoc an, ob erwünscht oder nicht.

Der König litt in seinen letzten Tagen körperliche Schmerzen, aber schwerer war seine geistige Qual. Zwei Dinge lasteten auf seinem Gewissen: sein Anteil am Schisma und die fragwürdige Legalität seiner Besteuerungsmaßnahmen. Er hatte die an sich zeitgebundenen Beiträge der Stände auf zehn Jahre kontinuierlicher Besteuerung ausgedehnt, und obwohl er die Einkünfte für die Verteidigung des Königreiches und »im allgemeinen Interesse« gebraucht hatte, waren doch auch die königlichen Truhen gefüllt worden, und er hatte mit den Steuergeldern des Volkes die Loyalität der Adligen erkauft. Wie sollte er sich vor Gott verantworten? Er hatte Frankreich aus »einem Haufen von Ruinen« erhoben; hatte die englischen Eroberungen – mit der Ausnahme von Calais – aus der Zeit seines Vaters und Großvaters zurückgewonnen; er hatte Karl von Navarra für immer aus der Normandie hinausgetrieben; und wenn sich der Friede seinem Zugriff entzogen hatte, so hatte er doch in seiner hartnäckigen Verfolgung der nationalen Ziele die Treue all jener gerechtfertigt, die sich für Frankreich entschieden hatten.

Aber hatte er die Wiederauferstehung Frankreichs mit dem Elend des Volkes erkauft? Der Aufstand in Languedoc war ein deutliches Signal, und Karl wußte durch die Berichte seiner Steuereintreiber vom Zorn der Bevölkerung auch in größerer Nähe. Die Unterdrückung des Volkes aber konnte über das Schicksal seiner Seele entscheiden, denn ungerechte Steuerun konnten den göttlichen Zorn entzünden, und die Klagen der Gekränkten würden ihn bis vor den Stuhl des höchsten Richters verfolgen. Seinerzeit hatte der unbekannte Verfasser der Allegorie Songe du Vergier (Traum des Holzfällers) alle Fürsten als Tyrannen gebrandmarkt, die ihren Untertanen »unerträgliche Steuern« [323]auferlegten, und Theologen ermahnten die Herrscher, alle erpreßten Abgaben an groß und klein zurückzugeben, wenn sie auf die Erlösung hoffen wollten. Diese Hoffnung bestimmte die letzte Handlung des Königs.

Noch wenige Stunden vor seinem Tod hielt er mit brechender Stimme eine Ansprache, voll angekleidet und auf einer Chaiselongue liegend, an eine Gruppe von verstörten Prälaten, Adelsherren und Räten, die die drei Stände repräsentierten. Er bestand in einer bekümmerten und immer wieder abschweifenden Verteidigungsrede darauf, daß er in der Frage des Schismas »wie in allen anderen immer den sichersten Pfad« gesucht habe und daß, »falls je Gerüchte sagen sollten, daß die Kardinäle vom Dämon inspiriert waren, ihr sicher sein möget, daß keine Rücksicht auf verwandtschaftliche Bindungen meine Entscheidung diktiert hat, sondern allein die Feststellungen besagter Kardinäle und der Rat der Prälaten, der Geistlichen und meiner Räte«. Schließlich erklärte der König, daß er einer Entscheidung eines allgemeinen Kirchenkonzils gehorchen würde und daß »Gott mir nichts vorwerfen könnte, wenn ich in meiner Unwissenheit gegen eine zukünftige Entscheidung der Kirche gehandelt hätte«. Es war die Erklärung eines sehr besorgten Mannes.

Am Tor des Todes fühlte sich der zitternde Reisende des Mittelalters häufig bemüßigt, das zu verwerfen, was er im Leben getan hatte. Auch der gewissenhafteste Herrscher der Zeit, Karl V., gab, was die Besteuerung betraf, in den letzten Stunden alles auf, was er jemals angestrebt hatte. Er verkündete die Klauseln eines Erlasses, der die Haushaltssteuer »erlassen und abschaffen« sollte, »da sie von nun an, wie es Unser Vergnügen, Wunsch und Befehl ist, nicht länger in Unserem Königreich geläufig sein soll und daß von nun an Unser besagtes Volk und Unsere Untertanen keine solche Steuer mehr zahlen, sondern frei und entlassen sein sollen«.

Es gab andere indirekte Steuern, aber auf der Haushaltssteuer als grundlegender Vermögensteuer ruhte das ganze finanzielle System. Zu bestimmen, daß sie »nicht länger geläufig sein« solle, hieß, das Volk zu betrügen und seine Nachfolger – vorausgesetzt, das Dekret wurde ausgeführt – aller Mittel zur Regierung zu berauben. Karls Erlaß war keine Verirrung. Auch andere Herrscher vor ihm hatten schon Steuern abgeschafft und zu Unrecht eingetriebene Abgaben zurückerstattet, und viele Adlige hatten auf dem Totenbett Schenkungen gemacht und Stiftungen gegründet, die ihre Familien, wären sie verwirklicht worden, in den Bankrott getrieben hätten. Karl hatte für seinen Sohn ein riesiges Vermögen zusammengetragen, aber im Jahre 1380 war die Theorie, daß ein König von seiner eigenen Domäne leben konnte, nur noch Fiktion. Das entscheidende Bedürfnis einer effektiven Regierung war, wie Karl nur zu genau wußte, eine solide finanzielle Grundlage. In der Kälte des Todes aber war das Bedürfnis seiner Seele stärker.

Der König empfing die Letzte Ölung, empfahl seinen zwölfjährigen Sohn seinen Brüdern und drang noch mit den letzten Atemzügen in sie, die Steuern [324]aufzuheben: »Erlaßt sie, so schnell ihr könnt.« Bureau de la Rivière, der in Tränen am Bett kniete, umarmte den König; die schluchzende Menge verließ den Raum, damit der König seine letzten Minuten in Frieden verbringen konnte. Er starb am 16. September 1380, und sein letzter Erlaß wurde am nächsten Tag verkündet. Der Jubel des Volkes auf der einen und die widersprüchlichen Gefühle der Königsbrüder auf der anderen Seite deuteten die explosive Situation an, die nun geschaffen war.

In der Bretagne wurde Buckingham im selben Monat mit gemischten Gefühlen empfangen. Montfort, dessen ganzes Leben darin bestand, Feinde gegeneinander auszuspielen, zu streiten, zu kämpfen und mit allen Seiten Verträge abzuschließen, war ein gewohnheitsmäßiger Intrigant. Nach Karls Tod war er bereit, mit dem neuen König Frieden zu schließen, und eröffnete Verhandlungen mit den Franzosen, während er zur gleichen Zeit einen mit vielen Eiden bekräftigten Pakt mit Buckingham schloß, gemeinsam Nantes zu belagern. Letztlich bewog das Zögern der bretonischen Adligen, einen Angriff auf ihre Landsleute zu unterstützen, ihren Herrn, sich für Frankreich zu entscheiden. Coucy, der sich sehr für eine Versöhnung mit den Bretonen eingesetzt hatte, war einer der Unterhändler, der den Vertrag vom Januar 1381 mit Montfort schloß. Buckingham war von seinem Verbündeten nicht informiert worden und fand nun Burgen und Städte verschlossen. Den ganzen Winter hindurch zog seine hinfällige Armee von einem Ort zum anderen, häufig hungernd und ohne Schutz vor der Kälte. Außer einigen wenigen Plündereien und Lösegeldern hatten Buckingham und seine Kampfgenossen kein militärisches Ziel erreicht – »zu ihrem großen Ungenügen und zum Ungenügen der ganzen englischen Nation«.

Auf den Thronen beider Königshäuser saßen nun Kinderkönige, und beide Völker hatten unter der Regentschaft ehrgeiziger und einander befehdender Onkel zu leiden, die, da sie keine Krone trugen, die Macht ohne das Verantwortungsgefühl gekrönter Häupter ausübten. Der Kriegslärm schwand, die inneren Spannungen aber erreichten ihren Siedepunkt.

 

[325]

Kapitel 18
Die Würmer der Erde gegen die Löwen

»Soll er zum Teufel gehen! Er hat lange genug gelebt«, rief ein Arbeiter aus, als er vom Tod des Königs hörte. »Für uns wäre es besser gewesen, wenn er vor zehn Jahren gestorben wäre.« Innerhalb weniger Monate nach dem Tod des Königs erlebte Frankreich die Explosion des Arbeiteraufstands, der schon Florenz und Flandern heimgesucht hatte. Neben den drückenden Steuern waren ein wachsender Haß der Armen auf die Reichen und die Forderung nach mehr Rechten für die Arbeiterklasse die Impulse der Erhebung. Die Konzentration des Reichtums hatte sich im 14. Jahrhundert beschleunigt und den relativen Anteil der Armen an der Bevölkerung emporschnellen lassen, während die Katastrophen des Jahrhunderts diese Armen zugleich am härtesten trafen. Die Armen waren regierbar geblieben, solange durch Mildtätigkeit und öffentliche Maßnahmen ihr Existenzminimum garantiert war, aber die Lage wandelte sich, als die Bevölkerung der Städte durch die von Krieg und Pest Entwurzelten steil anstieg.

Während die Meister immer reicher wurden, sanken die Arbeiter auf den Stand von Tagelöhnern mit wenig Aussicht auf ein Fortkommen. Die Mitgliedschaft in den Gilden und Zünften war den wandernden Gesellen verschlossen und unter komplizierten Bedingungen nur für Söhne und Verwandte der Meisterklasse reserviert. Obligatorische religiöse Feiertage, zwischen 120 und 150 im Jahr, drückten auf die Löhne. Obwohl ihnen der Streik verboten war und sie sich in einigen Städten nicht einmal versammeln durften, bauten die Arbeiter Vereinigungen auf, um höhere Löhne zu erzwingen. Diese Vereinigungen zogen Beiträge ein, verwalteten ihre Gelder und hielten Verbindungen sogar ins Ausland aufrecht, durch die den Mitgliedern Arbeit und Wohnung vermittelt wurden, die aber zugleich zweifellos der Verbreitung der politischen Agitation dienten.

Das Bewußtsein, eine Klasse – das »Volk« – zu sein, wuchs. Christus wurde häufig als ein Mann des Volkes dargestellt, und Fresken zeigten ihn umgeben von den Werkzeugen des Handwerkers oder des Bauern, dem Hammer, dem Messer, dem Pflug und der Axt. In Florenz nannten sich die Arbeiter il popolo di Dio (das Volk Gottes). »Viva il popolo« war der Schlachtruf des Aufstands der Ciompi im Jahre 1378. Als größtes industrielles Zentrum seiner Zeit war Florenz der logische Ausgangsort der Arbeiterunruhen. Die Ciompi waren die niedrigste Schicht der Arbeiter, und der Aufstand wurde nach ihnen benannt, [326]aber Handwerker aller Art, die nicht in den städtischen Zünften organisiert waren, schlossen sich ihnen an. Sie arbeiteten zu festen Löhnen, die oft unter dem Existenzminimum lagen, sechzehn bis achtzehn Stunden am Tag, und ihr Entgelt konnte ihnen vorenthalten werden, wenn sie zu aufwendig arbeiteten oder Schaden verursachten. Die enge Verbindung der Kirche mit den Reichen geht schon aus einem einzigen Hirtenbrief des Bischofs von Florenz hervor, in dem er erklärte, daß Weber exkommuniziert werden konnten, wenn sie Wolle verschwendeten. Arbeitern konnte die Prügelstrafe auferlegt, sie konnten eingekerkert oder von der Liste der Anzustellenden gestrichen werden, ihnen konnte die Hand abgeschlagen werden, wenn sie Widerstand gegen die Arbeitgeber leisteten. Agitatoren, die für das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren, auftraten, drohte der Galgen. 1345 waren zehn Weber aufgrund dieser Anklage hingerichtet worden. Der Aufstand von 1378 stürzte die ganze Stadt in ein Chaos der Gewalttätigkeit. Die Arbeiter stürmten die Treppen des Signoriapalastes hinauf, um ihre Forderungen zu präsentieren. Sie wollten freien Zugang zu den Zünften, das Recht, eigene Gewerkschaften zu gründen, eine Reform der Bußzahlungen und Strafen und – vor allem – das Recht, »an der Regierung der Stadt teilzuhaben«. Zu einer Zeit, die keine Gewehre und kein Tränengas kannte, lösten aufrührerische Massen Schrecken aus. Obwohl das Rathaus mit Verteidigungswaffen wohlausgestattet war, kapitulierten die »erschrockenen Männer« der Signoria. Die Arbeiter riefen eine neue Regierung aus, die aus Repräsentanten der Arbeiterschaft in den Zünften gebildet war. Sie hielt sich einundvierzig Tage und brach dann unter dem Druck innerer Auseinandersetzungen und dem Gegenangriff der Magnaten zusammen. Die Reformen, die durch den Aufstand gewonnen worden waren, wurden Stück um Stück demontiert, und die großen Zünfte gewannen bis 1382 die Kontrolle über die Stadt, wenn auch nicht ihre Selbstsicherheit zurück. Die Furcht vor neuen gewalttätigen Ausbrüchen in der Arbeiterschaft trug viel zu dem nun einsetzenden Verfall der republikanischen Regierung bei und beschleunigte den Aufstieg der Medici zur beherrschenden Familie.

Die Weber von Gent zeigten mehr Beharrungsvermögen. In Ypern und Brügge war der Aufstand durch den Grafen von Flandern in Feuer und Blut erstickt worden. Aber die Genter hielten trotz Belagerungen, Waffenstillstand und Verrat die Stellung, obwohl sie durch die Blockade aller Handelswege dem Hungertod nahe waren. Gents Kampf war eigentlich kein Klassenkampf, obwohl er als solcher nachträglich angesehen wurde. Er war eher ein hartnäckiger Verteidigungskampf einer autonomen Stadt gegen den Feudalherrn mit Elementen eines Fraktionskampfes von sozialen und religiösen Parteiungen. Er war ein ganzer Komplex von Rivalitäten zwischen Städten, Handwerkszünften und verschiedenen Schichten innerhalb eines Handwerks. Die Weber unterdrückten die Walker der Unterklasse mit der gleichen Entschlossenheit, die sie gegen den Grafen von Flandern wandten.

[327]In Frankreich weckte des Königs Totenbettversprechen, die Steuern abzuschaffen, eine fieberhafte Erwartung. Als die Engländer unter Buckingham scheinbar unbehindert das Land verwüsteten, hatte der Zorn über die Steuern, die im Namen der Landesverteidigung eingezogen wurden, seinen Höhepunkt erreicht. Das Volk hatte das Geld, so schien es, für nichts geopfert. Tatsächlich aber widerstanden Burgen und Städte durch die Mittel, die Karl V. für ihre Befestigungen aufgewendet hatte, dem Feind sehr viel besser als in den elenden Jahren nach Poitiers. Dies allerdings verminderte nicht die Belastung der ärmeren Schichten und auch ncht den Widerwillen der unabhängigen Städte, die für etwas zahlen mußten, was sie als Aufgabe des Königs ansahen. Dieses Gefühl, mit dem König nichts zu tun zu haben, war so stark, daß Laon es ablehnte, Coucy, dem Generalhauptmann der Picardie, die Tore zu öffnen oder ihm die Abteilung von dreißig Bogenschützen zu stellen, die er gefordert hatte. Die Städte der Picardie verweigerten sich allen weiteren Zahlungen. In Saint Quentin und Compiègne gab es Unruhen, die Stadtbevölkerung verbrannte Steuerämter, griff Steuereintreiber tätlich an und jagte sie aus der Stadt.

Die Regierung in Paris war indessen halb gelähmt durch einen unübersichtlichen Machtkampf in der Umgebung des Throns. Als ältestem Onkel kam offiziell dem Herzog von Anjou der Titel des Regenten zu, und er brauchte ihn, um soviel Geld als möglich aus der Schatzkammer des Königs an sich zu bringen. Karl V. war sich der räuberischen Instinkte seiner Brüder wohlbewußt gewesen und hatte verfügt, daß die Regentschaft enden sollte, sobald sein Sohn das Alter von vierzehn Jahren erreichte, aber er war zwei Jahre zu früh gestorben. Er hatte seinen Bruder, den Herzog von Burgund, und den Bruder seiner Frau, den Herzog von Bourbon, zu den Vormündern seines Sohnes ernannt. Unter dem Herzog von Anjou als Regenten sollten sie mit Hilfe eines Rates der zwölf regieren. Bourbon, der keine Ambitionen hatte und sich aus den Intrigen am Königshof heraushielt, wurde der »Gute Herzog« genannt in feiner Unterscheidung von den väterlichen Onkeln des Königssohnes, aber er hatte weit weniger Einfluß als sie, da er nicht königlichen Geblüts war.

Die auseinandergehenden Interessen der Onkel – Burgund in Flandern, Anjou in Italien, Berry an seiner Sammelleidenschaft – verhinderten jedes gemeinsame Interesse am Zusammenhalt des Königreiches. Ihr einziges gemeinsames Ziel war es, die Minister des toten Königs aus ihren Machtstellungen zu drängen.

Clisson wurde zum Constable ernannt, und man bereitete eilig die Krönung des Dauphins vor, um die Autorität der Regierung zu stärken. Eine häßliche Szene befleckte diese heilige Zeremonie der Monarchie am 4. November. An der Bankettafel gerieten der Herzog von Anjou und sein Bruder, der Herzog von Burgund, die einander haßten, in ein Handgemenge um den Ehrenplatz zur Rechten des neuen Königs. In dem Tumult der Parteigänger der [328]beide